_Gerade noch liegt Wolfgang Amadeus Mozart_ im Jahre 1791 auf seinem Sterbebett, um im nächsten Moment im Jahre 2006 in einer Studenten-WG wieder zu erwachen.
Völlig verwirrt nicht im Himmel gelandet zu sein, muss Mozart in einem für ihn völlig fremden Wien zurechtkommen. Schnell wird für ihn klar, dass er noch eine Aufgabe zu erfüllen hat: Sein unvollendetes Requiem vollenden.
So beginnt für Mozart, der sich nun Herr Mustermann nennt, denn wer würde ihm schon glauben, sein größtes Abenteuer. Für uns normale Dinge wie fließend Wasser, Elektrizität, CDs, die komplette Orchester erklingen lassen und Autos sind ihm natürlich völlig fremd und wirken auf ihn sehr grotesk und verwunderlich. Diese ihm völlig unbekannten technischen Errungenschaften stellen Mozart so manches Mal vor scheinbar unlösbare Rätsel und sorgen auch gerne für viele Missverständnisse mit seinen Mitmenschen.
Schnell lernt Mozart zu seinem Glück den Straßenmusiker Piotr kennen, der dem seltsamen Kauz Obdach und Arbeit gewährt. Von Piotr lernt Mozart sich einigermaßen in der Zeit des 21. Jahrhunderts zurechtzufinden.
Nur, was wird passieren, wenn Mozart seine Aufgabe erfüllt hat und sein unvollendetes Requiem zur Vollendung gebracht hat?
_Kritik_
Mit „Herr Mozart wacht auf“ hat Eva Baronsky einen zauberhaften, lebendigen und auch tragikomischen Roman über eine verwirrende Zeitreise des begnadeten Wolfgang Amadeus Mozart geschrieben. Die Verwirrung, die Mozart aufgrund des ihm nun so fremden Wiens empfindet, hat die Autorin meisterhaft und sehr glaubwürdig umgesetzt.
Zeitreise-Romane gibt es ja viele, dabei wird die Reise in die Vergangenheit oft bevorzugt. Die Autorin Eva Baronsky hat dieses einmal umgekehrt und damit einen ganz besonderen Roman geschaffen. Die elegante und glaubwürdige Handlung, die sprachlichen Nuancen und die, für einen Menschen aus Mozarts Zeit, Eigentümlichkeiten unserer Zeit, schaffen es, den Menschen Mozart und sein Genie in einem bezaubernden Roman aufleben zu lassen.
In einem für die heutige Zeit passenden Sprachstil hat die Autorin die für uns sonderbare, blumige Art sich auszudrücken aus dem späten 18. Jahrhundert brillant übertragen. Mozarts Art zu sprechen und seine Gedankengänge sind typisch und seiner Zeit entsprechend in den Roman integriert und verstärken dadurch die Authentizität. Dem flüssigen Erzählstil kann der Leser leicht folgen und so fällt es leicht, Mozart auf seine Reise im 21. Jahrhundert zu folgen. Auch schafft es Eva Baronsky, die Stimmung und die Gefühle, die dieses Genie empfinden muss, überzeugend dem Leser nahe zu bringen. Schnell leidet, wundert, freut und liebt man mit diesem scheinbar so absonderlichen Menschen mit.
Die Kapitel- beziehungsweise Requiem-Unterteilung ist komplett in Latein gestaltet, hier fehlt eindeutig eine Übersetzung ins Deutsche, da Latein doch eine Sprache ist, die nicht allgegenwärtig ist. Diese hätte als Fußnote oder im Anhang gewiss großen Anklang bei den Lesern gefunden.
Eva Baronsky erzählt Mozarts Zeitreise aus der Perspektive eines Beobachters, der sich ganz auf diesen Mann konzentriert. Schnell findet der Leser so Zugang zu dieser einnehmenden und äußerst liebenswerten Figur.
Mozart wird so beschrieben, wie sein Leben überliefert wurde. Er lebt nur für seine Musik und für die Liebe, vergisst dabei die Zeit und wichtige Termine. Auch kann er wie zu Lebzeiten überhaupt nicht mit Geld umgehen, was sein Leben sicher nicht einfach macht. Durch seine blumige Sprache, die Dialoge, die er führt und besonders auch die wundervollen Briefe, die Mozart in diesem Roman an seine Anju schreibt, wirkt er sehr authentisch.
Piotr verzweifelt so manches Mal an seinem neuen Freund und Kollegen Herrn Mustermann, die ganze Welt muss er ihm erst wieder erklären und verlassen kann er sich auf Mozart auch nicht immer. Trotzdem steht er Mozart immer zur Seite, wenn dieser mal wieder seine Hilfe braucht. Piotr ist hier die gute Seele, auf die unser Genie sich vollkommen verlassen kann.
Auch im 21. Jahrhundert begegnet Mozart der Liebe, hier ist es die junge Forscherin Anju. Nach einem großen Missgeschick Mozarts kann Anju ihm doch verzeihen und die beiden verlieben sich heftig ineinander. Dieses Glück bleibt aber nicht ungetrübt, denn was soll eine junge Frau denn schon glauben, wenn ihr ihr Freund offenbart, dass er der vor über 200 Jahren verstorbene Mozart ist? Die Gefühle und der Zwiespalt, in dem sich Anju befindet, sind sehr glaubwürdig konzipiert, leider bleibt Anju sonst sehr blass.
Die Nebenfiguren fallen in diesem Roman kaum auf, blass und unscheinbar konzipiert bleiben diese nicht allzu lange im Gedächtnis.
_Fazit_
Mit „Herr Mozart wacht auf“ hat die Autorin Eva Baronsky das Genie Mozart auf eine Zeitreise geschickt, die diese Figur nicht nur verwirrt. Die Autorin hat es geschafft, Mozart noch einmal lebendig werden zu lassen und stellt ihn vor sein größtes Abenteuer, das Leben in unserer Zeit.
Diese wunderbare Geschichte kann allen empfohlen werden, die sich von Mozart begeistern lassen und eine tragikomische Geschichte zu lieben wissen. Ich habe dieses liebenswert geschriebene Buch verschlungen.
_Autorin_
Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren ersten Roman „Herr Mozart wacht auf“ (2010) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Im Frühjahr 2011 erschien ihr zweiter Roman „Magnolienschlaf“.
_Nina Seefeld, vom Typ her_ „das nette Mädel von nebenan“, arbeitet in einer kleinen PR-Agentur. Ninas Chefin Susanne konnte als neuen Auftraggeber den Weidner-Verlag an Land ziehen. Nina, die immer davon geträumt hat, Autoren zu vertreten, ist von dem neuen Auftraggeber allerdings nur mäßig begeistert. Nicht nur, dass sie dadurch einen neuen Volontär an der Backe hat, der ihrer Meinung nach völlig missratene Sohn des Inhabers des Verlages, Tom. Auch der Autor, den sie vermarkten soll, den Pick up Artist und Obermacho Dwaine F. Bosworth, der mit seinem Ratgeber „Ich kann sie alle haben“ auf den deutschen Bestseller-Listen landen will, ist ihr zuwider.
Trotzdem findet Nina sich schnell mit ihrem Volontär Tom und dem Schriftsteller Dwaine auf einer Lesereise quer durch Norddeutschland wieder. Das Schlimmste, Dwaine meint tatsächlich mit seinen Tricks bei Nina landen zu können und nach ein paar Auftritten ihres Autors, bekommt das Wort „fremdschämen“ ganz neue Dimensionen für Nina. Als dann auch noch Tom anfängt, Nina zu umwerben, hegt die toughe Singlefrau schnell Mordgedanken …
_Kritik_
„Sahnehäubchen“ von Anne Hertz ist wieder ein typischer „Hertz“-Roman, der mit einer lustigen Geschichte voller unerwarteter Wendungen überzeugen kann.
Mit dem gewohnt lockeren und frechen Schreibstil und jeder Menge Wortwitz beischreiben die Autorinnen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz das seit Neuestem sehr turbulente Leben ihrer Protagonisten Nina. Dank dem leicht zu lesenden, unterhaltsamen Stil der Autorinnen, findet sich der Leser schnell in die Geschichte hinein und die mit einem Augenzwinkern beschriebenen Situationen, in denen sich Nina immer wieder befindet, bringen die Leserin oft zum Lachen. Den originellen Plot und die oftmals amüsanten und ironischen Dialoge Ninas mit ihren „Männern“ haben die Autorinnen erstklassig umgesetzt.
Auch aktuelle Themen um die Vermarktung, zum Beispiel auch über Social Media wie Facebook werden aufgezeigt.
Die Spannung die Anne Hertz durch unerwartete Wendungen aufbauen zieht sich angenehm durch die komplette Geschichte. Auch wenn der Leser anfangs überzeugt sein dürfte dieser Roman sei sehr voraussehbar, überraschen die Autorinnen immer wieder durch unerwartete Irrungen und Wirrungen. Dies erhöht den Lesespaß ungemein.
Erzählt wird aus Ninas Perspektive. Sie erzählt ihre Geschichte dabei mit einer guten Portion Ironie. Mit viel Heiterkeit erleben die Leser mit, wie Nina zum Beispiel durch Fettnäpfchen watet oder auch eine Herausforderung meistert. Schnell wächst diese Figur dabei ans Herz.
Die Protagonisten sind lebensnah und mit einem Augenzwinkern konzipiert. Da wäre zum einen Nina, die Singlefrau, die sich gegen verschiedene Verkupplungsversuche ihrer Mutter zur Wehr setzen muss und immer das Gefühl hat, im Schatten ihres erfolgreichen Vaters und ihrer Schwester, die mit einem Chefarzt verheiratet ist, zu stehen. Nina wirkt sehr sympathisch, schlagfertig und ist durchaus mal selbstironisch.
Um den texanischen Autor Dwaine und seinen Ratgeber zur erfolgreichen Frauenjagd erfolgreich an dem Mann zu bringen, steht Nina ihr neuer Volontär Tom zur Seite. Dieser kann mit seinen 30 Jahren zu Ninas Leidwesen nicht auf Berufserfahrung zurückblicken, sondern hat sich bisher mit verschiedenen Studien die Zeit um die Ohren geschlagen. Tom macht einen sehr jungenhaften Eindruck und an Ernsthaftigkeit scheint es dem Sonnyboy zu fehlen. Aber auch dieser Charakter weiß zu überraschen.
Letztlich ist da noch Dwaine, dieser bringt Nina in schöner Regelmäßigkeit auf die Palme. Schon seine Art sich zu kleiden, in weiße Anzüge, rosa Hemden und dazu noch das gute Glitzergel in den Haaren, schafft es Nina in Verzweiflung zu stürzen. Dazu noch der Anmach-Ratgeber „Ich kann sie alle haben“, den sie auch noch erfolgreich vermarkten soll und geheime Mordpläne sind Programm.
Auch die Nebenfiguren, wie die Familie von Nina, fügen sich perfekt in die Geschichte ein und bereichern diese.
Das Cover fällt durch die fröhlichen Farben schnell ins Auge und passt sich den anderen „Hertz“-Romanen in der Gestaltung an.
_Fazit_
Mit „Sahnehäubchen“ ist dem Autorenduo Anne Hertz wieder einmal ein Roman mit Wohlfühlfaktor gelungen. In gewohnter Manie erzählen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz eine humorvolle Geschichte, in der auch die Romantik nicht zu kurz kommt.
„Sahnehäubchen“ ist der perfekte Roman für einen entspannten Tag im Strandkorb, einen verregneten Tag auf dem Sofa oder einen gemütlichen Abend in der Badewanne. Spritzige und amüsante Unterhaltung mit einem Schuss Romantik sind garantiert.
_Autorinnen_
Anne Hertz ist das Pseudonym der Hamburger Autorinnen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz, die nicht nur gemeinsam schreiben, sondern als Schwestern auch einen Großteil ihres Lebens miteinander verbringen. Bevor Anne Hertz 2006 in Hamburg zur Welt kam, wurde sie 1969 und 1972 in Düsseldorf geboren. 50 Prozent von ihr studierten Jura, während die andere Hälfte sich der Anglistik widmete. Anschließend arbeiteten 100 Prozent als Journalistin. Anne Hertz hat im Schnitt zwei Kinder und mindestens 0,5 Männer.
Patrick Dennis war einer der meistgelesensten Autoren in den 50ern und 60ern des 20. Jahrhunderts. Einer seiner bekanntesten Romane ist „Darling, ich bin deine Tante Mame!“, der auf die Theater- und Musicalbühne übertragen und außerdem verfilmt wurde. Das Besondere an der Geschichte ist nicht nur die exzentrische Tante Mame, sondern auch die Machart des Buches. Es liest sich wie eine Autobiografie des Autors, es handelt sich dabei aber um pure Fiktion. Der Manhattan-Verlag legt die Geschichte nun neu auf.
Der zehnjährige Patrick zieht nach dem Tod seines Vaters zu seiner umtriebigen Tante Mame, die eine der Stars der New Yorker Bohème ist. Sie liebt das Feiern und das Geldausgeben und hat ein paar sehr spezielle Ansichten zum Thema Kindererziehung. Seine ersten schulischen Erfahrungen macht Patrick beispielsweise auf einer FKK-Schule und sein Vokabular entspricht auch nicht dem eines Zehnjährigen, da seine Tante Mame sehr viel Wert darauf legt, dass er jedes Fremdwort, das sie benutzt, aufschreibt und lernt.
Das Leben mit Tante Mame ist zwar manchmal nervenaufreibend, aber langweilig wird einem nie. Sie hat den Drang, sich ständig selbst zu erfinden, schlüpft in neue Rollen und probiert diverse Jobs aus. Selbst als Patrick älter wird, kann er sich dem Einfluss seiner Tante nicht entziehen. Sie hat nämlich die dumme Angewohnheit, sich mit freundlichen Absichten in sein Leben einzumischen, um es dann in ein totales Chaos zu stürzen …
_“Darling, ich bin deine Tante Mame!“_ ist hochamüsante Lektüre mit einer unglaublich charmanten Hauptperson. Tante Mame ist genau so, wie man sich eine alleinstehende, etwas verrückte New Yorkerin in den 30ern und 40ern des 20. Jahrhunderts vorstellt- chaotisch, unkonventionell und trotz allem liebenswert. Sie umgibt sich gerne mit Künstlern und Prominenz, und auch wenn sie ihren Ziehsohn darüber manchmal vergisst, macht sie es danach wieder wett. Doch während Patrick in seiner Kindheit und Jugend zu Mame aufsieht, erweist sie sich mit dem Älterwerden als eher lästig. Sie nimmt ihren Neffen immer noch für sich ein und möchte sein Leben kontrollieren, seine Freunde und vor allem seine Freundinnen. Als Leser versteht man zwar, dass sie dies nur aus Liebe macht, doch gleichzeitig wirkt sie auch etwas seltsam dabei. Patrick Dennis porträtiert seine Protagonistin also durchaus kritisch, ohne sie dabei zu verurteilen.
Die Handlung selbst setzt sich aus elf Kapiteln zusammen, die nur lose miteinander zusammenhängen und jeweils eigene kleine Episoden aus dem Leben mit Tante Mame darstellen. Sie sind wie einzelne Puzzleteile, die nach und nach ein Gesamtbild von Patricks Tante ergeben. Dennis redet dabei nie um den heißen Brei, sondern kommt flott zum Höhepunkt des Abschnitts. Er greift dabei amüsante Ereignisse heraus, die er aber nie zuspitzt, sondern im Gegenteil sehr neutral, aber dennoch mit Humor erzählt. So ist es am Leser, selbst darüber zu entscheiden, was er von Mames Querelen hält.
_Dank des beschwingten Schreibstils_ und der tollen Hauptfigur ist „Darling, ich bin deine Tante Mame!“ ein kurzweiliges Lesevergnügen, das noch dazu Einblick in eine andere historische Zeit bietet!
|Hardcover, 416 Seiten
Originaltitel: Auntie Mame – An Irreverant Escapade
Deutsch von Thomas Stegers
ISBN-13: 978-3-442-54684-8|
[www.manhattan-verlag.de]http://www.manhattan-verlag.de
Man stelle sich vor: Eine Buchhandlung, in der es nur gute Romane gibt. Kein Schund, keine Massenware, keine gehypten Bestseller. Betritt man diese Buchhandlung, kann man ein beliebiges Buch kaufen und wird bei der Lektüre begeistert sein. Ist das nicht der Traum eines jeden Büchernarren? Laurence Cossé, französische Schriftstellerin, hat diesen Traum in ihrem Roman „Der Zauber der ersten Seiten“ geträumt und auf 500 Seiten ausformuliert. Leider nur mit durchwachsenem Erfolg.
Dabei geht es spannend – wenn auch verwirrend – los. Cossé wirft den Leser mitten in die Handlung und präsentiert ihm drei Personen, die Opfer von Anschlägen oder sogar Mordversuchen werden. Es stellt sich heraus, dass alle drei Schriftsteller sind und dem geheimen Komitee des Guten Romans angehören, eines Buchladens, der – wie der Name schon sagt – nur gute Romane führt. Die Liste der vorrätigen Bücher wurde von eben diesem Komitee erstellt, und zwar im Geheimen, um Beeinflussung zu verhindern. Doch scheinbar passt die Idee des Guten Romans nicht jedem und so sind weitere tätliche Angriffe zu befürchten. Also treten Ivan und Francesca, die Besitzer des Guten Romans, die Flucht nach vorn an und schalten einen Ermittler ein, der herausfinden soll, wer hinter den Anschlägen steckt.
Doch natürlich muss der Ermittler zunächst in die Geschichte und Wirkweise der Buchhandlung eingeführt werden. Und so erfährt auch der Leser in einer Rückschau wie Ivan und die reiche Mäzenin Fancesca einander kennengelernten. Wie sie sofort feststellen, dass sie die Leidenschaft fürs Lesen teilen und wie Francesca Ivan beichtet, dass sie davon träumt, einen Buchladen zu eröffnen, der nur Gutes führt. Francesca besitzt das nötige Kleingeld für das Unterfangen und Ivan ist langjähriger Buchhändler – perfekte Voraussetzungen also für die Durchführung des Projekts. Und so schildert Cossé ausführlich die Planung, die Zusammensetzung des Komitees, die Eröffnung und den überraschenden Erfolg. Doch dann kippt die Stimmung. Es hagelt Kritik, die Presse schießt sich auf den elitären Grundgedanken der Buchhandlung ein, heimliche Leserbriefe sprühen Gift und Galle. Schlussendlich wird sogar in Francescas und Ivans Vergangenheit gegraben, um sie zu diskreditieren. Die Anschläge auf die drei Mitglieder des Komitees sind der bisherige Gipfel der Tätlichkeiten.
„Der Zauber der ersten Seite“ präsentiert sich zunächst als literarischer Kriminalfall. Wer hat die Anschläge verübt? Wie? Wer hat ein Motiv? Die üblichen Fragen eben, die sich in solchen Fällen stellen. Und da die Anschläge auch auf durchaus originelle Weise verübt worden sind (um sie notfalls wie Unfälle aussehen zu lassen), fragt man sich schon, wer so viel Energie darauf verwenden wollte, eine Buchhandlung in den Ruin zu treiben. Ivan vermutet eine organisiert agierende Gruppe. Geld scheint auch im Spiel zu sein, denn als ultimativen Coup eröffnen die Gegner des Guten Romans drei weitere Buchhandlungen in derselben Straße, offensichtlich nur, um Ivan und Francesca eins auszuwischen.
Die Krimihandlung interessiert Cossé jedoch nur marginal, allerdings braucht der Leser eine Weile, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Schließlich ist es legitim, einen Roman mit einem Knall zu beginnen, um dann in einem Flashback die Vorgeschichte zu liefern, damit man schließlich zur Lösung des Kriminalfalls kommt. Doch was man als Leser zunächst für die Vorgeschichte hält, ist die Haupthandlung – der Kriminalfall stellt sich schließlich als bloße Rahmenhandlung heraus, die Cossé einen überzeugenden Einstieg in ihren Roman bietet, an dem sie jedoch schnell jedes Interesse zu verlieren scheint. Denn „Der Zauber der ersten Seite“ geht zu Ende, bevor man erfahren kann, wer nun hinter den Anschlägen steckt oder wer die Konkurrenzbuchhandlungen eröffnet hat. Sicher, ein Verdächtiger wird präsentiert, aber das war es auch schon. Ist er tatsächlich verantwortlich? Und vor allem, warum werden keine Gegenmaßnahmen ergriffen? Cossé lässt ihr Buch enden, ohne diesen Erzählstrang zu einem befriedigenden Ende zu führen. Stattdessen verläuft er im Sande, so als wäre Cossé einfach irgendwann die Puste ausgegangen.
Das gilt zumindest für die Haupthandlung. Denn die Liebesgeschichte (ja, die gibt es natürlich auch) wird nach vielem Hin und Her tatsächlich zu einem guten Ende geführt. Ivan ist nämlich für die spröde Studentin Anis entflammt, die auch an ihm interessiert scheint, ihn jedoch trotzdem immer auf Abstand hält. Letztendlich kann er aber doch ihr Herz gewinnen, allerdings lässt das den Leser ziemlich kalt. Die Liebesgeschichte ist banal und langweilig, gerade auch, weil Anis so eine verkrachte Existenz ist, von der man eigentlich nicht mehr wissen möchte als unbedingt nötig. Viel interessanter ist da schon die immer nur angedeutete und nie wirklich ausgesprochene Schwärmerei Francescas für Ivan. Diese beiden begegnen sich auf Augenhöhe und haben sich tatsächlich etwas zu sagen. Francesca und Ivan sind zwei von der Autorin voll entwickelte Charaktere, wohingegen Anis immer schemenhaft bleibt, nicht mehr als eine Chimäre, die beweisen soll, dass der lebensfremde Büchernarr Ivan doch so etwas wie eine männliche Libido hat.
Buchliebhaber werden dennoch viel Lesenswertes finden, gerade in den Abschnitten, die sich mit der Planung der Buchhandlung befassen, auch wenn diese im Ganzen zu weit ausgedehnt sind und sich zu lange hinziehen. Es macht Spaß, Francesca und Ivan bei ihren Schwärmereien zuzuhören, zu erfahren, was sie über bestimmte Bücher oder Autoren denken und wie sie sich ihre Buchhandlung erträumen. Hier hat Laurence Cossé ein Playdoyer für das Lesen verfasst, eine Liebeserklärung an das gedruckte Wort aus den Mündern zweier fiktiver Charaktere. Diesen Buchgesprächen zu lauschen ist fast so interessant, wie selbst die Gelegenheit zu bekommen, mit anderen Liebhabern über Romane zu sprechen. Und als Zugabe fallen natürlich immer Titel und Namen, die sich Büchernarren sicherlich sofort notieren wollen. Das ist jedoch nicht nötig, denn die Autorin hat eine Bibliographie angehängt, die zwar (naturgemäß) sehr viel Französisches aufweist, aber immerhin auch einige internationale Namen bieten kann.
Letztendlich gelingt Laurence Cossé leider kein völlig überzeugender Roman. Eigentlich ist “Der Zauber der ersten Seite“ ein als Roman getarnter Essay, der die Philosophie der perfekten Buchhandlung erläutert und darum eine manchmal recht dünne Handlung entspinnt. Die Grundidee ist faszinierend. Wer möchte nicht in einem Buchladen einkaufen, in dem jeder Schuss ein Treffer ist? Doch so attraktiv dieser Romankern auch ist, er trägt nicht über 500 Seiten und Laurence Cossé liefert schlicht nicht genügend Füllstoff (nennen wir es Handlung), um den Leser bei Laune zu halten.
|Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Originaltitel: Au bon roman (2009)
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
ISBN-13: 978-3809025900|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes
„Rette mich!“ Nur diese beiden Worte und Adresse samt Datum ein kurzer Brief, leicht pathetisch, und doch bringt er vier Frauen dazu, alles stehen- und liegen zu lassen, um so schnell wie möglich zu der kleinen norwegischen Insel zu reisen, auf der der Verfasser jetzt lebt. Matthis hat in allen vier Leben vor unterschiedlich langer Zeit eine bestimmte Rolle gespielt, eine wichtige Rolle.
Die toughe Karrierefrau Susanna fragt sich zwar den ganzen Weg über, warum sie sich das antut, aber sie kehrt nicht um. Die leicht verwahrloste, leidenschaftliche Kate bricht gern zur Rettungsaktion auf, weil sie hofft, auch sich selbst zu retten. Judith, graue Maus und wohlerzogene Familienmutti, schwebt zwar in tausend Ängsten und Zweifeln, hält aber eisern an ihrem Vorhaben fest. Und die rätselhafte Agnes scheint von ihnen allen den ausgefeiltesten Plan zu haben.
Felicitas führt ein scheinbar perfektes Leben: Sie sieht gut aus, die Jahre sind nahezu spurlos an ihr vorüber gegangen, ihre Figur ist noch perfekt, sie stammt aus reichem Hause und hat einen noch reicheren Mann geheiratet, mit dem sie scheinbar eine tolle Ehe führt. Doch dann ruft sie eines Tages bei ihrer Freundin Claudia an, die gelangweilt durchs Fernsehprogramm zappt und mit ihrer Entscheidung hadert, ihren Mann Harald verlassen zu haben. Felicitas lädt ihre Freundin zu einem Wellnesswochenende in ein Nobelhotel ein, da sie unbedingt Abstand braucht und das Wochenende nicht alleine zu Hause verbringen mag. Ihre scheinbar so perfekte Ehe war eine Farce, da ihr Mann bereits seit Längerem ein Verhältnis mit einer viel jüngeren Frau pflegt!
Claudia kann es nicht glauben, dass ein Mann es wagen kann, ihre gutaussehende und sympathische Freundin zu betrügen. Auch sie freut sich, einmal aus ihrem langweiligen Alltagstrott heraus zu kommen, denn ihre Ehe mit Harald ist zwar harmonisch, war aber doch recht vorhersehbar und alltäglich geworden. Besonders der kleine Kaffeefleck, den Harald jeden Morgen auf dem Küchentisch hinterlässt, wenn er ihr den Kaffee zubereitet, lässt ihr die Haare zu Berge stehen. Und auch von den vielen schwarzen und gleich aussehenden Socken, die ihr Mann und ihre beiden Söhne Tag für Tag in die Wäsche werfen und die Claudia dann in mühseliger Kleinstarbeit auseinander sortieren muss, hat sie einfach genug. Harald war der bisher einzige Mann in ihrem Leben, und nun fragt Claudia sich, ob sie nicht etwas verpasst hat.
Bei wohltuenden Massagen, einem leckeren Eis und einem gemütlichen Abendessen besprechen die beiden Freundinnen ihre Probleme und flirten bereits am ersten Abend im Hotel mit einigen Männern, die dort geschäftlich abgestiegen sind. Während Felicitas den Flirt jedoch harmlos hält, übertreibt es Claudia und fällt beinahe auf einen windigen Hund herein, der nur eine schnelle Nummer mit ihr schieben will. Enttäuscht und verletzt lässt sie sich von Felicitas trösten, die wiederum gar nicht verstehen kann, warum Claudia nur wegen eines Kaffeeflecks und schwarzer Socken ihre Ehe abgeschrieben hat.
Bei ihren langen Gesprächen schwelgen sie bald in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in ihrer Fünfer-WG. Sie fragen sich, was aus den anderen Freunden – Birgit, Nele und Stefan geworden ist, mit denen sie sich damals so gut verstanden haben. Schnell erwächst der Plan, ein WG-Treffen zu organisieren. Gemeinsam formulieren sie ein Einladungsschreiben, das sie alsbald in die Post werfen.
Nele, Birgit und Stefan freuen sich über die Einladung und können das Treffen gar nicht mehr erwarten. Nur Birgit hat leichte Bedenken, hat sie doch seit der damaligen WG-Zeit etliche Konfektionsgrößen aufgespeckt. Bei Nele dagegen meldet sich sofort das Kribbeln im Bauch, hatte sie doch schon immer ein Auge auf ihren Mitbewohner Stefan geworfen, bei dem sie aber leider nie eine Chance gehabt hat, denn Stefan steht nur auf Männer. Doch auch der freut sich auf das Wiedersehen mit der kleinen, zarten Nele, die er nie ganz vergessen hat.
_Aber bitte mit Sahne_
Dies sind die Zutaten für einen erfrischenden Roman, der von der ersten Seite an Spaß macht zu lesen. Schon nach den ersten Zeilen bin ich in die Geschichte eingetaucht und hatte Claudia und Felicitas direkt vor Augen, wie sie um ihre Ehen trauern und bei einem gemeinsamen Wellness-Wochenende Entspannung finden wollen. Beides sind gestandene Frauen, die schon viel erlebt und eine Familie gegründet haben. Sie stehen mitten im Leben und plagen sich mit ganz normalen Problemen rum, wie sie in vielen Ehen vorkommen. Gerade weil diese beiden Frauen mitten aus dem Leben gegriffen sind, fühlt man sich ihnen sofort verbunden und hat das Gefühl, zwei neue Freundinnen hinzugewonnen zu haben – und das trotz der Tatsache, dass Felicitas mit ihrem Reichtum und ihrem nahezu perfekten Äußeren eigentlich viel zu abgehoben scheint. Doch ihre Ehrlichkeit, ihr sympathischer Charakter und ihre Liebenswürdigkeit ihren Freundinnen gegenüber haben mich schnell für diese betrogene Ehefrau eingenommen. Und auch Claudia ist ausgesprochen authentisch: Die meisten Frauen dürften sich in ihrem Leben schon einmal über die Socken ihres Mannes geärgert haben – sei es, weil sie statt in der Wäschetruhe auf dem Fußboden landen oder weil sie alle gleich aussehen und nach der Wäsche fein säuberlich sortiert werden müssen …
Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki zeichnen keine weichgespülten Figuren mit perfekten Lebensläufen, denn jeder ihrer Charaktere hat sein Päcklein zu tragen, bei Birgit sind es zum Beispiel die zahlreichen überflüssigen Kilos, bei Felicitas der untreue Ehemann oder bei Nele ihr kranker Sohn, dessen Lebenserwartung nicht sehr hoch ist.
Als die fünf ehemaligen WGler aufeinander treffen, scheint es zunächst, als wären alle glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Erst ein Geständnis Birgits lässt die Fassaden plötzlich bröckeln, woraufhin sich die fünf ihre Sorgen und Nöte gestehen und erzählen. Besonders Stefan weiß mit einem sehr überraschenden Geständnis aufzuwarten, mit dem keine der Freundinnen gerechnet hätte. Doch Stefans Geheimnis offenbaren uns die beiden Autorinnen erst recht spät und animieren uns dadurch noch mehr zum schnellen Weiterlesen, da man natürlich wissen möchte, was Stefan seinen Mitbewohnerinnen nie hatte sagen können.
_Aus dem Leben gegriffen_
Mich hat die Geschichte dermaßen gut unterhalten, dass es mir beim Lesen richtig warm ums Herz wurde und ich mich ähnlich entspannt gefühlt habe wie nach einer Wellnessanwendung. Und das will schon etwas heißen in Anbetracht der Tatsache, dass die beiden Autorinnen sicherlich keine heile Welt in ihrem Buch geschaffen haben. So muss Felicitas beispielsweise die Untreue ihres geliebten Ehemannes wegstecken und Nele verkraften, dass ihr Sohn unheilbar krank ist. Beim Lesen fühlt man sich einfach wohl und geborgen und vergisst dabei alle eigenen Sorgen und Nöte um sich herum. Ich hatte sämtliche Figuren dermaßen ins Herz geschlossen, dass mir in einer Situation die Tränen in die Augen geschossen sind, weil ich den seelischen Schmerz der Protagonisten selbst mitgefühlt habe.
Das vorliegende Buch weiß von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln, eben weil die erzählte Geschichte aus dem Leben gegriffen ist und man in den authentischen Figuren oftmals eigene Charakterzüge oder Sorgen wiederfindet. Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki sprechen einem mit vielen ihrer Ideen aus der Seele und entführen uns in eine spannende Welt, in der wir fünf sympathische Menschen kennen lernen dürfen.
„Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“ ist ein herrlich erfrischend geschriebenes Buch, das mich für einige Stunden in eine andere Welt entführt und mich dabei wunderbar unterhalten hat. Daher kann ich das Buch nur wärmstens weiterempfehlen und hoffe auch auf ein baldiges Wiedersehen mit Felicitas, Claudia und ihren WG-Freunden!
„Der Traum vom Meer“ – bereits der Titel klingt nach Wellenrauschen, salzigem Wind und Urlaubslektüre, und tatsächlich entführt der Sammelband mit „Geschichten von nahen und fernen Ufern“ seine Leser zunächst mit Wilhelm Hauffs Erzählung vom „Gespensterschiff“ zu den fernen Ufern des Orients. Über Kafkas fragmentarische Erzählung vom toten „Jäger Gracchus“, den das Wasser an den Quai von Riva spült, führt die Reise mit Rainer Maria Rilkes Geschichte „Die Stimme“ weiter bis an den weißen Ostseestrand. Doch der Herausgeber Frank Haubold nutzt diese Klassiker nur zur Einstimmung und Abrundung seiner Anthologie, denn im Wesentlichen zeigen zeitgenössische Autoren u. a. aus Deutschland, England und Bulgarien, was sie zum Thema „Meer“ zu schreiben haben.
Die Geschichten vom Meer sind märchenhafte Erzählungen wie Karl Ludwig Saligmanns „Sindbads achte Reise“, welche den Märchenhelden auf ein Kriegsschiff des 21. Jahrhunderts verschlägt. Dort lernt er, dass sich wesentliche Züge der Menschheit in Jahrhunderten nicht verändern werden und die Hoffnung auf ein Paradies aufgegeben werden muss. Auch die Erzählung „Der Puppenmacher von Canburg“ knüpft an die Tradition Hauffs an. Sie beschreibt ein spießiges kleines Kaff, welches sich von anderen spießigen kleinen Käffern nur dadurch unterscheidet, dass man dort eine ungewöhnliche Hunderasse züchtet. Der Puppenmacher Alois Sonnenschein bringt seinem Namen angemessen Wärme und Licht in die abweisende Atmosphäre der Gesellschaft von Canburg. Doch einzig die Kinder erkennen in dem Fremden einen Zauberer. In der kleinen Sophie weckt er sogar die Liebe zum Tanz, die ihr später Beruf und Berufung werden soll.
Schon in den ersten Geschichten zeigt sich, dass das Meer nicht nur Faszination und Abenteuer bedeutet. Vielmehr ist es in den vorgestellten Werken als Inspiration sowohl für die Autoren als auch für deren Figuren zu sehen. Geschichten vom Meer sind dabei immer auch Beziehungsgeschichten. In dieser Anthologie findet man vor allem die Endlichkeit der Liebe thematisiert. So wird Edgars und Lilith Liebesbeziehung am Meer in „Griechenland“ auf den Prüfstand gestellt. Sie entpuppt sich als an den unterschiedlichen Erwartungen des anderen gescheitert und mündet in eine Katastrophe. In „Die Windsbraut“ entscheidet sich der Erzähler für die stürmische Windsbraut und verlässt seine Familie. Caro aus „El Hierro“ erkennt in einem Hotel am Meer, dass sie 21 Jahre ihres Lebens für drei bizarre Begegnungen mit einem geheimnisvollen Fremden verschwendet hat. Für die sich liebenden Geschwister aus „Eros hinter dem Vorhang“ ist der Aufenthalt am Meer ebenfalls von jeher schicksalsträchtig gewesen. Obwohl beide dagegen ankämpfen, wird das Tabu der körperlichen Liebe zwischen Geschwistern, unabhängig davon ob sie vollzogen wird oder nicht, unvermeidlich ins Verderben führen.
Spannend ist die Kriminalgeschichte „Die Irritation“ der Autorin Anke Laufer, die 2009 bereits mit einer anderen Geschichte für den Deutschen Kurzkrimipreis nominiert worden war. Hervorragend konstruiert und sprachlich geschickt, lässt sie ihre Ich-Erzählerin als Zeugin in einem Mord aussagen, den sie selbst begangen hat. Aus Rache für eine verschmähte Liebe, die zu einem einsamen und trostlosen Leben mit einem anderen Mann geführt hat, belastet sie einen unschuldigen Mann, der sie an ihre frühere Liebe erinnert. Das tiefe Wasser des Ärmelkanals wird dabei zu ihrem Komplizen. Doch das Meer steht nicht nur für das dunkle Grab der toten Frau, sondern auch symbolisch für das Grab der Träume und Sehnsüchte der Ich-Erzählerin.
Offensichtlich stirbt es sich im Meer am effektvollsten. Das scheint auch die Geschichte „Die Bienen“ zu bestätigen. Die Binnenhandlung erzählt eine klassische Dreiecksgeschichte, bei der sich verschmähte Liebe in Hass und Eifersucht verwandelt, so dass der Tod aller Beteiligten den traurigen Abschluss bildet. Die Bienen tragen hierbei den Kampf aus, den die Menschen nicht zu kämpfen wagen. Für den Ich-Erzähler der Rahmenhandlung ist diese Geschichte Mahnung und Warnung zugleich. Doch wirkt „Die Bienen“ wegen des romantischen Schlusses versöhnlich und gibt der funktionierenden Liebesbeziehung zwischen den Geschlechtern noch eine Chance.
Das Meer als Spiegel der Gefühle der handelnden Figuren findet der Leser in der Geschichte „Schwere See“ besonders eindrucksvoll ausgestaltet. In ihr überflutet die stürmische Nordsee gerade Hamburg, während die Ich-Erzählerin, deren Mann eine Affäre hat, ein Kind zur Welt bringt, das ebenfalls aus einem Seitensprung entstanden ist. Das wilde tobende Meer entspricht den überfließenden Gefühlen von Schmerz und Wut der Gebärenden, die vor allem wegen eines nicht vollendeten Abnabelungsprozesses von ihrem Vater in ihrer Ehe und ihrem Leben bisher nicht glücklich werden konnte.
Aufenthalte am Wasser führen jedoch immer zu schicksalhaften Begegnungen, die alles verändern können. In „Macht“ führt die Reise zum Meer zur Überwindung von Ängsten, aber gleichzeitig auch zu einem besonders schweren, einem doppelten Abschied. „Der Rothaarige“ zeigt das Festhalten an einer Liebe, deren dürftige Grundlage nur noch ein gegebenes Versprechen darstellt. In der befreienden Umgebung des Wassers wird klar, wie es ist, wenn man etwas unbedingt möchte und einsehen muss, dass es nicht funktioniert. Auch der Protagonist in „Pfirsiche und Fische“ erkennt, dass er nicht beides haben kann und sich zwischen seiner künstlich nach Pfirsich riechenden und der natürlichen Frau vom Meer entscheiden muss.
Den Höhepunkt der Sammlung bildet jedoch zweifellos die Titelgeschichte „Der Traum vom Meer“. Schon der erste Satz macht klar, dass hier trotz der märchenhaften Erzählweise eine deutliche Abkehr vom Märchen stattfindet und Wünschen das Leben nur komplizierter macht. Susanna Neuenweg erzählt bildgewaltig von der Odyssee einer „sonderbaren“ Gesellschaft“, bestehend aus dem gewalttätigen Ahab, einer gescheiterten Selbstmörderin, eines Diebes, einer Mörderin mit indischen Wurzeln und anderen Außenseitern der modernen Gesellschaft. Die originellen Typen, die allesamt an der Gesellschaft kranken, retten sich buchstäblich auf Ahabs Draisine und sind damit unterwegs zum Meer. Die Erzählerin möchte gar nach Atlantis, was man durchaus als Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort verstehen kann. Doch auch in der relativ freien Gesellschaft auf dem kleinen „Landschiff“ ist das Leben kein Zuckerschlecken. Die Autorin beschreibt die erotischen Beziehungen, die Abhängigkeit von den Fähigkeiten des Anderen oder die Gewalt in knappen präzisen Sätzen, so dass man gründlich lesen muss, bis der häufig nur in einem Halbsatz verborgene Schlüssel zur Erkenntnis der Situation die surreale Beschreibung in einem neuen Blickwinkel erscheinen lässt. |“Jeder hat seine Quest. Vielleicht verfolgt Schambart nun eine andere. Heute Morgen habe ich bei Ambra eine blutige Haarnadel gefunden. Unter unserem Schiff stinkt etwas. Ich möchte hier nicht bleiben.“| In diesem anspruchsvollen Text gibt es keine Floskeln, ist kein Wort zu viel geschrieben. Die inhaltliche Abkehr vom Märchen erstreckt sich somit auch auf die sprachliche Gestaltung. Nur die Namen der Protagonisten und ein Märchen innerhalb der Geschichte haben sich den märchenhaften Charakter bewahrt. Geschickt werden damit die Träume, Sehnsüchte und Welten ausgenutzt, die sich hinter ihnen verbergen und nur in wenigen Sätzen angedeutet werden müssen, um beim Leser ihre Wirkung zu entfalten.
Ein wenig blass wirken dagegen Geschichten wie „Sohn der Insel“, die so entspannt daherkommt, wie man sich das Leben auf einer einsamen Südseeinsel vorstellt, wenn Naturgewalten, Monster oder Piraten ausbleiben, sowie „Heimkehr“, die unabgeschlossen wirkt und man sich eher als Anfang einer längeren Erzählung vorstellen kann. Das „Prosaische Fischerlied“ besteht aus aneinandergereihten Worten und Satzfetzen. Sie ergeben nicht immer Sinn wie die „verlockt, verliebt, verleiteten“ Krähen und muten eher wie ein atemloses Spiel mit Worten an, die mehr Energie für die Nacht versprechen, als man sich bei einem Fischer nach seinem anstrengenden Tagwerk vorstellen kann.
Doch insgesamt handelt es sich bei „Der Traum vom Meer“ um einen interessanten Querschnitt durch die zeitgenössische deutsche Literatur. Der Autor Herausgeber Frank W. Haubold, der dem Meer auch persönlich verbunden ist, hat dafür mit Schriftstellern zusammengearbeitet, die er bereits aus vorhergehenden Anthologieprojekten kennt, und das Thema als Wettbewerb in einem Literaturforum ausgeschrieben. Die besten Geschichten haben es zwischen die Deckel des knapp 200seitigen Hardcovers geschafft. Das Buch ist auch handwerklich gut gestaltet. Besonders eindrucksvoll sticht der von Crossvalley Smith alias Dr. Martin Schmidt entworfene Schutzumschlag hervor, von dem aus dem Leser zwischen aufgetürmten Wolken und einem grünblauen unruhigen Meer ein wachsames Auge entgegenblickt. Hoffentlich lässt diese auffällige und geheimnisvolle Gestaltung zahlreiche Leser in Buchhandlungen zugreifen. „Der Traum vom Meer“ hätte es verdient.
|192 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3862372126|
http://www.projekte-verlag.de
http://www.frank-haubold.de
[Interview mit Frank Haubold]http://buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=106
Peter und Rebecca sind glücklich verheiratet und haben als Galerist bzw. Zeitschriftenherausgeberin Berufe, die sie lieben. Ihre Tochter Bea ist bereits erwachsen und ausgezogen, und eigentlich könnte man das Leben jetzt genießen. Dann kündigt sich jedoch Rebeccas wesentlich jüngerer Bruder Ethan (oder, wie er von allen genannt wird, Missy) für einen Besuch von unbestimmter Länge an. Missy ist reizend und kaputt, attraktiv, hochintelligent und haltlos, er nimmt Drogen und wickelt seine Familie spielend um den Finger.
Die Anwesenheit des exzentrischen jungen Mannes weckt in Peter eine geheime Unruhe. Dieses egoistische, süße, manipulative Geschöpf mit dem Hang zur Selbstzerstörung hat irgendetwas an sich, das er auch möchte. Ist es seine Scheißegal-Attitüde? Ist es die totale, selbstvergessene Konsequenz, mit der der Junge lächelnd sein eigenes Leben vor die Wand fährt? Die Furchtlosigkeit, mit der er sehenden Auges in den Abgrund springt? Die vitale, lässige Attraktivität der Jugend, der nichts heilig ist? Ist es – Himmel! – vielleicht die Kombination aus all dem, ist es Missy selbst?
Die Fassade von Peters heiler Welt bekommt Risse, bricht auf. Er tut Rebecca gegenüber, als sei nichts, während seine Seele langsam aber sicher auf Links gezogen wird. Was will er denn noch? Kann er so weiter machen?
Im Licht von Missys Strahlen betrachtet Peter sein Leben unerbittlich und in jeder Einzelheit eine Bestandsaufnahme, die für ihn, seine Ehe, sein Selbstverständnis und seine Lebensführung zu einer bitteren Bewährungsprobe wird.
_Kritik_
Die Fragen, die Michael Cunningham für Peter aufwirft, gehen ohne Umweg direkt unter die Haut. Wer kennt sie nicht, die alte Geschichte: Wenn ich mich dort anders entschieden hätte? Wenn ich jenen Schritt gewagt hätte? Wenn ich dies unterlassen hätte?
Da Peters Leben in vielerlei Hinsicht gefestigt (langweilig?) ist, ist es ausgesprochen verständlich, dass die Fehler Missys, die Lust an der Unvernunft ihn besonders fesseln. Einmal über die Stränge schlagen, einmal alles auf eine Karte setzen … man möchte immer das, was man nicht darf, lautet schwer vereinfacht eine der Aussagen dieses Romans. Die Gesamtaussagen sind vielschichtiger und in einer Sprache erzählt, die bezaubert und gefangen nimmt. Ein Grundton von Melancholie durchzieht das Buch, selbst in den Passagen, in denen Hoffnung und Aufbruch mitschwingen, weil man weiß, dass es der Aufbruch ins Verderben wäre.
Cunningham hat meisterhaft die Lockung des fatal Sinnwidrigen dargestellt, indem er glaubwürdige Charaktere jeweils in sich schlüssige psychische Entwicklungen durchlaufen lässt. Da es Peters Geschichte ist, die erzählt wird, kommt man ihm als Leser am nächsten, doch auch die anderen Personen treten detailreich gezeichnet ins Licht. Es wirkt nicht so, als seien sie nur Lückenfüller; jede von ihnen hat ihre Sorgen, Wünsche, Ängste. Und dass Peter trotz relativ guter Beobachtungsgabe definitiv nicht alles erahnen kann, was in seinen Mitmenschen vorgeht, stellt sich immer wieder auf überraschende Art und Weise heraus.
Michael Cunningham hat ein bestrickendes, verschlungenes Psychogramm eines möglicherweise ganz normalen Menschen erstellt, der am Scheideweg steht und sich die Frage stellen muss: Fundament oder Abenteuer?
„In die Nacht hinein“ ist genau die Richtung, die die Gedanken und Wünsche des Lesers mit denen Peters gehen, die Regung des Aus- und Aufbrechens springt unaufhaltsam von dem Protagonisten über auf den Leser.
_Fazit_
Es gibt nur einen Rat zu diesem Buch: Lesen! Cunningham ist ein Meister der mentalen Zeichnung, sein Roman ein zauberhaftes Werk über Sehnsüchte, Ängste und Allzumenschliches mit einem perfekten Ende.
|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Originaltitel: By Nightfall
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt
ISBN-13: 9783630873534|
[www.randomhouse.de/luchterhand]http://www.randomhouse.de/luchterhand/index.jsp
[www.michaelcunninghamwriter.com]http://www.michaelcunninghamwriter.com
_Tombstone: eine Innenansicht der Legende Wyatt Earp_
Dieser Western über historisch verbürgte Ereignisse in den 1880er Jahren in Tombstone, Arizona, schildert den entscheidenden Abschnitt im Leben der legendären Hauptfigur Wyatt Earp. Die Krise gipfelt unter anderem in der berühmten und vielfach verfilmten Schießerei am O.K. Corral. Doch nur durch einen erzählerischen Kniff verstehen wir auch, wie es dazu kommen konnte. Schuld war (wie schon in Troja) der Streit um eine Frau …
_Der Autor_
Der US-Autor Robert B. Parker, 1932-2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Parker lebte in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen fast alle seine Krimis.
„Jesse Stone“-Krimis:
1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) „Night and Day“
9) „Split Image“
Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) „und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten „Chandler“-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.
_Handlung_
Wyatt Earp hat die Schnauze voll vom Büffelabknallen. Er mag das Schießen und er mag das Leben in den Camps der Büffeljäger von Kansas, aber der Gestank des in der Sonne verrottenden Fleisches der Kadaver vertreibt selbst die Huren. Also verkauft er sein Büffelgewehr und zieht weiter nach Dodge City. Als Sheriff vertreibt er so manchen Revolverhelden und erblickt Josie Marcus, eine Tänzerin in einer Vaudeville-Show. Leider ist sie am gleichen Abend weitergezogen.
|Tombstone, Arizona|
Doch 1879 hat auch Dodge seinen Reiz verloren, und so zieht er mit seiner Freundin Mattie, einer Exhure und seinen Brüdern Virgil, Morgan und James nach Tombstone, Arizona. Die Silberminen bringen jede Menge Geld in den Ort, und Virgil kann hier als Deputy Marshall arbeiten. Während der kriegsversehrte James als Barmann arbeitet, geht der streitsüchtige Morgan seinen Brüdern Wyatt und Virgil zur Hand. Ihr Bruder Warren ist noch woanders zugange.
Eines Tages kommt es im Saloon zu einem Zwischenfall mit Folgen. Die drei Earps sitzen gerade friedlich an ihrem Kartentisch, als ein Gunman namens John Tyler Streit mit Doc (John Henry) Holliday anfängt. Doc Holliday ist sofort mit einer Kanone bei der Hand und will Tyler zwingen sich zu entschuldigen. Die Earp-Brüder sorgen für eine Beilegung des Streits, doch Tyler schwört Vergeltung.
|John Tyler|
Im Juli bietet der Besitzer des Oriental-Saloons, Frank Joyce, Wyatt um seine Dienste. Dafür bietet er ihm einen Viertelanteil an seinem Haus. Ein nettes Angebot, aber es gibt einen Haken: Wyatt soll John Tyler, dessen Hintermänner den Saloon feindlich übernehmen wollen, ausschalten. Aber wie? Das dürfte sich schon irgendwie ergeben. Da die Earp-Brüder in allen Dingen zusammenhalten wie Pech und Schwefel, macht sich Wyatt wenig Sorgen über den Ausgang der Sache.
Als John Tyler in der flirrenden Augusthitze materialisiert, begibt er sich in de Oriental Saloon, um Ärger zu machen. Wyatt schaut aus der Ecke, wie es beginnt: ruhig wie immer, aber er läst seine Brüder holen. Als Tyler Anstalten macht, einen Minenarbeiter nur zum Spaß abzuknallen, machen Wyatt und Virgil ihn fertig und werfen ihn raus, nach einer ernsthaften Warnung. Tyler taucht nie wieder auf.
|Behan und Josie|
Im Laufe der Zeit erwerben sich die Earp-Brüder den Ruf, für Ordnung in der Stadt zu sorgen. Als der bisherige Marshall Fred White von einem Cowboy erschossen wird und der Landkreis aufgeteilt wird, bekommt Johnny Behan den Posten des Sheriffs von Cochise County. Tombstone wird Kreisstadt. Doch Johnny ist ein Demokrat, wohingegen die Earps alle Republikaner sind. Wyatt bleibt also auf Abstand und neutral, wenn Behan ihn um Beistand bittet.
Das Wichtigste an Behan aber ist dessen Verlobte: Josie Marcus. Die ehemalige Hure und Tänzerin ist nun eine ehrbare Gattin und noch dazu Erbin eines reichen Vaters in San Francisco, eine gute Partie. Und Wyatt hat sich schon in Dodge City für sie interessiert. Jetzt beeindruckt er sie mit seiner ruhigen, potenziell gefährlichen Art. Sie sucht das Abenteuer, und Behan ist alles andere als Abenteuer. Es dauert eine Weile, bis sich Wyatt, der ja noch bei Mattie wohnt, und Josie, die noch bei Behan lebt, zusammentun können.
|Die Clantons & Co.: Der Anfang vom Ende|
Johnny Behan, der Sheriff und stets der Politiker, vertraut sich Wyatt an. Er hat die feste Absicht, die gutverdienenden Rancher, die mit Mexiko glänzende Geschäfte halbseidener Art machen, zur Steuerkasse zu bitten. Wyatt erklärt ihm ruhig wie immer, von wem Ärger droht: Da sind die McLaurys, mit denen man wenigstens vernünftig reden kann, und da sind die Clantons, die wesentlich härter drauf sind. Man müsste denen schon etwas anbieten, bevor man ihnen Steuern aufbrummt. Behan sagt, er wolle mit den Leuten reden. Wyatt schaut ihm skeptisch nach.
Zunächst gibt es einen folgenreichen Zwischenfall: Die Postkutsche wird überfallen. Auf der Suche nach den Schuldigen jagen Sheriff Behan, die Earp-Brüder, Doc Holliday und andere den Tätern hinterher, bis sie zur Ranch der Redfields gelangen. Durch einen Trick gelingt es ihnen, einen Komplizen der Räuber zum Reden zu bringen: Sie erfahren die Namen der Täter. Die drei sind aber wahrscheinlich bereits in New Mexico. Hoffnungslos. Während Behan noch ein Woche nach ihnen sucht, nutzt Wyatt die günstige Gelegenheit und geht mit Josie endlich ins Bett – ein Wendepunkt in seinem Leben. Er will sie auf keinen Fall mehr verlassen. Und als Behan zurückkehrt, weist ihm Josie die Tür. Das gibt Ärger, wissen alle.
Behan streut böse Gerüchte über die Earps und Doc Holliday: Sie hätten die Kutsche überfallen. Um dem ein Ende zu setzen, will Wyatt die Räuber schnappen. Dazu muss er sie erstmal finden. Da die Räuber Freunde von Ike Clanton sind, schließt er einen Deal mit Ike: Die Räuber kriegt er und Ike die Belohnung, die Wells Fargo ausgesetzt hat. Obwohl Ike kein gutes Gefühl dabei hat, aber Wyatt nicht durchschaut, lässt er sich wegen des Geldes darauf ein. Doch als er Ärger im Saloon macht und einen anderen Cowboy herausfordert, macht der neue Marshal, Virgil Earp, ihn vor aller Augen fertig. Das wird Ike nie vergessen.
Im Verlauf des heißen Wüstensommers hören die Earps ständig, dass Johnny Behan sich mit den Cowboys, den Clantons und McLaurys verbündet habe. Ganz besonders, nachdem Behan vergeblich versuchte, Doc Holliday wegen des Postkutschenüberfalls zu verhaften. Inzwischen hassen Behan und die Cowboys die Earps, die Gesetzeshüter. Josie hat Wyatt schon immer gesagt, dass Behan sich ihm nicht direkt gegenüberstellen werde, sondern hinten rum agitiert – eben ein Politiker.
Eine Auseinandersetzung erscheint zunehmend unvermeidbarer …
_Mein Eindruck_
Für einen Western im Groschenromanformat ist dies ein recht ungewöhnlich erzählter Western. Louis L’Amour ist der unangefochtene Topverdiener in diesem Markt und hat Maßstäbe gesetzt. Seine männlichen Hauptfiguren sind harte Kerle, die ein ebenso hartes Schicksal zu ertragen haben, um in einem harten Land zu überleben, das erobert sein will. Die Romane sind entsprechend schmal, die Charakterisierung meist dürftig, aber die Action grandios.
Aber auf Wyatt Earp trifft dies alles nicht zu. Und darum ist Parkers Western (dem noch vier weitere folgen sollten) ungewöhnlich. Denn die Geschichte von Wyatt Earp ist ebenso eine psychologische Studie wie eine Liebesgeschichte – und eine Chronik der Ära.
Der Autor geht nicht etwa her und erklärt alle vorhergehenden Porträts dieser historischen Figur für null und nichtig. Das wäre ja auch vermessen. Nein, vielmehr entwirft er die Figur des Wyatt Earp von Grund auf neu. Notwendigerweise muss er dazu auch sowohl die Bühne als auch sämtliche Nebenfiguren von Grund auf neu erfinden.
Die Handlung hingegen ist bereits größtenteils vorgegeben: Alle Taten sind niedergeschrieben worden und in den Chroniken jener Zeit (Zeitungen, Magazine usw.) nachzulesen. Doch wie sind alle diese Taten miteinander verknüpft und worin lag die Motivation der Figuren, um so und nicht anders zu handeln? An dieser Stelle kann sich die Kreativität des Künstlers entfalten, solange sie den Fakten nicht widerspricht. Von dieser Freiheit macht Parker so weit wie möglich Gebrauch.
Mehrere Faktoren führen zur ersten großen Konfrontation, der Schießerei am O.K. Corral. (Davor gab es nur Duelle und Scharmützel.) Die Schießerei ist deshalb so wichtig, weil sie ein großes Opfer fordert: Virgil Earp wird angeschossen, sodass er einen Arm verliert und nicht mehr als Marshal arbeiten kann. Wenig später wird Morgan Earp ermordet. Für Wyatt und seine zwei verbleidenden Brüder James und Warren Anlass genug, um die Mörder zu jagen.
Die zwei Hauptfaktoren sind folgende: Johnny Behan verliert seine Frau Josie an Wyatt Earp. Da er kein Mann des Duells und der Tat, sondern des Wortes ist, befleißigt er sich aller Mittel eines Politikers, um sich dafür zu rächen. Nicht nur an Wyatt, sondern auch an Morgan, der ihn einmal aus Josies Haus wirft. Das Mittel zum Zweck der Rache sind die Cowboys, Faktor Nummer 2.
Die Cowboys, allen voran die Clantons und die McLaurys, sind Diebe und Betrüger reinsten Wassers. Sie nutzen die Nähe der Grenze zu Mexiko systematisch für Viehdiebstahl und -betrug. Wenn ihnen also Sheriff Behan Vergünstigungen in Form von Haftverschonung verspricht, hören sie zu. Und wenn sie zuhören, erzählt er ihnen Lügengeschichten über die Earps, die die Silberstadt Tombstone beherrschen und die Coywboys schikanieren. Kein Wunder, dass es dann zum großen Knall kommt.
Es dauert lange, bis die Dinge endgültig aus dem Ruder laufen. Viel zu lange für so manchen eingefleischten Western-Leser, aber ich bin da nicht so festgelegt. Und wir erfahren nie, wann an welchem Tag oder in welchem Jahr etwas stattfindet. Das ist auch für die Geschichte selbst nicht so wichtig. Parker kann bei seinen amerikanischen Lesern die Details sowieso als bekannt voraussetzen.
Wichtig sind für den Autor die Figuren, allen voran Wyatt, der fast alle Szenen bestreitet, und Josie, die gestohlene Frau. Wyatt entspricht dem Standard des parkerschen Helden: In sich gekehrt, scharfsichtig, moralisch empfindlich, auf das Wohl seiner Brüder und der Wehrlosen bedacht, aber stets bereits, mit der Waffe in der Hand das „Richtige“ zu tun. Was ist das „Richtige“? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Er findet es nicht richtig, Sheriff Behan auf der Straße abzuknallen, aber es ist OK für ihn, den unbewaffneten Mörder seines Bruders Morgan über den Haufen zu schießen.
Josie stellt ihm immer wieder Fragen, die uns das Innenleben Wyatts enthüllen, wenn er sie freimütig beantwortet. Hier geht es nicht um die Rechtfertigung oder Verurteilung seiner Taten, sondern um unvoreingenommene Erklärung. Es ist fast wie Psychoanalyse (womit sich Parker bestens auskennt, siehe seine Krimis). Josie hat allerdings wenig Einfluss darauf, wozu sich Deputy Marshal Wyatt entschließt, wenn es ums Handeln geht. Aber sie weiß, dass sie besser seiner Bitte folgt, sich nach Frisco abzusetzen, wenn in Tombstone das Pflaster zu heiß wird.
Eine Überraschung bietet das letzte Drittel des Romans – immerhin rund 90 Seiten – NACH der Schießerei am O.K. Corral: Nachdem Morgan tot ist und Virgil schwer verwundet, macht sich Wyatt auf die jahrelange Jagd nach den Mördern. Es ist wie eine Ermittlung à la Spenser. Wyatt sucht Anhaltspunkte, sammelt Aussagen und begibt sich zu Schnittpunkte von Hinweislinien: Unweigerlich trifft er die Gesuchten an. Und das nicht nur einmal.
Sheriff Johnny Behan ist ihm mit seinen Cowboys auf den Fersen, um den Rachefeldzug zu stoppen, trifft aber auf unerwarteten, passiven Widerstand von Seiten der Freunde der Earps. Dies ist purer Western: die Landschaft (Wüste, Berge), die Männer (Rächer und Verfolger) und das sich entfaltende Drama. Das ist genug. Für einen Roman, aber auch für Legenden.
|Die Chroniken|
Eine weitere ungewöhnliche Zutat zu diesem Western sind die eingefügten Chroniken. Auf zwei bis vier Seiten findet der Leser Ausschnitte aus Zeitungen und Annalen, über Ereignisse wie Baseballspiele Theateraufführungen, aber auch Anzeigen aller Art, so etwa ein Waffenangebot und die Suche nach einer entlaufenen früheren Sklavin. Eine einzige Notiz ist mit dem Jahr datiert: 1883.
Das Fehlen der Jahresangaben fand ich wenig hilfreich, denn es beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Angabe. Wenn aber alle Angaben aus dem Jahr 1883 stammen, so ist das Weglassen der Jahresangabe akzeptabel. Davon kann man aber nicht automatisch ausgehen.
|Der Epilog|
Dies ist nicht mehr Teil der Erzählung. Vielmehr hat der Autor hier alle Sterbedaten und Todesursachen der wichtigsten Figuren aufgelistet. Es freut uns zu erfahren, dass Wyatt noch bis zum Jahr 1929, dem Großen Börsenkrach, lebte; er wurde 80 Jahre alt. Seine Josie starb erst 1944. Die letzte Zeugin der Ereignisse in Tombstone, Allie, die Frau von Virgil Earp, starb sogar erst am 17. November 1947, kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Johnny Behan, Josies Gatte, starb 1912 in Tucson. Tombstone wird heute nur noch von Touristen besucht. Die Silberminen sind längst leergeräumt.
_Unterm Strich_
Einer der großen Vorteile dieses historischen Westerns à la Parker ist das Fehlen aller Legenden-Beweihräucherung. Wir bekommen den nackten Menschen Wyatt Earp vorgesetzt, nicht nur im Kampf wie gewöhnlich, sondern vielfach im Bett neben Josie, die ihn einer Art milder Psychoanalyse unterzieht, um ihren Geliebten besser kennenzulernen – zu unserem Vorteil.
Für denjenigen Leser, der die Schießerei am O.K. Corral haarklein erklärt bekommen will, ist dies das falsche Buch. Der Roman erfüllt seine Aufgabe darin, die Menschen zu erklären und nicht, die Zahnräder der „Historie“ sichtbar zu machen. Das Leben ist ein Fluss, mit Stromschnellen und Untiefen. Niemand der Akteure ist sich seiner Historizität bewusst, keiner handelt wie eine historische Figur, sondern wie ein ganz normaler Mensch. Mit allen Fehlern, Schwächen und Vorlieben.
Dieses Buch ist also kein Ersatz für „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der Moll-Tonart. Doch es ist viele Dinge: eine Chronik der Ära, die Geschichte der Familie Earp (sie stammt aus Iowa oder Illinois), eine Sittengeschichte (Prostitution usw.); eine zarte und herzerwärmende, stellenweise auch humorvolle Liebesgeschichte, und natürlich auch eine ganze Reihe von Actionszenen, von kleinen Duellen bis hin zu großen Schießereien. Da aber keinerlei Militär auftaucht (und auch keine Indianer), bleibt jede Auseinandersetzung in überschaubaren Dimensionen – keine Schlachtengemälde. Und es ist eine psychologische Geschichte der Politik: Johnny Behan mag ja „nur“ ein Sheriff sein, aber könnte es durchaus zum Gouverneur bringen. Aber das ist eine andere geschichte.
Das Buch zu lesen, bedeutet, einen Blick durch ein Fenster in eine völlig andersartige Zeit zu werfen. Wir können den Figuren in die Seele schauen, aber wir sind uns immer dessen bewusst, dass es ein Fenster gibt und dass jemand dieses Fenster gebaut und geöffnet hat. Der Autor belügt uns nicht: Es ist sein Fenster und seine Perspektive und es sind seine Figuren. Es ist an uns, dies stets zu bedenken.
In „Die Frauen“ erzählt T.C. Boyle die Geschichte des amerikanischen Architekten Frank Llloyd Wright, der als einer der größten seines Landes gilt . Allerdings geht es, wie man schon am Titel sieht, weniger um sein Schaffen, sondern um seine Frauengeschichten, die in den eher prüden Zwanziger- und Dreißigerjahren für den einen oder anderen Skandal gesorgt haben.
Boyle betrachtet drei der Frauen in seinem Leben genauer. Mamah ist seine erste Geliebte nach der langen Ehe mit seiner ersten Frau Kitty. Ihre Familien sind befreundet, was dazu führt, dass Frank und Mamah sich aufgrund ihrer Zuneigung von den anderen isolieren, da ihr Zusammenleben nicht akzeptiert wird. Für Mamah ist das jedenfalls kein Problem. Die begeisterte Feministin übersetzt nämlich gerade die Werke von Ellen Key, die die wahre Liebe aus Sicht der Frauen predigt. Das wiederum soll sie später das Leben kosten …
Nach dem Tod von Mamah liest Miriam in Paris in der Zeitung von Wrights Schicksal. Sie fühlt sich von seinem Leid angezogen und beginnt einen kurzen, aber ertragreichen Briefwechsel mit ihm. Wenig später nimmt sie den Platz an seiner Seite ein und macht sich auf Taliesin, seinem Anwesen in Wisconsin, breit. Doch ihre hysterischen Anfälle und Boshaftigkeit sowie ihre Drogensucht zerstören die Ehe. Als schließlich die Tänzerin Olgivanna, eine stille, aber schöne Frau, in Wrights Leben tritt, versucht Miriam als gehörnte Ehefrau alles in ihrer Macht stehende, um den beiden das Zusammenleben zu erschweren.
Boyle widmet jeder Frau einen Teil des Buches und allen Teilen geht eine Einleitung voraus, in der Tadashi, ein ehemaliger Schüler, Einsichten in das Leben auf Taliesin gibt. Taliesin diente Frank Llloyd Wright nicht nur als Wohnort, sondern auch als Arbeitsstätte, weshalb er dort stets eine Schar Schüler um sich gescharrt hatte. Aus Tadashis Sicht erfährt man, wie der Alltag dort war, bevor sich die Geschichte wieder auf die Frauen konzentriert.
Ein Buch von Boyle sollte man nicht unbedingt deshalb lesen, weil man eine spannende, geradlinige und konsistente Handlung erwartet. Die Bücher des Autors bestechen normalerweise dadurch, dass sie ohne viel Aufhebens eine Geschichte zum Leben erwecken. Dies geschieht auch in „Die Frauen“. Boyle erzählt so detailliert und gleichzeitig so unbemüht vom Leben Frank Lloyd Wrights, dass die Personen und die damalige Gesellschaft vor dem Auge des Lesers zum Leben erwachen.
Die Leichtfüßigkeit seiner Sprache und die Beiläufigkeit, mit der er historische Gegebenheiten einflechtet, heben ihn dabei über viele andere historische Romane. Das Augenmerk liegt sowieso mehr auf dem Romanhaften, auf der Beschreibung der Personen, dem Spiel mit Wörtern. Dies gelingt dem Autor erneut überzeugend. Er balanciert bei seinen Figuren stets auf dem schmalen Grat zwischen Klischee und Authentizität. Er zeichnet sie auf der einen Seite sehr vielschichtig und lebendig, überspitzt auf der anderen Seite aber auch einige ihrer Charakterzüge. Miriam beispielsweise ist keine sympathische Persönlichkeit dank ihrer Drogen- und Eifersucht. Beides benutzt Boyle immer wieder als Aufhänger, was der Geschichte eine gewisse humorvolle Note gibt.
Während Miriam, Mamah und Olgivanna in ihrem Teil jeweils als Erzählperspektive dienen, betrachtet Boyle Frank hauptsächlich durch die Augen anderer. Neben seinen Frauen äußert sich auch Tadashi in seinen einleitenden Bemerkungen über den Mann, den er vor allem wegen seiner Architekturleistungen bewundert. Der Autor präsentiert dem Leser also vier verschiedene Sichtweisen auf seinen Protagonisten, was ein gewisses Mitdenken beim Leser voraussetzt, auch wenn sich zwischen den Meinungen der einzelnen Personen Parallelen ergeben.
Geschrieben ist die Geschichte in etwa so abwechslungsreich wie die Charaktere. Diverse Fußnoten ergänzen das Geschriebene, fügen Hintergrundinformationen hinzu oder enthalten persönliche Äußerungen Tadashis. Der Schreibstil selbst hat ein hohes Niveau. Boyle verwendet einen großen Wortschatz, den er für kreative Wortbilder benutzt. Er wirkt dabei nie bemüht witzig, sondern setzt vielmehr kleine, amüsante Glanzpunkte in der sowieso sehr detailliert erzählten Geschichte.
Letztendlich ist „Die Frauen“ ein typischer Boyle-Roman, was keineswegs abwertend gemeint ist. Eine interessante Geschichte in einem gut dargestellten historischen Kontext, vielschichtige Charaktere und der gewohnt gekonnte Schreibstil sprechen für dieses Buch. Wie gewohnt auf hohem Niveau!
|Taschenbuch: 556 Seiten
Originaltitel: |The Women|
Deutsch von Kathrin Razum und Dirk van Gunsteren
ISBN-13: 978-3423139274|
http://www.dtv.de
Gerard Donovoan hat seinen letzten Roman „Winter in Maine“ ohne großes Tamtam in die Bestsellerlisten gebracht und damit eine Randerscheinung der modernen Belletristik erschaffen, deren faszinierende Ausstrahlung und Aussagekraft einen der zeitlosesten literarischen Momente der Jetztzeit formte. Dabei schien gerade im fehlenden Spektakel der vergleichsweise brutalen Story die Würze zu liegen – und auch Donovans Ursprung. Bereits fünf Jahre zuvor hatte er sich eher zufällig an ein Buchprojekt gewagt, aus dem erst mit fortschreitender Seitenzahl die Idee zu einem Roman reifte. „Ein bitterkalter Nachmittag“, so der Titel des Autoren-Debüts, ist im Hinblick auf die spontane Geschichte, die dem Projekt zugrunde liegt, jedoch ein unheimlich schwieriges Stück zeitgenössische Literatur – und auch im Hinblick auf die moralischen Aspekte des Buches eine komplexe Arbeit. Doch in Sachen Intensität mangelt es auch Donovans erstem Werk in der Gesamtbetrachtung nicht!
_Story:_
Winter, irgendwo zu irgendeiner Zeit in Europa: Mitten auf einem großen Feld wird ein junger Mann während des umliegenden Kriegstreibens dazu aufgefordert, ein großes Loch auszuheben. Unter der Aufsicht eines einstigen Lehrers, der unter anderem auch den Bruder des Mannes unterrichtete, muss er zum Ende des Tages schaufeln und seine Arbeit fertigstellen – ansonsten droht eine zunächst nicht näher benannte Konsequenz. Doch der Lehrer und sein sich widersetzender Schützling erleben jenen Nachmittag jenseits des bestehenden Autoritätsverhältnisses; in immer abstrakteren Gesprächen tauschen sie sich über Geschichte, Philosophisches und zuletzt auch über die Situation aus, die sie umgibt. Doch niemand ist bereit, Kompromisse einzugehen und sich die Meinung des jeweils anderen aufdringen zu lassen – bis schließlich eine ungeahnte Eskalation droht …
_Persönlicher Eindruck:_
Was für eine sperrige Geschichte! Und sie könnte für diesen Autor, von dem abseits des hier vorliegenden Buches nur der oben angeführte Titel bekannt ist, kaum typischer sein. Erneut ist die vorrangige Auseinandersetzung mit der Situation und den damit verbundenen Charakteren ausschließlich auf einen sehr geringen Personenkreis beschränkt, was grundsätzlich dafür sprechen müsste, dass die Ausgangslage klar definiert und leicht nachzuvollziehen ist. Irrtum! Denn Donovan offenbart sich wieder als Geheimniskrämer vom Dienst, der alles zulässt, aber eben nicht den unmittelbaren Bezug zu seinen tragenden Säulen, in diesem Fall der Bäcker und der Lehrer.
Dabei beginnt alles sehr offen und transparent: Der Bäcker wird aus noch ungeklärten Gründen zu jener Grube gebeten, die er in den nächsten Stunden ausheben soll. An dieser wartet bereits der Lehrer, der aus ebenfalls nicht näher definierter Ursache die Aufsicht für den Grabschauflungs-Prozess koordinieren soll – und die beiden kommen ins Gespräch. Dabei sind die Positionen eigentlich klar, schlussendlich aber nicht wirklich geklärt. Es besteht zwar eine Autorität dahingehend, dass die Aufgabenverteilung der beiden Persönlichkeiten geklärt ist, aber über dies hinaus besteht „Ein bitterkalter Nachmittag“ bis hin zum ziemlich bizarren Finale lediglich aus versteckten Andeutungen, interessanten Dialogen und einem Schriftbild, welches man aufgrund seiner intelligenten Verknüpfungen und Verquickungen durchaus als atemberaubend bezeichnen kann.
Doch was geschieht? Gute Frage, denn ‚es‘ auf den Punkt zu bringen, ist in der Analyse des Donovan-Debüts nahezu unmöglich. Die Dialoge sind das Vordergründige, und sie sind oft faktisch und auf eine ganz perfide Art und Weise auch emotional inszeniert, aber am Ende auch wieder nüchtern und sturköpfig vorgetragen. Die beiden Charaktere sind entschlossen, sich in irgendeiner Form gegen den jeweils anderen durchzusetzen und ihren Standpunkt zu wahren. Doch die Gründe für die Verbissenheit werden eben nicht näher angeführt, bleiben eine leise, stille Ahnung. Erst im allerletzten Abschnitt scheint sich das Ganze aufzulösen, und dies – man muss leider ‚bedauerlich‘ sagen – auf eine recht radikale Art. Der Bäcker präsentiert sich in einem noch finstereren Licht als in den einzelnen Kapiteln der Hauptstory, während der Lehrer eine Zerbrechlichkeit zur Schau stellt, die man nun absolut nicht voraussehen konnte. Die Quintessenz der Erzählung ist dementsprechend erschreckend hart, was man von diesem Autor ja auch genau so gewohnt ist. Aber irgendwie fehlt gerade in jener Endsequenz die Feinfühligkeit, den Plot auch fließend abzurunden und ihn eben nicht in einem Radikalschlag zu beenden. Das, was sich später in „Winter in Maine“ wie die Vollendung einer wunderbar-brutalen Story darstellte, ist in „Ein bitterkalter Nachmittag“ bei Weitem nicht so stark ausgeprägt und führt schließlich dazu (und auch davon kann man nicht absehen), dass man Donovan eine rapide Entwicklung bei der Konzipierung seiner Geschichten attestieren muss – dies aber im unvermeidbaren Vergleich zu deutlichen Ungunsten von „Ein bitterkalter Nachmittag“.
Andererseits ist der erste Roman des aufsteigenden Schriftstellers definitiv eine lohnenswerte Lektüre, zwar nicht das belletristische Meisterwerk, welches man sich nach der brillanten Vorgabe erträumt hatte, aber dennoch ein Roman, der vieles über uns Menschen sagt – und noch mehr über die Verkörperung und Umsetzung von Einstellungen bis hin zum absoluten Überlebenskampf.
An einem gemütlichen Kaminabend liest ein junger Mann seinen Freunden einen Brief der Gouvernante seiner Schwester vor. Diese übernimmt als junge Frau die Betreuung eines kleinen Mädchens und deren älteren Bruders auf dem abgelegenen, aber romantischen Landsitz Bly. Der Vormund der überschwänglich als engelsgleich beschriebenen Kinder möchte mit deren Angelegenheiten nicht behelligt werden. Nach einer Weile beginnt die Gouvernante, die Geister der verstorbenen früheren Gouvernante und des früheren Kammerdieners ihres Herren zu sehen. Plötzlich wittert sie hinter dem freundlichen Wesen der Kinder Falsch- und Verlogenheit. Schließlich steigert sie sich so stark in ihre Überzeugung, die Geister würden das Böse in den Kindern hervorbringen, hinein, dass die Geschichte nur ein unglückliches Ende nehmen kann.
Der |Manesse|-Verlag hat dieses Werk des amerikanischen Schriftstellers Henry James aus dem Jahr 1898 in einer überarbeiteten Version der Übersetzung von Ingrid Rein für den |ars vivendi|-Verlag wieder aufgelegt. Die Erzählung gilt als eine der rätselhaftesten Geschichten der Weltliteratur und wird von der Literaturtheorie als kompositorisches und sprachliches Meisterwerk gefeiert sowie unter verschiedenen Aspekten diskutiert.
Man muss nicht so weit gehen, „Die Drehung der Schraube“ als eine Horrorgeschichte zu betrachten. Hundert Jahre nach ihrem ersten Erscheinen kann sie höchstens eine leichte Gänsehaut hervorrufen. Was man ihr jedoch lassen muss, ist, dass man sie durchaus mehrmals lesen kann, denn mit dem Ende vor Augen, kann man sich umso besser auf die Details der Geschichte und auf das Nicht-gesagte konzentrieren sowie die Aussagen von Personen innerhalb des Handlungsgeschehens anders bewerten.
Die umständliche Einleitung über die mit zeitlicher Verzögerung herangebrachte Abschrift des Briefes findet jedoch keinen runden Abschluss, da es sich nicht um eine Rahmengeschichte handelt. Es wird nicht mitgeteilt, was die Zuhörer denken oder was aus der Gouvernante in späteren Jahren geworden ist, welche Konsequenzen ihr Handeln auf Bly eventuell gehabt haben mögen. Was man als gemeiner Leser für unausgearbeitete Handlungssprünge halten könnte, kann als kalkulierte Leerstellen betrachtet werden, die das Geschehen gleich der Umdrehung einer Schraube immer weiter vorantreiben, bis sie sich nicht länger weiterdrehen lässt. Die Geschichte ist voller Twists, nach denen der Leser seine Haltung dem Geschehen gegenüber jedes Mal prüfen und neu ausrichten muss. Das ist verhältnismäßig spannend, denn schon bei den unkritischen Lobpreisungen ihrer Schüler schleicht sich der Eindruck an, dass man sich auf die erzählende Instanz nicht verlassen kann.
|Manesse| hat, wie man es vom Verlag bei der Reihe „Bibliothek der Weltliteratur“ gewohnt ist, handwerklich solide gearbeitet. Der kleine Band präsentiert sich in Leinen gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Ein ausführliches Nachwort macht mit den wichtigsten Diskursen über das Werk vertraut und editorische Notizen befassen sich mit der Übersetzung. „Die Drehung der Schraube“ ist eine Erzählung, die den Leser fordert, ja geradezu auffordert, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wer dazu nicht bereit ist, wird keine Freude an dem Buch haben.
|Originaltitel: The Turn of the Screw
Übersetzung: Ingrid Rein
304 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3717523307|
http://www.randomhouse.de/manesse/
|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezensionen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1383 zur Hörspielumsetzung „Die Unschuldsengel“.|
In den fünfziger Jahren kommt der amerikanische Multimillionär Cyrus Ott auf die Idee, in Rom eine englischsprachige Zeitung zu gründen. Sie wird für die ersten Jahre zu dem Sorgenkind seines riesigen Imperiums: Sie ist ein Verlustgeschäft, doch er hegt und pflegt sie, hilft ihr immer wieder auf die Füße, umsorgt sie und hält sie am Laufen.
Doch all der ganze Elan, sein Durchhaltevermögen und sein Charme machen Cyrus nicht unsterblich; er fällt einer Krankheit zum Opfer und läutet damit das lange, bittere Sterben seines einst so geliebten Blattes ein. Gut ein halbes Jahrhundert nach der Gründung schließt die Zeitung für immer ihre Tore.
Während sie in den letzten Zügen liegt, werden schlaglichtartig Ausschnitte aus den Leben ihrer Mitarbeiter und Leser beleuchtet: Da ist Lloyd, seinerzeit Starregisseur, heute vor allem alt, verbraucht und hoffnungslos hinter dem Mond. Arthur, der für die Nachrufe zuständig ist und mit der Welt im Allgemeinen nicht so recht kompatibel erscheint. Hardy, die Reporterin für Wirtschaft und Finanzen, die über die erste Jugendblüte hinaus ist und fürchterliche Angst davor hat, allein zu altern. Herman, der sein Leben lang einem Idol nachgeeifert hat. Kathleen, die Chefredakteurin, effizient, kühl, wenig barmherzig. Winston, hoffnungsvoller und etwas ratloser Jungreporter in Kairo. Ruby, Textredakteurin, ein Urgestein bei der Zeitung, von allen gemobbt, aber immer noch da. Craig, der Nachrichtenchef mit der beunruhigend jungen schönen Frau, über die er sich selbst immer wieder wundert. Ornella, die die Zeitung komplett lesen möchte, alle Ausgaben, und mehrere Jahre hinterherhinkt. Abbey, die Finanzchefin, an der all die unangenehmen Entscheidungen hängen bleiben, die mit Kündigungen zu tun haben. Und schließlich Oliver Ott, ein Enkel des Gründers, Schöngeist und Verleger wider Willen. Sie alle haben ein Leben neben der Zeitung, teils eng damit verknüpft, teil losgelöst davon. Und ähnlich ihrem Blatt geht es ihnen allen nicht besonders gut.
_Kritik_
Es sind grelle Lichter, die Rachman auf seine Protagonisten richtet, und was wir da sehen, ist nicht besonders schön. Unglück, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Schmerz, Wut sind die vorherrschenden Gefühle in diesem Buch. Fast ist es, als hätte der Autor eine ähnliche Marotte wie John Irving, den Personen, die er erfindet, etwas Grässliches antun zu müssen.
Wie in den kurzen Zwischenkapiteln die fünfzig Jahre lange Existenz der Zeitung nachgezeichnet wird, ist wunderbar anschaulich gelöst; die Entwicklung vom völlig verrauchten Sechzigerjahrebüro mit den klappernden Schreibmaschinen hin zum stillen, stumpfen, computergesteuerten Büro einer Firma, die Anfang des 21. Jahrhunderts Pleite macht, ist eindringlich beschrieben.
„Die Unperfekten“ hat jede Menge Lorbeeren eingeheimst, es sei „unwiderstehlich“, „ein Knaller.“ Die |New York Times| sei fast ausgeflippt und so fort. Vielleicht war das einfach zu viel des Guten, vielleicht bin ich mit den falschen Erwartungen drangegangen: Dieser Roman und ich werden nicht beste Freunde. Stilistisch ist nichts zu beanstanden, er liest sich ausgesprochen angenehm, aber er ist mir zu düster, zu hoffnungslos, zu traurig und in all der niederdrückenden Stimmung auch eine Spur zu eintönig. Natürlich, es sind immer wieder neue kleine und große Katastrophen, die Rachmann seinen Schöpfungen angedeihen lässt, aber wenn man das Ganze mit dem einen oder anderen Lichtblick gewürzt hätte, hätte die Mischung aller Wahrscheinlichkeit nach viel spannender gewirkt. Knappe fünf Seiten, auf denen am Ende noch angerissen wird, was aus den Handelnden weiter geworden ist, waren mir nach all dieser Tragik etwas zu wenig. Wohlgemerkt, ich fordere kein Happy End voller „Ringelpietz mit Anfassen“ für alle; ein paar warme Facetten, ein kleiner Hinweis darauf, dass nicht jeder Mensch eine Insel sein muss, hätte mir schon gereicht.
_Fazit_
Da ich mit dieser Meinung verhältnismäßig allein auf weiter Flur stehe, muss ich wohl kaum betonen, dass es sich hier um meinen ureigensten subjektiven Eindruck handelt. Mein Fazit jedoch lautet: „Die Unperfekten“ ist ein guter, aber kein Spitzenroman. Er führt nicht durch Höhen und Tiefen, sondern nur durch Tiefen, bringt nicht zum Lachen und zum Weinen, sondern lediglich Letzteres. Wenn man ausschließlich nach dem Stil ginge, gäbe es nichts zu beanstanden; auch die Charaktere sind sorgsam ausgefeilt, aber wenn es an der Mischung für den richtigen Plot fehlt, reicht es im Gesamturteil bestenfalls für ein „Gut“.
|Taschenbuch: 400 Seiten
Originaltital: The Imperfectionists
Aus dem Englischen von Pieke Biermann
ISBN-13: 9783423248211|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
[tomrachman.com]http://tomrachman.com
Der Hofnarr Pocket befürchtet das Schlimmste, als sein Brotgeber König Lear seinen Töchtern die Frage stellt, wer von ihnen ihn am meisten liebt. Nicht eben überraschend kommt es zum Eklat und Pocket muss die Zähne zusammenbeißen: Die letzten Jahre hatte er ein Dach über dem Kopf, nannte ein paar Freunde sein eigen und musste nicht hungern. Jetzt dagegen zieht er im britannischen Winter mit einem König durch die Lande, der dem Wahn verfallen ist, sein leicht retardierter Auszubildender ist in der Hand eines Feindes und die verehrte Prinzessin weit entfernt.
Intrigen bedrohen den verblendeten König und seinen Narren von allen Seiten – gut, dass zumindest der alte Kent loyal ist, im Gegensatz zu den ganzen anderen wetterwendischen Nattern in des Königs Umfeld.
Pocket mag aber nicht nur stillhalten und zusehen, wie sich die Schlinge enger zieht, gegenteilig mischt er kräftig mit. Dass sich ein aufdringlicher Geist die ganze Zeit in seine Angelegenheiten einmischt, zerrt allerdings gehörig an seinen Nerven, und die Hexen, die er aufsuchen muss, machen die Situation nicht eben weniger gruselig.
Pocket bemüht sich nach Kräften, die Angelegenheit so zu drehen, dass es für ihn und seine Lieben von Vorteil ist. Dumm nur, dass er sich im Laufe der Zeit fragen muss, wer denn überhaupt seine Lieben sind. Im rauen Umfeld des drohenden Bürgerkriegs werden die Karten neu gemischt, und fast scheint es, als könnte der wortgewandte Narr sich diesmal nicht aus allem herausreden. Andererseits: Wozu gibt es schon übernatürliche Unterstützung, wenn nicht für die ganz hoffnungslosen Fälle?
_Kritik_
Pocket ist nicht einfach nur ein Hofnarr. Er ist eher so eine Art Inbegriff des Hofnarren, eine grimmige Waffe der Wahrheit in schwarzer Kleidung und mit lustigen Glöckchen an Kappe und Schuhen: Unzählige Leute fordern seinen Kopf, und er versteckt sein gutes Herz unter jeder Menge schrecklicher Äußerungen, Beleidigungen und allgemeiner Unflätigkeit.
Dass aber wirkliche Bosheit ihn immer noch schockieren kann, wird im Laufe der Geschichte doch offensichtlich, und man bringt dem fragwürdigen kleinen Mann einiges an Sympathie entgegen. Auch die anderen Charaktere sind schön geschaffen, teilweise zwar eng an die Eigenschaften angepasst, die sie seit des britischen Meisters Zeiten haben, teils aber auch herrlich ambivalent.
„Fool“ ist ein saumäßig dreckiges Buch, steckt aber voller Intelligenz. Wer nicht zimperlich ist, wird definitiv seinen Spaß haben. Es ist stilistisch homogen, wenngleich manchmal weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks.
Moore hat eine Art Parallelrealität erschaffen; nachdem er sich die Hintergründe zu Shakespeares „König Lear“ angeguckt hatte und verzweifelt war, hatte er entschieden, dass die Recherchen so weit auseinander liegende Fakten zu Tage fördern, dass man sie am besten nur als grobe Richtlinie benutzt. Und darin ist er einfach virtuos – wenn man nicht zu denjenigen gehört, die angewidert die Miene verziehen, weil sich ein nicht unwesentlicher Teil des Buches unter der Gürtellinie abspielt, kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus. Es hilft übrigens, wenn man „König Lear“ mal gelesen hat, wirklich notwendig ist es aber nicht für das Verständnis des Romans.
Moore hat brillante Einfälle, die er auf ebenfalls brillante Art und Weise umsetzt; seine Romane sind immer wie aus einem Guss und ohne jede Disharmonie in der Gesamtwirkung – was nicht heißt, dass sie nicht teilweise widerwärtig sein können. Widerwärtig, todkomisch, charmant und genial.
_Fazit_
Christopher Moore ist jetzt schon ein Kultautor, und ein Ende seines Schaffens ist glücklicherweise nicht abzusehen. Natürlich ist es Geschmackssache, ob man mit seinem derben Humor klarkommt oder nicht, allerdings ist die Intelligenz seiner Bücher schon ein bisschen Überwindung Wert, wenn man sich anfänglich nicht sicher ist.
Ich persönlich finde, dass jeder Christopher Moores Bücher lesen sollte. Er ist ein komisches Genie und jeder Verehrung Wert.
_Christopher Moore bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Bibel nach Biff“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=846
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Ji-won ist eine überragende Köchin. Ihr Chef erkennt ihr Potenzial und schickt sie mehrfach von seinem Restaurant in Seoul aus nach Italien, damit sie vor Ort Eindrücke und Rezepte sammeln kann. Schließlich verliebt sich die junge Frau und plant mit dem attraktiven Architekten Sok-ju eine gemeinsame Zukunft. Sie verlässt das Restaurant und gibt Kochkurse im eigenen Heim. Alles könnte perfekt sein, doch dann ist es ausgerechnet eine ihrer Schülerinnen, in die Sok-ju sich verliebt und für die er sie verlässt.
Ji-won liebt nicht leicht und schnell, sondern ernsthaft und bis an die Schmerzgrenze. Sok-ju hatte einst gesagt, dass er sie liebt, und in ihren Augen kann er das nicht zurücknehmen. Dass er dazu aber ganz offensichtlich doch in der Lage ist, bringt sie völlig aus dem Tritt. Sie schließt ihr Kochstudio, verliert ihren feinen Geschmacksinn und fast den Lebenswillen. Schließlich reißt sie sich zusammen und kehrt zu ihrem alten Arbeitgeber zurück.
Bei allen seinen Eigenheiten und trotz des Misstrauens, das er ihr ihrer obsessiven Liebe wegen entgegenbringt, weiß ihr ehemaliger Chef, was er an ihr hat, und stellt sie wieder ein. Redlich bemüht er sich auf seine schroffe Art, die desolate junge Frau wieder auf die richtigen Gedanken zu bringen. Ji-wons feine Sinne schärfen sich wieder; sie beginnt, all ihre Zeit in der Küche zu verbringen. Mit einem nicht unwesentlichen Schuss Fatalismus kocht sie sich immer näher an die Perfektion, aber auch den Wahn heran. Und schließlich ist ihr klar, was sie zu tun hat: Sie muss Sok-ju ein unfehlbar fantastisches Essen kochen, dann gehört sein Herz wieder ihr. Dafür aber braucht es jede Menge Vorbereitung und ganz bestimmte Ingredienzien …
_Kritik_
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Jo Kyung Ran dem Genuss eines wirklich guten Essens zur Totalität und ohne jede falsche Scham verfallen. Wer eine solche Liebeserklärung an Essen, Zutaten, Kompositionen, an Feinschliff, Aroma, Gerüche, Geschmacksentfaltung schreiben kann, der muss selbst Gourmet sein. Oder über eine so beängstigende Vorstellungsgabe verfügen, dass es der Realität schon nahe kommt.
Es ist pures übertragen-lukullisches Vergnügen, Ji-won über die Seiten zu folgen, und da wir die Geschichte aus ihrer Perspektive hören, bleibt uns nicht einmal ihr Wahn so fern, wie er es eigentlich sollte. Zwar fragt man sich anfangs schon, ob die Protagonistin nicht etwas übertreibt, und auch späterhin kann man sich quasi immer dazu beglückwünschen, dass man anders handeln würde als sie, aber man bleibt doch in einer sehr engen Umlaufbahn um diesen unglücklichen, perfektionistischen, begnadeten Charakter.
Es ist unglaublich spannend, den Weg der jungen Frau nachzuvollziehen und nie zu wissen, ob sie sich auf dem Weg der Besserung befindet oder ob sie gänzlich abgleiten wird. Stille, zarte Situationen wiegen den Leser in Sicherheit, sodass eine überraschend auftretende Stelle von totaler Widerwärtigkeit ihn völlig aus der Bahn wirft.
Sok-ju, der ungetreue Liebhaber, bleibt merkwürdig blass, hat er doch in persona nur eine kleine Rolle in Ji-wons Kampf ums Dasein. Außerdem kann er ja eigentlich nicht der sein, für den sie ihn hielt, denn ihr Traumbild hätte sie nie zu Gunsten einer anderen verlassen. Und so will sich das Bild, das Ji-won gedanklich zeichnet, nicht mit dem decken, das der Mann abgibt, wenn er tatsächlich auftritt.
Eckig und kantig, aber mit verblüffend sanften Facetten treten dagegen der Chef und die beste Freundin der Protagonistin auf: Beide auf ihre Art und Weise beschädigte Persönlichkeiten, befremdlich und liebenswert, so wie die Heldin selbst, wenn sie den Leser gerade nicht zu sehr erschreckt.
_Fazit_
„Feine Kost“ in ein in vielfacher Hinsicht delikates Buch. So sehr man teilweise aufspringen und in die Küche stürzen möchte, um eine Anregung direkt umzusetzen, so sehr kratzt Jo Kyung Ran teilweise an den Ekelrezeptoren. Der Roman vereint Widersprüche in sich, die eigentlich nicht vereinbar sind, überschreitet ohne mit der Wimper zu zucken Grenzen des guten Geschmacks und wirft sich gleichzeitig Verständnis voraussetzend an des Lesers Hals.
Ich habe die Lektüre genossen: Sie fordert, verführt und widert an und ist zu jedem Zeitpunkt kurzweilig. Ein Hammerroman!
|Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltital: Hyeo
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
ISBN-13: 9783630621852|
[www.randomhouse.de/luchterhand ]http://www.randomhouse.de/luchterhand/index.jsp__
[de.wikipedia.org/wiki/Jo__Kyung-ran]http://de.wikipedia.org/wiki/Jo__Kyung-ran
_Nach den schrecklichen Ereignissen_ in China ist Adrian bei seiner Mutter, um sich zu erholen, als sein Freund Walter plötzlich bei ihm auftaucht und ihm die aus China geretteten Sachen von Keira bringt. Unter anderem sind zwischen diesen Dingen auch Fotos, die Keira und Adrian zeigen. Erfüllt mit einer großen Trauer schaut Adrian sich die Bilder aus glücklichen Tagen an, bis ihm ein Foto in die Hände fällt, das Keira mit einer Narbe auf der Stirn zeigt. Diese hatte sie noch nicht, als der Unfall sie das Leben gekostet haben soll! Was nur bedeuten kann: Keira lebt.
Adrian ist ab diesem Moment nicht mehr zu halten und bereitet sich auf eine schnelle Reise Richtung China vor, um Keira zu suchen. Sein einziges Ziel ist nun, Keira zu finden, um mit ihr die Geheimnisse der beiden Anhänger zu lüften.
Die geheime Organisation setzt allerdings weiterhin alles daran, dieses Geheimnis zu schützen, und schreckt dabei vor nichts zurück, sogar Mord kommt für das Oberhaupt dieser Organisation durchaus in Frage.
_Kritik_
„Die erste Nacht“ ist die Fortsetzung vom Marc Levys mystischem Roman „Der erste Tag“ und schließt kurz nach den Vorfällen in China an. Wie auch in dem Vorgängerroman handelt „Die erste Nacht“ von zarten Liebesbanden, einem spannenden Abenteuer und der Mystik um die Entstehung der Menschheit.
Der Schreibstil des Autors setzt sich in der Geschichte fort. Flüssig zu lesen, baut Marc Levy wieder einen Spannungsbogen auf, der zu fesseln weiß. Die Spannung lässt den Leser nicht los, und zusammen mit Adrian und Keira macht der Leser sich auf, die Geheimnisse der Menschheit zu lösen und der finsteren Organisation möglichst immer einen Schritt voraus zu sein.
Wieder müssen sich die Protagonisten auf eine Reise quer durch die Kulturen und verschiedenen Länder machen, die bildgewaltig beschrieben sind. So kann sich der Leser leicht die Umgebung vorstellen und sich mitten im Geschehen wiederfinden.
Dem Autor gelingt es erneut, eine außergewöhnliche Mischung der verschiedenen Genres wie Thriller, Kulturgeschichte und Liebesroman zu schaffen. Viel Gefühl und atemlos machende Spannung verbinden die verschiedenen Genres zu einem perfekten Ganzen.
Aus wechselnden Perspektiven weiß der Leser immer, was die einzelnen Personen planen, und so steigt die Spannung. Die Erlebnisse von Adrian und Keira werden weiterhin aus Adrians Perspektive erzählt, die Vorhaben der übrigen Protagonisten aus der Sicht eines Beobachters. Die einzelnen Handlungsstränge verwebt der Autor zu einem vollkommenen Ganzen. Der Leser kann die Entscheidungen und Handlungen durch die verschiedenen Perspektiven sehr gut nachvollziehen.
Die Charaktere, die der Leser bereits in „Der erste Tag“ kennenlernen durfte, werden weiter ausgebaut, und auch die Motive der einzelnen Figuren sind klar nachzuvollziehen. Durch die vielschichtige Zeichnung und glaubwürdige Entwicklung der Protagonistin und Widersacher wirkt der Roman authentisch und nachvollziehbar. Auch die Beziehungen unter den Figuren reifen und vervollkommnen die Geschichte. Am Ende des Romans bleibt keine Frage mehr offen und das Ende ist schlüssig.
Das Cover ist passend zum ersten Teil gestaltet. Diesmal in Dunkelblau gehalten, zeigt es über einer Landschaft den Sternenhimmel. Und eine männliche Hand hält das Tuch, das schon auf dem Cover des Romans „Der Erste Tag“ von einer Frauenhand gehalten wird.
_Fazit_
Auch der zweite Teil „Die erste Nacht“ von Marc Levy ist als gelungen zu bezeichnen. Die Geschichte setzt sich fort und zum Ende werden alle offenen Fragen entschlüsselt. Marc Levy hat mit den beiden Romanen dieser Serie etwas für ihn Neues entworfen, was sich von seinen sonstigen Werken abhebt, seinen Fans dabei durchaus gefallen dürfte und auch eine neue Fangruppe erschließt.
Lesern mystischer, spannender Geschichten ist „Die erste Nacht“ klar zu empfehlen, der erste Teil „Der erste Tag“ gehört dabei zur Geschichte und sollte auf jeden Fall zuerst gelesen werden, da „Die erste Nacht“ darauf aufbaut.
_Autor_
Marc Levy ist 1961 in Frankreich geboren. Mit achtzehn Jahren engagiert er sich beim französischen Roten Kreuz, für das er sechs Jahre tätig ist. Gleichzeitig studiert er Informatik und Betriebswirtschaft an der Universität in Paris. Von 1983 bis 1989 lebte er in San Francisco, wo er sein erstes Unternehmen gründete. 1990 verließ er die Firma und eröffnete mit zwei Freunden ein Architektenbüro in Paris. Er entdeckte schon früh seine Liebe zur Literatur und zum Kino und schrieb mit siebenunddreißig Jahren seinen ersten Roman, |Solange du da bist|, der von Steven Spielberg verfilmt und auf Anhieb ein Welterfolg wurde. Seitdem wird Marc Levy in zweiundvierzig Sprachen übersetzt, und jeder Roman ist ein internationaler Bestseller. Marc Levy, der mit seiner Familie in New York lebt, ist mit 20.000.000 verkauften Büchern der erfolgreichste französische Autor weltweit. (Verlagsinfo)
|Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Originaltitel: La première nuit
ISBN-13: 978-3764503796|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet
_Marc Levy bei |Buchwurm.info|:_
[„Solange du da bist“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3325
[„Kinder der Hoffnung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5190
[„Der erste Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6715
Becky ist zurück, und das schon zum sechsten Mal! Viele turbulente Abenteuer haben wir mit ihr bereits durchgestanden, doch in diesem Buch trifft es sie besonders hart: Da die Wirtschaft in einer dicken Krise steckt und Banken pleite machen, ist Sparen angesagt. Beckys Mutter bekommt Einkaufsverbot von ihrem Mann auferlegt und auch Becky gibt ihrem Mann Luke in einer schwachen Minute das Versprechen, jedes Teil aus ihrem Kleiderschrank dreimal anzuziehen, bevor sie sich etwas Neues gönnt. Doch hätte sie natürlich nie damit gerechnet, dass sie somit ein Dreivierteljahr lang Shoppingpause einhalten muss. Da hilft nur eins: Mehr für ihre zweijährige Tochter Minnie einkaufen, gerne auch auf Vorrat, beispielsweise ein schickes Abendkleid, das Minnie zu ihrem 21. Geburtstag anziehen und bis dahin ihrer Mutter leihen könnte.
Becky Brandon, ehemals Bloomwood, ist also trotz Finanzkrise ganz die Alte geblieben. Shopping geht ihr über alles und das zeigt sich auch an Minnie, die leicht verwöhnt scheint, da ihr jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Es ist nicht alles rosig in diesem Shopaholic-Roman, denn der Hauskauf zieht sich immer länger hin, sodass Becky, Luke und Minnie immer länger bei Beckys Eltern wohnen müssen. Denen geht es allerdings langsam auf den Keks, dass überall Zeugs herumsteht und Becky sogar die Garage mit ihrem Kram voll gestellt hat.
Im Job dagegen läuft es für Becky bestens, da sie die Wirtschaftskrise voll für sich nutzen kann: Viele ihrer Kundinnen haben von ihren reichen Ehemännern ein Einkaufsverbot erteilt bekommen, doch Becky hat die rettende Idee: Die neu geshoppten Klamotten werden unauffällig in einem Karton mit dem Aufdruck „Druckerzubehör“ geliefert oder in einem Altkleidersack von einer spendablen „Nachbarin“ gebracht, die in diesem Fall natürlich Beckys Kollegin Jasmine ist. So geht der Umsatz in Beckys Abteilung rapide bergauf, bis ihr Chef zu fragen beginnt, was ihr Erfolgsgeheimnis ist und Becky aufzufliegen droht …
Langeweile kommt auch in diesem Buch nicht auf, denn Becky hat sich vorgenommen, Luke zu seinem Geburtstag mit einer großen Party zu überraschen, da er seinen Geburtstag sonst nie feiert. Großspurig hat Becky erklärt, dass sie dafür keinerlei Hilfe benötigen würde. Doch schnell muss sie erkennen, dass es tausend Dinge gibt, an die sie denken muss und dass man nichtmal eben schnell ein großes Festzelt gegen zwei Handtaschen tauschen kann. Probleme sind also wieder einmal vorprogrammiert, damit aber auch Beckys oft unkonventionelle und umso witzigere Lösungswege!
_Einkaufssüchtig_
Auch in diesen Buch treffen wir auf Becky Brandon, wie wir sie kennen und lieben. All ihre Gedanken kreisen nur ums Shoppen. Und auch als sie eigentlich Shoppingverbot hat, erfindet sie Ausreden, wie sie schließlich doch etwas kaufen kann. Beispielsweise indem Tochter Minnie als Ausrede herhalten muss für ein feines Abendkleid, das dieser noch etwa 19 Jahre lang nicht passen dürfte. Als auch Beckys Mutter immer schlechtere Laune in Anbetracht des Einkaufsverbots bekommt, überfallen die beiden gemeinsam mit Nachbarin Janice und Beckys Schwester Jess einen Pound-Shop, wo alles – wie der Name schon sagt – nur ein Pfund kostet. Doch ein halbes Dutzend vollgepackte Einkaufstüten voller Artikel gelten natürlich eigentlich auch als Einkauf …
Und so kommt es wie es kommen muss: Eine Nanny, die eigentlich herausfinden soll, wie man Minnies Aufmüpfigkeit kurieren kann, stellt fest, dass Becky nicht nur gerne einkauft, sondern süchtig ist nach Shoppen und daher in Therapie gehört. Das gefällt dieser selbstverständlich überhaupt nicht, doch Luke ist beunruhigt, da die Nanny befürchtet, dass Beckys Verhalten ohne Therapie auf die kleine Minnie abfärben könnte.
Dieses sechste Buch der Shopaholic-Reihe ist dennoch ein ziemlich Ungewöhnliches, da Becky tatsächlich größtenteils shoppingabstinent lebt und schweren Herzens nichts für sich zum Anziehen kauft. In dieser Konsequenz erlebe ich das zum ersten Mal. Als Becky in die konkreten Planungen für Lukes Überraschungsparty einsteigt und merkt, dass ihr diese finanziell komplett über den Kopf hinaus wächst, gibt Schwester Jess ihr den Tipp, gewisse Dienstleistungen und Dinge für die Party einzutauschen. Und so versucht Becky, Handtaschen, Sandalen und Mäntel gegen ein Festzelt, einen Feuerschlucker, einen Jongleur und einen Catering-Service zu tauschen. Aber natürlich geht auch dieses wie gewöhnlich bei Becky nicht ohne Katastrophen ab und sorgt dadurch für jede Menge Unterhaltung.
Wieder einmal ist Becky Brandon herrlich chaotisch, manchmal aber auch eigensinnig, dafür aber auch kreativ und liebenswürdig. Trotz der Finanzkrise schafft sie es, mit einer ungewöhnlichen Idee die Gewinne ihrer Abteilung noch zu steigern. Nur bei den Partyvorbereitungen macht sie sich nicht immer Freunde. Denn als ihre beste Freundin Suze ihre Hilfe anbietet, weist Becky sie brüsk zurück und muss dies hinterher bitter bereuen. Dabei tut sie dies alles nur, um ihren geliebten Ehemann zu überraschen, der sonst nie seinen Geburtstag feiert. Auf dem Weg zu dieser Party geschieht noch das eine und andere Missgeschick, doch Becky findet für alles eine Lösung.
Die ganze Buchreihe wäre natürlich nichts ohne Becky und all ihre Macken. Meist ist sie sehr liebenswürdig dabei und auch sympathisch, doch zugegebenermaßen geht sie einem manchmal auch etwas auf den Keks. Manche Situationen sind einfach zu sehr überzogen, sodass man sich fragen muss, ob Becky wirklich schon erwachsen ist. Denn sie manövriert sich immer wieder in unmögliche Situationen, tritt in das eine oder andere Fettnäpfchen und kann ihren Kopf oft genug bloß im letzten Moment aus der Schlinge retten. Glücklicherweise kriegt Sophie Kinsella in diesem Buch immer schnell die Kurve, sodass Beckys Marotten nie so sehr stören, dass man das Buch entnervt zur Seite legt. Zugegebenermaßen ist es aber auch eine Gratwanderung für Kinsella, ihre herrlich chaotische Figur nicht zu sehr über die Stränge schlagen zu lassen. Denn manchmal sind es auch genau diese Eigenarten, die mich über eine Szene haben lachen lassen, z. B. als Becky sich auf der Kunstausstellung an der Schule ihres Patenkindes Ernie als Kunstprofessorin vom Guggenheim Museum ausgibt und der Rektorin versichert, dass Ernie über ein ganz besonderes künstlerisches Talent verfügt.
_Überraschung gelungen_
Auch wenn das sechste Buch rund um Becky Brandon den Titel „Mini Shopaholic“ trägt, so tritt Minnie Brandon doch eher in den Hintergrund. Im Mittelpunkt des Buches stehen vielmehr der turbulente Weg zu Lukes Überraschungsparty, Beckys Planungen und all die Katastrophen, die auf dem Weg zur perfekten Party geschehen. Ehrlich gesagt ist die Story an sich dadurch recht dünn. Zwar geschehen nebenbei immer irgendwelche Dinge, sodass beim Lesen nie Langeweile aufkommt, aber im Nachhinein fand ich die Geschichte an sich recht mager.
Nichtsdestotrotz fügt sich dieses Buch – trotz Finanzkrise und damit einhergehender Shoppingabstinenz – wunderbar in die ganze Shopaholic-Reihe ein, die mich schon seit geraumer Zeit hervorragend unterhält. Sophie Kinsella schafft es einfach ein ums andere Mal, ihre Leserinnen mit viel Wortwitz, abstrusen Szenen und einer sympathischen und etwas chaotischen Figur zu unterhalten. Und da in diesem Buch noch einige Fragen offen geblieben sind, fiebere ich schon jetzt dem nächsten Abenteuer von Becky Brandon entgegen.
An einem ganz normalen Dienstag im Februar um genau zehn nach acht am Morgen verändert sich Vera Hagedorns Leben für immer. Sie ist schlappe 40 Jahre alt und glücklich mit ihrem Mann Marcus verheiratet. Zumindest glaubt sie das. Doch wie der Zufall es will, findet sie dank einer Nachlässigkeit ihres Ehegatten und dank Facebook heraus, dass er schon seit längerem eine Geliebte hat. Wie gut, dass sie zu dieser Zeit bereits in Berlin bei ihrer Freundin Johanna weilt, um sie nach einer Brustvergrößerung zu unterstützen. Dort beginnt Vera, ihr Leben gründlich umzukrempeln, um Marcus zurück zu gewinnen. Das Seminar „Nackt besser aussehen“ ist es schließlich, dass ihr endlich wieder eine Portion Selbstbewusstsein schenkt und sie erkennen lässt, dass sich durchaus auch andere Männer für sie interessieren. Daheim in Stade beginnt Marcus derweil, mit seiner Geliebten zu hadern …
_Wendepunkte_
Vera Hagedorn ist die typische Vertreterin des Frauenromans – eine Frau mittleren Alters, die mit Figur und Selbstbewusstsein hadert, verheiratet ist – aber natürlich nicht überaus glücklich – und die beginnt, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Bei Vera ist es ein Anruf ihrer Freundin Johanna – eine „Künstlerin“, mit der Marcus nie warm geworden ist -, der die Dinge ins Rollen bringt. Eigentlich wollte Johanna ihre Freundin Vera nur zu einer Ayurveda-Kur mitnehmen und sie bitten, nach Berlin zu kommen, um ihr nach einer OP unter die Arme zu greifen. Doch als Vera in Berlin Marcus‘ Laptop aufklappt, stellt sie fest, dass er sich bei Facebook nicht ausgeloggt hat. Mit einem nur winzig schlechten Gewissen beginnt sie, seine Nachrichten zu durchstöbern und wird auch sofort fündig. Vera fällt aus allen Wolken, denn mit diesem Betrug hatte sie nie gerechnet!
Glücklicherweise haben Johanna und Vera auf ihrer Ayurveda-Kur Bekanntschaft mit Erdal gemacht – den aufmerksame Ildikó von Kürthy-Leserinnen bereits gut kennen. Dieser schleust Vera kostenlos beim Seminar „Nackt besser aussehen“ ein, da er den Personal Trainer und die Ernährungsberaterin sehr gut kennt. Erdal und Johanna sind es, die Vera in allen Lebenslagen gut zureden und ihr hilfreiche Tipps geben, um Marcus zurück zu gewinnen. Die beiden übernehmen dabei die Rolle der besten Freundinnen, was natürlich hervorragend zum sympathischen Erdal passt, der mit seinem Lebensgefährten, einer guten Freundin und deren Kind (dessen Vater unbekannt ist) zusammen lebt.
Ildikó von Kürthys Romanfiguren entsprechen durchweg dem Klischee des guten Frauenromans. Wir haben die weibliche Hauptfigur, die gerade mitten in einer Lebenskrise steckt, ihre gute Freundin, die mit deutlich mehr Selbstbewusstsein ausgestattet ist und ihr daher gut zureden kann, und den Schwulen Halbtürken Erdal, der bereits in zwei anderen Büchern der Hamburger Journalistin aufgetreten ist. Von Kürthy bedient geschickt sämtliche Klischees, weiß aber dank ihres Wortwitzes dennoch gut zu unterhalten. Wie immer beherrscht sie das Stilmittel der Übertreibung ausgesprochen überzeugend und bringt dadurch ihre Leserinnen mindestens einmal zum Schmunzeln. Zudem stellt sie ihren Kapiteln jedes Mal das Zitat einer bekannten Persönlichkeit voran, die oftmals ebenfalls hervorragend gewählt sind, wie z.B. der Ausspruch Liz Taylors: |“Abschminken heißt, das Alter auf den neuesten Stand zu bringen.“| Woraufhin Ildikó von Kürthy sogleich passend anschließt: |“Johannas Freundin Sabine, Maskenbildnerin an der Volksbühne, hat mir in der vergangenen Stunde ein Gesicht zurechtgeschminkt, das ich nach dem Abschminken mein Leben lang schmerzlich vermissen werde.“|
Auch in diesem Roman schafft es Ildikó von Kürthy, ihren Leserinnen aus der Seele zu sprechen. So grübelt Vera Hagedorn beispielsweise darüber nach, wie frustrierend es ist, Hosen einkaufen zu gehen, wenn die Verkäuferin im Laden das gleiche Hosenmodell trägt wie man selbst – allerdings zwei Nummern kleiner und mit Gürtel. Ja, das sind Gedanken und Sorgen, die die meisten Frauen durchaus nachvollziehen können, sodass man sich von diesem Buch wieder einmal persönlich angesprochen fühlt.
_Verwirrend_
Ein Manko hat das vorliegende Buch allerdings doch, und zwar den Aufbau der Geschichte. Zunächst erzählt Ildikó von Kürthy uns, dass sich an besagtem Dienstag Vera Hagedorns Leben ändern wird. Dann aber ergeht sich die Autorin zunächst in vielen Rückblenden, um ihre Protagonisten vorzustellen. Und an einem späteren Zeitpunkt fällt plötzlich die Information vom Himmel, dass Marcus seine Frau betrügt und erst in den darauf folgenden Kapiteln erfahren wir, wie Vera diesen Betrug aufgedeckt hat. Die Geschichte wirkt dadurch mitunter ein wenig chaotisch, da man manchmal gar nicht genau weiß, ob man sich gerade in der Gegenwart befindet oder doch in einer Rückblende. Natürlich muss ein Buch nicht strikt chronologisch aufgebaut sein, doch von Kürthy springt mir zu häufig hin und her, sodass ich ihren Erzählstil dieses Mal ziemlich verwirrend fand. Zudem ist die Geschichte an sich – die betrogene Ehefrau, die ihren Ehemann zurück gewinnen möchte – leider keine sonderlich innovative. Schon häufig hat man derartige Storys gelesen, sodass die Autorin auch hier nicht punkten kann.
Unter dem Strich werden von Kürthys Fans sicherlich gut unterhalten, doch neue Anhängerinnen dürfte die Autorin dieses Mal nicht hinzu gewonnen haben. Dafür ist die Story etwas zu platt, die Charaktere ein wenig zu klischeebesetzt und die Geschichte etwas zu chaotisch erzählt. Dem gegenüber steht allerdings von Kürthys Wortwitz, der mir auch dieses Mal das eine oder andere Lächeln ins Gesicht gezaubert und dafür gesorgt hat, dass ich das vorliegende Buch gerne und schnell durchgelesen habe.
Damon reist, und zwar nicht wie jeder andere: Mal in den Urlaub, mal zu Freunden. Damon reist wie ein Getriebener, immer auf der Suche nach etwas, immer angespornt von einer bestimmten inneren Unruhe. Zuhause fühlt er sich nirgends, ein Haus hat er nicht, ein bestimmter Ort erfüllt ihn nicht mit Ruhe und Frieden.
Er hat Freunde in der ganzen Welt, wie es scheint, und nur wenig Berührungsängste: Besucht hier mal jemanden, trifft sich dort mit einem Bekannten, reist hier wiederum ein Stück mit einem Fremden. Aber enge Bindungen aufzubauen und zu erhalten, scheint ihm schwer zu fallen, und das Wissen darum macht ihm zu schaffen.
Damon ist in drei Geschichten jedes Mal ein Anderer: Er ist der Gefährte eines Grenzgängers, ein Mitreisender, ein Gefangener in einem sehr komplizierten Abhängigkeitsverhältnis, das von Anfang an von einem gewissen Fatalismus geprägt ist. Er ist der Liebende, der die bindende Macht der Anziehung und die trennende Kraft der Sprachbarrieren neu ausloten muss, für den Wunsch und Umsetzung zu zwei Lichtjahre voneinander entfernten Welten gehören. Und er ist der Beschützer, der guten Glaubens und blauäugig sich einer Freundin erbarmt, in deren Brust zwei Seelen streiten: Persönlichkeitsspaltung.
Immer ist die Ausgangssituation dieselbe: Es ist die Reise, das Fernsein vom Altbekannten, das es einfacher macht, sich auf Fremdes einzustellen, Unbekanntes als gegeben hinzunehmen. Damon, so in sich gekehrt und wenig glücklich er sein mag, ist auf gewisse Art und Weise völlig frei: Frei, sich auf Neues einzulassen, frei von Bindungen. Dass die andere Seite der Medaille Einsamkeit heißt, ist ihm schmerzlich bewusst, und es ist nicht zuletzt die Suche nach Nähe, die ihn immer wieder in die Ferne treibt.
_Kritik_
Damon Galgut ermöglicht in seinen drei Reisegeschichten jedes Mal einen faszinierend neuen Blick auf seinen namensgleichen Protagonisten: Da wir über diesen Damon wenig erfahren, wird er durch die Interaktion mit den anderen Personen jedes Mal in einem etwas anderen Blickwinkel dargestellt und erhält Facetten hinzu, die man früher nicht an ihm vermutet hätte.
Durch Galguts Kunstgriff, teilweise in der dritten und teilweise in der ersten Person zu berichten, wird eine ganz besondere Form von Nähe geschaffen, die wahrscheinlich durch einen ausschließlichen Ich-Erzähler nicht so gegeben gewesen wäre: Es scheint, als würde der Autor versuchen, objektiv und mit Blick von außen zu berichten, aber immer wieder daran scheitern, sobald eine Situation emotionaler wird, so dass er unwillkürlich in die Introspektion der ersten Person zurückfällt. Natürlich ist das beabsichtigt, aber es ist genial erdacht und toll umgesetzt: Die stille, zurückgenommene Erzählweise bekommt dadurch eine weitere, intensive Dimension hinzu.
Es ist fast schon absurd, wenn man im Nachhinein auf die beschriebenen Personen zurückblickt und feststellt, dass fast keine davon ein tatsächlicher Sympathieträger war. Es ist Galguts Blick auf die Menschen, auch auf sich selber, der Fehler und Unzulänglichkeiten aufnimmt, nicht zu Gunsten schönerer Punkte über sie hinwegsehen kann. All die dargestellten Menschen sind befangen in ihren Ansichten, Überzeugungen, Ängsten; selbst diejenigen, die dem Protagonisten ganz offensichtlich sympathisch sind, erreichen immer irgendeinen Punkt, an denen Kleinmut oder auch Fatalismus sie plötzlich innerlich hässlich macht. Und das ist wohl die traurigste Begründung für Einsamkeit, die man sich nur ausdenken kann.
_Fazit_
„In fremden Räumen“ ist kein rasantes Buch. Es sind drei sehr fein konstruierte Erzählungen, die aber alle eine gewisse Form von Wucht besitzen. Es überrascht kaum zu erfahren, dass der Autor selbst sehr viel auf Reisen ist: Er weiß genau, was ein fremdes Umfeld mit den Menschen anstellen kann, kennt die Grenzen des Möglichen und hat ganz offensichtlich ausgelotet, wie Nähe und Ferne in der Fremde und zwischen Fremden entstehen können.
Es handelt sich um melancholische Geschichten, sprachlich betörend und menschlich bedrückend. „In fremden Räumen“ ist schön, aber hoffnungsarm. Man muss wissen, ob man sich darauf einlassen möchte, wenngleich ich es jedem nur ans Herz legen kann, denn die Güte dieser Geschichten ist unbestritten.
|Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Originaltitel: In a Strange Room
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
ISBN-13: 9783442546756|
[www.randomhouse.de/manhattan]http://www.randomhouse.de/manhattan
[www.marabout.de/Galgut]http://www.marabout.de/Galgut
Jonathan Franzen hat schlicht und einfach erkannt, dass die Herausforderung, die ein neuer Roman nun mal unwiderruflich darstellt, nicht zwingend das Ergebnis eines akuten Selbstzwangs, möglichst zeitnah und dramaturgisch hochwertig arrangiert, sein muss, sondern in letzter Instanz immer noch das Resultat eines kontinuierlichen Reifeprozesses, für den es vor allem anhaltender Ruhe bedarf. Mit der Veröffentlichung seines endgültigen Durchbruchs „Die Korrekturen“ im Jahr 2001 lastete auf dem seinerzeit noch relativ frischen Shooting.Star der belletristischen Poesie mit einem Mal ein gehöriger Druck, die Kunstfertigkeit seines insgesamt erst dritten Romans möglichst bald auf eine weitere Erzählung zu übertragen. Doch der gedrungene Transfer blieb bis dato aus, selbst wenn Franzen nie vollständig von der Bildfläche verschwunden war. Das autobiografische „Die Unruhezone“ und die Neuinterpretation von Frank Wedekins „Frühlings Erwachen“ sorgten für die stoffliche Wahrung seines Daseins, waren aber trotz ihrer individuellen Klasse keine lukrativen Argumente, dem Autor die Hingabe zu schenken, die sein bis hierhin bestverkaufter Titel erhaschen konnte. Doch Jonathan Franzen wusste um die Macht der Unberechenbarkeit und konzipierte im Hintergrund in langsamen, fast schon elegischen Teilschritten sein neues Meisterstück. „Freiheit“, ganz schlicht und dennoch sehr vielsagend betitelt, ist schließlich die vierte eigene Ausgabe und als solche vielleicht auch das zwischenzeitliche Grand Finale des wortgewandten Amerikaners. Und dies wohlgemerkt auf Basis eines Plots, der nicht viel mehr zu leisten vermag, als das Klischee der typisch amerikanischen Familie aufzugreifen, vielleicht auch neu zu bewerten, es aber dann doch in den entsprechenden Passagen in Stücke zu reißen, um der Story diese herausragenden, markanten Konturen zu verpassen.
_Das Drama des Alltags_
Dass Franzen in seiner Analyse jedoch so typisch untypisch vorgeht, mag gerade den medialen Neuling verschrecken, vorrangig aus der Erwartungshaltung, der Autor sei in seinem Ansinnen, einen packenden Bericht zu verfassen, von einem viel theatralischer inspirierten Drang getrieben. Konträr zu der allgemein gängigen Erwartungshaltung, eine Beschreibung einer Personenkonstellation, die in dieser Form millionenfach am Reißbrett entworfen werden könnte, müsse einen gewissen spektakulären Ansatz verfolgen, um die nötige Begeisterung auszulösen, bewahrt sich der Bestseller-Schreiber die bereits zuvor entdeckte Ruhe bei der Strukturierung seines Buches mit einer zunächst schon beinahe ernüchternden Konsequenz. Die Ausgangssituation, die das Leben der Familie Berglund und ihren Stand und Rang in der momentanen Nachbarschaft beschreibt, könnte eigentlich auch einem Allerweltsreport einer lokalen Tageszeitung entspringen, so austauschbar und bekannt scheinen Personen und Zutaten, mit denen der Plot vorab gefüllt wird. Walter und Patty Berglund bewohnen einen schlichten Bungalow in einer mittelständigen Wohnsiedlung, schlagen sich mit den Problemen ihrer pubertierenden bzw. fast erwachsenen Kinder herum und machen erst einmal den unfassbaren Eindruck, als hätten sie bereits mit der Simplizität ihres Alltags abgeschlossen, sich abgefunden und akzeptiert, dass ein Wendepunkt in ihrem eigentlich recht trostlosen Leben ein Wunschgedanke ist, zu dem sich keiner der Beteiligten je durchringen könnte. Der Ist-Zustand ist bedrückend, ja vielleicht auch verzweifelt, aber er ist die Summe aller Dinge, die eine sehr bewegte Vergangenheit hervorgerufen hat. Und damit findet Franzen schließlich den Einstieg in das faszinierende Monstrum, das er in „Freiheit“ mit aller Bedächtigkeit konstruiert und über einen Strang aus mehr als 700 Seiten zum Leben erweckt hat.
Und diese Vergangenheit, ja auch sie ist typisch amerikanisch, allerdings mit einer Masse an kleinen Details angereichert, die „Freiheit“ erst zu dieser gedankenschweren Geschichte avancieren lassen. In erster Linie stehen natürlich Beziehungen und ihre Auswirkungen auf die vorangeschobene Momentkonstellation im Raume, und alleine diesem Umstand verdankt Franzen den Stoff für mehr als die Hälfte seines Romans. Eine besondere Vorliebe hat er hierbei für seinen vielleicht dramatischsten Charakter entwickelt, dessen selbst-destruktives Wesen das Drama der Schlichtheit und Verzweiflung über viele Episoden auf den Punkt bringt. Patty Berglund als Protagonistin mag zwar nur eine von vielen tragenden Persönlichkeiten in „Freiheit“ sein, aber in ihr vereint sich all der Stoff, auf dem der Autor seine ereignisreichen Applikationen einzunähen gedenkt. Als einstige Sportskanone am College gefeiert verliebte sich die junge Patty in den hübschen Richard Katz, einen egozentrischen Jungmusiker, dessen linksgerichteten politischen Ansichten nur ein Part seiner revolutionären, rebellischen und letzten Endes anzüglichen Ausstrahlung darstellte. Doch Katz kann der Rolle des fokussierten Studenten nur bedingt gerecht werden, da er seine Jugend exzessiv lebt. Drogen, Alkohol, Frauen – in ihm spiegelt sich der Geist des Rock & Roll wieder und er lässt sich in aller Intensität von ihm verführen. Dem gegenüber steht sein Mitbewohner Walter Berglund, ein unscheinbarer Visionär, dessen Stärken weniger in seinem Selbstbewusstsein als viel mehr in seiner Wissbegierigkeit verankert sind. Er als krasses Anti-Objekt zu Katz‘ brutal-reißerischer Jugendlichkeit und der durchgängigen Unkonventionalität, mit der dieser gegen Strukturen und moralische Spielregeln verstößt, scheint lediglich zu funktionieren. Und dennoch ist es er, der langfristig das Rennen macht, dem Patty seine Gunst erweist, und der ihren versteckten Frust, niemals Zugang zu der Welt von Katz‘ Begierden bekommen zu haben, Jahrzehnte austragen muss. Ihre Hochzeit erscheint vor allem aus ihrer Perspektive als das Resultat einer Trotzreaktion, einer heimlichen Gegenrebellion gegen Katz‘ hinterhältig ehrlichen Starrsinn, doch da Patty letzten Endes über eben so wenig Durchsetzungsvermögen verfügt wie der Mann an ihrer Seite, lassen sich beide auf einen Kompromiss ein, der ihnen genau das raubt, was sich in ihrem Leben schon immer als unerreichbares Gut herausgestellt hat: Freiheit!
|Der Konflikt der Generationen|
Es ist daher bemerkenswert, wie beharrlich sowohl Walter als auch Patty an ihrer Liebe festhalten. Erstgenannter hadert zwar erst später, als seine Ehefrau sich zum ungenießbaren Objekt weiblicher Mangelerscheinungen entwickelt und ihre heimliche Leidenschaft für Richard dringlicher denn je in ihrem Unterbewusstsein verarbeitet, doch die Einigkeit über die Tatsache, dass man sich vorschnell zusammengerauft hat, ohne dabei der Liebe eine Chance zu geben, wird auch ihm zum Verhängnis. Es folgen Affären, schmutzige Geschichten, noch nuancierter versteckte Momente der Verzweiflung und schließlich ein mentaler Engpass beiderseits, der Patty in die Depression und Walter immer weiter ins Abseits schleudert. Und als Richard Katz, der immer noch ein stiller Vertrauter der Berglunds geblieben ist und von den Tücken des Musik-Business‘ unbarmherzig verfolgt wird, seine Präsenz wieder auf seine engsten Freunde beschränkt, nimmt erst das seinen Lauf, was sich auf poetische Art und Weise über unzählige nicht näher erfasste Kapitel angedeutet hat, aber schon nicht mehr um Bestätigung gebuhlt hat. Doch mehr als dies scheint zur Halbzeit der Punkt erreicht, an dem Franzen seine Berechenbarkeit ad acta gelegt und final einer literarischen Freizügigkeit geöffnet hat, die im schlichten Rahmen die denkbar effizienteste Stilistik zugeordnet bekommt. Und ihre Faszination dennoch aus ihrer unkomplizierten Simplizität erfährt!
Allerdings ist das moralische Debakel nicht nur jenes, welches sich auf das Berglund-Pärchen beschränkt. Es sind ihre Kinder, die jeweiligen Eltern und all ihre stillgeschwiegenen, aber schlussendlich auf dem Präsentierteller dargelegten Probleme und Konflikte, die sich durch die zahlreichen Nebenstränge ziehen und das faszinierende Segment in Franzens Roman füttern. Wenn Patty, die ihr als Biografin fungiert und letztendlich die Tragödie ihrer Familie auch mit einer gewissen Wertung versieht, über ihre überfrachtete Liebe zu ihrem Sohn Joey referiert und sich schmerzlich von ihm distanziert, als dieser seine Jugendliebe ehelicht, nimmt die Tragik von „Freiheit“ ungeachtete Formen an und geht weit über das hinaus, was man zu Beginn hätte erwarten können. Doch dabei sind es eigentlich diese anders definierten Parallelen, von denen eine ganz spezielle, eigentlich leicht greifbare, aber ebenfalls enorm bemerkenswerte Magie ausgeht. Auch Joey verschwendet ungeachtet seiner eigentlichen Ansichten einen Wust an Energie damit, die Aspekte seiner persönlichen Freiheit von oberflächlichen und außenstehenden Umständen eingrenzen zu lassen, und interpretiert somit die Rolle von Vater und Mutter auch nur in einer zeitgemäßeren Nachahmung.
Fehler wiederholen sich, werden jedoch aus einer völlig anderen Perspektive erforscht, moralisch auch bewertet, aber dennoch nicht durch zu viele rezitative Wiederholungen verschlissen. Franzen entwirft insgesamt eine nicht mehr einzugrenzende Zahl von Sichtweisen auf Verfehlungen und charakterliche Schwächen, die in ihrer Ausprägung ähnlich konstituiert sind, fängt sie dann aber wieder mit einer besonnenen Lässigkeit auf, die man auch als permanente Entschuldigung für die Fehlleistungen des menschlichen Handelns auffassen kann. Denn zu guter Letzt sind Walter Berglund, seine manische Gattin Patty und auch ihre Angehörigen in drei Generationen Menschen, die dem amerikanischen Alltag kaum besser angepasst sein könnten. Und als Beweis dafür, dass auch die schlichteste Familienpräsenz jeden Tag mit einer neuen (wenn auch nicht ganz so weit ausgeholten) Tragik konfrontiert wird, in der sich das Bewusstsein über das, was ist, vor allem aber über das, was nicht ist, spiegelt, könnte dieses Buch kein exemplarischeres Dokument sein. Mehr? Im Grunde genommen nicht. Aber der Charakter von „Freiheit“ besteht insgeheim auch nicht darin, das Einfache in ein Spektakel zu verwandeln. Vielmehr geht es um die Freiheit der Gedanken und ihren Transfer auf das, was die Normalität des gesellschaftlichen Mittelstands ausmacht – und was dies betrifft, hat Jonathan Franzen nicht nur eine beeindruckende Geschichte erzählt, sondern einen Roman entworfen, in dem letzten Endes jeder einzelne genug herausholen kann, um seinen eigenen Charakter reflektiert zu sehen. Und eben diese Einsicht – sie deutet sich im Verlauf des Plots schon einmal häufiger schwach an – beschreibt in der Summe die Magie dessen, was der Autor hier geschaffen hat. Ein Meisterwerk. Mehr noch. Ein Jahrhundertstück, das der Bewerbung für die Persönlichkeit des Jahres im renommierten Time-Magazin an dieser Stelle zum Selbstläufer machen sollte.