Kathy Reichs – Die Spur der Angst (Tempe Brennan 24)

Ein Experiment des Bösen

Kleine Tierkadaver – eine Ratte, ein Kaninchen, ein Eichhörnchen – tauchen in Charlotte, North Carolina, auf, verstümmelt und auf bizarre Weise inszeniert. Der forensischen Anthropologin Tempe Brennan ist Tierquälerei zutiefst verhasst. Ihre Beunruhigung wächst, als die Entdeckungen immer makabrer werden. Mit Hochdruck versucht sie dem Täter auf die Spur zu kommen. Denn es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein Mensch zum Opfer wird … (Verlagsinfo)

Hinweis: Der deutsche Verlag bezeichnet dieses Buch als Band 24 der Tempe-Brennan-Reihe. Tatsächlich ist dies aber schon Band 25, siehe unten.

Die Autorin

Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, eine von nur knapp hundert vom American Board of Forensics Anthropology zertifizierte forensischen Anthropolog*innen und unter anderem für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig.

Ihre Romane erreichen regelmäßig Spitzenplätze auf internationalen und deutschen Bestsellerlisten und wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Für den ersten Band ihrer Tempe-Brennan-Reihe wurde sie 1998 mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Die darauf basierende Serie »BONES – Die Knochenjägerin« wurde von Reichs mitkreiert und -produziert.

Temperance-Brennan-Romane

1. Déjà Dead (1997), dt. Tote lügen nicht (1998)
2. Death du Jour (1999), dt. Knochenarbeit (1999)
3. Deadly Décisions (2000), dt. Lasst Knochen sprechen (2001)
4. Fatal Voyage (2001), dt. Durch Mark und Bein (2002)
5. Grave Secrets (2002), dt. Knochenlese (2003)
6. Bare Bones (2003), dt. Mit Haut und Haar (2004)
7. Monday Mourning (2004), dt. Totenmontag (2004)
8. Cross Bones (2005), dt. Totgeglaubte leben länger (2005)
9. Break no Bones (2006), dt. Hals über Kopf (2006)
10. Bones to Ashes (2007), dt. Knochen zu Asche (2007)
11. Devil Bones (2008), dt. Der Tod kommt wie gerufen (2008)
12. 206 Bones (2009), dt. Das Grab ist erst der Anfang (2009)
13. Spider Bones (2010), dt. Blut vergisst nicht (2010)
14. Flash and Bones (2011), dt. Fahr zur Hölle (2011)
15. Bones Are Forever (2012), dt. Knochenjagd (2012)
16. Bones of the Lost (2013), dt. Totengeld. Blessing Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89667-452-4.
17. Bones Never Lie (2014), dt. Knochen lügen nie. Blessing Verlag, München 2015, ISBN 978-3-89667-453-1.
18. Speaking in Bones (2015), dt. Die Sprache der Knochen. Blessing Verlag, München 2016, ISBN 3896674544.
19. The Bone Collection (2016), dt. Die Knochenjägerin. Vier Fälle für Tempe Brennan. Blessing Verlag, München 2017, ISBN 978-3-896-67580-4.
20. A Conspiracy of Bones (2020), dt. Das Gesicht des Bösen. Blessing Verlag, München 2020, ISBN 978-3-89667-455-5.
21. The Bone Code (2021), dt. Der Code der Knochen. Blessing Verlag, München 2021, ISBN 978-3-89667-724-2.
22. Cold, Cold Bones (2022), dt. Kalte, kalte Knochen. Blessing Verlag, München 2022, ISBN 978-3-89667-740-2.
23. The Bone Hacker (2023), dt. als “Die Hand des Todes„, 2024
24. Fire and Bones (2024)
25. Evil Bones, 2025 (Die Spur der Angst, 2026)

Virals-Romane

Virals (2010), dt. Virals – Tote können nicht mehr reden (2011)
Seizure (2011), dt. Virals – Nur die Tote kennt die Wahrheit (2012)
Code (2013), dt. Virals – Jeder Tote hütet ein Geheimnis (2013), ISBN 978-3-570-15367-3
Exposure (2014)
Terminal (2015)

Sunday-Night-Reihe

Two Nights (2017), dt. Blutschatten. Blessing Verlag, München 2018, ISBN 978-3-896-67621-4.

Handlung

Die Farmerin Bella fährt nachts in einem heftigen Gewitter ihren klapprigen Buick gegen eine alte Eiche. Als sie aussteigt, entdeckt sie in drei Metern Höhe etwas Grässliches, das sie zu Tode erschreckt.

Was sie gesehen und den Cops gemeldet hat, landet früher oder später auf dem Obduktionstisch von Dr. Tempe Brennan, ihres Zeichens forensische Anthropologin für den Landkreis Charlotte Mecklenburg. Das Objekt ihrer Untersuchung scheint ein erschossener und geköpfter Hund zu sein, aber er wurde ausstaffiert und um ein Körperteil beraubt.

Expedition

Tempe konsultiert einen Tierarzt, der mithilfe eines Abtasters den in die Haut eingelassenen RFID-Chip findet. So machen sie den Besitzer von „Bear“ ausfindig. Der Mann wirkt keineswegs verdächtig, sondern vielmehr wie ein zutiefst betroffener Tierfreund. Er bezeichnet den Teich, wo er „Bear“ das letzte Mal gesehen hat. Zusammen mit Detective „Skinny“ Slidell durchsucht Tempe das dschungelartige Gelände, und er findet tatsächlich etwas: ein Hundespielzeug zum Beißen. Der Verkäufer dieses Spielzeugs beschreibt den Käufer nicht besonders genau – er misstraut den Cops.

Steigerung

Dies ist beileibe nicht das einzige getötete Tier, und Tempes Freundin, eine Psychologin, hat eine Ahnung, dass der Täter nicht nur die Größe seiner Opfer steigern, sondern sich irgendwann auch an Menschen vergreifen werde. Nach einer Datenerhebung, die sowohl getötete und vermisste Tiere, als auch andere Knochenreste erfasst, zeichnet sich eine bestimmte Gegend von Charlotte als Brennpunkt ab. Im Venn-Diagramm überschneiden sich hier drei der genannte Gruppen. In einem weiteren Fund sind tierische und menschliche Knochen vermischt: Die Knochen einer Frau stammen aus einem Grab.

Aber erst das nächste, kürzlich getötete Opfer, das nahe eines Spielplatzes von katholischen Nonnen gefunden wurde, bringt Tempe und den Detective wirklich weiter. Der entkleidete Mann trägt die eingebrannten Buchstaben PE und sein daneben angenagelter Hund bekam ebenfalls diese Buchstaben eingebrannt. Was hat das wohl zu deuten, fragt sich Tempe.

Die Natur des Bösen

Sie hat mit ihrer ältesten Freundin, einer Psychologin, über die Natur des Bösen gesprochen. Die meinte, es könnte auch eine sexuelle Komponente bei den Taten geben. Tempes Freund Ryan, der in Montreal als Privatdetektiv ermittelt, trägt sein Scherflein bei, doch erst ein Mann namens Lester Meloy, ein Freund ihrer Großnichte Ruthie, bringt Tempe auf zwei Spuren. Die erste ist Dantes Buch „Inferno“, das mit den sieben Todsünden und den sieben Kreisen der Hölle.

Die zweite Spur sind die Urban Explorers, städtische Forscher, die das ausgedehnte Tunnelnetz von Charlotte nutzen, um ihren „Aktivitäten“ nachzugehen. Womöglich stammt es noch aus Zeiten des Bürgerkriegs und war Teil der „Underground Railroad“, um entlaufenen Sklaven zur Flucht in den Norden zu verhelfen.

Verfolgt

Kurz nach dem Treffen mit Meloy erblickt Tempe schon zum zweiten Mal einen schwarzen Honda Accord. Beim ersten Mal stand der Wagen nahe ihres Hauses und sie fotografierte ihn, um das Kennzeichen zu erfassen. Nun lauert der Fahrer allerdings nicht Tempe auf, sondern folgt dem Uber-Taxi, in dem Ruthie sitzt…

Mein Eindruck

Tempe ist nun mal eine Frau, die sich besonders um die ihr anvertrauten Menschen sorgt. Ihre Sorge gilt vor allem ihrer Tochter Katy, die sich der Seelsorge von Obdachlosen und Veteranen verschrieben hat, und um ihre Großnichte Ruthie. Tempe-Fans wissen, dass Ruthie die Enkelin von Tempes Schwester Harriet alias „Harry“ ist. Die 17-jährige ist ganz anders drauf als Katy und gesellschaftlichen Experimenten aufgeschlossen. Sie sucht Anschluss und denkt, sie hätte ihn bei Meloy und Konsorten gefunden. Da geht sie schon mal auf eine größere Expedition, ohne Bescheid zu geben.

Mit solchen Eskapaden treibt sie ihre Großtante, also Tempe, schier in den Wahnsinn. Die Autorin zieht die Daumenschrauben der Spannung mit jedem gekonnten Cliffhanger an. Schließlich ist der Leser überzeugt, dass gleich etwas ganz Schreckliches passieren muss. Und diese Erwartung erweist sich – glücklicherweise – als berechtigt. Die Handlung endet in zwei Höhepunkten. Im ersten wird Tempe selbst das Opfer….

Die Natur des Bösen

Schon eine ganze Weile schlägt sich Tempes Gewissen – ihre zweiten und dritten Gedanken – mit der Frage der Natur des Bösen herum. Sie kann viele Leute fragen, und jeder gibt eine andere Antwort. Bleibt also nur die eigene Erfahrung, um das Böse definieren zu können. Zusammen mit Tempe erleben die Leser die Steigerung in der Größe der Opfer, die der Serientäter erst unter Tieren, dann auch unter Menschen findet.

Opferkriterien

Für den Leser ist es aufschlussreich, nach welchen Kriterien diese Opfer ausgewählt werden. Sicher, die Tiere sind für den Täter leicht zu erwischen, ebenso Leichen aus dem Grab heraus. Doch dann geht’s an Eingemachte. Der nächste ist ein Schwarzer mit seinem Tier, ein Mensch vom Rand der Gesellschaft. Wäre es dann nicht naheliegend, auch die Schwächsten und Wehrlosesten unter den weißen Bewohnern Charlottes zu suchen? Das wäre dann junge, unbegleitete Frauen. Frauen wie Katy und Ruthie.

Aber worin liegt der Sinn dieser makabren Jagd, fragt sich Tempe. Sie wird es ganz am Schluss erfahren , als ihr wie ein ganzer Kronleuchter ein Licht aufgeht, wer dieser Täter sein muss: Er experimentiert mit den Reaktionen der Menschen auf seine Taten. Da könnte es aber für Katy schon zu spät sein: Sie wird im Keller eines brennenden Hauses vermutet – das ultimative Experiment.

Zahlreiche Hinweise

Mal abgesehen von den erstklassigen Cliffhangern, die zum Weiterlesen verführen, lockt auch dieser Tempe-Band den gewieften Krimikenner mit zahlreichen Indizien, die die Erzählerin fein dosiert ausstreut. Vorsicht: Es können sich auch falsche Fährten darunter befinden! Vorsicht: Es können sich auch falsche Fährten darunter befinden!

Da ist der verdächtige Honda Accord, da ist der unverschämte Amazon-Lieferant, da sind zwielichtige Tierhändler und -ärzte. Da häufen sich Hinweise auf eine geheimnisvolle Unterwelt in der Region Charlotte. Den Hinweis auf die Neonazi-Szene verkneift sich die Autorin: Bekanntlich wurde bei einer Neonazi-Kundgebung eine Frau totgefahren. Das war während Donald Trumps erster Amtszeit.

Die Übersetzung

Den Fachjargon beherrscht der Übersetzer einwandfrei. Doch mit manchen seiner stilistischen Entscheidungen bin ich nicht einverstanden. Die meisten sind schlicht Übernahmen aus der Vorlage.

S. 58: Statt “eines Schwarzes Loches“ muss es „Schwarzen Loches“ heißen.

S. 59: “Joe Hawkins war berechenbar wie die deutsche Bahn.“ Dieser Satz klingt wie Hohn in den Ohren der Benutzer ebendieser Bahn.

S. 153: “Class H Felony”: Wird nicht erklärt. „Felony“ ist jedes strafbare Vergehen. Google weiß: „Ein Class H Felony ist in den USA (insbesondere North Carolina und Wisconsin) ein mittelschweres bis leichtes Verbrechen (Felony), das oft Eigentumsdelikte, Betrug oder Körperverletzung ohne schwerste Folgen umfasst. Die Strafen variieren stark je nach Bundesstaat und Vorstrafen, beinhalten aber meist Freiheitsstrafen von mehreren Monaten bis zu 6 Jahren.“

S. 159: “Warning: Redneck in Residence”. Wird nicht übersetzt. Die Wikipedia weiß: “ Redneck ist ein oft abfälliger US-Begriff für arme, konservative weiße Landbevölkerung, besonders aus den Südstaaten. Typische Stereotypen umfassen geringe Bildung, Arbeit in der Landwirtschaft/Industrie, Pickup-Trucks und eine kritische Haltung gegenüber der Moderne. Der Begriff kann auch stolz als Ausdruck für eine ländliche, arbeiterorientierte Lebensweise genutzt werden.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Redneck)

S. 180: “National Coalition of Turds and Assholes”: Wird nicht übersetzt. Wörtlich: “nationale Koalition von Kackhaufen und Arschlöchern“. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund.

S. 191: AAFS-Treffen: Wird nicht übersetzt. Google weiß: „Das AAFS-Treffen bezieht sich auf die jährliche wissenschaftliche Konferenz der American Academy of Forensic Sciences (AAFS). Es gilt als das größte Treffen der forensischen Wissenschaftsgemeinde weltweit.“

S. 216: “Der Täter hatte sich von Tieren auf Menschen verlagert.“ Er hatte sich nicht verlagert, sondern verlegt.

S. 242: “frisch von der Junior High“: Wird nicht übersetzt. Wikipedia weiß: „Die Jahrgänge 9 bis 12 werden üblicherweise Freshman (Jahrgang 9), Sophomore (Jahrgang 10), Junior (Jahrgang 11) und Senior (Jahrgang 12) genannt. Bisweilen umfasst die High School auch sechs Schuljahre. Bei dieser Variante ist sie dann in drei Jahre Junior High School und drei Jahre Senior High School unterteilt.“ ((https://en-wikipedia-org.translate.goog/wiki/Junior_(education_year)?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq))

S. 265: “Wäre er nicht barfuß in Hokas gewesen“: Wird nicht erklärt. Hokas sind Laufschuhe. Siehe hier.

S. 324: “Tausende von Mugshots”: Wird nicht übersetzt. Wikipedia weiß: „Ein Mugshot ist (seit 1850) ein polizeiliches Foto eines Festgenommenen, das meist frontal und im Profil aufgenommen wird. Es dient der erkennungsdienstlichen Behandlung, Identifizierung und Dokumentation von Verdächtigen, oft mit Informationen zu Narben oder Tattoos.“ Quasi ein Fahndungsfoto.

Unterm Strich

Wieder mal ein erstklassiger Fall für Tempe Brennan, die Forensikerin der Fans. Ich jedenfalls fühlte mich bestens unterhalten: spannend, kenntnisreich und – vor allem – auch emotional. Denn was ist die Natur des Bösen? Es ist das kalt kalkulierende Spiel mit Menschen, die das Böse lediglich als recht- und wehrlose Spielfiguren betrachtet. Und hier bricht die Autorin eine Lanze für die lieben Haustiere. Wer würde nicht um Birdie, Tempes Kater bangen, wenn er mal wieder ausgebüxt ist? Katzenliebhaber müssen ganz stark sein!

Wäre da nicht die Faulheit des Übersetzers gewesen, wäre die Freude ungetrübt gewesen.

Gebunden: 352 Seiten
Originaltitel ‏: ‎ Evil Bones, 2025
Aus dem US-Englischen von Jens Plassmann.
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453275720

www.heyne.de

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