Werner Fuchs (Hrsg.) – Die Grotte des tanzenden Wildes. SF-Erzählungen

Durchwachsene Auswahl klassischer SF-Stories

Diese SF-Anthologie versammelt sieben phantastische Erzählungen aus den Jahren zwischen 1958 und 1982. Sie machte den deutschen SF-Leser 1982 mit der Produktion angelsächsischer AutorInnen bekannt. Die Titelgeschichte wurde mit den beiden wichtigsten Preisen des SF-Genres ausgezeichnet, mit dem Hugo Gernsback Award und dem Nebula Award.

Der Herausgeber

Werner Fuchs, geboren 1949 in Aalen, ist einer der führenden SF-Experten Deutschlands. Er war Buch- und Spielehändler, Übersetzer, Lektor und Autor. Er hat den renommierten „Reclam SF-Führer“ und das „Heyne SF-Lexikon“ mitverfasst. Außergewöhnlich ist seine „Dokumentation der Science Fiction ab 1926 in Wort und Bild“, die er 1978 (zusammen mit H.J. Alpers und R.M. Hahn) im Tandem-Verlag veröffentlichte.

Bei Knaur leitete er die SF-Reihe und veröffentlichte mehrere Anthologien. Hervorzuheben ist seine mehrbändige SF-Anthologie, die im Hohenheim-Verlag erschien und immer noch hohe Gebrauchtpreise erzielt.

Die Erzählungen

1) Barrington J. Bayley: Ich und mein Antronoskop (1973)

In ferner Zukunft schreibt der Weltraumreisende Utz seinem Kollegen Amsravaar, den er einen Stubenhocker nennt, von seiner sensationellen Entdeckung: zweibeinige Sauerstoffatmer. Mit Hilfe seines Antronoskops, mit dem er durch Felsen in Höhlen schauen kann, beobachtet er die interessanten Lebewesen, die seltsamerweise tausend Meilen unter der Oberfläche in einer gigantischen Höhle leben…

Erled ist ein junger Wissenschaftler, der darauf erpicht ist, die Gesteinsschichten mit der 500 Jahre alten Bohrungsmaschine zu durchdringen, um so andere „Leerräume“ zu finden, in denen sein Volk siedeln kann. Leid ist genau dieses Vorhaben dem Ältestenrat ein Dorn im Auge, und so kommt es, dass dessen Vorsitzender Erleds Verlobung mit seiner Tochter Fahaleen auflöst und ihm sämtliche Zukunftsperspektiven nimmt.

Erled sieht ein stumpfsinniges Leben in der riesigen Höhle voraus, nur ein Winzling unter 750.000 anderen Höhlenmenschen. Als man ihn wegen einer Probebohrung verhaften will, flüchtet er mit seinem kameraden, klaut die Bohrmaschine und entkommt mit Höchstgeschwindigkeit durchs gestein. Nach vier Monaten und aufgrund einer kleinen Orientierungshilfe von Utz stoßen die beiden auf eine weitere riesige Höhle. Doch sie können nicht zurück, weil ihr Lebenserhaltungssystem ebenso den Geist aufgegeben hat wie ihr Maschinenantrieb.

Amsravaar rät seinem Kollegen Utz dringend, nach Hause zurückzukehren und ein anständiger Bürger zu werden. Seine abstruse Story von den Höhlenbewohnern könne er allenfalls in eines seiner Bühnenstücke einbauen…

Mein Eindruck

Die Hauptgeschichte liest sich wie ein Stück SF aus den 1930er Jahren, wird aber durch die Briefe ironisch relativiert und modernisiert. Die Aussage ist satirisch gemeint: Junge Männer (keinesfalls Frauen) haben den unwiderstehlichen Drang, Grenzen, die ihnen ihre Älteren gesetzt haben, zu überschreiten und dabei allerlei Unsinn zu treiben – der womöglich unter anderen Voraussetzungen durchaus sinnvoll wäre. Es ist das Marco-Polo-Syndrom: Keiner glaubt, als er geht, und keiner glaubt, als er mit unglaublichen Geschichten zurückkehrt – „Marco Millione“ wurde sein Spitzname.

2) Katherine MacLean: Ein unmenschliches Opfer (1958)

Das Schiff des Predigers Revent Paul Winton ist auf einem schönen, erdähnlichen Planeten gelandet. Jetzt benutzt er seine neue Übersetzungsmaschine, um den versammelten Humanoiden die Frohe Botschaft zu bringen und sie auf den rechten Weg zu führen. Von Wintons Erfolg sind die beiden Techniker, die das Schiff steuern und instandhalten, keineswegs überzeugt. Charlie und Harry halten es sogar für denkbar, dass die Wilden den Missionar auffressen. Jeder Versuch, diesen vom Predigen abzuhalten, weil die Übersetzung noch lückenhaft sei, wird mit Spitzfindigkeiten abgeschmettert.

Als das Trio nacheinander den Fischerjungen Spet ausfragt, wird ihnen allmählich klar, dass ein einschneidendes Ereignis kurz bevorsteht: Der Monsunregen kommt. Und die Regenfälle kommen bald so gewaltig, dass alles, was nicht festgemacht ist, davongespült werden wird. Der Missionar ist schickoert, was dann die Erwachsenen mit Jünglingen wie Spet machen: Sie hängen sie an den Mangrovenbäumen an den Füßen auf. Wie grausam!, protestiert der Revent und macht sich auf, den Eingeborenen dies auszureden.

Charlie und Harry sind praktischer veranlagt: Sie schneiden Spet einfach los und versuchen, ihn durch die anschwellenden Fluten in ihr Raumschiff in Sicherheit zu bringen. Als Winton im Regen auftaucht, jammert er bloß: Die Eingeborenen seien alle in Booten davongerudert und hätten ihn zurückgelassen. Und er könne nicht schwimmen. Auch für dieses Problem findet sich eine Lösung: Charlie nimmt ihn huckepack und watet zum Schiff.

Doch der Anblick eines sich verwandelnden Eingeborenen – Spet – löst in Winton einen Anfall von Wahnsinn aus. Dies kann Gott nicht gewollt haben, oder?

Mein Eindruck

Obwohl diese Erzählung aus dem Jahr 1958 stammt, enthält sie bereits das ökologische Gedankengut, das zehn Jahre später vom Club of Rome verbreitet wurde. Auf erstaunliche Weise nimmt die Autorin bereits Öko-Stories wie Sydney van Scyocs Geschichte “ Süßschwesterlein, Grünbrüderlein“ aus dem Jahr 1973 vorweg. In dieser xenobiologischen Geschichte kommt es ebenfalls zu einem einschneidenden Naturereignis, als die Symbiose aus Baum und Fluss zerstört und so den Gewitterblitzen ein Angriffspunkt eröffnet wird.

Es geht im Kern um das Erkennen von verborgenen Beziehungen in einer fremdartigen Kultur, ja, einer Spezies. Da hier keine Frau auftritt, dauert das Erkennen erheblich länger, wenn die beiden techniker es betreiben. Aber immerhin erkennen Charlie und Harry, dass sich eine Spezies radikal ändern kann – ein Tier kann zu einer Pflanze werden, wenn der Instinkt dafür sorgt. Leider kommen solche Wandlungen im fanatischen Weltbild des Missionars nicht vor. Sie treiben ihn sogar in den Wahnsinn.

Die Erzählung selbst ist relativ einfach gestrickt und krankt in den Augen des heutigen Lesers an den Rollenklischees ihrer Entstehungszeit. Aber für damalige Verhältnisse war sie ein großer Schritt Richtung Ökologie und den Ideen, die ab 1968 in der weiblichen Science Fiction & Fantasy entwickelt werden würden.

3) Clifford D. Simak: Grotte des tanzenden Wildes (1980, HUGO und NEBULA Award)

Boyd ist ein amerikanischer Archäologe, ein alter Hase, der in den Pyrenäen des Baskenlandes seine besten Entdeckungen gemacht hat. Denkt er. Am Tag vor seiner Abreise gibt er einer Ahnung nach, dass er etwas übersehen hat: einen feinen Riss in der Felswand der Höhle, wo eigentlich kein Riss sein dürfte.

Indem er Stein um Stein beiseite legt, gelangt er in das Fundament eines Schachts. Diesen klettert er empor, um in einer Art Blase im Fels zu gelangen. Dort gehen ihm fast die Augen über: Die übermütige Disney-Version von Wilddarstellungen verschlägt ihm die Sprache. Tanzende Hirsche, schunkelnde Mammuts – wer hätte je davon zu träumen gewagt?

Auf einem Sims findet er drei Objekte: die Palette des unbekannten Künstlers mit einem markanten Fingerabdruck in der Farbe; eine Steinlampe mit eingetrocknetem Fett; und schließlich eine Knochenflöte. Genauso eine Flöte, wie sie sein baskischer Grabungshelfer Luis zu spielen pflegt. Boyd kommt ein unglaublicher Verdacht…

Mein Eindruck

Der Vergleich der beiden Fingerabdrücke bestätigt Boyds Verdacht: Luis ist unsterblich. Kein Grund indes, in Jubel und PR-Orgien auszubrechen. Luis erzählt ihm seine Geschichte, die 22.000 Jahre umfasst. Es ist alles andere als ein schönes Leben, das er wählen musste, um überleben zu können – etwas anderes als die Legende vom „Highlander“: die Geschichte eines Feiglings, eines heimlichen Beobachters, der sogar zuschaute, wie die Nachhut Karls des Großen 778 im Tal von Roncevalles von den Basken abgeschlachtet wurde.

Aber Luis hat ein verborgenes Testament hinterlassen, eben die übermütigen Höhlenmalereien, die Boyd soeben entdeckte. Und sein einziger Wunsch ist es, dass sich der Archäologe an ihn erinnert. Dass er einen Unsterblichen entdeckt habe, würde ihm sowieso keiner glauben. Da muss ihm Boyd recht geben. Aber als Dank verrät ihm Luis noch ein Geheimnis…

Eine sehr schöne, stimmungsvolle Geschichte, die die zwei Hauptfiguren ebenso zum Leben erweckt wie das Umland der Höhle im Baskenland. Diese Story schlug einige feine Kandidaten im Rennen um den Nebula Award 1980 und um den LOCUS Magazine Award 1981 aus dem Feld.

4) Lee Killough: Vernunfbegabte Spezies (Sentience; 1973)

Auf der Welt Nira ist die Besiedlung und Ausbeutung des Planeten nach zwölf Jahren auf ein Problem gestoßen: Die flugfähige Spezies der Shree hat möglicherweise Intelligenz entwickelt, um ihren Lebensraum gegen die vordringenden Minenarbeiter zu verteidigen. Pro und Kontra werden vor einer Kommission verhandelt.

Während die Bergbaugesellschaft behauptet, dass es sich nur um nicht intelligente Tiere handle, hält der Arzt Cian, der die Bergleute betreut, dagegen, dass die Shree neuerdings nicht nur dornenbewehrte Keulen benutzen, sondern dass diese Dornen auch mit einem bestimmten Gift bestrichen sind – Gift, das die Shree von einer ihrer Nutzpflanzen kennen und meiden.

Der Vorarbeiter der Bergleute wird als Zeuge geladen, ebenso ein Erkundungsinspektor. Es wird deutlich, dass die Shree zu Anfang ganz friedlich und freundlich waren. Aber in den harten Wintern litten sie Hunger und traten in Nahrungskonkurrenz zu den Minenarbeiter, die ihnen die Nahrung wegschossen, um sich selbst zu ernähren. Um zu überleben, mussten sich die Shree etwas einfallen lassen…

Mein Eindruck

Der Text kommt mir vor wie eine typische Dialogszene von Asimov: Argumente werden ausgetauscht und am Schluss kommt nichts dabei heraus, außer vielleicht einer Pointe. Immerhin wird das, was da ausgetauscht wird, jedem Ökologen bekannt vorkommen. Tiere, die Werkzeuge benutzen, entdeckte schon Charles Darwin: die Galapagos-Finken. Aber ist diese Benutzung Zufall, erlernt, Instinkt oder Intelligenz?

Die Antwort entscheidet in der vorliegenden Geschichte über Leben oder Ausrottung. Eines Tages könnten wir Menschen ebenso beurteilt werden. zeichnen wir uns wirklich durch Intelligenz aus, wenn wir unsere eigenen lebensgrundlagen zerstören?

5) Brian W. Aldiss: Blutkreislauf (The Circulation of Blood, 1966)

Ende des 20. Jahrhunderts unternimmt die Welt-Wasser-Organisation WWO eine wissenschaftliche Erforschung der Strömungen, die zwischen Mittelmeer und Antarktis verlaufen. Auf dieser Forschungsfahrt kommt der britische Wissenschaftler Clement Yale einem Unsterblichkeits-Virus auf die Spur, der durch ein winziges Krebstierchen, dem Coptopoden, übertragen wird. Ihn hat schon seit fünf Jahren gewundert, warum sich die Heringe in der Ostsee, die Blauwale im Südpolarmeer und die Judenfische im Indischen Ozean explosionsartig vermehren.

Als Bewis seiner Theorie hat er zwei Adelie-Pinguine mitgebracht, als er zu seiner Frau Caterina auf die Lakkadiven-Inseln an der indischen Westküste zurückkehrt. Caterina war bis vor dreieinhalb Jahren noch die Frau von Theo Devlin, dem Leiter der WWO und Initiator des Forschungsprojekts. Etwas stimmt nicht mit Caterina, und sobald Philip, Clements 17-jähriger Sohn aus erster Ehe, nach Oxford abgereist ist, verrät Caterina ihm auch den Grund: Sie hat mit Philip, ihrem Stiefsohn, Ehebruch begangen.

Daran hat Clement, der weltfremde Theoretiker, einiges zu knabbern. Doch er und Caterina haben sich wieder vertragen, bevor Theo Devlin höchstpersönlich aus Neapel, dem WWO-Hauptquartier, eingeflogen kommt. Devlin scheint sich nicht für Caterina zu interessieren, sondern mehr für Clement. Als er eine Pistole mit Schalldämpfer auf Clement richtet, bezichtigt er ihn der Erpressung.

Clement wundert sich nur noch, denn er hat Theo doch bloß einen verschlüsselten Geheimbericht geschickt, oder? Doch Caterina reagiert schneller und entwaffnet ihren Exmann. Nun muss Theo die Karten auf den Tisch legen: Er hat selbst das in der Ostsee entdeckten Unsterblichkeitsvirus ins Mittelmeer übertragen, von wo es per Strömung ins Südpolarmeer gespült wurde. Er selbst hat einen Club der Unsterblichen gegründet – und jetzt droht Clement, ihn bloßzustellen, bevor er, Theo, die Weltherrschaft an sich reißen kann.

Was für ein blühender Blödsinn, denkt Clement, doch er beißt sich auf die Zunge. Ihm ist eine verrückte Idee gekommen, wie er den Wahnsinnigen aufs Kreuz legen kann…

Mein Eindruck

Der Erzähltstil ist genau wie im Mainstream von 1966. Die Story könnte beinahe auch von J.G. Ballard stammen, wenn sie nicht so harmlos erzählt worden wäre. Außerdem spielt das Thema Familie und Fortpflanzung eine zentrale Rolle, und das kommt beim Ballard der sechziger Jahre fast nie vor. Hingegen ist das Thema Unsterblichkeit auch bei Ballard bekannt, wenn ich nicht irre. Allerdings ist es bei Aldiss in eine Ehe- und Familiensituation eingebettet, die den Zustand der globalen (westlichen) Gesellschaft widerspiegeln soll.

Wie das Unsterblichkeits-Virus funktioniert, wird en detail erklärt: Es repariert die DNS-Stränge in den Chromosomen, so dass keine Defekte mehr auftreten, wie sie mit dem Alter zunehmen, besonders an den Enden der Stränge (Telomere). Wenn keine Defekte mehr auftreten, entstehen auch keine Erb-Krankheiten mehr, das Immunsystem ist topfit, was wiederum externe Krankheiten verhindert. Somit ist der Beglückte potentiell unsterblich, wie einer von Tolkiens Elben. Töten kann man ihn allerdings immer noch.

Die Story las sich spannend, anrührend und für eine SF-Story von erstaunlicher psychologischer Reife – dies ist nichts für zwölfjährige Groschenheftsammler, sondern Lesefutter für Erwachsene. Der Titel bezieht sich übrigens auf den Kreislauf der Meeresströmungen, der den ganzen Planeten durchzieht.

6) Michael Shea: Der Engel des Todes (1982)

In der Metropolis verbreitet der Engel des Todes Angst und Schrecken unter den Prostituierten und ihren Kunden. Engelmann, wie er sich nennt, fordert die hilflosen Polizeibehörden heraus, indem er seine Taten bei den Medien ankündigt. Doch seine tage sind gezählt, wie es scheint.

Von den Sternen landet ein Feldforscher der Aliens, der über die Fähigkeit verfügt, seine körperliche Gestalt jeder menschlichen – denn dies ist sein Forschungsobjekt – anzupassen. Mit seinen telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten ist er allen möglichen Verfolgern haushoch überlegen. Aber seine Taktik besteht in Tarnung und Infiltration.

Um interessante Reaktionen in den Menschen und ihren Ritualen zu wecken, nähert sich Siraf im Stadtpark sehr höflich Jeannie, einer jungen, gutgebauten Studentin, die leider das Handicap hat, einen Meter neunzig groß zu sein und einen unaussprechlichen Nachnamen zu führen. Er stellt sich als Ausländer aus Norwegen vor, um seine unbeholfene Ausdrucksweise zu erklären. Zusammen gehen sie einen Burger mit Cola futtern. Was könnte es Normaleres geben, hofft er. Sie hofft eine Paarung auf dem Rücksitz seines Cadillac, wie er erkennt.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Engel des Todes ertappt die beiden in flagrante delicto und erschießt sie. Zu seinem Entsetzen fügt sich der Kopf des Mannes ebenso wieder zusammen wie der der Frau – auch wenn es bei ihr wesentlich länger dauert. Dahin ist seine sexuelle Todesphantasie und wie von Furien gehetzt flüchtet Engelmann zurück in seine mickrige Wohnung, wo bereits die Riesenspinnen aus seinen Alpträumen lauern. Auch hierfür hat Siraf gesorgt.

Natürlich beschwert sich Jeannie. Man kann sie ja schließlich nicht einfach so nach ihrer Wiederauferstehung und der Offenbarung eines Engels alleine lassen. Vielleicht sollte sie mal gewisse alte Bücher wälzen und unter M wie Maria nachschlagen…

Mein Eindruck

Die Story, die der Autor hier neu erzählt, ist altbekannt. Der Engel des Todes ist Luzifer, der gefallene Engel, der nunmehr in Akten der Zerstörung von Schöpfung gegen seine Herkunft aufbegehrt, dafür aber mit Alpträumen von verschlingenden Spinnen bestraft wird. Sein Gegenspieler ist Siraf, ein Erzengel. „Siraf“ ist eine andere Schreibung für „Seraph“, was ja „Erzengel“ bedeutet.

Die beiden geraten unweigerlich miteinander in den Clinch, als es um die Erdenfrau Jeannie geht, die unschwer als eine Evastochter von Maria zu erkennen. Die unerwartete Wendung besteht in ihrer Wiederauferstehung, nicht aber in der Offenbarung des Erzengels, die er ihr macht – so wie weiland Gabriel Maria erschien, um ihr die Geburt des Erlösers anzukündigen, mit ihr als Mutter.

Soweit also der alttestamentarische Mythos der Bibel. Problematisch ist daran lediglich die rational ungeklärte Herkunft von Engelmann, der offenbar an pathologischem Größenwahn und Todestrieb leidet. (Die Freudsche Psychoanalyse wird doch etwas überstrapaziert.) Recht hübsch fand ich den Ansatz, dieses ganze Mythologie-Brimborium auf anthropologische Weise zu interpretieren.

Das führt zu der ironischen Erkenntnis, dass die erwachsenen Menschenwesen offenbar die meiste Zeit mit Paarung, der Ausführung, Vor- und Nachbereitung beschäftigt sind. Um dies zu verschleiern, haben sie eine große Vielfalt von Symbolen geschaffen, von phallischen Wolkenkratzern über Uterus-förmige Straßenvehikel bis zu blutroten Flüssigkeiten, die sie in ihre Cheeseburger stecken. Als Siraf damit ein Missgeschick passiert, deutet die manuelle Reinigung des blutroten Flecks sowohl auf den kommenden Körperkontakt als auch auf das Blutvergießen voraus.

All diese Überformungen einer im Grunde ziemlich simplen Handlung – boy meets girl – wirkten mich auf etwas angestrengt. Es gibt kaum Dialoge, aber die bringen wenigstens die Handlung voran, auch wenn sie nicht sonderlich witzig sind. Was hätte ein Könner seines Fachs aus diesem Sujet alles machen können, fragte ich mich seufzend. Als Aushilfen würde mir gleich ein halbes Dutzend Meister im SF-Feld einfallen.

7) Ian Watson: Die sehr langsame Zeitmaschine (1978, für den HUGO nominiert)

Am 1. Dezember 1985 erscheint im Nationalen Laboratorium für Physik zur Mittagszeit ein sehr sonderbar aussehender Apparat: Es ist die Sehr Langsame Zeitmaschine (SLZM). In den quadratischen Klötzen und Kristallformen, die eine Art Globus bilden, sitzt ein alter, heruntergekommener Mann – der Zeitreisende, isoliert, unzugänglich, Bücher lesend, Bänder hörend. Allmählich wird deutlich, dass er sich in der Zeit rückwärtsbewegt, d.h. von einem Abreisezeitpunkt in der Zukunft reiste er ins Jahr 1985 und hat hier wohl seine Endstation gefunden, von wo aus er wieder in seine subjektive Vergangenheit reist: Er wird jünger. Aber worin besteht seine Absicht?

Um dies herauszufinden, versuchen die Wissenschaftler mit ihm zu kommunizieren. Sein erster Hinweis, geschrieben auf ein Plastikschild, ist rätselhaft: „Bergab kriechen, bergauf gleiten“. Erst etwa 25 Jahre später wird deutlich, was er damit meint, als er eine Reihe von Plastikschildern hochhält, in denen er seine Rolle erklärt. Durch seine Reise zurück in der Zeit hat er Zeitenergie akkumuliert, welche ihn von einem bestimmten Zeit-Punkt aus (2120) weiter in die Zukunft schleudern soll. 35 Jahre später, also 2055, wird er wieder in den allgemeinen Zeitstrom eintauchen.

Im Laufe der vielen Jahre stellt sich heraus, dass es ihm nicht darum geht, im Jahr 2055 etwas herauszufinden, o nein: Seine Mission besteht darin, die Welt zu verändern. Und zur Verwunderung der Physiker beginnen sich schon bald Kulte und Sekten um den einsamen, isolierten Zeitreisenden bilden, und der Campus des Nationalen Physiklabor verwandelt sich in ein Zeltlager à la Woodstock. Die Zeit wird friedlicher. Nicht nur die geistigen Auswirkungen reichen immer weiter, sondern auch die in der Physik. Die Raumfahrt wird aufgegeben zugunsten der Forschung an überlichtschnellen Teilchen, um so die Distanz zu den Sternen überwinden zu können. Doch der Erfolg bleibt aus.

Der einsame Zeitreisende nimmt zunehmend die Eigenschaften eines Messias und Christos an. Als er dann 2019 seine Serie von Botschaften zeigt, wird seine Absicht noch deutlicher…

Mein Eindruck

Dies ist wohl eine ungewöhnlichsten Zeitreisegeschichten überhaupt. Es geht hier weder um Technik noch Sensationen, sondern um die metaphysischen und kulturellen Auswirkungen der Ankunft eines sehr langsam in der Zeit Reisenden. Woher kommt er, was hat er vor, warum ist er so isoliert – unzählige Fragen und Sorgen lenken die Menschheit von ihren kriegerischen Plänen ab und hin zu konstruktiven Tätigkeiten.

Die Metaphysik lässt sich allerdings auch steigern. Von der Jesus-Gestalt bis zum Gott ist es nur ein kleiner Schritt. Dieser Gott, dessen Position der Zeitreisende für sich selbst reklamiert, verheißt nicht nur unnennbare Geheimnisse, sondern auch eine leibhaftige Rückkehr auf die Erde im Jahr 2055. Bis dahin sollten seine Anhänger sich auf sein Kommen vorbereiten, und zwar durch Meditationen.

Doch unseren Chronisten beschleicht ein ungutes Gefühl. Wer sagt denn, dass der Zeitreisende nicht wahnsinnig ist? Und was ist, wenn er nach 35 Jahren nicht nur wahnsinnig, sondern auch noch abgrundtief böse ist?

Die Erzählung beschreibt ein Second Coming, die Wiederkunft Jesu, und ist unentschieden, ob dies die Tage des Heils bedeutet oder das Kommen des Antichristen. So oder so: Glaube ist Wahnsinn, wenn ein Physiker seine rationale Weltanschauung aufgeben muss. Eine verblüffende und überzeugende Erzählung, die auch typografisch für eine Menge Abwechslung sorgt.

Die Übersetzung

S. 9: Hier fehlt ein Wort: „Du hast [dich] des philosophischen Defätismus schuldig gemacht…“

S. 163: Hier heißt es „Schweinwerfer“ statt „Scheinwerfer“. Was für ein putziger Freudscher Vertipper! Ich schlage hiermit den „Schweinwurf“ als olympische Disziplin vor – solange die Vorgaben des Tierschutzes gewahrt bleiben.

S. 111: „ein Neger“. Dieser Ausdruck, der mit dem Namen des früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke ewig verbunden sein wird, ist mittlerweile als politisch unkorrekt verpönt. Dass er dies 1982 noch nicht war, lässt mich vermuten, dass die vorliegende Übersetzung der Aldiss-Story durch Rainer Schmidt schon älteren Datums sein könnte.

Unterm Strich

Diese auf den ersten Blick recht bunte Mischung aus Zukunftserzählungen offenbart erst bei genauerem Hinsehen ihr zentrales gemeinsames Thema: Unsterblichkeit beziehungsweise die Aufhebung des Todes.

Die erste Geschichte lässt noch wenig darauf schließen, dass es um sehr lange Lebensspannen geht, aber schon in der Titelgeschichte wird klar, dass ein Unsterblicher ein Problem hat, das Sterbliche nicht kennen: Er muss quasi unsichtbar werden, um nicht als Feind angesehen zu werden. Das passiert dem vorzeitlichen Höhlenbewohner, den der US-Forscher entdeckt.

Die Aufhebung des individuellen Todes erfolgt in der Öko-Story von Katherine MacLean, indem sich das Individuum Spet von einem Humanoiden in eine Pflanze verwandelt und so der Überflutung etwas Positives abgewinnt, nämlich die Fortsetzung der Existenz, wenn auch um den Preis des Bewusstseins.

In Aldiss‘ Geschichte „Blutkreislauf“ schließlich wird ein „Unsterblichkeitsvirus“ entdeckt, seine Verbreitung von einer Forscherelite gesteuert und durch einen Trick in einer bestimmten Familie nutzbringend angewandt. Positiv überrascht war ich durch die sehr erwachsene Haltung des Autors in der Schilderung einer Ehe und Familie.

Die Aufhebung des Todes bildet den Höhepunkt der Erzählung „Engel des Todes“. Die psychopathische, luziferische Titelfigur hat das Liebespaar erschossen, doch zu seinem Entsetzen erstehen sie wieder auf – denn der Mann ist eine Art Engel mit übermenschlichen Kräften, dem es nicht allzu schwer fällt, die erschossene Frau wieder zusammenzusetzen und ins Leben zurückzurufen. Die mythologischen Parallelen werden durch anthropologische Beobachtungen ironisiert. Das ist aber der einzige Pluspunkt dieser Sex & Gewalt-Boy-meets-Girl-Story.

Etwas aus der Reihe tanzt Lee Killoughs Geschichte „Vernunftbegabte Spezies“, denn hier gibt es weder Unsterbliche noch Wiederauferstandene. Ein Managerrat muss entscheiden, ob die Spezies der Shree vernunftbegabt ist – oder ausgerottet werden darf, um Minenarbeiter zu schützen. Interessant ist vor dem Kontext, wie die Shree binnen zwölf Jahren vernunftgesteuertes Verhalten erlernen, um ihre Spezies vor der Verhungern zu bewahren. Indirekt spielt also das Thema der Aufhebung des Todes eine Rolle.

Watsons Geschichte läuft auf die Wiederkehr des Messias hinaus, der die Wirkung der Zeit quasi aufhebt und so dem Lauf der Menschheitsgeschichte eine neue Richtung vorgibt. Die SLZM ist eine geniale Erfindung und darf in keiner Storysammlung über Zeitreisen fehlen.

Unterm Strich sind die Erzählungen von Simak und Aldiss, zwei Veteranen des SF-Genres, die das Generalthema Unsterblichkeit aufgreifen, von bester Qualität. Watson regte meine grauen Zellen ebenso an wie Aldiss‘ ungewöhnlich anschauliche Geschichte. Öko-Themen spielen in den Beiträgen der Damen MacLean und Killough eine Rolle – sie nehmen praktisch die Themen der siebziger Jahre vorweg, in denen die „weichen“ Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie und Anthropologie dominanter wurden und entsprechende AutorInnen zahlreiche gute Erzählungen hervorbrachten, allen voran Ursula K. Le Guin. Ein Beitrag von dieser Autorin wird hier sehr vermisst.

Taschenbuch: 200 Seiten.
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt, Sylvia Pukallus und Ulrich Kiesow;
ISBN 9783426057544

Droemer Knaur

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