Schlagwort-Archiv: dtv

Alexandre Dumas – Der Graf von Monte Christo (Vollständige Ausgabe)

Zur Story

Der junge, redliche Edmond Dantès ist Erster Offizier an Bord des Handelsschiffes „Pharaon“. Als der Kapitän auf der Rückfahrt nach Marseilles unerwartet verstirbt, übernimmt er kommissarisch das Kommando. Bei einem Zwischenstopp auf der Insel Elba hatte Käpt’n Leclère zuvor ein konspiratives Treffen mit dem dort im Exil befindlichen Ex-Kaiser Napoleon Bonaparte, der diesem einen wichtigen Brief offenbar brisantem Inhalts anvertraute. Der letzte Wille des Dahingeschiedenen war nun, dass Edmond eben jenes ominöse Schriftstück statt seiner nach Paris überstelle. Sein treuer Erster Offizier gedenkt genau dies zu tun, nachdem er die „Pharaon“ und ihre Ladung mit sicherer Hand in den Hafen bugsiert, sich an Land über den Zustand seines armen und kränklichen Vaters informiert und dann noch rasch seine Verlobte Mercédès geehelicht hat. Der Reeder Morrel hat dem wackeren Seemann bereits in Aussicht gestellt, dass er auch zukünftig das Kommando über den Dreimaster innehaben wird. Die Beförderung ist quasi reine Formsache.

Doch Dantès hat Feinde. Der Zahlmeister Danglars neidet ihm seinen raschen Aufstieg und wäre selbst gern zum Kapitän der „Pharaon“ geworden. Währenddessen grollt ein anderer ihm die Verlobung mit Mercédès, da er die unglaublich liebreizende Katalanin sofort heiraten würde, wenn ihr Herz nicht voll und ganz Edmond gehören würde: Fernand Mondego. Zusammen mit dem versoffenen Nachbarn des alten Dantès – Caderousse – entsteht ein Komplott, dessen vollständige Ausmaße wohl kaum einer der Intriganten wirklich hat voraussehen können. Alexandre Dumas – Der Graf von Monte Christo (Vollständige Ausgabe) weiterlesen

Richard Stark – Verbrechen ist Vertrauenssache [Parker 17]

Berufsgangster Parker überfällt mit zwei Kumpanen einen betrügerischen Prediger; er wird verraten, verliert die Beute, beinahe das Leben, wird von der Polizei, den Schergen des Predigers und einigen Amateurgaunern verfolgt und holt sich doch sein Geld zurück … – Nach fast 25 Jahren kehrt Parker zurück – und ist sofort wieder voll da in dieser Räuberpistole, die lakonisch und hochspannend zum rasanten Katz-und-Maus-Spiel explodiert: ein wunderbarer Thriller! Richard Stark – Verbrechen ist Vertrauenssache [Parker 17] weiterlesen

Jussi Adler-Olsen – Erwartung

Worum gehts?

Für den fünfzehnjährigen Marco gehört Kriminalität schon seit Kindertagen zum Alltag. Er wächst in einem Clan auf, dessen Oberhaupt Zola sein Onkel ist. Täglich wird er zum Stehlen und Raub gezwungen. Seine eigenen Wurzeln sind ihm nicht wirklich bekannt, seine Mutter kennt er überhaupt nicht und sein Vater, der Bruder von Zola, ist ebenfalls im Clan aktiv.

Als ihm bewusst wird, dass sein bisheriges Leben nicht das ist, was er sich für seine Zukunft vorstellt, beschließt er, dem Clan zu entfliehen. Doch aus Angst, verraten zu werden, setzt Zola seine Meute auf Marco an, wodurch sich eine Hetzjagd durch ganz Kopenhagen ereignet. Als Marco sich schließlich in einem abgelegenen Waldstück vor seinen Verfolgern versteckt, traut er seinen Augen kaum, denn direkt neben ihm entdeckt er eine menschliche Leiche. Noch ist ihm nicht bewusst, dass dies erst der Anfang eines unglaublichen Trips ist, denn mit dem Leichenfund hat er unbewusst eine ganze Lawine von Ereignissen losgetreten und gerät von immer mehr Leuten ins Visier.
Jussi Adler-Olsen – Erwartung weiterlesen

Sybil Volks – Torstraße 1


Worum geht’s?

Soho House Berlin. Elsa hofft auf den Einlass in das berühmte Soho House an der Torstraße 1 in Berlin, in dem an diesem Abend eine exklusive Party stattfindet. Dieser Tag ist für sie ein ganz besonderer, denn genau in diesem Haus kam sie vor achtzig Jahren zur Welt, ebenso Bernhard, dessen Vater das Haus gebaut hat. Von Geburt an sind die beiden miteinander verbunden. Nach Jahren der der Trennung sollen sie sich heute, an ihrem Geburtstag, wieder treffen, in dem Haus, in dem sie beide geboren wurden.

Inhalt

Das Kaufhaus Jonass ist eines der ersten Kreditkaufhäuser seiner Zeit. Vicky, eine junge hochschwangere Frau, die dort angestellt ist, bringt am Tag der Eröffnung eine kleine Tochter zur Welt, auf dem Packtisch der Poststelle. Zur Hilfe bei der Geburt ist Wilhelm, ein Zimmermann, der dieses Haus mit geschaffen hat und zur selben Zeit ebenfalls Vater wird.

Sybil Volks – Torstraße 1 weiterlesen

Jussi Adler-Olsen – Das Washington-Dekret

Worum gehts?

Bruce Jansen ist der neue, frisch gewählte Präsident der USA. Doch am Tag des Wahlsiegs wird seine hochschwangere Frau kaltblütig erschossen. Sowohl Frau als auch ungeborenes Kind kommen bei dem Attentat ums Leben. Alles deutet auf Bud Curtis, Vater einer Mitarbeiterin Jansens, als Täter hin, und kurze Zeit später ist er zum Tode verurteilt.

Nach Wochen der Trauer nimmt Jansen schließlich sein Amt auf und trifft immer häufiger fragwürdige Entscheidungen, so dass innerhalb kürzester Zeit die gesamte USA in einen Ausnahmezustand versetzt wird. Niemand darf mehr öffentlich seine Meinung äußern, Radiosender werden ausgelöscht und Talkshows zensiert. Alles droht aus den Fugen zu geraten …

Jussi Adler-Olsen – Das Washington-Dekret weiterlesen

Gray, John – Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus

Irgendwie neigt die Beschäftigung mit Philosophie dazu auszuufern. Nun muss ich gestehen, dass ich keinesfalls ein Philosophie-Experte bin. Genau genommen ist Grays Buch das erste philosophische Buch, das ich vollständig gelesen habe. Ich nehme deshalb an, dass ich nach Grays Ansicht zu der Gruppe „reflektierter Zeitgenossen“ …(wie kann man Menschen reflektieren?) …gehöre, deren „unreflektierte Überzeugungen“ er laut Vorwort angreifen möchte. Sollte das der Fall gewesen sein, kann der Autor zumindest von sich sagen, dass sein Buch mich zur Reflexion gebracht hat. Ob ihm das Ergebnis gefallen würde, werden wir sehen …

In „Von Menschen und anderen Tieren“ kritisiert Gray den Humanismus und vertritt dabei – unter anderem – folgende Standpunkte:

1. Der Mensch unterscheidet sich nicht wesentlich vom Tier.
2. Es gibt kein in sich geschlossenes, kontinuierliches, menschliches Selbst.
3. Der Mensch besitzt keinen freien Willen und ist deshalb auch nicht für seine Entscheidungen verantwortlich

Diese drei habe ich unter mehreren Punkten herausgegriffen, um den Umfang wenigstens ein klein wenig zu begrenzen.

1. Der Mensch unterscheidet sich nicht wesentlich vom Tier.

Zunächst als Beleg dafür, dass Gray diese These vertritt, hier eine kleine Auswahl an Zitaten:

Zitat S. 17 Absatz 2 Satz 1 und 2:
„Um zu erkennen, dass wir den Tieren zuzurechnen sind, müssen wir nicht Darwin bemühen. Ein Blick darauf, wie wir leben, führt zum selben Schluss.“

Zitat S. 42, Absatz 3, Satz 4:
„[…], den vor-darwinistischen Irrtum wieder aufleben zu lassen, die Menschen seien anders als alle anderen Tiere.“

Zitat S. 70, Absatz 4, Satz 2:
„Doch auch nach all der Denkarbeit, die [diverse Philosophen] geleistet haben, können wir uns nicht sicherer sein als andere Tiere, dass die Sonne morgen aufgehen wird.“

Nun, dieser Ansicht kann man sein. Zumindest, bis man die nächste Seite liest.

Zitat S. 71, Absatz 1, Satz 2:
„Das spezifisch Menschliche ist nicht das Sprachvermögen, sondern die Kristallisation der Sprache in der Schrift.“

Zitat S. 71, Absatz 3, Satz 1:
„Schrift erzeugt ein künstliches Gedächtnis, mit deren Hilfe der Mensch seinen Erfahrungshorizont […] ausweiten kann.“

Ein Philosoph, der seine eigene These selbst widerlegt, unmittelbar, nachdem er sie aufgestellt hat! Interessant!

Tatsache ist, dass der Mensch das einzige Tier ist, das vollkommen anders lebt als seine Mitgeschöpfe. Keine andere Spezies nutzt Werkzeuge und Feuer im selben Ausmaß; nichts lässt erkennen, dass andere Spezies sich Gedanken um die Zukunft machen, wie es zum Beispiel die Bestattungsriten der Menschen seit der Steinzeit erkennen lassen; und keine andere Spezies hat den Planeten so massiv beeinflusst und verändert wie der Mensch.

Ja, der Mensch ist ein Tier. Aber nicht, weil er lebt wie andere Tiere. Sondern weil am Beginn seines Stammbaumes dieselben Einzeller stehen wie bei Hummern, Libellen, Quallen und Rindviechern. Und dass der Mensch ein Tier ist, heißt das nicht, dass er sich nicht von allen anderen Tieren gravierend unterscheiden kann.

2. Es gibt kein in sich geschlossenes, kontinuierliches, menschliches Selbst.

Zitat Seite 88, Absatz 4, Satz 1:
„Dem Identitätserleben liegt kein kohärenter Wesenskern zugrunde.“

Zitat Seite 89, Absatz 4, Satz 3:
„Wahrnehmung und Verhalten vollziehen sich sowohl beim Menschen als auch in einer Insektenkolonie, als gäbe es ein lenkendes Selbst, das aber in Wirklichkeit nicht existiert.“

Diese These stützt sich vor allem auf Erkenntnisse der Neurologie. Das Bewusstsein des Menschen selektiert. Nur ein winziger Bruchteil – etwa ein Millionstel – aller Sinneseindrücke kommt dort an, und wir können nicht beeinflussen, welche. Auf die meisten Situationen reagieren wir unbewusst.

Nun wird die Identität, das „Selbst“ eines Menschen, in diesem Kontext definiert durch die Summe seiner Handlungen. Da das menschliche Handeln aber nur zu einem verschwindend geringen Anteil bewusst ablaufe, könne auch das „Selbst“ bestenfalls ein bruchstückhaftes, unvollständiges, sich stets wandelndes Etwas sein, ein Sammelsurium aus kurzen Momentaufnahmen.

Dass das Handeln des Menschen dennoch eine starke Strukturiertheit aufweist, erklärt Gray mit einem Phänomen, das im Zusammenhang mit Ameisen, Termiten oder Bienen als „Gruppenseele“ beschrieben wird, die allerdings eine Eigenschaft der Spezies sei, und nicht des Individuums. Die Handlung erfolgt demnach als Reaktion auf lokale Komponenten. Sprich: versetze eine Brutpflegetermite aus dem Stock nach draußen, und sie wird anfangen, Futter zu sammeln. Setze sie zurück, und sie wird wieder Maden füttern.

Demnach müsste ein Mongole, den man nach Polynesien versetzt, völlig selbstverständlich in ein Kanu steigen und zum Fischen fahren.
Ich denke nicht, dass es wirklich so einfach ist!
Nun gut, nehmen wir ein weniger krasses Beispiel:
Ein Systeminformatiker, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, wird auf eine Baustelle geschickt, um dort eine Ziegelmauer hochzuziehen.

Sieht so aus, als wäre das Vorbild der Insektenstaaten nicht so einfach auf den Menschen übertragbar. Jedenfalls nicht innerhalb der Bereiche der gesellschaftstragenden Arbeitsteilung. Bestenfalls funktioniert das auf der Ebene der unbewussten Tätigkeiten wie „in Hausschuhe schlüpfen“ oder „die Toilettenspülung betätigen“. Ich glaube aber nicht, dass das „Selbst“ irgendeines Menschen sich danach definiert, welche Hausschuhe er trägt, oder mit welcher Hand er die Spültaste betätigt! Selbst dann nicht, wenn Handlungen wie diese 999.999 Millionstel seiner Gesamttätigkeit ausmachten.

Da andere Tiere oft wesentlich leistungsfähigere Sinnesorgane haben als Menschen, dürfen wir wohl getrost davon ausgehen, dass auch sie ihre Eindrücke in irgendeiner Form selektieren, je nachdem, was für sie relevant ist.

Das menschliche Bewusstsein mag im Vergleich zum gesamten Sinneseindruck bruchstückhaft sein. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass daraus kein „Selbst“ entstehen kann. Vielleicht setzt es sich nur vorwiegend aus den Eindrücken und Erfahrungen zusammen, die es als relevant erachtet. Wie Mosaike beweisen, kann auch eine Ansammlung vieler loser Steine ein sinnvolles Bild ergeben, wenn man sie richtig anordnet. dass es mehrere Möglichkeiten gibt, die Steine zu Bildern zu fügen, bedeutet lediglich, dass niemand vorher sagen kann, auf welche Weise ein Eindruck oder eine Erfahrung das „Selbst“ eines Menschen beeinflussen wird. Es bestreitet auch niemand, dass neue Erfahrungen Veränderungen bewirken. Das schließt die Existenz eines „Selbst“ aber nicht aus. Womöglich hat die Neurologie einfach bloß noch nicht herausgefunden, wie genau es entsteht.

3. Der Mensch besitzt keinen freien Willen.

Zitat Seite 81, Absatz 4, Satz 2:
„[…], dass der neurologische Impuls, der ein Verhalten initiiert, eine halbe Sekunde vor der bewussten Entscheidung zum Handeln auftritt.“

Gray zieht daraus den Schluss, dass wir

Zitat Seite 83, Absatz 2, Satz 1:
„In dem Augenblick, in dem wir zu einer Handlung ansetzen, noch gar kein Bewusstsein davon , wie wir handeln werden.“

dass Willensfreiheit folglich eine Illusion ist.

Gegen diese These zu argumentieren, fällt etwas schwer, weil Gray kein Wort darüber verliert, wie der neurologische Test aussah, der das obige Ergebnis erbracht hat. Dabei ist eine Bewertung des Ergebnisses ohne das Wissen über den Versuchsaufbau gar nicht möglich. Zum Beispiel spielt die Frage, welche Entscheidung das „Versuchskaninchen“ denn treffen sollte, eine ziemlich große Rolle, genauso wie die möglichen Konsequenzen der Entscheidung.

Um bei dem literarischen Beispiel zu bleiben, das Gray selbst zur Veranschaulichung herangezogen hat:

Der junge Seeoffizier, der – nachdem seine sämtlichen Vorgesetzten das sinkende Schiff bereits verlassen haben – nach kurzem Zögern ebenfalls noch ins Rettungsboot gesprungen ist, obwohl sämtliche Passagiere noch an Bord waren, musste damit rechnen, dass er die Entscheidung zu bleiben womöglich mit dem Leben bezahlen würde, und er musste seine Entscheidung schnell treffen, möglichst, bevor das Rettungsboot abgelegt hatte.

Eine solche Entscheidung ist nicht vergleichbar mit der Entscheidung darüber, ob man grundsätzlich lieber zur Miete oder lieber in einer Eigentumswohnung wohnen möchte. Zwischen Grundsatzentscheidungen und ihrer Durchführung liegen meist längere Zeiträume. Wäre also womöglich das Ergebnis des neurologischen Tests bei einer solch langfristigen Frage anders ausgefallen als bei der tatsächlich gestellten?

Tatsache ist, dass je größer der Druck, desto reflexartiger die Reaktion. Die Übergänge zwischen Reflex und bewusster Entscheidung sind deshalb fließend. Auch die Frage, ob jemand in seinem Leben bereits mit einer ähnlichen Situation konfrontiert war oder nicht, könnte eine Rolle spielen. Folglich dürften wohl mehrere Versuchsketten unterschiedlichen Aufbaus nötig sein, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erzielen.

Unterm Strich:

Grays Absicht, den Humanismus zu demontieren, hat irgendwie nicht so richtig funktioniert. Das liegt nicht nur daran, dass er sich wie oben dargelegt selbst widerspricht oder die Beweise für seine Thesen einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Es kommt auch daher, dass er teilweise Aspekte angreift, die längst überholt sind.
Dass Descartes Tiere für nicht denkfähig hielt, ist kein Wunder, denn damals wusste die Forschung kaum etwas von dem, was sie heute über Tiere weiß. Dies dem Humanismus als Ganzem vorzuwerfen, klingt etwas kleinlich. Ähnliches gilt für Grays Kritik an Kant. Ich bin zwar kein Kenner zeitgenössischer Humanisten. Aber da nicht einmal meine vierzehnjährige Tochter daran glaubt, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist oder sich irgendwann zu einem vollkommen guten und edlen Wesen entwickeln wird, können wir, denke ich, auch diesen Punkt als veraltet abhaken.

Grays Aussagen zur Drogenproblematik wiederum zeugen von genau der Ignoranz, die er anderen Zeitgenossen vorwirft. Seine Äußerung in Bezug auf China läßt den geschichtlichen Kontext völlig außer Acht, und wer über die Antidrogenbemühungen der USA von „puritanischem Krieg gegen den Genuss“ spricht, hat noch keinen Heroinsüchtigen elendiglich verrecken sehen. Dass Legalisierung zwar die Gewinne der Drogenbosse, aber nicht die Zahl der Drogentoten verringert, ist ihm offenbar ebenso entgangen wie die Tatsache, dass Legalisierung auch eine strafrechtliche Verfolgung verhindert.

Für besonders destruktiv halte ich jedoch seine These über die Verantwortlichkeit des Menschen. Die Diskussion darüber, wie viel Einfluss Gene, Kultur und soziales Umfeld auf das Leben eines Menschen haben, ist ja nicht neu. Wozu wird es wohl führen, wenn wir das Argument der „schlimmen Kindheit“ auch noch mit einem mauen neurologischen „Beweis nicht-bewusster Entscheidung“ unterstützen? Müssen dann die Eltern in den Knast, weil sie mit der Geburt ihres Kindes einen Menschen in die Welt gesetzt haben, dessen Gene ihn zum Mörder programmierten? Zahlt dann der Staat Entschädigung an die Opfer, weil er nicht in der Lage war, den sozialen Brennpunkt auszumerzen, in dem der spätere Täter gezwungen war aufzuwachsen? Oder schaffen wir die Justiz gleich ganz ab, weil ja eh keiner was für irgendwas kann, und es deshalb keinen Schuldigen zu bestrafen gibt? Eigentlich können wir die Ethik dann auch gleich mit abschaffen. Denn wenn wir eh nichts von dem vermeiden können, was wir tun, brauchen wir auch nicht darüber nachzudenken, ob es gut oder schlecht ist.

Das wäre offenbar tatsächlich Grays Ideal für menschliche Lebensführung: überhaupt nicht nachzudenken, sondern stets rein instinktiv zu handeln. Der Autor selbst stellt allerdings fest, dass dies dem Mensch nicht mehr möglich ist, weil er sich bereits zu weit davon entfernt hat. Mit der durchaus versöhnlich klingenden „Notlösung“, die er aufgrund der Unerreichbarkeit des Ideals vorschlägt – und die mich, nach all dem, was ich zuvor gelesen hatte, ehrlich überrascht hat – könnte ich dagegen gut leben. Dumm nur, dass wir uns nach Meinung des Autors gar nicht dafür entscheiden können, so zu leben, weil wir ja keine Willensfreiheit besitzen. Insofern war das ganze Buch eigentlich völlig für die Katz! Fast könnte Gray mir leidtun.

Taschenbuch 245 Seiten
Orininaltitel: Straw Dogs – Thoughts of Humans and Other Animals
Aus dem Englischen von Alain Kleinschmied
ISBN-13: 978-3423347266

www.dtv.de

Der Autor vergibt: (2.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (9 Stimmen, Durchschnitt: 1,22 von 5)

Harris, Charlaine – Vampir mit Vergangenheit (Sookie Stackhouse 11)

_|Sookie Stackhouse|_:

Band 1: [„Vorübergehend tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=788
Band 2: [„Untot in Dallas“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=939
Band 3: [„Club Dead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1238
Band 4: [„Der Vampir, der mich liebte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2033
Band 5: [„Vampire bevorzugt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3157
Band 6: [„Ball der Vampire“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4870
Band 7: [„Vampire schlafen fest“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5450
Band 8: [„Ein Vampir für alle Fälle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6161
Band 9: [„Vampirgeflüster“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6593
Band 10: [„Vor Vampiren wird gewarnt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7208
Band 11: _“Vampir mit Vergangenheit“_

Da ist er nun also: Der elfte Band in Charlaine Harris‘ Erfolgsserie um die Gedanken lesende Kellnerin Sookie Stackhouse. „Vampir mit Vergangenheit“ heißt er und um es kurz zu machen: Er ist zumindest besser als der Vorgängerband [„Vor Vampiren wird gewarnt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7208. Harris hat diesmal versucht, sich zusammenzureißen und ihren Lesern so etwas wie einen stringenten Plot zu präsentieren.

Das heißt nun nicht, dass nicht auch dieser Band an den gleichen Ermüdungserscheinungen leidet, der die Serie schon seit zwei oder drei Jahren heimsucht: Zum einen scheint sich die Autorin bezüglich ihres eigenen Universums nicht mehr ganz sicher zu sein und vergisst von Zeit zu Zeit, was sie in vergangenen Romanen geschrieben hat. Auf der anderen Seite gibt es auch in „Vampir mit Vergangenheit“ die schon bekannten Urschleimexpositionen, die Grundlegendes wiederholt seit Beginn der Serie wiederkäuen. Offensichtlich hat Harris eine Liste mit Dingen, die sie in jedem Band mindestens einmal erwähnen möchte: Die Tatsachen, dass Sookie früher kein Geld hatte und dass sie eine neue Küche hat (nachdem ihr Haus fast abgebrannt wäre) gehören dazu. Charlaine Harris wird einfach nicht müde, diese Fakten dem genervten Leser wieder und wieder aufzutischen. Man sollte Autoren vertraglich dazu verpflichten, solche Erklärungen für neue Leser zu streichen – sie beleidigen nur die Intelligenz langjähriger Fans. Und wer beim Bücherkauf wirklich findet, es sei eine gute Idee mit Band elf einer Serie einzusteigen, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Sei’s drum. Zumindest hat es Harris diesmal geschafft, die banalen Alltäglichkeiten in Sookie Stackhouses Leben auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren. Zwar erleben wir auch hier wieder, wie Sookie putzt, duscht und sich die Haare schneiden lässt, doch ersticken diese Füllszenen zum Glück nicht den Rest der Handlung. Und immerhin gibt es an dieser Front so einiges zu berichten! Victor macht Eric das Leben schwer – immer noch. Mittlerweile hat er eine Kneipe aufgemacht, die vom Merlotte’s Kunden abzieht. Und eine Vampirbar hat er auch eröffnet, was Erics Fangastia sofort zu spüren bekommt. Die Animositäten zwischen Eric und Victor gehen also weiter, doch wird nun heimlich beschlossen, Victor und seinen Anhängern endgültig den Garaus auszumachen. Und so schmieden Eric, Sookie und Pam einen Plan, wie man den unliebsamen Victor loswerden könnte.

Außerdem verfolgt Charlaine Harris Sookies Elfenerbe weiter. Nicht nur haben sich Claude und Dermit praktisch auf Dauer in Sookies Obergeschoss eingenistet, auch findet Sookie beim Ausräumen des Dachbodens einen geheimnisvollen Elfengegenstand, den ihr ihre Großmutter vererbt hat. Zunächst heißt es also herauszufinden, was es mit dem Gegenstand auf sich hat – und dann zu entscheiden, wie er am besten einzusetzen ist!

Abgesehen von diesen beiden Haupthandlungen bietet Harris wieder die übliche Parade von Nebenschauplätzen- und charakteren. Bill darf ein paar Sätze sagen und Elvis darf diesmal sogar singen. Sookie richtet für Tara eine Babyparty aus, Amelia kommt zu Besuch, Mr Cataliades schaut kurz vorbei und Sookie besucht mit ihrem Neffen Hunter den Tag der offenen Tür von dessen zukünftiger Vorschule. Wie gesagt, all diese Nebensächlichkeiten wirken in „Vampir mit Vergangenheit“ nicht so willkürlich wie zum Beispiel in „Vor Vampiren wird gewarnt“. Doch ist es wohl trotzdem zu spät, Charlaine Harris zu raten, ihre Personage etwas einzudampfen. Es scheint, sie will sich wirklich jeden Charakter für das große Finale in Band 13 warmhalten. Ob dieses Abdriften ins Seifenopernhafte der Reihe jedoch gutgetan hat, bleibt weiterhin zu bezweifeln.

_Wer sich bis hierhin_ durch die Sookie-Stackhouse-Reihe gekämpft hat, der bekommt mit „Vampire mit Vergangenheit“ endlich wieder einen lesbaren Band präsentiert, der zwar nicht an die Glanzzeiten der Serie anknüpfen kann, aber immerhin solide und spannende Unterhaltung bietet. Weniger Filler, dafür mehr Killer war diesmal wohl Harris‘ Devise. Diese Taktik geht auf: Es fließt wieder mehr Blut, die Taktfrequenz der Action wurde hochgeschraubt und Sookie und Eric dürfen wiederholt aneinandergeraten. Was etwas schade ist, ist das die Grundkonstellation der Reihe (Gedanken lesende Kellnerin) schon seit einer Weile aus dem Blick geraten ist. Wo Sookies fragwürdige Begabung zu Anfang fast wie eine Behinderung wirkte, hat sie mittlerweile kaum noch damit zu kämpfen, dass sie anderer Leute Gedanken lesen kann. Meistens stellt es sich als superpraktisch heraus, einen Moment vorher zu wissen, dass einem jemand nach Leben trachtet. Doch die unangenehmen und peinlichen Momente, die Sookie einst zur Einzelgängerin machten, die gibt es kaum noch.

Trotzdem kann man „Vampir mit Vergangenheit“ empfehlen. Das Buch lädt mit seinem griffigem Umfang von 400 Seiten zum Schmökern ein und bietet sich geradezu dazu an, an einem lauen Sonntagnachmittag in einem Rutsch durchgelesen zu werden. Na dann, viel Vergnügen!

|Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: Dead Reckoning
ISBN-13: 978-3423213868|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Charlaine Harris bei |Buchwurm.info|:_

|Harper Connelly|:
Band 1: [„Grabesstimmen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4704
Band 2: [„Falsches Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5608
Band 3: [„Ein eiskaltes Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6318
Band 4: [„Grabeshauch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7031

E.L. Greiff – Zu den Anfängen (Zwölf Wasser 1)

Zwölf Wasser:

Band 1: „Zu den Anfängen“
Band 2: (erscheint Oktober 2013)
Band 3 (erscheint Oktober 2014)

Babu entstammt einem Volk ehemaliger Nomaden. Doch im Gegensatz zu seinen Stammesgenossen ist er rastlos und unzufrieden. Als ein Sterbender ihm ein gefährliches Geheimnis verrät, verlässt Babu seine Heimat, um … ja was eigentlich?
Felt ist im Grunde das genaue Gegenteil von Babu. Er hätte keine großen Schwierigkeiten damit, sein gesamtes Leben damit zu verbringen, auf den Mauern seiner Heimatstadt Goradt zu patrouillieren, obwohl es der ungastlichste Ort auf dem gesamten Kontinent zu sein scheint. Aber dann geschieht das Ungeheuerliche: Die Undae brechen ihr Schweigen und sprechen eine Warnung aus! Und gegen seinen Willen findet Felt sich bald darauf auf einer Reise wieder, deren Ziel er nicht kennt, und deren Zweck er nicht begreift …

E.L.Greiff macht es dem Leser nicht leicht mit seinen Charakteren. Selten habe ich über Figuren gelesen, die so außerhalb jeglicher Schublade standen wie Babu und Felt.

Felt ist Soldat, pflichtbewusst, diszipliniert, sorgfältig. Aber sein Vorstellungsvermögen ist begrenzt, und so ist sein einziger Halt auf der gemeinsamen Reise mit den Undae die Tatsache, dass er es gewohnt ist, Befehle zu befolgen, selbst wenn er ihren Sinn nicht versteht. Je länger er unterwegs ist, desto deutlicher wird allerdings, dass Felt sich auf Dauer nicht davor drücken kann, die Zusammenhänge zu verstehen. Der Panzer aus Sturheit und Unwissenheit bekommt Risse.

Babu dagegen ist ein Getriebener, der nicht weiß, was ihn treibt. Er sucht nach Freiheit, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was Freiheit ist, und gleichzeitig nach seinen Wurzeln, die er nicht zu haben scheint. Und doch kann er sich erst von seinem Zuhause trennen, als er dazu gezwungen wird.

Bei beiden hat der Leser das Gefühl, die Undae hätten ihnen Hemden übergestreift, die ihnen ein paar Nummern zu groß sind, und jetzt müssen die beiden irgendwie da hineinwachsen. Ein schmerzhafter Prozess.

Mit der Handlung verhält es sich ähnlich. Wer den Klappentext des Buches gelesen hat, wird sich irgendwann im Laufe der ersten Kapitel fragen, ob die Seiten den richtigen Einband tragen. Nur eine kurze Szene am Fluss verrät, dass es sich bei dem Text tatsächlich um das beschriebene Buch handelt. Denn zunächst dreht sich die Handlung ausschließlich um Babu. Erst als sie sich nach gut hundert Seiten Felt zuwendet, taucht auch die eigentliche Thematik des Buches auf: Das Wasser und die Bedrohung der Quellen. Aber auch, nachdem die Undae und ihre Begleiter sich auf den Weg gemacht haben, scheint die ganze Angelegenheit nicht so recht vom Fleck zu kommen. Das liegt nicht nur an den weltlichen Hindernissen, sondern auch ein wenig an den Undae.

Die Undae sind so etwas wie die Priesterinnen des Wassers. Jahrhundertelang haben sie nichts weiter getan, als seinem Gemurmel zu lauschen. Und es ist das erste Mal in all dieser Zeit, dass Hohe Frauen ihre Grotte verlassen. Man könnte meinen, dass sie deshalb ziemlich weltfremd sind, doch das ist ein Irrtum. Durch das Wasser sind die Undae mit allem verbunden, was lebt. Allerdings haben sie eine völlig andere Sichtweise! Und da sie ihr Verhalten niemals im Voraus erklären, wird der Leser genau wie Felt und Babu immer wieder mit Situationen konfrontiert, die seltsam, unverständlich, ja befremdlich wirken, letztlich aber doch immer irgendwie Sinn machen.

Nicht nur die Undae sind rätselhaft, auch sonst ist das Buch voller Geheimnisse. Das fängt an mit demjenigen, das Babu veranlasst hat, seine Heimat zu verlassen und reicht über Babus eindeutig magischen Falken und die offizielle Geschichtsschreibung, die offenbar nicht ganz vollständig ist, bis hin zu den einzelnen Stationen der Reise. Dabei sind es vor allem die diversen Orte, die am meisten zum mystischen Flair der Geschichte beitragen. Schon allein die Ascheebenen des ehemaligen Welsien wirken entrückt und fremdartig, noch mehr gilt das für die Quellen, für die Sümpfe und Boirad, den Nebelwald, und ganz besonders für die Stadt in den Wolken. Fantasy ist ja – zumindest bis zu einem gewissen Grad – immer mit einer Welt verbunden, die fremdartige Züge trägt, hier jedoch ist es so, dass selbst innerhalb des Fantastischen noch eine weitere Ebene zu existieren scheint, halb losgelöst von Babus Tal, Goradt und der reichen Stadt Pram, eine Art geistige Parallelwelt, die wie ein Schleier über dem Alltäglichen liegt, und mit dem Felt und Babu nun zum ersten Mal in Berührung kommen. Selbst die Kämpfe, die hier ausgefochten werden, finden gleichzeitig sowohl auf greifbarer als auch geistiger Ebene statt.

Ich fand dieses Buch ausgesprochen faszinierend. Schon die Idee der Quellen, die mehr als nur Ursprung eines Gewässers sind, klang hochinteressant, aber auch die Umsetzung hat mir sehr gefallen. Greiff schreibt sehr plastisch und eindringlich, ob es nun um Träume, Örtlichkeiten oder Ereignisse geht. Die beiden Hauptfiguren sind weder edle Übermenschen noch unfreiwillige Helden voller Selbstzweifel, sondern lebendige und glaubhafte Personen, die nicht nur mit ihren eigenen inneren Dämonen zu kämpfen haben, sondern auch mit denen, die die Existenz der Welt bedrohen.

Wer von seiner Lektüre erwartet, dass sie sofort zur Sache kommt, wer beim Lesen gern auf der Ebene greifbarerer Schwierigkeiten wie geographischen Hindernissen, Schwertkämpfen und hinterhältigen Intrigen bleibt, der ist hier wahrscheinlich eher falsch. Wer allerdings schon lang in den Massen der Drachen-Elfen-Vampir-Fantasy nach etwas wirklich Neuem, Ausgefallenem sucht, der sollte sich dieses Buch auf jeden Fall gönnen. Es ist keine Geschichte, die man einfach so wegliest. Aber in dieses Hemd reinzuwachsen, lohnt sich!

E. L. Greiff ist in Kapstadt geboren und lebt inzwischen in den Niederlanden. Nach einem Studium der Germanistik und der Theaterwissenschaften folgte eine längere Tätigkeit in der Filmregie. „Zu den Anfängen“ ist nicht nur der erste Band der Trilogie |Zwölf Wasser|, sondern auch Greiffs Romandebut. Die Fortsetzungen sollen jeweils im Oktober 2013 und 2014 erscheinen.

Broschiert 608 Seiten
ISBN-13: 9783423249140

http://www.12wasser.de/
http://www.dtv.de/

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Catherine Jinks – Blutsbande. Bekenntnisse einer Vampirin

Man kennt das ja: Vampire sind schön, stark und haben übersinnliche Kräfte. Aber ist das wirklich so? Nicht, wenn man der australischen Autorin Catherine Jinks Glauben schenken mag. Denn ihre Vampire sind ziemliche Loser: Sie sind eigenbrötlerische Einsiedler, die von Schwäche- und Übelkeitsanfällen geplagt werden, unter Geldnot leiden und sich von Meerschweinchen ernähren. Nicht gerade der Stoff, aus dem Träume sind …

Für einen Roman reicht es jedoch gerade so. „Blutsbande – Bekenntnisse einer Vampirin“ klingt als Titel spektakulär, bei der Lektüre sollte man sich als Leser jedoch auf ein vorherrschendes Gefühl einstellen: Mitleid nämlich. Protagonistin und Ich-Erzählerin ist die Vampirin Nina, die vor über 50 Jahren von einem Vampir infiziert wurde und seitdem in ihrem Teenagerkörper feststeckt. Das hat einerseits den Vorteil, dass sie immer noch bei ihrer Mutter wohnen kann, ohne dass sich jemand etwas dabei denkt. Andererseits verhindert es auch, dass sie einen Führerschein machen kann … schließlich sieht sie immer noch aus als wäre sie minderjährig.

Catherine Jinks – Blutsbande. Bekenntnisse einer Vampirin weiterlesen

Leo Perutz – Der schwedische Reiter. Historischer Roman

Ein Doppelleben auf Zeit

Die Welt ist aus den Fugen: Der Krieg zwischen August dem Starken und Karl XII. von Schweden hat Schlesien um 1700 im Würgegriff. Regimenter durchziehen das Land und üben erbarmungslose Lynchjustiz. Die Bauern, aber auch Banden von Räubern und Vagabunden kämpfen ums nackte Überleben. Ein christlicher Bischof bietet den Verfolgten letzte Zuflucht: In seinen Steinbrüchen und Schmelzöfen „stöhnen an Karren geschmiedet die Lebendig-Toten, die sich vor dem Galgen in die Hölle geflüchtet haben“.

An der deutsch-polnischen Grenze um das Jahr 1700 prellt ein Dieb einen adeligen schwedischen Offizier, der desertiert ist, um Namen und Existenz. Zwar gelingt es ihm, dessen Verlobte Maria Agneta zu erringen, doch zuletzt greift das Schicksal ein, entwirrt die verschlungenen Fäden und zwingt ihn zur Sühne für seine Doppelexistenz. (abgewandelte Verlagsinfo)
Leo Perutz – Der schwedische Reiter. Historischer Roman weiterlesen

William Corlett – Die Stufen im Kamin (Das Haus des Magiers 1))

Das Haus des Magiers:

Band 1: „Die Stufen im Kamin“
Band 2: „Die Tür im Baum“
Band 3: „Der Tunnel hinter dem Wasserfall“
Band 4: „Die Brücke in den Wolken“

Inhalt

Für William, Mary und Alice ist Weihnachten dieses Jahr kein gewöhnliches Weihnachtsfest. Da ihre Eltern durch ihre Arbeit im Ausland sind, verbringen die Geschwister ihre Winterferien im Golden House bei ihrem Onkel Jack und dessen schwangerer Freundin.

William Corlett – Die Stufen im Kamin (Das Haus des Magiers 1)) weiterlesen

Yvonne Woon – Deine Seele in mir (Dead Beautiful 1)

Dead Beautiful:

Band 1: _“Deine Seele in mir“_
Band 2: „Unendliche Sehnsucht“ (2012)

Inhalt:

Für die 16-jährige Schülerin Renée ändert sich das gesamte Leben schlagartig, als sie ihre Eltern tot in einem Wald entdeckt. Als Todesgrund wird bei ihnen Herzversagen festgestellt, was aber weder Renée noch ihr Großvater glauben können. Wie können zwei junge Menschen gleichzeitig an Herzversagen sterben, wenn sie vorher gesund waren und mit Mullbinden im Mund aufgefunden werden?

Yvonne Woon – Deine Seele in mir (Dead Beautiful 1) weiterlesen

Laura Brodie – Ich weiß, du bist hier

Inhalt

Sarahs Mann David ist bei einem Kajakunfall ums Leben gekommen. Bislang hat man seine Leiche allerdings nicht gefunden, nur das Boot und ein paar Sachen von ihm. Somit schöpft Sarah immer noch Hoffnung, dass David doch noch lebt. Und als sie ausnahmsweise in einem etwas weiter weg gelegenen Supermarkt einkauft, steht sie ihrem verschollenen Ehemann gegenüber. So plötzlich, wie er da war, ist er auch schon wieder weg. Sarah ist verwirrt. Hat sie sich das alles nur eingebildet? Wenig später klopft der „verschwundene Ehemann“ aber an ihre Tür und sie lässt ihn rein, um sich eine unglaubliche Geschichte anzuhören …

Kritik

Laura Brodie – Ich weiß, du bist hier weiterlesen

Kevin Brooks – iBoy

Die Handlung:

Er hätte tot sein können. Doch das iPhone, das ihm seine Schädeldecke zertrümmert hat, macht Tom zum Superhelden – zu iBoy. Allwissend, da permanent online. Unverwundbar dank seiner iHaut, die ihn wie einen Panzer schützt. Allmächtig – und bereit, es mit den Typen aufzunehmen, die seine heimliche Liebe Lucy vergewaltigt haben.
Als iBoy seinen Rachefeldzug startet und Lucy dabei in tödliche Gefahr bringt, wird ihm klar, dass es mehr braucht als seine Allmacht, um sie zu retten. Und dass Tom der einzig wahre Superheld ist, der Lucy glücklich machen kann. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ok, ich gebs zu, das „i“ hat mich schon gereizt und die Grundidee fand ich interessant. Auf der anderen Seite erinnerte mich das Ganze schon irgendwo an SPIDER-MAN, der seine Fähigkeiten durch einen Spinnenbiss bekam. Auf Seite 85 zieht Tom übrigens die gleichen Parallelen.

Kevin Brooks – iBoy weiterlesen

Harris, Charlaine – Vor Vampiren wird gewarnt (Sookie Stackhouse 10)

_|Sookie Stackhouse|_:

Band 1: [„Vorübergehend tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=788
Band 2: [„Untot in Dallas“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=939
Band 3: [„Club Dead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1238
Band 4: [„Der Vampir, der mich liebte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2033
Band 5: [„Vampire bevorzugt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3157
Band 6: [„Ball der Vampire“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4870
Band 7: [„Vampire schlafen fest“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5450
Band 8: [„Ein Vampir für alle Fälle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6161
Band 9: [„Vampirgeflüster“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6593
Band 10: [„Vor Vampiren wird gewarnt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7208
Band 11: „Dead Reckoning“ (noch ohne dt. Titel)

Charlaine Harris‘ Roman „Vor Vampiren wird gewarnt“ – der immerhin zehnte Teil ihrer Sookie-Stackhouse-Reihe – ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Dollarzeichen in den Augen von Verlag (und Autorin) einer ehemals spritzigen, unterhaltsamen und originellen Urban-Fantasy-Serie den Garaus machen können. Im Jahresrhythmus entspringt der Harris’schen Buchproduktion ein neuer Teil. Nun kommt „Vor Vampiren wird gewarnt“ zwar mit griffigen und übersichtlichen 370 Seiten daher, doch wenn man bedenkt, dass die Sookie-Bücher lange nicht alle Eisen sind, die Harris im Feuer hat, dann wird schnell klar, welchen Output diese Frau produzieren muss, weil sie vertraglich dazu verpflichtet ist.

Das kann nicht gutgehen. Schon seit einiger Zeit schwächelt die Serie – auch, wenn sich Harris im letzten Teil „Vampirgeflüster“ kurzfristig gefangen hatte. Doch bei der Lektüre von „Vor Vampiren wird gewarnt“ wird relativ schnell klar, dass der Autorin eine Deadline im Nacken saß. Vermutlich hat sie verzweifelt in den Schubladen ihres Schreibtischs nach Notizzetteln mit möglichen Plots für einen zehnten Band gekramt. Etwas Brauchbares hat sie dabei jedoch nicht zutage gefördert. Und so liest sich das Buch mindestens so zäh und schmerzhaft, wie der Prozess des Schreibens für Charlaine Harris gewesen sein mag. Autor und Leser bilden hier also eine unfreiwillige Leidensgemeinschaft.

Dabei kann man dem Roman nicht vorwerfen, dass nichts passieren würde. Ganz im Gegenteil, da ist einiges los! Sookie laboriert an den Spätfolgen ihrer Elfenfolter (ihr tun die Handgelenke weh und mit dem Orgasmus klappts auch nicht mehr). Bill ist durch die Silbervergiftung nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Vergiftung will einfach nicht abheilen, bis Sookie die Sache in die Hand nimmt. Eric ist von seinem Vampirvorgesetzten Victor genervt und würde ihn am liebsten ins Jenseits befördern. Im Parlament wird gerade ein Gesetz diskutiert, nach dem sich alle Werwölfe registrieren lassen müssten (siehe „X-Men“). Auf Sookies Grundstück findet sich eine Leiche. Ihr Elfencousin Claude zieht bei ihr ein. Ihr Neffe übernachtet bei ihr. Eric bekommt Besuch von seinem Schöpfer. Und so weiter.

Klingt nach viel Stoff, oder? Das wäre es auch, würden all diese Handlungselemente irgendwohin führen. Stattdessen lässt „Vor Vampiren wird gewarnt“ einen zentralen Konflikt vermissen. Es gibt keine zielführende Handlung oder Entwicklung, die von A nach B führen würde. Da ist kein zentraler Punkt, um den die Handlung kreist und schlussendlich nichts, was die Aufmerksamkeit des Lesers nachhaltig fesseln würde. Das heißt nicht einmal, dass die Einzelgeschichten nicht interessant wären. Es gibt durchaus schöne Passagen, z. B. wenn Bill am Sterbebett der Grande Dame von Bon Temps erklärt, ihr Ururgroßvater zu sein. Oder wenn Sookie zu ihrem Neffen Hunter eine Beziehung aufbaut (hier wirkt natürlich der Kinderbonus). Doch kaum hat man sich als Leser auf eine Richtung eingestellt, geht es ganz woanders lang. Und so fährt man ständig im Kreis, ohne jemals irgendwo anzukommen. Es scheint, Harris habe Ideen, die sie für Sookie-Kurzgeschichten hatte, in diesen Roman gepackt. Und für sich genommen würden sie vermutlich auch funktionieren. Doch lieblos in einem Roman aneinandergereiht? Teilweise unaufgelöst? Das macht auf Dauer keinen Spaß.

Denn Tatsache ist auch, dass Harris manche dieser Handlungsstränge eben nicht bis zum Ende verfolgt, sodass der Leser den Eindruck bekommt, einer Seifenoper zu folgen: Die Handlung läuft zwar im Schneckentempo ab, gelöst wird aber trotzdem nichts. Um mehr zu erfahren, muss man in einem Jahr wieder einschalten. Das ist bei manchen Subplots ärgerlicher als bei anderen. So ist es zum Beispiel verzeihlich, dass das Werwolf-Gesetz als Idee zwar eingeführt wird. So etwas lässt sich gut über mehrere Bücher ziehen, zum Beispiel als verbindendes Element zwischen mehreren Büchern. Doch dass Sookie und Pam zwei von Victors Leuten umbringen, ohne dass darauf irgendeine Reaktion erfolgt, das ist einfach schlechter Autorenstil. Und so geht es vielen Ereignissen in diesem Buch: Sie stehen isoliert und in keinem größerem Zusammenhang und führen im schlimmsten Fall nirgendwohin.

Am eklatantesten ist die Schaffenskrise der Autorin aber wohl an der Charakterzeichnung abzulesen. Denn pfiffige, abwegige und interessante Charaktere waren schon immer Harris‘ starke Seite. Hier jedoch hat sie schon Schwierigkeiten, ihren Charakteren überhaupt treu zu bleiben: Eric, der markante Wikinger, der sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt, nennt Sookie jetzt Schatz und hat mit ihr (wiederholten) Blümchensex in seiner Vorortvilla. Bill schleicht zweimal durchs Bild und leidet (immerhin das ist charakterkonform). Alle anderen Männer in Sookies Leben kommen entweder überhaupt nicht vor (Quinn) oder mutieren zum bloßen Stichwortgeber (Sam, Alcide). Am schlimmsten trifft es Sookie selbst, die von einer frechen und neugierigen (wenn auch nicht sonderlich gebildeten) Göre zu einer Karikatur ihrer selbst geworden ist: eine überzeichnete und egozentrische Zicke, um die das Romanuniversum zu jeder Tages- und Nachtzeit kreist. Egal, wie uninteressant Sookies Leben auch sein mag. Und so bekommt der Leser auch hier wieder Banalitäten aus dem Hause Stackhouse serviert: Sookie wäscht ab, jätet den Garten und macht Gymnastik. Der Höhepunkt (oder Tiefpunkt) ist wohl erreicht, wenn Sookie dem Leser auseinandersetzt, wie sie aufwacht und aufs Klo muss. Und wenn Charlaine Harris dann gar nichts mehr einfällt, dann refereriert sie nicht nur Ereignisse aus vorangegangenen Büchern, sondern wiederholt sich innerhalb des aktuellen Romans, um dem Leser immer und immer wieder zu erzählen, dass Sookie ja in der Vergangenheit so viele Geldprobleme hatte (diese Passage kommt fast wortgleich mindestens drei Mal vor). Wenn sich schon die Autorin solche Füllsel nicht verkneifen kann, dann hätte wenigstens der Lektor mal den Rotstift zücken können. Dafür ist er schließlich da.

Man möchte Charlaine Harris wünschen, dass sie ihre Muse wiederfindet oder dass sie zwischen der ganzen Auftragsschreiberei auch ein wenig Zeit für anderes findet – irgendwo müssen Romanideen ja schließlich herkommen, meist entstehen diese nämlich nicht spontan, während man auf ein leeres Blatt Papier starrt. Ansonsten ist von den verbleibenden drei Romanen der Reihe, die zu schreiben sie vertraglich verpflichtet ist, kein großes Lesevergnügen zu erwarten.

|Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: Dead in the Familiy
ISBN-13: 978-3423212830|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Charlaine Harris bei |Buchwurm.info|:_

|Harper Connelly|:
Band 1: [„Grabesstimmen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4704
Band 2: [„Falsches Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5608
Band 3: [„Ein eiskaltes Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6318
Band 4: [„Grabeshauch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7031

Lewis C. Epstein – Denksport Physik: Fragen und Antworten

In der Fachwelt ist dieses Buch ein Klassiker. 1979 zum ersten Mal auf Englisch erschienen, hat „Denksport Physik“ auch bei uns schon einige Auflagen erlebt. Der mittlerweile emeritierte Physikprofessor Lewis Carroll Epstein stellt seine Wissenschaft leichtverständlich und kurzweilig in Form von Rätseln zum Selberlösen vor. Entsprechend dem Untertitel „Fragen und Antworten“ wird nicht doziert, sondern der Autor stellt dem Leser eine Frage und gibt ihm mehrere Antwortmöglichkeiten vor, so dass dieser durch eigenes Mitdenken zu einem Ergebnis kommen soll. Um das Schummeln zu erschweren, sind die Lösungen kopfstehend oder erst auf der nächsten Seite abgedruckt. Erst in diesen Lösungen wird etwas Theorie nachgeschickt, wenn beim Leser das Interesse geweckt und deren Nutzen zur Problemlösung erkannt ist. Aber auch Hinweise zur Lösungsstrategien, zu häufig anwendbaren Grundsätzen und zur Denkweise in der Physik finden sich.

Lewis C. Epstein – Denksport Physik: Fragen und Antworten weiterlesen

Petrovic, Goran – Villa am Rande der Zeit, Die

In seinem Heimatland Serbien ist er ein bekannter und viel gelesener Autor: Goran Petrović. In Deutschland jedoch muss dieser Autor jedoch erst noch entdeckt werden – dtv hat mit der Veröffentlichung von „Die Villa am Rande der Zeit“ den Anfang gemacht und lädt büchernärrische Leser ein, Petrović auf seine Reise ins Buch-im-Buch zu folgen.

_Es geht zunächst_ um Adam, einen Studenten der Literatur. Dementsprechend arm ist Adam – er haust in einer Wohnung, die zwangsläufig an Spitzweg denken lässt, und verdingt sich als Korrektor für eine (offensichtlich dilletantische fabrizierte) Natur- und Wanderzeitschrift. Da er also knapp bei Kasse ist, ist er zunächst Feuer und Flamme, als er von einem Ehepaar den Auftrag erhält, ein Buch umzuarbeiten. Wohl gemerkt: Einen fertigen Roman, kein Manuskript! Adam ist verdutzt, doch das Geld kommt ihm gelegen und so sagt er zu. „Mein Vermächtnis“ heißt der zu bearbeitende Roman von Anastas Branica. Eine erste Lektüre zeigt Adam, dass das Buch weder eine Handlung noch Personen enthält. Der Text ist zwar durchaus gekonnt zusammengefügt, nur „war da nichts, absolut nichts anderes zu finden als die Beschreibung des Gartens“. Zu diesem Garten gehört zwar noch eine im italienischen Stil gehaltene Villa, doch auch hier gibt es keinerlei Konflikt – und eben auch keine Handlung. Adam ist allerdings des „vollständigen Lesens“ fähig, das heißt, er kann bei der Lektüre buchstäblich ins Buch eintauchen. Und so erlebt er hautnah den arkadischen Park mit der darin liegenden Villa. Die Zustände sind paradiesisch, warum also etwas ändern?

Adam ist neugierig geworden und fängt an zu recherchieren, wer dieser unbekannte Branica gewesen ist. Bald stellt sich heraus, dass dieser Park und Villa ursprünglich als Ort erschuf, an dem er sich – bei der gleichzeitigen Lektüre – mit seiner Angebeten Nathalie treffen konnte. In unzähligen Briefen und mit unermüdlichem Einsatz von Geld und Zeit hat er dieses literarische Kleinod geschaffen, um mit Nathalie zusammensein zu können. Auf die Idee, sich tatsächlich – also in der Realität – mit seiner Flamme zu treffen, scheint er nie ernsthaft zu kommen. Und als der Zufall sie schließlich zusammenführt, erkennt Nathalie den Liebhaber in der wirklichen Welt nicht. Als sie dann auch noch einen Heiratsantrag erhält (und zwar von einem anderen Mann), zusagt und kurzentschlossen aus Branicas Leben verschwindet, bricht für diesen eine Welt zusammen. Vermutlich aus nostalgischen Gründen arbeitet er seine Briefe um und veröffentlicht sie als „Mein Vermächtnis“. Als das Buch von einem Kritiker verrissen wird, stürzt sich Branica in die Donau und findet so ein tragisches Ende. Damit könnte auch die Geschichte von “Mein Vermächtnis” enden, doch dem ist nicht so. Denn Branica seinerseits wurde von der jungen Intellektuellen Natalija unerwidert geliebt, die das Buch über die Zeit rettet. Die wenigen existierenden Exemplare dienen fortan vollständigen Lesern dazu, der Realität zu entfliehen und in Branicas Park und Villa eine Zuflucht zu finden.

_Betrachtet man nur_ die Oberfläche von „Die Villa am Rande der Zeit“, so geht es um die Geschichte eines Buches, dessen Autor und Leser. Untrennbar mit diesem Buch verwoben sind drei Liebesgeschichten – zwei davon tragisch. Anastas Branica entflammt für die ferne Nathalie, die ihn – ganz als verbinde die beiden tatsächlich nur eine romanhafte Romanze – verlässt als ein Mann aus Fleisch und Blut um sie wirbt. Dann ist da noch Natalija, die Branica heimlich liebt. Er erfährt nie etwas von ihrer Leidenschaft, doch Natalija ist es zu verdanken, dass Branicas Andenken die Zeit überdauert. Erst Adam, der sich in Natalijas Gesellschafterin Jelena verliebt, kann den Kreis der unglücklichen Leidenschaften durchbrechen. Diese beiden finden im „Vermächtnis“ endlich die Liebe, die den anderen Charakteren des Buches versagt blieb. Doch geht es nicht nur um glücklose Lieben, denn die Charaktere agieren vor einem breiten Panorama serbischer Geschichte, das dem unbedarften deutschen Leser unglaublich farbenreich – ja gerade zu exotisch erscheinen muss. Auch Belgrad als Kulisse der Handlung wirkt sehr lebendig. Sicher war es nicht Petrovićs Anliegen, deutsche Leser neugierig auf seine Heimat zu machen. Es gelingt ihm dennoch mit Leichtigkeit. Wo serbische Leser Details wiedererkennen und historische Veränderungen zuordnen können, da sind deutsche Leser schier sprachlos ob der Detailfülle von Petrovićs Serbien.

Doch das ist, wie gesagt, nur die Oberfläche. Betrachtet man nur diese Ebene, so funktioniert der Roman durchaus, vor allem auch wegen der wunderbaren und so klischeefernen Sprache des Autors, die meisterhaft von Susanne Böhm-Milosavljevic ins Deutsche übertragen worden ist. Wirkliche Begeisterung tritt aber erst ein, wenn man in „Die Villa am Rande der Zeit“ eintaucht – den Roman als vollständig liest, nämlich mit der Begabung, die auch Anastas, Adam und all die anderen besitzen. Denn natürlich geht es nicht nur im Liebschaften vor der Kulisse Serbiens im 20. Jahrhundert. Vielmehr geht es um das Verhältnis von Realität und Literatur und die Frage, wie und ob die Wirklichkeit überhaupt abgebildet werden kann. Schnell wird klar, dass für Petrović der lebensferne Künstler durchaus ein Ideal ist. Anastas zum Beispiel, geht ganz in seiner Fantasiewelt auf: „Er lehnte es rundweg ab, sich mit der Wirklichkeit zu befassen, und sei es auch nur für einen Augenblick.“ Wenn sie dann in sein Leben drängt, dann zerbricht der sensible Anastas an ihr. Die grell leuchtende Realität, die er nicht durch ein paar sorgfältig gewählte Worte beeinflussen kann, muss ihm wie ein Feind erscheinen und so wählt er schließlich den Freitod.

Eigentlich geht es allen handelnden Personen ähnlich wie Anastas. „Mein Vermächtnis“ gibt ihnen die Möglichkeit, in ein konfliktloses Arkadien zu entfliehen – für Stunden oder Tage am Stück. Welcher Leser kann das nicht nachvollziehen? Dabei geht es nicht unbedingt um eine Realitätsflucht, die Probleme des modernen Lebens ausblenden möchte. Der Fluchtpunkt im „Vermächtnis“ ist weder Mittelerde noch Hogwarts, also eben kein Fantasy-Gebilde. Villa und Park sind so realistisch wie möglich gestaltet. Tatsächlich wurde die Villa von einem Architekten entworfen und Anastas hat sie – sozusagen – literarisch übersetzt. Ähnlich ist sein Vorgehen bei der Beschreibung des Parks: Für viel Geld lässt er von einem Künstler die Statue seiner Angebetenen anfertigen, nur damit er sie für sein Buch niederschreiben kann. Der tatsächlichen Statue widmet er danach keinen weiteren Blick. In der Literatur ist sie für alle Ewigkeit in ihrer Perfektion festgehalten, wozu also noch in der Wirklichkeit verweilen? Wunderbar gestaltet sind die Passagen, in denen Petrović diese Verquickung von literarischer Arbeit und gestalterischem Wirken sprachlich sichtbar macht. Wenn Adam in dem Buch herumstreicht und Dinge ändert, dann tut er dies gleichzeitig in der Wirklichkeit und im Text. Ein Beispiel zeigt Adam bei dem Versuch, eine zerschlissene Gardine in der Villa aufzuarbeiten: „Stunde um Stunde verbrachte der junge Mann damit, Wörter aufzuspüren, die zart genug waren, um mit ihnen die beschädigte Stelle ausbessern zu können. Als er gerade zu hoffen begann, dass er die erforderliche Feinheit erreicht hatte, zeigte sich, dass er den Farbton nicht getroffen hatte.“ Und so funktioniert „Die Villa am Rande der Zeit“ immer auf zwei Erzählebenen – der realistischen, in der Adam am Schreibtisch sitzt und den Roman umschreibt und den metaliterarischen, in dem er sich in der Villa befindet und tatsächlich Hand anlegt. Denn das Schreiben ist hier buchstäblich Handwerk und Sprache ist das Werkzeug, das es zu beherrschen gilt. Eine so alte, wie treffende Allegorie!

_“Die Villa am Rande der Zeit“_ bietet das größte Lesevergnügen, wenn man bereit ist, sich auf beide Leseebenen einzulassen. Hat man keinen Spaß am literarischen Spiel und an metaliterarischen Abenteuern, dann ist Petrovics wunderbare Erzählung nur mäßig unterhaltsam. Es seien ihm also zahlreiche „vollständige Leser“ gewünscht!

|Taschenbuch: 400 Seiten
Originaltitel: Sitnicarnica ‚kod srecne ruke‘
ISBN-13: 978-3423248242|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

Christopher, Nicholas – verlorene Bestiarium, Das

Wenn man „Das verlorene Bestiarium“ aufschlägt, um das Autorenporträt zu betrachten, dann hört man förmlich Schlachtenlärm und Säbelrasseln. Denn irgendwie schafft es Autor Nicholas Christopher, auf diesem Foto auszusehen, wie aus der Zeit gefallen: Wie ein in die Neuzeit verirrter Seeräuber vielleicht. Oder zumindest wie ein Statist aus einem Erol-Flynn-Film. Das ist immerhin ein viel versprechender Anfang für ein Buch, das als Abenteuerroman beworben wird. Und Christopher enttäuscht nicht – wenn es in seinem „Bestiarium“ auch viel leiser zugeht, als der Klappentext vermuten lässt.

Die Geschichte entspinnt sich folgendermaßen: Xeno Atlas (was für ein großartiger – sprechender – Name für einen Protagonisten) wächst im New York der 50er Jahre auf. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, ein Drama, das ihn offensichtlich von seinem Vater entfremdet. Dieser ist Seefahrer und soll für Xeno zeitlebens ein Enigma bleiben. Meist ist er als Heizer auf See und bei seinen kurzen Landgängen begegnen sich Vater und Sohn wie Fremde. Bezugspersonen sind stattdessen die angestellte Haushälterin und vor allem Xenos Großmutter mütterlicherseits, die aus einer italienischen Auswandererfamilie stammt und Xenos trüber Kindheit mit fantastischen Geschichten über seltsame Tierwesen Farbigkeit verleiht. Und tatsächlich spielen Fabelwesen schon früh eine Rolle in seinem Leben. Da scheinen plötzlich die Wasserspeier auf dem Kirchdach lebendig zu werden und die tätowierte Seeschlange auf dem Rücken seines Vaters windet sich furchteinflößend. Doch sind die Erscheinungen real oder eben nur der Einbildungskraft eines vereinsamten Jungen zuzuschreiben?

Als Xenos Großmutter stirbt, steckt ihn sein Vater kurzerhand in ein Internat und dort macht er auch zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Karawanenbuch. In der Bibliothek der Schule entdeckt er das literarische Genre des Bestiariums – Bücher, die existierende und imaginierte Tiere beschreiben. Das Karawanenbuch stellt sich bald allerdings als die Königin der Bestiarien heraus. Es heißt, in dem Buch finden sich Illustrationen der Tiere, denen der Zugang zur Arche verwehrt wurde und die demnach durch die Sintflut ausgerottet wurden. Und nicht nur das: Denn es geht die Legende, dass das Karawanenbuch eigentlich mit der Bibel ein Ganzes bilden sollte. Zusammen bilden sie eine „universelle Geschichte, die in Wirklichkeit die einzig wahre Geschichte der Welt darstellte“. Natürlich ist das Karawanenbuch verschollen – es gilt gar als vernichtet. Xenos Interesse ist geweckt. Er will dieses Buch unbedingt finden!

Geht nun hier das literarische Abenteuer los? Ja und nein. Denn mehr noch als das angepriesene Abenteuerbuch oder die Schatzsuche à la Indiana Jones ist „Das verlorene Bestiarium“ ein Entwicklungsroman. Es geht Christopher nicht darum, seinen Protagonisten in eine bunte Welt zu werfen und ihn ein Buch finden zu lassen. Vielmehr stellt er dem Leser diesen Xeno Atlas vor und zeichnet für den Leser ein breites Panorama dessen Lebens. Und da spielt das Karawanenbuch wieder eine Rolle. Natürlich hat auch Xeno ein Leben neben der Büchersuche und so lösen sich Abschnitte über das Karawanenbuch ab mit langen Passagen, die Xeno im Vietnamkrieg zeigen oder bei den großen Antikriegsdemonstrationen in Washington. Die Patina der amerikanischen Geschichte legt sich dabei angenehm auf jede Buchseite, denn Christopher schildert die Handlung mit Liebe zum Detail – und mit Liebe zu seinen Charakteren. So kann man als Leser kaum verhindern, dass man in diese farbenprächtige, magisch angehauchte Welt hineingezogen wird, die trotzdem immer in unserer Realität verankert bleibt.

Dabei ist die Idee des Karawanenbuchs nicht nur ein netter literarischer Kniff, ein Plot Device, um die Handlung am Laufen zu halten. Stattdessen scheint Nicholas Christopher – wie sein Held – ernsthaft in die Welt der Tiere einzutauchen. Und zwar jenseits allen Kitsches. Hier gibt es keine Hunde mit Spängchen in den Haaren und auch keine Perserkatzen, die an pinkfarbenen Leinen spazierengeführt werden. Vielmehr sieht Christopher die Geschichte der Menschheit eng mit der der Tiere verknüpft. Ganz so wie das Karawanenbuch und die Bibel eigentlich ein Ganzes bilden, so sollten auch Tier und Mensch eine Einheit sein. Ihr friedliches Zusammenleben ist demnach schlicht göttliches Gesetz. Dass dieses Gesetz immer wieder gebrochen wird, verdeutlich Christopher dem Leser durch Xenos Freund Bruno, der als Wissenschaftler dem Artensterben entgegenwirken will. Dass die Poster von aussterbenden Arten, die er regelmäßig an seine Bürotür pinnt, nur eine neue Art des Karawanenbuchs sind, wird sicher keinem Leser entgehen. Und dass Xeno eine ganze Schiffsladung dieser Tiere auf dem vom Vater geerbten Schiff in ein sicheres Reservat schippert, erinnert auch nur zu deutlich an eine moderne Arche. Somit schließt sich der Kreis.

Es ist also leicht, die Attitüde eines Umweltschützers in den Roman hineinzulesen, doch hütet sich Nicholas Christopher davor, dem Leser zu predigen. Artenschutz ist ein Motiv im Roman, doch es wird elegant mit der Handlung verwoben und so hat man keinen Moment den Eindruck, Erbauungsliteratur zu lesen. Das hat Christopher nicht nötig, denn er weiß genau, wo seine Stärken liegen: Er konzentriert sich darauf, die Reise eines Menschen zu sich selbst literarisch auszuarbeiten, der die Krücke des Karawanenbuchs als den Fixstern seiner Träume irgendwann nicht mehr braucht. Xeno begibt sich auf eine Reise – eine innere wie eine äußere. Und Nicholas Christopher lädt den Leser ein, ihm auf dieser Reise zu folgen. Eine Einladung, die man keineswegs ausschlagen sollte.

|Taschenbuch: 380 Seiten
Originaltitel: The Bestiary
ISBN-13: 978-3423248297|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Nicholas Christopher bei |Buchwurm.info|:_
[„Franklyn Flyer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=588

Y. S. Lee – Eine fast perfekte Tarnung (Meisterspionin Mary Quinn 2)

Meisterspionin Mary Quinn

Band 1: „Ein verhängnisvoller Auftrag“
Band 2: „Eine fast perfekte Tarnung“
Band 3: „Skandal im Königshaus“
Band 4: „Rivals in the City“ (ohne dt. Titel)

Die Handlung:

Als Mary sich als Junge verkleidet, um auf der Baustelle von Big Ben zu ermitteln, kommen die schrecklichen Erinnerungen an ihre Kindheit wieder hoch. Damals hatte sie sich – ebenfalls in Jungenkleidern – als Straßenkind und Kleindieb durchs Leben schlagen müssen. Und jetzt muss sie mit den anderen Bauarbeitern schuften und im Pub zechen, um an Informationen zu kommen. Ein gefährliches Unterfangen, denn mehr als einmal droht ihre Tarnung aufzufliegen. Und dann taucht auch noch der attraktive James Easton auf der Baustelle auf, ebenfalls um zu ermitteln. Wird Marys Tarnung seinen Adleraugen standhalten?
(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Mary Quinn, die jugendliche Spionin in ihrem zweiten Fall. Wieder erleben wir ein lebendig gezeichnetes, viktorianisches London als Setting für ihren Einsatz. Die Klassenunterschiede und unterschiedlichen Lebensumstände der Charaktere schildert Lee eindrucksvoll, sodass der Leser einen manchmal angenehmen und manchmal unangenehmen Eindruck von diesem Zeitalter und diesem Ort bekommt.

Dieses zweite Abenteuer lässt sich auch erleben, wenn man den ersten Teil nicht gelesen hat. Allerdings fehlt dem Leser dann das Hintergrundwissen darum, welche Chemie zwischen Mary und James herrscht. Auch versteht man als neuer Leser der Serie nicht, warum sie so heftig auf ihn reagiert, als sie sich in der Geschichte das erste Mal sehen. Entweder können sie sich nicht leider oder sie sind verliebt … ein bisschen von beidem scheint es zu sein, eher das Letztere ist es, wenn der Roman voranschreitet.

Neben dieser romantischen Verwicklung, die Mary bei ihren Ermittlungen getarnt als 12-jähriger Junge auf der Baustelle von Big Ben dazwischenfunkt, bekommt auch der Leser nicht viele Chancen, sich auf eine Lösung des eigentlichen Falles zu konzentrieren. Wer hat wohl wann, was und wie getan und mit welchem Hintergedanken? Immer gibt es neue Verdächtige und neue Umstände zu beachten. Mary bekommt immer mehr den Verdacht, dass auf der Baustelle so einiges nicht ganz mit rechten Dingen zugeht und viele Beschäftigte so ihre Geheimnisse haben.

Ich bin kein Freund von romantischen Sub-Plots in Krimis und von daher legt mir die Autorin auch auf diesen Teil zu viel Gewicht. In diesen Momenten möchte ich nicht lesen, wie sehr es zwischen Mary und James knistert und sie sich gegenseitig ärgern, ich möchte wissen, was da auf der Baustelle eigentlich los ist. Aufgelöst wird das natürlich auch, sodass auch ich nach dem Lesen zufrieden war.

Das Setting ist lebendig beschrieben und die Protagonistin wächst auch dem Leser schnell ans Herz, der den ersten Band nicht kennt. Wie sie handelt, denkt, fühlt und spricht … das alles wirkt echt und authentisch und auch passend für ihren persönlichen Hintergrund, über den der Leser hier mehr, als im ersten Teil erfährt.

Die Autorin

Y. S. Lee wurde in Singapur geboren und ist in Kanada aufgewachsen. Recherchen für ihr Studium über das viktorianische England inspirierten sie zu den Romanen über die „Meisterspionin Mary Quinn“. Y. S. Lee lebt heute gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Kingston, Ontario.
(Verlagsinfo)

Mein Fazit:

Ein interessantes Setting und eine sympathische Heldin. Ein spannender Fall und eine romantische Ablenkung. Mary Quinn ermittelt kurzweilig und hoffentlich auch bald wieder im dritten Teil auf Deutsch.

Hardcover: 380 Seiten
Originaltitel: The Body at the Tower (The Agency 2)
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Empfohlen ab 14 Jahren
ISBN: 978-3423760362
www.dtv.de
yslee.com
www.meisterspionin.de

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (7 Stimmen, Durchschnitt: 1,29 von 5)

Harris, Charlaine – Grabeshauch (Harper Connelly 4)

_Die |Harper Connelly|-Reihe:_

Band 1: [„Grabesstimmen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4704
Band 2: [„Falsches Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5608
Band 3: [„Ein eiskaltes Grab“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6318
Band 4: [„Grabeshauch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7031

Wenn man Charlaine Harris Glauben schenken mag, dann ist „Grabeshauch“ nicht nur der vierte, sondern auch der letzte und abschließende Teil ihre Reihe um Harper Connelly, die die Gabe besitzt, Tote zu finden. Die Erwartungen sind also entsprechend hoch, wenn der geneigte Leser die erste Seite aufschlägt. Doch 300 Seiten später, nach einem ziemlich abstrusen Krimiplot und einer mehr als fragwürdigen und uninspirierten Auflösung, ist man enttäuscht, dass die Reihe nicht mit mehr Feuerwerk zu Ende geht.

Positiv anzumerken ist, dass sich Harris für diesen letzten Band vorgenommen hat, lose Enden zu verknoten und die dunklen Flecken in Harpers und Tollivers Vergangenheit zu beleuchten. Und so ist der vordergründige Fall, in dem Harper die Todesursache des texanischen Patriarchen Rich Joyce klärt und bei der Gelegenheit feststellt, dass seine Pflegerin im Kindbett und nicht an einem Blinddarmdurchbruch starb, eher eine Nebensache, die allerdings im Verlauf des Romans auf reichlich abenteuerliche (und extrem zufällige) Weise mit dem eigentlich zentralen Konflikt von „Grabeshauch“ verknüpft wird. Denn zurück in heimatlichen Gefilden nehmen Harper und Tolliver Kontakt zu ihren beiden Geschwistern auf, treffen sich mit Tollivers Bruder und stellen fest, dass dessen Vater Matthew aus dem Knast entlassen wurde und nun Buße tun will. Außerdem führen neue Erkenntnisse Harper und Tolliver auf die lange erkaltete Spur ihrer verschwundenen Schwester Cameron, die sie tatsächlich am Ende von „Grabeshauch“ finden werden. Doch wie das alles mit Matthew, der Familie Joyce und den Mordversuchen auf Harper zusammenhängt, wird zwar im Verlauf der Handlung deutlich. Besonders logisch ist diese Auflösung allerdings nicht.

_Klingt nach viel_ Stoff für einen so schmalen Roman? Das könnte es auch sein, wenn sich Charlaine Harris auf die zentralen Punkte ihres Plots konzentrieren würde. Das scheint ihr jedoch ausgesprochen schwer zu fallen. Stattdessen ergeht sie sich in Nebensächlichkeiten und Banalitäten, sodass im ersten Drittel des Romans praktisch gar nichts passiert. Viel lieber erklärt sie dem Leser noch einmal haargenau, wie grauenhaft Harpers und Tollivers Kindheit war, wie drogensüchtig deren Eltern, wie aussichtslos die Situation der Kinder. Das hat sie bereits in den vergangenen drei Bänden mit genüsslicher Detailverliebtheit vor dem Leser ausgebreitet – der einzige Mehrwert, der sich in „Grabeshauch“ noch bietet, ist die Tatsache, dass sie nun die ganze Geschichte noch einmal geballt wiedergibt. Gleiches gilt für die Rekapitulation der Ereignisse um den Blitzschlag, der Harper ihre ungewöhnliche Gabe verliehen hat. In bisher jedem Band der Reihe hat sie dem Leser diese Zeilen zur Erklärung an die Seite gestellt und langsam wird es wirklich öde. Sicher sind diese Wiederholungen auch der Tatsache geschuldet, dass ein unbedarfter Leser die Reihe vielleicht nicht in der richtigen Reihenfolge – oder aus dem Zusammenhang gerissen liest. Charlaine Harris verpackt ihre Expositionen allerdings so idiotensicher, dass man wirklich die ersten drei Bände nicht gelesen haben muss, um den vierten zu verstehen. Das ist für neue Leser vielleicht praktisch, für Fans der Serie ist es extrem langweilig und enttäuschend. Man fragt sich zwangsläufig, welchen Mehrwert die älteren Bände denn bieten, wenn man immer wieder dieselben Erklärungen lesen muss und die Autorin immer wieder beim Urschleim beginnt, bevor sie überhaupt so etwas wie Handlung oder Konflikte entwickelt.

Schreibt Harris nicht gerade über Dinge, die der Leser schon weiß, dann schreibt sie über unglaublich Banales: Sie erklärt dem geneigten Leser, dass Harper zur Polizeistation geht und den Schirm aufspannt, weil es anfängt zu regnen. Sie räumt jeder Mahlzeit ihrer Heldin ausreichend Platz ein (hauptsächlich isst sie Salat und Suppe), sie erwähnt wirklich jeden Anruf beim Zimmerservice und beschreibt sogar, wie Harper in den Waschsalon geht. Nichts davon hat irgendeine Relevanz für die eigentliche Handlung. Es dient einzig als Füllsel, wahrscheinlich, um beim Leser so etwas wie Realitätstreue hervorzurufen. Charlaine Harris allerdings, und da sollte sie ehrlich mit sich sein, ist eine Autorin von Unterhaltungsliteratur und besitzt daher nicht die schriftstellerische Größe, um Banalem eine Tiefe zu verleihen, die für den Leser interessant sein könnte. In ihren Romanen bleibt sie oberflächlich und so weisen all die Alltagsbeschreibungen eben nicht über sich hinaus, sondern füllen einfach nur Seiten mit nebensächlichen Szenen. Dass Harper auch mal was essen muss, setzt man eigentlich voraus – das muss nicht ständig aufs Genaueste beschrieben werden. Anstatt sich en detail für Harpers Alltag zu interessieren, wäre es wohl sinnvoller gewesen, die Auflösung um das große Geheimnis von Camerons Verschwinden besser zu durchdenken und logischer zu präsentieren. Vor allem wäre es nötig gewesen, dem Bösewicht genügend Platz einzuräumen, anstatt ihn unter ferner liefen abzuhandeln. Denn das einer routinierten Autorin wie Charlaine Harris nichts Besseres einfällt, als den Bösewicht erzählen zu lassen, warum er so böse ist, während die White Hats andächtig lauschen, das ist dann eine billige und – gelinde gesagt – faule Auflösung. Dass selbiger Bösewicht sich dann netterweise gleich selbst erschießt, damit auch niemand irgendwelche Probleme mit ihm hat, das mutet dann sehr nach Seifenoper an und ist einer Charlaine Harris einfach nicht würdig.

Schade ist vor allem, dass eine Autorin, die ein immenses Talent dafür hat, interessante und außergewöhnliche Charaktere zu schreiben, von dieser Gabe in „Grabeshauch“ kaum Gebrauch macht. Die Charaktere stehen auf der Stelle, es gibt keine Entwicklung mehr und auch der konfliktgeladenen Beziehung zwischen Harper und Tolliver gewinnt sie keine neuen Seiten ab – stattdessen driftet sie ins Süßliche ab, sodass deren Liebe nur noch dadurch transportiert wird, dass sie sich regelmäßig „Schatz“ nennen und in gesellschaftlich akzeptablen Abständen miteinander Sex haben.

_Man kann sich_ des Eindrucks nicht erwehren, dass Charlaine Harris keine rechte Lust mehr auf Harper hatte. Zumindest lässt der uninspirierte und in Teilen abstruse Abschlussband dies vermuten. Dass auch die Prosa überaus simpel und schnell dahingeschrieben daherkommt, passt ins Bild, erhöht aber in keinem Fall das Lesevergnügen. „Grabeshauch“ ist leider kein würdiger Abschluss für die Abenteuer um Harper und Tolliver. Es ist der schlechteste Band der Reihe und nach der Lektüre ist man fast froh, es hinter sich zu haben.

|Taschenbuch: 317 Seiten
Originaltitel: Grave Secret
Deutsch von Christinane Burkhardt
ISBN-13: 978-3423212687|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Charlaine Harris bei |Buchwurm.info|:_

|Sookie Stackhouse|:
Band 1: [„Vorübergehend tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=788
Band 2: [„Untot in Dallas“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=939
Band 3: [„Club Dead“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1238
Band 4: [„Der Vampir, der mich liebte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2033
Band 5: [„Vampire bevorzugt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3157
Band 6: [„Ball der Vampire“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4870
Band 7: [„Vampire schlafen fest“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5450
Band 8: [„Ein Vampir für alle Fälle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6161
Band 9: [„Vampirgeflüster“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6593