Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Michael Connelly – Fair Warning (Jack McEvoy 3)

Tote Frauen und die Gefahren der Stammbaumforschung

Jack McEvoy ist ein Reporter, der mehrere Erfolgsgeschichten über das Finden und Stellen eines Mörders vorweisen kann. Zu diesen gehören „Der Poet“ und „The Scarecrow“. Aber bislang wurde er noch nie beschuldigt, selbst ein Mörder zu sein. Bis zwei Beamte der Mordkommission des LAPD ihn befragen, was er mit der verstorbenen Christina Portrero zu tun gehabt habe.

Teils aus Trotz, teils wegen der bizarren Art und Weise, wie sein Beinahe-One-Night-Stand Tina zu Tode kam, beginnt er ihr nachzuforschen – und stößt auf eine Mordserie, die auf Genanalyse basiert. Während er diese Seite als „Verbraucherschutz“ an seinen Boss bei der Webseite „Fair Warning“ verkaufen kann, muss er sich entscheiden, welche Rolle er eigentlich selbst spielt: die des beobachtenden Reporters oder des beteiligten Ermittlers…
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John Norman – Marauders of Gor (Gor 9)

Actionreich: Invasion der Aliens

Dieser neunte Band der Gor-Saga ist die direkte Fortsetzung von „Jäger von Gor“ und wird in „Stammeskrieger von Gor“ fortgesetzt. Dieses actiongeladene Trio lässt sich also zusammenhängend lesen. Spätere Romane führen Tarl in die Arktis („Bestien von Gor“) und in den Dschungel („Erforscher von Gor“). Hier aber lässt sich Tarl Cabot mit den wilden Nordmännern von Torvaldsland ein.

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Karin Slaughter – Pieces of Her / Ein Teil von ihr (Thriller)

Mutter und Tochter im Überlebenskampf

Ein schrecklicher Akt der Gewalt ist alles, was nötig ist, um Andrea Olivers Leben auf den Kopf zu stellen. Ein Mörder, der in einen Schnellimbiss eindringt und zwei Frauen erschießt. Dann gerät auch Andrea in sein Visier, denn sie trägt eine Art Polizeiuniform. Doch ihre Mutter Laura stellt sich dem Mann entgegen. Stellt ihn, redet auf ihn ein. Tötet ihn.

Andrea hat überlebt, Laura hat überlebt, doch es ist nicht der Mörder, den die Polizei nun zu jagen beginnt, sondern die beiden Überlebenden. „Tötungsmaschine“, nennt eine angebliche Freundin Andreas Laura, ihre Mutter. Nicht etwa „Heldin“. Und im Handyvideo, das ein anderer Imbissgast gedreht hat, sieht sie genau so aus. In der nächsten Nacht muss Andrea die Anweisungen ihrer Mutter befolgen und verschwinden. Denn nun hat auch sie selbst getötet…

Dieser Thriller, der keiner Serie zugehört, soll demnächst (Stand 2019) von Netflix verfilmt werden. Das gleiche gilt für „The Good Daughter“ und „Cop Land“.
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Lyon Sprague de Camp – Vorgriff auf die Vergangenheit. Zeitreise-Roman

Technik oder Zauber? Ein Amerikaner bei den Goten

Den amerikanischen Archäologen Martin Padway verschlägt es an einer dünnen Stelle des Raumzeitkontinuums plötzlich ins Rom des Jahres 535 n. Chr. Was könnte er hier nicht alles ausrichten! Er könnte Orakel spielen und den Lauf der Geschichte ändern! Doch die Zeit hat ihre Tücken und eigenen Gesetze …

Der Autor
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Ursula K. Le Guin – Die wilde Gabe. Phantastischer Roman

Eine Geschichte vom Erzählen und Befreien

In einem abgelegenen Hochland verfügen die Menschen über unheimliche magische Begabungen. So auch der junge Orrec, der andere mit seinem Blick töten kann. Doch Orrec hat die Gabe nicht unter Kontrolle. Bis eines Tages ein geheimnisvoller Fremder im Dorf auftaucht und Orrec erkennt, dass das Rätsel der Gabe und sein bisheriges Leben auf einer Lüge beruhen …

Die Autorin

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist meiner Ansicht nach eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Ihr Stil zeichnet sich durch anmutige Eleganz aus. Sie gehört zu den höchstdekorierten amerikanischen Schriftstellern überhaupt.

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Anonymus – Frank und ich. Erotischer Roman

Mädchen in Hosen, mit der Rute erzogen

Durch Zufall lernt er den jungen Mann kennen und lädt ihn auf seinen Landsitz ein. Durch Zufall merkt er dort, dass sein gast ein reizendes junges Mädchen ist, das an der Liebe großen Gefallen findet. (Verlagsinfo) Ein spätviktorianisches Sittengemälde aus dem Jahr 1902, das teilweise BDSM-Freunde anspricht.

Der Autor

Die Identität des Autors wird seitens des Verlags nicht offengelegt. Die Epoche ist spätviktorianisch oder schon edwardianisch (1902; Queen Victoria starb im Januar 1901). Es gibt zwar schon elektrische Klingeln und Gaslicht, aber keinerlei Autos, sondern nur Kutschen. Der Landadel, dem der Erzähler Charley offensichtlich angehört, hat keinerlei Sorgen um seine Einkünfte, muss aber sehr auf sein Auftreten und einen untadeligen Ruf achten.
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Robert Harris – Imperium (Cicero-Trilogie 1)

Marcus Tullius Cicero ist ein gerissener, mit allen Wassern gewaschener Anwalt und geborener Machtpolitiker. Er wittert seine Chance für eine rasante Karriere – und ahnt noch nicht, dass er damit über Aufstieg und Fall Roms entscheiden soll … (Verlagsinfo)

Der Autor

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Nach seinem Geschichtsstudium in Cambridge war er als BBC-Reporter und politischer Redakteur des „Observer“ tätig. Die historischen Hintergründe seiner Romane recherchiert Harris als Historiker exakt. Trotzdem schreibt er keine Sachbücher: Er will die Leser gleichzeitig unterhalten und informieren, schreibt der Verlag.

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Bob Shaw – Die Heißluft-Astronauten (Die Zwillingswelten 1)

Weltenwanderung per Ballon

In einer der Zwillingswelten wird das Land knapp, deshalb beschließt der König die Eroberung der Nachbarwelt. Die Auswanderer können leicht per Heißluft-Ballon die Kluft zwischen den nahe beieinander liegenden Welten überwinden, doch die Expedition steht unter einem Unstern und wird von etlichen Überraschungen begleitet…

Für diesen Roman wurde der Autor 1986 mit dem BSFA Award ausgezeichnet.

Der Autor
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Stephen King – Im Kabinett des Todes. Düstere Geschichten

Klassische Horrorgeschichten, erstklassig zubereitet

„Im Kabinett des Todes“ enthält vierzehn düstere Geschichten, die für jeden Leser etwas bereit halten.

King zeigt sich in „Der Mann im schwarzen Anzug“ in literarischer Höchstform und erhielt für diese Geschichte den O’Henry-Award. Jede der Geschichten dieser Sammlung ist absolut einzigartig und zieht den Leser in ihren Bann, egal ob er sich mit Howard Cottrell als Scheintoter im „Autopsieraum Vier“ befindet oder in „Alles endgültig“ mit dem jungen Dinky Earnshaw mitleidet, dessen Traumjob sich als höllischer Albtraum entpuppt.

Viele blutige und unblutige Überraschungen warten auf den Leser in diesen faszinierenden Geschichten – und sie zeugen alle von der unbändigen Schaffenskraft eines Autors, der zu den anerkannt Größten seines Faches zählt.

Stephen King schrieb seine erste Kurzgeschichte mit 21 Jahren. Seitdem hat er eine Vielfalt von Romanen veröffentlicht, die ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben. Doch in seinem Werk hat die kürzere Form – die Novelle und die Story – nie an Bedeutung verloren, seine Story-Bände waren nicht minder erfolgreich. Das beweist er auch mit seiner neuen Sammlung von Kurzgeschichten. (Verlagsinfo)
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Karin Slaughter – Vergiss mein nicht (Lesung)

Trifft ins Herz: finaler Rettungsschuss

Es ist eine heiße Sommernacht im Städtchen Heartsdale, Georgia. Auf dem Parkplatz der Rollschuhbahn droht die 13-jährige Jenny den drei Jahre älteren Herzensbrecher Mark zu erschießen. Behutsam versuchen die Ärztin Sara Linton und ihr Ex-Gatte, Polizeichef Jeffrey Tolliver, die Situation zu entschärfen. Zunächst sieht es nach einem Liebesdrama unter Teenagern aus, doch dann kommt es zum Showdown: Tolliver muss Jennys Leben opfern, um Marks Hinrichtung zu verhindern. Schließlich findet man in den Toiletten der Anlage ein totes Neugeborenes, und Linton und Tolliver sehen sich einem Fall gegenüber, von dem sie sich wünschen, sie hätten ihn nie übernommen. (abgewandelte Verlagsinfo)

Die Autorin

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Sheffield, Charles – Kalt wie Eis

_Post-Holocaust: Das Geheimnis von Europa_

Das 21. Jahrhundert (huch, das ist ja unseres!): Vor 25 Jahren hat im Sonnensystem ein mörderischer Krieg stattgefunden. In vier Monaten starben neun Milliarden Menschen, denn es wurden entsetzliche Waffen eingesetzt. Die Rivalitäten sind aber im Jahr 2092 immer noch latent vorhanden, die Waffen existieren noch an verborgenen Stellen des Systems. Sie sind ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis. Und wer dies zu lüften versucht, setzt sein Leben aufs Spiel.

Der Klappentext führt diesmal völlig in die Irre. Daher ist er keine Erwähnung wert.

_Der Autor_

Der 1935 in England geborene und seit den Sechzigern in den USA lebende Charles Sheffield studierte Mathematik und Physik in Cambridge, England, und gilt als eine Kapazität auf dem Gebiet der Astronomie – er war Präsident der |American Astronautical Society| und Vizepräsident der |Earth Satellite Corporation|.

Sheffield veröffentlichte 1977 seine erste Story im Magazin „Galaxy“, im Jahr darauf erschien sein erster Roman „Sight of Proteus“, der Auftakt seiner Proteus-Trilogie. Er vertritt darin optimistisch den Gedanken, dass mit Hilfe von Maschinen Menschen und andere Lebewesen ähnlich wie der antike Gott Proteus ihre Form verändern können, um zu den nahen Sternen zu fliegen. Es gehört zu Sheffields Markenzeichen, dass er das Universum (auch das mikroskopisch kleine) stets interessant findet und mit Vorfreude auf Entdeckungen wartet – selbst wenn sich diese als weniger angenehm herausstellen sollten. Er ist auch ein Meister in der Verwendung von Ironie.

In seinem zweiten Roman „The Web between the Stars“ (1979) beschrieb er einen „Fahrstuhl“ in die Erdumlaufbahn. Fast gleichzeitig verarbeitete Arthur C. Clarke den gleichen Gedanken in „Fountains of Paradise“. Beide gelangten unabhängig voneinander zur gleichen Idee. Kim Stanley Robinson griff diese Idee wieder in seinem Roman „Roter Mars“ auf, der mit dem katastrophalen Absturz eines solchen Fahrstuhls auf die Marsoberfläche endet.

Weitere interessante Romane Sheffields sind „Zwischen den Schlägen der Nacht“ (1985) mit seiner universumweiten Sicht à la Greg Bear sowie „Die Nimrod-Jagd“, eine Space-Opera mit interessanten Aliens und Cyborgs. Zuletzt erschienen bei uns „Die Welt der Handelsfahrer“ (1988, dt. bei |Heyne|), in der sich eine Post-Holocaust-Menschheit einer Alien-Invasion gegenübersieht, sowie „Feuerflut“ und „Sternenfeuer“. |Bastei-Lübbe| führt die Publikation Sheffields fort, zunächst mit „Der wundersame Dr. Darwin“ (2004), nun mit „Kalt wie Eis“ (1992, dt. 2004) und mit dessen Fortsetzung „Schwarz wie der Tag“ (Juni 2005).

_Handlung_

PROLOG.

Anno 2067: In den letzten Tagen des interplanetaren Krieges, der zwischen den erdnahen Planeten und den äußeren Welten auf Mars und dem Asteroidengürtel geführt wird und neun Milliarden Erdbewohnern das Leben gekostet hat, flieht ein zum Passagierschiff umgebauter Erzfrachter in den Gürtel. Verfolgt wird das Gürtelschiff von einem Sucher, einem halbintelligenten Jäger, der sein Ziel mit Raketen vernichtet. Doch von wem wurde er abgeschossen?

Die Crew des fliehenden Schiffes „Pelagic“ setzt kurz vor dem sicheren Ende neun Kapseln mit den Jüngsten an Bord aus, die in Kälteschlaf versetzt wurden. Man hofft, dass wenigstens sie überleben. Wenige Minuten später vernichtet ein Blitz das Schiff.

HAUPTHANDLUNG.

25 Jahre später hat sich die menschliche Zivilisation wieder von den großen Verlusten erholt und bereits die Monde des Jupiter besiedelt. In Jupiters Gashülle bauen selbstreplizierende Maschinen, nach ihrem deutschen Erfinder „Von Neumanns“ genannt, wertvolle Elemente ab. Mehrere Wissenschaftler, Medienleute und Amateurforscher, die wir einzeln nacheinander kennen lernen, erforschen das Sonnensystem.

Doch etwas Mysteriöses geht vor sich, von dem den Betroffenen wenig bis nichts mitgeteilt wird. Der Tiefseeforscher Jon Perry erhält einen Rückruf, der ihn von seinem Projekt, der Erkundung von heißen Quellen am Meeresboden (Black Smokers) abzieht und auf den Jupitermond Europa schickt. Zudem müssen die beiden führenden Astronomen vom interplanetarisch gestützten Oberservatorium DOS (Delokalisiertes Observations-System) nach Europa gehen, weil die Geldgeber und die Behörde lieber den erdnahen Raum durchsuchen möchten. Lächerlich! Das DOS hat eine Reichweite von elf Milliarden Lichtjahren, und diese Deppen wollen Terras Hinterhof durchsuchen?! Doch die Geheimniskrämerei erhält letzten Endes einen Sinn, als der Mann hinter diesen Aktionen hervortritt: der so genannte „Sonnenkönig“ Cyrus Mobarak.

Dieser Hinterhof scheint aber auch den Amateurforscher Rustum Battachariya, genannt „Bat“ (Fledermaus), auf dem Jupitermond Ganymed sehr zu interessieren. Er sammelt wertvolle Artefakte aus dem Großen Krieg, der vor 25 Jahren zu Ende ging. Und weil diese Artefakte mitunter weit bessere Technik aufweisen als alles, was danach kam, zieht er oft Vorteil daraus – für seine Behörde, die Koordinationsstelle für Transporte zu den Äußeren Systemen (Jupiter, Asteroiden und Saturn).

Bats neuester Kostenantrag an seine Chefin ist etwas kostspieliger als sonst: Er sucht das Wrack eines im Krieg verschollenen Passagierschiffes, der „Pelagic“. Denn er wundert sich, warum ein Gürtelschiff ausgerechnet von einer Jägerrakete vernichtet wurde, die ebenfalls aus dem Gürtel kam. Was ist das Geheimnis der „Pelagic“? Leider muss er schon bald feststellen, dass Leute, die es lüften wollen, sich dadurch in große Gefahr begeben.

_Mein Eindruck_

Der Aufbau der Geschichte hat eine sehr wirkungsvolle Form: ein Fächer, dessen Nabe am Schluss der Haupthandlung platziert ist. Am Anfang sieht sich der Leser daher mit einer ganzen Reihe von unverbundenen Handlungsträngen konfrontiert, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die Spannung steigt ins Unermessliche – oder die Langeweile. Doch keine Angst, denn schließlich wird doch noch ein Schuh draus. Spätestens dann, als die Akteure auf dem Jupitermond Europa, einer vereisten Wasserwelt, eintreffen, überschlagen sich die Ereignisse auf eine Weise, die für gute Unterhaltung sorgt.

|Elende Politik|

Doch die Action allein macht noch keinen guten Science-Fiction-Roman, wie man an den Machwerken John Ringos ablesen kann. Europa ist vielmehr der Zankapfel zwischen zwei maßgeblichen politischen Strömungen. Die „Auswärtsler“ wollen die Planeten und Monde links liegen lassen und in unberührtem Zustand als Schutzgebiete zurücklassen, wenn sie mit einem Generationenschiff zu fremden Sternen fliegen.

Leute wie Cyrus Mobarak hingegen haben handfeste wirtschaftliche Interessen und wollen die Monde und Planeten ausbeuten und wenn möglich sogar terraformen. Native Lebensformen sind ihnen ziemlich schnuppe. Bei ihrem Vorgehen schrecken Mobarak & Co. auch nicht vor fiesen politischen Tricks zurück. Die muss man aber erst einmal aufdecken. Und das machen so clevere Leute wie Battachariya.

|Sherlock Holmes|

Bat ist ein sehr später Nachfahre von Detektiven wie Sherlock Holmes, verfügt aber auch über Hackerqualitäten. Nicht von ungefähr ist er im Netz der schärfste Gegner von Cyrus Mobarak, der dort unter dem Decknamen „Torquemada“ auftritt. Wie in den traditionellsten Fifties-Science-Fiction-Romanen ist es denn auch Bat, der die Ehre hat, alles in jedem Detail zu erklären. Leider muss er aber auch einen großen Irrtum zugeben. Nobody’s perfect.

Der Große Monolog der Großen Erklärers ist denn auch einer der Punkte, an dem die Kritik anzusetzen hat. So etwas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr. Allwissenheit gehört der Vergangenheit an und ist nur noch in traditionellen, um nicht zu sagen: nostalgischen Romanen zu finden. Aus dramaturgischer Sicht bietet es aber dem Autor eine gute Gelegenheit, alle Rätsel auf einen Schlag zu erklären und endlich zu einem Schluss zu kommen.

Aber wer mitgedacht und auf Details geachtet hat (etwas schwierig bei so viel Text), der konnte schon frühzeitig auf die Lösung kommen. Dem entlockt Bats Monolog nur noch ein Gähnen. Mir nicht, denn ich war nicht die ganze Zeit kontinuierlich nur mit diesem Buch beschäftigt, sondern hatte auch eine Menge anderer Sachen zu tun. Daher kam mir der Monolog gerade recht.

|Schwächen|

Aber ich ertappte mich dabei, einige Seiten, auf denen der Autor viel beschreibt, einfach zu überspringen. Der Story tat das keinen Abbruch: Sie blieb so spannend wie immer. Wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, sind auch etliche Rätsel und eine falsche Fährte eingebaut. Dem Leser macht es der Autor denn doch nicht zu einfach. Der Epilog lässt auf die Fortsetzung hoffen: Denn wo sind die restlichen sechs Eiskinder abgeblieben?

Den Jupitermond Europa hat sich Sheffield, wie er offen und dankbar zugibt, bei Arthur C. Clarke „ausgeliehen“. Dieser hatte ja schon in seinem Roman „2010“ aus Europa eine tropische Welt gemacht – siehe die letzten Bilder aus der entsprechenden Verfilmung. Inzwischen wissen wir aus Sondenmeldungen, dass Europa tatsächlich eine gefrorene Wasserwelt ist, und Sheffields 1992 entworfenes Szenario erscheint nicht mehr so abwegig.

Was ich aber mehrmals belächeln musste, ist die Dauer, die Sheffield für komplexe Computerberechnungen veranschlagt: Stunden, ja, sogar Tage! Naja, 1992 steckte Intel noch in den Kinderschuhen, und von Moores Gesetz* hatte Sheffield seltsamerweise noch nichts gehört, sonst hätte er diese Rechenzeiten drastisch herabgesetzt.

_Unterm Strich_

„Kalt wie Eis“ kombiniert auf unterhaltsame Weise kriminalistische Ermittlung mit planetarer Abenteuergeschichte und einem wirtschaftspolitischen Ringen um die Zukunft des Sonnensystems. Das Ergebnis ist ein relativ unblutig ablaufendes, aber dennoch spannendes Abenteuer, das Leute, die über einen wissenschaftlichen und astronomischen Background verfügen, interessieren könnte. Für Fans von „Mechwarrior“ und John Ringo ist hier hingegen kaum etwas zu holen: kein wildes Geballer, keine Aliens und schon gar keine Militärs. Ätsch!

|Originaltitel: Cold as Ice, 1992
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ulf Ritgen|

* – Moore’s Law: Alle 18 Monate verdoppelt sich die Zahl der Transistoren bzw. ihres Äquivalents auf einem Prozessor. Das heißt, die Zeit, die für eine Anzahl von Rechenoperationen benötigt wird, verringert sich in proportionalem Verhältnis. Das gilt für siliziumbasierte CPUs, aber wie es bei Licht- und Molekül-Prozessoren aussieht, ist eine spannende Frage. Es ist immer wieder erstaunlich, dass die Gültigkeit des 1965 aufgestellten Gesetzes (happy birthday, Mr. Moore!) bis heute anhält und dies noch für einige Jahrzehnte tun dürfte.

John Halliday – Gewitterfische. Jugendroman

Alles beginnt in einer schwülen Augustnacht. In dieser Kirmesnacht schlägt der Blitz in dem Städtchen Westlake ein, obwohl es dort um diese Zeit des Jahres eigentlich nie Gewitter gibt. Es ist die Geburtsstunde von Josh und Rainy, die sich elf Jahre später in der 5. Klasse zum ersten Mal begegnen. Josh, so prophezeit seine Tante, wird die Geschicke der kleinen Stadt nachhaltig verändern. Rainy, Bigfoot, Kate und der Goldfisch Elvis spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Der Autor

John Halliday ist von Beruf Bibliothekar und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Charlottesville, Virginia. Dies ist sein zweiter Roman. (Verlagsinfo)

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Lloyd Alexander – Taran – Der Fürst des Todes

Dies ist der fünfte Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Der Autor

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

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Alexander Kluy – Alfred Hitchcock. 100 Seiten

Kenntnisreiche Würdigung eines Film-Genies

Ein Motel, eine Dusche, eine Blondine, hektische Geigenklänge, ein Schrei, der dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lässt: Ein „echter Hitchcock“. Sein Name ist das Markenzeichen für intelligente Horrorschocker. Psycho, Die Vögel oder Der unsichtbare Dritte lockten Millionen ins Kino. Jedes Geräusch, jeder Schatten, jede Kameraeinstellung, jeder Schnitt war gewählt, um maximale Spannung zu erzeugen.

„Im Horror der Seele zu schürfen, war eine Goldgrube“, so Alexander Kluy. Er verfolgt die Karriere des dicken Engländers vom Zeichner zum Meisterregisseur, der Millionen scheffelte, sich selbst aufs Beste vermarktete und sein Publikum und die Presse raffiniert manipulierte. Hitchcocks Lebensweg spiegelt zugleich die Entwicklung von Kino und Fernsehen, von Hollywood und Publikumserwartung. (Verlagsinfo)
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James Blaylock, K. W. Jeter, Tim Powers, Mike McGee – Steampunk: The Beginning

Optisches Schmankerl: Sammlerstück für Steampunk-Freunde

Steampunk ist heute nicht mehr nur ein literarisches Genre, dessen Etikett 1987 scherzhaft von Blaylock erfunden wurde. Es ist heute eine weltumspannendes kulturelles Phänomen, das besonders bei der Jugend Anklang findet. Steampunk bedeutet einerseits „zurück in die Zukunft mit den Viktorianern“, aber auch Eintauchen in einen alternativen Geschichtsverlauf, hat also nichts mit Utopia zu tun.

Das vorliegende Buch bildet teils einen Ausstellungskatalog aus 91 Illustrationen zu den drei Romanen, die den Steampunk begründeten und von dem Triumvirat James Blaylock, Tim Powers und K.W. Jeter verfasst wurden (Genaueres dazu weiter unten). Weil das Trio an der California State University Fullerton studierte, haben Studierende und Lehrende es unternommen, zunächst eine Ausstellung zu Ehren dieser Anfänge zu organisieren und diese dann als Buch zu veröffentlichen. Es ist mit Sicherheit schon jetzt ein gesuchtes Sammlerstück. Aber es gibt noch jede Menge interessantes Drumherum.
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Alexander, Lloyd – Taran – Die Reise zum Drachenberg

_Tarans Abenteuer im Sammelband, Folge Nr. 2_

Dieser Sammelband umfasst die letzten zwei Romane des fünfbändigen Fantasy-Zyklus um Taran. Der junge Streiter für das Recht will endlich mehr über seine Herkunft erfahren. Dazu reist er mit seinen Freunden durch ganz Prydain (= Britannien). Doch noch bevor ihm dieses Vorhaben gelingt, wird das Land erneut von dem finsteren König Arawn und seiner Armee bedroht. Gemeinsam mit Fürst Gwydion zieht Taran nun gegen sie in den Krieg. Und auf dem Drachenberg erfüllt sich schließlich Tarans Schicksal: Hier muss er sich seinen Erzfeinden, der Zauberin Achren und dem Todesfürsten Arawn, stellen – und das Geheimnis seiner Herkunft wird endlich offenbart.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Er arbeitete in den USA als Cartoonzeichner, Werbetexter, Grafiker, Übersetzer und Herausgeber einer Zeitung, bevor er begann, Bücher zu schreiben. Seine Bücher wurden vielfach preisgekrönt, die Romane um Taran u. a. mit der Newbery Medal.

Ähnlich wie bei Tolkien, der mit [„The Hobbit“ 481 (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexanders Prydain-Zyklus mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

|Der Taran-Zyklus|

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

Sammelband 1: [„Taran – Die dunkle Seite der Macht“ 2804

_Vorbemerkung_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

_Handlung von „Der Spiegel von Llunet“_

Endlich will sich Taran auf die Socken machen, um herauszufinden, wer seine Eltern sind. Auf dieser Wanderung begleitet ihn lediglich der Tiermensch Gurgi, der sein treuster Begleiter geworden ist. Zunächst zieht Taran zu Gurgis Entsetzen zu den drei weisen Frauen, die in den Marschen von Morva leben. Orddu rät ihm, sich selbst im „Spiegel von Llunet“ zu erkennen, der im östlichen Gebirge zu finden sei.

Sodann lernen sie den Bauer Aeddan kennen und erfahren, dass es allen Bauern und dem Land allgemein schlecht geht, denn der Todesfürst Arawn hat alle Geheimnisse darüber, wie man das Land am besten bebaut, geraubt, so dass die heutigen Bauern nur noch die einfachsten Methoden anzuwenden wissen. Entsprechend gering ist ihr Ertrag; er bewahrt sie gerade mal so vor dem Verhungern.

Auch das Land selbst ist alles andere als sicher. Bewaffnete Ritter glauben nicht, dass ein Sauhirte ein so edles Pferd wie Melynlas besitzen sollte, und schnappen es ihm unterm Hintern weg. Auf der Burg der Ritter treffen Taran und Gurgi ihren Herrn, Fürst Goryon den Kühnen, der so ehrpusselig ist, dass es Taran ein Leichtes ist, ihm den störrischen Melynlas wieder abzuschwatzen.

Wenig später gelangen sie zur Burg von Goryons Feind, Fürst Gast dem Großmütigen. Er ist aber nur großmütig und freigebig gegen sich selbst, und alle anderen müssen an seiner Tafel hungern. Hier trifft Taran auch Fflewdur Fflam wieder, den Barden mit der wahrheitsliebenden Harfe und der Riesenmiezekatze Llyan. Ein freudiges Wiedersehen, denn Fflam hat nichts zu Lachen.

Zusammen gelangen sie an König Smoits Burg, den wir schon aus Band 2, „Der schwarze Kessel“, kennen: ein Bär von einem Mann, aber nicht gerade einer der hellsten Köpfe. Als die Kunde vom Krieg zwischen Goryon und Gast eintrifft, weiß als Einziger Taran den Konflikt zu aller Zufriedenheit zu schlichten. Dass er Smoit das Leben rettet, trägt nicht wenig zur Autorität des Sauhirten bei.

Als nächstes verliert Taran sein gutes Schwert an einen Banditen namens Dorath. Doch das ist gar nichts gegen das, was eine Kreatur namens Morda anrichtet. Dieser Möchtegern-Weltbeherrscher hat den Zwergen ein magisches Kleinod aus dem Haus der Zauberer von Llyr gestohlen und Tarans Ex-Gefährten Doli in einen Frosch verwandelt. Beim Versuch, dem durchgeknallten Morda das Handwerk zu legen, werden Fflewdur und Gurgi verwandelt, doch an Taran scheitert der Irre. Warum nur? Das sei hier nicht verraten.

In einer Bergschlucht stoßen Taran und Gurgi auf einen verkrüppelten Schafhirten namens Craddoc, der behauptet, Tarans Vater zu sein. Das kann Taran nicht widerlegen, und so hilft er dem Alten, seine verfallene Hütte, seine Herde und seine Weiden wieder auf Vordermann zu bringen. Auch Craddoc stöhnt über die Verluste, die Fürst Arawn verursacht hat. Doch als Craddoc schwer stürzt, ertappt sich Taran bei dem Wunsch, der Alte, der ihn hier ein halbes Jahr festgehalten hat, möge sterben, damit Taran wieder frei sein und weiter wandern könne. Ein magisches Geschenk Eilonwys, ein Horn der Zwerge, ruft Hilfe herbei …

Als wichtigste Station erweist sich jedoch das Land der „Freien Commots“. Diese Menschen regieren sich selbst und helfen einander. Taran lernt, Glück zu erkennen, ein neues Schwert zu schmieden, einen neuen Mantel zu weben und eine Schale zu töpfern. Es sind Wege, die Welt zu erkennen, aber auch sich selbst. Doch dann scheint alles aus, als sich ihm der Bandit Dorath abermals in den Weg stellt. Nun wird Taran erkennen, aus welchem Holz er geschnitzt ist – oder ob sein Schwert brechen wird.

_Mein Eindruck zu Band IV_

Das Buch hat eine ganz andere Struktur als die vorhergehende Trilogie: Es besteht aus Episoden. Die Kämpfe sind in der Mehrzahl nicht heroischer Natur, sondern dienen dazu, Taran mehr über sein Inneres mitzuteilen. Der Hilfsschweinehirt erfährt nun, wo sein Platz in der Gesellschaft ist und wozu er alles fähig oder nicht fähig ist. Der Zweck der Wanderung ist also ein zweifacher: Selbsterfahrung und Er-fahr-ung der Welt.

Und um diese Welt ist es nicht gut bestellt. Es ist eine Welt unter dem Schatten des Todesfürsten Arawn, der ihr Wissen und Kraft aussaugt und diese Beute für sich selbst hortet. Arawn ist der negative Pol der Schöpfung, und es sieht so aus, als stünde seinem Ent-Wirken keine positive Kraft entgegen. Die menschlichen Herrscher sind untereinander zerstritten oder pervertieren Werte. Taran weiß es noch nicht, doch das |Heilen| der Welt ist seine Aufgabe. Diese wird er im nächsten, dem letzten Band der Chroniken von Prydain, erfüllen. Und wie immer ist der Preis für den Erfolg sehr hoch. Darin gleicht Taran Frodo Beutlin bei Tolkien sowie Alvin Maker bei Orson Scott Card.

Die Geschichte ist in diesem Band wieder Erwarten nicht weniger spannend als in den Vorgängerbänden. Der Schwerpunkt scheint nun allerdings auf die innere Entwicklung der Hauptfigur verlagert zu sein. Das aber geht nicht ohne dramatische Szenen vor sich, die die Lektüre wirklich lohnenswert machen. Wie in Band 3 gibt es auch hier wieder Auflockerung in Form von heiteren Szenen.

_Handlung von „Der Fürst des Todes“_

Der Zyklus geht nun in die Zielgerade. Aber es sieht gar nicht gut aus für Taran und seine Gefährten. Denn die Existenz Prydains selbst ist gefährdet. Fürst Gwydion wurde überfallen und seines magischen Schwertes Dyrnwyn beraubt. Dieses bereichert nun sicher bereits den Schatz des Todesfürsten Arawn, denn es hat die Macht, die unverletzbaren Kesselkrieger Arawns vom Scheinleben zum Tode zu befördern. Mit anderen Worten: Prydain ist Arawns Angriff wehrlos ausgeliefert.

Wirklich wehrlos? Als Erstes suchen Gwydion und Tarans Gefährten Hilfe bei König Smoit, der sich schon ein oder zweimal als Helfer in der Not erwiesen hat. Doch diesmal bildet dessen Burg eine Falle: Der (in Band 3) von der Insel Mona verjagte Haushofmeister Magg, ein Diener Arawns, hat die Burg mit einer List eingenommen. Nun nimmt er auch noch Gwydion & Co. gefangen. Nur eine List kann sie befreien …

Als nächste Station peilen Gwydion & Co. das prächtige Schloss des Hochkönig Math an, Caer Dathyl. Die erste Schlacht gegen Arawns Kesselkrieger und ihre Generäle verläuft nicht schlecht, zumal es Taran gelungen ist, aus den Dörfern der Freien Commots Kämpfer auszuheben.

Doch als Pryderi, der König des Westens, die Unterwerfung des Hochkönigs fordert, anstatt sich den Verteidigern anzuschließen, ahnen die Gefährten schon, dass sie ganz schlechte Karten haben. Die zweite Schlacht verläuft nicht gut …

Bei der Verfolgung der nach Annwyn zurückkehrenden Kesselkrieger teilen sich Gwydion und Taran die Aufgabe und ihre Truppen: Gwydion nimmt den Seeweg, Taran zieht über die Roten Brachlande und die angrenzenden Berge, ständig in Scharmützel mit den Kesselkriegern verstrickt. Er verliert sogar Eilonwy und Gurgi aus den Augen, nur um dafür die Hilfe der Zwerge zu erhalten, allen voran die des alten Gefährten Doli.

Zwei glückliche Zufälle ereignen sich, als zunächst Ex-Königin Achren vor Räubern gerettet werden kann und als zweitens der in Band 1 von Taran gerettete Gwythaint-Vogel ihm das Leben rettet – und ihn direkt vor den Toren Annwyns, Arawns schwarzem Schloss, absetzt.

Dort tobt bereits die Schlacht, und die Kesselkrieger werden auf den wehrlosen Taran aufmerksam. Nun kann ihm nur noch ein Wunder helfen …

_Mein Eindruck zu Band V_

Dieser Roman hat 1968 den wichtigsten Preis der USA für Kinder- und Jugendbuchliteratur errungen, und man merkt auch schnell, warum. Anders als die vorhergehenden Bücher ist diese Geschichte von einem ernsten Unterton, den die vielen humorvollen und ironischen Kabbeleien zwischen den Gefährten Tarans nur unzulänglich übertünchen können. Schon im ersten Drittel verliert Taran einen lieben Gefährten, und im zweiten Drittel einen Freund, der von Anfang im Zyklus dabei war.

Als wäre dies noch nicht genug, ist Pryderis Verrat eine harte Prüfung für die rechtschaffenen Verteidiger Prydains, und er führt direkt zu einem katastrophalen Ergebnis. Aus Rücksicht auf die Spannung darf ich hierzu nicht mehr verraten. Die Hoffnung der Verteidiger wird nun, ähnlich wie im zweiten und dritten Band des „Herrn der Ringe“, auf eine harte Belastungsprobe gestellt, und mehrmals steht Taran, der seine Truppe anführt, kurz davor zu verzweifeln.

Selbst dann noch, als alles vorüber ist, gönnt der Autor seinem Helden keine Ruhe. Taran könnte à la Frodo mit den anderen Fürsten und dem Zauberer Dallben in die Sommerlande segeln und dort ein unsterbliches und sorgenfreies Leben genießen. Und er könnte sogar Eilonwy, die sogar mitfahren muss, weil sie eine Zauberin ist, mitnehmen. Doch er müsste dafür alles aufgeben, was er in Prydain in Band 4, „Der Spiegel von Llunet“, erreicht hatte: die Gefolgschaft der Freien Commots. Das Land ist von Arawns Treiben immer noch verheert und krank. Soll er einfach abdüsen und sich einen faulen Lenz machen, während Prydain vor die Hunde geht? Da erscheinen ihm im Traum die drei Parzen Orddu, Orgoch und Orwen wieder – die er schon zweimal besucht hat. Sie bieten eine Lösung, doch wählen muss er selbst.

Da hält der Autor also auf den letzten Seiten seines Buches noch einen bunten Strauß hübscher Überraschungen bereit. Also nicht vorzeitig aufatmen!

Es ist eine müßige Frage, was wohl Tolkien aus diesem Stoff gemacht hätte. Denn wir wissen ja, was er daraus gemacht hat: den „Herrn der Ringe“! Und das weiß natürlich auch Lloyd Alexander, dem die Parallelen sicher nicht verborgen geblieben sind. Aber selbst dieser düstere und dichte Abschluss seines Taran-Zyklus ist an vielen Stellen noch heiterer und witziger als so manche Seite in Tolkiens bekannterem Heldenepos.

_Unterm Strich_

Die heiteren Stellen machen die beiden Bücher besser für Kinder und Jugendliche geeignet als Tolkiens „Herr der Ringe“. Man kann auf jeder Verbraucherplattform lesen, wie schwierig die jungen Leser den „Herrn der Ringe“ zu verstehen finden – er wurde ja auch gar nicht für sie geschrieben, sondern für Professoren vom Kaliber eines C.S. Lewis und Tolkien! Dagegen hätten sie keinerlei Probleme, den „Fürsten des Todes“ zu verstehen.

Nur Tolkien-Junkies finden natürlich an diesem Roman wieder etwas auszusetzen. So etwa das abrupte Ende von Helden und Schurken, das doch wohl eine bessere Ausarbeitung verdient gehabt hätte. Und überhaupt: Erfährt man vielleicht etwas über die detaillierte Geschichte Prydains? Mitnichten. Nur die groben Grundzüge, das war’s dann auch schon.

Man sieht also: Vor allem Kinder und Jugendliche werden vollauf mit dem Buch zufrieden gestellt, Erwachsene werden sich stets ein wenig mehr von diesem oder jenem wünschen.

|Zur Übersetzung|

Ko-Übersetzer von Band 4 ist neben Roland Vocke (Band 3) nun Ulrike Killer, die etliche Jahre bei |Klett-Cotta| die Hobbitpresse als Lektorin betreute (bis 2003). Sie führt sich schlecht ein, indem sie beispielsweise das Wort „mannighaft“ statt des vertrauten und richtigen „mannigfach“ verwendet. Der DUDEN kennt das Wort „mannighaft“ nicht. Handelt es sich um eine Verwechslung mit „mannhaft“? Das kann auch nicht sein, denn die Sprecherin Orddu redet von sich selbst – und sie ist keineswegs ein Mann. „Mannighaft“ ist also ebenso falsch wie „mannhaft“. (Dieser Missgriff könnte natürlich auf das Konto von Vocke gehen.)

Ulrike Killer kann in Band 5 ihr Stiltalent voll ausspielen und verleiht der Sprache Alexanders in der deutschen Version einen richtig schön altmodischen Tonfall, wie man ihn noch von der ersten „Herr der Ringe“-Übersetzung im Ohr hat.

Diese Ausgabe löst die ältere deutsche Ausgabe aus den achtziger Jahren ab, die der |Arena|-Verlag Würzburg veranstaltete. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“, ein „ch“ aber als „k“. Das könnte etwas verwirren. Der Sammelband von |cbj| lässt mich die schönen Illustrationen, die Johann Peterka für die |Bastei-Lübbe|-Ausgabe anfertigte, stark vermissen.

|Das Titelbild|

Ist das nun Taran auf dem Titelbild oder handelt es sich nicht vielmehr um Roland, den bekannten Sagenhelden, der in der Entscheidungsschlacht bei Roncevalles das Schlachthorn Olifant blies? Oder ist es gar Boromir, der in der Schlacht am Rauros vergeblich Hilfe gegen die angreifenden Orks herbeirief? Wie auch immer: Beim Horn der Zwerge handelt es um ein magisches Geschenk Prinzession Eilonwys, und Taran ruft damit Hilfe herbei. Das Titelbild passt also zum Inhalt von Band 4.

|Taran 4+5, 1967+1968
510 Seiten
Aus dem US-Englischen von Roland Vocke (4) und Ulrike Killer|

Patrick McCormack – Die Hüter des Grals

Der letzte Schatz von König Artus

Nach dem Untergang des arthurischen Reiches von Britannien fallen irische Piraten und sächsische Eroberer über die Überreste her. Doch einer von Artus‘ Gefährten hat überlebt, und er hütet ein kostbares Kleinod. Um die Vorherrschaft in Britannien zu erlangen, ist der Pirat Eremon hinter diesem Schatz her, und er hat einen Zauberer mitgebracht. An der Küste Cornwalls kommt es zum Showdown.
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Schwind, Kai / Wiegand, Katrin / Buchholz, Sven – Ferienbande und die unerträglichen Schmuggler, Die

_Gelungene Parodie mit Lederlesben_

(Vorsicht, Parodie!) In ihrem dritten Abenteuer verschlägt es die Helden der Serie in die Berge, zu Bröckchens Onkel und Tante. Als ob interfamiliäre Konflikte noch nicht genug wären, bekommen es die Freunde auch noch mit einer Schmugglerbande zu tun, die das ganze Dorf terrorisiert. Wer steckt dahinter? Ist der Onkel in die Vorfälle verwickelt? Weiß der Besitzer des indischen Kebab-Ladens mehr? Und wer zum Teufel ist eigentlich dieser Mathieu? Da passiert das Unfassbare: Babsi wird entführt!

Vom Verlag ab 12 Jahren empfohlen.

_Die Autoren_

Kai Schwind und Sven Buchholz sind die Macher dieser Serie. Das Buch schrieb Kai Schwind zusammen mit Katrin Wiegand und führte zudem Regie. Sven Buchholz besorgte den Schnitt und steuerte die Technik bei der Aufnahme im Studio Hufsound.

Bisher erschienen:
1) Der Ferienbande und die entsetzlichen Ferien (2003)
2) Der Ferienbande und das voll gemeine Phantom (2005)
3) Der Ferienbande und die unerträglichen Schmuggler (2007)

_Die Inszenierung_

Die Sprecher und ihre Rollen:

Kai Schwind: Baul; Vishnu Punjab
Sven Buchholz: Bröckchen; Bernd
Chris Peters: Babsi
Matthias Keller: Erzähler
Sascha Draeger: Bernds Vater
Maud Ackermann: Tante Pfanni
Andreas von der Meden: Onkel Tarantino
Noah Sow: Hanne
Alexandra Maxeiner: Nanne
Michi Herl: Wirt
Katrin Wiegand: Wirtin
Konrad Halver: Horst Adler
Santiago Ziesmer: Mathieu
Johann König: Dritter
… und Bambi der Hund.

Die Musik trugen Viktor Weimer (auch Komposition), Judy Fox, The Funk Professor, Anna Küchler und The Unshushable Coktor bei.

Mehr Infos: http://www.ferienbande.de (oder www.ferienban.de) http://www.wortart.de (ohne Gewähr)

_Handlung_

Babsi, Bernd, Bröckchen und der sächselnde Baul sind unterwegs in der zwitschernden Natur und rufen nach ihrer Freundin Vivienne. Als sie an eine Hütte gelangen, schlagen sie kurzerhand die Tür ein. Seltsames Wimmern dringt aus dem Keller, wo sie denn auch folgerichtig die Gesuchte vorfinden. Aber warum schielt sie so zur Seite? Sie drehen sich um, da steht ein Mann – in Frauenkleidern! Er oder sie sagt, dass er/sie ein/e Kleiderdesigner(in) sei. Und er erkenne seinen Sohn Bernd, früher genannt Beate, ganz genau! Die anderen lassen Bernd, früher genannt Beate, doch tatsächlich allein mit seinem Vater …

Bernd erwacht schweißgebadet. Was für ein Albtraum! Der pure Horror!

Heute sind die vier Freunde von der Ferienbande (nicht zu vergessen ihren Hund Bambi) mit dem Zug unterwegs in die Berge. Da niemand sie am Bahnhof abholt, müssen sie selbst hinauf zur Hügelhütte stapfen, wo ihnen Bröckchens Tante Pfanni (die mit den Knödeln …) freundlich die Tür öffnet und sie begrüßt. Keine Spur von Onkel Tarantino. Der Schriftsteller schreibt wohl mal wieder an einem Meisterwerk zum Wohle der Menschheit.

In dem Zimmer, das ihnen Tante Pfanni anweist, ist alles aus so genannten „Stricklieselwürsten“ gestrickt, und zwar schreiend bunt, so dass sie fast Augenkrebs bekommen. Deshalb drängt es sie wieder hinaus in die freie Natur. Zuvor brüllt Onkel T. sie cholerisch an, ohrfeigt seine Frau Pfanni, und Bambi bellt dazu. Bloß weg hier! Von dem Hausmädchen Enid Blyton und dem portugiesischen Gärtner ist weit & breit nichts zu sehen.

Am Brunnen im Dorf schauen sie zwei Mädels aus dem Internat bei ihren Kampfsportübungen zu. Die Mädels im Lederdress stellen sich als Hanne und Nanne vor. Die Übungen machen sie angeblich, weil sie sich Internat dauernd verteidigen müssen. Sie finden Gefallen an der feschen Babsi und laden sie zu einer Lesbenparty ein, doch Babsi steht bekanntlich nur auf Mannsbilder und lehnt ab. Von Hanne & Nanne erfahren die vier Freunde erstmals, dass das Dorf unter der Kontrolle einer Schmugglerbande steht, die von einem gewissen Mathieu angeführt wird. Möglicherweise steckt der „Choleriker“ Tarantino sogar mit denen unter einer Decke!

Die immer hungrige Fressmaschine namens Bröckchen wittert Bratenduft. Wie mit einem untrüglichen Radar spürt er Vishnu Punjabs Kebapbude auf. Zusammen mit seinem ebenso hungrigen Hund Bambi zerlegt Bröckchen die Bude in ihre Bestandteile. Der Wirt Vishnu ist davon gar nicht angetan und verjagt sie zeternd. Als die Freunde abends Onkel Tarantino beschatten und er sie unwissentlich in das lokale Gasthaus lotst, stoßen sie erneut auf Vishnu. Babsi kann penetrant foltern, und so rückt Vishnu endlich mit seinem Geheimnis heraus: Weil er kein Schutzgeld zahlen wollte, wurde er einmal in das Hauptquartier der Schmuggler entführt. Diese stellten mit dem armen Inder unaussprechliche Dinge an.

Zurück in der Hügelhütte: Hier stehen die Dinge nicht zum Besten. Bambi wurde betäubt und Babsi ist weg! Die Suche von Gärtner und Hausmädchen nach dem entlaufenen Frauchen ist bislang ergebnislos verlaufen. Ob ihnen wohl Hanne & Nanne helfen können? Die geben ihnen bloß den Hinweis, dass Vishnu weiß, wo das Hauptquartier der Schmuggler ist. Sie bestechen den ängstlichen Kebapbrater skrupellos mit dem Versprechen einer heißen Liebesnacht. Mit der abwesenden Babsi.

Dann machen sie sich auf den Weg, die auf dem Berg liegende Schmugglerzentrale auszukundschaften. Ob sie dort wohl die vermisste Babsi aufspüren werden?

_Mein Eindruck_

Wie man sieht, handelt es sich um ein Stück Akustikdrama, das man so nicht alle Tage hört. Fernab von den Trampelpfaden der Political Correctness klopft die Parodie auf Jugendermittlerbanden wie „TKKG“, „Die drei ???“ sowie „Hanni & Nanni“-Romane auf jeden Busch, hinter dem sich ein hohles Klischee verbergen könnte. Und wenn das nicht funktioniert, werden die abgedroschenen Klischees einfach umgedreht. Aus Hanni & Nanni werden Hanne & Nanne, das Lederlesbenduo mit dem Emma-Peel-Appeal. Sie fordern Babsi zum gemeinsamen Menstruieren auf, als wäre es das Geilste auf der Welt. Der Onkel Tarantino, angeblich ein hochgeistiger Autor, entpuppt sich als schlägernder Autor von schnulzigen Liebesromanen.

So weit, so nett. Aber hier endet die satirische Kritik nicht. Nein, auch die Ferienbandenmitglieder selbst sind derartig krass als Karikaturen gezeichnet, dass man sie keineswegs für voll nehmen kann und sich über kurz oder lang fragen muss, wie sie es nur schaffen, irgendein Fitzelchen an Information herauszufinden, geschweige denn, einen Schurken – und das Böse ist bekanntlich immer und überall – zur Strecke zu bringen.

|Die „Helden“|

Babsi ist ein geiles Luder, was Bernd, der in sie verknallt ist, nun überhaupt nicht verkraften kann. Als sie mit dem Oberschurken in flagranti im Bett erwischt wird, schwinden ihm daher schier die fünf Sinne. Denn Mathieu, die maskuline Konkurrenz, ist halt doch ein rechter Kerl, wenn es ihm auch ein wenig an Geisteskraft mangelt. Das verrät schon das geistesgestörte Lachen, das ihn jedes Mal überkommt, wenn er seinen irren Plan erwähnt. Darüber darf jedoch nichts verraten werden, sonst wäre ja die Pointe perdu. Es hat bloß was mit Weltherrschaft zu tun (gähn).

Bröckchen ist so verfressen, dass er jede Kebapbude plündert und dabei zerlegt, und auch ansonsten sehr praktische Hängebrücken sind nicht vor ihm sicher. Baul ist das genaue Gegenteil, nämlich der Geek: ein wandelndes Lexikon, das aber meist nur unnützes Wissen von sich gibt. Bernd sollte eigentlich der Anführer sein, doch leider ist sein Nervenkostüm nicht vom besten Schneider gemacht, und liebend gern würde er das Hasenpanier ergreifen, würde sich nicht die anderen ständig auf ihn verlassen. Bleibt also noch Bambi, Bernds neurotischer Hund, der es liebt, sein Herrchen anzupissen.

Aber ein paar „Enthüllungen“ haben mich denn doch enttäuscht. Dass die Zentrale der Schmuggler an den Berghof des „Führers“ auf dem Obersalzberg erinnern soll, war ja gleich klar. Wenig überraschend war daher, dass sich der Hausmeister Horst Adler (vom Adlerhorst, klar?) als ausgewachsener Nazi entpuppt. Der nächste Schritt ist nur ein winziger. Die vereinigten Schmuggler-Truppen streben selbstverständlich nichts anderes als die Weltherrschaft an. Alles andere hätte mich auch gewundert. Auch die Tatsache, dass der künftige „Führer“ vergessen hat, seine Stromrechnung zu bezahlen.

|V-Effekt|

Ein sehr hübscher Verfremdungs- bzw. V-Effekt à la Brecht ergibt sich durch die direkte Einbeziehung des Erzählers in die Handlung. Der soll nämlich den Helden gerade mal aus der Patsche helfen. Als vernünftiger Mensch, der über solchen profanen Dingen steht, lehnt er dieses Ansinnen jedoch verlegen ab, denn schließlich werde er dafür nicht bezahlt und zweitens sei er ja gar nicht versichert.

Eine Anrede des Hörers gibt es zum Glück aber nicht. Dafür mischt sich ein Rechtsanwalt mit einer Einstweiligen Verfügung ein. Er will nämlich die Verwendung diverser Namen verbieten lassen. Ich glaube, er kommt vom Disney-Konzern, aber irgendwie muss er sich in der Adresse geirrt haben.

|Bonustrack|

Als Bonustrack ließe sich der Auszug aus Onkel Tarantinos alias Rosa Pichlhunds Schnulzenroman „Leidenschaftliche Stürme der Liebe“ (auf diesen Titel wäre ich nie gekommen) bezeichnen. Dies ist Schnulzenprosa in Reinkultur, allerdings mit einer netten, wenn auch reichlich abgedroschenen Pointe. Anscheinend gab es eine Art Quote, wie oft die Wörter „Schwangerschaft, Abtreibung, Menstruation, Eheberatung, Tage usw.“ im Text vorkommen müssen. Hiermit sei amtlich festgestellt, dass die Quote erfüllt wurde und sich die Autoren endlich wieder neuen Wortfeldern zuwenden können.

_Die Inszenierung_

Wenn man sich die Besetzungsliste anschaut, fällt auf, dass manche Sprecher zwei Rollen haben. Die Fähigkeit, beide Rollen auf eine Weise zu sprechen, dass die Identität des Sprechers in beiden Fällen nicht deutlich wird, spricht für die Qualität des jeweiligen Sprechers. Das betrifft Sven und Kai – bravo! Kai Schwind als Schnellsprecher Vishnu Punjab hab ich echt nicht wiedererkannt, und der Akzent ist astrein (dafür wurde ein Sprachcoach in Anspruch genommen, wie das Booklet verrät).

Sven Buchholz spricht sowohl den piepsenden Fettklops Bröckchen als auch Bernd, den Schwerenöter in Liebesnöten. Warum Bernd einmal Beate geheißen haben soll, lässt sich aus dieser Episode der „Ferienbande“ nicht ergründen. Es trägt höchstens dazu bei, ihm eine Neigung zum Transvestitentum anzuhängen – was sicherlich ganz im Sinne der Erfinder ist. Der sächselnde Baul hat mir ebenfalls gut gefallen. Ich finde diesen Akzent charmant.

|Geräusche|

Die Geräusche hat man wahrscheinlich schon tausendmal in den endlosen Reihen von TKKG- und Drei-Fragezeichen-Abenteuern gehört. Diesmal kommt immerhin ein pissender Hund und eine schallende Ohrfeige hinzu. Klingt zwar nicht nach einer großen Ausbeute, aber das muss es ja nicht sein. Schließlich ist Geräuschemacherei noch kein Leistungssport, sondern sollte sich den Dialogen unterordnen.

|Musik|

Dies gilt allerdings nicht für die Musik. Die funkigen Jazz-Kompositionen von Viktor Weimer gehen nicht nur ins Ohr, sondern auch in die Beine. Gibt es davon eine Platte? Jedenfalls trennt diese Musik die einzelnen Szenen sauber ab und zwar meist dann, wenn es gerade am spannendsten ist. Da gibt’s dann nur eines: dranbleiben!

Insgesamt wird aus dieser Kombination von Dialog, Musik und Geräuschen eine unverwechselbare Inszenierung. Zusammen mit den V-Effekten kann man durchaus von einer Parodie mit einer Eigencharakteristik sprechen, die sich stark von den erwähnten Endlosserien abhebt.

_Unterm Strich_

Diese Parodie auf bekannte Jugendhörpielserien wie „TKKG“ und „Die drei ???“ wartet mit einer kurzweiligen Handlung auf, die voller netter Einfälle und Überraschungen steckt. Sie dienen dazu, die abgedroschenen Klischees der Serien als solche zu entlarven. Dazu werden die üblichen Figuren häufig in ihr Gegenteil verkehrt – und was dergleichen Kniffe mehr sind. V-Effekte wie die Anrede des Erzählers gehören natürlich dazu. Das erinnert mich an die [Comedy-Ausgabe 3564 der John-Sinclair-Hörspielserie, die im Jahr 2005 erschien. Inzwischen ist ja die „???“-Serie eingestellt, denn auch dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt.

Ich fand diese Ausgabe der „Ferienbande“ sehr kurzweilig, an manchen Stellen aber auch selbst ein wenig abgedroschen. Müssen Schmuggler immer durchgeknallte Nazis sein und automatisch auch gleich die Weltherrschaft anstreben? Schließlich gibt es doch auch noch jede Menge anderer erstrebenswerter Dinge, wie etwa Klimaschutz. (Höre ich da ein Gähnen?)

|79 Minuten auf 1 CD|
http://www.ferienbande.de
http://www.wortart.de

Noll, Ingrid – Selige Witwen

Cora und Maja, dieses dynamische Duo sorgt auch diesmal wieder für Action. Sei es in der Toskana, wo Cora unbedingt eine Traumvilla ergattern will, oder in Frankfurt/M., wo sich Maja mit Zuhältern anlegt, um eine Freundin zu retten – es gibt immer etwas zu erledigen. Ach ja, und dann war da noch der Matisse …

Die Autorin

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:

– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Stich für Stich
– [Die Sekretärin 1167
– Der Hahn ist tot

Die Sprecherin

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“) und Demi Moore, hat bereits eine Vielzahl von Hörbüchern gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Mittlerweile spricht sie zum Beispiel auch die Kommentare bei „Galileo“-Dokumentationen auf ProSieben.

Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Das Hörbuch wurde aufgenommen von Markus Hoffmann (Regie) und Lambda-Audiovision, Berlin.

Handlung

Das ungleiche Freundinnenpaar Cora und Maja steckt wieder einmal in Schwierigkeiten und mogelt sich durch. Dabei ist Cora, wie die sanfte Maja zugeben muss, eindeutig das „Alpha-Weibchen“: Sie nimmt sich die Männer, wie sie ihr unterkommen. Und die Häuser dazu. Coras Masche besteht darin, Millionäre zu heiraten, die dann eines unverhofft frühen Todes sterben, woraufhin es eine glückliche Erbin mehr auf der Welt gibt.

Coras und Majas neuestes Abenteuer beginnt ganz idyllisch im schönen Chianti-Land zwischen Florenz und Siena. Cora vergnügt sich mit Dino, dem Sohn des Gärtners in einem wunderschönen, aber verwaisten Anwesen. Der Besitzer der Villa, ein Engländer, sei kürzlich mit 50 verstorben, ist es zu fassen? Cora will die Villa, und der Neffe von „Il barone“ wäre auch willig, doch eine reiche Amerikanerin schnappt ihr das Schnäppchen vor der Nase weg. Cora ist untröstlich. Fast.

Ortswechsel: Darmstadt. Maja pflegt die Oma Charlotte Schwab, während deren Enkel Felix, somit Majas Vetter, mit Cora in die Toskana düst. Maja bringt ihren geliebten Sohn Bela zu seinem Vater nach Freiburg im Breisgau, wo der Kleine nicht mehr lernen muss, wie man Fahrräder klaut, sondern mal frische Landluft schnuppern kann.

Maja lernt eine junge Frau namens Katrin Schneider kennen, die sich nach dem Grimmschen Märchen „Allerleirauh“ nennt und einen Schnurrbart trägt. Sie bitte Maja, ihren Italienischkurs an der VHS zu übernehmen, deshalb ziehen sie nach Frankfurt/M., um als Housesitter die Wohnung einer verreisten Ethnologin zu betreuen. Katrin lebt von ihrem Mann Erik, einem zwielichtigen Anwalt im Frankfurter Rotlichtmilieu, getrennt. Zusammen klauen sie ihm vier wertvolle Bilder, bei denen es sich um Diebesgut handelt, wie sich herausstellt. Maja soll sie verscherbeln, doch der Matisse steht leider auf der Fahndungsliste. Als Eriks Schläger die Bilder zurückhaben wollen und Katrin an der Schule abpassen, schickt Maja Katrin nach Innsbruck zu einem Bekannten. Dort fühlt sich Katrin pudelwohl, doch Maja hat den ganzen Ärger am Hals.

Denn Erik überfällt Maja und foltert sie brutalstmöglich, um zu erfahren, wo seine Gemälde sind. Nur der treue Andi und der zurückgekehrte Felix können Maja vor dem sicheren und sicher schmerzvollen Tod erretten! Katrin hatte sie benachrichtigt, was abgeht. Nun verdächtigen Andi und Felix Maja des Drogenhandels, da sie ja über die Bilder nichts sagen will.

Cora kehrt aus der Toskana zurück, mit nur einem im Sinn: MORD. Sie will die verdammte Amerikanerin meucheln lassen und engagiert dazu eine Fixerin namens Polly Wacker, die offenbar den englischen Vorbesitzer der begehrten Villa auf dem Gewissen hat. Cora und Maja erpressen Polly, ohne mit der Wimper zu zucken

Gerade noch rechtzeitig, denn nun beginnt für Cora & Co. ein Kleinkrieg mit dem Anwalt Erik Schneider und seinem Zuhälter Sven Hilter, der mit Nutten aus Thailand und Afrika handelt und schon einige auf dem Gewissen hat. Das kann ja heiter werden. Ob Cora und Maja wirklich noch zu ihrer Traumvilla in der Toskana kommen?

Mein Eindruck

Nach einem idyllischen und langsamen Start gerät die Geschichte allmählich doch in spannenderes Fahrwasser, als sich verschiedene Konflikte abzeichnen. Diese Konflikte bleiben keineswegs oberflächlich, sondern gehen ziemlich schnell ans Eingemachte: Maja wird gefoltert, Cora hat Mord im Sinn, Erik Schneider erhält eine gehörige Portion Methadon (Rauschgift) in sein Mineralwasser und Sven Hilter wird Opfer eines Bandenkrieges – nach einem kleinen Tipp! Auch Katrin kommt nicht ungeschoren davon, wird sie doch entführt, mit Drogen betäubt und versteckt.

Als wäre dieser Zirkus nicht genug, sind alle hinter den wertvollen Bildern her, die so etwas wie den MacGuffin im Krimi darstellen und für Spannung bis zur letzten Szene sorgen. Wozu wilde Amerikanerinnen nicht alles fähig sind, wenn sie wahre Kunst erkennen!

Die arme Maja, unsere Chronistin der laufenden Wechselfälle, hat es wahrlich nicht leicht. Weder mit Cora, dem Überweib, noch mit den Herren der Schöpfung, die mit ihr kuscheln wollen – und mehr. Außerdem soll sie bei ihrem Sohn Mutter spielen und bei ihrem Noch-Ehemann Jonas die brave Gattin. Es ist nicht leicht, eine freiheitsliebende, intelligente Frau zu sein, die mehr will als Kinder, Küche, Herd. Mutter Naturs Auftrag des Nestbaus ist nicht so einfach zu ignorieren. Und da ist immer auch ein wenig Torschlusspanik dabei, wenn die biologische Uhr tickt.

Ingrid Noll hat mal wieder eine echte Räuberpistole zusammengestellt, deren Zutaten zwar sehr schön für Unterhaltung und Kurzweil sorgen, die aber wohl kaum „aus dem wahren Leben“ stammen dürften. Jedenfalls nicht in so hoher Konzentration. Und schon gar nicht mit derart vielen Zufällen – unverschlossenen Autos, Zusammenstößen mitten in der Pampa und so weiter.

Wie auch immer: Für Unterhaltung mit spannenden und komödiantischen Einlagen ist trefflich gesorgt.

Die Sprecherin

Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Franziska Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Diesmal übertreibt sie es nicht mit dem Einsatz ihrer Stimme: Ein so aufregendes Garn wie „Selige Witwen“ muss ganz cool erzählt werden. Dennoch ist bei spannenden Szenen wie Flucht, Überfall und Folter ein wenig mehr als Coolness gefragt, und so gehören diese Szenen zu den spannendsten des Buches.

Ganz besonders hat mir ihre Interpretation des Hessischen gefallen – allerliebst. Auch der Österreicher auf dem Zug ist ihr gut gelungen.

Unterm Strich

Ingrid Noll pflegt einen ganz speziellen Humor. Mit Witz und kühler Ironie vermag sie selbst die unwahrscheinlichsten und makabersten Begebenheiten cool zu erzählen. Sie greift natürlich auf die vorhandenen Genreklischees wie den zwielichtigen Anwalt, den brutalen Zuhälter und die reiche alte Amerikanerin zurück, um ihre Geschichte damit aufzupeppen.

Das dynamische Duo der rabiaten Cora und ihrer liebebedürftigen, aber verschlagenen Freundin Maja sorgt für jede Menge Action in diesem Frauenkrimi. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Schade, dass der Anfang so langsam ist, aber irgendwo muss die Story ja auch etwas mit der Realität zu tun haben.

Franziska Pigullas Vortrag entspricht dem Stoff ausgezeichnet. Ganz besonders gefielen mir die Stellen, an denen sie Dialekt spricht. Sehr empfehlenswert.

402 Minuten auf 6 CDs
https://www.sprechendebuecher.de

Stephen King – L.T.s Theorie der Kuscheltiere (Lesung)

Seit fast einem Jahr erzählt L.T deWitt seine Leidensgeschichte, wenn er im Lokal einen hebt. Er ist ein schlichtes Gemüt, leidet aber dennoch an der Tatsache, dass ihn seine Frau Lulubelle vor fast einem Jahr verlassen hat. Und schuld daran war offenbar ihre Unverträglich mit einem Kuscheltierchen, das L.T. ihr geschenkt hatte: Sie nannte das Kätzchen schon bald nur noch „Spinnerlucy“, weil es Lulu offenbar nicht ausstehen konnte. Doch L.T. hatte ein Jahr zuvor von Lulu ebenfalls ein Haustier geschenkt bekommen: ein Terrier namens Frank (nicht wie der in MIB2), der leider in L.T.s Schuhe kotzte und pisste.

Stephen King – L.T.s Theorie der Kuscheltiere (Lesung) weiterlesen