Anderson, Poul – Chroniken der Zeitpatrouille, Die

_Zwischen Action und Liebe: Wächter der Geschichte_

Wer sich für historische Begebenheiten und vor allem auch für das „Was-wäre-gewesen-wenn?“ interessiert, ist mit diesem dicken Schmöker bestens bedient.

Der umfangreiche Roman besteht aus einer Reihe von Episoden, die Anderson schon in der Zeit zwischen 1955 und 1960 zu schreiben begonnen hatte und dann – mit Unterbrechungen – bis 1988 weiterführte. Daher erschien ein erster Band mit Zeitpatrouillen-Geschichten erstmals 1987 auf Deutsch.

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem Zweiten Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

Zeitpatrouille-Romane

1) [Zeitpatrouille]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4733 (1983)
2) Die Chroniken der Zeitpatrouille (1991)
3) Die Korridore der Zeit (1965)
4) Der Schild der Zeit (1990)
5) Die Tänzerin von Atlantis (1971)

Erwähnenswert ist auch „Zeitfahrer“ (The Boat of a Million Years, 1989), in dem aber die Zeitpatrouille nicht vorkommt. [„Das Schwert des Nordens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1198 vereint die beiden Wikingerromane „Das geborstene/gebrochene Schwert“ und „Hrolf Krakis Saga“ in einem Band.

_EPISODEN_

_1) Zeitpatrouille_

Manson Emmert Everard stammt aus dem Mittleren Westen des Jahres 1954. Er wacht in der Ära der Zeitreise als Unabhängiger Agent der Zeitpatrouillen-Organisation darüber, dass die Knotenpunkte der Vergangenheit unangetastet bleiben. Er soll jeden Versuch vereiteln, die Geschichte zu ändern, da dies unabsehbare Folgen hätte. Diesen Job findet er durchaus erstrebenswert, und die Bezahlung ist ebenfalls mehr als reizvoll.

Diese erste Erzählung schildert seine Rekrutierung und Ausbildung, aber auch seinen ersten Einsatz. In einem Journal über die viktorianische Epoche findet er einen rätselhaften Hinweis über den Tod eines gewissen Lord Wyndham in Kent. Die Todesursache scheint sich in einem uralten Grabhügel aus der Zeit der Eroberung durch die Jüten befunden zu haben. Starb der Lord an radioaktiver Verstrahlung? Das könnte auf eine Manipulation durch einen Zeitreisenden aus der Zukunft hindeuten.

Das Archiv und der lokale Agent bestätigen Everards Verdacht, doch habe man in London wegen eines Anschlags auf die Königin alle Hände voll zu tun. Everard muss selber hinreisen, und dabei nimmt er seinen Kurskollegen Charlie Whitcomb mit, einen schweigsamen Engländer aus dem Jahr 1947. Charlie hat 1944 bei einem deutschen V-Bombenangriff seine Freundin Mary Nelson verloren und lebt seitdem mit gebrochenem Herzen als Single. Hätte sich Everard das Risiko überlegt, hätte er Charlie niemals auf diese Expedition mitgenommen.

Nach Umziehen und Instruktionen beim lokalen Agenten gelangen sie nach Kent auf das Anwesen des Lords. Der bekannte Detektiv, der in der Zeitung erwähnt wurde, und ein Inspektor von der Polizei beäugen die Neuankömmlinge misstrauisch. Everard begibt sich zum Grabhügel, wo sich tatsächlich ein Metallbehälter findet, der in keiner Weise verrostet ist. Sein Geigerzähler, den er als „Versuchs-Elektroskop“ ausgibt, registriert schwache Strahlung davor, aber extrem starke Strahlung in dem Behälter. Er warnt die Kriminaler vor dem Inhalt, weiß aber schon, dass sie die radioaktiven Barren ins Meer werfen werden.

Doch wer hat den Behälter im Grabhügel deponiert? Es muss ein Zeitreisender gewesen sein, der die Jüten besuchte. Eine Holzanalyse aus dem Grab mit der C14-Methode ergibt das Jahr 464 n. Chr. Die Invasion Britanniens, das die Römer verlassen haben, ist in vollem Gange. Jüten, Angeln und Sachsen teilen sich die Osthälfte untereinander auf. Everard und Charlie landen auf einem jütischen Bauernhof und erfahren aus den Erzählungen des Bauern, dass im Grabhügel ein Zauberer namens Stane begraben sei. Dieser sei einmal der Berater von König Hengist gewesen. Aha, diesen Burschen müssen sie sich mal vorknöpfen …

|Mein Eindruck|

Die Expedition der zwei Zeitagenten führt von der Zeit der Akademie der Patrouille ins Jahr 1894, dann ins Jahr 464 und schließlich ins Jahr 1944 (Charlie hat seine eigenen Pläne). Diese Zeithüpferei bewältigen sie mit einem entsprechenden Vehikel, das – wen wundert’s – ‚Zeitspringer‘ genannt wird. Dass ihnen dabei vor lauter Jetlag nicht schlecht wird, wundert den Leser allerdings. Entweder kannte der Autor das Phänomen nicht oder wollte es aus dramaturgischen Gründen nicht berücksichtigen.

Dies ist eine jener Geschichten, in denen sich die Agenten selbst einmischen und Gefahr heraufbeschwören. Das führt zum Einschreiten jener Alienrasse der Danellianer, welche die Zeitreise eingeführt und die Patrouille gegründet haben. Klar, dass dieses gottgleiche Wesen erhebliche Ehrfurcht hervorruft. So jemandem möchte man lieber nicht alle Tage begegnen. Everard behält die Nerven, und Charlie bekommt seine Mary. Ausnahmsweise.

Kleiner Insiderwitz: Der berühmte englische Detektiv kann kein anderer sein als der berühmte Sherlock Holmes.

_2) Der Mut, ein König zu sein_

Manse Everard bekommt von seiner Ehemaligen Cynthia Cunningham Besuch – nur dass sie jetzt Cynthia Denison heißt und mit einem früheren Kollegen verheiratet ist. Oder sein sein sollte, denn er ist spurlos verschwunden: im 6. vorchristlichen Jahrhundert, irgendwo in Persien. Weil die Patrouille ihn bislang nicht finden konnte, wendet sie sich zuletzt an Manse. Er ist ihre letzte Hoffnung, Keith zurückzubekommen. Trotz großer Bedenken willigt Manse ein.

Als Grieche aus Athen verkleidet, trifft er in der neuen Residenz des persischen Königs Kyros ein, den man später den Großen nennen wird, weil er den grausamen Mederherrscher Astyages gestürzt und seinem Reich eine erstaunlich menschenfreundliche Regierungsform gegeben hat. Sein Reich erstreckt sich von Indien bis nach Kleinasien, vom Aralsee bis nach Babylonien.

Doch schon am nächsten Tag lässt ihn der verschlagene Ratgeber und Großwesir des Königs, Harpagos, zu sich rufen. Er merkt, dass etwas faul ist an diesem Ausländer und gibt den Befehl, ihn zu töten. Manse erkennt den Ernst der Lage und ruft die Hilfe des Königs an. Er kann durch Kämpfen den eigenen Tod so lange hinausschieben, bis der Großkönig selbst eintrifft. Wie es sich Manse schon dachte, ist es kein anderer als Keith Denison.

Keith ist schon 16 Jahre in dieser Zeit eingesperrt, von Harpagos kurz nach seinem Eintreffen per Zeitmaschine rekrutiert, um eine Gegenherrschaft mit Kyros zu errichten. Nun ist Kyros Großkönig und hat seit 14 Jahren eine wunderbare Frau, doch Harpagos wacht weiter mit Argusaugen über ihn. Und in 13 Jahren, so weiß der Iran-Spezialist Denison, wird Kyros in einer Schlacht am Aralsee sterben. Folglich will er hier verschwinden, um dieses Schicksal nicht erleiden zu müssen. Ihm geht es nicht einmal so sehr um die fast schon vergessene Cynthia in New York City, als vielmehr um das Entkommen aus einer schrecklichen Zeit – und vor dem sicheren Tod.

Doch wie soll ihnen das Entkommen gelingen? Das ist eine harte Nuss, die es zu knacken gilt. Denn Kyros ist viel zu wichtig, um eine Lücke hinterlassen zu dürfen. Schließlich befreite er die Juden aus babylonischer Knechtschaft, und ohne Juden auch kein Christentum usw.

|Mein Eindruck|

Es ist eine vertrackte Situation, in welcher der Patrouilleur Keith Denison gelandet ist. Und Manse Everard fällt es nicht leicht, ihn da wieder rauszuholen. Erst ein weiterer Kampf gegen Harpagos enthüllt ihm einen Ausweg aus dem Dilemma: Er und Keith müssen als göttliche Abgesandte auftreten. Nicht gerade die feine englische Art, aber nur so können sie für einen Kyros-Ersatz sorgen.

Die tragische Komponente ergibt sich aus den emotionalen Bindungen, die Cynthia, Keith und Manse miteinander eingegangen sind. Der Autor umgeht die tiefsten Dimensionen dieser Verstrickung relativ elegant, doch ein Leser mit Einfühlungsvermögen kann sich Manses Eifersucht auf Keith und den Groll gegen Cynthia gut vorstellen. Und nun bittet sie ihn, Keith zu ihr zurückzubringen. Keith seinerseits fällt es schwer, seine Hauptfrau zu verlassen, die stets treu zu ihm hielt und ihn mehr als einmal rettete. Am Schluss kehrt er zu einer Cynthia zurück, die ihn „daheim“ willkommen heißt – ein Zuhause, das er 16 Jahre lang nicht gesehen hat, länger als Odysseus …

_3) Die Gibraltar-Fälle_

5,5 Millionen Jahre vor unserer Zeit öffneten sich durch ein Erdbeben die Felsen, die heute unter der Meerenge von Gibraltar liegen, und öffneten dem Atlantik den Zugang zu dem weiten Becken, das heute vom Mittelmeer bedeckt wird. Eine kleine Beobachtungsstation der Zeitpatrouille bietet dem Künstler Tom Nomura, der aus dem New York City des Jahres 1972 stammt, einen Stützpunkt. Er will den gigantischen Wasserfall des Atlantik, so groß wie tausend Niagara-Fälle, mit künstlerischen Mitteln einfangen.

Aus seiner Zukunft kommt Feliz a Rach, eine dominante Blondine, die ebenfalls Ambitionen hat, das Naturschauspiel mit ihren Rekordern einzufangen. Tom verliebt sich in sie, doch bei ihrem ersten Ausflug mit den Schwebern wagt sich Feliz zu nahe an die herabstürzende Wasserwand heran. Ihr Schweber wird von den tückischen Luftbewegungen an dieser Front erfasst und vom Wasser in die Tiefe gerissen.

Toms Schmerz ist groß, doch Manse Everard sagt ihm, dass Feliz nicht in ihre Abfahrtszeit zurückgekehrt ist. Folglich darf sie auch nicht zurückkehren. Aber Tom fragt sich, ob das auch bedeutet, dass er selbst sie nicht retten und in dieser Zeit oder unter anderem Namen behalten darf. Er startet eine waghalsige Rettungsaktion in die Vergangenheit.

|Mein Eindruck|

Die kurze Erzählung – sie umfasst nur 20 Seiten – folgt dem romantischen Standardthema der Serie und zeigt wieder einmal, dass es immer einen Weg gibt, wie zwei Liebende zueinander finden können. Egal in welcher Zeit oder unter welchem Namen. Hauptsache, man selbst ist ebenso flexibel wie Manse Everard.

_4) Ein unfaires Spiel_

Von dem Patrouillenangehörigen John Sandoval, einem Navajo-Indianer, erfährt Manse Everard, dass im Jahr 1280 die Chinesen an der Westküste Nordamerikas gelandet seien, in der Stelle, wo später Vancouver und Seattle-Tacoma entstünden. Sandoval hat die direkte Order der Danellianer, der Direktoren der Zeitpatrouille, dem chinesischen Eroberungszug gen Mexiko Einhalt zu gebieten. Zusammen mit Everard begeben sie sich zum Ort des Geschehens an die amerikanischen Westküste.

Dort hat in der Tat eine Flotte des Mongolenfürsten Kublai Khan, den wir aus den Erzählungen des venezianischen Kaufmanns Marco Polo kennen, festgemacht und eine Expeditionsarmee Richtung Süden, zu den reichen Azteken, ausgeschickt. Everard und Sandoval machen sich mit den Mongolen und ihren chinesischen Ratgebern bekannt und versuchen herauszufinden, wie sie die Invasion, die den historisch dokumentierten Zeitverlauf stört, stoppen können.

Nach der Demonstration einer Feuerwaffe gehen sie wieder, nur um festzustellen, dass Mongolen sich nicht von einem Auftrag abhalten lassen. Schließlich hängt deren Ehre (und Kopf) von dessen Erfüllung ab. Auch die Wirkung einer Licht-&-Ton-Zaubershow überschätzen sie gewaltig: Mongolen unterdrücken ihre Furcht. Sie werden gefangen genommen. Nun ist guter Rat teuer. Durch Zufall findet Everard einen Ausweg …

|Mein Eindruck|

Die legendäre Expedition der chinesischen Flotte gab es laut Berichten tatsächlich. Allerdings fand diese erst im 14. Jahrhundert statt und nicht schon im 13. unter Kublai Khan. Über diese Expedition hat der amerikanische SF-Autor Kim Stanley Robinson anno 2002 einen dicken Roman mit dem Titel „The Years of Rice and Salt“ (noch unübersetzt) veröffentlicht.

Poul Anderson strickt das Garn weiter, indem er den Mongolen Pläne zuschreibt, nicht nur das goldreiche Aztekenreich zu unterwerfen, sondern auch die Indianervölker der Großen Ebenen im Osten. Doch was würde dann aus der Invasion des Weißen Mannes aus dem Süden (Spanier) und aus dem Osten (Engländer und Franzosen)?

Everard lernt in diesem Abenteuer, seine Überheblichkeit als Ungebundener Agent abzulegen, denn in den Mongolen und ihrem chinesischen Ratgeber findet er mindestens ebenbürtige Gegner. Sein amerikanisches Sendungsbewusstsein hat er schon vorher ablegen müssen, nun sieht er sich mit einem überlegenen Gegner konfrontiert, ähnlich wie im Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner in Nordafrika auf die deutschen Panzer Rommels stießen und sofort zurückgeschlagen wurden.

_5) Delenda est_

„Ceterum censeo Carthaginem delenda est!“, rief Senator Cato der Ältere am Schluss jeder seiner Reden, die er im Senat von Rom hielt. „Karthago muss zerstört werden!“ Was, wenn es andersherum wäre?

Everard und sein junger venusianischer Freund Pieter Van Sarawak wollen sich im Rom des Augustus verlustieren, als sie ihr Zeitspringer in einem ganz anderen Milieu abliefert. Die Stadt sieht aus wie New York, aber die Leute sehen wie keltische Schotten aus, unter die sich indianische Eingeborene gemischt haben. Ihre hastige Gegenwehr ist zwecklos, die Polizei nimmt die beiden Zeitreisenden sofort fest.

Der Polizeichef stellt sich ebenfalls als Kelte heraus, dem sich Everard nicht verständlich machen kann. Aber dieser Bursche hat eine schöne Tochter namens Deirdre, die des Altgriechischen mächtig ist. Da auch Everard diese Sprache des Öfteren gebraucht hat, können sie sich verständigen. Die Zeitrechnung beginnt im Jahr 4004 v. Chr. und man schreibt nun das Jahr 5964. Der Kontinent nennt sich nicht Nordamerika, sondern Afallon und gehört zu einer Allianz von Ländern, die mit anderen Reichen kurz vor einem Krieg steht. Deswegen reagiert man hier auf potenzielle Spione allergisch. Everard behauptet deshalb, er und sein Gefährte kämen nicht von der Erde, sondern von einem Planeten des Sterns Sirius.

Weil der Polizeichef scharf auf den „Himmelswagen“ und die Waffen der beiden Eindringlinge ist, verlegt er sie in eine abgeschiedene Villa auf Long Island. Weitere Gespräche mit Diana, in die sich Sarawak sofort verliebt hat, machen Everard klar, dass in der fernen Vergangenheit etwas ziemlich schiefgelaufen sein muss. Wo ist der Einfluss des mächtigen Römischen Imperiums geblieben? Was ist aus dem prächtigen Karthago geworden? Stattdessen herrschen Germanen, Kelten und Gallier über Europa und Nordamerika.

Es gibt nur einen Weg, um die Ursache zu finden. Sie müssen ihr Zeitvehikel zurückbekommen und sich in die Zeit der Punischen Kriege um 204 v. Chr. zurückbegeben. Doch zunächst werden sie und Diana von feindlichen Agenten verschleppt, die ebenfalls die Technik der Zukunft haben wollen. Everard greift zu einer List …

|Mein Eindruck|

Für die Zeitpatrouille ist die wichtigste Frage in dieser Story, in welcher Schlacht der Geschichtsverlauf so entscheidend verändert wurde, dass für die Römer der Untergang unausweichlich war, als sie von Hannibal und seinen Elefanten angegriffen wurden. War es Cannae 216 v. Chr. oder schon früher? Der Autor legt die Entscheidung auf die Schlacht am Ticino fest, als das Imperium versuchte, Hannibal am Fuß der Alpen zu stoppen. Bekanntlich misslang dies – der Ausgang der Schlacht kann also nicht die Entscheidung sein. Everard findet heraus, dass es der Tod der beiden brillanten Feldherren Publius Scipio – Vater und Sohn – war, der den Untergang Roms einleitete.

Doch wenn in der verbürgten Geschichte die beiden Feldherren überlebten, um später Karthago bei Zama zu besiegen, wieso starben sie dann im alternativen Geschichtsverlauf? Everard stößt auf zwei Agenten aus der fernsten Zukunft, die hier Unheil stiften – und so seinen eigenen Geschichtsverlauf auf dem Gewissen haben. Will Everard seine Wurzeln und die Zeitpatrouille wiederhaben, muss er diese Agenten töten.

_6) Elfenbein, Affen und Pfauen_

Manse Everard erreicht den phönizischen Handelsknotenpunkt Tyros im Jahr 950 v. Chr. an Bord einer Handelsgaleere. Er ist als Kelte aus dem Norden verkleidet, was seinen hohen Wuchs erklärt, und nennt sich Eborix. Er nimmt sich einen jungen einheimischen Führer, den eifrigen Pummairan. Doch der Gegner, den er hier in dieser Epoche zu bekämpfen sucht, schläft nicht. Ein am Straßenrand kauernder Bettler richtet sich auf und feuert auf Manse. Glücklicherweise nur ein Streifschuss, aber der Attentäter entkommt.

Wenige Stunden später hat er Quartier bei den israelischen Zeitreiseagenten Chaim und Yael Zorach bezogen, die hier unter falschem Namen leben. Bei ihnen erhält Manse Auskunft, dass dieser blühenden Handelsstadt die totale Vernichtung droht. Eine Gruppierung, die sich „Exaltationisten“ nennt und deren Anführer Manse aus dem Südamerika des 19. Jahrhunderts wohlbekannt ist, droht mit Explosionen, falls ihnen nicht das Geheimnis des Materietransmutators ausgehändigt werde. Dieses futuristische Gerät, das die Gründer der Zeitpatrouille erfunden haben (werden), verwandelt beliebige Stoffe in ebenfalls beliebige Zielobjekte um, so etwa Dreck in Gold. Die Exaltationisten würden so zu enormem Reichtum und entsprechender Macht kommen. Das darf die Patrouille nicht zulassen.

Zusammen mit dem flinken und aufgeweckten Pummairan sowie zwei Frauen aus dem Palast von König Hiram macht sich Manse an die Suche nach einer Spur, die zum ersten Auftreten der Agenten der Exaltationisten in Tyros führt. Als seiner Suche Erfolg beschieden ist, muss er dem Gegner nur noch eine entsprechende Falle stellen.

|Mein Eindruck|

Die Erzählung wäre nur ein Beispiel für heitere Zeitreiseabenteuer mit einer ziemlich geradlinigen Handlung, wenn der Autor nicht ein paar spannende Rückblenden eingefügt hätte. Mera Varagan aus dem 31. Jahrtausend ist im Südamerika des 19. Jahrhunderts Manses Gegner. Hier befreit Simon Bolívar die Länder vom Joch der spanischen Eroberer. Doch Varagans Figur droht den historisch verbürgten Lauf der Entwicklung in ganz andere Bahnen zu lenken. Wie leicht das geht, stellt Manse in einem kleinen Gedankenspiel dar. Andere Rückblenden betreffen die zwei Frauen, die Manse helfen, Sarai und die Keltin Bronwen.

Am wichtigsten ist jedoch das Szenario, das sich um Tyros dreht. Würde Tyros in Schutt und Asche versinken, würde die kulturelle, politische und religiöse Entwicklung des Vorderen Orients wie auch des gesamten Mittelmeerraumes empfindlich gestört. Karthago beispielsweise ist eine phönizische Gründung. Und wo blieben die drei Punischen Kriege ohne Karthago?

Aber auch für das Alte Testament der Bibel spielt die Stadt eine Rolle. Schon der Titel der Story ist ein Bibelzitat. König Salomo hätte seinen berühmten Tempel in Jerusalem nie ohne das Geld der Kaufleute von Tyros bauen können. Um seine Schulden abzustottern, musste er ihnen 16 Dörfer abtreten. Den Tempel zerstörten zwar die Babylonier 586 v. Chr. Und später teilweise die Römer nach dem jüdischen Aufstand, aber ohne den Tempel hätte es auch die Tempelritter nie gegeben – und womöglich auch nicht die Kreuzzüge.

Zwar kann leicht der Eindruck entstehen, die Erzählung plätschere so vor sich hin, doch in Wahrheit ist die Suche durchaus zielgerichtet. Es gibt auch erotische Szenen mit Sarai und Bronwen, denn Manse ist kein Kostverächter. Doch schließlich mündet das Geschehen in eine ziemlich actionreiche Auseinandersetzung mit den Exaltationisten. Manse macht Pummairan zu einem Patrouillenagenten, gibt ihm Reichtümer und – sogar zwei Frauen. Dreimal darf man raten, welche.

Die Tonart der folgenden Erzählung ist völlig anders: Hier herrscht die elegische Tonart des tragischen Dramas vor.

_7) „Die Trauer Odins des Goten“_

Professor Carl Farness ist Gelehrter für die frühgermanische Literatur und beschäftigt sich intensiv mit den Ursprüngen des Nibelungenliedes und des verwandten Wälsungenepos, das in der Edda als „Völsungasaga“ auftaucht. Die Geschehnisse, die darin geschildert werden, reichen zurück in die Zeit des Hunnensturms. Dieser fand im 4. und 5. Jahrhundert statt und löste die Völkerwanderung aus, die zum Untergang des weströmischen Reiches führte. Es handelt sich also um Ereignisse von großer Tragweite. Entsprechend erpicht ist die Zeitpatrouille darauf, dass keine störenden Veränderungen an den Verläufen der Ereignisse vorgenommen werden. Doch genau dies passiert – ausgerechnet durch Carl Farness.

Farness stammt eigentlich aus dem New York des Jahres 1935, wo er mit der Künstlerin Laurie verheiratet ist. Doch wie er Manse Everard gesagt hat, interessieren ihn die Wurzeln bestimmter Epen, die bei den Ostrogoten zu finden seien. Dieses Volk hat sich im Gegensatz zu den Westgoten (Visigoten) stets ortsfest verhalten. Beide Völker stammen aus dem heutigen Mittelschweden, wo Gotland immer noch ihren Namen trägt. Doch die Ostrogoten zogen über das Baltikum an die Weichsel im heutigen Polen und von dort an den Dnjepr, wo sie noch mehr Land fanden, in dem sie sich ausbreiten konnten. Bis die Hunnen auftauchten.

Farness, der natürlich den weiteren Geschichtsverlauf kennt, beschließt, die kommende Tragödie abzumildern und einer ausgewählten Sippe, den Teurings, zu helfen. Damit er als Unparteiischer mit ausreichender Autorität auftreten kann, verkleidet er sich unglücklicherweise als der Gott Wodan: ein bärtiger Wanderer in blauem Umhang, mit einem Stab-Speer und einem großen Schlapphut (man stelle sich einen düsteren Gandalf vor). Zu jener Zeit des 4. Jahrhunderts war Wodan noch nicht der einäugige Obergott mit zwei Raben auf der Schulter, als den ihn die Lieder und Epen Islands darstellen. Der Obergott der Goten war vielmehr Tiwaz, der identisch ist mit Tyr alias Thor, dem Donner- und Kriegsgott.

Farness verliebt sich anno 301 sterblich in die schöne, sechzehnjährige Jorith, die Tochter des Dorfältesten Winnithar. Bei der Geburt ihres Sohnes Dagobert stirbt sie im Kindbett, und Carl ist untröstlich. Der kleine Dagobert wächst jedoch zu einem strammen Burschen heran, der größer ist als seine Zeitgenossen – eine Erbe Carls. Mit dem Wanderer bereist Dagobert die Länder der Antike: das in sich zerstrittene Rom und die Visigoten, die sich im heutigen Burgund und Gallien niedergelassen haben. Durch die Christianisierung nach dem Jahr 335 werden die Visigoten gespalten.

Dagobert gründet mit den Teurings eine einflussreiche Sippe, die mit dem König der Ostgoten an den Dnjepr zieht und dort gedeiht. Dagoberts Sohn ist der kluge Tharasmund, der ebenfalls Umsicht beweist und mit Ulrika drei Kinder zeugt: Hathawulf, Sobren und die schöne, tragisch endende Svanhild. Ulrika ist eine harte Mitherrscherin, die es gar nicht gern sieht, dass sich Tharasmund eine Konkubine hält, die ihm einen überlebenden Sohn namens Alawin schenkt. Als Tharasmund von einem Eber getötet wird, muss die Konkubine vor Ulrikas Zorn fliehen, doch Alawin bleibt unter dem Schutz seiner Halbbrüder am Hofe.

Der alte König stirbt, und der neue König ist ein hartherziger und machtgieriger Herrscher: Ermanarik. Die Teurings sind ihm ein Dorn im Auge. Sein Ratgeber ist Sibicho, ein Vandale, also ein Angehöriger eines Volkes, das die Teurings besiegt und vertrieben hatten. Sibicho tut alles, um den Untergang der Teurings herbeizuführen. Als es ihnen gelingt, den Hunnen einen Schatz abzujagen und zu verstecken, fordert Ermanarik die Herausgabe des Schatzes. Nach Jahren des Verhandelns und Taktierens kommt es jedoch unweigerlich zur finalen Auseinandersetzung, die auch der Wanderer Karl nicht mehr aufhalten kann.

Ganz im Gegenteil: Um den verbürgten Verlauf der Geschichte nicht zu gefährden, muss er auf Geheiß Manse Everards seine auserkorenen Schützlinge verraten …

|Mein Eindruck|

Wer noch daran gerätselt hat, welche Sage hier gespiegelt ist, der sei nicht länger auf die Folter gespannt. Ulrika ist Gudrun und sie ist Kriemhild. Die Konkubine ihres Mannes, in der Sage die Rivalin Brunhilde, entspricht Erelieva, der Mutter von Alawin, dem Retter der Ostgoten. Der Hunnenschatz ist selbstredend der Schatz der Nibelungen. Und König Ermanarik entspricht in den nordischen Versionen Jormunrek, aber in der Völsungensaga tritt er ebenfalls als Ostgotenkönig auf, der Gudruns / Ulrikas Tochter Svanhild heiratet. In der vorliegenden Erzählungen heiratet Svanhild jedoch Randwa, einen Feind Ermanariks, der als einer der wenigen weiß, wo der Schatz vergraben ist. Diese Heirat besiegelt ihr trauriges Schicksal, als Ermanrik sie verrät.

In der Erzählung tritt König Attila alias Etzel nicht auf, allenfalls summarisch als Anführer aller Hunnen, die gegen die Ostgoten anrennen. Denn der historische Attila lebte erst ein Jahrhundert später. Möglich, dass die brechenden Augen des sterbenden Ermanariks Attila an der Spitze der Hunnenhorde sehen, die die Ostgoten hinwegfegen wird. Aber erst, nachdem Alawin die überlebenden Teurings und ihre Freunde nach Westen zu den Visigoten geführt hat.

So bleibt Carl Farnesses Vermächtnis und genetisches Erbe, das er mit der schönen Jorith zeugte, erhalten. Ist er Sigurd, der große Drachentöter, oder ist er Wodan, der listenreiche Wanderer? Gegenüber seinen Schützlingen beteuert er immer wieder, er sei kein Gott, aber welche andere Erklärung gibt es für sie, dass er nicht altert, während 75 Jahre voll Krieg und Veränderung durchs Ostgotenland ziehen?

Dies ist eine hervorragend gelungene und sehr stimmungsvolle Erzählung, die zeigt, was Anderson zu leisten in der Lage ist. Sie zeigt innerhalb des Kontextes der Zeitpatrouille, welche Risiken auf die Zeitagenten lauern, nicht zuletzt jenes der Liebe. Denn während die Geliebte vergänglich ist und stirbt, lebt der Liebende weiter und muss die Konsequenzen seiner Liebestat ertragen. Für Carl Farness ist dieses Los schwerer als für andere, nicht nur weil er selbst glücklich verheiratet ist, sondern weil er auch den Ausgang des Nibelungen- und Völsungenliedes ahnt.

Sein Handeln könnte deshalb absurd erscheinen, doch er ist selbst damit beschäftigt, die im Lied überlieferten Namen und Vorgänge mit denen in der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Im Lied taucht beispielsweise Jorith gar nicht auf, und so glaubt Carl, seine Einmischung habe keine Folgen, jedenfalls keine schweren. Er täuscht sich.

Dadurch wird die Erzählung zu einem Demonstrationsbeispiel dafür, wie weit sich der Ast des verbürgten Geschichtsverlaufs biegen und beugen lässt, ohne zu brechen. Eine interessante Theorie wird uns hier vom Autor vorgelegt. Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass es die Folgenschwere eines Eingriffs ist, die ausschlaggebend für eine Störung im Geschichtsverlauf ist. Stabilität hat auch mit Flexibilität zu tun – die Störung wird durch Gegenmaßnahmen und überlagernde Einflüsse wieder ausgeglichen.

Ob diese Theorie stichhaltig ist, lässt sich allerdings erst anhand der ersten Zeitmaschine nachprüfen, und auf deren Bau müssen wir wohl noch eine Weile warten.

_8) Stern des Meeres_

Everard Manse wird ins niederländische Büro der Zeitpatrouille gerufen, das in einem Firmengebäude in Amsterdam verborgen ist. Neben dem lokalen Bürovorsteher trifft er die schöne, junge Zeitagentin Janne Floris, die ihm ihr Anliegen vorträgt. Es geht um eine massive Abweichung von den Berichten des Tacitus über die Vorgänge in den Niederlanden und am Niederrhein im 1. Jahrhundert n. Chr. Bekanntlich brachen nach dem Tod des Kaisers Nero erhebliche Unruhen im römischen Imperium aus, doch zu den beobachteten Abweichungen in Germanien hätte es, wenn man sich an Tacitus hält, nicht kommen dürfen. Rom selbst ist in Gefahr – und damit die gesamte Geschichte des Abendlandes!

In Gallien hat ein Hauptmann namens Julius Classicus sein eigenes Imperium ausgerufen und schart nun rebellische Hilfstruppen um sich. Allein das wäre schon übel, doch zusätzlich hat am Unterrhein eine Reihe germanischer Stämme zu einer Allianz zusammengefunden, um die Römer vom Rhein zu vertreiben. Sie werden von einem ehemaligen Hauptmann der Hilfstruppen namens Burhmund alias Civilis angeführt.

Nachdem die Römer unter Varus drei komplette Legionen im Teutoburger Wald verloren haben, haben die Germanen Oberwasser. Sie haben die Kastelle Mainz (Moguntiacum) und Xanten (Castra Vetera) erobert und marschieren nun auf Köln (Colonia Aggrippinensis) zu, wo die Ubier leben.

Angeführt werden sie von einer Seherein namens Veleda alias Wael-Edh, die insbesondere der Meeres- und Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus alias Njaerdh huldigt und in Heidhin einen fähigen Feldherrn ihrer Leibgarde befehligt. Sie ist es, die Rom fallen und brennen und den Stern des Meeres aufgehen sehen will. Doch woher stammt diese Prophetin und Kriegstreiberin? Sie müssen Jahrzehnte in die Vergangenheit reisen, um das herauszufinden.

Gegen seinen Willen muss Everard die Agentin Floris mitnehmen, um die Gefahr, die Edh darstellt, abzuwenden. Doch was, so fragt er sich besorgt, wenn Floris beschließt, nicht mehr den professionellen Abstand zu ihrem Kollegen zu halten?

|Mein Eindruck|

Auch dies ist wieder eine der Geschichten, in denen Zeitagenten als Götter auftreten müssen, um die Abläufe wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Und da Edhs Göttin Njaerdh/Nerthus ist, welche Rolle wäre für Janne Floris besser geeignet als diese? Sie erscheint Edh dreimal: im Moment des Auslösers der Anomalie, dann um den Frieden herbeizuführen und schließlich in der Stunde von Edhs Tod.

Diese Begegnungen, so kann man sich leicht vorstellen, bleiben nicht ohne Auswirkung auf Floris – und auch nicht auf ihre Beziehung zu Everard. Wie fühlt sich eine Agentin, die als Göttin auftreten muss, um Macht auszuüben? Im abschließenden Gespräch mit Everard, ihrem Geliebten, gesteht sie ihm ihre Schuldgefühle. Sie haben Edh betrogen, ihr etwas vorgemacht, sie getäuscht – und ebenso alle Menschen, die Edh gelenkt hat.

Everard kann ihr nur das sagen, was er allen lokalen Spezialisten sagt und was er als Ungebundener Agent schon mehrmals am eigenen Leib erfahren hat. Die Verantwortung eines Zeitagenten ist immens, und nicht alle Agenten sind dafür geschaffen, diese Last auszuhalten. Aber die Verantwortung für die Gesamtheit der Geschichte ist wesentlich größer als die für einen einzelnen Menschen, der zu manipulieren ist.

Floris hat in Ausübung ihres Dienste mehrere Menschen getötet: nicht nur Edhs römische Vergewaltiger, sondern indirekt auch Heidhin, dessen Kriegerehre es nicht zulässt, seinen Racheschwur, den er Njaerdh geleistet hat, zu brechen.

Die Last der Verantwortung für Menschenleben lässt sich für Floris nur durch die Liebe Everards ertragen. Er ist es auch, der sie von der Last der selbst eingeredeten Schuld befreit. Außerdem hat Floris durch Edhs Überleben noch etwas Wundervolles bewirkt: Sie hat den Mythos der Njaerdh bestärkt und weitergeführt. Dieser Mythos wird als Göttersage am Anfang und in der Mitte erzählt. Eine weitere Episode zeigt, wie der Njaerdh-Mythos die Zeit überdauerte: Erst als Beschützerin von Seefahrern unter dem Namen „Nehalennia“, später als Maria Muttergottes. Und stets galt den Seefahrern der Stern des Meeres, Stella Maris, der Abendstern, als Zeichen der Hoffnung und des Schutzes der Göttin. Daher fand ich es passend, dass der letzte Text dieses Kurzromans eine Anrufung Marias ist.

Wie man sieht, ist die Geschichte ganz schön bewegend. Nur am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, mich im Dickicht der Namen und des Personals zurechtzufinden. Hier sollte der Leser genau aufpassen. Der Autor hätte den Anfang aber auch ebenso übersichtlich gestalten können wie den Rest seiner Erzählung.

_9) Das Jahr der Erlösung (The Year of the Ransom)_

Welches war das höchste jemals bezahlte Lösegeld? Mit einiger Berechtigung könnte man jenen Gold- und Silberschatz anführen, der für den Inkakönig Atahualpa im Jahr 1533 an die spanischen Eroberer um Francisco Pizarro gezahlt wurde. Das Gold füllte einen ganzen Raum bis zur Decke, das Silber ein ganzes Haus. Atahualpa wurde trotzdem umgebracht.

Der Schatz wurde eingeschmolzen, nur ein paar ausgewählte Stücke sollte Kaiser Karl V. erhalten. Damit die kreativen Leistungen der Qetchua nicht vollständig verloren gehen, hat sich der Zeitpatrouillen-Feldagent Stephen Tamberley, als Franziskanermönch Esteban Tanaqil verkleidet, unter die Konquistadoren gemischt und knipst jede Nacht mit seinem Holografie-Rekorder die goldenen Kunstwerke.

Als er in dieser Nacht des 3. Juni den neugierigen Reiteroffizier Don Luis Castelar in die Schatzkammer mitnimmt, ereignet sich jedoch etwas völlig Unerwartetes. Ein Zeitspringer-Mobil taucht plötzlich in der Kammer auf, der Fahrer schießt die beiden Männer nieder und verschwindet wieder mit ihnen in das Jahr 1610. Der Machu Picchu ist zwar nett anzusehen, aber die Gestalten, die bedrohlich ihre Waffen auf Castelar und Tamberley richten, sind es gewiss nicht. Und sie gehören ganz bestimmt nicht zur Zeitpatrouille, wie Tamberley schnell merkt.

Ihr Anführer Merau Varagan hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen, Manse Everard in Palästina und Südamerika kennenzulernen (siehe oben: „Elfenbein, Affen und Pfauen“). Er ist der Anführer der Exaltationisten aus dem 31. Jahrhundert und will natürlich den sagenhaften Goldschatz des Inka haben. Aber zunächst einmal will er Informationen von Tamberley, den er als den gefährlicheren Mann der beiden Gefangenen einschätzt. Mit einem Suggestionshelm, genannt Kyradex, durchbricht er die geistige Konditionierung des Feldagenten und erfährt wertvolle Details über dessen archäologische Tätigkeit in Peru.

Doch der unterschätzte Castelar macht seine Wächter nieder. Diese haben wohl sein vorsintflutliches Schwert nicht richtig zu würdigen gewusst. Er befreit Tamberley vom Helm und bringt ihn zum nächsten Zeitspringermobil. So können sie entkommen, bevor ein weiterer Wächter sie aufhalten kann. Im Jahre 2937 vor Christus muss der geschwächte und dehydrierte Tamberley dem spanischen Offizier Rede und Antwort stehen. Der an Wunderwerke gewöhnte Spanier hat kaum Probleme, die Technik und das Prinzip der Zeitreise zu kapieren, und erkennt, welche globale Macht er damit in Händen hält. Er plant, sein eigenes kleines Weltreich in Amerika zu errichten, sobald er die Waffen der Neuzeit zur Verfügung hat.

Nun braucht er noch ein Druckmittel, um Tamberleys Kooperation für immer sicherzustellen, sowie einen Führer, um die Neuzeit nach Waffen zu durchforsten. Als der Archäologe ihm verrät, dass seine Nichte Wanda im Jahr 1987 n. Chr. auf den Galapagos-Inseln Forschungen betreibt, ein paar hundert Kilometer von hier, zögert Castelar nicht lange und düst gleich selbst dorthin.

So kommt es, dass Wanda, eine schöne junge Verhaltensforscherin, gerade einen abgelegenen Badeplatz auf einer der Inseln sucht, als neben ihr in der Luft ein Zeitspringer materialisiert, der von einem sehr anachronistisch gekleideten Fahrer gelenkt wird: Don Luis himself. Kaum hat sie ihr Entsetzen überwunden, fühlt sie sich auch bereits gepackt und entführt.

Wird es Manse Everard gelingen, die Maid in Not zu retten und den wild gewordenen spanischen Ritter zu bezwingen?

|Mein Eindruck|

Diesmal hat sich der Autor die spanische Eroberung des Aztekenreiches vorgenommen. Der Grund: Wäre das nicht passiert, hätte Spanien nicht das Gold und Silber gehabt, das es zu einer Weltmacht aufsteigen ließ, die Frankreich, England und Portugal im Rennen um die Neue-Welt-Kolonien hätte verdrängen können. Die Welt sähe heute ohne diesen Vorgang völlig anders aus.

Was mich immer wieder die Stirn runzeln ließ, ist die unglaubliche Verharmlosung der angewendeten Gewalt bei der Eroberung. An keiner Stelle wird von Massakern berichtet, geschweige denn von den Opferzahlen unter den Indios. Der Autor berichtet von einem langen Guerillakrieg der Indios, um sie zu ehren, macht aber gleichzeitig deutlich, dass die Inka selbst blutrünstige Tyrannen waren, genau wie die Azteken. Wie viele Amerikaner scheint Anderson zu denken, dass, was schlecht für die Demokratie ist (= Tyrannei), automatisch schlecht für die Menschheit sein muss. Da ist vielleicht was dran, vielleicht aber auch nicht.

Um eine Aussage über die Moral der Spanier treffen zu können, stellt er uns einen als Einzelperson vor, indem er ihn direkt mit einer modernen Amerikanerin des Jahres 1987 konfrontiert. Don Luis ist zwar, wie Wanda Tamberley beklommen feststellt, ein echter Gentleman, wenn es um die Ehre einer Frau geht, aber ansonsten ein echter Macho und Tyrann. Außerdem ist er total paranoid, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass es Don Luis rund 450 Jahre in die Zukunft verschlägt, wo er viele Dinge nicht begreift: Telefone, Enzyklopädien, Dosenbier und vieles mehr. Dass San Francisco ihm aufgrund der Straßenbeleuchtung (das Mittelalter war insofern „finster“, als es so etwas dort nicht gab) wie das strahlende Land der Heiligen vorkommt, hält ihn nicht davon ab, auf der Hut zu sein.

Bevor sich Don Luis als mittelalterlicher Blofeld die Welt untertan machen kann, liefert Wanda den entscheidenden Hinweis, wo man ihn finden und abfangen könnte. Und was wurde aus ihrem Onkel? Der arme Stephen, ohne Sender im 30. Jahrhundert v. Chr. gestrandet, hat einen genialen Einfall, um sich durch die Jahrtausende bei der Zeitpatrouille zu melden: Er produziert außergewöhnlich schöne Keramik. Schließlich liest ihn ein Kundschafter auf und bringt ihn heim zu Frau und Nichte.

_Die Übersetzung_

Der Mit-Übersetzer Hans Maeter hat sich ein paar Schnitzer erlaubt. Sie rühren wohl von schlechter Recherche des Themas her, denn sie betreffen alle die Erzählung „Die Trauer Odins des Goten“. Das Haus von Winnithar, dem Wisentjäger, das „Karl“ Farness besucht, steht auf dem Ufer der Weser, also überraschend weit westlich. In späteren Ortsbestimmungen ist jedoch immer von der Weichsel die Rede, was mehr Sinn ergibt. Zugegeben, der Fehler kann auf den Autor zurückgehen, aber dann hätte man ihn korrigieren müssen.

332 n. Chr. tagte das Konzil von Nicaea in der heutigen Westtürkei, nicht etwa in Nizza, wie uns der Übersetzer weismachen will. Das Konzil erklärte den Arianismus, den Bischof Wulfila den Goten bringt, zu Ketzerei, was später für viel Ungemach sorgt. Statt von Gallien, dem späteren Frankreich, redet der Übersetzer von „Gaul“, wie es ein Engländer täte. Gallien war damals aber noch römische Provinz und hätten auch mit dieser Bezeichnung erwähnt werden sollen.

Peter Pape ist nur unwesentlich besser als Maeter. Er leistet sich ebenso verblüffende wie ärgerliche Schnitzer. Mal verwechselt er Bologna mit Boulogne am Ärmelkanal, und wiederholt verlegt er den amerikanischen Mittelwesten nach „Mittelamerika“.

All diesen Unsinn kann man ja noch dekodieren, aber auf Seite 600 scheint der Autor selbst – oder sein untätiger Übersetzer – einen Fehler gemacht zu haben. Es geht um Kaiser Neros Nachfolger Vitellius und Vespasian, die sich einen Erbfolgekrieg liefern. Vespasian hatte den Osten des Reiches, Vitellius mehr oder weniger den Westen unter bzw. hinter sich.

Im zweiten Absatz auf Seite 600 lesen wir dann von Vitellius‘ Ermordung in Metz. Noch im gleichen Absatz taucht aber Vitellius erneut auf. Man stutzt. Auf Seite 601 vertieft sich das Stirnrunzeln. Vitellius ist „der neue Imperator“! Schau an, die Totgesagten leben länger. Und wenn er dann nicht gestorben ist, lebt er vielleicht noch heute.

_Unterm Strich_

Im Prinzip verknüpft der Autor in seinen Zeitpatrouille-Erzählungen zwei Genres: den Polizistenroman und die Science-Fiction-Phantasie um die Zeitreise. Aber das ertragreiche Konzept benötigt noch eine weitere Komponente, um für den Leser geistig und emotional relevant und somit ertragreich zu werden: die Geschichtsschreibung und Literaturwissenschaft. Denn wie könnte die Zeitpatrouille sonst wissen, was der korrekte und somit zu überwachende Zeitverlauf ist?

Das Eingreifen der Zeitpatrouille muss daher immer auch die negative Alternative mit ins Spiel bringen: Was wäre passiert, wenn dieser oder jener Herrscher oder Erfinder nicht gelebt hätte? Was wäre passiert, hätte es den Wanderprediger Jehoschua von Nazareth nicht gegeben? (Dazu gibt es von Michael Moorcock den interessanten Roman [„INRI oder Die Reise mit der Zeitmaschine“.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3500 In dieser Hinsicht kann sich der Autor also interessanten Spekulationen hingeben. Diese muss er aber ebenfalls stets begründen, denn Luftschlösser kauft man ihm nicht ab. Solche Erzählungen finden sich im SF-Programm des |Heyne|-Verlags reihenweise, z. B. in „Zielzeit“.

Für den Leser halten solche Geschichten nicht nur lehrreiche Einblicke in die Geschichte bereit, sondern auch meist unterhaltsame Spekulationen über alternative Geschichtsverläufe. Spannung bereitet dabei die Frage, ob es gelingen wird, das drohende Chaos zu korrigieren und so den uns vertrauten Geschichtsverlauf, mithin also die bekannte Welt zu erhalten. Die Grundhaltung ist konservativ, doch die Rebellen lauern stets an den Außenmauern dieses Bollwerks.

Der aus neun Erzählungen zusammengesetzte Roman, der alle relevanten Episoden sammelt, ist nicht nur Zeitreise- und Anderson-Fans zu empfehlen. Auch Leser, die sonst überhaupt nichts mit Sciencefiction am Hut haben, können damit etwas anfangen. Diese Gesamtausgabe ist zudem recht schön mit Schwarzweißzeichnungen von Zoltan Boros und Gabor Szikszai illustriert. Dennoch ist der Preis von umgerechnet ca. 9,95 € für heutige Verhältnisse supergünstig. Gebraucht gibt es das Buch für einen Bruchteil davon.

Ärgerlich an dieser Gesamtausgabe war für mich lediglich die Übersetzung, und zwar von beiden Übersetzern. Einfach unglaublich, welche Schnitzer sich diese Burschen leisten durften! Das führt zu Punktabzug.

|Originaltitel: The Time Patrol, 1991
863 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans Maeter und Peter Pape|

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