Sabine Kornbichler – Annas Entscheidung

Anna, Anfang dreißig und geschieden, verliert ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz. Die junge Frau zieht sich fast völlig von ihrer Umwelt zurück. Bei der Wohnungsauflösung in Bayern lernt sie durch Zufall den Mediziner Steffen kennen. Steffen verarztet nicht nur ihren verstauchten Knöchel, sondern lädt sie auch zum Essen ein. Er macht keinen Hehl aus seinem deutlichen Interesse an Anna. Anna wiederum fühlt sich bei dem sensiblen Mann geborgen, möchte aber derzeit keine Beziehung eingehen. So kehrt jeder zurück in seine Heimat, Anna nach Hamburg, Steffen nach Düsseldorf. Die weiteren Monate bleiben die beiden in telefonischem Kontakt miteinander. Hartnäckig wirbt Steffen weiter um Anna, bis sie sich schließlich auf eine Beziehung mit ihm einlässt.

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Brunner, John – Chaos Erde

Drei Jahre, nachdem Brunners „Muddle Earth“ bei Ballantine Books New York erstmals erschienen ist, konnten endlich auch die deutschen Fans den letzten Roman des großen englischen SF-Autors in die Hände nehmen.

Der des Englischen kundige Leser erkennt gleich, dass der Originaltitel des Werkes ausnahmsweise einmal richtig auf Deutsch widergegeben wurde, was ja heutzutage nicht immer unbedingt die Regel bei den einzelnen Verlagen zu sein scheint. Auch der Klappentext auf der Rückseite bezieht sich peinlich genau auf den tatsächlichen Inhalt des Buches. Weiß eigentlich jemand, was ein Exoplantetare ist? Nicht? Es ist ein Druckfehler, das Wort soll eigentlich Exoplanetarer heißen, leider fällt er aber sofort ins Auge, denn wer liest nicht schon im Laden das, was hinten draufsteht, bevor er sich zum Kauf entschließt.

Brunner liefert mit dem vorliegenden Text nicht unbedingt das Highlight seiner schriftstellerischen Karriere ab, aber das Ergebnis seiner Anstrengungen bot mir trotzdem ein lustiges Lesevergnügen, wohl weil der Autor sich hier nicht so ernst nimmt wie in [„Morgenwelt“ 1274 oder „Schafe blicken auf“, auch wenn sein Anliegen, nämlich die Kritik an allen möglichen gegenwärtigen und zukünftigen unhaltbaren Zuständen, die einer weiteren Entwicklung der Menscheit möglicherweise unangenehm im Magen liegen könnten, das alte geblieben ist.

Die Erde hat es endlich geschafft, an ihrer eigenen Umweltverschmutzung zugrunde zu gehen, verbunden mit einem unheilvollen Chaos vieler gleichzeitig existierender wunderlicher Gesellschaftssysteme, deren Gesamtheit vom Einzelnen kaum noch zu überblicken, geschweige denn nachzuvollziehen ist (selbst als Leser wird man vollkommen überfordert).

In dieser Situation wird der Planet galaxisweit zur Restauration ausgeschrieben und flugs erscheint eine Exoplanetaren-Treuhandgesellschaft, die die Abwicklung der Pleitewelt übernimmt.

Halt mal, das scheint doch gerade so, als hätte Brunner den Hintergrund seines Romans in den neuen Bundesländern recherchiert und die vorgefundene Situation hier sarkastisch überdreht beschrieben! Vielleicht hat der Übersetzer aber auch nur durch den wiederholten Einsatz gewisser, jedem Neubundesbürger seit der Wende sattsam bekannter Vokabeln den Zweck erreichen wollen, den deutschen Lesern einen möglichst echten Realitätsbezug zu vermitteln.

Rimpoche Quaddel, ehemaliger, wenn auch unfreiwilliger Religionsschwindler, seit vielen Jahren tot und eingefroren, wird auf Betreiben der Mafia aufgetaut und wiederbelebt, da diese der Meinung ist, er könne Auskunft über die einst verschollene und nie wieder aufgetauchte Portokasse der ehrenwerten Familie Verdi geben. Als Quaddel auch noch, desorientiert und bis an den Hals mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt, mitbekommt, dass ein außerirdischer Gourmet ebenfalls auf ihn Anspruch erhebt, da er unbedingt humanoides Eiweiß kosten möchte – und frisch belebtes Gefrierfleisch (so werden die Aufgetauten liebevoll von ihren Mitmenschen bezeichnet) keine bürgerlichen Rechte genießt -, zieht er sich dilettantisch aus der beginnenden Massenschlägerei zurück und begibt sich auf eine irrwitzige und haarsträubende Flucht.

Versteckt in einer Herde Touristen, die von allen möglichen und unmöglichen Planeten zu stammen scheinen, gerät Quaddel in einen gigantischen Vergnügungspark, in dem berühmte historische Szenen als Touristenattraktion für gelangweilte Extraterrestrier entstehen sollen.

Darin sind die nur noch spärlich existierenden Erdbewohner als Angestellte der Treuhand dazu angehalten, z. B. Originalsmog zu produzieren, echte Unfälle vorzuführen, zu zeigen, wie man in Old England mit Maria Stuart umgesprungen ist und so weiter und so fort … Dabei bekommen viele jeden Tag eine andere Rolle zugewiesen, und es kann schon mal passieren, dass man gestern noch Josephine Mutzenbacher darstellen musste und heute Dienst als Haushälterin bei Sherlock Holmes und Dr. Watson hat. Wenn man dabei bloß nicht immer den Jargon verwechseln würde!

Noch einmal zieht Brunner über Umweltverschmutzung, Bürokratismus und dubiose Geschäftemacherei her. Noch einmal bekommt so ziemlich jede Weltreligion ihr Fett weg. Und ganz nebenbei wird auch noch das Thema „Tief-/Kälteschlaf“ in die Pfanne gehauen, nur diesmal nicht so bierernst wie in seinen berühmteren Werken, sondern eher persiflagemäßig.

Auch wenn Brunner hemmungslos übertreibt, ein makaber-witziger Charme ist diesem Roman nicht abzusprechen, wenn ich auch nicht so laut lachen musste wie bei Brunners überaus komischem „Der Galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für Jedermann“, einer frühen Storysammlung des Autors, 1976 bei |Goldmann| erschienen.

Genau dieses Büchlein scheint Herr Pukallus nicht zu kennen, denn er lässt sich in seinem Nachwort „Tod und Auferstehung als Science Fiction Groteske – über John Brunners Roman ‚Chaos Erde'“ zu ein paar Äußerungen herab, denen ich nicht unwidersprochen zustimmen kann. Sicher hat er recht, wenn er feststellt, dass es Brunner in den 80er Jahren, nachdem er Witwer geworden war, an ‚Kreativität und Schaffenskraft‘ für ‚bedeutendere Texte‘ mangelte.

Aber: „Es ist ein zu bedauerndes Phänomen, daß gerade Zeiten ihrer Krise Schriftsteller dazu verleiten, Übergangswerke zu schreiben, die hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleiben … und allzu rasch ist dann die Idee da, es mit dem Humoristischen zu versuchen, ein Einfall, der dem Autor nie gekommen wäre unter anderen, besseren Umständen.“

Oder: „… Mein Postulat lautet, soweit es … vorsätzlich als Ganzes humorvoll gemeinte Werke anbelangt, die fast immer Zeugnisse des Brachialhumors werden, daß die Geschichte des Humors in der Science Fiction im wesentlichen nichts anderes ist als ein Museum der Peinlichkeiten …“

Na, das ist doch endlich mal ein klares Wort, und, falls es von anderen deutschsprachigen Autoren beherzigt wird, eine der möglichen Ursachen, warum deutsche SF noch nicht mal im eigenen Land sonderlich beliebt ist. Ich überlege immer noch, ob ich mich jetzt schämen soll, weil mir z. B. E. F. Russells „Menschen, Marsianer und Maschinen“ oder L. Nivens „Die fliegenden Zauberer“ gefallen, obwohl es sich um durchgehend humorvolle SF-Bücher handelt.

Weiter unten in seinem Nachwort bemängelt Pukallus, dass sich „kurios viele Episoden des Romans“ auf Toiletten abspielen – den Eindruck hatte ich allerdings nicht; ich entdeckte nur eine solche Szene (Seiten 135 bis 138).

Ansonsten weiß der Übersetzer sich ziemlich kompetent zu Brunner zu äußern, gerät aber im Romantext bei besonders lang geratenen Schachtelsätzen Brunners ab und zu grammatikalisch etwas daneben; und gelernt habe ich außerdem noch, dass es jetzt nicht mehr „gesundheitsgefährdend“ sondern „gesundheitsgefährlich“ heißt (Seite 290).

Pukallus gibt an, dass dem von ihm übersetzten englischen Arbeitsexemplar eine Notiz Brunners angeheftet war; des Inhalts „Wenn es jemand auf dieser Erde gibt, der meinen Quatsch auf deutsch übersetzen kann, so ist es fast zweifellos der Pukallus.“

Meiner Meinung nach geht der Verfasser des Nachworts mit dem Text Brunners, den dieser selbst als „Quatsch“ bezeichnet hat, zu hart ins Gericht. Er scheitert in seinem eigenen Anspruch an Brunner, da er offensichtlich eine Art letztes Meisterwerk erwartet hat und dann enttäuscht wurde.

© _Norbert Danziger_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Bennett, David – Metro. Die Geschichte der Untergrundbahn

Eine Geschichte der Untergrundbahnen dieser Welt – nicht nur in ihrer Funktion als Verkehrsmittel, sondern auch als Stätten der Kunst und der Architektur:

|“Die Anfänge des U-Bahnwesens“| (S. 13-62): Eine Untergrundbahn konnte es erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts geben; vorher war sie technisch nicht zu realisieren und es bestand auch kein Bedarf. Erst die Industrielle Revolution und das rapide Wachsen der Städte, deren oberirdische Straßen und Schienen dem Verkehr nicht mehr Herr werden konnten, ließen den Gedanken an eine Verlegung des Massentransportmittels Bahn unter die Erde Realität werden. Der erste Verkehrstunnel der Welt entstand bis 1841 unter der Themse von London und verband Wapping mit Rotherhithe – ein Start mit Hindernissen und doch ein Unternehmen, das viele Fragen für spätere Projekte beantwortete: Wie breit muss ein U-Bahntunnel sein? Wie gräbt man ihn mit möglichst geringem Aufwand? Betreibt man U-Bahnen mit Dampf? Mit Strom? Mit Diesel? Baut man Waggons besser aus Holz oder aus Metall? Wie sieht die optimalökonomische U-Bahnstation aus? Viele Jahre des Versuchens, Irrens und Findens schlossen sich an.

|“Architektur und Kunst in den Stationen“| (S. 63-128): Wie sich herausstellte, gibt es keine U-Bahn, die an ihre Planer und Erbauer nicht eigene komplexe Anforderungen stellt. 15 ausgewählte Strecken aus Großstädten Europas, Nordamerikas und Südostasiens belegen die enormen Anforderungen, die schwankende Böden, hohe Grundwasserstände oder andere Hindernisse aufwarfen. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht, die Untergrundbahnen nach allen Schwierigkeiten, die ihr Bau aufwarf, in Tempel des Transportwesens verwandelt und entsprechend ausgestattet.

|“Untergrundkultur“| (S. 129-155): Nutzen und Kunst gingen eine oft erstaunliche Symbiose ein. Diese beschränkte sich keineswegs auf die Züge, die Gleise oder die Stationen. Die „U-Bahn-Künstler“ bezogen jedes Detail ein. „Metro“ zeigt Fahrkarten, Plakatkunst, Graffiti, Züge als Werbefläche, Rolltreppen, Netzpläne, die oft wie Ausstellungsobjekte wirken.

|“Liste der U-Bahnen“| (S. 156-167): Ein Buch, das wie „Metro“ das Phänomen der Untergrundbahn in seiner vielgestaltigen Gesamtheit abbilden möchte, muss sich auf Beispiele beschränken. Eine Aufzählung aller U-Bahnen dieser Welt, die ergänzt wird durch die Angabe der wichtigsten Grunddaten zu Geschichte, Entwicklung, Größe und Ausstattung, vermittelt zumindest einen Eindruck davon, dass unter den Städten dieser Erde noch manches U-Bahn-Universum seiner Entdeckung harrt.

Abgeschlossen wird „Metro“ durch eine Bibliografie (S. 168), ein Stichwortverzeichnis (S. 169-175) sowie einen Bildnachweis (S. 176)

„Metro“ steht für „Métropolitain“, die Pariser U-Bahn, die zu den berühmtesten (und ältesten) Untergrundbahnen der Welt gehört. „Metro“ und „U-Bahn“ – das sind Begriffe, die auch in Deutschland zu Synonymen geworden sind. (Glück gehabt; es hätte auch wesentlich profaner „the tube“ – die Tube – heißen können: So nennen die Bürger von London ihre U-Bahn, durch deren enge Tunnel die Züge wie Zahnpasta gequetscht werden.)

„Metro“, das Buch, überrascht durch einen thematisch ungewöhnlich breiten Ansatz. Zwar bekommt man zunächst, was zu erwarten war, einen Überblick, der die Geschichte der Untergrundbahn ebenso einschließt wie eine Schilderung der U-Bahn-Gegenwart. Viel steht da geschrieben über Bodenschichten, monströse Aushubmaschinen oder einfallsreiche Ingenieure. In diese Darstellungen mischen sich Anekdoten erschröcklicher (Wassereinbruch im Tunnel) und ergötzlicher (Kristalllüster und Stuckwände in U-Bahn-Stationen) Art.

Doch dieses „Pflichtprogramm“ schließt Verfasser Bennett schon mit der Seite 62 ab. Nunmehr taucht er mit dem Leser in eine exotisch-fremde Welt ab: Für Bennett ist die Untergrundbahn sichtlich mehr als ein simples Transportmittel, das möglichst viele Menschen von A nach B bringen soll. Mit seinem Blick betrachtet man die U-Bahn plötzlich als vom Rest der Welt isolierte Sphäre mit eigenen Regeln und Gesetzen.

In dieser Unterwelt ist der Ingenieur der Herrscher. Er ist ein gütiger Tyrann, der Politiker nur zu Streckeneröffnungen einlässt, die schönen Künste fördert und mit Unterstützung der Technik eine bis ins Detail durchgeplante Welt erschafft, die funktioniert. Man könnte nach der Lektüre von „Metro“ tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass dies der Realität entspricht, so intensiv huldigt Bennett seiner geliebten U-Bahn. Selbst Stationen, die der Leser aus eigener Erfahrung kennt und als finstere, schmutzige, von verdächtigen Gestalten bevölkerte Trollgruben beschreiben würde, geraten unter seiner Feder und vor allem unter seiner Kamera zu architektonischen Hymnen an den menschlichen Erfindungsreichtum. Die weniger erfreulichen Seiten der U-Bahn beschränkt Bennett weitgehend auf Klagen über allzu drastische Werbung sowie das Beschmieren von Wänden und Waggons (wobei die gezeigten Graffitis schon wieder den Tatbestand der Kunst erfüllen).

Diese Bilder sind großartig und definitiv keine Schnappschüsse. Der Standpunkt der Kamera ist mit Bedacht gewählt, sorgfältig hat man mit Licht inszeniert, was anschließend kunstvoll fotografiert oder besser: zu Lichtbildern veredelt wurde. Auch hier wird deutlich, dass „Metro“ weniger ein Sachbuch als ein „coffee table book“ ist, dessen Gestaltung mindestens ebenso wichtig ist wie der Inhalt; ein Prachtband, der sich, offensiv platziert, gut im repräsentativen Buchregal des weltoffenen, gut betuchten, kulturell interessierten Zeitgenossen macht.

Bennett ist selbst Ingenieur, was seine Begeisterung verständlich macht, die einer nüchternen Betrachtung sicherlich nicht standhalten kann. „Metro“ soll indes kein Sachbuch im rein darstellenden Sinn sein. Der Autor stellt die Untergrundbahn als geschlossenes System mit eigener „Evolution“ dar, was er verblüffend überzeugend an diversen Alltäglichkeiten deutlich zu machen weiß, die man ohne diese Darstellung weiterhin für selbstverständlich halten würde. So ist es ein weiter Weg bis zum heute gültigen, streng geometrischen, sich an der Topografie nicht mehr orientierenden U-Bahn-Netzplan gewesen. Die ersten Pläne bezogen noch das überirdische Straßennetz, Flussläufe und Zugstrecken ein, die gezeichneten Abstände zwischen den Stationen gaben maßstabsgerecht die realen Entfernungen wider. Das funktionierte, solange das U-Bahnnetz bescheiden blieb. Doch in jeder großen Stadt wuchs es kontinuierlich, bis sich die die ober- und unterirdischen Verkehrspläne hoffnungslos überlagerten. Erst allmählich lernte man zu trennen und „erzog“ den U-Bahn-Passagier zum selbstverständlichen Lesen abstrakter Netzpläne.

Die Untergrundbahn als Kunstausstellung wirkt ebenfalls ungewohnt. Dabei waren die Menschen schon immer stolz auf ihre Metros: Wer so viel Geist & Geld in die Erde versenkt, wünscht sich schon, dass etwas davon sichtbar wird. Heute gleichen U-Bahn-Stationen zwar nicht mehr den domähnlichen Prachtgewölben der Vergangenheit, doch ihre Architektur ist eher noch kühner geworden. Bennett dokumentiert Konstruktionen, die sich scheinbar schwerelos in den Raum erheben, was durch ausgeklügelte Lichtsetzung in der dramatischen Wirkung noch verstärkt wird. (Er verschweigt die banale Tatsache, dass harter Stahl, Keramik und Licht die Aktivitäten von Vandalen, Kunstbanausen und Sudelfinken erfolgreicher vereiteln als liebevoll gearbeitete aber empfindliche Wandpartien oder Bodenflächen.) In bzw. unter Stockholm (wo es offenbar weder Vandalen & Kunstbanausen noch Sudelfinken gibt) hat man die Stationen sogar in regelrechte Kunstgalerien oder begehbare Gesamtkunstwerke verwandelt.

Als Sachbuch mag „Metro“ nur bedingt bzw. in seinem ersten Drittel „tauglich“ sein, doch als Inszenierung einer Parallelwelt bereitet David Bennetts Besuch in einer Unterwelt mit vielen dunklen aber interessanten Winkeln großes Vergnügen. In der deutschen Ausgabe wird dieses durch die umständlich-steif wirkende Übersetzung („Die Konstruktionsweise der Wagen ist ein wesentlicher Faktor für die Gestaltung des Betriebs bei jeder U-Bahn, die teils mehrere Millionen Fahrgäste täglich zu befördern hat.“, S. 30) und bei einem Buch dieser Preisklasse erstaunlichen Zahl unkorrigiert gebliebener Rechtschreibfehler leicht getrübt, aber nicht wirklich verwässert.

Fiebelkorn, Ralf – Kick Off Rock-Gitarre (DVD)

Ähnlich wie vor kurzem zum [Schlagzeug 2457 ist Anfang dieses Jahres via |Bosworth| auch ein Lehrvideo zur Rock-Gitarre auf den Markt gekommen, welches einem die ersten Schritte bzw. das Basiswissen zur Bedienung des Instruments näher bringt. „Kick Off Rock-Gitarre“ bringt die individuelle Zielgruppe aber auch schon ein ganzes Stück weiter, denn nach intensivem Studium sollte jeder Laie mit dem hier erworbenen Kenntnisschatz schon so manche Akkorde und Riffs problemlos spielen können. Und das kann ja jetzt nicht wirklich jedes Lernvideo für sich in Anspruch nehmen, glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung.

Musiklehrer Ralf Fiebelkorn erläutert in ganz kleinen Etappen zunächst einmal den Aufbau der Gitarre, sprich Bünde, Saiten, Korpus, etc., und die benötigten Hilfsmittel zum Spielen und Stimmen des Instruments. Es geht erst einmal darum, seinen neuen Schatz intensiv kennen zu lernen, bevor man erste Gehversuche wagt. Danach gibt Fiebelkorn mehrere Tipps zur Haltung von Gitarre und Plektrum, um so zu gewährleisten, dass man völlig entkrampft und entspannt an die Sache herangeht und so nicht schon Probleme bekommt, die gar nicht erst hätten auftreten sollen.

Erst dann geht’s ans Eingemachte, soll heißen an die grobe Notenlehre, bei welcher der Musiklehrer am praktischen Beispiel die einzelnen Saiten der Gitarre noch einmal näher aufgreift und Unterschiede deutlich macht. Schließlich dürfen die Saiten auch zum ersten Mal angeschlagen werden, dies aber zunächst in loser Form. Es folgen die ersten Rhythmen und Taktwechsel und schließlich die Stütze jedes Rock-Gitarristen, die Power-Chords, hier auch in der Basis- und auch schon in der Fortgeschrittenen-Version vorgeführt. Als Letztes gibt Fiebelkorn noch einmal einen Einblick in die Harmonielehre und vermittelt dem Zuschauer und Schüler auch schon einige Akkorde, auf denen die Rockmusik im Wesentlichen aufbaut.

Nach 120 Minuten Lehrstoff darf man dann selber an die Praxis heran und die beigefügten Jam-Parts einstudieren bzw. anhand dieser seine bis hierhin erlernten Kenntnisse erproben und trainieren. Sobald man dann das Gefühl hat, sich in den vorgegebenen Schemen sicher zu bewegen, wird es Zeit für die nächsten Schritte, doch die werden erst auf der aufbauenden DVD „One Step Beyond“ erklärt. Doch so weit sind wir ja auch noch nicht …

Nun, vom Aufbau her ist dieses Lehrvideo schlicht und einfach toll. Ich habe das Gitarrenspiel in meinem Leben schon selber mehrfach versucht, es aber meist wegen unbefriedigender Lehrmittel wieder ziemlich schnell aufgegeben, wobei ein gewisses Basiswissen sich während dieser Zeit schon manifestiert hat. Das alles hätte auch einfacher sein können, zum Beispiel mit dieser DVD, in der wirklich alles super-einfach erklärt wird, bei der man aber, gemessen am zeitlichen Umfang, auch schon binnen kürzester Zeit sehr große Fortschritte erzielen kann. Wo nämlich in den teuren Musikschulen erst mal zum Erbrechen Notenlehre und theoretische Kenntnisse erlernt werden und man die Sache eigentlich schon satt hat, bevor man die Gitarre das erste Mal in der Hand hatte, läuft bei „Kick Off Rock-Gitarre“ alles parallel. Fiebelkorn lehrt den Stoff sehr praxisorientiert und hat ein Händchen dafür, Theorie und tatsächliches Spiel für den interessierten Schüler treffend auszubalancieren. Seine lockere, unverkrampfte Art – selbst auf dieser DVD leistet er sich ein paar Versprecher – sorgt zudem für eine ziemlich lässige Atmosphäre, bei der man nichtsdestotrotz genügend Ehrgeiz entwickeln sollte, das Vorgezeigte recht schnell zu erlernen.

Sicher, es gibt viele Ansichten darüber, auf welchem Wege man das Gitarrespielen am schnellsten und einfachsten erlernen kann, und ich will jetzt auch nicht behaupten, dass diese DVD die Ideallösung ist. Als Opfer zahlreicher überkomplizierter, nervtötender Lehrbücher (die mich am Ende doch zu Peter Bursch gebracht haben) bin ich aber bislang auf noch keine bessere und schönere Alternative zu diesem zweistündigen Anfängerkurs getroffen, weshalb alles andere als eine klare Empfehlung totaler Humbug wäre. Und wenn man sich schlussendlich mal das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zum Musikunterricht an einer renommierten, sicherlich aber nicht immer besseren Schule anschaut, spricht sowieso nichts dagegen, die kostengünstigere, ebenbürtige Variante abzugreifen. Oder?

http://www.bosworth.de

Voenix / Vömel, Thomas – Fahrten des Thor, Die

_Handlung_

Ein fahrender Skalde taucht in einem Dorf auf und bittet in einer Herberge um eine Mahlzeit. Nachdem er sein karges Mahl verzehrt hat, beginnt er als Gegenleistung Geschichten zu erzählen, in denen der germanische Donnergott Thor (Donar) immer mehr oder weniger die Hauptrolle spielt.

|Der verspätete Brautlauf|

Freyr, der Liebes- und Frühlingsgott, erblickt die wunderschöne Riesin Gerda und verliebt sich sofort unsterblich in sie. Als Brautpreis fordert deren habgieriger Vater, der Bergriese Gymir, Freyrs selbst kämpfendes Schwert. Allerdings hat der Brautvater nicht vor, sich an die Hochzeitsvereinbarung zu halten: Er will zwar das Schwert bekommen, nicht aber seine hübsche Tochter hergeben. So schickt er Freyr den Frostriesen Fyhrnir entgegen, der den Frühlingsgott in einen Eisblock verwandelt und die magische Waffe raubt. Schon bald bekommt der listenreiche Loki von den Vorgängen Wind und macht sich zusammen mit Thor auf den Weg, ihren Mitgott aus dessen misslicher Lage zu befreien. Doch das erweist sich schwieriger als zu Beginn gedacht …

|Die Insel der Berserkerweiber|

Thor und die beiden ihm überlassenen Kinder Thjalfi und Röskwa machen sich auf den Weg über das Meer. Doch mit ihrem kleinen Ruderboot treffen sie auf drei Meereshexen, gegen die der Donnergott fast machtlos ist. Sie stranden schließlich auf einer scheinbar verlassenen Insel, die allerdings von einem Stamm männermordender Riesinnen bewohnt wird. Eigentlich kein Problem für einen Riesentöter, sollte man meinen, doch hat Thor leider seinen treuen Streithammer Mjöllnir nicht dabei …

|Schweinekram|

Der hungrige Donnergott kommt nach einigen Tagen entbehrungsreicher Wanderschaft an einen Bauernhof und hofft dort Unterschlupf und vor allem etwas zu Essen zu bekommen. Doch zu früh gefreut: Leider hat eine Horde von Riesen die gesamten Schweine des Bauern gestohlen. Zwar wird Thors Hunger mit einer deftigen Zwiebelsuppe kurzfristig gelindert, doch verspricht er dem Bauern – auch aus Wut darüber, um das vermeindliche Festmahl geprellt worden zu sein -, die Riesen zu stellen und die Schweine zurückzubringen. Also nimmt er am nächsten Morgen die Spuren der Unholde auf und wird schon bald in einen wahrhaft schweinischen Wettkampf verwickelt …

|Thors Fahrt ins Totenreich|

Die Riesin Modgud, Tochter einer Baumhexe, hat die Gabe, das Totenreich zu betreten. Zudem ist sie in den stattlichen Donnergott verliebt, ohne diesen jemals vorher zu Gesicht bekommen zu haben. Also ersinnt sie einen Plan, um ihren Geliebten zu sich zu locken: Sie raubt Thors Tochter Thrud und will so den Gott ins Totenreich locken, wo dessen Kräfte nicht wirken, und die beiden austauschen. So begibt sich Thor also zum Gjöllstrom, der Midgard von Hels Schattenreich trennt, um so ins Totenreich zu gelangen. Unterstützt wird der tapfere Recken von göttlicher Magie, und auch das Schicksal hat ein Wörtchen mitzureden …

|Riesenlust|

Nachdem der listige Loki Thors Eheweib Sif das Kopfhaar raubte, ist der Ofen aus im Ehebett der beiden Götter. Sehr zur Unzufriedenheit des Donnergottes, dem die lange Enthaltsamkeit langsam aufs Gemüt schlägt. Als er sich in seiner Wut Loki schnappt, bietet dieser Thor eine Wiedergutmachung an: Er bietet dem Erzürnten an, ein Schäferstündchen mit einer wunderschönen Riesin zu organisieren. Doch selbstverständlich hat der Listereiche nicht Gutes im Sinne, denn er will dem Donnergott eine Lektion erteilen.

_Der Autor_

Voenix alias Thomas Vömel ist Autor und Maler und arbeitet als freischaffender Künstler. Neben seinem großen Interesse an germanischer Mythologie beschäftigt er sich seit Jahren mit Themen des Okkulten. Sein Tätigkeitsfeld reicht von der Buch- und Kartenillustration über Comics, Poster und Plattencover bis hin zu großformatigen Wandgemälden. Geschrieben hat er bisher unter anderem „Auf Wotans Pfaden“, „Der germanische Götterhimmel“, „Im Liebeshain der Freyja“ und „In Lokis Feuerschmiede“.

_Mein Eindruck_

Ich würde „Die Fahrten des Thor“ am ehesten als ein Buch germanischer Märchen bezeichnen. Allerdings muss hier erwähnt werden, dass die enthaltenen Geschichten nur teilweise Bezug zur „Edda“ aufweisen. Doch befassen sich die fünf Stücke natürlich alle mit der germanischen Mythologie im Allgemeinen und mit dem Donnergott Thor im Speziellen, auch wenn sie sich sprachlich in lesefreundlicheren Gefilden bewegen als die altisländische Spruchsammlung. Im Gegensatz zu „Auf Wotans Pfaden“ ist der namengebende Gott auch tatsächlich die Hauptperson. So nimmt Voenix den Leser auf eine unterhaltsame und vergnügliche Reise durch die Stärken und Schwächen des Donnergottes mit, die in den Geschichten ausführlich beleuchtet werden.

Der recht einfache, teilweise derbe Schreibstil erzeugt ein Gefühl der Nähe zur damaligen Zeit und zu Thor im Speziellen. Doch dürfte das beileibe nicht jedermanns Sache sein: „Die Fahrten des Thor“ ist keine religionswissenschaftliche Abhandlung, sondern einfach ein nettes Lesevergnügen für zwischendurch, das es allerdings famos vermag, das Wesen des Donnergottes plastisch darzustellen. Dass die Thor zugeordneten Aspekte nicht nur durchgehend positiv sind, macht die Sache erst richtig interessant, denn einerseits glänzt er mit außerordentlicher Stärke und Mut, andererseits mit ziemlicher Einfältigkeit und Naivität. Desweiteren ist die Fleischeslust bei einem Gott, der für Fruchtbarkeit steht, auch nicht wegzudenken, was durch einen Schuss roher Erotik dokumentiert wird. So sind die Handlungen des Donnergottes natürlich relativ leicht vorherzusehen. Das heißt aber nicht, dass das Lesen dadurch langweilig werden würde, denn durch so manch witzige Stelle wird das Ganze gehörig aufgelockert. Dazu tragen natürlich auch Thors listigere Götterkollegen Odin und Loki bei. Vor allem in „Der verspätete Brautlauf“ glänzen Thor und Loki als „Duo Infernale“; der Autor zeigt somit besonders gut den einfältigen Charme des Kraftmeiers auf.

Da die Geschichten teilweise wie klassische Märchen angelegt sind, halten sie dem Leser durchaus auch in übertriebener Weise den Spiegel vor und stimmen nachdenklich. Auch ist so manch philosophischer Grundsatz enthalten. Besonders interessant fand ich, dass der Riese in der ersten Geschichte fast eins-zu-eins Machiavelli zitiert … Ein wichtiger Bestandteil von Voenix‘ Büchern sind immer auch die tollen Illustrationen. Man merkt stets deutlich, dass Autor und Illustrator die gleiche Person sind, denn die Bilder passen perfekt zum Charme der Geschichten und umgekehrt. Ob dies so reibungslos möglich wäre, wenn zwei verschiedene Personen am Werke wären, wage ich zu bezweifeln. Die Illustrationen sind daher durchgehend passend und stimmungsvoll.

Fazit: Wer die germanischen Götter in einem märchenhaften Kontext kennen lernen will und vor derbem Witz und einer Prise Erotik nicht zurückschreckt, sollte sich „Die Fahrten des Thors“ auf jeden Fall anschaffen. Das Buch setzt nur relativ geringes Vorwissen des germanischen Götterglaubens voraus und ist so besonders auch für „Einsteiger“ zu empfehlen.

http://www.arun-verlag.de

Peper, Rascha / Ecke, Andreas – Visions of Hanna

Ein Verlag, dessen Programm sich hauptsächlich mit dem Meer in all seinen Formen beschäftigt? Das klingt auf den ersten Blick wie ein Tummelplatz für Seemannsgarn, doch „Visions of Hanna“ von der Niederländerin Rascha Peper ist weit davon entfernt.

An und für sich spielt das Meer in dem Roman auch nur eine Nebenrolle. Die „Hauptrolle“ kommt der lebenslustigen Mittdreißigerin Hanna zu, die vor zwei Jahren bei einem Schiffsunfall ums Leben kam. Seitdem liegt ihre Leiche in dem gesunkenen Schiff auf dem Meeresboden vor der marokkanischen Küste.
Währenddessen geht das Leben weiter, wenn auch in veränderter Form. Gerard, der in Hanna seine Traumfrau sah, lebt in New York, wo er als Strömungsforscher arbeitet. Er kann Hanna einfach nicht vergessen.

Robin dagegen, der Gerard Hanna ausgespannt hat, kann nicht damit leben, dass sie dort auf dem Meeresboden liegt, obwohl sie sich vor diesem verhängnisvollen Urlaub getrennt hatten. Er stellt eine Expedition auf die Beine, die nach dem Wrack und Hannas Leiche tauchen will.

Hannas Nichte, die fünfzehnjährige Emma, die gerade mitten in der Pubertät und den damit verbundenen Hormonverwirrungen steckt, verehrt ihre Tante auf eine gewisse Art und Weise und möchte Robin bei der Bergung ihrer Leiche behilflich sein. Sie gibt ihm Geld und dabei ihr Herz. Sie verliebt sich in den über zwanzig Jahre älteren Mann, doch obwohl er sich auch zu ihr hingezogen fühlt, lässt er es nicht zu, dass sie ihn verführt. Lange leidet sie an diesem Schmerz, doch dann drängt sich ihr Klassenkamerad Sai Kho in ihr Leben …

Der pensionierte Schneider Alphons LeCoultre, Hannas Vater, der neben seiner Tochter auch seine Frau zu beklagen hat, verbringt seine alten Tage damit, an die Toten zu denken und einen letzten Anzug für den Ministerialbeamten van Waardenburg zu schneidern, der zufällig der Konkurrent seines Schwiegersohns ist.

Herr van Waardenburg kennt Hanna überhaupt nicht. Er hat genug mit seiner heimlichen Obsession zu kämpfen, in fremde Häuser einzusteigen und sich dort an der Unterwäsche der Hausdame zu vergnügen.
Und dann wären da noch die blauen Gummientchen, die Gerard ins Meer hat setzen lassen, um die Strömungen zu erforschen …

Und was hat das jetzt mit Hanna zu tun?, fragt man sich. Zu Recht. Der Klappentext offeriert eigentlich eine sehr interessante Konstellation. Eine tote Frau, die trotz ihrer Abwesenheit immer noch Einfluss auf Menschen hat, die ihr nahe stehen. Schön und gut. In gewissem Sinne stimmt das auch, aber der einzige wirkliche Einfluss, den sie hat, ist der auf Robin, der sie unbedingt bergen möchte und außerdem mit ihrer Nichte zu kämpfen hat. Der gewissenhafte Gerard verschwendet zwar den einen oder anderen Gedanken an seine Ex, doch im Großen und Ganzen wird hauptsächlich von seinem Leben in New York erzählt, bei dem ein großer Wassertank auf dem Dach seines Hauses eine wichtige Rolle spielt. Nicht besonders interessant, wie auch die meisten anderen Perspektiven.

Aber was ist denn das Besondere an Hanna? Eine weitere Frage, bei der es mich wundert, dass sie nur so unbefriedigend beantwort wird. Da der Frau eine derartige Wichtigkeit zugewiesen wird, verstehe ich nicht, dass ihr Wesen, ihre Art nur sehr vage umrissen wird. Nirgends ist von einem besonderen Charisma oder Ähnlichem die Rede. Im Gegenteil scheint sie eine normale Mittdreißigerin zu sein. Manchmal vielleicht ein bisschen wankelmütig, was ihre Liebschaften angeht, aber ansonsten eine normale Frau.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Roman keinen linearen Plot hat. Er erzählt vielmehr Abschnitte aus dem Leben der oben genannten Protagonisten, die nur selten wirklich aufregend sind. Oft werden Tätigkeiten wie Robins Taucherei oder LeCoultres Schneiderei bis ins kleinste Detail beschrieben, was zwar eine gute Recherche beweist, aber unnötig in die Länge zieht. Mit der Zeit gewinnt die Geschichte stellenweise, zum Beispiel bei den Verwicklungen zwischen Emma und Robin, an Fahrt, kommt jedoch nicht besonders weit.

Man muss Frau Peper anrechnen, dass sie ihre Figuren authentisch zeichnet. Besonders die fünfzehnjährige Emma ist sehr beeindruckend, weil sie die Pubertät wirklich gut verkörpert. Auch die anderen Personen haben ihren Reiz, auch wenn es hin und wieder an Ecken und Kanten fehlt. Von Hanna wollen wir jetzt gar nicht reden. Wenn ein Buch schon keine ordentliche Handlung hat, sollten wenigstens die Figuren überzeugen, doch auch hier kann Peper nicht wirklich gewinnen. Authentisch ja, aber trotzdem nicht herausragend.

Der Schreibstil reißt auch nicht vom Hocker. Alltägliche, nüchterne Sprache ohne großartige Ausarbeitung trifft auf teilweise sehr komplexe Satzbauten, die das Lesen nicht immer einfach machen. Verbunden mit der bereits erwähnten Langatmigkeit entwickelt sich der Stil zu einem lähmenden Gift für das gesamte Buch, das sicherlich auch seine guten Seiten hat. Einige der Perspektiven, besonders die von Emma und Robin, sind durchaus interessant zu lesen, weil in ihnen etwas passiert. Gerards Gedanken zu Gummienten können dagegen nicht mithalten und so ist „Visions of Hanna“ ein durchwachsenes Buch.

Durchwachsen deshalb, weil es Spannung, schön gezeichnete Personen und flüssig lesbaren Schreibstil auf zu unterschiedlichen Ebenen serviert. Zwischen der Perspektive eines Gerards und der einer Emma liegen einfach Welten. Auf der einen Seite der vierzigjährige Langweiler, der sich mit Gummienten und Vermietern herumschlagen muss, auf der anderen der Teenager, der erste sexuelle Erfahrungen sammelt. Ich gehe so weit, Frau Peper zu empfehlen, doch mal ein Jugendbuch zu schreiben, denn mit Emma hat sie mein Herz gewonnen. Vielleicht kann ich die Seiten mit den langweiligen Perspektiven einfach herausreißen. Sie haben schließlich keine Bedeutung für die so gut wie nicht vorhandene Handlung.

http://www.marebuch.de/

Riveros Silva, Migul E. / Fechner, Alex – Unheimlich 1

Mit ihrer neuen Horror-Reihe „Unheimlich“ begeben sich die beiden Comic-Autoren Alexander Fechner und Miguel E. Riveros Silva auf die Spuren des legendären H. P. Lovecraft und leiten dabei eine weitere recht interessante Serie auf dem deutschen Independent-Markt ein. Im ersten Band werden zwei Kurzgeschichten erzählt, von denen die erste, „Das Loch“, nach Angaben des südländischen Verfassers auf einer wahren Begebenheit beruht. Wirklich beängstigend ist die Story allerdings nicht. Und auch die zweite Geschichte ist alles, nur nicht wirklich spannend. Noch nicht …

_Storys_

|“Das Loch“|

Michael ist ein außergewöhnliches Kind. Statt draußen mit Gleichgesinnten herumzutoben, widmet sich der belesene Junge lieber Büchern über Geister und Dämonen. Eines Tages entdeckt er dabei einen seltsamen Fall; mitten in der Schneelandschaft Sibiriens haben Wissenschaftler bei einem Experiment ein Loch entdeckt, in dem sich ein seltsames Wesen befinden soll. Michael kann sich vor Neugierde kaum noch halten; gemeinsam mit einem Freund reist er in die russische Eiswüste und lässt sich zu der geheimnisvollen Öffnung im Boden führen. Und tatsächlich trifft er dort auf eine Gestalt, deren furchterregendes Antlitz er nie wieder vergessen wird.

|“Zwischen den Sternen“|

Ein Astronaut ist gerade dabei, seine Raumstation zu reparieren, als ein merkwürdiger Meteoritenschwarm ihn umzingelt. Neuigierig tastet er sich an die Flugkörper heran und begibt sich dabei in äußerste Gefahr. Die Meteoriten sind nämlich durchaus lebendig und reißen ihn aus seiner hilflosen Umgebung heraus, um ihn vollkommen zu vereinnahmen. Und bevor sich der Raufahrer noch überrascht abwenden kann, haben die Meteoriten bereits einen Zugang zu seinem Körper entdeckt …

_Meine Meinung_

Wirkliche Horror-Stimmung will bei den beiden kurzen Geschichten noch nicht auftreten, denn irgendwie handelt es sich sowohl bei „Das Loch“, als auch bei „Zwischen den Welten“ um Tatsachenberichte, bei denen trotz dichter Atmosphäre nie so richtig Spannung aufkommen will. Zwar gelingt es beiden Autoren, in ihren Erzählungen mit einigen sehr plötzlichen Wendungen (jeweils zum Schluss) aufzutrumpfen, aber da hier keine richtige Spannungskurve aufgebaut wurde, kann man bei diesen beklemmenden Passagen auch nicht von echten Höhepunkten reden.

Der abschließenden Info zufolge handelt es sich bei diesem Band jedoch nur um das Auftaktheft einer Serie, deren verschiedene Geschichten allesamt miteinander verknüpft sind und sich um die Person des Michael drehen – auch wenn Michael nicht in jeden Plot mit eingebunden wird. Nun, inwieweit hier Zusammenhänge bestehen, kann man bis hierher noch nicht sagen, aber das wird sich schon zeigen.
Bis dato hat mich der Lovecraftian Horror – so der Untertitel des Heftchens – aber noch nicht sonderlich gepackt; die Geschichten sind ein wenig zu einfach strukturiert und aufgebaut, die Dialoge und Texte noch recht plump und das Spannunsbarometer nicht mal in der Nähe eines Ausschlags.

Wenigstens die Zeichnr leisten gute Arbeit und entwickeln einen ziemlich eigensinnigen Stil, der die Simplitizizät der Handlung zwar bildlich widerspiegelt, aber auch die intensive Austrahlung der teils erschreckenden Sinneinheiten des Comics nachhaltig betont. Ansonsten warte ich jetzt lieber mal ab, bevor ich mir ein endgültiges Urteil erlaube. Feststeht lediglich, dass sich bis zum zweiten Band noch einiges tun muss, damit es den Leser auch wirklich an die Geschichten fesselt und er sich von der Handlung weiterhin ergriffen fühlt. Und bis dahin gilt es auch, einige peinliche Grammatikfehler auszumerzen, die hier leider ziemlich penetrant ins Auge stechen. Insgeheim bin ich mir aber wiederum sicher, dass die beiden Autoren und der Verlag dies schon irgendwie hinkriegen werden.

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E.-E., Marc-Alastor – Kinder der fünften Sonne, Die (Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik, Band 3)

Der Band „Kuss der Verdammnis“ endete damit, dass Dilara ihrem Geliebten Calvin versprochen hatte, ihm mehr von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Das tut sie in dieser vorliegenden großartigen Geschichte und berichtet von einem einschneidenden Erlebnis im ausgehenden 19. Jahrhundert, welches sich bis heute fest in ihre Erinnerungen gebrannt hat:

Wir finden uns im Herbst 1883 in dem Ort Avignon in Südfrankreich mitten in der Provence wieder, genauer an einem festlichen Abend im Maison de Vervins. Dilara und ihr treuer Diener Cippico weilen in diesem heimelichen Haus als Gäste einer gewissen Mademoiselle Mayan. Doch nicht zum Vergnügen sind die beiden hier abgestiegen, denn Antediluvian hat wie so oft einen dringend Auftrag für die von ihm erschaffene Vampirin.

Zu allem Überfluss gerät Dilara mit Kyuzaemon, einem Diener Antediluvians, aneinander, der ebenfalls auf der Feier auftaucht, um ein Treffen mit der Vampirin und seinem Meister zu arrangieren. Bei der anschließenden Zusammenkunft im Palais de Pape schärft Antediluvian seiner Artgenossin die Dringlichkeit dieser neuen Aufgabe ein: Sie soll ihm einige geheime Dokumente aus dem Codex Vaticanus beschaffen. Ein riskantes Unterfangen, welches Dilara zunehmend an dem Wohlwollen ihres Schöpfers zweifeln lässt. Dieser warnt sie abschließend vor dem Wesen Methalumina, eine Lichtgestalt, die allein durch ihre Anwesenheit absolut tödlich für die Nosferati sein soll, sowie deren angebliche Anhänger, die Rosenkreuzer.

Noch auf den Festlichkeiten trifft die Vampirin auf eine wunderschöne Frau namens Gelophee Roche, zu der sich Dilara seltsamerweise sofort hingezogen fühlt. Gelophee selbst warnt Dilara vor den Machenschaften und dem neuen Auftrag Antediluvians, was die Vampirin dazu veranlasst, alles daran zu setzen, hinter das Geheimnis dieser seltsamen Frau zu kommen.

All diese Ereignisse sind die Vorreiter zu einer abenteuerlichen Reise, die mit allerlei Gefahren und tiefgreifenden Phasen der Selbstfindung gespickt ist. Dilara beschließt schon am kommenden Tag, nach Rom aufzubrechen, doch nicht alleine – zusammen mit ihrem Diener Cippico hat sie Gelophee letztendlich zu einer unfreiwilligen Begleiterin auserkoren. Deren Gebaren, ihr Wissen über den Codex Vaticanus, aber auch ihre undurchsichtige Verbindung zu Antediluvian haben Dilara zu dieser Entscheidung veranlasst. Die Tätowierung, ein stilisiertes Kreuz mit einer Rose darin, ist der Vampirin ebenfalls nicht verborgen geblieben, was ihr Misstrauen umso mehr gesteigert hat.

Das Trio begibt sich letztendlich auf eine ereignisreiche Zugreise durch Frankreich nach Italien. Auf der Fahrt kommt es erneut zu einigen handfesten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Frauen, wobei Cippico sich mehr und mehr auf die Seite der Sterblichen stellt, was seine Herrin rasend macht. Sie verschwindet aus dem Abteil und taucht nicht wieder auf. Just in dieser Situation mischt sich ein unerwünschter Gast ein, Torquato Perez, ein ehemaliger spanischer Gespiele und letztendlich auch ein Geschöpf Dilaras. Er will seine Ehemalige mit allen Mitteln zurückgewinnen, schrickt auch nicht davor zurück, Cippico und Gelophee massivst zu bedrohen.

Glücklicherweise kommen den beiden die Maler Auguste Renoir und Claude Monet (ja, genau diese beiden) zu Hilfe, sie entschärfen die Situation so weit, dass der spanische Blutsauger sich aus dem Staub macht.

Dilara lässt sich erst wieder in Turin blicken. Eine Kirche bei Lugano ist das erste Reiseziel der kleinen Gruppe, da sie dort einen exkommunizierten Priester nach Informationen zum Codex Vaticanus befragen wollen. Hier startet der spanische Vampir Torquato seinen nächsten Angriff, nur bezahlt er diese Attacke diesmal mit seinem unsterblichen Dasein – Methalumina gibt sich ein grausames Stelldichein.

Auch Dilara findet beinahe den sicheren Tod, nur mit Mühe kann sie vor dem Lichtwesen gerettet werden. Die Odyssee kann somit weitergehen. Die Suche endet letztendlich in Rom, wo es in den Katakomben des Vatikans zu einem dramatischen und überraschenden Showdown kommt, dessen Ausgang Dilaras Sicht der Dinge gravierend verändern wird …

Was Marc-Alastor E.-E. in dieser faszinierenden Geschichte allein durch die Wahl der Sprache gelingt, ist bemerkenswert. Er verwendet in dieser Erzählung die blumige Ausdruckweise aus eben jener vergangenen Zeit – haucht der Szenerie den Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts schon mit der ersten Zeile ein. Der Leser fühlt sich umgehend in die Vergangenheit versetzt.

Hatten die Charaktere in „Kuss der Verdammnis“ ihre ersten Strukturen bekommen, füllen sie sich hier zusehends mit weiterem Leben – Dilara wird mit einigen tiefgreifenden Charakterzügen versehen, die man bisher ansatzweise erahnen konnte. Ihre Ambivalenz – gefühlvolles weibliches Wesen und gnadenlose Bestie – wird noch gravierender aufgeblättert.

An manchen Stellen verfällt man in ernsthaftes Mitleid mit Gelophee, wie sie gegen eine massive Wand zu rennen scheint, man verteufelt Dilaras Starrsinn und ihre kompromisslose Kälte. Doch dann schmiegt sie sich wieder an, wirkt zerbrechlich und hilflos auf der Suche nach sich selbst – und man schließt sie wieder in die Arme.

Mit der Figur des drolligen Cippico ist ein hervorragender Sympathieträger geboren, ein liebevoller treuer Charakter, teilweise überfordert in den Wirren dieser Reise, aber dann doch der ruhende, starke Pol, der mit seinem Wissen und seiner unendlichen Geduld eine nahezu beruhigende und beschützende Wirkung auf die temperamentvolle Vampirin hat. Immer wieder belehrt er sie, bewahrt sie vor den gröbsten Fehlern, steht ihr aber auch nahezu kompromisslos bei all ihren morbiden Tätigkeiten zur Seite.

Aber auch die dunkle Seite ist nicht zu vergessen: Torquato, Kyuzaemon und natürlich Antediluvian werden mit einer bestechenden Bedrohlichkeit und Bösartigkeit geschmückt, welche den Nosferati ihren ganz eigenen Flair verleiht.

Einen kleinen Scherz erlaubt sich Marc-Alastor E.-E. bei seinen Charakteren; man könnte es auch als authentischen Gimmick ansehen. Er überlässt Auguste Renoir und Claude Monet ein kurzes Gastspiel. In der Tat sind diese beiden französischen Maler zu dieser Zeit hin und wieder gemeinsam gereist, wie man auch den Danksagungen am Ende des Buches entnehmen kann.

Marc-Alastor E.-E.s umfassende Recherchen und sein sprachlicher Kunstgriff geben diesem Band einen ganz speziellen, verdienten Platz in der Schattenchronik-Serie. Die Zitate des italienischen Dichters und Zeitgenossen Giosuè Carducci als jeweilige Einleitung in die Kapitel sowie die Illustrationen von Pat Hachfeld – diesmal finden sie sich inmitten der Handlung passend zu der aktuellen Szenerie – betten sich wieder ideal in das Gesamtwerk ein.

Auch Mark Freiers Titelbild nimmt sich dieser Thematik auf seine eigene Weise an: Am Horizont verschwimmen die Lettern des Codex Vaticanus, inmitten einer Art Sonne (es könnte aber auch Methalumina sein) – diese Sonne finden wir auf der Stirn Gelophees wieder.

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Bridges, Bill – letzte Schlacht, Die (Werwolf – Die Zeit der Abrechnung, Band 2)

|Die letzte Schlacht – oder: Und der Letzte macht die Lichter aus …|

„Die letzte Schlacht“ ist der mittlere Akt der „Zeit der Abrechnung“-Triologie, welche die „Welt der Dunkelheit“ zu ihrem Ende führt. Während es im ersten Akt „Die letzte Nacht“ die Spielwelt „Vampire: Die Maskerade“ trifft, beendet Bill Bridges mit diesem Teil „Werwolf: Die Apokalypse“ auf knapp 350 Seiten.

Während der englischsprachige Leser eine ganze Reihe alter Bekannter aus den Stammesromanen wiedertrifft, wird der deutschsprachige Leser ins kalte Wasser geworfen. Ihn erwartet eine Vielzahl von Charakteren, die durch häufigen Szenenwechsel blass bleiben und deren Eigenarten einem nicht so recht einleuchten wollen.

Die Garou sind quer in aller Welt zersplittert, auch wenn einige Anführer den Versuch unternehmen, sich zu einen. So ist König Albrecht, der die amerikanischen Garou hinter sich hat, gerade bei der russischen Anführerin Twariwitsch zu Besuch, als beide schlimme Nachrichten erreicht. Überall auf der Welt regt sich der Wyrm, lange gebundene und gefangene Kreaturen befreien sich von ihren Banden. Mordgeister, Fomorer und andere Plagen halten überall auf der Welt die verschiedenen Rudel in Atem.

Während sich Twariwitsch dem Marktgrafen Konietzko, Herrscher der europäischen Stämme, anschließen will, beschließt Albrecht nach Amerika zurückzukehren, um ebenfalls eine Armee um sich zu scharen. Denn der Marktgraf will mit einer großen Streitmacht in die Narbe, die Heimatebene des Wyrm im Umbra, vordringen und eine letzte Schlacht ausfechten.

Jedoch wird bei Albrechts Rückweg die Mondbrücke zerstört. Mondbrücken sind mystische Wege durch die Geisterwelt des Umbra, und wenn man einmal vom Weg abgewichen ist, findet man sich in den unterschiedlichsten Reichen des Umbras wieder. So ist er gezwungen, in den entscheidenden Stunden aus den Tiefen des Umbras herauszufinden …

Doch auch der Wyrm schläft nicht; Zhyzhak, eine der mächtigsten Tänzerinnen der schwarzen Spirale, will durch das sagenumwogende Labyrinth schreiten, um zum Wyrm selbst vorzudringen. Anders als ihre Vorgänger, welche die verschiedenen Kreise tanzten, hat sie einen Fetisch, mit dem sie Anthelios, den Roten Stern, sehen und so als Leitstern nutzen kann.

Aber auch im Norden Amerikas dringt der Wyrm vor; so ist eine der fünf Klauen des Wyrms, einer seiner mächtigsten Diener, dem Bann der Uktena entkommen. So fällt es Evan Heilt-die-Vergangenheit, einem Rudelgefährten Albrechts, zu die Garou gegen diese Gefahr um sich zu scharen. Doch nur wenige Rudel können Gefährten entsenden, denn auch in Amerika bedrängt der Wyrm die Werwölfe mit vielen kleinen Plagen.

Zahlreiche individuelle Questen werden beendet. Der deutschsprachige Leser ist dem allerdings ohne Vorkenntnisse ausgesetzt, aber auch den Kenner der Stammesromane werden diese Enden nicht recht zufrieden stellen. Es wirkt zu plump, zu gedrängt, wie Bill Bridges auf wenigen Seiten versucht, eine lang aufgebaute Queste von Knall auf Fall zu beenden.

Überhaupt, in der ersten Hälfte nimmt der Roman nicht viel Fahrt auf, danach wird er action- und temporeicher, aber absolut vorhersehbar.

Entgegen einer klassischen Triologie laufen die Ereignisse der drei „Zeit der Abrechnung“-Romane parallel und bauen nicht aufeinander auf. Während der erste Teil, wie erwähnt, sich um „Vampire: Die Maskerade“ kümmert, folgt im letzten Akt „Magus: Die Erleuchtung“.

Normalerweise würde man dies als durchschnittlichen Roman mit gequetschter Handlung und vielen Vorgaben abhaken, aber er ist der letzte Roman zu dem Rollenspiel und die deswegen hoch gesteckten Erwartungen werden vollends enttäuscht.

Leser der WdD-Romane werden sicherlich nicht um den vorletzten Roman herumkommend; für Leser von allgemeiner Werwolf-Literatur ist dies sicher kein Einstiegsroman: fortgeschrittene Handlung, viele WdD-Spezifika und zudem eher eine actionorientierte Atmosphäre.

© _Ingo Schulze_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Le Fanu, Joseph Sheridan – schwarze Stunde, Die (2)

Auch in der zweiten Episode von „Die schwarze Stunde“ hat sich der Verlag |Hörspiele Welt| einem klassischem Orignal gewidmet, dieses Mal jedoch einer einzelnen Geschichte, nämlich dem berühmten Stück „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu. Die Erzählung gilt gemeinhin als eines der ersten Stücke, das sich mit der zweifelhaften Romantik des Vampirismus beschäftigt hat. So wurde unter anderem auch Bram Sroker für sein Meisterwerk „Dracula“ von dieser Legende aus der irischen Literatur beeinflusst. Leider aber wurde „Carmilla“ bzw. dem Autor nie die gebührende Achtung entgegengebracht. Der Titel blieb eine Erzählung, die einem erlesenen, interessierten Publikum vorbehalten blieb und nur dort auch gewürdigt wurde.

Nun erscheint das im Jahre 1872 geschriebene Stück erstmals auch als Hörspiel und setzt damit die Reihe „Die schwarze Stunde“ um einiges besser fort, als der Einstieg in Episode 1 dies erhoffen ließ.

_Story_

Bereits in frühester Kindheit wird die kleine Laura mit übersinnlichen Begebenheiten konfrontiert. Ihre Träume sind geprägt von düsteren Geschehnissen, und so trifft sie dort eines Nachts eine hübsche Frau wieder, die ihr aber mit ihrem mysteriösen Antlitz großen Schrecken einjagt. Dieser Vorfall ängstigt sie derart, dass sie fast bis ins Erwachsenenalter hinein nachts nicht mehr alleine sein kann.

Viele Jahre später wird Laura Zeugin eines Kutschenunfalls, dem zwei Frauen – eine Mutter mit ihrer Tochter – zum Opfer fallen, die ihn aber glücklicherweise überleben. Jedoch ist die ältere Dame ziemlich verarmt und kann nicht mehr adäquat für ihre Tochter sorgen. Lauras Vater, ein gut betuchter Landbesitzer, bietet an, das hübsche Mädchen für einige Zeit in seine Obhut zu nehmen und sich um ihre Belange zu kümmern, während die Mutter für ihren eigenen Unterhalt sorgen kann.

Laura freundet sich schnell mit dem Mädchen an, stellt aber alsbald fest, dass sie es ist, die sie damals in ihren Träumen gesehen hat. Doch auch Carmilla, ihre neue Gefährtin, erzählt von einem Traum, in dem Laura ihr erschienen ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine sehr intensive Freundschaft, die besonders von Carmillas Seite aus häufiger über die erlaubte Moral hinausschießt. Carmilla spürt eine regelrechte Begierde für Laura und lässt diese ihre Leidenschaft auch permanent spüren. Langsam aber sicher wird Laura die Situation unheimlich.

Carmilla verhält sich nämlich auch ansonsten immer merkwürdiger, beweist einen sehr makabren Humor, wird aber fast ängstlich, wenn die Glocken der ansässigen Kirche läuten. Als Carmilla dann eines Tages aus ihrem Zimmer verschwindet und sich in dem kleinen Ort einige beängstigenden Dinge zutragen, offenbart sich ein düsteres Geheimnis, von dem Laura niemals zu träumen gewagt hätte – nicht einmal in den finsteren Nachtmahren ihrer verängstigten Vergangenheit.

_Meine Meinung_

„Carmilla“ ist tatsächlich ein Klassiker und bietet inhaltlich absolut keinen Makel. Die Geschichte um das unscheinbare, fröhliche Mädchen, hinter dem sich eine dämonische Erscheinung verbirgt, ist einfach nur klasse und verdient auch jedwede Würdigung – zumindest hinsichtlich des zugrunde liegenden Plots. Bei der Hörspielfassung sieht dies aber leider wieder ein wenig anders aus, denn wiederum krankt die Angelegenheit an einigen Schwachpunkten, die in diesem Fall allerdings vermehrt auf die Sprecher zurückzuführen sind. Vor allem die weiblichen Stimme, und hier in erster Linie Karin Kuschik als Carmilla, sind weit davon entfernt, die inbegriffenen Emotionen überzeugend herüberzubringen und verleihen der Geschichte trotz ihrer originellen Dramaturgie einen fast schon heiteren Beigeschmack – und das kann ja wohl nur schlecht sein. Vestehen wir uns nicht falsch, die Geschichte kann man sich in der Version von |Hörspiele Welt| recht gut anhören, aber darin versinken wird man in den meist oberflächlichen Dialogen bestimmt nicht.

Glanzpunkte kann diesbezüglich eigentlich nur die Erzählerstimme von Christian Schult setzen, der mit seinen ernüchternden Einschüben auch den ernsten Unterton immer mal wieder herbeizitiert. Dieser bleibt nämlich zwischendurch gern auf der Strecke, wenn sich die beiden Mädels umeinander sorgen.

In dieser Fassung ist „Carmilla“ daher auch nur hörbarer Stoff für zwischendurch, sicher aber nicht die angemessene Umsetzung eines literarischen Meisterwerks. Es fehlen Atmosphäre und Tiefgang, und selbst die Spannung bleibt auf einem höchstens passablen Niveau hängen, kommt aber erst zum Ende – und damit eigentlich auch viel zu spät – so recht zur Geltung. Bis kurz vor Schluss muss man auch warten, bis die Erzählung bezüglich des Tempos in die Gänge kommt. Die Story schleppt sich selber mühevoll bis zur Ziellinie, überquert aber zumindest diese noch überzeugend. Gott sei Dank hat man nicht an klanglichen Effekten gespart, denn diese machen tatsächlich einiges her und retten so manche in die Länge gezogene Passage. Immerhin.

Mir persönlich ist dies allerdings trotzdem zu wenig; der Serie gingen einige Vorschusslorbeeren voraus, aber bislang ist sie eine echte Enttäuschung, wenngleich auf jeden Fall eine geringfügige Verbesserung seit dem ersten Teil zu vermerken ist. Zu einer echten Empfehlung reicht es bei der massiv präsenten Konkurrenz aber definitiv nicht!

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Whitton, Steve – Engelsblut (Sacred: Die Chroniken von Ancaria 1)

Die Vampirin Zara plagt mal wieder der Weltschmerz. Sie sehnt sich nach menschlicher Gesellschaft, was in ihrem Fall nicht unbedingt einen Bürger zum Dessert bedeutet. Eigentlich ist sie im Grunde ihres untoten Wesens eine friedliche Zeitgenossin, die sich einfach nur am Gelächter von Kindern und der geselligen Atmosphäre einer gemütlichen Gaststube erfreuen will. Und so zieht sie nach Burg Hohenmut und die Kapuze ihres Umhangs etwas tiefer ins Gesicht, da sie vor langer Zeit dort mehr als nur die Zeit totgeschlagen hat.

In der Schenke „Ascarons Ruf“ regt sich ihr mitleidiges Herz, weil ein paar ehrbare Bürger den ertappten Falschspieler Falk eine oder zwei Hände kürzer machen wollen. Sie bricht den braven Leuten ein paar Knochen und flüchtet mit Falk gen Wald, wo sie einige Zeit später einen Wandersmann aus den Fängen von Strauch- und sonstigen Dieben befreien.
Der Gerettete namens Jahn war auf den Weg nach Hohenmut, um dort auf Kosten seines Dorfes, Moorbruch, Söldner anzuheuern, denn seit einiger Zeit schlachtet eine Bestie allein gehende junge Jungfrauen ab, reißt ihnen das Herz heraus und scheint auch sonst eine ehrliche Freude am Verstümmeln zu empfinden. Wieder siegt Zaras sanfte Seele, sodass sie Jahn ihre Hilfe anbietet, Falk gibt es gratis dazu.

In Moorbruch stellt sich allerdings heraus, dass die Dörfler unfreundliche Zeitgenossen sind, die sich vom örtlichen Priester, Salieri, bereitwillig zu Kinderopfern aufstacheln ließen, würde ihnen nicht der eloquente, charmante und lecker aussehende Landgraf Gregor D´Arc Einhalt gebieten. Seiner adligen Meinung nach wäre eine Treibjagd besser geeignet, das Biest zur Strecke zu bringen, als das rituelle Schlachten von Kindern.

Einen Tag später macht sich daher das ganze Dorf mit Sack und Pack, Kind und Kegel auf die erfolglose Suche und es bleibt allein Zara und ihrem vampirischen Riechorgan überlassen, der Fährte des Wesens zu folgen. Schnell stellt sich heraus, dass hinter den Angriffen mehr steckt als ein wilder Wolf, als da wären: Zauberey, Hexenwerk und ein Verräter inmitten des griesgrämigen Landvolkes.

„Engelsblut“ ist der lange angekündigte erste Band einer Reihe von Romanen, die sich um das actionorientierte PC-Rollenspiel „Sacred“ der deutschen Spieleschmiede |Ascaron| ranken.

Nachdem die Geschichte der „Bestie von Gévaudan“ im Jahre 2001 in Christophe Gans´ atmosphärisch dichtem Mystery-Thriller „Le pacte des loups“ zu cineastischen Ehren kam, liefert nun Steve Whitton vier Jahre später eine belletristische Fantasy-Adaption des historischen Originalstoffs.

So weit die nette Umschreibung für eine gnadenlos unoriginelle und abgekupferte Story. Statt etwas Eigenständiges zu erschaffen, verwurstet Steve Whitton Althergebrachtes in einem fantasielosen Story-Eintopf, bedient sich sowohl im Grundaufbau als auch in einzelnen Szenen schamlos an der filmischen Vorlage, angefangen beim mysteriösen, frauenmordenden und herzherausreißenden Untier, endend bei der geheimnisvollen Gesandtin des Königs, Jael, welche im Film von Monica Belluci verkörpert wird und sich dort Sylvia nennt.

Die phantastischen Elemente des Romans erschöpfen sich in der bloßen Erwähnung nicht handlungsrelevanter Dunkelelfen, wenigen Beschwörungen, die irgendwie irgendetwas bewirken oder auch nicht – zumindest nichts explizit Nachvollziehbares – und in der Figur Zaras. Darüber hinaus ist der Autor weit, weit davon entfernt, eine phantastische Welt mit eigener Kultur und Magie zu entwerfen. Stattdessen bastelt er aus Versatzstücken ein real anmutende mittelalterlich-feudalistische Dorfgemeinschaft, wobei er allerlei peinliche literarische Verrenkungen anstellt, um diesen Eindruck zu verwischen. So bezeichnet er Christen nicht als Christen, sondern als Anhänger eines/des neuen Gottes, wobei er jedoch christliche Symbolik und Organisationsformen eins-zu-eins übernimmt. Dass der Autor Zara zweimal in Morpheus Arme sinken lässt und damit einen unmittelbaren Bezug zur griechischen Mythologie unserer realen Welt herstellt, ist in meinen Augen ein weiteres Indiz für eine laxe, unaufrichtige und auch desinteressierte Auseinandersetzung mit der Fantasy-Materie.

Auf Seiten der Protagonisten hat lediglich Zara eine erwähnenswerte Funktion und Tiefe. Sie stellt gleichsam die Verkörperung des Chevaliers de Fronsac und seines kampferprobten Gefährten Mani in einer Person dar, geht also insofern sogar über die Filmvorlage hinaus. Und genau darin besteht die Schwäche dieser Figur. Sie verfügt über eine ganze Reihe von Vorzügen – übermenschliche Schnelligkeit, bessere Sinne, beschleunigte Wundheilung -, ohne an den Nachteilen zu leiden, die dem guten alten Grafen Dracula das Vampirdasein verleideten: Zara spaziert bei Sonnenlicht über das Antlitz der Welt, isst und trinkt mittelalterliches Fastfood (Wein & Brot), hat ungeschützten GV mit dem Grafen und muss nicht einmal Blut saugen. Kurz und gut: sie ist ein – im wahrsten Sinne des Wortes – todlangweiliger Charakter, zumal der Autor nicht Willens oder in der Lage war, ihr eine faszinierende, glaubhafte Vergangenheit zu verleihen, welche über das Allernotwendigste hinausgeht. Dementsprechend banal und aufgesetzt erscheinen ihre Motive und Emotionen, die nicht zu einem tausend Jahre alten, übermenschlichen Wesen passen wollen, sondern dem freundlichen Kriegsversehrten von nebenan besser zu Gesicht stünden.

Die übrigen Figuren sind mehr oder weniger bedeutungsloses Fußvolk, was insbesondere für ihren klischeehaft gezeichneten, unsympathischen Sidekick Falk gilt, der einerseits einen humoristischen Moment in die Geschichte einbringen und andererseits Zara als Spiegel ihrer „Unmenschlichkeit“ dienen soll, in beiden Fällen jedoch kläglich versagt.

Stilistisch betrachtet, ist der Roman sicherlich kein Meilenstein des Genres, er ist jedoch locker und flüssig geschrieben. Die anfangs leicht blumige Ausdrucksweise verliert später etwas an Kraft, genügt aber jederzeit den durchschnittlichen Ansprüchen, die man an einen solchen Roman und insbesondere einen Newcomer wie Whitton stellen kann.

Fazit: Ob und inwieweit Kenner des PC-Spieles dem Roman etwas abgewinnen können, vermag ich nicht zu beurteilen. Dem unbedarften Leser wird dieses Buch als schwaches, fantasieloses Erstlingswerk eines unbekannten Autors in Erinnerung bleiben. Empfehlenswert nur für Leute, die auf nett gemachte Buchcover stehen.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|
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Topf, Markus – Ein Fall für Leon Kramer – Der Kodex (Episode 1)

Mit „Ein Fall für Leon Kramer“ startet die |Hörspiele Welt| eine neue Krimiserie, die aufgrund der übersinnlichen Thematik der ersten Episode ein wenig an den Gottvater des Genres, John Sinclair, erinnert. Jedoch verfolgt Drehbuchautor und Regisseur Markus Topf in seiner ersten Geschichte einen anderen Ansatz und eifert nicht einfach dem unbestrittenen Vorbild nach. Nicht Dämonen und böse Geister werden bekämpft, sondern menschliche Gegner, die mit ihrem finsteren Pendant nur das eine gemeinsam haben, nämlich dass sie in ihrem Handeln skrupellos und unberechenbar vorgehen. Die Idee scheint also ziemlich gut zu sein und verleiht der ziemlich überzeugend durchdachten Geschichte auch ein entsprechendes Potenzial. Und doch verrennt sich die Serie in dieselben Schönheitsfehler wie die Produktionen der „Schwarzen Stunde“ dieses Audioverlags. Ohne lebendige Atmosphäre kann nämlich selbst die tollste Geschichte nicht funktionieren …

_Story_

Leon Kramer ist Experte für Ritualmorde und wird immer dann herangezogen, wenn die Kollegen vom BKA bei ihren Ermittlungen in einer Sackgasse stecken. Auch aktuell ist Kramer wieder mit einem Fall beschäftigt, in dem es um einen seltsamen Mordanschlag geht. Der verdeckte Ermittler verfolgt auch schon alsbald eine ziemlich eindeutige Spur und schafft es sogar, die Täterin zu stellen. Doch just in jenem Moment, in dem die Sache schon abgeschlossen scheint, stürzt sich die Dame in die Tiefe und gibt dem Agenten nur noch eines mit auf den Weg: dass sie durch ihre Gefangennahme gegen den Kodex der Vampire verstoßen hat und deswegen sterben muss.

Kramer steht vor dem wohl merkwürdigsten Rätsel seiner polizeilichen Laufbahn. Vampire waren bisher nur Fabelwesen für ihn, und so kann er die Aussage der geflüchteten Jana Diakovska nicht akzeptieren. Trotzdem folgt er der neuen Spur, die ihn auf direktem Weg zu einer brutalen Gangster-Oranisation führt, die tatsächlich eine Vorliebe für Blut hat. Werden Kramer und seine Kollegin Jacobi die nächsten Opfer dieser Vereinigung?

_Meine Meinung_

Wirft man einen Blick auf die Rahmenbedingungen, hätte bei „Der Kodex“, dem ersten Teil aus dieser Serie, nichts falsch laufen dürfen. Inhaltlich liegt eine ziemlich starke Story vor, mit Fabian Harloff in der Hauptrolle des Leon Kramer hat man einen erfahrenen Schauspieler und auch schon Hörspiel-erprobten Mann verpflichten können, und auch das Thema der Geschichte ist in Zeiten, in denen Dan Brown und seine Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben, auch ziemlich populär – wenngleich sich Topf nicht irgendwie kritisch zur Kirche und anderen religiösen Obrigkeiten äußert bzw. sich überhaupt in diesen Komplex einarbeitet. Vergleiche sind aber durchaus angebracht, ebenso wie man auch bisweilen an Filme wie „Die purpurnen Flüsse“ erinnert wird.

Vielleicht ist es aber jetzt nicht so günstig, diese großen Namen ins Spiel zu bringen, denn das schürt Erwartungen, und denen wiederum kann dieses Hörspiel nur kleinen Ansätzen gerecht werden. Das Problem sind einmal mehr die ziemlich emotionslosen Sprecher. Harloff zum Beispiel ist zwar mit größtem Engagement dabei, wirkt dabei aber manchmal zu impulsiv und emotional der Stimmung der aktuellen Szene nicht angemessen. Zudem hebt er seine Simme mit fast gleichbleibender Akzentuierung und unterscheidet dabei nicht so richtig zwischen wirklich dramatischen Momenten und eher ruhigen Situationen. Weil er zugleich die Erzählstimme übernimmt und den Löwenanteil des Textes an sich zieht, fält sowas natürlich sehr deutlich ins Gewicht und raubt dem Hörspiel zwischenzeitlich auch schonmal Spannung und Atmosphäre – zumal auch hier manchmal der Balanceakt zwischen Erzählung und Bericht etwas schwerfällig gemeistert wird.

Jetzt habe ich aber anfangs die fehlnde Lebndigkeit kritisiert, und man mag sich fragen, wie dies mit Harloffs engagiertem Einsatz zu vereinbaren ist. Nun, das Problem besteht einfach darin, dass die vielen Action-Szenene, die „Der Kodex“ zu bieten hat, nie mit entsprechender Dramaturgie ausgestattet werden. Hier wird mal geschossen, dort droht die nächste Leiche, und irgendwie scheint dies alles nur Nebensache zu sein. Harloff schildert die wilden Verfolgungsjagden zwar sehr detailreich, handelt diese aber dennoch zu trocken und unbeteiligt ab. Und das ist bei einem Thriller schon fast tödlich.

Wirklich schlecht ist das Teil aber auch nicht, schließlich ist die Geschichte interessant und die Bemühungen der Sprecher sind klar zu erkennen. Für die Fortsetzung gilt es aber auf jeden Fall, dem lebendigen Plot eine ebenso lebhafte Untermalung zu gönnen und vor allem nicht die Hauptlast auf den zwei Schultern des Protagonisten zu verteilen. Dieser scheint nämlich trotz allem mit dieser Aufgabe überfordert zu sein. Wobei man auch nie vergessen darf, dass ein gutes Hörspiel von seinen vielzähligen Dialogen lebt. Und auch davon gibt es hier arg wenig. Schade um die gute Geschichte, kann man da nur sagen, denn abgesehen von der fehlenden Atmosphäre ist „Ein Fall für Leon Kramer“ sicherlich ein inhaltlich würdiger Genre-Vertreter.

http://www.hoerspiele-welt.de/

Angerhuber, Eddie M. / Koch, Boris (Hgg.) – Allem Fleisch ein Greuel

_Inhalt:_

„Allem Fleisch ein Greuel“ enthält sieben phantastische Erzählungen von Thomas Wagner, Kathleen Weise, John B. Ford, Michael Siefener, Quentin S. Crisp, Jörg Bartscher-Kleudgen und Matt Cardin. Sie erzählen von der Wahrheit, die unter dem Schleier der Realität liegt, oder etwas, das im Wahn für Wahrheit gehalten wird. Von der Wahrnehmung von mehr als der sichtbaren Wirklichkeit. Es geht um die Wahrheit hinter der Lüge oder um ein verbotenes Geheimnis in einer verschlossenen Kammer. Es geht um das Gesicht unter der Clownsschminke, um Masken und Träume oder das Aufbrechen der Realität mittels Drogen und Worten, oder dem Beginn einer neuen Zeit, die wirkt wie eine Halluzination. Es ist Phantastik ohne Monster.

_Leseprobe:_

|Er trat aus dem Flur in das Wohnzimmer. Eine Aureole gelben Lichts umfloß ihn und alle Spinnen dieser Welt.
Dies war nicht mehr die Zeit der Spinnen.
Leere Flaschen, Scherben und zerschlagene Möbel formten im Sonnenlicht eine Wiese der Zerstörung, einen Abgesang auf den menschlichen Verstand; auf dem Boden verstreute Lebensmittel verdarben wie im Zeitraffer, um die Brutstätte neuen Lebens zu bilden, das sich bereits in ihnen regte.
Das Bildnis eines Dackels hing in schiefem Winkel an der Wand und glotzte grotesk schielend auf das Bild der Verwüstung.
Auf der Tapete tanzte ein Blumenmuster unbeholfene Kapriolen im Sonnenlicht, nur einige merkwürdig asymmetrische Blüten feucht-roter Farbe beteiligten sich nicht an diesem surrealen Reigen. Ihre Blätter erstreckten sich, Farbspritzern gleich, scheinbar ziellos und fordernd über das Muster, um sich an ihren Spitzen auf eine gemeinsame, senkrecht verlaufende Richtung zu einigen.
Aus einer Steckdose ragte ein ineinander verschlungenes Kabel, das sich wie ein Kriechtier abwärts und über den Teppich wand. Einige Fliegen krabbelten im Gänsemarsch über die rotverschmierte Isolierummantelung.
Am Boden lag – auf dem Bauch hingestreckt und mit angewinkelten Gliedmaßen, gleichsam eingefroren in einer letzten aufbäumenden Bewegung – der leblose Körper eines Mannes; bekleidet nur mit einer fleckigen Unterhose, die halb über das bleiche Gesäß herabgerutscht war.
Im Schädel – oder vielmehr in einer unkenntlichen Masse aus Blut und Haar – steckte, einer absurden, lärmenden Krone gleich, ein angeschaltetes Transistorradio.|

aus: Thomas Wagner: „Die gelbe Zeit“

_Rezension:_

Die Mischung nationalen und internationalen AutorInnen macht den Reiz dieser Anthologie aus, in der besonders drei Geschichten |on top| für sich in Anspruch nehmen können: allen voran die von Thomas Wagner (Von dem Mann müsste es viel mehr zu lesen geben! Das würde das Genre erheblich beleben.) Daneben waren für mich die weiteren Highlights: Michael Siefener, Jörg Bartscher-Kleudgen und Matt Cardin, von dem auch die Titelstory stammt. Aber auch die anderen Storys halten ein souveränes Niveau. Das spiegelt sich besonders in den eher subtil düsteren Handlungsbögen wider.

„Allem Fleisch ein Greuel“ ist eine interessante Komposition der Stile und Plots und stellt somit eine dankenswerte Abwechslung zu den vielen Themen-Anthologien dar. Es ist sicher schön, Projekte anzubieten, die thematisch einen „roten Faden“ haben, aber das sollte immer weniger zur ungeschriebenen „Pflicht“ werden. Diese Anthologie ist der beste Beweis dafür, dass es dem Leser zugute kommt.

Die erste Novelle ist „Die gelbe Zeit“ von Thomas Wagner. Nicht nur die erste auch |the very best| mit dem Prädikat „erzählerisch wertvoll“. Eine sprachgewaltige, teilweise bizarre, aber dennoch feine Erzählform die den alltäglichen Horror auf sehr atmosphärische Weise rüberbringt. Ich habe es schon in anderen Anthologien feststellen können, und das Bild rundet sich immer mehr: Thomas Wagner ist ein Autor der Kurzgeschichte! Die Ausbeute derer, die Shortstorys beherrschen, ist gering, aber Thomas Wagner gehört eindeutig dazu. Ein Satz der Geschichte sprach mir besonders aus der Seele: „Der Sommer widerte ihn an, diese durch und durch ordinäre Jahreszeit mir ihren plumpen Farben …“

Michael Siefeners „Die steinernen Träume“ im typisch feinen, unheimlichen Siefener-Stil handelt von einem Protagonisten, der nach einem persönlichen Verlust von Kummer gezeichnet die Begegnung mit einer Heiligen des Ortes, an dem sein verstorbener Vater gelebt hat, macht, deren Reliquien einen verhängnisvollen Einfluss ausüben

In „Die dreizehnte Kammer“ von Jörg Bartscher-Kleudgen rettet ein Walfangkapitän eine Schiffbrüchige, und es entwickelt sich zwischen ihnen eine filigrane Beziehung, die durch das Geheimnis des sonderbaren Mannes, das er in der dreizehnten Kammer verbirgt, in Gefahr gerät. Der Stil des Autors ist wie immer atmosphärisch und eher feingeistig düster. Genau die Prise, die das Besondere ausmacht, und der Handlungsbogen wird durch einen geschickten Perspektivenwechsel erfreulich hoch gehalten.

Matt Cardin setzt sich in „Allem Fleisch ein Greuel“ erzählerisch mit der Auslegung der Bibel auseinander – in einem sehr interessantem Party-Gesprächs-Plot.

Überhaupt zeichnet das die Anthologie aus. Sie lebt von der Bandbreite der Stile und Handlungen, die nicht so sehr dem Klischee entspringen, wie es oft der Fall ist. Aus diesem Grund unterscheidet sie sich dadurch von der breiten Masse und ist ein weiterer Bausteine dafür, dass Kurzgeschichtensammlungen verschiedener Autoren wieder mehr Raum haben sollten als die einzelner Autoren.

Was auch besonders gelungen ist: dass die Herausgeber die Autoren nicht anhand einer herkömmlichen Vita vorstellen, sondern schildern, welchen Bezug sie zu dem jeweiligen Autor haben und diesen dem Leser auf sehr persönliche Weise vorstellen und näher bringen.

Für mich ist der einzige kleine Negativpunkt, dass die Anthologie nicht in eine einheitliche Rechtschreibung gesetzt wurde. Aber das trübt in keiner Weise den Lesegenuss. Was mir ebenso ein wenig fehlt, ist zu jeder Story eine Illustration. Das hätte den Band auch optisch abgerundet.
Ansonsten ist die Aufmachung wie immer bei MEDUSENBLUT gewohnt gut: Covermotiv, Papier, Druck, alles eins-a!

Fazit: Eine lesenswerte Kurzgeschichtensammlung, die einen interessanten Kontrast zwischen nationalen und internationalen Autoren bietet und von sieben Geschichten drei sehr gute plus ein Highlight bietet. Daher kann ich „Allem Fleisch ein Greuel“ nur wärmstens empfehlen!

http://www.medusenblut.de/

Buchwurminfos III/2006

Die Änderungen der _Rechtschreibreform_ wurden von den Ministerpräsidenten der 16 Länder bei ihrer Konferenz in Berlin bestätigt. Die Korrekturen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sind damit wieder mehr an die Sprachpraxis angelegt bestätigt (z. B. „sitzenbleiben“). Wieder einmal zum 1. August wird das Ganze verbindlich. Der |Duden|-Verlag freut sich, denn es gibt wieder eine neue Ausgabe. Für die nun neu gültige Regelung gibt es auch wieder die einjährige Übergangsfrist, in der fehlerhafte Schreibungen nicht gewertet werden. Namhafte deutsche Schriftsteller beharren weiterhin darauf, an der ganz alten Schreibweise unverändert wie bisher festzuhalten. Verleger sehen das nicht anders, z. B. |dtv|-Verleger Wolfgang Beck: „Wie können Menschen, die ganz offensichtlich von Sprache und Literatur keine Ahnung haben, Richtlinien für eine ganze Sprachgemeinschaft vorgeben?“ Das Reformieren wird sicherlich noch lange Zeit weitergehen. Und auch das Bundesverfassungsgericht lässt – mit Ausnahme der bislang Geplagten aus Schule und staatlichen Behörden – alles beim Alten. Im Beschluss vom 2. Mai stellte es fest: „Personen außerhalb dieses Bereiches sind rechtlich nicht gehalten, die reformierte Schreibung zu verwenden; sie sind rechtlich vielmehr frei, wie bisher zu schreiben“. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass die Kultusministerkonferenz an alle Verlage und Publikationsorgane appelliert habe, sich an die veränderten Rechtschreibregeln zu halten.

Oldenbourg und Rowohlt Verlag haben beim Landesgericht München eine Klage gegen die Ausschüttung der _VG Wort_ eingereicht. Der Börsenverein unterstützt dieses Musterverfahren, in dem geklärt werden soll, in welchem Verhältnis die Einnahmen der VG Wort an Autoren und Verlage zu verteilen sind. Der Vorstand der VG Wort hatte beschlossen, einer aufsichtsbehördlichen Anweisung des Deutschen Patent- und Markenamtes entgegen den eigenen Verteilungsplänen zu folgen und einen Teil der Ausschüttung an die Verlage vorerst einzubehalten. Streit gibt es auch zwischen der VG Wort und den Herstellern von Kopiergeräten. Hintergrund sind in beiden Fällen die neuen Urheberrechtsgesetze, die der Gesetzgeber wegen der auftretenden Schwierigkeiten jetzt ändern will.

Die Urheberrechtsklage gegen _Dan Browns „Sakrileg“_ ist vom Obersten Gericht in London abgelehnt worden. Der Richter sah es als nicht erwiesen an, dass Browns Roman Copyright-Rechte verletze. Die beiden klagenden Autoren Michael Baigent und Richard Leigh hatten u. a. behauptet, Brown habe das zentrale Thema seines Buches aus ihrem vor 24 Jahren veröffentlichten Werk „Der heilige Gral und seine Erben“ übernommen. Eigentlich wird das auch schon im Namen des Protagonisten im Sakrileg, dem Gralsforscher Leigh Teabing, deutlich: Leigh = der Nachname von Richard Leigh, Teabing = ein Anagramm von Baigent. Ein kleiner Skandal bot dagegen die Auslieferung der 1,1-Millionen „Sakrileg“-Taschenbücher, wo es zu Verstößen gegen den Erstverkaufstag am 8. April gekommen war.
Bei der ganzen Vermarktungsangelegenheit sollte vielleicht auch auf das neu aufgelegte _“Da Vinci Tarot“_ aufmerksam gemacht werden, das bei IRIS erhältlich ist. Es sind allesamt Bilder von Da Vinci, mit denen man die Geheimnisse der Ideenwelt des Künstlers entschlüsseln kann. Da im Kinofilm Abbildungen aus diesem Deck verwendet wurden, dürfte dieses Tarotset nun Berühmtheit erlangen und könnte zu einem der weltweit erfolgreichsten Tarots werden.
Ansonsten überrascht in heutiger Zeit doch sehr, wie unerträglich die angebliche Blasphemie, dass Jesus mit Maria Magdelena sexuellen Verkehr hatte und sogar Nachkommen zeugte, für die herrschenden Kirchen noch ist. Weltweit ist wegen des Films die katholische Kirche in Aufruhr. Die griechisch-orthodoxe Kirche fordert auf, den Film nicht zu sehen und das Buch nicht zu lesen. Der Vatikan ruft gar zu organisierten Protestaktionen auf und empfiehlt den Gläubigen, den Film wegen Verunglimpfung der Religion anzuzeigen. Und natürlich ist es nicht anders im fundamentalistischen Amerika, wo die Kirchen zum Filmstart „Wahrheitskommissionen“ einsetzten. In Asien kam es beim Filmstart zu den dramatischsten Szenen. In Indien drohten hunderte entrüsteter Christen mit Hungerstreik, falls ihrem gerichtlichen Ersuchen, den Filmstart zu verhindern, nicht stattgegeben würde. Gleiches spielte sich in Korea ab. Auf den zu Dänemark gehörenden Färöern (90 % der Bevölkerung sind Protestanten) boykottieren die Inhaber der Kinos den Film, um ein Zeichen gegen Blasphemie zu setzen. Schon der Film „Das Leben des Brian“ von Monty Python aus dem Jahr 1979 wurde dort bislang aus Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten nie gezeigt.
Deswegen möchte ich auch auf ein überaus teures Werk, _“Römische Inquisition und Indexkongretation – Grundlagenforschung“_, hinweisen, das in 8 Bänden im Schöningh-Verlag für ca. 650 Euro zur Subskription angeboten ist. Sechs davon sind bereits erhältlich. Dieses untersucht, wie der Vatikan jahrhundertelang die Bücher missliebiger Autoren auf den Index setzte. Gemessen an Umfang und inhaltlicher Tragweite handelt es sich um das größte theologische Forschungsprojekt im deutschen Sprachraum, das erst möglich wurde, seit sich 1998 der Zugang zu den vatikanischen Archiven öffnete. Kürzlich wurden sie dem ehemaligen Präfekt der Glaubenskongretation und jetzigen Papst Benedikt XVI. übergeben, der diese Indexgeschichte als wichtigen Meilenstein für eine neue Kirche, die Licht in die dunklen Kapitel ihrer Geschichte bringen will, bezeichnete. Man rechnet damit, dass der Film „Da Vinci Code“ der größte Blockbuster aller Zeiten werden wird, denn auch schon das Buch ist ja eines der erfolgreichsten Bücher, die je verlegt wurden. Weltweit ist Dan Brown auf den Bestsellerlisten und der Titel über 40 Millionen Mal verkauft worden. Das ist zwanzigmal mehr als bis dahin auflagenträchtige Bestsellerautoren wie etwa John Grisham absetzen konnten.

In den _Bestseller-Listen_ bewegt sich fast nichts. Es kommen nur wenige Neueinsteiger überhaupt hinzu und auf den ersten Plätzen halten sich Kehlmanns „Vermessung der Welt“ unverändert seit Januar auf Platz 1, Dan Browns „Sakrileg“, Stephen Kings „Puls“ und Cornelia Funkes „Tintenblut“. Die Kinderbuch-Autorin Funke ist sowieso die eigentliche jüngere Überraschung. In der Hardcover-Belletristik-Bestseller-Liste ist sie mit gleich fünf Titeln vertreten. Auch überraschend und endlich etwas Neues: In den vorderen Plätzen kam im Mai ausgerechnet ein schon vor 30 Jahren erschienenes Perry-Rhodan-Heft nun im Hardcover: „Die Kaiserin von Therm“, das damalige 800. Jubiläumsheft. In den Heften ist man mittlerweile bei 2330, die Leser sind zu 80 % Männer zwischen 35 und 40 Jahren, für die Buchausgaben noch älter. In den Sachbüchern halten sich unverändert Kochbücher und Diäten-Ratgeber, wobei die Umsätze leicht rückgängig sind. Die Sensationsdiät „Schlank im Schlaf“ von Gräfe und Unzer ist dabei die gegenwärtige Nr.1. Auch im Hörbuch-Bereich ist die Jubiläums-Edition von Dan Browns „Illuminati“ sofort nach Erscheinen auf die ersten Plätze geschnellt.

Die _“Stern“-Krimi-Bibliothek_ ist mit 24 Bänden abgeschlossen. Mehr als 750.000 Bücher wurden dabei verkauft. Aber auch die Kriminalbibliothek der _“SZ“_ hat die Erwartungen übertroffen. Krimis sind gefragt. Auch im sonstigen Belletristik-Umsatz liegen sie etwa bei 22 %. Eine große Anzahl der belletristischen Taschenbuchneuheiten macht in diesem Jahr das Thema Liebe und Leidenschaft aus, das für lustvolle Lesestunden sorgt. Aus den Editionen schaffen es in die Bestseller-Listen allerdings unverändert vor allem die Titel aus der _“Brigitte“-Edition_ von Elke Heidenreich. Im August startet die _“Spiegel“-Edition_, die 40 Titel aus 40 Jahren der Spiegel-Bestseller-Liste umfassen wird (20 Romane und 20 Sachbücher), mit einem Band pro Woche, Einzelpreis 9,90 Euro. Vertriebspartner ist dtv. Und im September startet die zwölfbändige _“Bild“-Wissensbibliothek_ in Zusammenarbeit mit Bertelsmann zum Preis von 9,95 Euro.

Mit Beginn des zunehmen „WM“-Vorfeld-Hypes hatte der Bundesgerichtshof (BGH) dem Fußball-Weltverband untersagt, das alleinige Copyright-Recht für den Begriff _“Fußball-WM 2006″_ innezuhalten. Die Fifa hatte den Begriff für mehr als 800 Waren- und Dienstleister eintragen lassen. Damit gab es auch bei den Verlagen ein Aufatmen, denn diese brauchten diese Bezeichnung auch auf ihren Titeln und Buchhandlungen und konnten ihre Ladenflächen und Schaufenster wieder gestalten, ohne gleich rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Interessante Zahlen: Das „Potter“-2005 mit Joanne K. Rowling bescherte dem englischen Verlag _Bloomsbury_ einen Umsatz von 156 Millionen Euro und damit ein Plus von 29 %. Der Vorsteuergewinn verbesserte sich um 24 % (42 Millionen Euro), was den Aktienkurs des Verlagshauses in die Höhe schnellen ließ. Bislang wurden weltweit mehr als 300 Millionen Bücher verkauft. Über 3,5 Milliarden Dollar verdiente der Warner-Konzern bisher mit allen Filmen, eine ähnliche Summe bringt auch das Geschäft mit den Lizenzartikeln ein. Darsteller Daniel Radcliffe wird für seinen Auftritt im fünften Teil „Harry Potter und der Orden des Phoenix“ 14,4 Millionen Dollar Gage erhalten. Autorin Joanne K. Rowling ist die reichste Frau Großbritanniens mit einem geschätzten Vermögen von über einer Milliarde Dollar.

Womit ich mal wieder bei den ganz „Großen“ im Buchgeschäft wäre. Der Konzern _Random House_ wäre durch seine Marktmehrheit ja fast am Kartellrecht gescheitert, hätte er nicht „Heyne“ gezwungenermaßen verkleinert und ein paar TB-Sparten davon abgetreten. Nachdem die Integration von Heyne erfolgreich abgeschlossen war, wurde weiterhin zugekauft, zuletzt DVA, Kösel, Manesse und die Gerth-Medien. Außer den auch in Zukunft geplanten Zukäufen wurden auch ganz neue Marken gegründet, wie Pantheon und Page & Turner. Im Kinderbuch und Hörbuch wurde in den vergangenen Jahren um 85 % zugelegt. Auch bei den „billigeren“ Kiosk-Buch-Editionen war man mit dabei; die Krimi-Bibliothek des „Stern“ lief in Kooperation mit Random House. Eine eigene Bibliothek im Stil dieser Zeitungseditionen dagegen ist nicht geplant. Der Zenit sei erreicht. Zwar kämen noch in den nächsten beiden Jahren einige weitere solcher Editionen auf den Markt, aber man will nicht das eigene Taschenbuchgeschäft schädigen – was diese Editionen nachweislich verursacht hatten. Der Konzern ist die größte deutschsprachige Verlagsgruppe. Bislang blieb der Konzern überraschend dezentral strukturiert, in der Programmarbeit der übernommenen Verlage hat sich nichts grundlegend verändert. Natürlich verändern sich gegenüber früher dennoch die zugekauften Verlage. Das Misstrauen und die Kritik gegenüber Random House ist geblieben, aber natürlich sind die Buchhandlungen darauf angewiesen, die Masse der Random-House-Gruppe einzukaufen und ihren Kunden anzubieten.

Der Kinder- und Jugendbuchverlag _Oetinger_ hat unter dem Label _Atrium_ den Einstieg ins Erwachsenenbuch gestartet. Im Herbst kommen die ersten Titel aus dem Belletristik- und Biografienbereich heraus.

Die _Thieme-Verlagsgruppe_ hat den _Diomed Verlag_ übernommen und damit ihr patientenorientiertes Informationsangebot erweitert. Diomed verlegt derzeit rund 700 standardisierte Patientenbögen in bis zu 13 Sprachen, die Ärzten vor einer Operation zur Information und Aufklärung sowie als Einverständniserklärung des Patienten dienen.

Die _Kinderbuchlabels_ Aare, KBV Luzern und Dachs verschwinden aus den Regalen. Alle waren 2001 zusammen mit Sauerländer von Patmos gekauft worden. Allerdings zeigte sich nur Sauerländer als starke Marke. Ab 2007 laufen alle Programme nur noch unter dem Namen _Sauerländer_ weiter. Ausnahme bleiben die religiösen Kinderbücher, die weiter unter dem Namen _Patmos_ laufen.

Auch _Knesebeck_ setzt auf Kinder und bringt im Herbst erstmals zehn Kinderbücher in einer separaten Vorschau. Pro Jahr sollen zwanzig Titel erscheinen.

Dann arbeitet auch noch der _Gerstenberg Verlag_ künftig mit _dtv_ zusammen und bringt am Oktober bei dtv junior die Reihe „Gerstenberg bei dtv junior“ heraus, mit jährlich zehn bis zwölf Titeln.

Die Wochenzeitung _“Junge Freiheit“_ feiert im Juni ihr zwanzigjähriges Bestehen und hat ihr Image in den letzten Jahren zu verbessern gewusst. Im Mai 2005 hatte sie erfolgreich vorm Bundesverfassungsgericht gegen die Diffamierungen im Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen geklagt und erwirkt, dass dies verfassungswidrig war. Die Prozesse wegen der Erwähnung im Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg sind noch nicht abgeschlossen, aber aufgrund der Entscheidung gegen NRW wurde auch dort im neuesten Bericht die „JF“ nicht mehr erwähnt. Im Frühjahr dieses Jahres sollten sie von der Leipziger Buchmesse ausgeschlossen bleiben, was durch einen „Appell für die Pressefreiheit“ mit 1500 Unterzeichnern, vorwiegend Prominenten, ebenso rückgängig gemacht werden musste. Durch das ursprüngliche Verbot hat somit die Messeleitung Schaden erlitten, und die erwarteten Proteste durch linke Störer sind gänzlich ausgeblieben. Zum Jubiläum ist nun in limitierter Auflage sowohl ein Buch „20 Jahre Junge Freiheit“ als auch eine gleichnamige DVD erschienen, die sich sehr eignen, um sich über die umstrittene Zeitung zu informieren.

Was sich die Türkei wohl so denkt? So schnell ist der Widerstand doch hoffentlich nicht in Vergessenheit geraten. Nach heftiger internationaler Kritik war das Strafverfahren gegen den Schriftsteller _Orhan Pamuk_ im Januar eingestellt worden. Nun hat die türkische Justiz das Verfahren gegen den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels erneut aufgenommen und es geht unverändert um den Vorwurf, dass Pamuk durch seine Äußerungen zur Verfolgung und Ermordung von Kurden und Armeniern das türkische Volk beleidigt habe. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe – wie auch anderen weniger prominenten Autoren und Journalisten, die wegen ähnlicher Vergehen vor Gericht stehen.

Für Medienfurore sorgte auch _Peter Handke_, der am 18. März an der Beerdigung des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten _Slobodan Milosevic_ teilgenommen hat und auch eine Grabrede hielt. In Paris wurden deswegen die für Anfang 2007 geplanten Aufführungen des Handke-Dramas „Spiel vom Fragen oder Die Reise ins sonore Land“ vom Spielplan genommen. Zahlreiche Autoren wie Elfriede Jelinek, Patrick Modiano, Robert Menasse und Paul Nizon protestieren ebenso wie Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz gegen diese Entscheidung.

Der _Drei Eichen Verlag_ hat in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum, gegründet am 1. März 1931 von Ludwig Jordan als Verlag für schöngeistige Literatur in Dresden. 1937 wurden der Verlag von den Nazis beendet und die Bücher verbrannt. Einer der Autoren des Verlags, Hermann Kissener, gründete nach dem Krieg 1947 den Saturn Verlag in München, und dadurch kamen Jordan und Kissener wieder in Kontakt, den sie in den Kriegswirren verloren hatten. Jordan übertrug 1948 Kissener den Drei Eichen Verlag, der sich darauf spezialisierte, ein spirituelles Verlagsprogramm aufzubauen, mit Sitz in der Schweiz. 1980 übernahm Kisseners Sohn Manuel den Verlag, der nunmehr wieder in Niederbayern die Geschäfte führte. Dort war es schwer, gegen die konservative Haltung der Gemeinde und die katholische Kirche anzugehen, die den Verlag als Sekte denunzierten. Deswegen wechselte der Verlag 1994 nach Unterfranken. Nach wie vor publiziert Drei Eichen ein Programm mit spirituellen Weisheiten aus Ost und West und richtet sich nicht nach den Verkaufszahlen der Titel. Alle Bücher sind im lieferbaren Programm geblieben. Der erfolgreichste Verlagstitel ist sicherlich die „Einweihung“ von Elisabeth Haich.

100 Jahre alt geworden ist der bei München ansässige Verlag _Langewiesche-Brandt_. Kaum bekannt dennoch, da er keine Produktionen für die Masse publiziert, sondern sehr feine und äußerst niveauvolle Bücher.

Am 6. Mai war der 150.Geburtstag von _Sigmund Freud_, und in den Medien wurde dies auch sehr breit ausgeführt. Das stärkte etwas die Psychoanalyse, die längst nicht mehr ihren Stellenwert vom Anfang des letzten Jahrhunderts oder auch in den 1960er Jahren hatte. Heute ist die Psychoanalyse in der Wissenschaft doch eher sehr umstritten. Zum Jubiläum sind unzählige Titel erschienen, die sich erstmals in ihrer Breite auch an eher breiteres Publikum wenden und leichter verständlich sind als die bisherigen Schriften. Hervorzuheben an wirklich interessanten Titeln sind vor allem folgende drei: Klaus Theleweit „Absolutely Freud“ (Orange Press), Eli Zartesky „Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse“ (Zsolnay) und Micha Brumlik „Sigmund Freud. Der Denker des 20.Jahrhunderts“. Im Letzteren geht der Autor der gewagten Frage nach, ob die Erfindung der Psychoanalyse nicht einer der bedeutendsten Beiträge des Judentums für die europäische Kultur sei. Aber auch beim Hörbuch gibt es in Kooperation des Hörverlags mit der Wochenzeitung DIE ZEIT eine interessante Höredition „Entdeckungen auf der Couch“, deren Sammlung die wichtigsten Texte des Psychoanalytikers zu Themen wie Traumdeutung, Liebesleben, das Unbewusste und den Ödipuskomplex umfasst. Gelesen von prominenten Sprechern wie Gudrun Landgrebe, Roger Willemsen, Michael Krüger, Ulrich Noethen, Hannah Schygulla und Juliane Köhler.

Der Kritiker, Publizist und Übersetzer _Walter Boehlich_ ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Bekannt vor allem durch Übersetzungen von Tania Blixen, Hjalmar Söderberg, Herman Bang, Ramon José Sender, Lope de Vega und Virginia Woolf. Mitte der 50er Jahre arbeitete er unter Peter Suhrkamp im Suhrkamp Verlag bis hin zu den Zeiten unter Siegfried Unseld. Er war maßgeblich mitbeteiligt an dem, was man die „Suhrkamp-Kultur“ nennt. Dort wird er in der Verlagsgeschichte mittlerweile verschwiegen, denn 1968 kam es zum legendären „Aufstand“ der Lektoren, was zur Gründung des Verlags der Autoren führte.

Der _Deutsche Jugendliteraturpreis_, einziger Staatspreis für Literatur in Deutschland, feiert sein 50-jähriges Bestehen.

Und auch die _Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur_ feiert ihr dreißigjähriges Bestehen. Sie wird von der Stadt Volkach am Main finanziell unterstützt, sowie durch die Bayrische Sparkassenstiftung, die den jährlichen _Großen Preis_ für ein literarisches bzw. graphisches Gesamtwerk oder für herausragende wissenschaftliche, publizistische oder literaturpädagogische Arbeiten im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur stiftet. Monatlich prämiert die Akademie jeweils drei Neuerscheinungen aus den Bereichen Bilder-, Kinder- und Jugendbuch zum _Buch des Monats_. Außerdem werden seit 1982 verdiente Persönlichkeiten mit dem _Volkacher Taler_ ausgezeichnet. Seit ihrer Gründung finden Tagungen und Seminare für Kinder- und Jugendliteratur statt und in einer Schriftenreihe veröffentlicht. Darüber und einiges weitere mehr findet sich auch etwas im Internet unter www.akademie-volkach.de.

Der _Friedrich-Glauser-Krimipreis 2006_ der Autorenvereinigung Das Syndikat ging an _Astrid Paprotta_ für ihren Roman „Die Höhle der Löwin“ (Piper).

Den _Büchnerpreis_ der Akademie für Sprache und Dichtung erhielt kurz vor seinem 80. Geburtstag der Großmeister der experimentellen Lyrik, _Oskar Pastior_.

Die Iranerin _Shirin Ebadi_ erhielt 2003 den Friedensnobelpreis. Wie wurde als erste Frau im Iran zur Richterin ernannt und war von 1975 bis 1979 Vorsitzende des Teheraner Stadtgerichts. Mit dem Sturz des Schah-Regimes 1979 und der Ausrufung einer islamischen Republik musste sie ihr Richteramt aufgeben. Seither arbeitet sie als Anwältin und setzte sich unter anderem für politische Gefangene, benachteiligte Frauen und Kinder ein. Nun ist ihre Autobiografie _“Mein Iran“_ erschienen. Zur Vorstellung dieses Buches reiste sie nach Berlin und warnte vor einem Militärschlag: „Trotz aller Kritik, die wir an der iranischen Regierung haben, darf kein einziger amerikanischer Soldat seinen Fuß auf iranischen Boden setzen“. Das Beispiel Irak zeige, welchen Preis das Volk für den Sturz von Diktatoren bezahlen müsse. „Der Irak steht an der Schwelle eines Bürgerkriegs und der Spaltung des Landes. Das ist das Ergebnis des willkürlichen Angriffs der USA auf den Irak“. Die US-Medien verbreiteten derzeit ein Bild vom Iran, mit dem die Öffentlichkeit auf einen Angriff auf ihr Land vorbereitet werden solle. Sie fordert Washington und Teheran auf, ihre Differenzen durch Verhandlungen beizulegen. Nur mehr Demokratie könne die Nutzung der Kernenergie in ihrem Land kontrollierbarer machen.

Die Deutsche Umweltstiftung verlieh ihren _19. Umweltpreis für Journalisten_ dem _Strahlentelex_ (Unabhängiger Informationsdienst zu Radioaktivität, Strahlung und Gesundheit) und würdigte eine 20-jährige unabhängige Informationsarbeit. Das monatliche Printmedium gibt es für 64 Euro im Jahresabo bei Strahlentext, Waldstr.49, 15566 Schöneiche bei Berlin. Im Internet unter www.strahlentelex.de.
Der bekannte Autor Erik Neutsch („Spur der Steine“) stellt seinen künstlerischen Nachlass zur Verfügung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung übernimmt die Treuhänderschaft. Die _“Erik-Neutsch-Stiftung“_ hat als unselbständige gemeinnützige Stiftung in der Rosa-Luxemburg-Stiftung den Zweck, politische Bildung, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie internationale Verständigung und Zusammenarbeit zu fördern. Die Stiftungsurkunde wurde am Mittwoch, dem 17. Mai 2006, von dem Stifter Erik Neutsch und dem Geschäftsführenden Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Evelin Wittich, in Halle/Saale feierlich unterzeichnet. Als Auftakt in der Arbeit der Erik-Neutsch-Stiftung wird am 21. Juni 2006 bei der RLS in Berlin ein Kolloquium zum 75. Geburtstag des Autors stattfinden.
Der Bundestag hat nun am 6. April in dritter Lesung das Gesetz verabschiedet, mit dem _Die Deutsche Bibliothek_ in _Deutsche Nationalbibliothek_ umbenannt werden soll. Der Weg durch die Gremien ist damit aber noch nicht abgeschlossen, da der Bundesrat die Entscheidung noch billigen muss – ohne zustimmungspflichtig zu sein. Vom Bundesrat war gegen die Namensänderung ja im Vorfeld erhebliche Kritik ausgegangen.

Der ehemalige Direktor der Frankfurter Buchmesse, _Volker Neumann_, (davor Marketing-Chef bei Random House) ist wieder ins direkte Buchgeschäft gegangen. Seit 1. Mai ist er Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Pendo. Der gegenwärtige Pendo-Verleger Christian Strasser war früher Verleger von Ullstein Heyne List.

_Juergen Boos_, der neue Direktor der Frankfurter Buchmesse, will die Frankfurter Buchmesse als internationale Marke profilieren. Nach der Buchmesse in Kapstadt, die im Juni dieses Jahres zum ersten Mal stattfindet, hat er nun sogar eine Gegenmesse zur London Book Fair ins Leben gerufen. Der erste Auftritt der _Book Fair Earl`s Court_ in London war vom 16. – 18. April 2007 geplant und tritt gegen die _London Book Fair_ an, die vom internationalen Messeveranstalter „Reed Exhibitions“ organisiert wird und bereits vom 5. bis 7. März stattfinden sollte. Da der Frankfurter Messeableger nicht außerhalb, sondern in der Innenstadt stattfindet, hatte er bereits jetzt nicht nur deswegen die größere Rückendeckung der großen Verlage. Reed Exhibitions, die weltweit 460 Veranstaltungen organisiert, reagiert sehr verschnupft auf die Frankfurter Pläne, denn auch die Standpreise waren günstiger als bei ihnen. Reed ist ein börsenorientierter Messeveranstalter, der profitorientiert denkt. Die Frankfurter Messe dagegen will den besten Service für die Branche bieten und nicht nur den Profit. Jürgen Boos ging sehr zuversichtlich davon aus, dass im Jahr darauf die London Book Fair nicht mehr stattfinden wird. Es sei kein Bedarf für zwei Buchmessen. Ein „Krieg der Messen“ hat damit begonnen. Die Verträge für die Messehalle _EC&O_ waren bereits zur Unterschrift in Frankfurt eingegangen, als im letzten Moment die Messehalle den Partner wechselte und Reed die Hallen für den von der Frankfurter Messe geplanten April-Termin vergab. Reed hat zudem seine Standpreise um 8 % zum Vorjahr gesenkt. Die Frankfurter Buchmesse prüft nun, ob sie den Betreiber des Messezentrums juristisch auf Schadensersatz belangen kann. Man spricht aber nicht von einem Imageverlust für die Frankfurter Messe, sondern vom Gegenteil. Im Ausland habe es sogar einen Imagegewinn gegeben, da die dortigen Verlage enttäuscht sind. Für die deutsche Messe sind zwei Märkte sehr wichtig: der englischsprachige und der sich entwickelnde Markt in China. In Peking unterhält man bereits das Buchinformationszentrum, das die deutschen Verlage beim Rechtshandel unterstützt.

Der _Börsenverein_ bereitet seit Jahren eine umfangreiche Verbandsreform vor, deren Ziele mehr Transparenz, Kommunikation und Partizipation sind. Obwohl diese Ziele unumstritten sind, wurde auf der Abgeordnetenversammlung im April die Entscheidungen darüber aufs nächste Jahr vertagt. Die Finanzkontrolle z. B. soll ganz an die Hauptversammlung abgeben werden. Ein Branchenparlament sollte im Herbst bereits die Abgeordnetenversammlung ablösen. Die Abgeordneten stimmten dem jedoch nicht zu. Noch werden die Konflikte zwischen Hauptversammlung und Abgeordnetenversammlung eher heruntergespielt, aber es scheint sich ein Machtkampf im Verband anzubahnen. Ein umstrittenes und umkämpftes Thema ist auch die „Volltextsuche online“.

Zum zweiten Mal werfen wir in den regelmäßigen Buchwurm-Infos auch einen Blick auf das Comic-Geschehen. Der _Konkursbuchverlag_, dessen literarisches Programm aus fernöstlicher Literatur sowie Sex eine ganz besondere Nische bedient, ist vor einiger Zeit auch mit einer Comic-Reihe angetreten: _“Small Favors – Girly Sex Comic“_, gezeichnet von der Autorin Colleen Coover, die Sex-Comics auch für Frauen etablieren will. Tatsächlich sind die Geschichten der kleinen Annie und ihrer Freundin Nibbil recht funny wie auch anregend anzuschauen. Die niedlichen romantischen Storys stecken darüber hinaus voller Ironie.
Die eigentlichen sich gut verkaufenden Comics – vor allem an den Bahnhofsbuchhandlungen – bleiben allerdings die Superhelden. Bei DC ist der zweite Band der _Infinite Crisis Monster Edition_ erschienen, ein gigantisches Crossover, welches, wie zuletzt vor zwanzig Jahren geschehen, die Welt der Superhelden um Superman, Batman und Wonderwoman gewaltig durcheinander wirbelt. Nun haben sich auch die Superschurken unter der Leitung von Lex Luthor zusammengeschlossen. Und passend zur Rückkehr von Superman ins Kino kommt auch im Comic ein ganz neuer _Superman_ mit _“Die Rückkehr 1″_ in den Handel. Gezeichnet von dem Koreaner Jim Lee, der mit X-Men bei Marvel begann und danach seine eigene Firma gründete. Mit dem Autor Brian Azzarello erschuf er eine von Story wie Zeichnung ganz außerordentliche Superman-Episode. Im Kino waren bislang aber die „X-Men“ die eigentlich großen Renner und deswegen gibt es sie auch in vielen Variationen auf dem Comic-Markt. Sehr löblich ist es deswegen, die allerersten Folgen von Stan Lee und Jack Kirby innerhalb der Reihe _“Marvel History“_ neu aufzulegen. Gerade ist _“X-Men, Bd.1″_ mit den ersten zehn Geschichten von September 1963 bis März 1965 erschienen. Zeichnerisch ein Riesenunterschied zur aktuellen Reihe, die unter _“Die ultimativen X-Men“_ am Kiosk läuft. Gegenwärtig bekommt man dort die auf fünf Teile angelegte Story „Magnetischer Nordpol“. Star der X-Men ist seit den Filmen zweifellos Wolverine geworden und den gibt es in einem Spezialband _“Wolverine: Origin“_, der von Starzeichner Andy Kubert in einem Meilenstein der Comickunst die Ursprungsgeschichte davon, wie es mit Wolverine begann, erzählt. Auch eine neue Spiderman-Version ist im Mai am Kiosk gestartet: _“Im Netz von Spider-Man“_ mit Band 1 – Das Andere, eine auf zwölf Folgen angelegten Story „Evolution oder Tod“. Ärgerlich nur, dass man auch, um die Story zu haben, den regulären Kiosk-Spiderman kaufen muss, denn nach den ersten vier Storys im eigenen Heft folgen die nächsten vier in der Normalausgabe und die restlichen vier dann in Band 2. Interessanter sind deswegen dann schon auch hier die Sonderbände, wo Spiderman in _Marvel Exklusiv Nr. 61_ als _Spider-Man: House of M_ zelebriert wird. Im House of M existiert das „normale“ Marvel-Universum nicht mehr. In dieser Welt regieren die Mutanten unter der Schirmherrschaft von Magneto und die normalen Menschen bilden die Minderheit. Hier lebt Peter Parker mit seiner Ehefrau Gwen Stacy ein sehr luxuriöses Leben und in der Öffentlichkeit ist er der Wrestling-Star Spider-Man. Eine sehr interessante Variante.
Sehr lobenswert ist, dass Panini seit einiger Zeit auch ins DVD-Filmgeschäft eingestiegen ist und neben Zeichentrickklassikern wie „Ghost in the Shell“, „Akira“ und „Blood – The Last Vampire“ auch eine ganze Menge Mangas auf den Markt wirft, die sonst keinerlei Chance auf dem deutschen Markt hätten. Ein aktuelles Beispiel dieser _Anime-DVD-Collection_ ist _“Dead Leaves“_ aus dem Studio _Production I.G._, die ihren großen Durchbruch mit „Ghost in the Shell“ hatten, mittlerweile aber auch in amerikanischen Produktionen animierte Kapitel erarbeiten, wie in Quentin Tarantino`s „Kill Bill, Vol. 1“. „Dead Leaves“ ist eine sehr schräge Sci-Fi-Geschichte, deren Charaktere in ein überaus gewalttätiges, chaotisches und respektloses Abenteuer geraten.

Zu guter Letzt: Es tut sich viel auf dem Verkaufsmarkt. Im nächsten Jahr wird _“LIDL“_ den Bahnhöfen, Buchhandlungen und Kiosken Konkurrenz machen und ein breites Zeitungs- und Zeitschriftenangebot in seinen Läden etablieren. Die _Bahnhofskioske_ und -Buchhandlungen dagegen werden mehr auf Hörbücher, CDs, DVDs, aber auch MP3s, die man für die Reise runterladen kann, umsteigen.

|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|

Huff, Tanya – Hüte sich wer kann (Die Chroniken der Hüter 3)

[„Hotel Elysium“ 1481
[„Auf Teufel komm raus“ 1995

Nach „Hotel Elysium“ und „Auf Teufel komm raus“, folgt nun mit „Hüte sich wer kann“ der dritte Streich der |Chroniken der Hüter|. Den beiden Hüterinnen Claire und Diana Hansen steht diesmal Schlimmes bevor, denn sie haben es nicht nur mit einem Loch zur Hölle, sondern gleich mit einem Übergang zu tun. Und wo würde ein Übergang zur Hölle besser hinpassen als in ein Einkaufszentrum?

Ein verzaubertes Armband führt Claires kleine Schwester und frischgebackene Hüterin Diana an ihrem letzten Schultag in das West-Gardener Einkaufszentrum. Bei einer ersten Überprüfung muss sie bestürzt feststellen, dass die Hölle dabei ist, in einem der Läden, der passenderweise |Erlkönig| heißt, einen Übergang zur Hölle zu erschaffen. Dazu muss die Hölle ein Stück der Gegenseite der Realität immer mehr anpassen, bis es diese irgendwann ersetzen kann. Sollte dies geschehen, hätte die Hölle einen permanenten Übergang. Die Folgen davon sollte sich jeder selbst ausmalen können.

Trotz einer fatalen Neigung zur Selbstüberschätzung merkt Diana (mit ein bisschen Hilfe ihres Katers Sam), dass sie trotz all ihrer Macht mit der Schließung eines Überganges völlig überfordert wäre. Dazu braucht es nicht nur Kraft, sondern auch eine Menge Erfahrung. Wie gut, dass ihre viel erfahrenere Schwester Claire zusammen mit ihrem Freund Dean und Kater Austin das ehemalige Höllenloch Hotel Elysium ganz in der Nähe bewirtschaftet.

Zusammen haben die beiden Schwestern Macht und Erfahrung, nun fehlen ihnen zur endgültigen Schließung des Überganges nur noch ein paar Informationen. Um ihren Feind besser kennen zu lernen, versuchen Claire und Diana durch den Erlkönig hinüber auf die Gegenseite zu wechseln. Sowohl die Schwestern als auch Sam gelangen sicher hinüber, nur für Austin bleibt der Übergang verschlossen. Als klar wird, dass es für ihn keine Möglichkeit gibt, Claire zu folgen, kehrt er mit Dean ins vermeintlich sichere Hotel zurück.

Doch wenn die Hüter aus dem Haus sind, … tanzen die Mumien auf dem Tisch. Während Claire und Diana sich im Ausspionieren der Hölle üben, bekommen es Dean und Austin mit äußerst merkwürdigen Hotelgästen zu tun. Neben den sieben Champions der Zwergenliga (inklusive Managerin mit einer Haut weiß wie Schnee, Haaren schwarz wie Ebenholz und Lippen rot wie Blut), verlangen auch der Ägyptologe Dr. Rebik und seine etwas vertrocknete Freundin Meryat ein Zimmer. Dass Meryat eine reanimierte, fünftausend Jahre alte Mumie ist, schockt weder Dean noch Austin, doch warum geht es der Mumie immer besser, während Dr. Rebik immer älter zu werden scheint?

Im Einkaufszentrum der Gegenseite treffen Claire und Diana auf Einkaufselfen, Straßenkids, die aus der Realität in das Einkaufszentrum der Gegenseite hinübergewechselt sind und sich dort in Elfen verwandelt haben. Angeführt von einer Anime-Version des legendären König Artus, leisten sie erbitterten Widerstand gegen die Schergen der Hölle. Da die beiden Hüterinnen auf der Gegenseite keine ihrer speziellen Kräfte anwenden dürfen und somit allein auf die mitgebrachten Gegenstände und ihren Verstand angewiesen sind, erweisen sich die Einkaufselfen als ideale Verbündete beim Kampf gegen die Hölle. Doch die Kräfte der Hölle scheinen unüberwindlich und bald wird den Hüterinnen klar, dass eine Schließung des Übergangs nur unter großen Opfern zu erreichen ist.

Auch im dritten Teil der „Chronik der Hüter“ gelingt es der 49-jährigen Kanadierin Tanya Huff, Fantasy und Humor gekonnt miteinander zu verbinden. Während der Haupthandlungsbogen um Claire und Diana im Vergleich zu den vorherigen Bänden etwas ernster geraten ist, macht die Nebenhandlung um Dean und Austin alles wieder wett. Der junge, unerfahrene, aber äußerst gutherzige Zuschauer Dean bildet zusammen mit dem alten, erfahrenen und pragmatischen Kater eine wirklich explosive Mischung.

Durch den Wechsel der beiden Hüterinnen auf die Gegenseite kommen einige interessante neue Möglichkeiten ins Spiel, die von der Autorin hervorragend genutzt werden, um dem Kampf gegen die Hölle neues Leben einzuhauchen. Mit Sam wird ein neuer feliner Hauptdarsteller eingeführt, jünger als Austin und durch seine himmlische Abstammung manchmal nicht so ganz auf der Höhe, was feline Etikette betrifft. Leider entwickelt Sam hier noch nicht wirklich einen eigenständigen Charakter, sondern scheint vielmehr ein jüngeres unerfahrenes Abbild von Austin zu sein. Trotzdem kann sich wohl jeder Dosenöffner in der Beziehung von Sam und Diana wiederfinden.

Nicht nur durch die spannende und witzige Geschichte ist „Hüte sich wer kann“ wirklich empfehlenswert. Auch optisch macht der Roman einen sehr guten Eindruck. Das Cover wurde vom |Feder & Schwert|-Verlag wieder sehr edel gestaltet und ist zusammen mit den beiden anderen Bänden ein Blickfang in jedem Bücherregal.

http://www.feder-und-schwert.com/

Camilla Läckberg – Der Prediger von Fjällbacka

Eigentlich müsste diese Besprechung mit ungefähr diesen Worten anfangen: Camilla Läckberg ist das next best thing aus Krimi-Schweden.

Aber da dieser Satz schon in Verbindung mit zu vielen Büchern gefallen ist und ich es beim besten Willen nicht einsehe, ein derartig gutes Buch in eine Schublade zu stecken, lassen wir das lieber und konzentrieren uns auf die eigentlich wichtigen Punkte.

„Der Prediger von Fjällbacka“ ist Läckbergs zweiter Roman nach „Die Eisprinzessin schläft“ und spielt am gleichen Ort und mit den gleichen Personen wie das Debüt.

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Hearn, Lian – Schwert in der Stille, Das (Der Clan der Otori – Band 1)

Sushi, Manga und Toyota – Japan ist längst in Europa angekommen. Auch die Britin Lian Hearn ist fasziniert von dem fernen Inselreich im Pazifik. Der Leidenschaft für die fernöstliche Welt entsprang das Jugendbuch „Das Schwert in der Stille“, der erste Teil ihrer dreibändigen Fantasy-Saga.

„Das Schwert in der Stille“ spielt „in einem imaginären Land in einer feudalen Epoche“, so die Autorin im Vorwort ihres Romans. Hearns Hauptfigur ist der jugendliche Takeo aus dem abgelegenen Bergdorf Mino. Sein friedliches Leben nimmt ein jähes Ende, als sein Heimatort von dem finsteren Clan der Tohan ausgelöscht wird. Bauernhöfe brennen, die Einwohner werden von wilden Kriegern niedergemäht, niemand soll überleben.

Nur durch einen Wink des Schicksals gelingt es dem Jungen zu entkommen. Er flüchtet direkt in die Arme eines anderen Kriegers und fürchtet schon, dass nun sein letztes Stündlein geschlagen hat. Der Fremde – groß, kräftig und bewandert im Umgang mit der Klinge – stellt sich als Shigeru vor, Lord der Otori. Er ist ein erklärter Feind des Hauses Tohan und tötet Takeos Verfolger ohne viel Federlesens.

Shigeru nimmt sich des heimatlos gewordenen Jungen an und geht mit ihm in die Residenzstadt Hagi. Dort lernt Takeo ein völlig neues Leben am Hof des großen Clans kennen. Schnell muss er begreifen, dass das friedliche Dasein auf dem Land jetzt ein Ende hat. Die Auseinandersetzungen der großen Häuser fordern ihm einiges an Raffinesse und Anstrengung ab, um im steten Intrigenspiel nicht unterzugehen. Ungeachtet der Gefahren sieht er mit Ruhe und Geduld dem Moment entgegen, sich für den Mord seiner Eltern zu rächen. Dabei wollte er nie zu einem Mörder werden.

Hearns Schreibstil ist unterhaltsam und kurzweilig, leider jedoch wenig pointiert und nur mäßig spannend. Wer dem Geist des feudalen Japans auf die Spur kommen möchte, findet zwischen den Buchdeckeln nur geringe Befriedigung. Man spürt, dass es eine Europäerin ist, die über ein Land schreibt, dessen Spiritualität sie nur ungenügend wiedergeben kann. Es fehlt an Details, die die Geschichte lebendig machen. Stattdessen beschleicht einen hin und wieder das Gefühl, einem spröden Gedankenkonstrukt gegenüberzustehen. „Das Schwert in der Stille“ ist ein solider Fantasy-Roman, geeignet für den Strandkorb oder die U-Bahn. Den Leser fesseln kann er allerdings nicht.

Die beiden nachfolgenden Bände „Der Pfad im Schnee“ und „Der Glanz des Mondes“ sind ebenfalls im |Carlsen|-Verlag erschienen.

http://www.otori.de

Laymon, Richard – Rache

Er wollte nur kurz in den Drugstore und ein Päckchen Kondome besorgen, doch nun wartet Sherry, eine junge Aushilfslehrerin, schon mehr als eine Stunde auf ihren Lover Duane. In der korrekten Annahme, dass er sich in der Aussicht auf eine heiße Liebesnacht nicht einfach empfohlen hat, macht sie sich zunehmend besorgt auf die Suche. Die Sommernacht ist heiß, auf den Straßen sieht man kaum einen Menschen. Sherry ist deshalb froh, als sie ein bekanntes Gesicht sieht. Toby Bones sitzt in einer der Klassen, die sie unterrichtet. Er bietet ihr an, auf der Suche nach Duane zu helfen. Sherry nimmt an, zumal sie amüsiert und geschmeichelt bemerkt, dass sich der schüchterne, dickliche Toby zu ihr hingezogen fühlt.

Doch hinter der Maske höflicher Zurückhaltung steckt ein Psychopath. Schon lange brodelt es in Toby. Er ist ein gesellschaftlicher Niemand, ein unattraktiver Außenseiter, den die Mädchen keines Blickes würdigen. In dieser Nacht bricht er alle gesetzlichen und moralischen Brücken hinter sich ab. Toby will sich rächen an der Welt – aber vor allem will er eine Frau: Sherry, die er nicht mehr aus der Ferne verehren sondern sie sich nehmen wird.

Genauso geschieht es und es ist fast zu leicht. Einmal in Tobys Gewalt, gelingt es Sherry nicht, ihm zu entfliehen. Die Stadt scheint verödet, niemand bemerkt ihre Not. Die wenigen Pechvögel, denen sie sich verständlich machen kann, werden von Toby kurzerhand massakriert. Auch der arme Duane hat bereits sein Ende gefunden. Sherry ist auf sich gestellt. Ziellos fährt sie mit einem auch den Rest seiner Kontrolle verlierenden Toby durch die Straßen. Verzweifelt redet sie auf ihn ein, verhandelt, heuchelt Zuneigung, verspricht Gehorsam, selbst als Tobys Übergriffe zunehmend brutaler werden. Sherry weiß genau, dass sie sein letztes Opfer werden soll. Doch sie will leben und schmiedet einen verzweifelten Plan – nur: Wird ihr der irre aber schlaue Toby die Gelegenheit geben, ihn umzusetzen, oder muss sie vorher sterben wie so viele, deren Weg das unfreiwillige Paar kreuzt …?

„Rache“ erzählt eine ganz einfache Geschichte von Entführung, Folter, Mord und natürlich Rache. Autor Laymon berichtet, was geschieht, wobei er keinen Moment die Augen abwendet bzw. kein Blatt vor den Mund nimmt. „Rache“ ist ein finsterer, beklemmender, schmutziger Thriller, der sich einen Dreck um das schert, was heute als politisch korrekt gilt. Stattdessen lotet Laymon zwei kriminalistische Phänomene aus: den Serienmord und die Selbstjustiz.

Der Serienmörder hat es zum Medienstar und zur Kultfigur gebracht. Das „Publikum“ liebt Berichte und „True Crime“-TV-Shows, in denen akribisch die Jagdstrecken möglichst blutig vorgehender Killer nachgezeichnet werden, immer neue, bizarrere Hannibal-Lecter-Klone entspringen den Hirnen einfallsarmer Roman- und Drehbuchautoren. Psychologen und Kriminologen machen sich viele wichtige Gedanken um das Wer und Wieso; gern dürfen auch die Angehörigen der Opfer ins Rampenlicht.

Jenseits dieses Rummels lauert die schmutzige Realität. Psychopathische Attacken sind keine kriminalistischen Planspiele, sondern direkte Angriffe auf Leib und Seele. „Rach“ schildert genau das in einfachen, deutlichen, drastischen Worten, ohne „literarische“ Ambitionen und damit auch ohne Ablenkungen. Dadurch bleibt jederzeit klar, dass hier ein nackter, erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod stattfindet. Jegliche Würde, jegliche Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Sherry und Toby lassen die Masken fallen – die eine will erst überleben und dann Rache, der andere endlich seinen unterdrückten Trieben freien Lauf lassen. Daran ist nichts Heroisches, Sherry keine verkappte Leistungssportlerin mit Nahkampfausbildung, die zielsicher zurückschlagen wird, Toby kein Täter, dem per Diskussion rational beizukommen wäre. Auf ein wunderbares Hollywood-Happy-End darf man nicht hoffen, daran lässt der Verfasser keinen Zweifel.

Laymon lässt kein Entrinnen zu. Hin und wieder gelingt Sherry eine „kleine“ Flucht, die jedoch im Nichts öder Parkplätze oder verlassener Hinterhöfe endet. Sherry ist nicht schnell genug bzw. Toby zu brachial in seinem Amoklauf. Die wenigen Menschen, die in dieser Sommernacht unterwegs sind, scheren sich wenig umeinander. Bald gibt es Sherry gänzlich auf, Aufmerksamkeit zu erregen: Entweder hilft ihr niemand – und wer ihr hilft, wird sterben, denn bevor es ihr gelingt, dem potenziellen Retter die Situation zu verdeutlichen, taucht schon Toby auf und macht kurzen Prozess. Ihren Kampf müssen Sherry und Toby unter sich ausfechten, und es wird nur eine/r überleben.

Sherrys Fluchtversuche enden auch deshalb im Nichts, weil sie völlig unvorbereitet und arglos in Tobys Falle tappt: Der Durchschnittsbürger schaut sich gern die zahlreichen „Vorsicht, Strolche!“-Sendungen im Fernsehen an, kann oder will aber nicht begreifen, dass ihm oder ihr jederzeit ein ähnliches Schicksal blühen könnte. In äußerster Not muss Sherry den Umgang mit einem Psychopathen lernen. Fehler werden schmerzhaft bestraft. Vor allem begreift Sherry ihre völlige Hilflosigkeit. Niemand will oder kann ihr helfen. Retten kann sie sich nur selbst. Die vertraute Welt, in der sie sich tagsüber so selbstsicher bewegt, hat sich in ein Labyrinth verwandelt, das sie mit einem Ungeheuer teilt. Die Nacht ist Tobys Welt. Wenigstens für einige Stunden ist er der absolute Herrscher.

Die Lehre, die Sherry aus ihrer Horrornacht zieht, ist folgerichtig: Hilf dir selbst, denn dir wird niemand helfen. „Hilfe“ bedeutet in diesem Fall auch „Rache“: Sherry will keine Polizei, Toby soll nicht vor Gericht; sie wünscht keine peniblen, öffentlichen Schilderungen ihres Martyriums, und der Justiz vertraut sie nicht. Also nimmt sie das Recht in die eigene Hand – und wird selbst zur Kriminellen, die zudem noch zwei Halbwüchsige manipuliert, damit sie ihr zur Seite stehen.

Toby ist kein organisierter Täter, er hinterlässt überall Spuren. Er wird letztlich scheitern, man wird ihn fassen oder erschießen. Toby ist sich dessen dunkel bewusst, doch hier und jetzt ist es ihm völlig egal. Die Zukunft hat er aus seinem Lebenskonzept gestrichen. Immer haben „die Anderen“ – die Klügeren, Hübscheren, Reichen – bekommen, was ihm ebenfalls zusteht, wie er glaubt. Für ihn blieben nur Tritte, Hohn und Beschimpfungen. Wenn er nicht teilhaben darf, dann holt er sich eben, was er will, und pfeift auf die Konsequenzen. Endlich kann Toby bestimmen, was geschieht. Das macht ihn zum gefährlichsten Menschen überhaupt, denn er hat nichts zu verlieren und wird sich jeden noch so perversen Wunsch erfüllen.

War Toby schon immer ein Psychopath oder hat ihn sein trostloses Leben dazu „gemacht“? Es gibt einen kurzen Texteinschub, aus dem hervorgeht, dass es beim Tod seiner Eltern nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Darüber hinaus verhindert Laymon auch diesen Versuch einer rationalen Erklärung. Diese Frage ist irrelevant. Toby handelt – und als Resultat seiner Taten sterben Menschen. Wieso er das tut, darüber werden später Kriminalisten, Anwälte, Psychologen und Medienvertreter ausgiebig diskutieren. Für Sherry wird es dann allerdings zu spät sein. Die brutale Eindeutigkeit dieser Erkenntnis schmerzt vor allem Gutmenschen. Laymon schildert ohne Heuchelei eine Situation, in der Gewalt scheinbar nur durch Selbstverleugnung, Erniedrigung und Gegengewalt gekontert werden kann. Zudem lauert sie nach Laymon in den meisten Menschen und wartet auf ihre Gelegenheit: Toby ist selbst überrascht, als er unter denen, die er mit Waffengewalt in seinen Bann bringt, immer wieder freiwillige Komplizen findet. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ihren eigenen sadistischen Anwandlungen zu folgen, und „entschuldigen“ es damit, dass sie von Toby gezwungen werden.

Aber auch diejenigen, die Tobys Terror überlebten, sind gezeichnet. Sie haben die Gewalt kennen und durchaus lieben gelernt. „Die Macher“ nennen sie sich und warten geradezu darauf, dass in ihrer Anwesenheit jemand über die Stränge schlägt: Sie werden ihm oder ihr eine Lektion erteilen und sich der Macht erfreuen, die sie sich anmaßen – genauso, wie sie es gelernt haben.

Für dieses eigenwillige Finale wird man Laymon hassen, denn manche Wahrheit schmerzt. Das ist Laymon freilich gewöhnt, denn das Verhalten von Menschen in Extremsituationen hat er in seinen Romanen immer wieder zum Thema gemacht. „Rache“ ist eine tour de force durch die ganz finsteren Gefilde der Seele. Daran teilzunehmen, macht keine Freude, ist aber faszinierend: Der Mensch ist halt ein Voyeur; auch das ist eine bittere Medizin, die Richard Laymon großzügig austeilt.

Richard Carl Laymon wurde 1947 in Chicago, Illinois, geboren, wo er auch aufwuchs. Ein Studium in Englischer Literatur begann er an der Willamette University, Oregon, und schloss es mit einem Magistertitel an der Loyola University, Los Angeles, ab. Anschließend arbeitete Laymon u. a. als Schullehrer, Bibliothekar sowie Rechercheur für eine Anwaltskanzlei.

Als Schriftsteller debütierte Laymon 1980 mit den Psychothrillern „Your Secret Admirer“ und „The Cellar“ (dt. „Haus der Schrecken“). In den folgenden beiden Jahrzehnten veröffentlichte er mehr als 60 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Genres Horror und Thriller, sondern schrieb u. a. auch Romanzen oder Westernromane. Laymons Erfolg hielt sich in den USA lange in Grenzen; seine eigentliche Fangemeinde hielt ihm in Europa die Treue. Dafür dürften seine ungeschminkt derben und an blutigen Effekten nicht sparenden, die puritanische Sexfurcht der US-Gesellschaft ignorierenden und anklagenden Geschichten verantwortlich sein. Dennoch wurden Laymon-Werke mehrfach für renommierte Buchpreise nominiert. Im Jahre 2000 wurde „The Travelling Vampire Show“ mit dem „Bram Stoker Award“ für den besten Horrorroman des Jahres ausgezeichnet.

Den Preis konnte Richard Laymon nicht mehr selbst in Empfang nehmen. Er starb völlig überraschend am 14. Februar 2001 an einem Herzanfall. Über sein Leben, vor allem jedoch über sein Werk informiert die Website http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm.

http://www.heyne-hardcore.de

Hyung, Min-Woo – Priest – Band 7

[Band 1 1704
[Band 2 1705
[Band 3 1707
[Band 4 1709
[Band 5 1720
[Band 6 2515

Ivan Isaacs hat in einem Akt des blinden Hasses die Domas Porada geöffnet und das personifizierte Böse, den abtrünnigen Engel Temozarela, aus seiner Gefangenschaft befreit. Belial, der den gefallenen Engel einst in die Festung bannte, versucht mit aller Macht, das Geschehene rückgängig zu machen, ist aber gegen die Vertreter Temozarelas machtlos. Seine einzige Chance, dem Engel Paroli zu bieten, besteht darin, den verschonten Ivan Isaacs für seine Zwecke zu gewinnen. Der jedoch hat mit seinem Leben abgeschlossen, nachdem er seine geliebte Halbschwester hat sterben sehen. Mit der Leiche von Gena in seinen Armen kehrt Ivan zurück zu seinem Anwesen zurück, muss dabei aber unablässig an seine Vergangenheit in der Obhut von Genas Vater denken. Und dies schürt Hass in dem auferstandenen Isaacs; er hasst die Schergen Raul Priestos, er hasst Temozarela, er hasst auch Belial, der sich Isaacs‘ Schwäche zunutze machen möchte. Der jedoch möchte von Belial und seinen Versprechen nichts wissen. Doch der düstere Teufel lässt ihm keine Wahl und entfesselt in Ivan auch das letzte Fünkchen Hass – bis Ivan sich endlich seiner Führung unterwirft …

_Meine Meinung_

Das siebte Buch der „Priest“-Reihe bietet einen überraschend gradlinigen Plot, der direkt an die Ereignisse aus dem letzten Band anknüpft und die Rückkehr Temozarelas auf Erden beschreibt. Der gefallene Erzengel widersetzt sich dabei allen Versuchen, in die Gefangenschaft zurückgetrieben zu werden und ist mittlerweile viel mächtiger als sein Widersacher Belial. Er trachtet danach, sein düsteres Werk zu beenden, und Belial alleine kann ihn daran kaum noch hindern, dafür sind Temozarela und seine finsteren Gefähten viel zu mächtig. Nur eine Hoffnung hat Belial noch, und dafür spielt er all seine verborgenen Trümpfe aus, lässt Ivan Isaacs gegen eine ganze Armee von Untoten antreten und holt durch deren penetrantes Auftreten aus dem stark geschwächten Isaacs die letzten Reserven heraus, die nötig sind, um den auferstandenen Schicksalsträger gegen Temozarela aufzuhetzen.

Im Grunde genommen konnte man diese Entwicklung allerdings auch schon im Vorfeld erahnen, denn nach der Ankunft des Engels stand Belial unter Zugzwang, und bis auf Ivan Isaacs, von dessen Pakt mit dem Teufel man ja bereits vorher wusste, blieb am Ende auch niemand mehr, der sich gegen den gefährlichen Rückkehrer wenden könnte. Und außerdem ist dies ja auch schon aus den ersten beiden Bänden mehr oder weniger klar geworden, bevor dann die große Aufarbeitung der Historie gestartet wurde.

Spannend ist die Fortsetzung allerdings trotzdem, schließlich ist es zunächst schwer vorstellbar, dass sich Ivan dem Teufel anschließt. Außerdem weiß man aufgrund der vielfältigen Ereignisse noch immer nicht, welche Mittel dieser einsetzen wird, um Ivan zu überzeugen, an seiner Seite zu kämpfen, denn zum einen ist Isaacs eigentlich zu intelligent, um sich auf einen unehrenhaften Deal einzulassen, und zum anderen ist Belial derart unberechenbar, dass man kaum durchschauen kann, wie sich seine Einstellung entwickeln wird. Aber natürlich ist die grundlegende Richtung vorbestimmt, und diese lässt ausnahmsweise mal keine Überraschungen zu.

Selbst eine starke Reihe wie „Priest“ braucht mal Bände, die nicht ganz so spektakulär sind, die Geschichte aber dennoch mit gleichem Tempo voranbringen. Weil sich die inhaltlichen Geschehnisse nach wie vor in der Vergangenheit abspielen und man demzufolge schon eine etwaige Vorstellung hat, was passieren muss, lässt es sich eben nicht vermeiden, dass der Überraschungseffekt mal ausbleibt, aber das ist wirklich vollkommen legitim. Die Spannung flaut jedenfalls nicht ab, und das ist doch im Endeffekt die Hauptsache. Für mich ist „Priest“ jedenfalls immer noch die beste aktuelle Manhwa-Serie, und jetzt, wo ich weiß, dass der Stoff schon sehr bald verfilmt werden wird, ist meine Begeisterung direkt noch mal gestiegen. Und für euch gibt’s noch einen weiteren Grund, bei dieser Serie dringend am Ball zu bleiben …

http://www.tokyopop.de/

R. A. Salvatore – Die zwei Schwerter (Die Rückkehr des Dunkelelf 3)

Band 1: „Die Invasion der Orks“
Band 2: „Kampf der Kreaturen“

Im hohen Norden der vergessenen Reiche zieht sich eine gewaltige Orkarmee zusammen. Unterstützt von den fast unverwundbaren Trollen und den gigantischen Eisriesen, versucht Orkkönig Obould die Zwerge zu vernichten und ein eigenes Reich zu gründen. Da er von der Kraft seines Gottes durchdrungen ist, scheint dieses Vorhaben zu gelingen.

Doch die Zwerge leisten erbitterten Widerstand. Tatsächlich gelingt es ihnen, ihre Heimat, die Festung Mithril-Halle, zu verteidigen. Doch dafür werden große Opfer verlangt. Und obwohl die Halle gehalten werden kann, graben sich die Orks ein und beginnen mit dem Aufbau ihres Reiches.

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