
OMNI war ein Hochglanz-Magazin für phantastische Kurzgeschichten. Pro Monat wurden eine Million Exemplare verkauft, und die Publikation hatte eigene Rundfunk- und Fernsehprogramme. Eine Zeitlang war Ben Bova, selbst ein Autor (s.u.), der Herausgeber, und es gelang ihm, ausgezeichnetes Material zu erwerben. Von Autoren, die ersten Liga der US-amerikanischen SF gehörten:
– Robert Silverbergs Story „Heilige Mutter des Mesozoikums“ war 1980 für den HUGO Award nominiert;
– Orson Scott Cards Story „Sonate ohne Begleitung” war 1980 für den NEBULA Award nominiert.
Weitere sieben Geschichten stammen von bekannten Autoren wie Lloyd Biggle. Jr., Robert L. Forward, Normand Spinrad, Ron Goulart und anderen. Ungewöhnlich und bedauerlich ist das Fehlen einer Einleitung durch den Herausgeber. Die ist nämlich bei solchen Anthologien eine gute Gepflogenheit, noch dazu bei einem der bekanntesten SF-Magazine aller Zeiten.
Der Herausgeber
Ben Bova, Jahrgang 1932, gestorben 2020, war ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science Fiction-herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstand der „Foundation“-Zyklus und andere Future History-Zyklen.
Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Science Fiction ausgezeichnet, dem Hugo Gernsback Award. Von 1978-82 gab er das Technik & Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.
Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.
1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform. Folgende Bände sind bislang erschienen:
Mars (1992); Rückkehr zum Mars; Venus; Jupiter; Der Asteroidenkrieg (The Asteroid Wars 1: The Precipice); The Asteroid Wars 2: The Rock Rats; Saturn. Es fehlen noch Romane über die äußeren Planeten Neptun, Uranus und Pluto. Merkur, der innerste Planet, wurde bislang ebenfalls nicht berücksichtigt.
Von den OMNI-Anthologien hat der Goldmann-Verlag drei Ausgaben veröffentlicht.
Die Erzählungen
1) Orson Scott Card: Tausend Tode (A Thousand Deaths, 1978)
Jerry Crove ist ein Verfasser von Bühnenstücken, doch seit die kommunistischen Sowjets die USA übernommen haben, schlägt er sich als Hauslehrer durch. Im brasilianischen Exil wird er an einen sowjetischen Botschafter vermittelt, um dessen Kindern die englische Sprache beizubringen. Doch der Botschafter fällt einer Bombe zum Opfer, und nun muss sich Jerry in den USA dafür verantworten, den Botschafter nicht gewarnt zu haben. Einer muss eben der Dumme sein. Doch Jerry ist ein rebellischer Geist, und das gefällt weder seinem „Ankläger“ noch seinem Verteidiger.
Prompt hält Jerry vor dem Richter – es gibt keine Geschworenen oder anderen Schnickschnack – eine Rede, in der er nichts bereut. Das ist natürlich ein Fehler, und der Richter verurteilt ihn zum Tod durch eine geeignete Maßnahme. In der Hinrichtungskammer informiert ihn der Ankläger, dass von ihm, Jerry Crove, mehrere Klone angefertigt worden seien. Damit Jerrys Geist auf deren leere Gehirne überspielt werden könne, würden Jerry Gedanken und Gefühle per Elektroden, die in einem Helm stecken, aufgezeichnet.
Das Ergebnis von Jerrys erstem Tod durch Erhängen ist wenig zufriedenstellend. Denn eigentlich soll nun sein Klon vor den Richter treten und eine Rede halten, der zufolge er seine Tat bereue und das sowjetische System dankbar lobe. Die Zuschauer sind ebenso wenig überzeugt wie der Richter. Also muss Jerry erneut sterben, wird erneut übertragen, muss erneut bereuen – die Prozedur wird zehn Mal wiederholt, dann ist der Ankläger mit den Nerven am Ende. Die Staatskasse übrigens auch, denn diese Hinrichtungen und Klonierungen sind extrem teuer. Er ahnt nicht, dass Jerrys einzigartiger Geist seinen Klonen eine Botschaft übergibt, die sie zu Rebellen und schmerzunempfindlich macht.
Am Schluss wird der Prozess abgebrochen und der letzte Klon zusammen mit vielen anderen Sträflingen in ein Raumschiff gesteckt, das zu unbekannten Welten fliegt. Wenigstens dafür sind sie nutze…
Mein Eindruck
Der Autor verlegt einerseits die stalinistische Praxis der Schauprozesse auf – für amerikanische Leser – empörende Weise in das Gelobte Land der Demokratie. Der Effekt jedes Schauprozesses versagt vollständig. Zum anderen führt der Autor auch die Technologie des Clonings hinterlistig ad absurdum, weil die beabsichtigte Reue nicht erzeugt wird. Vielmehr erweist sich das Cloning für den Verurteilten als Ausweg aus dem tödlichen Teufelskreis, den der Ankläger für Jerry vorgesehen hat. Das läuft auf eine Machtprobe hinaus, und zum Erstaunen der Beteiligten ist es der Staat, der nachgeben muss. Wenn es dies eine Komödie wäre, dann bliebe einem das Lachen im Halse stecken.
Entscheidend ist, dass Jerry seine Identität und seine Mission bewahrt. Man könnte dies auch seine „Seele“ nennen, wenn man, wie der Autor, viel mit Religion zu tun hätte. Card wuchs unter Mormonen auf und schrieb Romane über die starken Frauengestalten der Bibel, so etwa Esther, Judith und Ruth. Der Stärke durch Gottvertrauen zeigt sich nun auch in Jerry, dem Bühnenautor.
2) Juleen Brantingham: Der Herr der Haie (Lobotomy Shoals, 1979)
In seinem U-Boot, dem „Muli“, mischt sich der Fischhüter Pete, der für die Atlantische Fischereigenossenschaft arbeitet, zwischen die Rudel von Hammerhaien. Die Haie treiben die Fischschwärme zu den Fischpferchen bei den Bahamas. Er kann mit Haien wie Tinkertoy durch einen Funkchip, die STIMME, kommunizieren. Der Chip ruiniert allerdings den Verstand eines Hais binnen ein bis zwei Jahren, dann ist dessen Gehirn ausgebrannt. Nun fragt sich der Fischhüter, warum er in letzter Zeit immer weniger Fischhüter sieht.
Heute steigt er aus dem Muli-U-Boot aus und begibt sich auf Tauchgang. Tinkertoy, den Hai, hat er ausgesandt, um nach Gefahrenquellen zu suchen. Da ist er wieder, doch er kommt aus dem Osten statt aus dem Nordwesten, und er blockiert die Rückkehr zum U-Boot. Da entdeckt Pete eine menschliche Gestalt, quasi aus dem Augenwinkel. Er schwimmt ihr neugierig entgegen. Seltsamerweise trägt die Gestalt kein Atemgerät. Unverdrossen folgt er ihrem Winken in unbekannte Tiefen…
Mein Eindruck
Der Autor zeigt eine Befehlspyramide, die sich als hinterlistig erweist. Pete glaubt, dass er den Haien wie etwa Tinkertoy befehlen kann, was sie zu tun haben, ohne selbst in Gefahr zu geraten. Das erweist sich als Irrtum, denn die Atlantische Fischereigenossenschaft hat ja auch in Pete einen Funkchip für die STIMME eingebaut. Dieser funktioniert in beide Richtungen: Pete & Hai sowie Pete & Zentrale.
Nun beginnt auch Petes Verstand ebenso wie der seiner Haie zu halluzinieren: Der Chip, der sein Gehirn ausbrennt, gibt Pete, dem Arbeiter der Genossenschaft, falsche Wahrnehmungen und Befehle, die sich als fatal erweisen dürften. Angenommen, die Genossenschaft kennt dieses Risiko, so betrachtet sie Pete und Treiber-Haie als entbehrlich. Das ist, gelinde gesagt, eine ziemlich kurzsichtige Strategie, was den Umgang mit Ressourcen anbelangt. Die Fische jedoch dürften sich freuen.
3) Lloyd Biggle, Jr.: Sterbehilfe (The Weariest River, 1978)
Die nicht allzu ferne Zukunft hat ein ganz anders funktionierendes Gesundheitssystem etabliert. Weil die Mittel an allen Ecken und Enden gekürzt worden sind, konzentriert sich die Arbeit der „Krankenhäuer“ auf zwei Services: Sterbehilfe und Emotionstherapie. Das heißt, die Lebenden werden von krankhaften Emotionen kuriert, indem man sie den Todesqualen der Sterbenden aussetzt, quasi als Abstumpfung und Betäubung. Was nur die wenigsten ahnen: Diese Agonien werden aufgenommen und dienen der abgestumpften Öffentlichkeit zur Unterhaltung, gegen saftige Gebühren, versteht sich. Denn für Entertainment wird immer gezahlt.
Die Sterbenden im Endstadium befinden sich für begrenzte Zeit sogenannten „Särgen“, also automatisierten Lebenserhaltungssystemen. Connager, er neue Leiter des Sicherheitsdienstes, beobachtet rätselhafte Vorgänge, so etwa das Verschwinden von tödlichen Spritzen eines Barbiturats und anderer Dinge. In der Klinik geht seitdem die Angst um, aber nicht nur wegen der Spritzen: Demonstranten haben sich vor dem Haupteingang eingefunden und skandieren Protestparolen. Wollen sie die Klinik stürmen?
Im Gegensatz zum Direktor ist Connager kein bisschen nervös, ja, er redet sogar mit ihnen – und plant heimlich eine Aktion zu nächtlicher Stunde. Am nächsten Morgen sind 150 „Patienten“ tot, gestorben an einer Überdosis jenes Barbiturats, das verschwunden war. Der Direktor ist angemessen erschüttert und gibt sogar zu, dass Connagers Empfehlungen vielleicht doch unter Umständen umgesetzt werden könnten.
Bevor er nach drei schlaflosen Tagen Dienstes zu Bett geht, begibt sich Connager heimlich zu einem ganz bestimmten „Sarg“. Wenn seine liebe Großmutter das noch hätte erleben können – jetzt werden sich hoffentlich ein paar Dinge in der Gesellschaft ändern. Am Einsatz der Enkel soll es jedenfalls nicht scheitern…
Mein Eindruck
Die Story ist aufgebaut wie eine Kriminalerzählung. Es gibt einige Rätsel zu lösen, eine nächtliche Aktion erzeugt eine Reihe von Leichen, und der Sicherheitschef erweist sich als Aktivist. Fragt sich also, worin das Verbrechen besteht, das er zu sühnen gedenkt. Es muss sich um die unwürdige Behandlung der Sterbenden handeln. Man höre auf die Argumente und Parolen der Demonstranten, denn sie haben in jedem Punkt recht. Sie klingen wie Wortführer aus unseren Tagen.
Kurz gesagt, ist das neue Krankenhaussystem zu einer Perversion geworden und gehört abgeschafft: Sterben als Unterhaltung? Der britische Autor wettert gegen diese Vorstellung mit ätzendem Sarkasmus. Und wenn man sich den Zustand des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS in seiner Heimat Großbritannien anschaut, hat er wahrscheinlich sogar recht.
4) Robert L. Forward: Der singende Diamant (The Singing Diamond, 1979)
Die junge Asteroidenschürferin Red Vengeance stößt eines Tages auf einen merkwürdig singenden Felsbrocken. Sie kann sich dieses Singen nicht erklären, aber ihr Bordcomputer sagt, es kehre alle 92 Minuten wieder. Die Frequenzen der wilden Stimmen dringen genau durch den Millionen Tonnen schweren Asteroiden durch. Daher wartet Red in ihrem Raumanzug an der Stelle, wo sie durchkommen sollen. Es ist ein Schwarm winzig kleiner Sternpünktchen – und sie perforieren mühelos ihre linken Stiefel. Der Schmerz ist kaum auszuhalten. Sobald sie wieder zurück im Schiff und medizinisch versorgt ist, ruft sie um Hilfe.
Sie holt allerdings keine Ärzte herbei, sondern Wissenschaftler, die sich mit exotischen Himmelskörpern auskennen sollten. Denen gelingt es auch nicht, anhand ihrer Instrumente die Sternpünktchen zu klassifizieren, aber ein zweites Institut ist in der Lage, die Sternpünktchen einzufangen, aus dem Asteroiden zu isolieren und in einen Zoo auf der Erde zu transportieren. Red bekommt ein Vermögen für das Nickeleisen in dem Felsbrocken, doch die Stimmen der Sternpünktchen hört sie immer noch sehr gern.
Mein Eindruck
Der Autor ist bekannt als Experte für exotische Astrophysik, so etwa Neutronensterne wie in „Das Drachenei“ (1980), oder auch Schwarze Löcher. Die Sternpünktchen in seiner Story sind zu groß für Neutrinos und andere Atomteilchen, aber zu klein für Sternmassen. Was also können sie sein, fragt sich die Heldin in dieser Geschichte.
Zunächst wunderte ich mich, wie altmodisch hier erzählt wird, so als wären die 1940er Jahre nie zu Ende gegangen. Aber hier fehlen zwei wichtige Zutaten: Zwei Kumpels, die miteinander streiten können, und ein Mädchen, um das sie kämpfen können. Es bleibt nur ein Mädchen übrig, das sich allein durchschlägt, was allein schon ungewöhnlich und riskant ist. Der Autor sparte sich offenbar eine romantische Liebesgeschichte, wasd den Weg frei macht für die romantische Anwandlung, die Red Vengeance – toller Name – beim Hören der Sternstimmen im Diamant überkommt.
5) Hugh Downs: Die längste Geschichte, die je erzählt wurde (The Longest Story Ever Told, 1980)
Royce Millison, 1908 geboren, ist ein Mann mit Ordnungssinn: Er verlangt eine Einäscherung und Bestattung in einer angemessenen Urne, denn er wolle „keinen unnötigen Platz wegnehmen“. 1991 äußert er diesen Wunsch erneut, doch dann kommt ein medizinischer Durchbruch, der sein Leben erheblich verlängert. Als er 121 ist, äußert er seinen Wunsch erneut, der erneut ignoriert wird. Mit 122 beißt er allerdings ins Gras, als sein Motorrad im Graben landet. Die Einäscherung und Beisetzung finden wunschgemäß statt. Vorerst.
Fünf Mrd. Jahre später bläht sich die Sonne zu einem Roten Riesen auf und äschert nicht nur Millisons Urne ein, sondern die restliche Erde gleich mit. Seine Aschentemperatur steigt auf rekordverdächtige 100 Mio. Grad Kelvin, aber auch dies nicht von Dauer, denn auch das Universum kennt seinen ordnungsgemäßen Ablauf: Pünktlich nach 62 Mrd. Jahren stürzt die ganze Konstruktion in der Großen Implosion – dem Big Crunch – in sich zusammen. Millisons Asche erreicht diesmal 1 Billion Grad Kelvin. Vorerst.
Nach angemessener Zeit erfolgt der Big Bang und nach ein paar Milliarden Jahren der Evolution ersteht Royce Millisons erneut. Mit einer unerklärlichen Aversion gegen Motorräder…
Mein Eindruck
Dies ist also die Ordnung des Universums, ein ewiger Kreislauf. Und wie bei Newton selig folgen alle Bestandteile wie Zahnrädchen ihrem vorbestimmten Kurs, darunter auch die Atome von Millison selig. Für den in Astrophysik weniger beschlagenen Leser sei vermerkt, dass die hier gezeichnete Ordnung des Universums völlig veraltet ist. Fast täglich machen die Sternengucker auf sämtlichen elektromagnetischen Frequenzen neue Entdeckungen, die wiederum neue Theorien erfordern oder zumindest die Revision der alten.
Inzwischen wäre dieses Universum Newton ein Graus, denn es harrt immer noch der großen Einheitlichen Feldtheorie. Die wollte Einstein eigentlich aufstellen, ist ihm aber nicht gelungen. Immer noch stehen sich der alte Newton, Einstein und Max Planck (mit seiner vermaledeiten Quantentheorie) in einem unversöhnlichen Duell gegenüber.
6) Norman Spinrad. Beste Sendezeit (Prime Time, 1980)
Edna und John Rogers haben in 200 Jahre Zeit im Totalen TV-Himmel investiert. Die Erfahrungen, die ihre verstorbenen Bewusstseine im Tank mit der amniotischen Flüssigkeit erleben, sind entweder individuell oder gemeinschaftlich. Die individuellen Erlebnisse, die sie individuell abrufen und kombinieren, unterscheiden sich so stark, dass Edna, die erzkonservative Mutter zweier Kinder, nichts von dem wissen will, was sich John da reinzieht: Heldenromanzen, Pornos und was nicht alles. ABSCHEULICH. Sie bevorzugt historische Romanzen und vor allem Schnulzen. Sie als Elisabeth I. zusammen mit dem jungen Walter Raleigh, und er verbeugt sich vor ihr – wow, da überläuft sie ein wohliger Schauer.
Aber leider sind immer wieder mal gemeinschaftliche Zusammenschaltungen in der VR-Realität nötig, denn schließlich sind sie ja ein Ehepaar und eine Familie. Diese alten Bänder weisen schon Schneegestöber auf, so abgenutzt sind sie vom Abspielen in irgendeinem Rekorder. Sie liebt die Szenen zum Erntedankfest über alles: Harmonie rundum.
Doch jetzt schreit John die ganze Zeit. Was mag ihm bloß über die Leber gelaufen sein, fragt sie sich und versucht angestrengt ihm zuzuhören. Was will er ihr bloß sagen?
Mein Eindruck
Der gute alte John – er hat sich wirklich jede pornografische und heroische Phantasie reingezogen, die es auf den etwa hundert Kanälen gibt. Er hat die absurdesten Kombinationen durchgespielt. Und jetzt ist er am Ende, vollständig satt, nein, übersättigt. Nun wird ihm schlagartig bewusst, dass er im Grunde tot ist und sich dies nicht mehr rückgängig machen lässt. Der Horror packt, das Grauen vor dem Ende des Vergnügens und dem absoluten Nichts, das ihn erfüllen könnte…
7) Robert Silverberg: Heilige Mutter des Mesozoikums (Our Lady of the Sauropods, 1980)
In der fernen Zukunft haben die Menschen hunderte von künstlichen Habitaten als riesige Zylinder an den L5-Lagrange-Punkten im Sonnensystem errichtet. Jeder Zylinder ist eine komplexe Welt, die sich um sich selbst droht, um auf diese Weise irdische Schwerkraft zu erzeugen. Die Biologen haben einen ganz bestimmten Zylinder ganz für sich und Anne macht sich heute auf den Weg, um die Insel der Dinosaurier zu erkunden.
Mehrere Arten von Dinos sind durch den unerklärten Olsen-Prozess wieder zum Leben erweckt worden, aber sie müssen zusammengedrängt auf einer Insel leben, die nur anderthalb Kilometer Durchmesser aufweist. Dementsprechend überlaufen ist das Territorium. Drei große Sauropodenarten wie etwa ein Diplodocus müssen sich der Fleischfresser erwehren, und kleine Arten bringen sich schnell in Sicherheit.
Unglücklicherweise explodiert Annes Raumkapsel kurz vor der Landung, so dass sie außer ihrer Kleidung nur ihren Rekorder retten kann. Auf diesen spricht sie ihre Eindrücke und ungewöhnlichen Erlebnisse. Ihre ersten Herausforderungen sind die Regenfälle, die viermal täglich ausgelöst werden, der Mangel an Nahrung und die Bedrohung durch die Fleischfresser. Sie gewöhnt sich an alles, entledigt sich ihrer zerfallenden Kleidung und steigt auf Saurierkost um. Dass sie von einem abbrechenden Baumast stürzen könnte, damit hat sie jedoch nicht gerechnet.
Niedergeschlagen und verletzt kriecht sie in eine Höhle. Dass sie dort Nahrung zugesteckt bekommt, hat sie nicht erwartet. Wer bringt ihr diese leckeren Sauriereier, fragt sie sich verwundert, erkennt aber bald, dass es sich wohl um die kleinere Saurierart handeln muss. Sie beginnt zu träumen, und der Traum handelt immer wieder von der Kommunikation mit einem bestimmten Saurier. Sie ist ein Brachiosaurus, der mit allen in Verbindung zu stehen scheint. Zum ersten Mal fragt sich Anne, was sie von ihr wollen könnten.
Wenig später ist es ihr klar: Sie ist genau das, was sie brauchen, ihre heilige Priesterin – und ihre Befreierin. Sie wird geliebt und beginnt ihre Liebe zu erwidern. Als der Chef ihrer ursprünglichen L5-Kolonie, ein gieriger Typ namens Sarber, nach 30 Tagen wie geplant landet, wird er von einem ungewöhnlichen Empfangskomitee erwartet. Da ist eine splitternackte Biologin, da sind viele Saurier um sie herum. Und da ist ein Tyrannosaurus Rex, der sein Maul weit aufreißt…
Mein Eindruck
Anne ist der klassische Fall einer Überläuferin. Aber sie hat auch allen Grund dazu. Sarber, der Koloniedirektor, wollte aus dem Saurier-Biotop Kapital schlagen und daraus einen Themenpark machen. Das wäre der Zerstörung des Biotops und seiner Bewohner gleichgekommen, also protestierte Anne mehrmals dagegen. Das verärgerte Sarber derart, dass er möglicherweise ihre Fähre so manipulierte, dass sie abstürzen musste. Die Ergebnisse bekommt er nun präsentiert: Sie hat sich durch Empathie mit den Sauriern zusammengetan und schickt sich an, ihnen neuen Lebensraum zu erobern.
Als Paläobiologin kennt sich Anne mit der Evolution der Dinos aus. Über 200 Millionen Jahre lang beherrschten sie die Erde, bis der Einschlag eines Asteroiden eine Klimakatastrophe auslöste, die sie umbrachte. Mithin, so Annes unbestechliche Logik, schafften es die Dinos, in zahlreichen Lebensräumen wesentlich länger zu überleben als die menschliche Spezies, die vielleicht ein bis zwei Millionen Jahre lang existiert.
Bislang war Anne der Meinung, dass Dinos doofe, unterbelichtete Rieseneidechsen – aber keinesfalls Reptilien – wären, aber nun erfährt sie von ihrer Intelligenz und Empathie, und zwar am eigenen Leib. Anne ist die Schiedsrichterin über Wohl und Wehe der zwei Spezies, und ihr Urteil ist angesichts von Sarber eindeutig: Sie gibt der Sauriern den Vorzug und führt ihre Invasion der Menschenwelten an, als wäre sie Johanna von Orleans.
Der Autor überhöht die Rolle seiner Hauptfigur zu einer Madonna, einer Priesterin und einer Jeanne d‘Arc. Das fand ich ziemlich gewöhnungsbedürftig. Aber es ist nicht abzustreiten, dass er die Fachkenntnisse, die er sich jahrelang als Sachbuchautor angeeignet hatte, in dieser Story vorteilhaft zur Geltung brachte. So wirkt Annes Sinneswandel sowohl plausibel als auch überzeugend.
Diese feine Story errang 1981 den zweiten Platz bei den HUGO Awards, gleich hinter Clifford Simaks Story „Die Grotte des tanzenden Wildes“ (deutsch in der gleichnamigen Anthologie von Werner Fuchs). Sie erschien ursprünglich in Martin Greenbergs Mammut-Anthologie über „Dinosaurs“, die auch bei uns erschien, allerdings ohne die Silverberg-Story.
8) Ron Goulart: Der Medienkiller (Invisible Stripes, 1978)
Andy Stokes hat es nicht leicht in der schönen neuen Welt. Die Luft ist giftig, die Sonne brennt hernieder, und die Städte haben sich mit Mauern umgeben. Insbesondere Groß-Los-Angeles (GLA) und seine Vorstadt Pasadena (PGLA) sind Andy eine Plage. Als er sich bei einem Talentscout oder Agenten vorstellt, der diese Geschichte erzählt, hat er alle Mühe, seine Präsenz zu wahren und seine Vorzüge anzupreisen, geschweige denn einen Deal abzuschließen.
Der Grund ist einfach, aber auch spannend. Er ist ein impulsiver TV-Sendungsnachahmer. Früher ahmte er einmal Jack the Ripper nach und erdrosselte Menschen, was nicht so gut ankam. Aber ein Gericht mit sowohl menschlichen als robotischen Richtern sprach ihn frei. Das ficht aber Lt. Denzlo, den Polizeichef von GLA nicht an, er verfolgt Andy in der Annahme, er sei der „Medienkiller“, der in letzter Zeit von sich reden macht. Mit einem eingepflanzten Teleportationschip kann er Andy jederzeit und überall zu sich ins Polizeihauptquartier versetzen lassen.
Aber wie Andy unserem Chronisten glaubhaft versichert, will Denzlo Andy lediglich als seinen Rivalen ausschalten, weil es um die Eroberung der schönen und mutigen Sensationsdarstellerin Dynamit Dunn geht. Und schließlich geht Andy seinem Rivalen in die raffiniert gestellt Falle: Per Teleportation wird er an einen frischen Tatort versetzt, ausgerechnet in einen Laden, der Fernseher verkauft, und auf allen läuft eine Sendung für Marathonläufer. Impulsiv beginnt Andy zu laufen, doch da tauchen die Cops auf. Sie haben alles, was sie brauchen: einen Tatort, eine Leiche und einen mutmaßlichen Täter auf der Flicht…
Mein Eindruck
Ron Goulart ist ein zu Unrecht in Vergessenheit geratener Humorist, der sich jahrelang in Kalifornien, seiner Heimat, als Texthure verdingen musste. Daher kannte er das Medienbusiness aus dem Effeff und er wusste es mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, so etwa auch hier. Seine subversive Story kombiniert Umweltschützergedanken mit Polizei- und Medienkritik. Sie ist flott inszeniert und wenn auch die Love Story etwas (gewollt) klischeehaft geraten ist, so zeigt der Autor doch, was passiert, wenn die Cops freie Hand haben und die Bots verrücktspielen. Fast jede Dialogzeile ist abgebrochen, so dass der Eindruck entsteht, als würden sich die Figuren nie einander zuhören. Keine Wunder, dass Andy keine Chance hat.
9) Orson Scott Card: Sonate ohne Begleitung (Unaccompanied Sonata, 1979)
Christian Haroldson wächst im perfekten Staat auf. Schon im zarten Alter von sechs Monaten stellen die Ärzte an ihm ein musikalisches Hörvermögen fest, und mit zwei Jahren ist er soweit, dass er in einer Hütte im Wald sich selbst überlassen werden kann: Das Wunderkind soll mit seinem Allround-Instrument die Geräusche der Natur zum Anlass nehmen, eigene Stücke zu komponieren. Er ist ein Macher, während alle anderen entweder Wächter oder Untergebene sind. Er ist also privilegiert – unter einer Bedingung: Er darf sich nicht von anderen Machern beeinflussen lassen.
Genau das passiert. Als er von einem hartnäckigen Zuhörer wider besseres Wissen eine Aufnahme von einem Typen namens Bach bekommt, hört er nur noch diese. Fortan meiden seine eigenen Kompositionen Choräle und Fugen – und das wird bemerkt. Die Strafe ist hart: Er geht aller Privilegien verlustig und wird LKW-Fahrer für eine Bäckerei. Doch es dauert nur wenige Monate, bis er in Joes Grillbar an einem alten, verstimmten Klavier zu hören ist. Seine Anhängerschaft findet seine Lieder schräg, aber traurig und irgendwie schön. Als dem Wächter dies zu Ohren kommt, verliert Christian seine Finger.
An der nächsten Station seines Leidenswegs komponiert er Lieder, die er in einem Trupp Straßenarbeiter erfindet und die sich in Windeseile über das ganze Land verbreiten. Als dies sein Wächter zu hören bekommt, fällt die Strafe aber ganz anders aus, als Chris erwartet hat…
Mein Eindruck
Der Autor kam auf die Idee zu dieser schönen Erzählung, als er sich fragte, was er täte, wenn man von ihm verlangen würde, das Schreiben aufzugeben. Sein Alter Ego Christian durchläuft eine Leidensgeschichte, doch er gibt seine einzigartige Gabe nicht auf und verändert so seine Mitmenschen.
Die denken zwar, sie seien glücklich, wie der Staat es verlangt, doch merken sie auch, dass die Traurigkeit von Christians Lieder ebenso glücklich machen kann. Seltsame Sache, finden die Wächter, das muss aufhören. Das Ende vom Lied: Sie machen Christian zu einem der Ihren. Ob das wohl ein kluger Schachzug war?
Die Übersetzung
S. 35: „Aber des Zittern ist das Ende.“ Es sollte korrekt „das Zittern“ heißen.
S. 67: „mit meiner Instandkamera“: Da lachen ja die Hühner! Diese setzt nichts instand, und einen „instant“, also Moment, hält sie bestimmt auch nicht fest.
S. 69: „die wir mit Leichtigkeit druchdringen…“: Ein lustiger Buchstabendreher.
S. 99: „Statt „Zikakeen“ sollte es „Zikadeen“ heißen, so wie im Rest des Textes.
Unterm Strich
Insgesamt ist das ein sehr guter Auftaktband und jedem SF-Fan zu empfehlen. Keine der hier versammelten Stories ist schlecht, aber mussten es denn gleich zwei Geschichten von Orson Scott Card sein? Das sieht doch ziemlich nach Vetternschaft aus, selbst wenn man weiß, dass Card von Bova protegiert und gefördert wurde (was ja sehr geholfen hat, denn Card schrieb bald danach gute Romane und ganze SF-Serien, wie etwa die um das ENDER-Universum).
Den meisten Stories würde ich wegen ihres Ideenreichtums oder auch ihres Humors (Goulart) vier von fünf Sternen geben, vor allem wegen der zwei medienkritischen Beiträge von N. Spinrad und Ron Goulart. Die Ausnahme: der Beitrag Robert Silverbergs. Dieser verdient die volle Punktzahl. Die Gründe habe ich oben angeführt. Silverberg stieg um diese Zeit von 1980/81 in die Großproduktion ein: die Majipoor-Chroniken erschienen als dicke Wälzer, quasi das XXL-Breitwandformat im Vergleich zur Sauropoden-Story.
Für die Druckfehler gibt es Punktabzug.
Taschenbuch: 156 Seiten.
O-Titel: Best of OMNI I + II, 1978/79.
Aus dem Englischen von Tony Westermayr,.
ISBN-13: 9783442234219
Der Autor vergibt: 



