Journalist Nick Bishop soll einen Artikel über das Startup Clarity, Inc. schreiben, das eine Mindfulness-App veröffentlichen will. Er kehrt in seine Heimatstadt in Maine zurück und quartiert sich im Sommerhaus seiner Familie ein. Beim Interview lässt sich Nick von Firmengründer Bryce überreden, die App zu testen. Nach Atemübungen und weißem Rauschen kommen die Schlaflieder: eine traurige Frauenstimme singt eine verstörende Ballade. Das Lied funktioniert, Nick fällt sofort in einen tiefen Schlaf. Doch mit dem Schlaf kommen die Albträume, und schon bald kann Nick nicht mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden. Ihm wird klar, dass Clarity, Inc. ihn gezielt als Testperson ausgewählt hat – und dass er das Geheimnis des Gesangs ergründen muss, wenn er sein Leben retten will … (Verlagsinfo)
Amerika in der nahen Zukunft: Special Agent Logan Ramsay kommt bei einem Einsatz mit einer unbekannten Substanz in Berührung. Zunächst ohne Folgen, wie Logan erleichtert feststellt. Doch dann beginnt er Veränderungen an sich zu bemerken: Seine Sinne sind geschärfter, sein Erinnerungsvermögen unschlagbar, er ist körperlich fitter. Dass ausgerechnet er dieses »Upgrade« erfährt, hat einen Grund, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Zu einem schrecklichen Familiengeheimnis, das Logan am liebsten vergessen würde. Doch damit nicht genug:… (Verlagsinfo)
Das Vorwort von Jon Krakauer macht es klar, worum es letztlich auch in diesem Bergsteigerbuch geht: um die Katastrophe am Everest von 1996, über die Krakauer seinen verfilmten [Bestseller 1130 schrieb. So viele andere Teilnehmer haben schon ihre Meinung darüber abgegeben – Boukreev, Gammelgaard etc. -, dass man sich fragt, ob auch Breashears Buch nötig war, ja, ob es überhaupt noch etwas Neues zu vermitteln vermag. Breashears (sprich: brä’schias) ist bekannt als Regisseur und Kameramann des IMAX-Films „Everest“. Er drehte auch bei „Cliffhanger“ mit.
Der Eindruck des Vorworts trügt jedoch: Wer das Buch zur Gänze gelesen hat, dem wird klar, dass die Katastrophe von 1996 wirklich nur eine aufgebauschte Episode in der mörderischen Wirklichkeit des Extrembergsteigens darstellt. Und da Breashears dessen Entwicklung von Anfang an mitverfolgen konnte, wunderte es ihn keineswegs, dass so viele umkamen – obwohl es ihn schmerzte, mit Scott Fischer einen seiner besten Freunde verloren zu haben. Das Wiedersehen mit Fischers erstarrter Leiche am Hillary Step ist denn auch das Eingangsbild zu diesem Buch, das an extremen, emotional bedrückenden Episoden nicht arm ist.
_Themen_
Breashears ist zweifellos einer der besten Bergsteiger der Welt. Er hat den Everest schon fast ein Dutzend Mal bestiegen. Doch auch er hat einmal ganz jung und unbekannt angefangen. In diesen seinen Erinnerungen erzählt er, wie er überhaupt dazu kam, in die Berge zugehen und immer wieder zu versuchen, seine eigenen physischen und psychischen Grenzen zu testen und weiter hinauszuschieben. Einer seiner größten Triumphe ist denn auch die Erschließung einer eigenen Extremroute („Perilous Journey“) durch eine scheinbar völlig glatte Felswand in den Rockies. Unter Insidern erhielt er den Namen „The Kid“. Diese Kapitel sind absolut faszinierend zu lesen, selbst für Nichtbergsteiger. Denn es geht nicht so sehr um das Handwerk als vielmehr um die mentale Vorbereitung und Anstrengung beim Klettern. Und dies kann jeder nachvollziehen, der schon einmal Sport getrieben hat.
Doch Breashears Bestimmung waren der Himalaja und das Filmen. Den Weg zu beiden Zielen musste er sich hart erarbeiten. Das hat ihn unter anderem seine Ehe gekostet. Anderes als es vielleicht so mancher Kollege getan hätte, legt David uns sein Herz offen und bekennt ganz klar, was schief gelaufen ist: der Konkurrenz- und Termindruck, aber auch ein wenig das Weglaufen vor dieser Verpflichtung. Er entfremdete sich seiner zunächst geliebten Frau, die ebenfalls eine hervorragende Kletterin ist. Oberste Priorität haben die Berge – und sie fordern noch viele weitere Opfer von ihm.
So verliert er beispielsweise mehrere Sherpas an der tückischen Nordseite des Everest. Er hat es nie geschafft, den Everest von Tibet aus zu bezwingen. Im von den Chinesen besetzten Tibet riskiert er mehrmals seine Freiheit, als er Dissidenten trifft und fürs US-Fernsehen filmt. David ist dort heute |persona non grata|. Schließlich die Katastrophe am Everest ’96. Er beschönigt seine Rolle als Expeditionsleiter keineswegs, auch nicht, wie rau und ungerecht er zuweilen gegenüber Konkurrenzexpeditionen auftreten musste. Er bedauert diese Ausrutscher zutiefst. Diese Ehrlichkeit macht ihn so integer und sympathisch. Und deshalb ist der Leser auch bereit, sein negatives Urteil über den Expeditionsleiter Rob Hall zu akzeptieren.
Breashears riskierte sein Leben nicht nur im Schneesturm ’96, sondern noch einmal ein Jahr später, als er zu wissenschaftlich-medizinischen Zwecken wieder in die Todeszone über 7000 Metern aufstieg. Die Fakten über die lebensfeindlichen Bedingungen dort oben können durchaus abschrecken.
_Fazit_
Breashears Erinnerungen sind nicht nur für Bergsteiger, die der Himalaja reizt, interessant, sondern auch für Laien. Denn er versteht es, uns auch den Menschen und seine Seele näher zu bringen. So schildert er beispielsweise die große negative Rolle, die sein autoritärer Vater für ihn und seine Familie spielte. Breashears erweckt aber auch Hochachtung, wenn er uns erklärt, was für eine Anstrengung es bedeutete, das Monster von einer IMAX-Kamera, die mehr als 20 Kilo wiegt, auf den Gipfel des Everest zu schleifen und dort oben sogar Aufnahmen damit zu machen. Kein Wunder, dass er sie immer „das Schwein“ genannt hat.
Die Übersetzung ist grundsätzlich astrein. Die Fotos sind sehr zahlreich und jeweils mit genau passender Bildunterschrift versehen. Es gibt – oh, Entzücken! – ein Stichwortregister, einen Bildnachweis und Karten. Das alles hat natürlich seinen Preis. Der Originaltitel übrigens ist ein ausgefuchstes Wortspiel: „high exposure“ steht nicht nur für die „Belichtung“ eines Films, sondern auch dafür, sich den extremen Höhen des Everest „auszusetzen“. David Breashears hat trotz dieser „exposure“ sicherlich noch alle Hirnzellen beisammen, wenn er solche Titel – und Bücher – zustande bringt.
|Originaltitel: High Exposure, 1999
Aus dem Englischen übertragen von Bernhard Schmid|
Wenn es etwas gibt, das man Stephen King, dem Meister des Alltag-Horrors, nicht vorwerfen kann, dann ist es ein Mangel an Abwechslung in seinen Geschichten.
Dass ein Stoff mehrmals aufgewärmt wird, wie etwa bei den Genrekollegen Koontz oder Herbert, kommt bei King eher selten vor, was wohl einfach an dem schier unerschöpflichen Ideenpotenzial dieses Mannes liegt. Ausnahmen, wie der unsägliche „Rose Madder“-Roman, der mehr als nur eine Parallele zum „Feind in meinem Bett“ aufwies, sollen vorkommen; allerdings ist dieser Roman auch in der wohl schwächsten Phase Kings erschienen, welche 1992 mit „Geralds Game“ („Das Spiel“) begann und mit dem spannenden Doppelpack „Regulator“ und „Desperation“ zum Glück wieder vorbei war.
Dass King auch noch richtige Meisterwerke abliefern kann, hat er spätestens mit „The Green Mile“ ziemlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dabei kam der Fortsetzungsroman, ebenso wie bereits die geniale Novelle „The Shawshenk Redemption“ oder „Dolores“, ganz ohne Horror-Elemente aus, zumindest beinahe. Auch in seinem aktuellen Werk spielt das Übersinnliche nur eine eher untergeordnete Rolle.
Mit „Atlantis“ wird Stephen King so manchen Leser überraschen, denn der Roman stellt die bislang wohl ungewöhnlichste, gleichwohl aber auch ohne Zweifel die anspruchsvollste Arbeit des Amerikaners dar. Wobei die Bezeichnung „Roman“ eigentlich nur bedingt zutrifft, da die vier Abschnitte, aus denen das Buch besteht, nur in einem losen Zusammenhang stehen, der sich weniger auf die Handlung, sondern eher auf die Personen bezieht. Diese bilden aber ohnehin das Hauptelement des Buches und bestechen – wie so oft bei King – durch eine unglaublich lebendige, farbige Charakterzeichnung.
Was die Handlung anbelangt, so ist hier eigentlich nur der erste Teil in der typisch Kingschen Erzählform verfasst. King spannt einen chronologischen Bogen, der in den frühen 60ern seinen Anfang nimmt und bis ins Jahr 1999 reicht, wobei die 60er jedoch das tragende Element des Buches bilden.
So dreht sich im ersten Teil alles um den 11-jährigen Bobby Garfield, der zusammen mit seiner jähzornigen und vom Leben enttäuschten Mutter in einer Kleinstadt lebt und dort im Jahr 1960 die Bekanntschaft mit Ted Brautigan macht, einem älteren Herrn, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht und sich in Bobbys Haus zur Untermiete einquartiert. Sehr zum Leidwesen von Bobbys Mutter (von King hervorragend dargestellt), schließen die beiden schnell Freundschaft. Ted vertraut Bobby an, dass er auf der Flucht vor ominösen Männern in gelben Mänteln ist, die in grellbunten Wagen unterwegs sind und die trotz oder gerade aufgrund ihrer Auffälligkeit von den Erwachsenen nicht bemerkt werden. Nur Kinder können sie sehen. Anfangs glaubt Bobby, dass es sich bei den Männern in Gelb nur um Phantasiegeschöpfe handelt, doch als Ted ihm anbietet, sich ein paar Dollar zu verdienen, indem er nach merkwürdigen Zeichen Ausschau hält, mit denen sich die Männer untereinander verständigen, muss er seine Meinung recht bald ändern.
Spätestens an dieser Stelle wird der eine oder andere Leser ein Déja-Vu-Erlebnis haben. Dass Stephen King gern mal dazu neigt, Verknüpfungen zwischen seinen einzelnen Werken zu schaffen, ist dem aufmerksamen Fan vor allem bei den neueren Werken sicher nicht entgangen. In diesem Fall musste die Saga vom „Dunklen Turm“ für eine Verbindung herhalten {und auch Anleihen bei „Schlaflos“ sind erkennbar, Anm. d. Lekt.}, was jedoch durchaus geglückt ist, auch wenn die beiden Werke rein handlungstechnisch eigentlich nicht so recht zusammenpassen wollen.
Dieser erste und umfangreichste Teil ist eindeutig der beste – und das nicht nur, weil es der einzige ist, der eine komplexe Handlung und wirkliche Spannungsmomente aufweist. Vielmehr ist King mit diesem Abschnitt auch stilistisch wieder mal ein kleines Meisterwerk gelungen, was nicht zuletzt auch der wirklich guten Übersetzung zu verdanken ist. (Vielleicht hat dem sonst üblichen King-Übersetzer Joachim Körber die Pause auch mal gut getan.)
Doch auch was den Rahmen für die weitere Handlung anbelangt, ist der erste der wichtigste Teil. Indem King die Kindheit seiner Protagonisten beschreibt, leistet er hier nämlich die Vorarbeit für seine späteren Kapitel, deren einziger Bezug zum Hauptteil eben diese Erinnerungen der handelnden Personen an ihre Kindheit und die Beziehungen der Charaktere untereinander darstellen. So wird das Geschehen im zweiten Teil aus der Sicht einer Person geschildert, die zwar im ersten nicht vorkommt, die aber wiederum eine Beziehung zu einer anderen Person aus Teil 1 unterhält, so dass sich der Kreis hier wieder schließt.
Schauplatz dieses zweiten Abschnitts ist eine Universität, an der es Mitte der 60er Jahre zu Auseinandersetzungen der Studenten mit der Vietnamproblematik kommt, während sich langsam so etwas wie eine Friedensbewegung zu entwickeln beginnt.
Mit beängstigender Nüchternheit beschreibt King das Los der Studenten, für die ein guter Notendurchschnitt nichts anderes bedeutet, als überleben zu dürfen – denn wer die Uni verlässt, muss damit rechnen, sofort eingezogen zu werden.
Ahnungslos, wie schrecklich der Vietnamkrieg tatsächlich ist, spielen die Studenten aber lieber Karten, was für einige zu einer regelrechten Besessenheit wird, die sie direkt in den Dschungel führt. King ist mit diesem Teil der Kunstgriff gelungen, das Thema Vietnam mal von einer ganz anderen Seite her zu beleuchten. Selten konnte man sich so gut in die Lage der jungen Menschen versetzen, die in der grünen Hölle ihr Leben verloren, selbst wenn sie nicht den Tod fanden.
Nach einem kurzen Ausflug in die Achtzigerjahre, welcher den Alltag eines schizophrenen Vietnam-Veteranen beschreibt (wiederum eine Figur aus Teil 1), widmet sich King im letzten Teil wieder einer dem Leser vertrauten Figur, nämlich Sully (dem ehemaligen Freund von Bobby Garfield), der nun ebenfalls ein Vietnam-Veteran ist und – wie sollte es anders sein – von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird.
Anhand dieser kurzen Handlungsübersicht wird wohl bereits deutlich, wie vielschichtig dieses Werk ist. Der Autor versteht es ebenso meisterhaft, den Leser auf der einen Seite das Flair der 60er Jahre nachempfinden zu lassen, wie er ihm auf der anderen Seite die Grausamkeiten des Krieges vor Augen führt. King zeichnet hier vor allem im dritten Abschnitt ein überaus reales, plastisches Bild und beschreibt das Chaos in den Köpfen der Überlebenden so, als hätte er dieses traurige Kapitel der amerikanischen Geschichte selbst miterlebt.
Was diese Schilderungen aber erst wirklich interessant macht, was ihre Authentizität ausmacht, das ist zweifellos die mit dem ersten Teil geschaffene Basis, der Kontrast der unschuldigen Kindheitsjahre zum traurigen Erwachsenendasein. Es ist schlichtweg genial, wie es King hier gelingt, diesem ersten Teil im Nachhinein somit eine ganz andere Bedeutung zukommen zu lassen, als es zunächst der Fall zu sein scheint.
King schlägt immer wieder eine Brücke zwischen den Zeiten und zwischen seinen Protagonisten und lässt diese dadurch so lebendig erscheinen wie in kaum einem anderen Werk.
Was dem Leser allerdings wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird, nachdem er dieses Buch gelesen hat, ist der erste Teil; hier insbesondere die Beziehung zwischen dem jungen Bobby Garfield und seinem großväterlichen Freund. Dieser lässt ihn den „Herr der Fliegen“ lesen, was King zum Anlass nimmt, sich mit diesem Buch und seiner Aussage auseinanderzusetzen und es dem Leser so ganz nebenbei ans Herz zu legen.
Doch auch andere Werke vergangener Tage finden Erwähnung, nicht zu vergessen natürlich die Musik der 60er. Alles in allem darf dieser erste Teil wohl auch als Aufbereitung von Kings eigener Jugend betrachtet werden.
Somit hat der Klappentext, welcher den Roman als Kings persönliches Meisterwerk titulierte, ausnahmsweise einmal nicht zuviel versprochen. Schade ist nur, dass der geniale erste Teil doch ziemlich abrupt endet und leider einfach viel zu kurz geraten ist (wenn er auch immerhin die Hälfte des Buches ausmacht).
Aber ganz genauso verhält es sich ja auch mit der Kindheit…
Früh zur Waise geworden, schuftet Jani in einer Gerberei, um sich und ihre kleine Schwester Zosa durchzubringen, und träumt davon, aus ihrem tristen Leben in der Hafenstadt Durc auszubrechen. Ihr Wunsch scheint sich zu erfüllen, als eines Tages das legendäre Hotel Magnifique nach Durc kommt. Dort gibt es nicht nur allerlei Fantastisches zu bestaunen, nein, das Hotel selbst reist nachts, wenn seine Gäste schlafen, an die spektakulärsten Orte. Kurzerhand heuern Jani und Zosa dort als Dienstmädchen an. Doch irgendetwas scheint mit dem Hotel nicht zu stimmen. Als Zosa eines Tages spurlos verschwindet, ist Jani fest entschlossen, das Geheimnis des Hotel Magnifique zu ergründen, um ihre Schwester zu retten. Noch ahnt sie nicht, dass sie sich dabei in tödliche Gefahr begibt … (Verlagsinfo)
Die nahe schottische Zukunft: nur für Gamer und IT-Freaks
„Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der Realität und Internet nicht mehr voneinander trennbar sind. Eine Welt, in der jemand ein scheinbar perfektes Verbrechen verübt – und du steckst mittendrin! Dann gib acht, denn … DIES IST KEIN SPIEL!“ (Verlagsinfo)
Leibwächter Marty Strauss muss seinen Arbeitgeber, einen der reichsten Männer der Welt, vor dessen schlimmstem Feind beschützen – doch dieser ist kein Mensch. Eine grauenhafte Macht des Bösen ist hinter den beiden her und ihr Schicksal scheint unausweichlich … (Verlagsinfo) Barker, Clive – Spiel des Verderbens weiterlesen →
Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.
(Verlagsinfo)
Vergewaltigung, Genitalverstümmelung, Bevormundung, Unterdrückung, Ideenraub, Abhängigkeit, Benachteiligung … unvorstellbar für den Einzelnen, und doch alltäglich und allgegenwärtig; man hat sich irgendwie dran gewöhnt. Dieses Buch zeigt: Nein! Es ist nicht normal! Es ist das grausame Antlitz der Menschheit – und wir sollten das nicht vergessen. Es ist ein ergreifender Roman voller Kälte und Grausamkeit, voller Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.
Im New York des Jahres 1980 prallen zwei Kontinente und Kulturen aufeinander, als auf Long Island ein Ninja, ein japanischer Auftragskiller, eine Spur von Leichen zurücklässt. Nur Nicholas Linnear kann ihn aufhalten: Er ist aufgewachsen in Japan und in die Kunst und Kampfmethoden eines Samurai wie auch in die eines Ninja eingeführt. Er hat soeben in Justine Tomkin die Liebe seines Lebens gefunden. Als er dem Ninja in die Quere kommt, gerät Justine in Lebensgefahr …
In „Morgenwelt bzw. Stand on Zanzibar“ verwirklichte John Brunner ein gewagtes stilistisches Experiment: die Welt von morgen einzufangen wie in einem Film. „Morgenwelt“ ist ein ernst zu nehmender Roman für Erwachsene. „Wenn John Dos Passos Science Fiction geschrieben hätte – ein Buch wie dieses wäre das Ergebnis gewesen.“ (Washington Post)
Das ist sicherlich nicht jedermanns bevorzugte Lesekost: Actionfans kommen zwar auch auf ihre Kosten, doch ist die Action in so viel Kontext eingebettet, dass sie – und das ist volle Absicht – keinen Spaß mehr macht. Also mehr ein Roman fürs Hirn. John Brunner – Morgenwelt weiterlesen →
Der Horrorautor versucht sich an einer Familiensaga, die mit einer makabren Farce kontrastiert wird: eine gewöhnungsbedürftige Mischung für alle, die von Dean Koontz kurze, knackige Horrorkost gewöhnt sind. Nie war der Unterschied zu Stephen King deutlicher zu sehen als an diesem Buch.
Handlung
Bevor Bartholomew Lampion am 6. Januar 1965 geboren wird, stirbt sein Vater Joe bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum Krankenhaus, in dem seine Frau Agnes ihr Baby zur Welt bringen will: Barty. Agnes Lampion überlebt knapp.
Nach 80 Jahren des Friedens sind die Architekten, eine feindliche Alien-Zivilisation, wieder zurück. Sie vernichten ganze Planeten, und sie haben einen Weg gefunden, die Verteidigung der Menschheit auszuschalten. Idris, der Held aus dem ersten Krieg gegen die Architekten, sucht nach einem Weg, sie aufzuhalten – doch dazu muss er sich tief in den feindlichen Raum begeben. Was er dort entdeckt, wird das Schicksal der gesamten Galaxis für immer verändern …
(Verlagsinfo)
Die direkte Fortsetzung von „Die Scherben der Erde“ lässt nach dem großartigen ersten Band der Trilogie einiges erhoffen. Das interessante World-Building, die unterschiedlichen Charaktere, die Konflikte und nicht zuletzt das Rätsel um die unheimliche Präsenz im Unraum wecken hohe Erwartungen.
Um die gigantischen Entfernungen im Weltall zu überbrücken, wurden sogenannte Zeitschächte geschaffen, durch die die Raumschiffe relativ „schnell“ zu den abgelegenen Kolonien der Erde gelangen können. An den jeweiligen Ausgängen dieser Zeitschächte patrouillieren Wachschiffe. Sie sollen verhindern, dass nichts aus der Zukunft in die Vergangenheit gelangt und dort den kausalen Zusammenhang des Universums beeinträchtigt.
Als im 53. Jahrhundert Anton Koffield, Kapitän des Wachschiffes „Upholder“, urplötzlich von einer Flotte unbekannter Kleinschiffe angegriffen wird, entscheidet er, den Zeitschacht zur Welt Solace zu schließen. Eine bisher einzigartige Maßnahme – mit ungeahnten Konsequenzen. Nach seinem Besuch auf der terraformten Welt Solace kommt er nun im zweiten Band dem Urheber dieser unbekannten Flotte auf die Spur. Und diese Spur führt ihn zur Entdeckung des größten Geheimnisses der Menschheit. (Verlagsinfo)
Mila Harding hat alles, was man sich nur wünschen kann: einen berühmten Dad, ein Luxusleben in L.A., glamouröse Partys – und jede Menge Ärger: Als sie bei einem offiziellen Empfang aus der Rolle fällt, gefährdet sie den Ruf ihres Vaters, dessen nächste große Filmpremiere ansteht. Kurzerhand verbannen ihre Eltern sie auf die abgelegene Farm der Hardings, irgendwo in Tennessee. Hier soll Mila ihren Sommer verbringen, bei ihrer Tante Sheri, umgeben von Pferden, Feldern und den Erinnerungen ihrer frühen Kindheit. Mila erwartet völlig ereignislose Wochen – bis sie auf Blake trifft, den Sohn der Bürgermeisters. Dass Mila in Schwierigkeiten steckt, ist ihr schon nach einem Blick in seine dunklen Augen klar … (Verlagsinfo)
Um ihre Agenten zu schulen, setzt das FBI neuerdings ExEx ein, eine interaktive Virtual-Reality-Technik, die es ermöglicht, Feuergefechte mit Kriminellen zu simulieren. Als die ausgebildete Agentin Teresa Simons eine kleine Stadt im Süden Englands aufsucht, um vor Ort den Ablauf eines Amoklaufes zu studieren, greift sie dabei auf diese Technik zurück. Doch durch ihre Eingriffe ins ExEx-System verstrickt sie sich bald so tief in die virtuellen Realitäten, dass die Grenzen zur Wirklichkeit zunehmend verschwimmen… (Verlagsinfo) Aber einer der Killer spürt sie im Netz der ExEx auf und setzt ihr hart zu. Was steckt dahinter?
Um die gigantischen Entfernungen im Weltall zu überbrücken, wurden so genannte Zeitschächte geschaffen, durch welche die Raumschiffe relativ „schnell“ zu den abgelegenen Kolonien der Erde gelangen können. An den jeweiligen Ausgängen dieser Zeitschächte patrouillieren Wachschiffe. Sie sollen verhindern, dass nichts aus der Zukunft in die Vergangenheit gelangt und dort den kausalen Zusammenhang des Universums beeinträchtigt.
Als Anton Koffield, Kapitän des Wachschiffes „Upholder“, urplötzlich von einer Flotte unbekannter Kleinschiffe angegriffen wird, entscheidet er, den Zeitschacht zur Welt Solace zu schließen. Eine bisher einzigartige Maßnahme mit ungeahnten Konsequenzen … (erweiterte Verlagsinfo)
Die Großen der Science-Fiction sind mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 8 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Poul Anderson, John W. Campbell jr. und Cordwainer Smith gesammelt.
_Die Herausgeber_
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im |Kichtenberg|-Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim |Heyne|-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman [„Der letzte Tag der Schöpfung“ 1658 (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
Zuletzt erschien 2005 [„Das Cusanus-Spiel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__:book=2065 bei |Droemer|.
2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science-Fiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstanden der „Foundation“-Zyklus und andere Future-History-Zyklen.
Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Science-Fiction ausgezeichnet, dem |Hugo Gernsback Award|. Von 1978-82 gab er das Technik-&-Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science-Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident der Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.
Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.
1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.
_Die Erzählungen_
1) _John W. Campbell jr: Wer da?_ (Who goes there?, 1938)
Dies ist die literarische Vorlage für Howard Hawks‘ SF-Film „Das Ding aus einer anderen Welt“ – und natürlich auch für dessen Remake von John Carpenter!
Die Besatzung der amerikanischen Südpol-Station ist im ewigen Eis auf ein außerirdisches Raumschiff gestoßen, das seit 20 Millionen Jahre hier liegen muss – es hat einen zweiten magnetischen Südpol verursacht. Um eindringen zu können, sprengten sie das U-Boot-förmige Vehikel mit Thermit – und setzen es dabei in Brand, weil sie zu spät merkten, dass es vor allem aus Magnesium bestand. Doch ein Insasse ist entkommen, nur um jedoch sogleich zu Eis zu gefrieren. Und diesen Eisblock haben sie nun auf einem Tisch in ihrer Basis liegen.
Was ist damit zu tun, lautet nun die Frage, die die Wissenschaftler zu entscheiden haben. Bringt der Außerirdische Mikroben mit, die Menschen schaden könnten? Nachdem man sich entschieden hat, den Block aufzutauen, ist schließlich zu erkennen, dass das Fremdwesen drei rote Augen in einem blauen Fell hat und sich Tentakel am „Kopf“ bewegen – es lebt! Doch keiner hat daran gedacht, dass es Gedanken lesen oder beeinflussen könnte. Noch ahnt auch keiner, dass es die Gestalt von organischen Lebensformen annehmen könnte.
Als das Alien auf einmal verschwunden ist und es nicht gefunden werden kann, dämmert Kommandant Garry und seinem Vize McReady die schreckliche Wahrheit: Das Alien kann sich in jeden der Männer verwandelt haben, indem es dessen Zellsubstanz imitiert. Und ebenso schnell kann es sich mit der zusätzlichen Zellmasse vermehren und andere Lebewesen, etwa Schlittenhunde, übernehmen und imitieren.
Die Frage ist nun: Gibt es einen endgültigen Test, der beweist, dass ein menschlich aussehender Proband mit absoluter Sicherheit kein Alien ist?
|Mein Eindruck|
Anfang und Ende des Textes sind der Action gewidmet, und Hawks dürfte wohl alles bis Seite 30 verwendet haben. Doch dann kommt eine Zäsur, die einen ruhigen Mittelteil einleitet, in dem fast nur geredet wird. Das ist ziemlich ermüdend, wenn auch notwendig, um die Lage zu begreifen, in der sich die Leute nach dem Verschwinden des Alien befinden (man denke an den Alien-Film von Ridley Scott). Sie haben zudem nicht viel Zeit, denn das Alien wird versuchen, die ganze Erde zu erobern und mit seiner Art zu bevölkern.
Mir hat das Lesen nicht viel Spaß gemacht, denn die Szenen sind wie gesagt nicht sonderlich anschaulich, bis auf das Finale, und die Erzählmethode derartig antiquiert, dass ich nur den Kopf schütteln konnte. Am Anfang berichtet McReady seitenlang in einem ununterbrochenen Monolog von den Ereignissen beim Raumschiff der Aliens. Dann treten die einzelnen Wissenschaftler auf, und allein schon die Aufgabe, sich deren Namen zu merken, ist anspruchsvoll.
Noch seltsamer ist jedoch die Methode der Charakterisierung. Das war wohl der damalige Groschenheftstil, aber so holzschnittartig trieben es selbst Asimov und Heinlein nicht. McReady ist ein bronzener Riese und ein anderer Mann scheint nur aus Stahl zu bestehen. Klar, dass wir diesen Typen trauen sollten. Aber nur weil das behauptet und mehrmals wiederholt wird, muss es noch lange nicht glaubhaft klingen. Wahrscheinlich hielt der Autor seine (meist jugendlichen) Leser für begriffsstutzig.
Uwe Antons Übersetzung ist von minderer Qualität. Aus einem Ofenrohr wird eine „Ofenpfeife“ und aus einem Kirchenlied eine „Hymne“. Außerdem wurden Kapitel zusammengezogen, so dass zeitliche Pausen nur dann zu bemerken sind, wenn man ganz genau mitdenkt. In der Übersetzung durch Rosemarie Hundertmarck, die sich in „Fragezeichen Zukunft“ (Moewig Nr. 6736, 1984) findet, wurden alle Kapitel säuberlich nach Sinn- und Zeiteinheiten getrennt, so dass es zwei mehr sind als in „Titan-8“; vierzehn statt zwölf.
2) _Poul Anderson: Nenn mich Joe_ (Call me Joe, 1957)
Die Menschen erforschen den Riesenplaneten Jupiter. Auf dessen Oberfläche herrscht unter den Gaswolken ein extrem hoher Druck, unter dem sich die bekannten Elemente wie Methan und Wasserstoff auf drastische Weise verändern. Doch wie kann man diese menschenfeindliche Gegend erkunden, wenn die Technik komplett versagt? Deshalb hat die bionische Wissenschaft einen Pseudojupitermenschen entwickelt, und nach zahlreichen Fehlschlägen haben sie das optimale Modell geschaffen. Sie nennen ihn Joe. Und er kennt sich selbst nur unter diesem Namen.
Joe ist ein grauer, sehr widerstandsfähiger Zentaur und weiß sich der Raubtiere des Jupiter durchaus zu erwehren. Wie bei Frankensteins Ungeheuer wurde seine Intelligenz aber lediglich angelegt – sie anzuwenden erfordert einen geistigen Steuermann. Hier kommt Edward Anglesey ins Spiel. Ed ist ein von der Brust abwärts gelähmter Telepath, der an Bord eines kleinen Jupitermondes lebt, den man zu einer Forschungsstation ausgebaut hat. Mit Hilfe seiner psi-verstärkenden Technik kann sich Ed ins Bewusstsein Joes hineinversetzen und ihn sich intelligent verhalten lassen.
Allerdings gibt es in letzter Zeit ein technisches Problem. Die K-Röhre (Transistoren sind noch nicht erfunden), die seine Gedanken bei der Psi-Kommunikationen verstärkt, brennt immer öfter durch. Die Ursache ist unbekannt. Deshalb hat die Station den Psitechniker Jan Cornelius angefordert. Cornelius setzt sich mit dem Problem auseinander, findet aber keinerlei technischen Fehler. Die Ursache vermutet er im psychologischen Bereich. Die Überlastung der K-Röhre könnte durch eine Art negative, sich verstärkende Rückkopplung herbeigeführt werden. Doch welche Faktoren sind dafür verantwortlich?
Zunächst wendet Cornelius simple Freudianische Psychotheorie an, denn von „Analyse“ kann bei einem so cholerischen Menschen wie Anglesey keine Rede sein. Der Widerspruch zwischen Joes perfektem, starkem Körper und Eds schwachem Krüppelkörper könnte eine Rolle spielen. Aber Ed sagt, er finde es herrlich, Joe sein zu dürfen. Was er sich wünsche, seien Gefährten. Diese wurden bereits vorbereitet und sollen nun zur Oberfläche geschickt werden.
Als Cornelius sich in dieser entscheidenden Phase des Projekts mit einem Psiprojektor in die Kommunikation zwischen Ed und Joe einklinken kann, führt er eine Krise herbei, die endlich zur gesuchten Erkenntnis führt, aber gleichzeitig für Ed eine Katastrophe bedeutet. Und doch ist nichts verloren, wie der Forschungsleiter von einem aufgeregten Cornelius erfährt: Dies ist nicht das Ende von Ed und Joe, sondern der Anfang von Joe Anglesey …
|Mein Eindruck|
Poul Anderson schafft es immer wieder, seine unmöglichen Konstellationen von Problemen zu einem positiven, menschlich zufriedenstellenden Ende zu führen. So auch hier, wenn die altbekannte Horrorstory von Frankensteins Ungeheuer zu einer Vision gewendet wird, die nicht nur die unmittelbar Beteiligten befriedigt, sondern auch der Erde selbst eine verheißungsvolle Zukunftsperspektive bietet.
Denn wenn nun Krüppel und alte Menschen und Behinderte eine zweite Chance benötigen, brauchen sie nicht lange zu suchen: Sie lassen ihren Geist in einen von Joes Verwandten übertragen. Die Übertragung ist zwar etwas völlig anderes als das Verschicken einer E-Mail, wie man an Ed Angleseys Beispiel sieht, aber sie eröffnet ein zweites, völlig andersartiges Leben, voller Vitalität und Schönheit.
Der Text ist zwar relativ leicht verständlich, richtet sich aber dennoch an Leser, die etwas mit Physik, Chemie und Psychologie anfangen können. Ohne diese Wissensbereiche wäre die Erzählung nur romantisches Wischiwaschi, aber so ist sie eine mit menschlichen Dimensionen ausgestattete wissenschaftliche Vision. Sehr amüsant fand ich dabei die King-Kong-Allüren, die Ed seiner „Marionette“ Joe eingibt. In den Anspielungen auf das Elisabethanische Zeitalter (Prosepero, Caliban und andere Heroen, die auch in Dan Simmons SciFi-Epos [„Ilium“ 346 auftauchen) erweist sich Anderson als ausgezeichneter Shakespearekenner.
3) _Cordwainer Smith: Die Ballade der verlornen K’mell_ (The ballad of lost C’mell, 1962)
In ferner Zukunft wird die Erde von den Herren der „Instrumentalität“ beherrscht. Die Lords sind langlebige Telepathen, sorgen für Recht und Ordnung, lenken die Geschiche einer sehr veränderten Menschheit. Neben Menschen-Lords und Menschen-Ähnlichen (Hominiden) gibt es noch die rechtlosen Untermenschen. Sie wurden aus Tieren wie etwa Stieren, Hunden oder Katzen gezüchtet. Katzenmenschen tragen das Kürzel K vor dem Namen, so wie K’mell.
K’mell ist eine Hostess, deren Aufgabe darin besteht, den Besuchern der Erde ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, in jeder Hinsicht. Sie hat feuerrote Haare und grüne Augen. Eigentlich kommt es nie zu Kontakten zwischen Untermenschen wie ihr und den hohen Lords, die in ihrem 25 Kilometer hohen Turm leben. Und deshalb ist die Begebenheit, die die Ballade erzählt, umso erstaunlicher.
Lord Jestocost ist ein ungewöhnlicher Lord, mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb sieht er es nicht gern, wenn die Untermenschen so entrechtet sind und ausgebeutet werden. Ein berühmter Weitspringer ist gestorben und wird bestattet. Es handelt sich um K’mells Vater K’macintosh. Als der Lord der Bestattung beiwohnt, liest er K’mells Geist und was er dort findet, haut ihn um: Sie betet einen anderen Geist an und erfleht von diesem Beistand.
Mit diesem höheren Wesen will er Bekanntschaft schließen und lässt K’mell zu sich in sein riesiges Büro kommen. Per Telepathie und Hypnose gelingt es ihm, direkten Kontakt mit dem höheren Wesen aufzunehmen. Und er geht noch einen Schritt weiter: Er gewährt diesem Einblick in seinen eigenen Geist, wenn auch nur in diejenigen Bereiche, die mit den Untermenschen zu tun haben. Er will zeigen, wie sehr er sich um das Schicksal der Untermenschen sorgt. Würde er sich an einer Rebellion beteiligen? Unter Umständen ja. Sie trennen sich.
K’mell ahnt nicht, was ihr Geist mit dem von Jestocost ausgetauscht hat, doch sie weiß eines: Sie liebt den Lord, so wie eine Frau einen Mann liebt (und sie weiß alles über beide Geschlechter). Aber liebt der Lord auch K’mell? Er ahnt es vielleicht, doch noch mehr als Menschen liebt er die Gerechtigkeit.
Wie auch immer: Der Tag der Intrige kommt, der entscheidende Moment dauert nur wenige Minuten, in denen der Geist K’mells durch Jestocosts Augen in die Datenbank der Lagezentrale der Lords blickt und sich alles merkt. Dann bricht der Kontakt ab und K’mell kann gehen. Es dauert nicht lange, und die Untermenschen sind in der Lage, sich den Todesschwadronen der Wächter zu entziehen, weil sie nun die Daten des Geistes besitzen und ausweichen können. Über kurz oder lang gelingt es ihnen, Bürgerrechte zu erlangen. Der Sieg der Gerechtigkeit ist endlich herbeigeführt.
Doch was wird aus dem Paar Jestocost und K’mell?
|Mein Eindruck|
Das ist eine recht ungewöhnliche Rebellionsgeschichte, und sie wurde von einem Briten im diplomatischen Dienst geschrieben. (Paul Myron Anthony Linebarger, 1912-1966, war Politologe und amerikanischer Regierungsberater mit Erfahrungen im China vor der Mao-Revolution und während des zweiten Weltkriegs.) Deshalb kennt er sich mit den Verwicklungen zwischen Herren und Beherrschten gut aus. Der Autorenname ist natürlich ein Pseudonym, und unter diesem Namen veröffentlichte der Autor einen ganzen Zyklus von Erzählungen, die als Norstrilia- oder Instrumentalitäts-Zyklus bezeichnet wird. Sie sind bei |Suhrkamp| erschienen.
Die vorliegende Story ist geschickt erzählt, mit Vorausverweisen, um das Interesse des Lesers zu wecken und wachzuhalten. Außerdem gibt es zwei faszinierende Hauptfiguren: eine sehr erotische Frau, der personifizierte Sex, und ein asexueller langlebiger Lord, der mit persönlichen Dingen nichts mehr zu tun haben will, sich aber brennend für Ideale wie Gerechtigkeit interessiert. Wie können solche Gegensätze konstruktiv zusammenwirken – das ist das Gedankenspiel, das der Autor anstellt.
Das Ergebnis ist bis heute interessant, wenn man bedenkt, dass sich der Geist in K’mell durch andere Kommunikationstechniken wie etwa drahtlose Internetverbindungen ersetzen ließe. Doch überzeitlich gültig wird die Story erst durch die anrührende Liebesgeschichte zwischen Jestocost und K’mell. Diese Affäre überdauert den Aufstand der Untermenschen, bis über K’mells Tod hinaus und bis zum Ende Jestocosts. Doch über sein Ende hinaus erzählt die Ballade, was die beiden taten, um die Untermenschen zu Bürgern zu machen. Und so sind sie unsterblich geworden.
_Unterm Strich_
Von den drei Erzählungen hat mich vor allem die von Poul Anderson zu überzeugen gewusst. Sie ist überzeitlich gültig und hat die Flut ständig neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über den Jupiter relativ gut überstanden. Die Freudianische Psychologie mag heute überholt erscheinen, doch darauf kommt es letzten Endes nicht an, um die Story funktionieren zu lassen.
„Wer geht da?“ offenbart jedoch furchtbare Mängel in der Wirkung auf den heutigen Leser. Ich habe diese Defizite oben bereits aufgelistet. Mag die Grundstory auch schon zweimal erfolgreich verfilmt worden sein, so ist doch dieser Abklatsch eines Lovecraft-Mythos nur noch schwer erträglich. Wer einmal Lovecrafts [„Berge des Wahnsinns“ 3652 gelesen oder als Hörspiel gehört hat, dem kommt Campbell recht steif und hölzern vor. Gut, dass sich der Autor später vor allem auf die Herausgeberschaft von |Astounding Stories| und |Analog| beschränkt hat.
Für die Story von „Cordwainer Smith“ (das Pseudonym eines Chinakenners) braucht man, denke ich, eine romantische Ader. Damit kann man sich in die Beziehung zwischen Lord Jestocost und der Hostess K’mell einfühlen und ihr wünschen, sie habe eine Zukunft. Die Sprache des Autors ist unverwechselbar und bildet einen weiteren Anreiz, seine Erzählungen über die Instrumentalität zu lesen, z. B. „Alpha Ralpha Boulevard“ oder „Das Spiel von ‚Ratte und Drache'“.
Wie alle „Titan“-Auswahlbände bildet auch dieses Buch einen qualitativ guten und leicht verständlichen Einstieg in die frühen Jahre des Science-Fiction-Genres.
|Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2/A, 1973
140 Seiten, aus dem US-Englischen von Uwe Anton|
Die Angehörige einer beinahe verschwundenen Rasse von Superwesen erwacht im Herzen eines Vulkans. Draußen wird sie aufgrund ihrer übermenschlichen Kräfte als Göttin verehrt. Sie stellt erstaunt fest, dass nicht nur ihre Berührung, sondern allein ihr Name heilen können. Denn ein Dämon im Vulkan hat ihr vorausgesagt, dass sie überall das Böse verbreiten werde.
Sie entdeckt, dass es noch weitere Abkömmlinge der alten Rasse auf der Welt gibt. Doch sie wird von ihnen nur benutzt, als Frau wie als Zauberin. Sie wird versklavt und gedemütigt, aber sie nicht auf bei ihrer Suche nach ihrem Ursprung und ihrer Bestimmung. (aus der Verlagsinfo)
Mit dieser Trilogie hat sich die Engländerin Tanith Lee (geb. 1947, gest. 2015) auf Anhieb den Ruf erworben, neben C. J. Cherryh und Katherine Kurtz die wichtigste Vertreterin der gehobenen epischen Fantasy zu sein. (ergänzte Verlagsinfo)
Dieser verfilmte Roman ist nicht nur eine Geschichte über eine 100 Jahre währende Familienfehde, sondern eindeutig auch eine Geistergeschichte. Und eine ins 19. Jahrhundert verlegte Science-Fiction-Geschichte, die den feinen Grenzbereich zwischen „echter“ Wissenschaft und magischer Illusion untersucht. Wie sich zeigt, lässt sich das eine für das andere einsetzen bzw. missbrauchen.
Für diesen vielschichtigen, aber spannenden Roman erhielt Christopher Priest den begehrten World Fantasy Award.
Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.
Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.
Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert.
Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.
Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.
Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.
Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.
Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.
Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.
Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.
All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.
Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.
Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.
Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.
Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.
Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.
_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.
_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.
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