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Richardson, Kat – Underground

_Harper Blaine:_
Band 1:[„Greywalker“ 5500
Band 2: [„Poltergeist“ 5763

Kat Richardson ist mit der Romanreihe um Harper Blaine ein Schuss ins Schwarze gelungen. Schon die beiden Vorgängerbände überzeugten mit dreidimensionalen Charakteren, spannenden Kriminalfällen und einem originellen übernatürlichen Setting. In dem dritten Roman der Serie, „Underground“, behält Richardson diese Eigenschaften bei und entwickelt ihr Universum konsequent weiter – sehr zur Freude des Lesers.

Erst einmal jedoch läuft es in „Underground“ für die Protagonistin Harper Blaine in Liebesdingen nicht wirklich gut. Schon im letzten Band kriselte es zwischen ihr und Will und das hat sich auch jetzt nicht geändert. Harper hasst es, einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit – nämlich ihre Fähigkeit, im Grau zu wandeln – vor Will geheimhalten zu müssen. Diese Geheimniskrämerei tut ihrer Beziehung gar nicht gut. Doch als den beiden dann zufällig ein Zombie über den Weg läuft und Harper ihn kurzerhand kalt stellt, hilft das auch nicht weiter. Ganz im Gegenteil: Nun weiß Will zwar Bescheid, doch kann er mit diesem Einbruch des Übernatürlichen in sein geordnetes Leben nicht umgehen. Harper und Will trennen sich. Und auch wenn Harper nicht völlig am Boden zerstört ist, so ist sie doch alles andere als guter Laune.

Doch da betraut ihr Kumpel Quinton sie mit einem delikaten Kriminalfall. In einem U-Bahn Schacht hat er die Leiche eines Obdachlosen gefunden – angeknabbert und in Stücke gerrissen. Da Quinton nichts mit der Polizei zu tun haben will und außerdem davon ausgeht, dass diese sich nicht wirklich bemühen wird, den Mord an einem Obdachlosen aufzuklären, bittet er Harper um Hilfe. Zusammen machen sie sich also auf die Suche im Untergrund von Seattle und sprechen mit Obdachlosen, um die Spur des Mörders aufzunehmen, wobei bald klar wird, dass es sich keineswegs um einen Menschen handeln kann. Was nur gut ist, schließlich ist das Übernatürliche Harpers Spezialität!

Kat Richardson lässt sich für ihre Romane immer wieder neue spannende Themenfelder einfallen. So beackerte sie im vorangegangenen Band „Poltergeist“ das Feld von Parapsychologie und Spiritismus in wirklich umfassender – und natürlich unterhaltsamer – Form. In „Underground“ nun erfährt der Leser sehr viel über die Mythen und Legenden der indianischen Volksstämme aus der Gegend um Seattle sowie viel Interessantes zu Seattles illustrer Stadtgeschichte. Wieder ist offensichtlich, dass dem Schreiben des Romans eine umfassende Recherchearbeit vorangegangen ist. Und so ist der Roman vollgepackt mit Fakten, Hinweisen und Beschreibungen, ohne jedoch darüber die fesselnde Handlung aus den Augen zu verlieren. Auf sehr elegante Art gelingt es der Autorin, tausenderlei Fakten in ihren Roman zu schmuggeln, ohne dass sich der Leser belehrt vorkommt. Nie entsteht das Gefühl, Richardson würde Informationen referieren. Stattdessen sind Hintergrundinformationen immer dicht mit der Handlung verwoben und wirken dadurch als integraler Teil des Romans und nicht als pures Füllsel.

Richardsons Handlungsort ist diesmal der Untergrund Seattles – auf der einen Seite das tatsächliche Wegenetz der U-Bahn und auf der anderen Seite die teilweise noch zugänglichen alten Bebauungsschichten der Stadt, die nun hauptsächlich von Obdachlosen genutzt werden, um den Elementen zu entfliehen. Natürlich ist einem solchen Setting eine ganz besondere Faszination zu eigen, schließlich handelt es sich um eine Art Stadt unter der Stadt, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Wie auch in Paris oder Berlin gibt es in Seattle jedoch Touristentouren, bei denen man diese alten, heutzutage unterirdischen, Teile der Stadt besichtigen kann. Richardson versteht es außerordentlich gut, das Surreale und gleichzeitig Faszinierende dieses Untergrunds in ihre Erzählung einfließen zu lassen. Ihre Beschreibungen sind ungemein plastisch und sie schafft es, die verschiedenen Zeitebenen (das heutige oberirdische Seattle sowie alte verschüttete Straßenzeilen) miteinander zu verknüpfen und für den Leser vorstellbar zu machen, selbst wenn er noch nie in Seattle war. Natürlich empfiehlt sich der Roman dadurch auch für jeden interessierten Touristen, der sich nicht nur mit dem Baedeker auf den geplanten Seattle-Urlaub vorbereiten will.

Selbstverständlich konzentriert sich Richardson nicht nur auf ihr Setting. Mindestens ebenso wichtig sind die Charaktere, allen voran Harper und Quinton. Letzterer war ja bisher ein Enigma. Der Leser hat nicht wirklich viel über ihn erfahren – wo kommt er her, arbeitet er, und wenn ja als was? Auf diese Fragen gibt Richardson in „Underground“ erstmals Antworten, wenn auch die Neugierde mancher Leser damit sicher noch nicht befriedigt sein wird. Wie Harper nämlich frühzeitig feststellt, wohnt Quinton – freiwillig – im Untergrund. Er hat sich sozusagen aus der Gesellschaft ausgeklinkt: keine Arbeit, keine Sozialversicherungsnummer, nirgends registriert. Dafür hat er seine Gründe, doch wird ihn seine Vergangenheit bald einholen.Und dann braucht es plötzlich viel Glück, Verstand und einige Zufälle, um die Vergangenheit wieder loszuwerden.

„Underground“ bietet wieder gute und spannende Unterhaltung aus der Feder von Kat Richardson. Was ihre Romane aus der Masse der Urban Fantasy heraushebt, ist einerseits ihre umfassende Recherche und andererseits ihre Fähigkeit, sympathische Charaktere zu schreiben. So kommt auch bei stolzen 500 Seiten niemals Langeweile auf. Als Leser folgt man Harper Blaine mit Vergnügen auf ihrer Wanderung durch den Untergrund von Seattle. Es wird zwar dunkel, kalt und feucht, aber dafür ist die Geschichte spannend – ein echter Pageturner eben.

|Taschenbuch: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3453533158
Originaltitel: Underground
Übersetzt von Franziska Heel|

Dean Koontz – Meer der Finsternis

Der Odd-Zyklus bislang:

1) Odd Thomas (2004, deutsch 2006 als „Die Anbetung“)
2) Forever Odd (2005, deutsch 2007 als „Seelenlos“)
3) Brother Odd (2006, deutsch 2008 als „Schattennacht“)
4) Odd Hours (2008, deutsch 2009 als „Meer der Finsternis“)
5) In Odd We Trust (Graphic Novel, Juli 2008)

Der Meister des mystischen Thrillers hat sich in den letzten Jahren noch einmal von seiner fleißigsten Seite gezeigt: Dean Koontz legt im aktuellen Jahrzehnt noch einmal ein enormes Pensum vor, hat sich unterdessen aber nicht mehr so häufig von der Unberechenbarkeit seiner Ideen treiben lassen. Mit Odd Thomas hat Koontz letztlich einen Charakter geformt, der immer mehr zu seinem persönlichen Helden geworden ist und inzwischen die wohl wichtigste Figur seiner Romane darstellt.

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Deas, Stephen – Adamantpalast, Der (Drachenthron 1)

Königin Shezira macht sich auf den Weg nach Osten, um ihre jüngste Tochter Lystra an den Prinzen Jehal zu verheiraten. Im Gepäck das Brautgeschenk: Ein makellos weißer Drache samt Knappe. Doch während Shezira im Adamantpalast Halt macht, wird die Eskorte des Weißen angegriffen. Am Ende ist der kostbare Drache verschwunden.
Aber das Fehlen des Brautgeschenkes ist nur eine Sorge. Der Sprecher, oberste Autorität in einem Gebilde, das aus neun Königreichen mit je einem eigenen Souverän besteht, wird alle zehn Jahre neu gewählt, und diese Wahl steht kurz bevor. Doch die Nachfolge ist längst nicht so sicher, wie ursprünglich von allen erwartet. Und was hat es mit dem seltsamen Fläschchen auf sich, das auf einer einsamen Lichtung den Besitzer wechseln soll?

Shezira ist eine ehrgeizige und starke Persönlichkeit, allerdings kühl, distanziert und sachlich. Nicht, dass sie ihre drei Töchter nicht mag, doch das hindert sie nicht daran, zwei davon mit politischem Kalkül zu verheiraten. Immerhin aber ist Shezira ehrlich und steht zu ihrem Wort, was man von anderen nicht unbedingt behaupten kann.

Der noch amtierende Sprecher Hyram hat sich in einer alten Abmachung dazu verpflichtet, Shezira als seine Nachfolgerin vorzuschlagen. Doch Hyram ist ein schwacher Mann, der Jahre alte seelische Wunden noch immer nicht verkraftet hat. Das und die Tatsache, dass er seit einem Jahr zunehmend die Kontrolle über seinen Körper verliert, machen ihn angreifbar für Intrigen.

Auch Zafir hat eine Schwäche, und die heißt Jehal. Nicht, dass Zafir nicht ehrgeizig wäre, sie hat durchaus nichts dagegen, den Platz ihrer Mutter als Königin einzunehmen und ist auch beileibe nicht zimperlich, was die Methoden zur Erreichung dieses Zieles angeht. Doch aus eigenem Antrieb hätte sie sich die Mühe nicht gemacht. Dafür ist sie durchaus bereit, sich persönlich die Mühe zu machen und Jehals junge Braut aus dem Weg zu räumen, denn auf die ist sie unendlich eifersüchtig.

Jehal scheint derjenige zu sein, um den sich alles dreht. Er ist noch ehrgeiziger als Shezira und im Gegensatz zu ihr nicht im geringsten wählerisch in seinen Mitteln. Der gut aussehende und charmante Prinz ist sehr geschickt darin, andere um den Finger zu wickeln, vor allem Frauen, die er dann, wenn er sie nicht mehr braucht, einfach fallen lässt. Auch an Absprachen und Verträge hält er sich lediglich, so lange sie seinen Zielen dienen. Jehal will Sprecher werden, um jeden Preis und mit allen, wirklich allen Mitteln.

Wirklich sympatisch ist eigentlich nur Sheziras sture und ungebärdige Tochter Jaslyn mit ihrer Leidenschaft für Drachen. Jaslyn ist genauso unverblümt und ehrlich wie ihre Mutter, allerdings nicht so kaltherzig.

Im Grunde war die Charakterzeichnung ganz in Ordnung. Vor allem der schwächliche Hyram mit seiner Obsession für eine unerreichbare Frau und der skrupellose Jehal waren gut getroffen. So richtig mitfiebern kann der Leser allerdings mit niemandem, denn Jaslyn, die einzige, die sich als Sympathieträger anbietet, rückt erst gegen Ende des Buches etwas mehr in den Vordergrund und könnte noch einiges an zusätzlicher Intensität vertragen. Andere, wie der Knappe Kailin oder der Söldner Sollos, leben einfach nicht lang genug, um ein echtes eigenes Profil zu entwickeln.

Der Ort der Handlung ist nicht unbedingt spektakulär. Die Geographie besteht aus der üblichen Mischung Wüste-Gebirge-Meer, und das einzige, was den Handlungshintergrund von der Realität unterscheidet, ist die Existenz von Drachen und Magie. Die Magie stellt bisher lediglich eine winzige Randerscheinung dar. Nur zweimal tauchen kurz echte Magier auf, und nur in einem dieser beiden Fälle erfährt der Leser überhaupt, was der Magier tut. Wobei ich in diesem speziellen Fall die Alchemisten nicht zu den Magiern gezählt habe.

Bisher ist nicht ganz sicher, ob die Alchemisten bei ihrem Tun auch Magie einsetzen. Fest steht nur, dass sie die gezähmten Drachen mittels ihrer Tränke unter Kontrolle halten. Die Tiere sind sozusagen ununterbrochen zugedröhnt. Nur so ist es möglich, sie abzurichten und zu reiten. Diese Praxis ist schon ziemlich alt, und da nur aus etwa einem Drittel aller Dracheneier auch ein Drache ausschlüpft, sind Drachen ziemlich wertvoll. Sie werden sorgfältig gezüchtet und dementsprechend auch mit Stammbäumen versehen. Kein Wunder, dass Königin Shezira ihre Weiße unbedingt wiederhaben will. Und kein Wunder, dass der Alchemist, der den Suchtrupp begleitet, es so schrecklich eilig hat. Denn was wird wohl geschehen, wenn die Wirkung der Drachendrogen nach lässt?

Darauf erhält der Leser tatsächlich eine Antwort. Was allerdings vom Verlag angepriesen wurde als die „geheimnisvollsten, mächtigsten und gefährlichsten Geschöpfe der Fantasy“, wirkt vorerst noch ein wenig dünn. Denn alles, was von den Drachen selbst bisher zu hören ist, ist Rachsucht. Nur einige wenige Sätze lassen ein paar echte Informationen über die Drachen erahnen, doch die sind so spärlich und vage, dass sie nicht ausreichen, um ein deutliches Bild dieser Geschöpfe zu zeichnen. So bestehen die Drachen – zumindest im Augenblick – hauptsächlich aus Mordgier.

Das hat Konsequenzen.

Dass die Drachen vor allem damit beschäftigt sind, nach den Alchemisten zu suchen und dabei eine Menge Leichen zurücklassen – zu denen man noch diejenigen dazu zählen muss, die sie fressen! – lässt sie, zumindest was mein Interesse anging, ein gutes Stück in den Hintergrund treten. Die Intrigen und Ränkespiele im Zusammenhang mit der Sprecherwahl geben da wesentlich mehr her. Zafir ist auch ohne Jehal schon ein Miststück, und Jehal übertrifft sie darin noch. Beide zusammen sind schlicht gemeingefährlich. Was Jehal vor allem so erfolgreich macht, ist seine Indirektheit, er erreicht seine Ziele stets auf Umwegen und hat die unendliche Geduld einer lauernden Spinne. Zusätzlich interessant wird Jehals Intrigenspiel dadurch, dass er in seiner eitlen Selbstzufriedenheit nicht merkt, dass er ebenfalls benutzt wird.

Das ist der Punkt, der beide Handlungsstränge miteinander verbindet.

Nirgendwo wird erwähnt, wer die Eskorte des weißen Drachen überfallen hat und warum. Hätte der Angreifer den Drachen stehlen wollen, hätte er ihn wohl kaum entkommen lassen. Und wie hätte er ein solch ausgefallenes Tier auch verstecken sollen?

Und die Taiytakey von jenseits des Meeres, die Jehal ein so ausgefallenes Geschenk zur Hochzeit überreichen ließen? Jehal sagt selbst, dass die Taiytakey keine Geschenke machen, und diese bestreiten das nicht einmal. Was also wollen sie dafür? Jehal scheint es nicht zu interessieren, und das dürfte ein Fehler gewesen sein!

Und dann ist da auch noch das Fläschchen mit dem seltsamen Inhalt.

Der aufmerksame Leser merkt nur zu bald, dass die eigentliche Bedrohung von außerhalb kommt, auch wenn sie lediglich ganz am Rande auftaucht, und da sie alle so sehr mit ihren eigenen kleinlichen Machtkämpfen beschäftigt sind, fällt es natürlich keinem der Beteiligten auf.

Unterm Strich kann ich sagen, dass Stephen Deas mit „Der Drachenthron“ einen interessanten und verwickelten Roman abgeliefert hat. Die Charakterzeichnung ist nicht überragend intensiv, aber durchaus lebendig und glaubwürdig. Der Handlungsverlauf wirkt zwar durch die häufigen Szenen- und damit verbundenen Ortswechsel etwas sprunghaft, ich hatte aber keine allzu großen Probleme damit, das Ganze ist sauber aufgebaut und frei von Logikfehlern. Und auch wenn der Spannungsbogen nicht allzu straff gespannt ist, wird es nie wirklich langweilig. Allein die Tatsache, dass das Wesen der Drachen so eingleisig dargestellt ist, find ich schade. Hier hätte ich mir anstelle des vielen Bratens und Fressens etwas mehr Bandbreite und mehr Detailreichtum gewünscht, da darf sich noch einiges tun.

Stephen Deas ist Engländer und arbeitete nach einem abgeschlossenen Physikstudium in der Raumfahrttechnik, ehe er mit „Der Drachenthron“ seinen ersten Roman veröffentlichte. Seither ist er fleißig mit Schreiben beschäftigt. Im April erscheint in England der zweite Band der Trilogie Drachenreiche, außerdem im Herbst der erste Band einer weiteren Trilogie.

Broschiert: 591 Seiten
ISBN-13: 978-3453525306
Originaltitel: The Adamantine Palace
Übersetzt von Beate Brammertz

Stephen Deas.com
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

del Toro, Guillermo / Hogan, Chuck – Saat, Die

Ein Flugzeug aus Berlin befindet sich im Landeanflug auf New York. Pilot und Tower tauschen letzte Instruktionen aus, bevor die Maschine Kurs auf die Landebahn nimmt. Die Worte des Piloten, „ist doch immer wieder schön, nach Hause zu kommen“, sind die letzten, die gesprochen werden. Das Flugzeug landet planmäßig, doch danach bricht der Funkverkehr ab. Die Maschine hat sich offensichtlich komplett abgeschaltet – kein Licht, kein Funkverkehr, und auch keine panischen Anrufe von den Passagieren im Inneren. Sie steht einfach still und tot auf dem Rollfeld. Nachdem sich das Flughafenpersonal die Situation nicht erklären kann, schlagen sofort Notfallpläne an, schließlich geht man im Moment von einem terroristischen Anschlag aus – 9/11 ist gerade in New York immer noch gegenwärtig. Außerdem ruft man die CDC, die Seuchenschutzbehörde hinzu, schließlich könnte es auch sein, dass mit dem Flug irgendetwas Biologisches eingeschleppt wurde.

Und so tritt Ephraim Goodweather auf den Plan, der eigentlich ein Wochenende mit seinem Sohn verbringen wollte. Stattdessen findet er sich auf dem Flughafen wieder, wo er in voller Schutzmontur dabei ist, das Flugzeug zu betreten. Er und seine Kollegin können die Passagiere nur noch tot bergen – bis auf vier Ausnahmen, die sofort ins Krankenhaus zur Untersuchung geschafft werden. Der Rest der Insassen zeigt keinerlei Anzeichen eines Kampfes oder gar Angst. Alle scheinen so schnell gestorben zu sein, dass für derlei keine Zeit blieb.

Niemand kann sich auf diese seltsame Geschichte einen Reim machen. Zwar ist es verdächtig, dass sich im Frachtraum eine riesige, mit Erde gefüllte Holzkiste findet. Doch bevor man diese näher untersuchen kann, ist sie auch schon verschwunden. Und da man sich auch nicht in der Lage sieht, die vier Überlebenden unter Quarantäne zu stellen, sind die bald auf dem Weg zu ihren Familien. Ein fataler Fehler, wie sich schnell heraus stellt. Denn mit dem Flieger ist tatsächlich eine Seuche eingeschleppt worden – eine vampirische nämlich. Und während die Passagiere des Flugzeugs sich langsam in bluthungrige Untote verwandeln, verfolgt der Besitzer der Holzkiste offensichtlich eine größere Agenda. Und aufhalten können ihn nur Ephraim und seine Mannen.

„Die Saat“, der erste Teil einer Trilogie, stammt aus der Feder von Guillermo del Toro und Chuck Hogan. Wobei man natürlich nur spekulieren kann, wer wie viel Schreibarbeit übernommen hat, schließlich ist del Toro eher als Regisseur und Produzent bekannt geworden. Kein Zweifel allerdings besteht darüber, wer die zentralen Ideen für den Romanstoff geliefert hat. Das Buch ist eindeutig in del Toros Ideenwelt angesiedelt und es ist nicht schwer, Motive zu identifizieren, die del Toro auch in seinen Filmen immer wieder anzitiert. Besonders deutlich wird das, wenn man den Film [„Blade II“]http://www.powermetal.de/video/review-299.html kennt, bei dem del Toro seinerzeit Regie führte. Beim Lesen von „Die Saat“ fühlt man sich immer wieder an die mutierten Vampire aus „Blade II“ erinnert und es ist nahe liegend anzunehmen, dass del Toro dieses Romanprojekt dazu genutzt hat, Ideen, die er für den Film hatte, auszuformulieren und weiter zu führen. Allerdings bleibt er, wie in „Blade II“ auch, eher an der Oberfläche und konzentriert sich aufs Herumrennen und Abknallen, anstatt seinen Figuren Tiefe und Dreidimensionalität zu verleihen.

Sowohl im Film als auch im vorliegenden Buch sind Vampire weder romantisch noch anziehend. Stattdessen sind sie fast zombiehafte Kreaturen, die es nach Blut gelüstet – bei dessen Beschaffung sie selbstverständlich über Leichen gehen. Sie sind kahlköpfig, blass, haben rotglühende Augen und weisen einige physische Veränderungen auf. Denn Vampirismus ist eine hochansteckende Seuche, sie wird durch Kontakt mit dem Blut eines Vampirs übertragen. Wie ein Krebsgeschwür bilden sich daraufhin im Körper des Wirts neue Organe, während andere verkümmern.

Der Roman beginnt viel versprechend: Das gestrandete Flugzeug erscheint nach ein paar Seiten tatsächlich tot und verlassen und den Autoren gelingt es, eine unheimliche und bedrohliche Stimmung herauf zu beschwören. Auch als Leser weiß man in diesen Momenten noch nicht, wohin die Reise gehen wird. Alles ist ungewiss, und doch dräut das Unglück schon über der Handlung. Diese Szenen sind sehr atmosphärisch und bilden den frühen Höhepunkt des Romans. Dass es danach mit den Erzählkünsten und dem Spannungsbogen nur noch abwärts geht, lässt allerdings schnell Enttäuschung aufkommen. Die ohnehin eher schablonenartigen Hauptcharaktere verlieren sich in einem Wust von Nebencharakteren, Nebenschauplätzen und belanglosen Details.

Del Toro und Hogan haben ihr Buch als großes grauenerregendes Panorama angelegt, doch leider geht diese Rechnung nicht auf. Bei ihrem Versuch, dem Leser in Cinemascope-Manier viele einzelne Szenen zu präsentieren, um so das empfundene Grauen zu potenzieren, verlieren sie über weite Strecken den roten Faden der Handlung aus den Augen. Da wird zwanzig Seiten lang eine Sonnenfinsternis beschrieben, die für den weiteren Verlauf des Romans absolut nicht von Belang ist. Da wird wieder und wieder beschrieben, wie Vampire Menschen angreifen, die sich dann wiederum in Vampire verwandeln anstatt an einem gewissen Punkt einfach einen Schlussstrich zu ziehen und sich mit „und viele Menschen wurden gebissen“ zu begnügen. Da werden dem Protagonisten Eph zu allem Überfluss eine Scheidung und ein Sohn angedichtet, um beim Leser Sympathie hervorzurufen (eine billige Hollywood-Taktik, die eher dazu führt, dass man sich von Ephs zwischenmenschlichen Problemen zunehmend genervt fühlt).

Schlussendlich kann man sich nach der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren, trotz der 520 Seiten nicht wirklich viel erfahren zu haben. Der Obervampir Sardu, Grund für die in New York ausbrechende Seuche, wird nur angerissen und bleibt mysteriös. Seine Motive bleiben im Dunkeln, ebenso wie die Frage, warum er Eph immer nur droht, anstatt ihn einfach ins Jenseits zu befördern (der alte Fehler aller billigen Fieslinge). Ebenso ergeht es dem Strippenzieher in den USA, einem Magnaten namens Eldritch Palmer, der zwar immer mal wieder im Roman vorkommt, aber ebenfalls keine tragende Rolle erhält. So fühlt sich „Die Saat“ wie ein besonders langer Prolog an, was der Roman angesichts der geplanten weiteren zwei Teile vielleicht auch ist. Doch stellt man den Roman für sich, lässt er einen unbefriedigt und mit zu vielen Fragen zurück.

Dabei hat das Autorenduo del Toro/Hogan einige interessante Ideen. So gibt es viele Anleihen sowohl bei Bram Stokers [„Dracula“ 210 als auch beim südosteuropäischen Volksglauben zum Thema Vampir. Wie das Flugzeug völlig ohne Lebenszeichen auf der Rollbahn strandet, erinnert stark an die Demeter, das Schiff, mit dem Dracula in Stokers Roman nach England reist, und das mit toter Mannschaft während eines Sturms in den Hafen von Whitby einläuft. Ebenfalls bei Stoker angelehnt ist die Figur des kautzigen, alten Vampirjägers Abraham (!) Setrakians, der in seiner Jugend in einem KZ bereits die Bekanntschaft Sardus machte und seitdem Vampiren den Kampf angesagt hat. Insgesamt können die guten Ideen und versteckten Anspielungen jedoch nicht über die offensichtlichen Längen des Romans hinweg täuschen. Der Roman lohnt sich somit vor allem wegen des wunderbar gelungenen Beginns. Der Rest, die Jagd auf die Vampire und der Versuch, die Seuche einzudämmen oder auszurotten, bleibt leider im Mittelmaß stecken.

Henry Wade – Tod auf der Treppe

Wade Tod Cover kleinDas geschieht:

Sir Garth Fratton gehört zu den großen Finanzmagnaten der Stadt London. Obwohl ihn das Alter und manche Zipperlein plagen, schlägt er die Ratschläge seines Arztes in den Wind und wird Vorstandsmitglied der noch jungen „Victory Finance Company“. Dort geht freilich nicht alles mit rechten Dingen zu, wie Fratton seinem besten Freund Leopold Hessel anvertraut. Bevor er jedoch in Details gehen kann, wird er während eines Spaziergangs von einem unbekannten Rüpel angerempelt. Nur Sekunden später bricht Sir Garth tot zusammen; die Autopsie ergibt, dass er durch das Platzen eines Aneurysmas – der krankhaften Ausweitung einer großen Ader – verblutet ist.

Frattons Tochter Inez lässt der tragische Tod des Vaters keine Ruhe. Sie lässt ein Inserat in die Zeitung setzen, dass den Rüpel auffordert, sich zu melden. Als Scotland Yard davon hört, wird der junge Inspektor Poole geschickt, um den ‚Unfall‘ vorsichtshalber noch einmal zu überprüfen. Pooles Nachforschungen sorgen für Unruhe und schließlich für die Exhumierung von Frattons Leiche, die in der Tat Spuren einer Mordattacke aufweist. Henry Wade – Tod auf der Treppe weiterlesen

David Knight – Der Fall 561

Was als Mordversuch an zwei Polizisten begann, entwickelt sich zu einer mehrmonatigen Jagd auf einen brutalen Verbrecher, der sich findig der Fahndung immer wieder zu entziehen weiß, bis seine Verfolger doch obsiegen … – Scheinbar dokumentarisch im Ton, singt der Verfasser das Loblied einer Polizei, die unaufhaltsam und unerbittlich dem Gesetz Genüge verschafft: ein interessantes Zeitdokument im Gewand eines routiniert geschriebenen, spannenden Kriminalromans. David Knight – Der Fall 561 weiterlesen

Michael Marcus Thurner – Das gestrandete Imperium (Perry Rhodan, Posbi-Krieg 1)

Der Posbi-Krieg ist der Titel eines sechbändigen Abenteuers um den Science-Fiction-Helden Perry Rhodan. Der ist gleichzeitig Name, Held und Programm für eine fantastische Erfolgsgeschichte deutscher SF, blickt die Serie, die als ausschließliche, wöchentlich erscheinende Heftromanserie begann, doch auf eine mittlerweile über 45jährige Geschichte zurück, in der über 3000 Heftromane in der immer noch wöchentlich erscheinenden Hauptserie geschrieben wurden und unzählige Taschenbücher, Schwesternserien, Sekundärliteratur, Spin-off-Serien und dergleichen mehr erschienen. Seit einigen Jahren erscheinen bei |Heyne| in schöner Regelmäßigkeit der jeweils aktuellen Hefthandlung angegliederte, jedoch eigenständige und unabhängig lesbare Romanreihen im Taschenbuchformat – und eine dieser Reihen trägt den Eigentitel „Posbi-Krieg“.

Posbis sind Roboter, die auf eine Komponente zugreifen können/müssen, die sie der Gefühle befähigt und damit zu definitionsgemäß echten Intelligenzen macht. Im ersten Band des Sechsteilers verschlägt es Perry Rhodan und seine beiden Begleiter Startac Schroeder und Mondra Diamond in eine ferne, durch hyperphysikalische Phänomene abgeschottete Galaxie. Dort leben einige den Menschen bekannte unterschiedliche Völker zusammen, unter anderem eine Gruppierung der Posbis. Und aus einem unbekannten Grund ist diese Roboterzivilisation plötzlich darauf aus, alles andere intelligente Leben in ihrem Aktionsradius (sprich in jener Galaxis) zu vernichten. Wie soll ein einzelner Mensch (oder auch derer dreie) diese furchtbare Gefahr abwenden oder auch nur bekämpfen? Zumal Rhodan selbst in der menschlichen Kolonie zunächst auf wenig Unterstützung trifft …

Thurner schreibt in typischer Perry Rhodan-Manier, verliert sich dabei oft in technischen Erklärungen und haarsträubenden Dialogen. Es gibt Dinge, Charakterzüge, die er versucht zu modernisieren oder neu zu beschreiben, um den Rhodan-Stempel auf seine Geschichte zu prügeln, und dabei misslingt ihm gerade das Wichtigste: Die Charakterisierung der Hauptfigur, Perry Rhodan. Zugegeben, eine schwere Aufgabe bei einer Figur, die länger als 40 Jahre allwöchentlich beschrieben wird, aber es ist eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Romanprojekt. So ist – um wenigstens ein Beispiel zu nennen – es absolut undenkbar, dass Perry Rhodan einen seiner beiden Mitstreiter allein auf einer Welt zurück lässt, ohne überhaupt zu wissen, wo er ist oder ob er vielleicht in Schwierigkeiten steckt. Natürlich kann er nicht wissen, dass Startac Schroeder in dem Moment an der Grenze zwischen Leben und Tod weilt und aufs Blut gefoltert wird, aber etwas mehr als ein „Der kommt schon zurecht“ ist schon zu erwarten.

Positiv zu vermerken ist die Menschlichkeit, mit der sich Rhodan (erst zum Ende dieser ersten Geschichte) in der neuen Umgebung durchsetzt. Allerdings entbehrt es wiederum fast an gleicher Stelle jeder Grundlage, dass er vor dem Mikro seines Funkgerätes steht und versucht, mit den sturen Robotern ins Gespräch zu kommen, während tausende Menschen in explodierenden Raumschiffen sterben und die Kontaktversuche offensichtlich zu nichts führen.

Größte Ungereimtheit im ersten Teil: Rhodans Unverständnis der Abneigung, ja des Hasses der Alteraner jedwedem Posbi gegenüber. Thurner lässt ihn sich (und seine Mitstreiter) allen Ernstes fragen, wieso die angetroffenen Alteraner mit Hass und Schock auf die Anwesenheit der beiden Posbis reagieren – obwohl er von Lotho Keraete (dem Boten seines Auftraggebers) äußerst intensiv gebrieft wurde!

Ein insgesamt enttäuschender Auftakt für diesen Sechsteiler, der Heyne-typisch mit den höchsten Attributen versorgt wurde: Ein Science-Fiction-Abenteuer im Breitwandformat!

Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3453532625

Michael J. Reaves – Drachenland

Michael Reaves ist den meisten Science-Fiction-Lesern inzwischen vornehmlich als Verfasser der aktuellen „Star Wars“-Novellen bekannt. Gemeinsam mit dem renommierten Steve Perry erschuf er vor allem in den letzten drei Jahren zahlreiche Geschichten um den Sternenkrieg und konnte sich nach einer ewig währenden Suche nach seiner Identität als Schriftsteller endlich mal langfristig etablieren. Dabei ist Reaves kein Unbekannter mehr; seit mehr als 30 Jahren ist er als Autor tätig, arbeitete mit bekannten Kollegen wie Byron Preiss und Neil Gaiman und hievte einige seiner Titel auf die Bestsellerlisten.

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Robin Hobb – Der Schattenbote (Die Chronik der Weitseher 2)

Die Chronik der Weitseher

Band 1: Der Weitseher“
Band 2: „Der Schattenbote“
Band 3: Der Nachtmagier

Zwar hat Fitz am Ende des ersten Bandes eine schwere Bewährungsprobe bestanden, doch scheint ihn das seine Gesundheit gekostet zu haben. Er ist schwach und hat immer wieder unvorhersehbare und unkontrollierbare Anfälle. Ein ziemliches Manko für einen Assassinen! Fast schon hat Fitz beschlossen, nicht in den Dienst des Königs zurückzukehren, da hat er einen bedeutungsschweren Traum. Und so kommt es, dass er sich trotz seiner Schwäche zurück nach Bocksburg schleppt, mitten hinein in die Höhle des Löwen …

Fitz ist tatsächlich ein bisschen reifer geworden, was man an seiner veränderten Beziehung zu Molly ablesen kann. Außerdem neigt er inzwischen dazu, ab und an die Initiative zu ergreifen, meist zur äußerst mäßigen Begeisterung von Chade, der danach die Dinge wieder ins Lot rücken muss. Auch sonst fehlt es Fitz gelegentlich noch an Selbstbeherrschung, was sowohl Molly als auch den jungen Wolf betrifft, den er auf dem Markt dem Tierhändler abkauft.

Dafür wird König Listenreich immer kränker und schwächer, so dass er als eigenständige Persönlichkeit zunehmend weg fällt. Gleichzeitig rückt dadurch der Narr etwas mehr in den Vordergrund, er taucht jetzt häufig bei Fitz auf, um mit ihm zu reden. Der geheimnisvolle und hochintelligente kleine Kerl ist seinem König mit Leib und Seele ergeben und tut alles, um Fitzens Aufmerksamkeit auf die Situation des Königs zu lenken. Er braucht dringend Verbündete, nicht nur für seinen König, auch für sich selbst.

Einen Teil der Aktivitäten Listenreichs übernimmt Kettricken. Die junge Frau ist jetzt mit Kronprinz Veritas vermählt, doch dieser hat kaum Zeit für sie. Dabei wünscht Kettricken sich so sehr, in die Sorge um das Reich mit eingebunden zu werden. Sie will nicht nutzlos herumsitzen und ihre Zeit mit sinnlosem Kleinkram wie Sticken vertun, das widerspricht völlig ihrer Auffassung von dem, was eine Königin für ihr Volk sein sollte, nämlich mehr als nur eine Zuchtstute, die den Thronfolger zur Welt bringt. Und schließlich ergreift sie die Initiative.

Veritas, der Trottel, dagegen merkt zunächst gar nicht, was für eine Perle er da zur Frau hat. Er reibt sich für sein Volk fast auf, aber anstatt seine Sorgen und Pläne mit seiner Gemahlin zu teilen, ist er blind für ihre Fähigkeiten und ihren Wunsch, ihn zu unterstützen. Erst als er sie durch Fitzens Augen sieht, erkennt er ihren Wert, aber da ist es schon fast zu spät.

Auch diesmal ist die Charakterzeichnung ausgesprochen gelungen. Einige Figuren werden intensiviert, wie zum Beispiel Molly, die aufgrund ihrer Rolle jetzt wesentlich häufiger auftaucht, und Fitz entwickelt sich nachvollziehbar und glaubwürdig zu einem jungen Mann. Na gut, einem sehr jungen Mann. Sehr gut gezeichnet ist auch Kettricken und ihr Bemühen, sich in ihrem neuen Leben zurecht zu finden und die Stellung auszufüllen, die sie nun inne hat.

Die Handlung lässt sich auch diesmal wieder eher träge an. Nachdem Fitz nach Bockburg zurückgekehrt ist, widmet sich die Autorin erst einmal dem Aufbau der neuen Situation: Veritas sucht nach Wegen, die roten Korsaren zu bekämpfen, und tatsächlich kann er ein paar Erfolge verzeichnen. Doch die Nachrichtenübermittlung ist mangelhaft, und letztlich muss gesagt werden, dass all seine Bemühungen ohnehin nur die Symptome bekämpfen. Keiner außer Chade hat bisher auch nur versucht, die Ursachen herauszufinden.

All das, Veritas‘ Kampf, Listenreichs Siechtum, Kettrickens Schwierigkeiten, aber auch Fitzens Beziehung zu Molly, sorgt dafür, dass sich der Anfang doch etwas zieht.

Fahrt nimmt das Ganze erst auf, als Veritas sich entschließt, sich auf die Suche nach den Uralten zu begeben. Edel fängt bei der Aussicht darauf, in Abwesenheit Veritas‘ endlich nahezu freie Hand zu haben, regelrecht an zu sabbern. Und tatsächlich sieht der Leser von Veritas‘ Abreise an, wie Fitz und seine Verbündeten hilflos und unaufhaltsam in die Katastrophe rutschen. Dabei ist so offensichtlich, was Edel da tut! Und es erstaunt mich doch sehr, wie lange Chade vor dem Offensichtlichen die Augen verschließt, eigentlich hatte ich ihn für intelligenter gehalten.

Natürlich ist auch die Bedrohung durch die Roten Korsaren noch immer vorhanden, obwohl die Autorin in dieser Hinsicht noch immer mit neuen Informationen geizt. Statt dessen nutzt sie ihre Andeutungen dazu, neue Rätsel aufzubauen, was die Neugierde gehörig schürt.

So wird es dann doch noch zunehmend fesselnd, vor allem gegen Ende, unter Anderem auch deshalb, weil Fitz sich durch seinen Rachefeldzug wirklich so richtig tief in die Patsche hineinreitet. Natürlich muss er überleben, schließlich gibt es noch einen dritten Band. Trotzdem fragt sich der Leser bis zur letzten Seite, wie Fitz sich da wohl herauswinden wird. Die Lösung ist dann überraschend und spektakulär. Und obwohl er mit dem Leben davon kommt, scheint alles andere in Trümmern zu liegen. Nun, wenigstens kann es dann im dritten Band eigentlich nur noch aufwärts gehen. Schade nur, dass ich darauf und auf die Antworten auf all die Rätsel und offenen Fragen noch bis März 2010 warten muss.

Robin Hobb war bereits unter dem Namen Megan Lindholm eine erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ehe sie mit der Weitseher-Trilogie erfolgreich ins Genre der Fantasy einstieg. Neben dem bereits erwähnten Zyklus der Zauberschiffe stammen aus ihrer Feder Die zweiten Chroniken von Fitz, dem Weitseher und die Nevare-Trilogie, sowie unter dem Namen Megan Lindholm der Windsänger– und der Schamanen-Zyklus. Derzeit schreibt sie an ihrem neuen Zyklus The Rain Wild Chronicles, dessen erster Band unter dem Titel „Dragon Keeper“ im Juni 2009 auf Englisch erschienen ist. Sie lebt mit ihrem Mann in Tacoma/Washington.

Taschenbuch: 960 Seiten
Originaltitel: Royal Assassin (Farseer 2)
Deutsch von Eva Bauche-Eppers
ISBN-13: 978-3453525207

http://www.robinhobb.com/index.html
http://www.randomhouse.de/penhaligon/index.jsp

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Robin Hobb – Der Weitseher (Die Chronik der Weitseher 1)

Die Chronik der Weitseher

Band 1: „Der Weitseher“
Band 2: Der Schattenbote
Band 3: Der Nachtmagier

Als der sechsjährige Bursche in die Obhut von Burrich gegeben wird, hat er nicht einmal einen Namen. Und so nennt Burrich ihn Fitz. Denn der Junge ist ein Bastard, der uneheliche Sohn des Kronprinzen Chivalric, Burrichs Dienstherrn. Der sich allerdings bemüßigt fühlt, dem Jungen erst gar nicht zu begegnen und sich statt dessen unter Verzicht auf die Thronfolge in eine der Provinzen des Reiches zurück zu ziehen. So wächst Fitz als Stallbursche auf. Als Bastard hat er von Anfang an kein leichtes Leben in der Burg. Doch dann läuft er mehr oder weniger versehentlich dem König über den Weg. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf …

Fitz ist ein aufgeweckter Bengel, der von seinem Vater nicht nur die Gabe geerbt hat, sondern offenbar auch noch über die alte Macht verfügt, die ihn befähigt, extrem engen Kontakt zu Tieren zu knüpfen, vor allem zu Hunden. Ansonsten ist er hauptsächlich bemüht, seinen Platz in der Welt zu finden, was aufgrund des Makels seiner Geburt extrem schwierig ist. Auf der einen Seite ziemlich stur, auf der anderen auch noch sehr leicht beeinflussbar, oft unbeholfen oder naiv, erinnert er den Leser stets daran, dass er noch lange nicht erwachsen ist.

Burrich dagegen ist ein ziemlich knurriger Kerl, dem die ihm anvertrauten Tiere – Pferde, Jagdhunde, Falken – nahezu über alles gehen. Einst war er eine Autorität, doch nachdem Chevalric ohne ihn ins Exil gegangen ist, ist er nicht mehr derselbe. Er trinkt zu viel und den Jungen, den man in seine Obhut gegeben hat, empfindet er als eine Last, zumal er sich vor der alten Macht, über die Fitz verfügt, regelrecht zu fürchten scheint. Doch wie seine Pflichten als Stallmeister nimmt er auch die Erziehung des Jungen sehr ernst. Er tut sein Bestes, allerdings scheint er in seiner direkten, fast derben und wenig einfühlsamen Art manchmal einfach nicht der Richtige dafür zu sein.

Mit Chade kommt Fitz besser zurecht. Chade ist ein alter Mann, aber immer noch stark, zäh und voller Energie. Er bildet Fitz zum Assassinen aus, allerdings mit weniger ruppigen Methoden. Bei ihm lernt Fitz, nicht nur seine Hände zu benutzen, sondern auch seinen Verstand. Die Übungen, die er Fitz absolvieren lässt, erfordern nicht nur körperliches Geschick, sondern auch Ideenreichtum, und er ermuntert Fitz dazu, nicht nur genau zu beobachten und zuzuhören, sondern auch das Beobachtete zu interpretieren und mögliche Zusammenhänge herzustellen. Von allen Beteiligten kommt er einem Freund am nächsten.

Edel dagegen, der jüngste Sohn des Königs, kann Fitz auf den Tod nicht ausstehen. Der ehrgeizige Schönling empfindet den Jungen offenbar als Konkurrenten, obwohl Chivalric Fitz nie anerkannt hat. Abgesehen davon ist Edel auch so eitel und selbstsüchtig genug, um auf dem wehrlosen Fitz herumzuhacken.

Und dann wäre da auch noch Galen zu nennen, der Gabenmeister der Feste. Zu arrogant, um auch nur irgendjemanden des Unterrichts im Gebrauch der Gabe für würdig zu halten, macht er seinen Schülern das Leben zur Hölle. Ganz besonders hasst er Fitz, denn er spürt nur zu bald, dass dessen Potential das seine weit übersteigt. Und so versucht er auf feige und hinterlistige Art, Fitz loszuwerden.

Ich finde die Charakterzeichnung hervorragend. Robin Hobb hat nahezu sämtliche Klischees erfolgreich umschifft, indem sie zum Beispiel die Beziehung zwischen Fitz und Burrich so zwiespältig gestaltet hat. Auch ist Fitz zu keiner Zeit ein strahlender Überheld, trotz seiner doppelten Begabung macht er immer wieder Fehler. Allein Edel in seiner übertriebenen Eitelkeit und Arroganz droht ein wenig ins Klischee abzurutschen, doch da er so selten vorkommt, hält sich dieser Eindruck in Grenzen.

Der Ort des Geschehens nennt sich die sechs Provinzen. Sie sind auf demselben Kontinent angesiedelt, der schon als Kulisse für Robin Hobbs Zyklus der |Zauberschiffe| diente, genauer gesagt befinden wir uns in dieser Geschichte nordöstlich von Bingtown, an der Grenze zu Chalced. Allerdings verweisen darauf nur eine kurze Bemerkung und die Karte. Eine paar Andeutungen lassen mich vermuten, dass es sich bei den erwähnten Uralten um die Drachen handeln könnte. Ansonsten konzentriert sich die Darstellung des Hintergrunds auf das direkte Umfeld, sprich, auf die sechs Provinzen, die bei Weitem kein einheitliches Reich darstellen. Nicht, dass dabei besonders ins Detail gegangen worden wäre. Sowohl der geschichtliche Hintergrund als auch die Magie, sowohl im Hinblick auf die Gabe als auch auf die alte Macht, sind noch ausbaufähig, aber vielversprechend.

Die Handlung verläuft erstaunlich ruhig. Hier wird nicht die Welt vor dem abgrundtiefen und übermächtigen Bösen gerettet, zumindest vorerst nicht. Statt dessen wird der Leser Zeuge, wie Fitz in Bocksburg aufwächst, erlebt die Gleichgültigkeit und Abneigung, die ihm entgegen gebracht wird, die kaltblütige Berechnung, mit der man ihn benutzt, die Verluste, die ihm nach und nach zugefügt werden. Fitz gehört zu den einsamsten Protagonisten, über die ich je gelesen habe.

Das heißt natürlich nicht, dass sonst nichts passiert. Sowohl die Ausbildung bei Chade als auch die bei Galen sorgen für ein paar turbulente Szenen außerhalb der Burgmauern, und außerdem stellt sich schließlich heraus, dass da im Geheimen einiges gemauschelt wird. Diese Intrige sorgt dafür, dass der Spannungsbogen sich gegen Ende ziemlich strafft.

Und außerdem wären da auch noch die Roten Korsaren. Sie sind der eigentliche Feind; das, was sie mit den Menschen anstellen, wirkt außerordentlich bedrohlich. Bisher hat die Autorin diesen Aspekt jedoch nur gestreift. Er muss ja auch noch für zwei Folgebände reichen, also ist Robin Hobb diesbezüglich eher sparsam.

So kommt am Ende eine sehr gelungene Mischung aus Lebensgeschichte, politischen Verwicklungen, vielfältigen Charakteren und unterschwelliger Bedrohung durch eine Macht des Bösen heraus, die ich regelrecht verschlungen habe. Ich hatte den „Weitseher“ kaum weggelegt, da hätte ich am liebsten schon nach dem „Schattenbote“ gegriffen, und es hat mich einiges an Selbstbeherrschung gekostet, mich erst einmal dieser Rezension zu widmen, ehe ich weiterlese. Was ich aber hiermit sogleich tun werde.

Robin Hobb war bereits unter dem Namen Megan Lindholm eine erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ehe sie mit der Weitseher-Trilogie erfolgreich ins Genre der Fantasy einstieg. Neben dem bereits erwähnten Zyklus der Zauberschiffe stammen aus ihrer Feder Die zweiten Chroniken von Fitz, dem Weitseher und die Nevare-Trilogie, sowie unter dem Namen Megan Lindholm der Windsänger– und der Schamanen-Zyklus. Derzeit schreibt sie an ihrem neuen Zyklus The Rain Wild Chronicles, dessen erster Band unter dem Titel „Dragon Keeper“ im Juni 2009 auf Englisch erschienen ist. Sie lebt mit ihrem Mann in Tacoma/Washington.

Taschenbuch: 624 Seiten
Originaltitel: Assassin’s Apprentice (Farseer Trilogy 1)
Deutsch von Eva Bauche-Eppers
ISBN-13: 978-3453524811

http://www.robinhobb.com/index.html
http://www.randomhouse.de/penhaligon/index.jsp

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Charles Stross – Die Kinder des Saturn

Es gibt mehrere auf Deutsch unveröffentlichte Titel von Charles Stross, was das Warten auf die nächste deutsche Ausgabe noch erschwert. „Die Kinder des Saturn“ ist schon an sich ein Titel, der bei Science-Fiction-Lesern Begehrlichkeiten weckt, kündet er doch von Weltraum, Reisen, Eroberung fremder Welten … Und so kann man sich täuschen.

Inhalt

Freya ist das letzte Modell einer Serie von menschlichen Robotern, die dazu geschaffen wurden, sexuelle Dienste an ihren Schöpfern (also den Menschen) zu leisten. Ihr Modell hat mittlerweile seinen Daseinszweck verloren, da die Menschheit ausgestorben ist. Trotzdem halten sich einige ihrer baugleichen Schwestern mit erniedrigenden Jobs in der Roboterzivilisation mehr schlecht als Recht in der Unabhängigkeit, und auch Freya schätzt sich glücklich, ein unversklavter Bürger dieses unbeweglichen Systems zu sein – bis eine geheimnisvolle Mail einer ihrer Schwestern sie in Aufruhr versetzt und in Geschehnisse verwickelt, die sie anfangs überfordern und zu neuen Erkenntnissen führen, von denen sie sich nie hätte Träumen lassen.

Als Agentin einer Organisation, die sich die Neuerschaffung der Menschen aus uraltem genetischen Material zum Ziel gesetzt hat (um – der Zivilisation den Daseinszweck zurück zu geben? Um – der eigenen Versklavung vorzubeugen und vielmehr selbst zum absoluten Herrscher zu werden?), verschlägt es sie einmal quer durchs Sonnensystem und konfrontiert es sie mit Gefahren, die sich in ihrem bisherigen 150-jährigen Leben niemals offenbart haben. In ihrem Hinterkopf regen sich frevlerische Gedanken, und aus dem Nichts tauchen totgeglaubte Schwestern auf – nicht immer zu ihrer Freude …

Charles Stross

… wurde als neuer Shootingstar der Sciencefiction gehandelt, mittlerweile muss man ihn zu den besten Genreautoren unserer Zeit zählen. Neben seinen weitblickenden Visionen „Accelerando“ und „Glashaus“ weiß er auch mit mysteriösen Geschichten um seinen Ermittler Bob Howard zu begeistern. Ein Autor, den zu verfolgen sich lohnt!

http://www.antipope.org/charlie/

Kritik

Der Titel täuscht im ersten Moment eine Richtung vor, die an sich zwar ein fester Bestandteil des Genres ist (nämlich die Space Opera), doch wer andere Romane von Charles Stross gelesen hat, ist im zweiten Moment fast ein wenig enttäuscht – und dennoch wartet man ungeduldig auf sein Erscheinen. Schließlich wird Stross nicht nur von irgendwelchen Magazinen gelobt, sondern versprüht durch seine Geschichten tatsächlich ein Charisma und eine unbändige Kreativität, der es sich lohnt zu folgen. Enttäuscht allein schon im Vorfeld durch den Titel – aber hoffnungsvoll im Innern, dass es sich nicht um den x-ten Saturnerforschungsroman handelt.

Tatsächlich spielt der Saturn selbst keine Rolle.

Schon die erste Seite zeigt dem Leser die Richtung, indem Stross den Roman zwei Riesen der Sciencefiction widmet, deren Romane und Geschichten ganz bestimmte Aspekte der Gesellschaft, der Zukunft und des Lebens aufgreifen. Die zweite Seite ruft uns die Asimov’schen Robotergesetze in Erinnerung, doch verdeutlicht uns die Protagonistin sehr bald, dass es mit der Universalität und Einfachheit dieser Gesetze in der Realität (d. h. der Romanrealität) nicht getan ist, sondern dass ihre Aussage wichtig ist, die Umsetzung dagegen keine einfache Sache: Erstmals wird hier die Programmierung einer KI mit Begriffen wie „Override“-Befehlen erleuchtet.

Hier geht es also um Roboter. Aber glücklicherweise nicht um die seelenlosen Blechdinger, sondern sehr moderne Designs und KI – so ist die Protagonistin beispielsweise eine der selten gewordenen idealisierte Körperlichkeit des Menschen 1.0, während, den Gesetzen der Raumfahrt und Masse gehorchend, die meisten posthumanen Roboter wenig Menschliches an sich haben. Doch alle, bei denen ein Kontakt mit Menschen vorstellbar war, sind sich in einer grundlegenden Besonderheit gleich: Die Anwesenheit eines Menschen erstickt ihre Individualität und eigenen Willen, sie werden zu widerstandslosen Sklaven.

Es ist das Grundthema des Romans: Versklavung. Ursprünglich von den Menschen einprogrammiert aus Angst vor der Eigenständigkeit und Verselbstständigung ihrer Schöpfung (eine Angst, die schon viele Romane thematisiert haben), wird sie in dem Roman von Clans als „Aristos“ bezeichneter reicher Roboter zur Erhaltung ihrer Scheinmacht eingesetzt und missbraucht. Stross konstruiert ein fabelhaft funktionierendes System einer Roboterzivilisation, die emsig der Aufgabe nachgeht, den Weltraum für die Menschen zu erobern – nur sind die Menschen ausgestorben. Das Rechtssystem ist unveränderlich und stagniert seit dem Abtritt der Menschen, da es den Robotern nie den Status eines Bürgers gewährte und damit auch die Möglichkeit zur Veränderung nahm.

Wir erleben den Roman aus der Ich-Perspektive einer „weiblichen“ KI, geschaffen als Sexsklave für Menschen. Dieses Innenleben offenbart keinen Unterschied zu dem eines Menschen, womit der Aspekt der Versklavung noch verstörender wird, da man nicht von Maschine, sondern von Menschen sprechen muss, da diese KIs perfekt nach menschlichem Vorbild erschaffen wurden. Ihre Erlebnisse sind bizarr, wenn man sich ihrer Beschaffenheit bewusst ist, aber das verleiht der Geschichte den menschlichen Charakter, an dem man erst in voller Konsequenz vermitteln kann, was ihr eigentliches Motiv ist.

In einem Glossar klärt der Übersetzer uns darüber auf, dass Stross sich bei Personennamen oder Kapitelüberschriften in der Literatur bedient hat, um bestimmte Eigenschaften zu projizieren, ohne näher darauf einzugehen. Das erweckt die Idee, den irreführenden Titel des Romans genauer unter die Lupe zu nehmen (was der Übersetzer versäumt hat):

Der Originaltitel führt zu einem politikwissenschaftlichen Buch gleichen Titels, geschrieben von den Autoren Duncan und Hobson, die sich in diesem Buch mit dem Staat als entmündigende, enteignende und versklavende Institution beschäftigen. Also ist der Titel diesen Buches genau das, was ein Titel sein soll, nämlich ein deutlicher Hinweis auf die Motivation des Romans, und zwar in doppelter Form: Die Autoren Duncan und Hobson bedienten sich des Titels auch als Motivationsträger, indem sie die Sklaven des Systems mit den Kindern Saturns aus den Mythen in Verbindung bringen, nach denen der Gott Saturn aus Angst vor Insubordination durch seine Kinder diese nach der Geburt verspeist. So ist der Titel in Stross‘ Fall ein zweifacher Zeiger: Direkt, durch seine literarische Anspielung, und im übertragenen Sinne durch den mythologischen Hintergrund. Und beides trifft die Sache im Kern.

Während der Lektüre erweckt einzig die Wahl des Protagonisten hin und wieder Missfallen, wenn sie zum x-ten Mal in lüsternen Träumen schwelgt oder ihre Handlungen nach sexuellen Zielen ausrichtet – aber gerade anhand dieses tragenden Beispiels wird einem die unausweichliche Versklavung sehr deutlich gemacht.

Fazit

Verwoben wie ein Thriller und von ungemeiner kreativer Kraft, wendet sich das Buch in eine ganz andere Richtung, als man vermuten mag. Und es ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, denn ungeachtet des hintergründigen Motivs ist die eigentliche Handlung ein verzwicktes Vergnügen voll unerwarteter Wendungen und punktgenauer Landung bei einem herzlich befriedigenden Ende.

ISBN-13: 978-3-453-52578-8
448 Seiten, Taschenbuch
Deutsche Erstausgabe
Originaltitel:
Saturn’s Children
Übersetzt von Usch Kiausch

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (5 Stimmen, Durchschnitt: 2,00 von 5)

De Camp, L. Sprague / Carter, Lin / Nyberg, Björn – Conan der Schwertkämpfer

_Das geschieht:_

Sieben Geschichten schildern Episoden aus den Jugendjahren des Barbaren Conan, der sein Glück als Söldner, Pirat oder Dieb versucht und meist nur blutige Wunden und böse Erfahrungen erntet, was ihn aber nie davon abhält, sich umgehend in neue Abenteuer zu stürzen:

– |L. Sprague de Camp: Vorwort|, S. 13-22

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Legion der Toten (Legions of the Dead)|, S. 23-54: Conan schließt sich im nördlichen Königreich Hyperborea einem verzweifelten Stammesfürsten an, der seine Tochter aus der Festung einer Hexenkönigin befreien will …

– |Björn Nyberg/L. Sprague de Camp: Das Volk des Gipfels (People of the Summit)|, S. 55-76: Als Söldner im Heer des Königs von Turan flüchtet Conan nach einem fatal geendeten Einsatz in die berüchtigten Nebelberge, wo er vom Regen in die Traufe, d. h. wieder einmal in den Bann unheimlicher Mächte gerät …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Schatten in der Finsternis (Shadows in the Dark)|, S. 77-118: In Begleitung eines Diebes und eines Zauberers will General Conan den Herrscher von Khoraja aus der Gefangenschaft befreien …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Der Stern von Khorala (The Star of Khorala)|, S. 119-160: Eigentlich will Conan der schönen Königin von Ophir für einen guten Finderlohn einen kostbaren Ring zurückgeben, doch er gerät stattdessen in eine Palastintrige …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Das Juwel im Turm (The Gem in the Tower)|, S. 161-198: Conan ist unter den Besatzungsmitgliedern eines Piratenschiffs, die in den Schwarzen Königreichen den Turm eines Zauberers plündern wollen, der sich solcher Eindringliche auf schreckliche Weise zu erwehren weiß …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Die Elfenbeingöttin (The Ivory Goddess)|, S. 199-232: Im Königreich Punt versucht Conan, abergläubische Gottesanbeter um ihren Tempelschatz zu betrügen, was auf gänzlich unerwartete Weise spektakulär scheitert …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Blutmond (Moon of Blood), S. 233-284|: In Aquilonien kämpft Conan gegen wilde Pikten und ihren Hexenmeister und entdeckt dabei den Verrat eines hohen Vorgesetzten …

_Hartes Leben ohne Atempausen_

Das Menschenleben währte nicht lange in vergangenen Zeiten. Wind und Wetter, Hitze oder Kälte, Krankheit und Hunger – die Palette verkürzender Faktoren war breit, und abgerundet wurde sie durch die Allgegenwart zwischenmenschlicher Gewalt. Dennoch konnten sich unsere Vorfahren noch glücklich schätzen, nicht im hyborischen Zeitalter gelebt zu haben. Vor zwölf Jahrtausenden, so postuliert Robert E. Howard (1906-1936), war diese Erde schon einmal dicht bevölkert. Archaische Königreiche erstreckten sich über Kontinente, deren Umrisse die heutige Gestalt schon erahnen ließen. Im Alltag ging es rau zu, und zu den eingangs genannten Lebensenden addierte sich der Tod durch schwarze Magie, menschenfressende Ungeheuer und geduldsarme Gottheiten.

Durch diese bunte, aber gefährliche Welt zieht unermüdlich Conan, der Barbar. Geboren im schon damals schneekalten Norden, hielt es ihn nicht im heimatlichen Cimmerien, das er ein „langweiliges Land“ nennt. Lieber verdingt und versucht sich Conan auf der Suche nach Wein, Weib und klingender Münze als Söldner, Pirat oder sogar Dieb, was gleichzeitig seine ausgeprägte Abenteuerlust stillt. Weil er es in der Regel an Diplomatie fehlen lässt, muss sich Conan darüber hinaus oftmals aus dem Staub machen, weil er die gelangweilte Gattin eines Adligen beglückt oder einen vernagelten Kommandanten verprügelt hat. Auf diese Weise bleibt er stets in Bewegung.

_Chronik mit vermutlich interessanten Lücken_

Ein solches Leben bietet den idealen Stoff für Geschichtenerzähler. Robert E. Howard hat die Conan-Saga nie als geschlossene Chronologie konzipiert. Er schilderte ereignisreiche Höhepunkte im Leben seines Helden, wobei er in der Zeit nach Belieben vor- oder zurücksprang. Bewusst ließ Howard große Lücken, in die er nach Bedarf weitere Abenteuer einbetten konnte.

Daraus wurde nichts, da Howard im Alter von nur 30 Jahren Selbstmord beging. Doch andere Autoren profitierten vom skizzenhaften Konzept. Conan wurde viele Jahre nach Howards Tod wieder populär – so populär, das die vorhandenen Geschichten den Hunger eines gierigen Publikums nicht stillen konnten. Dieser Klientel nahmen sich Schriftsteller wie Lyon Sprague de Camp, Lin Carter und Björn Nyberg an, zu denen sich nach dem Erfolg des „Conan“-Films von 1980 viele weitere Autoren gesellten.

„Conan der Schwertkämpfer“ ergänzt die zwölf Bände der sogenannten „Lancer-Reihe“, die zwischen 1966 und 1977 erschienen und in der originale Howard-Storys, ’nach Entwürfen‘ Howards vollendete Storys sowie neue Storys von de Camp, Carter und Nyberg sich zur „Saga of Conan“ mischten, die das Leben des Cimmerers vom Jungbarbaren bis zum (weiterhin kampfstarken) Greis umfasst. Den Einleitungen der sieben „Schwertkämpfer“-Erzählungen lässt sich entnehmen, wo diese zeitlich in die Saga einzupassen sind.

_Variationen einer bekannten Melodie_

„Conan der Schwertkämpfer“ bietet seinen Lesern, was sie erwarten und wünschen: Hau-Drauf-Fantasy des Kalibers „sword & sorcery“. Die hyborische Welt erleben wir aus dem Conanschen Blickwinkel, und der ist ausdrücklich ein schlichter, aber gleichzeitig unverdorbener Zeitgenosse. Von der grauen Realität, die den politischen und wirtschaftlichen Alltag auch in grauer Vorzeit beherrschte, ist in diesen Geschichten höchstens ansatzweise die Rede. Aufregende Höhepunkte bestimmen das Geschehen, und Conan ist das verbindende Element.

Über den Tellerrand seines jeweiligen Umfeldes blickt er nur selten. Conan weiß, was er meint wissen zu müssen, und das genügt ihm. Politik bedeutet Intrigen, Geldgier, Verrat, und deshalb hält sich ein Mann, der zwar Barbar ist, sich aber trotzdem (oder gerade deswegen?) einem ungeschriebenen Ehrenkodex verpflichtet sieht, lieber an der Peripherie der Macht auf.

Die simple, aber wirkungsvolle Dramaturgie der „heroic fantasy“ lässt ihn allerdings genau dort erst recht in Bedrängnis geraten. In unseren sieben Geschichten gerät Conan immer wieder in die Fänge der verhassten Magie. Da er buchstäblich mit offenem Visier zu kämpfen pflegt, ist er der intelligenten Hinterlist solcher Hexenmeister unterlegen. Das macht Conan wütend, und wenn das geschieht, mutiert er zu einer Art Urzeit-Hulk, der sich mit solch berserkerhafter Wucht in die Schlacht stürzt, bis der Schädel noch des mächtigsten Zauberers über den Boden rollt.

_Conan: Helm auf – Feind: Kopf ab_

Jede Story mündet in einen entsprechenden Höhepunkt. Conan killt Hexer, Zombies, mörderische Riesenaffen, steinhäutige Riesenvampire, Verräter und andere Unholde, dazu wilde Tiere aller Arten und Größen. Das wird mit Tempo und Schwung dargeboten, wirkt auf die Dauer aber ein wenig eintönig, was ein bekanntes Problem solcher Pastiches ist, die dem Original möglichst nahekommen wollen und es dabei nur imitieren.

Diesen Vorwurf muss man auch dem Autoren-Trio machen, das für „Conan der Schwertkämpfer“ verantwortlich zeichnet. Es leistet ‚Dienst nach Vorschrift‘ und liefert aktionsreiche Routine-Fantasy. Das zeichnet die Gesamtheit der Conan-Romane und Story-Sammelbände – an die 100 sind es inzwischen! – im Guten wie im Schlechten aus. Sie sind zwar farbenfroh, leiden aber bei näherer Betrachtung unter einem steifen Pinselstrich.

_Die Autoren_

Lyon Sprague de Camp wurde am 27 November 1907 in New York City geboren. Der studierte Ingenieur veröffentlichte seine erste Kurzgeschichte erschien im September 1937 in |Astounding Science Fiction|. In den nächsten sechs Jahrzehnten entstanden Storys und Romane, die immer wieder de Camps Sinn für echten Humor belegten. Seine Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Phantastik. De Camp interessierte sich für Geschichte, Technik oder Mythologie und verfasste populärwissenschaftliche Sachbücher. 1978 wurde de Camp mit einem „Nebula Award“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Nach einem langen, bis zuletzt aktiven und produktiven Leben starb Lyon Sprague de Camp wenige Tage vor seinem 93. Geburtstag am 6. November 2000.

Linwood Vrooman Carter wurde am 9. Juni 1930 in St. Petersburg (US-Staat Florida) geboren. Nach seinem Einsatz im Korea-Krieg studierte er an der Columbia University und arbeitete anderthalb Jahrzehnte für diverse Agenturen und Verlage. 1965 debütierte Carter mit „The Wizard of Lemuria“ im Phantastik-Genre. Er wurde Vollzeit-Schriftsteller, veröffentlichte zahlreiche Romane sowie Kurzgeschichten und machte sich als Herausgeber von Fantasy-Kollektionen einen Namen. Der „heroischen Fantasy“ galt Carters ganze Liebe. Er schrieb im Stil von Edgar Rice Burroughs oder Robert E. Howard. Letzterem verhalf er zur literarischen Auferstehung, indem er mit Lyon Sprague de Camp und Björn Nyberg Howards Conan-Storys sammelte, ordnete und Lücken mit eigenen Geschichten und Romanen füllte. Selbst nahm Carter, von Alkoholismus und Krebs gezeichnet, am 7. Februar 1988 ein frühes Ende.

Björn Emil Nyberg (geb. am 11. September 1929) ist ein schwedischer (Fan-)Autor, der schon in den 1950er Jahren mit L. S. de Camp einige Fragmente nachgelassener Conan-Geschichten vollendete. Darüber hinaus ist Nyberg, der heute in Frankreich lebt, als Schriftsteller nicht hervorgetreten.

_Impressum_

Originaltitel: Conan the Swordsman (New York : Bantam Books 1978)
Übersetzung: Lore Strassl
Deutsche Erstausgabe: Mai 1982 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3895
284 Seiten
ISBN 10: 3-453-30818-2

Neuausgabe: November 1988 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3895)
284 Seiten
ISBN 13: 978-3-453-30818-3
http://www.heyne.de

_Mehr Conan auf |Buchwurm.info|:_

[„Conan 1: Die Tochter des Frostriesen und andere Geschichten“ 2840
[„Conan 2: Der Gott in der Kugel und andere Geschichten“ 3156
[„Conan 3: Der Elefantenturm und andere Geschichten“ 4028
[„Conan 4: Die Halle der Toten und andere Geschichten“ 4044
[„Conan 5: Die Juwelen von Gwahlur & Die Tochter von Midora“ 4428
[„Conan und die Straße der Könige“ 5846

Anne Bishop – Blutskönigin (Die Schwarzen Juwelen 7)

Die Schwarzen Juwelen:

Band I: „Dunkelheit“
Band II: „Dämmerung“
Band III: „Schatten“
Band IV: „Zwielicht“
Band V: „Finsternis“
Band VI: „Nacht“

_Seit dem Hexensturm_ vor zwei Jahren sind Dorotheas Marionetten endlich verschwunden. Doch zurückgeblieben sind nur Trümmer. Theran, ein Kriegerprinz aus Dena Nehele, ist sich nur zu bewusst, dass sein Volk sterben wird wenn es keine neue Königin bekommt. Und so macht er sich auf den Weg nach Kaeleer und bittet Daemon Sadi um Hilfe. Er soll ihm bei der Suche nach einer Königin helfen, die bereit wäre nach Tereille zu kommen und dort zu herrschen, nach den alten Gesetzen des Blutes.

Anne Bishop – Blutskönigin (Die Schwarzen Juwelen 7) weiterlesen

Brandon Sanderson – Kinder des Nebels (Mistborn 1)

Vin ist sechzehn und auf der Straße aufgewachsen. Überlebt hat sie nur, weil ihr großer Bruder ihr eingebläut hat, keinem Menschen jemals zu vertrauen – und weil sie etwas besitzt, was sie ihr Glück nennt: Eine Art innere Energie, die sie befähigt, andere Menschen zu besänftigen. Damit kommt sie zumindest einigermaßen über die Runden.

Doch eines Tages tauchen zwei Männer im Schlupfwinkel ihrer Bande auf, die ihr gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf stellen! Plötzlich findet sie sich in einer Truppe von Revolutionären wieder, die versuchen, den Obersten Herrscher zu stürzen. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn der Oberste Herrscher ist nicht einfach nur ein mächtiger Mann. Er ist ein Gott!

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Alan Dean Foster – Pale Rider: Der namenlose Reiter

Ein mysteriöser Fremder steht den bedrängten Bewohnern eines Goldgräber-Camps erst mit Rat und dann mit Tat zur Seite, als sie durch brutale Revolverhelden vertrieben werden sollen … – Das Buch zum Film, der eine kuriose aber eindrucksvolle Mischung aus Western und Geistergeschichte darstellt, ist mehr als ein für den Buchmarkt ‚frisiertes‘ Drehbuch, sondern ein eigenständiger Roman, der auch für sich allein unterhaltsam funktioniert. Alan Dean Foster – Pale Rider: Der namenlose Reiter weiterlesen

Tanja Heitmann – Morgenrot

Lea ist die typische Heldin eines Liebesromans: Sie ist jung und hübsch, allerdings hoffnungslos introvertiert und buchvernarrt. Da ist es nur logisch, dass sie Literatur studiert und sich auf die deutsche Romantik mit ihren düsteren Schauergeschichten spezialisiert. Ihr Auslandssemester verbringt sie irgendwo im osteuropäischen Ausland, wo es eiskalt ist und sie die Sprache nicht versteht. Sie versumpft völlig in ihrem kleinen Apartment, bis ihr Professor sie zu einem Studienkreis einlädt, wo sie den geheimnisvollen Adam kennenlernt. Lea ist sofort Feuer und Flamme, und offensichtlich hat auch Adam im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Denn Adam ist ein Vampir, und der Dämon, der in ihm wohnt, hat in Lea seine wahre Liebe erkannt. Adam und Lea kommen sich näher, doch die sich anbahnende Romanze wird jäh unterbrochen, als das Haus von Professor Carriere von anderen Vampiren angegriffen wird. Lea kann fliehen; völlig verschreckt bricht sie jedoch den Kontakt zu Adam ab.

Tanja Heitmann – Morgenrot weiterlesen

Karl Edward Wagner – Conan und die Straße der Könige

Wagner Conan Strasse der Koenige Cover 1995 kleinDas geschieht:

Conan, der Barbar aus dem eisigen Norden dieser Welt des hyborischen Zeitalters, dient im Söldnerheer König Rimanendos von Zingara. Stationiert ist er in der Haupt- und Hafenstadt Kordava. Als Conan im Zweikampf einen Vorgesetzten tötet, wird er vom General Korst zum Tode verurteilt. Unter dem Galgen trifft er Santiddio, einen der Anführer der „Weißen Rose“, einer Widerstandsbewegung, die den grausam und skrupellos herrschenden König stürzen und Zingara in eine Republik umwandeln wollen. Santiddios Zwillingsschwester Sandokazi kann den Bruder mit der Unterstützung des Banditenkönigs Mordermi in letzter Sekunde retten, und Conan schließt sich ihnen gern an.

Die Flüchtlinge schlüpfen in der „Grube“ unter: Nach einem verheerenden Erdbeben wurde Kordava auf den Trümmern der alten Stadt neu errichtet. Unterhalb des modernen Straßenniveaus blieben Keller und Gassen erhalten. In dieser Unterwelt hat sich eine kriminelle aber verschworene Parallel-Gesellschaft eingerichtet, die von der Stadtwache in Ruhe gelassen wird. Karl Edward Wagner – Conan und die Straße der Könige weiterlesen

R. Austin Freeman – Der steinerne Affe

freeman-affe-cover-kleinEin scheinbar perfektes Verbrechen ruft den genialen Kriminologen Dr. Thorndyke auf den Plan; aus einem Häuflein arsengetränkter Menschenasche rekonstruiert er ein meisterhaftes Mordkomplott, das vor vielen Monaten eingefädelt wurde … – Routiniert und ein wenig altmodisch mischt Autor Freeman den klassischen „Whodunit“ mit einem „Howdunit“. Am Ende des unterhaltsamen, aber recht statischen und mit blass gezeichneten Figuren besetzten Krimis sind alle Fragen zufriedenstellend geklärt.
R. Austin Freeman – Der steinerne Affe weiterlesen

Watts, Peter – Blindflug

_Tauchfahrer in die Gedankentiefsee_

Peter Watts hat 1958 in Kanada das Licht der Welt erblickt, um, wie er in seinem eigenen Blog schreibt, zehn Jahre damit zuzubringen, ein paar Titel zu bekommen in der Erforschung der Ökophysiologie von Meeressäugern, und weitere zehn Jahre, in denen er versucht hat, von seinen Qualifikationen zu leben, ohne eine „Hure diverser Interessengruppen“ zu werden. Bis heute konnte er sich nicht entscheiden, ob er sein Leben lieber der Wissenschaft oder dem Schreiben widmen sollte, und hat sich dementsprechend für einen Kompromiss zwischen beidem entschieden.

Herausgekommen ist dabei die „Rifters“-Trilogie, bei der es sich, laut Kritikerstimmen, wohl um eine Art Hard-SF-Version von Schätzings „Der Schwarm“ handelt – kein Wunder eigentlich, bei einem promovierten Tiefseebiologen, mit einem Faible für fantastische Geschichtenerzählerei. Rifters wird gerade von |Heyne| neu veröffentlicht; „Abgrund“ und [„Mahlstrom“ 5745 sind bereits erschienen, „Wellen“ ist geplant für September 2009.

„Blindflug“ hingegen ist ein Einzelroman, mit dem sich Watts aus seiner gewohnten Erzählumgebung hinausbegibt in die Tiefen des Weltraums, wo die Besatzung des Raumschiffs |Theseus| mit außerirdischer Intelligenz in Berührung kommt. Was sich auf dem Klappentext wie banale Standard-Science-Fiction ankündigt, zieht einem schon nach wenigen Seiten einen granitharten Hard-SF-Knüppel über den Schädel.

_Hier gibt es keine Romulaner!_

Am 13. Februar 2082 überzieht plötzlich ein leuchtendes Gitter die Atmosphäre und verlischt dann wieder. Sonden stellen fest, dass sich ein nicht identifizierbares Gebilde im Planetensystem herumtreibt, offensichtlich der Urheber dieser Irrlichter – und keinesfalls menschlichen Ursprungs. Spekulationen laufen heiß. Ein kriegerischer Akt? Kommunikation? Niemand weiß es.

Grund genug, um ein Team von Wissenschaftlern mit dem Raumschiff |Theseus| ins kalte Schwarz zu schicken, um dem irrlichternden Störenfried auf den Zahn zu fühlen. Und tatsächlich führt |Theseus| sie zu einem Artefakt, das den Orbit eines Kometen umkreist; dieses Artefakt, es bezeichnet sich selbst als „Rorschach“, nimmt Kontakt mit der |Theseus| auf. Es dauert jedoch nicht lange, bis dem Team auffällt, wie seltsam die Kommunikationsmuster von Rorschach sind, und so entscheiden sie sich dazu, in das Artefakt einzudringen … Auf einen reißerischen Kommentar bezüglich der Folgen verzichte ich an dieser Stelle.

_Mind Fiction at its best: Ultraspannend, ultrahart!_

Peter Watts ist ein Virtuose des Gedankenexperiments. „Blindflug“ ist ein einziger Ideenrausch, der dem Leser allerdings einiges abverlangt. Das fängt bereits bei den Figuren an: Siri Keeton, ein Synthesist, jemand, den man auf die Kontakt-Mission mitgeschickt hat, weil er den Sinn aus der Kommunikation zwischen den Besatzungsmitgliedern herausfiltern kann; Isaac Szpindel, ein verkabelter Biologe, der mit seinen technologisch potenzierten Sinnen Röntgenstrahlen sehen und Ultraschall schmecken kann; Susan James, eine Linguistin, die ihre Persönlichkeit in drei Sub-Persönlichkeiten aufspalten ließ; Amanda Bates, eine Majorin; und schließlich Jukka Sarasti, ein Vampir.

Tatsächlich ein Vampir, und ich kann kaum Worte für das Gefühl der Erfrischung finden, das mich durchströmt, wenn ich mir vergegenwärtige, wie originell Watts diesen archetypischen Geschichtenschreck aktualisiert hat, wie er ihm den Staub des Gotik-Horrors weggeschrubbt und jede Spur von stereotypem Kitsch hinfortgemeißelt hat, um den Vampir tatsächlich (und nachvollziehbar) in ein Hard-SF-Universum einzubetten, nebst einer wissenschaftlichen, völlig abgefahrenen, restlos faszinierenden Erklärung dafür, warum man Vampiren mit einem Kreuz den Garaus machen kann. Ehrlich, alleine Jukka Sarasti und seine „Kruzifix-Störung“ sind es wert, „Blindflug“ zu lesen.

Aber, wie gesagt, die Story verlangt dem Leser einiges ab. Rayleigh-Grenzen, Hohmann-Bahnen, von Neumann’sche Maschinen, Perigäum, Apogäum und sonstiges Keppler-Kreisbahn-Kauderwelsch aus der Astrophysik trifft auf entsprechende Fachbegriffe aus Philosophie, Soziologie, Linguistik, Kommunikationslehre oder Psychologie. Siri Keeton etwa, ein „nicht-invasiver Beobachter“ auf der Mission, entspringt Ideen aus der Systemtheorie und spielt mit Fragen um Kybernetik I. und II. Ordnung (Kann man Systeme, in diesem Falle die Besatzung der Theseus, beobachten, ohne dass die Beobachtung schon ein Akt der Beeinflussung ist?). Das nur als Beispiel, und als Einschätzungshilfe dafür, was den Leser erwartet, wenn diese abgedrehte Freak-Besatzung auf außerirdisches Leben trifft. Ideen satt.

All diese Ideen sind über ein spannendes Hintergrunduniversum gewoben, über eine Gesellschaft, die zerrissen wurde von wissenschaftlichen Glaubenskriegen, und deren Mitglieder sich jetzt entscheiden müssen, zwischen weltlichem Leben oder einer künstlichen Weiterexistenz in einem virtuellen Himmel. Nur knapp hat Watts diesen Hintergrund eingeführt, gerade so viel Information, wie die Geschichte braucht, um zu funktionieren. Das Gleiche gilt auch für die Figuren. Geschickt eingestreute Rückblenden zeigen ihre Vergangenheit, enthüllen den Motor für ihre Handlungen und funktionieren gleichzeitig als Spannungselement im Handlungsbogen.

_Die Detailbesessenheit eines Wissenschaftlers._

Peter Watts erschöpft sich nicht darin, eine faszinierende Geschichte zu schreiben. Wie es sich für einen guten Wissenschaftler gehört, gibt es einen Anhang, wissenschaftliche Ausführungen zu den Ideen, die in „Blindflug“ stecken, Literaturhinweise, Quellenangaben, Diskussionen. Aber damit nicht genug. Watts‘ Internetauftritt |rifters.com| hält Bildmaterial zum Artefakt bereit, Biographien der Crew, Beschreibungen des Romanuniversums, eine interaktive Darstellung der Theseus, mit Beschreibungen der einzelnen Module und ihrer Funktionsweise, sogar Flash-Videos mit Vorträgen zur Biologie von Vampiren.

„Blindflug“ ist das Beste, was ich seit Jahren gelesen habe, als wäre „Event Horizon“ von Greg Egan neu interpretiert worden. Peter Watts vereint Egans explosiven Ideenreichtung mit einem Händchen für superstraffe Handlung. Manchmal natürlich besteht die Handlung aus wissenschaftlichen und theoretischen Diskussionen, aber alter Schwede, diese Diskussionen haben es in sich und sind mindestens so spannend wie eine plasmaspuckende Weltraumschlacht. Als Schlusswort sei hier vielleicht James Nicoll zitiert, der hat (in etwa) geschrieben: „Sobald ich das Gefühl habe, dass mein Lebenswille zu stark wird, lese ich Peter Watts.“ Nun denn, ihr zynischen Ideenjunkies, das hier ist euer Buch!

|Originaltitel: Blindsight
Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel
493 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52364-7|
http://www.heyne.de
http://www.rifters.com

Pierre Bordage – Terra Mater (Hyponeros 2)

Nach »Die Krieger der Stille« ist mit »Terra Mater« der zweite Roman einer spannenden Trilogie erschienen. Er berichtet von den Ereignissen direkt im Anschluss an Band eins und endet mit einem kosmisch-metaphysischen Höhepunkt als Aufhänger und Spannnungshalter für den dritten Roman.

Von überziegelsteingroßem Format als Tradepaperback, richtet sich der Umfang des Werks ganz nach modernen Vorstellungen der Äußerlichkeit und damit an Leser, die langatmige und bombastische Romane in ihren Regalen stehen haben wollen und bereit sind, für eine Geschichte in der Summe 45 Euro zu bezahlen. Von dieser herausgeberischen, in der Finanzkrise doppelt ärgerlichen reißerischen Aufmachung abgesehen, strickt der Autor allerdings ein ansehnliches Werk mit großartigen Zusammenhängen. Aber auch hier wirkt der Ausspruch des Kultautors Andreas Eschbach eher wie Verlags- und Freundschaftswerbung, wenn in großen Lettern auf dem Buchrücken steht: »Bordage nicht zu lesen, wäre ein Fehler«.

In einer ausschließlich von menschlichen oder menschenabkömmlichen Vernunftwesen bevölkerten Galaxis ist eine fremdartige Intelligenz, die in Form des Volkes der Scaythen auftritt, im Begriff, alle Schlüsselpositionen der Macht zu besetzen und ein kirchlich kontrolliertes System der Verdummung und Gleichgültigkeit zu erschaffen. Hinter den Scaythen steht anscheinend eine Wesenheit, deren Existenzgrundlage und Macht von der Einfältigkeit des/der Universums/sen abhängt und in diesem Universum nach der vollkommenen Macht strebt, indem sie die Kreativität vernichtet.

Die metaphysische Wissenschaft der inddikkischen Wissenschaft ist dabei das größte Hindernis, und so war es das größte Interesse der Scaythen, die Bewahrer dieser Wissenschaft und ihre Anwender, die Krieger der Stille, auszulöschen. Die Versuche der zwei dem Massaker entkommenden Menschen auf der alten Erde (Terra Mater), die Wissenschaft neu mit Leben zu erfüllen und nach einem Erlöser zu suchen, füllt nebst der weiteren Machtergreifung der Scaythen und Umwälzungen in der Kirche den zweiten Roman, der in dem Versuch des Mahdis der neuen Krieger der Stille auf der Erde gipfelt, sich der Hintergrundintelligenz in einer mentalen Auseinandersetzung zu stellen und sie zu besiegen.

Trotz der bombastisch klingenden Rahmenhandlung sind es vor allem kleine Ereignisse mit menschlichen Charakteren, die in ihrer Gesamtheit den großen Zusammenhang erzeugen und eine runde, stimmungsvolle Geschichte zum Leben erwecken. Nur kleine Abstecher in höhere Sphären werfen Schlaglichter und lassen den überstrapazierten Sense of Wonder anklingen, der für großartige kosmische Erzählungen typisch ist. Doch wo anderswo Raumschiffe und Aliens für Spannung sorgen, stehen hier die Menschen allein im Vordergrund.

Der Entwurf selbst ist nicht ganz neu. Die Menschen verbreiten sich über die Galaxis, ein Adel etabliert sich und kontrolliert über Erbrecht die Systeme, eine Religion als Staatsreligion unterdrückt die einfachen Menschen und kontrolliert ihr Wissen. Wie schon andere Schriftsteller – unter ihnen Dan Simmons, der in seinem Ilium-Epos dieses Thema auf die Spitze treibt – erkannten, ist der Konflikt zwischen größeren Glaubensgemeinschaften und politischen Interessengruppen auf der einen Seite und Judentum auf der anderen Seite ein Thema, das die Menschheit seit Ewigkeiten spaltet und zu schrecklichsten Gräueltaten antreibt – und dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ferner Zukunft noch tun wird. Auch Bordage benutzt diesen alten Konflikt als Träger seiner Erlöser-Geschichte, die in diesem zweiten Band in den Vordergrund tritt und von der Entdeckung des Erlösers als Kind über seine Verfolgung durch Staat und Kirche, seinen scheinbaren Tod und seine Wiedergeburt auf der alten Erde bis zum Sammeln von »Jüngern« reicht. Sein Eingreifen in die umfassende Handlung ist in Band drei zu erwarten (»Die Sternenzitadelle« ist für den Dezember 2009 angekündigt), wo er entweder gewinnt, scheitert oder durch seinen Tod den Sieg der Menschheit gewährleisten wird. Letzteres ist am wahrscheinlichsten.

Wenn wir also die Entwicklung des Hauptthemas (Erlösung der Menschheit) über die drei Bücher betrachten, bemerken wir eine Zunahme des Transzendenten und Kosmischen schon im zweiten Band. Da sich in diesen Sphären die Entscheidung abspielen muss, weil sie der »Lebensraum« der vernichtenden Wesenheit sind, wird Band drei wohl der »wundervollste« Roman werden und die wichtigen bisher aufgeworfenen Fragen zusammen- und zu einem Finale führen.

Originaltitel: Terra Mater
Deutsch von Ingeborg Ebel
543 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52409-5

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 2,75 von 5)