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De Camp, L. Sprague / Carter, Lin / Nyberg, Björn – Conan der Schwertkämpfer

_Das geschieht:_

Sieben Geschichten schildern Episoden aus den Jugendjahren des Barbaren Conan, der sein Glück als Söldner, Pirat oder Dieb versucht und meist nur blutige Wunden und böse Erfahrungen erntet, was ihn aber nie davon abhält, sich umgehend in neue Abenteuer zu stürzen:

– |L. Sprague de Camp: Vorwort|, S. 13-22

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Legion der Toten (Legions of the Dead)|, S. 23-54: Conan schließt sich im nördlichen Königreich Hyperborea einem verzweifelten Stammesfürsten an, der seine Tochter aus der Festung einer Hexenkönigin befreien will …

– |Björn Nyberg/L. Sprague de Camp: Das Volk des Gipfels (People of the Summit)|, S. 55-76: Als Söldner im Heer des Königs von Turan flüchtet Conan nach einem fatal geendeten Einsatz in die berüchtigten Nebelberge, wo er vom Regen in die Traufe, d. h. wieder einmal in den Bann unheimlicher Mächte gerät …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Schatten in der Finsternis (Shadows in the Dark)|, S. 77-118: In Begleitung eines Diebes und eines Zauberers will General Conan den Herrscher von Khoraja aus der Gefangenschaft befreien …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Der Stern von Khorala (The Star of Khorala)|, S. 119-160: Eigentlich will Conan der schönen Königin von Ophir für einen guten Finderlohn einen kostbaren Ring zurückgeben, doch er gerät stattdessen in eine Palastintrige …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Das Juwel im Turm (The Gem in the Tower)|, S. 161-198: Conan ist unter den Besatzungsmitgliedern eines Piratenschiffs, die in den Schwarzen Königreichen den Turm eines Zauberers plündern wollen, der sich solcher Eindringliche auf schreckliche Weise zu erwehren weiß …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Die Elfenbeingöttin (The Ivory Goddess)|, S. 199-232: Im Königreich Punt versucht Conan, abergläubische Gottesanbeter um ihren Tempelschatz zu betrügen, was auf gänzlich unerwartete Weise spektakulär scheitert …

– |Lin Carter/L. Sprague de Camp: Blutmond (Moon of Blood), S. 233-284|: In Aquilonien kämpft Conan gegen wilde Pikten und ihren Hexenmeister und entdeckt dabei den Verrat eines hohen Vorgesetzten …

_Hartes Leben ohne Atempausen_

Das Menschenleben währte nicht lange in vergangenen Zeiten. Wind und Wetter, Hitze oder Kälte, Krankheit und Hunger – die Palette verkürzender Faktoren war breit, und abgerundet wurde sie durch die Allgegenwart zwischenmenschlicher Gewalt. Dennoch konnten sich unsere Vorfahren noch glücklich schätzen, nicht im hyborischen Zeitalter gelebt zu haben. Vor zwölf Jahrtausenden, so postuliert Robert E. Howard (1906-1936), war diese Erde schon einmal dicht bevölkert. Archaische Königreiche erstreckten sich über Kontinente, deren Umrisse die heutige Gestalt schon erahnen ließen. Im Alltag ging es rau zu, und zu den eingangs genannten Lebensenden addierte sich der Tod durch schwarze Magie, menschenfressende Ungeheuer und geduldsarme Gottheiten.

Durch diese bunte, aber gefährliche Welt zieht unermüdlich Conan, der Barbar. Geboren im schon damals schneekalten Norden, hielt es ihn nicht im heimatlichen Cimmerien, das er ein „langweiliges Land“ nennt. Lieber verdingt und versucht sich Conan auf der Suche nach Wein, Weib und klingender Münze als Söldner, Pirat oder sogar Dieb, was gleichzeitig seine ausgeprägte Abenteuerlust stillt. Weil er es in der Regel an Diplomatie fehlen lässt, muss sich Conan darüber hinaus oftmals aus dem Staub machen, weil er die gelangweilte Gattin eines Adligen beglückt oder einen vernagelten Kommandanten verprügelt hat. Auf diese Weise bleibt er stets in Bewegung.

_Chronik mit vermutlich interessanten Lücken_

Ein solches Leben bietet den idealen Stoff für Geschichtenerzähler. Robert E. Howard hat die Conan-Saga nie als geschlossene Chronologie konzipiert. Er schilderte ereignisreiche Höhepunkte im Leben seines Helden, wobei er in der Zeit nach Belieben vor- oder zurücksprang. Bewusst ließ Howard große Lücken, in die er nach Bedarf weitere Abenteuer einbetten konnte.

Daraus wurde nichts, da Howard im Alter von nur 30 Jahren Selbstmord beging. Doch andere Autoren profitierten vom skizzenhaften Konzept. Conan wurde viele Jahre nach Howards Tod wieder populär – so populär, das die vorhandenen Geschichten den Hunger eines gierigen Publikums nicht stillen konnten. Dieser Klientel nahmen sich Schriftsteller wie Lyon Sprague de Camp, Lin Carter und Björn Nyberg an, zu denen sich nach dem Erfolg des „Conan“-Films von 1980 viele weitere Autoren gesellten.

„Conan der Schwertkämpfer“ ergänzt die zwölf Bände der sogenannten „Lancer-Reihe“, die zwischen 1966 und 1977 erschienen und in der originale Howard-Storys, ’nach Entwürfen‘ Howards vollendete Storys sowie neue Storys von de Camp, Carter und Nyberg sich zur „Saga of Conan“ mischten, die das Leben des Cimmerers vom Jungbarbaren bis zum (weiterhin kampfstarken) Greis umfasst. Den Einleitungen der sieben „Schwertkämpfer“-Erzählungen lässt sich entnehmen, wo diese zeitlich in die Saga einzupassen sind.

_Variationen einer bekannten Melodie_

„Conan der Schwertkämpfer“ bietet seinen Lesern, was sie erwarten und wünschen: Hau-Drauf-Fantasy des Kalibers „sword & sorcery“. Die hyborische Welt erleben wir aus dem Conanschen Blickwinkel, und der ist ausdrücklich ein schlichter, aber gleichzeitig unverdorbener Zeitgenosse. Von der grauen Realität, die den politischen und wirtschaftlichen Alltag auch in grauer Vorzeit beherrschte, ist in diesen Geschichten höchstens ansatzweise die Rede. Aufregende Höhepunkte bestimmen das Geschehen, und Conan ist das verbindende Element.

Über den Tellerrand seines jeweiligen Umfeldes blickt er nur selten. Conan weiß, was er meint wissen zu müssen, und das genügt ihm. Politik bedeutet Intrigen, Geldgier, Verrat, und deshalb hält sich ein Mann, der zwar Barbar ist, sich aber trotzdem (oder gerade deswegen?) einem ungeschriebenen Ehrenkodex verpflichtet sieht, lieber an der Peripherie der Macht auf.

Die simple, aber wirkungsvolle Dramaturgie der „heroic fantasy“ lässt ihn allerdings genau dort erst recht in Bedrängnis geraten. In unseren sieben Geschichten gerät Conan immer wieder in die Fänge der verhassten Magie. Da er buchstäblich mit offenem Visier zu kämpfen pflegt, ist er der intelligenten Hinterlist solcher Hexenmeister unterlegen. Das macht Conan wütend, und wenn das geschieht, mutiert er zu einer Art Urzeit-Hulk, der sich mit solch berserkerhafter Wucht in die Schlacht stürzt, bis der Schädel noch des mächtigsten Zauberers über den Boden rollt.

_Conan: Helm auf – Feind: Kopf ab_

Jede Story mündet in einen entsprechenden Höhepunkt. Conan killt Hexer, Zombies, mörderische Riesenaffen, steinhäutige Riesenvampire, Verräter und andere Unholde, dazu wilde Tiere aller Arten und Größen. Das wird mit Tempo und Schwung dargeboten, wirkt auf die Dauer aber ein wenig eintönig, was ein bekanntes Problem solcher Pastiches ist, die dem Original möglichst nahekommen wollen und es dabei nur imitieren.

Diesen Vorwurf muss man auch dem Autoren-Trio machen, das für „Conan der Schwertkämpfer“ verantwortlich zeichnet. Es leistet ‚Dienst nach Vorschrift‘ und liefert aktionsreiche Routine-Fantasy. Das zeichnet die Gesamtheit der Conan-Romane und Story-Sammelbände – an die 100 sind es inzwischen! – im Guten wie im Schlechten aus. Sie sind zwar farbenfroh, leiden aber bei näherer Betrachtung unter einem steifen Pinselstrich.

_Die Autoren_

Lyon Sprague de Camp wurde am 27 November 1907 in New York City geboren. Der studierte Ingenieur veröffentlichte seine erste Kurzgeschichte erschien im September 1937 in |Astounding Science Fiction|. In den nächsten sechs Jahrzehnten entstanden Storys und Romane, die immer wieder de Camps Sinn für echten Humor belegten. Seine Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Phantastik. De Camp interessierte sich für Geschichte, Technik oder Mythologie und verfasste populärwissenschaftliche Sachbücher. 1978 wurde de Camp mit einem „Nebula Award“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Nach einem langen, bis zuletzt aktiven und produktiven Leben starb Lyon Sprague de Camp wenige Tage vor seinem 93. Geburtstag am 6. November 2000.

Linwood Vrooman Carter wurde am 9. Juni 1930 in St. Petersburg (US-Staat Florida) geboren. Nach seinem Einsatz im Korea-Krieg studierte er an der Columbia University und arbeitete anderthalb Jahrzehnte für diverse Agenturen und Verlage. 1965 debütierte Carter mit „The Wizard of Lemuria“ im Phantastik-Genre. Er wurde Vollzeit-Schriftsteller, veröffentlichte zahlreiche Romane sowie Kurzgeschichten und machte sich als Herausgeber von Fantasy-Kollektionen einen Namen. Der „heroischen Fantasy“ galt Carters ganze Liebe. Er schrieb im Stil von Edgar Rice Burroughs oder Robert E. Howard. Letzterem verhalf er zur literarischen Auferstehung, indem er mit Lyon Sprague de Camp und Björn Nyberg Howards Conan-Storys sammelte, ordnete und Lücken mit eigenen Geschichten und Romanen füllte. Selbst nahm Carter, von Alkoholismus und Krebs gezeichnet, am 7. Februar 1988 ein frühes Ende.

Björn Emil Nyberg (geb. am 11. September 1929) ist ein schwedischer (Fan-)Autor, der schon in den 1950er Jahren mit L. S. de Camp einige Fragmente nachgelassener Conan-Geschichten vollendete. Darüber hinaus ist Nyberg, der heute in Frankreich lebt, als Schriftsteller nicht hervorgetreten.

_Impressum_

Originaltitel: Conan the Swordsman (New York : Bantam Books 1978)
Übersetzung: Lore Strassl
Deutsche Erstausgabe: Mai 1982 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3895
284 Seiten
ISBN 10: 3-453-30818-2

Neuausgabe: November 1988 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3895)
284 Seiten
ISBN 13: 978-3-453-30818-3
http://www.heyne.de

_Mehr Conan auf |Buchwurm.info|:_

[„Conan 1: Die Tochter des Frostriesen und andere Geschichten“ 2840
[„Conan 2: Der Gott in der Kugel und andere Geschichten“ 3156
[„Conan 3: Der Elefantenturm und andere Geschichten“ 4028
[„Conan 4: Die Halle der Toten und andere Geschichten“ 4044
[„Conan 5: Die Juwelen von Gwahlur & Die Tochter von Midora“ 4428
[„Conan und die Straße der Könige“ 5846

Anne Bishop – Blutskönigin (Die Schwarzen Juwelen 7)

Die Schwarzen Juwelen:

Band I: „Dunkelheit“
Band II: „Dämmerung“
Band III: „Schatten“
Band IV: „Zwielicht“
Band V: „Finsternis“
Band VI: „Nacht“

_Seit dem Hexensturm_ vor zwei Jahren sind Dorotheas Marionetten endlich verschwunden. Doch zurückgeblieben sind nur Trümmer. Theran, ein Kriegerprinz aus Dena Nehele, ist sich nur zu bewusst, dass sein Volk sterben wird wenn es keine neue Königin bekommt. Und so macht er sich auf den Weg nach Kaeleer und bittet Daemon Sadi um Hilfe. Er soll ihm bei der Suche nach einer Königin helfen, die bereit wäre nach Tereille zu kommen und dort zu herrschen, nach den alten Gesetzen des Blutes.

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Brandon Sanderson – Kinder des Nebels (Mistborn 1)

Vin ist sechzehn und auf der Straße aufgewachsen. Überlebt hat sie nur, weil ihr großer Bruder ihr eingebläut hat, keinem Menschen jemals zu vertrauen – und weil sie etwas besitzt, was sie ihr Glück nennt: Eine Art innere Energie, die sie befähigt, andere Menschen zu besänftigen. Damit kommt sie zumindest einigermaßen über die Runden.

Doch eines Tages tauchen zwei Männer im Schlupfwinkel ihrer Bande auf, die ihr gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf stellen! Plötzlich findet sie sich in einer Truppe von Revolutionären wieder, die versuchen, den Obersten Herrscher zu stürzen. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn der Oberste Herrscher ist nicht einfach nur ein mächtiger Mann. Er ist ein Gott!

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Alan Dean Foster – Pale Rider: Der namenlose Reiter

Ein mysteriöser Fremder steht den bedrängten Bewohnern eines Goldgräber-Camps erst mit Rat und dann mit Tat zur Seite, als sie durch brutale Revolverhelden vertrieben werden sollen … – Das Buch zum Film, der eine kuriose aber eindrucksvolle Mischung aus Western und Geistergeschichte darstellt, ist mehr als ein für den Buchmarkt ‚frisiertes‘ Drehbuch, sondern ein eigenständiger Roman, der auch für sich allein unterhaltsam funktioniert. Alan Dean Foster – Pale Rider: Der namenlose Reiter weiterlesen

Tanja Heitmann – Morgenrot

Lea ist die typische Heldin eines Liebesromans: Sie ist jung und hübsch, allerdings hoffnungslos introvertiert und buchvernarrt. Da ist es nur logisch, dass sie Literatur studiert und sich auf die deutsche Romantik mit ihren düsteren Schauergeschichten spezialisiert. Ihr Auslandssemester verbringt sie irgendwo im osteuropäischen Ausland, wo es eiskalt ist und sie die Sprache nicht versteht. Sie versumpft völlig in ihrem kleinen Apartment, bis ihr Professor sie zu einem Studienkreis einlädt, wo sie den geheimnisvollen Adam kennenlernt. Lea ist sofort Feuer und Flamme, und offensichtlich hat auch Adam im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Denn Adam ist ein Vampir, und der Dämon, der in ihm wohnt, hat in Lea seine wahre Liebe erkannt. Adam und Lea kommen sich näher, doch die sich anbahnende Romanze wird jäh unterbrochen, als das Haus von Professor Carriere von anderen Vampiren angegriffen wird. Lea kann fliehen; völlig verschreckt bricht sie jedoch den Kontakt zu Adam ab.

Tanja Heitmann – Morgenrot weiterlesen

Karl Edward Wagner – Conan und die Straße der Könige

Wagner Conan Strasse der Koenige Cover 1995 kleinDas geschieht:

Conan, der Barbar aus dem eisigen Norden dieser Welt des hyborischen Zeitalters, dient im Söldnerheer König Rimanendos von Zingara. Stationiert ist er in der Haupt- und Hafenstadt Kordava. Als Conan im Zweikampf einen Vorgesetzten tötet, wird er vom General Korst zum Tode verurteilt. Unter dem Galgen trifft er Santiddio, einen der Anführer der „Weißen Rose“, einer Widerstandsbewegung, die den grausam und skrupellos herrschenden König stürzen und Zingara in eine Republik umwandeln wollen. Santiddios Zwillingsschwester Sandokazi kann den Bruder mit der Unterstützung des Banditenkönigs Mordermi in letzter Sekunde retten, und Conan schließt sich ihnen gern an.

Die Flüchtlinge schlüpfen in der „Grube“ unter: Nach einem verheerenden Erdbeben wurde Kordava auf den Trümmern der alten Stadt neu errichtet. Unterhalb des modernen Straßenniveaus blieben Keller und Gassen erhalten. In dieser Unterwelt hat sich eine kriminelle aber verschworene Parallel-Gesellschaft eingerichtet, die von der Stadtwache in Ruhe gelassen wird. Karl Edward Wagner – Conan und die Straße der Könige weiterlesen

R. Austin Freeman – Der steinerne Affe

freeman-affe-cover-kleinEin scheinbar perfektes Verbrechen ruft den genialen Kriminologen Dr. Thorndyke auf den Plan; aus einem Häuflein arsengetränkter Menschenasche rekonstruiert er ein meisterhaftes Mordkomplott, das vor vielen Monaten eingefädelt wurde … – Routiniert und ein wenig altmodisch mischt Autor Freeman den klassischen „Whodunit“ mit einem „Howdunit“. Am Ende des unterhaltsamen, aber recht statischen und mit blass gezeichneten Figuren besetzten Krimis sind alle Fragen zufriedenstellend geklärt.
R. Austin Freeman – Der steinerne Affe weiterlesen

Watts, Peter – Blindflug

_Tauchfahrer in die Gedankentiefsee_

Peter Watts hat 1958 in Kanada das Licht der Welt erblickt, um, wie er in seinem eigenen Blog schreibt, zehn Jahre damit zuzubringen, ein paar Titel zu bekommen in der Erforschung der Ökophysiologie von Meeressäugern, und weitere zehn Jahre, in denen er versucht hat, von seinen Qualifikationen zu leben, ohne eine „Hure diverser Interessengruppen“ zu werden. Bis heute konnte er sich nicht entscheiden, ob er sein Leben lieber der Wissenschaft oder dem Schreiben widmen sollte, und hat sich dementsprechend für einen Kompromiss zwischen beidem entschieden.

Herausgekommen ist dabei die „Rifters“-Trilogie, bei der es sich, laut Kritikerstimmen, wohl um eine Art Hard-SF-Version von Schätzings „Der Schwarm“ handelt – kein Wunder eigentlich, bei einem promovierten Tiefseebiologen, mit einem Faible für fantastische Geschichtenerzählerei. Rifters wird gerade von |Heyne| neu veröffentlicht; „Abgrund“ und [„Mahlstrom“ 5745 sind bereits erschienen, „Wellen“ ist geplant für September 2009.

„Blindflug“ hingegen ist ein Einzelroman, mit dem sich Watts aus seiner gewohnten Erzählumgebung hinausbegibt in die Tiefen des Weltraums, wo die Besatzung des Raumschiffs |Theseus| mit außerirdischer Intelligenz in Berührung kommt. Was sich auf dem Klappentext wie banale Standard-Science-Fiction ankündigt, zieht einem schon nach wenigen Seiten einen granitharten Hard-SF-Knüppel über den Schädel.

_Hier gibt es keine Romulaner!_

Am 13. Februar 2082 überzieht plötzlich ein leuchtendes Gitter die Atmosphäre und verlischt dann wieder. Sonden stellen fest, dass sich ein nicht identifizierbares Gebilde im Planetensystem herumtreibt, offensichtlich der Urheber dieser Irrlichter – und keinesfalls menschlichen Ursprungs. Spekulationen laufen heiß. Ein kriegerischer Akt? Kommunikation? Niemand weiß es.

Grund genug, um ein Team von Wissenschaftlern mit dem Raumschiff |Theseus| ins kalte Schwarz zu schicken, um dem irrlichternden Störenfried auf den Zahn zu fühlen. Und tatsächlich führt |Theseus| sie zu einem Artefakt, das den Orbit eines Kometen umkreist; dieses Artefakt, es bezeichnet sich selbst als „Rorschach“, nimmt Kontakt mit der |Theseus| auf. Es dauert jedoch nicht lange, bis dem Team auffällt, wie seltsam die Kommunikationsmuster von Rorschach sind, und so entscheiden sie sich dazu, in das Artefakt einzudringen … Auf einen reißerischen Kommentar bezüglich der Folgen verzichte ich an dieser Stelle.

_Mind Fiction at its best: Ultraspannend, ultrahart!_

Peter Watts ist ein Virtuose des Gedankenexperiments. „Blindflug“ ist ein einziger Ideenrausch, der dem Leser allerdings einiges abverlangt. Das fängt bereits bei den Figuren an: Siri Keeton, ein Synthesist, jemand, den man auf die Kontakt-Mission mitgeschickt hat, weil er den Sinn aus der Kommunikation zwischen den Besatzungsmitgliedern herausfiltern kann; Isaac Szpindel, ein verkabelter Biologe, der mit seinen technologisch potenzierten Sinnen Röntgenstrahlen sehen und Ultraschall schmecken kann; Susan James, eine Linguistin, die ihre Persönlichkeit in drei Sub-Persönlichkeiten aufspalten ließ; Amanda Bates, eine Majorin; und schließlich Jukka Sarasti, ein Vampir.

Tatsächlich ein Vampir, und ich kann kaum Worte für das Gefühl der Erfrischung finden, das mich durchströmt, wenn ich mir vergegenwärtige, wie originell Watts diesen archetypischen Geschichtenschreck aktualisiert hat, wie er ihm den Staub des Gotik-Horrors weggeschrubbt und jede Spur von stereotypem Kitsch hinfortgemeißelt hat, um den Vampir tatsächlich (und nachvollziehbar) in ein Hard-SF-Universum einzubetten, nebst einer wissenschaftlichen, völlig abgefahrenen, restlos faszinierenden Erklärung dafür, warum man Vampiren mit einem Kreuz den Garaus machen kann. Ehrlich, alleine Jukka Sarasti und seine „Kruzifix-Störung“ sind es wert, „Blindflug“ zu lesen.

Aber, wie gesagt, die Story verlangt dem Leser einiges ab. Rayleigh-Grenzen, Hohmann-Bahnen, von Neumann’sche Maschinen, Perigäum, Apogäum und sonstiges Keppler-Kreisbahn-Kauderwelsch aus der Astrophysik trifft auf entsprechende Fachbegriffe aus Philosophie, Soziologie, Linguistik, Kommunikationslehre oder Psychologie. Siri Keeton etwa, ein „nicht-invasiver Beobachter“ auf der Mission, entspringt Ideen aus der Systemtheorie und spielt mit Fragen um Kybernetik I. und II. Ordnung (Kann man Systeme, in diesem Falle die Besatzung der Theseus, beobachten, ohne dass die Beobachtung schon ein Akt der Beeinflussung ist?). Das nur als Beispiel, und als Einschätzungshilfe dafür, was den Leser erwartet, wenn diese abgedrehte Freak-Besatzung auf außerirdisches Leben trifft. Ideen satt.

All diese Ideen sind über ein spannendes Hintergrunduniversum gewoben, über eine Gesellschaft, die zerrissen wurde von wissenschaftlichen Glaubenskriegen, und deren Mitglieder sich jetzt entscheiden müssen, zwischen weltlichem Leben oder einer künstlichen Weiterexistenz in einem virtuellen Himmel. Nur knapp hat Watts diesen Hintergrund eingeführt, gerade so viel Information, wie die Geschichte braucht, um zu funktionieren. Das Gleiche gilt auch für die Figuren. Geschickt eingestreute Rückblenden zeigen ihre Vergangenheit, enthüllen den Motor für ihre Handlungen und funktionieren gleichzeitig als Spannungselement im Handlungsbogen.

_Die Detailbesessenheit eines Wissenschaftlers._

Peter Watts erschöpft sich nicht darin, eine faszinierende Geschichte zu schreiben. Wie es sich für einen guten Wissenschaftler gehört, gibt es einen Anhang, wissenschaftliche Ausführungen zu den Ideen, die in „Blindflug“ stecken, Literaturhinweise, Quellenangaben, Diskussionen. Aber damit nicht genug. Watts‘ Internetauftritt |rifters.com| hält Bildmaterial zum Artefakt bereit, Biographien der Crew, Beschreibungen des Romanuniversums, eine interaktive Darstellung der Theseus, mit Beschreibungen der einzelnen Module und ihrer Funktionsweise, sogar Flash-Videos mit Vorträgen zur Biologie von Vampiren.

„Blindflug“ ist das Beste, was ich seit Jahren gelesen habe, als wäre „Event Horizon“ von Greg Egan neu interpretiert worden. Peter Watts vereint Egans explosiven Ideenreichtung mit einem Händchen für superstraffe Handlung. Manchmal natürlich besteht die Handlung aus wissenschaftlichen und theoretischen Diskussionen, aber alter Schwede, diese Diskussionen haben es in sich und sind mindestens so spannend wie eine plasmaspuckende Weltraumschlacht. Als Schlusswort sei hier vielleicht James Nicoll zitiert, der hat (in etwa) geschrieben: „Sobald ich das Gefühl habe, dass mein Lebenswille zu stark wird, lese ich Peter Watts.“ Nun denn, ihr zynischen Ideenjunkies, das hier ist euer Buch!

|Originaltitel: Blindsight
Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel
493 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52364-7|
http://www.heyne.de
http://www.rifters.com

Pierre Bordage – Terra Mater (Hyponeros 2)

Nach »Die Krieger der Stille« ist mit »Terra Mater« der zweite Roman einer spannenden Trilogie erschienen. Er berichtet von den Ereignissen direkt im Anschluss an Band eins und endet mit einem kosmisch-metaphysischen Höhepunkt als Aufhänger und Spannnungshalter für den dritten Roman.

Von überziegelsteingroßem Format als Tradepaperback, richtet sich der Umfang des Werks ganz nach modernen Vorstellungen der Äußerlichkeit und damit an Leser, die langatmige und bombastische Romane in ihren Regalen stehen haben wollen und bereit sind, für eine Geschichte in der Summe 45 Euro zu bezahlen. Von dieser herausgeberischen, in der Finanzkrise doppelt ärgerlichen reißerischen Aufmachung abgesehen, strickt der Autor allerdings ein ansehnliches Werk mit großartigen Zusammenhängen. Aber auch hier wirkt der Ausspruch des Kultautors Andreas Eschbach eher wie Verlags- und Freundschaftswerbung, wenn in großen Lettern auf dem Buchrücken steht: »Bordage nicht zu lesen, wäre ein Fehler«.

In einer ausschließlich von menschlichen oder menschenabkömmlichen Vernunftwesen bevölkerten Galaxis ist eine fremdartige Intelligenz, die in Form des Volkes der Scaythen auftritt, im Begriff, alle Schlüsselpositionen der Macht zu besetzen und ein kirchlich kontrolliertes System der Verdummung und Gleichgültigkeit zu erschaffen. Hinter den Scaythen steht anscheinend eine Wesenheit, deren Existenzgrundlage und Macht von der Einfältigkeit des/der Universums/sen abhängt und in diesem Universum nach der vollkommenen Macht strebt, indem sie die Kreativität vernichtet.

Die metaphysische Wissenschaft der inddikkischen Wissenschaft ist dabei das größte Hindernis, und so war es das größte Interesse der Scaythen, die Bewahrer dieser Wissenschaft und ihre Anwender, die Krieger der Stille, auszulöschen. Die Versuche der zwei dem Massaker entkommenden Menschen auf der alten Erde (Terra Mater), die Wissenschaft neu mit Leben zu erfüllen und nach einem Erlöser zu suchen, füllt nebst der weiteren Machtergreifung der Scaythen und Umwälzungen in der Kirche den zweiten Roman, der in dem Versuch des Mahdis der neuen Krieger der Stille auf der Erde gipfelt, sich der Hintergrundintelligenz in einer mentalen Auseinandersetzung zu stellen und sie zu besiegen.

Trotz der bombastisch klingenden Rahmenhandlung sind es vor allem kleine Ereignisse mit menschlichen Charakteren, die in ihrer Gesamtheit den großen Zusammenhang erzeugen und eine runde, stimmungsvolle Geschichte zum Leben erwecken. Nur kleine Abstecher in höhere Sphären werfen Schlaglichter und lassen den überstrapazierten Sense of Wonder anklingen, der für großartige kosmische Erzählungen typisch ist. Doch wo anderswo Raumschiffe und Aliens für Spannung sorgen, stehen hier die Menschen allein im Vordergrund.

Der Entwurf selbst ist nicht ganz neu. Die Menschen verbreiten sich über die Galaxis, ein Adel etabliert sich und kontrolliert über Erbrecht die Systeme, eine Religion als Staatsreligion unterdrückt die einfachen Menschen und kontrolliert ihr Wissen. Wie schon andere Schriftsteller – unter ihnen Dan Simmons, der in seinem Ilium-Epos dieses Thema auf die Spitze treibt – erkannten, ist der Konflikt zwischen größeren Glaubensgemeinschaften und politischen Interessengruppen auf der einen Seite und Judentum auf der anderen Seite ein Thema, das die Menschheit seit Ewigkeiten spaltet und zu schrecklichsten Gräueltaten antreibt – und dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ferner Zukunft noch tun wird. Auch Bordage benutzt diesen alten Konflikt als Träger seiner Erlöser-Geschichte, die in diesem zweiten Band in den Vordergrund tritt und von der Entdeckung des Erlösers als Kind über seine Verfolgung durch Staat und Kirche, seinen scheinbaren Tod und seine Wiedergeburt auf der alten Erde bis zum Sammeln von »Jüngern« reicht. Sein Eingreifen in die umfassende Handlung ist in Band drei zu erwarten (»Die Sternenzitadelle« ist für den Dezember 2009 angekündigt), wo er entweder gewinnt, scheitert oder durch seinen Tod den Sieg der Menschheit gewährleisten wird. Letzteres ist am wahrscheinlichsten.

Wenn wir also die Entwicklung des Hauptthemas (Erlösung der Menschheit) über die drei Bücher betrachten, bemerken wir eine Zunahme des Transzendenten und Kosmischen schon im zweiten Band. Da sich in diesen Sphären die Entscheidung abspielen muss, weil sie der »Lebensraum« der vernichtenden Wesenheit sind, wird Band drei wohl der »wundervollste« Roman werden und die wichtigen bisher aufgeworfenen Fragen zusammen- und zu einem Finale führen.

Originaltitel: Terra Mater
Deutsch von Ingeborg Ebel
543 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52409-5

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 2,75 von 5)

Peter V. Brett – Das Lied der Dunkelheit

Wann verliert ein Schrecken an Bedeutung? Wie kann man die Angst besiegen, die einen fast lähmt und daran hindert, sich zu wehren? Stehen wir uns manchmal selbst im Weg? Kann es sein, dass das Sprichwort „Angriff ist die beste Verteidigung“ doch zutrifft?

Mut zu beweisen, auch wenn der Gegner oder das Hindernis übermächtig erscheint, kann dumm oder fahrlässig sein, vielleicht überstürzt, aber meistens nicht unbedingt sinnlos. Den Mut zu haben, für sich und andere die Dunkelheit zu bekämpfen und damit den Funken für ein kleines bisschen Hoffnung zu schlagen, aus dem ein reinigendes Feuer entstehen kann, ist beachtenswert. Sind Kinder und Jugendliche dabei mutiger als Erwachsene, weil sie die Angst (noch) nicht realisieren können?

Peter V. Brett – Das Lied der Dunkelheit weiterlesen

Sterling E. Lanier – Hieros Reise

Viele Jahre nach der atomaren Apokalypse begibt sich ein Kriegermönch auf eine lange Reise, um nach den Geheimnissen der Vergangenheit zu forschen. Begleitet von einige Gefährten sowie verfolgt von finsteren Feinden, stößt er in eine radioaktiv veränderte Welt voller Wunder und grässlicher Gefahren vor … – An Tolkiens „Herr der Ringe“-Epos angelehntes aber eigenständiges SF/Fantasy-Abenteuer, das durch den unerhörten Einfallsreichtum des Verfassers und sympathische Hauptfiguren fesselt: ein Klassiker, den jeder Phantastik-Leser kennen sollte!
Sterling E. Lanier – Hieros Reise weiterlesen

Richardson, Kat – Poltergeist

„Poltergeist“, Kat Richardsons zweiter Roman um die Privatdetektivin und Grauwandlerin Harper Blaine, knüpft an, wo [„Greywalker“ 5500 aufhörte. Und zur Freude des Lesers sind bei der Autorin noch längst keine Ermüdungserscheinungen zu erkennen: Die Fortsetzung kommt spannend und unterhaltsam daher und liest sich genauso flott wie der Vorgänger.

Harper hat weiterhin fleißig mit den Danzigers geübt und findet sich mittlerweile besser im Grau zurecht. Sie hat die Zwischenwelt besser unter Kontrolle, und es passiert nur noch selten, dass sie zufällig im Grau landet. Ben Danziger, als Wissenschaftler mit einigen Kontakten zur Uni von Seattle gesegnet, verweist Harper an einen Kollegen, der eine Privatdetektivin mit starken Nerven braucht. Professor Tuckman stellt mit großem Aufwand das bekannte Philip-Experiment nach und befürchtet, dass jemand die Ergebnisse manipuliert. Seit Monaten trifft sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe in Tuckmans verkabeltem Testlabor, um kraft ihrer Gedanken einen Geist zu erschaffen. Zwar hat Tuckman – wohl als positiven Verstärker für die Gruppe – einige Kniffe und technische Spielereien parat, um künstlich Klopfgeräusche und Tischewackeln zu erzeugen, doch in letzter Zeit scheint sich bei den Sitzungen der Gruppe tatsächlich ein Geist zu manifestieren. Das Problem ist nur: Tuckman glaubt überhaupt nicht an Geister. Und so soll Harper Blaine die Mitglieder der Gruppe überprüfen, um herauszufinden, ob jemand das Experiment sabotiert.

Harper nimmt den Fall an, und das, obwohl ihr Tuckman äußerst unsympathisch ist. Durch ihr Wissen als Grauwandlerin vermutet sie, dass die Gruppe bei ihren Sitzungen tatsächlich irgendetwas Übernatürliches auf den Plan gerufen hat. Doch um das glaubhaft zu vermitteln, muss sie erst nachweisen, dass tatsächlich niemand die Ergebnisse manipuliert. Der Fall verkompliziert sich jedoch plötzlich, als ein Mitglied der Gruppe tot aufgefunden wird.

„Poltergeist“ ist in vielerlei Hinsicht ein interessantes Buch. Kat Richardson hat sich mit der Grundidee und der Handlung viel Mühe gegeben, denn ein Großteil des Romans lebt ausschließlich von der umfassenden Recherchearbeit der Autorin. Sicher, der Leser erfährt auch Neues über das Grau und darf miterleben, wie Harper Fortschritte darin macht, sich zwischen den Welten zu bewegen. Doch hauptsächlich illustriert „Poltergeist“ verschiedene Aspekte des Spiritismus und der Psychologie und beleuchtet außerdem, wie sich beide beeinflussen können.

Die Handlung des Romans – eine Gruppe „kreiert“ durch gemeinsame Geistesanstrengung einen fiktiven Geist, der sich daraufhin selbstständig macht – basiert auf dem Philip-Experiment, das in den 1970er Jahren von einer Gruppe Parapsychologen in Kanada durchgeführt wurde. Zuerst erschuf die Gruppe die Biographie einer fiktiven Person, nämlich Philip Aylesford. In der Folge versuchten die Teilnehmer dann in Sitzungen, tatsächlich Kontakt zum Geist dieser fiktiven Person aufzunehmen. Nachdem die ersten Monate keine nennenswerten Ergebnisse zutage förderten, verlegte man sich auf klassische Séancen, und siehe da, Philip begann tatsächlich durch Klopfzeichen mit der Gruppe zu kommunizieren. Die Erfolge des Philip-Experiments inspirierten zahlreiche Nachahmer: Kat Richardsons fiktiver Professor Tuckman befindet sich also in durchaus illustrer (und realer) Gesellschaft.

Kat Richardson führt die Grundidee des Philip-Experiments, nämlich dass man durch anhaltende geistige Konzentration eine Art kollektiven Geist schaffen kann, konsequent weiter. In ihrer Version des Experiments entsteht nicht nur dieser kollektive Geist, der sich von der Psyche der Gruppenteilnehmer nährt, sondern dieser Geist übernimmt auch die unbewussten Aggressionen, Ängste und Wünsche der Teilnehmer. Da es in der Gruppe zunehmend zu Spannungen kommt, wird auch der Geist immer aggressiver, bis er gar die Teilnehmer bei einem Treffen mittels eines galoppierenden Tisches durchs Zimmer treibt und teilweise verletzt.

Die Autorin hat offensichtlich großen Spaß an diesen Gedankenspielen. Viel Action gibt es in „Poltergeist“ also nicht. Natürlich muss Harper Blaine auch ganz normaler Deketivarbeit nachgehen, d. h. sie verfolgt, vernimmt und wandelt im Grau. Doch geht es Richardson offensichtlich nicht um die Action. Stattdessen ist „Poltergeist“ ein theoretischer Roman, der geprägt ist von (pseudo)wissenschaftlichen Passagen und parapsychologischen Erläuterungen. Sie lässt viel von ihrer Recherche einfließen. Es wird viel referiert, z. B. über die Versuchsanordnung des originalen Philip-Experiments oder verschiedene Arten, Geisterscheinungen (Klopfgeräusche, sich bewegende Tische) vorzutäuschen. Dadurch kann man den Roman nicht nur als packende Urban Fantasy lesen, sondern auch als unterhaltsame Einführung in die Parapsychologie und den Spiritismus.

Mit dieser Konzentration aufs Theoretische und Wissenschaftliche läuft Kat Richardson natürlich Gefahr, trocken und langatmig zu klingen. Das wird jedoch durch die bunte Ansammlung von Charakteren verhindert, die die Autorin dem Leser präsentiert. Quinton, der geekige Bastler, ist wieder mit von der Partie, genauso wie die Danzigers. Ein Neuzugang ist Harpers Lieblingsbuchhändlerin Phoebe, die für heimelige Szenen in einer durch und durch gemütlichen und abgefahrenen Buchhandlung sorgt (und beim notorischen Amazon-Besteller ein wirklich schlechtes Gewissen aufkommen lässt). Einzig Harpers Love Interest Will kommt diesmal ziemlich kurz. Die Fernbeziehung (er arbeitet in London) tut den beiden keineswegs gut; sie scheinen sich einfach nichts mehr zu sagen zu haben. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Richardson in „Poltergeist“ keine Verwendung für Will hatte, sich jedoch alle Alternativen offen halten will. Und so tritt er dann auch kaum in Erscheinungen. Es bleibt abzuwarten, was sie in den folgenden Romanen mit dem Charakter anstellen möchte.

Kat Richardson hat die Begabung, leichte und unterhaltsame Prosa zu schreiben. Ebenso begabt zeigt sie sich, wenn es um ihre Personage geht. Keiner der Charaktere ist eindimensional, der durchaus umfangreiche Personenkreis des Romans ist bis ins Letzte durchcharakterisiert. Da bleiben keine Wünsche offen.

|Originaltitel: Poltergeist
Übersetzt von Franziska Heel
Taschenbuch, Broschur, 496 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52486-6|
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Peter Watts – Mahlstrom

Um einen gefährlichen Mikroorganismus auszutilgen, zündet ein Großkonzern eine Atombombe. Die Tat kostet Millionen Menschen das Leben und wird vertuscht. Eine Überlebende rächt sich, indem sie den Erreger über die gesamte Erde streut … – Der grundsätzlich simple Plot wird mit stimmigen und stimmungsvollen Beschreibungen einer nahen, düsteren Zukunft unterfüttert, die mit dem Blick auf Fakten naturwissenschaftliche und soziale Zu- und Missstände extrapolieren. „Mahlstrom“ ist Mittelstück einer Trilogie; der Roman beginnt und endet offen und fordert Aufmerksamkeit: kein Meisterwerk aber deutlich besser als das übliche SF-Lesefutter.
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Duncan, Hal – Vellum

_Der Schöpfer des ewigen Stundenbuches._

Wenig Infos gibt es über Hal Duncan, 1971 in Schottland geboren, Mitglied des „Glasgow Writer’s Circle“ und neben seiner Autorentätigkeit als Programmierer tätig. „Vellum“ ist sein erster Roman, der Beginn einer Trilogie, deren Fortsetzung „Ink“ noch auf ihre Übersetzung wartet. „Vellum“ jedenfalls hat großes Aufsehen bei der Kritikerschaft ausgelöst – und seinen Übersetzer Hannes Riffel vor eine titanische Aufgabe gestellt, die dieser meisterlich gelöst hat.

_Das Buch der Stunden._

Die Story von Vellum erfassen zu wollen, ist so ähnlich wie der Versuch, einen Ameisenhaufen mit bloßen Händen zu tragen. Zunächst scheint einem das zu gelingen, wenn man von Unkin spricht, von Wesen, die gegeneinander Krieg führten und deren Sprache die Wirklichkeit zu formen in der Lage ist. Eine Phase der Einigkeit, ein Konvent zur Sicherung des Friedens, Unkin werden zu Engeln, aber nicht alle, Abtrünnige bleiben übrig, Dämonen, Grundstein für einen Krieg, der die Wirklichkeit erschüttert.

Zwischen all dem das ewige Stundenbuch, ein Buch, um das sich die Legenden ranken: alle Namen Gottes enthalte es, oder alle Sünden, oder alle Möglichkeiten, welche die Realität annehmen kann, oder, oder, oder. Reynard Carter schließlich findet dieses Buch, öffnet es, und verspritzt sich damit selbst über eine unüberschaubare Vielzahl von Wirklichkeiten.

Und genau an diesem Punkt beginnt sich der Ameisenhaufen schon aufzulösen: die Figuren krabbeln davon, die Handlungsstränge, Realitätsachsen und Zeitebenen, wie Ameisen kriechen sie einem über Arme und Beine, über das Gesicht hinab in den Kragen, wo sie zwicken und beißen, als wollten sie den Leser dafür bestrafen, dass er versucht, sie in ihrer ganzen Gestalt zu erfassen.

Thomas Messenger, Phreedom Messenger, besagter Reynard Carter, Seamus Finnan – sie alle treten auf, in verschiedenen Gestalten, zu verschiedenen Zeiten, unter anderem Namen, und als Leser muss man sich darauf verlassen, dass „die Dinge bleiben, was sie sind, je mehr sie sich verändern“, wie es irgendwo im Buch heißt. Lose wuchert die Geschichte um den Krieg zwischen Engeln und Dämonen, und um die Idee, dass sich die Realität falten lässt – auch wenn es wohl so etwas wie Kielwasser hinterlässt, wenn man sich recht dämlich anstellt beim Hüpfen durch die Wirklichkeitsebenen.

_Das Buch der zappelnden Szenen._

„Vellum“ wird alle Leser verschrecken, die es nicht leiden können, wenn es krabbelt und wimmelt, wenn es nichts gibt, was man packen kann. Um eines vorweg zu nehmen: Ich bin absolut kein Freund von Standardlektüre und begrüße jede Form des Experiments und der Konventionsdemontage. Eigentlich müsste ich also vor Verzückung im Dreieck springen und „Vellum“ einen Schrein in meinem Bücherregal errichten. Eigentlich.

Duncan bombardiert den Leser mit Informationen, mit Andeutungen, mit Auszügen aus mythischen Texten, mit Legenden, mit hart geschnittenen Action-Szenen, mit bizarren Dialogen, mit abgefahrenen Ideen, kurzum, er überschwemmt den Leser mit Einzelheiten, ohne eine Orientierung anzubieten, was denn nun für den Rest des Romans wichtig ist und was nicht. Story? Bestimmt. Irgendwo, zwischen den Zeilen, verschüttet vom Informationsoverkill; es besteht akute Migränegefahr beim Versuch, sie herauszufiltern. Manchmal kommt einem der wenig freundliche Gedanke, dass Duncan der Einzige ist, der weiß, was er mit seinem Buch wirklich sagen möchte, und dass er eine Mordsfreude dabei empfindet, wenn er sich seine Leser vorstellt, mit ratloser Grimasse sich am Kopf kratzend und auf der Suche nach einem roten Faden oder wenigstens einem Sinn.

Oh, vielleicht bin ich einfach zu dämlich, um diesen tieferen Sinn zu verstehen, vielleicht ist meine Suche nach einem tieferen Sinn schon Ausdruck von betonköpfiger Ignoranz, die sich „Vellum“ niemals nähern können wird. Dementsprechend sollen meine Worte auf keinen Fall als Aufruf missverstanden werden, die Finger von diesem Buch zu lassen! Ich persönlich weigere mich nur, vor Ehrfurcht zu erstarren, sobald ich etwas lese, das ich nicht verstehe. Und nur ich persönlich erwarte von einem Autor, dass auch er/sie sich etwas Mühe gibt, so etwas wie Spannung zu entfachen und eine Handlung zu erschaffen, irgendetwas, das auch einen Sog erzeugt und mich dazu zwingt, weiterzulesen. Duncan erwartet diese Mühe von seinen Lesern. Die Handlung muss man sich selbst herausarbeiten, die Motivation weiterzulesen selbst aufbringen und die Entscheidung darüber, ob das Ergebnis spannend ist, muss man selbst treffen.

_Das Buch der Geduldsproben._

Mit Sicherheit wird es Leser geben, für die genau die Patchwork-Dramaturgie von „Vellum“ einen solchen Sog erzeugt, denn ein gewisser Reiz wohnt den Szenenfetzen durchaus inne. Man liest einfach weiter, nur um herauszufinden, was denn wohl als nächstes geschehen mag. Auch Duncans sprachliche Fähigkeiten stehen außer Frage. Er verfügt über eine angenehm unverbrauchte und bildliche Sprache, jongliert gekonnt mit Metaphern, und wenn er es einmal schafft, dass dem Leser ein Licht aufgeht, dass dieser sich irgendwie orientieren zu können glaubt, dann packen Duncans Stilmittel auch kraftvoll zu. Schon in der nächsten Szene ist man allerdings derart damit beschäftigt herauszufinden, an welchem Punkt der Geschichte man sich nun wieder befindet, dass Duncans Sprachkraft einfach am Leser vorbeirauscht.

Es steht diesem aber eine faszinierende Reise bevor, wenn er die Mühe aufbringen möchte, sich all die Details zu merken und miteinander in Beziehung zu setzen. Denn genau das ist nötig, um all die Querverweise überhaupt erst einmal wahrzunehmen, die sich innerhalb der Geschichte und zwischen ihren Figuren auftun. Wenn man dann auch noch bereit ist, diese Detailmenge so lange mit sich herumzuschleppen, bis Teil zwei und drei erschienen sind, wo es wahrscheinlich ähnlich anspruchsvoll zugeht, dann kann man sich ruhigen Gewissens auf Hal Duncans Romanerstling stürzen.

Für mich persönlich würde das allerdings bedeuten, dass ich „Vellum“ nochmals lesen müsste, wenn der Nachfolger veröffentlicht wird, damit ich den Überblick nicht verliere. Ähnlich wird es mir dann mit diesem Nachfolger gehen, wenn die Veröffentlichung des dritten Teils ansteht. Bereits von der Vorstellung bekomme ich Kopfschmerzen. Ich persönlich werde daher einen weiten Bogen um alles machen, was mit dem „Buch der Stunden“ zu tun hat, und bin eben doch konservativer, als ich dachte – dieses Romanexperiment geht mir einfach zu weit.

Und „Experiment“ ist genau das Schlüsselwort. Offengeistigen Phantastik-Freunden, die bei diesem Wort zu lächeln beginnen, sei hiermit eine klare Antest-Empfehlung ausgesprochen. Alle anderen tun gut daran, ein Päckchen Aspirin in Griffnähe zu haben, wenn sie sich an „Vellum“ heranwagen. Anspruchsvolle, anstrengende Kost, die dem Leser keine Kompromisse anbietet.

|Originaltitel: Vellum
Übersetzt von Hannes Riffel
Taschenbuch, Broschur, 592 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52254-1|
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Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12]

Der Fahndungsdurchbruch in einem längst ‚kalten‘ Mordfall entpuppt sich als Teil eines Komplotts, durch das der wahre Täter aus der Schusslinie gebracht werden soll. Zwischen dem Erfolg der mächtigen Dunkelmänner und der Wahrheit steht nur der unbestechliche Polizist Harry Bosch … – In seinem 12. Roman um den unkonventionellen Ermittler lässt Connelly keinerlei Schwächen erkennen. Der Plot ist komplex aber schlüssig, die Umsetzung fesselt, das Tempo ist hoch und „Echo Park“ ein Pageturner, der dieses Prädikat verdient! Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12] weiterlesen

Kenner, Julie – Dämonen zum Frühstück (Die unglaublichen Abenteuer der Kate Connor 1)

Seit den Präsidentschaftswahlen in den USA im vergangenen Jahr kann auch jeder Bundesbürger etwas mit dem Begriff Soccer Mom anfangen. Eine Soccer Mom fährt mit ihrem riesigen Van die Kinder zur Schule, geht bei Wal-Mart einkaufen, holt die Kinder wieder ab, fährt sie zum Fußball, Ballett oder Kino und dazwischen macht sie den Haushalt und ist ihrem Ehemann eine treusorgende Ehefrau. Das klingt zunächst weder spannend noch nach dem Stoff für einen Roman, und doch hat sich Julie Kenner in „Dämonen zum Frühstück“ genau solch einer Soccer Mom angenommen.

Nun gut, es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass die Protagonistin des Romans, die zweifache Mutter Kate Connor, früher mal für die Forza – die Dämonenabteilung des Vatikan – Untote und Dämonen zur Strecke gebracht hat. Aber das ist schon seit Jahren vorbei. Mittlerweile ist sie mit dem Juristen Stuart verheiratet und hat zwei Kinder, eins im Teenager- und eins im Windelalter. Tatsächlich ist zu Beginn des Romans ihr größtes Problem eine Dinnerparty, die ihr Mann ihr kurzfristig aufs Auge drückt. Stuart will nämlich als Bezirksrichter kandidieren und muss dafür natürlich viele Hände schütteln. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass Horden von Politikern in Kates Haus einfallen und sie ihnen Delikatessen und teuren Wein auftischt, während sie gepflegte Konversation betreibt und die perfekte Ehefrau spielt. Für die meisten Frauen wäre schon diese Aufgabe Stress pur, doch Kates Situation verschlechtert sich schlagartig, als frühmorgens ein Dämon durch ihr Küchenfenster springt und sie zu töten versucht.

Plötzlich sieht sich Kate also mit mehreren Problemen konfrontiert: Sie war einst in das Städtchen San Diablo gezogen, weil es dort eben keine Dämonenaktivität gab. Wo kommt also plötzlich dieser Dämon her und was will er von ihr? Wie kann sie die Leiche verschwinden lassen? Und schafft sie es noch rechtzeitig, die Party vorzubereiten?

Julie Kenners Romanidee klingt zunächst spannend und kurzweilig: Was würde wohl passieren, wenn jemand wie die allseits bekannte Buffy Summers die Vampirjagd aufgibt und stattdessen sesshaft wird – so ganz klassisch mit Kind und Kegel? Und was passiert, wenn ihr altes Leben dann doch wieder an die Türe klopft? Dieser Clash der Kulturen könnte sich durchaus faszinierend gestalten, und doch schafft es Kenner nicht ganz, den Bogen zwischen humoristischer Frauenliteratur und fetziger Dämonenjagd zu schlagen.

Kenner schreibt ihre Kate Connor – die ihre Geschichte in der Ich-Form erzählt – flott und frei von der Leber weg. Das soll natürlich spritzig wirken und dem Leser den ein oder anderen Lacher entlocken. Nur leider traut Kenner ihrer Leserschaft nicht über den Weg. Jede ironische Bemerkung erklärt sie dem Leser groß und breit, was natürlich den Witz im Keim erstickt. Und ihr kurzweiliger Erzählstil führt hauptsächlich dazu, dass sie von einem Thema zum nächsten springt, in der Regel mit in Klammern gesetzten Einschüben, die auch schon mal eine halbe Seite in Anspruch nehmen können. Das nimmt das Tempo aus der Erzählung und nervt nach einer Weile nur noch.

Apropos nerven: Wer schon immer mal einen Roman über den Tagesablauf einer Hausfrau mit zwei Kindern lesen wollte, der ist bei „Dämonen zum Frühstück“ an der richtigen Adresse. Wer aber auf einen spannenden Roman hofft, in dem wenigstens zwischenzeitlich dämonisch die Post abgeht, der wird sich bei der Lektüre schnell langweilen. Kenner interessiert sich offensichtlich mehr fürs Hausfrauliche als fürs Dämonenjagende in Kate Connors Charakter. Wir erfahren nämlich ganz viel über Partys, Delikatessgeschäfte, pubertierende Mädchen, die Windeln eines Zweijährigen, Kates beste Freundin und darüber, dass deren Mann (der im Übrigen nie im Roman auftaucht) eine Affäre hat. Wir lernen was über Kindererziehung und wie man Leute verköstigt, wenn man nicht kochen kann. Wir begleiten Kate dabei, wie sie Todesängste aussteht, als sie ihren Sohn das erste Mal in den Kindergarten bringt, und steigen in die politische Karriere ihres Mannes ein. Wir erfahren dagegen ganz wenig über den Vatikan und dessen Geheimorganisation Forza oder Dämonen im Allgemeinen und Besonderen. Obwohl Kenner mehrmals von „Dämonen niederer und höherer Ordnung“ spricht, sieht sie sich nie bemüßigt, diese Begriffe wenigstens skizzenhaft auszuführen. So sind die Dämonen zwar irgendwie da, bleiben aber unerklärt – eine eigene Mythologie macht Kenner nicht auf.

Damit gibt es in „Dämonen zum Frühstück“ zwar ganz viel „Desperate Housewives“, aber ganz wenig „Buffy“, ganz viel amerikanische Alltagskultur, aber ganz wenig Dämonenjagd. Der Plot um den Oberdämon, der nach irgendeiner unbekannten Reliquie sucht, bleibt dünn und uninspiriert und die Auflösung am Schluss erweist sich kaum als überraschend. Überhaupt besteht Kates Dämonenjagd hauptsächlich darin, dass sie im verstaubten Kirchenarchiv sitzt und nach etwas sucht, von dem sie nicht weiß, was es ist. Diese Recherche-Szenen wiederholen sich, ohne dass sie den Plot voranbringen. Das wirkt auf Dauer ermüdend.

Genauso ermüdend sind die männlichen Charaktere, die Kenner einbaut. Kates Mann Stuart ist praktisch nie da (er arbeitet schließlich hart an seiner politischen Karriere), und da man die beiden selten zusammen als Eltern oder Ehepartner sieht, kann man nicht nachvollziehen, was Kate an ihm findet. Larson, der Kate als |alimentatore| (bei „Buffy“ würde man ihn Wächter nennen) vom Vatikan an die Seite gestellt wurde, zieht sich ebenfalls ständig aus der Affäre und taucht im Roman hauptsächlich auf, um Kate zu erklären, dass er keine Zeit hat und ins Gericht zurück muss (im Hauptberuf ist er Richter). Die einzige rühmliche Ausnahme ist der Karatetrainer Cutter, bei dem sich Kate kurzentschlossen anmeldet, um wieder in Form zu kommen. Cutter ist witzig und schlagfertig, definitiv eine Bereicherung für den Roman.

„Dämonen zum Frühstück“ ist ein Roman für Hausfrauen, die sich ein wenig mehr Action in ihrem Alltag wünschen. Wollte man Kenner hehre moralische Absichten unterstellen, so könnte man den Roman als ein Plädoyer dafür lesen, dass Mütter zurück in den Beruf sollten und es nicht verwerflich ist, sein Kind in eine Betreuung zu geben. Tatsächlich lässt Kenner Kates beste Freundin an einer Stelle sagen: „Du bist jetzt nicht mehr nur Hausfrau und Mutter. Kate Connor, du hast jetzt einen Job, der dich tagsüber beschäftigt.“ Eine solche Message ist natürlich zu begrüßen, doch scheint es, dass Kate Connor Probleme mit ihrem neuen „Job“ hat. Sie kann sich nicht recht trennen von ihrem Hausfrauendasein. Im Arbeitsleben ist sie jedenfalls noch lange nicht angekommen, und so mäandert der Roman irgendwo zwischen Küche und Waschmaschine und lässt dabei große Höhepunkte vermissen.

|Originaltitel: Carpe Demon
Übersetzung von Mechthild Barth
411 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-53283-0|
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Stephen King – Sunset

Inhalt

Sammlung von 13 Novellen und Kurzgeschichten, die den Einbruch des Schreckens in die alltägliche Welt ganz gewöhnlicher Zeitgenossen schildert:

Vorwort, S. 11-15

Willa (Willa, 2006), S. 17-45: Geistern bleibt die Wahl, wie sie die Ewigkeit verbringen möchten.

Das Pfefferkuchen-Mädchen (The Gingerbread Girl, 2007), S. 46-114: Dass ihr ein irrer Serienkiller im Nacken sitzt, weist ihr den Ausweg aus einer Lebenskrise.

Harveys Traum (Harvey’s Dream, 2003), S. 115-127: Sind Träume nur Schäume? Manchmal beantwortet sich diese Frage, ohne dass sie gestellt wurde. Stephen King – Sunset weiterlesen

Richardson, Kat – Greywalker

_Die Privatdetektivin Harper Blaine_ ist gerade noch dabei, dem Leser zu erklären, dass ihr Beruf lange nicht so gefährlich und glamourös ist wie allgemein angenommen, da wird sie auch schon von einem Klienten so heftig zusammengeschlagen, dass sie prompt im Krankenhaus landet. Zwar wird sie bald wieder entlassen, doch plagen sie seitdem seltsame Visionen, die sie schier in den Wahnsinn zu treiben drohen. Schlussendlich stellt sich heraus, dass der Angriff ihres Klienten sie das Leben gekostet hat – zumindest kurzfristig, denn sie wurde wiederbelebt, als die Rettungskräfte eintrafen. Allerdings hat sie einen bleibenden Schaden davongetragen, denn sie ist nun eine „Grauwandlerin“. Sie ist sowohl in der Realität zu Hause als auch im Grau – einem Ort, wo Dämonen und Geister verweilen.

Harper ist von dieser Entwicklung alles andere als begeistert, das Grau tendiert nämlich dazu, ständig und überall in ihren Alltag einzudringen: Während sie spazierengeht, laufen ihr Geister über den Weg, und wenn sie nicht aufpasst, wird sie unangemeldet ins Grau gesogen und muss sich plötzlich gegen seltsame Biester zur Wehr setzen. Harper will einfach nur, dass das alles aufhört, doch stattdessen werden die Bewohner des Grau von ihrer Präsenz angezogen und wollen nur allzu gern ihre Dienste als Privatdetektivin in Anspruch nehmen. Und so sieht sie sich plötzlich genötigt, ein obskures Möbelstück für einen Geist zu suchen und PR-Arbeit für einen Vampir zu leisten.

_Kat Richardson weiß, wie man schreibt_ – sie hat mehrere Jahre als technische Redakteurin gearbeitet und verfasste Rollen- und Computerspiele. „Greywalker“, 2006 in den USA erstveröffentlicht, ist jedoch ihr erster Roman, der gleichzeitig der Auftakt zu ihrer Romanreihe um Harper Blaine ist. Schon nach den ersten paar Seiten des Romans wird klar, dass Richardson mit „Greywalker“ einen astreinen Pageturner geschrieben hat, der nicht nur spannend und originell ist, sondern auch interessante und sympatische Charaktere zu bieten hat.

Da wäre zunächst einmal ihre Ich-Erzählerin Harper Blaine. Nun ist es ja so, dass es – betrachtet man die Urban Fantasy oder die Supernatural Romance – geradezu eine Schwemme von Romanen gibt, in denen Autorinnen weibliche Ich-Erzähler zu Wort kommen lassen. Das wirkt auf Dauer schnell ermüdend, und man hat irgendwann den Eindruck, Bücher vom Fließband zu lesen, die sich nur noch marginal voneinander unterscheiden. Doch obwohl auch Kat Richardson sich für eine weibliche, taffe Heldin entscheidet und diese als Ich-Erzählerin agieren lässt, wirkt „Greywalker“ frisch und überhaupt nicht abgekupfert.

Das ist sicherlich der Meisterschaft und Unverbrauchtheit der Autorin zu verdanken, und so wirkt auch Harper Blaine überraschend erfrischend. Denn was Harper von vielen anderen Dämonenjäger/innen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie zu Beginn des Romans ein ganz normaler Mensch ist. Ihre Fähigkeit ist ihr nicht angeboren und sie erfährt nur durch Zufall von der Existenz von Vampiren, Dämonen und Geistern. Damit erreicht Richardson zweierlei: Zum einen kann man sich als Leser wunderbar mit Blaine identifizieren – wie sie wagt man vorsichtig die ersten Schritte in das Grau hinein und ist gespannt darauf, was denn da nun kommen mag. Auf der anderen Seiten hat Richardson so eine hervorragende Möglichkeit gefunden, ihr eigenes Universum langsam und geradezu natürlich einzuführen. Schritt für Schritt erfährt man mehr über das Grau, diese parallele Realität, in der sich allerlei seltsame Wesen herumtreiben und die sich fast selbst wie ein Lebewesen verhält.

Doch nicht nur mit Harper freundet man sich schnell an. Richardson hält noch einen ganzen Apparat Nebencharaktere bereit, die jeweils genauso unterhaltsam, originell oder schräg sind. Da wären zum Beispiel die Danzigers, ein Pärchen, das mit seinem kleinen Sohn und seinem Hausgeist Albert in einem glühenden Haus wohnt (weil es auf einer magischen Ader steht) und sich mit allerlei Paranormalem auskennt. Mara Danziger ist Hexe und sich auch nicht zu schade, ihren Kuchen zu verzaubern, damit der Teig nicht anbrennt. Ben Danziger ist eher Theoretiker und wie alle Wissenschaftler überglücklich, wenn er jemandem seine Theorien auseinandersetzen kann. Gemeinsam nehmen sie Harper fortan an die Hand, um ihr zu erklären, wie sie sich am besten im Grau zurechtfindet.

Dann wäre da noch Quinton, eine Art MacGuyer für Alarmanlagen. Er baut innerhalb von Stunden aus drei Drähten und einem Kaugummi eine voll funktionstüchtige Alarmanlage und warnt Harper ganz trocken auch schon mal davor, sich nicht mit diesen Vampiren einzulassen. Quintons praktische und doch irgendwie skurrile Art könnte ihn in zukünftigen Bänden schnell zu Harpers bestem Freund werden lassen. Doch sollte er nicht Will in die Quere kommen, dem Love Interest – denn auch den muss es schließlich geben. Will ist Auktionator, groß gewachsen und ein Mann, wie er im Buche steht. Nur leider kommt Harpers neue Lebensphilosophie ihren Dates wiederholt in die Quere und die meisten Männer lassen sich nicht endlos versetzen …

Ebenso interessant wie Richardsons Charakterentwurf ist ihr Universum, das Grau. Bisher hat Harper nur erste Schritte in diese unbekannte Welt gewagt, und so kann man kaum vorhersagen, welche seltsamen Wesen Richardson noch aus dem Hut zaubern wird. Auf jeden Fall ist das Grau schon jetzt spannend und sicher in zukünftigen Romanen noch ausbaufähig.

Eigentlich gibt es nur einen Kritikpunkt, und auch der ist nicht völlig ernstzunehmen: Für einen Roman, der 2006 veröffentlicht wurde und offensichtlich im Hier und Jetzt spielt, ist es absolut anachronistisch, dass keiner der Charaktere ein Handy besitzt. Stattdessen laufen alle Figuren mit Piepern herum, die eigentlich schon seit zehn Jahren kein normaler Mensch mehr benutzt.

Doch das nur nebenbei… Denn ansonsten ist „Greywalker“ ein wunderbar runder Roman, den man mit Leichtigkeit in ein paar Tagen geradezu verschlingen kann.

_Kat Richardson_, geboren in Kalifornien, arbeitete nach einem Publizistikstudium in diversen Zeitschriftenverlagen in L.A., bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Derzeit lebt die Autorin, zu deren Hobbys Scheibenschießen und Motorradfahren zählen, mit ihrem Mann, zwei Frettchen und einer launischen alten Katze auf einem Segelboot vor Seattle. Ihr Mystery-Debüt „Greywalker“ war in den USA auf Anhieb ein Erfolg.

|Originaltitel: Greywalker
Übersetzt von Franziska Heel
512 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3-453-43310-6|

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Hinweis: Im Dezember 2008 erschien der Folgeband „Poltergeist“, im August 2009 folgt „Underground“.

Dmitry Glukhovsky – Metro 2033

Die Welt, wie wir sie heute kennen, gibt es nicht mehr in Dmitry Glukhovskys Roman „Metro 2033“, denn die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts sind ganz in der Tradition der negativen Utopie nicht zur Verbesserung des menschlichen Lebens genutzt worden. Sie haben im Gegenteil zu Kriegen und der kompletten Vernichtung der Erde geführt. Wie im Laufe des Romans deutlich wird, hat ein Atomschlag alles bekannte Leben auf der Erde ausgelöscht. Zurückgeblieben sind zerstörte Geisterstädte, in denen sich in den vergangen Jahrzehnten Lebensformen entwickelt haben, die den vormaligen Herrscher über die Erde trotz nachlassender Strahlung in die U-Bahnnetze zwingen und selbst dort noch seine Existenz bedrohen.

Auch in der Moskauer Metro haben Menschen überlebt; unter ihnen der zwanzigjährige Artjom. Dieser wohnt mit seinem Ziehvater Suchoj in der Station WDNCh. Man hat sich in dem neuen Leben eingerichtet und es so organisiert, dass das Überleben gesichert ist und ein Mindestmaß an menschlicher Kultur bewahrt werden kann. Artjom ist zwischen seinen Freunden, alten Büchern, Schweinezucht und Pilztee aus dem Samowar behütet aufgewachsen. Abgesehen von einem verbotenen Ausflug an die Oberfläche nahe seiner Metrostation, hat er die WDNCh nie verlassen. An die Außenwelt hat er nur noch vage Erinnerungen, und auch die Dimensionen der Moskauer U-Bahn-Anlage haben sich ihm längst nicht erschlossen, obwohl über Reisende (vornehmlich Händler) Nachrichten aus anderen Stationen und deren Beschreibungen bis in die eher als abgelegen geltende Heimat des jungen Mannes gelangen.

Als jedoch eine ganze U-Bahn-Station von den so genannten Schwarzen massakriert wird und diese sich auch in der Nähe der WDNCh zeigen, wird schnell klar, dass nicht nur diese Station, sondern die gesamte Metro bedroht ist. Plötzlich ist es an Artjom, die Metro zu durchqueren und Hilfe zu holen. Aber neben der Tatsache, dass er die gesamte Strecke auf sich allein gestellt zu Fuß bewältigen muss, kommt erschwerend hinzu, dass sich die Menschen selbst nach der atomaren Katastrophe nicht zu einer Einheit zusammengeschlossen haben, sondern die Kriege unter der Erde fortgeführt wurden, bis sich verschiedene Macht- und Einflussgebiete herauskristallisierten, welche nun mit Hilfe von Abkommen, Kontrolle und notfalls auch nackter Gewalt gehalten werden. In den finsteren Tunneln zwischen den Stationen verschwinden oder sterben Menschen auf unerklärliche Weise. In den Stationen selbst regieren Angst, Hass und Grausamkeiten, die jedoch nicht weniger beängstigend wirken als die aufgesetzte Liebenswürdigkeit der Zeugen Jehovas, welche Artjom zu bekehren versuchen, oder das nur für einige Menschen Bildung verheißende Kastenwesen der Polis.

Auf knapp 800 Seiten beschreibt der russische Autor Dmitri Glukhovsky solchermaßen nicht nur Artjoms Weg durch die Tunnel und die verschiedenen Metrostationen, sondern auch Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsformen sowie mit verschiedensten Lebensentwürfen. Die Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens werden überwiegend von Strömungen, die noch im 20. Jahrhundert existierten, abgeleitet: Kommunismus, Nationalsozialismus oder religionsbegründete Gemeinschaften. Außerdem hat man tief im Inneren der Metro die neue Religion um den „großen Wurm“ erschaffen.

Somit entwirft der Autor neben einer spannenden Handlung ein komplexes Bild der in Grüppchen zerfallenen Gesellschaft, welche sich nach der Katastrophe in den Stationen der Metro geformt hat. Ein solches räumlich abgeriegeltes System zur Darstellung einer möglichen zukünftigen Gesellschaft, in welcher Ursachen und Wirkungen vom Autor genau berechnet werden können, kennt die Literatur seit Thomas Morus‘ Insel [„Utopia“ 1841 (1516). Glukhovskys Metro-Universum funktioniert als ebensolche Insel, auf der sich das alte Leben zu erhalten versucht, während ringsum die Bedrohung durch Mutanten und neue Lebensformen verhindert, dass die Menschen aus ihrem selbst gewählten Exil ausbrechen können. Alle übergeordneten Energien werden dazu verwendet, dieses Universum zu schützen, während die Stations-„Kleinstaaten“ auch individuell gegen Eindringlinge und Veränderung vorgehen.

Erst zum Schluss wird offensichtlich, dass die alten Fehler der Menschheit wiederholt werden und in erneuter Vernichtung gipfeln. Es bleibt außen vor, ob eine Kooperation mit den auf noch wenig erklärliche Weise kommunizierenden neuen Lebewesen vielleicht hilfreicher als ihre Vernichtung gewesen wäre, denn immerhin ist es ihnen vergönnt, auf der Erdoberfläche existieren zu können. Doch mit dem Tod der weiterentwickelten Spezies wird es auch in dieser negativen Utopie keine Entwicklung geben können. Es besteht wenig Hoffnung auf Veränderung oder gar eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, selbst wenn eine Figur namens Kahn dem Helden versichert, dass wer kühn und beharrlich genug sei, ein Leben lang in die Finsternis zu blicken, darin als Erster einen Silberstreif erkennen würde.

Den Menschen in Glukhovskys Metro-Universum steht Technik nur noch in Form von Relikten aus der Vergangenheit zur Verfügung; ausgehend vom weit entwickelten technischen Verständnis unserer Tage, sind sie damit auf die Stufe der Produktion von Nahrungsmitteln zurückgeworfen worden. Der kulturellen Entwicklung ist es nicht anders ergangen. Alte Bücher sind wertvolles Handelsgut, und selbst die erbärmlichste Schwarte wird gehegt und gepflegt, denn auch sie ist zum vergänglichen Bewahrer des Wissens der Menschheit und des Wissens um eine vormalige bessere Zeit geworden, welche in der Erinnerung bereits märchenhafte Züge annimmt. Sie sind ein Symbol der Errungenschaften des menschlichen Geistes, in denen sich die gegenwärtige menschliche Existenz der sich unter die Erde verkrochen habenden Würmer auf groteske Art spiegelt.

Die Klassiker bilden dabei den größten Schatz, denn sie tragen moralische Werte und nähren den Wunsch nach Veränderung. Sie können jedoch nur die Keime anlegen, welche in Menschen wie Artjom, Khan oder Melnik, den Artjom zur Hilfe holen soll, zur Entfaltung kommen. Es gibt nur wenige Menschen wie sie, die nicht ihren gesamten Antrieb und ihre Struktur aus einer der gesellschaftlichen Strömungen angepassten Lebensweise erhalten. Diese Menschen werden zu Helden, denn so verführerisch der Halt oder die Orientierung der angebotenen Lebensweisen auch erscheinen mögen, ist es ihnen vergönnt, darüber hinauszuwachsen. Dazu trägt die Tatsache maßgeblich bei, dass sie sich sowohl in der gesamten Metro als auch außerhalb bewegen. Die so gewonnenen Erfahrungen erlauben ihnen einen kritischen Außenblick auf das gesamte Metro-Universum. Kommen sie dabei der Frage nach der Wahrheit auch nicht wesentlich näher, so können sie dennoch erkennen, dass alles Dargebotene nicht der Wahrheit entsprechen kann.

Besonders interessant gestaltet Glukhovsky die unbekannte Kultur, welche sich in Nebentunneln der U-Bahn formiert hat. Dort haben die veränderten Lebensbedingungen der Menschen eine an die Situation unter der Erde angepasste Religion hervorgebracht. Diese basiert auf dem Mythos des „Großen Wurms“ als sich durch die Erde bohrendem Schöpfer. Er gilt als Vater, der alle Anhänger der Religion erschaffen haben soll. Diese fürchten ihren Gott und suchen durch seine Anbetung doch gleichzeitig seinen Schutz. In der archaischen Erscheinung des „Großen Wurms“ erkennt der Leser sofort, dass es sich um die ‚Personifizierung‘ eines U-Bahn-Zuges handeln muss. Die Erfinder hatten sicherlich noch lebhafte Erinnerungen an Züge, deren geöffnete Türen die Fahrgäste ausspeien. Diese zunächst lächerlich-zwanghaft anmutende Religion bildet traurigerweise die einzige Innovation unter Tage und wurde auch nur dazu erfunden, die geistig und körperlich degenerierten Menschenwesen, welche in einem von der Strahlung stark betroffen Bereich der Metro leben und sich fortpflanzen, unter Kontrolle zu halten und ihnen einen Lebenssinn zu geben, damit ihre charismatischen Anführer ihre Version einer besseren Menschheit verwirklichen können. Doch outet der von Artjoms Truppe gefangene Priester sich und seine Religion alsbald als vom Hass auf alle anderen überlebenden Menschen zerfressene und ebenso große Bedrohung für die restliche Metro wie die Schwarzen, die es jedoch zunächst zu bekämpfen gilt.

Leider wirken alle Geschehnisse ab der Bekanntschaft mit dem „Großen Wurm“ auf eine Fortsetzung ausgelegt, denn zu vieles wird nur noch angedeutet. Die Reise durch die Metro erscheint plötzlich als eine lange Einführung in die „neue Welt“. Werden sich die Menschen weiterhin gegenseitig aufreiben? Gibt es den „Großen Wurm“ vielleicht tatsächlich? Existiert er als etwas völlig anderes in der Metro – zum Beispiel als großer Bohrer, der dazu benutzt wird, neuen Lebensraum anzulegen? Da man nicht weiß, was alles möglich sein könnte, ist nichts unmöglich – selbst ein riesiges Tier oder ein noch fahrtüchtiger Metro-Zug.

Die Vernichtung der Schwarzen wirkt im doppelten Sinne unbefriedigend. Abgesehen von der moralischen Komponente (alles Fremde wird wie immer ausgelöscht), hat Artjom seine „Auserwähltheit“ als Vermittler zu spät begriffen. Doch ebenso gut könnte die Auslöschung der Fremden nur auf der Erdoberfläche erfolgt sein. Da man von den Wesen so gut wie nichts erfährt, können sie durchaus in einem Zusammenhang mit den Bohr- oder Zuggeräuschen stehen, welche Artjom in einem der Nebentunnel gehört haben will. Außerdem hat sich ein aus einer wabernden Masse bestehendes Wesen im Kreml eingenistet, das die Menschen hypnotisch anzieht und verschlingt.

Und nicht zuletzt heißt es auf der letzten Seite vor einem umfassenden Anhang mit Begriffserklärungen: |“Die Reise geht weiter“|. Hoffen wir es, und hoffen wir auch, dass die mögliche Fortsetzung ebenso fesselnd und originell wird wie „Metro 2033“. Der Roman hat jedenfalls so stark eingeschlagen, dass ein auf ihn basierendes Computerspiel in Planung ist, und denkt man an die „Wächter“-Trilogie des auf dem Umschlag des recht robusten |Heyne|-Paperbacks zitierten Sergej Lukianenko, dann kann man eine Verfilmung wohl ebenso wenig ausschließen.

|Originaltitel: Metro 2033
Aus dem Russischen von M. David Drevs
783 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-53298-4|
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Martin, George R. R. – Fiebertraum

Wir schreiben das Jahr 1857. Abner Marsh ist Dampfschiffer auf dem Mississippi und hat seine eigene Packet Company. Doch leider war ihm das Glück nicht hold – der letzte Winter war so kalt, dass der Fluss zufror. Das Eis zerstörte seine Schiffe; bis auf die kleine |Eli Reynolds|, ein altes, ziemlich unauffälliges Schiff, mit dem es schwerfallen wird, wieder zu Geld zu kommen.

Eigentlich ist Marsh also finanziell ruiniert, doch taucht unvermittelt ein neuer Geschäftspartner mit scheinbar uneingeschränkten Geldmitteln auf. Joshua York gibt vor, ins Dampfschiffgeschäft einsteigen zu wollen. Er will das Geld zur Verfügung stellen, um das größte, schnellste und imposanteste Dampfschiff bauen zu lassen, das je auf dem Mississippi unterwegs war. Als Gegenleistung dürfen er und seine Bekannten jederzeit kostenfrei auf dem Schiff fahren. Marsh ist skeptisch, schließlich vermutet er, dass York ihm nicht alle seine Motive offenlegt. Doch die Aussicht auf das schnellste Dampfschiff lässt ihn einschlagen: Ist es doch sein Traum, die |Eclipse| in einem Rennen zu schlagen.

Natürlich tut Marsh gut daran, York nicht uneingeschränkt zu vertrauen, denn gleich die erste Fahrt der neu gebauten |Fevre Dream| gerät zur Katastrophe: York, der eigentlich ein Vampir ist, verfolgt den Plan, alle seine Artgenossen am Flusslauf auszumachen und ihnen seine eigene Erfindung, nämlich eine Art künstliches Blut, anzubieten. Nicht alle sind von dieser Neuerung begeistert. Besonders der uralte Dämon Julian will nichts davon wissen, dass er in Zukunft nicht mehr an Frauenhälsen knabbern soll. Ein Kampf zwischen York und Julian entbrennt, und Marsh findet sich und sein Schiff plötzlich in der Schusslinie. Und dann macht sich Julian auch noch mit Marshs heiß geliebter |Fevre Dream| aus dem Staub.

George R. R. Martin, Jahrgang 1948, ist den meisten sicherlich durch seinen breit angelegten Fantasyzyklus [„Das Lied von Eis und Feuer“ 3637 ein Begriff, doch der Amerikaner hat noch einiges mehr zu bieten, unter anderem eben „Fiebertraum“ aus dem Jahr 1982. Martin verwebt hier zahlreiche Themen und Motive, sodass man nicht immer sicher sein kann, was für eine Art Roman man vor sich hat – aber dies macht in dem Fall einen Großteil des Lesevergnügens aus.

Ist „Fiebertraum“ vielleicht ein Vampirroman? Sicherlich, schließlich dreht sich die Handlung um die beiden antagonistischen Charaktere Joshua York und Dämon Julian. Wir erfahren viel über York, einen sensiblen, vergeistigten, gebildeten Mann, der es leid ist, dass Menschen und Vampire in Feindschaft leben müssen. Sein Traum ist es, mithilfe seines Wundertranks beide Rassen zu Freunden machen zu können. Julian dagegen ist ein geborenes Raubtier. Für ihn sind Menschen nichts weiter als Vieh, er bedient sich ihrer, um seinen eigenen Hunger zu stillen. Er kennt keine Moral und keine Gewissensbisse, denn für ihn ist ein Mensch kein gleichberechtigtes Wesen. Und so treffen zwei völlig gegensätzliche Weltanschauungen aufeinander, und beide Vampire kämpfen mit aller Macht um die geistige Vorherrschaft.

Dieses Gegenüberstellen von Menschenfreund und Raubtier hat es auch schon in anderen Romanen gegeben, als Beispiel seien nur Louis und Lestat aus [„Interview mit einem Vampir“ 68 genannt. War es in Anne Rices Roman von 1976 noch eine Schlüsselszene, dass der Vampir Louis sich in schierer Verzweiflung über die Abwesenheit Gottes auf einen Priester stürzt, so ist die gleiche Szene sechs Jahre später bei Martin kaum mehr als eine Fußnote: Dass Religion York nicht helfen kann, stellt er in wenigen Stunden fest. Der Priester, der mit ihm betete, überlebt die Begegnung nicht, und der Vampir wendet sich ohne Reue anderen Heilsbringern zu (in diesem Fall der Wissenschaft). Und obwohl der Konflikt zwischen „gutem“ und „bösem“ Vampir ein uralter ist, gewinnt ihm Martin doch immer wieder faszinierende Seiten ab. Während York kultiviert und freundlich daherkommt und man seinen Ausführungen mit Interesse und Zustimmung lauscht, ist Dämon Julian grausam bis zum kompletten Wahnsinn, scheint er doch nicht einmal sein eigenes Leben wertzuschätzen.

Und doch ist „Fiebertraum“ nicht nur ein Vampirroman. Martin eröffnet dem Leser gleichzeitig ein historisches Panorama von einer selten dagewesenen Pracht und Fülle. Er entführt ihn in diese fremde und vergangene Welt der riesigen Mississippi-Dampfer und zeigt den Luxus und die Dekadenz dieser Zeit. Da gibt es endlose Reihen von Spiegeln, Silberverzierungen, flauschige Teppiche, großformatige Gemälde und barock eingerichtete Kabinen. Und es wird gegessen! Marsh, ein 150-Kilo-Mann, isst ständig. Schon zum Frühstück verputzt er Brathuhn und Speck in rauen Mengen. Martin lässt sich keine Gelegenheit entgegen, seinen Dampferkapitän beim Essen zu zeigen, und natürlich sind diese Szenen nicht nur Selbstzweck. Sie beschreiben Marsh als einen Lebemann – gerade im Gegensatz zum asketischen York – während dem Leser bei der Beschreibung all dieser Leckereien unweigerlich das Wasser im Mund zusammenläuft.

„Fiebertraum“ ist genau das – ein Leseerlebnis, das unwirklich wie die Nebelbank auf einem Fluss erscheint. Der Roman ist spannend und fesselnd, die Charaktere packen den Leser und lassen ihn nicht mehr los. Doch darunter, unter dieser Oberfläche, da versteckt sich eine unterschwellige Melancholie, eine Art Trauer um die Vergänglichkeit der Zeit. So wie Martins New Orleans eine Stadt des versteckten Verfalls ist, so lässt er den Leser nie vergessen, dass hinter der Realität der Tod und das Vergessen lauern. Allein der Vampir lebt ewig, und genau das ist sein Fluch.

|Originaltitel: Fevre Dream
Übersetzung: Michael Kubiak
überarbeitete Neuausgabe 2008
ISBN-13: 978-3-453-53285-4|
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