Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Mann, Phillip – Der brennende Wald (Ein Land für Helden 4)

Eindrucksvoll: die Apokalypse des Imperiums

Mit diesem Band findet der Science-Fantasy-Zyklus „Ein Land für Helden“ seinen Abschluss. Es kommt zu einem actionreichen Finale, das apokalyptische Dimensionen erreicht.

Ich habe nun alle vier Bände gelesen und komme zu dem Schluss, dass es sich um einen einzigen Roman handelt, den man in einem Rutsch lesen sollte. Damit ist dieses vierbändige Werk das gleiche Phänomen wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“: mit Einleitung, Epilog und dazwischen einer Handlung, die – irgendwie künstlich – in vier Bände aufgespalten wurde. Der absolute Höhepunkt ist natürlich wie zu erwarten der 4. Band, und der besteht zu fünfzig Prozent aus Action (man glaubt es kaum) und einer Art Apokalypse: sehr schön, sehr spannend und ein ganz klein wenig auch beklemmend.

_Der Hintergrund von „Ein Land für Helden“_

Die Welt von „Ein Land für Helden“ ist nur „zwölf Sekunden“ von unserer eigenen entfernt, hat sich daher im entscheidenden Augenblick in eine andere Richtung entwickelt. Die Römer haben nach der Eroberung Britanniens das Land nie mehr verlassen, auch die Germanen haben Rom nicht erobert, sondern vielmehr haben die römischen Legionen sich die restliche Welt völlig untertan gemacht.

Der Stand der römischen Technik ist erstaunlich modern – man schreibt schließlich das Jahr 1994: Radio, Dampfkraft, Magnetronik, Flugschiffe, Feuerwaffen: Es ist alles da, um einen verheerenden Krieg zu führen. Im 1. Band wurde die Technik jedoch mehr zur Belustigung der Menge eingesetzt: Im Kampfdom (Arena) von Eburacum (York) finden Kampfspiele statt, die im multilateralen Wettstreit von elektrisch betriebenen Ungeheuern gipfeln, etwa von Drachen und dergleichen.

Inzwischen haben sich die unterworfenen Völker wie die Briten an das Joch der römischen Herrschaft und die bequemen Lebensbedingungen in den befestigten Städten gewöhnt. Die adeligen Landbesitzer in ihren Villen herrschen absolut und mit skrupelloser Gewaltausübung über ihre Besitzungen. Doch ihre Flugschiffe und Gleisbahnen schweben über endlose britannische Waldbestände, die sich von Küste zu Küste erstrecken und in denen keltische Stämme wie in der Frühzeit leben. (Diese endlosen Wälder basieren auf einer Beschreibung in Plutarchs „Marius“, wie ich kürzlich las.) Allerdings müssen diese Flugschiffe auf festen „Himmelsstraßen“ verkehren. So entgeht ihnen, was wirklich in den Wäldern vorgeht.

Der Autor

Phillip Mann (* 7. August 1942 in Northallerton, Yorkshire, England; † 1. September 2022 in Wellington[1]) war ein britischer Science-Fiction-Schriftsteller, der ab 1969 in Neuseeland lebte. Er studierte Englisch und Schauspielkunst an der University of Manchester und später in Kalifornien, bevor er nach Neuseeland zog, wo er 1970 den ersten Lehrstuhl für Schauspielkunst an einer neuseeländischen Universität, an der Victoria University of Wellington, einrichtete. Er zog sich 1998 von der Position des Professors für Schauspielkunst in Victoria zurück, um sich auf andere Projekte zu konzentrieren. Er hat intensiv am Theater gearbeitet, als professioneller Regisseur und Theaterlehrer, sowohl in Neuseeland, den USA als auch in Europa. (Wikipedia.de)

Seine Tätigkeiten als Theaterdirektor und Drama-Dozent verhalfen seinen Romanen und Hörspielen zu klarer Struktur und Anschaulichkeit. Neben „Das Auge der Königin“ (1982; dt. bei |Heyne|) ist „Pioniere“ als sein bester Roman anerkannt.

Der Neuseeländer wurde bei uns mit den zwei Paxwax-Romanen, dem Roman „Pioniere“ und mit „Wolfs Garn“ bekannt. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen menschliche Eitelkeit und Überheblichkeit, weshalb selbst die besten Pläne bei ihm stets schief gehen, so auch in diesem Roman über einen Erstkontakt. Die Arroganz besteht diesmal in dem Glauben, unbeteiligter Beobachter sein und bleiben zu können. Wolfgang Jeschke nannte dieses Buch einmal in den achtziger Jahren den besten Science-Fiction-Roman überhaupt – lang ist’s her.

Die Krönung von Manns schmalem Oeuvre bildet bislang der vierbändige Zyklus „Ein Land für Helden“ (A land fit for heroes):

1. Flucht in die Wälder
2. Der Monolith
3. Der Drache erwacht
4. Der brennende Wald

Sein erster Roman „Das Auge der Königin“ (1982, dt. 1985) ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse. 1986 und ’87 erschien die Paxwax-Duologie: Sie schildern die Gefährlichkeit des Menschen, der seinen Herrschaftsbereich ausweitet, bis die Aliens merken, wo seine Achillesferse liegt: in seiner Gier nach Macht.

Handlung

In diesem Abschlussband nun überschlagen sich schließlich die Ereignisse. Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Kapitel noch kürzer ist als schon im dritten Band.

Zunächst findet die entscheidende Begegnung Colls mit dem Sänger und Schamanen Cormac statt, der ihn als Lehrling aufnimmt. Hatte Coll bereits zuvor ungewöhnliche intuitive Fähigkeiten, so gelingt es ihm nun, mühelos in die Geisterwelt überzuwechseln. Dabei ist die Leier von ausschlaggebender Bedeutung, deren Beherrschung er mühsam erlernen muss. In der Geisterwelt macht ihn Cormac mit einem Jäger aus der Steinzeit bekannt, der sich „Dunkler Adler“ nennt. Dunkler Adler führt Coll, den angehenden Schamanen, nach Cormacs Tod auf eine gewagte Reise, auf der Coll in die Essenz der Welt eindringen kann.

Er stellt eine spirituelle Verbindung mit den Bäumen, dem Wald her. Da der Wald praktisch das nichtrömische, unbesiegte Britannien darstellt, in dem die römischen Soldaten regelmäßig Feenerscheinungen sehen und wahnsinnig werden, kommt dem Wald eine Schlüsselrolle in der Identität Britanniens zu. Das hat nicht nur der Kaiser erkannt: Vernichtet er den Wald, zerstört er die Lebensgrundlage der Kelten. Dass das Abfackeln des Waldes auch eine gravierende Störung im Muster der Welt bedeutet, wird nur Coll klar, und so fasst er einen kühnen Plan: Nachdem er die Bewohner des Waldes gewarnt hat, begibt er sich zum Kaiser, um die Römer zu bitten, von ihrem Plan abzulassen.

Denn der Kaiser Lucius Prometheus Petronius hat auf der neuen Brücke den Ärmelkanal überquert und ist nach Eburacum (York) gekommen, um dabei zu sein, wenn mit der Zerstörung des Waldes begonnen wird. Was sein Statthalter nicht ahnt: Die mitgebrachte Legion kaiserlicher Sturmtruppen soll nicht nur Britannien, sondern auch Hibernia entvölkern und alle Adeligen ihres Besitzes berauben.

Auch Angus und Miranda tragen ihren Teil dazu bei, dass es im Moment der Zündung der Brandgeschütze zu einigen dramatischen Ereignissen kommt. Angus hat seinen Drachen wieder einmal ausgepackt und greift die Himmelsstraße selbst an. Und Miranda ist ein Wesen geworden, das sich in seiner Schrecklichkeit schwer beschreiben lässt: Sie hat Macht über die Energieebene mehrerer Dimensionen und setzt ihre Macht auf zerstörerische Weise ein: Sie ist Kalí, Moira, die Medusa. Die Folgen sind apokalyptisch.

Mein Eindruck

Nachdem der Beginn noch etwas gemächlich die Ausbildung Colls zu einem mächtigen Schamanen schildert, nehmen die Aktivitäten auf beiden Seiten an Umfang und Tempo zu: Die Römer haben alles für die Zerstörung Britanniens in Stellung gebracht, die Briten sind von einer konzentrierten Verteidigung meilenweit entfernt. Zwar werden nur Andeutungen über die Entwicklung Mirandas gemacht, doch der Leser ahnt bereits, dass sie ziemlich furchteinflößend und bedeutsam sein muss, um die römische Vernichtungsmaschinerei aufhalten zu können. Angus‘ Truppe jedenfalls spielte nur eine Nebenrolle, zumal er keine Vision davon hat, wie es nach dem Zusammenbruch der Römerherrschaft in Britannien weitergehen soll.

Aber auch nach dem beeindruckenden Showdown, so lang er auch sein mag, lässt sich der Autor nicht über utopische Gesellschaftsmodelle aus. Wozu auch? Er hat ja gerade demonstriert, dass das menschliche Maß, eingebunden in Naturzusammenhänge, das richtige und angemessene ist. Die Römer hingegen, repräsentiert durch den Nihilisten auf dem Thron, kennen kein solches Maß. Da ein Nihilist an nichts glaubt, am allerwenigsten an sich selbst, ist ihm auch nichts heilig oder wert, bewahrt zu werden. Wenn dieser Kaiser, der seinem Namen Prometheus auf perverse Weise alle Ehre machen will, ein Arsenal von Atombomben hätte, so würde er die Raketen lieber heute als morgen abfeuern.

Dass dieser Science-Fantasy-Zyklus nicht von Marion Zimmer Bradley und ihren zahlreichen Mitautorinnen geschrieben wurde, mag man bedauern oder auch nicht. Der Unterschied ist zumindest augenfällig: Die wichtigste Frauenfigur, Miranda, wird außer in Band 2 vor allem in ihren Äußerlichkeiten geschildert, so dass wir kaum einmal erfahren, wie sie sich fühlt und worüber sie nachdenkt, während sie sich zu etwas Schrecklichem verwandelt. (Würde vielleicht auch ein wenig zu viel über den Schluss verrateren.) MZB hätte daraus wahrscheinlich seitenweise Kapital geschlagen und uns keine herzerweichende Einzelheit von Mirandas Seelenleben erspart. Sei’s drum.

Unterm Strich

Der abschließende Band des großen Romans „Ein Land für Helden“ ist für meinen Geschmack der gelungenste, und daher habe ich ihn an nur zwei Tagen gelesen. Die Geschichte ist leicht verständlich, hat man einmal die Vorgängerbände gelesen und verstanden.

Natürlich muss man diesen Riesenroman nicht gelesen haben, um mitreden zu können. Der Roman ist zwar dem „Herr der Ringe“ in Aufbau und Thema ähnlich (der Kaiser entspricht Sauron!), doch in Sachen Medienbedeutung und Massenerfolg kann es „Ein Land für Helden“ in keiner Weise mit dem Tolkien-Epos aufnehmen. Vielleicht sollte man Peter Jackson mal auf seinen Landsmann Phillip Mann hinweisen? (Sobald Jackson seinen „King Kong“ im Kasten hat.)

Insgesamt ist dies kein übler Roman, sowohl nach seinem Ideengehalt als auch seinem Unterhaltungspotenzial. Der Autor hat zahlreiche Kenntnisse über die keltischen und römischen Kulturen hineingepackt, hat eine Fülle interessanter Figuren gestaltet sowie eine Handlung auf die Beine gestellt, die vier Bände trägt. Bis zum Showdown in Band 4 weiß man über die Bedeutung mancher Figuren wie Coll, den Ex-Römer, und Miranda, die Ex-Studentin, nicht Bescheid: Die Spannung auf ihr Eingreifen löst sich mit verblüfftem Vergnügen über die gelungene Überraschung auf. Dieser Höhepunkt ist sorgfältig in zahllosen Details gestaltet, wobei auch Komik und Ironie nicht zu kurz kommen. Ich habe schon lahmere Romanschlüsse gelesen.

Hinweis: Keltische und römische Namen und Begriffe werden in Fußnoten von der Übersetzerin erklärt. Ein sehr willkommener Service.

Taschenbuch:
Originaltitel: A land fit for heroes vol. 4: The burning forest, 1996
Aus dem neuseeländischen Englischen übersetzt von Usch Kiausch.
www.heyne.de

Die drei !!! – Rätsel der Vergangenheit (Folge 74)

Die Handlung:

Kim, Franzi und Marie finden am Badesee einen verletzten Jungen. Bald stellt sich heraus, dass er nicht weiß, wer er ist und woher er kommt. Er spielt virtuos Klavier, spricht sehr gewählt und begrüßt die Mädchen mit Handkuss. Handelt es sich etwa um einen adligen Zeitreisenden aus dem 18. Jahrhundert? Den drei Detektivinnen bleibt nur wenig Zeit, das Rätsel der Vergangenheit zu entschlüsseln. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Schon klar, das Erste, worauf ich kommen würde, wenn ich jemanden treffe, der sein Gedächtnis verloren hat: Das MUSS ein Zeitreisender aus der Vergangenheit sein! … nicht. Klingt für mich eher nach einer neuen Masche eines Typen, der mal das Gegenteil von blöden Sprüchen versucht, um nette Mädels kennenzulernen.

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Cyril Judd (Kornbluth, Cyril M. / Merril, Judith) – Die Rebellion des Schützen Cade. SF-Roman

Wandlung eines Soldaten: Rebellen auf dem Mars

Schütze Cade wächst in der imperialen Ordnung auf, die die Planeten Erde, Mars und Venus beherrscht. Schon zehntausend Jahre herrschen Imperator, Statthalter und Feldherren, und der Orden der Schützen ist ihre eiserne Faust. Doch eines Tages gerät der stolze, vollständig indoktrinierte Schütze in die Hände der Rebellen, die den Sturz des Systems und die Errichtung des Menschen-Reiches anstreben. Und auf einmal ändert sich alles.

Die Autoren

„Cyril Judd“ ist das Pseudonym des Autorengespanns Cyril M. Kornbluth und Judith Merril.

1) Cyril M. Kornbluth

Wie auch in dem mit Frederik Pohl geschriebenen Roman „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1953) nimmt Cyril M. Kornbluth (1923-58) bestimmte Yankee-Eigenheiten satirisch auf die Schippe. Erzählungen wie diese bedeuteten erstmals eine Abkehr von der optimistischen, himmelsstürmenden SF des Golden Age (Heinlein, Asimov, van Vogt usw.) und eine deutliche Hinwendung zu den „weichen“ Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie. Der Mensch – und die Erde – rückten in den Mittelpunkt der Betrachtung und nicht eine Idee aus den technischen Naturwissenschaften, wie sie bislang vorherrschten.

Soziale und menschliche Probleme spielten nun eine Rolle. Auf diese Weise wurde Kornbluth zu einem Wegbereiter der SF der soziologischen, alle Grenzen sprengenden SF der sechziger Jahre (New Wave in USA und GB), die eine Literaturgattung war, die man ernst nehmen konnte (man denke etwa an John Brunners [„Morgenwelt“ 1274 und Thomas M. Dischs „Camp Concentration“). Leider setzte sein früher Tod mit 35 Jahren seiner Karriere ein jähes Ende.

Storysammlungen und Romane

1) Herold im All (Stories, 1968; Goldmann 1969)
2) Der Gedankenwurm (Stories; Suhrkamp 1987)
3) Der Altar um Mitternacht (Stories; Suhrkamp 1987)
4) Ehrbare Kaufleute und eine Handvoll Venus (The Space Merchants, 1953; mit Frederik Pohl; dt. 1971)
5) Welt auf neuen Bahnen (Wolfbane, 1959; mit Frederik Pohl; Goldmann 1972)
6) Gladiator des Rechts (Gladiator-at-law; mit F. Pohl; dt. 1962)
7) Die letzte Antwort (Search the sky, 1954; mit F. Pohl; Heyne 1972)
8) Die Worte des Guru (A mile beyond the moon; Goldmann 1975)
9) Katalysatoren (The wonder effect; mit F. Pohl; Goldmann 1977)
10) Nicht in diesem August (Not this August, 1955; Bastei-Lübbe 1985)
11) Schwarze Dynastie (The Syndic, 1953; Bastei-Lübbe 1986)
12) Start zum Mond (Takeoff, 1952; Pabel, Rastatt 1958)
13) (als Cyril Judd) Die Rebellion des Schützen Cade (Gunner Cade, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1972)
14) (als Cyril Judd) Außenstation Mars (Outpost Mars, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1984)

2) Judith Merril

Judith Merril, geboren 1923 als Juliet Grossman, lebt seit 1968 in Kanada. Von 1949 bis 1953 war Merril die Frau des bekannten SF-Herausgebers Frederik Pohl, der später mit Kornbluth zusammenarbeitete (s. o.). Ihre erste 1948 veröffentlichte SF-Story war „That only a mother“, die innerhalb der weiblichen SF zu den Klassikern zählt. Ihr erster Roman „Shadow on the hearth“ (wörtlich: „Ein Schatten auf dem Herd“) erschien 1950. Darin erlebt eine gewöhnliche Hausfrau den Atomkrieg. Die „SF Enyclopedia“ nennt den Roman eine der besten Geschichten über den nuklearen Holocaust. Die Verfilmung trägt den reißerischen Titel „Atomic Attack“.

„Dead Center“ (1954) erschien in einer Anthologie der besten amerikanischen Kurzgeschichten, und ihre Storysammlung „Daughters of the Future“ (1968) enthält drei bahnbrechende Novellen über Frauen (Mütter, Geliebte etc.) im Zeitalter der Raumfahrt. 1960 erschien mit „The Tomorrow People“ ein schwacher Roman, danach trat Merril vor allem als eine der fleißigsten Herausgeberinnen der SF überhaupt hervor.

In die Literaturgeschichte schrieb sie sich als eine der ersten Verfechterinnen der britischen New Wave in der SF ein. Diese literarische Bewegung verschmolz moderne Themen und Erzählformen mit SF-Motiven. Ihr wichtigster Exponent war J. G. Ballard, der tabubrechende Storys u. a. über J. F. Kennedy, Jacqueline Kennedy und Marilyn Monroe schrieb (in „The Atrocity Exhibition“).

Handlung

Schütze Cade (er hat keinen Vornamen) lebt in einer religiös verbrämten Militärdiktatur. Offiziell dient er dem Imperator, der jedoch durch seinen Statthalter und seine Feldherren vertreten wird. Das ganze System der Klin-Philosophie scheidet den elitären Orden der Schützen von den gewöhnlichen Bürgern, die angeblich keine Ahnung von den Vorrechten der Schützen haben. Schütze fühlt sich entsprechend privilegiert, ein System aufrechtzuerhalten, das angeblich bereits seit zehntausend Jahren besteht. Er verteidigt seine Ordensbrüder gegen jede Beleidigung oder Bedrohung von außen und trägt so zum Erhalt der Diktatur bei. Besonders die Brüder vom Mars vertreten ein paar allzu liberale Ansichten.

Aufgrund seiner vernagelten Froschperspektive hat er keine Ahnung von den Machtspielen des Statthalters und der Feldherren. Sein Truppeneinsatz im Kampf um ein Erzdepot irgendwo in Lothringen führt dazu, dass er in einem umkämpften Haus den Rebellen in die Hände fällt. Eine junge Frau hilft ihm, aber auch sie scheint den Rebellen des so genannten „Kairo-Mysteriums“ anzugehören. Unter Drogen gesetzt und hypnotisiert, wird er in die USA verfrachtet, wo sie ihm befehlen, den Statthalter zu ermorden. Cade, durch harte Ausbildung und Askese zur Disziplin geschult, kann sich dem posthypnotischen Befehl entziehen und die junge Frau täuschen.

Zusammen treten sie als Prostituierte und Freier verkleidet auf die Straße, wo sich Cade an einen Polizisten wendet. Er will unbedingt den Statthalter vor dem geplanten Anschlag und der Verschwörung warnen. Die junge Frau protestiert vergeblich gegen seinen offensichtlichen Unverstand: Beide werden verhaftet. Auf der Wache wird er nicht gerade sanft behandelt, als er behauptet, der Schütze Cade zu sein, von dessen Heldentod jeder inzwischen durch die Behörden informiert worden ist.

Während die Frau wieder entlassen wird, buchten die Polizisten Cade ein. In der Zelle lernt er den Klein-Lehrer Fledwick kennen, der sich als Dieb und Einbrecher durchschlagen wollte. Den beiden gelingt die Flucht, denn noch immer will Cade seine Vorgesetzten warnen. Doch auch beim Obersten Schützen in Washington, D.C., hat er kein Glück. Seine Gutgläubigkeit wird diesmal seinem Kameraden Fledwick zum Verhängnis, während ihm selbst in letzter Sekunde die Flucht gelingt.

Er muss unbedingt die junge Frau finden, sagt er sich, die sich als Prostituierte ausgab. Doch obwohl er sich in einem Bordell einquartieren darf, scheint es in der ganzen Halbwelt keine Frau wie jene Rebellin zu geben. Nach zwei Wochen vergeblicher Suche und weiterer Umwandlung zu einem Bürger begibt er sich zur Audienz beim Imperator. Dort sieht er nicht nur die junge Rebellin – offenbar ist sie ein Mitglied des Hofes -, sondern auch den Statthalter. Dieser verlangt eine Unterredung mit Cade.

Nun werden ihm endgültig die Augen über die wahren Sachverhältnisse im System geöffnet. Der Statthalter will ihn im Krieg gegen den Mars als Geheimagenten einsetzen. Cade beschließt, den Verräter seinerseits zu verraten und mit der jungen Frau abzuhauen. Doch diese hält eine weitere Überraschung für ihn bereit.

Mein Eindruck

Dieser aufklärerische Roman aus dem Jahr 1952 würde heute offene Türen einrennen, aber damals durfte er sich als Reaktion auf alle Militärdiktaturen des II. Weltkriegs verstanden wissen: Nazi-Deutschland, Italien, die Sowjetunion, Spanien und Japan. Die Abenteuer des Schützen Cade, der angeblich den Heldentod starb, zeigen auf, wie die Zivilbevölkerung unter der Willkürherrschaft des totalitären Regimes zu leiden hat: Verhaftung, Verurteilung, Ermordung ohne jede rechtliche Handhabe oder Verteidigung. Natürlich gibt es totale Überwachung und deshalb auch eine Geheimpolizei. Niemand entkommt der Bespitzelung.

Der Widerstand

Dennoch gibt es die Rebellen, die sich als eines der vielen Mysterien tarnen, also religiös begründete Geheimbünde, die sich im Verborgenen treffen. Mit ihrem Netzwerk können sie, so scheint es Cade, der Geheimpolizei entgehen und ihrerseits per Hypnose und Drogen ihre Agenten gefügig machen und auf Selbstmordmissionen schicken.

Was sie anstreben, ist natürlich der Sturz des unmenschlichen Tyrannensystems und die Errichtung des demokratischen Menschen-Reiches. Wie dieses aussieht, erlebt Cade erst auf dem Mars. Dort führt er die Bürger-Partisanen gegen die Statthaltertruppen in den Kampf. Mit seinen Methoden gelingt der Sieg. Dieses actionreiche Finale erinnerte mich stark an dasjenige von [„Der Wüstenplanet“, 1662 natürlich auch wegen des wüstenartigen Terrains auf dem Mars. Spätestens hier eröffnet sich das gewohnte Szenario der Space Opera.

Metamorphose

Der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist jedoch die totale Wandlung des Schützen Cade. Wie lässt es sich psychologisch plausibel darstellen, dass aus einem linientreuen Anhänger der staatlichen Doktrin ein rebellischer Bürger wird? Genauso gut könnte man aus einem SS-Mann einen Widerstandskämpfer machen. Die Autoren mühen sich redlich, diesen schrittweisen Prozess plausibel zu machen, so ganz will ihnen das aber nicht gelingen. Letzten Endes ist immer wieder eine List oder Zwang vonnöten, um Cade in die gewünschte Richtung zu treiben.

Eine Marsprinzessin

Und schuld ist daran fast immer das geheimnisvolle Mädchen, das für die Rebellen tätig ist. Sie ist nicht nur die Karotte, welcher der Esel Cade nachläuft, sondern auch die süße Belohnung für seine Mühe. Zunächst erscheint dieses schillernde Wesen als Widerstandskämpferin mit unsicherer Loyalität, dann als Prostituierte, schließlich sogar als Poesie vortragende Närrin bei Hofe. Alles nur Masken, denn letzten Endes erweist sie sich als Prinzessin von höchsten Graden. Das erinnert doch stark an Flash Gordons (1934ff) Verlobte Dale Arden, die er dem Schurken, Ming the Merciless vom Planeten Mongo, aus den Klauen reißt. Nur dass die Marsprinzessin Jocelyn ungleich selbständiger ist. Und dass es keinen verrückten Wissenschaftler namens Hans Zarkov gibt.

Die Übersetzung

Die deutsche Übersetzerin gab sich keinerlei Mühe, den Stil etwas aufzupeppen, sondern schluderte die Story einfach so herunter. Die zu erwartenden Druckfehler findet man denn auch ohne Mühe.

Was jedoch wesentlich schwerer wiegt, ist der begründete Verdacht, dass dieses Buch massiv gekürzt wurde. Es handelt sich zwar nur um einen Routine-SF-Roman, aber die „SF Encyclopedia“ erwähnt ihn immerhin als Beispiel dafür, dass Krieg als eine Art Volkssport betrieben wird. Say what?! Davon ist in der deutschen Fassung überhaupt nichts zu finden. Denn die Kriege, welche die Feldherren und der Statthalter unter sich anzetteln, sind nicht Volkssport, sondern Machtproben – eine Art überdimensionales Schach, wenn man will.

Dass hier gekürzt wurde, verrät auch der lückenhafte Szenenanschluss, der auf Seite 137 zu finden ist. Cade stellt eine Frage, und die liebliche Jocelyn schweigt zunächst, dann antwortet sie völlig unzusammenhängend: „Keinen einzigen.“ Von was, bitteschön?

Die mutmaßlichen Kürzungen würden auch den holprigen und holzschnittartigen Darstellungsstil erklären.

Unterm Strich

In seinem aufklärerischen, ideologiekritischen Ansatz, der gegen tumbe Soldaten wettert, bildet „Die Rebellion des Schützen Cade“ einen Vorläufer zu kritischer Soldaten-SF wie Joe Haldemans [„Der ewige Krieg“. 488 Aber die Form der Geschichte schuldet noch eine Menge ihren Vorbildern aus der Pulp-Ära, namentlich der romantischen Space Opera der dreißiger Jahre. Aber immerhin ist die weibliche Hauptfigur schon wesentlich selbständiger als etwa Flash Gordons ewige Verlobte Dale Arden. Denn inzwischen hatten C. L. Moores heroisch-geheimnisvolle Frauenfiguren eine Wandlung des Frauenbildes in der SF herbeigeführt. Und die Koautorin Judith Merril war selbst eine frühe Verfechterin starker und selbstverantwortlich agierender Frauen in der SF.

Die mutmaßlich stark gekürzte deutsche Übersetzung wird der Vorlage nicht gerecht. Diese Vorlage mag zwar ein routiniert geschriebener SF-Roman sein, aber er hat dennoch wesentlich mehr kritische Ansätze als so mancher Roman, den Heinlein zwischen 1947 und 1958 produzierte. Es wundert nicht, dass Heinlein bis heute nachgedruckt wird, aber „Schütze Cade“ völlig in der Versenkung verschwunden ist. Höchste Zeit für eine Neuübersetzung innerhalb einer kritischen Kornbluth-Würdigung.

Originaltitel: Gunner Cade, 1952
155 Seiten
Aus dem US-Englischen von Birgit Reß-Bohusch

Mann, Phillip – Der Drache erwacht (Ein Land für Helden 3)

Action und Spannung: vor dem großen Finale

In diesem 3. Band des Science-Fantasy-Zyklus „Ein Land für Helden“ kommt es zu zwei entscheidenden Ereignissen: Die britischen Rebellen unter Angus‘ Führung greifen ein Gefangenenlager an, und der römische Kaiser beschließt die totale Zerstörung Britanniens und die Deportation seiner Bevölkerung. Er entpuppt sich gegenüber seinem britannischen Statthalter als ein zweiter Adolf Hitler. Wie soll die Insel dem Rest des römischen Imperiums widerstehen können?
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Edgar Allan Poe – Das Geheimnis der Marie Roget (Folge 35)

Köpfe werden rollen, Mühlen brennen!

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Das Geheimnis der Marie Roget“ wird die 9. Staffel innerhalb des großen POE-Epos fortgesetzt. Die Vorgeschichte findet man in den vorangegangenen 34 Folgen sowie in dem Roman „Lebendig begraben“, erschienen bei Bastei-Lübbe.

USA um 1851. Der Mann ohne Gedächtnis, einst Insasse eines Irrenhauses und Opfer einer medizinischen Behandlung, weiß nun, wer er ist: Edgar Allan Poe. In seinem Grab ruht ein namenloser Landstreicher. Bei einem Aufenthalt auf dem Lande („Morella“) hat er entdeckt, dass er Eltern und Geschwister hat. Er muss sie finden, um seine Identität doch noch zu beweisen.

Eine erste Spur führt ihn nach Baltimore. Dort stößt er auf einen seltsamen Buchhändler, der etwas zu wissen scheint, aber hartnäckig schweigt. Poe findet in seiner Buchhandlung versteckt eine Landkarte, auf der auch der Wohnort seiner Schwester Rosalie eingetragen, in Terrytown, das auch als Sleepy Hollow bekannt ist…
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Mann, Phillip – Der Monolith (Ein Land für Helden 2)

Fantasy-Roman mit politischer Spannung

Im 2. Band des vierbändigen Science-Fantasy-Zyklus finden die drei Flüchtlinge ihre jeweilige Bestimmung, und schon bald müssen sie sich mit einer furchtbaren Bedrohung auseinandersetzen: der von den Römern beschlossenen völligen Vernichtung der britannischen Wälder. Die Provinz soll eine einzige Schafweide werden.

Vorbemerkung
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Mann, Phillip – Flucht in die Wälder (Ein Land für Helden 1)

Eine Welt mit alternativem Geschichtsverlauf schildert der neuseeländische Autor Phillip Mann. Im 1. Band der Tetralogie |Ein Land für Helden| werden drei junge römische Bürger Britanniens zu Geächteten und Ausgestoßenen – der Beginn ihres Widerstandskampfes und des Untergangs des Römischen Weltreiches.

Der Autor
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Holdstock, Robert – Gate of Ivory (Ryhope Wood Zyklus 7)

_Liebe und Tod im Mythenwald_

In den achtziger Jahren schrieb der englische Autor Robert Holdstock mit „Mythenwald“ (Bastei-Lübbe; O-Titel: „Mythago Wood“) einen Klassiker der modernen Fantasy-Literatur. Er kehrte immer wieder zu diesem mythen- und bildergebärenden Kessel der Ideen, dem Ryhope Forest, zurück – so in „The Hollowing“ und „Lavondyss“ (dt. bei Bastei-Lübbe als „Tallis im Mythenwald“). „Gate of Ivory“ ist ein Prequel zu „Mythago Wood“.

_Handlung_

In „Gate of Ivory“ kehrt der Autor wieder zum Ursprung der Geschichte von „Mythenwald“ zurück. Der Gelehrte George Huxley, der mit seiner Frau Jennifer und den zwei Söhnen Stephen und Christian auf seiner Farm lebt, erforscht die Tiefen des nahe gelegenen Ryhope Forest. Aus dessen scheinbar unendlichen Tiefen erscheinen ihm immer wieder Gestalten aus der Frühzeit der Menschheit, vor allem aus den Mythen.

Aus dem Artus-Mythos ist ihm Guinevere, eine junge unbändige Frau von großer Schönheit, begegnet, und er verliebte sich in sie. Seitdem sucht er immer wieder im Wald nach ihr. Dies zerstört seine eigene Ehe und die Beziehungen zu seinen Söhnen, denen er sich entzieht.

Christian, sein jüngerer Sohn, erzählt die Geschichte von „Gate of Ivory“. Die Geschichte beginnt mit den Abwesenheiten des Vaters und den wiederholten Besuchen von wilden Gestalten aus dem Forst. Eine junge Frau schlägt ihn in ihren Bann. Ihr Häuptling zeichnet ihn mit einem Messer als „slathan“. Die Bedeutung dieses Wortes und der Rolle, die es ihm zuweist, wird ihm erst gegen Schluss seines folgenden Abenteuers klar. Nach der Verwüstung der Farm verschwindet die Horde.

Christians Mutter tötet sich. Sie erhängt sich, offenbar umnachtet, in den Ästen einer sturmgebeugten Eiche unweit des Waldes. Ihr Sohn, der sie davon abzuhalten suchte, ist untröstlich. Er zieht in den Zweiten Weltkrieg, um erst Jahre später, gereift und in den Kampfkünsten erfahren, zurückzukehren.

Er macht sich auf in den Forst und stößt schließlich auf eine kleine Gruppe von zum Tode verdammten Personen. Die junge Frau Guiwenneth, die ihn an seine einstige Gespielin erinnert, hat es ihm besonders angetan. Eine innige Beziehung entsteht. Eine weitere interessante Gestalt in der Gruppe ist Someone Son of Somebody, der als Baby unbenannt geblieben war. Eine enge Beziehung baut diese Artusgestalt zur Zauberin Issabeau auf, deren Name aus frühmittelalterlichen Legenden stammt. Christian kann sich dank der Übersetzungskünste von Gwyr – man spricht Keltisch – mit den anderen, die Englisch lernen, verständigen.

Die Gruppe stößt auf eine große Armee – die „Legion“ – aus Söldnern, Zauberern und Sehern, die von Kylhuk angeführt wird und auf der Suche nach der „Langen Person“ ist. Kylhuk wird Christians Mentor, eine verhängnisvolle Beziehung, wie sich zeigen soll: Es war Kylhuks Hauptmann Mannandoun, der Christian zum „slathan“ gemacht hatte. Mannadoun fällt unter den Schwertstreichen der Legion-Verfolger, den Söhnen Kyrdus.

Kylhuk ist eine Gestalt aus den walisischen Legenden, die im „Mabinogion“ gesammelt sind. Im Auftrag des Königs der Riesen und seiner Tochter Olwen befindet er sich auf der Queste, um mehrere sagenumwobene Gegenstände für seine Hochzeit mit Olwen zu finden. Kylhuk reist mit der Legion durch Lande und Zeiten, die sich ständig verändern.

Als sich die „Lange Person“ als langer Fluss mit zwei Armen herausstellt, befährt die Legion diesen Styx-artigen Fluss in die Totenwelt. Deren Zugang hat zwei Tore: das Tor von Horn und das Tor von Elfenbein. Letzteres steht für die Lüge, Ersteres für die Wahrheit. Die Legion wird bei einem Unglück zerschlagen, nur wenige der Ursprungsgruppe überleben – doch Guiwenneth ist verschwunden.

Als Christian durch das Tor aus Horn geht, trifft er zunächst seine Mutter wieder. Sie weist ihn zurück, als er ihr die Chance bietet, sie in die Welt der Lebenden zu bringen. Er solle lieber seine Geliebte Guiwenneth retten – sie biete ihm eine Zukunft. Doch auch sie weist ihn an, sie in der schönen (keltischen!) Totenwelt zurückzulassen.

Christian kehrt jedoch in anderer Begleitung zu Someone Son of Somebody zurück – sehr zu dessen Freude. Someone erinnert sich nun wieder an seinen wahren Namen. In Freundschaft trennen sie sich, und Christian kehrt nach Hause zurück – nur um die schreckliche Wahrheit über den Tod seiner Mutter zu erfahren!

_Mein Eindruck_

Robert Holdstock ist ein Meister in der einfühlsamen Behandlung tiefer menschlicher Befindlichkeiten: die Jagd nach der verschwundenen Geliebten, nach der toten Mutter. Dies sind jedoch ewige Konstanten: die Suche nach Liebe, das Verfolgen der Wahrheit.

Nur allzu oft münden seine Geschichten in tragische Situationen, in denen der Helden sich in der Bewertung von wahr und unwahr, gut und falsch, Täuschung und Lüge bewähren muss. Christian Huxley muss sich in der Unterwelt fast wie weiland Orpheus zwischen der Geliebten und der Mutter entscheiden und die Gewählte, ohne sich umzuwenden oder sie anzusprechen, zurück in die Oberwelt führen. Diese Neu- und Umdeutung der alten Mythen für die Gegenwart stellt den größten Wert in Holdstocks Werk dar.

Aber es gibt noch andere Werte. Da ist zum einen die unterhaltsame Art und Weise, wie er alte Geschichten aus dem kollektiven Unbewussten der Menschheit lebendig werden lässt. Ihm mangelt es nie an Action und einem trockenen Humor, wie er einem Engländer aus Kent gut zu Gesicht steht.

Schade, dass bislang nur die zwei oben genannten Fantasy-Romane den Weg zu uns gefunden haben.

|Hinweis|

Wer mehr von Holdstock lesen will, muss zu den Originalausgaben greifen – von „Ancient Echoes“, „The Fetch“ und „The Bone Forest“, zusätzlich zu den oben genannten Titeln aus dem Mythenwald-Zyklus. Übrigens: Holdstock hat auch Science-Fiction geschrieben. „Erdwind“ ist 1981 bei Moewig veröffentlicht worden.

Gribbin, John – Schiff der Visionen, Das

_Die Truman-Show der Wissenschaft_

Noch ein Mythos von der Eroberung und Entdeckung der Welt! Vision und Vernunft tun sich zusammen, um die Welt zu enträtseln – eine Utopie der Wissenschaft?

_Der Autor_

John Gribbin, geboren 1946, ist einer der bekanntesten britischen Wissenschaftler und Sachbuchautoren. Er hat populärwissenschaftliche Werke veröffentlicht, etwa über die Quantenphysik („Auf der Suche nach Schrödingers Katze“, 1984, und „Blinded by the Light“). Sein Roman „Father to the man“ von 1989 ist auf deutsch bei |Heyne| erschienen und wahrscheinlich sein bestes Buch. Seine anderen Romane schrieb er stets in Zusammenarbeit mit anderen Autoren, so etwa „Ragnarök“ mit D.G. Compton, ebenfalls bei |Heyne|. Ihre Handlung ist stets ziemlich vorhersehbar, aber ihr Gehalt an wissenschaftlichen Erkenntnissen überdurchschnittlich hoch – ähnlich wie bei Arthur C. Clarkes letzten Romanen.

_Handlung_

Die Story dreht sich einfach um die Erweiterung des geistigen Horizonts – nicht nur eines Menschen, sondern einer Zivilisation und Bevölkerung. Die Novizin Elyse hat ein Talent, von dem sie hofft, dass sie es bei den Schwestern im Kloster ausbauen kann. Leider wird es als recht nutzlos angesehen: Sie „sieht“ in aufsteigendem Rauch ein großes Schiff mit weißen Segeln, wie man es in ihrer Gegend nicht kennt. Hier gibt’s nur Fischerboote.

Elyse aber glaubt an sich, und als man sie nach Hause schickt, begibt sie sich zu einer Familie, von der ihr eine Mitschwester erzählte. Sie bringt den Leuten in diesem entlegenen Nest bei, wie man Boote so baut, dass man damit gegen den Wind kreuzen kann. Bald ist sie eine recht angesehene „Hexe“. Aber sie wartet eigentlich nur auf das große Schiff.

Parallel dazu erzählt der Autor die Geschichte, die zu diesem Schiff gehört. Das hat der Herzog Kyper bauen lassen, um Handel mit weiter entfernten Inseln treiben zu können. Auf dieser Wasserwelt leitet sich Profit davon ab, wie viele Waren man zu guten Preisen in möglichst kurzer Zeit zum Markt der Abnehmer bringen kann. Ein neues Navigationssystem für die exakte Positionsbestimmung verleiht Herzog Kyper gegenüber seinen Rivalen einen enormen Konkurrenzvorteil. Kein Wunder, dass dessen Erfinder sofort gekidnappt wird. Das nennt man wohl „unfreundliche Übernahme“. Doch Kypers Mannen befreien den Erfinder Falk und entkommen den Kidnappern.

Mit dem Navigationssystem stechen Falk, sein vertrauter Steuermann und der Kapitän der „Far Trader“ in See, um ans andere Ende des Ozeans zu segeln, dorthin, wo seltsame Lichter scheinen. Die Reise dauert lange. Pünktlich geht die Sonne morgens im Zenit an und pünktlich abends auch dort wieder aus. (!) Nachts scheinen ein paar Lichter, die wir für Sterne halten würden, also andere Sonnen. Nicht so Falk & Co.!

Eines Tages tauchen am Himmel fliegende Menschen auf: Männer, die an Flügeln hängen. Leider stürzen zwei davon ab, die Far Trader wird vom König der Flugmenschen unter eine Art wohlwollender Quarantäne gestellt, nach dem Motto: „Ihr dürft weiterleben, doch nur, wenn ihr mir euer Schiff übergebt und besonders euer raffiniertes Navigationssystem.“ Falk gelingt es, mit Hilfe eines Ballons der Gefangenschaft zu entfliehen. Die Flieger können ihm bei Nacht leider nicht folgen, weil ihnen dazu die Thermik fehlt.

Im letzten Drittel finden beide Erzählstränge zusammen. Elyses Vision bewahrheitet sich, als die Far Trader in ihrem Hafen einläuft. Zusammen mit Falk übernimmt sie die Aufgabe, die herrschende Dürre zu beenden, indem sie für Regen sorgt. Elyse und die Besatzung des Schiffs begeben sich in die Berge. Mit Hilfe eines Ballons schaffen es Elyse und Falk, die hohen Klippen zu überwinden, die die Welt zu begrenzen scheinen. Dort erleben sie ihr blaues Wunder: Dies ist tatsächlich die Grenze ihrer Welt! Sie leben IN einer Kugel.

_Mein Eindruck_

Wer den schönen Film „Die Truman Show“ mit Jim Carrey gesehen hat, der weiß schon nach wenigen Dutzend Seiten Bescheid. Dies ist eine künstliche Welt, vielleicht ein Generationenschiff wie bei Gene Wolfe in dessen „Buch der Langen Sonne“. Hier wie dort hat die „Besatzung“ keine Ahnung, dass sie sich in einer künstlichen, begrenzten und sich bewegenden Welt befindet. Natürlich gibt es auch einen Beobachter – irgendjemand muss schließlich Bescheid wissen und die Ahnungslosen aufklären. Das erzählt Gribbin sehr schön. Und schon bald nähert man sich einem Sonnensystem mit neun Planeten …

Auch dies ist eine vorhersehbare Handlung, doch sie ist nett erzählt. Besonders gefielen mir die Experimente Falks mit seinem Navigationssystem. Es basiert auf elektrischer „Resonanz“, wie er sagt. Heute würde man sagt, auf passivem Radar. Ziemlich clever, aber wohl nur in dieser Welt funktionsfähig. Auch seine anderen Ideen sind recht witzig. So liest sich das Buch einerseits wie Fantasy mit Science-Fiction-Elementen, andererseits wie ein Renaissance-Roman mit einem Leonardo da Vinci im Zentrum. Aber Falk hat letztlich nur Erfolg, weil ihm Elyses Telekinese hilft. Magie und Wissenschaft – der nächste (Fort-)Schritt also?

|Originaltitel: Innervisions, 1993
Aus dem Englischen übertragen von Walter Brumm|

Marc-Uwe Kling – QualityLand 2.0. Kikis Geheimnis

Nostalgische Erinnerungen an die Kabelzeit

Schwer was los in QualityLand, dem besten aller möglichen Länder. Jeder Monat ist der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, ein Billionär möchte Präsident werden, und dann ist da noch die Sache mit dem Dritten Weltkrieg. Peter Arbeitsloser darf derweil endlich als Maschinentherapeut arbeiten und versucht, die Beziehungsprobleme von Haushaltsgeräten zu lösen. Kiki Unbekannt schnüffelt in ihrer eigenen Vergangenheit herum und bekommt Stress mit einem ferngesteuerten Killer. Außerdem benehmen sich alle Drohnen in letzter Zeit ziemlich sonderbar … Marc-Uwe Klings lustige Dystopie um Menschen und Maschinen in einer Big-Data-Welt geht in die zweite Runde! Ein Roman voller kluger Einfälle, skurriler Figuren und verblüffender Plot-Twists. (Verlagsinfo)

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Sturgeon, Theodore – Ersten ihrer Art, Die

_Menschliche Evolution – nächster Schritt_

Ein Gruppenbewusstsein, das sich aus mehreren Menschen mit besonderen Talenten zusammensetzt, steht im Mittelpunkt dieses berühmten Romans, der 1954 mit dem |International Fantasy Award| ausgezeichnet wurde.

Nachdem die Ausgabe des |Heyne|-Verlags mit dem Titel „Baby ist drei“ schon längst vergriffen ist, besorgte der Hamburger Argument-Verlag eine lobenswerte Ausgabe mit einer ungekürzten und „völlig überarbeiteten“ Übersetzung. Dies ist ein wesentlicher Punkt, denn die Geschichte lebt zu einem großen Teil von der poetischen Sprache, in der Sturgeon sie verfasste.

_Handlung_

Zunächst werden im ersten Teil die verschiedenen Personen der Geschichte vorgestellt. Das ist einmal der „fabelhafte Idiot“, der dem Kapitel seinen Titel gibt. Er kennt kein Ich, hat keine Sprache, lebt wie ein Tier im Wald. Als er von einem wohlmeinenden kinderlosen Farmerspaar aufgenommen wird, erwirbt er einen Namen, Lein (von ‚allein‘), Sprache (er lernt aber nie Schreiben) und Liebe – was wohl das Wichtigste ist. Die Talente des Idioten Lein sind Telepathie und Empathie, also Übertragung von Gedanken und Empfindungen.

Er trifft auf ebenfalls empathiefähige Menschen. Evelyn, die Unschuld aus einem abgeschieden gelegenen Herrenhaus, stirbt nach Leins Einmischung in ihre Familie; doch später kommen die kleine Janie mit den telekinetischen Kräften (sie bewegt Dinge mit Gedankenkraft) und die beiden sprachgestörten farbigen Zwillinge Beanie und Bonnie, die teleportieren können: Sie bewegen sich selbst von Ort zu Ort per Gedankenkraft. Hinzukommen weitere Teile des entstehenden Gestaltwesens: ein mongoloides Baby, dessen Geist arbeitet wie ein Computer und das seine Ergebnisse telepathisch überträgt; und schließlich Gerry, ein Junge, der nur hassen kann.

Dieses Häuflein Menschen, das einsam und geschützt in einer Hütte im Wald lebt, entdeckt erst spät (eigentlich nur Lein, dann Gerry), dass es sich vom Rest der Menschheit erheblich unterscheidet. Einzeln sind die Kinder und Lein schwach, doch zusammen können sie mehr vollbringen als ein durchschnittlicher Mensch.

Im zweiten Teil findet eine Psychiatersitzung statt, die dazu dienen soll, dass Gerry herausfindet, was mit ihm nicht stimmt: Er hat einen Menschen getötet. Mal hält er sich für 15 (meistens), dann wieder für acht Jahre alt, dann ist er 33. Feststeht zumindest, dass er über telepathische und hypnotische Kräfte verfügt. Ein paar Jahre sind inzwischen vergangen, und er hat den verstorbenen Lein als Leiter der Gruppe abgelöst.

Der Satz „Baby ist drei“ – so der Titel dieses Buchteils – löst in seinem Geist eine Blockade aus, die die Frage auf die Antwort verschließt, warum er Miss Kew, die „Erzieherin“ des Gestaltwesens, getötet hat. Wie sich herausstellt ist Miss Kew die Schwester jener Evelyn, der Lein damals so verhängnisvoll begegnete, Alicia. Der Leser fragt sich die ganze Zeit, warum Alicia gegenüber Lein eine Verpflichtung hatte, seine Gruppe in ihrem Haus aufzunehmen – sie kannte ihn doch gar nicht, oder? Das Geheimnis hinter dem Satz „Baby ist drei“ ist für sie verhängnisvoll, zeigt aber Gerry, wer er in Wirklichkeit ist. – Diese Szenen sind extrem spannend und halten viele überraschende Erkenntnisse bereit.

Im dritten Teil, „Moral“, sind aus den jungen Mitgliedern der Gruppe Erwachsene geworden. Hip Barrows, den man schon aus dem ersten Teil kennt, ist so etwas wie ein junges Elektronik-Genie und zudem ein Opfer der Andersartigen, doch – nach einem sehr spannenden Selbstfindungsprozess – er schließt sich ihnen an und wird zu ihrem Gewissen.

Denn der |Homo gestalt| kann alles tun und sein, was er will; hätte er kein Gewissen, keine Moral, so würde er die Welt vernichten. Interessant, dass der Autor sehr genau zwischen Moral und Ethik unterscheidet. So gibt Hip dem allmächtigen Gerry keine Moral, die ihn seinesgleichen verpflichten würde – denn die gibt’s ja nicht. Sondern er gibt ihm eine Ethik, die ihn künftigen Generationen des Homo gestalt gegenüber verpflichtet. Und dies bedeutet eine Befreiung von überraschendem Ausmaß – jeder lese selbst!

_Mein Eindruck_

„Die Ersten ihrer Art“ gehört zu den zehn berühmtesten und wohl auch besten Science-Fiction-Romanen überhaupt. Es ist ein hervorragendes Beispiel für die Bearbeitung des Themas Homo gestalt, bei dem mehrere Mutanten ihre Talente kombinieren und so eine parapsychische Union und neue Daseinsform bilden.

Mich hat der Roman vor allem deshalb beeindruckt, weil Sturgeon es versteht, auf sprachlich wunderschöne und doch einfache Weise eindringlich klarzumachen, was jedes Mitglied der Gruppe ausmacht und worin ihre Besonderheit in der Koexistenz besteht: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Die stellenweise (besonders im ersten Teil) beinahe märchenhaft erzählte Handlung wirkt durch die dahinter stehende rationale, aber humanistische Philosophie realistisch.

„More than human“ ist eine Verbindung aus dieser Philosophie und wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. Theorien, die in den frühen Fünfzigern kursierten. Und wer weiß, vielleicht steht dem Menschen dieser psychische Durchbruch noch bevor. Stattdessen müht sich die Wissenschaft, Maschinen Intelligenz zu verleihen. Wie lächerlich, da noch nicht einmal der Mensch seine „Intelligenz“ sinnvoll einsetzen kann, indem er sich künftigen Generationen gegenüber verantwortungsbewusst erweist!

Vielleicht kann man die Forderung des Autors nach einer menschenwürdigen Zukunft verstehen, die auch einen Platz für die Andersartigkeit hat, für Mutanten. Man merkt der Erzählung Sturgeons weitreichende Psychologiekenntnisse und seine Liebe für Kinder an und dass er über ein tiefes Verständnis für sie verfügt. Und daher ist klar, dass er jedem Kind, und sei es noch so andersartig, eine Chance verschaffen möchte, mehr Glück, mehr Erfüllung zu finden, beispielsweise in der Gemeinschaft des Homo gestalt.
Leider sind wir heute im 21. Jahrhundert schon zu sehr desillusioniert: Solche Anliegen finden wir wohl nur noch hoffnungslos naiv, oder wie seht ihr das?

|Die Übersetzung|

Ich frage mich nur eines: Wenn diese Übersetzung „völlig überarbeitet“ wurde, warum findet sich dann auf fast jeder Seite mindestens ein Druckfehler?

_Der Autor_

Theodore Sturgeon (1918-1985) war einer der wichtigsten Story-Autoren der amerikanischen Science-Fiction nach dem Zweiten Weltkrieg. (Er begann zwar schon 1939 zu veröffentlichen, doch die meisten Storys schrieb er in den 15 Jahren nach 1946.) Aber auch seine Romane wie „More than human“ (1953) wurden preisgekrönt. Sogar ein wichtiger Science-Fiction-Preis ist nach ihm benannt.

Eines seiner Hauptmotive war die Weiterentwicklung des Menschen: Telepathen, Gestaltwandler, Telekineten und andere „strange people“ bevölkern seine Geschichten. Natürlich müssen sie sich, wie alle so genannten „freaks“ mit den Vorurteilen, ja, der Feindseligkeiten der „Normalen“ auseinandersetzen. Aus dieser Entfremdung führt der Weg zu einem transzendenten Aufgehen in einer höherwertigen Gemeinschaft dieser PSI-Begabten. So geschieht es in „More than human“, aber auch in „The dreaming jewels“, das 1950 erschien.

|Originaltitel: More than human, 1953
Aus dem US-Englischen übertragen von Birgit Will und Walter Brumm|

James Tiptree jr. – 10000 Lichtjahre von zuhaus. Phantastische Erzählungen

Klassische SF-Storys: Zum Wettrennen mit den Dinosauriern

Dieser erste deutsche Tiptree-Band versammelt die ersten Geschichten der Autorin, die sie veröffentlichte und die in der SF-Gemeinde seinerzeit für Furore sorgten. Zusammen mit dem Band „Beam uns nachhaus“ erschienen die Geschichten unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von zuhaus“ später in der SF-Bibliothek des |Heyne|-Verlags.

Die Autorin
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Robert A. Heinlein – Die Invasion

Nackte Menschheit: Attacke der Weltraummollusken!

Über Iowa wird ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet. In der Bevölkerung bricht Panik aus. Kurz darauf die Entwarnung: Das Ganze war nur eine Zeitungsente. Doch dann verschwinden zwei Agenten des Secret Service, die mit der Angelegenheit befasst waren, bevor sie die schreckliche Wahrheit ans Licht bringen können: Es gibt tatsächlich eine Alien-Invasion, und die Besucher aus dem Weltall können die Gefühle und Gedanken der Menschen manipulieren. Schon bald haben die Aliens alles und jeden unter Kontrolle … (Verlagsinfo)

„The Puppet Masters“, veröffentlicht 1951, ist einer der wichtigsten Invasionsromane in der Science Fiction. Er erschien in Deutschland zuerst 1957 unter dem Titel „Weltraummollusken erobern die Erde“ – das sagt schon alles. Es geht also um eine Story aus dem Kalten Krieg. Ähnlichkeiten mit Jack Finneys „Die Körperfresser kommen“ (1954) sind wohl nicht ganz zufällig. Der Roman wurde ebenso wie Finneys Roman verfilmt.
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John Scalzi – Androidenträume

Aufs Schaf gekommen: Aschenputtel rettet die Galaxis

Die ferne Zukunft: Die Menschen haben das Weltall besiedelt und mit zahlreichen Alien-Völkern politische Bündnisse geschmiedet. Doch dann kommt es auf einer interstellaren Konferenz zu einem fatalen Attentat durch einen Menschen. Der Frieden der Galaxis – und der Fortbestand der Erde – stehen auf Messers Schneide. Und nur ein Mann kann den Krieg noch verhindern. Ein Mann, der es gewöhnt ist, schlechte Nachrichten zu überbringen …

Der Autor

Der Amerikaner https://de.wikipedia.org/wiki/John_Scalzi, geboren 1969, arbeitet als Journalist, Kolumnist und Schriftsteller. Sein Debütroman „Krieg der Klone“ machte ihn auf Anhieb zum Shootingstar der amerikanischen Science-Fiction. Scalzi lebt mit seiner Familie in Bradford, Ohio. Mehr Info unter http://www.scalzi.com . (ohne Gewähr)

Krieg der Klone / Old Man’s War

Alle übersetzt von Bernhard Kempen.

1 Old Man’s War. Tor, 2005, ISBN 0-765-30940-8.
Krieg der Klone. Heyne, 2007, ISBN 978-3-453-52267-1.
2 The Ghost Brigades. Tor, 2006, ISBN 0-765-31502-5.
Geisterbrigaden. Heyne, 2007, ISBN 978-3-453-52268-8.,
2,5 The Sagan Diary. Subterranean Press, 2007, ISBN 1-59606-117-0. (Chapbook)
Sagans Tagebuch. Heyne, 2008, ISBN 978-3-453-52442-2. (Bonusmaterial in Die letzte Kolonie)
3 The Last Colony. Tor, 2007, ISBN 0-765-31697-8.
Die letzte Kolonie. Heyne, 2008, ISBN 978-3-453-52442-2.
4 Zoe’s Tale. Tor, 2008, ISBN 978-0-7653-1698-1.
Zwischen den Sternen. Heyne, 2009, ISBN 978-3-453-52561-0.
5 The Human Division. Tor, 2013, ISBN 978-0-7653-3351-3.
Die letzte Einheit. Heyne, 2014, ISBN 978-3-453-31516-7.
6 The End of All Things. Tor, 2015, ISBN 978-0-7653-7607-7.
Galaktische Mission. Heyne, 2016, ISBN 978-3-45-331757-4.

Im Jahr 2008 veröffentlichte Scalzi auf der offiziellen Website des Tor Books-Verlages auf Englisch die Kurzgeschichte After the Coup,[4] die im Buch The Human Division enthalten ist.

Anfang August 2016 erschienen die ersten drei Romane der Serie als Sammelband unter dem Titel Krieg der Klone – Die Trilogie im Heyne Verlag.

Krieg der Klone – Die Trilogie. Heyne, 2016, ISBN 978-3-4533-1776-5.

Shadow War of the Night Dragons

2012: The Dead City (bisher keine deutsche Übersetzung)

Das Imperium der Ströme / The Interdependency

1 The Collapsing Empire. Tor, 2017, ISBN 978-0-7653-8888-9.

Kollaps. Fischer Tor, 2017, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-596-29966-9.

2 The Consuming Fire. Tor, ISBN 978-0-7653-8897-1.

Verrat. Fischer Tor, 2019, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-596-29980-5.

3 The Last Emperox. Tor, 2020, ISBN 978-0-7653-8916-9.

Schicksal. Fischer Tor, 2021, Übersetzer Bernhard Kempen, ISB

Lock In

Lock In. Tor, 2014, ISBN 978-0-7653-7586-5.
Das Syndrom., Heyne, 2015, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-345-331660-7.
Head On. Tor, 2018, ISBN 978-0-7653-8891-9.
Frontal. Fischer Tor, 2018, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-359-629979-9.

Weitere Romane

Agent to the Stars. Subterranean Press, 2005, ISBN 1-59606-020-4.
Agent der Sterne. Heyne, 2010, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-453-52625-9.
The Android’s Dream. Tor, 2006, ISBN 0-765-30941-6.
Androidenträume. Heyne, 2009, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-453-52504-7.
2009: The God Engines, Subterranean Pr., ISBN 978-1-596-06299-3 (bisher keine deutsche Übersetzung)
Fuzzy Nation. Tor, 2011, ISBN 978-0-7653-2854-0.
Der wilde Planet. Heyne, 2011, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-453-53399-8.
Redshirts. Tor, 2012, ISBN 978-0-7653-1699-8.
Redshirts. Heyne, 2012, Übersetzer Bernhard Kempen, ISBN 978-3-453-52995-3.

Handlung

Zwei Todesfälle

Immer diese lästigen Konferenzen, denkt Dirk Moeller, über irgendwelche Handelsquoten. Aber Moeller ist nun mal der Unterhändler des Außenministeriums und muss sich um diesen Scheiß kümmern, wenn die Nationen der Erde weiterhin mit den Nidu Handel treiben wollen. Und diese Nidu sind nun ja wirklich keine Typen, die man kurz mal übers Ohr hauen könnte, sondern leider die stärkste Militärmacht im erdnahen Raum. Der die irdische Weltraumflotte nur ein paar poplige Zerstörer entgegenstellen könnte, wenn es darauf ankäme. Nun, man kann Verhandlungen auf verschiedene Weise führen, beschließt Dirk und denkt an das Supersonderspezialgerät in seinem Mastdarm.

Wenige Stunden später ist der Leiter der Nidu-Delegation an einem Schlaganfall gestorben, doch auch Dirk Moeller hat den Löffel abgegeben. Diplomatische Verwicklungen drohen, die zu einem Krieg führen könnten. Das Außenministerium ist ebenso in Aufruhr wie der Verteidigungsminister, während sich der Präsident im Urlaub befindet. Schon machen sich die ersten Nidu-Schlachtschiffe auf den Weg, um durch den Hyperraum – oder was auch immer – zur Erde zu fliegen.

Zwei Ministerien

Das ist nicht gut, denkt der Außenminister geistreich, als ihn der Botschafter der Nidu sprechen möchte. Bloß nicht provozieren! Der Botschafter ist die Freundlichkeit in Person – Kunststück bei einem zähnestarrenden Echsenmaul. Es habe auf dem Heimatplaneten der Nidu durch den Ausfall des geschätzten Nidu-Führers eine Komplikation in der Thronfolge gegeben, und nun müsse binnen weniger Tage ein Nachfolger inthronisiert werden. Die dafür vorgesehene Zeremonie sieht jedoch ein pikantes, aber entscheidendes Element vor: Ein blaues Schaf sei dafür notwendig, und zwar aus der Rasse „Androidentraum“ (vgl. dazu Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, besser bekannt als „Blade Runner“).

Zwei Spezialisten

Der Außenminister verspricht hoch und heilig, dieses, äh, blaue Schaf herbeizuschaffen, koste es, was es wolle. Es könnte ja die Erde kosten, bemerkt der Nidu-Botschafter beiläufig und verschwindet. Das Verteidigungsministerium hat durch eine raffinierte Wanze die Unterhaltung mit angehört und ist baff: ein blaues Schaf? Wo um alles in der Welt gibt es „Androidenträume“? Doch der Adjutant des Ministers hat da schon eine Idee: Er hat einen Computerhacker an der Hand, der ihm einen Gefallen schuldet. Und auch für die Schmutzarbeit hat man ein paar harte Jungs an der Hand.

Aber auch der Adjutant des Außenministers ist nicht auf den Kopf gefallen. Er hat ebenfalls einen Spezialisten an der Hand, den er normalerweise zum Überbringen schlechter Nachrichten einsetzt. Doch leidet ist dieser „Harris Creek“ ihm keinen Gefallen schuldig, sondern muss mühsam überredet werden. Natürlich bekommt Harris, ein ehemaliger Veteran einer verheerenden Niederlage bei einer Schlacht, nur das Nötigste gesagt und lässt sich auf den 08/15-Job. Nur ein paar Daten überprüfen? Null Problemo.

Zwei Pläne

Seltsamerweise scheinen alle Schafzüchter, die „Androidenträume“ halten, von eine Reihe unglückseliger Todesfälle heimgesucht zu sein. Und nicht nur sie fallen dieser mysteriösen Todesserie zum Opfer, sondern vor allem auch ihre schäflichen Schützlinge. Jedenfalls gelingt es Harris Creek nicht, auch nur ein einziges lebendes „Androidentraum“-Schaf aufzutreiben. Okay, Plan B: Suche nach „Androidentraum“-DNS in den USA. Bingo! Dieses Erbgut befindet sich nach Auskunft seines Supercomputers in einem Individuum, das den Namen Robin Baker benutzt und eine Zoohandlung betreibt.

Robin Baker ist die rothaarige und höchst attraktive Besitzerin einer Zoohandlung, die auch außerirdische Kreaturen führt. Als Harry Creek nach einem solchen Schätzchen erkundigt, kommt ihm die Besitzer ganz normal vor. Von Schaf-DNS ist ihr jedenfalls nichts anzumerken: kein Fell, keine spitzen Ohren, kein Wedelschwänzchen und schon gar keine Schafszähne. Beruhigend. Als jedoch ein Typ einen Gecko kauft und diesen gleich wieder draußen vor der Tür in den Mülleimer wirft, merkt Harry, dass der Feind nicht schläft und es ebenfalls auf Robin abgesehen hat.

Zwei Weltenretter

Also muss Plan C inkrafttreten: Harry nimmt Robin in seine Obhut, denn schließlich steht der interstellare Frieden auf dem Spiel. Die gute Frau hat noch keinen blassen Schimmer, welche Rolle sie in Kürze auf dem Heimatplaneten der schrecklichen Nidu spielen wird. Und wie alle Rothaarigen sträubt sie sich, ungefragt für die Zwecke obskurer Ministerien eingespannt zu werden. Für Spezialist Harry Creek brechen turbulente Zeiten an …

Mein Eindruck

Zunächst mutete mich die hirnrissig überzogene Story wie ein gigantischer Witz an, und zwar an einen zu Ehren des 1982 verblichenen amerikanischen SF-Autors Philip K. Dick. Er war es bekanntlich, der Androiden von elektrischen Schafen träumen ließ, also von „Androidenträumen“ – und genau diese Rasse scheint hier der klassische McGuffin nach hitchcockschem Muster zu sein. Man könnte die Geschichte genauso gut „North by Northwest in the Galaxy“ nennen, nach dem Originaltitel von Hitchcocks Klassiker „Der unsichtbare Dritte“.

Der Plot beginnt zwar hirnrissig, hielt mich aber durch ein paar hübsche Wendungen und Erfindungen bei der Stange, statt in übelsten Trash abzurutschen. So gelingt es Harry Creek, einem wahren Supermann und Allzweckwaffe, seine in der Schlacht auf Pajhmi getöteten Bruder Brian in einem Großcomputer zum virtuellen Leben wiederzuerwecken. Brian wird eine nicht ganz unerhebliche Rolle im Grande Finale spielen, schon allein aufgrund der Tatsache, dass er praktisch alle Daten aufspüren kann, auch die der Nidu, und deren Netzwerke terranischer Herkunft …

Außerdem bekommt es Harry mit seinem Gegenstück zu tun, das vom Verteidigungsministerium auf ihn angesetzt worden ist. Archie McClellan ist nicht bloß ein Computerfreak, sondern auch Angehöriger einer Sekte: der Kirche des Höheren Lamms. Diese Sekte hat sich einst ein verrückt gewordener Möchtegerndichter und -abzocker ausgedacht. Sein Buch der Prophezeiungen spielt ebenso eine Rolle für die Geschichte wie Archie McClellans Zugehörigkeit zu dieser kuriosen Kirche.

Und als wäre dies nicht genug, gibt es noch die Revisionisten, die den Nidu für die Niederlage in der Schlacht auf Pajhmi kräftig in den Hintern treten würden. Schroeder, der Leiter des Amerikanischen Instituts für Kolonisation, hat Dirk Moeller benutzt, um den Delegationsleiter der Nidu zu töten. Und er hat gute Freunde im Pentagon, versteht sich. Diese wiederum haben Archie McClellan und seinen rauflustigen Freund Rod Acuna in Marsch gesetzt.

Dies alles ist eine explosive Mischung von Interessen und Aktivitäten. Kein Wunder also, wenn es früher oder später zu heftigen Auseinandersetzungen kommt, in deren Verlauf gewisse Erkenntnisse gewonnen werden, aber auch gewisse Verluste zu verzeichnen sind. Fragt sich nur, wer am Schluss lebend übrigbleibt und die besseren Karten hat. So wies aussieht, ist Harry Creek der bessere Pokerspieler.

Mal im Ernst

Jetzt aber mal Scherz beiseite. Was bleibt den übrig, wenn die Bühnenfaxen vorüber sind und sich der Leser fragt, ob sich das Lachen und Grinsen gelohnt hat? Unter der Kühlerhaube scheint der Motor dieses Vehikels für Amüsement nämlich ganz anders zu ticken. Wir haben zwei Hauptfiguren, die beide eine ganz besondere Geschichte besitzen, die sie unverwechselbar macht. Harry ist ein Veteran mit einem Trauma, das er sich in der Schlacht von Pajhmi geholt hat: Den Verlust seines Bruders und weiterer zehntausend Kameraden. Harry muss durch die Rückkehr an den Ort dieses Geschehens eine sehr wichtige Lektion lernen, ganz so als läge auf der Couch eines Psychiaters.

Robin Baker ist zu 20 Prozent ein Schaf – zugegeben ein sehr seltenes Schaf, aber dennoch ein Schaf. Das kratzt ein wenig an ihrer bisherigen Selbstachtung, vor allem weil die Art und Weise wie es zu diesem Hybriden kam, nicht nur völlig illegal, sondern auch sexuell anrüchig ist. Mehr sei vor den Kindern nicht gesagt! Auch Robin muss also ihr emotionales Nervenkostüm flicken, und das wird sie am besten auf der Nidu-Heimatwelt können. Ganz nach dem amerikanischen Credo, dass für jeden von uns seine Bestimmung irgendwo wartet, findet sie auf Nidu genau den Ort, wohin sie gehört. Wo sonst würden die Nidu ein Schaf der Rasse „Androidenträume“ ebenso verehren wie es die Kirche des Höheren Lamms tut? Kinokenner dürfen gerne an den Film „Das fünfte Element“ denken, der doch verblüffende Ähnlichkeiten aufweist.

Doch bevor die beiden Helden ihre Bestimmung zwischen den Sternen erlangen können, müssen sie diverse Hürden überwinden, die doch sehr irdischer Natur sind. Sie geraten nämlich in den reichlich vertraut wirkenden Streit zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium. Beide Minister haben Mist gebaut, aber aus unterschiedlichen Gründen. Und diverse Individuen, die ich bereits genannt haben, müssen diesen Mist wieder ausbaden, damit die Nidu die Erde nicht pulverisieren (oder eine intergalaktische Umgehungsstraße bauen, wie bei Douglas Adams). Dieses Hin und Her wird den Pfeilen der Satire ausgesetzt und kommt daher nicht, ähem, ungeschoren davon (ein schiefer Vergleich, sorry).

Man sieht also, dass der Wahnsinn Methode hat. John Scalzi ist nicht nur ein sehr fähiger Erzähler, sondern auch ein listiger Kritiker an den Zuständen seines eigenen Landes. Durch Übertreibung ins Absurde, werden diese Zustände erkennbar und in ihrer Sinnlosigkeit angreifbar gemacht. Für solchen Unsinn werden Steuergelder verschwendet, darf sich der amerikanische Leser zu Recht fragen.

Die Übersetzung

Bernhard Kempen hat das Original kongenial übersetzt, und er musste dafür nicht mal ein Glossar erstellen, was sehr für die Verständlichkeit des Textes spricht. Sein Verdienst ist es, die verschiedenen Figuren mit völlig verschiedenen Ausdrucksweisen zu versehen und so gut unterscheidbar zu charakterisieren. Die Bürokraten, Diplomaten und Politiker reden eben anders etwa ein Mann fürs Grobe wie Rod Acuna, ein Militär oder ein Acuna-General. Und die schwärmerischen Angehörigen der Kirche des Höheren Lamms sprechen anders als, sagen wir mal, Robin Baker, die durchschnittliche Zoohandlungsbesitzerin.

Ich konnte höchstens ein oder zwei Flüchtigkeitsfehler finden.

Unterm Strich

Auf der ersten Blick mag das spannende, actiongeladene Thrillergarn oberflächlich und voller Klischees wirken. Aber diese Klischees werden gegen den Strich gebürstet und so übertrieben, dass darunter die typischen Grabenkämpfe zwischen Ministerien und Nationen (Erde vs. Nidu) zum Vorschein kommen. Dadurch werden sie kritisierbar, wie es ja die Aufgabe der Satire ist.

Deshalb hat mir das Buch nicht nur durch seine schrägen Einfälle jede Menge Spaß gemacht, sondern auch ein wenig Stoff zum Nachdenken und fürs Herz gegeben. Wo sonst als in einem solchen Sternenmärchen à la Edgar Rice Burroughs, gelangt eine Frau mit 20 Prozent Schafs-DNS zum Ziel ihrer geheimen Träume? Ups, sorry, zu viel verraten! Wer rasant erzählte SF mit einem Schuss witziger Satire und Romantik lesen möchte, ist hier genau richtig.

Taschenbuch: 496 Seiten
Originaltitel: The Android’s Dream (2008)
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kempen
ISBN-13: 978-3453525047

www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

_John Scalzi bei |Buchwurm.info|:_
[„Krieg der Klone“ 3677
[„Geisterbrigaden“ 4467
[„Die letzte Kolonie“ 5041

Heinlein, Robert A. – Tunnel zu den Sternen

Pfadfinder- und Siedler-Utopie: Klischees im Dutzend billiger

Rod Walker, ein Schüler in ferner Zukunft, steht vor einer schwierigen Prüfung: Seine Aufgabe besteht darin, sich auf einem unbekannten Planeten zu behaupten, nur mit seiner Intelligenz und seinen Instinkten ausgerüstet. Gegen den Willen seiner Eltern wagt er den Sprung durch das große Dimensionstor zu den Planeten – und landet inmitten eines undurchdringlichen Dschungels, wo auf Schritt und Tritt Gefahren drohen. Nach und nach trifft Rod auf Kameraden, die wie er ums Überleben kämpfen. Und bald stellen sie mit Entsetzen fest, dass man auf der Erde offenbar vergessen, sie zurückzuholen. Aus dem „Spiel“ wird tödlicher Ernst …

Dieser Roman gehört in die Reihe ausgezeichnet erzählter Jugendromane, die Heinlein für Scribner’s verfaßte. Sie gehören ohne Zweifel zum Besten, was sowohl Heinlein als auch das Genre hervorgebracht haben und eignen sich ideal zum Einstieg in die Science-Fiction. Diese 1947 begonnene Reihe beendete Heinlein erst 1959 mit dem „Starship Troopers“ (ebenfalls bei Bastei-Lübbe, 1998).

Der Autor

Robert Anson Heinlein (1907-1988) wird in den USA vielfach als Autorenlegende dargestellt, sozusagen der „Vater der modernen Science-Fiction“. Allerdings begann er bereits 1939, die ersten Storys im Science-Fiction-Umfeld zu veröffentlichen. Wie modern kann er also sein?

Wie auch immer: Heinleins beste Werke entstanden zwischen 1949 und 1959, als er für den Scribner-Verlag (bei dem auch Stephen King veröffentlicht) eine ganze Reihe von Jugendromanen veröffentlichte, die wirklich lesbar, unterhaltsam und spannend sind. Am vergnüglichsten ist dabei „The Star Beast / Die Sternenbestie“ (1954). Auch diese Romane wurden vielfach zensiert und von Scribner gekürzt, so etwa „Red Planet: A Colonial Boy on Mars“ (1949/1989).

Allerdings drang immer mehr Gedankengut des Kalten Krieges in seine Themen ein. Dies gipfelte meiner Ansicht nach in dem militärischen Roman „Starship Troopers“ von 1959. Im Gegensatz zum Film handelt es sich bei Heinleins Roman keineswegs um einen Actionknaller, sondern um eine ziemlich trockene Angelegenheit. Heinlein verbreitete hier erstmals ungehindert seine militaristischen und antidemokratischen Ansichten, die sich keineswegs mit der der jeweiligen Regierung decken müssen.

Mit dem dicken Roman „Stranger in a Strange Land“ (1961/1990), der einfach nur die Mowgli-Story auf mystisch-fantastische Weise verarbeitet, errang Heinlein endlich auch an den Unis seines Landes Kultstatus, nicht nur wegen der Sexszenen, sondern weil hier mit Jubal Harshaw ein Alter Ego des Autors auftritt, der als Vaterfigur intelligent und kühn klingende Sprüche von sich gibt. „Stranger“ soll Charles Manson zu seinen Morden 1967 im Haus von Sharon Tate motiviert haben. Sharon Tate war die Gattin von Regisseur Roman Polanski und zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Als eloquenter Klugscheißer tritt Heinlein noch mehrmals in seinen Büchern auf. Schon die nachfolgenden Romane sind nicht mehr so dolle, so etwa das völlig überbezahlte „The Number of the Beast“ (1980). Einzige Ausnahmen sind „The Moon is a Harsh Mistress“ (1966, HUGO), in dem der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Mond stattfindet, und „Friday“ (1982), in dem eine weibliche und nicht ganz menschliche Agentin ihre Weisheiten vertreibt.

Größtes Lob hat sich Heinlein mit seiner Future History (1967) verdient, die er seit den Vierzigern in Form von Storys, Novellen und Romanen („Methuselah’s Children“, ab 1941-1958) schrieb. Dieses Modell wurde vielfach kopiert, so etwa von seinem Konkurrenten Isaac Asimov.

Heinleins Werk lässt sich sehr einfach aufteilen. In der ersten Phase verarbeitet er auf anschauliche und lebhafte Weise physikalische und soziologische Fakten, die zweite Phase ab 1947 wurde bis 1958 mit Jugendromanen bestritten, die ebenfalls sehr lesbar sind. Die dritte Phase beginnt etwa ab 1959/1960 und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass, wie ein Kenner anmerkte, Heinlein Meinungen als Fakten ausgibt. Daher lesen sich diese überlangen Schinken wie Vorlesungen und Traktate statt eine gute Geschichte zu erzählen.

Hinzukommt, dass Heinlein rekursiv wird: Er klaut bei sich selbst und besucht, etwa in „Die Zahl des Tiers“ (1980), die Universen seiner Zunftkollegen – hier wird die Science-Fiction inzestuös. Das mag für eingefleischte SF-Fans ganz nett sein, die ihre Insider-Gags sicherlich genießen, doch für Outsider ist es einfach nur langweilig zu lesen.

Handlung

Roderick Walker studiert an der Highschool in New York City, als er eines Tages einen Anschlag sieht, der ankündigt, dass Kandidaten für eine Prüfung in Überlebenstraining für Fortgeschrittene gesucht werden. Rod denkt, dass er dieses Zertifikat gut für seine Karriere als Manager in den Kolonien der Siedlerwelten gebrauchen könnte und schreibt sich ein. Doch Dekan Matson, ein hochdekorierter „Überlebenskünstler“, warnt ihn vor falschem Idealismus. Tatsächlich würde er Rod bei einer idealistischen Begründung seiner Teilnahme aus dem Kurs werfen. Der soll zwei bis zehn Tage auf einer fremden Welt dauern.

Am Nachmittag schaut sich Rod die Tore an, wo die Siedler zu ihren neuen Welten aufbrechen. Eine Gruppe, die nach Neu-Kanaan aufbricht, wird von einer ganzen Viehherde gefolgt. Die scheinen ja sehr selbstsicher hinsichtlich ihres Erfolgs zu sein, denkt Rod. Die Transport-Tore, die den verzögerungsfreien Transfer an einen Lichtjahre entfernten Ort gestatten, sind eine Erfindung von Jesse Evelyn Ramsbotham, der eigentlich nach einer Zeitmaschine geforscht hatte. Und der Druck der Überbevölkerung, die nach dem Dritten Weltkrieg wieder zunimmt, macht die Übersiedlung auf fremde Welten verlockend. Vor allem für Amerikaner, die eine Tradition fortsetzen wollen: Die Leute von Neu-Kanaan fahren in Planwagen wie ihre fernen Vorfahren im Wilden Westen.

Mit einem Dimensionstorsprung ist Rod im heimatlichen Arizona, wo er es nicht weit bis zu seinem Elternhaus hat. Aber die Stimmung ist irgendwie gedrückt, und seine fast zehn Jahre ältere Schwester Helen führt das Wort. Sie ist Captain in der Kampftruppe der Amazonen. Als Rod seinen Entschluss zum Überlebenstraining bekanntgibt, ist sein Vater erst dagegen, doch Helen überzeugt ihn, Rod diese einmalige Chance zu geben. Wer weiß, wozu es noch gut sein wird? Später kommt sie in Rods Zimmer und berichtet von der degenerativen Krankheit, an der sein Vater leidet. Vater wird deshalb in einer Ramsbotham-Maschine zwanzig Jahre verbringen, subjektiv aber nur zwei Wochen. Bis in 20 Jahren dürfte die Medizin soweit sein, ihn heilen zu können. Danach sichtet sie mit Rod dessen Ausrüstung.

So kommt es, dass Rod nur mit zwei Messern bewaffnet, etwas Proviant und fünf Litern Wasser an der Highschool eintrifft. Nach der medizinischen Musterung darf er als Nr. 7 vor dem Ausgangstor Aufstellung nehmen. Er freut sich, dass sein Jimmy Throxton schließlich doch noch teilnehmen will, und bewundert das vollautomatische Thunderbolt-Gewehr seines Mitschülers Johann Braun. Eine superteure, aber hyperintelligente Waffe, fürwahr. Und mit dem bissigen Boxer an seiner Seite kann Johann eigentlich nichts passieren – wo auch immer.

Nr. 7 wird aufgerufen und durchgeschickt. Im ersten Vorbereitungsraum erhält Rod einen Zettel mit ein paar Warnhinweisen von Dekan Matson. Besonders vor den mysteriösen „Stobors“ wird der Prüfling gewarnt. Dann geht’s durch das zweite Tor zur Endstation: einen Dschungelplaneten. Rod beherzigt Schwester Helens Rat und spielt Karnickel: Er schleicht durchs Gras zu einem Aussichtspunkt. Jenseits dieses Felsens erblickt zwei Flecken in einem Tal: Johann Braun und sein Boxer sind tot. Hat ein „Stobor“ sie erwischt? Doch nein – die Thunderbolt ist verschwunden. Offenbar gibt es hier auch zweibeinige Raubtiere, die keine Skrupel kennen …

Vor einem Löwen, der etwa sechs Meter groß ist, rettet sich Rod auf einen Baum, auf dem er auch unbehelligt die Nacht in seiner Hängematte verbringt. Am nächsten Tag macht er sich auf den Weg, um Jimmy zu suchen. Auf dem Zettel, den man ihm am Zwischenstopp – wohl auf dem Mond – wieder abnahm, lautete eine Anweisung, sich 20 Kilometer Richtung Sonnenaufgang zu begeben, um zu Tor für die Rückkehr zu gelangen. Das ist also die „Teststrecke“. Und offensichtlich sind die Prüflinge verschiedener Schulen durch veränderte Ausrichtung der Tore auf die Zielumgebung verteilt worden.

Schon bald hat Rod das Gefühl, selbst das Opfer eines Anschleichversuchs zu sein, und wird noch vorsichtiger. Als er einen Flusslauf ausspäht, trifft ihn jedoch ein heftiger Schlag auf den Kopf. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, ist er nackt bis auf seine Shorts, und ein Schakal schnuppert bereits an ihm. Nachdem er das Tier vertrieben hat, macht er Inventur: Das einzige Hilfsmittel, das der Räuber nicht entdeckt hat, ist Rods zweites Bowiemesser, das unter seinem Beinverband versteckt war. Damit kann er wenigstens wieder jagen, wenn auch sehr mühselig. Er magert binnen Tagen bis auf die Knochen ab.

Doch auch bei der Jagd erhält er Konkurrenz: ein Junge, der sich Jack Daudet nennt, kommt ihm an einem von Rod getroffenen Tier zuvor. Rod und Jack schließen Freundschaft und teilen sich die Beute, dann bringt Jack, der eine kugelsichere Weste trägt (die ihn sicher heftig ins Schwitzen bringt, denkt Rod), in Jacks Lager, eine Felshöhle. Hier lässt es sich gut leben, auch wenn Rod lernen muss, nicht so rechthaberisch zu sein und besser seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen als seine Logik.

Doch als sie endlich den bewusstlosen Jimmy Throxton finden, ergeben sich eine Reihe von Überraschungen: 1) Rod behauptet, dass dies die Erde sein müsse und nichts anderes. Die anderen halten dagegen, dass die Sternbilder ganz andere seien. 2) Jimmy sagt Rod, dass er wohl Tomaten auf den Augen haben müsse, denn Jack sei alles, nur kein Junge!

Mein Eindruck

Die jungen Helden – Jungs wie Mädchen, Weiße wie Schwarze – gelangen per Dimensionstor zu ihrem Bestimmungsort. Der Jugendroman aus der Mitte der fünfziger Jahre beginnt somit als ziemlich durchschnittlicher Pfadfinderroman, ohne jedoch militärische Andeutung verleugnen zu können. Aus den Überlebenstrainingsprüflingen könnten nach dem Vorbild von Captain Helen Walker durchaus ausgezeichnete Rekruten werden. Und wie das Beispiel von Caroline Mshiyeni, der Zulu-Nachfahrin am Schluss zeigt, ist der Weg von der kampf- und jagderprobten Kolonistin zur Amazonen-Kämpferin nicht weit.

|Siedler zu den Welten|

Doch anders als in „Glory Road“ zeigt der Autor diesmal nicht die Soldatenlaufbahn als Straße des Ruhms. Dieser liegt vielmehr im Aufbau einer irdischen Kolonie nach amerikanischem Vorbild. Sobald sich Rod, seine Freunde Jimmy, Jack alias Jacqueline und Caroline in einer Höhle häuslich eingerichtet haben, bestimmen nicht Kriegführung, sondern Siedlerprobleme ihr Leben. Die Mutter Erde hat sie, so glauben sie, kaltschnäuzig im Stich gelassen (was sich später als Irrtum herausstellt), weshalb sie auf sich allein gestellt sind.

|Das Ende der Kolonie|

Sobald die Handlung dieses Stadium erreicht hat, passiert im Grunde nicht mehr allzu viel. Die Siedlung wird immer weiter nach amerikanisch-demokratischem Muster ausgebaut, Hochzeiten finden statt, Revolten, Exkursionen und schließlich das unausweichliche Ende in mehrfacher Hinsicht. Weil die Führung Grant Cowpers nicht auf Sicherheit, sondern vielmehr auf Bequemlichkeit geachtet hat, hat die gefährlich bissige Tierwelt leichtes Spiel mit den lächerlichen Verteidigungsanlagen der Siedlung. Der Anführer, der sich großspurig „Bürgermeister von Cowpertown“ nennt, geht dabei folgerichtig drauf. War ja nicht anders erwarten. Nur Rod, der auf Sicherheit und Verteidigung bedachte Anführer, ist der richtige Mann an der Spitze.

|Liberalkonservativ – geht das?|

Robert Heinlein war ein Mann der Konservativen, aber in dem Sinne, dass er die Freiheiten, die die amerikanische Verfassung garantierte (und die heute meist längst Geschichte sind), verteidigte, wo er nur konnte. Er war nicht für Unterdrückung, sondern für Gerechtigkeit für jedermann – solange es ein Gesetz gibt, das gerecht genannt werden kann. Deshalb kommt es in der jungen Kolonie Cowpertown zu pittoresk anmutenden Versammlungen, um eben solche Grundlagen zu schaffen und die zuständigen Leute zu wählen.

Denn wie lautet die größte Errungenschaft des Menschen? Nein, weder Rad noch Atomkraft, sondern Selbstregierung, also Demokratie, Autarkie und Autonomie. Rod Walker hat diese Werte verinnerlicht und handelt ihnen entsprechend. Aber er muss sie auch gegen Faulenzer verteidigen, selbst wenn sie stärker sind als er. Denn merke: Der Einzelne ist nur in der Gruppe stark, und Rods Gruppe hält treu zu ihm.

|Single forever|

Es war mir aber ein Rätsel, warum Rod Walker die ganze Zeit über solo bleibt, obwohl alles dagegen spricht. Rings um ihn herum gehen alle Pärchen Freundschaften und schließlich Ehen ein – der jeweilige Bürgermeister nimmt die Trauung vor. Kinder werden geboren, die Kolonie wächst während der zwei Jahre, bis die Erde die Verbindung wiederherstellt, auf über 40 Leute. Immer noch ist Rod solo, obwohl sich die ebenfalls solo gebliebene Caroline Mshiyeni rührend und eifrig um ihn bemüht.

|Zensur|

Der einzige Grund, den ich mir vorstellen kann, warum aus dem weißen Rod und der schwarzen Zulu-Amazone kein Paar wird, sind die Vorbehalte der Zensur, vertreten durch Heinleins Verlag Scribner’s. Entweder wurde sein Manuskript, wie schon etliche zuvor (siehe die Briefe in „Grumbles from the Grave“) entsprechend gekürzt oder von Heinlein schon vorab zensiert, was ich mir aber bei einem solchen Freigeist nicht vorstellen kann. Anno 1955 herrschte jedenfalls noch in alle Teilen der USA strikte Rassentrennung, bis genau im Jahr 1955 eine schwarze Frau in Montgomery, Alabama, sich weigerte, ihren Platz für einen weißen Buspassagier zu räumen. Damit begann die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Diese tapfere Lady starb erst vor wenigen Jahren.

|Sternentore|

Die Dimensionstore mit der Ramsbotham-Technik, die Heinlein hier einsetzt – er verschweigt ihren immensen Energieverbrauch an Atomstrom keineswegs – tauchen später in zahlreichen SF-Romanen wieder auf. Ich habe einige von John Brunners Romanen besprochen. In mehreren davon tauchen diese Dimensionstore wieder auf, so etwa als „Poster“ in „Der Infinitiv von Go“ (1980), in „Das öde Land“ (zuerst 1963), „Sonnenbrücke“ (zuerst 1964) und „Im Zeitalter der Wunder“ (zuerst 1965).

Der Grund, warum Poster so viel effizienter, wenn auch energieaufwendiger als Raumschiffe eingesetzt werden können: Es vergeht keine Zeit, um selbst größte Distanzen zu überbrücken. Deshalb ist auch die Erfindung von Superantrieben, Hyperraumsprüngen oder gar Generationenraumschiffen unnötig. Mit Postern geht alles recht zivilisiert zu, fast wie auf der guten alten terra firma. Und der Autor braucht sich auch nicht mit der Physik des Sternenantrieb herumzuschlagen …

Die Übersetzung

Was habe ich mich über die Übersetzung geärgert! Sie ist eine hybride Mischung aus der allerersten deutschen Übersetzung von Kurt Seibt aus dem Jahr 1956 (erschienen im Gebrüder Weiß Verlag, Berlin) und einer oberflächlichen Anpassung durch Wolfgang Neuhaus im Jahr 1998. Soweit ich sehen kann, hat sich Neuhaus nur auf den Stil beschränkt, aber keinerlei Grammatik- und Syntaxfehler ausgemerzt. Wenn er wenigstens auch den Stil der Dialoge verbessert hätte. Sie klingen heute so abgestanden und veraltet, dass manche Wörter nicht nur gestelzt klingen („gewiß, Vater“), sondern auch noch unverständlich. Hier ist die Rede von „Schweißen“ statt „Bluten“ die Rede und von einem „Pfuhl“ statt eines „Teiches“.

Das ist noch harmlos gegen die Fälle von verdrehter Syntax, die ich auf mehreren Seiten (130, 139, 150) gefunden habe. Hat Neuhaus‘ Textprozessor (lies: Textverarbeitungsprogramm) versagt? Das würde auch die verdrehte Grammatik in einem Satz auf Seite 185 erklären, über den ich minutenlang grübelte:

„Die schwierige Frage dabei ist nur, wie man während einer Übergangsperiode, wie wir sie im Augenblick verfahren muß, wie wir sie zur Zeit erleben.“ Aber hallo! Das steht wirklich da. Korrekt muss der Satz wie folgt lauten: „Die schwierige Frage dabei ist nur, wie man während einer Übergangsperiode, wie wir sie zur Zeit erleben, verfahren muss.“ Eigentlich ganz einfach.

Es gibt dann noch etliche fehlende Wörter und so bekloppte Flüchtigkeitsfehler wie „Eheschließungen vollnehmen“ statt „vornehmen“. Damit will ich es bewenden lassen. Es ist so ziemlich die mieseste Übersetzung, die ich je gelesen habe. Und ich habe schon viele gelesen.

Unterm Strich

Der Roman fängt recht vielversprechend an, indem er eine veränderte Erde der Zukunft zeigt, der alle Möglichkeiten zur Besiedlung fremder Welten offenstehen. Das Überlebenstraining auf der unbekannten Welt erweist sich ebenfalls als ziemlich spannend, bevor die Geschichte schrittweise zu der guten alten Klischee-Story „Wie errichten wir bloß eine amerikanische Kolonie?“ gerinnt und einfach nicht mehr vom Fleck kommt. Das war schon ziemlich enttäuschend.

Noch bitterer ist die Erkenntnis, dass an irgendeinem Punkt Zensur stattgefunden haben muss, als es darum ging, die Beziehung des Weißen Rod zur Schwarzen Caroline Mshiyeni zu schildern – dürfen die beiden nun miteinander oder dürfen sie nicht? Nein, sie dürfen auf gar keinen Fall. Das zweijährige Zölibat (so ein Schwachsinn!) lässt Rod den Weg offen, schließlich seiner Bestimmung zu folgen: als Anführer einer Siedlerkarawane à la Wilder Westen. Noch ein Klischee.

Dass die Übersetzung so hundsmiserabel ist, hätte ich in dieser Klassikersammlung nicht erwartet, was mir dann zum dritten Mal eine Enttäuschung bereitete.

Taschenbuch: 287 Seiten
Originaltitel: Tunnel in the Sky (1955)
Aus dem US-Englischen übertragen von Kurt Seibt/Wolfgang Neuhaus
ISBN-13: 978-3-404-23201-7

http://www.luebbe.de/

_Robert A. Heinlein bei |Buchwurm.info|:_
[„Fremder in einer fremden Welt“ 43
[„Starship Troopers – Sternenkrieger“ 495
[„Zwischen den Planeten“ 663
[„Reiseziel: Mond“ 768
[„Die Marionettenspieler“ 2625
[„Titan-10“ 3687
[„Gestrandet im Sternenreich“ 3808
[„Methusalems Kinder. Die komplette Future History“ 4732

Stephen Baxter – Der Orden (Kinder des Schicksals 1)

Die Zukunft liegt im Schwarm

Der Engländer George Poole entdeckt nach dem Tod seines Vaters, dass er eine Zwillingsschwester hat. Er findet Rosa in Rom, wo sie einem mysteriösen Orden angehört, der sich vordergründig der Ahnenforschung verschrieben hat. Wie er etwas später aus der Biografie seiner Urahnin Regina aus dem Jahr 476 – deren Leben parallel erzählt wird – erfährt, handelt es sich bei dem Orden um etwas ganz anderes: ein genetisches Experiment, das eine separate Evolution des Menschen eingeleitet hat. Poole erkennt mit größter Faszination, dass die rund 10.000 Mitglieder des Ordens seine wahre Familie sind. Doch jemand hat entschieden etwas gegen Abweichler …

Der Autor

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Steven Brust – Athyra. Fantasyroman

Fantasy für Denker: Zauberer auf dem Lande

Vlad Taltos, einst ein gefürchteter Draufgänger und Messerheld, ist auf der Flucht vor seinen Mördern. Vergebens. Von einer Übermacht bedrängt, gelingt ihm in letzter Sekunde der rettende Teleport. Doch sein Kontrahent Loraan, der als Untoter noch zaubermächtiger von den Pfaden des Todes zurückgekehrt ist (siehe die Bände „Jhereg“, „Taltos“ und „Yendi“), weiß inzwischen, wo Vlad sich verbirgt. Dieser allerdings war trotz seiner Wunden nicht untätig. Denn es gibt einen Weg und ein Mittel, den Zauberer zu vernichten. Doch sein einziger Helfer ist ein Junge, schwach und verängstigt. Wird er im entscheidenden Moment Loraan standhalten können?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera ging bislang in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er war ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein Flugdrache der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern, kann Loiosh fliegen, mit seinem Herrn Gedanken austauschen und giftige Bisse austeilen. Loiosh hat seit kurzem eine Partnerin: Rosza.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Diese Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks …

Definition: ATHYRA – das Haus der MAGIE. Eulenartige Vögel. Senden telepathische Signale aus, die ihre Beute anlocken oder Menschen in Furcht versetzen.

Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie. Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

In einer sehr friedlichen Ecke des dragaeranischen Reiches lebt ein friedliches Völkchen sehr langlebiger Flachsbauern. Sie können durchaus mehrere hundert Jahre alt werden, doch Savn ist erst achtzig und somit noch ein junger Hüpfer. Er lebt im Hause seiner Eltern und erträgt seine ständig plappernde Schwester Polyi mit Gleichmut. Lieber denkt er an die Lehren, die ihm sein Lehrmeister Wack erteilt, denn der ist Medikus und weiß alle möglichen interessanten Sachen. Außerdem hat Savn bei Wack das Lesen gelernt und wirft ab und zu einen Blick in die Bücher des Arztes. Sie handeln unter anderem von Zauberei und Philosophie.

Eines Tages kehrt Savn nach Hause zurück und begegnet auf der Landstraße einem Fremden. Der stellt sich als Vlad vor, sei Ostländer und komme aus dem Süden. Savn zeigt ihm freundlich, bei wem er ein Quartier bekommen kann. Am nächsten Tag findet man eine Leiche. Das passiert im Dorf Kleinklippe nicht jeden Tag, nicht einmal in Großklippe, und so gibt es mächtig Aufsehen.

Es ist Zaum, der da mausetot auf der Dorfstraße liegt, ein Lieferant und Fuhrmann. Wack leitet seinen Lehrling an, wie man eine Leiche untersucht, und Savn wird ganz grün im Gesicht. An Zaums Körper findet sich keine einzige Wunde, und nur am Hinterkopf sind ein paar Blutflecke zu sehen. Doch als sich Zaum diese Wunde beim Sturz gegen seinen Wagen zuzog, muss er schon tot gewesen sein. Aber wodurch? Ein Rätsel.

Unfachmännische Lösungen von Rätseln haben die Tendenz, stets die Falschen zu treffen, und so gerät auch Vlad alsbald ins Visier von Verdächtigungen, schließlich trägt er als einziger ein Schwert – also?! (Dass Schwertwunden fehlen, macht den Verdächtigern nichts aus.) Doch Savn hält zu ihm und erfährt einige Dinge über Zauberer und Hexer. Das ist beileibe nicht dasselbe. Vlad kannte den Toten, Zaum, und hat einen Verdacht, der den Baron von Kleinklippe betrifft. Erstaunlich, dass der alte Loraan immer noch lebt. Er hätte schon den Weg alles Sterblichen gehen müssen. Aber schließlich ist Loraan ein Zauberer.

Savn zeigt Vlad einen „Ort der Kraft“: eine tiefe Höhle. Hier hätte Loraan die Kraft eines Untoten gewinnen können, meint Vlad, enthüllt aber nicht, wie er das meint. Dem neugierigen Savn bringt er bei, sich auf telepathische Weise mit ihm, Vlad, zu verständigen. Das wird sich noch als sehr nützlich erweisen. Unterdessen suchen Vlads zwei Jheregs Loiosh und Rosza nach dem Zauberer. Auch sie kommunizieren auf telepathische Weise.

Denn Loraan, so zeigt sich im Laufe der Ereignisse, hat sich mit Vlads Verfolgern zusammengetan. Bevor Vlad fliehen kann, tauchen sieben schwer bewaffnete Krieger auf, Soldaten Loraans. Vlads Verteidigungskräfte reichen nicht ganz aus, und so muss er sich der Übermacht durch Teleportation entziehen. Allerdings ist er zu stark verwundet, um sich selbst heilen zu können. Seine letzte Hoffnung liegt in Savns medizinischen Fähigkeiten. Doch wie soll Savn ihn nach dem Teleport finden?

_Mein Eindruck_

Man muss die eingangs angeführten drei Romane nicht unbedingt kennen, um diesen Band zu genießen, aber es hilft. Denn der Unterschied ist ziemlich deutlich. Ist Vlad Taltos dort ein tatkräftiger Attentäter, der sich seiner Haut zu wehren weiß, so präsentiert er sich in „Athyra“ die meiste Zeit als Flüchtling und Invalide, was nicht besonders viele Aktivität zulässt, wie sich denken lässt.

|Vlad als Fremder|

Da das Geschehen komplett aus der Perspektive von Savn erzählt wird, erscheint uns Vlad diesmal quasi als Außenstehender: ein Fremdkörper, ein verdächtiger Eindringling, ja, möglicherweise nicht einmal ein Mensch – schließlich ist er kein Dragaeraner, sondern ein Ostländer. Und wer weiß, was in deren Köpfen vor sich geht? Savns Schwester Polyi vertritt die Seite der vorurteilsreichen Einheimischen, die den Eindringling suchen und am liebsten umbringen würden. Schließlich hat er ja drei der Soldaten des Herrn Baron getötet, oder? Wenn sich Savn auf Vlads Seite stellt und ihm hilft, gerät er automatisch in die Schusslinie. Prügel setzt es schon mal als Warnung.

|Emanzipation|

Doch Prügel schrecken Savn nicht ab. Die Begegnung mit Vlad und dessen Ansichten hat in Svans Geist ein Tür geöffnet, die ihm Ausblicke auf andere, entfernte Gefilde gewährt – nicht nur andere Gegenden, sondern auch neue Ideen. Und die Methoden seines Lehrmeisters Wack, der auf wissenschaftliche Beobachtung vertraut, tun ein Übriges, um Savn zu einer Person zu machen, die nicht dem Augenschein traut, sondern sich ihr eigenes Urteil bilden will.

|Das Problem der Erkenntnis|

Doch der achtzigjährige Junge befindet sich im gleichen Dilemma, dem sich jeder Kriminalist gegenübersieht: Wie soll man wissen, was man glauben soll? Jeder, den er fragt, behauptet etwas anderes. Sogar Lehrmeister Wack ist kein reiner Wissenschaftler, der experimentiert, sondern auch er fantasiert von „Fieberkobolden“ und singt so etwas wie schamanistische Lieder, um den Patienten zu beruhigen und zu heilen. Der Medikus ist keine große Hilfe beim Herausfinden der Wahrheit: Hat Vlad die drei Soldaten absichtlich getötet – oder war es wirklich Notwehr, wie Vlad behauptet?

Diese zentrale Frage muss Savn erst beantworten, bevor er entscheiden kann, ob er Vlad dabei hilft, sein erklärtes Ziel zu erreichen: den Baron von Kleinklippe zu töten. Das ist keine kleine Sache, wie sich jeder denken kann. Schon immer gab es auf Kleinklippe einen Baron und schon immer haben die Dörfler ihn sich den besten Teil der Flachsernte nehmen lassen. Die Herrschaft des Barons ist praktisch von den Göttern gegeben. Wie kann Savn es da zulassen, dass der Baron getötet wird, noch dazu von einem fremden Ostländer?

|Handeln oder untergehen|

Der Junge hat jedoch ein phänomenales Gedächtnis. Und mit diesem schlägt er Vlad mit seinen eigenen Waffen. Er beweist, dass Vlad kein Deut besser ist als dessen Gegner Loraan oder als dessen Verbündeter, der Assassine Isztvan. Dieser will Vlad mit einer Morganti-Waffe töten, so dass eine Wiederbelebung Vlads ausgeschlossen ist. Das bedeutet, dass Vlads Existenz in höchster Gefahr schwebt: Die Konfrontation mit Loraan und seinem Helfer wird auf jeden Fall die einzige und entscheidende sein. Zum Glück hat Vlad ein paar Tricks auf Lager.

Da hat Savn die rettende Idee, um alle Zweifel auszuräumen: Warum fragt er nicht einfach Loraan selbst, was Sache ist? Dass diese Idee nicht so glorreich ist, wie er zunächst dachte, findet Savn bald heraus, als er in das Herrschaftshaus des Barons gebeten wird. Er gerät vom Regen in die Traufe.

_Unterm Strich_

Actionfreunde kommen hier nicht auf ihre Kosten. Im Gegenteil: Hier wird sehr viel geredet. Der Kampf mit den sieben Soldaten des Barons stellt quasi nur eine Ablenkung vom Reden dar. Doch das Reden ist natürlich kein Selbstzweck, sondern dient der Erkenntnis. Wir können mitverfolgen, wie sich die Geisteshaltung der Hauptfigur, nämlich Savns, verändert und ihn von einem ahnungslosen naiven Dörfler zu einem ebenbürtigen Diskussionsgegner Vlads macht. Das ist ziemlich erstaunlich. Andererseits ist es absolut notwendig, dass diese Wandlung erfolgt, denn nur so kann am Schluss Savn als glaubwürdiger Helfer Vlads und Kontrahent Loraans auftreten. Im Gleichgewicht der Kräfte der beiden Zauberer stellt er das Zünglein an der Waage dar.

Ich konnte den Roman wie alle Taltos-Bände zuvor in zwei Tagen lesen. Doch die Einfachheit der Sprache sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um ein wichtiges Thema geht, das sich nur in zahlreichen Dialogen realisieren und darstellen lässt: Wie können wir wissen, was wir glauben sollen? Savn hat einen Weg gefunden: Sein Gedächtnis hilft ihm, Aussagen zu vergleichen und Widersprüche aufzudecken. In unserer Welt müssten hierfür die Presse und die Geschichtswissenschaft entsprechend einspringen – mit Erfolg?

Savn erkennt, wie schändlich ihn Vlad missbraucht und benutzt hat. Er emanzipiert sich bei diesem Vorgang der Aufklärung aus den Fesseln von Vorurteil und Täuschung. Zu diesen Vorurteilen gehört ganz klar auch Rassismus. „Athyra“ ist eines der seltenen Fantasy-Werke, in denen der Rassismus ziemlich deutlich dargestellt und einer kritischen Betrachtung unterzogen wird.

Am Ende des Showdowns trägt Savn schwere seelische Verletzungen davon; er ist traumatisiert. Vlad nimmt ehrenvollerweise die Aufgabe auf sich, die Seele seines Freundes zu heilen. Er hat einiges wiedergutzumachen. Der Autor hebt niemals den Zeigefinger, sondern behält stets die Figuren im Vordergrund. Umso überzeugender und fesselnder ist ihm seine Geschichte geraten. Wer sich nicht an langen Dialogen stört, sondern im Geiste daran teilnimmt, wird wesentlich mehr von diesem – auch optisch – schönen Buch haben. Die Übersetzung ist einwandfrei gelungen.

|Die Motti|

Jedem der 17 Kapitel ist der Vers eines langen lustigen Liedes vorangestellt, das Savn einmal mit Polyi singt. Es handelt von einer jungen Frau, die praktisch sämtliche Männer, die in Frage kommen, als Freier ablehnt. Dazu gehören der Schweinebauer, der Soldat, der Edelmann, der Koch und viele, viele andere. Wen sie dann am Schluss erwählt, soll hier nicht verraten werden, aber es ist sehr ironisch.

|Look & Feel|

Die Cover-Art der |Klett-Cotta|-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. Der monochrome Hintergrund zeigt einen Jungen mit einem starren Blick – ähnlich wie der traumatisierte Savn. Doch im Vordergrund schwebt ein hochgereckter Dolch mit gewellter Klinge. Es ist die Morgantiwaffe, die für Vlad bestimmt ist. Aber natürlich ebenso gut Savn treffen könnte.

_Der Autor und seine Werke_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Weitere Werke Steven Brusts:

– To Reign in Hell (1984): Jehova als politischer Intrigant, der seine gleichberechtigten Kollegen verstoßen hat, die nun in der Hölle herrschen;
– Agyar (1993): Vampir-Roman mit einer Hauptfigur, die sich weigert, über ihren Zustand zu sprechen;
– Gypsy (mit Megan Lindholm/Robin Hobb, 1992): Zigeunerfolklore;
– The Sun, the Moon, an the Stars (1987): Nacherzählung eines Märchens;
– Cowboy Feng’s Space Bar & Grille (1990); Science-Fiction-Parodie.

Brust, Steven – Phönix. Fantasyroman

_Unterhaltsam: James Bond in der Fantasywelt_

Ein Königsmord, den Vlad Taltos begeht, löst einen Krieg aus, doch das ist noch gar nichts gegen das, was seine Frau Cawti anstellt: Sie führt die Revolution in der Hauptstadt an. Vlad würde gerne etwas unternehmen, um sie wieder aus dem Gefängnis zu holen, aber dummerweise hat jemand einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt. Doch wer steckt dahinter?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein Flugdrache der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh fliegen, mit seinem Herrn Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Diese Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

Ach ja: Endlich erfahren wir auch etwas über die Götter. Sie sind an allem schuld.

_Handlung_

Vladimir Taltos ist ein erfolgreicher Auftragskiller in der „Organisation“. Im Vorgängerband „Teckla“ ist ihm ein beträchtlicher Gebietszuwachs gelungen: Ihm unterstehen nun Süd-Adrilankha und somit die Arbeiter- und Elendsviertel der Hauptstadt der Dragaeraner. Allerdings hat sich damit auch eine Menge Ärger eingehandelt, wie sich nicht erst jetzt zeigt.

Denn wie schon in „Teckla“ kommt es in diesem Viertel des Proletariats zu Aufständen, die von Revolutionären geschürt werden. Eine von ihnen ist Cawti, Vlads Frau, ebenfalls eine Attentäterin. Da aber Unruhen schlecht fürs Geschäft sind, gerät Vlad immer wieder mit Cawti aneinander. Um die Zukunft seiner Ehe steht es nicht sonderlich gut. Sein Job macht ihm keinen Spaß mehr.

Deshalb ist er relativ froh über die Abwechslung, die sein neuester Auftrag mit sich bringt. „Ich sandte ein Gebet an [meine Schutzpatronin] Verra, die Dämonengöttin, und bereitete mich darauf vor, meinen Angreifern gegenüberzutreten. Dann passierte etwas Ungewöhnliches. Mein Gebet wurde erhört.“

Verra erteilt Vlad den Auftrag, einen König zu töten. Nicht irgendeinen, sondern den von Grünwehr, einem benachbarten Inselreich. Einer Göttin kann man bekanntlich einen Wunsch nicht so leicht abschlagen, und so setzt Vlad auf die Insel über, wo der König in einem stattlichen Dorfhaus wohnt. Der Haken an dem Auftrag ist der, dass hier keine Magie funktioniert. Vlad erfährt erst später, dass der so genannte Phönixstein, aus dem die halbe Insel besteht, jede Magie, die das Imperium bereitstellt, unwirksam macht.

Dieser Umstand macht auch die Befreiung Vlads so schwierig, nachdem er erfolgreich den Auftrag ausgeführt hat, dann aber bei einem geheimnisvollen Trommler seinen Häschern in die Hände gefallen ist. Die Verhörmethoden der Grünwehrer sind einfach lachhaft. Sie hatten noch nie mit einem Attentäter zu tun. Im Knast bringt der miteingefangene Trommler, er heißt Aibynn, Vlad gerne das Trommeln bei. Erst als es Loiosh gelingt, Vlads Freunde und Frau zu verständigen, gelingt die Befreiung, mit prä-imperialer Magie.

Die Grünwehrer lassen aber die Schande nicht auf sich sitzen und erklären dem Imperium den Krieg. Sie bereiten eine Invasion vor. Folglich braucht die Imperatorin, die hübsche Zerika, neue Truppen, und sie lässt ihre so genannten „Presspatrouillen“ besonders in Süd-Adrilankha Männer zwangsverpflichten. Dass das böses Blut erzeugt, ist klar, und Cawti trägt ihren Teil dazu bei. Schon bald sitzt auch sie im Knast. Vlad muss bei der Imperatorin vorsprechen, um sie herauszuholen.

Doch Aufruhr und Krieg sind ganz schlecht fürs „Geschäft“, findet die „Organisation“ (lies: Mafia). Sie stellt Vlad ein Ultimatum: Entweder er bringt Cawti dazu, mit dem Aufstand aufzuhören, oder er wird „außer Dienst gestellt“. Vlad versucht herauszufinden, wer für den Mordauftrag gegen ihn verantwortlich ist. Damit sticht er aber in ein imperiales Wespennest.

Zum Glück fällt ihm ein raffinierter Plan ein, um sämtliche Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Doch der Plan wird nur gelingen, wenn alle seine Freunde mithelfen. Und wenn auch die Grünwehrer mitspielen. Wogegen es wohl einige Widerstände geben dürfte.

_Mein Eindruck_

Ich habe auch dieses Taltos-Abenteuer in nur zwei Tagen verschlungen. Ich bin ja schon seit Beginn der Serie ein Fan des unkonventionellen „Hauptdarstellers“: ein James Bond in einer Fantasywelt, wenn auch ohne die obligatorischen Bond-Girls, das ist genügend Stoff für unterhaltsame Lektüreabende. Die Bindungen, die er an seine Frau Cawti entwickelt hat (sie rettete ihm einmal das Leben), lassen ihn wesentlich verantwortungsbewusster und zielstrebiger, mitunter sogar dickschädeliger handeln als seinen Film-Kollegen. Seine Sturheit, die sich auch als Loyalität zu Cawti interpretieren lässt, beeindruckt selbst die Imperatorin.

|Überraschungen und andere göttliche Momente|

Der Mann versteht zweifellos sein Handwerk, das des fachgerechten und effizienten Tötens. Dennoch gibt es immer wieder ein paar Dinge, die ihn aus dem Konzept bringen. Diese Dinge tragen in der Regel zur Erzeugung von Ironie und der Erheiterung des Lesers bei. Da wäre einmal das erhörte Gebet. Damit beginnen die ganzen Malessen, mit denen sich Vlad in der Folge herumschlagen muss. So ein göttlicher Mordauftrag, sollte Vlad wohl annehmen, dürfte seine Gründe haben. Wie sich hinterher im Gespräch mit der Göttin selbst erweist, hat aber auch sie die Folgen nicht so ganz durchdacht und ein paar Umstände übersehen. Merke: Götter sind weder allwissend noch allmächtig, sondern einfach nur personifizierte Mächte.

Dass Götter wie jene in der Antike auch Kinder haben können, verwundert im Grunde nicht. Doch als Vlad erfährt, dass seine gute Bekannte Aliera, die mit dem Morganti-Schwert, die Tochter von Göttin Verra ist, fällt er glatt aus allen Wolken. Er kann es Aliera heimzahlen, indem er ihr von ihrer Tochter Devera erzählt – die sie zu diesem Zeitpunkt AUF DER ERDE noch gar nicht hat, wohl aber in der göttlichen Dimension (wo immer das auch ist). Nun ist die Reihe an Aliera, überrascht zu sein.

Ein weiteres Joker-Element in der Handlung stellt der schweigsame Trommler Aibynn dar. Er musste zusammen mit Vlad von Grünwehr flüchten. Vlad hat ein ziemlich zweispältiges Verhältnis zu ihm. Vlad hatte sich in einem Baum vor Aibynns Hütte vor seinen Verfolgern versteckt, doch der „Traumgras“-Rauch benebelte ihn derart, dass er zu Boden stürzte – womit seine Schwierigkeiten anfingen. Ob Aibynn nicht auch noch ein Spion der Grünwehrer ist, ist Vlad die meiste Zeit nicht klar. Als Aibynn schließlich auch vor der Imperatorin trommeln darf, befürchtet Vlad daher ein Attentat. Sein Einschreiten rührt die Imperatorin; er hat bei ihr einen Stein im Brett. Als Pointe kommt dann schließlich die Szene, in der es Aibynn gelingt, nur mit Trommeln die Dimension zu wechseln. Für dieses Teleportieren brauchen die Leute von Dragaera immer die Magie, und hinterher ist ihnen schlecht. Aibynn zeigt Vlad, dass es auch anders geht, und ohne Nebenwirkungen. Ein ironischer Kommentar auf die ach so hoch geschätzte Macht der Magie.

|Lektüreerlebnis|

Nach einem spannenden Auftakt auf der magielosen Insel Grünwehr beschäftigt sich Vlad erst einmal mit alles anderem als toten Königen. Ich fragte mich, wohin das führen sollte. Doch Vlads Recherchen nach dem Verantwortlichen für den Mordauftrag gegen ihn gleichen einer Stufenleiter, die bis zur höchsten Instanz führt. Sein Kampf für die Freiheit seiner Frau ist eng damit verknüpft, denn die „Organisation“ macht ihn für Cawtis Verhalten haftbar. Dadurch gerät er jedoch mitten in das blutigste Massaker der „Revolution“, an das er sich später nur bruchstückhaft erinnern kann. Uns bleibt also das Schlimmste erspart.

[SPOILER!]

Wie sich das für ein gut geschriebenes Buch gehört, führt die Handlung wieder zurück zum Ausgangspunkt, um ein paar lose Fäden zu beseitigen: ein genialer Showdown beim neuen König von Grünwehr ist die Folge. Dass Vlad dafür vom Imperium belohnt wird, fasst er selbst als lästig auf und setzt der Ironie wirklich die Krone auf. Er wollte eigentlich nur ein gewöhnlicher Attentäter bleiben, nun jedoch macht ihn die Imperatorin zu so etwas wie einem Ritter, als wäre er einer von diesen hochnäsigen Dragaeranern. Also wirklich!

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen, was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Brusts fiktionale Welt ist vielschichtig, besser ausgetüftelt als die übliche Sword & Sorcery und viel enger unserer eigenen Welt verwandt. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einiges in der Bluse, sondern auch noch einen spitzen Dolch im Gewande. Diesmal kommen die Göttin Verra, ihre Tochter sowie die Imperatorin hinzu – eine Menge mächtige Weiblichkeit, mit der sich Vlad auseinandersetzen muss.

Wahrscheinlich sind noch einige wertvolle Einsichten über grundlegende Dinge wie Liebe und Hass sowie die Wechselwirkungen von Machtanwendung in dem Buch verborgen, doch diese Dinge auszugraben, überlasse ich Leuten mit mehr Geduld. Ich fand jedenfalls „Phönix“ eine recht kurzweilige Lektüre, die dem Leser durch unkonventionellen Handlungsverlauf und ungewöhnlich gezeichnete Charaktere stets ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abverlangt. Die vielen ironischen und lakonischen Dialoge haben sicher auch dazu beigetragen, dass das Buch schnell gelesen war.

|Look & Feel|

Die Cover-Art der |Klett-Cotta|-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Phönix“ zeigt vor dem Hintergrund, in dem einen grünen Jhereg-Flugdrachen zu sehen ist, einen golden Brocken Stein. Der sieht zwar aus wie Pyrit („Katzengold“), soll aber wohl den im Buch erwähnten Phönixstein darstellen. Dieser wehrt Zauberei ab und scheint weitere erstaunliche Eigenschaften zu besitzen.

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

Brust, Steven – Teckla. Fantasyroman

_Action: Der Attentäter als Konterrevolutionär_

Die Bauern und Proleten proben den Aufstand. In ihrem Viertel Süd-Adhrilanka werden Barrikaden errichtet. Und Vlads Angetraute Cawti beteiligt sich an diesen Machenschaften. Kein Wunder, dass Vlads Nerven Trampolin spielen. Denn er weiß: Es wird Blut fließen. Die Frage ist nur: Wessen wird es sein?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Dynastien aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Sie erlangen nach einer genau festgelegten Reihenfolge die Staatsmacht, um sie nach einer bestimmten Zeit wieder zu verlieren. Diese Abfolge des so genannten „Zyklus“, die in einer Art Merkvers (abgedruckt am Buchanfang) festgehalten ist, bestimmt das Schicksal der Welt. Dennoch versuchen die einzelnen Häuser, ihre Macht auszubauen.

Jedes Haus und jede Dynastie hat sich das Wappen und den Namen eines Tieres ihres Planeten zugelegt, und dessen Eigenschaften sind auf das Haus selbst übergegangen. (Liste siehe Schluss.) Der Jhereg-Clan, der Vlad Taltos aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht ein wenig außerhalb der Clan-Hierarchie. Dennoch: „Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“ (Brust)

Die kriegerischen Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Im Viertel Süd-Adhrilanka proben die Tecklas und Ostländer den Aufstand. Tecklas sind in der Hierarchie der Stände auf Dragaera so etwas wie Bauern und Pächter, Ostländer sind meist Proletarier. Zwei Männer, Kelly und Franz, leiten den Aufstand und „indoktrinieren die Massen“, wie Karl Marx und Friedrich Engels so schön sagen würden. Ihre Sache, der Kampf um mehr Rechte, hat durchaus etwas für sich. Leider kommen sie damit etlichen Leuten in die Quere. Unter anderem auch der Unterwelt, dem Jhereg.

Einer der Unterweltbosse, Herth, lässt Franz umlegen. Zunächst wurde Vlad Taltos dieser Job angeboten, aber der lehnte ab. Einen Ostländer-Landsmann umlegen? Kommt nicht in Frage. Später erscheint ihm Franz als Geist. Ein Zauberer zu sein, hat auch seine Nachteile.

Ernst nimmt Vlad den ganzen Aufstand sowieso erst, als seine Frau Cawti sich den Aufständischen anschließt und ebenfalls zu agitieren beginnt. Er fürchtet um ihr Leben, wenn der Jhereg zuschlägt und obendrein das Imperium für Ruhe sorgen will, indem es seine Phönixwachen ins Viertel schickt, um Kelly festzunehmen. Kelly ist schlau und bricht keine blutige Revolution vom Zaun. Er wartet darauf, dass sich andere Städte seiner Bewegung anschließen. Etwas frustriert findet Vlad heraus, dass Cawti seine Bemühungen überhaupt nicht konstruktiv findet. Schließlich zieht sie aus.

Indem sich Vlad eingemischt hat, geriet er in die Schusslinie des Jhereg-Bosses Herth. Der ist ebenso ein Zauberer wie Vlad selbst und nimmt ihn schwer in die Mangel. Nur die Tecklas und Cawti befreien ihn. Diese Demütigung kann Vlad nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem er sich bei seinem Großvater über die Geschichte der Aufstände in Adhrilanka erkundigt hat, fädelt er einen ebenso ausgetüftelten wie gewagten Plan ein, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Allerdings weiß er auch, dass Herth einen Attentäter auf ihn angesetzt hat.

_Mein Eindruck_

„Teckla“ ist wieder so ein Roman wie „Taltos“: Es braucht ziemlich lange, bis der Plot in die Gänge kommt. Nach einem viel versprechenden Auftakt von etwa 50 bis 70 Seiten beginnt der Plot nur noch um sich selbst zu kreisen. Das ist Vlads Aufklärungsphase und die Zeit des Waffenstillstands. Fast 130 Seiten Stillstand – mit einem kleinen Intermezzo in Herths Folterkammer – strapazieren den Geduldsfaden des Lesers bis zum Zerreißen. Endlich, um die Seite 200 herum, kristallisiert sich Vlads genialer Plan heraus, der denn auch zu einem guten Ende führt. Es bleiben nur wenige Leichen auf der Strecke.

Der Roman hätte sich also actionmäßig auf 120 Seiten erzählen lassen: eine Novelle. Das war er vielleicht auch ursprünglich, denn es ist bekannte Praxis amerikanischer Autoren, zuerst eine Kurzfassung zu veröffentlichen – etwa für Anthologien und Taschenbuchmagazine – bevor sie sie zu einem Roman von wenigstens 300 Seiten ausbauen. Der Dumme ist jedoch der Leser: Er hat zwischen Auftakt und Finale eine Durststrecke zu überwinden. So auch in „Teckla“.

Thematisch gibt die Story durchaus etwas her: Vlads seriokomische „Behandlung“ des Phänomens der Revolution durch das Proletariat (genauer: ihre Vereitelung). Die Kritik der aristokratisch dominierten Stände-Hierarchie auf Dragaera. Das Zerreißen persönlicher und persönlichster Beziehungen wie etwa auch Vlads Ehe. Die historische Dimension der Aufstände, die bis in Vlads Familiengeschichte hineinreicht: Vlads Opa ist einmal Kampfgenosse Kellys gewesen.

Am interessantesten ist der Konflikt, in den Kellys Strategie Leute wie Vlad stürzt: Vlad muss sich entscheiden, auf welcher Seite er als a) Ostländer (Nicht-Dragaeraner), b) Jhereg und c) Edelmann und Hexer steht. Es gibt hierzu ein ausgezeichnetes Streitgespräch mit Kelly. Und es sieht nicht so aus, als würde Vlad dabei eine gute Figur machen.

Das alles hat durchaus etwas für sich, und der Autor schneidet das alles auch an. Er schafft es aber nicht, es in einen Spannungsbogen einzubinden, der den Leser bei der Stange hält. Vielleicht sind Revolutionen ja immer so langweilig, von nahem betrachtet. Erst als Vlad seinen Plan der Konterrevolution in die Tat umsetzt, ohne dem Leser allzu viel darüber zu verraten, kommt (wieder) Spannung auf.

_Unterm Strich_

Dramaturgisch gesehen ist dieser Schlussband der ersten Taltos-Trilogie der schwächste. An intellektuellem Gehalt ist er jedoch der ausgereifteste. Je nachdem, ob man nun auf Spannung Wert legt – wie ich etwa – oder auf die Aufarbeitung des Themas Revolution – finde ich auch nicht übel -, so wird man den Roman verwerfen oder willkommen heißen. Daher gibt es meinerseits entsprechende Abstriche beim Gesamteindruck. Begründung siehe oben.

Der Autor ist ungarischer Abstammung und stolz darauf. 1956 probten die Ungarn den Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer ihres Landes. Bekanntlich scheiterten sie damit. Die Frage ist also berechtigt, ob Brust mit „Teckla“ dieses Ereignis für sich verarbeitet hat. Anders als in der Geschichte geht Kellys Aufstand unblutig – nun ja, relativ unblutig zu Ende.

Die Übertragung ist Olaf Schenk wieder einmal ganz ausgezeichnet gelungen. Er setzt auch den leicht schnoddrigen Ton und die halb ernst, halb ironisch gemeinten Bemerkungen und Äußerungen eins zu eins um. Das zeugt von hervorragendem Sprachgefühl.

_Autor und Werke_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

_Die Liste der siebzehn Tierarten des Zyklus_
(Angaben von Steven Brust):

DRAGONS – stehen für KRIEG. Große Reptilien, die kein Feuer speien. Zu erkennen an den Tentakeln, mit denen sie übersinnliche Eindrücke aufnehmen.

LYORNS – Stehen für TRADITION. Sehen wie mittelgroße Hunde mit goldenem Fell aus, nur haben sie mitten auf der Stirn ein Horn.

TIASSAS – stehen für Beschleunigung und INSPIRATION. Große Panther mit fledermausartigen Flügeln.

HAWKS – stehen für NEUGIERDE. Alles vom Hühnerhabicht bis zum Adler.

DZURS – stehen für HELDENTUM. Große schwarze Tiger.

ISSOLAS – stehen für Etikette und ÜBERRASCHUNG. Leicht storchenhaft, nur dunkler und mit spitzerem Schnabel.

TSALMOTHS – bekannt für Unvorhersagbarkeit und AUSDAUER. Baumbewohnende Schildkröten.

VALLISTAS – stehen für AUFBAU und ABRISS. Amphibische Kreaturen, die an Strömen und Teichen leben.

JHEREGS – stehen für KORRUPTION. Kleine giftige Flugreptilien, die sich von Aas ernähren.

IORICHS – stehen für Gerechtigkeit und STRAFE. Große, langsame Flussreptilien, Pflanzenfresser. Gedächtnis wie ein Nashorn und Elefant, sehr nachtragend.

CHREOTHAS – stehen für die FALLE. Große fuchsartige Tiere, die mit Hilfe ihres Speichels Netze bauen, die stark genug sind, um Dzurs und manchmal auch einen Dragon zu verstricken.

YENDIS – stehen für HEIMTÜCKE und Irreführung. In Wüsten lebende Sandschlangen. Ihr Biss ist so leicht, dass kaum ein Tier bzw. Mensch ihn bemerkt, bis das Opfer wenige Minuten bis eine Stunde später zusammenbricht.

ORCAS – Unternehmensgeist und die gewalttätige Seite des Geschäftemachens.

TECKLAS – stehen für FEIGHEIT und Fruchtbarkeit. Kleine Feldmäuse aus den Salzmarschen.

JHEGAALAS – stehen für METAMORPHOSE. Leben in Sümpfen, erst als Eier, dann als Motten und schließlich als große Kröten.

ATHYRAS – das Haus der MAGIE. Eulenartige Vögel. Senden telepathische Signale aus, die ihre Beute anlocken oder Menschen in Furcht versetzen.

PHÖNIX – steht für Dekadenz und WIEDERGEBURT.

„Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“

Brust, Steven – Yendi. Fantasyroman

_Action-Fantasy mit Witz und Erotik_

Jemand will Vlad Taltos ans Leder. Aber das ist ja nichts Neues. Vlad lebt als Mitglied der Unterwelt stets gefährlich. Und wenn er doch mal getötet wird, besteht in Adrilankha die Möglichkeit der magischen Wiederbelebung. Leider hat er es diesmal mit einem Konkurrenten zu tun, der Leute auf seiner Seite hat, die auch dies verhindern können …

Dies ist der dritte Roman mit Abenteuern des Jhereg-Gangsters Vlad Taltos.

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Eine schwere Zeit ist für den rechtschaffenen Attentäter Vlad angebrochen: Es herrscht Krieg. Nicht so einer mit Soldaten, sondern Krieg zwischen konkurrierenden Unterweltfirmen im Zentrum Adrilankhas. Da hat doch tatsächlich ein gewisser Laris seinem Untergebenen erlaubt, eines von Vlads Lokalen zu überfallen und zu übernehmen. Vlad ist auf Verhandlung bedacht – man muss sich ja nicht gleich umbringen – und trifft sich mit diesem Laris. Man trifft eine nette Vereinbarung, doch danach ist für Vlad der Fall klar: Es gibt Krieg.

Der tödliche Schlagabtausch geht eine Zeit lang hin und her. Nach einer Weile gehen Vlad die Mittel aus, und er erbittet von Dragon Morrolan (vgl. „Hintergrund“) eine erkleckliche Summe, die er auch erhält. Sofort eskaliert der Kampf in die nächsthöhere Stufe: Einsatz von Magie. Schutzzauber, Vernichtungszauber – es geht wieder einmal wild zu.

Leider hat Vlad Pech. Schon wähnt er sich als Sieger eines erfolgreichen Tages, als er kurz vor seinem Hauptquartier kalt erwischt wird: Zwei seiner Leibwächter haben ihn verraten, doch das merkt er zu spät. Auch Morrolan und Aliera teleportieren um Sekundenbruchteile zu spät an den Ort des Desasters. Zwei fremde Kämpferinnen machen Vlad und seinen verbliebenen Leibwächtern nieder. Vlad gibt den Löffel ab.

Nun sieht es gar nicht gut aus: weder für den Helden dieser Geschichte noch für den Fortgang dieser Geschichte überhaupt. Doch um herauszubekommen, wer es Laris ermöglicht hat, Vlads Truppe ratzfatz auszuschalten und welche fiese Absicht dahintersteckt, ist es dringend nötig, Vlad wiederzubeleben.

Ob und wie das gelingt und ob er Folgenschäden davonträgt, darf ich euch nicht verraten.

_Mein Eindruck_

In „Jhereg“ war Steven Brust ein furioser Start auf dem deutschen Buchmarkt gelungen. Er stellte seinen Helden als eine Art James Bond der Unterwelt vor. Zumindest hatte Vlad Stil. In „Taltos“ entführte er den Leser allerdings ins Reich des Todes, und das war denn doch reichlich metaphysisch.

Mit „Yendi“, benannt nach einem weiteren Dragaera-Clan, der für Intrigen berüchtigt ist, gewinnt Brust den leser zurück. Die Action geht ab wie eine Rakete, und Ironie und trockenster Humor machen das Lesen der abstrusen Abenteuer Vlads zu einem Vergnügen.

Relativ bizarr sind wie immer die Auswirkungen von dragaeranischen Eigenheiten wie psionische Kommunikation (= abhörsicheres Gedankentelefon ohne Vermittlung), Wiederbelebung gegen harte Währung (meistens rechtzeitig), Teleportation (gaaanz wichtig, führt aber zu massiven Magenbeschwerden) und magische Waffen. Morganti-Schwerter wie „Schwarzstab“ verhindern die Wiederbelebung.

Als wäre es noch nicht genung, dass sich Vlad mit unfähigen Dösköppen von Leibwächtern herumschlagen muss, verliebt er sich auch noch in eine fetzige Ostländerin namens Cawti, die ihm eigentlich ans Leben wollte. Nun ja, wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr. Vlad ergibt sich widerstandslos.

Leider ist die zweite Hälfte des Romans kein ungetrübtes Vergnügen. Nachdem alle Möglichkeiten durchgefochten wurden, bleibt Vlad nur noch das scharfe Nachdenken, um herauszubekommen, was hinter dem Bandenkrieg und den Anschlägen auf sein Leben und Unternehmen steckt. Dieses Nachdenken dauert leider übermäßig lange, nämlich mehrere Dutzend Seiten. Immerhin führt es dann zu einem überraschenden Finale.

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen – was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Allerdings ist Brust fiktionale Welt vielschichtiger, besser ausgetüftelt und viel enger unserer eigenen Welt verwandt als die des Grauen Mausers. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einen spitzen Dolch im Gewande, sondern auch noch einiges in der Bluse.

|Titelbild|

Die Cover-Art der Klett-Cotta-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Yendi“ etwa zeigt eine verträumt dreinblickende Groschenromanheldin an der starken Brust ihres Helden: Stil der 40er Jahre. Von der Seite ragt ein knallrot geschminktes Lippenpaar herein, von dem Blut zu tropfen scheint. Offensichtlich wird hier mit Genreklischees gespielt. Genau wie in den Geschichten selbst (siehe die Angaben zum Autor und seiner Schreibschule).

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/