
Dieser Auswahlband machte 1982 die deutschen Leser mit wichtigen neuen US-AutorInnen bekannt. John Shirley, der Pionier des Cyberpunk-Genres, Edward Bryant, J.G. Ballard und Sydney J. van Scyoc. Mit Jack Vance und Charles Harness sind zwei Veteranen vertreten. Bryants Story „Das New Mexico Projekt“ wurde mit dem NEBULA Award ausgezeichnet. Deutsche Autoren fehlen in diesem Band.
Der Herausgeber
Werner Fuchs war Herausgeber der SF-Story-Anthologien des Droemer Knaur Verlags und gab in zahlreichen weiteren Verlagen Anthologien heraus. Außerdem wirkte er an verschiedenen Lexika mit.
DIE ERZÄHLUNGEN
1) Charles L. Harness: Die Zeitfalle (Time Trap, 1948)
Die nahe Zukunft sieht die Amerikaner leiden unter der Knute des Provinzgouverneurs Blogshak und Menschen verschwinden spurlos. Die Liga des Widerstands, angeführt von General Blade und mr. Poole, beschließt, Major und seine Frau auszusenden, um Blogshak zu töten. Tage später wird Major Troy angeklagt, Blogshak mit dem Gift Skon getötet zu haben, während seine Frau dessen Leibwächter ablenkte.
Doch Mr. Poole kann als sein Verteidiger beweisen, dass Troy nicht der Mörder gewesen sein kann: Ganz einfach deshalb, weil ein Toter – in diesem Fall Blogshak – nach seiner Vergiftung nicht mehr bluten kann, wenn man ihn enthauptet. Der Richter muss Troy freisprechen. Poole bringt Troy hinaus, wo ein Helikopter wartet. Drinnen sitzt Blogshak. Troy wird in unbekannte Räumlichkeiten gebracht, wo in einer Zelle seine Frau liegt. Ihr wird gerade eine Spritze verabreicht. „Es ist reines Skon“, gibt Poole bereitwillig Auskunft. Troy hatte geglaubt, seine Frau sei längst hingerichtet worden.
Nun muss auch der letzte Zuschauer erkennen, über welche besondere Fähigkeit Major Troy verfügt: Er kann nicht nur per Telepathie kommunizieren, sondern auch den Verlauf des Sterbevorgangs rückgängig machen. Das muss er sofort demonstrieren, sonst stirbt seine Frau, denn der hat man eine Bombe eingesetzt. Okay, und was jetzt, fragt Troy. Poole beauftragt ihn, seine Fähigkeit bei einem ganz speziellen Wesen anzuwenden. Ein Wesen, das von den Sternen kam und seitdem Menschen frisst. Troy fragt sich ebenso wie Poole, wie seine Revitalisierungskraft bei einem Massenmörder helfen soll. Doch Poole wird erschossen und Troy zusammen mit seiner Frau inhaftiert.
Diese Haft dauert 31 Jahre. Dann bekommen sie kein Essen mehr geliefert. Wider Erwarten können sie die Zelle verlassen, nur um davor Leichen zu finden. Sie verlassen das Gefängnis, um per Fahrstuhl zum Dach im 200. Stockwerk zu fahren. Niemand hält sie auf. Als sie auf die Straßen hinabschauen, können sie keine einzige Menschenseele entdecken. Offenbar hat der Verschlinger, den Blogshak als „Sathanas“ bezeichnete, alle Menschen vertilgt. Doch dann ändert sich alles…
Mein Eindruck
Es wäre vielleicht unklug, diese anspruchsvolle Erzählung, die aus dem Jahr 1948 stammt, gleich zu Anfang zu lesen. Erstens ist sie gespickt mit biochemischem Fachjargon – der Autor war Patentanwalt in der Chemiebranche – , zweitens versuchen sehr blasse Figuren eine Handlung voranzubringen, die eigentlich gar keine ist, und drittens tun sich so viele logische Fragen auf, dass der Leser am Schluss unzufrieden zurückbleibt.
Viertens ist die theologische Symbolik – der Autor war anfangs Theologe – so offensichtlich, dass sie so manchem Atheisten Unbehagen bereiten dürfte: Sathanas, der gefallene Engel, ist auf die Erde gestürzt und bereitet den Untergang der Menschheit vor. Die guten Engel brauchen eine Weile, bis sie, angeführt von Mai-kel (= Michael), gegen Sathanas Maßnahmen ergreifen.
Warum verfügt Troy über eine Extradrüse in seinem Gehirn, wie konnte sie sich entwickeln? Nun ist er zwar eine Art Superman, doch warum lässt er sich dann 31 Jahre lang einsperren, wo er doch ein Telepath ist und die Gedanken anderer Personen beeinflussen könnte? Es liegt an der Gefahr, die seiner Frau droht, sollte er rebellieren. Sie würde mit der Bombe in ihrem Körper getötet werden. Also geraten beide in die titelgebende Zeitfalle. Nach ihrer Selbstbefreiung geraten sie auch noch in eine Zeitschleife. Poole ist die ältere Version von Troy? Da hörte für mich der Spaß auf. Es war die erste veröffentlichte Story der des Autors, allerdings bei weitem nicht die letzte.
2) Lisa Tuttle: Ehefrauen (Wives, 1979)
Das terranische Militär hat diesen Planeten mit seinen drei Monden erobert, doch der Krieg ist noch nicht zu Ende. Regelmäßig müssen die Männer für drei Monate in den Kampf ziehen. Dabei lassen sie ihre „Ehefrauen“ zurück, die sich nun fragen, was sie tun sollen. Denn die Ehefrauen sind die weiblichen Vertreter der hiesigen Humanoiden. Sie haben mehr als zwei Arme und mehr als zwei Brüste, und die verstecken sie in einer Bodyskin. Aber sie können keine Kinder kriegen.
Als Susie sich aus ihrer Bodyskin wickelt, fühlt sie sich einsam und irgendwie rebellisch. Sie geht zu ihrer Nachbarin Doris und verführt sie. Doris sieht sehr konformistisch aus, mit ihrem Makeup, den Schuhen, dem hellen Kleid über dem Bodyskin. Und das, obwohl sie noch nie eine Frau von der Erde gesehen hat, sondern immer nur Bilder. Nachdem Doris gegangen ist, sinnt Susie noch mehr auf Rebellion.
Sie geht zur alten Maggie. Die kann sich wenigstens noch an die alten Zeiten erinnern, bevor die Männer kamen. Susie weiß nicht mal ihren eigenen Namen, aber „Susie“ lautete er bestimmt nicht. Sie drängt die Frauen, die sich bei Maggie versammelt haben, dazu, in die Wildnis zu gehen. Doch Maggie weiß, was passieren wird. Alle „Ehefrauen“ würden getötet werden, denn die Männer dulden keinen Ungehorsam. Geschlagen geht Susie zurück in ihr Haus. Als die anderen dann kommen, opfert sie sich bereitwillig, damit alles beim Alten bleibt. Ihr Blut versickert im Sand.
Als Susies Mann Jack zurückkommt, merkt er nicht, dass eine andere Frau Susies Bodyskin angezogen hat. Was er sieht, sind ein picobello sauber geputztes Haus, eine Tasse heißen Kaffees und eine adrette, willige Frau mit drei Brüsten. Was kann sich ein Mann mehr wünschen – in diesen Kriegszeiten?
Mein Eindruck
Die kurze Geschichte erzählt von der Mimikry, der sich die Alien-Frauen bedienen, um die irdischen Männer zufrieden zu halten, damit sie nicht ebenfalls getötet werden. Diese Mimikry bedingt einen Konformismus, eine Anpassung, eine Art Faschismus. Als diejenige, die sich nicht mehr „Susie“ nennen lässt, rebelliert, gefährdet sie diese Schutzgemeinschaft. Nach ihrer Opferung, die die Gemeinschaft noch enger zusammenschweißt, nimmt eine andere ihren Platz ein, um die perfekte „Ehefrau“ zu spielen. Alles ist wieder gut, die Unterdrückung, die Ausbeutung, das Überleben.
Die Autorin greift die psychologischen Mechanismen an, die in der Gemeinschaft der Frauen gelten, wie sie sie bestimmt selbst in den USA kennengelernt hat. Mit den Mitteln der Verfremdung und des Theaterspielens zeigt sie auf, was passieren würde, wenn eine der Frauen aus der Reihe tanzt. Die bis zum Minimum reduzierte Darstellungsweise lässt dem Leser viel Raum fürs Rätseln und Einfühlen. Wohwer haben die indigenen Frauen beispielsweise ihre Vorlagen – für Kleidung, Frisur, Kosmetik?
Einzige Ausnahme ist der etwas längere Streit zwischen Susie und Maggie, in dem sich Susies Schicksal entscheidet. Dass die Geschichte ein schlimmes Ende für Susie nimmt, bedeutet aber ironischerweise das Überleben der übrigen „Ehefrauen“. Ob die Autorin mit der Story um Verständnis wirbt oder zum Aufstand gegen die Unterdrückung der „Ehefrauen“ aufruft, muss jeder Leser selbst entscheiden.
3) Edward Bryant: Das New-Mexico-Projekt (giANTS, 1979)
Die Reporterin Laynie Bridgewell hat etwas über das New Mexico Projekt gehört und will nun dessen Leiter Paul Chavez besuchen, um ihn zu interviewen. Die Begegnung verläuft anders als erwartet. Erst einmal steigt Bridgewell durchs Fenster, denn einen „ordentlichen“ Zugang hätte ihr bestimmt die strenge Haushälterin O’Hanlon verwehrt. Einen Einbrecher hatte Chavez bisher noch nicht als Interviewer. Bezaubert nimmt er sie mit in sein Lieblingsrestaurant in Casper.
Sie hat den Molekularbiologen aus einem Alptraum geweckt, in dem riesige Ameisen seine – nicht mehr vorhandene – Tochter Patricia entführen, ungefähr wie in dem alten Monsterfilm namens „Formicula“. Chavez hatte seine schwangere Frau Annie durch die Bisse von Feuerameisen verloren, die bei Annie einen anaphylaktischen Schock auslösten, so dass sie verstarb. Und um Ameisen dreht sich auch das Gespräch mit Bridgewell, denn er experimentiert damit. Bis es ihm zuviel wird, und er ein Kribbeln und Krabbeln an seinen Beinen spürt – alles Einbildung.
Nach dem Essen führt er die Reporterin dorthin, wo er die Riesenameisen züchten lässt. Die Insekten sind bislang nur so groß wie ein Daumen, aber das lässt sich steigern. Sie sollen gegen die aus Lateinamerika einwandernden Ameisen – siehe die Feuerameisen – eingesetzt werden. Denn in Brasilien ist es offenbar durch die Strahlung eines Atomkraftwerks zu Mutationen gekommen, die die Menschheit bedrohen.
Nachdem Bridgewell ihren Artikel veröffentlicht hat, dementieren sämtliche Regierungen – und lassen dann bomben…
Mein Eindruck
Der Plot ist so dünn, dass er in einen Satz passt. Deshalb hat der Autor die eigentliche Story in die Begegnung zwischen dem „Erfinder“ und der Reporterin verpackt. Sie könnte mit ihren 21 Jahren die Tochter sein, die er nie haben konnte. Für sie deckt er das Geheimnis auf, das sein Projekt umgibt. Schnell wird klar, was er mit seinen Riesenameisen bekämpfen will: ein ökologisches Desaster, das die Menschen selbst verursacht haben. Es ist eine Story, die in Erinnerung bleibt, vor allem wegen hoch emotionalen Begegnung zwischen dem alten Witwer und der jungen Frau.
4) John Shirley: Leichenhaft verpuppte Falter, unsere Erinnerungen (Uneasy Chrysalids Our Memories; 1975)
Die politische Lage in den USA kann man leicht als nationalistischen Faschismus beschreiben. Nachdem der US-Präsident bei einem Anschlag ermordet worden ist, schlägt das politische Pendel in die Gegenrichtung: Alle Liberalen werden verteufelt, und nationalistische Milizen, die sich „Vigilanten“, also „Wächter“, nennen, verfolgen jeden, der auch nur verdächtig ist, ein Liberaler zu sein. Dieser Konflikt mit sehr realer Bedrohungslage zieht sich durch die ganze Handlung.
Jo Ann Culpepper ist wegen ihrer Amnesie in die Klinik von Dr. Lawrence Fosdick eingewiesen worden, und ihre Erlebnisse ab dem Nationalfeiertag, dem 4. Juli 1993, hat sie in zwei Tagebüchern festgehalten, einem ersten, unterdrückten, und einem zweiten, offiziellen. Sie unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Denn Fosdick, die männliche Autorität in Jo Anns Leben, besteht darauf, das Tagebuch zu lesen. Er gibt vor, ihr helfen zu wollen, doch er hat einen Plan. Er will chemisch kodierte Erinnerungen übertragen.
Jo Anns Amnesie rührt angeblich von der Ermordung ihrer Eltern durch Vigilanten her, aber was hat es zu bedeuten, dass Dr. Fosdick mit den Vigilanten kooperiert? Er verführt die verwirrte Jo Ann und missbraucht sie. Kaum hat er sie fügsam gemacht, verabreicht er ihr eine Spritze, ohne sie um Erlaubnis zu bitten. Angeblich handelt es sich um ein experimentelles Serum, doch die Wirkung ist unerwartet. Fortan sieht Jo Ann den Geist einer Frau, die unbekleidet im Institut erscheint. Es scheint sich um Sadie Culpepper zu handeln. Der Arzt scheint sich nicht zu sorgen, bis dann diese Frau nach weiteren Spritzen den Verstand Jo Anns übernimmt und ihrerseits finstere Absichten gegen Dr. Fosdick hegt. Sie besorgt sich ein Rasiermesser.
Doch zuvor hat sich in Dr. Fosdicks Verstand ein Dr. Albert Culpepper, Jo Anns Vater, manifestiert. Es gelingt ihr, Culpeppers Verstand in Fosdicks Körper per Spritze zu übertragen und ihn gegen die Vigilanten aufzuhetzen. Kaum ist er weg, will sie sich Jo Ann, diese „Hure“, vorknöpfen. Das Rasiermesser liegt bereits. Aber etwas hat sie wohl übersehen…
Mein Eindruck
Der Storytitel „Lästige Schmetterlingspuppen“ ist einem im Text zitierten Gedicht von Charles Baudelaire entnommen. Jo Anns Mutter soll Baudelaires Gedichtband „Die Blumen des Bösen“ geliebt haben. Hier wird diese Zeile ganz anders übersetzt: „Leichenhaft verpuppte Falter, unsere Erinnerungen“. Das trifft sowohl die Wortwahl als auch das Generalthema viel genauer. Es geht nämlich um geistige Verwandlungen. Diesen ist das Symbol der Schmetterlingspuppe zugeordnet.
Es geht um Verbrechen, politische, sexuelle und moralische. Durch seine Loyalität zu den Vigilanten hintergeht Fosdick seinen Schützling Jo Ann, deren Eltern die „Vigs“ ermordet haben – falls Jo Anns Erinnerungen sie nicht täuschen. Denn es sind die Erinnerungen, denen sie nicht trauen sollte. Hat Fosdick diese Erinnerungen per Chemie übertragen, um sie dann verführen und missbrauchen zu können? Doch warum hat er dann Sadie Culpepper, Jo Anns Mutter, wieder mnemonisch zum Leben erweckt? Sie ist erst jene nackte Geisterfrau, dann übernimmt sie Jo Anns Körper. War sie Fosdicks Geliebte?
Es ist ratsam, diesen vielschichtigen Text zweimal zu lesen. Das Spiel mit der Identität, das der Autors treibt, könnte von Philip K. Dick stammen, nimmt aber eine politische Dimension an, als Sadie Dr. Culpeppers geist in Fosdicks Körper zu den Vigilanten schickt: ein Himmelfahrtskommando, wie Sadie wohl weiß. Leider ist Sadie keineswegs zurechnungsfähig, und ihr nächster Schritt könnte sich unabsichtlich gegen sich selbst richten.
5) Sydney J. van Scyoc: Anomal (Aberrant, 1974)
Neunzig Jahre nach dem Ende der ersten Siedlerkolonie auf der Welt New Salem kehrt ein neues Siedlerschiff zurück, die „Agnelle“. An Bord der Erkundungsfähre und deren Beiboot befinden sich Render, ein Normalo, und Yute Vantz, ein anomaler Mutant. Obwohl sie sich spinnefeind sind, weil Render ein Rassist ist, sollen die Lage peilen. Die grüne Vegetation, die optimale Gravitation und die saubere Luft sehen vielversprechend aus, bis auf die traurigen Überreste der ersten Kolonie, versteht sich.
Was sie vorfinden, ist ein betrübliches Rätsel: Über 300 Menschen haben einander offenbar den Schädel eingeschlagen. Sie hatten genug zu essen, was also kann der Grund gewesen sein? Dieser Fund steht im Widerspruch zur Meldung von Kapitän Jarno La Farge, der diese Siedlung über den grünen Klee lobte: schöne, gesunde Menschen, die schottische Schäferhunde züchteten.
Dieser Widerspruch und die Erwähnung der Hunde machen Yute stutzig. Denn er weiß genau, dass auf New Salem zahlreiche Hunderassen vorhanden waren und dass auch die Siedler eine Multikulti-Gesellschaft gewesen waren. Eine Anfrage an die Erde per Schiff schafft Klarheit: La Farge war ein Schwarzer. Wieso wollte er die Vielfalt auf dieser Welt nicht sehen? Die Frage ist für Yute entscheidend, denn er muss die Erlaubnis für die Landung der Siedler auf der „Agnelle“ erteilen, und diese sind alle Anomale. Er selbst hat Beine wie die einer Spinne.
Erst ist es nur eine flitzende Gestalt, die er aus dem Augenwinkel bemerkt, dann wird daraus mehr. Yute setzt sich nachts in die zerstörte Siedlung. Die ausgelegten Köder locken die Hunde an, zuerst die von La Farge erwähnten Collies, dann Pudel und Mischungen. Der betäubte und gefangene Collie, den er an Bord bringt und untersucht, ist gar kein Hund, sondern ein Mensch, der sich als Hund getarnt hat. Was hat das zu bedeuten?
Mein Eindruck
Die Story ist ein Plädoyer für Andersartige, für Mutanten. Sie treten als die Anomalen in dieser Story auf, von Rassisten wie Render als verächtlich als „Anos“ bezeichnet. Neu-Salem ist die letzte Chance für die Ausgestoßenen der Erde, denen nicht einmal das Recht zur Fortpflanzung zugestanden wird. Yute erinnert sich an die Geschichtsbücher, wonach einer seiner Vorfahren als Erkunder von den Sternen zurückkehrte und einen hohen Preis zahlte: Aufgrund der kosmischen Strahlung mutierte er, genau wie seine Kollegen. Statt als gefeiert zu werden, wurden sie vertrieben.
Die Autorin spielt nun eine Art Turbo-Evolution auf Speed durch. Auch auf New Salem mutierten einige Siedler, schließlich wurden sie angegriffen, es kam zur finalen Schlacht. Überlebt haben nur diejenigen, die sich als Hunde tarnen konnten, und die werden nun von Yute und seinen Anomalen vorgefunden und akzeptiert.
Die Art und Weise, wie Yute vorgeht, ist besonnen und faktenbasiert, nicht von Vorurteilen geprägt wie bei Render. Diese vorbildlich wissenschaftliche Methode findet sich in vielen von Scyocs wieder, weshalb die Autorin viele ihrer Texte bei Heyne unterbringen konnte, etwa in den SF-Jahresbänden.
6) J.G. Ballard: Visum für die Ewigkeit (Passport to Eternity, 1967)
Die Galaxis ist vollständig von Menschen besiedelt – da fällt die Wahl schwer: Clifford und Margot Gorrell streiten sich immer wieder, was sie mit ihrem Urlaub anfangen sollen. Er ist Richter am Obersten Gerichtshof. Da kann er nicht einfach so im Basar einen verrückten Traum buchen – was würden die Leute sagen?
Also einigen sie sich darauf, seinen Stellvertreter Tony Harcourt zu bitten, sich nach Alternativen umzuschauen – bei allen Event-Agenturen. Nach drei Tagen kehrt Tony von seiner Rundreise durch 40 Agenturen zurück. Er sieht übernächtigt und mitgenommen aus, aber das ist noch nichts gegen den Aufruhr, der plötzlich vor dem Haus stattfindet: „Manche Agenturen akzeptieren kein Nein als Antwort“, entschuldigt sich Tony. Panzer beschießen Ü-Wagen, und Explosionen verwüsten das Haus. Die nervenschwache Margot zieht sich in ihren Schlummersessel zurück.
Die hastige Flucht durch den Keller führt Cliff und Tony nicht weit. Ein Gas lässt sich ohnmächtig werden. Als Cliff neben Margot erwacht, spricht ein Außerirdischer zu ihm, der sich als Prof. Burlington vorstellt, Spezialist für Traum-Reisen. Margot ist entzückt: Das hatte sie sich von Anfang an gewünscht. Dann spaziert ein distinguiert aussehender Schiffskapitän zur Tür herein, nur um zu verkünden, das sich Cliff und Margot endlich auf der gebuchten Ewigen Reise zu den Sternen befinden…
Mein Eindruck
Die Erzählung ist eine schwarzhumorige Satire auf den (anno 1962) neuen Luxus der Oberen Zehntausend, überall reisen zu können, wohin sie wollen. Sogar ein paar kleine Kriege und Kreuzzüge sind im Angebot, nur so zum Zeitvertreib – obwohl sich eine gewisse politische oder religiöse „Glaubensrichtung“ sowie ein Vorwand gut in der Publicity machen würden, wie der Reise-Agent anmerkt. Das ist eine grimmige Anspielung auf die fortwährenden Stellvertreterkriege, die die beiden Supermächte USA und UdSSR damals gegeneinander führten – auf dem Rücken ihrer Blockstaaten, versteht sich.
Dass Tonys Recherche am Schluss nach hinten losgeht und die beiden Urlaubsuchenden selbst von den Agenturen gekidnappt werden, dreht auf typisch Ballard’sche Weise den Spieß um.
7) Jack Vance: Die Wunderwerker (The Miracle Workers, 1958)
„Die Wundermacher“ gibt es in dieser langen Novelle (ca. 70 Seiten) eigentlich noch gar nicht. Vor langer Zeit landeten Sternenfahrer mit ihren wundersamen Fahrzeugen auf diesem fremden Planeten und verdrängten das Erste Volk, bis es sich im Wald verstecken musste. Das war vor 1600 Jahren. Nun üben die Unheilsbringer ihre höchst wissenschaftliche und rationale Tätigkeit mit Hilfe von Voodoo-Puppen und Dämonenbeschwörung aus. Sie verhelfen Lord Faide zum entscheidenden Sieg über die restlichen Festungslords.
Leider können sie gegen den Widerstand des Ersten Volkes überhaupt nichts ausrichten, wie der Oberste Unheilbringer gestehen muss: Das Erste Volk ist nicht menschlich und somit nicht für Dämonen etc. empfänglich, vielmehr benutzt es die Methoden der Wundermacher von anno dunnemals, um Lord Faides Burg zu umzingeln, seine Ritter zu töten und ihm mit einem hohen Wall plus Deckel die Luft abzuschneiden.
Kurz vor dem Erstickungstod aller Burginsassen gelingt es dem bislang als Nichtsnutz betrachteten Novizen Sam Salazar, den harten Schaum des Walls der Aliens mit Hilfe von Essig aufzulösen. Man schließt ein Abkommen zur friedlichen Koexistenz ab. Sam wird der erste der „Wundermacher“ – natürlich ein Wissenschaftler aufgrund seiner Methode – und nimmt sofort neue Anhänger in seine Gilde auf. Die alten Unheilsbringer aber haben ausgedient.
Mein Eindruck
Die Novelle macht großen Spaß beim Lesen, und zwar bis zur letzten Zeile. Hier trifft Wissenschaft (Erfahrung, Beobachtung, Schlussfolgerung) auf die vielfältigen Systeme von Glauben an Magie, Dämonen und dergleichen. Wem diese flott erzählte Novelle gefällt, sollte auch den Roman „Die fliegenden Zauberer“ von Larry Niven und David Gerrold lesen. Der ist genauso lustig.
Die Übersetzung
S. 7: Was sind “Sterechronien”? Google weiß es nicht (!).
S. 12: “Sedan“: Pkw-Typ, der hierzulande als „Limousine“ bezeichnet wird. Eine Eins-zu-eins-Übersetzung.
S. 23: “der zur planaren, sterechronischen Analyse fähige Integrator“: ein abschreckendes Beispiel für die verschwurbelte Ausdrucksweise des Autors. Sie soll wie Ingenieursjargon klingen, denn der Text wurde in „Astounding“ veröffentlicht, das später in „Analog“ umgetauft wurde und sich stets an Ingenieure wandte, mit Autoren wie Heinlein oder Asimov.
S. 60: “das brasilianische Doppel-X-Atomkraftwerk“: Hier geht es nicht um XX-Chromosomen, sondern um den Namen des AKW.
S. 63: “Hat sie Sie darin erinnert…“: Richtig wäre aber „daran“ statt „darin“.
S. 89: “mit zusammemgebissenen Zähnen”: Hier wurde ein N durch ein M ersetzt.
S. 95: “Schwarzamerikaner, als indigobraun eingestuft“: Indigo ist aber ein tiefes Blau, kein Braun.
Unterm Strich
Dieser Erzählband lohnt sich in erster Linie wegen der schönen, witzigen Novelle von Jack Vance. Hier geht die Science Fiction eine harmonische Beziehung mit der Fantasy ein. Auch Ballards ironische Satire lässt sich mit Vergnügen lesen, sofern man auf alles gefasst ist. Bryants- NEBULA-gekrönte Story über Riesenameisen besticht vor allem durch die Schilderung der menschlichen Beziehung des Forschers und der Reporterin, weniger durch die logische Darlegung der Notwendigkeit für Riesenameisen. Wer den Jack-Arnold-Antiatom-Horrorfilm „Formicula“ (1954) und den Charlton-Heston-Thriller „Marabunta“ (1954) kennt, ist im Vorteil.
Mittlere Qualität würde ich den Stories von Sydney van Scyoc, John Shirley und Lisa Tuttle bescheinigen. Scyoc befasst sich mit Rassismus, Tuttle mit Sexismus und Shirley mit Identitätswechsel. Das sind mal gut, mal weniger gut verarbeitete Themen von besonderer Schwere. Shirley sollte man zwei Mal lesen, um seine Story richtig zu verstehen. Wie schon gesagt, hatte ich mit der Novelle des Veteranen Charles Harness etliche Probleme und rate dazu, sie als letzten Beitrag zu lesen.
Taschenbuch: 191 Seiten
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN 3426057433
Knaur SF