Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Håkan Nesser – Die Frau mit dem Muttermal (Van Veeteren 4)

Van Veeteren muss die Rächerin stoppen

Zwei Männer sind getötet worden. Auf ganz ähnliche Weise erschossen. Doch welche Verbindung besteht zwischen ihnen? Hauptkommissar Van Veeteren von der Kripo in Maardam entdeckt eine heiße Spur, die in die Vergangenheit und zu einer schönen Frau führt. Wird er die nächsten Morde verhindern können?

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Håkan Nesser auf |Buchwurm.info|:

[„Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod“ 422 (Hörbuch)
[„Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ 448
[„Sein letzter Fall“ 592
[„Der unglückliche Mörder“ 1182
[„Die Fliege und die Ewigkeit“ 3013 (Hörbuch)

Handlung

Kurz vor ihrem Tod hat ihre Mutter sie aufgefordert, nicht mehr bloß auf das Glück zu warten, sondern zu handeln. Als die Mutter dann ins Grab gesenkt wurde, beschloss sie nach Tagen des Herumsitzens zu handeln. Von ihrer Erbschaft kauft sie sich eine Pistole und legt eine Liste an, dann zieht sie nach Maardam.

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar dringt eine Frau in das Haus von Ryszard Malik ein, einem Kaufmann, und erschießt ihn mit vier Schüssen: zwei in die Brust, dann noch zwei aus nächster Nähe in den Unterleib. Als Mardiks Frau Ilse ihn nach ihrem Theaterbesuch in der Diele findet, bricht sie ohnmächtig zusammen. Im Krankenhaus verdrängt sie die unaussprechliche Wahrheit. Erst nach Tagen erfahren die Kripobeamten, dass es vor dem Mord anonyme Anrufe gegeben habe. Es sei aber immer nur ein altes Popstück zu hören gewesen, mit dem sie, Ilse, nichts anzufangen weiß.

Zwei Wochen vergehen, bis auch Rikard Maasleitner auf ähnliche Weise niedergeschossen wird: zwei Schüsse in die Brust, danach zwei in den Unterleib. Keine Zeugen, keine Spuren, nichts. Die Bekannten sind ratlos und können sich das nicht erklärt. Die Presse hat ihnen nichts von den Schüssen in den Unterleib berichtet, sonst würden sie nun vielleicht in Panik ausbrechen. Kommissar Reinharts Freundin Winnifred Lynch ahnt, dass dies nur eine gekränkte Frau getan haben kann, der Unrecht angetan wurde. Wegen der Schüsse ins Geschlecht.

Heinemann findet die Verbindung: Beide waren 1965 im Abschlussjahrgang der Militärstabsschule Maardam, das heißt sie waren wie 31 andere Männer Stabsunteroffiziere. Hauptkommissar Van Veeteren veranlasst, dass jeder der acht Kripobeamten sich je vier der Teilnehmer an diesem Abschlussjahrgang, die Heinemann auf einem Foto gefunden hat, vornimmt. Die Befragungen sind langwierig, bringen aber wenig.

Deshalb ist es nicht wirkliche eine Überraschung, als Karel Innings in seiner Wohnung erschossen aufgefunden wird. Seltsamerweise am helllichten Tag und von jemandem, den er selbst eingelassen hat. Es stellt sich heraus, dass sich am Freitag zuvor Innings mit einem Mann getroffen hat, der ebenfalls zur Offiziersgruppe gehört. Dieser Mann hat nicht vor, sich als nächster für diese Sache damals hinrichten zu lassen. Vielmehr stellt er der Mörderin eine Falle.

Nur sieben Wochen nach dem Beginn der Hinrichtungen finden sich der vierte Mann und sein Racheengel. Van Veeteren ist mit Reinhart bereits unterwegs, um das Schlimmste zu verhüten.

Mein Eindruck

Ich haben den spannenden, geradlinig erzählten Krimi ruckzuck ausgelesen. Die Schrift ist groß gedruckt, und zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es stets leere Seiten. Auch wegen der einfach formulierten, kurzen Sätze kommt man sehr flott voran.

Doch diese Leichtigkeit soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um ein brutales Verbrechen geht, dessen Sühne ausgerechnet am Internationalen Frauentag, dem 8. März, vollendet wird. Wie Reinharts Freundin geahnt hat, geht es um eine Vergewaltigung, und dreimal darf man raten, wer aus dieser Zeugung hervorgegangen ist: die Mörderin natürlich. In einem Abschiedsbrief an Van Veeteren legt sie ihre Gründe dar und beschreibt, was ihrem Leben und dem ihrer Mutter 1965 zugefügt wurde. Es ist ein erschütterndes Dokument. Welches Ende die Mörderin nimmt, sei hier nicht verraten.

Van Veeteren hat schon immer einen Hang zur Philosophie, und er fragt sich auch diesmal, ob alles so hat kommen müssen. Ob dieser Rachefeldzug das pure Böse ist oder nur ausgleichende Gerechtigkeit. Kein einziges Mal fragt er nach dem Gewaltmonopol des Staates, demgemäß er jeden verfolgen und bestrafen muss, der derart über andere richtet. Er fragt nach der Existenz des Guten, doch ihm fallen nur irrationale Glaubensgrundsätze aus der Jugend ein – Metaphysik. Genauso gut kann man an die Existenz des Zufalls glauben oder auch nicht.

Er wird vielmehr selbst Opfer sinnloser Gewalt, begangen von betrunkenen Jugendlichen, die ihn treten, als er schon am Boden liegt. Er hat sich natürlich gewehrt, aber sie sind in der Überzahl. Als er einen von ihnen nach seinen Gründen für seine Gewaltanwendung fragt, weiß der es nicht zu sagen. Es ist eine traurige Parallele zur Vergewaltigung, der die Mutter der Mörderin anno 1965 zum Opfer fällt. Aber kann aus Sinnlosigkeit denn Sinn entstehen, fragt sich der Leser. Die Mörderin schreibt in ihrem Brief, dass durch die Rache ihr Leben erstmals einen Sinn bekommen hat. Sie fühlte sie nach dem ersten Mord sofort wunderbar lebendig. Dass sie auch den Sinn ihres Todes selbst bestimmt, ergibt sich daraus.

Lange habe ich mich über das fruchtlose Vorgehen der Kripo gewundert, die einfach nicht nach dem vierten Mann gesucht hat. Auch der dritte Mann, Innings, wurde von ihr nicht überwacht. Die Gründe nennt Van Veeteren selbst: nicht genug Personal für die Überwachung von Nr. 3, und das Einzugsgebiet war zu klein, als dass sie Nr. 4 auf Anhieb hätte finden können. Doch das kann auch ein Trick des Autors sein, der seinen Mann Nr. 4 in einen Showdown gegen die Mörderin schicken will, um auf diese Weise Spannung zu erzeugen. Das gelingt ihm auch vollauf.

Dass Reinhart am Schluss beschließt, mit seiner Freundin ein Kind zu zeugen, sieht zunächst wie ein makaberer Zufall aus – eine zynische Absurdität. Aber das ist es nicht. Vielmehr wird so die Sinnlosigkeit der Existenz des Hurenkindes ausgeglichen, jener Frucht der Vergewaltigung anno 1965. Reinhart will per Kindeszeugung mit voller, guter Absicht wieder Sinn in einer absurd gewordenen Welt stiften. Und das kann nicht schlecht sein. Auch wenn das metaphysisch ist.

Innerhalb der Van-Veeteren-Reihe ist der Roman insofern wichtig, als hier der Hauptkommissar seine spätere Freundin Ulrike Fremdli kennenlernt. Sie ist die „Witwe“ von Opfer Nr. 3.

Unterm Strich

Verglichen mit so komplexen Werken „Sein letzter Fall“ und „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“ wirkt „Die Frau mit dem Muttermal“ außergewöhnlich geradlinig. Natürlich dreht Nesser den Ausgang des Falls ein wenig auf unerwartete Weise, aber die meiste Zeit ist die Geschichte recht vorhersehbar.

Das macht das Buch aber noch längst nicht zum Wegwerfkrimi. Selbst wenn die Polizeibeamten kaum charakterisiert werden, so entsteht doch ein Mitgefühl mit ihnen auf einer sehr allgemeinen menschlichen Ebene. Dort bewegen sich die Strafverfolger auf der gleichen Ebene wie die Täter und die Opfer. Das lässt die philosophische Verarbeitung und Betrachtung der blutigen Geschehnisse zu.

Eine Zeit lang dachte ich, hier würde das Militär angeklagt, aber so weit traut sich der Autor nicht vor. Es geht um Gewalt gegen Frauen, und eine dieser Frauen schlägt zurück – erbarmungslos und konsequent. Darf sie deswegen triumphieren? Nein, denn auch sie ist todgeweiht. Dennoch: Ohne die Frauenbewegung und die sozialkritischen Krimis der Schweden Sjöwall/Wahlöö in den sechziger Jahren wäre dieser Roman nicht möglich gewesen. Der Plot erinnert auch an Mankells Wallander-Thriller „Die fünfte Frau“.

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (5 Stimmen, Durchschnitt: 1,40 von 5)

Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltitel: Kvinna med födelsemärke, 1997
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3442722802

www.btb-verlag.de

Wilson, F. Paul – Handyman Jack – Der letzte Ausweg (Folge 2)

_Taffer Handwerker: Zorro, hilf dir selbst!_

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, sollte man Handyman Jack lieber nicht rufen. Jack repariert nämlich andere Sachen: Probleme, mit denen sonst niemand fertig wird. Er kümmert sich für gutes Geld darum, dass Unrecht bestraft wird. Dabei verlässt er sich auf eine Kombination aus Können und Dreistigkeit. Handyman Jack ist ein Held – aber auch ein Rätsel. Er lebt im Untergrund. Niemand kennt seine Identität. Jack verkörpert eine tödliche Mischung aus „Zorro“ und Bruce Willis.

Folgende Geschichten von F. Paul Wilson finden sich auf diesem Thriller-Hörbuch:

1) Der lange Weg nach Haus
2) Der letzte Rakosh
3) In der Mangel

_Der Autor_

F. (Francis) Paul Wilson (geboren 1946) ist ein US-amerikanischer Besteller-Autor von Mystery-, Thriller- und Horror-Romanen. Wilson studierte Medizin am Kirksville College of Osteopathic Medicine und ist heute immer noch praktizierender Arzt. Wilsons bekannteste Romanfigur ist der Anti-Held Handyman-Jack (engl. Repairman-Jack). Neben Mystery-, Science-Fiction- und Horror-Romanen schreibt Wilson auch Medizin-Thriller. Außerdem ist er ein großer Fan von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos und hat auch selbst ein paar Storys in Anlehnung an diesen Mythos geschrieben. F. Paul Wilson lebt mit seiner Frau, zwei Töchtern und drei Katzen an der Küste von New Jersey.

Stephen King ist laut Verlag der Präsident des Handyman-Jack-Fanclubs.

F. Paul Wilson auf Buchwurm.info:

[„Das Kastell“ 795
[„Tollwütig“ 2375
[„Die Gruft“ 4563
[„Handyman Jack – Schmutzige Tricks“ (Folge 1) 4939

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist Schauspieler und Synchronsprecher. Als deutsche Stimme von George Clooney verleiht er diesem Lässigkeit und Charme. Seit 1984 hat er über 600 Synchron-Rollen gesprochen und war als Schauspieler in der TV-Serie „Tatort“ zu sehen. Als Spezialist für spannende Thriller hat er auch „Diabolus“ von Dan Brown vorgetragen. Nun haucht er Handyman Jack Leben ein. (Verlagsinfo)

_Die Macher_

Für Regie, Produktion & Dramaturgie zeichnet Lars Peter Lueg verantwortlich, für Schnitt, Musik & Tontechnik Andy Matern.

Lars Peter Lueg ist der exzentrische Verlagsleiter von |LPL records|. Der finstere Hörbuchverleger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen. LPL produziert alle Hörbücher & Hörspiele selbst und führt auch Regie. Er erhielt als Produzent einen Preis für „Das beste Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2003“. Eine seiner Regiearbeiten wurde vom renommierten |hörBücher|-Magazin mit dem Prädikat „Grandios“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt er beim Hörspielpreis 2007 eine Auszeichnung für die „Beste Serienfolge“. (Verlagsinfo)

Andy Matern ist seit 1996 als freiberuflicher Keyboarder, Producer, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann mehr als 150 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen. Andy Matern wurde als „Bester Hörspielmusiker des Jahres 2005“ ausgezeichnet. Sein neuestes Edelmetall wurde ihm für die Musik zu den Dan Brown-Hörbüchern „Illuminati“ (Doppel-Platin) und „Sakrileg“ (Platin) verliehen. (Verlagsinfo)

_Die Erzählungen_

_1) Der lange Weg nach Haus_

Von seiner Lieblingskneipe bei Julios schlendert Jack Richtung Zuhause, als er vor Costins Krämerladen einen Schuss hört. Da steht auch schon ein New Yorker Streifenwagen, allerdings mit nur einem Cop darin. Jack geht sofort in Deckung und stellt sein Sixpack Bier erst einmal beiseite. Der Cop steigt aus, um nachzusehen, was aus seinem Kollegen geworden ist. Da tritt auf einmal aus der Tür zu Costins Laden ein schwarzhäutiger Riese und grinst den Bullen an – mit einer Schrotflinte im Arm. Der Cop versucht ihn aufzuhalten, vergeblich, denn gleich trifft ihn ein Schuss in den Hals, der ihn umhaut.

Jack kapiert sofort, dass hier ein simpler Raubüberfall auf den Laden soeben tödlich eskaliert ist, möglicherweise mit zwei Opfern. Und der zweite Cop droht zu verbluten. Was soll Jack tun? Normalerweise hält er sich verborgen und lässt sich mit Bullen auf keinen Fall ein, doch irgendwie hat sein Körper bereits für ihn entschieden und die kleine 45er aus dem Knöchelhalfter gezogen. Er tritt hinter den schwarzen Riesen, der drauf und dran ist, dem Cop den Gnadenschuss zu verpassen, und befiehlt ihm, die Flinte fallenzulassen.

Doch der lacht bloß darüber, dreht sich um, um zu schießen, da erwischt ihn eine aufgebohrte 45er-Kugel mitten ins Auge. Danach ist von seinem Hirn nicht mehr viel übrig. Der Riese bricht zusammen. Jack kniet sich nieder, um dem Cop die spritzende Halsschlagader zuzudrücken. Schon tauchen weitere Cops auf und befehlen ihm, beide Hände hochzunehmen. Wie kann man bloß so dämlich sein? Er macht den Typen klar, was passiert, wenn er das täte. Endlich kapiert es einer, und dann kommt auch schon die Ambulanz. Jack weist die Sanis ein und will sich verdünnisieren, als man ihm Handschellen anlegt …

Auf der Polizeiwache des 20. Reviers hat der diensthabende Officer Carruthers ein erhebliches Problem mit der Tatsache, dass Jack fünf Ausweise vorlegt, die auf verschiedene Nachnamen lauten. Dreimal darf man raten, wie sein Vorname lautet. Jack weiß, dass er sich auf keinen Fall einbuchten lassen darf. Von ihm existieren weder Fingerabdrücke noch Fotos, und wenn das Finanzamt erstmal spitzkriegt, dass er existiert, aber keine Sozialversicherungsnummer besitzt, kann er sich gleich einsargen lassen – von den Typen, die mit ihm eine Rechnung offen haben, ganz zu schweigen.

Er muss hier unbedingt raus. Und unverhofft wird ihm die Chance geboten, Carruthers zu helfen. Dessen kleiner Bruder wurde nämlich in Costins Laden als Geisel genommen, vom Komplizen des schwarzen Riesen …

|Mein Eindruck|

Diese erste Erzählung stellt uns die Person des Handyman Jack und seine außergewöhnlichen Lebensumstände vor. Er arbeitet im Verborgenen, und nur seine Samariterhandlung bedroht diesen privilegierten Status. Das moralische Urteil fällt zwiespältig aus: Was dem Cop das Leben rettet, bringt Jacks in größte Gefahr. Im Knast werden es ihm die Verbrecher, die er hinter Gitter gebracht hat, schon heimzahlen. Deshalb ist die Freilassung das größte Geschenk überhaupt – eine reichlich unwahrscheinliche Verhaltensweise von Carruthers. Aber eine mit lohnenden Folgen: Jack kümmert sich um Leute, denen er noch einen Gefallen schuldet.

Der Showdown mit dem Komplizen des Riesen ist ebenfalls ein Schmankerl. Der Fettsack, der noch keinen erschossen hat, braucht eine Weile, bis er kapiert, dass a) Jack kein Bulle ist und b) er, Fettsack, frei wählen darf, welches sein Schicksal sein wird. Jack hofft natürlich, dass er sich ergibt, aber so viel Hirn oder Mut bringt Fettsack leider nicht auf …

_2) Der letzte Rakosh_

Jack schaut sich am Sonntag mit seiner Freundin Gia und deren achtjähriger Tochter Vicky den Jahrmarkt auf Long Island an. Dort ist ein merkwürdiger Stand aufgebaut: „Ozymandia Praters Kuriositäten-Kabinett“. Kaum werden zweifel laut, ob dies wohl das Richtige für Klein-Vicky sei, begehrt das Mädchen auf. Sie zahlen und treten in das Zelt. Da sind die üblichen Monstrositäten ausgestellt: Zwillinge, ein Fettsack, ein Riese, aber auch ein Vogelmensch, ein Schlangenmann und der Krokodiljunge – hm, ungewöhnlich. Bestimmt bloß Fälschungen und Tricks. Ein Junge, mit dem Vicky und Jack sprechen, verhält sich wie ein Echo und macht ihre Stimmen täuschend echt nach, sogar Jacks Imitation von W. C. Fields – unheimlich. Schnell weiter, meint Gia.

Vicky eilt voraus, läuft aber nach einem Aufschrei gleich wieder angstvoll zurück. Sie hat das Monster gesehen, das sie einst auf ein Boot verschleppt hatte. Jack durchläuft es eiskalt. Vicky hat einen Rakosh gesehen! Nachdem Gia mit Vicky nach draußen gegangen ist, schaut sich Jack die Sache genauer an.

Tatsächlich: Hinter einem Absperrseil steht ein stabiler großer Käfig, in dem ein Rakosh liegt. Sein löwenartiger Körper endet in einem gorillaähnlichen Kopf und stahlharten, langen Klauen. Jack dachte, er hätte letztes Jahr alle Rakoshi, die Mr. Qusum gezüchtet und für Verbrechen eingesetzt hatte, vernichtet, doch dieser hier, Narbenlippe, hat offenbar einen Sturz ins Wasser überlebt. Nun wird er als „Haimensch“ angepriesen. Jack sieht, wie Narbenlippe ihn wiedererkennt und die Klauen ausfährt …

|Mein Eindruck|

Die Story an sich ist unvollständig, denn die Rückverweise und ein uneingelöster Vorausverweis machen klar, dass es sich hier um den Auszug aus einer längeren Geschichte, möglicherweise eines Romans handelt. („Auszug“ steht auch auf der CD-Box-Rückseite.) Dennoch kann man die Erzählung würdigen. Sie schildert die Begegnung mit einem Fremdwesen, das phantastisch anmutet, aber nur eine Verkörperung von Jacks schlimmsten Feinden darstellt: ein fleischgewordener Albtraum. Die Schilderung ist anschaulich, lebendig, voller Emotionen und Erinnerungen, so dass man sich die Szene gut vorstellen kann. Offenbar soll dieser Text als Beispiel für Wilsons Erzählkunst dienen.

_3) In der Mangel_

Mounir Habib, ein Araber mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, wendet sich nach einem Tipp verzweifelt an Jack. Ein Psychopath habe seine Frau Barbara und seinen Sohn Robby entführt und verlange nun statt Geld, dass Mounir abstoßende Handlungen ausführt, die seinen muslimischen Glauben beleidigen. So musste Mounir etwa Schweinefleisch essen und dazu alkoholisches Bier trinken – auf der Straße. Und er musste in aller Öffentlichkeit auf die Straße urinieren usw.

Mounir ist nicht gerade der mutigste und wehrhafteste Zeitgenosse. Der Abteilungsleiter einer saudi-arabischen Ölgesellschaft hat jede Anweisung des sadistischen Entführers ausgeführt, in der Hoffnung, ihn zufriedenzustellen. Polaroidfotos sollen überzeugen, dass der Kidnapper nicht lügt, aber als er dies doch einmal unterstellt, schickt ihm der Typ Robbys kleinen Finger. Mounir, schon schwer erschüttert, bricht glatt zusammen.

Jack hat Prinzipien, und eines davon lautet, dass er sich nie mit Entführern und Psychopathen einlässt. Doch Mounir will nicht zur Polizei gehen, der Entführer hat das untersagt. Doch als seine Fragen ergeben, dass ein früherer Mitarbeiter Mounirs, den er entließ, dahinterstecken könnte, ahnt er, dass er nicht mehr nach den Spielregeln des Mannes spielen darf, sondern eigene aufstellen muss. Der Kidnapper verlangt als nächstes, dass sich Mounir einen Finger abhackt und diesen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit übergibt. Jetzt sieht Jack seine Chance gekommen.

Doch leider macht ihm ausgerechnet Mounir einen dicken Strich durch die Rechnung …

|Mein Eindruck|

Die Story folgt den gleichen Vorgaben wie „Familiennotdienst “ aus dem ersten Auswahl-Hörbuch „Schmutzige Tricks“: Armer Kerl wendet sich an Jack als letzten Ausweg, um seine Schwester bzw. seine Familie vor dem Aus zu retten. Jack hat erst Vorbehalte, muss sich aber dann voll reinhängen. Ende gut, alles (nicht so) gut.

Die schlechteste Figur in diesem Aufguss ist die des Richard Hollander, des Kidnappers. Nicht nur ist es unglaubwürdig, dass von ihm kein Foto in der Personalakte sein soll, die Mounir Habib bearbeitet hat, sondern wir bekommen auch nur ein verzerrtes Bild von Hollander präsentiert: ein kleiner Wichtigtuer, der sich als Psychopath versucht und dabei einige unappetitliche Grenzen überschreitet.

Klar, dass Jack kurzen Prozess mit dem kleinen Wichser macht. Die Pointe ist jedoch die, dass Habibs Ehe erst dann gerettet ist, wenn Habib und seine Frau sich selbst um die Gerechtigkeit kümmern, die Hollander widerfahren soll. Jack macht aus ihnen Klone seines Vigilantentums, nach dem Motto: Überlasse nicht den Bullen, was du selbst kannst besorgen. Ob das wirklich eine Ehe kittet, an der Schuldgefühle nagen (Hat Habib |wirklich alles| getan, um Frau und Sohn zu retten?), wage ich zu bezweifeln.

_Der Sprecher_

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt kompetent und deutlich artikuliert vorgetragen, so dass man dem Text mühelos folgen kann. Er muss sich nicht besonders anstrengen, denn die amerikanischen und italienischen Namen auszusprechen, ist eigentlich kein großes Kunststück für einen Mann mit Allgemeinbildung. Mehrmals war ich dennoch von seiner Kenntnis der Aussprache bestimmter Begriffe und Namen beeindruckt.

Da sich die Anzahl der Figuren sich in Grenzen hält, gerät man nie in Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Bierstedt versucht sein Möglichstes, die Figuren zu charakterisieren. Die wichtigste Figur ist natürlich Handyman Jack selbst, der Ich-Erzähler. Er klingt zwar nicht wie Bierstedts Synchronfigur George Clooney, aber doch einigermaßen cool und abgebrüht, wie ein Nachfahre von Philip Marlowe. Bemerkenswert ist auch die Redeweise des Kidnappers in „In der Mangel“: Dieses langgezogene „Mouuuuunir“ wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Bei so wenig Abwechslung in den Stimmlagen kommt es darauf an, die stimmliche Expressivität der jeweiligen Szene anzupassen und so den Ausdruck emotionaler und abwechslungsreicher zu gestalten. Dies gelingt dem Sprecher wesentlicher erfolgreicher, und so kann sich der Hörer über Jammern, Verzweiflung, Hysterie, Schniefen, Stammeln, Verlegenheit, Angst, Spott, Arroganz, Sarkasmus, Nervosität, Erleichterung, Erschütterung, Aufregung, Besorgnis, Freude und viele andere Gefühlsausdrücke freuen. Ganz eindeutig ist dies Bierstedts eigentliche Stärke. Hörbar macht ihm dieser Aspekt seiner Arbeit am meisten Spaß.

|Musik|

Das Intro stimmt den Hörer bereits auf eine spannende, dynamische Handlung ein und erinnert von fern an Film-noir-Musiken. Das Outro entspricht dem Intro. Dazwischen hören wir immer wieder Musik, um die Pausen zu füllen, beispielsweise um einen Szenenwechsel anzudeuten. Die Musik Andy Materns kann eine dynamische, eine angespannte oder auch eine relaxte Stimmung erzeugen, ganz nach Bedarf.

So etwas wie Hintergrundmusik ist nur in inszenierten Lesungen und Hörspielen üblich, wird daher auch hier nicht praktiziert – oder nur dergestalt, dass die Hintergrund- zur Vordergrundmusik wird, während der Vortrag endet.

_Unterm Strich_

Die erste Story ist eigentlich die gelungenste, denn sie zeigt uns die Fähigkeiten Jacks ebenso wie seine Verwundbarkeiten. Heikel ist lediglich die unwahrscheinlich glückliche Wendung auf dem Polizeirevier, als sie ihn laufen lassen. Die zweite Story ist eine Art „Showpiece“, anhand dessen die Erzählkunst des Autors demonstriert wird. Mit Jacks Fähigkeiten hat das wenig zu tun.

Mit einer Länge von eineinhalb CDs, also mindestens hundertzehn Minuten, bestreitet „In der Mangel“ den Löwenanteil dieser Produktion. Die Handlung führt zu einem actionreichen Showdown, doch bis es dahin kommt, muss der Hörer einen langen Anlauf ertragen – und nicht nur das, sondern auch das ständige Jammern, Klagen und Flennen von Mounir Habib. An Jacks Stelle würde ich diesen Nervtöter und Waschlappen auch am liebsten loswerden.

In der ersten Auswahl [„Schmutzige Tricks“ 4939 hatte Handyman Jack durchaus das Zeug, Freunde hartgesottener Geschichten zu erfreuen. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Jacks Moral lässt ihn immer wieder auf der Seite der Opfer stehen. Und sein Humor ist nicht durchgehend schwarz, sondern auch ein wenig schräg, so etwa wenn Jack seinem Freund Julio nachfühlen kann, dass die Yuppies in der Gegend überhand nehmen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen sind. Insgesamt ist er also ein Bursche, dessen Aktionen zwar an Superhelden wie Spider-Man erinnern, der aber im Gegensatz dazu immer schön auf dem Teppich bleibt. Das fand ich relativ sympathisch. In „Der letzte Ausweg“ erscheint er mehr als Egoist denn als Altruist, und so verliert er einige Sympathiepunkte.

|Das Hörbuch|

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt in gewohnter Weise kompetent gestaltet, bietet aber ansonsten keine Zutaten wie etwa Musikuntermalung oder gar eine Geräuschkulisse. Musik füllt lediglich die Pausen für die Szenenwechsel, ist aber passend und im In- und Outro auch unterhaltsam.

|3 Stunden und 34 Minuten auf 3 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Plogmann|
ISBN-13: 978-3-7857-3580-0|
http://www.lpl.de
http://www.luebbe-audio.de
http://www.festa-verlag.de

Safier, David / Hoffmann, Susanne / Ackers, Beatrix – Mieses Karma. Das Hörspiel

_Nirvana-Rap und Wiedergeburts-Comedy_

Gerade als die Fernsehmoderatorin Kim Lange beruflich auf dem Gipfel anlangt, wird sie von einem Bruchstück einer herabstürzenden russischen Raumstation erschlagen. Im Jenseits erfährt sie, dass sie im Leben viel mieses Karma gesammelt hat: Sie habe ihr kleine Tochter vernachlässigt und ihren Mann betrogen. Zur Strafe wird sie jetzt als Ameise wiedergeboren.

Das Leben als Ameise ist ein hartes Los. Damit es auf der Reinkarnationsleiter wieder aufwärts geht, muss schnellstens gutes Karma her. Doch der Weg vom Insekt zurück zum Zweibeiner ist hart und voller Rückschläge. Schließlich schafft es Kim, als fettleibige Frittenverkäuferin wiedergeboren zu werden. Gerade noch rechtzeitig, um ihre Tochter Lilly zu retten und die Eheschließung ihres früheren Mannes mit ihrer intriganten besten Freundin zu sabotieren.

_Der Autor_

David Safier, 1966 geboren, wurde bekannt durch die Drehbücher zu den Erfolgs-Fernsehserien „Nikola“, „Mein Leben und Ich“, „Zwei Engel und Amor“ sowie „Berlin, Berlin“. Ausgezeichnet wurde seine Arbeit bereits mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Emmy, dem amerikanischen Fernseh-Oscar. Safier lebt und arbeitet in Bremen. [„Mieses Karma“ 3575 ist sein erster Roman.

_Die Inszenierung_

Die Hörspielbearbeitung erfolgte durch Susanne Hoffmann und Beatrix Ackers inszenierte das prachtvolle Comedy-Stück 2008 für den Norddeutschen Rundfunk. Die flotte, mal jazzige und mal romantische Musik trug Andreas Bick bei.

|Die Sprecher und ihre Rollen:|

Cathlen Gawlich: Kim Lange
Kathrin Angerer: Nina Karge
Andreas Pietschmann: Alex Weingart
Lina Böckel: Lilly
Ingeborg Westphal: Martha, Kims Mutter
Ulrich Wickert: Ulrich Wickert
Christoph Bantzer: Casanova
Stephan Schad: Daniel Kohn
Dieter Pfaff: Buddha

In weiteren Rollen: Jens Wawrczeck, Brigitte Janner, Samuel Weiss und viele andere.

|Kurzbiographien|

Stephan Schad, Jahrgang 1964, ist Absolvent der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er war in diversen Fernsehrollen zu sehen, z. B. „Girl Friends“, „Wolffs Revier“, „Der Dicke“,“Jules Freundin“ und „Tatort“, und ist als Sprecher für Hörbücher und Radiofeatures tätig. Derzeit ist Stephan Schad festes Ensemblemitglied am Thalia-Theater Hamburg.

Jens Wawrczeck, geboren 1963, wurde zusammen mit Andreas Fröhlich und Oliver Rohrbeck als Stammsprecher der Hörspiel-Serie Die drei ??? berühmt. Neben seiner Sprechertätigkeit für Synchronisationen und Hörproduktionen arbeitet er als Bühnenschauspieler und Regisseur.

Ulrich Wickert, 1942 in Japan geboren, ist in Heidelberg und Paris zur Schule gegangen. Er hat Politische Wissenschaften und Jura studiert, war Korrespondent und Studioleiter der ARD in Paris, Washington und New York. Seit 1991 ist er Erster Moderator bei den „Tagesthemen“. Ulrich Wickert hat zahlreiche Bücher geschrieben, von denen viele Bestseller geworden sind. Im Oktober 2000 erhielt er den Adenauer-de-Gaulle-Preis.

Andreas Pietschmann hatte Engagements am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Zürich. Seit 2000 steht er auf der Bühne des Hamburger Thalia-Theaters. Im Kino machte er sich durch Filmrollen wie in „FC Venus“, „Sonnenallee“ und „Echte Kerle“ einen Namen.

_Handlung_

Es soll eigentlich der größte Tag im Leben Kim Langes werden, der bekannten und beliebten Polit-Talkmasterin. Heute ist nicht nur der fünfte Geburtstag ihrer Tochter Lilli, sondern auch der Tag, an dem ihr möglicherweise der Deutsche Fernsehpreis verliehen wird. Doch das Schicksal hat etwas ganz anderes mit ihr vor. Es wird ein Tag der Katastrophen.

Weil es in ihrer Ehe mit Alex, 33, kriselt, träumt Kim bereits im Taxi zum Flughafen von Daniel Kohn, dem charmanten Fernsehmoderator, der möglicherweise ebenfalls den Deutschen Fernsehpreis erhält. Am Flugsteig nimmt Kims Chef Benjamin Carstens sie in Empfang. Im Berliner Hotel sieht Kim dann tatsächlich Daniel, und – o Wonne! – er setzt sich tatsächlich zu ihr. Die Verabredung für einen kleinen Seitensprung versetzt sie auf Wolke sieben.

Von der sie heftig abstürzt, als sich das Versace-Kleid, das sie bestellt hat, als das falsche herausstellt. Sie kann es trotzdem anziehen, obwohl die Nähte knirschen. Und spätestens als Kim Lange als Preisträgerin der Deutschen Fernsehpreis von Ulrich Wickert aufs Podium gerufen wird, geben die Nähte der Überbeanspruchung nach. Sie merkt ein paar Sekunden zu spät, dass es sich hintenrum ein wenig luftig anfühlt, aber da ist das Bild ihres entblößten Hinterns bereits über sechs Millionen Fernsehschirme geflimmert, um die Fernsehnation in Ekstase zu versetzen. Kim, das ist nun endgültig klar, trägt drunter kein Höschen …

Der Abgrund dieser peinlichen Schmach ist zu tief, um ausgehalten zu werden. Heulend auf ihrem Zimmer gelandet, wird sie erst wieder der Außenwelt bewusst, als Daniel Kohn mit einem Friedens- und Versöhnungsangebot bei ihr anklopft. Aus dem Glas Schampus wird ein zweites, und sie landen in der Kiste. Der Seitensprung wenigstens glückt Kim einwandfrei. Doch die Strafe des Schicksals lässt nicht lange auf sich warten. Als sie auf dem Hoteldach allein ein wenig frische Luft schnappt, stürzt das Waschbecken einer zur Erde zurückgeholten russischen Weltraumstation direkt auf ihr seliges Haupt.

|Instant Karma|

Nachdem das Leben an ihrem geistigen Auge vorbeigezogen ist, sieht Kim das Licht. Das Licht des Nirvana. Aber sie wird abgestoßen und als Ameise wiedergeboren. Allerdings liegt sie keineswegs im Koma, wie ihr eine ungemein gütige Stimme versichert. Sie dreht sich um und erblickt eine wirklich dicke Ameise. Diese stellt sich als Siddharta Gautama vor. Hä? Buddha dürfte wohl eine bekanntere Bezeichnung sein, genauer gesagt: ein Ehrentitel. Buddha erklärt, wie die Sache von nun an für Kim läuft. Sie habe sich diese Wiedergeburt wegen ihrer Fehler selbst verdient und solle nun das Beste daraus machen. Er löst sich in Luft auf.

Das folgende, pardon, DIE folgenden Leben sind für Kim ein einziger Lernprozess mit allen Ups und Downs. Sie lernt eine männliche Ameise kennen, die sich als Giacomo Girolamo Casanova vorstellt, seines Zeichens Liebhaber der Königin des Ameisenbaus. Allerdings unternimmt er immer wieder Fluchtversuche, die leider kläglich scheitern. Erst zusammen mit Kims Einfallsreichtum gelingt ihm endgültig die Flucht. Er erläutert ihr, was Buddha gesagt hat. Je mehr gute Taten sie vollbringe, desto günstiger werde ihr Karma und desto höherwertig seien die Tiere, als die sie, Kim, wiedergeboren werde. Aber aufgepasst: Selbst mit guten Absichten kann man Schlechtes bewirken.

Das muss auch Kim erfahren. Als sie den Bau vor einer Flutkatastrophe warnt, erntet sie zwar karmische Bonuspunkte, doch als sie als Kalb eine Rebellion gegen einen Cowboy anführt, der die Kälber brandmarken will, führt ihre Intervention nur dazu, dass alle Kälber inklusive ihrer Wenigkeit eingeschläfert werden. Ganz schlechtes Karma. Erst die Stationen Regenwurm, Kartoffelkäfer, Eichhörnchen und Meerschweinchen bringen ihr wieder Demut und Selbstlosigkeit bei. Ja, sie darf sogar erleben, wie sie als Meerschweinchen ihrer eigenen Tochter Lilli zum Geschenk gemacht wird.

|O Hölle!|

Doch daheim stehen nach zwei Jahren der Abwesenheit die Dinge nicht zum Besten. Ihre einstmals beste Freundin, Nina aus Hamburg, hat sich an Alex rangeschmissen und spielt Ersatzmutter. Eifersüchtig und neidisch muss Kim zugeben, dass es Nina sogar gelungen ist, Kims Mutter vom Alkohol abzubringen. Doch Nina scheint etwas gegen Meerschweinchen zu haben. Sie lässt Alex Kim und ihre drei Geschwister sowie den unverwüstlichen Casanova mit zu seiner neuen Arbeitsstelle bringen: in die Tierversuchsanstalt. Kim ahnt das Schlimmste, doch auf das, was nun folgt, ist auch sie nicht vorbereitet …

_Mein Eindruck_

Wer auf seichte humorvolle Unterhaltung mit romantischem Touch steht, kommt bei „Mieses Karma“ voll auf seine Kosten. Man kann aber auch Kitsch dazu sagen. Kitsch lebt von Klischees, und Klischees werden hier jede Menge verbraten. Dass sich die egoistische Zicke in ein liebendes Muttchen wie Saulus zu Paulus wandelt, gehört in jede moralische Gardinenpredigt, seit Paulus seine Briefe an die Korinther (oder waren’s die Galater?) schrieb. Der Weg der Wandlung ist das Ziel dieser Geschichte.

Diese Geschichte einer inneren Wandlung kann man auf millionenfach verschiedene Weise erzählen, und man muss nicht „Robinson Crusoe“ oder „Pilgrim’s Progress“ gelesen haben, um den Ausgang von vornherein zu kennen. Nein, die Kunst des Autors besteht darin, eben diesen bekannten Ausgang so schwierig und unwahrscheinlich wie nur möglich zu machen. Nach dem Motto: Was könnte für Alex unattraktiver sein, wenn er eine Mutter für Lilli sucht, als eine fette Frittenverkäuferin namens Maria Schneider? Und welche Kandidatin könnte weniger Chancen gegen Super-Nina haben als eben diese Frittenverkäuferin?

Es sind genau diese Unwahrscheinlichkeiten und Diskrepanzen, die für einfache Gemüter wohl so etwas wie Humor bedeuten und in ihnen Lachanfälle auslösen sollen. Phantasiereichere Leser bzw. Hörer dürften sich unter Humor etwas ganz anderes vorstellen, nämlich etwas, das mit Ironie zu tun hat. Von Ironie ist zwar hin und wieder etwas zu spüren, aber diese geht grundsätzlich immer auf Kosten der Erzählerin, die sich den Mächten des Schicksals ausgesetzt sieht.

Das verhindert aber nicht, dass Kim Lange alias Maria Schneider planvoll eine Ehe zerstört. Das sie sich dafür irgendwelchen karmischen Bonuspunkte erhofft, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber in ihrer weiblichen Denke, mit der sie alle möglichen irrationalen Verhaltensweisen „vernünftig“ zu begründen vermag, dient die Ehezerstörung einem höheren Ziel und dieses heißt: das Glück Lillis, die ihre echte Mutter zurückhaben will.

Der Autor in seiner „Genialität“ verhindert durch einen simplen Trick, dass sich Maria Schneider einfach vor Lilli hinstellt und sich als deren Mutter zu erkennen gibt. Angeblich hat Buddha, der ja für alle Schrecken herhalten muss, Maria mit einem Bann belegt, wonach sie statt einer Offenbarung ihrer Identität das Volkslied „Die Vogelhochzeit“ trällern muss. Die spannendsten Momente werden auf diese Weise ins Lächerliche gezogen. Ist das Humor? Falls ja, dann von der schwachsinnigsten Sorte.

Dass der Showdown dort stattfindet, wo die Ehe der Langes geschlossen wurde, nämlich – nein, nicht im Himmel, sondern in einer kleinen alten Kirche im hintersten Venedig, auch das gehorcht den klischeehaften Regeln der romantischen Komödie. Sämtliche Karnickel werden aus dem Hut des Autors gezaubert, um die finale Wende herbeizuführen, nach der es dann wie üblich heißt: Friede, Freude, Eierkuchen. Nirvana? Wer braucht schon Nirvana, wenn er eine solche Familie hat!

Die Ochsentour durch die Reinkarnationen soll wohl so etwas wie Fantasy anklingen lassen, bedient aber vielmehr Leute, die auf Buddhismus stehen – und diese Fans des Dalai Lama scheinen immer mehr zu werden, wenn man den Fernsehberichten über den Besuch des Würdenträgers in Hamburg Mitte Juli glauben will. Und es sind erstaunliche viele Frauen darunter, viele über 30 Jahre alt, genau wie Kim Lange. Insofern könnte die Komödie David Safiers genau auf sie zugeschnitten sein.

Sie hängt sich aber auch an die unkonventionellen Biografien aus den USA an, von [„Jesus von Texas“ 1336 über „Das wunderbare Leben des Edgar Mint“ von Barry Udall bis zu Mark Haddons „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Dumm nur, dass „Mieses Karma“ mehr Ähnlichkeit mit einem Grimmschen Märchen an sich hat, beispielsweise dem vom hässlichen Entlein, das eines Tages zu einem stolzen Schwan wird. Und merkwürdig finde ich auch, dass das hässliche Entlein jede Menge „wilden Sex“ haben will, bevor es bereit ist, sich in einen Schwan, das Inbild der ehelichen Treue, zu entwickeln. Die Story hat also alles, was das einsame romantische Single-Herz begehrt: Sex, Romantik, Erotik, Familienglück – und ganz viele Karmapunkte.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Sprecher entsprechen sämtlichen TV-Klischees, aber sie erfüllen sie mit Gusto. Denn sie wissen ja, dass diese Comedy eine Parodie ist auf alle Rollenspiele, die sich der TV-Spießer so vorstellt: die treu liebende, aber sexuell frustrierte Mutter (Kim), die immergeile und mit superguter Figur ausgestattete Nebenbuhlerin („Gib’s mir!“), der etwas belämmerte (Ex-)Gatte, die supersüße kleine Tochter und dann erst die Lovergarde: Daniel Kohn mit dem tiefen samtweichen Verführerbass, und Casanova: Er liebte alle Frau’n, ob blond, ob braun, und von dem kann Kim noch was lernen.

Schlussendlich die Aliens, wozu selbstverständlich auch die Ameisen und der Buddha gehören. Letzterer ist so fett und nett, dass es eine Affenschande ist, dass Kim diesem Wegweiser ins Nirvana eine lange Nase dreht. Manchmal kamen mir die Aliens auch ziemlich menschlich vor.

Übrigens: Ulrich Wickert ist kein Alien (obwohl er auf Fotos manchmal so aussieht), und deshalb klingt er hier ganz normal wie er selbst.

|Die Geräusche|

Jede Comedy braucht auch komische Geräusche, so etwa mit einem Pfeifen herabstürzende Weltraumklos und ihren entsprechend krachenden Aufschlag. Auch herumdüsende Flugameisen dürfen nicht fehlen sowie diverse Schnarch-, Brumm-, Quietsch-, Fiep- und Kreischlaute, von Lachen, Knurren und Bellen ganz zu schweigen. Für tierisch turbulente akustische Unterhaltung ist also bestens gesorgt.

Manchmal klingen die Einfälle des Sound Engineers etwas kurios, so etwa eine mühselig hechelnde und ächzende Ameise (Ameisen haben keine Lungen, oder?) oder ihre in lautem Marschtritt heranrückende Ameisenkolonne. Man kann es auch übertreiben, aber in einer Comedy ist (fast) alles erlaubt.

|Die Musik|

Ohne Musik wäre dieses akustische Tohuwabohu nicht auszuhalten. Virtuos manipuliert Andreas Bicks Kompositionspotpourri die Stimmung des Stücks und die Gefühle des Hörers. Intro und Outro sind ziemlich flotter Jazzrock, ohne jedoch wild zu werden. Den Ausgleich bildet eine romantische Gitarre, die nicht selten mit einem noch romantischeren Glockenspiel unterlegt wird.

Selbstredend wird das Erscheinen des Buddha mit einer Sitar begleitet, und Tablas (kleine indische Trommeln) sorgen für die nötige Dynamik, damit der Hörer von der Sitar nicht in Trance gewiegt wird. Es gibt nur eine Steigerung: Das Kim Lange glückselig machende Licht des nahen Nirvana – eine mystische Flut von Wohlklänge deutet absolute Wonne an – bis der Absturz in die nächste Wiedergeburt erfolgt.

Sehr nett fand ich den Einfall, dem alten Casanova eine Erkennungsmelodie zu geben, die auf einem Cembalo gespielt wird, einem typischen Instrument des Rokoko, des galanten Zeitalters. Etwas heftig ist jedoch der „Hochzeitsmarsch“, der gleich zweimal erklingen muss, weil Kim und Casanova die erste Trauung erfolgreich sabotieren.

Wunderbar ist der – etwas naheliegende – Einfall, die fette Frittenverkäuferin Maria Schneider, Kims letzte Reinkarnation, von einer Tuba begleiten zu lassen. Ein tiefere Tonlage lässt sich schwerlich vorstellen. Diverse Fanfaren und Glocken runden die Palette ab. Zum Kreischen peinlich bzw. komisch fand ich Kim Langes Singen des Volksliedes „Die Vogelhochzeit“: „Der Spe-herber, der Spe-herber, der macht den Hochzeitswe-herber. Fidirallala!“ Der Grund, warum sie dies Lied singen muss, ist ein Verbot Buddhas, ihre wahre Seelen-Identität, nämlich Kim Lange, preiszugeben. Das erhöht die Spannung ungemein: Wann wird sie sich endlich ihrem Ex und ihrer Tochter offenbaren dürfen? *schluchz*

Einen ganz klaren Overkill an musikalischer Gefühlsduselei stellt jedoch der vor Schmalz triefende Schluss der Comedy, dar, als sich Kims Seele in schierer Glückseligkeit mit denen ihres Alex und ihrer Lilly vereint. Zum Glück folgt gleich darauf das Outro mit flottem Jazzrock.

_Unterm Strich_

Die romantische Fantasykomödie über das Gutmenschwerden hat mir des Öfteren ein Lächeln entlockt und sogar ein oder zwei Lacher, aber ich könnte mir vorstellen, dass einsame Frauenherzen in Vorstadtreihenhäusern voll darauf abfahren. Ansonsten dürfte die Verfilmung schon Planung sein, denn ein Drehbuchautor wie Safier lässt einen so guten Stoff nicht in der Schublade vergammeln. Wer will, kann ja sein Meerschweinchen oder seinen Beagle-Welpen schon mal zum Vorsprechen schicken. Ameisen hätten es als Filmstars wesentlich schwerer.

|Das Hörspiel|

Das Zusammenspiel von guten und gut gelaunten Sprechern, realistischen bis überkandidelten Geräuschen und einer romantischen bis dynamischen Musikuntermalung hat mich bestens unterhalten und sogar zu einigen Lachern hinreißen können. Die langsamen Passagen wie Weltreise und Nirvana-Grübelei sowie die Zwischenstationen wie Kuh und Eichhörnchen wurden wohlweislich weggelassen, damit die wichtigeren Szenen umso besser ausgearbeitet werden konnten.

Besonderen Wert legte die Regie auf die exakte und emotional glaubwürdige Schlussszene, in der sich absolut alles entscheidet. Bis auf die abschließend kitschige Musik fand ich diese Szene sehr gelungen. (Wem sie zu schnell abläuft, der sollte sie unbedingt nochmals hören.)

Hechelnde und mit schweren Stiefeln marschierende Ameisen? Nicht sonderlich überzeugend, finde ich. Auch der Buddha konnte mich nicht vom Hocker reißen – klingt ein Religionsführer wie Onkel Norbert um die Ecke? Hier hätte man noch etwas verfeinern können.

|130 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-627-5|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Indriðason/Indridason, Arnaldur – Todesrosen (Hörbuch)

_Enteignung und Ausbeutung einer amerikanischen Kolonie_

In einer hellen isländischen Sommernacht wird die nackte Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Sie liegt auf dem mit Blumen geschmückten Grab des isländischen Freiheitskämpfers Jón Sigurðsson. Kommissar Erlendur und seine Kollegen finden schnell heraus, dass es sich bei der Toten um eine Drogenabhängige handelt. Was aber sollte mit dieser Inszenierung erreicht werden? Die Ermittlungen erweisen sich bald als heikel, denn namhafte Persönlichkeiten gehören zum Kreis der Verdächtigen. (Verlagsinfo) Dies ist Kommissar Erlendurs zweiter Fall.

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason, Historiker des Jahrgangs 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman „Nordermoor“ hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Hakan Nesser und Henning Mankell!

Indriðasons Serie um Kommissar Erlendur Sveinsson:

|Synir Duftsins|, 1997 (deutsch: [Menschensöhne, 1217 2005)
|Dauðarósir|, 1998 (deutsch: [Todesrosen, 5046 2008)
|Mýrin|, 2000 (deutsch: [Nordermoor, 402 2003)
|Grafarþögn|, 2001 (deutsch: [Todeshauch, 2463 2004)
|Röddin|, 2002 (deutsch: [Engelsstimme, 2505 2004)
|Kleifarvatn|, 2004 (deutsch: [Kältezone, 4128 2006)
|Vetrarborgin|, 2005 (deutsch: [Frostnacht, 3989 2007)
|Harðskafi|, 2007 (deutsch: Unterkühlung, für 2009 angekündigt)

Weitere Werke:

|Napóleonsskjölin|, 1999 (deutsch: [Gletschergrab, 3068 2005)
|Bettý|, 2003 (deutsch: [Tödliche Intrige, 1468 2005)
|Konungsbók|, 2006 (deutsch: Codex Regius, 2008)

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons, Alain Delon und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbücher „Nordermoor“ und „Engelsstimme“ gelesen.

Der Romantext wurde von Natascha Blotzki gekürzt. Regie führte Thomas Krüger und die Aufnahme erfolgte durch Tobias Barthel. Die akustischen Motive an Anfang und Schluss des Hörbuchs stammen von Michael Marianetti.

_Handlung_

Ein Liebespärchen, das es in einer hellen Juninacht auf einem Friedhof von Reykjavík treibt, bemerkt erst einen davoneilenden Mann und dann einen weißen Fleck. Das Pärchen fühlt sich erheblich in seiner Aktivität gestört und schaut nach. Der weiße Fleck entpuppt sich als die Leiche einer nackten jungen Frau. Aber warum liegt sie auf den Blumen und Kränzen, die das Grab des Nationalhelden Jón Sigurðsson alljährlich am 17. Juni neu schmücken?

Diese Frage stellt sich auch Kommissar Erlendur Sveinsson, den sein Kollege Sigurður Óli geweckt hat. Hieß das tote Mädchen vielleicht Ingibjörg, fragte Erlendur. Denn so hieß Sigurðssons Frau. Der Name würde aber nicht zu dem Mädchen passen, das da ermordet und entsorgt wurde. Die Einstiche an den Armen lassen auf eine Drogensüchtige schließen, das Sperma in ihrer Scheide auf eine Prostituierte, die blauen Flecken auf einen ziemlichen brutalen Kunden. Aber was hat dieses J auf ihrer Pobacke zu bedeuten?

Wider Erwarten ist die Identität der Leiche nur schwierig zu klären, denn es gibt keine Eintragungen im Volks- und Strafregister noch irgendwelche Vermisstenmeldungen, die passen. Die einzige Zeugin auf dem Friedhof, die attraktive Bergthora, hat kein Auto gehört und macht sich mehr Sorgen darüber, dass der Mörder zu ihr kommen könnte. Vielleicht gibt das Milieu der Toten mehr her, überlegt Erlendur und sucht seine Tochter Evalind auf, die als Prostituierte arbeitete und zudem drogensüchtig war. Oder immer noch ist. Sie lebt jetzt bei einem Freund, der Geschäftsmann ist: eine noble Hütte, in der sie jetzt wohnt. Auch Erlendurs Sohn Sindri Snær ist süchtig, er ist Alkoholiker. Nach einem Zusammenbruch steckt Erlendur ihn in eine Entziehungsklinik.

Evalind findet eine Bekannte der Toten, Charlotte ist ebenfalls eine Nutte und drogenabhängig. Die Tote hat bei ihr gewohnt. Ihr Name sei Birta gewesen und sie stammte aus den Westfjorden. Doch auch dieser Name bringt keinen Aufschluss. Aber sie habe sich vor einem Mann gefürchtet, der viele Häuser besitze. Das passt zu dem anonymen Anruf von Birtas Freund, der behauptete, Birta sei bei einem Mann in dessen Ferienhaus gewesen. Das Schwein habe sie „kaputtgemacht“.

Sigurður Óli hat einen heißen Tipp: Herbert Baldursson alias Rotstein, ein Drogenhändler, der wahrscheinlich auch in der Prostitution drinhängt. Birta war wie Charlotte seine Untermieterin, doch „Herbie“, der ständig amerikanische Kraftausdrücke verwendet, streitet alles ab. Als Erlendur ihn beschatten lässt, überlistet Herbert seine Beschatter und rast zur nächstgelegenen Telefonzelle beim Postamt. Dort, so erfährt Erlendur erst viel später, ruft er eine Handynummer in den USA an, die einem Isländer gehört: einem Unternehmer namens Kallmann. Und dieser Bauunternehmer besitzt tatsächlich jede Menge Häuser in Island.

Aber Erlendur und Sigurður Óli wissen dies noch nicht, als sie zusammen in die Westfjorde aufbrechen, um die Spur von Birta zu suchen. Bestimmt lebt ihre Mutter noch irgendwo, vielleicht in Ystafjördur. In dieser abgelegenen Gegend, so finden die Kriminaler heraus, gehen bestürzende Dinge vor sich.

_Mein Eindruck_

Wer war Jón Sigurðsson? Diese Frage, die mit dem Fundort von Birtas Leiche verknüpft ist, stellt Kommissar Erlendur immer wieder. Meist sind seine Gesprächspartner junge Leute aus einer anderen Generation. Wenn Sigurður Óli sagt, er habe keine Ahnung, wer dieser Sigurðsson war, kann man es ihm noch durchgehen lassen, denn er war ja vier Jahre lang in den USA zum Studium. Aber wenn auch Eingeborene aus Reykjavík und Breitholt verneinen, je etwas vom isländischen Freiheitskämpfer und Nationalhelden gehört zu haben, dann findet nicht nur Erlendur das bedenklich. Es ist, als wäre sich Island selbst abhanden gekommen.

Und genau darum geht es: um Enteignung und darauffolgende Ausbeutung. Dieser Prozess, den der Autor anprangert, läuft auf der nationalen, der wirtschaftlich-sozialen und auf der persönlichen Ebene ab. Wie das Nichtwissen der jüngeren Generation und die Kontakte der Schurken Kallmann und Ristein verdeutlichen, haben die Amerikaner und deren Fernsehkultur und Werte inzwischen die einheimische Kultur fast vollständig verdrängt. Der Autor sieht die Amerikaner, präsent durch ihre 1998 noch existente Luftwaffenbasis, als Kolonialmacht und Island als ihre Kolonie.

|Teufelskreis|

Aber auch die EU scheint nicht gerade segensreich auf das kleine Nordmeereiland zu wirken. Seit die Fischfangquoten eingeführt wurden, so wird im Verlauf der Handlung dargelegt, haben nicht bloß Fischer die Quoten aufgekauft, sondern auch branchenfremde Investoren. Bauunternehmer wie Kallmann etwa. Diese führen sich wie Ausbeuter und Spekulanten auf, lassen das Meer leer fischen, und die einheimischen Fischer vor Ort, die nur über minimale Quotenanteile verfügen, gucken in die Röhre. Kein Einkommen, kein Auskommen, Landflucht setzt ein. Die leerstehenden Häuser kaufen – na, wer wohl? – die Spekulanten, vermieten sie als Sommer- und Ferienhäuser und treiben dort sonstwas.

|Entwurzelte Opfer|

Opfer der Landflucht sind unter anderem auch Birta und ihr Jugendfreund Janus. Sie verlieren einander dadurch, jeder Halt geht für Birta verloren, die eh schon vaterlos aufwachsen musste. Sozial und persönlich entwurzelt, interessiert es Birta einen feuchten Dreck, wer Jón Sigurðsson gewesen sein mag. Sie muss schon als Teenie anschaffen, um ihre in der Schule ausgebrochene Drogensucht bezahlen zu können.

Birtas Abstieg ist ebenso rasant wie erschreckend. Die Besuche beim brutalen Freier Kallmann sind für sie die Hölle, denn dann fühlt sie sich am meisten ausgenutzt. Dass sie ihm dabei geholfen hat, Stadträte im Bauamt erpressbar zu machen, weiß sie nicht mal. Am Ende kennt sie nur einen Weg der Vergeltung: Da sie selbst bereits durch AIDS den Tod vor Augen sieht, kann sie nur noch Kallmann anstecken, um ihn wenigstens mit auf ihren letzten Trip zu nehmen.

Janus, ihrem Freund, ergeht es, zumindest äußerlich, besser, denn er bekommt einen Job in der Fleischindustrie, genauer gesagt: beim Räuchern von Fleisch und Fisch. Mit dem Räucherofen kennt er sich bestens aus, selbst dann noch, als die Fabrik längst dichtgemacht hat, weil sie unrentabel wurde (ebenfalls ein Opfer der EU?). An dieser ehemaligen Wirkungsstätte knöpft er sich den Drogenhändler und Zuhälter Herbie Rostein vor. Leider gelingt es diesem, den Spieß umzudrehen. Das führt zu einem Wettlauf mit der Zeit, auf Leben und Tod – ein spannendes Finale.

Bis zur letzten Minute bleibt offen, wer Birta eigentlich getötet hat – und dann ausgerechnet auf dem Grab des Nationalhelden. Das darf aber nicht verraten werden. Die Antwort lohnt sich: Es war wegen der vielen Blumen dort. Birta hatte sie wirklich verdient.

|Der Sprecher|

Frank Glaubrechts sonore Stimme – man stelle sich den Klang von Al Pacino in „The Insider“ vor – trägt die Geschichte, die Indriðason spinnt, ausgezeichnet und ohne je die für die Geschichte und den Ermittler notwendige Autorität und Ruhe zu verlieren. Sein Mr. Kallmann ist entsprechend hochnäsig und verachtungsvoll, während dessen Partner Herbie Rotstein richtig fies gezeichnet wird, voller Amerikanismen, die sich Herbie aus Filmen angeeignet hat. Nur einmal flucht Herbie/Glaubrecht so laut und schnell, dass das Gesagte unverständlich ist. Wahrscheinlich lohnte sich das Verstehen aber eh nicht.

Er lockert den ruhigen Vortragsstil jedoch auf, indem er den weiblichen Figuren, so etwa Berthora und Evalind, eine höhere Stimmlage verleiht. Besonders eindrucksvoll fand ich seine Darstellung der 17-jährigen Drogensüchtigen Charlotte. Als Erlendur sie befragt, antwortet sie erst einmal mit einem unanständigen Reim und spricht dann nur sehr langsam. Birtas Mutter Erla klingt sehr erschüttert.

An manchen Stellen werden technische Hilfsmittel eingesetzt. Das bedeutet aber nicht, dass bei Telefonanrufen der von Oliver Rohrbeck so geliebte Filter eingesetzt wird, der eine Stimme plötzlich blechern klingen lässt. Nein, es geht zwar auch um einen Handyanruf, doch um zu simulieren, dass der Akku von Evalinds Handy leer ist, bleibt nur übrig, ihre Durchsage abgehackt, stockend und „löchrig“ zu gestalten. Man versteht also nur jedes zweite Wort. Die Art und Weise, wie Glaubrecht dies gestaltet, ist zwar beeindruckend, wird aber plausibler, wenn man den Einsatz eines Filters in Betracht zieht.

Da es weder Geräusche noch Hintergrundmusik gibt, brauche ich darauf nicht einzugehen. Die musikalischen Motive Marianettis sind relativ belanglos und könnten jedes Thema, das einigermaßen ernst und dramatisch ist, illustrieren.

_Unterm Strich_

In Kommissar Erlendurs zweitem Fall, der seltsamerweise jetzt erst seinen Weg zu uns findet, nimmt der Autor die Kolonialisierung Islands durch Amerika und die EU aufs Korn. Die Folgen sind nicht nur Enteignung und Ausbeutung, sondern auch Entwurzelung, Haltlosigkeit und – besonders in der jungen Generation – ein früher Tod. Durch die Korruption, ermöglicht durch Erpressung, stecken auch Verantwortliche in Regierungsämtern unter einer Decke mit den Kriminellen, die die Ausbeutung vorantreiben.

Bis Erlendur Sveinsson und sein Kollege die Drahtzieher finden, werden sie selbst kompromittiert: Seine Tochter Evalind hat für Rotstein gearbeitet, und Sigurður Óli hat sich mit einer Zeugin eingelassen. Na, prächtig. Jetzt hängt jeder mit drin, auch die Kripo. Es grenzt an ein Wunder, wenn der Fall überhaupt geklärt und der letzte Zeuge noch lebend gefunden wird. Ein spannendes Finale, wie man es sich besser nicht wünschen kann.

|Das Hörbuch|

Frank Glaubrecht liest wie fast immer mit Engagement und flexibler sprachlicher und stimmlicher Gestaltung. Er haucht mehreren Figuren Leben ein, doch leider ist sein Stimmumfang bei den meisten männlichen Figuren so begrenzt, dass sie alle gleich klingen. In der Schlussphase der Ermittlung klingt auch sein Vortrag emotionsgeladener, so dass ich gespannt darauf war, wie der Fall letzten Endes ausgehen würde. Da das Hörbuch relativ kurz ist, geht auch die Handlung rasch voran – und ist auch nach knapp viereinhalb Stunden schon wieder vorüber.

Fazit: volle Wertung für ein solide gestaltetes Hörbuch mit einem packenden Herzschlagfinale.

|Originaltitel: Dauðarósir, 1998
Aus dem Isländischen übersetzt von Coletta Bürling
263 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3561-9|
http://www.luebbe-audio.de

Nix, Garth – Kalter Mittwoch (Hörbuch)

_Abwechslungsreich: Kampf mit Hexern und Piraten_

Eigentlich ist Arthur Penhaligon kein Held. Genau genommen. Ihm ist sogar ein früher Tod vorherbestimmt. Doch dann rettet ihm ein geheimnisvoller Gegenstand das Leben: Das Ding sieht aus wie ein Uhrzeiger und wird von seltsam gekleideten Männern als „Schlüssel zum Königreich“ bezeichnet.

Doch zugleich mit dem Schlüssel erscheinen bizarre Wesen aus einer anderen Dimension, die ihn um jeden Preis zurückgewinnen wollen. In seiner Verzweiflung wagt es Arthur, ein geheimnisvolles Haus zu betreten – ein Haus, das nur er sehen kann und das in andere Dimensionen führt. Dort will er nicht nur sein wahres Schicksal erkennen, sondern auch sieben Schlüssel besorgen …

Im Krankenhaus findet Arthur eine seltsame Karte unter seiner Bettdecke. Es ist eine Einladung. Und schon steckt er im nächsten Abenteuer, bei dem er Piraten, tosenden Stürmen und einem riesigen Geschöpf trotzen muss.

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab zehn Jahren. Mehr Infos unter http://www.wellenreiter.la (ohne Gewähr).

_Der Autor_

Garth Nix wurde 1963 in Melbourne / Australien geboren. Nach seinem Studium arbeitete er in einer Buchhandlung, später als Verleger, Buchhandelsvertreter, Zeitungsredakteur und Marketingsberater. Seit 2002 bestreitet er seinen Lebensunterhaltet ausschließlich als Autor. Er lebt heute mit seiner Frau, einer Verlegerin, und seinem Sohn in einem Vorort von Sydney. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört die Abhorsen-Trilogie, die komplett bei |Carlsen| und |Lübbe| erschienen ist (Sabriel; Lirael; Abhorsen).

Garth Nix auf |Buchwurm.info|:

[„Schwarzer Montag“ 3719 (Die Schlüssel zum Königreich 1)
[„Schwarzer Montag“ 3172 (Hörbuch)
[„Grimmiger Dienstag“ 3725 (Die Schlüssel zum Königreich 2)
[„Grimmiger Dienstag“ 4528 (Hörbuch)
[„Kalter Mittwoch“ 4242 (Die Schlüssel zum Königreich 3)
[„Rauer Donnerstag“ 4831 (Die Schlüssel zum Königreich 4)
[„Rauer Donnerstag“ 5051 (Hörbuch)
[„Sabriel“ 1109 (Das alte Königreich 1)
[„Lirael“ 1140 (Das alte Königreich 2)
[„Abhorsen“ 1157 (Das alte Königreich 3)

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bekannt für seine Sprechrolle als Justus Jonas in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Als Sprecher synchronisierte er Hauptrollen in vielen Filmen und ist die deutsche Stimmbandvertretung von Ben Stiller.

Rohrbeck liest eine von Frank Gustavus (|Ripper Records|) gekürzte Fassung. Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahmleitung hatte Klaus Trapp. Die Musik steuerte Andy Matern bei.

_Der Komponist_

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde [„Der Cthulhu-Mythos“ 524 zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

_Der Hintergrund_

Gepriesen sei die Architektin! Sie schuf die wahre Welt, das HAUS. Dies ist der Mittelpunkt aller Schöpfung, das Königreich aller Realität. Es ist eingeteilt in die sieben Wochentage von Montag bis Sonntag, und diese wiederum sind in jeweils zwölf Stunden eingeteilt. Minuten- und Stundenzeiger sind die Insignien eines jeden Tages – und mächtige Instrumente.

Rundherum liegen die sekundären Reiche, zu denen auch unsere bescheidene Welt zählt. Und SIE ließ alles darin archivieren. Als SIE sah, dass es gut war, verabschiedete SIE sich, hinterließ jedoch das VERMÄCHTNIS, in dem sie bestimmte, dass nur Sterbliche das Königreich erben können. Das VERMÄCHTNIS besteht vollständig aus Text, wie sich denken lässt. Doch die sieben Treuhänder vollstreckten das VERMÄCHTNIS nicht, sondern teilten sich die Macht in ihren sieben Herrschaftsbereichen. Das VERMÄCHTNIS teilten sie in sieben Stücke, von denen jedes woanders versteckt wurde.

Eines Tages begab es sich, dass das Bruchstück von MONTAG, ein auf einem toten Stern in Glas versiegelter Kristall, der von metallischen Wächtern bewacht wurde, von einem Inspektor des ARCHIVs begutachtet wurde. Die Wächter, nach Äonen des Wachens müde geworden, meldeten dem Inspektor keinerlei besonderen Vorkommnisse. Doch als er sich die Nase putzte, bemerkte er aus dem Augenwinkel ein kleines flinkes Etwas vorbeihuschen. Nein, dachte er, ich muss mich getäuscht haben.

Doch er hatte sich nicht getäuscht: Ein kleines Stück VERMÄCHTNIS-Text bemächtigt sich der Transferplatte, mit der er vom ARCHIV gekommen ist, und verschwindet damit. Oh-oh, denkt der Inspektor. Damit hat er Recht. Wenig später kommen zwei großmächtige Herren, die Silberstöcke tragen. Sie sagen, sie kämen von einem, der sogar noch höher stehe als MONTAG. Oh-oh, denkt der Inspektor. Das gibt großen Ärger. Und so kommt es auch.

_Handlung_

Nach seinem letzten Abenteuer mit Sir Dienstag liegt Arthur mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Dort arbeitet seine Mutter Emily. Seine Familie ist durch diverse Agenten des HAUSES in Schwierigkeiten geraten, doch Arthur kann nichts deswegen unternehmen. Er rechnet jeden Moment damit, von den Abgesandten der Lady Mittwoch abgeholt zu werden.

Gerade als seine Freundin Blatt ihn besucht, geht es los. Seine Uhr geht rückwärts, sein Kalender bewegt sich. Vorsorglich zieht sich Arthur schon mal an. Da dringt Wasser in seinen Zimmer ein, und die Wand wird zu einer Wasserwand, die ihn und Blatt durchnässt. Sie klammern sich an das Einzige, was noch schwimmt: sein Bett. Unversehens geraten sie in die Welt des HAUSES und treiben auf der Grenzsee. Ein Dreimaster nähert sich – es ist die „Fliegende Gottesanbeterin“, geschickt von Lady Mittwoch. Doch bevor Arthur Blatt an Bord folgen kann, fällt er ins Wasser und wird abgetrieben. Der Dreimaster trägt Blatt mit sich fort.

Kaum ist Arthur ganz allein auf dem Meer, spürt er einen Gegenstand unter seinem Bett. Es ist eine knallrote Boje. Seltsam, was mag die Boje wohl bezeichnen? Er zieht an einem Ring und die Boje explodiert unter Blitz und Donner. Nun ist sie offen, und er steigt hinein, was sicherlich trockener ist als ein schwimmendes Bett. In der Nacht kommt aber schon wieder ein Schiff, und weil dessen Matrosen alle tätowiert sind, hält Arthur sie für Piraten. Da sind sie aber beleidigt: Sie seien Berger, sie bergen Schätze – Schätze wie den unter der Boje.

Eine Taucherin der Berger holt eine Truhe vom Meeresboden. Sie trägt das Zeichen des größten Feindes aller Berger: das von Fieberauge, dem Hexenmeister des Nichts. Au weia, das könnte Ärger geben. Kaum hat sich Arthur Kapitän Katzenkissen, seinem Ersten Offizier Concord und dem Zauberer Dr. Skamadandros vorgestellt, da taucht auch schon das Schiff „Schauder“ auf, das – wem wohl? – gehört: Fieberauge!

_Mein Eindruck_

Das Muster der Handlung ist immer das gleiche. Auch diesmal muss Arthur, unser schwacher Held, erst einmal Freunde, Helfer und Gefährten finden und für sich gewinnen. Schon am Anfang jedoch verliert er die treue Blatt, und er ist auf seine eigene Fähigkeit angewiesen, sich bei den Bergern durchzusetzen. Zum Glück erkennen sie, dass er ein erbberechtigtes Kind des VERMÄCHTNISSES ist und in der Gunst der ARCHITEKTIN steht. Das erleichtert einiges.

Diese Helfer sind jedoch sehr nötig, wenn der Feind angreift. Da ist zunächst einmal der Oberpirat und Hexenmeister Fieberauge, ein Diener des NICHTS und somit ein Feind des VERMÄCHTNISSES. Aber er ist nicht der Schlüsselbewahrer und Treuhänder des VERMÄCHTNISSES. Das ist schließlich Lady Mittwoch. Mit Hilfe weiterer Gefährten, den Steuerratten unter Commodore Monkton, erfährt Arthur mehr darüber, wer, was und vor allem wo Lady Mittwoch ist.

|Die Gegner|

Macht und Bedrohung manifestiert sich in vielerlei Formen. Diesmal ist es nicht Gewalt, sondern schiere Größe, die Arthur Furcht einflößt. Denn Lady Mittwoch ist ein gigantischer Walfisch von 32 Kilometern Länge und entsprechender Höhe. Versteht sich, dass sich die Machtbasis des Hexenmeisters Fieberauge in ihrem voluminösen Inneren verbirgt. Dort würde Arthur auch die verlorene Blatt wiederfinden. Der einzige Weg dorthin führt über das U-Boot, das die Ratten steuern.

|Herakles|

Diesmal gerät Arthur mitten unter die echten Piraten. Über die historischen Piraten zwischen 1670 und 1730 hat sich der Autor offenbar genau informiert, wie man an Details wie einem brennenden Bart aus Zündschnüren ablesen kann. Diesen Bart trug nur Edward „Blackbeard“ Teach. Arthurs Showdown mit Fieberauge ist phantastisch gut geschildert. Der Sieg ist nur schwer zu erringen, und Arthur braucht wieder die Hilfe seiner Gefährten, um zu siegen. Denn wie kann man einen Gegner niederringen, dessen abgeschlagener Kopf immer wieder nachwächst?

Dieses Problem hatte schon der antike Held Herakles, welcher der Hydra die Köpfe abschlug, doch sie wuchsen ihr immer wieder nach. Er musste sie einzeln ausbrennen. Dass der Autor die Herakles-Sage kennt, beweist der Name des Schiffes „Fliegende Gottesanbeterin“: Heraklius Schwell. Arthur ist eine Verkörperung vieler Helden, und König Arthur sowie Herakles sind nicht die geringsten darunter.

|Die Aussage|

Interessant ist auch das Verhältnis zwischen Fieberauge und Lady Mittwoch. Sie ist das Opfer eines Fluches, der sie nimmersatt macht. Jemand muss sie davon erlösen. Fieberauge ist garantiert nicht der Erlöser, denn er benutzt sie als sein Versteck und seine Operationsbasis. Seine Organisation ist wie sein Verstand: eine Art Hydra, die gierig ihre Finger überallhin ausstreckt, um Beute an sich zu raffen.

Dass diese Organisation sich versteckt, könnte symbolisieren, dass es sich bei dem Bösen, das sie verkörpert, um die Mafia, Camorra usw. handelt, die ja schon vielfach als „Hydra“ bezeichnet worden ist (zuletzt in Roberto Savianos Buch „Gomorrha“). Sie kann aber auch die Korruption sein, die damit einhergeht und der Ausbreitung der Hydra Vorschub leistet.

_Die Inszenierung_

|Der Sprecher|

Oliver Rohrbeck ist ja als Ex-Mitglied der Drei ??? schon ein alter Hase im Synchronsprechergeschäft und in Sachen Hörspielserie (s. o.). Seine „normale“ Stimme eignet sich gut für Kinderstoffe, also Märchen, Fantasy und Ähnliches, denn sie erklingt nicht besonders tief oder autoritär, ist also sympathisch. Am deutlichsten ist das an den hohen und erhabenen Stimmen der weiblichen Figuren Susi, Blatt und Dame Primus abzulesen. Sehr hoch ist einmal sogar die Stimme einer Ratte. Jedenfalls klingt Rohrbeck meist alles andere als furchteinflößend.

Rohrbecks tiefe Stimmlage ist allein für den Zauberer und Oberpiraten Fieberauge reserviert. Diesen zeichnet er denn auch möglichst bedrohlich, und mit dem Einsatz der Musik und der Soundeffekte gelingt es ihm, auch noch dem letzten jungen Hörer klarzumachen, was für ein fieser Schurke Fieberauge doch ist.

|Effekte|

Alles wird etwas turbulenter und bunter, wann immer Arthur in die Welt des HAUSes eintritt. Hier klingen manche Stimmen ebenfalls durch Filter verzerrt und bizarr. Das VERMÄCHTNIS, das Arthur hilft, ertönt beispielsweise stark verzerrt, da es sich über Telepathie bei Arthur meldet. Aber es klingt dennoch freundlich. Häufig wird auch starker Hall eingesetzt.

Insgesamt bietet das Hörbuch dem Hörer also eine reichhaltige Palette von Klangeffekten und Stimmfarben. Dabei zeigt sich, dass der Sprecher sowohl Figuren auf unterscheidbare Weise charakterisieren als auch Situationen zum Leben erwecken kann, so dass sie dem jungen Publikum fast plastisch vor Augen stehen.

|Musik|

Die Hintergrundmusik von Andy Matern wird geschickt eingesetzt, obwohl es sich nur um die stets wiederholten gleichen Motive handelt. Sie bildet einen Klangteppich, der unterbewusst die Emotionen des Zuhörers steuert. Die Instrumente sind in der Regel elektronisch, und daher ist der Unterschied zwischen Intrumentenklang und Soundeffekt verwischt. Wichtig ist lediglich die Wirkung.

Eine Standardsituation für den Musikeinsatz ist zum einen die Anwendung von Magie, so etwa die des dritten Schlüssel, einem Dreizack. Zum anderen ist aber in dieser Episode das kriegerische, gewalttätige Thema verantwortlich für den Einsatz von Trommeln und recht dramatischen und unheilverkündenden Kadenzen.

Geräusche gibt es keine, aber Soundeffekte ersetzen sie.

_Unterm Strich_

Diese neue Fantasyreihe wartet mit einem recht gut durchdachten Paralleluniversum auf, das erstens die Bestimmung des Helden bereithält und zweitens natürlich die Lösung zu allen Rätseln. Aber diese Bestimmung fällt dem denkbar ungeeigneten Asthmatikerhelden nicht in den Schoß, wie man sich leicht denken kann, sondern muss in sieben Kämpfen errungen werden.

Da sich diese Kämpfe auch auf die Welt des Helden erstrecken, gerät er mit seiner Familie in alle möglichen gefährlichen Situationen. Der Angriff von Grotesken, Nichtlingen und Käptn Fieberauge dürfte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kommen könnte. Doch wie im HAUS die loyale Susi Arthur beim Bestehen von Abenteuern beisteht, so tut dies in der Realwelt die treue Blatt.

Mir hat die Geschichte viel Spaß gemacht, denn der Autor überrascht mit einigen doch recht interessanten Einfällen, wie etwa dem verschlafenen Sonnenbären, dem Geschenk des VERMÄCHTNISses, das ganz aus Buchstaben besteht, oder den sprechenden Schiffsratten. Dieses Buch dreht sich ebenfalls um Macht und wie man ihr entgegentreten kann. Interessant ist dabei, dass Lady Mittwoch keineswegs der Schurke im Stück ist, sondern das Opfer eines Fluchs, das erlöst werden muss. Der Schurke ist Fieberauge, und ihn zu besiegen, stellt sich als wahrlich nicht einfach heraus.

|Die Heilung der Welt|

Natürlich erinnert der Aufbau der Geschichte ein wenig an Tad Williams‘ Zyklus „Otherland“, und hier wie dort durchstreift der Held eine virtuelle Welt, die er heilen muss. Aber er hat sie auch zu erobern und dafür etliche Kämpfe zu bestehen. Denn damit heilt er zugleich auch seine eigene Welt. Beides gehört zusammen, und der Weg ist das Ziel: Arthur findet nicht nur zu selbst, sondern erkennt auch seinen Platz und seine Aufgabe in der Welt. Das ist eine wertvolle Lektion, wie sie nur sehr gelungene Jugendbücher glaubwürdig zu vermitteln vermögen, so etwa die Harry-Potter-Reihe oder der [Wintersonnenwende-Zyklus 5022 von Susan Cooper.

|Das Hörbuch|

Der Sprecher Oliver Rohrbeck bietet dem Hörer, vor allem dem kindlichen Zuhörer ab zwölf bis dreizehn Jahren, eine breite Palette von stimmlichen Tonlagen und Klang-Effekten, die zu einer Charakterisierung verschiedenster Wesen beitragen. Mit ein wenig Phantasie kann sich der Zuhörer daher die fremde Welt des HAUSes viel besser vorstellen. Am Schluss bekommt Arthur eine Einladung von Sir DONNERSTAG von der Grenzsee. Das Abenteuer geht also weiter (und dieses Hörbuch ist bereits erschienen: [„Rauer Donnerstag“). 5051

|Originaltitel: Drowned Wednesday, 2005
Aus dem australischen Englischen übersetzt von Axel Franke
280 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3417-9|
http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

Madeleine L’Engle – Die Zeitfalte

Klassiker: Suche nach dem geraubten Vater

Meg Murry kann nicht schlafen: Sie macht sich Sorgen um ihren Vater, einen Wissenschaftler, denn er ist seit einem Jahr spurlos verschwunden. Als die merkwürdige Frau Wasdenn auftaucht und behauptet, dass es die Zeitfalte gibt, nach der Megs Vater geforscht hat, brechen Meg und ihr fünfjähriger Bruder Charles Wallace zu einer magischen Reise durch Zeit und Raum auf.

_Die Autorin_

Madeleine L’Engle – Die Zeitfalte weiterlesen

Nix, Garth – Rauer Donnerstag

_Gegen den Rattenfänger im Action-Team_

Eigentlich ist Arthur Penhaligon kein Held. Genau genommen. Ihm ist sogar ein früher Tod vorherbestimmt. Doch dann rettet ihm ein geheimnisvoller Gegenstand das Leben: Das Ding sieht aus wie ein Uhrzeiger und wird von seltsam gekleideten Männern als „Schlüssel zum Königreich“ bezeichnet.

Doch zugleich mit dem Schlüssel erscheinen bizarre Wesen aus einer anderen Dimension, die ihn um jeden Preis zurückgewinnen wollen. In seiner Verzweiflung wagt es Arthur, ein geheimnisvolles Haus zu betreten – ein Haus, das nur er sehen kann und das in andere Dimensionen führt. Dort will er nicht nur sein wahres Schicksal erkennen, sondern auch sieben Schlüssel besorgen …

Drei Schlüssel hat Arthur bisher aus den magischen Reichen erobert. Doch als er in seine eigene Welt zurückkehren will, stellt er fest, dass jemand seinen Platz eingenommen hat und ihm auf magische Weise den Weg versperrt – ein Doppelgänger! Dann wird Arthur auch noch in die Glorreiche Armee zwangsrekrutiert. Und das ausgerechnet unter den Befehl seines Erzfeindes: in die Reihen des grausigen Sir Donnerstag …

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 10 Jahren. Mehr Infos unter http://www.wellenreiter.la (ohne Gewähr).

_Der Autor_

Garth Nix wurde 1963 in Melbourne / Australien geboren. Nach seinem Studium arbeitete er in einer Buchhandlung, später als Verleger, Buchhandelsvertreter, Zeitungsredakteur und Marketingsberater. Seit 2002 bestreitet er seinen Lebensunterhaltet ausschließlich als Autor. Er lebt heute mit seiner Frau, einer Verlegerin, und seinem Sohn in einem Vorort von Sydney. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört die Abhorsen-Trilogie, die komplett bei |Carlsen| und |Lübbe| erschienen ist (Sabriel; Lirael; Abhorsen).

Garth Nix auf |Buchwurm.info|:

[„Schwarzer Montag“ 3719 (Die Schlüssel zum Königreich 1)
[„Schwarzer Montag“ 3172 (Hörbuch)
[„Grimmiger Dienstag“ 3725 (Die Schlüssel zum Königreich 2)
[„Grimmiger Dienstag“ 4528 (Hörbuch)
[„Kalter Mittwoch“ 4242 (Die Schlüssel zum Königreich 3)
[„Rauer Donnerstag“ 4831 (Die Schlüssel zum Königreich 4)
[„Sabriel“ 1109 (Das alte Königreich 1)
[„Lirael“ 1140 (Das alte Königreich 2)
[„Abhorsen“ 1157 (Das alte Königreich 3)

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bekannt für seine Sprechrolle als Justus Jonas in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Als Sprecher synchronisierte er Hauptrollen in vielen Filmen und ist die deutsche Stimmbandvertretung von Ben Stiller.

Rohrbeck liest eine von Frank Gustavus (|Ripper Records|) gekürzte Fassung. Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahmeleitung hatte Christian Päschk. Die Musik steuerte Andy Matern bei.

_Der Komponist_

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde [„Der Cthulhu-Mythos“ 524 zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

_Der Hintergrund_

Gepriesen sei die Architektin! Sie schuf die wahre Welt, das HAUS. Dies ist der Mittelpunkt aller Schöpfung, das Königreich aller Realität. Es ist eingeteilt in die sieben Wochentage von Montag bis Sonntag, und diese wiederum sind in jeweils zwölf Stunden eingeteilt. Minuten- und Stundenzeiger sind die Insignien eines jeden Tages – und mächtige Instrumente.

Rundherum liegen die sekundären Reiche, zu denen auch unsere bescheidene Welt zählt. Und SIE ließ alles darin archivieren. Als SIE sah, dass es gut war, verabschiedete SIE sich, hinterließ jedoch das VERMÄCHTNIS, in dem sie bestimmte, dass nur Sterbliche das Königreich erben können. Das VERMÄCHTNIS besteht vollständig aus Text, wie sich denken lässt. Doch die sieben Treuhänder vollstreckten das VERMÄCHTNIS nicht, sondern teilten sich die Macht in ihren sieben Herrschaftsbereichen. Das VERMÄCHTNIS teilten sie in sieben Stücke, von denen jedes woanders versteckt wurde.

Eines Tages begab es sich, dass das Bruchstück von MONTAG, ein auf einem toten Stern in Glas versiegelter Kristall, der von metallischen Wächtern bewacht wurde, von einem Inspektor des ARCHIVs begutachtet wurde. Die Wächter, nach Äonen des Wachens müde geworden, meldeten dem Inspektor keinerlei besonderen Vorkommnisse. Doch als er sich die Nase putzte, bemerkte er aus dem Augenwinkel ein kleines flinkes Etwas vorbeihuschen. Nein, dachte er, ich muss mich getäuscht haben.

Doch er hatte sich nicht getäuscht: Ein kleines Stück VERMÄCHTNIS-Text bemächtigt sich der Transferplatte, mit der er vom ARCHIV gekommen ist, und verschwindet damit. Oh-oh, denkt der Inspektor. Damit hat er Recht. Wenig später kommen zwei großmächtige Herren, die Silberstöcke tragen. Sie sagen, sie kämen von einem, der sogar noch höher stehe als MONTAG. Oh-oh, denkt der Inspektor. Das gibt großen Ärger. Und so kam es dann auch.

_Handlung_

In den Tagen von Montag bis Mittwoch, die Arthur Penhaligon im HAUS verbracht hat, ist es ihm bislang gelungen, drei Stücke des VERMÄCHTNISSES zu erobern. Sie sind Schlüssel zu drei Bereichen des HAUSES, zu den Unteren Bereichen, den Fernen Weiten und zur Grenzsee. Stets gilt es, eines von zwei essenziellen Dingen zu finden und zu erobern: Das erste ist die Gabe des VERMÄCHTNISSES, das zweite der Schlüssel der Domäne. Diesmal ist Lord Donnerstag an der Reihe, und das ist ein harter Brocken. Sir Donnerstag ist nämlich der Oberbefehlshaber der Truppen des HAUSES.

Aus den Kämpfen um die Grenzsee ist Arthur etwas lädiert hervorgegangen. An seinem gebrochenen Bein steckt als Gipsverband ein Krabbenpanzer. Doch seine treue Freundin Blatt, ebenfalls eine Sterbliche, begleitet ihn zum Ausgangs des HAUSES. Als sie merkt, dass die Tür voll wirbelnder Muster ist, warnt sie ihn. Er klopft einfach auf die Tür, die sich öffnet. Doch sie ist nicht unbewacht. Der Leutnant Hüter bittet um ein Wort, und Arthur kann sehen, wie Dame Primus, seine Statthalterin, sich mit ihrer Entourage nähert.

Der Hüter warnt ihn: In seiner Welt der Sekundären Welten der Sterblichen gebe es jetzt einen Doppelgänger von Arthur, eine Kopie, die mit Hilfe von Magie erzeugt wurde. Dieser Doppelgänger werde als Skelettjunge und Geistfresser bezeichnet, der mit Hilfe eines Schimmelpilzes seine Opfer infiziere und dann ihren Geist übernehme, um sie zu kontrollieren. Arthur darf keinen Kontakt mit diesem schrecklichen Wesen aufnehmen, denn das würde zu einer schrecklichen Explosion führen, ähnlich wie beim Aufeinandertreffen von Materie mit ihrem Gegenteil, der Antimaterie.

Die liebe Blatt erklärt sich bereit, sich um den Geistfresser zu kümmern. Dazu muss sie das Objekt stehlen, mit dessen Hilfe das Ding geschaffen wurde: Arthurs Tasche. Diese muss sie im NICHTS vernichten, welches das HAUS umgibt. Als Hilfen bekommt sie ein Amulett und eine magische Brille mit.

Also geht Arthur wieder zurück ins HAUS, denn dort sind inzwischen seine zwei Rivalen Lord Montag und Dienstag ermordet worden. Das ist gar nicht schön, denn Lady Mittwoch ist vielleicht das nächste Opfer. Aber wer steckt dahinter? Es muss ein Magiemächtiger sein, ähnlich wie Arthur. Ein magischer Ring zeigt ihm an, dass er selbst bereits zur Hälfte mit HAUS-Magie verseucht worden ist. Ist der Silberring vollständig zu Gold geworden, dann ist Arthur endgültig zum Bürger des HAUSES geworden. Die Entseuchung Arthurs würde etwa ein Jahrhundert dauern.

Arthur findet in seiner Tasse eine Silbermünze. Auf der einen Seite steht „Sir Donnerstag, Verteidiger des Hauses“, auf der anderen ist ein Schwert zu sehen und der Text „1 Schilling“. Sir Donnerstag ist der Oberbefehlshaber der Truppen. Wenn Arthur ihn ablösen und den vierten Schlüssel von ihm bekäme, könnte er das HAUS gegen die Grenzsee verteidigen, wie Dame Primus es wünscht. Doch die Silbermünze bedeutet, dass Arthur in die Armee Donnerstags eingezogen wird: für ein ganzes Jahrhundert. Und da tritt auch schon der Rekrutierungsoffizier in den Saal.

Dame Primus gibt dem nervösen Arthur zu bedenken, dass er, sobald er Sir Donnerstag abgelöst und den vierten Schlüssel hat, sich selbst entlassen kann. Dass sich die Bürgerin Susi Türkisblau bereiterklärt, ihm zu helfen, beruhigt Arthur ebenfalls. Nachdem der Offizier über die hochgestellte Persönlichkeit Arthur Penhaligon aufgeklärt worden ist, nimmt Arthur den Einberufungsbefehl entgegen und unterschreibt ihn. Der Befehl wickelt sich um ihn und verwandelt sich in die Uniform eines Rekruten. Er will sich fortan zur Tarnung „Bürger Helios Grün“ nennen.

Nun ist Arthur bereit, den „Ernst des Lebens“ in der Armee kennenzulernen. Und Sir Donnerstag wartet bereits auf ihn – mit einem Himmelfahrtskommando.

_Mein Eindruck_

Man mag sich wundern, wie es kommt, dass Arthur an nur einem Tag im HAUS um mehrere Jahre, die die Sterblichen erleben, altert und mental wächst. Das liegt natürlich daran, dass in der Anderswelt des HAUSES die Zeit auf andere Weise verrinnt als in unseren „Sekundären Welten“. Die Relativität der Zeit ist aber in der Fantasy bereits ein alteingeführter Topos, der schon im Mittelalter mit den ersten Balladen über [Thomas the Rhymer]http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas__the__Rhymer und seinem Ausflug in die Feenwelt begann – wenn nicht sogar schon in keltischer, vorchristlicher Zeit, wo Sterbliche ja immer mal wieder nach |Tír na nÓg|, das Land der ewigen Jugend, wechselten. Falls sie dann zurückkehrten, lebte keiner ihrer Freunde mehr und allein schon die Berührung mit der Heimaterde mochte sie zu Staub zerfallen lassen.

So darf es nicht verwundern, wenn Arthur, der ja in unserer Welt gerade mal elf Jahre alt ist, plötzlich im richtigen Alter für die Einberufung in die Armee des HAUSES ist. Er erhält natürlich seine Grundausbildung. Dreimal darf man sich fragen, wozu eine Armee da ist: zum Kämpfen natürlich. Schon bald geht Arthur auf Patrouille und bekämpft die ersten Neuen Nichtlinge, denen er und seine Freunde Fred Gold und Susi Türkisblau begegnen.

Das ist aber noch gar nichts gegen das Himmelfahrtskommando, auf das ihn Sir Donnerstag mitnimmt. Es kommt auf der Ebene vor der ausgedehnten Zitadelle des HAUSES zur Schlacht mit den Nichtlingen. Es wird mit recht unkonventionellen Waffen gekämpft, deren Beschreibung hier zu weit führen würde. Interessanter ist die Figur des gegnerischen Oberkommandeurs: des Pfeifers. Bei diesem handelt sich um keinen anderen als den [Rattenfänger von Hameln.]http://de.wikipedia.org/wiki/Rattenf%C3%A4nger__von__Hameln Und da in Arthurs Armee Pfeiferkinder sind, erweisen sie sich als verhängnisvoll empfänglich für die Flötenmusik des Pfeifers. Fragt sich nur, wer sich eigentlich hinter dieser betörenden Figur verbirgt.

Nachdem Arthur Sir Donnerstag besiegt hat, obliegt es ihm, dies herauszufinden. Anders als der martialische Ex-Oberbefehlshaber steht ihm der Sinn eher nach Verhandlungen mit dem Gegner. Auf diese Weise lässt sich auch viel mehr über diesen erfahren. Wie sich herausstellt, erhebt auch der Pfeifer berechtigten Anspruch auf den vierten Schlüssel und dessen Teil des VERMÄCHTNISSES. Dagegen hat aber das VERMÄCHTNIS eine ganze Menge einzuwenden. Es funkt Arthur dazwischen und sabotiert seine ausgeklügelte Verhandlungsstrategie auf höchst unappetitliche Weise.

|Verbündete|

Unterdessen ist Blatt in unsere Welt übergewechselt und hat sich im Östlichen Bezirkskrankenhaus umgesehen. In der Wäschekammer hat der Geistfresser, den sie sucht, sein Versteck. Doch zu ihrem Entsetzen ist er bereits unterwegs, um auf den Korridoren außerhalb der Quarantäne-Zone Patienten und Personal mit seinem Schimmelpilz zu infizieren. Blatt hat nun zwei Probleme: Sie darf sich nicht von ihm entdecken und anstecken lassen, während sie gleichzeitig Arthurs Tasche in der Wäschekammer sucht. Leichter gesagt als getan, denn das Sicherheitspersonal sucht sie bereits, weil sie in die Q-Zone eingedrungen ist.

Dies ist der erste Roman der Reihe, in dem eine andere Figur gleichberechtigt neben Arthur Abenteuer erlebt, die mindestens ebenso spannend sind wie seine im HAUS. Blatt ist ja auch nur ein junges Mädchen, muss sich aber in einer plötzlich feindlich gewordenen Umwelt behaupten. Das gelingt ihr wider Erwarten ausgezeichnet. Und zwar nicht bloß, weil sie magische Hilfen wie die Brille und das Amulett des Mariners hat, sondern weil sie auch Hilfe von unerwarteter Seite anzunehmen bereit ist. Eine alte Dame hilft ihr, die sich resolut für Blatt einsetzt.

Dabei hat sich die Gegend um das Krankenhaus, ähnlich wie in Episode eins „Schwarzer Montag“ in eine hermetisch abgeriegelte Kriegszone verwandelt. Panzer rollen, Kampfhubschrauber schweben darüber und Leichen der Seuche werden mit Flammenwerfern eingeäschert. Soll noch einer sagen, die Schlacht im HAUS spiegele sich nicht in unserer Welt wider!

Es gibt auch Verfremdungseffekte. Diese sind jedoch eher lustig als tragisch. Wie sehr sich Blatt verändert hat, merkt sie erst, als sie in Arthurs Haus eindringt, um mit seinem Spezialtelefon mit dem HAUS und ihrem Freund zu kommunizieren und um Hilfe zu flehen. Sie wird von Arthurs 17-jähriger Schwester Mikeli überrascht, die erst nichts mit ihr anzufangen weiß. Doch das ist noch gar nichts: Blatt bekommt unvermittelt schreckliche Krämpfe und zittert wie bei einem [Veitstanz.]http://de.wiktionary.org/wiki/Veitstanz

Da rauscht auf einmal ein geflügeltes Wesen zur Tür herein: Susi Türkisblau. Das ist zu viel für die arme Mikeli, die fast einen Schreikrampf bekommt und die Polizei rufen will. Blatt und Susi können sie gerade noch davon abhalten. Merke: Obwohl das Geschehen eigentlich besorgniserregend sein sollte, verwandelt es der Autor in eine Studie von Komik. Das fand ich genial und entlockte mir ein zufriedenes Lachen. Die beiden Erzählstränge um Arthur und Blatt funktionieren ausgezeichnet und sorgen wechselseitig für Spannung und Abwechslung.

_Die Inszenierung_

|Der Sprecher|

Oliver Rohrbeck ist ja als Ex-Mitglied der „Drei ???“ schon ein alter Hase im Synchronsprechergeschäft und in Sachen Hörspielserie (s. o.). Seine „normale“ Stimme eignet sich gut für Kinderstoffe, also Märchen, Fantasy und Ähnliches, denn sie erklingt nicht besonders tief oder autoritär, ist also sympathisch. Am deutlichsten ist das an den hohen und erhabenen Stimmen der weiblichen Figuren Susi, Blatt und Dame Primus abzulesen. Jedenfalls klingt Rohrbeck meist alles andere als furchteinflößend.

Doch wie soll er dann den Ausbildungsoffizieren bei der Armee Autorität verleihen? Diesmal muss Rohrbeck regelmäßig brüllen und mit tiefster Stimme intonieren, um die diversen Bedrohungen, denen sich Arthur gegenübersieht, glaubhaft zu gestalten. Schließlich soll der Hörer glauben, dass Arthurs Leben wirklich in Gefahr ist. Sir Donnerstag hat es wirklich auf ihn abgesehen.

|Effekte|

Alles wird etwas turbulenter und bunter, als Arthur in die Welt des HAUSes eintritt. Hier klingen manche Stimmen ebenfalls durch Filter verzerrt und bizarr. Das VERMÄCHTNIS, das Arthur hilft, ertönt beispielsweise stark verzerrt, da es sich über Telepathie bei Arthur meldet. Aber es klingt dennoch freundlich. Häufig wird auch starker Hall eingesetzt.

Insgesamt bietet das Hörbuch dem Hörer also eine reichhaltige Palette von Klangeffekten und Stimmfarben. Dabei zeigt sich, dass der Sprecher sowohl Figuren auf unterscheidbare Weise charakterisieren als auch Situationen zum Leben erwecken kann, so dass sie dem jungen Publikum fast plastisch vor Augen stehen.

|Musik|

Die Hintergrundmusik von Andy Matern wird geschickt eingesetzt, obwohl es sich nur die stets wiederholten gleichen Motive handelt. Sie bildet einen Klangteppich, der unterbewusst die Emotionen des Zuhörers steuert. Die Instrumente sind in der Regel elektronisch, und daher ist der Unterschied zwischen Intrumentenklang und Soundeffekt verwischt. Wichtig ist lediglich die Wirkung.

Eine Standardsituation für den Musikeinsatz ist zum einen die Anwendung von Magie, so etwa die des vierten Schlüssels oder von Blatts magischer Brille. Zum anderen ist aber in dieser Episode das kriegerische, gewalttätige Thema verantwortlich für den häufigen Einsatz von Trommeln und recht dramatischen und unheilverkündenden Kadenzen.

Ich fühlte mich mehrfach an entsprechende Szenen in Peter Jacksons „Herr der Ringe“ erinnert. Dort hat sich Matern möglicherweise inspirieren lassen. Interessant war die Darstellung von Arthurs Verwirrung: Nur einmal erklingt eine recht dissonante Akkordfolge, dass man mit Arthur richtig Mitleid bekommt.

Geräusche gibt es keine, aber Soundeffekte ersetzen sie.

_Unterm Strich_

Die australische Fantasyreihe wartet mit einem recht gut durchdachten Paralleluniversum auf, das erstens die Bestimmung des Helden bereithält und zweitens natürlich die Lösung zu allen Rätseln. Aber diese Bestimmung fällt dem denkbar ungeeigneten Asthmatikerhelden nicht in den Schoß, wie man sich leicht denken kann, sondern muss in sieben Kämpfen errungen werden.

Da sich diese Kämpfe auch auf die Welt des Helden erstrecken, gerät er mit seiner Familie in alle möglichen gefährlichen Situationen. Der Angriff von Nichtlingen wie dem Skelettjungen dürfte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch kommen könnte. Doch wie im HAUS die treue Susi Arthur beim Bestehen von Abenteuern beisteht, so tut dies in der Realwelt die treue Blatt.

|Die Aussage|

Mir hat die Geschichte viel Spaß gemacht, denn der Autor überrascht mit einigen doch recht interessanten Einfällen, so etwa dem Geistfresser, der die Verkörperung von „Mind Control“ durch Ansteckung darstellt. Der symbolische Gehalt dürfte klar sein – es geht um eine besonders perfide Form der Machtausübung. Der Geistfresser findet eine auffällige Parallele im Rattenfänger alias Pfeifer, der seine Nichtlinge verführt und betört. Sir Donnerstag ist ebenfalls ein Machthaber, der sie rücksichtslos einsetzt. Doch erstaunlicherweise wird ihm ausgerechnet von seinen Marschällen Einhalt geboten. Dieses Buch dreht sich also um Macht und wie man ihr entgegentreten kann.

|Die Heilung der Welt|

Natürlich erinnert der Aufbau der Geschichte ein wenig an Tad Williams‘ Zyklus [„Otherland“, 4196 und hier wie dort durchstreift der Held eine virtuelle Welt, die er heilen muss. Aber er hat sie auch zu erobern und dafür etliche Kämpfe zu bestehen. Denn damit heilt er zugleich auch seine eigene Welt. Beides gehört zusammen, und der Weg ist das Ziel: Arthur findet nicht nur zu selbst, sondern erkennt auch seinen Platz und seine Aufgabe in der Welt. Das ist eine wertvolle Lektion, wie sie nur sehr gelungene Jugendbücher glaubwürdig zu vermitteln vermögen, so etwa die Harry-Potter-Reihe oder der Wintersonnenwende-Zyklus von Susan Cooper.

|Das Hörbuch|

Der von Oliver Rohrbeck gesprochene Text bietet dem Hörer, vor allem dem jugendlichen Zuhörer ab 12 bis 13 Jahren, eine breite Palette von stimmlichen Tonlagen und Klang-Effekten, die zu einer Charakterisierung verschiedenster Wesen beitragen. Mit ein wenig Phantasie kann sich der Zuhörer daher die fremde Welt des HAUSes viel besser vorstellen. Optimal gelungen ist diesmal die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen. Das Mädchen zeigt sich als unerlässlich für den Erfolg von Arthurs Mission.

Am Schluss bekommt Arthur eine Einladung von Lady FREITAG. Sie ist Ärztin wie Arthurs Mutter – ausgerechnet! Das Abenteuer geht also weiter.

Fazit: Ein Volltreffer.

|Originaltitel: Sir Thursday, 2006
Aus dem australischen Englischen übersetzt von Axel Franken
286 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3529-9|
http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

Bruen, Ken / Starr, Jason – Flop

Sex & Crime: Achterbahn ohne Handbremse

Wenn du einen Killer für deine Frau engagierst, nimm keinen Psychopathen. Das ist nur eine der bitteren Lektionen für den skrupellosen New Yorker Geschäftsmann Max Fisher. Seine Ehefrau Deirdre ist der Affäre mit der aufregenden Angela im Weg, ein Auftragskiller muss her. Angela empfiehlt ihren „Cousin“. Als sich der Killer „Popeye“ nennt, hätte Max eigentlich klar sein sollen, dass etwas nicht stimmt. Zwei Leichen später weiß Max nicht mehr, wem er noch trauen kann, denn alles gerät außer Kontrolle. Dabei hat Max doch ein so schwaches Herz.

Die Autoren

„(Der Ire) Ken Bruen ist berühmt für seine ‚hardboiled‘-Kriminalromane, für die er bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Jason Starr schreibt Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke und wurde mit Krimis bekannt. Starr lebt in New York City.“ (Verlagsinfo) Ken Bruen schrieb die Vorlagen für die „Jack-Taylor“-TV-Krimis.

Sprecher & Produktion

Reiner Schöne lebte lange in Hollywood und drehte dort mit Filmgrößen wie Clint Eastwood und Lee van Cleef. Der Schauspieler, Synchronsprecher und Sänger mit der tiefen, markanten Stimme trägt die passende raue Note bei. (abgewandelte Verlagsinfo)

Regie führte Thomas Wolff, den Ton steuerte Oliver Hörth.

Handlung

Max Fisher sitzt in einer Pizzeria und wartet auf den Killer. Der lange Kerl, der schließlich eintritt, ist offensichtlich Ire und Max soll ihn „Popeye“ nennen. Was für ein Witzbold. Und unverschämt: Statt acht verlangt der Kerl jetzt zehn Riesen für den Job. In kleinen Scheinen, im Voraus, und natürlich gleich morgen. Max seufzt: Was tut man nicht alles, um seinen Alte um die Ecke zu bringen und mit der neuen Flamme ganz legal in die Kiste zu steigen.

Angela Petrarkos, Max‘ neue Flamme, ist mit sieben Jahren aus Irland nach New York City gekommen und hat sich schon bald an die Realitätsbedingungen für ein hübsches Mädel für sie angepasst. Nun arbeitet sie im Vorzimmer von Max Fisher und sieht stets scharf aus wie eine Rasierklinge. Doch Max ahnt nicht, dass der Cousin, den sie ihm für den Job empfohlen hat, ihr Lebenspartner Dylan ist, mit dem sie in Queens zusammenlebt. Ein Mädel muss in der großen Stadt schließlich sehen, wo es bleibt. Und mit Dylan scheint sie nicht das große Los gezogen zu haben. In dieser Hinsicht sieht Max schon wesentlich besser aus. Was sie nicht weiß: Dylan hat sie mit Herpes angesteckt.

Dylan macht den Job, allerdings auf seine Art und Weise. Während Max ein wasserdichtes Alibi in einem Klub hat und sich von Angela fernhält, legt Dylan Deirdre Fisher um, wie vorgesehen. Was Max an diesem Abend bei seiner Heimkehr vorfindet und am nächsten Tag in der Zeitung liest, geht aber wesentlich über das Vereinbarte hinaus: Dylan hat auch Max‘ Nichte Stacy Goldenberg umgelegt, eine junge College-Studentin. Er hat Schmuck mitgehen lassen. Und zu guter Letzt hat er einen Scheißhaufen mitten ins Treppenhaus gesetzt. Max‘ Puls geht gegen 200, am liebsten würde er Dylan umlegen. Wenn er bloß nicht so ein schwaches Herz hätte.

Verdacht

Lt. Kenneth Simmons von der New Yorker Polizei kommt Max Fisher sofort wie ein Heuchler vor. Er trauert kaum um seine ermordete Frau Deirdre und die seltsame Sache mit der Alarmanlage in seinem Haus kann der Typ auch nicht zufriedenstellend erklären. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Auftragsmord, doch das muss Simmons erst einmal nachweisen. Hat Fisher eine Geliebte, die er trifft? Er lässt ihn auf jeden Fall mal beschatten.

Nach fast einer Woche sexuellen Entzugs hält es Max nicht mehr ohne Angela aus. Sie verabreden sich: inkognito, in Verkleidung, das volle Programm. Im Hotel entdeckt der Kellner Victor Giametti die vollbusige Schönheit, die hier regelmäßig ihren Macker trifft. Er meldet ihr Auftauchen sofort an seinen alten Kumpel Bobby Roser, der eine Schwäche für gut gebaute Mädels hat und sie im Central Park abknipst, wo niemand einen harmlosen alten Rollstuhlfahrer des Voyeurismus verdächtigt.

Erpressung

Max und Angela sind gerade in Fahrt gekommen, als die Tür ihres Hotelzimmers aufgeht und ein Etagenkellner im Rollstuhl hereinfährt. Er entschuldigt sich sofort und verschwindet wieder. Dass er ein paar Fotos macht, merkt der etwas abgelenkte Max gar nicht. Erst als ihm am nächsten Tag ein Erpresserbrief auf den Schreibtisch flattert, kapiert er, was die Vorstellung sollte. Und der Erpresser begnügt sich nicht mit Kleingeld. Bobby Rosen hat einen Blick in die Zeitung geworfen und Max‘ Gesicht entdeckt, zwei und zwei zusammengezählt und ist auf eine gigantische Summe gekommen: eine Viertelmillion Dollar – für die Unterdrückung ein paar kompromittierender Fotos von Mr. Fisher.

Max zittert nervös. Er könnte klarer denken, wenn nur sein Penis nicht so jucken würde. Seinen Verdacht, dass Angela ihn angesteckt hat, weist sie entrüstet zurück. Allmählich kommt ihm eine gute Idee: Er hätte wieder mal Verwendung für Angelas „Cousin“. Aber Angela fragt sich, was für eine Art von Mann so stark sein kann, den mächtigen Max Fisher in eine solche Notlage zu bringen. Und ein Mädel muss schließlich sehen, wo es bleibt. Sie beschließt, diesem Bobby Rosen einen Besuch abzustatten.

Mein Eindruck

Dies ist Pulp Fiction in unverfälschter und unverminderter Form, weit unter dem Niveau von „Der Pate“, nämlich mitten aus dem garstigen Leben. Männlein und Weiblein treiben das, was sie schon seit Adam und Eva getan haben, und wenn ihnen was dabei in die Quere kommt, holen sie die Keule raus. In diesem Fall hört die Keule auf den Namen Dylan und ist ein psychopathischer Möchtegern-Terrorist, der mit der IRA sympathisiert. Mit so einem Kerl ist nicht gut Kirschen essen, und das merkt auch sein Auftraggeber Max Fisher ziemlich schnell.

Der Bürger als Held

Max Fisher ist ein bürgerlicher Heuchler, der zwar seine Alte um die Ecke bringen lässt, dann aber Gewissensbisse bekommt, wenn zufällig auch seine Nichte draufgeht. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, besonders dann, wenn so grob gehobelt wird wie von Dylan, dem Super-Iren. Im Geschäft mit der Netzwerkinstallation gibt Max den tüchtigen Geschäftsmann, wie ihn sich jeder Unternehmenspräsident zum Schwiegersohn wünscht, doch im Privatleben ist Max ein ganz anderer: ein geiler Bock, der mit der neuen Sekretärin Angela eine schnelle Nummer schieben will. Freudsches Über-Ich und Es, zwischen Anstands-Fassade und Libido liegen stets miteinander im Clinch, und in seiner bürgerlichen Existenz ist Max stets zwischen den beiden zerrissen. Die normale bürgerliche Heuchelei funktioniert ganz gut, sogar noch nach dem Tod seiner Alten.

Nemesis

Jedenfalls bis Bobby Rosen die Karten bzw. Fotos auf den Tisch legt und die Rechnung präsentiert. Während Max schon die ersten Kunden abspringen und die Familie um die Verflossenen trauert, tritt Max‘ Nemesis auf. Max‘ einzige Antwort darauf besteht nicht in Verhandlungen, sondern in einer zweiten Spirale der Gewalt: Er will Rosen umlegen lassen, natürlich wieder von Dylan. Wird es für Max Fisher ein Happy-End oder einen endlosen Teufelskreis geben? Das werde ich nicht verraten.

Humor

Dass der Teufel über eine Menge fiesen Humor verfügt, dürfte sich herumgesprochen haben. Diesmal tritt er zunächst in Form der Geschlechtskrankheit Herpes auf. Wie ein Dingsymbol in einer klassischen Novelle wandert der Herpesvirus von Dylan zu Angela und dann zu Max, als ob er die Spur der Sünde nachzeichnen wolle. Dass Max zwar einen Verdacht hat, aber nicht hartnäckig genug die Spur zur Quelle der Ansteckung verfolgt, soll sich als einer seiner vielen Fehler herausstellen. Wie so oft lügt er sich auch hier selbst in die Tasche. Und der Teufel, der ihn an seinem „besten Freund“ piesackt, lacht sich ins Fäustchen.

Die Amazone

Angela ist eine interessante Figur. Statt nur eine Nebenrolle zu spielen, wie das in vielen Krimis – auch in „Der Pate“ – der Fall ist, steigt sie zu einer mächtigen Akteurin auf, die das Schicksal in ihre eigenen Hände nimmt. Sie erinnert mich an Lauren Bacall in Film-noir-Filmen wie „The Big Sleep“. Würde die amerikanische Zensur eine solche Figur in einem Fantasyroman zulassen (was ich stark bezweifle), dann wäre sie eine Kombination aus Zauberin, Kurtisane und Amazone.

Diese kräftige Mischung verfolgt ihre eigenen Pläne, wie sich leicht denken lässt. Ob Max Fisher und Dylan gegen sie bestehen können, ist eine spannende Frage. Und ob Bobby Rosen ihr Feind wird oder ihr Verbündeter, entscheidet über das Schicksal von Max und Dylan. Angela ist leicht auszurechnen: Sie ist sich selbst die nächste und sucht bei jedem Mann, den sie ausnutzt, ihren eigenen Vorteil, und sei er noch so gefährlich.

Klischees

Eine etwas klischeehafte Figur gibt die Polizei ab, vertreten durch den ehrgeizigen Lt. Kenneth Simmons. Er ist so ehrgeizig, dass er zwar den richtigen Riecher hinsichtlich des bürgerlichen Max‘ hat, aber bei seiner Verfolgung Angelas auf den unberechenbaren Dylan stößt, Dann ist ist er nicht nur mit seinem Latein am Ende. Welches Ende Dylan finden wird, ist eigentlich schon früh absehbar. Er ist zwar skrupellos, aber leider auch dumm wie Bohnenstroh. Warum sonst sollte er seinem Klienten einen Haufen ins Haus kacken? Figuren wie er erleben selten das Ende des Stücks.

Auch wenn es nicht um Rauschgift geht, so ergibt sich ein Bild der menschlichen Gesellschaft, die von niederen Instinkten beherrscht wird: Pulp Fiction pur. Man wähnt sich in den finsteren dreißiger und vierziger Jahren, die im Film noir eingefangen wurden, und doch ist der Schauplatz der Handlung völlig in der Gegenwart verankert. Denn die niederen Instinkte bleiben ja stets die gleichen – und sorgen so für gehörige Spannung.

Der Sprecher

Reiner Schöne war schon vor 30 Jahren in den Hörspielen des Bayerischen Rundfunks zu hören, so etwa in der Titelrolle als [Paul Cox. 4972 Seine Stimme ist „männlich herb“, tief und etwas rau, also genau richtig für ein kriminelles Milieu, in dem die Sitten ebenso rau sind. Er kann heiser auflachen, aufgebracht aufschreien, und zwar sowohl in einer männlichen wie einer weiblichen Rolle. Einmal muss er stottern und flüstern, und Angela muss natürlich verführerisch klingen. Null problemo.

Für die Charakterisierung der Figuren steht ihm allerdings nur ein begrenztes Instrumentarium zur Verfügung. An Rufus Beck reicht er also nicht heran. Die Charakterisierung erfolgt eher durch Situationen und Emotionen, die eine entsprechende Ausdrucksweise, wie oben aufgelistet, erfordern. Als Ergebnis ist mir nie ganz klar geworden, ob Angela, immerhin eine Hauptfigur, nun eine eher durchtriebene und hinterlistige oder eher eine ängstliche bzw. mutige Person ist. Mit Sicherheit ist sie keine göttliche Übermutter, sondern einfach ein Mädel in der großen Stadt, das stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

An einer Stelle wurde das Hörbuch etwas zu stark gekürzt. Bevor Angela Bobby Rosen besucht, muss sie seine Adresse erfahren. Entweder habe ich gepennt, oder die Art und Weise, wie sie an diese Adresse gelangt, wird wirklich nicht erwähnt. Dann wäre das ein kleiner Logikfehler.

Unterm Strich

Entgegen seinem Titel ist diese Pulp-Fiction-Geschichte aus dem Universum, aus dem Hardboiled-Krimis kommen, überhaupt kein Flop, sondern hat mir tierisch Spaß gemacht. Zum einen liegt es daran, dass etliche Restriktionen der Mainstream-Romane nicht mehr gelten, besonders was die Darstellung von sexuellen Beziehungen und „bad language“ betrifft.

Zum anderen ziehen die Autoren alle Register, um die Handlung sowohl mit allen möglichen Kicks zu versehen (Showdown, Verführung, Tricks) als auch sie möglichst unvorhersehbar verlaufen zu lassen. Das gelingt ihnen vollauf, und so blieb ich bis zuletzt bei der Stange, um zu erfahren, ob Max Fisher doch noch die gerechte Strafe ereilt und was wohl aus der scharfen Angela wird. Der Originaltitel „Bust“ ist vieldeutig, aber eine der Bedeutung lässt sich auf jeden Fall mit Angelas Oberweite in Verbindung bringen.

Das Hörbuch

Reiner Schöne ist fast schon die Idealbesetzung als Erzähler dieser Hardboiled-Krimis, die |Argon| jetzt bringt. Es mag ihm zwar etwas an Flexibilität hinsichtlich seiner Stimme fehlen, aber dafür ist seine Ausdrucksfähigkeit hinsichtlich bestimmter Szenen und Emotionen sehr vielseitig. Er könnte die Figuren aber noch etwas besser charakterisieren.

Diese neue Reihe des |Argon|-Verlags ist für unvoreingenommene Leser von Krimis, die auf Bildungsanspruch pfeifen, ein gefundenes Fressen, und ich werde sicher noch weitere Titel der Reihe vorstellen.

Originaltitel: Bust, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Richard Betzenbichler
275 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 9783866104556

http://www.argon-verlag.de

Michalewsky, Nikolai von / Redeker, Jochim-C. / Weymarn, Balthasar von – Mark Brandis: Verrat auf der Venus (Hörspiel, Folge 2)

_Verrat auf Luna, Rebellen auf der Station_

Das Jahr 2120: General Gordon B. Smith beherrscht nach seinem Putsch die halbe Erde – auf seinem Weg zur Weltherrschaft stehen ihm nur noch die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die kleine Kolonie auf der Venus im Weg. Seitdem die Venus sich symbolisch von der Union losgesagt hat, muss sie mit der Invasion der religiösen Bewegung der „Reinigenden Flamme“ rechnen. Smiths Anhänger werden zuschlagen, aber keiner weiß, wo zuerst.

Mark Brandis ist nun Commander der |Delta VII|, eines revolutionär schnellen Raumschiff-Prototyps. Obwohl dieses Schiff dem General nicht in die Hände fallen darf, wird ausgerechnet Brandis für eine Geheimdienstmission ausgewählt, die ihn und seine Crew direkt vor die Höhle des Löwen führt: auf den Erdmond …

_Der Autor_

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den Mark-Brandis-Büchern, der bis heute (nach Perry Rhodan) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. Ihm und seiner Frau Reinhild ist dieses Hörspiel gewidmet. (Verlagsinfo)

_Die Macher / Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Macher und Regisseure sind |Interplanar.de|:

Jochim-C. Redeker: Sounddesign, Musik und Schnitt
Balthasar von Weymarn: Dramaturgie, Wortregie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual-Reality-Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell-Momentaufnahmen-Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.

Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Thomas Weichler.

Die Sprecher und ihre Rollen:

Michael Lott spricht: Commander Mark Brandis
Martin Wehrmann: Lt. Iwan Stroganow (sein Waffenoffizier
Rasmus Borowski: Lt. Antoine Ibaka (sein Bordingenieur)
Holger Umbreit: Cpt. Robert Monnier
Dorothea Anna Hagena: Ruth O’Hara, Brandis‘ Gattin
Christine Mühlenhof: Bordcomputer CORA (Central Oral Response Avatar)
Daniela Hoffmann: Angelica Nelson (dt. Stimme von Julia Roberts)
Wolfgang Kaven: Lt. Karwik
Leon Boden: Prof. Westhoff, Venus
Thomas Vogt: Major Bogdan Bjelowski, Geheimdienst
Martin Kunze: Colonel Larriand
Michael Westphal: Kommissar Malamud, Venus
Ulrike Kapfer: Iris, Station
Robert Vogel: Sven Björnsen
René Wagner: VEGA Venus
Wolf Frass: Prolog
u. a., darunter Reinhild von Michalewsky.

Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky.

_Hintergrund und Vorgeschichte_

Die Mark Brandis-Hörspielreihe begann 2005-2007 mit [„Bordbuch Delta VII“. 4995 Inhaltlich unterscheidet sie sich in einigen wichtigen Punkten von den Büchern.

* Die Geschichten sind um 50 Jahre in die Zukunft verlegt, die Saga beginnt also 2119;

* Die Kürzel EAAU und VOR sind zu „die Union“ und „die Republiken“ geworden;

EAAU: Die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU) ist ein transkontinentaler Staatenverbund und wurde als Zusammenschluss der drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika ca. 1999 gegründet – ihr assoziiert ist Australien. Während Europa der Kontinent ist, der über die längste Tradition verfügt, haben sich Afrika und Amerika zu den industriell bedeutendsten Kontinenten entwickelt.
Flagge: ein Ring goldener Planeten um drei kleeblattartig angeordnete grüne Kontinente auf weißem Grund.
Hauptstadt: Metropolis

VOR: Die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) sind ein transkontinentaler Staatenverbund und umfassen zwischen Ural und der Pazifikküste die asiatischen Staaten einschließlich Ozeaniens.
Flagge: zwei gekreuzte Mongolenschwerter vor einer gelb-roten Sonne.
Hauptstadt: Peking

* Computer müssen nicht jedes Mal neu programmiert werden, sondern kümmern sich selbständig um ihre Aufgaben (daher kein „Technobabble“). |Delta VII| besitzt eine sprechende „Persönlichkeit“ mit dem Namen CORA, die von jedem Ort im Schiff aus zu erreichen ist;

* Die |Delta VII| besteht aus Brücke, Aufenthaltsraum/Messe, Maschinenraum und den Quartieren, dazu noch zwei Schleusen (Hauptschleuse kielseits und Dingischleuse deckseits); sie ist außerdem kein raketenartiger Vertikalstarter mehr;

* Mark Brandis und Ruth O’Hara können sich „Videobriefe“ schreiben; sog. Homeservice-Tapes (erinnert sich hier wer an „Das Arche Noah-Prinzip“?***) und sind bereits verheiratet, dafür hat Lt. Antoine Ibaka seine Frau Lydia erst auf der Venus kennengelernt;

* Die Geschichte ist gestrafft – so beginnt sie bereits mit dem Anflug auf die Erde (statt dem Anflug auf die Venus);
* Die „Reinigende Flamme“ hat bereits einmal (vor dem ersten Band) versucht, die Macht in der EAAU zu übernehmen. Da dieser Putsch damals vereitelt wurde, sind Mitglieder der Regierungen der Bedrohung gegenüber nachlässig geworden;

* Tom Collins‘ Rolle als Wegbereiter Smiths ist ausgedehnt;

* Alexander Repin ist nicht „Vorsitzender des Rates für Innere und Äußere Sicherheit“ auf der Venus, sondern Gouverneur;

* Die Venus leitet Energie aus dem Treibhauseffekt per Fernübertragung an die Erde;

* |Delta VII| kann in der SK-Konfiguration bis zu acht schwere Raketentorpedos neben den Energiewaffen abfeuern;

* Robert Monnier hat eine medizinische Zusatzausbildung;

* Die Technik der Gehirntransplantation (Brigadegeneral Rodriguez) ist durch ein verfeinertes Scanning-Verfahren ersetzt;

* Der Frachterkapitän Nelson (vgl. Aufbruch zu den Sternen) hat eine Tochter, die als Reporterin arbeitet.

***: Am Anfang seiner Spielfilmkarriere ging es Roland Emmerich um eins: Um die Umwelt. Das ARCHE NOAH PRINZIP (1984) könnte man als Öko-Klimakatastrophen-Science-Fiction-Thriller bezeichnen.

|Die Venus-Kolonie|

Die Chinesen errichteten auf dem Mars die erste Kolonie, deshalb wollte die westliche Union lieber die Venus besiedeln. Erst mit der Entdeckung einer chemischen Konstante Mitte des 21. Jahrhunderts gelang ein Durchbruch, und seither macht die Zersetzung von Schwefelsäure und Kohlendioxid in der Venus-Atmosphäre Fortschritte, wird aber erst Ende des 22. Jahrhundert abgeschlossen sein. Aufgrund der hohen Oberflächentemperatur von zunächst 450 °C und der langen Venustage (1 Tag entspricht 5832 Stunden) war und ist eine Besiedlung nur in Polnähe möglich. Bis 2095 wurde eine Strafkolonie unterhalten. Ein Schirm wurde errichtet, Forscher und Zivilisten folgten. Bodenwärme wurde in Energie umgewandelt, und die Venuskolonie prosperiert. (aus dem Booklet, abgewandelt)

_Handlung_

Fünf Monate nach der Unabhängigkeitserklärung der Venus will die Reporterin Angelica Nelson Brandis interviewen, der von Gouverneur Repin zum Commander der |Delta VII| ernannt worden ist, nachdem sich Brandis‘ Vorgänger Commander John Harris bei einem heroischen Einsatz auf der Erde geopfert hat. Doch Brandis lehnt das Interview ab, weil Nelson die Tochter des Kapitäns der |Barbarossa| ist, der sich nun auf der Erde befindet – in der Gewalt von General Smith. Wer weiß, ob er nicht der Gegenseite in die Hände spielen würde.

Als Brandis zusammen mit der Reporterin im Gleiter sitzt und sie durch die Stadt fliegen, ertönt plötzlich der Notalarm. Brandis befiehlt Nelson auszusteigen, doch sie hat zu große Angst vor dem Sprung und stürzt mit dem Gleiter ab. Doch wer oder was hat den Absturz verursacht, fragt sich Brandis, der noch rechtzeitig mit dem Fallschirm „ausgestiegen“ ist. Gibt es Spione und Saboteure auf der Venus?

Brandis wird zu Gouverneur Repin gebeten. Er ist froh, dass Repin die Bitte General Smiths, Stützpunkte auf der Venus errichten zu dürfen, abgelehnt hat. Man hat auch den Heckenschützen gefunden, dem Nelson zum Opfer fiel, doch der Vorfall wird als Unfall vertuscht. Repin will Smith offenbar keinen Grund zur Aggression geben. Die Besetzung droht.

Larriand, der Stellvertreter Repins, macht Brandis klar, dass die Venus einen Spion in der Nähe Smiths habe und man diesen Spion auf dem Mond treffen müsse. Da der Direktor der VEGA, Westerhoff, diese Mission unterstützt, erklärt sich Brandis bereit, den Geheimdienstler Major Bjelowski hinzufliegen. Der Haken daran: Als Pilot wird Brandis sein alter Feind Robert Monnier zugeteilt. Na, das ja heiter werden, denkt der Raumschiffkapitän im Stillen.

Auf dem Mond landen sie bei Camp Luna Fünf. Major Bjelowski steigt aus, um den Abgesandten der VOR-Republiken, General Rodriguez, zu treffen. Doch da tauchen unbekannte Schiffe auf, die die |Delta VII| unter Beschuss nehmen. Sie wurden verraten! Es gelingt Brandis bei einem Alarmstart noch, Rodriguez an Bord zu nehmen, doch was ist mit Bjelowski? Die |Delta VII| schießt die feindlichen Zerstörer, die von der Union kommen, ab. Verblüfft hört Brandis die Stimme eines Totgeglaubten: Commander John Harris! Eine weitere Überraschung wartet auf ihn: Brigadegeneral Rodriguez ist eine Frau.

Als sie zur Venus zurückfliegen, wird Leutnant Ibaka stutzig: Etwas stimmt dort nicht. Ist die Venus bereits von Smiths Sturmtruppen besetzt worden?

_Mein Eindruck_

Selbst ein kleiner Abstecher nach Luna kann doch recht aufregend sein. Leider aber auch verwirrend. Man muss also Zuhörer schon aufpassen wie ein Schießhund und Ohren haben wie ein Luchs, will man dem rasanten Gefecht über der Mondoberfläche einigermaßen folgen. Am besten hört man sich diese Folge mindestens zweimal an.

Hinzu kommt ein zweiter Handlungsschwerpunkt im Anschluss an die Beinahe-Rückkehr zur Venus, die ja mittlerweile nicht mehr anlaufbar ist. Die |Delta VII| braucht eine neue Basis, um weiter operieren zu können. Eine Raumstation zur Nachrichtenübermittlung und Wetterbeobachtung ist mit dem Treibstoff noch erreichbar. Doch auch dort findet ein heftiges Gefecht mit den Smith-Truppen statt. Dies kann Brandis‘ Mannschaft zusammen mit den Widerstandskräften der Station jedoch für sich entscheiden.

In einer „normalen“ Serie hätten die Produzenten diese doppelte Handlung auf zwei Folgen verteilt, doch hier wollte man offenbar die Geschichte auf einer positiven Note enden lassen, wie schon im Vorgänger. Mit dem Erfolg der Rebellen auf der Station ist dies gegeben, und der Hörer kann sich zufrieden zurücklehnen: Brandis & Co. haben mal wieder das Weltall vor dem Schlimmsten bewahrt.

Allerdings muss der Hörer für diese zwei Handlungsschwerpunkte, die nur durch eine actionlose Durststrecke verbunden sind, einen langen Atem mitbringen: Die Episode ist ganze 76 Minuten lang, also rund 20 Minuten mehr Zeit als für eine durchschnittliche |Perry Rhodan|-Folge aufgewendet wird. Aber man kann ja mal eine kleine Pause in der Mitte einlegen, damit man für die zweite Hälfte wieder aufnahmefähig ist. Hab ich natürlich aus Zeitmangel nicht gemacht, sondern mental die Zähne zusammengebissen und bis zum bitteren Ende mitgeschrieben.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Ich fand, dass die Sprecher nicht besonders gut zur Geltung kamen. Das liegt daran, dass sie alle nur sehr kurze Sätze zu sprechen haben. Ich hatte den Eindruck, als würde alles zerhackt werden, um den Eindruck von Dynamik und Entwicklung zu erwecken – was ja auch voll gelungen ist. Diese Vorgehensweise degradiert die Sprecher jedoch zu Lieferanten von Sprechblasen.

Ausdrucksstarke Momente sind dünn gesät, so etwa, als Daniela Hofmann mit ihrer verführerischen Julia-Roberts-Stimme dem harten Raumfahrer Mark Brandis auf die Pelle rückt, oder als die Rebellin Iris sich mit Brandis auf der Raumstation verbündet. Der Rest des Textes besteht meist aus verbalem Schlagabtausch. Ich habe den Verdacht, dass dieser Stil für männliche Zuhörer ganz in Ordnung ist, beim weiblichen Publikum jedoch auf weit weniger Gegenliebe stoßen dürfte. Denn dieses mag es lieber emotional, wenn nicht sogar romantisch. Mit dem Auftreten dreier weiblicher Nebenfiguren dürfte das weibliche Publikum diesmal wesentlich besser bedient sein als im Vorgänger.

|Die Geräusche|

Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Töne, so etwa die Triebwerke der |Delta VII|, doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Immerhin trägt der gute Sound dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten.

Die meisten wie etwa „Classic Star Trek“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen. Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur „Perry Rhodan“ von |STIL / Lübbe| kann in dieser Liga mitspielen.

|Musik|

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch. Allerdings schrammt sie manchmal hart am Marschrhythmus entlang. Vermutlich ergibt sich aus der Nähe zur militärischen Hierarchie, die auf den Schiffen umgesetzt wird, und dem Zwang des Produzenten, dem Hörer zu suggerieren, dass „unsere Jungs im All“ das Kind schon schaukeln werden.

Hier setzt sich für mich die alte Heinlein-Ideologie fort, wonach es dem Menschen bestimmt sei, den Weltraum zu erobern, und zwar egal, mit welchen Mitteln. Zum Glück setzt sich rechtslastige Ideologie in der Handlung nur auf der Gegenseite durch, und so können Brandis und Co. weiterhin für demokratische Werte eintreten.

_Unterm Strich_

Diesmal wird das Hörspiel von zwei Handlungsschwerpunkten bestritten, die einmal auf dem Erdmond, zum anderen auf einer Raumstation stattfinden. Eigentlich hätte man gut und gern zwei separate Hörspiele daraus gestalten können, so aber ist das Hörspiel zu Überlänge aufgeblasen worden: 76 Minuten. Das erste Hörspiel [„Bordbuch Delta VII“ 4995 war nur 62 Minuten lang, was ein durchaus erträglicher Umfang ist. Bei 76 Minuten sollte der Zuhörer jedoch eine Pause einlegen, um noch aufnahmefähig bleiben zu können. Ansonsten gibt’s mal wieder Action satt.

Ähnlich wie manche Handlungsstränge der „Perry Rhodan“-Hörspiele greift auch die Mark-Brandis-Serie politische Themen auf statt nur auf die Karte der abenteuerlichen Erforschung fremder Welten zu setzen. Das finde ich schon mal sehr löblich, denn so kann der Hörer die gezeigten Vorgänge mit seinen eigenen sozialen und politischen Verhältnissen vergleichen und sie, mit etwas Verstand, auch kritisch bewerten. Unterschwellig warnt der Autor dieses Stoffes vor einer faschistischen Diktatur.

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend. Leider wird ein wenig zu viel auf zu wenig Platz gepackt, und dies degradiert die Sprecher zu Lieferanten von Sprechblasen. Nur selten können sie ernstzunehmende Emotionen ausdrücken, bevor die nächste Attacke von Musik oder Soundeffekten ihren Text unter sich begräbt. Dieser Stil ist zwar auch in „Perry Rhodan“ anzutreffen, aber nicht in den qualitativ höherwertigen POE-Hörspielen. Je nach Stil-Vorliebe dürfte sich dann das Publikum entsprechend entscheiden.

Ich selbst fand das Hörspiel unterhaltsam, aber wegen seiner Überlänge ganz schön anstrengend. Und an die Handlung könnte ich mich ohne meine Notizen beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Fazit: vier von fünf Sternen.

|76 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-88698-773-3|
http://www.sprechendebuecher.de
http://www.markbrandis.de
http://www.interplanar.de

Mark Brandis – Bordbuch Delta VII (Folge 1)

Unsere Jungs im All: Verteidiger der Freiheit

Anfang des 22. Jahrhunderts bedroht der Putsch des Generals Gordon B. Smith aus Texas die Union Europas, Amerikas und Afrikas. Der deutsche Testpilot Mark Brandis fliegt für die neutrale Venus-Erde-Gesellschaft für Astronautik (VEGA) den Prototypen Delta VII – ein Raumschiff, das mit einem revolutionär schnellen Antrieb ausgestattet ist. Er und die anderen Mitglieder der kleinen Mannschaft unter Commander Harris kehren nach wochenlangem Testflug in eine veränderte Welt zurück …

Mark Brandis – Bordbuch Delta VII (Folge 1) weiterlesen

Camilleri, Andrea – Pension Eva, Die (Lesung)

_Sinnlich: das Bordell als Schule des Lebens_

Die |Pension Eva| ist das Bordell in der sizilianischen Stadt Vigàta. Hier verbringt der junge Nenè viele Stunden. Aber nicht, um mit den Frauen zu schlafen, sondern um sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Denn sie lehren ihn, das Leben zu verstehen. Im Sizilien der vierziger Jahre herrscht Krieg. Was für Nenè auf geheimnisvolle Weise beginnt – die Sexualität, die Hingabe zur Literatur, das Leben selbst – droht unter den Trümmern zu ersticken. Und doch gibt es eine Kraft, die sich wie ein Hauch über die zerbombte Stadt legt und alles verzaubert …

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „echt“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Die Commissario-Montalbano-Krimis:

– [Die Form des Wassers 306
– [Der Hund aus Terrakotta 315
– [Der Dieb der süßen Dinge 3534
– [Die Stimme der Violine 321
– Das Paradies der kleinen Sünder (Kurzkrimis)
– Die Nacht des einsamen Träumers (Kurzkrimis)
– [Das Spiel des Patriarchen 312
– [Der Kavalier der späten Stunde 670
– [Die Rache des schönen Geschlechts 659 (Kurzkrimis)
– [Das kalte Lächeln des Meeres 594
– [Der falsche Liebreiz der Vergeltung 1812 (Kurzkrimis)
– [Die Passion des stillen Rächers 3138
– [Die dunkle Wahrheit des Mondes 4302

_Der Sprecher_

Gerd Wameling, geboren 1948 in Paderborn, ging 1974 an die Schaubühne in Berlin, deren Ensemble er fast 20 Jahre lang angehörte. Seit 1992 ist er freier Schauspieler und Sprecher und spielte in diversen TV-Filmen und -Serien mit sowie unter anderem in Wim Wenders‘ Kinofilm „In weiter Ferne so nah“. Wameling ist nach Verlagsangaben einer der bekanntesten deutschen Rundfunk- und Hörbuch-Sprecher. Wameling liest eine ungekürzte Fassung.

Das Hörbuch ist eine Produktion des Hessischen Rundfunks. Regie führte Burkhardt Schmidt, die Technik steuerte Patrick Ehrlich.

_Handlung_

Die fünf Kapitel tragen die Titel:

1) Gradus ad Parnassum
2) Die Einschiffung nach Kythera
3) Im Schatten junger Mädchenblüte
4) Zeichen und Wunder
5) Eine Zeit in der Hölle

Schon seit Jahren hat sich der zwölfjährige Nenè Cangialosi gefragt, was es mit der |Pension Eva| auf sich hat. Das langgestreckte Haus steht in der Nähe des Hafens, so dass Seeleute es leicht finden können. Ein Pension ist etwas zwischen Gasthaus und Hotel, aber warum sind dann kaum jemals Gäste zu sehen? Wohnen hier wohl helfende Feen? Als er acht war, erschnupperte er hier einen guten Duft, bis ihn ein Seemann wegschickte, der zu den Frauen hineinging.

In der vierten Klasse erfuhr er alles über das Haus: Es sei ein Bordell und die Frauen, die dort arbeiten, seien Nutten. Aha. Doch was sein Vater sagt, verwirrt ihn noch mehr: Männer gingen hinein, um die Frauen anzusehen. Seltsam. Was soll daran besonders sein?

Als er zwölf ist, bekommt er die Erlaubnis, auf den Speicher seines Elternhauses zu gehen, und zusammen mit seiner Cousine Angela erkundet er die Vergangenheit. Als sie auf die Arzttasche von Onkel Tonio stoßen, spielen sie Doktor und Patient. Ohne falsche Scham zieht sich Angela aus, und Nenè sich auch. Doch eines Tages küssen sie einander auch, und aus dem Spiel wird Leidenschaft.

Nenè erfreut sich dessen, bis er Pater Niccolò fragt, ob körperliche Liebe erlaubt sei. Der Padre erzählt ihm vom Gebot gegen die Unkeuschheit. Angela entgegnet darauf nur, dass ihr Spiel garantiert keine Sünde sei. Als er sie auffordert, ihm zu zeigen, wie „Liebemachen“ geht, lacht sie nur, sein Piepmatz sei noch zu klein. Das trifft Nenè schwer. Na, er muss halt wachsen, muntert sie ihn auf. Er kann es kaum erwarten, die Wahrheit über die Pension Eva zu erfahren. Aber dafür muss man mindestens 18 sein – eine Ewigkeit!

Die Trennung von Angela, die an Tuberkulose erkrankt, ist schwer zu ertragen, und als sie als junge erwachsene Frau zurückkehrt, muss er erfahren, dass sie verlobt ist. Inzwischen hat er sich mit Buchillustrationen aus dem „Rasenden Roland“, einem Ritterroman, getröstet: Viele nackte junge Damen müssen darin gerettet werden. Doch eines Morgens, als die anderen schon in die Kirche gegangen sind und Nenè erstmals einen Männeranzug tragen darf, trifft er Angela in der Küche an. Wow, sie trägt nur ein Unterkleid, durch das er ihre weiblichen Formen sehen kann. Die „Unzucht“, die sie miteinander treiben, ist schöner denn je – und ein Abschied.

Weitere Nachhilfestunden in Liebe gibt die Witwe Bianca Aghirò. Wie Nenè später erfährt, wird sie „das Schulschiff“ genannt, weil sie bereits viele Jünglinge in die Mysterien der Liebe eingeweiht hat. Fortan will Nenè nicht mehr hin, weil er das als Verrat an seinem Freund Mateo empfindet. Dafür ist er umso stärker an der Pension Eva interessiert. Ein glücklicher Zufall spielt ihm in die Hände.

Der Vater seines Schulfreundes Giacolino wird zum Leiter der Pension ernannt, dank einiger Mauscheleien mit den faschistischen Machthabern Monte Lusas. Don Stefano lässt das Haus renovieren und eröffnet es am Neujahrstag 1942. Das Regiment führt die Patrona Donna Flora, und jeweils sechs Mädchen arbeiten in Schichten von 14 Tagen Dauer hier. Dann werden sie durch die nächste Gruppe abgelöst. Die Huren touren durchs ganze Land.

Unter strengen Auflagen dürfen Nenè und sein Freund Ciccio die Pension besuchen – ein großer Tag! Nenè ist erst sechzehneinhalb Jahre alt, als er mit Lebensmitteln beladen die Pension betritt. Donna Flora führt die Jungs durchs Haus und zu den sechs Mädchen. Die Stimmung ist ernst beim Essen, doch sobald Flora sich verabschiedet hat, wirken die Mädels wie ausgewechselt: heiter und aufgekratzt. Schließlich ist der Wein nicht übel. Während eines Fliegeralarms erklärt Grazia, dass sie Angst hat, was Nenè Gelegenheit gibt, sie erstmals zu umarmen.

Die nächste Gelegenheit ergibt sich, nachdem die Mädchen erzählt haben, wie sie das deutsche Kriegsschiff mit den Verletzten aus Afrika besucht haben. Nenè kommen die Mädchen ungeheuer tapfer vor, und sie haben sogar geschafft, was die Bürgerinnen de Stadt sich nicht trauten: Sie trösteten auch die Schwerverletzten. In dieser Nacht kommt Nenè endlich mit Grazia zusammen. Ihr Zungenkuss haut ihn einfach um.

Als er in der Stadtbücherei entdeckt, dass auf dem Platz der Pension Eva ein griechischer und ein römischer Tempel und danach eine christliche Kirche gestanden haben, ist ihm klar, dass die Pension ein heiliger Ort sein muss. Und tatsächlich geschehen dort Zeichen und Wunder, und es erscheint ein wahrhaftiger Engel vom Himmel …

_Mein Eindruck_

Was als Erstes auffällt, ist die Unverklemmtheit, mit der uns der Autor von den Erlebnissen seines Helden erzählt. Wenn hier vom „Vögeln“ die Rede ist, dann wird dies ausdiskutieren, ebenso wie „Unzucht“ und „die Sünden des Fleisches“. Schließlich passieren all diese amourösen Abenteuer in einer höchst katholischen Gesellschaft. Doch der Autor stellt sich nicht auf die Seite der Moralwächter, sondern berichtet unvoreingenommen, wie alles ganz natürlich vonstatten geht. Und wie auch die Frauen Einfälle haben, um auf ihre erotischen Kosten zu kommen. Die unverblümten Beschreibungen betreffen nicht den banalen Akt, sondern stets das allzu menschliche Drumherum.

In dieses Bild passt, dass Nenè ein Beobachter und Erlebender ist, der kein Werturteil über die Huren in der Pension Eva fällt, sondern die wechselnden Mädchen als Arbeiterinnen und Lehrerinnen betrachtet, von denen er einige wichtige Lektionen über das Leben lernen kann. Immer wieder beobachtet er, wie aus dem Sex die Liebe erwächst und bis zur bedingungslosen Aufopferung umkämpft wird. Wie aber auch der Eros eine Spielwiese sein kann, auf dem das menschliche Tier in aller Unschuld zu sich selbst zu finden vermag.

|Der Fall des Engels|

Auch die Religion spielt hier selbstverständlich eine Rolle – wie könnte es in einer so erzkatholischen Gegend anders sein? Religiosität im Puff, warum auch nicht? Ambra ist eine so fromme Hure, dass sie einen ganzen Koffer voller Devotionalien mitgebracht hat: Rosenkränze, Kreuze und Heiligenbilder, ja, sogar geweihtes Wasser. Nach vollbrachtem Tagwerk betet sie inbrünstig. Als eines Tages ein Mann vom Himmel fällt, den sie für einen Engel hält – es ist ein abgeschossener US-Pilot an einem Fallschirm, und ja: er heißt Angelo – erfüllt sich für sie der Traum ihrer sehnsüchtigen Gebete. Selbstverständlich versteckt sie den unbekleideten Mann, versorgt ihn mit Lebensmitteln und Bekleidung. Natürlich auch mit ihrer überquellenden Liebe. Doch dies kann nicht ewig so weitergehen, und dann zeigt sich, dass auch ein Engel einen Retter braucht, der etwas von den weltlichen Dingen versteht. Merke: Frömmigkeit ist okay, solange sie im Rahmen bleibt.

|Ein Kriegsroman|

Ganz nebenbei ist dies auch ein Buch über den Krieg. Lazarettschiffe kündigen die Verluste unter den Soldaten in Übersee an (siehe oben). Fast zwei Jahre lang liegt die Stadt Vigàta im Bombenhagel der britischen und amerikanischen Bombergeschwader. Kurz vor der Invasion der Amis liegt kein Stein mehr auf dem anderen, die Bürger sind zu Höhlenbewohnern in Luftschutzbunkern geworden, die Züge und Schiffe verkehren nicht mehr, es gibt weder Post noch genügend Lebensmittel.

Wird es unter den Amis besser sein? Wohl nicht. Am Tag, als Nenè von der schiffslosen Marine desertiert, erlebt er wie in einem Albtraum oder in einer Fantasmagorie den Untergang seiner Heimat. Die Pension Eva ist ein Schutthaufen, wenn auch die Mädchen in Sicherheit gebracht wurden, wie Ciccio erzählt. Doch unter den Bäumen am Straßenrand wird das uralte Bedürfnis befriedigt: eine apathische junge Frau wird von den GIs benutzt, und ein weiterer GI kassiert für die Benutzung. Im Vergleich damit bewies die käufliche Liebe in der Pension Eva doch wesentlich mehr Kultiviertheit und Humanität. Dort wurden die Frauen wenigstens nicht wie ein Stück Fleisch behandelt, sondern wie menschliche Wesen, die einen Anspruch auf Würde haben.

|Der Sprecher|

Gerd Wameling ist ein ähnliches Stimmwunder wie Rufus Beck und Philipp Schepmann, aber seine Interpretation von Frauenstimmen ist doch etwas gewöhnungsbedürftig. Die weiblichen Figuren klingen natürlich merklich höher als Männerstimmen, und alle klingen ziemlich ähnlich. Eine Ausnahme bildet die resolute Donna Flora, die Vorsteherin im Bordell, die nur dem Leiter Don Stefano verantwortlich ist. Die Männerstimmen gehören entweder neugierigen Jungs wie Nenè oder so erfahrenen Kerlen wie Don Stefano. Die Jungs klingen natürlich frecher und freundlicher als die der Männer, die stets sehr tief und angespannt interpretiert werden.

Wie man sieht, gelingt es dem Sprecher sowohl die wichtigsten Figuren zu charakterisieren als auch eine Szene emotional angemessen darzustellen. Das ist sicherlich das grundlegende Können eines erfolgreichen Sprechers, doch Wameling absolviert die Aufgabe bravourös, nur dass die Charakterisierung der männlichen Nebenfiguren stets gleichförmig ausfällt.

Da das Hörbuch weder Geräusche noch Musik aufweist, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Unterm Strich_

„Die Pension Eva“ ist nicht nur, wie das Thema nahelegt, ein sinnliches Lese- oder Hörvergnügen, sondern auch ein höchst interessantes und humorvolles. Die Einteilung des Buches entspricht dem des klassischen Bildungsromans: Unwissenheit und Neugier, erste Erfahrungen in der Lehrzeit, unbeschwerte Gesellenzeit, weisere Zeit als Meister, schließlich die Läuterung durch „eine Zeit in der Hölle“ des Krieges. Ein Bordell als „Parnass“ zu titulieren, also als Musentempel mit heiligmäßigem Nimbus, ist schon eine Unverfrorenheit, die ihresgleichen sucht. Aber es passt zu der unterschwelligen These, das Bordell als die wahre Lehranstalt für das Leben hinzustellen – in der Schule wird eh nur gebüffelt.

Aber daraus folgt nicht, dass die Bewohnerinnen dieses Musentempels als Hetären auf den Sockel gestellt werden. Es sind häufig einfache Mädchen vom Lande, und da sie nur zwei Wochen in der Stadt sind, entstehen kaum feste Bindungen. (Das ändert sich erst, als es zu gefährlich geworden ist, über Land zu fahren: Die Mädchen werden sesshaft.) Die Mädchen sprechen alle möglichen Dialekte, arbeiten insgeheim mitunter für die verbotenen Kommunisten, haben Verwandte, die im Knast sitzen, oder sind so fromm, dass sie wie Ambra einem religiösen Wahn zu erliegen drohen. Kurzum: Sie sind Menschen wie du und ich.

Dadurch wird die Begegnung der Männer mit ihnen unverkrampft. Für Nenè sind die Begegnungen mehr als Transaktionen, sondern eine Lehrstunde. Dass er einmal erleben darf, wie seine Fantasien aus dem „Rasenden Roland“ in lebendiges Spiel umgesetzt werden, bestätigt ihm einerseits, wie relevant diese Geschichten noch heute in der Sphäre der Liebe sind, andererseits aber auch, wie übertrieben die Ritterlichkeit in diesen epischen Darstellungen ist. In der Pension Eva dürfen auch mal die weiblichen „Pferde“ oben sein und den „Ritter“ reiten. Gleichberechtigung gibt es also an den unwahrscheinlichsten Orten. Und nicht zuletzt diese ungezwungene Darstellung machte mir das Buch so sympathisch.

Auf den letzten Seiten finden sich zahlreiche ergreifende Szenen und Informationen, die von einer großen Tragödie künden, aber auch die Wiederauferstehung eines Totgeglaubten und einer Verschwundenen. Das Leben geht weiter, für manche besser, für manche schlechter. Es ist ein gelungen ernstes Finale für einen ansonsten in heiterem Dur erzählten Roman.

|Das Hörbuch|

Der Sprecher Gerd Wameling sorgt mit seiner Stimmenvielfalt für eine Menge Abwechslung. Wenn eine Frau oder ein Mann spricht, so ist der Unterschied sofort zu bemerken. Zwischen ganz hoch und ganz tief lässt der Sprecher eine Reihe von Abstufungen durch, so etwa für die tief sprechende Donna Flora und für die relativ hoch sprechenden Jünglinge. Auch entsprechende Emotionen weiß der Sprecher ungefiltert zu vermitteln, so etwa ungehemmtes Schluchzen oder auch Lachen. Die Pension Eva ist kein Parnass, sondern das Leben selbst.

|Originaltitel: La pensione Eva, 2006
Aus dem Italienischen übersetzt von Moshe Kahn
226 Minuten auf 4 CDs|
http://www.argon-verlag.de

Klönne, Gisa – Nacht ohne Schatten (Lesung)

_Spannender Frauenkrimi, enttäuschender Vortrag_

Köln, kurz nach Mitternacht: Der Fahrer einer S-Bahn liegt erstochen neben seinem Zug. Wenig später wird in der Nähe eine bewusstlose junge Frau gefunden. Wer ist sie? Das Opfer von Menschenhändlern, eine Prostituierte? Stammt sie aus Osteuropa? Als Kommissarin Judith Krieger zusammen mit ihrem Kollegen Manni Korzilius die Ermittlungen aufnimmt, steigt Unbewältigtes wieder an die Oberfläche: ihre Vergangenheit im Frauenhaus, in dem sie als Jurastudentin jobbte. Und während Manni Judith immer weniger versteht, wittert ein anderer ihre Schwäche – jemand, der Frauen quält und auch vor Mord nicht zurückschreckt. Jemand, der Judith sehr gefährlich wird. (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Gisa Klönne wurde 1964 an einem unbekannten Ort geboren. Studium der Germanistik und Anglistik sowie Politologie, außerdem Theater- Film und Fernsehwissenschaften an in- und ausländischen Universitäten.

Nach erfolgreichem Abschluss Festanstellungen in verschiedenen Zeitschriftenredaktionen. Außerdem umweltpolitisch korrekt beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland) in verschiedenen Bereichen tätig. Seit 1999 ist Gisa Klönne selbständig und beschäftigt sich neben der Mitarbeit in zahlreichen Verbänden mit dem Schreiben von Romanen und Herausgeben von Anthologien.

Sie hält Seminare zu Themen wie „Reportage und Porträt, Schreiben fürs Internet, Pressearbeit und Kreativ Schreiben“ und ist nicht zuletzt als Reisereporterin unterwegs. Zurzeit lebt Gisa Klönne in Köln und der nächste Krimi ist in Arbeit. (Alle Angaben stammen von der Webseite www.koeln-krimi.de und lassen sich unter der Autorenhomepage www.gisa-kloenne.de nachprüfen.)

Ebenso von Gisa Klönne:

1) [Der Wald ist Schweigen 2126
2) [Unter dem Eis 3047
3) [Nacht ohne Schatten“ 4857 (Buchausgabe)

_Die Sprecherin_

Maren Eggert ist seit 2000 festes Ensemblemitglied am Hamburger Thalia-Theater. Sie erhielt 2002 den Boy-Gobert-Preis der Körber-Stiftung und wurde 2007 mit dem Ulrich-Wildgruber-Preis ausgezeichnet. Einen Namen als Film- und Fernsehschauspielerin machte sich Eggert u. a. in Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ und im Kieler „Tatort“. (Verlagsinfo)

Regie führte Margrit Osterwold. Die Aufnahme fand im Eimsbütteler Tonstudio im Dezember 2007 statt.

_Handlung_

Samstagmorgen nach Dreikönig. Dr. Ekaterina Petrowa ist froh, dass sie in Köln arbeiten darf. So eine schöne, aufgeräumte Stadt, und eine Aufenthaltsgenehmigung hat sie auch. Sie arbeitet am Rechtsmedizinischen Institut der Uni, aber zu ihrem Leidwesen muss sie auch das Frauenhilfe-Projekt ihrer Vorgängerin übernehmen: „gegen häusliche Gewalt“. Na ja, wenn sie ihren Job behalten will, so hat ihr Chef Karl-Heinz Müller ihr klargemacht, muss sie auch dies übernehmen. Obwohl sie eigentlich noch keinen Draht zu den deutschen Frauen und ihrer Mentalität hat. Denn aufgewachsen ist Ekaterina auf einer einsamen Strafgefangeneninsel im Weißen Meer vor der Halbinsel Kola. Ihre Vorfahren waren Samen, darunter sogar eine waschechte Schamanin. Ihr Vater erschlug im Suff ihre Mutter, einen Tag vor Ekaterinas sechstem Geburtstag. Das war das Ende ihrer Kindheit.

Eine große Frau spricht sie an und fleht um Hilfe. Sie nimmt sie erstmal mit ins Büro und fragt nach ihrem Namen. Sie soll sie „Ines“ nennen, sagte die große, sehr schlanke Frau. Als sie sie untersucht, stößt Ekaterina auf Spuren von schwerer Misshandlung, ja, sogar von Vergewaltigung. Auf dem Unterkleid sind Blutstropfen. Ist es ihr eigenes Blut? Ekaterina schaltet wegen ihrer Unerfahrenheit nicht schnell genug. „Ines“ ist schon wieder verschwunden, kaum dass Ekaterina ihr geraten hat, zur Polizei zu gehen. Wenn doch Ines an keiner Stelle verwundet ist, von wem stammt dann das Blut?

Kurz nach Mitternacht reißt das Klingeln des Telefons Kriminalhauptkommissarin Judith Krieger aus üblen Albträumen, in denen sie ein rätselhafter Satz verfolgt: „Jetzt weißt du, wie es ist.“ Die Dienststelle meldet den Fund eines toten S-Bahnfahrers im Gewerbepark. Sie fährt sofort hin. Auch ihr Kollege Manni Korzilius wird aus dem Schlaf gerissen, aber erst um acht Uhr, und dann auch noch angenehmerweise von seiner Freundin Sonja. Trotzdem müssen beide raus in den strömenden Regen.

Die Obduktion des korpulenten Toten, der als Wolfgang Berger identifiziert worden ist, durch die Rechtsmediziner Müller und Petrowa ergibt: elf Einstiche mit einem einschneidigen Schneidewerkzeug. Später findet Dr. Petrowa einen Abdruck neben Einstich Nummer fünf: Die Klinge hat ein Parierelement, damit der Daumen nicht auf die Klinge rutschen kann. Solche Messer gibt’s nicht oft, finden die Kriminaler heraus. Und die Einstiche sind gewiss keine Profiarbeit. Ein Mord im Affekt wohl eher. Wolfgang Bergers Wohnung ist die eines einsamen Mannes: voller nackter Frauen an den Wänden.

Gleich neben dem Fundort erstreckt sich eine alte Fabrikhalle, in der nun die subventionierten Ateliers von Künstlern untergebracht sind. Hier sucht Judith Krieger nach möglichen Zeugen der Tat. Die Bildhauerin Thea Marcus scheint etwas zu verbergen, findet Judith, doch als Täterin kommt sie wohl kaum in Frage, denn die Frau hat seit einem Autounfall – sie wurde angefahren – ein kaputtes Knie und geht am Stock. Sie berichtet von ihrer Kollegin Nada, mit bürgerlichem Namen Nanette Danner, die ihr Atelier nebenan habe: eine viel bewunderte Performance-Künstlerin. Aber wo sich Nada aufhalte, könne sie beim besten Willen nicht sagen. Aber sie werde bald zu einer Benefizgala erwartet. Da fällt Judiths Blick auf die Holzskulpturen. Haben Bildhauer nicht auch Schnitzmesser?

Am Sonntag erneuter Alarm: In einer Pizzeria unweit der S-Bahn-Gleise brennt es. Die Feuerwehrmänner finden die verkohlte Leiche eines Mannes, der mit Handschellen gefesselt ist. Und in einem ehemaligen Luftschutzkeller liegt eine komatöse junge Frau, die höchstens 18 Jahre alt ist. Als Judith die Schachteln Kondome und Kleenex sieht, ist ihr sofort klar, dass die Frau wohl eine Prostituierte sein muss. Und sie wurde vergewaltigt und gefoltert, außerdem hat sie Tuberkulose, eine typisch russische Krankheit. In Wolfgang Bergers Brieftasche findet Manni Tage später das Foto dieser Frau: „Für Wolfi, Svetlana“ steht auf der Rückseite. Eine erste Spur.

Kam Svetlana allein nach Deutschland? Unwahrscheinlich. Wandte sie sich an Frauenhilfeorganisationen? Judith erinnert sich mit schlechtem Gewissen an ihre eigene Zeit in einem Frauenhaus, wo sie als Studentin jobbte. Sie schloss Freundschaft mit der Psychologin Cornelia Offinger, die von ihr erwartete, nach dem Jurastudium Anwältin zu werden und die Aktion „Frauen für Frauen“ aufzubauen. Vor 15 Jahren verließ Judith die Organisation, um Polizistin zu werden. Es war eine Art Verrat, aber auch die bessere Alternative, findet sie. Nun geht sie zurück zu Cornelia, um die Svetlanas zu finden.

_Mein Eindruck_

Gewalt gegen Frauen in Deutschland ist das Hauptthema dieses neuen Klönne-Krimis, und die Autorin schickt ihre Protagonistin Judith Krieger in einen unauflösbaren Konflikt. Denn diesmal soll Judith herausfinden, woher Svetlana und ihre Schicksalsgenossinnen gekommen sind und wem sie in Deutschland in die Hände fielen. Das stellt sich als schwieriger heraus als erwartet. Denn die Zwangsprostitution ist straff durchorganisiert von global operierenden Menschenhändlern, die jedes Jahr 30.000 Frauen als „Frischfleisch“ nach Deutschland einschleusen. Warum hört man nichts mehr von ihnen? Weil die Frauen so verängstigt und massiv unter Druck gesetzt werden, dass sie keinen Mucks mehr von sich geben, wenn sie ihre Arbeit verrichten müssen. Ein mitfühlender Freier wie Wolfgang Berger, Svetlanas Freund, ist da schon eine Art Lichtblick.

Lichtblick in einer Schattenwelt, die sozusagen unter dem Radar der Polizeibehörden lebt. Und sollte doch einmal einer dieser Sexsklavinnen die Flucht gelingen, so versteckt sie sich in einer Frauenhilfeorganisation, wenn sie Glück hat. Und zwar sowohl vor ihren ehemaligen „Besitzern“ als auch vor der Polizei, die meist nichts Eiligeres zu tun hat, als eben diese Mädchen, da illegal eingereist, wieder in ihre Herkunftsländer abzuschieben, wo sie dann erneut eingefangen und versklavt werden.

Judith hat den Kontakt zu so einer Versteckten nur über ihre alte Freundin Cornelia erhalten. Wenn sie das Vertrauen Cornelias und der Versteckten nicht verraten soll, dann darf sie diese Quellen auch nicht an die Polizei ausliefern. Dass sich Judith so stur anstellt, findet ihr Chef Millstedt alles andere als konstruktiv und witzig – er suspendiert sie vom Dienst, bis sie es sich anders überlegt. Manni, ein Zeuge dieser ungewöhnlichen Szene, ist konsterniert. Allerdings verhält er sich dann auch ein wenig treudoof: Statt Judith zu helfen, den wahren Mörder zu finden, verlässt er sich darauf, dass Svetlanas Zuhälter schon reden werde – Pustekuchen! Und so hält er wie ein braver Deutscher Schäferhund Wache an Svetlanas Krankenbett, damit die Zeugin nicht abgemurkst wird. Mit ausgeschaltetem Handy …

Trickreich gelingt es Gisa Klönne, drei verschiedene Erzählstränge miteinander zu verknüpfen. Dazu gehören das weitere Schicksal von „Ines“, deren sich Ekaterina Petrowa annimmt, aber auch, wie sich zeigt, zwei verschiedene Fälle, denen Judith nachgeht. Der eine dreht sich um Svetlana und Wolfgang Berger, doch der andere nimmt seinen Ausgang in der „Kunstfabrik“ und dreht sich um eine Stütze der Gesellschaft. Daraus ergibt sich dann unversehens die Verbindung zu „Ines“.

Denn besagte männliche „Stütze der Gesellschaft“ ist der werte Gatte, Vergewaltiger und Misshandler von „Ines“. Hier spiegelt sich das, was Judith schon in der Schattenwirtschaft unter den Zwangsprostituierten gefunden hat: dass sich verheiratete Frauen erniedrigen und ausbeuten lassen, ohne dagegen aufzubegehren. Vielmehr geben sie sich sogar noch selbst die Schuld daran: Sie seien „nicht gut genug für ihn“ und hätten es nicht anders verdient. Klingt wie eine Klage der Schwiegermutter über die unzureichende Schwiegertochter.

Durch diese Spiegelung der Ausbeutung erst im illegalen Lager der Frauen auf das Lager der angeblich „ehrbaren“ Ehefrauen legt die Autorin auf deutliche Weise nahe, dass es für beide Lager höchste Zeit wäre, sich zu solidarisieren. Herbeiführen könnte dies eine Gruppe wie „Frauen für Frauen“ oder das Frauenprojekt gegen häusliche Gewalt, das nun Ekaterina Petrowa leitet. Doch durch ihr Sprachrohr Judith Krieger erfahren wir von der Autorin, dass diese Solidarität eine Utopie ist. Denn selbst unter geprügelten Frauen gebe es Verräterinnen und Kollaborateurinnen – sie benutzt wirklich dieses Kriegsvokabular -, was es den Aktivistinnen schwer, wenn nicht sogar unmöglich macht, Erfolge zu erringen. Und sei es auch nur der Schutz verfolgter Frauen.

Wie man sieht, ist der Roman von Anfang bis Ende eine einzige Anklage gegen diese Missstände in der spezifisch deutschen Gesellschaft. Laut der von Klönne angeführten EU-Statistik hat jede vierte (!) deutsche Frau Erfahrung mit häuslicher Gewalt gemacht. Damit befindet sich Deutschland auf dem Niveau der Slowakei und Zyperns. Ich persönlich glaube, dass in Zeiten der zunehmenden Armut diese Zahlen noch drastisch steigen werden, denn je weniger Mittelschicht es gibt und je größer die wirtschaftliche Not in der sogenannten Unterschicht, desto größer die Tendenz, Frauen in jeder Hinsicht auszubeuten. Und wo Frauen ausgebeutet werden, sind als zweite Leidtragende deren Kinder betroffen. Diesen Zustand der deutschen Gesellschaft bezeichnet das poetische Bild von der „Nacht ohne Schatten“ zusammen. Denn Schatten gibt es nur, wo auch Licht ist.

|Die Sprecher|

Maren Eggert gelingt es nicht, ihre Stimme in signifikantem Maß zu modulieren, um die Figuren zu charakterisieren. Sie kann jedoch ihren stimmlichen Ausdruck so variieren, dass sie zumindest den emotionalen Ausdruck einer Figur darstellen kann. „Ines“ beispielsweise fleht Ekaterina an, ihr zu helfen, und flüstert mitunter. Sehr häufig habe ich einen resignierten, enttäuschten Tonfall unter den weiblichen Figuren vernommen: von „Ines“ sowieso, aber auch von Thea Marcus. Und von Judith hört man oft den Ausdruck von Verbitterung, Wut und Frust. Einziger Lichtblick ist die weibliche Solidarität, die sie mit Cornelia Offinger realisieren kann. All dies ist ein wenig stereotyp. Gleiches gilt für die männlichen Figuren, die entweder Sturköpfe wie Millstedt, Dumpfbacken wie Manni oder Lachbomben wie Karlheinz Müller sind.

Ihre stärksten Momente hat Maren Eggert zweifelsohne, wenn sie ganz eindringlich eine innere Landschaft malt und dem Hörer eröffnen darf, so etwa die intensiven Erinnerungen Ekaterinas an ihre Gefängnisinsel oder Judith Kriegers Albträume. (Am Schluss weiß Judith endlich, was der Traumsatz „Jetzt weißt du, wie es ist“ bedeutet: Sie weiß, wie es ist, eine wehrlose, geschlagene und ausgebeutete Frau in Deutschland zu sein.) Der letzte Satz ist ebenfalls ein Monolog und stammt weder von Judith noch Ekaterina, sondern von Svetlana – eine Überlebende. Wenigstens eine.

_Unterm Strich_

Seit ihren beiden ersten Romanen „Der Wald ist Schweigen“ (die Vorfälle werden in „Nacht ohne Schatten“ kurz angerissen) und „Unter dem Eis“ hat die Autorin ihr anspruchsvolles Niveau halten können, nicht dem Druck der Popularität nachgegeben. Sie gräbt stattdessen immer tiefer in Judith Kriegers Vergangenheit und verbindet ihre Protagonistin stets auf einer persönlichen Ebene mit den Fällen, die sie zu untersuchen hat. Denn sie trennt Arbeit der Strafverfolger nicht in Bürokratie, Ermittlung und Judikative (Staatsanwalt), sondern macht die Ermittlung stets zu einer persönlichen, menschlichen Erfahrung, die keinen Ermittler unverändert lässt. Der Krimi wird so zum modernen Bildungsroman. Das war schon bei Mankells Kurt Wallander so und bei Nessers Van Veeteren.

Diesmal hat Klönne ein heißes Eisen namens Ausbeutung von und Gewalt gegen Frauen in Deutschland angefasst. Mit einiger Glaubwürdigkeit, die die Öffentlichkeit wohl nur einem weiblichem Krimiautor zugute hält, stellt sie grausame, menschenverachtende Verhältnisse bloß, die anscheinend die Billigung eines dominanten Teils der Gesellschaft genießen. Und wenn man die Chats liest, in die sich Judiths Kollege Manni wagt, so weiß man ziemlich schnell und genau, welche Kreise dies sind. Die Autorin schert nicht alle Freier über einen Kamm, das wäre ja unvernünftig, sondern weiß zu differenzieren. Aber so wie jede andere Art von Geschäft hierzulande realisierbar ist, solange es Kohle bringt, gilt dies auch für die Ausbeutung von Frauen, gleichgültig ob in einem Puff oder in einer Villa im feinsten Kölner Vorort.

|Das Hörbuch|

Maren Eggerts Vortrag empfand ich als spannungslos, eintönig und ohne jede Charakterisierung. Aus welchem Grund die junge Schauspielerin mit Preisen überhäuft wurde, erschließt sich dem Hörer in keiner Weise. Ihre stimmliche Ausdrucksfähigkeit kann jedenfalls nicht der Grund gewesen sein. Am besten funktioniert ihr Vortrag bei der Beschreibung innerer Landschaften und Zustände. Würde sie Proust vortragen, wäre sie dafür hervorragend geeignet. Weil auch der Text um einiges gekürzt worden sein muss, würde ich die Lektüre des Buches empfehlen.

|314 Minuten auf 4 CDs
ISBN13: 978-3-89903-494-3|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.gisa-kloenne.de

Nilsen, Tove – Nachtzuschlag

_Durchschnittlicher Psychothriller_

Eine Schriftstellerin steigt nach einem schönen Abend bei Freunden in ein Taxi. Doch die kurze Fahrt endet in purer Angst: Der Fahrer bringt sie in eine abseits gelegene Hütte und hat offensichtlich nur ein Ziel. Stunden der Angst und Ungewissheit, ja, der Abwehr folgen, um sich sich selbst behaupten zu können. Doch die Entführung gilt nicht irgendeiner Frau, sondern nur ihr persönlich. Da sieht sie endlich einen Lichtblick. Aber sie hat die Rechnung ohne den zweiten Mann gemacht …

_Die Autorin_

Tove Nilsen, 1952 geboren, veröffentlichte 1974 ihren ersten Roman. Seither hat die studierte Journalistin und Literaturkritikerin vierzehn weitere Bücher in verschiedenen Genres geschrieben. „Nachtzuschlag“ ist ein Psychothriller, der für seine Authentizität gelobt wurde. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Nach einem Vortrag besteigt die Schriftstellerin, deren Namen wir nicht erfahren, spät am Abend ein Taxi, das sie nach Hause bringen soll. Die Frau erwartet dort niemanden, denn ihr Mann Harald und die Töchter Ida und Mia sind bei ihren Großeltern auf dem Lande in den Sommerferien. Der Fahrer spricht jedoch kein Wort, sondern fährt die Frau nicht an ihr Ziel in Oslo, sondern in ein Waldstück. Dort steht eine Hütte. Ihre Proteste verhallen ungehört.

Der Mann sieht stark aus, etwas ungehobelt und heruntergekommen. Vielleicht ein Arbeitsloser. Aber wenigstens rührt er sie nicht an. Noch nicht. Sie soll ihre Lederjacke und dann ihr Oberteil ausziehen. Soll sie wirklich nachgeben? Der Mann sieht aus, als könnte er ihr wehtun. Sie gibt nach, aber nur zum Schein, um ihn zum Reden zu bewegen. Er verrät sich, als er ein Foto seines Sohnes Martin zeigt. Dessen Spielsachen liegen in der Hütte. Aber wo ist Martins Mutter?

Wie sich herausstellt, ist Vera im Urlaub mit einem Schweden fremdgegangen und hat den Mann inzwischen verlassen – nicht ohne Martin mitzunehmen. Das Allerhärteste: Vera zeigte ihrem Mann einen Roman von unserer Schriftstellerin und behauptete, diese Autorin verstünde die Frauen. Natürlich im Gegensatz zu ihrem Mann. Kein Wunder, dass der Mann nun so sauer ist auf unsere Autorin. Sie bekommt richtig Angst vor ihm.

Was stellt er sich vor, was als nächstes passieren soll? Er hört sich am Handy Telefonsexgeschichten an. Na, toll, jede Menge Klischees, schnaubt die Autorin. Soll sie sich vielleicht gemäß solchem Schund verhalten? Kommt nicht in Frage. Sie geigt ihrem Entführer die Meinung. Das kommt allerdings gar nicht gut an. Und er versucht, sie im Bett dazu zu zwingen, ihm zu Willen zu sein.

In letzter Sekunde wird Finn – dieser Name ist ihm entschlüpft – allerdings durch die Ankunft seines Freundes Tommy gestört. Der will ihn zu einem Segeltörn einladen. Nichts da. Erst einmal müssen sie mit dem Problem der Entführten klarkommen. Mit dem Kidnapping scheint Tommy jedoch kein Problem zu haben, was die Hoffnung unserer Ich-Erzählerin zerschlägt. Ihr wird klar, dass diese beiden gesellschaftlichen Außenseiter gemeinsam zu allem fähig sind, und sie schnell etwas unternehmen muss.

Sie erinnert sich an ihre Interviews mit den Anarchisten …

_Mein Eindruck_

Die Ich-Erzählerin ist keine starke Frau, sondern schleppt sämtliche Ängste einer Durchschnittsfrau mit sich herum. Die Angst, verletzt zu werden. Die Angst, ihre Kinder zu verlieren. Sie wehrt sich nicht körperlich gegen ihren ungewöhnlich agierenden Entführer. Vielmehr stützt sie sich auf die Gabe, die sie in ihrem Leben am meisten genutzt hat: auf ihr Einfühlungsvermögen und Geschichten erfinden zu können.

Leider weiß das ihr Entführer ebenso gut, hat er doch wegen ihres Romans die Entführung erst veranlasst. Er dreht den Spieß um und erfindet selbst Lügengespinste: wie sie sich ihm angeboten habe; warum sie einen schwarzen Spitzen-BH trage; wie sie erzählt habe, dass sie es liebe, nachts herumzufahren und sich fremden Männern anzubieten. Das macht unsere Schriftstellerin reichlich wütend, aber sie muss es hinnehmen. Ihr Scheherazade-Trick ist durchschaut worden. Nun versucht Finn, seinen Freund Tommy vor ihr zu warnen.

Die Ich-Erzählerin hat keinen Namen, damit sich die Leserin leichter mit ihr identifizieren kann als wenn sie einen Eigennamen trüge. Automatisch überträgt die Leserin den Namen der Autorin Tove Nilsen auf die Ich-Erzählerin, obwohl das weder zwingend ist noch zulässig. Ein Autor kann schließlich jede beliebige Hauptfigur erfinden. Die Ich-Erzählerin ist jedoch so ungewöhnlich detailliert geschildert, dass die Übertragung naheliegt. Sie hat eine weit zurückreichende Lebensgeschichte, einen verzweigten Familien- und Freundeskreis, charakteristische Verhaltensweisen usw. Kurzum, sie ist ihr eigener kleiner Kosmos. Dieser ist nun bedroht.

Das Geschichtenerfinden ist für die Erzählerin quasi eine Selbstbehauptung, aber auch eine List, um den Entführer zu täuschen. Beides haut leider nicht hin, vielmehr entblößt sich im Kampf der beiden Menschen ihre eigene größte Schwäche: Dass sie fürchtet, nicht ganz im Leben verankert zu sein, sondern entwurzelt dahinzutreiben und sich ihr Leben zurechtzuträumen. An dieser Stelle wird klar, dass sich das Buch auch um die Probleme der Autorin selbst dreht. Diese Probleme sind, obwohl vielschichtig, doch verallgemeinerbar auf die künstlerische Situation vieler Schriftsteller.

Zum Glück bleibt es nicht bei solchen theoretischen Überlegungen. Im Finale ist vielmehr Action angesagt. Der Auslöser dafür ist bemerkenswert: Finn verbrennt ein geheimes Tagebuch der Ich-Erzählerin vor ihren entsetzten Augen. Es ist ihr das Wertvollste, was sie hat, sagt sie. Wertvoller noch als ihre Familie? Jedenfalls schlägt an dieser Stelle ihre Ablehnung Finns in Abscheu um. Der weitere Weg ist klar. Doch wird sie auch überleben?

|Die Übersetzung|

Ich fand die Übersetzung durchgehend recht gelungen. Allerdings leistet sich die Übersetzerin einen stilistischen Fehler: „Wir schämten uns |über| die Gelüste“ sollte korrekt „Wir schämten uns |für| die Gelüste“ heißen.

_Unterm Strich_

Anfangs habe ich mich über die geradezu gelähmte Passivität der Hauptfigur geärgert, die sie lange Zeit aufrechterhält. In der Mitte findet sie dann die Scheherazade-Strategie, mit der es ihr gelingt, Zugang zum Bewusstsein ihres Entführers zu erlangen. Doch der Schuss geht nach hinten los, als er sie durchschaut und den Spieß umdreht. Schließlich mündet die Handlung in Action und Überlebenskampf. Doch ein Ringen um geistige, emotionale und letztlich körperliche Selbstbehauptung als Frau macht die Handlung des gesamten Buches aus, soweit es die Hauptfigur betrifft.

Es ist auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Schriftstellerin. Sie kommt von einem Vortrag, reist in ferne Länder, lernt fremde Kulturen kennen, doch hat sie auch Wurzeln in der Heimat? Versteht sie ihre eigene Kultur und deren Vertreter? Dies ist die zweite Ebene an Bedeutung. Es gibt sicherlich noch weitere. Inhaltlich ist das Buch auf weibliche Leser zugeschnitten – es gibt nur einen Blickwinkel. Stilistisch ist es recht anspruchslos, und kein Leser dürfte Verständnisprobleme haben. Aber es ist kein großer Wurf, sondern der Ansatz eines Psychothrillers. Und den schreiben Amerikaner und Engländer wesentlich versierter und spannender.

|Originaltitel: Kvinner om natten, 2001
gebundene Ausgabe 2003 bei Ehrenwirt: 285 Seiten
Taschenbuchausgabe 2005: 288 Seiten
Sonderausgabe 2007: 285 Seiten
Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt|

Arthur Schnitzler / Daniela Wakonigg – Die Weissagung (inszenierte Lesung)

Wenig unterhaltsam: psychologischer Realismus

Vor zehn Jahren hat ein Wahrsager Herrn von Umprecht einen Blick in die Zukunft gewährt: er selbst tot auf einer Bahre. Seitdem führt Umprecht ein Leben in Furcht und versucht, jenem Augenblick aus dem Weg zu gehen. Aber nichts, was er tut, scheint die Erfüllung der Weissagung abwenden zu können.

Da bekommt er das Angebot, in einem Theaterstück mitzuspielen, in welchem er am Ende tot auf einer Bahre liegen soll. Ist dies der Augenblick in seiner Zukunft, den ihm der Wahrsager geweissagt hat?

Arthur Schnitzler / Daniela Wakonigg – Die Weissagung (inszenierte Lesung) weiterlesen

John Flanagan – Der eiserne Ritter (Die Chroniken von Araluen 3)

Enttäuschender Übergangsband

Sein ganzes Leben hat der 15-jährige Waisenjunge Will davon geträumt, ein Ritter zu werden wie sein Vater. Weil er aber zu klein und schmächtig ist, wird er dem geheimnisvollen Waldläufer Walt als Lehrling zugeteilt. Als das Königreich Araluen von einem altem Feind und dessen ungeheuerlichen Kreaturen angegriffen wird, muss Will sich bewähren und stellt fest, dass das Leben eines Waldläufers viele Herausforderungen, aber auch besondere Möglichkeiten birgt …

Band 2: Der Angriff Morgaraths geht weiter, doch die Waldläufer wissen nicht, wo. Will ist bereits einige Zeit bei den Waldläufern König Duncans, die sowohl Krieger als auch Späher und Agenten sind. Da schickt sein Lehrmeister Walt den jungen Bogenschützen auf eine Mission in das entlegene Nachbarland Celtica. Aber Celticas Dörfer und Kupferminen liegen ausgestorben da. Doch mitten in der Wildnis erhebt sich eine gigantische neue Brücke über einer Schlucht, die das Land Morgaraths begrenzt. Sie wurde offensichtlich erbaut, um heimlich in Araluen einfallen zu können. Wenn Will nicht schnell handelt, ist das Königreich, das Morgarath woanders erwartet, in höchster Gefahr.

Band 3: Der Waldläuferlehrling Will ist mit der Prinzessin Cassandra, die sich Evanlyn nennt, in die Gefangenschaft von nordischen Söldnern Morgaraths geraten. Auf einer stürmischen Insel in Skandia hofft Evanlyn darauf, dass sie freigekauft wird, doch dann erfährt Will, dass Jarl Ragnak ihrem Vater einen Racheschwur geleistet hat. Erführe er, wer Evanlyn in Wahrheit ist, wäre das ihr Ende – und wohl auch das von Will. Unterdessen reitet Walt zusammen mit Wills Freund Horace los, um Will zu suchen und zu befreien.

Der Autor
John Flanagan – Der eiserne Ritter (Die Chroniken von Araluen 3) weiterlesen

Wilson, Paul F. – Handyman Jack – Schmutzige Tricks (Folge 1)

_Taffer Handwerker: Zorro trifft Bruce Willis_

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, sollte man Handyman Jack lieber nicht rufen. Jack repariert nämlich andere Sachen: Probleme, mit denen sonst niemand fertig wird. Er kümmert sich für gutes Geld darum, dass Unrecht bestraft wird. Dabei verlässt er sich auf eine Kombination aus Können und Dreistigkeit. Handyman Jack ist ein Held – aber auch ein Rätsel. Er lebt im Untergrund. Niemand kennt seine Identität. Jack verkörpert eine tödliche Mischung aus „Zorro“ und Bruce Willis.

Folgende Geschichten von F. Paul Wilson finden sich auf diesem Thriller-Hörbuch:

1) Zwischenspiel im Drugstore
2) Ein ganz normaler Tag
3) Familiennotdienst

_Der Autor_

F. (Francis) Paul Wilson (geboren 1946) ist ein US-amerikanischer Besteller-Autor von Mystery-, Thriller- und Horror-Romanen. Wilson studierte Medizin am Kirksville College of Osteopathic Medicine und ist heute immer noch praktizierender Arzt. Wilsons bekannteste Romanfigur ist der Anti-Held Handyman-Jack (engl. Repairman-Jack). Neben Mystery-, Science-Fiction- und Horror-Romanen schreibt Wilson auch Medizin-Thriller. Außerdem ist er ein großer Fan von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos und hat auch selbst ein paar Storys in Anlehnung an diesen Mythos geschrieben. F. Paul Wilson lebt mit seiner Frau, zwei Töchtern und drei Katzen an der Küste von New Jersey.

Stephen King ist laut Verlag der Präsident des Handyman-Jack-Fanclubs.

„Schmutzige Tricks“ ist das erste Hörbuch über Handyman Jack. Das nächste trägt den Titel „Der letzte Ausweg“.

F. Paul Wilson auf |Buchwurm.info|:

[„Das Kastell“ 795
[„Tollwütig“ 2375
[„Die Gruft“ 4563

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist Schauspieler und Synchronsprecher. Als deutsche Stimme von George Clooney verleiht er diesem Lässigkeit und Charme. Seit 1984 hat er über 600 Synchron-Rollen gesprochen und war als Schauspieler in der TV-Serie „Tatort“ zu sehen. Als Spezialist für spannende Thriller hat er auch „Diabolus“ von Dan Brown vorgetragen. Nun haucht er Handyman Jack Leben ein. (Verlagsinfo)

_Die Macher_

Für Regie, Produktion & Dramaturgie zeichnet Lars Peter Lueg verantwortlich, für Schnitt, Musik & Tontechnik Andy Matern.

Lars Peter Lueg ist der exzentrische Verlagsleiter von |LPL records|. Der finstere Hörbuchverleger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen. LPL produziert alle Hörbücher & Hörspiele selbst und führt auch Regie. Er erhielt als Produzent einen Preis für „Das beste Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2003“. Eine seiner Regiearbeiten wurde vom renommierten |hörBücher|-Magazin mit dem Prädikat „Grandios“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt er beim Hörspielpreis 2007 eine Auszeichnung für die „Beste Serienfolge“. (Verlagsinfo)

Andy Matern ist seit 1996 als freiberuflicher Keyboarder, Producer, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann mehr als 150 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen. Andy Matern wurde als „Bester Hörspielmusiker des Jahres 2005“ ausgezeichnet. Sein neuestes Edelmetall wurde ihm für die Musik zu den Dan Brown-Hörbüchern „Illuminati“ (Doppel-Platin) und „Sakrileg“ (Platin) verliehen. (Verlagsinfo)

_Die Erzählungen_

_1) Zwischenspiel im Drugstore_

Jack feiert am 19. April immer den King-Kong-Tag. Er besteigt das Empire State Building und legt für die noble Bestie einen Kranz nieder. Leider muss er an diesem Feiertag alle seine Waffen zu Hause lassen, und dieser Umstand erweist sich als verhängnisvoll.

Seine alte Bekannte Loretta, ein recht stämmiges Frauenzimmer mit ständig schlechter Laune, zieht es in einen Drugstore in der New Yorker Innenstadt. Sie ist hungrig. In dem verwinkelten Regalaufbau des Gemischtwarenladens verlieren sie sich aus den Augen. Plötzlich bedroht ein großer Schwarzer Jack mit einem Revolver und befiehlt ihm, sich zu den anderen Gefangenen zu legen. Jack braucht nicht lange, um zu kombinieren, dass hier gerade ein Raubüberfall stattfindet.

Der Schwarze hat noch drei Komplizen, und ihr Anführer scheint der Mann aus Ecuador zu sein, der Loretta so anzüglich angesprochen hat. Mister Ecuador lässt den Stellvertreter des Geschäftsführers holen, damit dieser den Geldsafe öffnet. Doch Mr. Patel ringt verzweifelt die Hände, denn er beteuert, dass er die Safekombination nicht kenne. Da schnappt sich Mister Ecuador ausgerechnet Loretta, um ihr eine Pistole an den Kopf zu halten. Glücklicherweise ist Loretta so geistesgegenwärtig, nicht Jack um Hilfe anzuflehen, denn wäre er erpressbar geworden.

Immerhin lenkt Jack das Augenmerk des Anführers auf die allgegenwärtigen Überwachungskameras an der Decke. Als sein Helfer die ersten davon zerschießt, ergreift Jack die Gelegenheit beim Schopf und verdrückt sich in die Gänge. Verzweifelt sucht sein Blick in den Regalen nach Dingen, die sich als Waffen gegen vier schwer bewaffnete Räuber einsetzen lassen. Auch das Sprinklersystem will nicht anspringen, somit fällt das Anrücken der Feuerwehr flach.

Da fällt Jacks Blick auf Campingausrüstung. Damit kann selbst ein unbewaffneter Mann, sofern er kluge Einfällen hat, schon einiges anfangen, findet er. Eine lange Schlacht im Supermarkt beginnt …

|Mein Eindruck|

In diesem turbulenten Auftakt zu dieser Storyauswahl betätigt sich Handyman Jack als eine Art New Yorker Innenstadt-Rambo. Über den Ausgang soll hier nichts verraten werden, aber man kann davon ausgehen, der er in der Lage ist, noch weitere Abenteuer zu erleben.

Dies ist die erste Story, die ihn charakterisiert, daher seien ein paar Worte über ihn verloren. Das Wichtigste, das man über ihn wissen muss: Er sieht völlig durchschnittlich aus. Tatsächlich ist ihm seine Durchschnittlichkeit so wichtig, dass er sich stets der Menge, der Mode, der Stadt und dem Stadtviertel anpasst, als wäre er ein Chamäleon. Unauffälligkeit und Verstellung sind seine zwei wichtigsten Helfer, um seinen Job tun zu können.

Sein Job besteht darin, außerhalb des Polizeiapparates und der Verbrecherorganisationen bedrängten Bürger in Not zu helfen. Nicht unentgeltlich, versteht sich. Er ist halb Bürgermiliz, halb Privatdetektiv, doch die Zusammenarbeit mit den Bullen scheint er strikt abzulehnen, warum auch immer. Sein bevorzugtes Arbeitsgebiet scheint die Lower Westside zu sein, eine frühere Arbeiterwohngegend, in der sich zunehmend schnöselige Yuppies breitmachen, sehr zu Jacks Missfallen.

In der nächsten Episode legt er sich mit Schutzgelderpressern und der Drogenmafia an. Eine knifflige Aufgabe, so zwischen allen Fronten …

_2) Ein ganz normaler Tag_

Vor lauter Langeweile lungert Jack müßig in seinem schäbigen Hotelzimmer, in dem nichts auf seine Identität hinweist, und erschlägt mit japanischen Wurfsternen eine Kakerlake nach der anderen. Da schlägt plötzlich ein Schuss durch sein Fenster, verfehlt ihn jedoch. Er eilt in Deckung, sieht den Scharfschützen mit seinem Gewehr davoneilen. Das findet Jack schon mal bemerkenswert. Ein Scharfschütze sollte doch stets in der Lage sein, sein Ziel zu treffen, oder? Es sei denn …

Sein Pieper geht los: George Kouropolis, der Besitzer des „Highwater Diner“, ruft ihn zu Hilfe, wie ausgemacht. Er braucht zwei Minuten, um in den Keller zu rasen und über die Gasse in Georges Lagerraum und anschließend die Küche zu treten. Da merkt er schon, dass die Kacke heftig am Dampfen ist. Zwei fiese Typen sind gerade dabei, die rechte Hand des guten George in seinen eigenen Fleischwolf zu stecken, um – was wohl? – zu machen.

Jack zeigt ihnen erstmal, wo der Hammer hängt, und begibt sich ins das Zentrum der Gewalt, den Gastraum. Hier beherrschen Matt Rileys Männer die Lage. Jacks Blick fällt auf eine hübsche junge Dame, deren Bluse zerfetzt ist. Sie starrt ihn ebenso erstaunt an wie die anderen. Doch Jacks Gesicht ist maskiert, und auf der Skimaske ist ein Kürbiskopf aufgemalt. Er gibt sich als Jack O’Lantern aus, den guten Geist von Halloween. Dann beginnt er unter dem Sauhaufen der Schutzgelderpresser aufzuräumen.

In Abes Waffenladen „Ischer“ besorgt sich Jack neue Waffen und Munition. Besonders an Wurfsternen braucht er Nachschub: zwei Dutzend. Draußen auf der Straße erwischt ihn um ein Haar ein schwerer Zementsack. Jemand hat es definitiv auf ihn abgesehen, kombiniert er. Aber wer? Julio, Besitzer einer weiteren Kneipe, verklickert ihm, ein Typ namens Ed Surlett habe nach ihm gefragt. Jack erinnert sich an den Passfälscher Tom Levinson, dem er gegen Surlett half, und wie Surlett schließlich hinter Gittern landete. Nun stellt sich heraus, dass Levinson Jack verraten hat. Surlett, wieder in Freiheit, will sich an Jack rächen. Aber warum hat er ihn vorgewarnt? Und woher weiß Surlett so genau, wo sich Jack, der Meister der Tarnung, zu finden ist?

Als ihn ein alter vietnamesischer Wäschereibesitzer namens Tranh um Hilfe gegen die Drogenmafia bittet, kommt eine weitere Sache ins Rollen. Tranhs Ex-Boss Tony Capisi hat den Löffel abgegeben und ist von Aldo D’Amico abgelöst worden. Doch Tranh ist Aldo zu nichts verpflichtet und will aussteigen. Schon am nächsten Tag will Aldo wieder mit einer Rauschgiftladung bei Tranh vorbeischauen.

Hm, Jack kombiniert lange, wie er gleich drei Angreifer – denn auch Riley will sich rächen – auf einen Schlag loswerden kann. Als er endlich den rettenden Einfall hat, bereitet er sich auf eine lange, bleihaltige Nacht vor …

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung ist der längste und komplexeste Beitrag auf diesem Hörbuch. Schließlich hat es Jack diesmal mit gleich drei Gegnern zu tun, wovon einer unsichtbar bleibt. Jedem gegenüber muss er sich anders verhalten. Rileys Schlägern gegenüber markiert er den starken Mann und trickst sie durch Täuschung aus. Auch bei Aldo d’Amico spielt er Theater, allerdings ist er diesmal der durchgeknallte Spinner, mit dem man sich besser nicht anlegt. Und um alle drei Gegner gegeneinander auszuspielen, muss er sich nur richtig blöd stellen. Anschließend erschlägt er dann wohl wieder Kakerlaken mit Wurfsternen.

_3) Familiennotdienst_

Eigentlich hatte sich Jack geschworen, nie einen Fall anzunehmen, in dem es um enge menschliche Beziehungen geht. Doch beim lukrativen und verlockenden Angebot des New Yorker Baulöwen Oscar Schaffer, Mitte 50, macht er eine Ausnahme. Er hätte es ablehnen sollen.

Shaffers Firma hat eine geschäftliche Beziehung zu der Firma, in der sein Schwager Gus arbeitet. Doch Gus verprügelt Shaffers Schwester Celia regelmäßig. Sie erträgt diese Misshandlung seit zehn Jahren, weiß Gott warum. Einmal wollte Oscar Gus eine Lektion erteilen, wurde aber leicht abgewehrt. Seitdem kann Oscar nicht mehr selbst einschreiten, denn er wäre sofort der Hauptverdächtige, sollte Gus etwas zustoßen. Also bleibt nur, sich an einen externen Helfer zu wenden. Und hier kommt Jack ins Bild. Jack hält sich bedeckt, sagt aber zu, einer Dame in Not zu helfen. Gegen einen saftigen Vorschuss.

Als Gus und seine Frau Celia eines Abends heimkehren, sieht der schon seit Tagen auf der Lauer liegende Jack sofort, dass etwas in der Luft liegt: dicke Luft. Wenig später linst er durchs Fenster in das Haus der beiden Turteltäubchen. Gus hat seine Hände umwickelt und boxt seine Frau in die Nieren. Nur damit man keine blauen Flecken sieht. Jack weiß, was Nierenschläge anrichten. Celia würde Blut pissen und tagelang Schmerzen haben. Er beschließt, in Aktion zu treten.

Als Gus den Lärm in seinem Wohnzimmer hört, lässt er von seiner Folter ab und stürzt zur Quelle des Lärms. Da steht ein Mann mit Baseballkappe in seinem Haus. In seinem Haus! Offenbar ein Einbrecher. Der Typ entschuldigt sich auch und will sogar wieder abhauen, aber da hat Gus noch ein Wörtchen mitzureden. Er greift an …

Als Jack seinen Auftraggeber anderntags wiedertrifft, benimmt Shaffer sich verächtlich. Er knallt ihm das restliche Honorar vor die Füße und will verduften. Aber das lässt Jack nicht zu, denn schließlich steht sein Ruf auf dem Spiel. Er zwingt Shaffer auszuspucken, was los ist. „Was los ist!“ schreit ihn Shaffer an – und knallt ihm den Bericht des Gerichtsmediziners vor den Latz.

Gus Kesselman ist tot?! Jack fasst es nicht. Als er Kesselmans Haus verließ, lag Kesselman lediglich mit gebrochenen Beinen am Boden, aber völlig lebendig. Und er ließ den Schrank, in den er Celia gesperrt hatte, offen stehen. Wie also kann das sein? Dann geht ihm ein Licht auf. Celia hatte im Verlauf der Auseinandersetzung erfahren, dass ihr Mann, dessen Schläge sie ertrug, sie nie geliebt, sondern vielmehr ihren Tod herbeigesehnt hatte …

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung unterscheidet sich radikal von den beiden anderen. War in der ersten Story nur Action gefragt, in der zweiten aber auch schon psychologisches Gespür und raffinierte Taktik, so ist hier vor allem Psychologie gefragt. Natürlich geht es im Laufe der Auseinandersetzung auch handfest zur Sache, aber die entscheidenden Wendungen erfolgen doch im Innern der Figuren. Es ist ein Psychodrama nach allen Regeln der Kunst, mit einer fiesen Pointe. Diesmal stößt Jack an seine Grenzen und gelobt, künftig die Finger von Ehestreitereien zu lassen.

_Der Sprecher_

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt kompetent und deutlich artikuliert vorgetragen, so dass man dem Text mühelos folgen kann. Er muss sich nicht besonders anstrengen, denn die amerikanischen und italienischen Namen auszusprechen, ist eigentlich kein großes Kunststück für einen Mann mit Allgemeinbildung. Mehrmals war ich dennoch von seiner Kenntnis der Aussprache bestimmter Begriffe und Namen beeindruckt.

Da sich die Anzahl der Figuren sich in Grenzen hält, gerät man nie in Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Bierstedt versucht sein Möglichstes, die Figuren zu charakterisieren. Die wichtigste Figur ist natürlich Handyman Jack selbst, der Ich-Erzähler. Er klingt zwar nicht wie Bierstedts Synchronfigur George Clooney, aber doch einigermaßen cool und abgebrüht, wie ein Nachfahre von Philip Marlowe.

Der Vietnamese Tranh erhält von Bierstedt eine hohe Stimmlage zugewiesen, als wäre eine Art Mandarin aus China. Seine Ausdrucksweise ist leise und kultiviert. Die New Yorker Schurken hingegen sind das genaue Gegenteil: hart und rau, mit einer tiefen Stimmlage. Ganz besonders Aldo D’Amico gehört zu dieser Kategorie. Frauenfiguren sind dünn gesät, doch auch sie weiß Bierstedt mit sanfter Sprechweise und höherer Stimmlage darzustellen. Einmal spricht sogar die junge Tochter Vicky von Jacks Freundin Gia, und hier geht Bierstedts Stimme ganz hoch. Die Kleine klingt erst dann auch wirklich wie ein Kind.

Bei so wenig Abwechslung in den Stimmlagen kommt es darauf an, die stimmliche Expressivität der jeweiligen Szene anzupassen und so den Ausdruck emotionaler und abwechslungsreicher zu gestalten. Dies gelingt dem Sprecher wesentlicher erfolgreicher, und so kann sich der Hörer über Jammern, Verzweiflung, Hysterie, Schniefen, Stammeln, Verlegenheit, Angst, Spott, Arroganz, Sarkasmus, Nervosität, Erleichterung, Erschütterung, Aufregung, Besorgnis, Freude und viele andere Gefühlsausdrücke freuen. Ganz eindeutig ist dies Bierstedts eigentliche Stärke. Hörbar macht ihm dieser Aspekt seiner Arbeit am meisten Spaß.

_Musik_

Das Intro stimmt den Hörer bereits auf eine spannende, dynamische Handlung ein und erinnert von fern an Film-noir-Musiken. Das Outro entspricht dem Intro. Dazwischen hören wir immer wieder Musik, um die Pausen zu füllen, beispielsweise um einen Szenenwechsel anzudeuten. So etwas wie Hintergrundmusik ist nur in inszenierten Lesungen und Hörspielen üblich, wird daher hier nicht praktiziert.

_Unterm Strich_

Die erste Story stellt den Helden und Ich-Erzähler als eine Art Ein-Mann-Bürgerwehr vor, die zwar stets auf der „richtigen Seite“ kämpft, aber dabei vor allen Arten von Gewaltanwendung nicht zurückschreckt. Seine Opferzahl – wenn auch nicht immer Leichen – ist beachtlich. Vielleicht muss man Amerikaner oder zumindest New Yorker sein, um das besonders toll zu finden.

Die zweite Geschichte, die längste dieser Auswahl, ist recht komplex aufgebaut und verlangt vom Hörer ein gutes Gedächtnis. Nicht immer ist angesichts vieler Akteure in einer Szene, wie etwa im „Highwater Diner“, sichergestellt, dass man sich alle Namen merken kann. Dann muss man sich die Szene eben nochmals anhören. Der Schluss ist clever und fies eingefädelt, die Behandlung seiner Gegner fällt bei Jack gewohnt ruppig aus – siehe oben. Aber am besten ist es natürlich, wenn sie sich wie hier gegenseitig erledigen.

In Story Nummer drei findet Jack quasi seinen Meister, aber nicht etwa hinsichtlich der Action oder moralischer Niedertracht, sondern lediglich hinsichtlich der Brutalität. Diese ereignet sich quasi off-screen und wird nicht dargestellt, doch allein schon die Andeutungen können einem sensiblen Hörer auf den Magen schlagen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte man aber schon durch die vorangegangenen Erzählungen entsprechend vorgewarnt und abgebrüht sein.

Handyman Jack hat durchaus das Zeug, um Freunde hartgesottener Geschichten zu erfreuen. Seine Moral lässt ihn immer wieder auf der Seite der Guten stehen. Und sein Humor ist nicht durchgehend schwarz, sondern auch ein wenig schräg, so etwa, wenn Jack seinem Freund Julio nachfühlen kann, dass die Yuppies in der Gegend überhand nehmen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen sind. Insgesamt ist er also ein Bursche, dessen Aktionen zwar an Superhelden wie Spider-Man erinnern, der aber im Gegensatz dazu immer schön auf dem Teppich bleibt. Das fand ich relativ sympathisch.

|Das Hörbuch|

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt in gewohnter Weise kompetent gestaltet, bietet aber ansonsten keine Zutaten wie etwa Musikuntermalung oder gar eine Geräuschkulisse. Musik füllt lediglich die Pausen für die Szenenwechsel.

Fortsetzung folgt: „Handyman Jack – Der letzte Ausweg“.

|3:30 Stunden auf 3 CDs
Übersetzung vom Festa-Verlag
ISBN 978-3-7857-3552-7|
http://www.lpl.de
http://www-luebbe-audio.de
http://www.festa-verlag.de

Peter James – Nicht tot genug

Solide Krimikost, spannend vorgetragen

Drei ermordete Frauen in nur einer Woche – und alle wurden sie in den letzten Stunden ihres Lebens schwer gedemütigt und misshandelt. Und damit nicht genug. Auf den Rücken des zweiten Opfers hat der Täter einen Satz tätowiert: „Weil du sie liebst“! Und was hat die Gasmaske auf ihrem Gesicht zu bedeuten?

Der Hauptverdächtige, ein Geschäftsmann aus Brighton, scheint ein lückenloses Alibi zu haben, und doch finden sich an den Tatorten nur seine DNA-Spuren. Für Detective Superintendent Roy Grace von der Brightoner Kripo wird die Jagd nach dem Killer viel gefährlicher, als er das je erwartet hätte. Denn seine Freundin Cleo ist ins Visier des Täters geraten.

Peter James – Nicht tot genug weiterlesen

Patterson, James – Maximum Ride: Der Zerberus-Faktor

_Showdown mit der Doppelgängerin_

Die Tierärztin Frances O’Neill entdeckt eines Tages in Colorados Wäldern ein genmanipuliertes Wesen, das aussieht wie ein Mädchen mit Engelsflügeln. Tatsächlich kann Maximum, so nennt sich diese Kombination aus Mensch und Vogel, fliegen, wie man sich das von Engeln vorstellt. Der Haken dabei ist natürlich, dass es sich bei Max um das Ergebnis verbotener Experimente eines illegalen Genlabors handelt, das den Decknamen „Die Schule“ trägt. Und dass Max und ihresgleichen enorm wertvolle Organismen darstellen, die entsprechend gejagt werden. Frances gewährt Max und ihren Freunden Unterschlupf und Schutz, wodurch sie selbst in die Schusslinie gerät.

|Das Pandora-Projekt:|

Nachdem Frances O’Neill und ihr FBI-Freund Kit Brennan mit ihren sechs Schützlingen, den engelsgleichen Wesen aus den illegalen Versuchslabors „der Schule“, vier unbeschwerte Monate in einem Refugium namens „Lake House“ verbracht haben, nimmt man ihnen die liebgewonnenen Kinder wieder weg. Diese gewinnen ihre Freiheit wieder zurück, doch um den Preis gefährlichen Wissens. Es gibt nicht nur „Engel“, sondern auch „Eraser“, die gezüchtet wurden, um „Engel“ zu vernichten. Damit die Welt nie von ihrer Existenz erfährt.

|Der Zerberus-Faktor:|

Max und ihre Geschwister sind weiterhin auf der Flucht vor den Erasern, einer Kreuzung aus Mensch und Wolf. Doch gerade, als sie glauben, entkommen zu sein, wird einer von ihnen schwer verletzt, und nur das FBI kann ihnen noch helfen. Das Haus, in dem man ihnen Unterschlupf gewährt, ist für die Kinder wie ein Paradies. Auch wenn sie nun zur Schule gehen. Doch Max hat noch andere „Hausaufgaben“ zu erledigen: die in New York City gefundenen Dokumente entschlüsseln, herauszufinden, wie sie die Welt retten soll, und zu lernen, sich dem gefährlichsten Gegner zu stellen – sich selbst. Denn ihr Spiegelbild trägt die Züge eines Erasers …

_Der Autor_

James Patterson, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman in Deutschland hieß „Ave Maria“, ein Alex-Cross-Roman. Davor erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Original sind bereits „Cross“ und „Double Cross“ erschienen. Seit 2005 sind weitere Patterson-Kooperationen veröffentlicht worden, darunter „Lifeguard“ sowie „Judge and Jury“; am 3. Juli 2007 erschien die Zusammenarbeit „The Quickie“. Im Frühjahr 2003 (deutsch Mitte 2005) erschien auch eine Kollaboration mit dem Titel [„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149 (The Jester), deren Story im Mittelalter spielt.

Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Mehr zum Flügelmädchen Maximum findet sich auf der Website http://www.maximumride.com.

Max erscheint bislang in folgenden Romanen:
1) Wenn der Wind dich trägt (When the wind blows)
2) Das Ikarus-Gen (The Lake House)
3) Das Pandora-Projekt (Maximum Ride: The Angel Experiment)
4) Der Zerberus-Faktor (Maximum Ride: School’s Out Forever)
5) Der Prometheus-Code (Maximum Ride: Saving the World and Other Extreme Sports)
6) The Final Warning (US-Ausgabe: März 2008)

Und wie uns die Pressemitteilung des Verlags verrät, planen die Filmemacher bereits die „Verfilmung der Geschichten um Max und ihre Geschwister“.

_Handlung_

Die Ich-Erzählerin ist die vierzehnjährige Max, ein Hybridwesen aus Mädchen und Vogel, mit vier Metern Flügelspannweite – und sie ist noch nicht mal ausgewachsen. Sie und ihresgleichen wurden in den Laboren der SCHULE mittels Gen-Spleißen erschaffen. Doch in wessen Auftrag und zu welchem Zweck? Sie kennen alle ihre Eltern nicht mehr.

Max und die anderen Vogelwesen, die der SCHULE vor zwei Jahren entkommen sind, werden von anderen Hybridwesen namens „Eraser“ gejagt: Wolfsmenschen, die der SCHULE als Wachen, Polizisten und Henker dienen. Sie wurden auf die sechs Angehörigen von Max‘ Familie angesetzt. Ihr Anführer heißt Ari und war Max‘ Bruder. Sie hat ihn im „Institut“ in New York getötet. Denkt sie jedenfalls.

Die Familie bzw. der Schwarm besteht aus:

Max, 14, weiblich, „Mutter“ des Schwarms, Telepathin;
Gazi alias Gasman, weil er unter Blähungen leidet, 8, männlich, kann jedes Geräusch & jede Stimme nachmachen;
Angel, 6, weiblich, Telepathin, Gasmans Schwester;
Nudge, 11, weiblich, hieß früher Monique;
Iggy, männlich, blind, hört dafür gut;
Fang, 14, männlich, stark und schweigsam.

Der Schwarm fliegt von New York nach Washington, D.C., doch bevor sie dort eintreffen, werden sie von Erasern angegriffen. In der Luft! Die Eraser haben Flügel erhalten und fliegen gelernt. Ein noch größerer Schock für Max: Ari ist wiederauferstanden! Dabei hatte sie ihn doch getötet, oder? Der Luftkampf wird zwar siegreich beendet, doch Fang stürzt ab. Sie tragen ihn auf eine Stelle am Meeresstrand, wo gerade ein Jogger vorbeikommt. Er ruft für sie einen Krankenwagen, damit Fang operiert werden und von Max eine Bluttransfusion erhalten kann. Leider muss Max ihre Identität als Vogelmensch offenbaren, und daher wundert es sie nicht, dass wenig später ein paar Typen vom FBI auftauchen.

Der Schwarm tischt den Regierungsheinis eine Menge Lügen auf, was richtig Spaß macht. Gasman nennt sich beispielsweise „Captain Terror“ und Fang „Nick“. Vor allem geht es den Agenten darum, mehr über Jeb Batchelder herauszufinden, den Leiter des Forschungsprojekts, das Hybridmenschen wie Max produziert. Dann taucht eine hübsche Blondine namens Ann Walker auf, die sich als Psychologin vorstellt. Wow! Aber wenigstens bietet sie dem verfolgten Schwarm eine feste Bleibe an, wo alle verschnaufen können und Fang von seiner Operation genesen kann. Die Frage ist aber, ob Ann es ehrlich meint.

Jeder im Schwarm bekommt sein eigenes Zimmer – was für ein Luxus! Aber eines Morgens erblickt Max im Spiegel nicht ihr eigenes Gesicht, sondern die Zerberus-Fratze eines Erasers! Und am nächsten Tag wieder. Wird sie jetzt verrückt? Die Stimme in ihrem Kopf ermahnt sie, sich nicht auf die Eraser zu fixieren, sondern das große Ganze zu betrachten. Leichter gesagt als getan. Unterdessen suchen sie nachts die Adressen, die sie als Koordinaten aus den Instituts-Unterlagen entschlüsselt haben. Durch hartnäckige Recherche gelingt es ihnen, die echten Eltern Iggys ausfindig zu machen. Sie geben ihn seinen ungläubigen Eltern zurück, gerade als Ann Walker alle selbst adoptieren will. Ann tobt frustriert.

Sie hat die Kinder allesamt in eine nahe Schule geschickt, damit sie endlich eine normale Kindheit und Jugend erleben können. Und tatsächlich fangen die ältesten des Schwarms, Fang und Max, romantische Beziehungen mit dem anderen Geschlecht an. Was haben sie das vermisst – falls sie es überhaupt schon einmal erlebt haben! Doch Unheil naht, denn die Schule ist alles andere als eine normale Schule; sie war früher ein Irrenhaus und der herrische Rektor scheint etwas vor seinen Schützlingen zu verbergen.

Die Eraser haben nicht aufgegeben. Da jedes Mitglied von Max‘ Schwarm einen implantierten Chip trägt, sind alle leicht aufzuspüren. Ari hat sie längst in der Schule lokalisiert. Noch hält er sich im Hintergrund, doch an seiner sitzt ein Mädchen, das für Max eine böse Überraschung bereithält. Es sieht nämlich genauso aus wie die echte Max …

_Mein Eindruck_

„Der Zerberus-Faktor“ ist ein Science-Fiction-Thriller, der für Jugendliche geschrieben wurde, und zwar von einem Routinier des Fachs. Schon dreimal hat er über die künstlich im Labor geschaffenen Rekombinanten geschrieben (siehe oben), nun führt er die unterhaltsame und erfolgreiche Reihe fort, aber in einem anderen Markt: dem für Jugendliche. Wenn sie so alt sind wie die Hauptfigur, nämlich 14, dann ist das ideal.

Pattersons Garn für Jugendliche ist im Grunde eine Warnung vor solchen Experimenten, hebt aber nicht den Zeigefinger, sondern schildert mit erzählerischen Mitteln, wie man sich die Folgen eines solchen Experiments für die Betroffenen vorzustellen hat. Die herrlichen Gefühle bei einem Flug im Schwarm stehen den Ängsten gegenüber, die die Hybriden bei den Angriffen durch die Menschen und ihre Wachhunde, die Eraser, ausstehen müssen.

|Mutanten|

Der Autor nimmt sich die in der SF üblichen Freiheiten bei künstlich geschaffenen Menschen oder Mutanten heraus. Er verleiht ihnen besondere Eigenschaften, die „normale“ Menschen nicht besitzen, so etwa die telepathische Verständigung und Beeinflussung anderer Personen. Philip K. Dick hat zahlreiche Geschichten und Romane über Telepathen und andere Psi-Fähige geschrieben, so etwa über Präkogs in [„Minority Report“. 142 So weit geht Patterson jedoch keineswegs. Bei ihm sind Max‘ Schwarmmitglieder nicht auf Verbrechensaufklärung aus, sondern von Motiven beseelt, die alle Waisenkinder haben: Sie suchen ihre Eltern und wollen herausfinden, warum diese sie alleingelassen haben.

|Die Chance eines Heims|

Nachdem sie in New York City die Adressen gefunden haben, stoßen sie nun in der Region Washington, D.C., auf ein Elternpaar. Iggy erhält endlich ein eigenes Heim, wie es jedem Kind zusteht. Doch was passiert nach einer Phase der Ungläubigkeit und Eingewöhnung? Seine Eltern wollen ihn auch bloß wieder ausbeuten, indem sie seine Geschichte an die Medien verkaufen. Bloß weil er so eine Art Freak ist. Offenbar ist der Schwarm, den Max anführt, auch für Iggy das einzige Zuhause, in dem er nicht als Missgeburt, sondern als vollgültiger Mensch angenommen wird. Da fragt man sich doch wirklich, wer eigentlich die wahren Freaks sind – die Hybriden oder die sogenannten „Normalen“.

Aber der Schwarm besteht immer noch aus Außenseitern: aus Andersartigen, die obendrein noch alle Waisen sind, die in einer Geheimeinrichtung aufwuchsen. Kein Wunder, dass sie „normale“ soziale Verhaltensweisen wie etwa Liebe, Küssen und mit dem anderen Geschlecht Ausgehen erst noch üben müssen. Dabei haben sie zusätzlich das Handicap, dass der Junge oder das Mädchen sich plötzlich in einen Eraser verwandeln könnte. Für genügend Paranoia ist also gesorgt.

|Peter Pan|

Ann Walker, die FBI-Psychotante, müht sich auf rührende Weise für ihren Schwarm ab, will sie sogar adoptieren. Das ruft befremdete Blicke hervor. Und als der Hund Total zu sprechen anfängt, hört auch für sie allmählich der Spaß auf. Sie ist eine Wendy, die auf verlorenem Posten steht. Anns Haus verwandelt sich zwar in ein Peter-Pan-haftes Nimmerland, doch nicht für lange, denn die Eraser liegen im Garten schon wieder auf der Lauer. Schließlich können sie die mit Funkchips (RFID) versehenen Hybriden überall orten.

|Doppelgänger|

Als sich herausstellt, dass es eine Niederlassung der „Schule“ in der Nähe gibt, muss diese Zentrale des „Bösen“ natürlich ausspioniert werden. Allerdings ist die echte Max gegen ihre Doppelgängerin ausgetauscht worden. Max #2 hat ihr Original lange genug beobachtet, dass sie sich überzeugt hat, dass sie den Schwarm jederzeit wie Max #1 unter Kontrolle halten und überallhin lotsen kann. Beispielsweise in eine vorbereitete Falle, um alle einzufangen.

An dieser Stelle wird es höchst interessant. Welche Mitglieder der Schwarms kann die geklonte Max-Kopie täuschen bzw. für wie lange? Als sie anbietet, ihnen Frühstück zu machen, merken einige zwar, dass etwas nicht stimmt, aber sie sagen noch nichts, sondern warten lieber ab, was diese seltsame Max-Kopie vorhat. Schließlich muss man den Feind erst kennen, bevor man ihn bekämpfen kann. Und solange Max #2 sie anführt, werden sich die Eraser hüten, den Schwarm anzugreifen.

|Showdown|

Von jetzt an wird es für den Autor eine Gratwanderung, wenn er das weitere Schicksal des Schwarms schildert. Der Leser bzw. Hörer darf nicht wissen, was die Schwarm-Mitglieder über Max #2 wissen oder ahnen, denn sonst wäre sofort die Frage relevant, warum sich der Schwarm so weit von Max #2 führen lässt, obwohl doch etwas nicht stimmt. Und warum sagt die telepathisch begabte Angel nichts über Max #2, deren schwarmverachtende Gedanken sie doch höchstwahrscheinlich lesen kann? Das sind eine ganze Menge Einwände, die verhindern könnten, dass es zu jenem furiosen Showdown kommt, den der Erzähler von Anfang geplant hat. Erst steigert er die Anspannung und das Bangen um den Schwarm, der offenbar von Max #2 in eine Falle gelotst wird, ins Unermessliche. Dann lässt er die Spannung sich in einer Actionorgie entladen und einen Joker auftreten. Ein Schelm, wer ihm dabei Böses unterstellt.

|Der deutsche Titel|

So wird einigermaßen erklärlich, warum der deutsche Titel „Zerberus-Faktor“ heißt, obwohl nichts am Original darauf hinweist. Es geht darum, was Max in ihrem Spiegel sieht. Es ist das Hundegesicht eines Erasers. In einer wackeligen Übertragung des Zerberus-Mythos auf Eraser und Hundegesichter. Von hier wiederum findet eine Übertragung auf Max‘ zweite Identität als Eraser statt, genauer gesagt: auf die ihrer Doppelgängerin. Da nichts davon logisch ist, handelt es sich um eine gewagte poetische Metapher, die der Verlag da bemüht. Ich finde sie nicht sonderlich befriedigend. Aber |Lübbe/Ehrenwirth| zieht eben sein Marketingkonzept durch, um vom Projekt auf den Faktor und wer weiß was noch zu kommen.

_Unterm Strich_

Für jugendliche Hörer ist „Der Zerberus-Faktor“ ein spannendes Abenteuer mit interessanten Figuren, die eine faszinierende Eigenschaft haben: Sie können wie Vögel ohne Hilfsmittel fliegen. Dennoch sind sie Außenseiter, und da sich so mancher Pubertierender ebenfalls wie einer fühlt, dürften Max und Co. viel Sympathie ernten. Erwachsene Hörer könnten die Handlung vielleicht für etwas zu trivial halten, bloß weil Kinder darin vorkommen.

Aber auch Kinder werden missbraucht, in aller Welt. Sie werden versklavt und missbraucht, denn ihnen werden allzu häufig keine Rechte zugestanden. Der Autor warnt vor Kindesmissbrauch im Dienste der Wissenschaft, denn Profitjäger dürfte es auch unter den Weißkitteln geben. Und wenn denen dann auch noch ein Mutant unters Messer kommt, ist es mit den Menschenrechten gleich Essig. Mutanten stehen in der Welt, die Patterson schildert, auf einer Stufe mit Tieren.

Der Autor vertritt also unterschwellig berechtige Interessen für die Opfer solcher illegalen Praktiken und warnt vor den Folgen, wenn Experimente an Menschenkindern durchgeführt werden. Die Produkte der SCHULE sind genetisch labil und müssen feststellen, dass sie nur eine begrenzte Zeit zu leben haben. Die psychologischen Folgen einer solchen Entdeckung sind naturgemäß verheerend.

Diesmal gibt der Autor den Vogelkindern die Chance, ein „normales“ soziales Leben zu führen. Doch Iggy wird von seinen echten Eltern für die Medien ausgebeutet, und die Schule und das Ausgehen mit Angehörigen des anderen Geschlechts werden von der andauernden Paranoia überschattet. Der Verrat der Gesellschaft nimmt seine extremste Form mit dem Austauschen der Schwarmchefin Max an. Der Schwarm soll also von innen heraus zerstört werden. Das stellt alle Vogelkinder auf ihre bis dato schwerste Probe und macht diesen Band der Trilogie ganz besonders spannend, wenn auch erst im letzten Drittel.

In die spannende Unterhaltung hat der Autor also ernste Themen gewoben, und dies hebt wohl das Buch ein wenig aus der Masse der Bücherflut heraus, die jährlich für jugendliche Leser produziert wird. Da Patterson ein Routinier ist, kann man sich darauf verlassen, dass er sein Garn ausgezeichnet zu spinnen versteht.

|Originaltitel: Maximum Ride: School’s Out Forever, 2006
283 Seiten
Aus dem US-Englischen von Edda Petri|
http://www.ehrenwirth.de

Mamatas, Nick – Unter meinem Dach

_Das Königreich Weinbergia grüßt die Welt_

In naher Zukunft: Der Krieg der USA gegen den Terror ist eskaliert, und Vater Daniel Weinberg hat die Schnauze voll: Er bastelt zusammen mit seinem Sohn Herbert eine Atombombe, erklärt sein Grundstück auf Long Island zur unabhängigen Nation und bietet den Kriegsgegnern der USA Friedensverträge an. Weinbergia wird fortan zum Mekka der Aussteiger.

Aber kann die junge Nation dem Druck standhalten? Können Pizzalieferungen aus dem angrenzenden imperialistischen Ausland die frischgebackene Atommacht lange genug am Leben erhalten? Reichen die Bierdosen im Kühlschrank, um eine langfristige Blockade durch die amerikanischen Soldaten auszusitzen? Mama Weinberg bezweifelt dies irgendwie und begibt sich ins Exil.

_Der Autor_

Nick Mamatas ist ein junger amerikanischer Autor griechischer Abstammung, der mit seinen Romanen „Abwärts: Move underground“ und „Northern Gothic“ aufhorchen ließ und viel positive Kritik einheimste. „Unter meinem Dach“ ist sein neuester Roman und für den deutschen Kurd-Laßwitz-Preis 2008 nominiert.

_Handlung_

Der junge Herbert Weinberg ist ein Gedankenleser und erzählt uns, seinem Publikum, haarklein, welche haarsträubenden Dinge er auf diesem Wege über seine lieben Mitmenschen erfährt. Dabei bemüht er sich, keine Vorurteile seinen Blick verstellen zu lassen. Auch nicht über die amerikanischen Soldaten, die sein Haus umstellt haben. Und das kam so …

Vater Daniel hat seinen ersten und dann noch den Ersatz-Job verloren, weil mal wieder eine Sparwelle durch die Firma fegte. Nun sammelt er dies und das. Aber weil Daniel ein findiger Bursche ist, weiß er auch, woher man sich spaltbares Material besorgt. Zusammen mit seinem Sohn Herbie durchforstet er die nächste Müllkippe auf Long Island, um nach Rauchmeldern und Barometern zu suchen. Rauchmelder enthalten ein Bauteil aus Americium, und dies lässt sich durch diverse chemische Prozesse in Uran-235 und -238 umwandeln.

Vater hat ein altes Hippie-Handbuch gefunden und mixt nun das spaltbare Material in seinem Keller. Um ein Haar werden er und Sohnemann von Mami Weinberg (Geri) erwischt, doch sie können sie noch einmal beschwindeln. Sobald sie zwei Komponenten sowie den nötigen Sprengstoff und Zünder beisammen haben, stopft Paps die Höllenmaschine in seinen großen Gartenzwerg und stellt diesen harmlos aussehenden Zeitgenossen wieder in seinem weitläufigen Garten auf. Dann erklärt er die Unabhängigkeit seines Königreichs. Es ist nicht ganz zufällig der 11. September, der Patriot Day.

Im Zeitalter der modernen Kommunikationsmittel ist auch das Unterfangen der Verkündung nicht schwierig. Paps muss seine Unabhängigkeitserklärung nur übers Radio verlautbaren und per Fax und Mail an die Regierungen aller existierenden Länder schicken. Den Feinden Amerikas bietet er einen Friedensvertrag an, denn er hat es satt, dass Amerika so viele Feinde hat. Als Erstes tauchen die Nachbarn auf, dann das FBI, das sich dezent nach Weinberg erkundigt. Herbie kann die Gedanken der Agenten lesen. Schließlich stehen eines Morgens die Panzer der Armee am Rande des Grundstücks, und der Befehlshaber fordert Danny auf, sich zu ergeben.

Die befreundete Republik Palau warnt die USA vor einem internationalen Zwischenfall und versichert Weinbergia ihres Beistandes und ihrer Solidarität. Wo ist Palau überhaupt, fragt sich Herbie und wird in der Südsee fündig. Aha, 1992 von den USA in die Unabhängigkeit entlassen, schau an. Der Beinahe-Zwischenfall veranlasst Mama Weinberg, schon immer etwas nervöser, das Haus zu verlassen und sich in die Obhut eines Rechtsanwalts zu begeben. Sie versucht, Herbie da rauszuholen, bevor das Haus zerbombt wird.

Nicht lange, da erfreuen sich Vater und Sohn Weinberg der Solidarität diverser Nachbarn. Bemerkenswert sind zwei Frauen mit Pizza, die einfach hier wohnen bleiben wollen. Die ältere, Adrienne, hat es offenbar darauf abgesehen, den König zum Ehebruch zu verleiten, und die jüngere, Kelly, wirft ein Auge auf den halbwüchsigen Prinzen Herbie, der besser mit Computern als mit Mädchen umgehen kann. Weinbergia bietet mehr und mehr Aussteigern Asyl. Die Paranoia des modernen Amerika schlägt zwar hohe Wellen, doch Papa Weinberg lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Leider schafft es Mama Weinberg, Herbie loszueisen und mit sich zu nehmen. Sie hat sich einer christlichen Erweckungsgruppe angeschlossen und tritt mit ihrer Geschichte im Fernsehen auf. Unterdessen beobachtet Herbie per Gedankenlesen, wie sich die Lage in Weinbergia zuspitzt. Als Papa Weinberg beschließt, eine Expedition ins feindliche Ausland zu wagen, um die unabhängige Exklave des nächsten Supermarktes zu besuchen, glaubt die amerikanische Armee, nun sei die Gelegenheit günstig.

Doch die Dinge entwickeln sich keineswegs so, wie alle erwartet haben …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen kurzweiligen Roman binnen eines Nachmittags und Abends gelesen. Da die Sätze so kurz sind und das Geschehen so einfach zu verstehen ist, braucht man seine Hirnzellen nicht allzu sehr anzustrengen, um den Sinn und die Botschaft zu kapieren. Das meiste liest sich sowieso wie eine Episode aus der Familien-Soap-Parodie „Die Simpsons“. Manchmal allerdings gerät die internationale „Politik“ in den Fokus des Geschehens – wenn man den Solidarpakt mit Palau dazurechnen darf. Denn einer der Gründe, warum das Buch so unterhaltsam ist, liegt darin, dass stets Interessensvertreter nur direkt und persönlich auftauchen (auch per Gedankenlesung), so dass ständig ein lebhafter Dialog besteht.

|Der Austritt|

Natürlich wundert sich der deutsche Leser, wieso überhaupt ein Amerikaner auf die Idee kommen kann, sich und sein Grundstück für unabhängig zu erklären. Das ist in der amerikanischen Verfassung und Unabhängigkeitserklärung begründet. Bekanntlich sind die USA eine Union von Staaten, die dem Bund beigetreten sind. Nach der Eroberung der Indianergebiete mussten sich die Territorien erst den Status des Bundesstaates erwerben. Theoretisch könnten sie ihn auch wieder verlieren (wie es Springfield im [Simpsons-Film]http://www.powermetal.de/video/review-1149.html ergeht) oder gar aus dem Staatenbund austreten. Autarkiebestrebungen hat es offenbar immer wieder gegeben, und Vermont ist bekanntermaßen einer der renitentesten Bundesstaaten. Klar, dass Vermont dem neuen Weinbergia seine Solidarität erklärt.

|Vorbilder|

Die Grundidee des Austrittes aus der Union ist nicht gerade taufrisch. Schon 1985 veröffentlichte Marc Laidlaw, ein Vertreter des Cyberpunk in der SF, seinen satirischen Roman [„Dad’s Nuke“]http://en.wikipedia.org/wiki/Dad’s__Nuke (deutsch bei |Goldmann| 1987 unter dem Titel „Papis Bombe“). Darin errichtet ein Familienvater ein Atomkraftwerk auf seinem Grundstück. Die USA sind zu dem Zeitpunkt allerdings schon in einen Flickenteppich von Kleinstaaten zerfallen. Auch die Idee kleinster unabhängiger Staaten ist weltweit immer wieder umgesetzt worden. Diese Mikrostaaten geben eigene Briefmarken etc. heraus, was den Sammlern nur recht sein kann.

|Warum Autonomie?|

Die Grundfrage finde ich nicht besonders gut beantwortet: Warum erklärt sich Weinberg überhaupt für unabhängig und gründet einen Staat? Nun, die USA haben ja bekanntlich dem „Terror“ an sich den „Krieg“ erklärt und mit dem Patriot Act und dem Heimatschutzministerium das Fundament für ein faschistisches Regierungssystem gelegt. Der Rechtsruck schränkt bürgerliche Freiheiten ein, lässt der Wirtschaft freie Hand und schließt Minderheiten aus – von der Paranoia hinsichtlich feindlicher Ausländer ganz zu schweigen. Weinberg bietet eine Alternative: Sein Friedensangebot an den islamischen Orient und das Asyl, das er sogar misstrauisch beäugten Kanadiern („die weiße Gefahr!“) gewährt, sind ein Beispiel für den guten Amerikaner, wie es ihn irgendwann mal gegeben haben mag.

|Guter oder schlechter Amerikaner?|

Die Nachbarn stellen prompt die kritische Frage, ob Weinberg ein guter oder ein mieser Amerikaner sei. Weinberg sagt, er sei überhaupt kein Amerikaner mehr. Na, wenn das nicht mieser Patriotismus ist! Fortan müssen die Weinbergs und ihre Asylanten Wache schieben. Die Frage nach der Liebe des Vaterlandes ist das immer gleiche Totschlagargument, das sich jeder Kritiker der Regierung in den USA gefallen lassen muss. Man muss offenbar sieben Kinder vorweisen können, um wie die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhaus Nancy Pelosi den Präsidenten kritisieren zu dürfen.

|Panorama der Neurosen|

Herbie kann die Gedanken aller lesen. Seine Fähigkeit wird nie auch nur im Ansatz begründet, aber es ein gutes Mittel des Autors, um Herbie zu einem allwissenden Erzähler zu machen. Auf diese Weise erleben wir nicht nur den recht begrenzten subjektiven Blickwinkel Herbies und seines Vaters, sondern auch die ansonsten verborgenen Meinungen, Ansichten und Gefühle der Menschen um ihn herum.

Ein kleiner Mikrokosmos entsteht, den ich sehr interessant gestaltet fand. Die Widersprüche zwischen Gedanken und Worten lassen jede Menge Ironie entstehen. Hier werden dann die Werte und Verklemmtheiten der amerikanischen Mittelklasse à la „Desperate Housewives“ und anderen Suburbia-Dramen auf die Schippe genommen. Dass auch die Zwangsneurosen der Militärs bloßgestellt werden, versteht sich von selbst. Der Showdown im Supermarkt bietet wieder köstliche satirische Action, mit Ironie vermengt.

|Die Übersetzung|

Ich will die Druckfehler außer Acht lassen und mich auf die Stilfehler und dergleichen beschränken. Auf Seite 29 wird Herbies Dad mit „ihre Lordschaft“ bezeichnet. Richtiger wäre wohl angesichts seines männlichen Geschlechts, von „seiner Lordschaft“ zu sprechen.

Auf Seite 61 steht ganz unten der holprige Satz: „Es fiel schwer, zu denken, geschweige den, die Gedanken anderer Leute aufzuschnappen.“ Statt „den“ sollte es „denn“ heißen, und ob das erste Komma vor „zu denken“ stehen muss, bezweifle ich.

Ansonsten ist Körbers Übersetzung ein Paradebeispiel für lebhaften und anschaulichen Stil, der insbesondere idiomatische Redewendungen ausgezeichnet ins Deutsche überträgt. Die Figuren reden wie Deutsche ihre eigene Umgangssprache und wirken so wesentlich realistischer, als wenn sie gestelztes literarisches Deutsch (im Original natürlich Englisch) reden würden.

Wundervoll passend finde ich das Titelbild. Man muss schon genau hinsehen, um die kleine Bombe zwischen all den Sternen auf der Flagge zu finden.

_Unterm Strich_

„Unter meinem Dach“ ist eine flotte und sehr humorvolle Satire über den heutigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Sie ist zunehmend von Paranoia und dem Verschwinden der Mittelschicht geprägt (was ja bei uns auch nicht anders ist). Die Simpsons lassen schön grüßen, inklusive amerikanisch-christlicher Erweckungsbewegung. (Offenbar darf nie eine Epiphanie fehlen.)

Als Sciencefiction kann man nur zwei Aspekte bezeichnen: den Austritt aus der Union und das Gedankenlesen des Erzählers. Wer also eine kurzweilige Satire auf den American Way of Life lesen möchte, die auf dem aktuellen technischen und kulturellen Stand ist, der ist hier an der richtigen Adresse.

Der relativ hohe Preis von knapp 13 Euro ergibt sich aus der niedrigen Auflage. |Edition Phantasia| ist eben keiner der großen Verlage. Aber dafür werden hier die interessantesten Bücher innerhalb des phantastischen Genres verlegt.

|Originaltitel: Under my Roof, 2007
149 Seiten
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber|
http://www.edition-phantasia.de

Reichs, Kathy / Weingart, Karin / Fruck, Wolf-Dieter – Hals über Kopf (Lesung)

_Knochen-Krimi für die ältere Generation_

Eigentlich wollte Tempe Brennan, die forensische Anthropologin, nur Urlaub machen. Doch archäologische Ausgrabung im Sand von Dewees Island, South Carolina, fördert nicht nur Ureinwohner zutage, sondern auch eine Leiche, die erst vor wenigen Jahren hier verbuddelt wurde. In einem Sumpfgebiet auf dem Festland werden kurz darauf die Überreste eines vermeintlichen Selbstmörders entdeckt. Eigenartige Einkerbungen an den Halswirbeln der beiden Toten sagen Tempe, dass eine Verbindung zwischen den beiden Fällen bestehen muss, aber welche?

_Die Autorin_

Kathy Reichs, 1950 in Chicago geboren, Professorin für Soziologie und Anthropologie, arbeitet unter anderem als forensische Anthropologin (wie ihre Helden) an gerichtsmedizinischen Instituten von Montréal und Charlotte, South Carolina, aber auch als Gutachterin für die UNO und das Pentagon. Sie unterrichtet hin und wieder an der FBI-Akademie in Quantico, Virginia. Ihre Romane, die alle beim |Blessing|-Verlag erscheinen, wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Weitere Romane:

[Lasst Knochen sprechen 1479
[Knochenarbeit 1229
Mit Haut und Haar
[Totgeglaubte leben länger 2083
[Totenmontag 937
Knochenlese

_Die Sprecherin_

Gesine Cukrowski wurde in Berlin geboren. Nach ersten Bühnenerfahrungen im Studententheater und 1987 in der TV-Serie „Praxis Bülowbogen“ brach sie ihr Germanistikstudium ab und begann ihre Ausbildung an der Schauspielschule Maria Körber in Berlin. 1991 stand sie erstmals vor der Kamera: für den Kinofilm „Aufstand der Dinge“ unter der Regie von Hellmuth Costard. Ihren Durchbruch hatte sie mit der TV-Serie „Und tschüss!“ (1994) sowie durch ihre Rolle im Thriller „Die Schläfer“ (1998). In der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ spielt sie seit 1997 die Gerichtsmedizinerin Judith Sommer.

Die gekürzte Lesefassung stammt von Karin Weingart, unter der Regie von Wolf-Dieter Fruck nahm Klaus Trapp die Lesung im d.c. Tonstudio Berlin auf.

_Handlung_

Der Frühling beginnt für die Temperance Brennan, die Anthropologin mit dem Spezialgebiet Forensik, mehr als angenehm. Auf Dewees Island vor der Küste South Carolinas hat sie zwei Wochen lang die Vertretung für eine ehemalige Kollegin von der Universität übernommen. Sie hat eine Studentengruppe bei Ausgrabungen einer alten indianischen Stätte begleitet. Doch einen Tag vor dem Ende der Grabung, am 18. Mai., ist es um die autofreie Inselidylle geschehen, als die Dünen einen Toten freigeben, der offenbar erst vor kurzem hier deponiert wurde. Und der, wie Tempe später im Labor feststellt, wohl keines natürlichen Todes starb.

Darüber muss sie natürlich einen Bericht schreiben und eingeben. Doch das ist dem Bauunternehmer Dick Dupree gar nicht recht: Der Fund wirft seine Planung um Wochen zurück, und das kostet richtig Geld. Tja, da kann sie nichts dran ändern, meint Tempe bloß. Auch ein Journalist ist Zeuge des Funde und schreibt für die Zeitung von Charleston einen Artikel. Sein Name ist Homer Winborne. Tempe informiert den Coroner (Leichenbeschauer und Untersuchungsrichter) des Distriktes, ihre Freundin Emma Russo. Tempe schätzt, dass der Tote, den sie in den Dünen fand, vor zwei bis fünf Jahren starb.

Ihr Mann Janis Pete Peterson ruft an, um anzukündigen, dass er im gleichen Haus in Charleston wie sie wohnen wird. Als Rechtsanwalt hat er für einen lokalen Klienten einen Fall übernommen. Er soll die Bücher des Fernsehpredigers und Oberhauptes der God’s Mercy Church (GMC), Aubrey Herron, überprüfen und zugleich die verschwundene Tochter seines Klienten suchen, Helen Flynn. Sie arbeitete zuletzt für eine medizinische Einrichtung der GMC und verschwand, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. GMCs Zentrale befindet sich in Charleston.

|Leiche Nr. 1|

Als Pete am Sonntagmorgen eintrifft, erzählt er ihr, dass Helen von einem Privatdetektiv gesucht wurde. Doch der ist genauso spurlos verschwunden wie Helen. Schon merkwürdig, findet Tempe. Am Montag stößt sie bei der Untersuchung der Leiche aus den Dünen auf einen Knochenbruch im Genick des Mannes. Der Haarriss ist so fein, dass man ihn nur unter dem Mikroskop sieht. Wurde der Mann stranguliert? Und was haben die Flecken auf seinen unteren Rippen zu bedeuten?

Inzwischen macht sich Tempe zunehmend Sorgen um Emma Russo. Sie liegt im Krankenhaus und bekommt gesagt, dass die Chemotherapie gegen ihren Lymphdrüsenkrebs nicht anschlägt. Emma bricht sogar geschwächt zusammen. Als der Sheriff anruft und Emmas Dienste benötigt, bittet Emma ihre Freundin Tempe, sie zu vertreten. Alles andere wäre unverantwortlich, findet Tempe.

|Leiche Nr. 2|

Der Tote hängt im sumpfigen Wald des Nationalparks an einem Ast. Sheriff Junius Gullet führt Tempe zum abgesperrten Fundort. Alle vermuten, dass es sich bei der Leiche um Matthew Summerfield, 18, handelt, doch in seiner Hosentasche steckt die Brieftasche eines gewissen Chester Pinkney. Mit Emma, die wieder auf den Beinen ist, fährt Tempe zu Pinkneys Adresse. Pinkneys ist offensichtlich quicklebendig. Die Brieftasche wurde ihm in einer Bar geklaut. Aber wer ist dann der Tote im Wald?

Auch bei dieser Leiche stellt Tempe den unerklärlichen Genickbruch fest. Die Identifizierung per Fingerabdruck besagt, dass es sich um Noble Cruikshank handelt. Er ist der Privatdetektiv, der Helen Flynn gesucht hat, ein ehemaliger Polizist und Kriegsveteran. Emma ruft an: Cruikshanks Vermieter hat dessen Sachen in seinem Keller verstaut. Pete dürte sie anschauen. Wieder darf Tempe als Emmas Stellvertreterin mitkommen. Auf einer CD steht der Name „Flynn“. Darauf befinden sich nur Fotos. Und sie zeigen alle das gleiche Haus. Ein Haus der GMC.

Am 4. März, an dem diese Fotos entstanden, muss Cruikshank also noch gelebt haben, denn er hat sie ja geschossen. Zu dieser CD muss es auch einen PC geben. Sie fahren nochmals zum Vermieter hinaus: Den PC und die Kamera hat sich seine Neffe gekrallt. Auf dem Laptop können sie aber nicht arbeiten, denn er ist mit einem Kennwort geschützt. Stattdessen ruft der Reporter Homer Winborne an. Wieso weiß der schmierige Typ schon alles über Cruikshank? Der Sheriff muss ein Informationsleck haben.

Cruikshanks Kartons enthalten auch Zeitungsartikel mit Vermisstenmeldungen aus dem Raum Charleston. Der Privatdetektiv hat seine Arbeit darauf konzentriert, Arbeit, für die ihn niemand bezahlte. Da wird ein Schizophrener namens Lonny Aickman gesucht sowie eine Eunice Montague, eine Obdachlose. Der letzte Artikel stammt vom 14. März und betrifft die Ausgrabung auf Dewees Island. Am 19. Mai wurde Jimmy Ray Teale vermisst. Meine Güte, durchfährt es Tempe entsetzt: Das ist ja der reinste Massenmord, wenn diese Leute alle umgebracht wurden. Aber ist das wirklich der Fall?

|Nr. 3|

Eine dritte Leiche wird am Strand angespült: Die tote Frau steckt in einem Fass und weist zu Tempes Beunruhigung den gleichen Genickbruch wie die anderen beiden Leichen auf. Es ist die von Cruikshank gesuchte Eunice Montague. Sie ist auf einem seiner Fotos zu sehen – jenen Fotos von dem Haus der GMC, in dem auch Helen Flynn eine Zeit lang arbeitete, wie Pete angibt. Vielleicht wurden in dieser medizinischen Station noch mehr Verschwundene „behandelt“?

Höchste Zeit, diesem mysteriösen Haus einen Besuch abzustatten …

_Mein Eindruck_

„Temperance“, der Vorname der Heldin und Ich-Erzählerin, bedeutet „Mäßigung, Enthaltsamkeit, Abstinenz“. Zu Zeiten der Prohibition im Amerika der 1930er Jahre hatten die Temperenzlerinnen den Höhepunkt ihrer Bewegung zu verzeichnen. Tempe Brennans Einfluss beschränkt sich hingegen auf die Mäßigung von Streitigkeiten, so etwa zwischen ihren beiden Männern, dem Ex namens Pete und ihrem Freund aus Montréal, Alex Ryan. Sie liegen sich ständig in den Haaren wie Hunde, die um das Weibchen wetteifern oder ihr Revier verteidigen (was aufs Gleiche rauskommt). Aber Tempe weiß sich auch gegenüber unangenehmen Zeitgenossen wie Dick Dupree und dem Reporter Homer Winborne zu zügeln. Ihr eigenes Tempe-rament kommt dagegen mehr zum Durchbruch, wenn es darum geht, Mörder zur Strecke zu bringen.

Gemäßigt sind auch der Tonfall und das Tempo, mit denen die Story von der Jagd nach den kriminellen Organhändlern von Charleston erzählt wird. Da tauchen alte Omas auf, entlegen lebende Hinterwäldler, ständig neue Vermisstenmeldungen, Nachrichten von mysteriös verunglückten Damen und zu guter Letzt auch noch ein schier unknackbares Passwort. Dieses wenigstens sorgt für Spannung, wenn auch als eine Art „running gag“: „Hast du schon das Passwort gefunden, Schatz? – Nein, Schatz, aber es kann nicht mehr lange dauern.“ Auf diese lässige Weise hält die Erzählerin die Leser bei der Stange. Am Ende denkt sich der Leser: Herrje, da hätte sie auch gleich draufkommen können.

Dass die Autorin ihren Stoff souverän beherrscht, ihre Leserschaft dies aber auf keinen Fall merken lassen will, merkt man an manchen Stellen. Sie nimmt Rücksicht auf Leser und Leserinnen, die vielleicht nicht mehr ganz taufrisch sind (lies: Senioren) oder einen geringen Schulabschluss haben (lies: Dumpfbacken und Schulabbrecher). Für diese hält Reichs ein erprobtes Hilfsmittel bereit: die vorläufige Zusammenfassung bzw. Rekapitulation. Diese erfüllte den Zweck, eine Übersicht über das bisher Erreichte zu liefern und vor allem, die noch offenen Fragen aufzulisten. Die zwei „Recaps“ im Roman teilen diesen sauber in drei Teile: hübsch übersichtlich. Nicht nur |Reader’s Digest|-Lektoren dürften es ihr danken, sondern auch Omas, die sich nicht mehr jeden Namen merken können.

Die eigentliche Story von den kriminellen Medizinern und Organhändlern ist ja nun auch nicht mehr ganz die neueste. Bemerkenswert ist eher, dass diesmal eine dieser Sektenkirchen mit drin hängt. Damit will die Autorin vielleicht andeuten, dass bei manchen der tausend christlichen Sekten in den USA vielleicht nicht alles zum Besten steht. Die illegale Behandlung Minderjähriger, etwa bei manchen Mormonenfamilien, ist ja publik geworden. Aber wer weiß, so deutet Reichs an, was noch alles möglich ist? Die GMC-Sekten hat in ihrem Netzwerk auch eigene medizinische Stationen, und eine davon wird zur illegalen Organentnahme missbraucht. Fragt sich also, wer davon weiß und dafür verantwortlich ist.

Im Zuge ihrer Nachforschungen gerät Tempe zunehmend ins Rampenlicht, und das bekommt ihrer Gesundheit gar nicht gut. Doch es gehört ja praktisch schon zum Standard, dass die Schnüfflerin oder der Schnüffler schließlich selbst in die Schusslinie gerät. Aber dass Tempe erst ihren Hund einschließt und dann mutterseelenallein zum Strand geht, um die Sterne zu bewundern, grenzt schon an das Ergebnis einer Hirnamputation. Auf diese Weise ist bestens dafür gesorgt, dass sie umgehend überfallen werden kann.

|Die Sprecherin|

Gesine Cukrowski trägt langsam und sehr deutlich vor, so dass jede Hörer – und sei er schon in fortgeschrittenem Alter – sie verstehen kann. Womit sie sich etwas zurückhält, ist die Betonung der Satzmelodie. Nach einer Weile klingt ihr Vortrag flach und langweilig und man hofft, dass bald wieder Dialog kommt. Denn besonders bei älteren Damen scheint Cukrowski kein Problem zu haben, freundlich und hoch zu intonieren. Ein Beispiel ist die Naturkundlerin Althea Hunnicut, die schon „sehr alt“ ist, aber auch „sehr reich“.

Die männlichen Figuren darzustellen, fällt der Sprecherin schwer. Nun, Sheriff Gullet macht es ihr mit seiner betont monotonen Sprechweise sicher nicht einfach: Er soll die Ruhe in Person darstellen. Aber Chester Pinkney ist das genaue Gegenteil: ein Südstaatler, der neben einem Akzent auch eine singende Ausdrucksweise vorzuweisen hat. Cukrowskis Umsetzung fällt relativ schwach aus.

Womit die Sprecherin gar nicht klarkommt, ist die Aussprache englischer Namen. Drei Beispiele: Sie spricht den Namen Burgess wie [börges] aus statt wie [bördsches], und Emma Russo klingt bei ihr mehr wie „Rousseau“, also [ruso], statt wie [rasso].

Der Abschuss ist jedoch ihre Aussprache des Frauennamens Eunice. Korrekt sollte es wie [junis] klingen, sie sagt jedoch durchgehend [juni:k]. Die Aussprache [juni:k] ist jedoch für das englische Wort „unique“ reserviert, das „einzigartig“ bedeutet. Im übertragenen Sinne sagt Cukrowski also ständig „die einzigartige Montague“, was in keiner Hinsicht hinhaut.

|Die Übersetzung|

Auch die Übersetzung fand ich nicht so berauschend. Einmal wurde ein stehender Begriff nicht übertragen, sondern wörtlich übersetzt, was dann im Deutschen seltsam klingt. Im Englischen muss wohl „bag lady“ gestanden haben, in der Eins-zu-eins-Übersetzung wurde daraus „Tüten-Dame“. Vielleicht denkt jetzt so mancher Leser an Tüten-Suppen, gemeint ist aber eine Obdachlose, die auf der Straße lebt und ihre Habseligkeiten in Tüten mit sich herumschleppt oder in einem Einkaufswagen verstaut hat. Mit einer Dame hat das wohl kaum etwas zu tun.

_Unterm Strich_

„Hals über Kopf“ ist einer dieser Thriller für ältere Herrschaften, die auf Nummer sicher gehen. Hier werden erst eine Menge Rätsel und Spuren ausgestreut, doch nach dem ersten Drittel fein säuberlich die Befunde aufgelistet. Vor dem finalen Drittel passiert das Gleiche nochmals, denn schließlich soll der Leser auf keinen Fall den Überblick verlieren. Ältere Leser, deren Gedächtnis nicht mehr so gut funktioniert, werden es der Autorin danken (oder deren Lektorat beim Verlag). Durch die gleichzeitig aufgelisteten Fragen bleibt zudem noch Spannung für den Endspurt übrig.

Die Sache mit den kriminellen Organhändlern ist so neu nun auch wieder nicht. Und dass in den USA jedes Jahr mehrere tausend Menschen spurlos verschwinden, regt leider auch niemanden mehr auf. Für jede Menge Herzschmerz dürfte zudem das langsame Sterben von Coroner Emma Russo sorgen – höchste Zeit für den Einsatz der Taschentuchbrigade!

|Das Hörbuch|

Gesine Cukrowskis Vortrag ist deutlich artikuliert, aber unaufgeregt. Jüngere Hörer könnten in Gefahr geraten, beim Lauschen einzuschlafen, aber für ältere Herrschaften, die nicht ihre Augen anstrengen wollen, dürfte das Lesetempo genau das richtige sein. Schade, dass sich die Sprecherin mit der Aussprache englischer Namen nicht auskennt, aber man kann wohl nicht alles verlangen.

|Originaltitel: Break no Bones, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Berr
450 Minuten auf 6 CDs|
http://www.random-house-audio.de