Barth, Claudia – Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur

Wir kennen solche kritischen Bücher, wo alles Esoterische als tendenziell faschistisch diffamiert wird, und winken meist müde bis stark verärgert ab. Dieses Buch bildet keine Ausnahme und dennoch ist es anders als die einschlägig bekannten diffamierenden Texte.

Die junge Autorin greift in keinem Satz aggressiv unter der Gürtellinie an, sondern rezipiert im Detail, was man vorfindet, wenn man gut recherchiert. Und sie hat hervorragend recherchiert. {Der Lektor wackelt mit dem Koppe ein Naja, sacht aber nüschte.} Natürlich muss ihrer Grundannahme widersprochen werden, dass Esoterik grundsätzlich entpolitisiere und deswegen kein soziales Engagement mehr beinhalten könne, und natürlich auch, dass alles was an monotheistischer Religionskritik geäußert wird – vor allem jüdisch-christlicher Prägung – deswegen schon faschistisch infiziert sei. Sicher gibt es solche Bezüge – die man aber nicht so überzogen thematisieren und gleichsetzen muss mit menschenverachtenden Ideologien -, die jeder Esoteriker kennen und nicht einfach die Augen verschließen sollte. Claudia Barth liefert dafür die historischen Fakten und Zusammenhänge auf eine durchaus neue und interessante Art, die lesenswert erscheint. Sie steht in der Tradition der antifaschistischen Linken und untersucht Esoterik deswegen auf spezifisch deutsche Ausprägungen. Die Fakten aus der Zeit vor und während des 3. Reiches sollte man einfach kennen und im zweiten Teil vergleicht sie die damaligen Strömungen mit denen unserer heutigen Zeit.

Sie unterliegt dabei auch sehr merkwürdigen Annahmen, indem sie angesehene Wissenschaftler wie Fritjof Capra oder Rupert Sheldrake zu Sozialdarwinisten macht oder sogar einmal mehr das „Zentrum einer experimentellen Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) bei Berlin zu einer „braun“ gefärbten Sekte abstempelt. Letztere Befürchtungen wären ganz einfach auszuräumen, wenn man diese sogenannte Sekte einfach mal besuchen würde und sich anschaut, was da real passiert, anstatt nur in Anschuldigungen nachzulesen.

Einige Kritiken erscheinen zutreffend: Zum Beispiel die Kritik an der hierarchischen Form und dem Geschichtsbild der „systemischen Familientherapie“, wie sie Bert Hellinger betreibt. Auch die Entmystifizierung von Tibet und seinem Buddhismus erscheint notwendig. Nicht, um den tibetischen Buddhismus zu diskreditieren, aber der Mythos eines friedlichen Volkes ist geschichtlich gesehen einfach unrichtig. Solche Fakten sollte man kennen, wenn man ernsthaft mitreden möchte.

Obwohl die Autorin also zu den Gegnern von Esoterik zählt und überall Faschismus wittert, bleibt das Buch spannend, informativ und kann empfohlen werden, da es sich nicht auf dem gewohnt platten Feindbild-Niveau des „Wir vernichten euch und schlagen euch die Fresse ein“ bewegt. {Nachtrag des Lektors: Ja, an die Sorte AntiFas kann ich mich noch vom letzten WGT erinnern, auf dem ich war. Die hatten sich ihre Meinung geBILDet und radikal wie gehabt „nachgeschlagen“, allerdings nicht in Büchern.}

|Ursprünglich erschienen im Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 02/2004|

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Robert Langdon is back – drei Jahre lang hat Autor Dan Brown nach seinem Bestseller „Illuminati“ nun herumgeeiert, um der mit den Füßen scharrenden Leserschaft so etwas wie einen zweiten Teil aufs Auge zu schrauben und zu schreiben. Die deutsche Leserschar musste sogar bis zum 19. Februar 2004 warten, bis die Übersetzung erschien – womit wir wieder einmal bei einem leidigen Thema wären: Warum werden für die deutschen Ausgaben immer solch vollkommen birnige Titel verhunzt, anstatt den aussagekräftigen Originaltitel korrekt mit „Der Da-Vinci-Code“ zu übersetzen? Aber nööö, offenbar haben nichts sagende Buchtitel, die mit dem Inhalt nicht im Zusammenhang stehen, grade Hochkonjunktur. Der 600 Seiten starke Hardcover-Wälzer ist also recht druckfrisch auf dem Markt und sucht seine Käufer, die bereit sind 19,90 Euronen dafür hinzublättern und ich bin sicher, die wird er auch ganz bestimmt finden, denn die Fangemeinde Browns ist nicht gerade klein – zu Recht. Doch schauen wir mal, was der Nachleger zu bieten hat, die stehen ja meist im Schatten ihres Prequels.

_Auf der Flucht – Zur Story_
Nach dem Showdown im Vatikan (siehe „Illuminati“) ist nun ein knappes Jahr vergangen und Harvard-Symbolologe Robert Langdon ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Derzeit gibt er in Paris einige Vorlesungen über religiöse Symbolik, wobei er auf einem Weg auch gleich mit einer Koryphäe zum Essen verabredet ist, mit dem er über das Manuskript seines geplanten Buches schwatzen will. Das neue Buch enthält einige Thesen, die kirchlichen Zündstoff bedeuten, daher möchte er die Meinung von Jacques Saunière – seines Zeichens Leiter der berühmten Pariser Kunstgalerie im Louvre und Experte auf diesem Gebiet – auf dessen Einladung hin einholen. Doch Saunière erscheint nicht – kann er auch nicht, denn er liegt (bereits im Prolog) erschossen im besagten Louvre. Dafür klingelt die französische Mordkommission ihn unsanft aus seinem Hotelbett. Diese hält ihm ein Polaroid der gefundenen Leiche vor die Augen und bittet ihn, sich den Tatort anzuschauen, denn die Verrenkungen, sprich: die Auffindesituation des Körpers ist nicht nur seltsam, sondern wurde vom Opfer auch offensichtlich selbst herbeigeführt und ist nicht dem Täter zuzuschreiben. Die Spuren und Hinweise, die der Sterbende mit letzter Kraft geliefert hat, sind überaus rätselhaft…

…was Langdon jedoch nicht ahnt, ist, dass er insgeheim beim leitenden Beamten als Haupttatverdächtiger gilt, denn der ermordete, umtriebige Kustus des Louvre war nicht nur ein Experte auf dem Gebiet der freimaurerischen Symbolik, sondern auch der Großmeister einer freimaurerischen Loge: Der berühmten „Prieuré de Sion“. Die Hüter des Geheimnisses über die wahre Natur und das derzeitige Versteck des heiligen Grals. Dumm für Langdon, dass der Sterbende, bevor er das Zeitliche segnete, eine ausgeklügelte Spur in die Vergangenheit gelegt hat, die nur Langdon in Zusammenarbeit mit der Enkelin (Sophie – ihres Zeichens ebenfalls Polizistin und zudem passionierte Kryptologin/Codeknackerin) des Opfers lösen kann, der Saunière auf perfide Weise auch eine verschlüsselte Botschaft hat zukommen lassen. Leider missinterpretiert die Pariser Polizei die Fingerzeige, da sie von der verwendeten und stark verschachtelten Symbolik nicht den blassesten Schimmer hat. So kommt es denn, dass die beiden – nach überhasteter Flucht vom Tatort – auf der Schnitzeljagd nach dem heiligen Gral nicht nur den wahren Killer, sondern auch die französische Polizei im Genick sitzen haben…

_Verschwörungstheorie – Kritik_
Das überaus bewährte Strickmuster Browns geht in die Zweite (wenn man „Meteor“ hinzurechnet, sogar in die dritte) Runde. Jedoch ist dies der zweite Roman mit Robert Langdon als Protagonisten, daher muss er sich als Nachleger direkt mit dem ersten Werk messen lassen… und die Messlatte liegt hoch. Wieder ist es das „alte Europa“, wieder ist es ein alter Geheimbund, um den sich alles dreht. Für Browns Geschichten halten stets reale Orte und ebenso reale Begleitumstände her, allerdings liegt es in der dichterischen Freiheit eines Belletristikers, Realität und Fiktion miteinander zu vermengen, im Idealfall springt dabei ein spannender Plot heraus. Das ist ihm hier auch ganz gut gelungen, obschon dem gut informierten Verschwörungstheoretiker vieles sehr bekannt, anderes allerdings hanebüchen und etwas verfälscht vorkommt.

Wie schon bei Illuminati, stehen die Kontrahenten bereits auf den ersten Seiten augenscheinlich fest, da hätten wir in der roten Ecke die Loge der „Prieuré de Sion“, die sich als Hüter und rechtmäßige Erben des heiligen Grals und Nachkommen des biblischen Stammes David sehen. In der blauen Ecke hockt – ob dieser Gotteslästerung hoch motiviert – der Hardliner-Flügel des Katholizismus, „Opus Dei“, die den klerikalen Status Quo liebend gern mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen. Doch kann man bei Brown darauf vertrauen, dass die Loyalitäten und Absichten seiner Figuren im Laufe der Handlung nicht in Stein gemeißelt sind.

Wie gewohnt verquickt er Mystizismus und Symbolik in einem Kriminalroman, der wieder einmal in einem wilden Wettlauf gegen die Mächte der (weltlichen und kirchlichen) Finsternis gipfeln, diesmal jedoch ist sein Protagonist der Gejagte, dabei ist es nicht nur die französische Polizei, vor der sich Langdon in Acht nehmen muss, da er unter akutem Mordverdacht steht. Ein ganzer Tross mehr oder weniger zwielichtiger Gestalten mischt auch noch mit, und deren Motivationen sind bis zuletzt nicht ganz klar. Die intelligent – und in Teilen real nachvollziehbare – gemachte Schnitzeljagd erhält durch den Ständig-auf-der-Flucht-Faktor eine etwas andere Komponente, erscheint jedoch an mancher Stelle etwas durchschaubar, was den groben Handlungsverlauf angeht – richtig interessant sind aber die Lösungswege, die Brown wieder mal gekonnt inszeniert und herleitet.

Doch auch da waren mir einige Sachen ZU offensichtlich, als Beispiel sei hier die ominöse Fibonacci-Folge als Code für ein Bankschließfach genannt, da möchte man den Figuren eine schallende Ohrfeige verpassen, weil sie scheinbar zu blöd sind, solche Zusammenhänge zu erkennen und sich unnötigerweise Seiten schindend die Köpfe heiß rätseln, während der Leser von einem akuten Gähnanfall in den anderen fällt. Glücklicherweise sind solche Hänger in der Geschichte die Ausnahme und auch den Vorwurf des Eigenplagiats wegen einiger Parallelen zu „Illuminati“ muss sich Brown nicht vorwerfen lassen – Die Geschichte ist trotz mancher Ähnlichkeit eigenständig genug, um sich vom Erstlingswerk abzusetzen.

Die Thematik des heiligen Grals und die Zusammenhänge mit der Hochgradfreimaurerei sind alles andere als unumstritten und gerade die Prieuré de Sion ist für manchen Sachbuchautor heutiger Tage alles andere als ein harmloser, sektiererischer Haufen idealistischer Gutmenschen (allenfalls etwas spleenig, was ihre Rituale angeht), sondern immer noch einer der mächtigsten, freimaurerischen – und mithin gefährlichsten, sofern man daran glaubt – existenten Geheimbünde unserer Zeit. Ein verklärt-romantischer Eindruck entsteht jedoch beim Lesen von „Sakrileg“, und das fügt der Mythen- und Legendenbildung ein weiteres (fragwürdiges) Steinchen hinzu.

Dennoch steckt in dem verarbeiteten Material so manches Korn mehr Wahrheit und (anti-)klerikale Weltanschauung der Loge bzw. der erzkatholischen Falken-Sekte von Opus Dei, als dem unbelasteten Leser, der meint ’nur‘ einen Thriller zu konsumieren, bewusst sein dürfte. Auch Opus Dei ist als real existierende Vatikan-Splittergruppe kein unbeschriebenes Ruhmesblatt der Kirchengeschichte und einen aufmerksamen Blick in diverse Publikationen wert. Es lohnt sich also auf jeden Fall, vor oder nach der Lektüre Sekundärliteratur zum Thema Geheimbünde und Vatikan griffbereit zu haben, ohne Vorwissen macht der Roman nämlich nur halb so viel Spaß. Browns unfreiwillige (ist sie das wirklich?) Interpretation des Stoffes ist bärig interessant und nett verpackt.

Dem Kenner der Materie huscht des Öfteren ein wissendes Grinsen übers Gesicht, wenn beispielsweise vom „göttlichen Weiblichen“, sexual-okkulten Riten oder den „Merowingern“ die Rede ist, die Anspielungen selbst bis ins kleinste Detail (auch der Name des Mordopfers Saunière ist tatsächlich historisch und freimaurerisch vorbelastet) sind für gestandene Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen. Bleibt die Frage, ob Brown solch freimaurerisches Gedankengut absichtlich – hübsch verpackt – über das Transportmedium Thriller unters Volk bringen will, weil er der Bruderschaft bzw. ihrer Ideologie nahe steht (Ohne ihm hier etwas unterstellen zu wollen, aber das wäre eine Erklärung, warum die Prieuré de Sion hier relativ gut wegkommt, während die klerikale Seite – schon wieder mal – regelrecht abgewatscht wird) oder ob Sakrileg einfach nur das ist, was es vorgibt zu sein: Ein flotter Roman, der Fakten und Fiktion spannend miteinander verknüpft. Das ist bei Brown ja stets der Clou: Man kann auch vor Ort in der Realität tatsächlich vieles nachprüfen.

_Dr. Kimball-Langdon und der heilige Gral – Fazit_
Das Warten hat sich durchaus gelohnt, mit „Sakrileg“ hält man ein Buch in den Händen, das man so schnell nicht beiseite legt; wenn die rasante Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, möchte man trotz kleiner Unpässlichkeiten in der Originalität dann doch wissen, wie es weitergeht und in Erfahrung bringen, welcher Natur der heilige Gral denn nun eigentlich ist und wo er versteckt wird. Gerade Liebhaber von grenzwissenschaftlicher Enthüllungsliteratur finden im Plot eine Menge interessanter freimaurerischer und sakraler Symbolik wieder.

So an den Haaren herbeigezogen ist die Sache nämlich nicht, wie Otto-Normal-Leser vielleicht annehmen mag, der sich mit solchen oft in der Öffentlichkeit als Spinnerei geschmähten Theorien zur alternativen Menschheits- und Kirchengeschichte noch nie beschäftigt hat. Im Roman ist jedenfalls viel mehr zu finden als das profane Auge („Profane“ nennt man in Freimaurerkreisen uns nicht-eingeweihte Normalsterbliche) des unbedarften Lesers sieht. Zumindest beweist die mehr oder weniger versteckte Präsentation von in den Öffentlichkeit wenig bekannten (oder ignorierten) Informationen über die Geheimbündelei und die Gralslegende, dass Brown seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hat. Ganz kommt „Sakrileg“ nach meinem Dafürhalten nicht an „Illuminati“ ran, aber ein guter Thriller ist es allemal.

Robert Harris – Pompeji

Im Jahre 79 n. Chr. steht der Vulkan Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Warnungen werden ignoriert, Gegenmaßnahmen kommen zu spät; die antike Welt geht zumindest am Golf von Neapel unter … – Mischung aus Historien- und Katastrophenroman, in beiden Bereichen sorgfältig recherchiert, angenehm sachlich und doch stimmungsvoll geschrieben: keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis aber eine spannende, lesenswerte Geschichte.
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Michael Hesemann – Geheimakte John F. Kennedy

_Quo Vadis – Ein Überblick zum Fall Kennedy_
John Fitzgerald Kennedy dürfte den Meisten wegen seines berühmten Spruches an der Berliner Mauer „Ick bin ain Berlina“ bekannt sein – und natürlich wegen seines gewaltsamen Ablebens, das damals am denkwürdigen 22. November im Jahre 1963 weltweit für Furore sorgte. Der amerikanische Präsident war allseits beliebt – zumindest beim Volk, aber wohl doch nicht in allen Kreisen, bis hoch in die Ämter seiner eigenen Regierung. Das Attentat in Dallas/Texas gilt heute als DER Startschuss für den Vietnam-Krieg, den Kennedy seinerzeit unter keinen Umständen billigen wollte. Seine Liberalität war sein Todesurteil. Michael Hesemann greift die losen Fäden der Geschichte und des Mythos Kennedy noch einmal auf und fügt sie in diesem Buch zusammen.

Nein, Präsident Kennedy hatte wahrlich nicht nur Freunde, sondern auch überaus zahlreiche und mächtige Feinde: Waffenlobby, CIA, Mafia, Exil-Kubaner – um nur die Wichtigsten zu nennen. Vor allem die CIA hatte allen Grund zur Freude über seinen Tod, hatte er doch kurz zuvor ihre Zerschlagung angedroht, was gleichzusetzen mit einer Quasiauflösung des Dienstes gewesen wäre, sprich: erheblichem Machtverlust. Sie waren nicht die Einzigen, die davon profitierten, dass nach den tödlichen Schüssen beinahe im Vorbeigehen und noch am gleichen Tag des Attentats sein Vize Lyndon B. Johnson buchstäblich on-the-fly vereidigt wurde und Kennedys bereits eingeleitete Reformen sofort stoppte. Doch schon die Vorbereitung des Präsidentenbesuchs in Dallas bringt bei genauerer Betrachtung Erstaunliches zu Tage:

Kurz vorher wurde beispielsweise – vollkommen ungewöhnlich – die Fahrtroute der Kolonne gravierend geändert, sodass der offene Wagen des Präsidenten zwangsläufig an der Stelle der tödlichen Schüsse sehr langsam fahren musste. Ein Unding. Die ursprünglich geplante Route hätte ihn erst gar nicht auf den Präsentierteller des Dealey Plaza geführt, doch sein Sicherheitsschef – der dies nach eigenen Angaben niemals zugelassen hätte – wurde kurzerhand an einen anderen Einsatzort abberufen. Der ganze Einsatz des Sicherheitspersonals beim Präsidentenbesuch ist scheinbar ziemlich schief und stümperhaft gelaufen und weist einige Unstimmigkeiten auf, die man nur mit vorsätzlicher Absicht erklären kann. Offiziell fielen bei diesem Hinterhalt drei Schuss und diese allesamt aus den 5. Stock eines Schulbuchlagers hinter der Wagenkolonne des Präsidenten. Zeugen behaupten etwas anderes – sowohl was die Anzahl der Schüsse, als auch die Position der mutmaßlichen Schützen angeht – und auch ein von einem anwesenden Zuschauer aufgenommener Amateurfilm zeigt, dass der tödliche Kopftreffer von vorn kam und nicht von hinten.

Die Geschichte von der „magischen Kugel“, die Kennedy letztendlich getötet haben soll, gehört zu den lächerlichsten Chimären in der Geschichte der Neuzeit – und fast alle haben sie geglaubt. Denn um die vielfältigen Einschüsse und dieser 3-Schuss-Theorie widersprechenden Verletzungen Kennedys und seiner Mitfahrer zu erklären, dichtete man dem Projektil Fähigkeiten an, die der Physik und der Logik Hohn sprechen. Die Autopsie wurde hastig, mehr als mangelhaft durchgeführt und dokumentiert, Teile des Berichts darüber verschwanden oder wurden offensichtlich manipuliert, doch die mit der Klärung beauftragte Kommission nahm offensichtlich keinen Anstoß an solchen ‚Kleinigkeiten‘ wie Plausibilität und Physik. Die Warren-Kommission tat im Gegenteil augenfällig ihr Bestes, sich möglichst schnell auf einen Attentäter zu einigen: Lee Harvey Oswald – der konnte als Leiche ja auch schlecht widersprechen. Bekannterweise wurde Oswald kurz nach dem Attentat von einem angeblichen, irren Fanatiker liquidiert, welcher später unter ebenfalls äußerst mysteriösen Umständen verstarb. Solcherlei ‚ungeklärtes, plötzliches Ableben‘ (böse Zungen mögen es auch ‚Mord‘ nennen) potenzieller Petzen war kein Einzelfall, sondern eher die Regel.

Auch massenhaft der offiziellen Darstellung widersprechende, aber sehr glaubwürdige, unabhängige Zeugenaussagen, welche mehrere Schüsse aus einer ganz anderen Richtung als dem fraglichen Schulbuchlager wahrgenommen haben, wurden ignoriert, oder die betreffenden Zeugen unter Druck gesetzt, diffamiert oder gar peu à peu aus dem Weg geräumt. Summa summarum beläuft sich der Bodycount in diesem Zusammenhang auf 42 am Fall mehr oder weniger beteiligter Menschen (hauptsächlich Augenzeugen), die unter teils kuriosen Arten ihr Leben aushauchten. Zeugen zu beeinflussen oder zu beseitigen, Tatsachen zu verdrehen, Akten verschwinden zu lassen und die gesamte Sache möglichst in Nebel zu hüllen, zieht sich wie ein roter Faden durch den Fall Kennedy. Im Laufe der Zeit wankten die offiziellen Darstellungsversuche vom „alleinigen Einzeltäter“ Lee Harvey Oswald immer mehr und es kamen berechtigte Zweifel auf, dass Oswald überhaupt abgedrückt hatte – seine Verstrickung in diese tief verschachtelte Geschichte ist hinlänglich erwiesen, doch ist er auch der Täter gewesen?

Die Begleitumstände lassen das fragwürdig erscheinen und legen eher den Schluss nahe, dass er ein simples Bauernopfer war. Das Gewehr, dass er zur Tat angeblich verwendet hat, war ein Uralt-Prügel und alles andere als ein Präzisionsgewehr, doch soll er in knapp sieben Sekunden auf dreihundert Meter drei Schuss treffsicher abgefeuert haben. So ein Kunststück bringen selbst Scharfschützen mit besseren Gewehren kaum fertig. Zudem war das Zielfernrohr nachweislich defekt und er als mieser Schütze bekannt. Selbst wenn er es fertig gebracht haben sollte, so bleibt immer noch der bildliche Beweis des Amateurfilmers, dass der tödliche Treffer von vorne in Kennedys Schädel eindrang. Das spricht für noch mindestens einen weiteren Heckenschützen, der die Kolonne von vorn unter Feuer nahm. Wahrscheinlicher ist, dass es sogar eher drei Gunmen waren. Wieder belegen Zeugenaussagen, dass dem tatsächlich so war. Doch all das wurde geflissentlich übersehen.

Der Staatsanwalt von New Orleans – Jim Garrison – war Jahre später der Einzige, der sich getraute, den Fall noch einmal weitreichend und minutiös aufzurollen, weil es himmelschreiende Ungereimtheiten und Anzeichen für eine Verschwörung im großen Stil im Abschlussbericht der Kommission gab. Sein hartnäckiges Engagement war offensichtlich zu weitreichend für einige Gestalten. Er hatte geradewegs in ein Wespennest gestochen. Trotzdem man ihn versuchte, öffentlich zu diffamieren und sogar offen zu bedrohen, brachte er es bis zum Prozess und auf zwei Bücher zum Thema. Mehr als die Öffentlichkeit aufzurütteln, konnte er aber nicht bewirken, der Prozess gegen einige der mutmaßlichen Verschwörer endete aufgrund einer formaljuristischen Spitzfindigkeit mit einem – recht zweifelhaften – Freispruch. Auf diesem Stoff basierend, schuf Oliver Stone 1992 den Film „JFK – Tatort Dallas“ mit Kevin Costner in der Hauptrolle, der kurioserweise schon im Vorfeld durch eine Hetzkampagne niedergemacht wurde, jedoch das Interesse am Mordfall Kennedy in der Öffentlichkeit wieder entfachte.

Garrisons geradezu inquisitorischem Ermittlungseifer damals und auch dem ambitionierten Film Oliver Stones ist es jedoch zu verdanken, dass die amerikanische Regierung heutzutage immerhin – gezwungenermaßen zwar – „die Möglichkeit eines Komplotts“ offiziell einräumt, jedoch weiterhin stur an Oswald als Täter festhält – allen gegenteiligen Indizien, die in all den Jahren auftauchten und zusammengetragen wurden, zum Trotz. Der Mord und die weitreichende Vertuschung der Vorgänge sind längst Legende und alle Sachverhalte bei weitem nicht zufrieden stellend geklärt, nicht zuletzt deswegen, weil aufschlussreiche Akten weiterhin unter fadenscheinigen Vorwänden von offizieller Seite unter Verschluss gehalten werden. Das Mauern geht also auch jetzt, vierzig Jahre nach dem Attentat, munter weiter.

_Qui Bono – Kritik_
Die Konsequenzen des Anschlags ziehen bis zur Jetztzeit ihre Kreise und selbst einige der heute im Amt Sitzenden waren damals schon offensichtlich mehr oder weniger involviert. George Herbert W. Bush Senior beispielsweise. Das jedenfalls recherchiert Hesemann aus Akten aus der aktiven CIA-Zeit des Ex-Präsidenten und Daddys des aktuellen Chefs des Weißen Hauses. Obwohl es mittlerweile ja en vogue ist, auf den Bush-Clan einzuprügeln, nimmt dieses Kapitel nicht viel Platz ein. Bush Senior war wohl nur ein kleines Rad im Getriebe der damaligen Vorgänge – eins von vielen. Als treibende Kraft hinter allem macht Hesemann hauptsächlich die CIA und auch andere Gruppierungen aus, die sich zusammenschlossen, um den bei ihnen so verhassten liberalen Präsidenten über die Klinge springen zu lassen. Genüsslich zerpflückt er die Einzeltäter-Theorie und nimmt CIA, Mafia, Waffenlobby und die Exilkubaner aufs Korn– ja selbst die Freimaurer kriegen ihr Fett weg. Letzteres ist ein recht neuer Aspekt und gar nicht mal so abwegig, muss aber heikle Spekulation bleiben. Dennoch interessant hergeleitet.

Den anderen Aspiranten auf die Täterschaft kann man mit belegbaren Facts schon eher zu Leibe rücken, viel Neues hat Hesemann aber nicht zu bieten – die meisten Erkenntnisse stützen sich auf die Ermittlungsarbeit von Jim Garrison und rekapitulieren sie nur noch einmal zusammenfassend. Zeugenaussagen, Protokolle und der berühmte „Zapruder“-Film (benannt nach Abraham Zapruder, der das Attentat mit seiner Super8-Kamera filmte, dessen Bilder später um die Welt gingen) sind unlängst bekannt, wenn auch vielleicht nicht in unseren Landen. Vieles von dem, was er schreibt, kommt in dieser oder abgewandelter Form auch im oben erwähnten Film von Oliver Stone vor, den Hesemann auch mehr als einmal lobt – da gebe ich ihm Recht, der Film ist um einiges verdaulicher als die Literatur. Nicht dass der Schreibstil etwa langweilig wäre, nein, es ist nur verdammt schwer, die ganzen Namen der Beteiligten keinem Gesicht zuordnen zu können. Es gibt eine Menge Namen und Ämter zu verdauen, quasi ein Who-is-Who aus Wirtschaft, Politik und Geheimdienst dieser Zeit. Oftmals verwirrend für jemanden, der sich noch nie zuvor damit auseinander gesetzt hat und somit, denke ich, recht schwere Kost.

Hesemann verknüpft aber auch die derzeitige Großwetterlage Amerikas mit den damaligen Ereignissen, sind doch viele der Handelnden ehedem zu Amt und Würden gelangt und haben den Lauf der Geschichte in der Folge maßgeblich beeinflusst. Ein vordergründig ziemlich wackeliges Argument, denn jede geschichtliche Begebenheit zieht unweigerlich einen Rattenschwanz an Kausalitäten hinter sich her, inwiefern das steuerbar ist, sei dahingestellt. Erstaunlich jedoch, abgesehen vom Wie, dass die alten Seilschaften (oder deren Zöglinge) zum Teil immer noch an den Fäden ziehen bzw. in Machtpositionen sitzen; Kennedys Beseitigung hat diese Entwicklung auf jeden Fall begünstigt und beschleunigt – wenn nicht gar erst ermöglicht -, insofern muss man ihm beipflichten. Unstrittig ist auch die These des Komplotts, denn eine solche Vertuschungsaktion entspricht nicht der Handschrift eines verblendeten Einzeltäters, sondern erfordert eine Menge Leute und setzt eine komplizierte Planung, Logistik und hohe Machtposition voraus, etwas in diesem groß angelegten Stil durchzuziehen. Die Indizien, die gegen Oswald als Todesschützen sprechen, waren und sind erdrückend. Das dokumentiert Hesemann auch mit zahlreichen Quelltexten, Fotos und Schaubildern, die trotz ihrer Brisanz bemerkenswerterweise frei zugänglich sind und zum Nachdenken anregen.

_Status Quo – Fazit_
Durch die Gnade der späteren Veröffentlichung im Jahre 2003 ist das Buch natürlich um einige Erkenntnisse reicher als ältere Publikationen und illustriert, wie Verschleierungstaktik seit jeher zur amerikanischen Politik gehörte und gehört. Notfalls geht man dabei auch über die Leiche des eigenen Präsidenten. Diese Einsicht ist nicht gerade neu und wird zähneknischend nun auch von offizieller Seite bestätigt – halbwegs jedenfalls. Publikationen wie diese geraten schnell unter Beschuss und der Grat zwischen Phantasterei und wirklicher Enthüllung ist denkbar schmal. Hesemann geht den sicheren Weg und resümiert hauptsächlich den Tathergang und Hintergründe, wie sie allgemein hin schon als erwiesen angesehen werden – basierend auf der Vorarbeit von Jim Garrison – und reichert die ohnehin dichte Indizienkette gegen die Verschwörer mit einigen eigenen Theorien an. Die leitet er gut her, sie entbehren nicht einer gewissen Logik. Letztendliche Gewissheit aber kann man wohl nur erlangen, wenn die derzeit noch unter Verschluss gehaltenen Akten tatsächlich irgendwann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wenn. So sicher ist das nämlich nicht. Unterm Strich bleiben eine sehr detaillierte Zusammenfassung zum aktuellen Stand der Dinge im Mordfall Kennedy und eine prima Ergänzung/Nachschlagewerk zum Film Oliver Stones.

Wolfram Fleischhauer – Das Buch, in dem die Welt verschwand

1780 gerät der Arzt Nicolai Röschlaub in eine mysteriöse Verschwörung. Diverse Geheimbünde kämpfen miteinander und gegen die kaiserliche Regierung. Es ist auch ein Ringen zwischen Reaktion und Aufklärung. Dabei werden keine Gefangenen gemacht. Um sein Leben zu retten, will Röschlaub die Hintermänner entlarven, doch je tiefer er gräbt, desto mehr löst sich das Komplott in ein Gewirr unverständlicher Einzelintrigen auf … – Ein Roman aus Deutschland, der Anspruch mit hohem Unterhaltungswert kombiniert. Sehr elegant spinnt Autor Wolfram Fleischhauer vordergründig ein Garn aus Historie, Krimi und Mystery, das geschickt und überraschend, aber sehr philosophisch aufgelöst wird, wobei der Autor die Kraft zu verdeutlichen versucht, die einer Idee innewohnen kann. Wolfram Fleischhauer – Das Buch, in dem die Welt verschwand weiterlesen

Rudolf Kreis – Wer schrieb das Nibelungenlied? Ein Täterprofil

Die gegenwärtige Weltlage lädt förmlich dazu ein, das Nibelungenlied als Beispiel zu nehmen, um aufzuzeigen, welches Ende blutrünstige Rachefeldzüge nehmen können. Die Situation vor 800 Jahren war der heutigen recht ähnlich, es war die Zeit der Kreuzzüge der Christen gegen den Islam und die Juden. Diese Parallele nimmt der Autor Rudolf Kreis zum Anlass, den unbekannten Dichter des Nibelungenliedes zu entchristianisieren und in ihm einen Juden bzw. dem Judentum Nahestehenden zu vermuten. In Worms verfügte die jüdische Bevölkerung damals über die gleichen Rechte wie die eigentlichen Bürger auch. Die rabbinische Gelehrsamkeit strahlte stark auf die christliche Theologie ab. Für das europäische aschkenasische Judentum war Worms das „Jerusalem“ des Westens. Seit dem 9.Jahrhundert kontrollierten die jüdischen Kaufleute von Worms den Fernhandel mit dem Orient bis Indien und China. Neben der Synagoge existierte eine Talmudschule von überregionalem Rang, der den der bis dahin führenden Hochschule von Babylon übertraf.

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Pringle, Heather – Mumien-Kongress, Der. Reise in die Welt des ewigen Todes

„Der Kongress“ ist es, der die Wissenschaftsjounalistin Heather Pringle anfänglich in den Bann zieht. Genauer gesagt ist es der „3. Weltkongress der Mumienforschung“, an dem sie auf der Suche nach Berichtenswertem im fernen chilenischen Arica als Zuhörerin teilnimmt. Aus der ganzen Welt sind kluge Männer und Frauen zusammengekommen, um über künstlich oder zufällig konservierte Leichen und deren Aussagewert für die Wissenschaft zu diskutieren.

Pringle erwartet, an einen unheimlichen Ort voller Sonderlinge zu geraten. Dies bestätigt sich voll und ganz, aber nach kurzer Zeit ist sie den Mumien trotzdem gänzlich verfallen: Ihrer morbiden Faszination kann offenbar niemand widerstehen. Die Mumienforscher entpuppen sich zudem bei aller Verschrobenheit als liebenswürdige, kontaktfreudige Menschen, die gern über ihre Arbeit Auskunft geben.

So beschließt Pringle, sich nach dem Besuch in Arica nicht sogleich anderen Themen zu widmen, sondern sich echten Eintritt in die Welt der Mumien zu verschaffen. Sie beschließt dort damit zu beginnen, wo aus Laiensicht alles begann: im alten Ägypten. „Das Messer des Pathologen“ beschreibt zum einen die Grundlagen der Mumifizierung. Es ist gar nicht so leicht Menschenfleisch wirklich haltbar zu machen. Längst sind die diesbezüglichen Geheimnisse nicht alle gelöst. Eine Gruppe von Forscher studiert den Prozess und sein Objekt am Ergebnis selbst, d. h. an der Mumie. Die wird zu diesem Zweck wie eine x-beliebige Fundleiche auf den Untersuchungstisch gehievt, um anschließend nach allen Regel ärztlicher Kunst auseinandergenommen zu werden. Die Einzelteile werden anschließend à la „CSI“ mit moderner Labortechnik untersucht.

Erstaunliches kommt dabei ans Licht. Mit ein gutes Argument gegen jene, die sich gegen die Störung der Totenruhe aussprechen – Mumien waren schließlich einst Menschen, die viel Zeit & Geld in ihre körperliche Unsterblichkeit investierten -, ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier, sondern der „allgemeine Nutzen“. So ist auch das moderne Ägypten ein von fiesen Wasserparasiten geplagtes Land. Deren Lebenskreislauf ist unerhört kompliziert. Eines steht fest: Eine fest eingeplante Station ist der Mensch. Die unglücklichen „Wirte“ verenden an grausigen Krankheiten, die sich nach wie vor nicht heilen lassen. Es gilt mehr über diese uralten Geißeln der Menschheit zu erfahren – und uralt sind sie wirklich, denn sie lassen sich in Mumien nachweisen und so besser erforschen.

„Drogenbarone“ überschreibt Pringle provokativ das nächste Kapitel. Mumienforscher sind keineswegs ein einig‘ Volk gemeinsam studierender Brüder & Schwestern. Eifersüchtig hüten sie ihre „Claims“, verteidigen ihre Theorien, befehden einander. Einen Aspekt dieses an sich gesunden, die Diskussion in Gang haltenden Verfahrens greift Pringle auf, als sie das Rätsel auffälliger Kokain- und Tabaknachweise in Mumiengewebe beschreibt. Gab es etwa urzeitliche Verbindungen zwischen Altägypten und Südamerika?

Mumien sind das ideale Objekt für „Kriminalgeschichten“. Sie konservieren oft unabsichtlich die Geschichte eines gewaltsamen Todes. Überall auf der Welt werden mumifizierte Männer und Frauen gefunden, die man erdrosselt, denen man den Hals durchgeschnitten oder die man sonstwie zu Tode gebracht hat. Dies übrigens auch im kalten und feuchten, dem Mumienbau ansonsten eher abträglichen Mitteleuropa, wo es die berühmten Moorleichen sind, die das Interesse späterer Generationen finden. Mord oder Menschenopfer, das ist hier die Frage, die sich zwar schwierig, aber doch häufiger als gedacht beantworten lässt.

Das Sprichwort vom Kehren (unangenehmer) Beweise unter den Tisch lässt sich auch auf die doch scheinbar harmlosen, weil von Äonen in einer völlig fremden Urwelt entstandenen Mumien anwenden. Sie können urplötzlich wieder sehr präsent werden, wenn moderne Politik und Religion ins Spiel kommen. Die Volksrepublik China ist ein großes und mächtiges, aber auch empfindliches Land. Kommunistisches Unrecht beim Aufbau einer „neuen, besseren Welt“ haben nicht die Zustimmung des Auslands gefunden. Deshalb achten die Machthaber sehr auf die Wahrung ihrer Ansprüche. Die Realität wird dem nicht selten angepasst. Das gilt auch für die Vergangenheit. So ist man im „offiziellen“ China sehr stolz darauf, deutlich früher und aus eigener Kraft als die viel gerühmten europäischen Länder zur Kulturnation aufgestiegen zu sein. Da ist es peinlich, dass unlängst sehr gut erhaltene Mumien entdeckt wurden, die eine andere Sprache sprechen. Bisher unbekannte „Eindringlinge aus dem Westen“ sind vor vielen tausend Jahren aus Europa nach Asien gekommen und haben dort viele der großen Erfindungen, derer man sich dort heute rühmt, erst eingeführt – ein prekäre Situation, die den Mumienforschern sehr zu schaffen macht, da sie mit Unterstützung unter diesen Umständen kaum zu rechnen haben.

Vor gar nicht so langer Zeit war dies allerdings auch im „freien“ Westen der Welt kaum anders. Pringle erzählt traurige Geschichten von „Wissenschaftlern“, die mit Hilfe der Mumien die geradezu biblische Überlegenheit der weißen „Herrenrasse“ belegen wollten. Wie üblich setzen die Nazis den traurigen Höhe- und Schlusspunkt dieser breiten Sackgasse.

Sie möchten im Wohnzimmer ihren Freunden eine getrocknete Königstochter präsentieren? Vielleicht reicht auch ein Kaminaufsatz aus geschmackvoll arrangierten Kinderköpfen? Oder wie wäre es gegen Unwohlsein und Alterswehwehchen mit einem Tee aus Mumienpulver? Damit lassen sich übrigens auch tolle Bilder malen! Vor kaum einem Jahrhundert war die Erfüllung solcher Wünsche kein Problem; der kultivierte Europäer, der nicht ins schmutzige und heiße Ägypten reisen wollte, konnte sich Mumien sogar bestellen. „Mumienhändler“ traten in vielen Gestalten auf – und sie tun es sogar noch heute, obwohl das Gewerbe gefährlich geworden ist.

So mancher Zeitgenosse schafft es erst nach dem Tod, in den erlauchten Kreis der „Berühmtheiten“ aufgenommen zu werden. „Ötzi“ aus Tirol beweist, dass sogar potthässliche Mumien zu echten Kultstars aufsteigen können. Das gilt noch viel mehr für die berühmten Inkakinder-Mumien aus Südamerika. Eine Laune der Natur ließ sie sich manchmal erschreckend gut erhalten – erschreckend deshalb, weil prompt konkurrierende Gruppen um die Toten zu raufen beginnen. Pringle schildert das (Zwerchfell) erschütternde Gezerre zwischen Entdeckern, Mäzenen, Regierungen, Medien und Moralaposteln im Fall „Juanita“, der vielleicht prominentesten Inkamumie.

Mumien in Europa? Die Moorleichen haben wir schon kennengelernt. Aber es gibt auch echte Mumien – und sogar einen eigenen Begriff für sie: „Die Unvergänglichen“ sind Männer und Frauen, auf die ihre Zeitgenossen auch im Tode einfach nicht verzichten wollten. Also wurden sie konserviert und in ihrer Mitte platziert. Die Katholische Kirche hat sogar einen regelrechten Kult um ihre „Heiligen“ betrieben, die im Leben so fromm waren, dass sie im Tod kein Wurm anzubohren wagte. Pringle weist nach, dass hierbei recht oft kräftig und wenig ehrerbietig nachgeholfen wurde.

Aber das Mittelalter ist vorüber, die Menschen sind über solchen Reliquienkult hinaus? Pringle besucht in Moskau die kleine Gruppe hochqualifizierter Spezialisten, die nach wie vor die berühmteste Mumie der Jetztzeit in Schuss halten. Der Sowjetdiktator Lenin gehört zu den zahlreichen kommunistischen „Despoten“, die quasi als Heiligenersatz im 20. Jahrhundert mit ungeheuerlichem Aufwand konserviert wurden. Josef Stalin, Ho Chi Minh, Kim Il Sung – sie alle erfuhren diese Behandlung, doch nur Lenin hat sie „überlebt“.

Wie kam der Mensch vor Äonen auf den Gedanken, seine Verstorbenen vor dem Verfall zu bewahren? Die ältesten bekannten Mumien der Welt scheinen einen sehr verständlichen Grund zu offenbaren: Schon zweieinhalb Jahrtausende vor den Ägyptern schufen die chilenischen Chinchorro Mumien – sie präparierten so ihre „Kinder“ für die Ewigkeit. So begann womöglich die Mumifizierung: als Versuch untröstlicher Eltern, ihre Lieben auch im Tod bei sich zu behalten.

Und es geht weiter. Mumien sind längst nicht ausgestorben. Sie scheinen an Zahl sogar zuzunehmen. „Selbstkonservierung“ nennt Pringle ihr letztes Kapitel. Sie beschreibt darin die bizarre Praxis überfrommer japanischer Mönche, sich buchstäblich selbst bei lebendigem Leibe zu mumifizieren. Wer die Ewigkeit nicht als Wurmfutter, aber etwas bequemer betreten will, findet heute (bei ausreichend dicker Geldbörse) zahlreiche Alternativen. Pringle besucht bizarre Kühlhäuser, in denen sorgfältig tiefgefrorene Leichen auf eine mögliche Wiederauferstehung in ferner Zukunft warten. Wer es wünscht, kann sich aber auch auf altägyptische Weise, d. h. ganz klassisch mumifizieren und in Leinenbinden einwickeln lassen, womit sich der Kreis wohl geschlossen hätte.

Der Mensch und der Kult um seine Toten … ein unerschöpfliches Thema, das gleichzeitig fasziniert, erschreckt und abstößt. Dafür gibt es kaum ein besseres Symbol als die Mumie. Sie repräsentiert, was nach Auffassung zumindest der Bewohner der westlichen Erdhemisphäre lieber sorgfältig außer Sicht gehalten werden sollte. Aber so denken eben längst nicht alle Menschen, und selbst in Europa oder Nordamerika, wo der Tod heute vom Leben separiert wird, war es vor gar nicht langer Zeit ganz anders.

Leichen gehören zum Alltagsleben. Das kann groteske Formen annehmen, aber auch rührend wirken. Heather Pringle versucht das gesamte Spektrum des Mumienphänomens nachzuzeichnen. Sie hat dabei buchstäblich eine Weltreise unternommen und erstaunliche, erschreckende und – man vergesse nie, dass Leiden & Lachen Verwandte sind – erheiternde Fakten zusammengetragen.

Pringle nähert sich dem komplexen und schwierigen Thema nicht unvoreingenommen. Sie bekennt schon früh, dass sie Probleme mit Bereichen der Forschung hat. Mumien sollten ihrer Meinung nach erhalten werden – nicht als historische „Objekte“, sondern als Hüllen einst lebendiger Menschen, denen es wichtig war, gut konserviert in die Ewigkeit einzugehen. Nun landen sie auf dem Labortisch und werden zum Wohl der Wissenschaft in kleine Stückchen zerhackt.

Dieser Riss klafft sogar zwischen den Mumienforschern selbst. Es gibt heute schonende Untersuchungsmethoden, aber Praktiker schwören weiterhin auf das Pathologenmesser. Sie könnten Recht haben. Darf man sie aufgrund moralischer Vorbehalte stoppen? Oder sind Mumien doch nichts als wissenschaftlich hochinteressantes Aas? Eine schwierige Frage mit vielen Antworten, die längst nicht beantwortet ist.

Nur einmal verliert Pringle ihre Objektivität. „Kinder“, die Geschichte der Chinchorro-Mumien, gerinnt ihr zur rührseligen Gute-Nacht-Geschichte, für die sie vor ihrem geistigen Auge schluchzende Mütter materialisieren lässt, die eine Möglichkeit gefunden haben, ihre Kinder bis über den Tod hinaus lieben. Dass es dafür erforderlich wurde, die lieben Kleinen u. a. zu häuten, scheint Pringle in ihrem urzeit-paradiesischen Traueridyll nicht weiter zu irritieren. Auch fragt sich, was die Chinchorro den lieben langen Tag eigentlich sonst noch getrieben haben außer ihre aufwändigen Mumien zu basteln und auszubessern. Die zeitliche Distanz zur aufgeklärten Jetztzeit schützt Chinchorro offenbar vor solcher Kritik.

Den Pringleschen Schutz verlieren die mumifizierwütigen Mitmenschen, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Die Verfasserin setzt möglicherweise voraus, dass der Mensch mit den Jahren „klüger“ wird und folglich auch den Drang zur unbeschädigten Jenseitsfahrt überwunden haben sollte. Wieso eigentlich? Wir sollten froh darüber sein, dass dies tatsächlich so ist, und die wenigen Abweichler mit Nachsicht betrachten.

In einem hat Pringle freilich absolut Recht: Den Hightech-Mumien von heute wird es in der Zukunft nicht anders ergehen als ihren Vorgängern. Eines Tages wird man sie finden, beileibe nicht neu beleben, sondern wiederum neugierig untersuchen, ausstellen (ausrauben wird nicht mehr lohnen, da keine Beigaben im Kühlsarg liegen) und sich viele Gedanken um sie machen. Aber das ist seit jeher das kalkulierte Risiko bei der Sache gewesen.

„Der Mumienkongress“ ist hier und da zwar ein wenig parteiisch, aber stets sachlich, gut recherchiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Nicht das Thema muss den Leser fesseln, die Verfasserin schafft es selbst. Für den Gruselfreund gibt es eine Strecke mit gar zu detailscharfen Fotos. Sie belegen vor allem eines, was dem Laien vielleicht gar nicht deutlich ist: Unsere Vorfahren waren Realisten. Sie wussten, dass ihnen eine 1:1- Präparierung nicht möglich war. Die Mumifizierung war die beste Alternative. Sie erhielt den Körper, der als Gefäß für den Tag der Wiederauferstehung bereit stand. Dass er dann nicht mehr ansehnlich war, wussten sie und nahmen es in Kauf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Mumienporträts mustert: Sie zeigen eben keine in ewigem Schlaf erstarrte Menschen, sondern grässliche Fratzen. Wieder eine der unzähligen nützlichen Infos, die wir Heather Pringle verdanken.

Robert R. McCammon – Tauchstation

McCammon Tauchstation Cover kleinDas geschieht:

Seit er vor sieben Jahren seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, lebt der ehemalige Bank-Hai David Moore zurückgezogen auf der kleinen Karibik-Insel Coquino, wo er ein Hotel – das „Indigo Inn“ führt. In seiner reichlichen Freizeit unternimmt Moore Tauchfahrten in die Gewässer um die Insel, die reich an Schiffswracks aus vielen turbulenten Jahrhunderten sind.

Ein paar Andenken aus einem im II. Weltkrieg versenkten Frachter möchte Moore bergen, als er aus dem Grund des Meeres etwas Überraschendes entdeckt: Im Sand steckt das nazideutsche U-Boot Nr. 198 – und eine Wasserbombe, deren verspätete Detonation Moore beinahe ins Jenseits und das Tauchgefährt an die Oberfläche befördert. Dort treibt es die Strömung genau in den Hafen von Coquina. Robert R. McCammon – Tauchstation weiterlesen

McCoy, Alfred W. – CIA und das Heroin, Die. Weltpolitik durch Drogenhandel

Was haben Drogen und internationale Politik miteinander zu tun? Wie ist der weltweite Anstieg des Drogenkonsums zu erklären? Das sind nur zwei der vielen Fragen, die in diesem über 800 Seiten starken Buch beantwortet werden.

Die Allianz zwischen Drogenwirtschaft und CIA baut auf einer langen Geschichte internationalen Drogenhandels auf. Sie beginnt mit dem Schlafmohn und dem Opium, dem „Ahnherr aller illegalen Drogen“ in der Antike. Damals wurde Opium lokal gehandelt, seit dem 17. Jahrhundert wurde es eine Welthandelsware, seit dem 20. Jahrhundert ist es als illegales Heroin gewinnbringender denn je.

Mit einer einmaligen Fülle an Fakten (Quellen- und Stichwortverzeichnis umfassen 150 Seiten) wird eine auf den ersten Blick befremdliche These belegt: Die rigide Antidrogenpolitik reagiert nicht auf weltweite Kriminalität – sondern im Gegenteil: sie schürt diese. In nie gekanntem Maße werden Verbrechen durch immer härteren Kampf gegen Kriminalität erzeugt. Zum Beispiel: „Nachdem die Häftlingsrate in den USA über ein halbes Jahrhundert lang stetig bei 100 Gefängnisinsassen auf 100.000 Einwohnern gelegen hatte, stieg sie, in die Höhe getrieben von immer höheren gesetzlichen Mindeststrafen für Drogenvergehen, von 138 Inhaftierten 1980 auf 702 im Jahr 2002 an…“ (S. 66). Außerdem senken Antidrogengesetze nicht den Konsum, sondern erschweren nur Anbau- und Handelskonditionen. In vielen Gebieten der Erde ist Drogenanbau die einzige Basis zum Überleben, und solange der Westen diese Armut erzwingt, sind alle Bemühungen gegen die Drogeninflation in der 1. Welt reine Sisyphusarbeit.

Aus irgendeinem bescheuerten Grund wird die US-Außenpolitik gern „pragmatisch“ genannt. Aber nichts liegt ferner, als dem Machtkampf der CIA Scharfblick und das Bedenken der langfristigen Folgen des eigenen Tuns zu unterstellen. Diese ach so ‚pragmatische‘ Machtpolitik verbraucht Bündnisse schneller, als neue geschlossen werden. Die CIA findet ‚Freunde‘, die für sich selbst und die CIA um lokale Macht kämpfen. Dafür brauchen sie mehr Ressourcen. Der Schlüssel sind Drogenanbau und -handel, in den Andenländern Südamerikas genauso wie in Zentralasien und Südostasien. Die CIA, internationaler Hauptarm der US-Politik, kann nicht alle strategischen Bündnisse weltweit selbst finanzieren, und das Kräftegleichgewicht kippt immer wieder, wenn ihre Partner eigene Interessen verfolgen – was sie früher oder später tun. Ein Beispiel unter vielen sind die Taliban in Afghanistan.

Umfangreich schildert McCoy die Entwicklung des Drogenhandels seit der Kolonialzeit. Eine neue Phase begann mit dem Kalten Krieg. Denn ab jetzt ging es nicht mehr nur um Profit, sondern der Kampf um ideologische Vorherrschaft in den Regionen kam hinzu und machte das Abhängigkeitsgefüge noch komplexer. Wirtschaft konnte Konkurrenz vertragen, der American Way of Life nie, und so eskalierten die aus politischen Gründen geführten Territorialkämpfe. Heute sind 50 (fünfzig!) US-Regierungsbehörden in den Handel mit Drogen involviert, in Anbau, Herstellung und Transport – auch ins eigene Land.
Die CIA macht mit Heroin Politik, indem sie ihren Einfluss auf den internationalen Drogenhandel zur Durchsetzung amerikanischer Interessen in aller Welt einsetzt: Drogenpolitik ist das Mittel, um Macht zu sichern. Destabilisierung von Regionen und Ländern und Kriege sind Begleiterscheinungen. McCoy, Professor an der Universität Wisconsin, zeigt die Dimensionen und Mechanismen. Es ist keine Verschwörung, kein unter Druck entwickelter finsterer Plan, der da verfolgt wird. Es ist ein Einblick in die Mechanismen einer Weltmacht.

Beispiele:
Der US-Geheimdienst kooperierte im 2. Weltkrieg mit der Mafia in Italien, in den Nachkriegsjahren mit korsischen Verbrechersyndikaten in Marseille, um dort die Macht der gewählten Kommunisten zu brechen. Mit Erfolg. Mit Bedacht legte die CIA das Fundament für die über zwanzigjährige Dominanz der Korsen-Connection im expandierenden US-Heroingeschäft.
Den Krieg in Nicaragua finanzierten CIA und Contras durch Drogenschmuggel. Das wurde in den USA zum Skandal, als sich Bürger aus L.A. über die Crack-Schwemme beschwerten, die mit CIA-Hilfe in den Markt gepumpt wurde. Die Polizei hatte Beweise, doch nichts passierte – zu viele Freunde in Regierungsnähe.
Seit dem Sieg der USA über die afghanischen Taliban blüht dort der Mohnanbau wie nie zuvor: Das Land gilt heute als die erste Opium-Monokultur der Welt mit historischen Rekordernten.

Versuche der CIA, das Buch zu verhindern, scheiterten.

_Knut Gierdahl_
für das Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de

Irwin, Valerie M. – Legende von Atlantis, Die

Der beliebteste Stoff für Fantasy neben der Artussage dürfte eine Erzählung sein, die bis in die Zeit der ersten Geschichtsschreibung überhaupt zurückreicht. Solon soll die Geschichte in einem ägyptischen Tempel auf einer Steinsäule entdeckt und abgeschrieben haben. Jahrhunderte später nahm Platon sich der Geschichte an. Sein „Kritias“ machte die Geschichte zum sagenhaften Mythos, um dessen Wahrheitsgehalt sich bis heute die Gelehrten streiten: Atlantis.
Neben vielen anderen Autoren, darunter Marion Zimmer-Bradley, hat sich auch Valerie M. Irwin des Themas angenommen. Ihre Version von Atlantis unterscheidet sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Sie wirkt wie ein Historienroman.

Ashinn ist ein junger Mann Mitte Zwanzig, der als Koch bei einem reichen Schiffbauer arbeitet. Er lebt ein ziemlich sorgenfreies Leben, genießt gutes Essen und Pferderennen, besucht gelegentlich seine Eltern und Freunde und liebt seinen Beruf. Doch eines Tages fällt ein Schatten auf diese zufriedene Welt: Das Gerücht kommt auf, dass der Meeresspiegel steigt, und bald ist es mehr als ein Gerücht. Ashinn, dessen Ziehvater Mitglied im Hohen Rat ist, gerät dadurch unversehens mitten in den Brennpunkt des Geschehens, denn Atlan soll an einem anderen Ort neu errichtet und die gesamte Bevölkerung umgesiedelt werden. Ein Mammutprojekt! Und Ashinn wird in den Rat des Neuen Atlan berufen, der dieses Projekt durchführen soll.
Allerdings hat das Projekt viele Gegner: eine Sekte, die sich „Die Diener“ nennt, hält die steigenden Fluten für eine Strafe des Sonnengottes En und die Umsiedlung von Atlan für Gotteslästerung. Ihr Einfluss wächst und macht die Arbeit für den Rat des Neuen Atlan zu einem Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen sein eigenes Volk.

Valerie M. Irwin hat sich in vielem dicht an Platon gehalten, so in ihren Beschreibungen der Stadt und der Insel insgesamt, der Wasserversorgung u.a. Was allerdings bei Platon hauptsächlicher, ja alleiniger Grund für den Untergang Atlantis‘ war, nämlich der Zorn des obersten Gottes über die Gottlosigkeit der Atlanter, ist hier nur eine von zwei sich unversönlich gegenüberstehenden Überzeugungen, verkörpert vor allem in dem hohen Priester Diarr. Die Gegenposition wird vertreten von Narr, Ashinns Ziehvater, der nicht an Götter, sondern an die Vernunft glaubt. Der Streit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Weltanschauungen wird zum größten Hemmnis bei dem Versuch der Atlanter, sich und ihre Kultur zu retten.
Den entscheidenden Ausschlag für das Misslingen des Versuchs jedoch gab schlicht menschliches Versagen.
Die Religion ist hier also nicht zum reinen Buhmann und alleinigen Bösen verkommen, wie es in vielen Romanen allzu oft der Fall ist. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten und Hierarchiestufen, sodass ein Schwarz-Weiß-Effekt vermieden wird.
In diese religiösen, politischen und ideologischen Konflikte ist die Geschichte von Ashinns Familie eingebunden und ergänzt sie durch die gesellschaftlichen Aspekte der atlantischen Kultur:
Sklaverei, Tafelrunden, die an mittelalterliche Gilden und Zünfte erinnern, Ehe und Konkubinat, gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen und Festessen geben zusammen mit Ashinns persönlichen Erlebnissen dem Gesamtbild Leben und Farbe. In Ashinns Familie spielen sich ähnliche Konflikte ab wie im Hohen Rat: Diener gegen Vertreter der Wissenschaft, Religion gegen Vernunft, nur dass es hierbei nicht so sehr um Macht als um Gefühle geht, um Liebe, Eifersucht und verletzten Stolz.
Allein der Teil der Geschichte, in der sich herausstellt, dass Ashinn und Oriole verwandt sind, wirkt, wenn auch nicht wirklich unrealistisch, so doch zumindest leicht konstruiert.

Abgesehen vom Verlauf der Handlung sind auch die statischen Elemente gut gelungen. Der Entwurf der religiösen Weltsicht und die dazugehörigen Riten sind stimmig und außerdem in die allerdings nur knapp umrissene Vergangenheit eingepasst. Ähnlichkeiten mit dem, was wir von den alten Hochkulturen im Zweistromland und Mittelmeerraum kennen, sind gewollt.
Ashinns Arbeit und seine gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Viertel Atlans, sowie aufs Land und zur Nachbarinsel Xetlan, wo er Oriole abholt, beleuchten alle Gesellschaftsschichten, sodass man ein lebhaftes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern erhält.
Die Charaktere sind ebenfalls überzeugend gezeichnet. Gekonnt hat die Autorin Aktion und Reaktion ineinander verzahnt und dadurch ein glaubwürdiges Geflecht von Beziehungen geschaffen, so zum Beispiel zwischen König Rastinn, der nichts mehr fürchtet als einen Putschversuch seines Halbbruders, und Prinz Ivorr, der daran überhaupt nicht denkt, sondern einfach nur Atlans Bevölkerung retten will; zwischen Ashinns Ziehvater Narr, dem Atheisten und Forscher, der gerade einen Dampfwagen erfunden hat, und seiner Frau Ocean, die früher zur Dienersekte gehörte und sich für so gut wie nichts interessiert, am allerwenigsten für Technik; zwischen Oriole und ihren Eltern, von denen sie sich rigoros abgrenzt, weil sie sich von beiden ständig in entgegengesetzte Richtungen gedrängt fühlt; und Diarr, der Hohepriester, der zwar fast außerhalb aller Beziehungen zu stehen scheint, aber dessen eindimensionale Denkweise, Dogmatik und Gnadenlosigkeit trotzdem klar herausgearbeitet sind.

So hat die Autorin es verstanden, ein Szenario zu entwerfen, das nicht nur realistisch, sondern in manchen Dingen, wie z. B. Elendsviertel und Überbevölkerung, geradezu modern wirkt. Und wenn, wie ein Teil der Wissenschaft glaubt, Platon sein Kritias nicht als Historienbericht sondern als Utopie, als Belehrung, geschrieben hat, dann ist Valerie Irwins Atlantis ein Exempel dafür, wie eine äußere Gefahr zur Krise und zum Untergang einer ganzen Kultur führen kann, wenn die Verantwortlichen nicht die Kraft und innere Größe haben, die Dinge sachlich und frei von persönlichen Gefühlen und Ideologien zu betrachten, sondern sich statt dessen in kleinlichen Rivalitäten und Machtkämpfen verzetteln.

Die gesamte Geschichte ist eingebettet in einen wissenschaftlichen Bericht über die Entdeckung von beschriebenen Tontafeln in Cornwall, und läßt den Verfasser dieser Tafeln, Ashinn, seine Geschichte selbst aus seinen Erinnerungen erzählen. Anfangs holpert der Erzählfluss ein wenig, da Ashinn sich immer wieder selbst unterbricht, um allgemeine Erklärungen und Beschreibungen über das Leben in seiner Stadt einfließen zu lassen, die für das Verständnis der Ereignisse wichtig sind, doch diese Unterbrechungen hören irgendwann auf, und Ashinn entwickelt sich zu einem guten Erzähler. Alle Erzählstränge sind gekonnt miteinander und ineinander verwoben und ergeben das detailliert ausgearbeitete Bild einer Natur- und menschlichen Katastrophe, eine Geschichte von religiösem Fanatismus, von Machtmissbrauch und politischem und menschlichem Versagen.

Alles in Allem kann man das Buch getrost als gelungen bezeichnen. Das Holpern am Anfang und die konstruierte Verwandtschaft zwischen Oriole und Ashinn stören nur wenig, und der realistische Entwurf, der ohne übliche Fantasy-Elemente wie Magie und mythische Wesen auskommt, hebt es aus der Masse heraus und macht es zu einer interessanten Abwechslung. Die Autorin schreibt flüssig und eher schlicht, aber durchaus lebendig, und auch wenn der Spannungsbogen sich nur allmählich aufbaut, wird es nie zäh oder flach. Durchaus empfehlenswert.

Valerie M. Irwin ist ein Pseudonym und „Die Legende von Atlantis“ scheint das einzige Buch zu sein, das sie unter diesem Pseudonym veröffentlicht hat. Informationen über die Autorin, wie eine Homepage o.ä., waren nicht zu finden.

http://home.pages.at/yoman/atlantis/platon.htm

Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1]

Pfarrer Lavelle aus Irland findet in seiner Kirche eine ‚geopferte‘ Frau. Als Spezialist für moderne Kulte (und Tatverdächtiger) beginnt er in eigener Sache zu ermitteln, wobei ihm ein freundlicher Polizist und eine Kunstexpertin helfen. Man kommt einer pseudoreligiösen Verschwörung auf die Spur, die einen neuen Kreuzzug plant, um diese sündige Welt zu ‚reinigen‘ … – Debütautor Dunne schert sich wenig um Handlungslogik oder Figurentiefe, sondern serviert, was das Genre seit Dan Brown dominiert: Kirchen-Geheimnisse und saftige Morde: Munkel-Thriller von der Stange. Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1] weiterlesen

Gablé, Rebecca – Siedler von Catan, Die

„Die Siedler von Catan“ ist Rebecca Gablés Roman zum gleichnamigen Spiel des Jahres 1995 von Klaus Teuber. Dieser war von Rebecca Gablés Bestseller „Das Lächeln der Fortuna“ begeistert, sie selbst spielte gerne sein Spiel. Eine glückliche Verbindung – der Roman „Die Siedler von Catan“ war geboren. Auch wer das sehr empfehlenswerte Gesellschaftsspiel nicht kennt, wird mit einem hervorragenden historischen Roman belohnt:

Elasund ist ein kärgliches Land, das kaum genügend Nahrung hervorbringt, um seine wenigen Bewohner zu ernähren. Durch Überfälle der räuberischen Turonländer wird das Los der Einheimischen zusätzlich erschwert. Der reiche, von seinen Nachbarn beneidete und unbeliebte Olaf fasst einen verwegenen Plan: Er hat im Westen eine große Insel entdeckt, ein reiches und fruchtbares Land, das nur darauf wartet, erobert zu werden.

Hunger und Not treiben die Elasunder dazu, ihm aufs Meer zu folgen. Nach langer Irrfahrt glaubt man sich schon verloren, als ein Sturm die Flotte an ein fremdes Gestade spült, das jedoch nicht Olaf’s Insel zu sein scheint: Man entdeckt weiße Raben, und die alte Brigitta verkündet den Heimatlosen, man sei in Catan gelandet, der von Odin geschaffenen und der Welt entrückten Insel der Legende.

Die Insel ist unbewohnt, einzig ein großer Vulkan ist eine Bedrohung in dem ansonsten vermeintlichen Paradies. Doch wie in der Legende ist es der Mensch selbst, der Zwist und Hader säht – alte Machtansprüche, schlichter menschlicher Neid und Hass sowie das Aufkommen des christlichen Glaubens spalten die Elasunder in mehrere Fraktionen. – Wird die unerschütterliche Freundschaft von Candamir und Osmund überdauern, wenn auch noch missgünstige Frauen ihre Fehden auf den Rücken ihrer Männer austragen?

Rebecca Gablés historische Romane zeichneten sich vor allem durch exakte Recherche und ihre überzeugenden Charaktere aus. „Die Siedler von Catan“ macht da keine Ausnahme, das Buch ist zwar kein astreiner historischer Roman, kann jedoch ohne Zweifel als solcher gelten: Das Entdeckervolk der Wikinger war das Vorbild für die Siedler aus Elasund.

Zahlreiche bekannte Wikinger-Thematiken wurden übernommen: Ihre herzhaft rauhe Art, ihre Lebens- und Ackerbauweise sowie ihre Sitten und Gebräuche. Besonders dem Konflikt zwischen dem aufkommenden christlichen Glauben, den ein sächsischer Knecht nach Catan mitgebracht hat, und den Glauben an die nordischen Asen widmet sich Gablé. Besonders lustig sind die Kuhhändel, mit denen der ehemalige Mönch Austin versucht, die Wikinger zum wahren Glauben zu bringen – oft haarsträubend, aber nahe an der Historie. Einzig die blutigen Raubzüge fehlen, auf der Insel sind nur die Siedler, die sich allerdings bald gegenseitig bekriegen werden. Hier bindet die Autorin geschickt Elemente aus dem Spiel ein: Handel ist wichtig, auf Catan gibt es zwar viele Rinder, aber Schafe sind ein seltenes und gefragtes Gut. Ebenso wichtig ist die Suche nach Eisen – ohne Eisen keine Schmiede, ohne Schmiede ist der Bau von Werkzeugen nicht möglich.

Diese Konflikte spielten sich auch in der realen Weltgeschichte ab, hier kann man die Entstehung einer Kolonie im Zeitraffer erleben. Bis hin zum unvermeidlichen Machtkampf: Wer soll König von Catan werden?

Besonders schön fand ich, dass die Wikinger ausnahmsweise nicht wie so oft als rauhe Dumpfbacken mit urigem Humor daherkommen, sondern differenzierter dargestellt werden. Die Freunde Candamir und Osmund, gewissermaßen die Hauptfiguren des Romans, haben ihre individuellen Schwächen, aber auch ihre Stärken: Candamir verhätschelt seinen kleinen Bruder viel zu sehr, was diesen demütigt, da er ihn einfach nicht als Mann anerkennt. Seiner Magd Gunda gegenüber ist er aus diversen Gründen im Handlungsverlauf sehr nachtragend. Er ist aber auch ein sehr liberaler Mann und glaubt nicht ganz so fest an die Götter und alte Traditionen wie sein Freund Osmund. Dieser gehört zwar zur Sippe des unbeliebten Olaf, hält aber trotz des bald aufkommenden Streits zwischen den beiden fest zu Candamir, obwohl er die laxe Haltung seines Freundes hinsichtlich seiner mangelnden Verehrung der Götter nicht gutheißt. Selbst die schöne Siglind kann keinen Keil in die Freundschaft der beiden Männer treiben, hier habe ich sofort auf böses Blut getippt. Lasst euch überraschen, ob die beiden Freunde bleiben oder sich verfeinden werden.

Auch die offensichtlichen Bösewichte, wie der aufgrund seines Reichtums aber auch seiner Arroganz unbeliebte Olaf, werden nicht völlig eindimensional dargestellt: Ohne dessen Beharrlichkeit und Führungsqualitäten hätten die Siedler wohl nur den Meeresgrund und nicht Catan erreicht.

Verglichen mit Gablés früheren Romanen weisen die „Siedler von Catan“ die selben Stärken auf: Lebendige und interessante Charaktere, wobei Candamir und Osmund besonders sympathisch sind. Die historische Recherche ist hervorragend und sehr gut im Roman umgesetzt, man fühlt sich in die Zeit der Wikinger versetzt, die Eroberung einer unbewohnten Insel ist ebenfalls sehr reizvoll. Sogar Elemente aus dem Spiel wurden unauffällig und nicht im Geringsten störend in die Handlung eingebunden.

Als „Roman zum Spiel“ ist das Buch erstklassig, im direkten Vergleich gibt es jedoch bessere. Die Insellage beschränkt alle Interaktion des Buches auf die Siedler selbst, historische Zusammenhänge wie in „Das zweite Königreich“ oder dem „Lächeln der Fortuna“ kann man hier nicht erwarten. Es gibt nur Catan, der Rest der Welt fehlt. Der enge Fokus und ein unbefriedigend offenes Ende sind die größten Probleme des Romans. Auch wenn gelegentlich überraschende Wendungen gelingen, allzu oft kann man schon im Vorneherein Konflikte kommen sehen. Die Storyelemente sind wie gesagt durch das Szenario limitiert – Gablé macht jedoch wirklich das Beste daraus.

Die Umschlaggestaltung ist an das Spiel angelehnt, die gebundene Fassung besitzt ein Lesebändchen, zusätzlich fiel mir Werbung für Catan in Form eines damit recht überflüssigen gewordenen Lesezeichens entgegen.

Man muss das Spiel nicht kennen oder lieben, „Die Siedler von Catan“ bieten gute Unterhaltung für Freunde historischer Romane. Gablé-Fans werden vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, ihre bisherigen Bestseller konnte sie mit diesem Buch leider nicht toppen.

Homepage zum Buch:
http://www.catan-roman.de/

Homepage der Autorin:
http://www.gable.de/

Basil Copper – Die Eishölle

Anno 1932 macht sich eine fünfköpfige Expedition unter Leitung des charismatischen Professors Scarsdale auf die gefährliche Reise in die gefürchteten Schwarzen Berge irgendwo am asiatischen Ende dieser Welt. Dort wartet der „Große Weiße Raum“, der ein Tor in Zeit und Weltraum ist, an dessen Schwelle allerlei Ungeheuer warten … – Basil Copper wandelt in den Fußstapfen von H. P. Lovecraft, die er leidlich unterhaltsam trifft, ohne Denkwürdiges zur Geschichte der unheimlichen Literatur beizutragen.
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Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

Wolfgang Hohlbein – einer der bekanntesten und preisgekrönten Autoren phantastischer Literatur – hat sich in seiner Serie „Der Hexer von Salem“ H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos angenommen und diesen wieder zu neuem Leben erweckt.

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)

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Kôji Suzuki – Ring II – Spiral

Mitsuo Ando, Pathologe am Gerichtsmedizinischen Institut der Präfektur Tokio, ist ein gebrochener Mann. Vor fünfzehn Monaten war er im Urlaub unachtsam; sein dreijähriger Sohn Takamori ist durch seine Schuld im Meer ertrunken. Die Gattin gab ihm die Schuld, die Ehe ist zerbrochen.

Nur die Arbeit gibt Ando Halt. Er bekommt mehr Ablenkung als ihm lieb ist, als auf seinem Seziertisch ausgerechnet ein Kollege, Studienkollege und Freund landet: Ryuji Takahama, genialer Mediziner, Mathematiker und Philosoph wurde von seiner jungen Lebensgefährtin Mai Takano tot in der Wohnung aufgefunden – gestorben offenbar an einem Herzinfarkt.

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Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Terry Oakes u. a. – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der urzeitliche Weg des Menschen über die noch unbesiedelte Erde war auch ein Kampf gegen die örtliche Tierwelt, welche die Neuankömmlinge nie mit offenen Armen, aber mit weit geöffneten Mäulern begrüßte. Intelligenz ermöglichte unseren Vorfahren, sich ihre Nische zu ertrotzen … – Das Begleitbuch zu einer erfolgreichen BBC-Serie schildert den Stand der Forschung und zeigt die Vorzeit und ihre Bewohner in (digitalen) Bildern: Wissenschaft anschaulich und spannend, wenn auch sehr light, da die Besiedlungsgeschichte des ganzen Planeten verkürzt dargestellt wird und die Autoren übertreiben, indem sie Jahrtausende der Menschheitsgeschichte als permanenten Kampf gegen angebliche Monster dramatisieren: dennoch empfehlenswert. Terry Oakes u. a. – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten weiterlesen

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die

London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.

St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.

Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …

Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …

Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.

Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.

Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.

Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.

James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.

So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.

Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.

Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.

Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.

Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.

Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.

P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.

Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.

T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.