Devlin, Mitarbeiter der Gepäckabfertigung des Flughafens Heathrow, nimmt eine Geige aus dem Fundbüro mit, die er seiner Freundin schenken möchte. Die hätte jedoch lieber einen Heiratsantrag statt einer Geige bekommen und setzt ihn vor die Tür. Als er erkennen muss, dass das Instrument eigentlich gestohlen worden war, sind ihm die Diebe schon auf den Fersen. Deshalb steht er wenig später samt der Violine vor der Tür seines alten Geschichtslehrers, denn er braucht dringend eine neue Bleibe. Und obwohl der ehemalige Lehrer Walter gerade dabei war, sich das Leben zu nehmen, zieht ihn die mysteriöse Geige ebenso wie Devlin in seinen Bann.
Mit Hilfe von Gabrielle, einer Gutachterin für Musikinstrumente, begeben sie sich daher auf eine detektivische Suche nach der Herkunft des besonderen Instruments, welche alle Beteiligten zunächst von ihren persönlichen Problemen ablenkt und sie motiviert ihrem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und vielleicht sogar zu alten Leidenschaften zurückzufinden oder neue zu entdecken.
Evie Woods gelingt es nach „Der verschwundene Buchladen“ (2024), „Die Geschichtensammlerin“ (2025) und „Die geheimnisvolle Bäckerei in der Rue de Paris“ (2025) nun schon zum vierten Mal tiefgehende menschliche Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit magischen Objekten zu verknüpfen und sie auf diese Art zusammenzuführen. Die Geige ist natürlich nicht irgendein Instrument, sie ist sogar Protagonistin des Romans mit einer eigenen Erzählstimme, denn in ihrem Holz lebt seit 1812 der Geist einer starken Frau, deren bezaubernder Gesang nicht einmal durch einen Mord zum Schweigen gebracht werden konnte, weil sie als Instrument weiterexistiert und das Schicksal aller ihrer Besitzer beeinflusst, bis sie wieder zurück zu ihrem Erbauer finden wird.
Parallel zur Geschichte der drei Protagonisten Devlin, Walter und Gabrielle in der Gegenwart, wird der Weg der Violine vom Moment ihrer Erschaffung im 19. Jahrhundert bis zum Auftauchen in Devlins Leben erzählt. Dabei treffen die Leser sowohl auf Virtuosen wie Paganini, den man auch als musikalische weniger bewanderter Leser sicher zuordnen kann, als auch auf Namen, bei denen man sich eine anmerkende Erklärung gewünscht hätte. Es stört zwar nicht sehr, nicht zu wissen, ob beispielsweise die flüchtige Erbin Caroline Bradshaw tatsächlich existiert hat, aber es wäre ein zusätzliches Schmankerl gewesen, etwas mehr über die Persönlichkeiten der Vergangenheit in einem Anhang zu erfahren.
Doch egal, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart des Romans – es ist verblüffend, wie vielschichtig die Themen sind, die Evie Woods in einem Unterhaltungsroman unterzubringen versteht. Alle Charaktere tragen seelische Narben mit sich herum, die in deren Lebensentwurf vor der Begegnung mit der Geige nicht verheilen können und der Weiterentwicklung der Personen im Weg stehen. Der Autorin geht es dabei um unbequeme gesellschaftliche Themen wie schwierige Elternhäuser, Missbrauch, zum Suizidwunsch führende, lebensbedrohliche Krankheiten, Wort- und Hilflosigkeit und das alles verpackt in einer poetischen, unaufdringlichen Erzählweise und der stets unterschwellig durchklingenden Spannung. Doch trotz vieler Geheimnisse, Vorsicht und Misstrauen nähern sich die Figuren schließlich an. Sie motivieren sich gegenseitig dabei, neue Erfahrungen zu machen und erleben gemeinsam Abenteuer, Freude, absurde und auch gefährliche Momente und alle finden am Ende sogar noch einmal die Liebe. Sowohl in der Handlung der Gegenwart als auch in der Vergangenheit bleibt der Roman immer spannend, denn die Bedrohung durch die Diebe zieht sich als Spannungsfaden durch den gesamten Roman.
Optisch bilden alle Bücher von Evie Woods aus dem Adrian Verlag eine Einheit. Ihre ähnliche Aufmachung mit einem dunklen Cover sowie dem schön bedruckten Buchschnitt fällt sofort ins Auge und transportiert die Magie der Geschichten auch nach außen. „Das Geheimnis des Geigenbauers“ ist ein Pageturner für literarische Mußestunden mit unterhaltendem Tiefgang, bei dem man ganz nebenbei auch noch viel über Geigenbau lernt.
Paperback: 320 Seiten
ISBN 13: 978-3985853632
Adrian Verlag
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