Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Orson Scott Card – Enders Schatten (Shadow 1)

„Enders Schatten“ ist die parallel geführte Geschichte zu „Ender: Das große Spiel“, das demnächst von Wolfgang Petersen verfilmt wird (siehe Imdb.com). Der vierjährige Junge Bean ist mit außergewöhnlicher Intelligenz ausgestattet und kann dadurch auf den gefährlichen Straßen überleben. Eine Ordenschwester macht das Militär auf ihn aufmerksam, und er darf an der Kampfschule an Bord einer Raumstation das Privileg genießen, zum Soldaten ausgebildet zu werden. Allerdings nicht gegen Menschen, sondern gegen im Weltraum lebende Aliens, die Schaben.

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Kevin Hearne – Papier und Blut. Die Chronik des Siegelmagiers 2

Monsterjagd im Outback

Der Schotte Al MacBharrais hat ein einzigartiges Talent. Er kann mit Tinte und Papier mächtige magische Siegel schaffen, die wie Zaubersprüche wirken. Eigentlich möchte er in Ruhestand und vorher einen Nachfolger ausbilden. Nur hat dieser einfache Wunsch schon sieben Leben gekostet.

So einzigartig Al MacBharrais ist, er gehört einem globalen Netzwerk von Siegelmagiern an. Vor allem aber hat Al ein schauderhaftes Problem, das ihn zu verfolgen scheint: Wieder einmal ist ein Lehrling von ihm verschwunden. Der Fall führt ihn nach Australien. Als sein Weg von immer mehr Leichen gesäumt wird, ist Al froh, dass er Unterstützung von Nadia, einer fabelhaften Nahkämpferin, und von Buck Foi, dem whiskytrinkenden Hobgoblin bekommt. Und dann taucht auch noch eine Druide Namens Atticus mit seinem Hund Oberon auf.. (Verlagsinfo)

Der Autor
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Cory Doctorow – Little Brother – Aufstand (Little Brother 1)

Die gehackte Xbox

Marcus Yallow alias „w1n5t0n“ (lies: Winston, die Hauptfigur in „George Orwells Roman „1984“) ist 17, smart und ein echter Computercrack. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco in die Luft jagen und den darunterliegenden U-Bahn-Tunnel ebenfalls, werden er und seine Freunde verhaftet, verhört, gedemütigt – und wieder freigelassen, unter Beschattung.

Er kehrt nach sieben Tagen in eine Stadt zurück, die unter totaler Überwachung steht. Jeder Bürger – ein potentieller Terrorist. Menschenrechte – altmodischer Schnickschnack; Freiheit – nichts als ein „Sicherheitsrisiko“. Marcus und seine Freunde beginnen, sich als Gamer-Guerilla zu organisieren. Ihr Plan: Sabotage der staatlich inszenierten Überwachungsparanoia. Ihre Waffen: Grips und Zukunftstechnologien. Ihr Ziel: Sturz der Regierung. (Verlagsinfo Rowohlt)
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Frank Herbert – Der Tod einer Stadt und andere Erzählungen

Ultimative Story-Sammlung zu Frank Herbert

Diese Sammlung von 30 Kurzgeschichten des Erfinders des „Wüstenplaneten“ bietet einen repräsentativen Querschnitt durch Herberts Werk als Ehrung und Erinnerung an ihn: Denn am 11. Februar 1986 starb der Science Fiction-Autor an den unerwarteten Komplikationen nach einer vorsorglichen Krebsoperation. Acht Jahre später veröffentlichte der Heyne Verlag diese Erzählsammlung. Die chronologische Abfolge veranschaulicht die stilistische Entwicklung des Autors.

Der Autor
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Bruce Sterling (Hrsg.) – Spiegelschatten. Cyberpunk-Erzählungen

Urknall 2.0 für das Cyberpunk-Genre

Der Urknall 1.0 für das Cyberpunk-Genre erfolgte 1983/1984 mit der Veröffentlichung der zwei Romane „Stadt geht los“ von John Shirley und „Neuromancer“ von William Gibson (nach sieben Jahren des Publizierens von Kurgeschichten). Wortführer des neuen SF-Stils war jedoch keiner von beiden, sondern der Texaner Bruce Sterling.

Mit „Spiegelschatten / Mirrorshades“ (das bezeichnet eine verspiegelte Sonnenbrille) hat Bruce Sterling 1986 die wichtigste Sammlung von Cyberpunk-orientierten Erzählungen überhaupt herausgegeben. Diese Anthologie etablierte als Urknall 2.0 die darin vertretenen AutorInnen. Viele von ihnen arbeiten bis heute. Ironischerweise bezeichnete diese Blütenlese bereits den Endpunkt der Mirrorshades-Bewegung. Danach folgten vor allem Epigonen, die aber auch nicht von Pappe waren – siehe dazu das Nachwort von Michael Nagula.
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Meyer, Kai – Muschelmagier, Die (Wellenläufer-Trilogie 2)

_Spannend: ein Besuch beim König der Kannibalen_

Die Abenteuer der Quappen (siehe „Vorgeschichte“ weiter unten) Jolly und Munk finden in „Die Muschelmagier“ ihre Fortsetzung. Endlich gelangen beide in die Seestadt Aelenium, die gegen den drohenden Mahlstrom Wache hält. Munk zeigt seine neu entdeckten Magierfähigkeiten, und mit Jolly bereitet er sich auf die kommende Schlacht gegen die Kreaturen des Mahlstroms vor. Doch Jolly überkommen Zweifel an dieser Mission …

_Der Autor_

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte u. a. ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller „Die Alchimistin“ begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wellenläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus. [„Frostfeuer“ 2111 aus dem Jahr 2005 ist eigenständiger Jugendroman. Das Buch wurde mit dem internationalen Buchpreis CORINE ausgezeichnet.

Die Wellenläufer-Trilogie:

1) Die Wellenläufer
2) Die Muschelmagier
3) Die Wasserweber

|Kai Meyer bei Buchwurm.info:|

[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
[„Die Alchimistin“ 73
[„Das Haus des Daedalus“ 373
[„Der Schattenesser“ 2187
[„Die Fließende Königin“ 409
[„Das Buch von Eden“ 890 (Hörbuch)
[„Das Buch von Eden“ 3145
[„Der Rattenzauber“ 894
[„Frostfeuer“ 2111 (Hörbuch)

_Vorgeschichte_

Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Jahre später glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem dunklen Strudel, der die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

Der Roman spielt Anfang des 18. Jahrhunderts unter den Piraten der Karibik. Die Heldin Jolly, ein 14-jähriges Seeräubermädchen, verfügt von Geburt an über ein besonderes Talent: Sie kann über Wasser gehen. Nach dem Untergang ihres Schiffes und dem Verlust ihrer Mannschaft findet sie neue Freunde: Munk, der sich auch auf die Kunst der Muschelmagie versteht, den Geisterhändler, der die Geister ertrunkener Seeleute als Sklaven verkauft, Buenaventure, ein Wesen halb Mensch, halb Hund. Doch die Gefährten haben einen mächtigen Feind – den Mahlstrom, einen meilenbreiten Strudel, der von einer teuflischen Intelligenz beseelt ist. Jollys Reise führt weit über die Karibik hinaus – geradewegs ins Mare Tenebrosum, die legendäre See der Finsternis. (abgewandelte Verlagsinfo)

_Handlung_

Die Quappe Jolly ist von ihren Gefährten in Nacht und Sturm getrennt worden, und nur der Junge Griffin ist bei ihr, als sie in einer Höhle des Insellabyrinths erwacht, wo sie Zuflucht gefunden haben. Sie sind auf eine kleine Kolonie von Brückenbauern gestoßen, die sie freundlich begrüßt haben. Doch etwas ist merkwürdig: Die Brücke, die sie unter dem Kommando ihres Chefs Agostini errichten, ist zwar hoch und fast 200 Meter lang, aber wo führt sie hin?

Nur ein Ausflug auf das Bauwerk kann darüber Aufschluss erteilen, und so machen sich Jolly und Griffin in Begleitung von Agostini auf den Weg, um die soeben fertiggestellte Brücke quasi einzuweihen. Jolly wird stutzig, als sie merkt, dass sie nicht aus Holz besteht, sondern aus Fasern. Wie kann sie zusammenhalten? Durch Magie, sagt Agostini. Der sonst so agile und freundliche Mann verändert sich, wird düsterer, ja zwielichtig. Sie können das Ende der Brücke immer noch nicht sehen. Weil sie nicht zu nächsten Insel führt, sondern ins Meer, meint der Baumeister. Jolly schwant Schlimmes.

Was sich sogleich bestätigt, als es – wieder einmal – Fische vom Himmel regnet. Klabauter tauchen auf und greifen die Bauhandwerker an, und zu allem Überfluss verwandelt sich Agostini in ein magisches Wesen des Mahlstroms. Griffin sagt Jolly Bescheid: Es ist ein Wyvern, ein Gestaltwandler. Doch da beginnt die Brücke, die ins schwarze Mare Tenebrosum führt, zu brennen, und Jolly und Griffin müssen zu ihrem Anfang zurückfliehen: in die Hände der Klabauter. Als das Ende nahe ist, werden sie vom Geisterhändler gerettet.

|Zur Seesternstadt|

Zwei Tage später erreicht Jolly die Seestadt Aelenium, die sich auf einem riesigen Seestern erhebt und hinter Nebelwänden verborgen ist. Die bewaffneten Reiter von Flugrochen und Seepferden halten von hier aus gegen den drohenden Mahlstrom und dessen Kreaturen Wache. Jolly wird herzlich von ihren verlorenen Gefährten empfangen, und auch Munk begrüßt sie fröhlich. Sie verzeiht ihm, dass er sie im Stich lassen musste. Er bringt ihr das Schwimmen und Tauchen bei, was für ja für einen Wellenläufer nicht ganz selbstverständlich ist. Ein kleiner Trick hilft auch Quappen beim Eintauchen ins kühle Nass. Unter Wasser können sie sogar sprechen und einander hören.

|Jollys Abschied|

Allerdings stellt Jolly schon nach wenigen Tagen fest, dass sie mit Aelenium ein Problem hat: Sie fühlt sich zerrissen zwischen zwei Realitäten. Eigentlich ist sie ja Piratin, und als solche möchte sie zu ihrer Piratenfamilie zurück, zu Kapitän Bannon, den ein ungewisses Schicksal ereilt hat, und seiner Mannschaft von der „Mageren Maddy“. Andererseits kommen ihr die Umgebung von Aelenium sowie das Mare Tenebrosum, dem sie begegnet ist, wie ein Traum vor. Und nachdem sich Munk auch noch als eifersüchtig auf Jollys Freundschaft mit Griffin erwiesen hat, fasst sie den Entschluss, aufzubrechen, um mit ihrem bisherigen Leben klar Schiff zu machen.

Sie kapert kurzerhand die „Carfax“, das Schiff von Kapitän Walker, und mit den Geistern als Besatzung segelt sie davon. Allerdings nicht ohne zuvor in einem Streit mit Munk gesiegt zu haben. Unterwegs zur Mündung des Orinoko, von wo die Giftspinnen auf der „Maddy“ kamen, stößt sie auf zwei blinde Passagiere, die ihr jedoch umso willkommener sind, als sie sich auf einmal sehr einsam fühlt: Buenaventure, der riesige Hundmensch, und der hexhermetische Holzwurm, der allen auf den Wecker geht.

Auch Soledad, Kapitän Walker und der Geisterhändler brechen auf, um unter den Piraten der Antillen nach dem Rechten zu sehen. Prinzessin Soledad will Anspruch auf den Thron des Piratenkaisers erheben, den ihr Kendrick, der Mörder ihres Vaters, entriss. Doch bei der Ratsversammlung der Piratenkapitäne tritt ein sehr übler Geselle auf: Kapitän Tyrone, der König der Kannibalen vom Orinoko …

_Mein Eindruck_

Für den durchschnittlichen Fantasyleser könnte die Handlungsstruktur dieses Mittelbandes der Wellenläufer-Trilogie etwas zerfasert und verworren aussehen. Die ursprünglichen Gefährten sind in viele Richtungen verstreut, doch dem Autor gelingt es, sie verschiedene Aufgaben bewältigen zu lassen und wieder zusammenzuführen. Der Urvater, Munks Lehrer in Aelenium, hat Recht. Zuerst muss Jolly ihre wichtigste Lektion im Leben lernen: den Verlust dessen, was sie mehr liebt als sich selbst. Und das ist vor allem ihre frühere Ersatzfamilie von der „Mageren Maddy“. Sobald deren Schicksal geklärt ist, kann Jolly zusammen mit Soledad etwas gegen die Bedrohung durch den Kannibalenkönig unternehmen. Da dieser im Bund mit dem Mahlstrom steht, kann sie auf diese Weise eine von zwei Angriffsfronten, die auf Aelenium zielen, schwächen, wenn auch nicht ausschalten.

Jolly ist fast in jeder Szene die integrierende Zentralfigur dieses Romans und wartet mit interessanten Erlebnissen, Begegnungen und Herausforderungen auf. Ihre Entwicklung ist psychologisch begründet, und das ist im Vergleich zu den meisten angloamerikanischen Verlagserzeugnissen auf dem Fantasymarkt doch ein erheblicher Fortschritt. Man könnte allerdings herummäkeln, dass dies nur dazu dient, den Showdown mit dem Mahlstrom, dem Hauptgegner Aeleniums, hinauszuzögern. Beides ist richtig, wie mir scheint.

Das schmälert aber nicht das Interesse an Jollys Erlebnissen. Eines der wichtigsten darunter ist sicherlich die Begegnung mit den Wasserwebern, nachdem Jollys Schiff „Carfax“ von Tyrones Fregatte versenkt worden ist. Jolly wird zusammen mit der „Carfax“ in die Tiefe gesogen und findet sich bald auf dem Meeresboden wieder. Hier stößt sie auf drei alte Frauen, die jeweils hinter einem Spinnrad hocken und Garn spinnen. Die Grundfäden, die sie verarbeiten, bestehen aus magischem Wasser. Daher nennen sie sich Wasserweberinnen.

Natürlich sind die drei Schicksalsweberinnen für den Kenner der Mythologie ohne weiteres als Analogien zu den griechischen Parzen und den altnordischen Nornen erkennbar. Wer ihnen als Sterblicher begegnet, könnte also etwas über sein eigenes Schicksal erfahren. Doch die drei Weberinnen wollen die Quappe, die da vor ihnen schwimmt, über etwas Bestimmtes ins Bild setzen. Es ist nichts Geringeres als eine eigene Mythologie der Wasserwelt.

|Die Wahrheit hinter den Begriffen|

Das Mare Tenebrosum, so sagen sie, sei der Urozean, die Mutter der Ozeane und der Vater allen Wassers. Daher sei es an sich weder gut noch böse, sondern es ist einfach. Als die Götter der Anderwelt diese Welt mit dem Mare Tenebrosum schufen, verausgabten sie sich und verloren viel ihrer Macht. Zwei dieser schwachen Götter habe sie, Jolly, bereits kennengelernt: den Geisterhändler, den man woanders als den „Rabengott“ bezeichnet, und Urvater, den Schöpfer, der als Erster hier war und nun in Aelenium lebt und unterrichtet.

Den Göttern stehen die Meister aus der Anderwelt gegenüber, die herüberdrängen, sobald die Grenze dünn und durchlässig wird. Die Meister sind jung und neugierig. Der Mahlstrom ist intelligent und sammelt die Klabauter, die Tiefen Stämme, um sie gegen Aelenium einzusetzen. Doch Aelenium kämpft mit den Alten Göttern gegen diese Meister, denn diese seien böse und wollten die Welt vernichten. Ist das wirklich so? Was ist gut, was ist böse? Vielleicht verteidigen die Alten Götter lediglich ihren Besitz gegen die Meister. Jolly ist ratlos. Die Weberinnen trösten sie: Des Rätsels Lösung findet sich erst am Ende des Wegs, den sie zu gehen habe. Und dieses Ziel kann weit jenseits des Mahlstroms liegen, irgendwo im Mare Tenebrosum. „Aber nichts ist jemals vorüber“, enden die Weberinnen orakelhaft – und verschwinden hinter einer Staubwolke, die das Wrack der „Carfax“ aufwirbelt.

|Was tun?|

Nun hat Jolly zwar mehr Durchblick, aber sie weiß noch nicht, was sie tun soll. Und so tut sie das Erstbeste und folgt Soledad zum Orinoko. Denn dorthin führt eine Spur von der „Mageren Maddy“. Uns aber dürfte klar sein, dass sich Jolly durch die Erkenntnisse, die sie von den Wasserwebern gewonnen hat, auf direktem Kollisionskurs zu Munk und Urvater befindet. Wie sich dies auswirkt, ist im nächsten Band „Die Wasserweber“ nachzulesen.

|Humor|

Eine sehr humorvolle Episode steuert Griffin bei. Er hat sich auf den Weg gemacht, um der davondampfenden Jolly zu folgen, doch dabei kommt ihm eine seltsame Begegnung in die Quere: Ein Riesenwal verschlingt ihn. Im Magen des Wals lernt er – ähnlich wie Pinocchio – einen Mann kennen, der sich Ebenezer Arkwright nennt, seines Zeichens ein Gastwirt, der schon 30 Jahre in diesem Magen lebt. Er nennt eine veritable Schenke sein Eigen, die durch eine Zaubertür zugänglich ist. Und sofort will er Griffin als Küchenjungen und Kellner einstellen. Griffin merkt schnell, dass Ebenezer Arkwright komplett durchgeknallt ist – hat wohl zu lange allein gelebt.

_Unterm Strich_

Dieser Mittelteil der Wellenläufer-Trilogie weist eine verzweigte Handlungsstruktur auf, wobei eigentlich nur die Geschichten von Soledad und Jolly parallel geführt werden. Im letzten Drittel vereinen sie sich wieder, um den finalen Höhepunkt des Romans einzuläuten: die Begegnung mit dem Kannibalenkönig. Das ist fein eingefädelt, und sowohl Soledad als auch Jolly sind danach in der Lage, nach Aelenium zurückzukehren, ohne dabei das Gefühl zu haben, etwas Wichtiges in ihrem Leben zu verpassen.

Allerdings bringt diese Struktur, die auf Erkenntnis zielt, es mit sich, dass recht viel gequasselt wird, und so bleibt ein wenig die Action auf der Strecke. Den einzigen Ausgleich bieten hierfür das Duell zwischen Soledad und Kendrick sowie das Finale in der Hochburg des Kapitäns Tyrone am Orinoko. Vielleicht reicht das dem einen oder anderen Leser, aber ich fand es etwas zu wenig.

http://www.loewe-verlag.de

Philip K. Dick – Die rebellischen Roboter („We can build you“)

Abraham Lincoln und das dunkelhaarige Mädchen

Sie begannen mit elektronischen Heimorgeln und automatischen Klavieren. Dann verbesserten sie ihre Technik und stellten Menschen her: keine Roboter, sondern genau programmierte Nachbildungen berühmter Zeitgenossen. Aber da war ein entscheidender Denkfehler: Denn die genaue Nachbildung eines berühmten Menschen kann keine lenkbare Marionette sein … (Verlagsinfo)
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Kai Meyer – Die Wellenläufer (Wellenläufer-Trilogie 1)

Actionreicher Auftakt zur Karibik-Fantasy

Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Jahre später glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem dunklen Strudel, der die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

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Jones, J. V. – ewige Krone, Die (Der Dornenring 1)

_Originelle Fantasy: Verfluchte Kronen und zeichnende Magier_

Die Magie der Zeichen und Muster, ein mysteriöser Dornenring, eine unbedarfte Heldin, ein böser Eroberer – doch alles wird gut, sofern man erstens gute Freunde hat und zweitens weiß, was man in Wahrheit selbst draufhat. So beginnt das Epos um den Dornenring der britischen Fantasy-Autorin J. V. Jones, die mittlerweile in Kalifornien lebt.

_Handlung_

Das Buch beginnt – nach zwei kurzen Prologen – in unserer Wirklichkeit. Tessa McCamfrey ist seit ihrer Kindheit von Tinnitus geplagt, diesem psychologisch bedingten Pfeifen im Ohr. Auf der Flucht vor Bindung führt sie ihr Weg in die Einsamkeit der kalifornischen Berge. Hier stößt sie auf den Schauplatz eines grausamen Verbrechens. Dort findet sie einen goldenen Dornenring; sie streift ihn sich über, wird gestochen und stante pede in eine andere Wirklichkeit versetzt: in die farbenprächtige Stadt Bay’zell.

Diese Welt befindet sich am Rande des Untergangs. Vor knapp 500 Jahren wurde die Dornenkrone geschaffen, ein magischer Reif, dessen einziger Zweck der Krieg ist. Zusammen mit dem charismatischen Söldner Davis und dem Herrscher Camron ist Tessa dazu ausersehen, die Dornenkrone, die unter einem Bannfluch liegt, zu befreien und damit den wahnsinnigen Eroberer Izgard aufzuhalten.

Doch zuerst einmal muss Tessa lernen, die in ihr verborgenen magischen Kräfte zu erschließen. Sie kann zeichnen und malen. Und bei Bay’zell handelt es sich um eine Welt, in der Bilder und Muster große magische Energie entwickeln: Tessa verfügt über ungeahnte Macht. „Schreiber“ wie sie vermögen mittels farbiger Muster Wissen zu erwerben sowie Gutes und Böses zu erschaffen. Emith, ein alternder Schreibergehilfe, bringt ihr die Grundlagen der Kunst bei. Bald kann sie einfache Muster zeichnen.

Doch das Herumspielen mit Magie hat auch seine Gefahren. In ihrer Lehrlingszeit nähert sich Izgards Eroberungsstreitmacht scheinbar unaufhaltsam dem friedlichen Bay’zell. Izgards Schreiber beschwört mit Hilfe der Macht des verfluchten Dornenrings alles verschlingende Ungeheuer herauf. Tessa sieht sich bald verfolgt und gejagt, ihre Helfer werden zum Teil grausam ermordet.

Es gilt zunächst das Rätsel zu lösen, wie die Dornenkrone vor 500 Jahren an diese Welt gebunden wurde, bevor Tessa darangehen kann, den Bann aufzuheben – und allmählich wird ihr dafür die Zeit reichlich knapp. (Wird fortgesetzt in „Krone aus Blut“.)

_Mein Eindruck_

J. V. Jones‘ Romane sind irgendwie anders. Natürlich wird der Leser bei ihr durchaus spannend unterhalten. Doch sie nimmt die gängigen Versatzstücke moderner High-Fantasy-Erzählungen, um sie neu zu arrangieren und zu werten.

Die zunächst etwas unbedarft wirkende Heldin, die in ihrer Umgebung meist etwas fremd erscheint, verfügt über eine bislang verborgene, entscheidende Gabe – das kennt man ebenso wie den ausgestoßenen Krieger und den zunächst arroganten Herrscher, der sich im Lauf der Handlung zum verantwortungsbewussten Führer entwickelt; auf der Seite der bad guys finden wir den einer dunklen Macht verfallenen Gegner.

Alles kommt zusammen durch die Suche nach den Geheimnissen der Vergangenheit, die zu den schicksalhaften Geschehnissen führen. Diese Suche nach den Rätseln der Vergangenheit wird zur Suche nach der eigenen Identität, nach den verborgenen oder einfach nur ungenutzten Fähigkeiten der Protagonisten.

All dies sind gewohnte Szenarien, und doch ragen Jones‘ Werke aus den Fantasy-Allerlei heraus. Sie legt größeres Gewicht auf die Darstellung der Motivation der Akteure und zeichnet ein zutiefst menschliches Bild ihrer Psychologie. Es gelingt ihr, die Leser zu berühren, sie mitleiden und mittriumphieren zu lassen, ohne die schmerzhaften Wandlungen auf dem Weg zum Triumph herabzuwürdigen. Jones‘ Erzählungen lassen einen am Schluss geschunden und fertig, aber auch glücklich und zufriedengestellt zurück. Mehr kann man wohl von guter Unterhaltung nicht erwarten.

|Originaltitel: The barbed Coil, Part 1, 1997
429 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von Rainer Schumacher|
http://www.bastei-luebbe.de

Kristen Britain – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Handlung

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.

Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…

Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Mein Eindruck

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.

Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.

Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.

Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.

Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.

Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.

Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.

Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.

Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“

Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.

Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Unterm Strich

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.

Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Taschenbuch: 576 Seiten
ISBN-13: 9783426702383

https://www.droemer-knaur.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Jack Vance – Das Buch der Träume (Die Dämonenprinzen 5)

Am Ende des Rachefeldzugs: der König der Übermenschen

Mit „Das Buch der Träume“ wird eine fünfteilige SF-Romanserie abgeschlossen, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Kirth Gersen ist an der letzten Station seines Rachezugs angelangt. Vier der fünf „Dämonenprinzen“, die seine Eltern und seine Freunde vor 20 Jahren getötet hatten, hat er bei seinen Streifzügen durch die Galaxis aufgespürt, gestellt und getötet – nicht immer von eigener Hand. Ein Name steht noch auf seiner Liste: Howard Alan Treesong, der sich selbst als „König der Übermenschen“ bezeichnet.

Die Dämonenprinz-Serie
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James Morrow – Stadt der Wahrheit. Novelle

In der Unwahrheit liegt die Rettung

In der Stadt Veritas (Wahrheit) herrscht das Gebot, stets die Wahrheit zu sagen. Um seinen sterbenskranken Sohn zu retten, muss der Protagonist Jack Sperry seine Konditionierung durch dieses Utopia überwinden und lernen, Lügen zu erzählen.

Diese Novelle wurde mit dem NEBULA Award ausgezeichnet.
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Keith Donohue – Das gestohlene Kind. Fantasy-Jugendroman

Gebt auf eure Kinder acht!

Der siebenjährige Henry Day haut von zu Hause ab, wird abends im Wald gefunden und wieder zurück zu seinen Eltern gebracht. Nur ahnt niemand, dass es sich bei dem kleinen Jungen nicht mehr um den echten Henry Day handelt. Dieser wurde nämlich von Kobolden entführt und gegen einen der Ihren, der Henrys Gestalt und Identität annahm, ausgetauscht. Fortan gehört Henry ebenfalls zu der Koboldbande, die im Wald lebt und alle paar Jahre das Leben mit einem Menschenkind tauscht.
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Michael Moorcock – Gloriana oder Die unerfüllte Königin

„Gloriana“ erschien in Deutschland bereits 1981 als |Heyne Taschenbuch| 06/3808 in seiner ursprünglichen Version, wurde 1993 jedoch vom Autor vollständig bearbeitet und ergänzt. Diese Version hat |Heyne| nun in seiner Reihe |Meisterwerke der Fantasy| veröffentlicht und, um es vorweg zu nehmen, auch die Lektüre der überarbeiteten Fassung (mit einem Vorwort von Tad Williams) lohnt das Lesen.

Handlung

„Gloriana“ spielt in einer Alternativwelt zur Zeit des Elisabethanischen Zeitalters. Großbritannien heißt hier Albion und Gloriana ist die Tochter eines grausamen Herrschers, der von Lord Montfallcon und Großadmiral Lisuarte Armstrong von Ingleborough dereinst gestürzt wurde. Seitdem helfen diese beiden und einige andere der jungen Königin Gloriana, das mächtige Großreich zu regieren. Vor allem Montfallcon erledigt vermittels eines gedungenen Mörders und Intriganten namens Kapitän Arturus Quire alle schmutzigen Staatsaufgaben. Doch Quire, der Mann fürs Grobe, versteht sich als Künstler und Meister seines Faches, und so kommt es, als der Lord dem Kapitän eines Tages nicht genug Wertschätzung und Achtung für dessen geniales Vorgehen und seine Effizienz entgegenbringt, zum Zerwürfnis. Quire tritt in die Dienste der Osmanen und nimmt sich vor, Glorianas Königreich Albion zum Einsturz zu bringen. Dabei geht er mit solcher Diffizilität und Genialität vor, dass die Herrschaft der jungen Königin immer mehr zu wanken beginnt.

Verzweifelt versuchen Ingleborough und Montfallcon diesen Fall aufzuhalten, aber Quire hat ein unglaublich verschachteltes Intrigenräderwerk in Gang gesetzt, dessen Arbeit kaum noch Einhalt geboten werden kann …

Mein Eindruck

Gloriana ist ein absolutes Meisterwerk der phantastischen Literatur und steckt voller opulenter Beschreibungen und farbenprächtiger Sujets, die man sonst nur von Jack Vance kennt. Dabei ist nicht wirklich genau zu eruieren, ob es sich bei der Geschichte um Fantasy oder SF handelt. Zwar gibt es keine Zauberei, jedoch können einige Erfinder und Alchimisten an Glorianas Hof zwischen den verschiedenen Alternativwelten hin und her reisen, andere Wahrscheinlichkeiten besuchen, ohne dass aus deren Technik klar wird, ob sie magischen oder naturwissenschaftlichen Ursprungs ist. Öfters erhält man in Albion auch Besuch von anderen Realitäten und erfährt so von völlig abweichenden geschichtlichen Abläufen.

Moorcocks Erzählung ist jedoch nicht nur farbenprächtig, sondern auch überaus spannend und packend. Während der Leser schnell Quires Plan versteht und dessen einzelne Schritte mit angehaltenem Atem beobachtet, stehen Gloriana und Montfallcon den Geschehnissen ahnungs- und hilflos gegenüber. Während Glorianas Macht bedrohlich zu schwanken beginnt, gewinnt der kalte Intrigant Quire immer mehr an Einfluss. Als er sich auch noch ins Herz der Königin schleicht und Montfallcon nach dem Tod Ingleborougs kalt gestellt wird, scheint es um Albion geschehen. Nur die Initiative einiger Getreuer kann jetzt noch die Rettung bringen. Diese machen sich auf in die unergründlichen Tiefen des gewaltigen Königspalastes, der ominöse Geheimnisse birgt, um Quire zu entlarven.

Überhaupt spielt das Labyrinth des titanischen Gebäudes von Glorianas Palast mehr als nur eine unbedeutende Rolle. In ihm erschafft der Autor fast einen eigenständigen und überaus faszinierenden Kosmos (vgl. Gormenghast).

Unterm Strich

Auch wenn „Gloriana“ auf der Grenzlinie zwischen SF und Fantasy liegt – eines dürfte dem phantasiebegabten Leser nach der Lektüre dieses spannenden und überaus faszinierenden Werkes klar sein: „Gloriana“ ist definitiv ein Meisterwerk der Phantastik!

© _Gunther Barnewald_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Vance, Jack – Der Palast der Liebe (Die Dämonenprinzen #3)

Sehr ironisch: die geklonte Geliebte

Mit „Der Palast der Liebe“ (|Irle|-Ausgabe) bzw. „Der Dämonenprinz“ (|Heyne|-Ausgabe) wird eine fünfteilige SF-Romanserie fortgesetzt, die heute noch zu den Klassikern in der Science-Fiction zählt. Jeder Roman lässt sich in einem Tag bis einer Woche lesen: So spannend die actionreiche Handlung, so kriminalistisch sind die Methoden, die der Held, Kirth Gersen, einsetzt. Er benutzt Datenbanken und Auskunftsdienste, muss Speicher entschlüsseln und verborgene Identitäten aufdecken: alles Aufgaben, die auch heute noch an Polizisten oder Agenten gestellt werden. Was also auf altmodische Weise erzählt wird, ist eine im Grunde moderne Geschichte.

|Die Dämonenprinz-Serie|

Diese Abenteuerserie besteht aus folgenden fünf Bänden, die alle bei |Heyne| erschienen sind:

1) Jäger im All bzw. Der Sternenkönig (1963/64, The Star King; Heyne Nr. 06/3139)
2) Die Mordmaschine (1964, The Killing Machine; Heyne Nr. 06/3141)
3) Der Dämonenprinz bzw. Palast der Liebe (1967, The Palace of Love, Heyne Nr. 06/3143, 1969)
4) Das Gesicht (1979/80, The Face, Heyne Nr. 06/4013, illustriert)
5) Das Buch der Träume (1981, The Book of Dreams; Heyne Nr. 06/4014, illustriert)

Handlung

Kirth Gersen hat vor zwanzig Jahren seine Eltern und Freunde verloren, als die fünf Verbrecher, die als „Die Dämonenprinzen“ bekannt sind, seine Heimatstadt auf dem Planeten Providence angriffen und alle entweder töteten oder versklavten. Er entkam mit seinem Großvater und befindet sich nun auf einem Feldzug durch das Sonnensystem und das gesetzlose Jenseits, um die fünf Verbrecher zur Strecke zu bringen. Bis zu seinem dritten Abenteuer ist ihm dies bereits zweimal gelungen. Allerdings tötet er die Dämonenprinzen nicht immer selbst. Mehr als einmal kommen sie selbst ohne sein Zutun zu Tode.

Doch das Hauptproblem, das sich ihm immer wieder stellt, besteht darin, die wahre Identität des Gesuchten herauszubekommen, den Mann zu finden und ihn dann mit seinem Verbrechen zu konfrontieren. Auch Nummer drei ist nicht einfach zu finden. Kirth weiß nur, dass der Mann Viole Falushe heißt, aber ob er sich immer so nannte, ist unklar. Und wie er aussieht, weiß er bis zuletzt nicht.

Auf einem Planeten, wo die Giftmischerei eine ehrenwerte Kunst darstellt, erfährt er von einem zum Tode Verurteilten, dass ein Mann von der Erde vor Jahren mit einer Ladung junger Sklavinnen landete und alle verkaufte. Gersen findet eine der überlebenden Sklavinnen und befreit sie. Er erfährt, dass ein Mann namens Vogel Filschner ihre Mädchengruppe entführte und dann verkaufte, doch das Mädchen Jheral Tinzy, das er eigentlich besitzen wollte, bekam er nicht. Sie nahm nicht an jenem Ausflug teil. Jheral Tinzy hatte ihm das Herz gebrochen, und weil er keine Kränkung hinnehmen kann, will sich Vogel Filschner an ihr rächen.

Gersen fliegt zur Erde, lässt sich als Journalist akkreditieren und sucht nach Spuren von Filschner. Dabei stößt er auf den verrückten Dichter Navarth, der offenbar mit seinen Gedichten (drei davon sind im Buch abgedruckt) Filschner auf dumme Gedanken gebracht hatte. Navarth wird von einer jungen, sehr schweigsamen Frau begleitet, die er Drusilla Wayles nennt. Gersen findet heraus, dass sie fast genau wie Jheral Tinzy aussieht. Was hat das zu bedeuten? Drusilla wurde Navarth zur Erziehung in Obhut gegeben. Leider hat der Verrückte seine Sache nicht besonders gut gemacht.

Mehrere Kontaktversuche und eine fein gestellte Falle schlagen fehl. Da wird Navarth von Viole Falush auf seinen Planeten eingeladen, um in dessen „Palast der Liebe“ eine schöne Zeit zu verleben. Der Dichter sagt seinem Freund nicht nein und nimmt natürlich seinen Auftraggeber Gersen mit. Drusilla ist verschwunden. Wahrscheinlich von Viole entführt.

Doch im „Palast der Liebe“, einem Garten der Lüste, ist Viole Falushe in keiner Weise aufzuspüren oder zu identifizieren. Bis er ihn stellt, hat Gersen eine knifflige Aufgabe zu lösen, die durch die Tatsache, dass Jheral Tinzy inzwischen mehrfach geklont wurde, nicht einfacher wird.

Mein Eindruck

Viole Falushe ist ein Verbrecher aus enttäuschter Liebe: Jheral Tinzy gab dem eigenbrötlerischen Schulkameraden stets einen Korb, und so sann er auf Rache. Diese lief leider zunächst schief, indem er nur ihren Schulkameradinnen – den Schulchor – entführen konnte, doch Vogel Filschner, wie er sich zunächst nannte, schlug wieder zu. Doch er fand das Original nicht zufrieden stellend. Am Schluss sammelt Gersen Jheral Tinzys „Klone“ (Das „Klonen“ erfolgt durch Selbstbefruchtung wie bei gewissen Tierarten: Parthenogenese) ein, die alle Drusilla genannt werden. Es ist interessant zu sehen, wie Viole sie seelisch deformiert hat, um Vergeltung zu üben.

Denn Viole will nun mehr als Liebe: Er will „Unterwerfung, demütig zitternde Selbsterniedrigung aus einer Mischung von Liebe und Furcht heraus“. Jedes Abbild wird von Violes Dienern anders ausgezogen und ausgebildet. Er hofft, dass wenigstens eine von ihnen seinen Geschmack treffen kann. Er würde immer so weitermachen, bis er sich schließlich besänftigt, vervollständigt fühlt und seine Kränkung wieder ausgeglichen ist.

Unterworfene Liebe

Eine der Drusillas lässt er an einem abgeschiedenen Ort aufziehen und ihr von Dienern eintrichtern, dass sie hier auf einen Mann warten müsse, der kommen werden, um sie zu seiner Frau zu machen. Dazu kommt es auch: Gersen hat Probleme, die heftige Zuneigung dieser jungen, schönen Drusilla abzuwehren. Hier zeigt sich das Märchen von Aschenputtel von einer wenig romantischen Seite. Der Prinz rettet Cinderella nicht, sondern hat sie zu seiner Unterhaltung selbst ins Elend des einsamen Wartens gestoßen.

Eine andere Drusilla ist die Hohepriesterin des Arodin-Kultes. Der Gott Arodin ist nur eine andere Gestalt für Viole Falushe selbst. Doch als Viole einmal selbst kam und Unterwerfung forderte, verweigerte sich ihm diese Drusilla und zerstörte das Gesicht seines Standbild. Ironischerweise weiß Gersen dadurch wieder nicht, wie Viole denn nun aussieht. (Die Drusilla, die Navarth aufzog, wurde bereits erwähnt. Auch sie bietet Gersen ihre Liebe an.)

Gefangener der Rüstung

Doch tragischerweise hat Gersen ein ähnliches Problem wie Viole, das ihm verbietet, Liebe, wenn sie ihm angeboten wird, anzunehmen. Er ist ebenso ein Monomane wie all die anderen Verbrecher. Er hat sein Leben ihrer Verfolgung und Tötung geweiht. Eine Begleiterin nach der anderen verlässt ihn, um einen Partner zu suchen, der sich ihr besser widmen kann. Am Anfang des Buches ist dies Alusz Iphigenia, die er aus dem Gefängnis (in „Die Mordmaschine“) befreit hat. Am Schluss schickt er Drusilla Wayles weg, was sie sehr traurig macht. Wenigstens hat er seine Pflicht als ihr Beschützer erfüllt. Wenn er ein „Ritter in schimmernder Rüstung“ ist, so bleibt er offenbar ein Gefangener seiner Rüstung. Was die Damen sicherlich nicht glücklich macht.

Garten der Lüste

Den Gegensatz zu dieser echten Liebe bildet das, was der „Palast der Liebe“ an Lustbarkeiten bietet. Obwohl es keineswegs geschildert wird, so scheint sich Gersen, nach Navarths Worten, auch der „Hurerei“ hingegeben zu haben, denn das bequeme Ambiente des „Gartens der Lüste“ und die willfährigen Diener beiderlei Geschlechts laden direkt dazu ein, sie zu benutzen. Gersen gerät in Gefahr, sich davon korrumpieren zu lassen, doch seine Monomanie bringt ihn davon ab. Sie hat also nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch etwas Gutes bewirken.

In der Folge hat Gersen einen aufschlussreichen Dialog mit einem Abbild des Verbrechers, auch wenn er diesen selbst nicht sehen kann. Dabei zeigt sich der geradezu infantile Gerechtigkeitssinn Viole Falushes – er ist immer noch ein kleiner Vogel Filschner, der sein gekränktes Herz heilen will – indem er andere unglücklich macht. Und selbst wenn sie unschuldig sind wie Drusilla Wayles, so zeiht er sie doch der Untreue. Er ist nicht nur infantil, sondern auch noch zutiefst selbstgerecht. Kein Wunder, dass Liebe sich für ihn immer mit Unterwerfung paaren muss.

Eine religiöse Komödie

Die Druiden bilden einen ironischen Gegensatz zum Garten der Lüste. Sie sind strenggläubig und versuchen die Gäste des Palastes zu bekehren. Das gelingt ihnen leider nur schlecht, denn einer der ihren, der junge Hule, wird abtrünnig und verliebt sich sich in die schöne Billika. Um die beiden für ihren Frevel – obwohl Billika nicht dem Orden angehört – zu bestrafen, werden sie lebendigen Leibes begraben. Das funktioniert ebenfalls nicht, denn ein Helfer hat ihnen einen Tunnel gegraben, durch den sie den tödlichen Erdmassen entkommen können.

Dieser herrlich ironische Vorgang, den man auch als religiöse Komödie bezeichnen könnte, wird in sehr sachlichem Ton erzählt und keineswegs aufgebauscht. Eben wurde das Paar noch begraben, und im nächsten Moment setzt es sich mit den anderen Gästen an den Tisch. Dass dies eine Überraschung ist, muss der Leser schon selbst merken. Die Überraschung der Druiden lässt zumindest nichts an Heftigkeit zu wünschen übrig. Einer von ihnen verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Man sieht also, dass Vance auch sehr schalkhaft und ironisch erzählen kann. Man muss allerdings den eigenen Verstand benutzen, um dies auch zu erkennen.

Die Übersetzung und Ausstattung

Die Übersetzung durch den Herausgeber Andreas Irle wirkt an vielen Stellen unbeholfen und trägt nicht immer zu Erhellung dessen bei, was im Original gemeint ist. Beispielsweise das Wort „Strikturen“. Das deutsche Wort „Striktur“ bedeutet laut DUDEN „Verengung eines Körperkanals“. Das ist aber nicht gemeint, wenn von der „strengen Befolgung von Ordensregeln“ durch die in den „Palast der Liebe“ gebrachten Druiden die Rede ist. Es gäbe noch weitere solche schiefen Eins-zu-eins-Übersetzungen aufzuzählen, aber das wäre müßig. Auch das Zuweisen von falschen Personalpronomen und Artikeln gehört zu den Fehlern, die das Lesen erschweren.

Viel ärgerlicher sind die unzähligen Druckfehlern, die auf praktisch jeder Seite auftreten und so einen Genuss des Textes gar nicht erst aufkommen lassen. Einzige Ausnahme sind die Gedichte. Das englische Original ist in den Haupttext integriert, so dass nichts falsch gemacht werden konnte. Die Übersetzung findet sich jeweils im Anhang, und bezeichnenderweise stammt sie nicht von Irle, sondern vom bekannten Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs. Auch hier sind keine Fehler festzustellen.

In den Credits am Schluss des Buches hat der Herausgeber vergessen, seine Vorlage zu aktualisieren. Da heißt es an einer Stelle, der Titel der |Heyne|-Ausgabe habe „Die Mordmaschine“ gelautet, Das ist nicht zutreffend, denn so hieß Band 2. Band 3 aber trug den Titel „Der Dämonenprinz“ (erschienen 1969 unter der Nummer H3143).

Weil aber die |Heyne|-Ausgabe wie auch Band 1 und 2 gekürzt war, so erhält man von Irle endlich die komplette Ausgabe dieses Romans. Allerdings mischt sich in die Freude darüber eine Menge Wermut, die sie einem vergällt.

Unterm Strich

Im Abschnitt „Der Autor“ lege ich näher dar, warum die Lektüre eines Vance-Romans immer etwas Besonderes ist: Die fremdartig-faszinierende Oberfläche ist wunderschön, manchmal ein wenig abstoßend (Ästhetik des Hässlichen), doch die darunter liegende Handlung bleibt von einer unbefriedigenden Seichtheit, die den Leser nicht besonders beansprucht. Dass Vance in Zweiten Weltkrieg (s. u.) bei der Handelsmarine diente und auf diesem Weg zahllose Kulturen (die heute zum Teils bereits ausgerottet sind) kennen lernte, schlägt sich in seinem farbigen Beschreibungen positiv nieder. Ganz besonders mag er Masken und Maskenbälle.

Hin und wieder fragte ich mich, warum ich dieses Buch eigentlich weiterlesen sollte. Die Antwort war immer die gleiche: Ich wollte wissen, wer der gejagte Verbrecher wirklich ist. Und listigerweise verschiebt der Autor die Antwort auf diese Frage bis ganz zum Schluss. Es dauert sogar an die 180 Seiten, bis Gersen überhaupt auf die Welt des Gesuchten gelangt, und noch einmal 30 bis 40 Seiten, bevor er überhaupt mit ihm sprechen kann. Dadurch wird die Dramaturgie des Geschehens eine ganz andere. Bis so etwas wie Action aufkommt, hat man fast schon die Geduld verloren.

Das mag der Grund gewesen sein, warum der Autor 1967 nach dem dritten Band aufhörte, an der Serie zu schreiben. Erst 1981 und 1982 komplettierte er den Zyklus: Gersen konnte die letzten zwei Verbrecher zur Strecke bringen. Der Qualitätsunterschied zu den späteren zwei Romanen ist überdeutlich. Sie sind besser aufgebaut, anspruchsvoller und actionreicher. Dass sie auch Illustrationen enthalten, ist ein willkommener Pluspunkt.

Ich würde „Palast der Liebe“ nicht noch einmal lesen, und schon gar nicht in der fehlerhaften Ausgabe von Andreas Irle. Die Gründe dafür habe ich oben unter „Übersetzung und Ausstattung“ dargelegt. Die 50 Euro kann man sich sparen.

Der Autor

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf Buchwurm.info:|
[Grüne Magie 696
[Durdane 740
[Freibeuter des Alls 1369

|Originaltitel: The palace of love, 1967
236 Seiten
Aus dem US-Englischen von Andreas Irle, Gedichte übertragen von Gisbert Haefs|

Holdstock, Robert – The Fetch

_Familiendrama: Gralssuche im Steinbruch_

Als Susan und Richard Whitlock den kleinen Michael adoptieren, ahnen sie nicht, was sie sich damit einbrocken. Denn Michael verfügt über die Fähigkeit, mit Geisteskraft Gegenstände aus Zeit und Raum herbeizuholen – das Fetching. Als Michael sieben ist, erwähnt er, er habe einen Freund, Chalk Boy. Und der hole für ihn die schönen Dinge, mit denen er seinen Vater dazu bringt, ihm die Geschichte vom Fischerkönig vorzulesen. Darin geht es, wie man aus der Parzival-Sage weiß, um die Suche nach dem heiligen Gral …

|Hinweis|

Die Bedeutung von „fetch“ ist dreifach:

1) nach etwas suchen und es zurückbringen
2) der Geist oder die Erscheinung einer lebenden Person
3) Fetisch (im Dialekt der Grafschaft Kent)

_Der Autor_

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an |Sword and Sorcery|-Romanen, unter anderem mit Angus Wells.

Erst 1983 und 1984 taucht das für die Ryhope-Sequenz wichtige Motiv des Vater-Sohn-Konflikts im Roman „Mythago Wood“ auf, für den der Autor den |World Fantasy Award| erhielt. Beide Seiten werden getrennt und müssen wieder vereinigt werden. Das Besondere an dieser emotional aufgeladenen Konstellationen ist jedoch, dass die Bewegung, die dafür nötig ist, in einer Geisterwelt stattfindet: dem Ryhope-Forst.

In Holdstocks keltischer Fantasy befindet sich in diesem Urwald, der dem kollektiven Unbewussten C. G. Jungs entspricht, erstens ein Schacht, der mit weiterem Vordringen ins Innere immer weiter zurück in der Zeit führt. Eines der wichtigsten und furchtbarsten Ungeheuer, Urscumug, stammt beispielsweise aus der Steinzeit. Und zweitens finden bei diesen seelischen Nachtreisen durch die Epochen permanent Verwandlungen, Metamorphosen statt. So verwandelt sich die Hauptfigur Tallis in „Lavondyss“ schließlich in eine Dryade, einen Baumgeist. Das ist äußerst faszinierend geschildert.

Am Ende der Nachtreisen warten harte Kämpfe, die auch in psychologischer Hinsicht alles abverlangen, was die Kontrahenten aufbieten können. Und es ist niemals gewährleistet, dass die Hauptfiguren sicher und heil nach Hause zurückkehren können. Denn im keltischen Zwielicht, das noch nicht durch das christliche Heilsversprechen erleuchtet ist, scheint am Ende des Weges keine spirituelle Sonne, sondern dort wartet nur ewige Nacht. Es ist also die Aufgabe des Autors darzulegen, wie dieses schreckliche Ende vermieden werden kann.

Der MYTHAGO-Zyklus bis dato:

1. Mythago Wood (1984; [Mythenwald, 4139 World Fantasy Award)
2. Lavondyss (1988; [Tallis im Mythenwald) 4211
3. [The Bone Forest 4088 (1991; Sammlung)
4. [The Hollowing 4161 (1993)
5. Merlin’s Wood (1994, Sammlung inkl. Roman)
6. Ancient Echoes (1996)
7. [Gate of Ivory 1422 (2000)

Der MERLIN CODEX-Zyklus:

1. Celtika (2001)
2. The Iron Grail (2002)
3. The Broken Kings (2007)
4. Avilion (2008)

http://www.robertholdstock.com

_Handlung_

Susan und Richard Whitlock sind bislang kinderlos geblieben und haben es nun endlich, nicht ganz legal, geschafft, einen Jungen zu adoptieren. Michael ist noch ein Baby, als Susan ihn endlich in Empfang nehmen darf. Warum nur hat seine Mutter ihn fortgegeben? Die steht nämlich draußen vor der Klinik von Dr. Wilson und starrt Susan an. Doch Susan ist es verboten, mit der Mutter Kontakt aufzunehmen. Das wird sich später als Handicap herausstellen. Susan weiß zu wenig über das Baby.

|Lehm|

Zunächst scheint alles in Ordnung zu sein, doch als immer wieder Erde auf dem Säugling in seiner Wiege zu finden ist, vermutet die genervte Susan, dass Michaels Mutter ihnen doch ihr Baby missgönnt. Aber auch Richard kann keinen Eindringling finden, und Türen, die er fest verschlossen zu haben glaubte, gehen wieder auf. Susan verrät Richard nichts über die kleine magische Zeremonie, die sie zuvor bei Michael heimlich vorgenommen hat. Sie ehrt das Brauchtum ihrer ungarischen Tanten und hat eine kleine Puppe aus rotem Lehm gefertigt, damit alles Böse, das in dem Kind wohnen könnte, in die Puppe fahre. Dabei hat sie Michael mit dem Lehm bedeckt. Nun wundert sie sich, wenn Michael immer wieder mit Erde bedeckt ist. Aber sie verrät Richard nichts.

|Dreck|

Die Entwicklung kommt nach Michaels Taufparty zu einer Krise. Ein ganzer Berg von Erde, Schlamm, Gewürm und scharfen Gegenständen landet mitten in Michaels Schlafzimmer. Die Masse ist so schwer, dass sie die Bodendielen zum Brechen bringt und der Dreckberg in den Raum darunter stürzt. Mit Mühe können die entsetzten Eltern noch ihr Baby finden.

Sie tauschen das geerbte Haus mit ihren besten Freunden, den Hansons, die nur wenige Straßen weit entfernt wohnen. Ruckinghurst in Kent, unweit der Kanalküste, ist ein Dorf. Endlich kehrt wieder Ruhe ein, und Michaels Eltern kommen zum Schluss, dass es Michael selbst gewesen sein muss, der den Erdrutsch verursacht hat. Seine Mutter hätte so etwas niemals zustande gebracht. Als Richard, ein Fotograf bei archäologischen Arbeiten, sich an seine Pflicht erinnert und den im nahen Kalksteinruch entsorgten Dreckberg durchsucht, stößt er auf Gegenstände, die nur einen Schluss zulassen: Es war ein Schrein, den Michael teleportiert hat. Komplett mit einem frisch geopferten toten Hund …

|Puppen|

Als Michael sieben ist, hat er ein kleines Schwesterchen bekommen, Carol, das Susan selbst geboren hat. Die kleine Carol wird richtiggehend verhätschelt, wohingegen Michael unter Vernachlässigung zu leiden beginnt. Weil seine Mutter selbst gerne Puppen herstellt und alte restauriert, benutzt er seine neu entdeckte Fähigkeit des Fetchings, um ihr schöne Gegenstände zu bringen: eine Goldstatuette aus Ägypten, ein normannisches Teufelskreuz aus Byzanz und vieles mehr. Als sie und Richard ihn fragen, woher er diese schönen Dinge hat, antwortet er nur, dass Chalk Boy sie ihm gebracht habe. Als ein französisches Medium namens Francoise Jeury den Eltern dieses Phänomen der Apportation erklärt, erkennen sie, dass Michael und Chalk Boy ein und dieselbe Person sein müssen und dass Chalk Boy pure Einbildung ist. Aber warum hat dann Michael im Steinbruch ein imaginäres Schloss errichtet und in einem Schacht tote Tiere gesammelt?

|Reichtum|

Richard gelingt es nicht, eine permanente Stelle beim Britischen Museum zu erlangen, und zwar deshalb, weil in seinen Unterlagen steht, dass er einmal – wie alle anderen auch – eine Pfeilspitze von einer Ausgrabungsstätte gestohlen habe (nur dass er sich eben erwischen ließ). Um den Einkommensverlust auszugleichen, bietet Richard seinem ordentlich bestallten Kollegen Jack Goldman die Goldstatuette zum Weiterverkauf an. Als Michael weitere Objekte „apportiert“, gelangen die Whitlocks über zwei, drei Jahre hinweg zu einem gewissen Wohlstand. Einmal gelingt es Michael sogar, sich mit Hilfe einer Geschichte seines Vaters – der sich an eine Story von Rudyard Kipling erinnert – in die Zeit zu versetzen, als am Hadrianswall noch römische Soldaten stationiert waren. Und das ohne Chalk Boy!

|Fischerkönig und Gral|

Richard hofft auf mehr Beute. Und erzählt seinem Sohn als Anreiz mehr Geschichten. Michaels Lieblingsgeschichte gilt dem Fischerkönig. Darin lebt ein kranker alter König in einem Ödland, und aus diesem beklagenswerten Zustand kann ihn nur der heilige Gral erlösen, so dass er genest und das Land wieder erblüht. Den Gral müssen Arthurs Ritter suchen. Doch wie sieht der Gral aus – das ist das Problem. Die Legende besagt, dass es sich um den Kelch handle, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl seinen Jüngern zu trinken gegeben habe.

Doch ein Kelch kann alle mögliche Formen haben, denkt sich Michael, und beginnt in dem Land, das ihm Chalk Boy gezeigt hat, danach zu suchen. Es ist das Land, das vor Millionen Jahren dort existierte, wo sich jetzt Kent und die Kanalküste befinden. Im Meer schnappen Fischechsen nach Beute und langhalsige Plesiosaurier („Meeresdrachen“) bedrohen den unvorsichtigen Strandwanderer. Am Strand, den Michael stets durch einen imaginären Tunnel erreicht, steht tatsächlich ein klappriges Holzgerüst. Ist dies der Schrein, in dem der Gral zu finden ist?

|Chalk Boy|

Mittlerweile ist Michael schon zehn Jahre alt. Seine Eltern haben sich Urlaubsreisen geleistet und ihr Haus ausgebaut. Doch schon ein halbes Jahr lang hat Michael keine „Beute“ mehr „apportiert“, er ist kein braver kleiner Hund mehr, der seinen Herrchen Beutestückchen anschleppt, um getätschelt zu werden. Richard hat schwere Sorgen und erzählt seinem Sohn keine Geschichten mehr, Susan kümmert sich nur noch um Carol, die sie wie eine ihrer Puppen herausputzt und verhätschelt. Als Susan erfährt, dass Richard in ein Tourismusprojekt eine halbe Million gesteckt hat, die er gar nicht besitzt, kommt es zu einem handfesten Ehekrach. Richard gelobt, vom Alkohol die Finger zu lassen, sich zu bessern und mehr zu arbeiten.

Da gute Vorsätze nicht reichen, um die Schläger der Geschäftspartner von Michael fernzuhalten, dessen Talent Richard dummerweise an Jack Goldman verraten hat, muss Richard die persönlichen Geschenke verkaufen, die Michael aus Liebe gemacht hat. Es ist der ultimative Verrat, und als Michael dies erkennt, übernimmt sein Alter Ego Chalk Boy die Kontrolle. Und Chalk Boy ist gar nicht nett, Chalk Boy weiß, wie man Verrat bestraft. Aber Chalk Boy braucht Hilfe, um den Gral zu holen …

Doch woher kommt Chalk Boy?

_Mein Eindruck_

Ob es nun die Fähigkeit des Fetchings oder Apportierens nun tatsächlich gibt oder nicht, ist für die eigentliche Aussage des Romans unerheblich. Mit den erprobten Mitteln des phantastischen und des psychologischen Romans versucht der Autor, mehrere Aussagen zu machen, und ich finde, dies gelingt ihm in relativ geglückter Weise. Auf diese Weise wird auch Chalk Boy von einem Popanz zu einem psychischen Phänomen, das man verstehen kann.

Der Autor stellt sowohl die Erlebniswelt Michaels als auch die seiner Eltern und seiner jüngeren Schwester aus deren jeweils subjektiver Sicht dar. Das ist die beste Methode, um dem Leser einen tiefen Einblick in die jeweilige Erlebnis- und Gefühlswelt zu gewähren. Auf diese Weise wertet der Autor nicht, was die Figuren erfahren (höchstens durch seine Auswahl), und die Wertung bleibt dem Leser überlassen.

Beispielsweise enthält sich der Autor jeder Wertung dessen, was Chalk Boy anrichtet. Es reicht völlig aus zu schildern, wie sich das entsetzliche Geschehen in den Gesichtern und Bewusstseinen der Betroffenen spiegeln, um dem Leser zu vermitteln, wie sich eine Aktion niederschlägt. Die vierköpfige Familie ist das ganze Universum, das für die Aussagen der Geschichte nötig ist.

|Vater und Sohn|

Wie zwei Jahre später in „The Hollowing“ spielt der Autor die problematische Beziehung eines Vaters zu seinem – hier adoptierten – Sohn durch. Der Vater begeht unbewusst den schwerwiegenden Fehler, seinen Sohn als einen Fremdkörper zu betrachten und ihm nur Liebe zu geben, wenn dieser ihm dafür einen Preis apportiert, als wäre das Kind ein braves Hündchen. In der Folge fühlt sich Michael wie sein eigener Schatten, der keine Seele hat. Das gibt er Francoise Jeury gegenüber deutlich zu. Aber wenn Chalk Boy bei ihm ist, sei er in der Lage zu handeln und in seinem (imaginären) Schloss zu herrschen, als wäre er der Fischerkönig.

Der Sündenfall ist unausweichlich, als das einzige persönliche Geschenk, das Michael seinem Vater aus Liebe gemacht hat (ein kostbares goldenes Ei aus Kreta), zu einer Ware gemacht und verkauft wird. Als auch die Mutter dies mit dem Teufelskreuz tut, ist Michaels Enttäuschung und Wut über diesen doppelten Verrat grenzenlos.

|Der Fischerkönig|

Der plötzliche Reichtum der Whitlocks erinnert an die Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ sowie an „Rumpelstilzchen“. Es ist klar, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann. Die Geschichte vom Fischerkönig ist grundlegend für das Verständnis der weiteren Entwicklung, aber der Autor macht es uns leicht, beides nachzuvollziehen. Wenn Michael der Fischerkönig ist, der das Land = seine Familie erlösen will, dann braucht er unbedingt den Gral = seine apportierten Beutestücke dafür, denn er hat keine Ritter, die ihm helfen könnten.

Um ein Haar zu spät erkennt Francoise Jeury, um was es sich bei dem Gral, den Chalk Boy/Michael haben will, in Wahrheit handelt (und ich werde es nicht verraten). Würde Chalk Boy den Gral wirklich erhalten, dann würde dies das Ende der Existenz Michaels bedeuten, zumindest seiner psychischen. Nur noch die Psyche Chalk Boys wäre übrig, um Michaels Körper zu bewohnen. Und würden Michaels Eltern diesen Geisterjungen lieben können? Wohl kaum.

|Horror und Magie|

Da der Autor auch sehr gut in Fantasyromanen bewandert ist – er hat über ein Dutzend davon unter mehreren Namen geschrieben -, kann er auch Horrorelemente auf überzeugende Weise beschreiben. Das bedeutet nicht, dass nun tote schwarze Katzen auf der Türschwelle liegen. Nein, der Autor kennt sich auch hervorragend mit Masken und Totems aus, welche er selbst mit Eifer sammelt (vgl. die Masken in „Lavondyss“). In der fulminanten Horrorszene, die das letzte Drittel des Romans dominiert, fetcht Michael / Chalk Boy riesige Totempfähle, Masken, abschreckende Puppen usw., um sie um das Elternhaus zu platzieren, einen Totempfahl rammt er seinem Vater mitten durchs Arbeitszimmer. (Die Symbolik dürfte offensichtlich sein.)

Das Bemerkenswerte daran ist nicht der Akt an sich, sondern seine Wirkung auf die Eltern. Weder Susan noch Richard sind in der Lage, der magischen Wirkung der Fratzen zu entgehen. Sie fühlen sich plötzlich schwindlig oder erleiden Herzrasen, Übelkeit und Atemnot. Das ist bemerkenswert, denn es zeigt, dass symbolische Magie funktioniert, solange die Betroffenen auch daran glauben. Und dazu gehört auch Francoise Jeury, die ja mit Michael enge Bekanntschaft gemacht hat. Es gibt nur ein probates Mittel gegen diese Magie, und Michael / Chalk Boy zeigt es dem einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutet, seiner Schwester Carol. Es handelt sich um einen einfachen Kinderreim, den man wie ein Mantra wiederholen muss.

|Familiendrama|

Wie man sieht, ist „The Fetch“ keineswegs ein Roman über Horror oder übernatürliche Phänomene, sondern über Vorgänge in einer stinknormalen Mittelklassefamilie, die ein wenig aus dem Rahmen fallen. Die Vorgänge könnten überall stattfinden, und wahrscheinlich machen viele Eltern die angeprangerten Fehler, doch sie in einem realistischen Roman zu schildern, wäre heute einfach stinklangweilig. Es ist bereits tausendmal in Romanen über das Erwachsenwerden geschrieben worden, so etwa in „The Secret Language of Cranes“ über das Aufwachsen eines Homosexuellen.

Aber diese Phänomene in ein phantastisches Ambiente einzubetten, verlangt nicht nur Einfallsreichtum – das ist ja die Grundvoraussetzung fürs Schreiben -, sondern auch ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in die Psyche eines Kindes. Wie spricht ein Kind über Geister, wie über Ritter? Zum Glück hat der Autor selbst Kinder und weiß, dass Kinder in beiden Realitäten leben können, der hiesigen und der des Traums, dabei aber genau unterscheiden können, was echt ist und was nicht. Michael de Larrabeiti, der bekannte Autor der Borribles-Romane, hat mir dieses kindliche Erleben im [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=86 bestätigt.

|Im Limbus|

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es dem Autor, nicht nur die Kinderpsyche auf bewegende Weise zu schildern, sondern auch das emotional höchst angespannte Innenleben von Susans und Richards Ehe. Susan liebt Richard, jedenfalls so lange, wie er noch weiß, wer er ist. Doch genau dies verliert er aus dem Blick, als er sich in das Finanzprojekt versteigt und einem „Rumpelstilzchen“ zum Opfer fällt.

Erst als er eines Morgens in Schottland als seelisches und körperliches Wrack in einem fremden Hotel aufwacht und Jack Goldman ihm die Freundschaft kündigt, weiß er wieder, wo er steht. Er war im Limbus, dort, wo Michael die meiste Zeit gelebt hat. In jenem Zwischenreich, das laut Bibel für jene Seelen reserviert ist, die sich nicht zwischen Himmel und Hölle entscheiden können. Es ist sozusagen der transzendente Wartesaal. Michael / Chalk Boy demonstriert seinen Eltern mit seiner Totemfeldaktion, dass sie sich genau dort befinden. Sie sind von der Welt abgeschnitten, in einen Käfig gebannt von seiner Magie, die nur auf sie einwirken kann. Zu ihrem Glück kapieren sie die Lektion.

_Unterm Strich_

Ich habe „The Fetch“ jetzt ein zweites Mal gelesen, und wieder in nur zwei Tagen. Das Buch ist enorm spannend, sehr bewegend und voller Überraschungen. Außerdem hat der Autor seine Sprache und seinen Erzählstil gegenüber Werken aus den siebziger Jahren durch seine Mythago-Wood-Romane stark verbessert. Daher ist die Geschichte sehr flüssig und anschaulich zu lesen, ohne dabei ins Schwafeln zu geraten. Der Leser muss stets mitdenken und sich die Szenen selbst vorstellen, was ihn durchaus herausfordert, so etwa dann, wenn Michael / Chalk Boy wieder mal einen Ausflug in die Anderwelt unternimmt. Leser mit nervösem Magen seien vor manchem grausigen und unappetitlichen Detail gewarnt.

Es hilft, sich auf die Kenntnis der Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ sowie „Rumpelstilzchen“ stützen zu können, auch die Sage vom Fischerkönig (wie etwa im Parzival-Epos) wird benötigt. Die Intertextualität dieses Romans erstreckt sich auch auf die Gralslegende und die Sagen um König Artus. Es ist eben alles zum Teil „Matter of Britain“, wie es die „Encyclopedia of Fantasy“ bezeichnet. Das macht den besonderen Reiz des Buches als phantastischer Roman aus.

Die andere Hälfte besteht im psychologischen Roman, der bedeutsame und einleuchtende Aussagen über die Beziehung zwischen Kindern und Eltern macht. Dies macht das Buch längst nicht zu einem Jugendbuch, wie man vermuten könnte, sondern zu einem Roman für Erwachsene. (Was nicht bedeutet, dass darin Sex vorkäme.)

Fazit: Ein Volltreffer.

Schade, dass Buch immer noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht wird es als einfach zu britisch angesehen. Aber man sollte es sowieso im Original lesen, um alle Bedeutungen von „fetch“ mitzubekommen.

Terry Pratchett – Schweinsgalopp. Ein Abenteuer auf der Scheibenwelt (Band 20)

Ho, ho, ho! Fürchtet euch!

Father Christmas ist auf der Scheibenwelt verschwunden. Als Ersatz springt Gevatter Tod ein. Rotgewandet fährt er mit seinen vier fliegenden Schweinen durch die Lande und bringt den Menschenkindern alles, was sie sich wünschen (auch wenn sie es selber nicht genau wissen). Die Bräuche zu befolgen, fällt Tod manchmal etwas schwer, doch das mit dem fröhlichen (?) „Ho-ho-ho“ hat er schon raus. Vielleicht übertreibt er es damit ein bisschen.

Father Christmas ist einem Anschlag der Assassinengilde zum Opfer gefallen. Einer ihrer übelsten Vertreter ist in Fathers Schlossturm eingebrochen und versucht nun mit Hilfe eines angeheuerten Magiers, dem zwölften mit dieser Aufgabe, den Tresorraum von Father Christmas zu öffnen. (Das klingt sehr nach „Stirb langsam 1“.)

Unterdessen in der Unsichtbaren Universität: Die Abwesenheit des echten Father Christmas hat ein (wissenschaftlich natürlich begründbares) Glaubens-Vakuum entstehen lassen. Dadurch glauben die Menschen nun an alles Mögliche, zum Beispiel an die Zahnfee. Selbst die Professores der Uni brauchen es nur laut auszusprechen, an was sie glauben könnten, und schon – ist es da: Gnome, Wichte, Aufmunterungsfeen. Der Erzkanzler Ridcull rauft sich die Haare. Auch die neue Rechenmaschine, die von Ameisen (= Bits & Bytes) und Käse (= Speicher) angetrieben wird, hilft da nicht viel weiter.

Susanne, die Tochter TODs, wollte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Doch seit er verschwunden ist, macht sie sich Sorgen. Auf der Suche nach ihm begegnet sie nicht nur dem Gott des Katzenjammers. Sie trifft auch auf die Assassinen im Turm von Father Christmas. Es wird spannend, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.

Unterm Strich

In einer kompliziert verflochtenen Handlung führt uns der „Douglas Adams der Fantasy“ vor Augen, was es mit dem Kinderglauben an den Nikolaus und die Zahnfee so alles auf sich hat – und das ist eine ganze Menge. In todernstem Ton bringt Pratchett wie so oft die unglaublichsten Sätze und Szenen (p.s.: … und Fußnoten), so etwa die Sache mit dem Ameisencomputer. (Das erinnert mich an den Termitencomputer von Jeff Noon in „Automated Alice“, mit seinem „beanary system“. Beide Bücher entstanden 1996…)

Pratchetts Humor und Erzählstil mag nicht jedermanns Sache sein, aber „Schweinsgalopp“ könnte selbst solche Skeptiker von den Qualitäten dieses Autors überzeugen: Es ist einer seiner gelungensten Romane und wurde inzwischen erfolgreich verfilmt.

Der Autor

Alles Wissenswerte über Sir Terence David John Pratchett aus der dt. Wikipedia.

Liste der Scheibenwelt-Romane

Taschenbuch: 413 Seiten.
O-Titel: Hogfather, 1996
Aus dem Englischen von Andreas Brandhorst.
ISBN-13: 9783442437795

Joe Haldeman – Der ewige Krieg (Neufassung)

Sarkastische Satire über den Vietnamkrieg

Ein Krieg in ferner Zukunft läuft anders ab als heute. Mit der Verfügbarkeit von lichtschnellen Raumschiffen wird er durch das Phänomen der Zeitdehnung über Jahrhunderte hinweg ausgetragen. Es ist – schon aus nachrichtentechnischen Gründen – keine Verständigung mehr möglich. Der Konflikt gerät außer Kontrolle, weitet sich aus wie ein Flächenbrand, gewinnt immer mehr Eigengesetzlichkeit und bläht sich schließlich auf ins Absurde. Mitten drin stecken Soldat William Mandella und seine Kampfgenossen. (Verlagsinfo)

Der Roman wurde 1976 mit den beiden wichtigsten Preisen des Science-Fiction-Genres ausgezeichnet, dem Nebula Award der Kritiker und dem Hugo Gernsback Award der Leserschaft.
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Ursula K. Le Guin – Rocannons Welt (Hainish 01)

Verhängnisvoll: Vampire, als Engel verkleidet

Dieser Roman gehört zu den frühen Science-Fiction-Romanen des Hainish-Zyklus der mehrfach preisgekrönten amerikanischen Schriftstellerin.:

Romane

Rocannon’s World (1966), Rocannons Welt, 1977, ISBN 3-453-30473-X
Planet of Exile (1966), Das zehnte Jahr, 1978, ISBN 3-453-30511-6
City of Illusion (1967), Stadt der Illusionen, 1979, ISBN 3-453-30590-6
The Left Hand of Darkness (1969), Die linke Hand der Dunkelheit, 1979, ISBN 3-453-16415-6 – Hugo Award und Nebula Award
The Dispossessed (1974), Die Enteigneten, Planet der Habenichtse, 1976, ISBN 3-937897-20-8 – Hugo Award und Nebula Award
The Word for World is Forest (1976), Das Wort für Welt ist Wald, 1976, ISBN 3-88619-927-4 – Hugo Award
Four Ways to Forgiveness (1995)
The Telling (2000), Die Erzähler, 2000, ISBN 3-453-18861-6

Kurzgeschichten

In Reihenfolge der Veröffentlichung mit Angabe der Welt, auf der die Geschichte spielt.

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Roger Zelazny – Jack aus den Schatten

Luzifer, der Weltenschöpfer

„Dies ist die Geschichte des legendären Diebs, den man Jack aus den Schatten nennt. Man kann ihn töten und verstümmeln – eines Tages kehrt er wieder aus dem Schattenreich durch die Dämmerungszone nach der Tagseite zurück.

Und dort holt er sich die Macht, mit der es ihm gelingt, seine Widersacher zu zerschmettern und über die Nachtseite, das Land der Seelenlosen, zu herrschen. Bis eines Tages auch seine Macht zerbricht und ein neues Zeitalter heraufdämmert.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

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