Robert B. Parker & Reed Farrel Coleman – The Bitterest Pill. Ein Fall für Jesse Stone (18)

Jesse Stone im Drogenkrieg

Jesse Stone, der Polizeichef von Paradise, Massachusetts, muss einer Drogen-Gang das Handwerk legen, bevor noch mehr Schüler an der lokalen High School an Heroin und Fentanyl sterben. Die Spuren, die er beim Dealer findet, führen ihn nach Boston, wo die richtig harten Jungs leben. Diese Typen setzen sich auf Jesses Spur…

Der Autor Robert B. Parker

Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der Spenser-Reihe wohl seine neun Jesse-Stone-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird regelmäßig vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur, der 1971 über die Schwarze Serie promovierte, lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Der Autor Reed Farrel Coleman

Der US-Autor Reed Farrel Coleman hat bereits 18 Romane und zwei Novellen veröffentlicht, ist also ein alter Hase. Er ist vor allem für seine Moe-Prager-Krimis bekannt und wurde bereits für den Edgar Award nominiert. Den Shamus Ward hat er bereits dreimal gewonnen. Er unterrichtet Schreiben an der Hofstra University und ist ein Gründungsmitglied der MWA (Mystery Writers of America) University. Er lebt mit seiner Familie auf Long Island.

Die Jesse-Stone-Krimis

1) Night Passage (1997, „Das dunkle Paradies“)
2) Trouble in Paradise (1998, „Terror auf Stiles Island“)
3) Death in Paradise (2001, „Die Tote in Paradise“)
4) Stone Cold (2003, „Eiskalt“)
5) Sea Change (2006, „Tod im Hafen“)
6) High Profile (2007, „Mord im Showbiz“)
7) Stranger in Paradise (2008, „Der Killer kehrt zurück“)
8) Night and Day (2009, „Verfolgt in Paradise“)
9) Split Image (2010; „Doppeltes Spiel“)
10) Killing the Blues (M. Brandman)
11) Fool Me Twice (M. Brandman)
12) Damned If You Do (M. Brandman)
13) Blind Spot (von Reed Farrel Coleman)
14) The Devil Wins (von Reed Farrel Coleman)
15) Debt to Pay (von Reed Farrel Coleman)
16) The Hangman’s Sonnet (von Reed Farrel Coleman)
17) Colorblind (von Reed Farrel Coleman)
18) The Bitterest Pill (von Reed Farrel Coleman)
19) Fool’s Paradise (von Mike Lupica)
20) Stone’s Throw (2021, von Mike Lupica) ISBN 9780525542117
21) Fallout (2022, von Mike Lupica) ISBN 9780593540275
22) Buried Secrets (February 4, 2025; von Christopher Farnsworth) ISBN 978-0593544778
23) Big Shot (2026, von Christopher Farnsworth)

Handlung

Eine beliebte Cheerleaderin an der Paradise High School ist von ihrer bestürzten Mutter tot in ihrem Bett aufgefunden worden. Der Rechtsmediziner Peter Perkins tippt auf eine Überdosis Heroin, womöglich gemischt mit Fentanyl. Bei Heather Mackey handelt es sich nicht um irgendeine x-beliebige Schülerin, denn sie ist die Tochter von Stadtrat Mackey. Folglich muss Jesse den Ball flach halten und die Ermittlung mit Feingefühl angehen.

Süchtig

Niemand will, gemäß alter römischer Sitte („Nil nisi bene de mortuis“), etwas Schlechtes über die junge Tote sagen, doch nach einigen separaten Befragungen erscheint ein ganz anderes Bild von Heather. Sie beklaute ihre Eltern und ihre Mitschüler ohne Skrupel, um ihre Sucht zu bezahlen. Wie diese Sucht nach Opioiden angefangen hat, findet Jesse ebenfalls bald heraus. Cheerleaderin Heather hatte sich bei den ausgefeilten Sprüngen der Anfeuerungstruppe verletzt. Erst ging sie mit ihrer Mutter zum Familienarzt Dr. Goldfine, doch der verwies sie an eine Klinikärztin namens Dr. Nour. Die verschrieb ihr Vicodin, ein starkes Schmerzmittel, ähnlich wie das bekanntere Oxycodon. Das machte Heather abhängig.

Der Dealer

Aber wer war ihr Dealer, der ihr den Stoff verschaffte? Auf zwei Versammlungen – der Aufbahrung und der Bestattung – entdeckt Jesse einen Jungen, der vor ihm davonläuft. Chris Grimm wird von mehreren Schülern und Lehrern als „Loser“ und „Dropout“ beschrieben, und als Jesse seine Eltern kennenlernt, versteht er schnell den Grund: Die Mutter ist eine misshandelte Trinkerin, der Vater Joe ist ein brutaler Säufer. Als Joe es mit Jesse aufnimmt, landet er schnell im Krankenhaus – aber nicht im Gefängnis, denn seine Frau nimmt sowohl den illegalen Waffenbesitz als auch den tätlichen Angriff auf einen Cop auf ihre Kappe.

Der Pusher

Dafür findet Jesse in Chris Grimms Jugendzimmer jede Menge Hehlerware, darunter einen legendären E-Bass, von dem er sofort weiß, dass er dem lokalen Musiker Carpenter gehört. Wie sich herausstellt, war es Carpenters eigener Sohn Django (benannt nach dem berühmten Gitarristen), der den Bass geklaut und an Grimm verkauft hatte, um die Opioid-Pillen zu bezahlen. Inzwischen sei er wieder clean, behauptet Django. Unter der Hehlerware finden sich das Einlieferungsticket eines Bostoner Hehlers, aber auch die Visitenkarte eines Armeniers namens Arakel Sarkassian. Diesen trifft Jesse in Boston, ohne zu bemerken, dass Sarkassian beschattet wird. Von Chris Grimm gibt es keine Spur, aber Jesse erwartet auch nicht mehr, Grimm lebend anzutreffen.

Rückversicherung

Das Treffen mit Vinnie Morris, dem Auftragsmörder und wohlhabenden Besitzer einer Bowlingbahn, ist ergiebiger. Eine neue Drogenbande habe sich in der Region Boston Geltung und Einfluss verschafft, weiß Vinnie. Diese Bande beschränke sich nicht wie die Albaner oder Bulgaren auf eine bestimmte Nationalität, sondern habe ein Franchise-Modell aufgebaut: Jeder x-beliebige Typ mit Ambitionen könne sich in die Organisation einkaufen.

Am Ende der Lieferkette existierten dann laut Morris Dealer wie Chris Grimm und sein Führungsoffizier Arakel Sarkassian, die wieder weiteren Bossen dienten. Der Stoff werde ganz anonym gebunkert, die Kontakte alle telefonisch auf Wegwerf-Handys getätigt. Solche Handys hat Jesse massenhaft im Zimmer von Chris Grimm vorgefunden: Auf einem davon war noch Arakels Nummer gespeichert.

Toter Briefkasten

Django Carpenter verrät Jesse, dem Freund seines Vaters, wo sich der tote Briefkasten an der High School befindet – in einem ganz gewöhnlichen Spind mit einem Kombinationsschloss. Wer die Kombination kannte, der konnte Bestellungen aufgeben und die Lieferung abholen. Nach entsprechender Zahlung, versteht sich. Heather zahlte auch in Naturalien, also mit der Benutzung ihres Körpers.

Die Show

Zusammen mit seinen Kollegen Gabe Weathers und Luther „Suitcase“ Simpson plant Jesse eine große Show an der High School. Denn ihm ist klar, dass dieser leere Spind von jemandem zur Verfügung gestellt worden sein muss. Und dass es einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den verschwundenen Chris Grimm geben muss. Und den oder die will Jesse entsprechend nervös machen. „Wir schütteln den Baum und schauen, wer oder was herausfällt.“

Mein Eindruck

Die Strategie hat Erfolg: Eine Menge Leute werden nervös. Es kommt zu einem Anschlag auf das Auto, das Jesse besitzt, das sich aber sein neuer Filus Cole Slayton ausgeliehen hat. Cole kommt zwar mit dem Leben davon, aber Jesse wird nun noch grimmiger. Vinnie Morris warnt ihn, dass nun die Drogenbande reagieren werde: Wahrscheinlich werde sie das Verteilernetz an ihrem Ende aufgeben. Schon bald wird Jesse und der Öffentlichkeit klar, was dies im Klartext bedeutet: Die Hehler müssen als erste ins Gras beißen.

Doch was wird Arakel Sarkassian tun, mit dem Jesse gegessen hat? Denn es gibt ein loses Ende, das Arakel verraten und die Dealerin verraten kann: Chris Grimms Nachfolgerin Petra North. Doch wer hat die relativ unbedarfte Petra, die Tochter eines Anwalts, angeworben?

In einem parallel verlaufenden Handlungsstrang aus einer sehr persönlichen Perspektive folgen die Leser dieser namenlosen Frau, die uns eine Reihe von Rätseln aufgibt. Erstens ist sie selbst ein Opioid-Junkie und würde alles für eine weitere Pille tun. Zweitens verführt sie nicht nur Mädels wie Petra, sondern auch Jungs wie Chris Grimm. Mithilfe emotionaler Nötigung und schließlich Erpressung – ihre Opfer sind ebenfalls abhängig – gelingt es ihr, einen Verteilerring aufzubauen. Doch wer ist diese Frau?

Jesse muss das fehlende Teil des Puzzles schnellstens finden. Die Schüler der High School munkeln etwas von einer Lehrerin, wollen aber keinen Namen verraten. Jesses Verdacht fällt auf seine Freundin Maryglenn, die er seit der Mordserie durch die Neonazis (in „Colorblind“) als Freundin gewonnen hat. Und siehe da: Molly Crane, seine Stellvertreterin bei den Cops, stößt auf eine No-Go-Linie, hinter der es keine Infos mehr gibt. Jedenfalls nicht offiziell. Also bittet Jesse einen Justizbeamten um Amtshilfe, denn der Mann schuldet (aus „The Hangman’s Sonnet“) noch einen Gefallen. Hier sticht Jesses Anfrage in ein Wespennest…

Die wahre Anwerberin von Petra North, läuft immer noch frei herum, ebenso Arakel Sarkassian mit seinen zwei bulgarischen Knochenbrechern. Es kommt zu einer dramatischen Schießerei vor der Klinik, in der Petra liegt. Dabei ergibt sich für Jesse die bittere Erkenntnis: Hätte Anwalt North die Identität von Petras Pusherin fünf Minuten früher preisgegeben, dann hätte Jesse seine Leute und die Bevölkerung früher vor der doppelten Gefahr warnen können – nicht nur durch Arakel, sondern auch für die Pusherin.

Textschwäche

S. 135: „After the arrest, Jesse had Gabe Weathers [took] Joe Walters to the hospital…”: “took” ist hier das falsche Tempus, denn wegen “had” muss ein Infinitiv folgen: „take“. (Joe Walters ist Chris Grimms brutaler, renitenter Stiefvater.)

Unterm Strich

Der achtzehnte Krimi mit Jesse Stone ist mittlerweile besonders relevant für europäische Leser. Als der Roman schon 2019 erschien, schien die hier beschriebene Opioid-Krise nur die USA und Kanada zu betreffen, doch inzwischen ist Fentanyl & Co. über die Zwischenstationen Belgien und die Niederlande auch bei uns angekommen. Neben tonnenweise Kokain (in 2023 über 100 Tonnen allein in Belgien) finden immer mehr synthetische Drogen wie Ecstasy, Crystal Meth und Opioide ihren Weg zu uns.

Der Autor hat den kompletten Weg zur Sucht und anschließenden Verteilung genau recherchiert und beschreibt seine Erkenntnisse leicht verständlich, aber auch anrührend. Es ist nur eine schmerzhafte Verletzung und der entsprechende Arzt nötig, um ein Opioid wie Vicodon oder Oxycodon verschrieben zu bekommen und in kürzester Zeit davon abhängig zu werden. Fentanyl wirkt hundert Mal stärker als Heroin. Die Abhängigkeit ist also nur eine Frage von Stunden oder Tagen. Von dieser Sucht ist es nur ein kurzer Weg zum Dealen, um die Sucht zu finanzieren. Das Schneeballsystem lässt den Kreis der Süchtigen sich schnell ausbreiten.

Das Merkwürdige an diesem System ist, dass die Angehörigen und Freunde der Opfer die Augen vor dem Schaden verschließen, den sie selbst erleiden: Sie werden nach Strich und Faden bestohlen, damit ein Süchtiger den Stoff finanzieren kann. Selbst noch nach drm Tod des Opfers gilt der Grundsatz, bloß nichts Schlechtes über es zu sagen. So bleibt das System lange Zeit vor der Polizei und anderen Behörden verborgen. Und die meisten Junkies täuschen sich oft selbst, sie seien nicht süchtig. Da freuen sich die Drogenlieferanten.

Dieser Jesse-Stone-Band zeigt, wie sich das System auch im privatesten Bereich auswirkt. Jesse kann keinem mehr vertrauen, außer seiner engsten Truppe vielleicht. Schlagendstes Beispiel ist seine Bettfreundschaft mit der Malerin und Kunstlehrerin Maryglenn. Durch andere Quellen gerät Maryglenn ins Zwielicht, was ihn veranlasst, ihr Vorleben zu recherchieren. Maryglenn ist online und hat eine rege Vergangenheit, aber ihr Name ist wahrscheinlich nicht echt. Sie scheint sich in einem Zeugenschutzprogramm zu befinden. Jesse bleibt wirklich nichts erspart.

Mit einem raffinierten Trick hält der Autor den Leser bei der Stange: Die Frage stellt sich nämlich, ob Maryglenn die richtige Pusherin ist, die Chris und andere süchtig gemacht hat. Wie es aussieht, ist sie das nicht. Weitere POV-Kapitel (POV: point of view) erhärten den Verdacht, dass es da noch jemanden geben muss, der aus Süchtigen auch Dealer macht. Diese Enthüllung wird bis zuletzt zurückgehalten. (Und ich werde sie ebenfalls nicht preisgeben.)

In zahlreichen Rückverweisen erwähnt der autor die Geschehnisse in „The Hangman’s Sonnet“ (JS 16). Es empfiehlt sich daher, die Jesse-Stone-Bände in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung zu lesen, sonst stolpert man ständig über Spoiler.

Von mir gibt es die volle Punktzahl.

Taschenbuch: 380 Seiten
O-Titel: The Bitterest Pill, 2019
ISBN 9780399574993

G.P. Putnam, bei Penguin

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