Schon mal vor dem eigenen Grab gestanden? Schon mal wiederauferstanden? Hieß Ihr Vater vielleicht Rumpelstilzchen? Fahren Sie nach Wien und/oder lesen Sie diesen Roman – ein außergewöhnliches Erlebnis ist Ihnen in jedem Fall gewiss.
Der Autor
Jonathan Carroll, geboren 1949 ( oder ’45, je nach Quelle), unterrichtet in Wien an der American International School, u.a. Engl. Literatur und Creative Writing. Er war Buchrezensent und veröffentlichte 1980 seinen Erstlingsroman „Land des Lachens“, das binnen kurzem zu einem Untergrund-Kultbuch wurde.
Seither hat er sich durch zahlreiche phantastische Romane mit hintergründiger und herausfordernder Symbolik, die fast alle in der Gegenwart spielen, einen Namen gemacht. Einmal wurde er bei einer Lesung von „Laute Träume“ (Bones of the Moon, 1987) von einem wütenden Leser attackiert.
Weitere Romane sind „Wenn Engel Zähne zeigen“ (1994) und „Pauline umschwärmt“. Seine Stories sind in „Die panische Hand“ (bei Suhrkamp) gesammelt. Erst in den letzten Jahren hat sich Carroll mit „Pauline umschwärmt “ und „Marriage of Sticks“ dem unheimlichen Krimi zugewandt.
Das Rondua-Sextett (veröffentlicht bei Suhrkamp):
1987 Bones of the Moon (1987, dt. 1988 unter dem Titel »Laute Träume« bei Suhrkamp)
1988 Sleeping in Flames (dt. 1990 unter dem Titel Schlaf in den Flammen (1988) bei Suhrkamp)
1989 A Child Across the Sky (dt. 1992 unter dem Titel: »Ein Kind am Himmel (1989)« bei Suhrkamp)
1994 From the Teeth of Angels (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn Engel Zähne zeigen« bei Europa)
1991 Outside the Dog Museum (gewann den British Fantasy Award, dt. 1993 unter dem Titel »Vor dem Hundemuseum« bei Insel)
1992 After Silence (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn die Ruhe endet« bei Suhrkamp)
Die Crane’s-View-Bücher
1998 Kissing the Beehive (dt. 1999 unter dem Titel »Pauline, umschwärmt« bei Europa)
1999 The Marriage of Sticks (dt. 2002 unter dem Titel »<a href="http://Fieberglas/A marriage of sticks“ target=“_blank“>Fieberglas« bei Eichborn)
2001 The Wooden Sea (dt. 2003 unter dem Titel »Das hölzerne Meer« bei Eichborn)
Weitere Werke
Das Land des LachensSchwarzer Cocktail (1990, bei Heyne)
Glass Soup
1982 Voice of Our Shadow (dt. 1989 unter dem Titel »Die Stimme unseres Schattens« bei Suhrkamp)
2002 White Apples (noch nicht übersetzt)
2006 Oko dnia (polnisch; engl.: Eye of the Day)
2008 The Ghost in Love (polnisch 2007)
Bathing the Lion (2014)
Mr. Breakfast (2019, Polish Language edition) (2020, Italian Language edition) (TBP Jan 17 2023, English Language edition)
Novellen
1990 Black Cocktail (dt. 1993 unter dem Titel »Schwarzer Cocktail« bei Heyne)
The Discovery of Running Bare (1992) [Included in Paul J. McAuley and Kim Newman’s SF and Horror fiction anthology, In Dreams (Victor Gollancz Ltd, London). ]
The Heidelberg Cylinder (2000) [1000 copy limited edition, signed by Jonathan Carroll and cover artist Dave McKean. A few remaining copies left over from the print run were sold without signatures.]
Teaching the Dog to Read (2015)
Story-Sammlungen
Die panische Hand (Erzählungen)
The Panic Hand (1995) [expansion of the 1989 German language edition; the 1996 US edition adds the novella Black Cocktail]
The Woman Who Married A Cloud: Collected Stories (2012)
Handlung
Der Roman beginnt wie ein Traum, der zu schön ist, um wahr zu sein. Den amerikanischen Schauspieler und Drehbuchautoren Walker – Carroll kennt sich im Filmgeschäft aus – verbindet eine enge Freundschaft mit dem extravaganten, aber durchaus genial zu nennenden Regisseur Nicholas. Auf einer gemeinsamen Reise lernt Walker eine Freundin von Nicholas kennen, die in seinen Augen wunderschöne Maris.
Maris kann er Wien zeigen, eine uralte Stadt, die bei Carroll, der hier an der American International School lehrt, so viel Magie und Rätsel enthält wie etwa „Alice im Wunderland“. Mit Maris kann Walker frei von der Leber weg reden und seine ganz persönlichen Beobachtungen besprechen, die er im Lauf des Tages so sammelt. Mit ihr kann er aber auch über Probleme sprechen, und das trifft sich gut, denn in nächster Zeit beutelt ihn das Schicksal doch ein wenig: Nicht nur sein Leben, auch ihres scheint bedroht zu sein.
Schließlich ist es zunächst einmal kein so wahnsinnig angenehmes Erlebnis, sein eigenes Grab zu entdecken, samt lebensechtem Konterfei auf dem Grabstein. Merkwürdig nur, dass der Mann, der nur einen Meter unter Walker liegt, bereits seit 30 Jahren tot ist.
Ein irrsinnige Achterbahnfahrt beginnt, in deren Verlauf Walker erkennen muss, dass er schon viele Male gelebt hat und immer wieder von seinem eigenen Vater umgebracht worden ist – bis jetzt. Und der Vater heißt – ach, wie gut, dass niemand weiß! – Rumpelstilzchen. Carroll hat den Leser schnurstracks ins Grimm’sche Wonderland entführt. Walker fragt sich, warum ausgerechnet er jenes Kind war, das sein „Vater“ der Königin stahl. Er verfällt auf die Lösung, die er in Hollywood gelernt hat: Er versucht, das Grimm’sche Drehbuch zu ändern! Doch die Brüder Grimm haben noch andere Pfeile im Köcher …
Mein Eindruck
Es ist eine wahre Lust, sich in das Labyrinth zu stürzen, das der Vollbluterzähler Carroll in diesem Roman bereithält. Es gibt reichlich Verwicklungen, und unter anderem tauchen wieder Figuren aus dem Roman „Laute Träume“ (Bones of the Moon) auf. Diese Verwicklungen sorgen nicht nur für eine hakenschlagende Handlung, sondern auch für eine Empfindungsskala, die von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt reicht.
Wer nicht auf Mord und Totschlag schielt, sondern auch mal wieder ein niveauvoll erzähltes Werk genießen möchte, der wird mit „Schlaf in den Flammen“ bestens bedient. In den letzten Jahren hat sich Carroll mehr der Krimiseite der Literatur zugewandt. Ich kann aus dieser Zeit zum Beispiel sein Buch [„Pauline, umschwärmt“ 1306 sehr empfehlen.
Nachbemerkung: Ein Freund erzählte Carroll einmal, er habe in Russland an einem Grab gestanden, auf dessen Grabstein ein Foto eingelassen war, das Carroll zum Verwechseln ähnlich sah … Das könnte also auch Ihnen passieren.
|Originaltitel: Sleeping in flame, 1988
Aus dem Englischen übertragen von Peter Bartelheimer|
