Robert Silverberg – Der siebte Schrein. Fantasy-Anthologie

Erstklassige Fantasy-Sammlung für Fans und Neulinge

In dieser Anthologie lässt Robert Silverberg elf berühmte Fantasy-Autoren wie Stephen King, Terry Pratchett, Tad Williams, Terry Goodking, Robert Jordan u.a. zu Wort kommen. In ihren eigens für diese Anthologie geschriebenen Kurzromanen kehren die Autoren zu vertrauten Schauplätzen und Figuren ihrer Fantasy-Welten zurück. So lässt Stephen King in „Die kleinen Schwestern von Eluria“ den Revolvermann Roland aus seinem Epos „Der Dunkle Turm“ wiederauferstehen, Robert Jordan bezieht sich auf sein Epos „Das Rad der Zeit“, und in Terry Pratchetts „Das Meer und kleine Fische“ begegnen wir natürlich der Hexe Esme Wetterwachs aus der „Scheibenwelt“.

Der Wälzer wurde wenige Jahre später für die Taschenbuchausgaben aufgeteilt:
Legenden. Lord John, der magische Pakt und andere Abenteuer. 2005, ISBN 3-492-26616-9, Legends II. 2004.
Legenden. Das Geheimnis von Otherland und andere Abenteuer. 2006, ISBN 3-492-75005-2, Legends II. 2004.

Der Herausgeber

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Antholgist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichtenund Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Silverberg schrieb in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane, wie viele seiner Kollegen auch.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weitgespannten Saga, in der der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z.B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und –autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.

Die Erzählungen

Jeder Kurzroman wird mit einem Porträt des Hintergrundes, vor dem er spielt, vorgestellt. Dieser Hintergrund besteht in der Regel aus einem zugehörigen Zyklus wie etwa dem Erdsee-Zyklus von Ursula LeGuin. So erfährt der Neuling, dem das jeweilige Universum bislang unbekannt war, das Wichtigste, was er als Vorgeschichte des nun folgenden Textes wissen muss.

In fast allen Fällen wurde dem Text eine Karte des jeweils interessierenden Territoriums beigefügt. Einzige Ausnahmen sind hier die Beiträge von King, Pratchett und McCaffrey. Die Karten und die Erläuterungen bieten selbst dem Fan noch etwas, der dachte, er habe schon alles über einen Zyklus erfahren.

1) Stephen King: Die kleinen Schwestern von Eluria (Der Dunkle Turm)

Der Revolvermann gelangt in eine scheinbar verlassene Stadt, wird von Mutanten überwältigt und von den kleinen Schwestern gepflegt. Mit kleinen Häppchen der Erkenntnis steigert King das Grauen, das nun folgt: Der Gunman ist in die Hände von Vampiren gefallen und muss zusehen, wie ihnen einer der Lazarettgenossen nach dem anderen zum Opfer. Er ist der nächste…

2) Terry Pratchett: Das Meer und kleine Fische (die Scheibenwelt)

Der jährliche Wettstreit der Hexen soll ohne Oma Wetterwachs stattfinden? Undenkbar! Und dennoch: Granny lässt sich in einem Anfall des Schuldbewusstseins erweichen – schliesslich hat nie eine der anderen Hexen (= kleine Fische!) gewonnen. Dass dies kein gutes Ende nehmen kann, dürfte klar sein. Granny mag ja ein sturer Bock sein (eine massive Untertreibung), aber was folgt, hat sie nicht verdient.

3) Terry Goodkind: Die Knochenschuld (Das Schwert der Wahrheit)

Diese Geschichte dreht sich um Zeddicus Z’ul Zorander, den Ersten Zauberer von Aydindril in den Midlands. Man befindet sich im Krieg gegen die Armeen von D’hara und die Magier des Widersachers Rahl. Als eine junge Frau ihn im Namen einer Schuld zu Hilfe ruft, bestätigt Zed seinen Ruf als Trickser: Er überwältigt die gegenerische Armee und deren Magier. Die junge Abbi erlebt einige Überraschungen.- Eine Geschichte, die einen nicht besonders vom Hocker reisst, wenn sie auch routiniert erzählt und mit etlichen Überraschungen gespickt ist.

4) Orson Scott Card: Der grinsende Mann (Die Legenden von Alvin Maker)

Dies ist eine Fabel um einen intelligenten Bären, um Davy Crockett, den berühmten Trapper, und den habgierigen Müller. Alvin Maker und sein Gefährte, der Farbige Arthur Stuart, sind auf der Durchreise, doch Alvin findet Gelegenheit, mit seiner Gewitztheit dem Müller das Handwerk zu legen und noch ein paar andere Menschen glücklich zu machen. Sehr kurzweilige und humorvolle „tall tale“ aus einem Alternativuniversum, in denen die USA ganz anders aussehen.

5) Robert Silverberg: Der siebte Schrein (Majipoor)

In dieser Detektivgeschichte begibt sich der oberste Herrscher der Welt Majipoor mit seinen engsten Berater in die Ruinenstadt Velalisier, die vor 20.000 Jahren die Hauptstadt der Piurivar-gestaltwandler war. Er will den Mord an einem seiner Archäologen aufklären. Der 7. Schrein ist die verbotene und bewachte Grabstätte eines früheren Pontifex, der den Schrein einst öffnen wollte. Valentine bekommt es mit uralten Mythen zu tun, die den Weg in eine gemeinsame Zukunft von Piurivar und Menschen blockieren. – Eine stimmungsvolle und lebendige Story, mit der Silverberg den Leser auf die Folter spannt.

6) Ursula K. LeGuin: Drachenkind (Erdsee-Zyklus)

Eine geniale – und bis zur allerletzten Seite spannende – Erweiterung des bisherigen Geschehens im Erdsee-Archipel, die nahtlos an „Tehanu“, den vierten Erdsee-Roman, anschliesst. – Die junge Bauerntochter Illian, deren Mutter unbekannt ist, will Roke, die Insel der Weisen und Magier, besuchen, um herauszufinden, wer oder was sie ist. Doch Damenbesuch ist im Kloster der Magier verboten. Der Erzmagier Thorion will sie verjagen, doch eine ältere und mächtigere Magie, als er sie besitzt, tötet ihn: Illian ist ein Drache! (Die Story wurde in „Schwebender Drache“ umbenannt.)

7) Tad Williams: Der brennende Mann (Die Chroniken von Osten Ard)

Im Land Osten-Ard regierten einst die Sithi, eine edle und friedfertige Rasse, zauberkundig und feinsinnig – so etwas wie Tolkiens Elben. Als die Nordmänner brutal in das Land einfielen und die stolze Burg Hochhorst angriffen, sprach Ineluki, der letzte Herrscher der Sithi, einen fürchterlichen Fluch aus. (Diese Geschichte erzählt Tad Williams in seinem vierbändigen Zyklus um Osten-Ard.)

Nun, viele Äonen später, hat der glücklose Reiherkönig Lord Sulis in der düsteren, verfallenen Burg Hochhorst Zuflucht vor seinen religiösen Verfolgern gefunden. Er lebt dort mit wenigen Getreuen und mit seiner Stieftochter Breda, die in seltsamen Träumen von den Geistern der Burg heimgesucht wird. An den Wurzeln des Engelsturms herrschen immer noch die uralten Kräfte der Elben (Sithi) Ineluki und seines Bruders Hakatri.

Heimlich folgt Breda, die uns diese Geschehnisse Jahre später berichtet, dem Lord eines Nachts tief hinunter in die unterirdischen Verliese. Bei ihm sind die Hexe Valada, die er gefangen nehmen ließ, und zwei seiner Getreuen, Tellarin und Avalles. Tellarin ist seit Monaten Bredas Geliebter. Daher muss sie unbedingt erfahren, was er und ihr Stiefvater vorhaben, und koste es ihr Leben.

Der Lord, ein sogenannter Abtrünniger und Zweifler an der offiziellen Lehre der Kirche von Nabban und deshalb in die Verbannung nach Erkynland geschickt, sucht die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage: Wie steht es um die Grundlagen des Glaubens, an dem er zweifelt? Er ahnt nicht, dass seine Stieftochter unwissentlich im Bund mit seinem Feind ist.

Im tiefsten Innern des Engelsturms begegnet er dem „brennenden Mann“, der dort in Todesqualen in einer anderen Dimension verharren muss. Es handelt sich um Hakatri, Inelukis unglücklichen Bruder. Doch die Botschaft, die Lord Sulis von ihm erhält, hat verhängnisvolle Folgen. Wie es die Hexe vorhersagte: Einer muss dafür bezahlen. Breda spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Mein Eindruck

Wie gesagt, ist die Geschichte ganz und gar aus dem Blickwinkel Bredas erzählt. Sie ist von königlichem Geblüt, aber zusammen mit ihrer Mutter vaterlos und somit verarmt aufgewachsen. Bis eines Tages Lord Sulis in Erkynland auftauchte und ihre Mutter zur Frau nahm. Doch warum musste er nur die heimgesuchte alte Burg wieder aufbauen? Er suchte Antworten, wälzte Bücher und vergaß dabei die Welt – und seine Familie. Auch der Lord ist ein „brennender Mann“, der im Fegefeuer der Verbannung und Ächtung leben muss.

Schon werden Attentäter gegen ihn ausgesandt, von denen Breda natürlich nichts ahnt. Sie ist viel zu sehr mit ihrer ersten großen Liebe Tellarin beschäftigt. Erst als die Hexe Valada eingekerkert wird, merkt sie, was vor sich geht und was auf dem Spiel steht. Die Dinge spitzen sich bis zu jener Nacht zu, die man hierzulande als Walpurgisnacht kennt…

Der Autor erzählt von großen Vorgängen, die die Welt der Menschen prägen, lange nachdem die Sithi-Lords verschwunden sind. Es handelt sich um die Folgen des Aufstieg der Kirche zur Staatsmacht, die keine Abtrünnigen wie Lord Sulis duldet. Im Gewande eines Fantasyromans wirft der Autor einen kritischen Blick auf zentrale Vorgänge des europäischen Mittelalters.

Dabei wird die Geschichte nie langweilig, denn Breda erzählt sie mit der Weisheit und Ruhe des Alters, wenn sie auf ihr ungestümes fünfzehnjähriges Ich in jener Zeit zurückblickt. Damals befand sie sich in einer Epoche, als uralte Magie, Hexenwissen und neuer Kirchenglaube noch nebeneinander existierten.

Dingsymbol

Das Dingsymbol dafür ist die „Drachenklaue“, die sie für ihre Mutter kurz vor deren Tod holen sollte. Ein Kräuterweiblein gab ihr eine Eulenkralle, „die man hier auch Drachenklaue nennt“. Hier – das ist im Hochhorst der Ort, wo es zur Zeit der Sithi-Lords einen roten Drachen gab. Und wenn Breda dieses giftige Instrument, das einen schnellen Tod herbeiführen soll, einsetzt, dann ist dieser Akt ein Triumph der magischen alten Welt über die neuen Götter.

Die Drachenklaue sieht man laufend im Text, denn sie trennt als Icon jeden Abschnitt der Erzählung. Dadurch wird der Text zum einen übersichtlich. Zum anderen hält das Symbol den Text auf einer höheren Ebene zusammen.

8) George R.R. Martin: Der Heckenritter (Das Lied von Eis und Feuer)

Wesentlich erhebender als Williams‘ Story ist die merkwürdige Erfolgsstory eines umherziehenden Ritters, der das Glück wider Willen gepachtet zu haben scheint. Bei einem Turnier der Sieben Königreiche gerät er ohne Absicht mitten hinein in die Ränke, die sich zwischen den Herrschergeschlechtern abspielen. Doch viel Feind, viel Ehr! Dunk mag ja nicht der Hellste sein, aber er ist seinem Rittereid, den Jungen und Unschuldigen zu helfen, treu – das bringt ihn zwar fast um, hat aber auch etwas Gutes. Und er hat Egg an seiner Seite, der viel mehr ist, als es zunächst den Anschein hat.

Eine verwickelte Geschichte, so ulkig und überraschend erzählt, dass man die ganze Zeit nicht aus dem Grinsen herauskommt – erste Sahne. Sie wurde inzwischen zu einer unterhaltsamen TV-Serie verarbeitet.

9) Anne McCaffrey: Die Läuferin von Pern (Pern-Zyklus)

In dieser kurzen Erzählung nach klassischem Cinderella-Schnittmuster gelingt es einer jungen Kurierin, die von einem unbekannten jungen Reiter verletzt worden war, sich eben diesen jungen Mann zum künftigen Gefährten zu nehmen. Zum Glück ist er der Prinz von Burg Fort! Eine humorvolle Romanze, die für kurzweilige Lektüre sorgt, aber weiter nichts.

10) Raymond E. Feist: Der Holzjunge (Die Midkemia-Saga)

Feist erzählt eine Episode aus den Anfängen des Spaltkrieges gegen die Tsurani. Der Holz sammelnde Diener der Tsurani-Invasoren, Dirk, verfolgt die Mörder, die seine Familie umbrachten. Als er auf den Haupttäter trifft, befindet sich dieser in Gesellschaft des von Dirk geliebten Mädchens Anika. Drugen und Anika sterben, und Dirk schafft die Leichen zu den Soldaten der Menschen. – Ein klassisches Drama mit unglücklicher Liebe und allem, stimmungsvoll und spannend erzählt.

11) Robert Jordan: Der neue Frühling (Das Rad der Zeit)

Dieser Kurzroman von über 100 Seiten Länge bildet sowohl den würdigen Abschluss des Buches und eine für Jordan-Fans interessante Vorgeschichte des Zyklus „Das Rad der Zeit“. Denn hier wird die Frage geklärt, wie Moiraine, die Aes-Sedai-Beschützerin von Rand Al’Thor, zu ihrem Behüter, Lan Mandragoran, kam.

In einer geradlinigen Story führt Moiraines Weg in Begleitung der späteren Amyrlin Siuan Sanche von einer Provinzstadt zum Palast des Fürsten von Kandor in Chachin. Dort hat sie eine beinahe tödlich verlaufende Auseinandersetzung mit einer Angehörigen der Schwarzen Ajah. Sie und Lan, der sie rettete, machen sich nach Süden auf, um weiterhin nach dem Knaben zu suchen, der als der Wiedergeborene Drache prophezeit worden ist. –

Dies ist erstklassiger Stoff, nicht nur für Jordan, sondern auch für Fantasy allgemein.

Unterm Strich

Angefangen bei Stephen King, dessen Beitrag das Werk mit einer Geschichte beginnt, die in seinem beliebten Gunslinger-Universum spielt, bis hin zu Robert Jordan, der dem Leser einen Einblick in die frühe Geschichte seiner berühmten Saga vom Rad der Zeit gewährt, zeichnet sich jede einzelne Erzählung durch einen exzellenten Stil und eine durchgängig durchdachte Erzählweise aus. Zu den Autoren gehören neben King und Jordan auch Herausgeber Silverberg sowie Terry und Lyn Pratchett, Terry Goodkind, Orson Scott Card, Ursula K. Le Guin, Tad Williams, George R. R. Martin, Anne McCaffrey und Raymond E. Feist.

Hardcover: 848 Seiten
O-Titel: Legends. New Short Novels. 1998.
Aus dem Englischen übertragen von Joachim Körber.
ISBN 978-3453152991

www.heyne.de

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