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Buchwurm, seit ich lesen kann :-)

Fleischhauer, Wolfram – gestohlene Abend, Der (Hörbuch)

_Freischwimmen_

Schwimmen war immer seine Leidenschaft – bis er erst den Sex und dann die Zigaretten entdeckte. Doch ganz aufgegeben hat Matthias, Literaturwissenschaftler aus Berlin, sein sportliches Hobby nicht. Und so zieht er auch in Kalifornien seine Bahnen, kurz nachdem er dort sein Auslandsstudium an der renommierten Hillcrest-Universität aufgenommen hat. Im Hallenbad macht er die Bekanntschaft mit der hübschen Janine, die ihn vom ersten Blick an fasziniert.

An der Universität werden Matthias anfangs viele Steine in den Weg gelegt. Die fortgeschrittenen Kurse darf er nicht belegen, und insbesondere das ausgesprochen angesehene Institut INAT ist ihm verschlossen, und damit auch die Kurse bei der bekannten Literaturwissenschaftlerin Marian Candall-Carruthers. Sie ist die Expertin, wenn es um den Literaturtheoretiker Jacques De Vander geht. Stattdessen muss Matthias Einsteigerkurse belegen, unter anderem in Filmwissenschaften, was ihn gar nicht interessiert.

Umso mehr interessiert ihn Janine, die ebenfalls den Filmkurs belegt hat. Nur leider ist Janine bereits vergeben – an Candall-Carruthers‘ Musterdoktoranden David. Doch der benimmt sich in letzter Zeit immer merkwürdiger. Bei einem gut besuchten Vortrag stellt er seine Professorin bloß und sorgt für einen Eklat. Als Janine eine Affäre mit Matthias beginnt und ihren Freund schließlich für den deutschen Studenten verlässt, scheint Davids Leben völlig zu zerbrechen. Er zieht sich von allen zurück und sucht merkwürdigerweise ausgerechnet die Nähe seines Kontrahenten. So will er Matthias in die Theorien des „Literaturpapstes“ De Vander einweihen, doch Matthias versteht erst zu spät, was David ihm eigentlich mitteilen wollte. Dann bricht im De-Vander-Archiv ein Feuer aus und beschwört ein großes Unglück herauf, das Matthias‘ und Janines Leben für immer verändern wird …

_Studieren bildet?_

Wir begegnen Matthias, an der Uni von den meisten Matthew genannt, als er im Schwimmbad seine Bahnen dreht und uns erzählt, was das Schwimmen für ihn bedeutet. Von der ersten Szene an steht der Musterstudent Matthias, der beim [TOEFL]http://de.wikipedia.org/wiki/TOEFL die maximale Punktzahl erreicht hat, im Mittelpunkt des Geschehens. Matthias hat in Berlin studiert und nun ein Stipendium für einen Studienaufenthalt an der Hillcrest -Universität ergattern können. Am meisten interessiert er sich für die De-Vander-Studien und das INAT, doch ausgerechnet diese Studien und dieses Institut bleiben ihm – zunächst – verschlossen.

Und so stürzt er sich vorerst in andere Kurse und vor allem ins Studentenleben. Schnell lebt er sich ein und findet neue Freunde, doch nur die immer enger werdende Bekanntschaft mit Janine bedeutet ihm wirklich etwas. Eines Tages landen die beiden im Bett, und eigentlich müsste man mindestens einen von ihnen dafür verachten, weil sie bewusst David hintergehen, doch da man David nur am Rande kennen lernt, und das meist auch nur über die Gedanken und Gespräche von Matthias und Janine, freut man sich vielmehr über das Glück der zwei.

Natürlich geht es bei Wolfram Fleischhauer nicht wie eitel Sonnenschein zu, denn David ist einem unglaublichen Geheimnis auf der Spur. Ausgerechnet Matthias vertraut er sich an, doch der erkennt zunächst gar nicht, was direkt vor seinen Augen liegt. Erst als es zu spät ist und das Leben mindestens dreier Menschen in Scherben liegt, vertieft er sich in die Nachforschungen, die David vor ihm bereits begonnen hat.

Der Zuhörer folgt Matthias auf diesen Nachforschungen und entdeckt mit ihm zusammen ein Geheimnis, das sich gewaschen hat. Die Suche an sich birgt kaum Spannung, doch die Geschichte trägt wegen Fleischhauers starker Protagonisten. Matthias und Janine, aber auch der geheimnisvolle David und die bekannte Marian Candall-Carruthers faszinieren von Beginn an und halten den Zuhörer daher gefangen. Alle auftauchenden Figuren – außer vielleicht Matthias – haben etwas zu verbergen. Jeder Charakter besitzt seine Ecken und Kanten, seine ganz besonderen Eigenarten, aber auch genügend liebenswerte Züge.

_In die Geschichte eintauchen_

Wieder einmal begibt Wolfram Fleischhauer sich auf Spurensuche in der Vergangenheit. Nach Matthias‘ Ankunft in Hillcrest dauert es nicht lange, bis er die erste Professorin trifft, an deren Unterarm er die Zahlen einer KZ-Kennung aus dem Zweiten Weltkrieg erkennt. Schon hier macht uns Fleischhauer darauf aufmerksam, in welche Richtung sich seine Geschichte drehen wird. Bis dieser Handlungsstrang allerdings an die Oberfläche vordringt und die Liebelei zwischen Matthias und Janine an die Seite drängt, dauert es eine ganze Weile.

Nach und nach erhält dieser Handlungsstrang aber mehr Gewicht, auch wenn er sich zunächst in Davids merkwürdigem Verhalten und seinen mysteriösen Nachforschungen versteckt. Doch unweigerlich bewegt sich alles auf die düstere Vergangenheit eines angesehenen Literaturforschers zu.

Auf dem Weg zur Auflösung lässt Wolfram Fleischhauer seine Protagonisten so manche Diskussion über Literatur, Verantwortung, Schuld und das Verhalten De Vanders und seiner Nachfolger führen. Gerade in Hörbuchform können diese Ausführungen etwas anstrengen, da man den Gedankengängen als „Literaturwissenschaftslaie“ nicht unbedingt immer folgen kann. Doch es lohnt sich, bei der Stange zu bleiben und Matthias bis zu seiner sensationellen Entdeckung zu begleiten. Einen Krimi würde ich die Geschichte nicht nennen, aber doch ein Drama, und zwar ein spannendes.

_Matthias‘ Gedanken lauschen_

Vorgetragen wird das Hörbuch souverän von Alexander Weise, der aus Matthias‘ Sicht die Geschichte erzählt. Weises ruhige Stimme lullt uns regelrecht ein und versetzt uns gekonnt in Matthias‘ Gedankenwelt. Weise, der selbst erst Mitte 30 ist, kommt Matthias‘ wahrem Alter zumindest annähernd nah, doch wirkte seine Stimme auf mich älter als die eines Studenten. In Anbetracht der Tatsache, dass Matthias allerdings im Laufe der Geschichte sehr an Reife gewinnt, erwachsener wird und die Welt besser versteht, passt Alexander Weises Stimme dann doch hervorragend zu ihm. Auf weitere Soundeffekte müssen wir verzichten, doch wären sie hier auch fehl am Platze gewesen. In diesem Fall muss die Geschichte für sich wirken, und das tut sie auch.

Insgesamt hat mir das Hörbuch sehr gut gefallen, die Charaktere faszinierten mich von Anfang an – Fleischhauer zeichnet hier wieder hervorragende Figuren, mit denen man einfach mitfühlen muss – und auch die Story überzeugte mich. Einzig die teils länglichen Diskussionen zum Ende der Geschichte hin strengen mitunter etwas an. Dieses Mini-Manko macht Fleischhauer aber spätestens durch sein vollkommenes Ende wett, das mich zwar traurig – weil ich die Figuren wieder verlassen musste -, aber doch auch zufrieden zurückließ!

|357 Minuten auf 5 CDs
Sprecher: Alexander Weise
ISBN-13: 978-3-88698-937-9|
http://www.sprechendebuecher.de
http://www.wolfram-fleischhauer.de

Meyer, Stephenie – Bis(s) zum Morgengrauen (Bella und Edward 1)

Kaum ein Fantasiewesen fasziniert die Literaturszene so sehr wie ein Vampir – ein Untoter, der sich vom Blut seiner Mitmenschen ernährt, unsterblich ist und oftmals keine Sonne verträgt. Viele Mysterien ranken sich um Vampire – sei es die Frage, ob sie nun in der Sonne sofort verbrennen, des Nachts in Särgen schlafen oder das Blut von Menschen oder Tieren trinken. Jeder Autor greift dabei auf das Grundmuster des Vampirs zurück, den Blutsauger, gönnt seinem Wesen dann aber doch eigene Facetten. In Stephenie Meyers |Twilight|-Saga lebt die Familie Cullen, allesamt Untote, mitten unter den Menschen. Die Cullens sind alle uralt, wollen sich aber unbedingt in die Gemeinschaft integrieren, damit beispielsweise Familienvater Carlisle weiterhin als Arzt praktizieren kann.

Davon ahnt Bella nichts, als sie beschließt, ihre Mutter zu verlassen und zu ihrem Vater ins verschlafene Forks zu ziehen. Für sie bedeutet der Umzug einen Neuanfang, vor dem sie viel Angst hat, der dann aber offensichtlich gelingt. In der neuen Schule findet sie sofort neue Freunde, und zu ihrem Erstaunen muss Bella feststellen, dass ihr in Forks die Jungs reihenweise hinterherlaufen. Nur der Sportunterricht ist weiterhin eine Qual. Am meisten fasziniert sie allerdings der gutaussehende Edward mit seiner blassen Haut, der im Biologieunterricht ausgerechnet neben ihr sitzt. Doch Edward ignoriert Bella vom ersten Moment an und rückt auf seinem Stuhl so weit ab, wie er nur kann. Bella ist verletzt und enttäuscht, da sie sich längst in Edward verliebt hat.

Bei Glatteis rettet Edward Bella schließlich das Leben, indem er sie todesmutig vor einem anrollenden Auto wegzieht. Trotz der Schmerzen und des Schocks wundert sich Bella darüber, dass Edward so schnell an ihrer Seite war und offensichtlich allein mit seiner Körperkraft das Auto aufhalten konnte. Durch Zufall erfährt sie, dass das Gerücht umgeht, die Cullens seien Vampire. Plötzlich ergibt alles einen Sinn – Edwards Ablehnung, seine blasse Haut, sein Fehlen in der Schule bei grellem Sonnenschein und seine übermenschlichen Reflexe.

Die Geschichte nimmt ihren gewohnten Lauf: Bella und Edward finden zueinander, trotz des Hindernisses, dass er ein Vampir ist, der sich nichts sehnlicher wünscht als Bellas Blut …

_Liebe auf den ersten Biss_

Stephenie Meyer versucht mit ihrer Twilight-Saga eine Mischung aus Vampir-, Teenie- und Liebesgeschichte – eine gewagte Mischung, die sicherlich viele Vampirfans vor den Kopf stopfen dürfte. Hier zeigen die Vampire nur ganz selten ihre gefährlichen Zähne, ganz im Gegenteil, sie leben völlig zivilisiert in einer heilen Familie voller schöner Menschen in einer Kleinstadt. Nur einen Auftritt böser Vampire gibt es schließlich zum Ende des Buches hin, und das dürfte auch die einzige Passage sein, in der Stephenie Meyer Spannung aufbaut. Klingt fade? Ist es aber nicht.

Wer zu diesem Buch greift, weil er eine gute Vampirgeschichte lesen will, wird mit ziemlicher Sicherheit enttäuscht sein, denn das Vampirsein steht völlig im Hintergrund, vordergründig geht es einzig und alleine um Edward und Bella, die im Teenageralter zueinander finden, obwohl doch einiges zwischen ihnen steht. Stephenie Meyer verwendet viel Zeit darauf, diese beiden Hauptfiguren vorzustellen, die immerhin auch für eine vierbändige Reihe tragen müssen. Bella ist das hübsche Mädchen, das an seiner alten Schule keine echten Freunde finden konnte und für das der Sportunterricht ein Horror ist. Denn schon beim normalen Gehen hat Bella extreme Probleme mit der Koordination (wieso dem so ist, enthält uns die Autorin leider vor). Sie scheint ein echter Tollpatsch zu sein, was allerdings nicht so ganz zu dem Bild passt, das Edward sich von ihr macht. Ganz anders dagegen der übermenschlich schöne, starke und sensible Edward, der seine vampirische Natur unterdrückt, um seiner Liebsten nah sein zu können. Er ist gebildet, zivilisiert und schön – das sei hier mehrfach betont. Die beiden könnten eigentlich kaum unterschiedlicher sein, dennoch ist es Bellas duftendes Blut, das die beiden zueinander finden lässt, denn in diesen Duft hat Edward sich auf den ersten Riecher verliebt. Seit er 1918 zum Vampir wurde, ist er auf der Suche nach der Liebe, doch bis zur Gegenwart und bis zu Bella musste er sich gedulden.

Die Geschichte, die Stephenie Meyer zeichnet, ist zugegebenermaßen ausgesprochen kitschig und dürfte fast ausschließlich weibliches Publikum ansprechen, aber warum muss das gleich ein Nachteil sein? Meyer widmet sich einer klar umrissenen Zielgruppe, und das finde ich auch völlig legitim, denn diese Zielgruppe bedient Stephenie Meyer ausgesprochen gut.

Der erste Band der |Twilight|-Saga lässt sich ratzfatz durchschmökern und unterhält dabei ausgesprochen gut. Meyers Schreibe ist manchmal etwas redundant (insbesondere in der Figurenzeichnung), aber auch recht einfach. Selbst auf Englisch lässt sich das Buch problemlos und ohne Verständnisschwierigkeiten durchlesen.

Stephenie Meyers Geschichte lädt schlicht und einfach zum Träumen ein. Bella ist die liebenswert unperfekte Hauptprotagonistin, die in ihrer ehemaligen Schule nicht sonderlich beliebt war, aber einen sehr erfolgreichen Neustart hinlegt. Nicht nur findet sie sofort neue Freundinnen an der Schule, sondern auch Verehrer und schließlich auch ihre große Liebe. Bella ist die perfekte Identifikationsfigur, denn dadurch, dass Meyer sie zwar als hübsch hinstellt, aber durchaus nicht als fehlerfrei, kann man sich schnell mit ihr identifizieren, und das möchte man schließlich auch, denn durch Meyers ausführliche Beschreibungen verliebt man sich fast selbst ein bisschen in den schönen Edward. Man gerät einfach ins Träumen und kann völlig in dieser Geschichte versinken.

_Festgebissen beim Lesen_

Im Grunde genommen ist die Geschichte einfach gestrickt: Wir haben zwei Teeniehelden, von denen einer ein Vampir ist. Natürlich bringt das die Liebe der beiden durcheinander, aber diese Liebe ist so groß, dass sie diesen Problemen standhält. Abgesehen von der Vampirfigur ist es eine Geschichte, wie man sie schon tausendfach gelesen hat. Aber durch diese winzige Zutat erhält Stephenie Meyers Saga dann doch etwas Besonderes und einen exotischen Touch, der ihr ausgesprochen gut tut. Ich gebe es gerne zu: Auch wenn dies sicherlich keine hohe Literatur und Meyer bestimmt auch nicht die beste Schriftstellerin ist, fühlte ich mich sehr gut unterhalten und kann es kaum erwarten, gleich zum zweiten Buch zu greifen – „echten Vampirfans“ kann ich allerdings von der Serie nur abraten, da Stephenie Meyers Vampire vermutlich etwas zu „weichgespült“ daherkommen.

http://www.bella-und-edward.de
http://www.twilight-derfilm.de
http://www.carlsen.de

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_Stephenie Meyer auf |Buchwurm.info|:_

[„Bis(s) zum Morgengrauen“ 4600 (Bella und Edward 1)
[„Bis(s) zur Mittagsstunde“ 4647 (Bella und Edward 2)
[„Seelen“ 5363

Saramago, José – Stadt der Blinden, Die

|“[…] ein Mensch wird nicht blind, nur weil er einen Blinden ansieht, Blindheit ist eine private Angelegenheit zwischen dem Menschen und den Augen, mit denen er geboren wurde.“|

_Alles weiß_

In einer namenlosen Stadt springt eine Ampel auf grün. Ein Auto bleibt stehen, und die anderen Autofahrer hupen wild, bis die Worte des Fahrers nach außen dringen – ich bin blind! Urplötzlich hat der Mann – der erste Blinde – sein Augenlicht verloren. Die Blindheit taucht seine Welt nicht in ein tristes Dunkel, sondern in ein helles Weiß. Von nun an herrscht immer Tag für ihn. Ein anderer Mann bietet dem ersten Blinden seine Hilfe an und bringt ihn nach Hause. Dort endet seine Hilfsbereitschaft, denn er nutzt die Blindheit des Mannes aus und entwendet ihm sein Auto. Kurz darauf erblindet auch der Dieb. Zu Hause wartet der erste Blinde auf seine Frau, die ihn schleunigst zu einem Augenarzt bringt. Der Augenarzt und seine Patienten sind die nächsten, die erblinden.

Wie eine Epidemie greift die Blindheit in der Stadt um sich. Die Regierung beschließt, die Blinden und diejenigen, die mit ihnen in Kontakt waren, in einer ehemaligen Irrenanstalt zu internieren, um sie vom Rest der Bevölkerung zu isolieren. Soldaten bewachen die Anstalt und stellen den Internierten dreimal am Tag Lebensmittel vor die Tür. Doch das Essen reicht für die schnell wachsende Gruppe der Internierten hinten und vorne nicht. Lange dauert es auch nicht, bis sämtliche Toiletten verstopft sind und die Blinden ihre Notdurft verrichten, wo sie sich gerade befinden, sei es im Bett, auf dem Flur oder sonstwo. Nur eine Frau ist dort untergebracht, die das ganze Elend, den ganzen Ekel noch sehen kann – die Frau des Augenarztes, die ihre Blindheit nur vorgetäuscht hat, um ihren Mann begleiten zu dürfen. Sie ist der Rettungsanker in der Irrenanstalt, auch wenn niemand außer ihrem Mann weiß, dass sie noch sehen kann.

Die Frau des Arztes versucht unauffällig, das Leben in der Irrenanstalt zu organisieren. Doch als immer mehr Blinde eingeliefert werden, schließt sich in einem anderen Saal eine Gruppe von Männern zusammen, die sämtliche Lebensmittel für sich beanspruchen und von den anderen Internierten Wertsachen als Bezahlung einfordern. Als diese schließlich verteilt sind, verlangen die Männer Frauen als Gegenleistung. Die Situation in der Irrenanstalt läuft nun völlig aus dem Ruder …

_Anarchie, und niemand sieht zu_

Der portugiesische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger José Saramago zeichnet in diesem Buch ein Schreckensszenario, wie man es sich niemals ausgemalt hätte. Nach und nach erblinden alle Menschen einer Stadt oder sogar eines ganzen Landes. Alle Arbeit liegt brach, niemand kann mehr Auto, Bus oder Straßenbahn fahren und auch kein Pilot lenkt mehr ein Flugzeug. Niemand kümmert sich um die Lebensmittelversorgung, und als schließlich alle Menschen erblindet sind, fällt überall der Strom aus. Die Menschen irren blind durch die Straßen – auf der Suche nach Lebensmitteln und Obdach, denn wenn sie auf der Straße erblindet sind, finden sie ihr Zuhause nicht mehr. Jede Wohnung, jedes Haus oder jeder Laden wird nun zur zeitweisen Unterkunft. Niemand hat mehr eine Heimat.

Davon ahnen die Internierten noch nichts, sie hausen unter unvorstellbaren Bedingungen, haben kein Wasser, um sich zu waschen oder etwas zu putzen. Sie hungern, weil es immer wieder Blinde gibt, die sich bei der Essensverteilung mehrfach anstellen – wer sollte es schließlich sehen und für Ordnung sorgen? Alles stinkt, alles ist verdreckt, sodass es eigentlich ein Wunder ist, dass nicht mehr Menschen in der Irrenanstalt sterben.

Die Blinden führen Krieg untereinander, sie bestehlen sich gegenseitig und misstrauen allem und jedem, denn niemand kann die anderen sehen und sie kontrollieren. Niemand sorgt für Ordnung, niemand sieht die Schuldigen. Und so wundert es nicht, dass eine Gruppe Männer die Führung an sich reißt und sämtliche Lebensmittel für sich beanspruchen kann. In der Anonymität der Blindheit und ausgestattet mit einer Pistole und einem „echten Blinden“ trauen sie sich, sich über die anderen Blinden zu erheben. Niemand sieht sie dabei und könnte hinterher gegen sie vorgehen. Doch zwei gequälte Frauen, die mehrfach brutal von den aufrührerischen Männern vergewaltigt wurden, wagen den Aufstand: Die Frau des Arztes bringt den Anführer um und sorgt für Chaos unter der Gruppe der Männer. Doch diese lassen sich das Zepter immer noch nicht aus der Hand nehmen, und so schleicht sich heimlich des Nachts eine blinde Frau mit einem Feuerzeug zu den Männern und zündet die Barrikade aus Betten im Zimmereingang an.

Nur eine Frau kann dem Elend zusehen und doch nicht helfen, da niemand wissen darf, dass sie sehen kann. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn jemand erführe, dass die Frau sehen kann. Sie müsste sich um alle Kranken kümmern, Menschen zu den nicht funktionierenden Toiletten bringen, andere Menschen trösten oder sich vermutlich vor Angriffen schützen, da andere ihr das Augenlicht neiden würden. So wird sie zur Zeugin, wie die Menschen angesichts der Blindheit zu Tieren werden. Sämtliche Menschenwürde ist verschwunden, als die Blinden beginnen, ihre Notdurft an allen möglichen und unmöglichen Stellen zu verrichten. Männer und Frauen fallen blindlings übereinander her, um sich gegenseitig Trost und Nähe zu spenden, auch wenn sie sich sonst vermutlich nie miteinander abgegeben hätten. Verzweifelt versucht die Frau des Arztes, für Ordnung zu sorgen, doch misslingt es ihr immer mehr. So flüchtet sie sich immer häufiger unter die Bettdecke, um still in sich hineinzuweinen.

_Die Macht der Sprache_

José Saramagos Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig: Kaum Absätze sorgen für Zäsuren, die wörtliche Rede findet sich durch Kommas abgetrennt mitten im Fließtext, und keine Anführungszeichen deuten darauf hin, ob diese Worte wirklich gesagt oder nur gedacht wurden. Dieser Schreibstil (den Andrzej Sapkowski in seiner historischen Trilogie vom Narrenturm ähnlich einsetzt) fordert den Leser heraus, passt aber wunderbar zur Geschichte, denn auch dort fließen Worte ineinander, niemand kann den Sprechenden erkennen, und so wundert es nicht, dass keine handelnde Person einen Namen erhält. Bis zum Ende werden die Personen über Merkmale charakterisiert, mit denen die Blinden etwas anfangen können. Was bedeuten Namen, wenn man die Person ohnehin nicht erkennen kann? Saramagos Figuren stehen für bestimmte Rollen, nicht aber für eine individuelle Person; er will uns keine konkreten Menschen vorstellen, sondern eine grausame Situation zeichnen, in der Menschen mit ihrem Schicksal hadern und um ihr Leben kämpfen. Doch was ist das überhaupt für ein Leben?

Saramagos Sprache ist unauffällig und still, aber manchmal umso poetischer. Seine Sätze sind lang und verschachtelt und beschwören eine spannungsgeladene Atmosphäre herauf. Meist sind es die wenigen Worte, die still und unbemerkt daherkommen, die dem Leser einen Schauder über den Rücken laufen lassen, oder es sind die langen detailgetreuen Beschreibungen. So verwendet Saramago mehrere Seiten darauf, um die schrecklichen Lebensbedingungen in der Irrenanstalt zu schildern – die verstopften Toiletten oder die Gänge, die vor Dreck und Kot überschwemmt sind, Menschen, die schon aus Gewohnheit jeden Winkel des Gebäudes in ein Scheißhaus verwandeln, den Gestank, den jeder einzelne Blinde ausdünstet, sodass auch die morgendlichen Blähungen oder die schweißgetränkten Körper die Luft nicht weiter verpesten könnten.

Der Wechsel aus diesen ausschweifenden Beschreibungen und den Dingen, die nur angedeutet werden, sorgt für eine unglaublich dichte Atmosphäre. Viele Schrecken muss man sich als Leser ausmalen, und manchmal kann die Fantasie noch schrecklicher sein als die Worte, die explizit aufgeschrieben werden. In einer Szene verbrennt eine Frau, und hier beweist José Saramago sein unglaubliches Sprachgefühl, denn er nimmt sich zurück und überlässt es dem Leser selbst, wie er sich diese Situation vorzustellen hat:

|“[…] o ja, sie sind nicht vergessen, die Schreie der Wut und der Angst, das Brüllen vor Schmerz und Agonie, das sei hier erwähnt, es werden auf jeden Fall immer weniger, die Frau mit dem Feuerzeug zum Beispiel schweigt schon seit langem. […] Lieber sterbe ich durch einen Schuß als im Feuer, es schien die Stimme der Erfahrung zu sein, deshalb war es vielleicht nicht er selbst, der sprach, sondern vielleicht hatte durch seinen Mund die Frau mit dem Feuerzeug gesprochen, die nicht das Glück gehabt hatte, von einer letzten Kugel durch den blinden Buchhalter getroffen worden zu sein.“|

Das Schweigen der Frau wird den Schreien der Wut und Angst gegenübergestellt und wirkt dadurch noch dramatischer. Diese Worte, die Saramago fast schon lapidar dahingeschrieben hat, erhalten dadurch eine viel stärkere Wirkung. Erst zwei Seiten später deutet Saramago das Unglück an, das der Frau mit dem Feuerzeug widerfahren ist, denn sie ist bei lebendigem Leibe verbrannt.

Besonders gelungen empfand ich auch Saramagos Beschreibungen des Hausstaubs, der die Abwesenheit der Bewohner genutzt hat, um sich friedlich und still auf den Möbeln zu verteilen. Niemand hat ihn dabei gestört, niemand ihn aufgewirbelt oder gar abgewischt. Kein geöffnetes Fenster hat für Durchzug gesorgt und den Staub verteilt. Erst als die Bewohner zurückkamen, begann der Reinigungsprozess – Finger, die über Möbel wischten und den Staub verteilten und Spuren auf der Oberfläche hinterließen. José Saramagos Schreibstil versetzt den Leser mitten in die Szene, der Autor nimmt uns an die Hand und zeigt uns alles, das er für wichtig erachtet. So kann man tief in diese aufreibende Geschichte abtauchen.

_An der Menschlichkeit festhalten_

|“[…] jemanden mit sehenden Augen unter uns zu haben, die letzten, die geblieben sind, wenn sie eines Tages erlöschen, daran möchte ich gar nicht denken, dann wird der Faden, der uns an die Menschheit bindet, zerreißen, es wird sein, als würden wir uns einer vom anderen im Weltraum entfernen, für immer […]“|

Nur dieses eine zarte Band – die sehenden Augen der Frau des Arztes – ist es, das für einige Blinde Hoffnung bedeutet, doch auch Verzweiflung, denn die Augen sind so empfindlich – und was wäre, wenn auch diese letzten erlöschen würden? Fragen der Hoffnung, der Menschlichkeit, des Zusammenlebens, des Misstrauens und der Freundschaft sind es, die José Saramago hier aufwirft. Nie hätte ich mir die Situation so dramatisch ausgemalt, wenn plötzlich alle Menschen erblinden würden, doch natürlich müsste die Situation eskalieren – zunächst durch die Angst der noch Sehenden und dann durch das Chaos, wenn niemand sich mehr um eine geordnete Lebensmittelversorgung oder um die Elektrizität kümmern könnte. Die Menschen müssten zugrunde gehen, und wie dieses Zusammenleben dann aussehen könnte, stellt uns Saramago eindrucksvoll vor.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Sind wir wirklich so kurz davor, unsere Menschenwürde aufzugeben und allen Mitmenschen zu misstrauen, wenn uns das Augenlicht verloren geht? Werden wir nicht nur mit den Augen blind, sondern auch mit dem Herzen? Und was bedeutet es, wenn niemand mehr sehen kann – kein Arbeiter, keine Regierung …? Dieses Buch fordert den Leser inhaltlich und sprachlich heraus, erzählt aber eine umso bewegendere Geschichte, die nachwirkt und mich tief beeindruckt hat. Ein Buch, welches das Prädikat ‚besonders wertvoll‘ definitiv verdient hat!

|Originaltitel: Ensaio sobre a Cegueira
Deutsch von Ray-Güde Mertin
398 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-22467-6|
http://www.rowohlt.de
[Wikipedia-Eintrag]http://de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9__Saramago

David Safier – Jesus liebt mich

„Wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann so Dinge wie Nazis, Kriege oder Modern Talking?“

Jesus lebt! Dank David Safier weiß ich es nun genau, und Jesus wandelt direkt unter uns – als Zimmermann! Dass das zu einigen Komplikationen führen kann, ist klar, zumal Jesus nach jahrhundertelanger Abstinenz Sehnsucht nach einer Frau hat und sich in Marie verliebt – die zwar fast genau den gleichen Namen wie Maria Magdalena hat, aber dennoch herrlich kompliziert ist…

Nein, ich will nicht

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Kürthy, Ildikó von – Schwerelos

|“Wenn man die dreißig hinter sich gelassen hat, tut man gut daran, wichtige Termine auf den sehr späten Vormittag zu legen, um dem eigenen Gesicht genügend Zeit zu geben, sich zu entrunzeln und daran zu erinnern, dass irgendwo unter dieser alten Haut auch noch ein paar Bindegewebszellen stecken, die gefälligst allmählich ihren Dienst anzutreten haben.“|

Ildikó von Kürthy, freie Journalistin aus Hamburg und die Meisterin der gepflegten Frauenlektüre, legt nun endlich mit ihrem neuen Frauenroman nach. Nachdem sie mit ihren Verkaufsschlagern „Mondscheintarif“ oder auch „Freizeichen“ bewiesen hat, dass sie die Frau von heute, Anfang oder Mitte 30, so treffend beschreiben kann, dass sich fast jede Leserin in diesem Alter in der einen oder anderen Szene wiederfindet (oder auch in fast allen), erfindet sie mit Rosemarie Goldhausen, kurz Marie, eine neue Anti-Heldin, die man auf leider nur 251 Seiten kennen und lieben lernt.

_Ja oder nein – das ist hier die Frage_

Marie begräbt ihre Lieblingstante, die den gleichen Namen getragen hat wie sie. Rosemarie war erst 77 und stand mitten im Leben. Gerade war sie mit ihrem neuen Freund nach Kapstadt geflogen, doch sollte sie aus diesem Urlaub nicht zurückkehren. Obwohl die beiden Rosemaries den gleichen Namen hatten, hatten sie doch wenig gemeinsam. Während die Tante ihr Leben in vollen Zügen genossen und keine Minute mit einem Mann verschwendet hat, mit dem sie nicht vollkommen zufrieden war, gibt sich die junge Marie mit Frank zufrieden, obwohl die große Liebe und die Schmetterlinge im Bauch in der Beziehung fehlen. Sie geht ihr Leben ganz pragmatisch an, will kein Risiko eingehen und lässt sich dadurch viele Chancen entgehen. „Werd‘ endlich unvernünftig!“ rät ihr daher die geliebte Tante vor ihrem Tod.

Und diesen Rat nimmt Marie nun ernst. Als Frank ihr nach fast zehn Jahren Beziehung endlich den ersehnten Heiratsantrag macht, sagt Marie nicht im vollen Überschwang der Gefühle „ja“, sondern erbittet sich Bedenkzeit. Damit stößt sie Frank zwar vor den Kopf, aber sie erkennt, dass sie diese Zeit tatsächlich zum Nachdenken braucht. Auch mit ihrem Job bei einem stinklangweiligen Fachverlag ist sie unglücklich. Die literarischen Werke, die sie dort als Lektorin betreuen muss, widmen sich immer wieder der Esoterik oder der Bachblütentherapie, Risiken will man in dem Verlag nicht eingehen. Doch dann ist Maries Chefin im Urlaub, und Marie hat die einmalige Gelegenheit, einen Autor an Land zu ziehen, der den ultimativen Eheratgeber geschrieben hat. Der Verlagsleiter kocht vor Wut – allerdings nur so lange, bis der Ratgeber alle Bestsellerlisten stürmt und sich dort monatelang halten kann.

Während Marie darüber nachdenkt, ob Frank der richtige Mann fürs Leben ist, hilft sie ihrer Cousine, die schwanger ist, aber nicht weiß, von welchem Mann, bei der Geburtsvorbereitung. Glücklicherweise wünscht sich Maries bester Freund Erdal unbedingt ein Kind, obwohl er mit einem Mann zusammenlebt und schwul ist – das passt doch wunderbar zusammen. Und so begleiten Erdal und Marie ihre Cousine schon bald zum Geburtsvorbereitungskurs, wo Marie neidvoll feststellen muss, dass Erdal seine Gebärmutter besser fühlen kann als die meisten schwangeren Frauen im Kurs. Maries beste Freundin betrügt derweil ihren Mann mit einem bekannten Stadtpolitiker, womit sie vollkommen zufrieden ist. Als Marie sich dann auch noch in einen gutaussehenden Fernsehmoderator verliebt, ist das Chaos in ihrem Leben eigentlich perfekt, aber am Ende sorgt ihre tote Tante dafür, dass alles gut wird …

_Mittdreißigerin auf Abwegen_

„Schwerelos“ beginnt einmal ganz ungewöhnlich. Marie steht auf dem Friedhof und liest auf dem Grabstein am offenen Grab ihren eigenen Namen – allerdings falsch geschrieben, weil der Grabstein ein besonderes Schnäppchen war, das ihre Mutter gemacht hat. Nur leider ist der Stein so schmal, dass „Rosemarie Goldhausen“ nur mit zwei Trennstrichen draufpasst, von denen einer auch noch fehlt. Erst einige Seiten später klärt Ildikó von Kürthy auf, dass Marie ihre Tante begräbt und nicht etwa sich selbst. In vielen Rückblenden erfahren wir mehr über das Verhältnis von Marie und ihrer Tante und über die Freundschaft zwischen zwei so ungleichen Frauen. Doch obwohl die Tante tot ist, erinnert sich Marie immer wieder an ihre Ratschläge und fängt erstmals an, diese auch zu befolgen. Denn sie merkt, dass sie zwar fast 37 Jahre alt ist, aber doch ihr Leben nicht voll auskostet. Und das soll sich nun ändern.

Diese Rückblenden sind leider ein Problem des Buches, denn von Kürthy wechselt unvermittelt und ziemlich häufig die Zeitebenen, sodass man manchmal nur schwer folgen kann und deswegen auch nicht immer sortiert bekommt, welche Ereignisse in der Vergangenheit liegen und welche aktuell passieren. Hier habe ich zugegebenermaßen manchmal den Faden verloren.

Gut gefallen hat mir dagegen die Hauptfigur Marie, die wieder einmal herrlich unperfekt ist und mit sich und ihrem Leben hadert. Natürlich haben alle anderen Frauen eine bessere Figur und niemand sieht morgens so zerknittert aus wie sie selbst, und im Übrigen ist ihr Job sterbenslangweilig, genau wie ihre Beziehung auch. Je weiter wir Marie auf ihrem Weg begleiten, umso mehr eröffnet sich uns ein eher trostloses Bild ihres Lebens. Sie hat den sicheren Weg ohne Aufregungen und ohne Überraschungen gewählt, „schwerelos“ fühlt sie sich dabei niemals. Doch die Tante mit ihren guten Ratschlägen krempelt Maries Leben nun sogar postum um, denn der plötzliche Tod ihrer Tante bringt Marie erstmals so richtig ins Grübeln.

Diese Wandlung gefiel mir ausgesprochen gut, zumal sie absolut nachvollziehbar war, denn jede(r) kennt Beziehungen, die herrlich bequem sind, aber auch nicht mehr. Oftmals verharrt man in diesen Beziehungen, weil ja doch alles ganz gut läuft und man der Meinung ist, dass es besser ist als ein neuer Partner, der vielleicht total aufregend ist, diese Aufregung aber womöglich auch mit anderen Frauen ausleben will. Gemeinsam mit Marie suchen wir nach Abwechslung und nach dem Mann, der bei Marie wieder für Schmetterlinge im Bauch sorgt. Mit Marie hat Ildikó von Kürthy eine Frauenfigur gezeichnet, die nicht nur unperfekt ist und sich somit prima zur Identifikationsfigur eignet, sondern die auch bereit ist, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, selbst wenn das mal unangenehm werden kann. Sie scheut sich nicht länger vor Risiken und macht sich aktiv daran, ihr Leben auf die Reihe zu bringen. Diese Eigenschaft gefiel mir wunderbar, da wir hier nicht die jammernde Frau Anfang 30 kennen lernen, die nichts anderes will als in ihrem eigenen Elend zu versinken.

Auch die anderen Charaktere sind herrlich sympathisch gezeichnet; selbst die tote Tante lernen wir gut kennen – einmal in den Rückblenden, aber auch in Maries Erinnerungen und in den vielen weisen Sprüchen, die ihre Tante Marie mit auf den Weg gegeben hat. In „Schwerelos“ gibt es auch ein nettes Wiedersehen mit dem schwulen Halbtürken Erdal, der bereits in „Höhenrausch“ seinen großen Auftritt hatte. Hier lebt er nun glücklich und zufrieden mit seinem Freund Karsten zusammen. Zwar plagen ihn nach wie vor die Asthmaanfälle, aber als Marie ihm tatsächlich ein „Baby besorgen“ kann, ist für Erdal alles perfekt, und er widmet sich gleich liebevoll seiner neuen Vaterrolle – oder ist es doch eher die Mutterrolle?

_Witz komm raus, du bist umzingelt_

Der Grund, warum ich immer wieder zu Ildikó von Kürthys Büchern greife, ist neben ihren herrlich menschlichen und komplizierten Frauenfiguren vor allem ihr Wortwitz und ihr Talent, Situationen zu überzeichnen und wunderbare Metaphern zu finden. Allerdings ist die Wortwitzdichte in dem vorliegenden Buch zugegebenermaßen nicht so groß wie in von Kürthys früheren Werken. Dennoch nimmt die Autorin insbesondere das Altern und auch überflüssige Pölsterchen aufs Korn.

Zwei Beispiele:

|“Ausgerechnet Veronica Ferres findet sich, wie ich der ‚Bunten‘ entnahm, sehr ansehnlich: ‚Ich liebe meine Falten, denn jede einzelne bedeutet gelebtes Leben.‘ Dasselbe könnte man natürlich auch über jeden verlorenen Zahn sagen, über Tränensäcke, Alterskurzsichtigkeit und über Schlupflider, die einem zunehmend die Sicht versperren.“|

|“Ich frage mich wirklich, wie diese Frauen das machen: Passen Minuten nach der Entbindung wieder in ihre 27er Miss-Sixty-Jeans und rennen leichtfüßig zwei Wochen später hinter ihrem Jogging-Kinderwagen an der Alster entlang. Für mich immer noch demütigend ist die Szene, wie Heidi Klum vier Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes in Unterwäsche für Victoria’s Secret über den Laufsteg schwebte. Man sah ihr nichts an. Und ich? Ich habe noch nicht mal ein einziges Kind bekommen – was man mir leider auch nicht ansieht.“|

Immer wieder überspitzt Ildikó von Kürthy die beschriebenen weiblichen Problemzonen dermaßen komisch, dass ich mich beim Lesen köstlich amüsieren kann. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, die Schlupflider so zu vergrößern, dass sie die Sicht versperren. Auch der Gedanken an die frisch gebackene Mutter, die direkt nach dem Kreißsaal in ihre bauchfreie Minijeans steigt und nur 14 Tage später um die Alster joggt, ist so herrlich überzeichnet, dass die eigentlich belanglose Szene dadurch unheimlich an Witz gewinnt.

Auch einem Thema wie die Frau beim Sex, die in Gedanken den Einkaufszettel zusammenstellt oder darüber nachdenkt, dass sie den Anfang ihrer Lieblingsserie verpasst, das bereits tausendfach in einschlägigen Frauenzeitschriften abgehandelt wurde, gewinnt von Kürthy noch eine neue Seite ab:

|“Ich nutze die Zeit während des Beischlafs lieber sinnvoll. […] Als ich das letzte Mal mit Frank geschlafen habe, auch schon wieder ein paar Wochen her, habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum Barbapapas keine Beine haben und wie sie sich eigentlich fortbewegen. Eine interessante Fragestellung, die meines Wissens noch nirgends hinreichend beantwortet wurde. Immerhin war ich so taktvoll, dieses Problem mit mir selbst auszumachen und mich ein wenig über mich selbst zu wundern – allerdings nur so lange, bis mich Frank kurz nach Abschluss des Aktes als solchem unvermittelt fragte: ‚Sag mal, lebt Inge Meysel eigentlich noch?'“|

Hier wälzt Marie ihrer Meinung nach echte Probleme, aber auch ihr Herzbube ist mit den Gedanken offensichtlich ganz woanders, wie sonst kann er kurz nach dem Akt schon an die verschrumpelte Grand Dame des deutschen Fernsehens denken?

_Kurzes Lesevergnügen_

Leider hat frau „Schwerelos“ nur allzu schnell durchgelesen; schon nach drei bis vier Stunden heißt es wieder Abschied nehmen von Marie und ihren Freunden und Problemen. Aber natürlich versöhnt das Ende die Leserin und lässt sie zufrieden zurück. Ausgeschmückt wird das schrecklich pinkfarbene Buch von einigen Zeichnungen aus der Feder Tomek Sadurskis, die stets zu den beschriebenen Szenen passen, aber alle Pink als Grundfarbe aufweisen. Meinen Geschmack haben die Zeichnungen jetzt nicht so sehr getroffen, dennoch lockern sie die Optik des Buches ganz nett auf.

„Schwerelos“ ist ein locker-flockiges Lesevergnügen, das von seinen fantastischen Charakteren und Ildikó von Kürthys erfrischendem Schreibstil lebt. Mit ihrem Wortwitz sorgt die Autorin immer wieder für kleine bis große Schmunzler, zumal frau sich immer wieder in den Beschreibungen wiederfindet. Einzig die verwirrenden Zeitsprünge störten den Lesefluss etwas, sodass es „Schwerelos“ unter dem Strich nicht aufnehmen kann mit von Kürthys hochbejubelten Werken „Mondscheintarif“ und „Freizeichen“. Nichtsdestotrotz hat Ildikó von Kürthy ihren Ruf als Meisterin des Frauenromans wieder einmal erfolgreich verteidigt!

_Mehr von Ildikó von Kürthy auf |Buchwurm.info|:_
[„Freizeichen“ 838
[„Höhenrauch“ 2672

http://www.rowohlt.de

Die drei ??? und der schwarze Skorpion (Folge 120)

Die drei Fragezeichen sind schon seit meiner Kindheit absoluter Kult und waren auch damals Stammgast in meinem Kassettenrecorder. Schnell waren die Kassetten so abgenudelt, dass ich inzwischen auf die CD-Version umgestiegen bin, damit mir diese Geschichten noch länger erhalten bleiben. Bei den drei Fragezeichen handelt es sich um ein Detektivtrio aus Rocky Beach, nämlich um Justus, Peter und Bob. Justus ist sozusagen das Oberhaupt der drei Detektive, er ist etwas dick geraten, gleicht dieses kleine Handicap aber durch seine Intelligenz aus. Peter ist eher ein sportlicher Typ, outet sich in vielen Situationen aber als kleiner Hasenfuß, weil er der Erste ist, der auf Flucht plädiert. Bob ist zuständig für Recherchen und Archiv und sorgt dafür, dass die drei Detektive (die im Übrigen jeden Fall übernehmen) genügend Informationen über ihre Fälle bekommen. Am 10. Oktober ist bereits das 125. Hörspiel erschienen. Nach einigen rechtlichen Querelen und nachdem wir mit der Serie „Die Dr3i“ gequält wurden, darf die Originalserie seit Frühjahr 2008 dankenswerterweise fortgesetzt werden, sodass wir uns nun alle (etwa) vier Wochen auf ein neues Hörspiel freuen dürfen.

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Sonnleitner, Marco – Die drei ??? – Gefährliches Quiz

_Wer knackt die Nuss?_

Justus ist krank – ist sich zumindest Mathilda Jonas sicher, denn Justus reagiert nicht auf ihre Rufe zum Essen, obwohl er sonst schon auf der Matte steht, wenn das Essen noch nicht einmal fertig ist. Doch sie kann natürlich nicht ahnen, dass Justus sehnlichst auf Post wartet, die dann schließlich an diesem Tag auch eintrifft. Denn Justus hat ein kompliziertes Kreuzworträtsel gelöst und hofft nun, als Kandidat bei „Wer knackt die Nuss?“ auftreten zu können – einer Quizshow, bei der es eine Menge Geld zu gewinnen gibt. Und tatsächlich: Obwohl mehrere Leute das schwere Rätsel gelöst haben, wurde Justus ausgewählt.

Zur Feier des Tages lässt Justus sich gemeinsam mit seinen Begleitern Bob und Peter von Morton in der Limousine in das Studio von KTV fahren, wo die Sendung abgedreht wird. Dort herrscht bereits Hektik, und Justus wird zunächst in die Maske geschickt. Später erscheint dann auch der Moderator Nick Nobel, doch dieser verhält sich ausgesprochen merkwürdig und möchte Justus unbedingt persönlich erklären, wie die Sendung ablaufen soll. Dafür sucht er händeringend ein stilles Örtchen, wo er dann zusammenbricht und Justus erklärt, dass die Sendung an diesem Tag anders ablaufen wird als üblich, denn seine Tochter wurde entführt, und nun verlangt man von ihm, neue Fragen zuzulassen, die sein Kandidat, also Justus, unbedingt lösen müsse, damit seine Tochter am Leben bliebe! Justus ist entsetzt und schrecklich aufgeregt.

Als die Sendung beginnt, bekommt Justus daher kaum ein Wort raus, selbst zu schlauen Reden ist er nicht mehr aufgelegt (und das will etwas heißen!), denn das Leben von Nobels Tochter liegt in seinen Händen. Die ersten Rätsel sind glücklicherweise einfach, und Justus kann sie schnell lösen, nur an dem letzten beißt er sich die Zähne aus. Schließlich muss er raten, womit er natürlich alles andere als zufrieden ist.

Nur leider bleibt die erlösende Nachricht aus – die Entführer konnten mit den Antworten nichts anfangen und verlangen nun, dass Nobel das Rätsel innerhalb von 24 Stunden selbst lösen müsse. Aber hier kommen natürlich die drei Fragezeichen ins Spiel, die sofort ihre Hilfe anbieten. Mit kurzer Internetrecherche kommt Bob auch sogleich auf eine heiße Spur, denn offensichtlich sind die Entführer hinter einem Schatz her, den ein sagenumwobener Pirat, der seinen Opfern gerne schwierige Rätsel aufgetragen hat, irgendwo versteckt hat. Nur wo …?

_Schnitzeljagd_

Der vorliegende Fall nimmt auf dem Schrottplatz der Familie Jonas seinen Lauf. Mathilda ist ganz die besorgte Tante, die sich ja eigentlich auch freuen könnte, dass ihr Ziehsohn eventuell eine Diät machen möchte, doch nein, sie hat sofort erkannt: Hier stimmt etwas nicht. Und irgendwo hat sie ja auch Recht. Doch die Neuigkeit ist eigentlich eine erfreuliche, denn Justus bekommt die Möglichkeit, sehr viel Geld zu gewinnen.

Nur läuft dann praktisch alles schief. Beim Fernsehsender ist nichts so, wie Justus es sich vorgestellt hatte, doch glücklicherweise kann er die ersten Rätsel zu seiner Zufriedenheit lösen, nur am letzten beißt er sich die Zähne aus. So wundert es nicht, dass die Entführer mit seinen Antworten nicht zufrieden sind und Nobels Tochter weiter gefangen halten. Aber immerhin haben die drei Fragezeichen nach der Sendung einen neuen Fall – und hier haben schließlich auch Bob und Peter ihre Auftritte. Das dritte Rätsel nämlich kann Justus nicht lösen und beantwortet es in der Sendung gar falsch. Bob dagegen tippt kurz einige Suchbegriffe in eine Internetsuchmaschine ein und findet gleich den entscheidenden Hinweis: Der berüchtigte Pirat Jack the Riddler hat all diese Rätsel gestellt und wer sie richtig zu lösen weiß, findet seinen Schatz! Und genau den möchten die Entführer offensichtlich in ihre schmierigen Hände kriegen. Justus ist natürlich gleich verschnupft, dass er einen ganzen Morgen am Rechner verbracht hat, ohne auf die richtige Spur zu kommen, während es für Bob offensichtlich ein Leichtes war, das letzte Rätsel korrekt zu lösen. Im späteren Verlauf der Geschichte kommt sogar Peter zum Zuge, er ist es nämlich, der den entscheidenden Hinweis auf die Stelle geben kann, an der der Schatz vergraben liegt. Auf einer Fahrradtour nämlich hat er eine Halbinsel kennen gelernt, die ganz bestimmt des Rätsels Lösung ist. Nur Bob steht in dieser Szene dumm da, als er sich outen muss, weil er Rumpelstilzchen nicht kennt – das fand ich dann doch arg übertrieben, denn so dumm ist Bob nun wirklich nicht.

Nachdem die drei Fragezeichen das Rätsel um die Halbinsel gelöst haben, begeben sie sich in Begleitung Nick Nobels auf Schatzsuche im tiefsten Nebel. Sie können nur wenige Meter weit schauen, aber hören können sie dafür umso besser, und zwar merkwürdige Geräusche, als wären sie nicht allein. Und tatsächlich taucht dann auch der Geist Jack the Riddlers auf, der Nick Nobel nichts Gutes will! Die Szene im Nebel ist wirklich spannend geraten, zumal auf der Flucht vor dem Geist dann auch der Wagen der drei Fragezeichen nicht anspringen will.

Spannung und Rätsel gibt es in diesem Buch genug! Prima fand ich auch, dass tatsächlich einmal alle drei Detektive zur Lösung des Rätsels beitragen konnten, das passiert leider selten genug! Nur am Ende hat natürlich Justus wieder seinen großen Auftritt, aber das trübt den Gesamteindruck nur wenig. Das einzige, das mich nicht vollkommen überzeugen konnte, war wieder einmal die Auflösung. Wer hinter der Entführung steckt, entdecken Justus, Peter und Bob fast schon zu spät, doch der Leser hat bereits lange zuvor eine ganz genaue Ahnung, was hier Sache ist, und man liegt mit diesem Verdacht dann schließlich auch richtig. Aber immerhin war die Auflösung nicht dermaßen hanebüchen, dass man im Leben nicht drauf gekommen wäre. Etwas komisch war natürlich die Tatsache, dass jemand zufällig eine Schatzkarte aufspürt und dann auf die merkwürdige Idee kommt, einen Quizshowkandidaten die Rätsel lösen zu lassen – vor laufender Kamera. Das hätte natürlich auch schief gehen können, zumal die Hinweise so kryptisch waren, dass man selbst mit den vier gelösten Rätseln noch längst nicht den Schatz gefunden hat. Insgesamt aber immerhin noch eine überdurchschnittlich gute Folge!

_Des Rätsels Lösung!_

„Gefährliches Quiz“ gefiel mir ausgesprochen gut. Der Fall ist spannend, außerdem haben die drei Detektive so manches Rätsel zu knacken, diese Art Schnitzeljagd gefiel mir ausgesprochen gut, auch wenn ich nicht an Piraten und Geister glaube, aber immerhin. Der Rest war doch halbwegs realistisch und mir gefiel auch die Charakterzeichnung gut. Jeder der drei Detektive konnte hier seine Stärken und Schwächen unter Beweis stellen, die Mischung war hier recht ausgewogen. Mit kleinen Abstrichen dennoch sehr empfehlenswert!

http://www.dtvjunior.de

Binding, Tim – Cliffhanger

|“Neuerdings glotzt du mich nur noch an. Weiß Gott, was du dabei denkst.“ Gott wusste es allerdings. Zum Glück sonst niemand. Das hoffte ich zumindest.|

Denn Al Greenwood hat keinen anderen Gedanken als seine Frau, die er neuerdings nur noch anglotzt, um die Ecke zu bringen!

Der britische Autor Tim Binding war bis vor kurzem ein unbeschriebenes Blatt für mich – bis ich im Börsenblatt eine Anzeige zu seinem aktuellen Roman „Cliffhanger“ fand und sofort von der kurzen Inhaltsbeschreibung begeistert war. Manchmal findet man ganz zufällig eben auch noch kleine literarische Schmückstückchen …

_Am Abgrund stehen_

Al Greenwood hat ein Problem, nämlich seine Frau Audrey. An ihr hasst er jeden schwabbeligen Zentimeter, ihre gehässige Art ist ihm verhasst, er mag nicht, wie sie isst, spricht oder sich verhält – kurz: Er kann sie nicht ausstehen. Deswegen hat er beschlossen, sie umzubringen. An einem regnerischen Abend schickt er sie los zu einem Spaziergang zu den Klippen. Eingehüllt in ihren gelben Regenmantel, stapft sie los, während Al sich auf einem Nebenweg zu den Klippen schleicht. Als er dort eine weinende Frau im gelben Regenmantel entdeckt, stößt er sie kurzerhand in den Abgrund. Freudestrahlend tänzelt er beinahe nach Hause, stößt euphorisch die Haustür auf, stürmt in sein neues eigenes Heim – und entdeckt dann seine Frau Audrey, die putzmunter und ziemlich rollig im Wohnzimmer auf ihn wartet.

Schockschwerenot! Wen hat er bloß die Klippen hinunter gestürzt und wo war Audrey in der Zwischenzeit? Denn sie taucht durchnässt und in ungewohnter Stimmung zu Hause auf … Was ist bloß in der Zwischenzeit passiert? Al versteht die Welt nicht mehr. Nur einen Tag später erfährt er, dass die junge Miranda spurlos verschwunden ist. Miranda ist die Tochter seiner ehemaligen Affäre und somit mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine eigene Tochter! Al ist verzweifelt; Miranda war ihm näher als irgendjemand sonst. Regelmäßig hat er sich mit ihr in seinem Wohnwagen getroffen, um zu reden und sie besser kennenzulernen. Wie konnte er bloß seine über 50-jährige beleibte Frau mit der jungen und schlanken Miranda verwechseln? Al versteht die Welt nicht mehr, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass es Miranda war, die ihr Ende an den Klippen gefunden hat.

Doch noch mehr Überraschungen warten auf Al: Seine Nachbarin, von ihm eher weniger liebevoll Mrs. Schnüffelnase getauft, stürzt nach vielen Schnäpsen und einigen Joints die heimische Treppe hinunter. Wieder ist Al dabei, auch wenn er dieser Frau keinen Schubs gegeben hat. Er lässt seine Nachbarin leblos liegen, aber kurze Zeit später sitzt auch sie in seinem eigenen Hause! Sie war nur bewusstlos, kann sich aber nicht richtig bewegen und quartiert sich daher im Hause Greenwood ein, um sich wieder zu erholen. Das geht allerdings nur mit großzügigem Grasnachschub, den Al im nachbarlichen Haus in den Sofakissen eingenäht findet. Nach einer Taxifahrt entdeckt Al eine vergessene Sporttasche in seinem Taxi. Der Herr Major hat sie dort vergessen, allerdings enthält die Tasche nicht die vermuteten Sportsachen, sondern lauter Dessous. Al behält das Corpus Delicti kurzerhand und will sich einen Spaß aus der ganzen Sache machen.

Derweil lebt seine Ehe wieder auf. Audrey ist wie ausgewechselt, fällt fast täglich über ihn her, ist bester Laune und geht inzwischen sogar ins Fitnessstudio. Al beschließt, die Frau von den Klippen zu vergessen, denn dieser misslungene Klippenstoß war offensichtlich das Beste, was seiner Ehe passieren konnte. Noch ahnt er aber nicht, was den wahren Sinneswandel bei Audrey bewirkt hat …

_Von Fischen, bekifften Nachbarinnen und gefährlichen Klippen_

Schade, dass ich Tim Binding noch nicht früher entdeckt habe, denn „Cliffhanger“ ist ein wahrer Schatz britischen schwarzen Humors. Glücklicherweise versucht Binding nicht, den mysteriösen Klippensturz durch übersinnliche Phänomene zu erklären, sondern klärt am Ende alles logisch auf. So bleibt der Leser breit grinsend und zufrieden zurück.

Was das Buch auszeichnet, sind zunächst seine Charaktere, die alle irgendwo einen kleinen oder auch großen Schatten haben. Al Greenwood beschließt einfach mal so, seine verhasste Ehefrau loszuwerden und sie in die Tiefe zu stürzen. Gewissensbisse hat er erst, als er vermuten muss, dass er stattdessen seine Tochter aus dem Leben befördert hat. Als seine Frau aber immer zugänglicher wird, verdrängt er auch dieses schlechte Gewissen schnell. Seine größte Leidenschaft sind die zwei Kois im Gartenteich, die leben wie Gott in Frankreich. Ihnen zuliebe hat er einen künstlichen Wasserfall angelegt, der einem Kunstwerk gleicht. Die Fische schwimmen in einem perfekt temperierten Becken und bekommen stets die leckersten Köstlichkeiten zu essen. Seinen Karpfen widmet Al mehr Zeit als seiner Frau, seinem Job oder irgendetwas sonst. Sie sind sein Hobby und seine große Liebe.

In Detective Inspector Rump findet er einen Gleichgesinnten. War Rump eigentlich zu seiner Befragung bei den Greenwoods, so geht das Gespräch bald in ein Fachgesimpel über Karpfen über, als Rump erfährt, dass Greenwood zwei wahre Prachtstücke im eigenen Teich zu schwimmen hat. Die Ermittlung wird schnell zur Nebensache, was auch gut ist, denn Audrey hält sich bei der polizeilichen Befragung nicht an die Version, die Al vorher mit ihr abgesprochen hatte, und behauptet kackfrech, sie wäre den ganzen Abend zu Hause gewesen. Auweia, das stimmt doch nun wirklich nicht, und angesichts der überneugierigen Nachbarin ist Al sich sicher, dass diese Lüge schnell auffliegen muss, denn keinen Schritt können die Greenwoods tun, ohne dass die benachbarte Alice Blackstock es mitbekommt. Und tatsächlich hat sie sogar Al an den Klippen bemerkt, als sie auf einem Baum herumgeklettert ist, um ihre Wäscheleine zu retten.

Doch die liebe Frau Blackstock hat nicht nur scheußliche Angst vor ihrem Zahnarzt, sondern vor allem ein schweres Drogenproblem. Mit ihrem heimischen Grasvorrat könnte sie eine ganze Kompanie über Monate hinweg versorgen. Sie ist auch nicht geizig und gibt gerne von dem guten Stoff ab; so überrascht sie die Greenwoods mit interessanten Gemüsekroketten, die eher aussehen wie „behaarte Männerhoden“, weil die „Petersilie“ nicht fein genug gehackt ist. Erst als Al in ganz anderen Welten schwebt, geht ihm auf, dass es keine Petersilie war, sondern das gute Gras aus Mrs. Blackstocks Kissen.

Audrey hat eine mysteriöse Wandlung durchgemacht, dennoch wird sie dem Leser nur wenig sympathisch, denn als Menschenfreundin kann man sie nicht gerade bezeichnen. Auch die Nebencharaktere haben Potenzial, allen voran der frisch verliebte Inspector, der seine Befragungen dazu nutzt, um mehr über Karpfen zu erfahren. Sein Job wird da schnell zur Nebensache. Auch der Major, der statt Joggingsachen Damenwäsche mit sich führt, oder Mirandas Exlover Kim, der seine Frau an ein Seil bindet, um des nachts mit ihr spazieren zu gehen, gefallen gut.

Bei Binding gibt es keine normalen Menschen, alle haben ihre Ticks, aber es sind lustige Spleens, die einem zum Lachen bringen und von Bindung hervorragend komisch dargestellt werden.

_Witz komm raus, du bist umzingelt_

Der zweite Aspekt, der „Cliffhanger“ zu einem wahren Leseschatz macht, ist Bindings genialer Schreibstil. Sein Buch lässt sich nicht nur wunderbar flüssig lesen, sondern der Autor verwendet herrliche Metaphern, die den Leser immer wieder zum Schmunzeln verleiten. Die Bilder, die Tim Binding verwendet, sind natürlich überzeichnet, aber dennoch passen sie meist wie die Faust aufs Auge; zwei Beispiele:

|Obendrein war sie helle, auf Draht, interessiert, hatte einen super Schulabschluss und konnte so geschmeidig vom zweiten in den dritten Gang schalten, wie ein Vaselinefinger in den Verdauungskanal fluscht.| Oder: |“Ich bin ziemlich sicher, dass es die Bauchwassersucht war. Alle ersten Anzeichen sprachen dafür, aufgeblähter Leib, Glotzaugen.“ Hörte sich an wie Audrey nach anderthalb Flaschen Merlot.|

Dieser herrliche Schreibstil, der stete Wortwitz und die Situationskomik sorgen für ein kurzweiliges und erheiterndes Lesevergnügen. In Al Greenwoods Leben geht alles schief, und Tim Binding findet die richtigen Worte, um diese kuriosen und absurden Szenen zu beschreiben. Fast nie verwendet er Metaphern, wie man sie schon tausendmal zuvor gelesen hat, immer fällt ihm etwas Neues ein, auf das man selbst nie gekommen wäre. Und trotzdem sind die Bilder stimmig. Auch wenn die Handlung ab der Hälfte des Buches angesichts der chaotischen Zustände etwas zu zerfransen droht, liest man gerne weiter, weil man sich in Bindings Sätzen und Beschreibungen verlieren und in sie verlieben kann.

Ich bin wirklich froh, dass ich diesen kleinen Schatz durch Zufall entdeckt habe, denn jedem Satz, jeder Beschreibung merkt man Tim Bindings Schreibtalent an, jede Zeile liest man gerne – manche sogar noch lieber als andere. Schräge Figuren, skurrile Geschichten und köstliche Situationskomik – das sind gleich drei Wünsche auf einmal. Aber bei Tim Binding geht das!

http://www.marebuch.de/

Henn, Carsten Sebastian – Tod und Trüffel

Spätestens seit dem tierisch guten Tierkrimi [„Glennkill“ 1583 oder dem Klassiker „Felidae“ sind uns Tiere als Krimi- und Romanhelden nicht mehr fremd. Was lag da näher, als den besten Freund des Menschen zum ermittelnden „Beamten“ zu erheben, und dies zudem noch in einer ausgesprochen idyllischen Gegend? Genau diese Idee hat Carsten Sebastian Henn mit seinem Hundekrimi aus dem Piemont in die Tat umgesetzt, doch die Messlatte liegt seit den liebenswerten schafigen Krimihelden ausgesprochen hoch …

_Die Spürnasen ermitteln_

Das [Italienische Windspiel]http://de.wikipedia.org/wiki/Italienisches__Windspiel Niccolò lebt bei einer Familie im beschaulichen Örtchen Rimella im Piemont. Doch eines Tages ist alles anders: Die Menschen sind verschwunden! Niccolò macht sich auf die Suche nach seinen Freunden und Bekannten und findet – nichts! Als er seine Hundefreundin Cinecitta schließlich doch noch entdeckt, stürzt über den beiden die Welt zusammen. Niccolò kann sich retten, doch Cinecitta wird verschüttet. In jenem Moment, in dem Niccolòs Welt buchstäblich zusammenbricht, tauchen Wölfe auf und jagen das junge Windspiel. Niccolò rennt um sein Leben und kann seine Verfolger schließlich abschütteln. Allerdings verirrt er sich dabei und findet den Weg nicht mehr zurück nach Rimella. Bald fällt ihm aber die Lösung ein: Er muss Giacomo finden, den legendären Trüffelhund, der mit seiner Spürnase praktisch alles findet. Also begibt Niccolò sich nach Alba, wo er Giacomo aufsucht.

Giacomo führt ein angenehmes Leben in Alba; zwar findet er nicht immer Leckereien zum Naschen, doch kennt er eine Weinhändlerin, die ihm abends den köstlichsten Wein bereitstellt, der tagsüber nicht ausgetrunken wurde. So schwelgt Giacomo oftmals in weinseligen Träumen, die ihm der edle Barolo beschert hat. Als das aufgeregte Windspiel bei ihm auftaucht, braucht es daher einige Überredungskunst, um Giacomo aus seinem Leben herauszureißen. Als er jedoch einen Menschen beißt und selbst verfolgt wird, verlässt er Alba freiwillig und begibt sich mit Niccolò zusammen nach Rimella.

Dort haben derweil die Wölfe die Stadt erobert. Nirgends ist ein Mensch zu finden, dafür vergrößern die Wölfe ihr städtisches Territorium. Über allem wacht der gefährliche Grarr, der nicht einmal vor Brudermord zurückschreckt. Aber die Leitwölfin Laetitia beginnt Grarr zu durchschauen. Sie sucht nach ihrem Geliebten Aurelius, den Bruder Grarrs, der dessen teuflischen Plänen zum Opfer fiel, doch das weiß Laetitia zunächst noch nicht.

Die Biologin Isabella hat gemeinsam mit ihrer verwöhnten Hündin Canini ihr Lager nahe Rimella aufgeschlagen, um die Wölfe zu beobachten und vor allem vor den fiesen Attacken Tarcisio Burgnichs zu bewahren. Als Niccolò ihr das Leben rettet und sie im Gegenzug das Gleiche für ihn tut, entdeckt das junge Windspiel die perfekte Verbindung zwischen sich und der Biologin: Er kann ihre Gedanken lesen, doch was er da entdeckt, gefällt ihm gar nicht, denn er möchte Rimella lieber wieder für sich, die Hunde und die Menschen haben, vor den Wölfen hat er schreckliche Angst. Wieso will Isabella diesen gefährlichen Tieren also helfen? Was er nicht ahnt, ist, dass Burgnich ganz eigene Pläne für das kleine Städtchen hat, und nicht alle Lebewesen haben Platz in seinen Plänen …

_Tierische Helden_

„Tod und Trüffel“ spricht schon auf den ersten Blick an. Das farbenfrohe Cover zieren die beiden Helden unserer Geschichte – der legendäre Trüffelhund Giacomo mit seiner verschrobenen Nase und das kleine, zierliche und etwas ängstliche Windspiel Niccolò. Im Hintergrund sehen wir noch Teile der Stadt Rimella, die ein großes Unglück ereilt hat. Im gleichen Maße, wie die Menschen verschwinden, breiten die Wölfe sich dort aus und sichern ihr Territorium gegen Mensch und Hund.

Das gefällt Niccolò natürlich überhaupt nicht. Unterstützt von Giacomo und seinen alten hündischen Freunden, die sich noch aus der Stadt retten konnten, sagen sie den Wölfen den Kampf an, erst recht, nachdem Niccolò erfährt, was aus seinem Herrchen geworden ist. Während Niccolò manchmal etwas verzagt ist, wirkt Giacomo mitunter etwas phlegmatisch, was durchaus auch am Genuss diverser Köstlichkeiten wie Trüffel und Wein liegen kann, die ihm die Sinne benebeln.

Carsten Sebastian Henn präsentiert uns hier tierisch gute Helden, wie man sie leider nur selten zu lesen bekommt. Obwohl es bis auf wenige Ausnahmen nur tierische Charaktere gibt, tragen sie doch alle allzu menschliche Züge. Da wäre das kleine Windspiel Niccolò, das alles verliert, aber trotzdem nicht aufgibt. Niccolò trottet durch die Lande, um den Trüffelhund zu finden, der ihm helfen kann, zurück in seine Heimat und zu seinen Menschen zu finden.

Niccolò mausert sich im Laufe der Geschichte zu einem mutigen Helden, der am Ende sogar eine ganze Hundemeute anführt, die Rimella zurückerobern will. Als er schließlich die perfekte Verbindung zu Isabella entdeckt, scheint fast alles makellos, wäre da nicht die überaus eifersüchtige und verzogene Hündin Canini, die Isabella natürlich für sich allein haben möchte. Auch diese Zickereien dürften aus dem wahren Leben nicht allzu unbekannt sein.

Ganz anders Giacomo, der in seinem Hundeleben schon einige harte Schicksalsschläge erleiden musste. Erst verliert er sein Herrchen, mit dem er immer die allerbesten Trüffel gefunden hat, um dann zu einem Herrchen zu kommen, das ihn misshandelt. Aber Giacomo lässt sich nicht unterkriegen und flüchtet in ein Leben ohne Menschen. Ihm reicht es schon, ab und an verschiedene Leckereien aufzutun und das Leben und all seine Vorzüge zu genießen. Hier treffen also die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander, die man einfach auf Anhieb liebgewinnen muss.

Den Hunden gegenüber stehen die Wölfe, die natürlich deutlich gefährlicher und rücksichtsloser charakterisiert werden. Aber auch bei den Wölfen gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel den weisen Aurelius, der allerdings den Intrigen seines Bruders zum Opfer fällt, doch Laetitia will ihn rächen und Grarrs Herrschaft beenden. Auf sich allein gestellt, trotzt sie den Schergen Grarrs und findet Unterstützung durch ihren Sohn Vespasian, der nicht ahnt, dass Aurelius sein Vater war.

_Verstricktes_

Rimella hat ein großes Unglück ereilt, die Menschen sind verschwunden und die Wölfe haben Einzug in die Stadt genommen. Doch was ist eigentlich wirklich passiert? Was steckt hinter all dem? Das sind die Fragen, um die sich praktisch alles dreht, denn die Hunde der Stadt verstehen nicht, was vorgefallen ist und wohin ihre Menschen einfach verschwinden konnten, ohne sie mitzunehmen. Um zu verstehen, was vorgefallen ist, braucht es allerdings erst Isabella und ihr menschliches Gespür.

Carsten Sebastian Henn macht viele Baustellen auf, um die sich seine Romanhandlung dreht. Wir lernen die verschiedensten handelnden Figuren kennen und erfahren, was sie vorhaben, denken und planen. Allerdings dauert es arg lange, bis wir beginnen, hinter die Fassade zu schauen und zu verstehen, was vorgefallen ist. Mir persönlich waren es deutlich zu viele Handlungsstränge für das mit gut 300 Seiten doch recht schmale Büchlein.

So verfolgen nicht nur die jeweiligen Rassen ihre eigenen Pläne, sondern sie splitten sich auch untereinander auf. Die Hunde wollen nahezu geschlossen ihre alte Heimat zurückerobern. Isabella möchte die Wölfe retten, durchschaut allerdings noch nicht ganz Burgnichs Pläne. Am schlimmsten ist es bei den Wölfen, die völlig auseinanderdriften. Da ist einmal Grarr, der alle anderen Wölfe befehligt und stets begleitet wird von seinen schaurigen Schergen. Wie wir später erfahren, verfolgen diese allerdings ihre ganz eigenen Pläne. Sie alle hören aber auf die Mutter aller Wölfe, deren Stimme in einer Höhle zu ihnen spricht und sie an die Legende von Romulus und Remus erinnert. Laetitia will Grarr stürzen und die Wölfe zurück in den Wald locken. Vespasian, der zunächst ein treuer Gefährte Grarrs ist, hilft Laetitia später mehr und mehr. Aber auch Aurelius verfolgte bereits eigene Pläne.

Insgesamt ist das alles kaum zu durchschauen. So findet die Handlung an zu vielen Schauplätzen statt, wodurch man leicht den roten Faden zu verlieren droht. Sicherlich waren nicht alle Handlungsstränge notwendig, um eine spannende Geschichte zu stricken. Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach gewesen, sich auf wenige Handlungsstränge zu beschränken und dafür viel früher Informationen einzustreuen, die den Leser auf die Fährte einer möglichen Lösung locken. Doch Henn tut dies leider nicht. Er verfolgt die verschiedenen Geschichten und verliert dabei aus den Augen, dem Leser mitzuteilen, was eigentlich in Rimella geschehen ist. Das mindert dann auch irgendwann die Spannung, weil man zwar mit den tierischen Charakteren mitfiebert, aber gar nicht mehr genau weiß, was eigentlich Sache ist.

_Tierisch gut?!_

Unter dem Strich gefällt „Tod und Trüffel“ trotzdem gut. Insbesondere die tierischen Charaktere überzeugen auf ganzer Linie. Mit den beiden sympathischen Hunden Niccolò und Giacomo steht und fällt alles, und da man sie richtig ins Herz geschlossen hat, funktioniert auch das Buch als Ganzes irgendwo. Inhaltlich wäre weniger aber durchaus mehr gewesen. Lesen lässt sich das Buch dennoch prima; die Sprache ist einfach, beschreibt die Situationen aber immer so treffend, dass man sich in die Szenen hineinversetzen kann. Der Roman macht neugierig auf weitere Hundekrimis, denn wie es mit unseren beiden Hundehelden weitergeht, möchte ich jetzt natürlich schon wissen!

|336 Seiten, gebunden|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

Sylvain, Dominique – Letzte Show

Das Duo Infernale, das bereits in [„Die Schöne der Nacht“ 3246 das Pariser Kriminellenleben unsicher gemacht hat, ermittelt erneut. Dominique Sylvains Debütkrimi konnte auf ganzer Linie überzeugen, was vor allem dem genialen Ermittlerduo – bestehend aus der pensionierten Kriminalkommissarin Lola Jost, die ihre Nase einfach überall reinstecken muss, und der Masseurin und Stripperin Ingrid Diesel – geschuldet war, die sich einfach herrlich ergänzten und wunderbare Eigenarten offenbarten. Umso gespannter und erwartungsfroher war ich nun, als ich Sylvains zweiten Krimi aufgeschlug.

_Ein letzter Tanz_

Alice Bonin ist eine geniale Tänzerin, wenn auch nur eine durchschnittliche Schauspielerin. Ihr Geld verdient sie sich als Britney-Spears-Double, und ihr jüngster Auftrag führt sie in den Hochhausturm des Astor Maillot Luxushotels. Noch ahnt sie nicht, dass sie bald für Schlagzeilen sorgen wird, und zwar durch ihren Sturz aus dem 34. Stock, der live auf Video gebannt wird. Nichts deutet auf einen Mord, doch warum sollte sich die junge Frau das Leben nehmen? Das fragt sich auch Lola Jost recht bald, die zudem mit Alices Vater befreundet ist und ihm daher diesen Freundschaftsdienst tut und ihre eigenen Ermittlungen anstellt. Das geht natürlich nicht ohne ihre Freundin Ingrid, die nach wie vor als Stripperin des Nachts für Aufsehen sorgt.

Die Ermittlungen führen die beiden in hohe Kreise der Pariser Gesellschaft. Die beiden scheuen sich wieder einmal nicht, sich auch mit mächtigen Personen anzulegen, und so ist Ingrid Diesel auch bald ihren nächtlichen Job los, da sie den falschen Herren auf den Schlips getreten ist. Ein Tatverdächtiger ist Alices Exfreund Diego, dem sie immer noch hinterhertrauerte und der als Krankenpfleger seine Brötchen verdient. Der rassige Südländer fällt auch Ingrid gleich ins Auge, sodass sie gut nachvollziehen kann, dass Alice ihn nicht vergessen konnte. Doch die Dinge sind kompliziert, erst recht, als Ingrid eines Tages in ihrem Kühlschrank eine Hand findet, die von einem dicken Nagel durchbohrt wurde. Alle Spuren führen in genau jenes Krankenhaus, in dem Diego arbeitet. Aber was soll die Hand im Kühlschrank bezwecken und wer hat sie dorthin gelegt? Fragen über Fragen, die sich zu denen gesellen, die Lola und Ingrid sich bereits über Alice stellen.

Neben Alices Exfreund befragen die beiden wagemutigen Frauen natürlich auch Alices ehemaligen Kolleginnen und Chefs, doch nirgends findet sich eine heiße Spur. Bald darauf erwachen Ingrid und Lola gefesselt und wehrlos in einem kargen Raum. Eine mysteriöse Stimme spricht zu ihnen und befragt sie nach Alices Auftraggebern. Zwei Männer haben sie entführt und quälen sie nun mit Elektroschocks, um die beiden Frauen zum Reden zu bringen. Doch so leicht geht das bei ihnen natürlich nicht! Mit einer schauspielerischen Meisterleistung gelingt es Ingrid, sich zu befreien und gemeinsam mit Lola die beiden Männer in Schach zu halten. Einer der Entführer ist schnell identifiziert, und seine Identität führt die beiden Ermittlerinnen endlich auf die richtige Spur. Lola und Ingrid sind schockiert, als sie erkennen, mit welchen Kreisen sich Alice angelegt hat, sodass sie mit ihrem Leben zahlen musste …

_Abgestürzt?_

Endlich versorgt uns Dominique Sylvain mit spannendem Kriminachschub. Wie hatte ich mich auf das Wiedersehen mit dem unvergleichlichen Ermittlerduo Lola Jost und Ingrid Diesel gefreut! Kaum könnten zwei Frauen unterschiedlicher sein als diese beiden. Während Lola eher ein paar Pfunde zu viel durch die Lande schleppt, ist Ingrid durchtrainiert bis zum kleinen Zeh, denn sonst könnte sie schlecht als Stripperin arbeiten. Offiziell fungiert sie weiterhin als Masseuse, doch ihre eigentliche Leidenschaft lebt sie als Gabriella Tiger des Nachts aus. Um Lola Jost nach ihrer Pensionierung wieder zum Ermitteln zu bringen, braucht es nur wenig Überredungskunst. Ihr Sohn und die Enkel leben im fernen Japan, und sie vertraut ohnehin nicht wirklich auf die ermittlerischen Fähigkeiten ihres Nachfolgers, und tatsächlich findet die Polizei im Hotelzimmer Alice Bonins keinerlei Hinweise auf einen Mord. Ganz im Gegenteil, die Badewanne ist voller Wasser, auf dem unzählige Blüten schwimmen, alles sieht nach einem romantischen Szenario aus. Aber Lola Jost nimmt das lieber selbst in die Hand und wird am Ende selbstverständlich triumphieren und die wahren Täter an den Pranger stellen.

Getragen wird „Letzte Show“ wieder einmal von Lola und Ingrid. Die beiden ergänzen sich einfach hervorragend. Mit unglaublicher Penetranz befragen sie die verdächtigen Leute und lassen sich auch wirklich nicht eher abwimmeln, bis sie die gewünschten Informationen erhalten haben. Nichts kann sie abschrecken, nichts von ihren Ermittlungen abbringen, auch nicht die Entführung und die Tatsache, dass anschließend nicht nur sämtliche Klamotten und Papiere verschwunden sind, sondern dass darüber hinaus auch noch alle ihre Konten gesperrt wurden. Als sie die Wohnung eines betuchten Verdächtigen durchsuchen und einen gut sortierten Weinschrank entdecken, beschließen die beiden – ganz à la Robin Hood -, den kostbaren Wein mitgehen zu lassen und an bedürftige Menschen zu verteilen. Und natürlich wird diese Idee auch in die Tat umgesetzt. Einzig Ingrids permanente englische Flüche nerven auf die Dauer etwas, ebenso wie die Tatsache, dass Ingrids „Deutsch“ (im Original natürlich Französisch) nicht perfekt ist und Lola sie daher ein ums andere Mal korrigiert. Da kann man nur hoffen, dass sie ihre Sprachkenntnisse für die weiteren Fälle auffrischt und solche Ärgernisse dann nicht mehr auftreten.

_Undurchsichtig_

Natürlich ist es von Anfang an klar, dass Alice Bonin keinen Selbstmord begangen hat, sonst gäbe es ja schließlich auch keinen Fall zu lösen, doch wie verwickelt am Ende wirklich alles gewesen ist, ahnt der Leser selbstverständlich noch nicht. Lange dauert es, bis Lola und Ingrid für uns alles entwirren und uns Schritt für Schritt der Lösung des Falls näherbringen. Was sie dabei zutage fördern, hätte der Leser nicht selbst erraten können, zu unklar sind die Zusammenhänge, zu vage Sylvains Andeutungen. Was sie am Ende daraus gesponnen hat, konnte mich nicht vollends überzeugen, und auch Lolas und Ingrids Aktivitäten, um ihr Leben und ihre Konten zurückzugewinnen, habe ich zugegebenermaßen nicht vollkommen durchschaut. „Letzte Show“ ist sicherlich kriminaltechnisch gesehen nicht der gelungenste und am besten konstruierte Fall, auch wenn am Ende schon alle Puzzlestücke zusammenpassen. Dennoch überzeugt das vorliegende Buch wieder einmal durch seine Charaktere, durch deren Eigenarten und auch durch manch nette Metapher, die Sylvain an den passenden Stellen einstreut.

So ist „Letzte Show“ unter dem Strich ein unterhaltsames Lesevergnügen, das durchaus Lust auf mehr macht, obwohl man zugegebenermaßen einige Abstriche machen muss, was den reinen Kriminalfall betrifft. Manches wirkte auf mich zu konstruiert, zu aufgesetzt, um wirklich schlüssig aufgelöst werden zu können. Dennoch möchte ich Lola Jost und Ingrid Diesel als furioses Ermittlerduo ganz sicher nicht missen!

|Originaltitel: La fille du Samourai
Aus dem Französischen von Brigitte Lindecke
336 Seiten, kartoniert|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/

Heitz, Markus – Zwerge, Die

Zwerge – für viele sind das nur die lustigen Gefährten mit den roten Zipfelmützen, die manch einer zu Dutzenden in seinem Vorgärten zu stehen hat, um dadurch zum Gesprächsthema der gesamten Straße zu werden. Ganz anders stellen sich diese kurzgewachsenen Gefährten üblicherweise im Fantasy-Genre dar. Überzeugte der bärtige Gimli bei Tolkien noch durch seine Freundschaft zu dem einst verhassten Elb, durch seine bärbeißige Art und seine geschickt geschwungene Axt, so zeichnet Markus Heitz in seiner Zwergen-Reihe Charaktere, die ihresgleichen suchen!

_Zwerge gegen den Rest der Welt_

Das Böse hat das Geborgene Land erobert. Der Magier Nudin ruft die anderen mächtigen Magi und Magae zu sich, um ein altes Ritual durchzuführen. Was die anderen jedoch nicht wissen: Ein hinterhältiges Wesen ist in Nudin eingefahren, das ihn verändert, ihn mächtiger und böser werden lässt. Nudin hat sich zu Nôd’onn gewandelt und will die anderen Magier vernichten. Er entzieht ihnen bei dem Ritual alle Magie und tötet sie. Anschließend widmet er sich auch den Magierschülern, doch eine Maga überlebt – gerettet von ihrem treuen Diener.

In einer anderen Geschichte lernen wir den Zwerg Tungdil kennen, der bei den Menschen aufgewachsen ist. Er lebt bei dem Magus Lot-Ionan und hat bei den Menschen echte Freunde gefunden, doch auch Feinde. So kommt es eines Tages zum Streit mit einem Menschen. Wichtige Zauberformeln werden dabei zerstört und Lot-Ionan schickt Tungdil daraufhin auf eine lange Reise. Im Herzen weiß er, dass der Zwerg unschuldig war und möchte ihm mit dieser Reise auch die Gelegenheit geben, andere Zwerge kennen zu lernen und das geborgene Land zu sehen.

Unterwegs erlebt Tungdil allerlei Abenteuer, spannend wird es allerdings erst, als er die Zwergenzwillinge Boëndal und Boïndil kennenlernt. Die beiden sind auf der Suche nach einem geeigneten Thronfolger für die Zwerge. Der Großkönig ist alt geworden und sieht seinen letzten Tagen entgegen, doch der einzige Thronanwärter – Gandogar – ist auf Krieg mit den Elben aus, was einige tapfere Zwerge wie Balendilín verhindern wollen. Also hat er die beiden Brüder ausgeschickt, um Tungdil aufzugreifen. Doch bevor Tungdil als Thronfolger anerkannt wird, stehen ihm und seinem Widersacher Gandogar einige Prüfungen ins Haus, in denen sich der echte Thronfolger beweisen muss. Es steht zwei zu zwei, als die letzte Aufgabe gezogen wird – eine, die Tungdil sich erdacht hat. Auf seinen Reisen hat er erlebt, wie das Tote Land Einzug in das Geborgene Land genommen hat. Er weiß von Nôd’onns Verrat und kennt einen Weg, ihn zu zerstören: Eine Feuerklinge muss geschmiedet und gegen den bösen Magus gerichtet werden. Und so besteht die letzte und entscheidende Aufgabe der Thronanwärter darin, sich auf eine lange und gefährliche Reise zu begeben, um die Feuerklinge zu schmieden und den bösen Magier zu vernichten.

Um diese Aufgaben zu erfüllen, darf jeder der beiden Zwerge sich eine kleine Reisegruppe zusammenstellen. Tungdil nimmt selbstverständlich die beiden Brüder Boëndal und Boïndil mit, die ihm bereits mehrfach das Leben gerettet haben, außerdem entscheidet er sich für den ständig betrunkenen Steinmetz Bavragar und den ängstlichen Edelsteinschleifer Goïmgar, der permanent im Clinch mit der Reisegruppe liegt, da er sich an Kämpfen nicht beteiligt und offen zum Ausdruck bringt, dass er einzig Gandogar unterstützt und ihm Tungdil verhasst ist. Unterwegs sammeln sie noch einige weitere Gefährten auf, und Boïndil erhält viele Gelegenheiten, sich ins Schlachtgetümmel zu stürzen. Denn es steht schlecht um das Geborgene Land, das Böse breitet sich immer schneller aus, und die Zwergengruppe ist die einzige Hoffnung …

_Zwerge sind cool_

Bislang hielt ich Zwerge für eher komische Wesen, die für mich wenig Reiz besaßen. Für mich waren das einfach nur die bärtigen Wesen, die sich am liebsten in unterirdischen Höhlen aufhalten. Doch Markus Heitz spendiert den Zwergen ganz neue Facetten. Natürlich halten sich auch seine Zwerge am liebsten unterirdisch auf – auch wenn sie sich nicht gerne als Unterirdische bezeichnen lassen. Heitz verleiht nicht nur allen Bevölkerungsgruppen Charakteristika, sondern auch jeder einzelnen Figur und vor allem jedem einzelnen Zwerg. Bei ihm teilen sich die Zwerge in fünf Gruppen, die alle unterschiedliche Talente haben: Die einen können gut schmieden, die anderen gut Diamanten schleifen und die dritten kämpfen, und zwar am liebsten gegen ihre Artgenossen. Natürlich mögen die Zwerge keine spitzohrigen Elben, manche würden sogar am liebsten in den Krieg gegen die Elben ziehen. Die Elben bleiben ein wenig blass im Buch, da sie nur ganz am Rande auftauchen, viel interessanter sind da schon die Alben, die schwarzäugigen bösen Elben, die den Zwergen an die Wäsche wollen. Alben sind durch und durch böse und unterscheiden sich vor allem durch ihre schwarzen Augen von normalen Elben. Daneben tauchen natürlich die anderen bekannten Bevölkerungsgruppen auf: Orks und Oger, Menschen und Magier, Gnome und ein paar andere, die tapfer für das Böse in die Schlacht ziehen.

Was das Buch ausmacht, sind die ausgefeilten Charakterzeichnungen. Bei Markus Heitz ist jeder Zwerg individuell. Tungdil ist bei den Menschen aufgewachsen und kennt Zwerge nur aus den Büchern. Dementsprechend belesen ist er auch und wird daher gerne als der Gelehrte tituliert. Er ist schüchtern gegenüber Zwergenfrauen, da er sie erst spät kennenlernt, er muss das Kämpfen noch lernen, aber Schmieden kann er wie ein echter Zwerg – was er ja auch ist. Boïndil ist hitzköpfig und braucht regelmäßig Schlachten gegen Orks, sonst wird er unausstehlich. Er liebt das Schlachtengetümmel und meidet nicht einmal die auswegloseste Situation. Ganz anders dagegen sein Bruder Boëndal, der deutlich besonnener und freundlicher ist. Er versucht stets, seinen Bruder im Zaum zu halten und zu vermitteln. Mit am besten gefallen hat mir der ewig betrunkene Bavragar. Einst war er der beste Steinmetz der Zwerge, er hat bislang unübertroffene Kunstwerke geschaffen, doch dann ist er dem Alkohol verfallen. Seine Hände zittern und er schafft es nicht mehr, sein Handwerk auszuüben. Dafür hat er stets ein Liedchen auf den Lippen und genießt sein Leben in vollen Zügen. Nur beim Zwergenvolk ist er nicht mehr glücklich, da sein Schicksal dort zu öffentlich ist. Er wünscht sich, sein Lebenswerk zu krönen und dann nicht mehr zu den Zwergen zurückzukehren. Alle diese Figuren gestaltet Markus Heitz gekonnt aus; wir lernen die Zwerge und ihre Eigenarten immer besser kennen, bis sie zu wahren Freunden werden. Was Heitz hier schafft, ist wahrlich meisterhaft.

_Kommt Zeit, kommt Spannung_

Zu Beginn lässt Markus Heitz sich viel Zeit, um die Figuren vorzustellen und in die Geschichte einzuleiten. Er stellt erst ausführlich die handelnden Figuren vor, beschreibt die Situation und versetzt uns in seine Welt. Das dauert mitunter schon recht lange, ohne dass die Geschichte ins Rollen kommt. Die ersten knapp 200 Seiten ziehen sich daher ein wenig hin, was ich aber mehr als verzeihlich finde in Anbetracht dessen, was man dafür später geboten bekommt, und angesichts der Tatsache, dass er mit diesem Buch in seine Zwergenreihe einleitet. Der Spannungsbogen setzt demnach später an, ist dann aber durchaus gelungen. Die Situation für Tungdils Reisegruppe wird immer gefährlicher und auswegloser, sodass man immer mehr mit ihr mitfiebert. Je länger man liest, umso mehr versinkt man in der Welt der Zwerge und umso schwieriger ist es, das Buch noch aus der Hand zu legen.

Gleichzeitig schafft Markus Heitz es, die Landschaften und Situationen dermaßen plastisch zu beschreiben, dass sie uns direkt vor Augen stehen. Dies macht er aber, ohne zu langweilen. Nie hatte ich das Gefühl, dass ich über eine Landschaft, über eine Höhle oder eine Stadt zu viel erfahre, er streut seine Beschreibungen so geschickt in die Geschichte ein, dass es ein stimmiges Ganzes wird, das fasziniert. In diesem Buch kann man vollkommen versinken, wenn man sich erst einmal auf die Geschichte einlässt.

_Die erste Schlacht der Zwerge_

Insgesamt ist das vorliegende Buch mehr als gelungen. Wer die ersten 200 Seiten übersteht und sich durch die lange Einleitung „hangelt“, dem bietet Markus Heitz viel: faszinierende Charaktere, spannende Schlachten, böse Gestalten, viele Intrigen und bildhafte Beschreibungen. „Die Zwerge“ machen Lust auf mehr und verleiten definitiv dazu, gleich zum nächsten Buch zu greifen, um zu erfahren, wie es mit unseren zwergischen Helden weitergeht!

|635 Seiten, kartoniert
überarbeitete Neuausgabe
ISBN-13: 978-3-492-70076-4|
http://www.piper-verlag.de

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http://www.zwergenreich.at
http://www.geborgene-land.de

_Markus Heitz auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Ritus“ 2351 (Buch)
[„Ritus“ 3245 (Hörbuch)
[„Sanctum“ 2875 (Buch)
[„Sanctum“ 4143 (Hörbuch)
[„Die Mächte des Feuers“ 4655 (Lesung)
[„Die Mächte des Feuers“ 2997
[„Kinder des Judas“ 4306
[„Die Zwerge“ 2823
[„Die Zwerge“ 2941 (Hörbuch)
[„Die Rache der Zwerge“ 1958
[„Der Krieg der Zwerge“ 3074
[„Schatten über Ulldart“ 381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“ 1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„05:58“ 1056 (Shadowrun)
[„Die dritte Expedition“ 2098

Hesse, Andree – Schwester im Jenseits, Die

Andree Hesse hat sich in Deutschland zunächst einen Namen als Übersetzer gemacht, doch gleich sein erster eigener Kriminalroman „Der Judaslohn“ ließ Kritikerherzen höher schlagen und brachte Hesse als Nachfolger Mankells ins Spiel. Hesses Krimiheld Arno Hennings hat einfach zu viele Ähnlichkeiten mit dem gebeutelten Kurt Wallander, als dass die Parallelen nicht auffielen, und auch in Hesses jüngstem Krimi „Die Schwester im Jenseits“ beweist er wiederum, dass er nicht nur sympathische Figuren zeichnen, sondern auch einen spannenden Krimi mit brisant politischem Hintergrund aufs Papier zaubern kann.

_Aus zwei Kriminalfällen mach‘ einen_

Es ist Neujahr in Celle, und der junge Kurde Mehmed Duman wartet auf einem Parkplatz auf seine weibliche Verabredung. Dass er zittert, liegt nicht nur an der eisigen Kälte in Norddeutschland, sondern auch an Mehmeds mulmigen Gefühlen, wenn er an seine Verabredung denkt. Doch die Frau taucht nicht auf, stattdessen trifft Mehmed eine tödliche Kugel. Als die Polizei Drogen in seinem Auto findet, fällt der Verdacht gleich auf das Drogenmilieu, denn Mehmed war erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen Drogenmissbrauchs eingesessen hatte.

Von all dem ahnt Arno Hennings noch nichts, als er auf dem Rückflug von Danzig nach Hamburg sitzt. Über Weihnachten hatte er seine Freundin Aglaja und den gemeinsamen Sohn Andrzej besucht. Die Stimmung während des Besuches war allerdings mehr als getrübt, die Beziehung zwischen Arno und Aglaja erweist sich als immer schwieriger und Arno glaubt auch nicht mehr an Aglajas Rückkehr nach Deutschland. Kaum trifft er wieder in Celle ein, wartet allerdings zunächst Ablenkung auf Hennings. Schon auf dem heimischen Bahnhof trifft er auf seinen Kollegen Karsten Müller, der ihm von dem toten Kurden berichtet.

Zunächst scheinen die Ermittlungen eindeutig, doch je weiter die Polizisten in den Fall eintauchen, umso verwirrender wird er. Kurz darauf greifen einige Rechtsradikale zwei yezidische Kurden an. Aus dem Angriff wird schnell eine Massenschlägerei, bei der Arno Hennings unter Einsatz seines eigenen Lebens das eines Kurden retten kann. Und wo immer Hennings ermittelt, wohin auch immer er geht, eine Frau taucht immer wieder auf – Ronahi Duman, die Schwester des Toten, von der Arno Hennings auf den ersten Blick fasziniert ist.

Bevor die Polizisten der Lösung des Falls näherkommen, wird die Celler Kripo vom Fall abgezogen. Als kurz darauf der angesehene Chirurg Dr. El Tahir verschwindet und Arno wieder an einem Fall ermittelt, findet er schnell einige Parallelen zwischen den beiden Ereignissen und muss erkennen, dass die jungen Kurden beide Male der Schlüssel zur Lösung sind …

_Kein guter Start ins neue Jahr_

Das Jahr ist noch jung, als die Celler Polizisten in einem neuen Fall ermitteln müssen. Zunächst ist alles klar, Drogenhändler haben sich an Mehmed Duman gerächt. Aber natürlich ist bei Andree Hesse nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das erkennt auch bald Arno Hennings, der sich in die Arbeit stürzt, um nicht über seine gescheiterte Beziehung zu Aglaja nachdenken zu müssen. Kaum ist er nämlich wieder in Celle angekommen, erreicht ihn ein Anruf aus Danzig, bei dem Aglaja ihm mitteilt, dass sie sich in einen Autohändler verliebt hat und nicht gedenkt, jemals wieder zurück nach Deutschland zu kommen. Arno hatte es befürchtet, doch offen ausgesprochen, trifft ihn die Wahrheit wie ein Messerstich mitten in die Brust. Sein einziger Trost in dieser Situation ist seine geliebte Hündin Basta, die er nach seinem Besuch in Danzig endlich wieder bei seinem Cousin abholen kann.

Bei Arno bricht einiges zusammen; die Frau seines Cousins vertraut ihm an, dass sie gedenkt, ihren Mann zu verlassen, weil sie nicht mehr an ihre Ehe glaubt, und auch auf eine alte Bekannte trifft Hennings wieder, nämlich auf Emma Fuller, die er bei früheren Ermittlungen kennengelernt hat, die wir ihn „Der Judaslohn“ nachlesen können. Die aktuellen Ermittlungen führen Hennings zu einem ehemaligen Soldaten, zu dem er mit Emmas Hilfe Kontakt herstellen will. Emma ist einsam und hat von Arnos Problemen mit Aglaja gehört. Als sie versucht, sich an Hennings heranzumachen, weist dieser sie allerdings brüsk zurück, was ihm im Nachhinein schon wieder leid tut, doch bei Arno Henning ist zurzeit einfach der Wurm drin.

Ähnlich gebeutelt scheint er uns wie unser aller Freund Kurt Wallander. Die Ähnlichkeiten setzen sich fort, denn auch Arno ist nun ein verlassener Mann, der seinem Kind hinterhertrauert, zu dem er kaum Kontakt haben kann. Er ist einsam, aber auch etwas kauzig, sodass andere Menschen es nicht leicht haben, sich ihm überhaupt zu nähern. Andree Hesse gibt seinem Krimihelden Arno Hennings immer mehr Profil, er baut sein Leben immer mehr aus, sodass er zu einem festen Bestandteil dieser Krimireihe geworden ist. Alle anderen Figuren verblassen neben Arno Hennings, sodass ich jetzt kaum etwas über seine Kollegen sagen könnte. Das finde ich schon etwas schade, denn zu sehr sollte man ein Buch oder eine ganze Reihe nicht auf einer einzigen Figur aufbauen.

_Heiße Kämpfe bei eisigen Temperaturen_

Eine Stärke von Andree Hesse ist ganz klar seine Fähigkeit, einen spannenden und komplexen Plot zu konstruieren. Seine Geschichte beginnt im Jahr 1987 im Irak, wo wir die kleine Nasira kennen lernen. Ihren Vater hat sie bereits verloren, doch nun haben Soldaten ihr Dorf überfallen und erschießen vor ihren Augen auch noch die geliebte Mutter. Mit ihrem Onkel und den anderen Dorfbewohnern flieht Nasira vor den feindlichen Soldaten, aber die Flucht ist schwer und fordert weitere Opfer. Die Menschen haben wenig zu essen und zu trinken, und Nasiras Tante bekommt mitten auf der Flucht auch noch ein Baby. Außerdem muss Nasira die meiste Zeit ihre kleine Schwester tragen, die selbst noch zu klein ist, um die Strapazen des Weges zu ertragen. Immer wieder schaltet Hesse zurück zu Nasira, die zu einer kurdischen Freiheitskämpferin wird. Es ist ganz klar, dass in ihrer Person die Lösung des Falles liegt, doch was Nasira mit den Kriminalfällen in Celle zu tun hat, erfahren wir natürlich erst ganz zum Schluss.

Hesse hat sich wieder einige brisante Themen für seine Geschichte herausgepickt. So schreibt er nicht nur über die Kriegsgräuel und die Flucht der Kurden im Irak, sondern er thematisiert auch den Fremdenhass und die Probleme der Kurden in Deutschland. Aber auch generell die Einwanderungsproblematik diskutiert Hesse, nämlich in der Person El Tahirs, der angeblich aus dem Libanon stammt. Das allerdings ist extrem praktisch, denn Flüchtlinge aus dem Libanon werden nicht abgeschoben, da sie von ihrem Land nicht wieder aufgenommen werden. Kommt El Tahir also gar nicht aus dem Libanon? Aber wer ist er wirklich? Und was hat ihn veranlasst, aus seiner Heimat zu fliehen und in einer kleinen Stadt in Norddeutschland ein neues Leben aufzubauen? Genau diese Frage wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Wie Andree Hesse uns seine Lösung präsentiert, ist absolut gelungen. Zwar ist er nicht gerade ein Meister des Spannungsbogens, aber seine Konstruktionen überzeugen dennoch. Vielleicht mögen es am Ende zu viele Zufälle sein, die die beiden Fälle in Celle miteinander verbinden, aber das verzeiht man Hesse dann schnell. Von selbst wird man als Leser wohl nicht auf die Lösung kommen, doch hält Hesse uns bei der Stange, indem er immer neue Informationen einstreut, die uns allerdings mehr verwirren als Klarheit zu schaffen.

Etwas Entwicklungspotenzial sehe ich noch im Spannungsaufbau, denn obwohl das Buch gut zu lesen ist und mich auch sehr schnell interessiert hat, wird die Handlung erst zum Schluss hin so packend, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Hesse versucht es mit einigen Cliffhangern, wie auch sein schwedisches Vorbild Mankell es immer wieder praktiziert hat, doch überzeugen diese bei Hesse nicht. Oft genug erkennt Arno Hennings nämlich, dass er etwas Entscheidendes übersehen hat, dass ihm eine Person bekannt vorkommt, er sie aber nicht zuordnen kann oder dass er das Gefühl hat, etwas Wichtiges übersehen zu haben (das kommt Mankell-Fans bekannt vor, nicht wahr?). Doch die Auflösung gibt es manchmal so gut wie gar nicht oder sie führt eher zu einem Stirnrunzeln. So findet er beispielsweise in einer Szene den Personalausweis einer wichtigen Zeugin und hat sofort ein Aha-Erlebnis. Und zwar hat Hennings auf den ersten Blick erkannt, dass sie nicht die Schwester ihres angeblichen Bruders sein kann, da nur wenige Monate zwischen ihren Geburtstagen liegen. Ehrlich gesagt fand ich es allerdings nicht schlüssig, dass Hennings sämtliche Geburtstage der handelnden Figuren sofort parat hat. Eine Kleinigkeit, über die man hinwegsehen kann, aber es sind mehrere solcher Szenen, die mitsamt dem verbesserungswürdigen Spannungsbogen den Gesamteindruck ein wenig trüben.

_Eine turbulente Woche geht zuende_

Nur eine Woche dauern die Ermittlungen an, dann ist die Lösung schon klar. Kaum zu glauben, wie viel in dieser kurzen Woche in Celle passiert ist. Aber obwohl die Polizei anfangs ziemlich im Dunkeln getappt ist, haben einige glückliche Zufälle dazu geführt, dass beide Kriminalfälle schnell aufgeklärt werden konnten. Andree Hesses dritter Kriminalroman rund um Arno Hennings gefällt gut, muss allerdings einige Abstriche in der B-Note hinnehmen. Hesses Versuche, die Spannung zu steigern, wirken manchmal etwas unbeholfen, dabei hat er es eigentlich kaum nötig, ungeschickte Cliffhanger einzubauen, da sein Plot wirklich gut gefällt. Thematisch und personell punktet Hesse, und auch sein Schreibstil gefällt gut, wobei er hier aber noch nicht mit Mankell gleichziehen kann. Hesses Bücher machen bei der Lektüre schon etwas „Arbeit“ und lesen sich nicht von alleine, wie es mir bei Mankell praktisch immer ergangen ist. Dennoch hat Andree Hesse mit seinem nunmehr dritten Arno-Hennings-Krimi bewiesen, dass er konstant gelungene Romane abliefert – Glückwunsch.

http://www.rowohlt.de/

_Andree Hesse auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Judaslohn“ 1213
[„Das andere Blut“ 3044

Kalla, Daniel – Rage – Die Therapie

Bislang war Daniel Kalla bekannt für seine rasanten Bioterrorismus-Thriller „Pandemie“ und „Immun“, doch nun widmet er sich einem ganz neuem Thema, nämlich der Psychotherapie. Nachdem die beiden Bestsellerautoren Sebastian Fitzek und John Katzenbach damit überaus erfolgreich waren, erscheint dies fast logisch, doch ob Kalla an die Erfolge anderer Thrillerautoren anknüpfen kann, wollen wir uns erst einmal genauer ansehen …

_Reif für die Therapie_

Dr. Joel Ashman hat früher als Psychiater praktiziert, doch seit einiger Zeit arbeitet er als Profiler für die Polizei. Als sein ehemaliger Kollege und Partner Dr. Stanley Kolberg brutal ermordet aufgefunden wird, ist es Ashman, der an den Tatort gerufen wird, um dort die Spuren zu deuten und ein Täterprofil zu entwerfen. Getötet wurde Kolberg durch eine Kugel, die seinen Hals gestreift und dabei die Halsschlagader aufgerissen hat. Nur wenige Sekunden blieben Kolberg danach noch, doch posthum wurden ihm schlimmste Verletzungen zugefügt. Der Täter muss Kolberg gehasst haben. Und da der Psychiater sich auf Aggressionstherapie spezialisiert hatte, fällt der Verdacht gleich auf einen seiner Patienten. Doch wer kommt für diese schreckliche Tat in Frage? Neben Ashman versuchen die beiden ermittelnden Beamten – Ethan Devonshire, der von allen Dev genannt wird, und Claire Shepherd -, genau das herauszufinden.

Die Polizisten versuchen, an Kolbergs Patientenakten heranzukommen, doch das erweist sich schwieriger als gedacht. Nach und nach kristallisieren sich allerdings einige ehemalige Patienten heraus, die ein Motiv gehabt hätten, Kolberg umzubringen. Auch Kolbergs Partner Calvin Nichol verhält sich höchst verdächtig. Eines Abends taucht er bei Ashman auf und will ihn warnen, seine Nase nicht in höchst gefährliche Angelegenheiten zu stecken. Kurz darauf entkommt Ashman nur knapp einem Anschlag auf sein Leben. Was weiß er, das er nicht hätte wissen dürfen? Ashman tappt im Dunkeln und muss um sein Leben fürchten.

Nach und nach treten immer mehr Verdächtige auf den Plan. Ashman erinnert sich an den Fall Angela Connor, eine ehemalige Patientin von ihm, die nach einem Selbstmordversuch bei ihm in Behandlung war. Schlussendlich hat sie sich von einer Brücke gestürzt, und es ist offensichtlich, dass Ashman sich nach wie vor die Schuld an ihrem Tod gibt. Was aber hat der alte Fall Connor mit Kolbergs Tod zu tun? Gibt es hier eine Verbindung?

_Wer ist hier eigentlich krank?_

Daniel Kalla verliert in „Rage“ keine Zeit: Gleich zu Beginn betreten wir den grausigen Tatort, an dem Kolberg literweise Blut verloren hat. Wir lernen die Protagonisten kennen und erfahren, dass Kolberg und Ashman einst Partner gewesen sind. Umso schlimmer trifft es Ashman, seinen väterlichen Freund so aufzufinden. Aus den dürftigen Hinweisen versucht er, ein Täterprofil zu erstellen. Die Polizei befragt immer neue verdächtige Patienten, deren Namen sich kaum einprägen, weil es so viele sind. Alle haben ein Motiv, doch die meisten auch ein Alibi.

Gleichzeitig denkt Ashman immer häufiger an Angela Connor, die ihm einst in monatelanger Therapie ihr Herz geöffnet hat. In zahlreichen Rückblenden erfahren wir, was Ashman mit Angela Connor erlebt hat. Der Psychiater erinnert sich an sein erstes Zusammentreffen mit ihr, als sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Schnell erzählt sie ihm vom Missbrauch in ihrer Kindheit, doch lange braucht es, bis sie ihm anvertraut, was sie in der Therapie bei Kolberg erlebt hat. Nur Andeutungen sind es, die sie zunächst fallen lässt, doch Ashman kann kaum glauben, was er von ihr erfährt. Die Polizei ahnt nichts von Ashmans Gedanken und sie weiß auch nichts vom Fall Angela Connor. Als sie aber herausfindet, dass es Beschwerden beim Gesundheitsamt über Stanley Kolberg gegeben hat, fällt auch Angelas Name, und ihr Bruder rückt plötzlich ins Zentrum der polizeilichen Ermittlungen.

Um Angela Connor drehen sich viele Passagen des Buches, und hier baut Kalla immer mehr Spannung auf, da man einfach wissen will, wie Angela ums Leben gekommen ist und was sie bei Kolberg erlebt hat. Der hatte nämlich einige Leichen im Keller, wie die Autopsie schließlich ans Tageslicht gebracht hat: Sein Leichnam weist zahlreiche Spuren auf, die auf regelmäßige SM-Aktivitäten hindeuten. Nach und nach erfahren wir, was Kolberg in seinem Leben getrieben hat und bleiben sprachlos zurück. Nur leider geht Kalla meiner Meinung nach einen Schritt zu weit: Die Geschichte, die er hier zeichnet, baut sich zunächst schlüssig auf, doch ab einem gewissen Punkt erscheint sie mir zu unglaubwürdig. Schade, denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Spannungsbogen durchaus gelungen.

Recht früh wird darüber hinaus klar, was hier gespielt wurde, und die einzige Frage, die noch zu klären ist, ist die nach dem Mörder Kolbergs. Aber auch hier gibt uns Kalla genügend Hinweise, um frühzeitig den wahren Täter zu entlarven. Überraschungen gibt es daher gen Ende keine mehr, sodass das große Finale etwas verpufft – schade eigentlich.

_Therapie erfolgreich?_

Während das Buch am Ende vor sich hinplätschert, tragen leider die Charaktere die Handlung nicht weiter. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Joel Ashman, der den ermordeten Kolberg sehr gut kennt, da er jahrelang sein Partner gewesen ist und da Kolberg ihm ins Leben zurück geholfen hat, nachdem Kolbergs Frau tragisch ums Leben gekommen war. Erst später erzählt uns Kalla, was Ashmans Frau passiert ist und was dieser bereits in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat. Das ist dann auch der Punkt, an dem Kalla ins Absurde abdriftet. Ashmans Vergangenheit ist zu tragisch, zu übertrieben, seine Lebensgeschichte zu tränenreich, als dass sie authentisch wirken könnte. In seinem Leben ist praktisch alles schiefgegangen, was nur schiefgehen kann, doch natürlich stellt Kalla seinem tragischen Helden eine Frau an die Seite, die ihn wieder aufrichten soll. Und das ist Claire Shepherd, die ebenfalls gezeichnet ist, da ihr Mann ihr übel mitgespielt hat. So nähern die beiden sich nur zaghaft an, die gebrannten Kinder scheuen das Feuer und können doch irgendwann nicht voneinander lassen. Somit bekommt der Leser dann auch noch die unausweichliche Liebesgeschichte zu lesen, bei der Kalla sich nicht einmal zu schade ist, auch noch einen Hund einzubauen, der eigentlich Ashmans Frau hinterhergetrauert hat, sich aber nun ebenfalls auf den ersten Blick in die neue Frau in Ashmans Leben verliebt. Kitschiger geht es kaum.

Was Kalla hier aus seinem Nähkästchen zaubert, hat schon Rosamunde-Pilcher-Qualitäten, die ich wahrlich in keinem Thriller zu lesen bekommen möchte. Diese Rahmengeschichte trieft vor Kitsch und steht damit in krassem Gegensatz zum brutalen Mord, den es aufzuklären gilt. Für meinen Geschmack bedient sich Daniel Kalla in vielerlei Hinsicht zu vieler Klischees, die auch schließlich das Fass zum Überlaufen bringen.

_Therapie nicht gelungen, Psychiater tot_

Unter dem Strich bleibt doch Enttäuschung zurück. Während die Geschichte durchaus Potenzial hat und die Erzählung um Angela Connor vielversprechend beginnt, schafft Kalla schlussendlich nicht die Gratwanderung zwischen einer packenden, aber auch glaubwürdigen Story. Seine Figuren gleichen Schablonen aus einem Kitschroman, die uns nicht einmal sonderlich sympathisch werden. Der Spannungsbogen beginnt gut, flacht dann allerdings angesichts der vielen Schnitzer deutlich ab, sodass das Buch gen Ende nur noch vor sich hinplätschert. Die Idee war gut und auch der flüssige Schreibstil gefällt, doch am Ende bleibt das Buch doch nur im Mittelmaß stecken.

http://www.heyne.de

_Daniel Kalla auf |Buchwurm.info|:_
[„Pandemie“ 2192
[„Immun“ 3761

Sohn, Amy – Sex and the City

Carrie Bradshaw, Miranda Hobbes, Charlotte York und Samantha Jones sind die Heldinnen meiner Endzwanziger. Die vier verkörpern wahre Freundschaft unter Frauen – ganz ohne den viel zitierten Zickenkrieg, aber natürlich nicht ohne Männer, nicht ohne Mode und natürlich nicht ohne Sex. Mit ihnen zusammen habe ich viele Stunden vor dem Fernseher verbracht, habe mit ihnen gelitten, mich mit ihnen gefreut und mich mit ihnen verliebt. Und wer wie ich einen dicken Kloß im Hals hatte, als Carrie am Ende von Staffel sechs die alles entscheidende SMS von Mr. Big bekommen hat, in der wir erstmals seinen wahren Namen lesen konnten, der dürfte sich ebenso sehr auf den Film gefreut haben, der in diesem Sommer nun endlich unsere Kinos geentert hat. Pünktlich zum Kinostart erschien bei |Schwarzkopf & Schwarzkopf| das Buch zum Film, das mit zahlreichen Hochglanzfotos aufwarten kann und den Fan viele Filmszenen nochmals Revue passieren lässt.

_Hochzeit mit Hindernissen_

Carrie ist immer noch glücklich mit ihrem Mr. Big. Zusammen suchen sie in New York ein Apartment, doch das stellt sich genauso schwierig heraus wie die Suche nach der Liebe. So sind sie gespannt auf die 33. Wohnung, die sie sich ansehen, doch auch die ist ein echter Reinfall. Aber im gleichen Haus ist noch eine weitere Wohnung frei, das Penthouse. Und genau dort fühlt sich Carrie wie im Immobilienhimmel. Die Wohnung ist ihr absoluter Traum und hat nur einen einzigen Haken: einen winzigen Kleiderschrank! Doch Big verspricht ihr, die Finanzierungsprobleme zu lösen und ihr einen größeren Kleiderschrank zu bauen.

Als Carrie ihren langjährigen Freundinnen von der traumhaften Wohnung erzählt, kommen ihr Zweifel, denn was passiert, wenn die Beziehung doch scheitert und sie aber ihre eigene Wohnung aufgegeben hat? Diese Zweifel unterbreitet sie abends beim gemeinsamen Kochen ihrem „alten Freund“ Big. Und schneller als Carrie je gedacht hätte, beschließen die beiden, dann eben zu heiraten. Damit beginnen die großartigen Planungen zur Hochzeit des Jahres. Carrie wird eingeladen zu einem Brautmodenshooting für die |Vogue|. Eigentlich wollte sie ja in einem ganz schlichten Kostüm aus dem Second-Hand-Laden heiraten, doch dann verliebt sie sich in ein Kleid von Vivienne Westwood, das ihr die Designerin auch tatsächlich schenkt. Carrie schwebt auf Wolke neun. Doch wovon sie nichts ahnt: In Big keimen die ersten Zweifel, ob es wirklich noch um die beiden geht oder nur um ein großes Event. So kommt es, wie es kommen muss: Der Tag der Hochzeit ist gekommen, doch wer nicht kommt, ist Big …

Aber auch Carries Freundinnen haben einiges durchzumachen: In Mirandas Ehe ist eigentlich alles in Butter – dachte sie zumindest, bis Steve sich beschwert, dass sie schon seit Monaten nicht miteinander geschlafen haben. Das wiederum war der erfolgreichen Karrierefrau gar nicht bewusst. Doch es kommt noch schlimmer: Bald darauf gesteht Steve ihr einen Seitensprung. Daraufhin zieht Miranda kurz entschlossen mit dem gemeinsamen Sohn Brady aus. Auch bei Samantha regen sich erste Zweifel, ob die Beziehung mit Smith noch das Richtige ist für sie. In ihrem Leben, das früher nur auf sie fixiert gewesen ist, dreht sich seit Jahren alles nur noch um ihren Freund. Das schmeckt ihr gar nicht, zumal ihr gutgebauter Nachbar jede Nacht mit einer (oder zwei) anderen Frau(en) im Bett landet. Nur bei Charlotte ist noch keine Gewitterwolke am Ehehimmel aufgezogen, ganz im Gegenteil – das Schicksal hält eine wundervolle Überraschung für sie parat …

_Von Kopf bis Fuß in Liebe eingehüllt_

Auf rund 180 Seiten kann der Leser den gesamten Film und in stark verkürzter Form auch die sechs Staffeln von SATC Revue passieren lassen. Zunächst bekommen wir zwei Vorworte zu lesen – eins vom Drehbuchautor Michael Patrick King, der die Entstehung des Drehbuchs schildert, und eins von Sarah Jessica Parker höchstpersönlich, die ihre Vorbereitungen auf den Filmdreh beschreibt. Anschließend geht es um die Entstehungsgeschichte des Filmes, wir erfahren, wie die extravaganten Brautkleider für Carries |Vogue|-Shooting ausgewählt wurden, welche Schwierigkeiten es gab, an Carries Schreibtisch und diverse Outfits zu gelangen, und wir können lesen, wie Fans und Journalisten die Dreharbeiten lahmgelegt und die Filmemacher versucht haben, möglichst viel vom Film geheimzuhalten.

Nach dieser kurzen Einstimmung geht es direkt in die Handlung. Zu jeder Staffel der Serie gibt es einen einseitigen Abriss mit ausgewählten Fotos. Der natürlich größte Teil des Buches widmet sich aber ausführlich dem aktuellen Kinofilm (Achtung an alle Fans: Wer den Film noch genießen möchte, sollte |erst| den Film schauen und dann das Buch lesen). Viele DIN-A4-große Hochglanzfotos zeigen die schönsten Szenen des Filmes. Ergänzt werden die Fotos von einem kurzen Text, der beschreibt, was in der jeweiligen Szene geschieht. Außerdem gibt es dort einige Eindrücke der Schauspielerinnen, des Drehbuchautors oder der Kostümdesigner zu lesen, die interessante Hintergrundinfos zu bieten haben. In den Texten finden sich zwar viele Dinge, die man aus dem Film schon kennt, dennoch sind hier auch viele kleine und nette Details zu entdecken, die mir im Kino entgangen waren. So malt Carrie in Lilys Bilderbuch die Schuhe von Cinderella blau aus – ein Hinweis auf die blauen Manolos, die in ihrem überdimensionalen Schuhschrank im Penthouse stehen und am Ende des Filmes noch eine große Rolle spielen. Oder wir erfahren, dass Sarah Jessica Parker sich in einen Gürtel – der den Spitznamen Roger erhält – so sehr verliebt hat, dass sie ihn gleich in mehreren Szenen und zu mehreren Outfits (insgesamt trägt sie 80 während des Filmes!) trägt, bis man ihn ihr wegnimmt …

Was mir besonders gut gefallen hat, sind die schönsten Zitate des Filmes („Ewig dein. Ewig mein. Ewig uns“); hier kann man sich nochmal bestens an die Filmszenen erinnern und im Gedächtnis die ganzen Szenen durchspielen – herrlich! Durch das Buch habe ich nun noch mehr schöne Zitate im Kopf als nach dem Kinobesuch.

Merkwürdig fand ich allerdings, dass ich einige Szenen aus dem Buch im Film nicht gefunden habe. Vermutlich sind also nach dem Druck des Buches noch einige Szenen der Schere zum Opfer gefallen! Ich kann mich zum Beispiel definitiv nicht daran erinnern, Charlotte und Harry in Kostümierung gesehen zu haben, und ich denke, Harry als Fester aus der Addams Family hätte man kaum vergessen können, wenn die Szene im Film aufgetaucht wäre. Auch wurden manche Szenen im Buch nicht völlig korrekt beschrieben; so ging Carrie gen Ende des Filmes in das Apartment, um ihre Manolos zu retten, nicht, um Big zu treffen. Doch dies trübt den Gesamteindruck dieses farbenprächtigen und informativen Buches nicht wirklich.

Der Schluss des Buches widmet sich – nach den Männern und der Liebe – dem nächstwichtigen Thema der gesamten Serie, nämlich der Mode. Nach einer kurzen Einleitung, in der wir erfahren, welche Gedanken sich die Kostümdesigner gemacht haben, um die vier Frauen ihrem Alter, ihrem Charakter und ihrer Lebenserfahrung entsprechend passend einzukleiden, und welche Designer alle vertreten sind, findet sich auf den nächsten Seiten für jede der vier Hauptdarstellerinnen eine Fotostrecke, auf der all die Outfits aus dem Film mit Angabe der jeweiligen Designer zu sehen ist. Für mich nicht unbedingt interessant, da ich nicht vorhabe, auch nur eines der Teile nachzukaufen, dennoch nett anzusehen, zumal ich gestehen muss, dass ich mich an viele der Kleidungsstücke gar nicht erinnern kann – zum Teil, weil sie auch nur sehr, sehr kurz zu sehen sind. Und last but not least sind die Schauplätze des Drehs mit kurzer Beschreibung aufgeführt – ein Detail, das mir beim geplanten USA-Besuch im kommenden Jahr sicherlich nützlich sein wird, um zumindest den einen oder anderen Ort aufsuchen zu können.

_Ewig Sex and the City_

Insgesamt ist dies ein absolutes Must-have für Fans. Wer den Film gesehen hat und sich nochmal die wichtigsten Szenen in Erinnerung rufen möchte, ist hier genau richtig. In Hochglanzqualität können wir die vier Hauptdarstellerinnen nochmals bei ihren turbulenten Unternehmungen begleiten und ganz in Ruhe auf jedes Detail achten. Ich werde das Buch sicherlich noch häufig durchblättern, um die Zeit bis zum Erscheinen der DVD des Filmes zu überbrücken. Klare Kaufempfehlung!

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Croggon, Alison – Gabe, Die (Die Pellinor-Saga 1)

Fantasy-Liebhaber sind heutzutage schwer gebeutelt: J. R. R. Tolkien ist längst verstorben, sodass leider keine weiteren großartigen Werke mehr aus seiner Feder zu erwarten sind, doch immer mehr teils nicht einmal sonderlich talentierte Schreiberlinge reihen sich in die Tradition Tolkiens ein, um ein Stückchen seiner Erfolgstorte abzubekommen. Was den Fantasy-Markt flutet, ist mitunter allerdings schwer verdaulich. Wenn jemand daherkommt wie Alison Croggon, deren |Pellinor-Saga| für zwei begehrte Fantasypreise nominiert wurde und die ihre Saga ähnlich umfangreich anlegt wie Tolkien, horchen üblicherweise alle Fantasy-Fans auf, doch regt sich auch eine gewisse Skepsis …

_Von der Sklavin zur Bardin_

Maerad fristet in Gilmans Feste ein trostloses Dasein als Sklavin. Eine Flucht erscheint ihr praktisch unmöglich. Langsam fühlt Maerad, wie sie innerlich verwelkt und ihre Hoffnung auf eine Flucht immer kleiner wird. Doch eines Tages, als sie in den Kuhstall zum Melken geschickt wird, bäumt sich die Kuh auf, weil sie einen geheimnisvollen Fremden spürt, den von den „Normalsterblichen“ allerdings niemand wahrnehmen kann, da der Barde Cadvan sich unsichtbar gemacht hat. Zu dessen eigener Überraschung kann Maerad ihn allerdings sehen – denn sie trägt selbst die Gabe in sich. Da Cadvan große Kräfte in Maerad entdeckt, bietet er ihr an, ihn auf seiner eigenen gefährlichen Reise zu begleiten. Maerad kann ihr Glück kaum fassen und muss nicht lange nachdenken, denn nichts scheint ihr trostloser und auswegloser als das Leben in Gilmans Feste. So belegt Cadvan die beiden mit einem Bann, sodass sie fortan von den Blicken anderer Menschen verschont bleiben.

Ihre Flucht ist schnell bemerkt, doch weiß Cadvan die verfolgenden Hunde zu besänftigen, denn Barden können auch mit Tieren kommunizieren – eine Gabe, die Maerad bei sich selbst erst recht spät in diesem Buch entdeckt. Noch weitere Gefahren begleiten die beiden auf ihrem Weg; so will Cadvans Widersacher einen ganzen Berg über den beiden Flüchtenden zusammenstürzen lassen, und erst, als die beiden Barden ihre Kräfte zusammentun, können sie ihren Weg fortsetzen. Auch böse Werwesen greifen Maerad und Cadvan an. Doch je mehr Gefahren die beiden bedrohen, umso mehr Kräfte entdeckt Maerad an sich, was sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte fortsetzen wird.

Frieden kehrt für die beiden Weggefährten erst ein, als sie Inneil erreichen. Dort finden sie bei Silvia und Malgorn Unterschlupf, die die ausgezehrte Maerad erst einmal aufpeppeln und mit schicken Gewändern umhüllen. In Silvia findet Maerad so etwas wie einen Mutterersatz, sodass es ihr schwerfällt, Inneil wieder zu verlassen. Doch die gefährliche Reise geht für die beiden noch weiter, denn Cadvan will seinen ehemaligen Lehrer finden, außerdem soll Maerad als Bardin eingeführt werden, und die hohe Sprache muss noch in ihr erwachen. Vieles steht den beiden also noch bevor, aber natürlich wird nicht alles so einfach vonstatten gehen …

_Dieser Weg wird kein leichter sein_

Alison Croggon erzählt die Geschichte von der verlorenen Zivilisation von Edil-Amarandh und vom Rätsel des Baumlieds. Denn darum wird sich in den folgenden Bänden wohl alles drehen. Cadvan ist nämlich auf der Suche danach, um sein Land vom Bösen zu befreien, denn der Namenlose bedroht die ganze Zivilisation. Natürlich gibt es auch eine Offenbarung, in der von einer Auserwählten die Rede ist. Cadvan identifiziert Maerad schnell als die Auserwählte, doch erst, wenn sie als Bardin eingeführt wird und ihren wahren Namen erhält, wird man sehen, ob sie wirklich den richtigen Namen tragen wird und somit als Auserwählte das Böse besiegen kann.

Es sind die üblichen Zutaten, die Alison Croggon in ihrer |Pellinor-Saga| vermischt: Das Böse bedroht die Welt und nur eine kleine Ansammlung von Menschen versucht, das Böse abzuwenden, steht aber auf recht verlorenem Posten da. Doch verspricht eine Offenbarung Rettung durch eine bislang unbekannte Auserwählte, die so große Kräfte und Fähigkeiten besitzt, dass sie das Land retten kann. Und hier kommt dann auch Maerad ins Spiel, die zunächst noch nicht ahnt, welch gewichtige Rolle sie spielen soll. Cadvan ist ihr Retter, der sie zunächst allerdings in weitere Gefahren bringt. Diese lassen sich jedoch nicht vermeiden, zumal Maerad sie als angenehmer empfindet als ihre Gefangenschaft in Gilmans Feste. Cadvan mutiert zum Lehrer für die junge Magierin, die nur langsam ihre Fähigkeiten entdeckt, diese aber noch nicht gezielt einzusetzen weiß. Auch ein kostbares Instrument trägt sie bei sich, das ähnlich wie Frodos Kettenhemd aus dem „Herr der Ringe“ wertvoller ist als alles andere in dieser Welt Bekannte.

Natürlich dürfen die Bösen in dieser Saga nicht fehlen, und auch hier entdecken wir Parallelen zum „Herr der Ringe“, denn ähnlich wie dort die Orks zum Bösen mutierte Elben darstellen, treffen wir hier auf Dunkle Barden, die sich ebenfalls vom Guten abgewandt haben. Noch weitere Parallelen zum „Herr der Ringe“ tun sich auf, nämlich ausschweifende Landschaftsbeschreibungen, wie Tolkien sie geliebt hat. Doch im Gegensatz zu Tolkiens poetischen Beschreibungen, die eine märchenhafte Schönheit zu vermitteln wissen, langweilen Croggons Ausführungen immer mehr, denn was ihrem Buch fehlt, ist leider der rote Faden. Bevor sie überhaupt Spannung aufbaut und dem Leser mitteilt, worum es gehen soll, wo(durch) die Gefahr droht und wie man Abhilfe schaffen kann, begeben Cadvan und Maerad sich auf eine ewig lange Reise.

Hier geizt die australische Autorin nicht mit ellenlangen Beschreibungen – ein willkürliches Beispiel: |“Die nächsten beiden Tage ritten sie weiter durch das Moor, dem Verlauf des Flusses folgend, und hielten sich dabei so dicht wie möglich an den Bäumen. Sie sahen keinerlei Tiere und hörten nur Grillen und Frösche oder den durchdringenden Schrei eines Adlers hoch über ihnen. Da zahlreiche kleine Rücken und Rinnen das Gelände zerfurchten, kamen sie nur langsam voran. Häufig stießen sie auf seltsame Gruben, als wäre die Erde dort irgendwann gewaltsam aufgebrochen worden. Der Boden war übersät mit Quarz- und Granitbrocken, die eine fortwährende Bedrohung für die Hufe der Pferde darstellten. Das Wetter blieb kalt und grau. Immer wieder setzten frostige Regen- oder Schneeregenschauer ein, die ebenso jäh endeten, wie sie begannen. Der Wind hingegen wehte ständig: ein bitterkalter Luftstrom, der ohne Unterlass über die Anhöhen und Felsen pfiff. Die endlosen braun- und Grautöne versetzten Maerad nach und nach in eine gelangweilte Benommenheit. […]“|

Die Beschreibung geht noch einige Zeit so weiter und hat auch mich in gelangweilte Benommenheit versetzt. Croggons Schreibmuster ist sehr eintönig: Cadvan und Maerad betreten eine neue Landschaft, die ausschweifend beschrieben wird. Maerad ist erschöpft, hat allerdings eine düstere Vorahnung, die sie ihrem Begleiter nicht mitteilen möchte. Die beiden ruhen sich aus und werden von einer Gefahr bedroht, die in einem Kampf abgewendet wird. Die beiden freuen sich über den Sieg, ziehen weiter und betreten die nächste Landschaft, womit sich der Kreis schließt.

_Zwei gegen den Rest der Welt_

Im Mittelpunkt des gesamten Buches stehen Maerad und Cadvan, die sich allmählich immer besser kennen- und schätzen lernen. In einem Seelenblick entdeckt Cadvan viel Elend, das Maerad verdrängt hat. Er erfährt, wer ihre Mutter und was mit ihrer Familie geschehen ist. Später wird Cadvan allerdings eine düstere Seite offenbaren, die Maerad so viel Angst einjagt, dass ihr Vertrauen in ihn schwer erschüttert wird. Doch dieser Zwist ist schnell ausgeräumt; in einem innigen Gespräch kann Cadvan die Gewitterwolken weiterschieben, sodass ihrer weiteren Freundschaft nichts mehr im Wege steht.

Alison Croggon legt viel Wert auf ihre Charakterzeichnung, sodass wir beide Hauptprotagonisten im Laufe der Geschichte sehr gut kennenlernen. Leider jongliert die Autorin allerdings mit vielen Klischees, die man in zu vielen anderen Büchern bereits gelesen hat. Auch wirken die Charaktere reichlich weichgespült; Ecken und Kanten sind erst zu entdecken, als Cadvan von seiner eigenen Vergangenheit berichtet und einige Fehler offenbaren muss. Und auch diese wirken reichlich aufgesetzt. Insgesamt bin ich mit den beiden nicht recht warm geworden. Obwohl Maerad mich in Ansätzen an Sonea aus Trudi Canavans [„Gilde der schwarzen Magier“ 4746 erinnert hat, konnte ich mich in Maerad doch nie hineinversetzen und habe auch nicht mit ihr fühlen können.

Auch sprachlich stolpert man immer wieder über Kleinigkeiten, über Druckfehler und merkwürdige Satzkonstruktionen, bei denen ich nicht weiß, ob das Original bereits Schwächen hatte oder ob der Übersetzer diese Stolpersteine eingebaut hat. Ein Beispiel: |“Cadvan blieb auf der Hut, und Maerad unterstützte ihn trotz ihrer Müdigkeit dabei.“| Wie man jemanden dabei unterstützen kann, auf der Hut zu sein, ist mir allerdings ein Rätsel …

_Spannung, wo bist du?_

Am meisten fehlt dem Buch ein erkennbarer Spannungsbogen. Ich wusste lange Zeit nicht, worauf Alison Croggon hinauswill, und musste mich durch ellenlange Landschaftsbeschreibungen kämpfen. Erst kurz vor Schluss hatte ich das Gefühl, nun weiterlesen zu müssen, um zu erfahren, wie es weitergeht. Doch endet der erste Band der |Pellinor-Saga| genau in dem Moment, als die Geschichte ein wenig ins Rollen gekommen ist. Eine knapp 500-seitige Einleitung in ihre Tetralogie halte ich für arg übertrieben. Deutlich mehr Kürze hätte dem Buch sehr gut getan, denn in einem Wust an ausschweifenden Beschreibungen geht die eigentliche Erzählung völlig unter.

Alison Croggon schafft es leider nicht, eine Welt aufzubauen, in die man versinken kann und in der man sich wohlfühlt. Gemeinsam mit ihren beiden Hauptfiguren hetzen wir durch die Gegend, trotzen Gefahren und schauen in trostlose Landschaften. Potenzial ist erkennbar, aber was unter dem Strich herausgekommen ist, ist leider nur krampfhaft konstruiertes Mittelmaß – schade!

Writing and books


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Teltscher, Wolfgang – DeisterKreisel

Barsinghausen ist eine kleine beschauliche Stadt am Deister – südwestlich von Hannover. Bei Wolfgang Teltscher wird dieses kleine Städtchen nun Schauplatz für seinen Lokalkrimi. Dort, wo die Polizei meist nicht allzu viele Verbrechen aufzuklären hat, gilt es nun, im mysteriösen Todesfall des ehemaligen Kriminalkommissars zu ermitteln …

_Toter im See_

Viele Jahre lang war Alfred Matuschek Leiter der Kriminalpolizei in Barsinghausen, doch nun wurde er aufs Altenteil versetzt. Wehmütig sitzt er in seiner Heimatstadt am See, betrachtet die Enten und wirft seine Uhr ins Wasser, die seine Kollegen ihm zum Abschied geschenkt haben. Denn Zeit ist für ihn nicht mehr wichtig, sondern eher zur Belastung geworden. Mit seiner letzten handgeschmierten Stulle füttert er die Enten und denkt derweil über seinen Abschied von der Polizei nach und über den bevorstehenden Ruhestand. Fast vier Wochen später sitzt ein Liebespaar auf der gleichen Bank am See und küsst sich das erste Mal, doch über die Schulter ihres Begleiters hinweg sieht die junge Frau eine Leiche auf dem Wasser treiben – es ist der tote Alfred Matuschek.

Da die Polizei in Barsinghausen befangen ist, reist Kommissar Manfred Marder aus Stade an, der einst auch schon mit Matuschek zusammengearbeitet hat. Ganz auf sich allein gestellt, versucht er zunächst, sich ein Bild von Matuschek und seiner Familie zu machen. Währenddessen wartet er auf die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung, denn noch ist nicht klar, ob Matuschek gewaltsam ums Leben kam oder gar Selbstmord beging. Doch wieso sollte er sich so kurz nach seiner Pensionierung freiwillig das Leben nehmen? Auf der anderen Seite finden sich keine Zeichen der Gewalteinwirkung, und die Analyse besagt auch lediglich, dass Matuschek eindeutig ertrunken ist. Ob ihn aber jemand unter Wasser gedrückt hat oder ob es doch ein Selbstmord war, muss Marder herausfinden.

Zunächst befragt er Matuscheks Frau, seine Tochter und seinen Sohn, aber auch Matuscheks ehemaligen Arbeitskollegen und seinen einzigen Freund. Das Bild, das diese Menschen Marder von dem Toten vermitteln, scheint ausgesprochen harmonisch. Niemand weiß etwas Negatives über Matuschek zu berichten, aber schnell fängt dieses scheinbar so harmlose Bild an zu bröckeln, als Marder ein wenig daran zu kratzen beginnt. Was haben diese Menschen ihm verschwiegen? Welcher Mensch war Matuschek wirklich? Als Marder tiefer zu graben beginnt, erscheint ein ganz neues Bild des Toten …

_Täuschende Idylle_

Zunächst baut Wolfgang Teltscher eine beschauliche Idylle auf. Er präsentiert Alfred Matuschek, erzählt von seiner Pensionierung und der Abschiedsfeier mitsamt dem unpassenden Geschenk. Auch die Szene am See wirkt nachdenklich und harmonisch, nichts deutet darauf hin, dass bald etwas Schreckliches passieren wird. Als die verliebte Frau auf dem See den Körper eines Menschen treiben sieht, bricht dieses Unglück in eine hübsche Kleinstadtidylle hinein. Doch Teltscher baut zunächst noch mehr Spannung auf, denn zunächst enthält er uns vor, wer denn nun tot im See treibt. Stattdessen widmet er sich seinen weiteren Charakteren. Wir lernen Matuscheks Frau auf dem Tennisplatz kennen und erfahren, dass sie ihrem Mann offensichtlich nicht allzu treu gewesen ist und die Ehe schon längst nur noch auf dem Papier existierte. Aber auch bei der Vorstellung der beiden Kinder Bertram und Anja geht der Autor schonungslos vor. In den Augen von Vera Matuschek sind ihre beiden Kinder Versager, hatte sie ihnen doch immerhin eine großartige Karriere nach einem ordentlichen Hochschulstudium gewünscht. Doch Anja ist lieber Krankenschwester geworden und will das Geld ihren späteren Ehemann verdienen lassen, während Bertram sich als Forstwirt im Wald versteckt.

Auch Matuscheks andere Bekannte – sein ehemaliger Kollege Burt Brenner und sein einziger Freund Knut Wotowski – kommen in ihrer Vorstellung nicht allzu gut weg. Brenner freut sich einfach zu sehr, seinen ehemaligen Chef los zu sein, der in seiner eigenbrötlerischen Art und Weise nie gut mit Brenner zusammengearbeitet hat. Und Wotowski hat einen Berg Schulden bei dem kürzlich verstorbenen Kriminalkommissar, den er auch nur schwerlich zurückzahlen kann, da seine deutsche Gaststube nicht so gut läuft, wie er sich das wünschen würde.

Wolfgang Teltscher konzentriert die Lesersympathien folglich in einer einzigen Person, und zwar in der des ermittelnden Kommissars Marder, dem als Einzigen daran gelegen zu sein scheint, das Verbrechen aufzuklären. Marder quartiert sich in einer hübschen kleinen Pension ein, in der er sich auch sogleich mit der Hauswirtin anfreundet, zumal diese ihm täglich ein fantastisches und wohlschmeckendes Frühstück kredenzt. Marder ist ein Mensch, der das Leben offensichtlich genießt. Ab und an quält er sich zwar zu einer Yogastunde, doch sein Vorsatz, täglich eine Stunde Yoga zu machen, ist schnell vergessen.

Manfred Marder ist es nun, der versucht, hinter die Kulissen in Barsinghausen zu schauen. Denn auf den ersten Blick erscheint alles zu perfekt; Matuscheks Familie trauert zwar nicht um das verstorbene Familienoberhaupt, dennoch beschreiben die drei eine harmonische Familienidylle. Hier passt nichts zusammen, das merkt auch Kommissar Marder – wenn auch erst auf den zweiten Blick und nach einem wichtigen Hinweis seiner Hauswirtin.

_Beschaulich und gemächlich_

Es ist nicht gerade eine reißende Spannung, die Wolfgang Teltscher aufbaut, denn nach seinem ersten großen Spannungsmoment plätschert das Buch so vor sich hin. Wir begleiten Manfred Marder bei seinen Ermittlungen, lauschen den Befragungen und spekulieren selbst, was bloß vorgefallen sein könnte. Doch Teltscher gibt uns kaum Hinweise an die Hand, um eigenständig auf die Lösung zu kommen. Schnell ist klar, dass hinter den Masken einiges verborgen bleibt, doch ist es an Marder, diese Wahrheit aufzuspüren – der Leser hat dazu keine Chance, da er nie mehr weiß als der ermittelnde Kommissar.

Auch passiert über lange Strecken hinweg nichts Neues. Die kriminaltechnische Analyse bringt keine Neuigkeiten, und die Befragungen drehen sich im Kreise, sodass Marder alle Verdächtigen – und davon gibt es später doch so einige – immer wieder neu befragen muss. Der Spannungsbogen flaut über weite Strecken ziemlich ab, um eigentlich erst kurz vor Schluss wieder etwas abzuheben, als ein wichtiges Beweismittel gefunden wird und auf der vorletzten Seite nun auch endlich der Leser erfährt, was hinter dem Tod Matuscheks steckt. Das Ende ist zwar stimmig und überzeugt auch, nur kommt es recht plötzlich und baut sich nicht wirklich spannend auf; hier hätte Teltscher dem Leser zwischendurch einfach schon mehr Informationshäppchen zuwerfen sollen.

_Barsinghausen? Wo ist das denn?_

Lokalkrimis sind „in“. Dank Susanne Mischke hat der Krimi auch endlich seinen Weg nach Hannover gefunden, doch Wolfgang Teltscher verlagert seine Krimihandlung aus Hannover hinaus und siedelt seinen Fall in Barsinghausen an. Das ist gewagt, denn in Barsinghausen und den zugehörigen Ortsteilen wohnen gerade einmal 36000 Einwohner – eine winzige Zielgruppe an ortskundigen Lesern. Und da Teltscher seinen Heimatort im Laufe der Romanhandlung nicht ein einziges Mal verlässt, erkennen nicht einmal Hannoveraner irgendetwas an Lokalkolorit wieder, zumal Teltscher auch nicht allzu viel erzählt von seinem Ort, sodass der Lokalanteil eher uninteressant wirkt. Schade.

_Über den Deister …_

Zunächst begann „DeisterKreisel“ recht vielversprechend. Teltscher baut einiges an Spannung auf und stellt einige interessante Figuren vor, von denen immerhin eine durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Doch über weite Strecken plätschert das Buch dann vor sich hin. Insgesamt bleibt daher ein eher mittelmäßiger Eindruck zurück, zumal etliche Tippfehler den Lesefluss stören und das „ß“ meiner Meinung nach zu arg vernachlässigt wurde. Eine ordentliche Schlusskorrektur hätte diesen Missstand sicher beheben können. Der Schreibstil gefiel mir eigentlich sehr gut und auch die Charaktere, die Teltscher zeichnet, überzeugen. Vielleicht sollte der Autor sich einmal aus Barsinghausen hinauswagen und ein wenig von der Idylle lösen, dann könnte sein nächstes Buch deutlich mehr Leser überzeugen.

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Erhardt, Stefan (Autor) / Görtler, Carolin (Illustratorin) – Tim will zum Fußball

Kurz vor Beginn der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz ist Fußball in aller Munde. Und wer immer noch nicht weiß, worauf es beim Fußball ankommt und welche Positionen es für die Spieler auf dem Platz gibt, der kann sich dies nun auf unterhaltsame Weise erzählen lassen.

Inspiriert von der |Sportschau|, die sein Papa nie verpasst, peilt der kleine Tim eine Karriere als Fußballstar an. Doch so richtig weiß er noch gar nicht, auf welcher Position er eigentlich spielen will. Also versuchen Vater und Sohn gemeinsam herauszufinden, welche Talente Tim hat und wo er diese am besten einsetzen könnte. Allerdings klappt die Kommunikation nicht so ganz, denn Tim versteht seinen Papa oftmals falsch und glaubt zum Beispiel, dass die Mausefalle aus dem heimischen Keller ihm bei der Abseitsfalle behilflich sein könnte oder dass er nun täglich Bananen essen muss, um bessere Bananenflanken schießen zu können. Am Ende weiß Tim aber, was er werden will, denn er hat auf jeder Position seine Talente entdeckt und kann somit vom Abwehrspieler über den Stürmer bis hin zum Trainer alle Rollen einnehmen.

„Tim will zum Fußball“ ist eine liebevoll illustrierte Geschichte für Kinder, die sich kurz vor der Europameisterschaft noch genauer über Fußball informieren möchten. Stefan Erhardt erzählt die Geschichte eines Gesprächs zwischen Vater und Sohn, das den Fußball und die notwendigen Talente der einzelnen Spieler zum Inhalt hat. Im Grunde genommen ist die Geschichte sehr simpel gestrickt, denn Tims Vater erzählt seinem Sohn, welche Möglichkeiten es im Fußball gibt und welche Kenntnisse und Talente für die jeweilige Rolle erforderlich sind. Ihren Reiz gewinnt die Erzählung dadurch, dass Tim seinen Vater ganz allerliebst missversteht. Wenn sein Vater ihm sagt, dass der Ball einem Stürmer am Fuß kleben muss, holt Tim schon die große Tube Klebstoff aus seinem Zimmer, um dem Ganzen nachzuhelfen. Und dieses Muster setzt sich auch fort, bis schließlich alle Positionen durchgespielt sind und Tim den Eindruck gewinnt, er könne eigentlich alles machen.

Gelesen ist die Geschichte recht schnell, aber durchgeblättert auf keinen Fall, denn jede Doppelseite ist liebevoll und farbig gestaltet. Carolin Görtler haucht Erhardts Figuren Leben ein und lässt uns dadurch an ihren Emotionen und Handlungen teilhaben. Alle Zeichnungen stimmen bis ins letzte Detail und verbergen viele niedliche Feinheiten, die unbedingt entdeckt werden wollen. Tim und seinen Vater werden so zum Beispiel von zwei lustige Gefährten bei ihrem Gespräch begleitet, und zwar einem Teddybär und einer kleinen Maus. Diese beiden süßen Gesellen werden während des Gesprächs ebenfalls aktiv. Auf dem einen Bild sieht man den Teddybär in voller Fußballfanmontur mit einem Wimpel in der Pfote, auf einem anderen spielen sich Teddy und Maus einen kleinen gestreiften Ball zu, in der nächsten Szene sucht der Bär verzweifelt nach der Maus und kurz darauf trainiert der Teddy seine Sportler-Beine, indem er drei Bücher mitsamt der Maus in die Höhe stemmt. Diese hübschen Details sorgen dafür, dass man jedes Bild minutenlang anschaut, jeden Winkel betrachtet, um auch bloß nichts zu verpassen.

Text und Bild gehen in diesem wunderschönen Buch Hand in Hand; besonders angetan hat es mir die vorletzte Doppelseite, auf der Tim noch einmal rekapituliert, was er eigentlich alles kann und welche Möglichkeiten im Fußball ihm dies eröffnet. Und natürlich setzt es sich hier wieder fort: Er nimmt die Aussagen seines Vaters wörtlich und will dem Gegner mit einer Schere den Weg abschneiden bzw. das Spiel ankurbeln, indem er an einer Kurbel dreht, die am Rande eines Miniaturstadions befestigt ist. Jedes Bild passt wunderbar zu der hübschen Geschichte, doch ohne diese liebevollen Zeichnungen, die Tims Missverstehen noch einmal verdeutlichen, würde die ganze Erzählung nicht funktionieren.

„Tim will zum Fußball“ ist eine allerliebst illustrierte Geschichte für Fußballfans jeden Alters, die irgendwie Kind (geblieben) sind und Spaß daran haben, etwas Neues zu entdecken. Dieses Buch kann man nach dem ersten Lesen gleich noch einmal von vorne beginnen, um den Zeichnungen noch mehr Aufmerksamkeit widmen zu können. Dann nämlich entdeckt man auf einigen Seiten tatsächlich noch etwas Neues.

http://www.titania-verlag.de

Feldkirchner, Jennifer – Paule das kleine Stinktier

Literarisch wurden Stinktiere bislang arg vernachlässigt, und wenn sie doch einmal in Büchern oder Filmen auftauchten, so nur als stinkende Wesen, die keine Sympathiepunkte sammeln konnten. Diesen Missstand will Jennifer Feldkirchner mit ihrem ersten Kinderbuch, in dem ein kleines Stinktier die Hauptrolle spielt, nun beheben.

Bevor wir aber das kleine Stinktier Paule kennenlernen, erfahren wir zunächst einiges über die Gewohnheiten und Eigenarten von Stinktieren – und das sogar farbig bebildert. Doch schon auf Seite zwölf treffen wir endlich Paule und erfahren sein großes Geheimnis: Paule hat nämlich eine wunderschöne Höhle entdeckt, die er nun seiner besten Freundin Lisa zeigt. In der Höhle, die sich hinter dichtem Gestrüpp versteckt, leuchten viele bunte Lichter, die den Ort zu etwas ganz Besonderem machen, und so wird aus Paules großem Geheimnis auch Lisas Geheimnis. Doch die Höhle ist nicht immer so beschaulich wie bei Lisas erstem Besuch, denn bald sucht ein wildes Tier die beiden in ihrem Versteck heim. Nur mit Glück und einem stinkenden Pups kann Paule das gefährliche Tier verscheuchen.

Gemeinsam erleben Paule und Lisa noch viele weitere Abenteuer: So geht ein mysteriöser Dieb in Müffelsdorf um, der sich komischerweise nur die wollenen Unterhosen der weiblichen Dorfbewohner schnappt. Wer hinter diesen Diebstählen steckt, finden Paule und Lisa schließlich mit einer kleinen List heraus, doch am Ende haben sie sogar großes Mitleid mit dem Dieb und lassen ihn laufen … Kurz darauf bekommen die beiden kleinen Stinktiere eine neue Mitschülerin, die aufgrund ihres Aussehens schnell zur Außenseiterin abgestempelt wird, doch so etwas duldet Paule nicht und beschließt daher, auf Bella zuzugehen. Fortan haben Lisa und Paule eine neue Weggefährtin, die auch bald in das Geheimnis der Höhle eingeweiht wird.

Unterbrochen wird diese Rahmengeschichte durch Paules wilde und kuriose Träume und durch seine Abstecher zu seinem Großvater, der in seinem Leben schon unglaublich viel erlebt hat und nur zu gerne von all seinen Abenteuern berichtet.

Schon auf dem Titelbild winkt uns ein fröhlicher Paule entgegen und auch Bella und Lisa können wir gleich erblicken, und diese drei sind es auch, die wir bei ihren Abenteuern begleiten. Paule hat eine kleine liebenswürdige Eigenschaft, die ihm ausgesprochen peinlich ist, die ihm und Lisa allerdings auch das Leben rettet. Denn Paule kann nicht immer kontrollieren, wann er seinen übel riechenden Pups ab“feuert“; so passiert es mitunter ganz ungewollt, dass Paule sich und seine Gefährten in eine Stinkwolke einhüllt. Alleine diese Eigenart macht ihn mir schon sympathisch, weil sie zeigt, dass unser kleiner Held alles andere als perfekt ist.

Jennifer Feldkircher zeichnet – und das ist hier wörtlich gemeint – liebevoll einige sehr sympathische und tierische Charaktere. Auf nahezu jeder Doppelseite findet sich passend zur jeweiligen Situation eine Zeichnung, manche auch in Farbe. Manchmal sind es nur einfache Strichzeichnungen in schwarzweiß, die aber dennoch im Detail sehr viel Aussagekraft besitzen. Denn auch wenn die Stinktiere aus nur wenigen Strichen bestehen, so haben sie doch immer einen zur Situation passenden Gesichtsausdruck – seien es Lisas strahlende Augen, als sie das erste Mal die Höhle betritt, oder sei es die Todesangst in Paules Blick, als er vor einem riesigen Kraken flüchtet. Immer kann man den Gesichtern ablesen, in welcher Gemütsverfassung sich die kleinen Stinktiere gerade befinden! Besonders ins Auge fallen natürlich die Farbzeichnungen, die in satten Farben gehalten sind und allen Kindern und Junggebliebenen ausgesprochen gut gefallen dürften. Alle Bilder wirken dadurch fröhlich, und die Stinktiere strahlen sehr viel Lebensfreude aus. Durch die vielen liebevollen und aussagekräftigen Zeichnungen wird das Buch zu einem optischen Hochgenuss, der einem die beschriebenen Szenen noch deutlicher vor Augen führt.

Aber auch inhaltlich überzeugt „Paule, das kleine Stinktier“, denn die Geschichten sind lustig, kindgerecht und unterhalten sogar ältere Leser. Mit Paule, Lisa und Bella hat Jennifer Feldkirchner drei (stink)tierische Charaktere geschaffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, denn Bella mit ihrem extravaganten Aussehen ist eine ganz andere Persönlichkeit als die kleine Lisa mit ihren blonden Zöpfen. Besonders gut hat mir gefallen, wie Paule und Lisa ganz selbstverständlich Bella in ihrem Freundeskreis aufnehmen, sie in ihr Geheimnis einweihen und gleich zu Weggefährten werden, obwohl die anderen Stinktiere Bella schneiden. Freundschaft ist somit ein ganz wichtiger Aspekt, der natürlich in einem Kinderbuch auch nicht fehlen sollte. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass die meisten Erwachsenen noch viel lernen könnten von Paule und Lisa.

Die Autorin beweist eine blühende Fantasie mit ihren Geschichten, und das sei hier durchaus positiv gemeint. Denn gerade die Abenteuer, die Paule in seinen Träumen erlebt (und die ihn meist vor seinem Bett aufwachen lassen), und auch die Erlebnisse aus Großvaters reichhaltigem Erfahrungsschatz sind dermaßen lustig und spannend, dass ich gerne noch viel mehr darüber erfahren möchte. Zu bemängeln ist eigentlich nur eines, und das ist die etwas zu sparsame Verwendung diverser Satzzeichen, denn so manch ein fehlendes Komma hätte die Sätze leichter lesbar gemacht.

„Paule das kleine Stinktier“ ist eine rundum gelungene Geschichte. Jennifer Feldkirchner beweist mit ihrem Erstlingswerk ihr hervorragendes Zeichentalent, mit dem sie auch in auf den ersten Blick ganz simplen Zeichnungen viele Details unterbringt und die Szenen lebendig werden lässt. So werden uns die handelnden Stinktiere nicht nur durch die geschriebenen Geschichten sympathisch, sondern auch durch die zum Teil sehr farbenfrohen Bilder. Damit kann ich nur hoffen, dass es möglichst bald eine Fortsetzung geben wird, in der wir weitere Geschichten von Paule und seinen Freunden zu lesen bekommen werden.

Markus Zusak – Die Bücherdiebin

Der Tod ist uns bereits in vielen literarischen Werken begegnet, so zum Beispiel als bedrohliche Gestalt im „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal oder in seiner wohl kuriosesten Form in Terry Pratchetts |Scheibenwelt|. Doch vermutlich haben wir den Tod noch nie so gut kennen gelernt wie in Markus Zusaks „Bücherdiebin“, nie sind wir ihm und seinen Gedanken so nahe gekommen und nie konnten wir ihn so menschlich erleben wie hier. Zusaks Tod möchte dem Sterben eine fröhliche Seite verleihen, sein Tod ist amüsant, achtsam und andächtig, und das sind nur seine guten Eigenschaften mit dem Buchstaben A. Nur ’nett‘, das ist ihm völlig fremd. Hier lohnt sich also ein genauerer Blick …

_“Nett“ ist dem Tod völlig fremd_

Ihre erste Begegnung mit dem Tod hat Liesel im Jahr 1939 im Alter von neun Jahren, als sie zusammen mit ihrem Bruder mit dem Zug nach Molching reist, um dort bei Pflegeeltern zu wohnen. Doch ihr Bruder überlebt die Fahrt nicht und stirbt unterwegs. An den Gleisen begegnet er dem Tod, der seinerseits sogleich von Liesel fasziniert ist. Das junge Mädchen stiehlt in dieser Situation ihr erstes Buch, und zwar das „Handbuch für Totengräber“, anhand dessen sie lesen lernt. Liesel Meminger ist allerdings keine gewöhnliche Diebin, sie stiehlt nicht jedes Buch, sondern sie nimmt sich Bücher nur in bestimmten Situationen und nur, wenn es für sie nicht anders geht. So sind es nur wenige Bücher, die sie im Laufe der Jahre ansammelt, und es sind schlechte Jahre – es ist der Zweite Weltkrieg und die Bomben fallen auf Deutschland und später auch auf die bayrische Stadt Molching.

Der Tod hat uns eine faszinierende Geschichte zu erzählen, nämlich die von Liesel Meminger, die ihm nicht aus dem Kopf gehen will, seit er sie an den Gleisen stehen gesehen hat, als er sich die Seele ihres toten Bruders geholt hat. Liesel wächst bei ihren Pflegeeltern Rosa und Hans Hubermann auf, die fortan ihre Familie bilden. Rosa wirkt nach außen hin sehr schroff und betitelt geliebte Menschen nur mit den Worten „Saumensch“, dennoch gleicht es einer besonderen Auszeichnung, von Rosa diesen Namen zu erhalten, denn nur ihr liebe Menschen nennt sie so. Hans Hubermann ist praktisch das Gegenteil seiner Frau, er ist stets freundlich und hilfsbereit und wird für Liesel eine der wichtigsten Bezugspersonen überhaupt. Er hat bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich, deren wesentliche Ereignisse wir im Laufe der Geschichte kennen lernen. So erfahren wir, wie er einem Juden sein Leben verdankt – und auch ein Akkordeon, das Hans allerdings während des Zweiten Weltkrieges nur noch selten spielt. Eines Tages soll ihn seine Vergangenheit einholen, als nämlich der Sohn von Hans‘ Lebensretter vor der Tür steht und um Zuflucht vor den Nazis bittet.

Liesel freundet sich immer mehr mit Max an, dem Juden, der sich im Keller der Hubermanns versteckt. Immer mehr Zeit verbringt sie bei Max, statt mit ihrem guten Freund Rudi beim Fußball spielen. Dennoch nimmt auch Rudi in Liesels Leben eine ganz wichtige Rolle ein; die beiden verbindet trotz ihres jungen Alters eine tiefe Liebe, die sich Liesel allerdings lange nicht eingestehen kann.

All diese Ereignisse werden überschattet von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, die zunächst kaum nach Molching vordringen, später allerdings dafür umso schrecklicher. Und zwischendurch muss der Tod immer häufiger loseilen, um die Seelen der Toten einzusammeln. In diesen Jahren hat er viel zu tun, dennoch hat er stets ein Auge auf Liesel, der er gar nicht allzu früh wiederbegegnen möchte …

_Tod auf Abwegen_

Markus Zusak hat sich für seine Erzählerrolle eine ganz besondere Figur herausgesucht, und zwar eine der im zweiten Weltkrieg vermutlich am meist Beschäftigten – den Tod. Doch dieser gerät ein wenig auf Abwege, als er die junge Liesel Meminger das erste Mal sieht. Obwohl er ihr nur dreimal begegnet, weiß der Tod erstaunlich gut über Liesel Bescheid. Das hat er dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass er bei der dritten Begegnung Liesels Buch aufsammeln kann, in welchem sie ihre kurze Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Während um sie herum die ganze Welt zusammenbrach, hat Liesel jede Nacht stundenlang geschrieben – eine Geschichte, die nicht nur den Tod fasziniert, sondern auch den Leser. Liesel ist eine Überlebende, oft genug schaut der Tod in ihrer Nachbarschaft, in der Familie und im Freundeskreis vorbei, Liesels Seele jedoch holt der Tod sich erst ganz zum Schluss. Und erst dann kommt es zum ersten kurzen Gespräch zwischen den beiden.

Neben dem Tod ist Liesel die zweite Hauptfigur der Erzählung. Als wir ihr das erste Mal begegnen, ist sie erst neun Jahre alt, dennoch hat sie schon schwere Schicksalsschläge einstecken müssen. Sie wächst bei Pflegeeltern auf – ohne ihren Bruder, der bereits am Anfang des Buches stirbt. Liesel wird schneller erwachsen, als man es ihr wünschen mag. Sie erlebt die Kriegsgräuel hautnah mit, muss geliebten Menschen beim Sterben zusehen und verliert nach und nach viele geliebte Menschen. Als ihre Eltern einen Juden bei sich im Keller verstecken, kümmert sich Liesel nicht nur liebevoll um ihn, sondern sie versteht auch gleich trotz ihres jungen Alters die Schwere dieser Situation und vertraut sich nicht einmal ihrem besten Freund Rudi an. Sie wird erfinderisch, als die Nazis die Häuser auf der Suche nach geeigneten Luftschutzkellern durchkämmen, und rettet Max damit das Leben.

Ihre Liebe zu Büchern, in denen sie sich vollkommen verlieren kann und die es ihr erlauben, in eine andere, faszinierende Welt einzutauchen, macht Liesel noch sympathischer. Und obwohl Liesel eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, bleibt sie doch stets glaubwürdig, denn es sind meist einschneidende Erlebnisse, die sie einen Schritt nach vorne in Richtung Erwachsenendasein tun lassen.

_Nicht noch ein solches Buch?!_

„Die Bücherdiebin“ mag das x-te Buch in einer Reihe voller Romane über die NS-Zeit sein, dennoch hebt es sich von der Masse ab. Markus Zusak schreibt frei von Kitsch und berührt dennoch die Herzen seiner Leser – und das, obwohl er selbst keine eigenen Erinnerungen an diese Zeit hat, sondern auf den Erfahrungsschatz seiner Eltern zurückgreifen musste.

Obwohl das Buch direkt im Jahr 1939 zu Beginn des zweiten Weltkrieges einsteigt, bleiben die Kriegserlebnisse längere Zeit eher im Hintergrund. Der Tod bekommt immer mehr zu tun, dennoch stehen weiterhin Liesel Meminger und Rudi Steiner sowie ihre Freundschaft im Vordergrund der Erzählung. Die beiden gehen auf Diebestour, denn der Hunger ist groß. Ein paar Äpfel als Diebesgut sind Belohnung genug für die beiden, auch wenn Liesels ausgehungerter Magen die Nahrungsaufnahme gar nicht verträgt. In die Geschichte eingewoben, klingt also das Elend durch, in dem die Menschen damals gelebt haben. Auch dass Rosa Hubermann die Kunden davonlaufen, weil die meisten Menschen es sich nicht mehr leisten können, sich von ihr die Wäsche waschen zu lassen, ist Zeichen genug. Dennoch geht es vordergründig weiterhin um Liesel, denn der Tod will eigentlich gar nicht so sehr die Geschichte des Krieges erzählen, sondern die der Bücherdiebin, die ihre Zuflucht in den Büchern findet. Lesen ist für sie die Flucht vor Albträumen oder schlimmen Gedanken. Auch im Luftschutzraum während eines Bombenalarms ist es ein Buch, das nicht nur Liesel von der elenden Warterei ablenkt, sondern auch ihre Freunde und Nachbarn. So liest Liesel Kapitel um Kapitel, während die Menschen fürchten müssen, dass währenddessen ihr Hab und Gut weggebombt wird. Doch Liesels Worte lassen die Menschen kurzzeitig in eine fremde Welt flüchten.

„Die Bücherdiebin“ ist nicht einfach nur ein Buch über die NS-Zeit, es ist ein mitreißendes Portrait einer ganz besonderen Buchliebhaberin, die schnell die Herzen aller Leser erobert. Stilistisch ist das vorliegende Werk allerdings oftmals gewöhnungsbedürftig. Einen Einstieg habe ich lange nicht gefunden, weil ich nicht wusste, worauf Markus Zusak hinaus will. Zu kurz waren die ersten Kapitel, als dass ich mich schnell hätte einlesen können. Oftmals sind es mehrere zusammenhanglose Absätze, die auf einer Seite aneinander gereiht sind. Auch die vielen fettgedruckten Passagen, die Randbemerkungen, nähere Erläuterungen oder Personenvorstellungen darstellen bzw. etwas besonders hervorheben sollen, unterbrechen häufig den Lesefluss. Darüber hinaus sind viele Sätze arg knapp geraten, sodass die Sprache teils abgehackt anmutet. Lange braucht es daher, bis das Buch seine volle Faszination entfaltet und man tatsächlich in der Geschichte versinken kann. Dann allerdings sind viele schöne Schätze zu entdecken. Besonders berührt hat mich die Geschichte, die Max für Liesel geschrieben hat. Keinen Zugang habe ich allerdings zu seinen Skizzen gefunden. Ich bin etwas zwiegespalten bei diesem Buch, denn die Grundgeschichte, die Charaktere und viele von Zusaks Erzählungen sind einfach nur schön, doch manche Stilmittel empfand ich bis zum Schluss als störend. So bin ich durchgehend zusammengezuckt, wenn Rosa ihre Pflegetochter mit „Saumensch“ anredet. Die fettgedruckten Absätze sehen zwar durchaus hübsch aus, sie stören aber immer wieder den Lesefluss, zumal sie oftmals inhaltlich wenig zu sagen haben.

Unter dem Strich bleibt dennoch ein überaus positiver Eindruck zurück, obwohl ich denke, dass das Buch eher für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren geschrieben ist. Viele Details dürften zu jungen Lesern womöglich verborgen bleiben, zumal sich das Buch nicht immer ganz ‚unanstrengend‘ liest. Wenn man sich aber erst mal auf das Buch eingelassen hat, entdeckt man das ganz Besondere an der „Bücherdiebin“. Markus Zusak ist hier sicher ein ganz großer Wurf gelungen. Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, blieben bei mir ein wenig Trauer zurück, weil ich eine liebgewonnene Freundin verlassen musste, und der Wunsch, noch mehr über Liesel zu erfahren und über die Jahre zwischen ihrer dritten Begegnung mit dem Tod und dem schlussendlich letzten Zusammentreffen, aber das werden wir vermutlich nie erfahren – schade.

|Originaltitel: The Book Thief
Originalverlag: Random House US/UK
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Ab 12 Jahren
Gebundenes Buch, 592 Seiten|
[Homepage des Autors]http://www.randomhouse.com/features/markuszusak/
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=10217

Kampmann, Renate – Fremder Schmerz

Band 3: [„Fremdkörper“ 3672

Leonie Simon ist eigentlich Gerichtsmedizinerin, doch offensichtlich reicht ihr dieser Job alleine nicht aus, sodass sie sich in bester Miss-Marple-Manier stets auch in die Arbeit der Polizei einmischt und auf eigene Faust ermittelt. Mit „Fremder Schmerz“ legt Renate Kampmann bereits den vierten Teil in ihrer Leonie-Simon-Reihe vor, die mit „Die Macht der Bilder“ ihren lesenswerten Anfang nahm …

_Das schlägt hohe Wellen_

Wieder einmal vergisst Leonie Simon, die Alarmanlage abzuschalten, bevor sie die Balkontür betätigt. Kaum hat sie sich ihre Klamotten übergeworfen, steht auch schon ihre verängstigte Vermieterin vor der Tür, kurz gefolgt von der Polizei, die erneut aufgrund eines falschen Alarms bei Leonie auftaucht. Doch dieses Mal hat es ein Gutes, denn durch die Polizisten erfährt sie gleich, dass das Haus ihres Kollegen Frank Gotthardt abgebrannt ist. Leonie macht sich sofort auf den Weg, um notfalls ihre Arbeit am Tatort verrichten zu können.

Schnell bestätigen sich Leonies schlimmste Befürchtungen, denn ihr Kollege Frank Gotthardt und seine Frau sind tatsächlich ums Leben gekommen, doch ob wirklich die Flammen daran schuld waren, bezweifelt Leonie sofort. Frank Gotthardt wird zwar in einer Lage aufgefunden, die voreilig auf einen Selbstmord schließen ließe, und auch seine Frau liegt auf der Kellertreppe, als wäre sie rückwärts die Treppe hinuntergestoßen worden. Nach genauerer Untersuchung kommen Leonie jedoch immer mehr Zweifel, denn Claudia Gotthardts Genick ist professionell gebrochen, während weitere Verletzungen, die ein Sturz auf der Treppe mit sich gebracht hätte, fehlen. Und auch die Schmauchspuren an Frank Gotthardts Händen deuten darauf hin, dass jemand anderer hier zu Werke gegangen ist.

Auf eigene Faust ermittelt Leonie und sucht nach Motiven. Zunächst glaubt sie, dass Frank Gotthardt in einem brisanten Fall die gerichtsmedizinischen Untersuchungen gemacht haben muss, doch bald deutet alles darauf hin, als wären Claudia Gotthardts Recherchen über veruntreute Hilfsgelder Auslöser für die schreckliche Tat gewesen. Claudia, die als freie Journalistin gearbeitet hat, war einem handfesten Skandal auf der Spur; so hatte sie herausgefunden, dass Hilfsgelder für die Opfer des Tsunamis gar nicht an den richtigen Stellen angekommen sind.

Als kurz darauf die schwer zugerichtete Leiche eines Zahnarztes gefunden wird, der damals etliche Tsunami-Opfer identifiziert hat, deutet alles auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, dem Leonie Simon auf die Spur kommen möchte, um den Tod ihres Kollegen besser verarbeiten zu können …

_Zu viele Köche verderben den Brei_

Der vorliegende Kriminalroman beginnt mit einem Paukenschlag: Schon in der ersten Szene muss Leonie Simon das ausgebrannte Haus ihres Kollegen betreten, um dort die Leichen der beiden Gotthardts zu untersuchen. Schnell deutet alles auf einen unbekannten Dritten hin, der offensichtlich von den Gotthardts überrascht wurde, die zu früh aus dem Urlaub zurückgekehrt sind.

Leonie, die sich immer noch nicht vollkommen in Berlin eingelebt hat, ist Mitglied einer Gruppe, die ungelöste Kriminalfälle unter die Lupe nimmt, um ein genaues Täterprofil zu erstellen. Beim Treffen liegt die Akte des ermordeten und gefolterten Zahnarztes auf dem Tisch. Schnell finden die Ermittler heraus, dass der tote Zahnarzt genau wie Claudia Gotthardt und Leonie selbst mit Khao Lak verbunden ist, wo damals die Opfer des Tsunamis zu identifizieren waren. Diese Spur ist es, die Leonie sich am intensivsten anschaut, zumal sie selbst die Zeit in Khao Lak noch nicht vollständig verarbeitet hat.

Kurz darauf kommt eine Vermisstenmeldung rein, denn Sina Rauscher-Abramowsky ist verschwunden. Bei dem Namen klingelt es bei Leonie, denn in Claudia Gotthardts Unterlagen war sie bereits auf einen Theo Abramowsky gestoßen, der vor dem Tsunami eine Tauchschule in Khao Lak geführt hatte. Leonie sucht Abramowsky auf, um ihn zur Rede zu stellen, denn zu viele Spuren führen in die gleiche Richtung, als dass wirklich der Zufall im Spiel sein könnte. Abramowsky zeigt sich wenig kooperativ und weicht Leonies Fragen mehr oder weniger geschickt aus, was Leonies Misstrauen ins Unermessliche steigen lässt.

Doch Leonie hat noch mehr auf dem Herzen, denn ihr Bruder Michael ist vor einiger Zeit spurlos verschwunden. Man nimmt an, dass er bei einer Explosion ums Leben kam, doch gefunden wurde von ihm nur ein Finger, sodass Leonie nicht an seinen Tod glauben mag. Wieder einmal ermittelt sie auf eigene Faust und wird tatsächlich auf sehr verschlungenen Pfaden fündig.

Als sie Michael gegenübersteht, hat dieser überraschenderweise Informationen, die Leonie in ihrem Berliner Fall weiterhelfen, denn er weiß mehr über Theo Abramowsky, der gar nicht der ist, für den er sich ausgibt.

Und dann sollte man nicht vergessen, dass ein Mörder, den der Leser früh kennenlernt und der auch Leonie Simon in einer der ersten Szenen über den Weg läuft, sein Unwesen treibt. Ben erbt das Haus seiner Tante, allerdings nur unter der Bedingung, dass er seinen tot geglaubten Großvater im Pflegeheim besucht. Dort findet er einen kauzigen General vor, der keine sonderlich weiße Weste vorzuweisen hat. Denn einst war er ein ehrgeiziger Nazi-Scherge, der seine Vergangenheit nun gerne vergessen machen möchte und mit seinen ehemaligen Nazi-Freunden nichts mehr zu tun haben will.

Renate Kampmann macht viele Baustellen auf in ihrem vierten Leonie-Simon-Roman, sodass der Leser oft genug den Überblick zu verlieren droht. Mitunter eiert ihre Romanhandlung dadurch hin und her, ohne dass man Kampmanns Gedankengängen folgen kann. Hinzu kommen die vielen Zufälle, die nach und nach immer unrealistischer wirken. Dass Leonie Simon plötzlich beschließt, ihren Bruder wiederfinden zu wollen, und dieser dann auch noch einen ganz wichtigen Hinweis liefern kann, fand ich wenig glaubwürdig. Auch dass Kampmann zwei Kriminalfälle parallel abhandeln möchte, obwohl nur einer titelgebend ist und dieser durch die genaue Charakterzeichnung Bens und seiner Familie genügend Stoff für das gesamte Buch hergegeben hätte, fällt negativ auf.

Wie die Autorin den Tsunami und seine schrecklichen Auswirkungen thematisiert, wirkt aufgesetzt. Hierbei geht es der Autorin nicht nur um die Schwierigkeit der Opferidentifizierung, sondern auch um die Schrecken, welche die freiwilligen Helfer noch Jahre später zu verarbeiten haben. Aber damit nicht genug, diskutiert Kampmann auch noch das Problem, dass viele Kriminelle den Tsunami und das anschließende Chaos ausgenutzt haben, um ihr eigenes Verschwinden zu inszenieren. Das sind sicherlich alles spannende Themen, allerdings hätten sie für ein weiteres Buch gereicht.

Denn eigentlich geht es um Ben, seine mysteriöse Krankheit und seinen Wunsch, den Schmerz anderer Menschen genauestens zu analysieren. Er mordet nicht aus Spaß an der Freude, sondern er will genau herausfinden, wie andere Menschen auf Schmerz reagieren. Gleichzeitig muss er sich mit seinem Großvater auseinandersetzen, zu dem er sich auf der einen Seite hingezogen fühlt, der auf der anderen Seite aber auch abstoßend auf Ben wirkt. Und sein Großvater ist auch schuld daran, dass ein skrupelloser Nazi Ben bedroht und ihn zu erpressen versucht.

Renate Kampmann riskiert einen ganz genauen Blick auf Ben und sein Leben, sodass der Mörder uns im Laufe der Geschichte immer vertrauter wird und wir auch immer besser sein Motiv verstehen können. Diese Charakterzeichnung ist der Autorin wirklich gut gelungen, nur geht sie leider ein wenig in einem Wust aus anderen Geschichten unter – schade.

_Leonie auf Abwegen_

Die zweite Person, die im Mittelpunkt des Buches steht, ist natürlich die Gerichtsmedizinerin Leonie Simon, die sich bereits zum vierten Mal in die Ermittlungen der Polizei einmischt. Hinzu kommen aber wie gewohnt zahlreiche persönliche Probleme: So führt Leonie nach wie vor eine Beziehung zu Paul, der in Hamburg arbeitet und immer weniger Zeit für Leonie hat. Doch auch die x-te Ausrede seinerseits macht Leonie immer noch nicht misstrauisch genug, und auch als sie einen abgebrochenen rotlackierten Fingernagel in seiner Wohnung entdeckt, versucht Leonie noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Fast zeitgleich hat sie eine Affäre mit einem Journalisten, der sie aber nur auszuhorchen scheint. Auf der Beziehungsebene befindet Leonie sich folglich auf einer echten Talfahrt. Dafür wird ihre Bekanntschaft zur Psychologin Madeleine Quast immer intensiver. Quast vertraut Leonie nach und nach ihre Probleme an und wird dadurch fast zu einer guten Freundin und Vertrauten. Die hat Leonie aber auch bitter nötig, denn auch der pubertierende Sohn einer Bekannten sucht in Berlin verzweifelt Hilfe von Leonie, die mit der Situation offensichtlich völlig überfordert ist.

In der Rückbetrachtung frage ich mich immer mehr, wie Renate Kampmann es geschafft hat, all diese Aspekte in einem nur knapp 500-seitigen Kriminalroman unterzubringen; vielleicht hätte sie wirklich gut daran getan, zwei Bücher aus dieser Geschichte zu machen.

_Lesenswert mit Schönheitsfehlern_

Insgesamt fühlte ich mich trotz allem recht gut unterhalten vom vorliegenden Roman. Kampmann thematisiert zwei für sich genommen sehr interessante Kriminalfälle, die nicht nur spannend sind, sondern auch brisante Themen aufgreifen. Ihre Charakterzeichnung überzeugt auf ganzer Linie, auch wenn Leonies hartes Schicksal mitunter etwas dick aufgetragen wirkt.

Der größte Kritikpunkt ist sicherlich die völlige Überfrachtung der Geschichte, die leider einen roten Faden oft vermissen lässt und dazu führt, dass die Spannung nie so richtig ansteigen kann. „Fremder Schmerz“ ist sicherlich nicht der beste Roman der Leonie-Simon-Reihe, obwohl er viel Potenzial hatte. Unter dem Strich bleibt ein eher durchschnittlicher Eindruck zurück und die Hoffnung, dass sich Renate Kampmann beim nächsten Mal wieder steigert.

|496 Seiten Hardcover|
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