Schlagwort-Archiv: Heyne

David Baldacci – Eingeholt (Atlee Pine 03)

Das Power-Team: Atlee Pine und John Puller

Atlee Pine will endlich ihre Schwester finden-und trifft dabei auf John Puller, Spezialermittler der Militärpolizei. Seit Jahren wird FBI-Agentin Atlee Pine von ihrer Vergangenheit heimgesucht: Ihre Zwillingsschwester Mercy wurde als Kind entführt und Atlee damals schwer verletzt. Seitdem versucht sie, das Rätsel um Mercy zu lösen – denn auch ihr Job steht auf dem Spiel. Gemeinsam mit der unbeirrbaren Carol Blum folgt Atlee einer heißen Spur nach New Jersey. Dort sprengt sie versehentlich die Ermittlungen ihres alten Bekannten John Puller, der als Spezialermittler der Militärpolizei eine andere Sorte Verbrecher verfolgt. Doch dann ergeben sich Verbindungen zwischen ihren Fällen. Kann Puller helfen, Mercy zu finden? Die Wahrheit, die endlich ans Licht kommt, ist schockierender als alles, was Atlee sich ausgemalt hat. (Verlagsinfo)

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Robert Ludlum & Brian Freeman – Die Bourne-Evolution (Jason Bourne 15)

Codename Cain

Sie war die große Hoffnung der amerikanischen Demokraten. Schlagfertig, klug und progressiv. Doch dann wird die junge Kongressabgeordnete Sofia Ortiz bei einem Überfall auf eine Veranstaltung in New York mit mehreren Schüssen getötet. Dringend tatverdächtigt ist ausgerechnet jener Mann, der bis vor Kurzem als Killer im Auftrag der Regierung stand. Sein Name ist Jason Bourne und er ist auf der Flucht. Einzig die Journalistin Abbey Laurent glaubt an seine Unschuld und beschließt, ihm zu helfen. Doch Bournes Feinde kennen keine Skrupel. Eine gnadenlose Verfolgungsjagd beginnt … (Verlagsinfo)
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[NEWS] Max Barry – Die 22 Tode der Madison May

Am grausamen Mord an Madison May scheint auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Die Immobilienmaklerin wird offenbar von einem potenziellen Kunden niedergestochen. Der Täter, der sich keine Mühe gegeben hat, seine Identität zu verbergen, scheint einem Kult anzugehören. Als Journalistin Felicity dem Mann zufällig in der U-Bahn begegnet, nimmt sie die Verfolgung auf. Es kommt zum Handgemenge, sie wird aufs Gleis gestoßen, der herannahende Zug kann gerade noch bremsen. Der Verdächtige ist spurlos verschwunden – ebenso wie Felicitys Katze. Ihre Kollegen können sich beim besten Willen nicht mehr an Madison May erinnern, und ihr langjähriger Freund hat plötzlich neue Hobbies, denen er angeblich schon seit Jahren nachgeht. Langsam wird Felicity klar, dass sie nicht mehr im selben New York ist, sondern in einer Parallelwelt – in der die junge Schauspielerin Madison May in tödlicher Gefahr schwebt … (Verlagsinfo)
Zur Rezension.


Taschenbuch ‏ : ‎ 432 Seiten
Heyne

[NEWS] Jan-Philipp Sendker – Die Rebellin und der Dieb

Der 18-jährige Niri, seine Eltern und Geschwister haben eine bescheidene, aber gesicherte Existenz als Bedienstete in der Villa einer reichen Familie. Bis die Pandemie kommt, Niris ganze Familie entlassen wird und in den Abgrund tiefster Armut starrt. Der bisher brave Klosterschüler will nicht auf die Gnade einer gleichgültigen Regierung warten und begehrt angesichts der wachsenden Not gegen die Schicksalsergebenheit seines Vaters auf. An den Patrouillen vorbei schleicht er nachts durch eine abgeriegelte Stadt zurück zu der Villa, um zu holen, was die Familie zum Überleben braucht. Dort wartet seine Jugendfreundin Mary auf ihn, die ihm nicht nur Lebensmittel gibt, sondern einen größeren Plan hat, der das Leben der Stadt und der beiden für immer verändern wird. (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 320 Seiten
Heyne

Robert Ludlum & Joshua Hood – Der Gejagte (Treadstone 01)

Für seine Zeit als Killer im Dienst der US-Regierung hat Adam Hayes teuer bezahlt. Inzwischen hat er dem geheimen Treadstone-Programm den Rücken gekehrt und arbeitet daran, sich an der Westküste der USA eine bescheidene Existenz aufzubauen.

Bis die Vergangenheit ihn gnadenlos einholt: Ein schwer bewaffnetes Kommando versucht, Hayes auszuschalten. Mit knapper Not kann er entkommen. Wer steckt hinter dem Attentat? Und warum? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, muss Hayes wieder das werden, was er nie wieder sein wollte: ein nahezu perfekter Killer. (deutsche Verlagsinfo)

Der Autor
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Eric Van Lustbader – Shan (China Maroc 02)

Showdown im Hochland

Shi Zilin, der Schicksale lenkende Jian, nähert sich dem Tod und setzt seinen Sohn Jake Maroc als Nachfolger, als Zhuan, ein. Als Kopf des Inneren Zirkels soll Jake zusammen mit 3 Tai-Pans allen Handel in Hong Kong kontrollieren. Doch ein sowjetischer KGB-Agent namens John Bluestone macht ihm ebenso das Leben schwer wie Jakes ehemaliger CIA-Führungszirkel.

Und in Peking ruhen die Feinde Shi Zilins weiterhin nicht, um die „Fremden Teufel“ in Hongkong aus dem Land zu werfen, indem sie die Handelsstadt erobern und unterwerfen. Unterdessen gerät sein japanischer Freund, der Oyabun Mikio Komoto in Lebensgefahr, denn er befindet sich in einem Bandenkrieg der Yakuza…

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Philip José Farmer – Die Flusswelt der Zeit (Flusswelt 1)

Auf einer von Unbekannten erschaffenen Welt erwachen Milliarden von gestorbenen Menschen wieder, um ohne ihr Wissen an einem anthropologischen und soziologischen Experiment teilzunehmen. Richard Francis Burton, britischer Abenteurer, gestorben 1890, macht sich mit Gefährten auf den Weg, den Zweck des Experiments von den Erbauern zu erfragen. – Die ersten beiden Romane des FLUSSWELT-Zyklus wurden verfilmt.

Der Autor

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für den fünfbändigen Flusswelt-Zyklus.

1) Die Flusswelt der Zeit (1953/1971)
2) Auf dem Zeitstrom (1971)
3) Das dunkle Muster (1977)
4) Das magische Labyrinth (1980)
5) Die Götter der Flusswelt (1983)
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Hahn, Ronald M. (Hg.) / McHugh, M. / Finch, S. / Crowley, J. / Kelly, J. P. / Reed, R. / Holland, B. – Lincoln-Zug, Der (The Magazine of Fantasy and Science Fiction, Band 96)

_Alternative Geschichte: Südstaatler ins Reservat_

Das Magazine of Fantasy and Science Fiction (MFSF) ist seit jeher bekannt für seine ausgefallenen, innovativen Storys, die beileibe nicht nur aus der Science-Fiction-Ecke kommen. Dankenswerterweise bringt der |Heyne|-Verlag eine Auswahl der Storys in regelmäßigen Abständen auf den Markt, herausgegeben von Ronald M. Hahn. Dies ist der Auswahlband Nummer 96 aus dem Jahr 1997.

_Die Erzählungen_

|1) Maureen McHugh: Der Lincoln-Zug|

Die Südstaaten haben den Bürgerkrieg verloren und mussten alle Sklaven freilassen, doch Präsident Lincoln ist einem Mordanschlag entgangen. Leider kann er seine Amtsgeschäfte nicht ausüben, sondern muss einem gewissen Seward, den Vizepräsidenten, den Job überlassen. Daher kommt es, dass Maßnahmen ergriffen werden, die nicht in unseren Geschichtsbüchern stehen.

Clara und ihre Mutter leben in Mississippi, einem der Sklavenhalterstaaten, als man sie deportiert. Sie sollen ihr Heim verlassen, in den Lincoln-Zug steigen, um nach Oklahoma zu reisen – ins Reservat für Südstaatler. Doch im schrecklichen Gedränge auf dem Bahnsteig verliert sie sowohl ihren Koffer als auch ihre Mutter, die totgetrampelt wird. Im vollgestopften Zug zeigt nur eine Frau namens Elisabeth Mitleid mit der Vollwaise.

In Oklahoma stehen wieder alle auf dem Bahnsteig, als eine abgemagerte, abgerissene Frau herbeistürzt und schreit, dass hier alle Hungers sterben würden. Die Regierung hat die Südstaatler zu den Indianern ins Reservat beim Fort gesteckt, aber nicht genug Lebensmittel, um sowohl die Armeen als auch die Deportierten zu verköstigen. Bald kommt der Winter – und der Hungertod.

Da streckt die Frau namens Elisabeth eine helfende Hand aus. Es gebe noch einen anderen Zug: die „unsichtbare Eisenbahn“. Dieses Netzwerk aus geheimen Helfern soll Clara zu ihrer Schwester nach Tennessee bringen, viele Meilen entfernt. Aber warum, so fragt sich Clara ängstlich, helfen diese Abolitionisten den Sklavenhaltern? Gute Frage …

|Mein Eindruck|

Die vollständig im Präsens erzählte Geschichte ist sehr anschaulich, mitfühlend und bewegend. Wir erleben das schreckliche Geschehen aus Claras Blickwinkel mit, und es ist fast wie an einer Deportation ins KZ teilzunehmen. (Man denke an „Schindlers Liste“.) Doch obwohl es keine Todeszüge gab wie im Dritten Reich, so doch den berüchtigten Todesmarsch der Cherokee: Diese Indianer mussten mehrere tausend Meilen aus Florida ins westlich gelegene Oklakoma-Territorium marschieren, wobei natürlich die meisten ums Leben kamen.

Die Story greift beide Motive auf und verweist durch ihren alternativen Geschichtsverlauf im Hintergrund auf die Parallelen. Doch wozu? Sollen die Südstaatler als Amerikas Juden gebrandmarkt werden? Mitnichten! Die Autorin will endlich die Versöhnung mit den Sklavenhaltern und erzählt deshalb von einer nordstaatlichen Untergrundorganisation, die den „bösen“ Südstaatlern hilft – damit endlich Versöhnung möglich ist. Und Clara ist eben eine der Unschuldigen, die es auf allen Seiten zu allen Zeiten gegeben hat. Deshalb werden nur sie und ein Junge gerettet, nicht aber die anderen. Irgendwo muss man ja mal anfangen, oder?

|2) Sheila Finch: Geistige Gemeinschaft|

Die Landefähre eines Raumschiffes setzt vier Leute auf einer Welt ab, die menschenfreundlich zu sein scheint. Vor zwei Jahren wurde ein Forschungsteam von 30 Astrophysikern hier abgesetzt. Was mag aus ihnen geworden sein? Das Landeteam besteht aus dem Piloten, dem Bordingenieur, einem Arzt und einer Expertin für Fremdkontakte, einer Xenolinguistin. Sie heißt Greer. Wir erleben das Geschehen aus ihrem besonderen Blickwinkel.

Von den dreißig Wissenschaftlern ist nur noch ein einziger Mann übrig: Sharnov. Was ist aus den anderen geworden, wenn es doch keine Aliens auf dieser grünen Welt gibt? Und Sharnov verhält sich, denkt Greer, wie ein Besessener, ein Wahnsinniger oder Schizophrener. Und er isst nichts. Als er die Landefähre entführt, kommt er nicht weit: Der per Code gesperrte Computer sprengt die Fähre. Die Überlebenden haben kein Wasser und wenige Rationen.

Als nur noch Greer und der Ingenieur übrig sind, isst dieser das Fleisch des Piloten. So weit will Greer nicht sinken. Ihr treuester Freund ist jetzt Sammy, der Hund Sharnovs, der sie seit der Landung begleitet. Und Sammy isst ebenfalls nichts. Nachdem Sammy den aggressiven Ingenieur getötet hat, macht er ihr ein besonderes Geschenk: sein Leben. Da endlich begreift die bereits stark geschwächte Greer endlich, was Sammy in Wirklichkeit ist …

|Mein Eindruck (VORSICHT, SPOILER!)|

Die Frage bei der Frage des Wirt-Seins für ein Alien ist natürlich vor allem, wie der Wirt damit zurechtkommt. Erinnern wir uns an „Alien“: Das Monster legt seine Brut in den Wirtskörper, und die Larven fressen diesen als Nahrung von innen her auf – genau wie bei den Larven der Schlupfwespe in einer Raupe. Doch bei Greers Alien-Gast kommt ein zweiter Faktor hinzu: Es ist ein Telepath und dringt in ihren Geist ein.

Jetzt müsste sie eigentlich, wie der arme Sharnov zuvor, wahnsinnig werden. Doch dies geschieht nicht, weil ein dritter Faktor ins Spiel kommt: Greer verfügt über das von ihrer Gilde gelehrte „Kalamitätsmantra“, das sie immer aufsagt, wenn sie glaubt, in der Patsche zu sitzen und Hilfe zu benötigen. (Es erinnert an das Mantra von Paul Atreides, das er von den Bene Gesserit gelernt hat: „Die Angst ist der kleine Tod …“) Nur dieses Mantra verhilft Greer zum Überleben: Sie akzeptiert das Fremde und wird ein Hybrid.

|3) John Crowley: Fort|

Ein Mutterschiff von Aliens besucht die Erde, parkt in einer Umlaufbahn um den Mond. Dort sendet es seine Vorboten aus: die Elmers. Das sind kleine, schwabellige und sehr freundliche Humanoide, die alle möglichen Dienste anbieten: Darf ich Ihre Fenster putzen? Darf ich Ihren Müll raustragen? Und dergleichen mehr. Die bieten zudem ein Glückskärtchen an, das demjenigen, der auf das Wörtchen „Ja“ drückt, Glück in der Liebe zu versprechen scheint.

Ganz bestimmt sind sie Scharlatane, denkt sich die von ihrem Mann getrennt lebende Hausfrau Pat Poynton. Das Fernsehen hat vor diesen Elmers gewarnt, die alle gleich aussehen, aber nach wenigen Tagen zu Staub zerfallen. Aber Pat ist einsam und unglücklich, und sie lässt den Elmer ihre Fenster putzen. In ihrem faszinierten Zusehen vergisst sie, die Kinder vom Schulbus abzuholen. Dafür holt Lloyd seine Kinder ab und rast mit ihnen und seiner neuen Flamme davon. Pat rastet komplett aus.

Erst nach einer langen Phase des Lernens kapiert sie, was das Versprechen der Elmers ist, die die Erde schon wieder verlassen haben: Es ist gar keins. Vielmehr bedeutet das Kärtchen, dass der Mensch ein Versprechen abgibt. Das des guten Willens. Dann erst wird alles in der Liebe gut. Nun erst kann sie Lloyd anrufen.

|Mein Eindruck|

Das sind aber außergewöhnlich gütige Aliens, wird sich jetzt so mancher Leser wundern. Aber es sind keine richtigen Aliens, denn sie wollen nichts von uns, sondern sie wollen etwas für uns tun. Die Frage ist jetzt: Lassen wir dies überhaupt zu? Denn Pat fasst ihre Zustimmung zu dem Versprechen der Aliens auf dem Glückskärtchen zunächst als Verrat an sich und ihrem Mit-Menschen auf. Das ist die übliche Paranoia und Überheblichkeit des Menschen. Dass es sich genau andersherum verhält, geht ihr erst nach dem Abflug der Aliens auf, also dann, als sie keine Bedrohung mehr darstellen. Sie haben uns nur geholfen, uns selbst zu helfen. Das ist alles. Und als Pat dies zulässt, kann sie auch den ersten Schritt des guten Willens auf Lloyd zu tun.

|4) James Patrick Kelly: Warum die Brücke nicht mehr singt|

Unter der Brücke haben sich ein paar Penner und Saufbrüder um ihr Lagerfeuer, das in einer Tonne brennt, versammelt. Der Erzähler stößt zu ihnen, zunächst unsichtbar. Er weiß zwar nicht, wer er ist, aber er hat eine kreative Phantasie, die alle Dinge poetisch überhöht, etwa die Brücke, die für ihn Lieder singt.

Dann kommt eine Frau namens Maggie mit zwei Männern. Sie spricht keinen Dialekt, sondern bemüht sich um korrekte Aussprache. Und möglicherweise ist sie Telepathin. Sie hilft den Pennern und reicht ihnen einen besonderen Whisky namens Conquistador (Eroberer). In der Tat stellt der Alkohol einiges mit den Köpfen der Penner und der Erzählers an, und als Maggie ihn küsst, um ihm Whisky einzuflößen, erinnert er sich wieder, wer er ist. Er ist Peter, doch seine Phantasie ist verschwunden. Die Brücke ist nur noch eine Brücke und singt nicht mehr.

|Mein Eindruck|

Herausragend an dieser kurzen Story ist nur wenig, und viel ist unter der Oberfläche versteckt: Eine Telepathin, die den Geist der Penner mit einem ganz speziellen „Whisky“ verändert. Man muss sehr aufpassen, um alles mitzubekommen, denn der Autor verfährt wie Hemingway in der genialen Story „Cat in the rain“. Alles wird in Fragmenten und indirekt mitgeteilt. Wie auch immer: Die Übersetzung von Horst Pukallus ist mal wieder einsame Spitze. Er ist der Beste, wenn es darum geht, Umgangssprache und Jargon authentisch im Deutschen auszudrücken.

|5) Robert Reed: Das Turnier|

Amerika, in der nahen Zukunft, wenn niemand mehr arbeiten muss, weil Roboter die ganze Arbeit verrichten. Das Turnier des Titels wird seit 50 Jahren von intelligenten „Elektronengehirnen“ gesteuert, allerdings nur, um für Zerstreuung, Sport und ab und zu einen höheren Gewinn zu sorgen. Leider scheinen die Computer parteiisch zu sein: Der Held der Geschichte ist zunächst nur ein Gewinner unter einer Million Teilnehmern aus der amerikanischen Provinz, doch er gewinnt entgegen aller Wahrscheinlichkeit jedes Mal – wenn auch zuweilen nur mit einem winzigen Vorsprung. Seine Frau Bette findet Avery überheblich und „nicht mehr er selbst“. Avery hält trotzdem durch, schließlich macht er beim Spiel schon seit 17 Jahren mit.

Gegen Ende des Turniers, als nur noch wenige Kandidaten übrig sind, gibt der oder andere Gegner bereits auf, sobald er gegen den Helden antreten soll, denn Avery wird angeblich „vom Netz geliebt“. Und war Avery zu Beginn noch überzeugt, dass er seine Siege verdient hat, so belehrt ihn seine Frau schließlich eines Besseren: Es gebe höhere Werte im Leben als bei diesem blöden Spiel zu gewinnen. Es gibt nämlich eine Lotterie namens Leben, bei dem jeder das große Los zieht, der überhaupt gezeugt wird!

|Mein Eindruck|

Die ein wenig tragikomische Story läuft ab wie ein Countdown, und wer die Potenzen von 2 (2 hoch 3 = 8, 2 hoch 10 = 1024 usw.) kennt, der kann sich genau ausrechnen, wann das Spiel für Avery gelaufen ist – falls er immer gewinnen sollte. Das Seltsame ist, dass er am Schluss gar nicht mehr das Spiel gewinnen, sondern seine Frau Bette zurückhaben will. Er lässt sie sogar kidnappen, damit sie nach Alaska kommt und und ihm bei der Finalrunde zusieht. Sie ist keineswegs beeindruckt, verrät ihm aber wenigstens, warum sie so bekümmert ist.

|6) Bruce Holland: Rettungsboot auf brennender See|

Ein Computerwissenschaftler namens Elliot Maas baut zusammen mit zwei anderen Genies, Richardson und Bierley, ein künstliches Bewusstsein, weil er panische Angst vor dem Tod hat. Er will also unsterblich werden. Wollen wir das nicht alle? Die Künstliche Intelligenz (KI), die sie bauen wollen, ist für Maas jedoch quasi sein Rettungsboot, während andere auf dem brennenden Schiff, das sich Leben nennt, zurückbleiben und untergehen.

Als Jackson Bierley eines natürlichen Todes stirbt, wird ein Konstrukt erzeugt, das auf den Ansichten, Erlebnissen und Erfahrungen seiner Freunde und Bekannten basiert. Es wirkt unglaublich echt und sichert mit seinem eindrucksvollen Video-Auftritt die Regierungsgelder zur Fortsetzung des Programms. Doch Richardson, der kreativste Denker des Teams, hat Zweifel. Tun sie wirklich das Richtige? Was ist der Tod wirklich? Was bedeutet es, tot zu sein?

Eines Morgens erreicht Maas die Nachricht, dass Richardson in einer U-Bahnstation einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen sei. Bombenattentate gibt es jetzt sehr viele, mindestens einmal am Tag. Aber als Maas mit seiner Witwe spricht, stößt er auf eine Ungereimtheit. Alle elektronischen Unterlagen, die aufzufinden sind, besagen, dass man ihr Richardsons Asche in einer Urne zugeschickt habe, aber sie streitet ab, die Urne je erhalten zu haben.

Als sich Maas mit den Konstrukten von Bierley und jetzt auch Richardson unterhält, bekommt er nicht viel Unterstützung. Aber der Zweifel, der an ihm nagt, lässt einen Plan reifen, der ihn dazu zwingt, das Richardson-Konstrukt zu überlisten. Was, wenn der echte Dr. Richardson nur VORGIBT, tot zu sein? Aber warum sollte er das tun?

|Mein Eindruck (VORSICHT, SPOILER)|

Beim ersten Lesen vor etwa zehn Jahren habe ich diese Geschichte völlig missverstanden. Ich dachte, drei Konstrukte würden untereinander streiten. In Wahrheit jedoch weigert sich Maas, überhaupt zu einer KI gemacht zu werden. Er ist bereits 95 Jahre alt, als er uns seine Geschichte von Der Anderen Seite (DAS) erzählt, hat sich also nicht zu einer Simulation digitalisieren lassen. Warum nicht, fragen wir uns grübelnd. Die Antwort muss jeder in der Geschichte finden.

Da ist zum einen, dass Bierleys Konstrukt nie er selbst ist, sondern nur eine Annäherung, die aber ein Fake ist. Und Richardson, das weiß Maas am besten, lässt sich wie jede KI durch gefälschte Input-Daten täuschen. Die Wahrnehmung (Input) der KI stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Beide KIs sind alles andere als Idealzustände für ein Bewusstsein, wie es Maas zu verewigen sucht.

Die Story ergründet auch die Frage, was es bedeutet, tot zu sein. Tot nicht nur für den „Toten“ selbst, sondern auch für die Hinterbliebenen. Der echte Dr. Richardson gilt zwar als tot, doch er ist es nicht, will aber dafür gelten – warum auch immer. Ähnlich wie ein Agent, der untertauchen will, um eine neue „Existenz“ anzufangen. Bei seinen Hinterbliebenen hinterlässt der „Tote“ eine Lücke – in Richardsons Fall eine Witwe, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat. „Totsein“ kann also eine sehr unmoralische Handlung sein.

|7) Ron Savage: Connecticut-Nazi|

Max Kravitz ist ein krebskranker, 50-jähriger Jude aus New York und hat vor einer Woche eine wunderbare junge Frau geheiratet; Rosalie. Nun sind sie in ihr neues Haus in Connecticut gezogen, doch die Möbel fehlen noch. Rosalie hat ihm zur Hochzeit ein Teleskop geschenkt, das sie einem alten chassidischen Juden namens Yetzel Beckman, einem Antiquitätenhändler, den Max kennt, gekauft hat.

Wie Max herausfinden muss, verfügt das Teleskop über ein paar verblüffende Eigenschaften. Man könnte es fast magisch nennen.

Als er sich bei Yetzel Beckman über das Verschwinden seiner Frau beschweren will, erfährt er von dem Hintergrund des Teleskops und was es mit seiner jungen Braut auf sich hat. Seitdem schaut er durch ein anderes Teleskop und wartet, dass darin seine Braut auftaucht – und er selbst ebenfalls …

|Mein Eindruck|

Diese gefühlvoll, aber nicht keineswegs weinerlich erzählte Geschichte beleuchtet das Schicksal von jüdischen KZ-Häftlingen, die aus Treblinka entkommen konnten. Max ist das Kind von Chesia, einer Entkommenen, und einem deutschen Wachmann, der sie in Sicherheit brachte. Daher seine Bezeichnung als „Connecticut-Nazi“. Doch wo sind Chesia und Nazi jetzt? Vielleicht kann es ihm das magische Teleskop enthüllen.

Vergangenheit und Gegenwart sind eng miteinander verwoben, zusammengebunden durch jüdische Mystik (Kabbala) und das Instrument (Teleskop), aus der Gegenwart und Realität heraus in eine Vergangenheit zu schauen, in der die Geliebte noch lebendig ist. Die Story nimmt Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“ und Nicole Kraus‘ „Die Geschichte der Liebe“ vorweg. Sie eignet sich ausgezeichnet zum Immerwiederlesen.

|8) Felicity Savage: Cyberschicksal|

Kasachstan, vielleicht in 50 Jahren. China ist zusammengebrochen, wurde aber von der Republik des Neuen Volkes Chinas neu gegründet. Die 18-jährige Xiao hat den Amerikaner Jon geheiratet, nachdem ihre Mutter gestorben war. Xiao hofft, mit ihm nach Amerika, ins Gelobte Land, zu gelangen. Doch sie muss zu ihrem Leidwesen herausfinden, dass Jon Carneira der letzte Überlebende eines Wirtschaftskriegs gegen seine Familie ist und dringend gesucht wird.

Per Anhalter werden sie von einem stinkreichen Milliardär namens Mechisedek Assad mitgenommen. Er ist der Gründer und Besitzer eines Themenparks à la Disneyland, allerdings vor der Küste von Eritrea und mit jeder Menge Virtueller Realität bestückt. Während Xiao einen kleinen, aber aufschlussreichen Ausflug in „Legende“ unternimmt und ein aus drei Schwestern bestehendes Orakel kennen lernt, findet in Assads Suite eine üble Schießerei statt. Die Kopfgeldjäger haben ihr Opfer gefunden. Da platzt Xiao herein …

|Mein Eindruck|

Dir Story ist sehr dicht erzählt. Aus der Perspektive des jungen, impulsiven Mädchens erleben wir ein Panoptikum bedrohlicher Phänomene, doch sie schlägt sich durch. Zweifel erfüllen sie, warum sie ihre Weigerung, mit Jon, ihrem Mann, zu schlafen, aufrechterhält. Schuldgefühle werden erklärt und beseitigt. Nun kann sie wieder handeln und in die Zukunft blicken – wenn da nicht das Massaker wäre, zu dem sie zurückkehrt.

Hinsichtlich der Cybertechnik erscheint mir die Story aber wie ein Déjà-vu aus seligen Cyberpunkzeiten Mitte der achtziger Jahre, also zehn Jahre zuvor. Dadurch erscheint die flott erzählte Story etwas schwächer als der Rest.

_Unterm Strich_

Auch diese Auswahl an phantasievollen Erzählungen bietet wieder einen kurzweiligen und interessanten Einblick in die amerikanische Szene der Jahre 1995 und 1996. Wer allerdings einen Querschnitt mehr internationalen Zuschnitts sucht, sollte sich an Wolfgang Jeschkes entsprechende Anthologien halten.

|222 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von verschiedenen Übersetzern|
http://www.heyne.de

Ursula K. Le Guin – Die zwölf Striche der Windrose. Erzählungen

Klassische Erzählungen der Fantasy und Science-Fiction

Die Sammlung „Die zwölf Striche der Windrose“ (Band 25 der Heyne Science-Fiction-Bibliothek) stellt den außerordentlichen literarischen Rang der Autorin unter Beweis. Eine ganze Reihe dieser Erzählungen aus der Zeit zwischen 1962 und 1972 wurden mit Preisen ausgezeichnet, darunter „Der Tag vor der Revolution“, für die die Autorin den Nebula Award erhielt. Die Autorin begann also vor rund sechzig Jahren zu veröffentlichen.

Die Autorin
Ursula K. Le Guin – Die zwölf Striche der Windrose. Erzählungen weiterlesen

Max Barry – Die 22 Tode der Madison May

Killerjagd im Multiversum

Am grausamen Mord an Madison May scheint auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Die Immobilienmaklerin wird offenbar von einem potenziellen Kunden niedergestochen. Der Täter, der sich keine Mühe gegeben hat, seine Identität zu verbergen, scheint einem Kult anzugehören.

Als Journalistin Felicity dem Mann zufällig in der U-Bahn begegnet, nimmt sie die Verfolgung auf. Es kommt zum Handgemenge, sie wird aufs Gleis gestoßen, der herannahende Zug kann gerade noch bremsen. Der Verdächtige ist spurlos verschwunden – ebenso wie Felicitys Katze.

Ihre Kollegen können sich beim besten Willen nicht mehr an Madison May erinnern, und ihr langjähriger Freund hat plötzlich neue Hobbies, denen er angeblich schon seit Jahren nachgeht. Langsam wird Felicity klar, dass sie nicht mehr im selben New York ist, sondern in einer Parallelwelt – in der die junge Schauspielerin Madison May in tödlicher Gefahr schwebt …
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Max Barry – Logoland

Eine gnadenlose Verkaufsidee: Um die Nachfrage auf einen 2500 Dollar teuren Turnschuh weiter anzuheizen, sollen zehn Kunden im Einkaufstrubel erschossen werden. Doch in der Welt von morgen ist alles käuflich, und so wandert der Mordauftrag in immer neue Hände. Ein bitterböser Globalisierungsthriller – eine Mischung aus „Fight Club“ und „Minority Report“ für die neue Weltordnung. (Verlagsinfo)

Der Autor
Max Barry – Logoland weiterlesen

[NEWS] Teresa Simon – Die Reporterin. Zwischen den Zeilen

Mai 1962: Marie Graf ist Anfang zwanzig und lebt ihr Leben so, wie von den Eltern geplant. Heimlich jedoch hat sie einen Traum: Sie will Reporterin werden. Sie will schreiben, informieren, aufrütteln. Als die neu gegründete Zeitung Der Tag ihr ein Praktikum anbietet, kann sie ihr Glück kaum fassen. Doch Marie muss sich jeden Schritt ihres Weges hart erkämpfen, sich gegen egozentrische Kollegen, schwierige Interviewpartner und ihre eigenen Eltern durchsetzen. Dank der Hilfe ihres Mentors beim Tag bekommt Marie die Gelegenheit, Größen wie Pierre Brice und Hildegard Knef kennenzulernen. Aus ihr wird Malou Graf, Gesellschaftskolumnistin. Doch der Erfolg im Beruf hat Schattenseiten, nicht zuletzt für Malous Liebesleben. Und dann ist da noch ein Familiengeheimnis, das alles zerstören könnte, was sie sich so mühsam aufgebaut hat … (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 416 Seiten
Heyne

[NEWS] Michel Bergmann – Du sollst nicht begehren (Der Rabbi und der Kommissar 2)

Galina Gurewitz ist verschwunden. Seit drei Wochen ist die Weltklasse-Schwimmerin wie vom Erdboden verschluckt. Dennoch weigert sich ihre Mutter standhaft, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Genau wie Galinas Gatte, der zum Jähzorn neigende Geschäftsmann Semjon Gurewitz. Werden sie womöglich erpresst? Kommissar Berking von der Frankfurter Polizei hat leider keine Handhabe für offizielle Ermittlungen. Aber er hat seinen Freund, den kriminalistisch begabten Rabbi Henry Silberbaum, der sich einfach mal ganz informell in der russisch-jüdischen Gemeinde umhört. Dabei kommt er einer unglaublichen Geschichte auf die Spur … (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 288 Seiten
Heyne

Brandon Sanderson – Die Seele des Königs (3 Novellen)

Als „Die Seele des Königs“ in den Vorankündigungen auftauchte, dachte ich erst, es sei die Fortsetzung der Sturmlicht-Chroniken. Nach dem Lesen der Kurzbeschreibung war klar, dass es das nicht ist. Aber erst, als ich mein Exemplar in der Hand hielt, stellte ich fest, dass es sich hierbei nicht um einen Roman, sondern um drei Novellen handelt.

„Die Seele des Königs“ ist die erste der drei.

Nach einem Attentat liegt der König im Koma. Sollte das an die Öffentlichkeit dringen, wird der fünfköpfige Regierungsrat seine Macht verlieren. Deshalb ringen seine Mitglieder sich widerwillig dazu durch, der jungen Fälscherin Shai, die eigentlich hingerichtet werden sollte, die Freiheit anzubieten … wenn sie dafür die Seele des Königs fälscht! Brandon Sanderson – Die Seele des Königs (3 Novellen) weiterlesen

C. J. Cherryh – Der Koboldspiegel. Fantasyroman

Hexerei im Land der Magyaren

Caroline Cherryh schreibt nicht nur Science-Fiction-Zyklen, sei es um das Union-Allianz-Universum oder um die Rasse der Chanur, sondern auch recht düstere Fantasy, so etwa den Morgaine-Zyklus. Mit ihrer bei uns weiterhin unveröffentlichten Rusalka-Trilogie hat sie ihre Fangemeinde bereits einmal mit den osteuropäischen Sagen und Legenden vertraut gemacht. Diese Tradition setzt sie mit „Der Koboldspiegel“ fort.

C. J. Cherryh – Der Koboldspiegel. Fantasyroman weiterlesen

Lennon, J. Robert – Postmann

Die Kritiker überschlagen sich förmlich vor Lob, wenn es um „Postmann“, den neuesten Roman aus der Feder des amerikanischen Autors J. Robert Lennon, geht. Da wird Lennon schon mal als „literarisches Schwergewicht ersten Ranges“ bezeichnet (|Chicago Tribune|) oder als „Sprachkünstler mit einem abgedrehten Sinn für Humor“ (|The Times|) und „Postmann“ wird mit den schönsten Adjektiven geschmückt: „originell, authentisch, schräg, wunderbar und auf jeden Fall mitreißend“ (ebenfalls |The Times|). Kein Wunder, dass der Verlag selbst nicht davor zurückschreckt, den Roman, mit dem Lennon in den USA und England der Durchbruch gelang, als „eines der beeindruckendsten Werke der amerikanischen Literatur der letzten Jahre“ zu titulieren*. So viel Lob steckt halt an und ermuntert nicht zuletzt auch den Leser, einen genaueren Blick auf einen bis dato eher unbekannten Autor zu werfen.

Für mich ist „Postmann“ ein Roman, der im ersten Moment schwer greifbar ist. Den Handlungsbogen genau zu erfassen, erscheint zunächst nicht ganz einfach. Der Leser begleitet den neurotischen Postboten Albert Lippincott für zehn Tage. Die gegenwärtige Handlung wird dabei oft an den Rand gedrängt und Lennon verliert sich in ausgiebigen Rückblenden, die das Leben von Albert reflektieren. Der Roman zeigt sich bei näherer Betrachtung sehr vielschichtig und entwickelt dabei immer wieder eine Tiefe, die man anfangs nicht vermutet.

Hauptfigur ist also Albert Lippincott, unser neurotischer Postbote, vom Autor stets liebevoll Postmann genannt, wohnhaft in Nestor, einer kleinen Universitätsstadt im Staate New York. Zunächst schauen wir ihm an einem ganz normalen Arbeitstag über die Schulter. Es ist Freitagmorgen, er sortiert seine Post, stellt sie zu und zweigt sich den einen oder anderen Brief als Abendlektüre ab. Den Rest des Tages verbringt er auf dem wenig aufregenden Nestor-Fest, bestaunt die Attraktionen, die alle anderen auch bestaunen, und isst Hühnchensandwiches, die ihm nicht wirklich schmecken. Das klingt zunächst alles wahnsinnig unspektakulär und ist für Postmann der normale Alltag.

Doch genaugenommen ist dieser Freitag für Postmann alles andere als ein normaler Freitag. Er markiert den Beginn eines Prozesses, der sein Leben vollkommen umkrempelt. Am Ende ist nichts mehr wie es war, doch Postmann ahnt davon an diesem Morgen noch gar nichts. Erste Probleme deuten sich an, als er sieht, dass Jared Sprain, einer der Bewohner in seinem Zustellbezirk (und einer, von dem er noch einen Brief zu Hause liegen hat), tot aus seiner Wohnung getragen wird. Selbstmord – was nicht wirklich verwunderlich ist, denn Sprain war schon lange depressiv. Dennoch plagen Postmann Gewissensbisse, hatte er es doch in der letzten Woche versäumt, den Brief eines Freundes von Sprain zuzustellen, in dem dieser ihm (wie so oft) seine Selbstmordgedanken auszureden versucht. War Postmann durch das Nichtzustellen des Briefes etwa schuld an Sprains Selbstmord? Sollte nun auffliegen, dass Postmann sich die Briefe seiner Kunden „ausleiht“?

Im Laufe weniger Tage häufen sich, ausgehend von diesem Ereignis, für Postmann mehrere Probleme an, die seine kleine Welt ins Wanken bringen. Sein trostloses Wochenende über hängt er größtenteils der Vergangenheit nach, bevor sich mit Beginn der neuen Woche die Turbulenzen verschlimmern …

Das Bild, das Lennon von seinem Postmann skizziert, weckt die vielfältigsten Gefühle. Mal wirkt die Gestalt des neurotischen kleinen Briefträgers geradezu zum Lachen, mal stimmt uns seine jämmerliche amerikanische Kleinstadtwelt mit ihrem ganz normalen Wahnsinn traurig oder melancholisch. Mit einem Blick für die tragikomischen Momente im ganz alltäglichen Leben lässt Lennon die markantesten Punkte in Postmanns Dasein Revue passieren.

Wer Postmann aufgrund seines derzeitigen Lebenswandels für einfältig und beschränkt hält, der wird sich im Laufe des Buches wundern. Postmann hat sogar mal ein paar Semester studiert, bevor er seine mittlerweile 30-jährige Postkarriere startete. Postmanns Leben hat viele Facetten: sein gescheitertes Studium, seine schwierige, manchmal etwas zu ungeschwisterlich innige Beziehung zu seiner Schwester, dann seine gescheiterte Ehe mit der Krankenschwester Lenore, das etwas verkorkste Verhältnis zu seinen Eltern und nicht zuletzt eine verrückte Reise in die tiefste Provinz Kasachstans.

Lennon widmet sich dieser vielschichtigen Lebensgeschichte seines oberflächlich betrachtet eher langweiligen Charakters ausgiebig, und so sind es auch die Rückblenden, in denen mit Blick auf den Handlungsbogen die Stärken des Romans liegen. Die Gegenwart gerät dabei schon mal ein wenig ins Hintertreffen und so hatte ich gerade im Mittelteil des Romans hier und da ein wenig das Gefühl, dass Lennon etwas die Ausgewogenheit der beiden Erzählebenen vermissen lässt. Die Rückblenden sind stark, keine Frage, aber man verliert darüber in der Gegenwart hier und da ein wenig den Faden – nicht zuletzt auch, weil die Handlung in der Gegenwart streckenweise nicht so recht vorankommt.

Die Gegenwart spielt vor allem am Anfang und am Ende eine größere Rolle, so dass Lennon den Roman trotz dieser stellenweise auftretenden Gegenwartsschwäche als eine runde, größtenteils stimmige Sache gestaltet. Am Ende schafft er es, die Balance wieder herzustellen. Kern des Romans ist letztendlich die Lebensgeschichte von Postmann und die stellt Lennon ganz hervorragend dar. Thematisch ist dabei im weitesten Sinne mal wieder der viel beschworene amerikanische Traum ein entscheidendes Element, beziehungsweise sind es die Schwierigkeiten, selbigen im alltäglichen Leben zu verwirklichen.

Lennons Roman ist ein Sammelsurium verkrachter Existenzen, von denen jede auf eigene Art scheitert. Postmanns Mutter, die stets von einer großen Gesangskarriere geträumt hat, aber nur Auftritte in billigen Bars auftreiben kann. Postmanns Vater, der ein großer Wissenschaftler hätte werden können, der sich aber zunehmend in seinem Kellerlabor verkriecht und vom Familienleben kaum etwas mitbekommt. Postmanns Schwester, die ihre hart erarbeitete Schauspielkarriere nie so voranbringen konnte wie sie wollte. Und Postmann selbst, der anfangs zunächst einen vielversprechenden Weg mit seinem Studium eingeschlagen hat, der versucht alles richtig zu machen, aber im weiteren Verlauf schon an den kleinsten Dingen scheitert.

Für den Leser fällt Postmanns Scheitern unter Umständen ganz amüsant aus, denn gerade seine Figur ist so tragisch und komisch zugleich, dass man mal über ihn lachen kann, im nächsten Moment den Kopf schüttelt und ihn einen Idioten schimpfen will und im übernächsten Mitleid empfindet. Man kommt nicht umhin, Postmann mit all seinen Macken und eigenartigen Lebensweisen als schräg zu bezeichnen, und spätestens, wenn Postmann mutterseelenallein in der tiefsten Provinz Kasachstans hockt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Lennon skizziert die Figur liebevoll und detailreich, so dass der 605-seitige Umfang des Romans durchaus angemessen erscheint – gerade auch mit Blick auf Lennons etwas weitschweifige aber mitreißende Erzählweise.

Lennons Stil braucht ein paar Seiten, bis er sich richtig entfaltet, bis man sich voll und ganz auf Figuren und Handlungsorte einlässt, aber kommt er erst einmal in Fahrt, ist er dem Anschein nach nicht mehr zu bremsen. Auf Basis einer kleinen, nahezu belanglosen Romanfigur an einem verschlafenen Ort entsteht ein Roman, der überraschend tiefgreifend und weitsichtig ist. Lennon schmückt seine Betrachtungen von Postmanns verkrachter, fast schon mickriger Existenz mit philosophischen Fingerübungen und gesellschaftlichen Überlegungen und bereichert seinen Roman damit um eine weitere interessante Facette.

Dank seines gewitzten Umgangs mit der Sprache und seines feinsinnigen, teils schwarz angehauchten Humors übermittelt er seine Ansichten und Eindrücke nachhaltig. Lennon versteht es, treffende Vergleiche zu ziehen und mit seinen ausgeklügelten Formulierungen stets den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die Lektüre wird dadurch im Laufe der Zeit zu einem wahren Genuss. Nett verpackt in einem ironischen, gewitzten Ton, mit bildhaften Vergleichen und einer Prise Melancholie schafft es Lennon, den Leser auch sprachlich zu fesseln und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Lennon gelingt auf diese Weise eine lesenswerte Reflexion des Lebens an sich, mit all den glücklichen Momenten und all den Lebenslügen und dem verloren gegangenen amerikanischen Traum. Man kommt nicht umhin, auch nach der Lektüre immer mal wieder an Postmann zurückzudenken. Er wächst einem trotz aller Schrullen, trotz all der merkwürdigen neurotischen Züge, die er entwickelt, eben doch nachhaltig ans Herz.

Klappt man am Ende das Buch zu und lässt „Postmann“ noch einmal in Ruhe gedanklich Revue passieren, so lässt es sich kaum umgehen, beim Blick auf all das Lob und all die positiven Worte zu Lennons Roman zustimmend zu nicken. Es ist genau so wie der |Independent| schreibt, es gelingt Lennon tatsächlich „meisterlich, die Traurigkeit und Melancholie des Alltags einzufangen“. „Postmann“ ist ein Wechselbad der Gefühle, das mit zunehmender Seitenzahl an Dramatik und Tragik gewinnt und dabei stets ein wenig schräg, sonderbar und auf seine ganz eigene Art liebenswürdig bleibt. Lennons Stil überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer schon mit Freude Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen gelesen hat, für den könnte sich „Postmann“ als Glücksgriff entpuppen.

* Wobei wir nicht so spitzfindig sein und die Kompetenz des |Heyne|-Verlags mit Blick auf die amerikanische Literatur infrage stellen wollen, nur weil sie den Australier Max Barry in den Verlagsempfehlungen amerikanischer Szeneautoren auf der letzten Seite des Buches zum Amerikaner machen. Schließlich gehört Australien in [„Logoland“, 96 Barrys abgedrehter Utopie der globalisierten Welt von morgen, praktisch mehr oder weniger zu den USA. Also ist das gar kein Fehler, sondern höchstens vorausschauend …

[NEWS] Stuart Turton – Der Tod und das dunkle Meer

1634, Kolonie Batavia: Gerade noch hat der Privatdetektiv Samuel Pipps im Auftrag der mächtigen Ostindien-Kompanie den Verbleib eines kostbaren Schatzes aufgedeckt. Nun befindet er sich auf der Rückreise nach Amsterdam – zu seiner eigenen Hinrichtung. Welches Verbrechen er begangen haben soll, weiß er jedoch selbst nicht. Sein Assistent und Freund Arent Hayes ist mit an Bord. Kaum auf Hoher See beginnt der Teufel sie heimzusuchen. Unerklärliche Morde geschehen, und ein unheimliches Flüstern weht durch das Schiff. Es ist an Pipps, ein Rätsel zu lösen, das alle Passagiere verbindet und weit in die Vergangenheit zurückreicht. Wenn es ihm nicht gelingt, wird das Schiff sinken und sie alle in die Tiefe reißen … (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 608 Seiten
Heyne

[NEWS] Robert Ludlum – Die Bourne Evolution (Bourne 15)


Sie war die große Hoffnung der amerikanischen Demokraten. Schlagfertig, klug und progressiv. Doch dann wird die junge Kongressabgeordnete Sofia Ortiz bei einem Überfall auf eine Veranstaltung in New York mit mehreren Schüssen getötet. Dringend tatverdächtigt ist ausgerechnet jener Mann, der bis vor Kurzem als Killer im Auftrag der Regierung stand. Sein Name ist Jason Bourne und er ist auf der Flucht. Einzig die Journalistin Abbey Laurent glaubt an seine Unschuld und beschließt, ihm zu helfen. Doch Bournes Feinde kennen keine Skrupel. Eine gnadenlose Verfolgungsjagd beginnt …
(Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 480 Seiten
Heyne

[NEWS] Elisabeth Norebäck – Die Insassin

Seit mehreren Jahren sitzt Linda Andersson im Gefängnis, die Anklage lautet: Mord. Sie soll ihren Mann Simon erstochen haben. Alle Indizien sprechen gegen Linda: Ihre Ehe mit Simon war am Ende, und sie wurde von der Polizei mit blutdurchtränkten Kleidern im selben Raum wie die Leiche ihres Mannes angetroffen. Linda ist davon überzeugt, unschuldig zu sein. Nur: Sie kann sich an nichts erinnern. Wie soll sie herausfinden, was sich in der Mordnacht wirklich ereignet hat? Dafür müsste sie erst aus dem Gefängnis ausbrechen. Und was, wenn die Wahrheit noch viel grausamer ist, als sie bisher dachte? (Verlagsinfo)


Taschenbuch ‏ : ‎ 384 Seiten
Heyne

Abercrombie, Joe – Königsklingen (The First Law 3)

Die „The First Law“-Trilogie:

Band 1: Kriegsklingen (The Blade Itself)
Band 2: Feuerklingen (Before They Are Hanged)
Band 3: Königsklingen (Last Argument of Kings)

Für Logen, den Barbarenkrieger, sind die Zeiten siegreicher Schlachten vorbei – und dennoch steht ihm der größte Kampf seines Lebens bevor … Zu viele Herren und zu wenig Zeit haben den zynischen Inquisitor Glokta in ganz andere Schwierigkeiten gebracht – unversehens steht er im Zentrum eines tödlichen Geheimnisses … Als die Schatten des Bösen auf das Land fallen, hat der Erste der Magier wie immer einen Plan zur Rettung der Welt – doch dieses Mal geht er ein schreckliches Risiko ein … (Verlagsinfo)

Der Brite Joe Abercrombie ist mittlerweile kein Unbekannter mehr. Mit komplexen und faszinierenden Charakteren sowie einer Abkehr vom gängigen Gut-Böse-Schema hat er hat sich in die Herzen der Fans geschrieben und folgt damit einem Trend im Fantasy-Genre, mit dessen populärsten und prominentesten Vertreter George R. R. Martin er keinen Vergleich zu scheuen braucht. Mag man einwenden, dass Martin eine noch größere und komplexere Welt geschaffen hat, während Abercrombie doch etwas weniger Charaktere in die Schlacht wirft und eine Karte der Welt von vielen Fans bislang schmerzlich vermisst wird. Abercrombie bietet dafür eine Extraprise Zynismus und kernigere Charaktere; seine Meinung zu Karten in Fantasyromanen kann man in seinem Blog nachlesen: „Call me foolish as well, but I do think having a map there can damage the sense of scale, awe, and wonder that a reader might have for your world.“

In einer Hinsicht könnte Abercrombie Martin etwas vormachen, beziehungsweise er hat es getan: Er hat seine Trilogie (vermeintlich) vollendet. Deshalb möchte ich das Buch getrennt als Abschluss der Serie sowie als eigenständiges Werk besprechen.

Kein Ende, sondern der Auftakt zur nächsten Trilogie

Witzigerweise lässt Abercrombie die Serie so enden, wie sie begann: Mit einem mehr oder minder unfreiwilligen Sturz Logens aus dem Fenster beziehungsweise in die Schlucht. Wie und warum es dazu kam, möchte ich nicht vorwegnehmen. Die Konsequenzen sind allerdings klar: Logen kommt wieder. Ebenso seine Gefährten, auf neuen Positionen, um den Kampf gegen Khalul und eventuell einen in „Königsklingen“ überraschend mächtigen und sehr listig und erfolgreich manipulierenden Bayaz aufzunehmen.

Doch zuvor kommt noch das für den 1. September 2009 angekündigte „Racheklingen“ (Best Served Cold), das allerdings keine Fortsetzung der Geschichte darstellt, sondern den Rachefeldzug der verratenen Söldnerin Monzcarro Murcatto begleitet. Ob Abercrombie mit „Styria“ die Steiermark meint, ist unklar, allerdings lehnt er sich nur an das europäische Mittelalter an, ähnlich wie Martin mit Westeros in seinem Lied von Eis und Feuer. Abercrombie plant, das komplette erste Kapitel demnächst online zu veröffentlichen. Etwas Neues darf man dabei wohl nicht erwarten, eher eine Variation der First Law-Trilogie. Wem kommt folgende Beschreibung nicht bekannt vor: Her allies include Styria’s least reliable drunkard, Styria’s most treacherous poisoner, a mass-murderer obsessed with numbers and a Northman who just wants to do the right thing. (aus der Kurzbeschreibung)

Ich frage mich, ob man Abercrombie mit solchen stereotypen Beschreibungen gerecht wird, denn sein Markenzeichen ist es, mit solchen vermeintlich klar determinierten Charakteren zu spielen und unerwartete Wendungen einzubauen. Ein Großteil des Vergnügens beim Lesen seiner Romane basiert gerade darauf.

Als abgeschlossen kann man die First Law-Trilogie nicht bezeichnen. Das Ende ist offen, der Zyklus beginnt von neuem. Im Gegenteil, der Auftakt zu einem noch größeren Konflikt ist gegeben, die Abrechnung mit Khalul steht noch aus. Der Norden ist nach wie vor eine Bedrohung, auch wenn Bethod mit seiner Hexe untergeht. Gleich zwei neue Könige wird es geben, nicht unbedingt unerwartet. Beide müssen jedoch feststellen, dass man leichter König wird, als es zu bleiben.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

In höchste Höhen befördert, Lieblinge und Helden des Volkes, und am Ende doch kein Happy End. Zynisch und überzeugend präsentiert uns Abercrombie, wie unsere Helden gnadenlos scheitern. Ironischerweise ist gerade der in „Feuerklingen“ so übel scheiternde Bayaz der große Gewinner. Auch Glokta erfährt unerwartetes Glück, wohingegen Luthar und Logen nur aufsteigen, um noch tiefer zu fallen… Logen sogar im wörtlichen Sinne aus dem Fenster. Ich habe mit Luthar gefiebert und erlebt, wie aus der Made ein Mann geworden ist. Was Abercrombie seiner Figur antut, ist eine Tragödie par excellence. Seine Liebe zu Ardee West endet tragisch, sein ehemaliger Freund Collem West wird ein Kriegsheld, aber gesundheitlich dürfte es sogar Glokta besser gehen. Luthars Freiheit wird ihm ebenfalls genommen, er wird zur Marionette der Spinne Bayaz.

Bei aller Finesse und gekonnten, oft angenehm überraschenden Wendungen, wird Abercrombie leider trotzdem durchschaubar: Er treibt den Zynismus der Serie so weit, dass er geradezu krampfhaft jedes kleine bisschen Glück brutal mit dem Vorschlaghammer oder auf eine noch perfidere Weise zerschlagen muss. Man wartet nur noch darauf, wie er es tut. Richard K. Morgan („Das Unsterblichkeitsprogramm“) könnte es nicht besser; auch dessen Romane leiden manchmal unter diesem zwanghaften Zynismus. Hier wäre weniger sicherlich mehr.

Während Gloktas und Logens innere Dialoge wieder einmal echte Highlights des Romans sind, bleibt Ferro Maljinn erneut ein relativ funktionsloser Charakter, dessen einzige Aufgabe scheinbar darin besteht, von Lesern und Rezensenten als Unsympath gehasst zu werden. Hoffentlich ist Abercrombies Söldnerin Murcatto keine zweite Ferro!

Fazit:

Als perfekt inszenierte Tragödie präsentiert sich „Königsklingen“, nur an Details kann ich mäkeln. Das Verhalten von zwei Nebencharakteren war für mich nicht wirklich nachvollziehbar motiviert; auf diese Weise die Geschichte einen Haken schlagen zu lassen, ist leider zu willkürlich und aufgesetzt. Wo in den ersten beiden Bänden Faszination über Abercrombies bemerkenswerte Charaktere den Leser in den Bann zog, ist es diesmal der Automatismus der jeweils persönlichen Katastrophe, der sie scheinbar nicht entgehen können, der den Leser mitleiden lässt und mich tief beeindruckt hat.

Mitleiden und genießen! Eine leichte Verstimmung wegen eines Übermaßes an schwarzem Humor und Zynismus muss der eine oder andere Leser aber unter Umständen befürchten. Ein wenig vermisse ich die Innovation – will Abercrombie das bewährte Schema wirklich in einer weiteren Trilogie und den „Racheklingen“ erneut breittreten? Viele Kritiker vermissten eine Handlung, einen roten Faden, dem sich Abercrombie aber konsequent verweigern muss. Seine Welt ist dynamisch und überraschend, nicht determiniert mit einem klassischen Endkampf, wie es traditionell oft der Fall ist. Ist unter solchen Voraussetzungen überhaupt ein klassisches Ende möglich? Tendenziell müsste „Racheklingen“ vielleicht gerade das bieten, aber wird uns Abercrombie wirklich eine erfolgreich vollzogene Rache präsentieren? Ich wage das zu bezweifeln.

So sehr ich mich auch auf eine Fortsetzung der Abenteuer Logens, Gloktas und Co. freue, Abercrombie hat sie bereits durch den seelischen und körperlichen Fleischwolf gedreht, und bei aller Tragik hat er die Charaktere nicht nur weiterentwickelt, sondern faktisch ebenso zurückentwickelt, insbesondere Logen, der wieder einmal ins Bodenlose fällt – ein zyklisches Schema mit Wiederholungsgefahr. Angesichts der Begeisterung, mit der ich alle Romane Abercrombies bisher verschlungen habe, möchte ich mich darüber jedoch nur auf sehr hohem Niveau beklagen.

Paperback: 944 Seiten
Originaltitel: Last Argument of Kings
Übersetzt von Kirsten Borchardt
Mit Illustrationen von Dominic Harman

Homepage und Blog des Autors:
http://www.joeabercrombie.com/

www.heyne.de

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