Wilhelm, Kate – Inseln im Chaos

_Chaostheorie und Mädchenmord: spannender Justizthriller_

Fünf Jahre lang hat man Lucas Kendrick unter Drogen gehalten, angeblich im Rahmen eines Forschungsprojekts. Doch dann gelingt ihm die Flucht. Kaum ist er zu Hause angekommen, findet man ihn ermordet auf, und man verdächtigt Nell, seine Frau, der Tat. Barbara Holloway, die Nells Verteidigung zunächst lustlos übernimmt, stößt bald auf merkwürdige Ungereimtheiten, die sie stutzig machen – und in tödliche Gefahr bringen … (abgewandelte Verlagsinfo)

Dieser Roman wurde 1997 mit dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis als bester ausländischer Roman des Jahres ausgezeichnet.

_Die Autorin_

Die amerikanische Schriftstellerin Kate Wilhelm, geboren 1928, zeichnet sich durch eine sehr nah am Menschen orientierte Thematik und Darstellungsweise aus. Das hebt ihre vielfach ausgezeichneten Erzählungen und Romane über die Bindung an Moden und Tagesereignisse hinaus auf ein überzeitlich gültiges Niveau der Aussagekraft. Mit dem Post-Holocaust-Roman „Hier sangen früher Vögel“ errang sie zahlreiche Preise, aber der Großteil ihres Werkes besteht aus Kriminalromanen und Thrillern. Sie ist die Gattin des Autors und Herausgebers Damon Knight.

Wichtige Werke:

1) „Hier sangen früher Vögel“ (HUGO Award)
2) „Der Clewiston-Test“
3) „Inseln im Chaos“
4) „Huysmans Schoßtierchen“
5) „Margaret und ich“
6) „Somerset träumt“ (Storys)
7) „Kinder im Wind“ (Novellen)

Die |Barbara Holloway|-Reihe:

1. „Death Qualified: A Mystery of Chaos“ (1991)
2. „The Best Defense“ (1994)
4. „Defense for the Devil“ (1999)
5. „No Defense“ (2000)
6. „Desperate Measures“ (2001)
7. „The Clear and Convincing Proof“ (2003)
8. „The Unbidden Truth“ (2004)
9. „Sleight Of Hand“ (2006)
10. „A Wrongful Death“ (2007)
11. „Cold Case“ (2008)
12. „Heaven Is High“ (2011)

_Handlung_

|Lucas|

Alle hier am College in Denver nennen ihn nur Tom. Alle, vor allem die Psychiaterin Dr. Karen Brandewyne, die ihn am schärfsten kontrolliert, dann aber auch der Computerspezialist Dr. Herbert Margolis und der Physiker Dr. Schumaker von der naturwissenschaftlichen Fakultät. Tom arbeitet als Handlanger für alles am College, vor allem als Fensterputzer und im Garten. Er hat immer brav seine roten Pillen genommen, und sie fragten ihn, ob er Träume und Episoden gehabt habe.

Dann fand er den Zettel in seiner Hand: „Nimm die Pillen nicht!“ Seitdem er diesen Rat befolgt und die Entzugserscheinungen überstanden hat, kann er sich zunehmend an mehr Dinge erinnern, so etwa an den Namen seiner Frau: Nell. Und Travis? Travis ist sein Sohn! Aber wie heißt er selbst mit richtigem Namen? Schumaker spricht ihn im Scherz aus: Lucas. Lucas Kendrick. Und er kann immer noch seine „Schale“ ausdehnen und zusammenziehen, wie er will, um die anderen zu belauschen.

Er ist zum Minimarkt gegangen und hat sich Zeitungen gekauft. Man schreibt inzwischen 1989. Sieben Jahre ist er bereits hier. Die Erinnerungen sind ein einziges Chaos, aber da war mal die Rede von Blut, viel Blut. Alles wurde vertuscht, und er durfte nicht mehr Lucas heißen, nur noch Tom. Doch diese Zeit ist jetzt vorbei. Er muss abhauen. Die Bänder sind immer noch in ihrem Versteck im Doppelboden des Wandschranks und die Disketten sind in der Scheune von Brandewyne. Dann macht er sich in seinem alten Honda nahezu unbemerkt davon auf zu Nell.

|Nell|

Nell hat Lucas seit Jahren nicht mehr gesehen, seit er sie das letzte Mal besuchte und ihr ein zweites Kind machte: Carol. Inzwischen hat sie mit dem Doc in der Nachbarschaft ein Verhältnis angefangen, von dem aber keiner wissen darf, vor allem nicht Docs Ehefrau, die gelähmte Jessie. Nell ist unabhängig, mit eigenem Haus und einem zweiten, an einen Tierarzt vermieteten Haus. Außerdem verfügt sie in Gestalt eines Waldes über ein Vermögen. Und das erzeugt Neider.

Dieser Tag jedoch bringt eine Menge Ungemach: Erst treibt eine Frauenleiche im Fluss, dann wollen zwei Männer die große Kiefer auf ihrem Grundstück fällen und schließlich taucht auch noch Lucas auf. Sie hat ihn erwartet, denn ihre Schwiegereltern John und Amy haben sie vorgewarnt und sie konnte ihre Kinder zu ihnen in Sicherheit bringen. Was führt Lucas im Schilde, fragt sie sich, als sie im Wald auf ihrem Lieblingsfelsen sitzt. Da kommt er auch schon. Er lacht sie an und ruft: „Pass auf!“ Doch da fällt ein Schuss – und in den Kopf getroffen stürzt Lucas hinterrücks in eine Schlucht!

|Barbara |

Barbara Holloway befindet sich gerade in Phoenix, Arizona, als ihr Vater Frank, ein Rechtsanwalt, anruft: „Ich brauche deine Hilfe. Es gibt hier einen Fall, den ich nicht übernehmen kann.“ Denn Barbara hat ebenfalls einige Jahre als Strafverteidigerin gearbeitet. Wie sich herausstellt, ist der nicht übernehmbare Fall der von Nell Kendricks. Sie steht unter dem dringenden Verdacht, ihren Mann Lucas erschossen zu haben. Und dass sie eine exzellente Schützin ist, hat sie ja an jenem verhängnisvollen Tag demonstriert, als sie eine Bierdose vom Lastwagen jener zwei unerwünschten Holzfäller schoss.

Nicht genug damit, ist Lucas Kendricks dringend verdächtig, der Mörder jener im MacKenzie-Fluss treibenden Frau gewesen zu sein. Die junge Frau war eine Wanderin, die zusammen mit ihrer Begleiterin auf einer Wandertour durch den Westen der USA unterwegs war. Lucas nahm sie auf der anderen Seite des Gebirgskammes in seinem Wagen mit. Dann müssen sich in den Bergen schreckliche Dinge zugetragen haben, denn die Autopsie der Leiche hat grausame Verletzungen zutage gefördert. Nell Kendricks glaubt keine Sekunde, dass Lucas zu solchen Dingen in der Lage war. Doch wer war es dann?

Nachdem sich Barbara die Ereignisse aus Franks und Nells Sicht hat darstellen lassen, übernimmt sie den Fall, fährt zum Sheriff jenes Landkreises, wo Lucas und das Mädchen Janet zuletzt gesehen wurden – und wo Lucas‘ Eltern leben. Sheriff LeMans kennt die Familie von John Kendricks schon lange, und so ist er auf dem Laufenden, was einige Merkwürdigkeiten anbelangt.

Lucas‘ Auto etwa wurde nach der eingehenden Untersuchung an John Kendricks freigegeben. In der Nacht darauf wurde der Wagen still und leise völlig auseinandergenommen und auch die Wohnung der Kendricks auf den Kopf gestellt. Das gleiche Bild bot sich bei den Lagerstellen von Lucas. Jemand sucht etwas, und zwar ganz dringend.

Waren es Lucas‘ Verfolger?

_Mein Eindruck_

Es gilt also für Barbara Holloway und ihren Vater und Lehrmeister, zwei Rätsel zu lösen: erstens die Tode von Lucas und der jungen Frau, welche zusammenzuhängen scheinen; und zweitens, was überhaupt mit Lucas in jenem obskuren College in Denver passiert ist. Denn offenbar passierten dort zwei weitere Morde im Herbst 1982. Wie hängen diese Ereignisse miteinander zusammen, fragt sich Barbara fortwährend und setzt einen Privatdetektiv ein, der die Fakten aufdecken soll.

Unterdessen forscht sie selbst nach der Sache, mit der sich Lucas nach Nells Angaben beschäftigte, nämlich Fraktalen und Chaostheorie. Hier kommt der Wissenschaftsaspekt des Grundthemas zum Tragen, wird aber nie so dominant, dass man unbesehen sagen könnte: Ja, dies ist ein Science-Fiction-Roman. Nein, die Chaostheorie führt vielmehr dazu, dass Barbara den jungen Mathematiker Mike Dinesen kennen und lieben lernt. Nicht nur der Sex ist toll, sondern durch ihn fasst Barbara wieder neuen Lebensmut, den sie vor fünf Jahren verlor.

Durch Mike wird ein weiteres Element eingeführt: die fachliche und experimentelle Beschäftigung mit der Chaostheorie und den Versuchen, die ein gewisser Dr. Emil Frobisher in Denver anstellte. Frobishers Computerprogramm ist auf Disketten gespeichert, hinter denen Schumaker und Brandewyne her sind. Und Lucas hat Nell Tonbandaufnahmen hinterlassen, auf denen er seine Erlebnisse in Denver und auf seiner Heimreise schildert – bis er schon fast bei ihr war.

Aber warum sind die Disketten so brisant, dass dunkle Hintermänner bereit sind, dafür zu morden, fragt sich Barbara. Sie selbst entgeht dem tödlichen Ausgang eines Anschlags nur um Haaresbreite. Denn die Fakten, die sie in der langen und wendungsreichen Gerichtsverhandlung, die das gesamte mittlere Drittel des Buches einnimmt, auf den Tisch legt, belasten Dr. Brandewyne und ihre Mitverschwörer schwer.

Um die Frage nach der Chaostheorie und den Experimenten an Lucas zu beantworten, unterzieht sich Mike zur Barbaras Bestürzung selbst den Originalversuchen. Ihre Beklemmung wächst, als Brandewyne sie warnt, dass Programm paranoide Schizophrenie hervorrufen könne. Wird der geliebte Mike nun dem Wahnsinn verfallen? Doch es soll alles ganz anders kommen …

ACHTUNG, SPOILER!

Um das SF-Etikett zu rechtfertigen, ist es notwendig, zumindest anzudeuten, worin denn die Folgen von Lucas‘ und Mikes Behandlung bestehen. Das Frobisher-Programm verändert die Wahrnehmung der Welt, sollte man meinen. Aber die Folge davon ist verblüffend: Der Mensch, der diese Kunst beherrscht, kann sich willkürlich im Raum bewegen, wie es dem Beobachter scheint.

Dies ist jedoch nicht Teleportation, also die eigenständige und willentliche Bewegung durch den Raum, sondern eine Art Versteckspiel – von unserer Dimension in eine benachbarte (daher auch Lucas‘ Idee von der „Schale“). Folglich ist dieses Subjekt von einem Beobachter äußerst schwer zu sehen. Und das könnte im Showdown gegen den wahren Mörder Mikes und Barbaras Leben retten.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung durch Walter Brumm hat mir durchweg sehr gut gefallen. Aber wer Brumm kennt, weiß, dass er auf manchen Feldern Schwächen aufweist. So nennt er etwa einen „strange attractor“ (aus der Chaostheorie) nicht etwa „seltsamen Attraktor“, sondern „fremden Attraktor“. Diesen Fehler macht ich zuletzt in der 6. Klasse.

Auf S. 229 verwirrte mich ein weiterer „Brummismus“: „die Finger um die STECHER ihrer Waffen gekrümmt“. Gemeint ist wohl der „Abzug“.

S. 253: „ohne Belag für den Sachverhalt“. Korrekt müsste es „Belang“ heißen. Ein weiterer Buchstabe fehlt in dem Satz „Warum ließen Sie die Waffe auf [d]er Couch liegen?“ Auch vergessene Kommata sind bei Brumm recht beliebt.

Manchmal fragte ich mich, ob Brumm über das Geschlecht mancher Wörter Bescheid weiß. So etwa in dem Satz auf Seite 484: „Okay, schließen wir ein[en] Kompromiss.“ Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein weiterer Fall von vergessenen Buchstaben. Genau wie in folgendem Satz auf 522: „Die Beamten werden ein[en] irre redenden Verrückten vor sich haben.“

_Unterm Strich_

Dieser Roman hat mich wider Erwarten von der ersten Seite an gefesselt. Ich habe ihn in nur wenigen Tagen ausgelesen, so befriedigend und wendungsreich fand ich die Lektüre. Die Erzählung bleibt immer sehr nah an den Figuren dran und teilt uns ihre Gemütsverfassung, Gedanken, Gefühle und Empfindungen minutiös mit. Deshalb ist der Roman auch für einen Thriller ungewöhnlich umfangreich.

Das Interesse an den Figuren geht einher mit der eingehenden Schilderung ihres Lebensraumes: Oregon in der Nähe der Hauptstadt Eugene, direkt unten am Fluss McKenzie, der in jeder Jahreszeit anders aussieht. Zuweilen dachte ich, die Autorin habe quasi einen Heimatroman geschrieben, denn schließlich lebt sie in dieser Gegend. Dass sie sich bestens mit der Landschaft und ihren Menschen auskennt, merkt man in jeder Zeile. Das vermittelt ein Vertrauen in ihre Darstellung ein, die man bei vielen Schriftstellern, zumal in der Phantastik, vergeblich sucht.

Der innovative Wissenschaftsaspekt, den man bei einem Buch mit SF-Etikett erwartet, spielt wirklich nur ganz am Rande eine Rolle. Vielmehr sind es die Wissenschaftler selbst, die auf den Prüfstand gestellt werden. und das ganz wörtlich, nämlich im Gerichtssaal. Hier liefert Barbara Holloway, die Serienheldin, eine fulminante Vorstellung als Verteidigerin – nicht zuletzt gegen einen Staatsanwalt als Gegner, mit dem sie noch ein Hühnchen zu rupfen hat. (Er war mit der Grund, warum sie vor fünf Jahren ihre Heimat verließ.)

Langer Rede kurzer Sinn: Selbst noch nach 20 Jahren – das Original erschien 1991 – wirkt die menschliche Interaktion in diesem Roman taufrisch und weiß mit Überraschungen aufzuwarten. Da fallen solche Details wie frühe IBM-PCs mit Disketten nicht so ins Gewicht. Ich hab selbst mit diesen Kisten gearbeitet – wenn man mit ihnen umgehen konnte, lieferten sie einwandfreie Ergebnisse. Und die zwei Kinder, die im Buch das Frobisher-Programm ausprobieren (Mikes Vermächtnis), könnten auch heute leben – und eine wundersame Wandlung durchmachen.

|Gebunden: 589 Seiten
Originaltitel: Death Qualified. A Mystery of Chaos (1991)
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453118775|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Schreibe einen Kommentar