Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Baldacci, David – Im Takt des Todes (Hörbuch)

_Zwischen Codeknackern und Agenten: am Fluss der Geheimnisse_

Babbage Town ist streng geheim. Dort arbeiten Genies an einer Maschine, die jeden Code knacken soll. Doch nun ist einer der Wissenschaftler ermordet worden. Nur Viggie, die Tochter des Toten, kennt die Hintergründe. Aber Viggie ist autistisch, und jedes Mal, wenn sie nach ihrem Vater gefragt wird, spielt sie auf dem Klavier ein bestimmtes Stück …

_Der Autor_

David Baldacci wurde 1960 in Virginia geboren, wo er heute lebt. Er wuchs in Richmond auf; sein Vater war Mechaniker und später Vorarbeiter bei einer Spedition, seine Mutter Sekretärin bei einer Telefongesellschaft. Baldacci studierte Politikwissenschaft an der Virginia Commonwealth University (B. A.) und Jura an der University of Virginia. Während des Studiums jobbte er unter anderem als Staubsaugerverkäufer, Security-Guard, Konstrukteur und Dampfkesselreiniger. Er praktizierte neun Jahre lang als Anwalt in Washington, D.C., sowohl als Strafverteidiger als auch als Wirtschaftsjurist.

Neben seiner Arbeit als Schriftsteller engagiert sich Baldacci für eine Reihe karitativer und gesellschaftlicher Institutionen, darunter der National Multiple Sclerosis Society, der Barbara Bush Foundation for Family Literacy, der Virginia Foundation for the Humanities, der America Cancer Society, der Cystic Fibrosis Foundation und der Viriginia Commonwealth University. David Baldacci ist verheiratet und hat zwei Kinder: Tochter Spencer und Sohn Collin. (Verlagsinfo)

Auswahl seiner Bücher:

1) [Die Verschwörung 396
2) [Der Abgrund 414
3) [Mit jedem Schlag der Stunde 2400
4) Absolute Power / Der Präsident
5) [Die Wächter 4513
6) [Die Versuchung 676
7) [Das Versprechen 361
8) Das Labyrinth
9) [Im Bruchteil der Sekunde 836
10) [Das Geschenk 815
11) [Im Takt des Todes 5677
12) [Die Sammler 5748

_Die Sprecher_

Tanja Geke war nach ihrer Schauspielausbildung in Berlin in verschiedenen Film- und Fernsehrollen zu sehen, unter anderem in „Rosa Roth“ und „Praxis Dr. Sommerfeld – Neues von Bülowbogen“. Neben ihren TV-Auftritten ist von ihr so manches zu hören. Sie lieh ihre Stimme bereits Kate Hudson („Almost Famous“), Scarlett Johannson („The Prestige“) und Beyoncé Knowles.

Tobias Kluckert, geboren 1972, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er lieh unter anderem Joaquin Phoenix als Johnny Cash in dem Film „Walk the Line“ seine Stimme, synchronisierte aber auch Guillaume Depardieu, Curtis ’50 Cent‘ Jackson, José Zuniga in „CSI – Den Tätern auf der Spur“ und viele andere. (Verlagsinfos)

Tobias Kluckert und Tanja Geke tragen eine bearbeitete Fassung vor.

Regie führten Kati Schäfer und Kai Lüftner, die Aufnahme erledigten Tobias Barthel und Christian Päschk in den |d.c. Tonstudios|. Die Musik trugen Dennis Kassel und Dicky Hank bei.

_Handlung_

Sean King und Michelle Maxwell sind ehemalige Agenten des Secret Service, die sich als Privatdetektive selbständig gemacht haben. Leider hat ihre letzte Auseinandersetzung Michelle schwer in Mitleidenschaft gezogen. Tatsächlich ist sie sogar ans Krankenbett gekettet, bemerkt Sean mit Bestürzung. Als er fragt, wie es dazu kommen konnte, erfährt er von Michelles Opfer, dass sie den Mann in einer Bar angegriffen habe. Aber der nachfolgende Kampf sei merkwürdig verlaufen, so als ob es Michelle darauf angelegt habe, besiegt zu werden.

Als Sean sich an seinen Freund Horation Barnes wendet, sagt ihm der Psychologe, dass Michelle ernste Probleme habe und dringend von ihrer Todessehnsucht geheilt werden müsse. Sean stellt Michelle scheinbar vor die einfache Wahl: Knast oder Behandlung. Sie willigt ein. Doch die Privatklinik ist teuer, und Sean gerät in eine Finanzkrise, um auch nur die Aufnahmegebühr aufbringen zu können. Um mehr Kohle zu verdienen, ruft er seine Ex Joanne Dillinger an. Sie hat einen Auftrag für ihn: in Babbage Town, Virginia.

|Babbage Town|

Sean landet in Yorktown am schönen York River und wird weiter nach Babbage Town gefahren, wobei er vom Fahrer jede Menge interessante Infos bekommt. So liege am gegenüberliegenden Ufer Camp Peary, ein ausgedehnter Stützpunkt der CIA – top secret und selbstredend off limits. Daneben habe die Navy eine Anlage. Tatsächlich gehörte Camp Peary früher der Navy. Babbage Town ist eine geheime Denkfabrik, die von Champ Pollion geleitet werde. Ja, er habe den verstorbenen Wissenschaftler Mark Turing gekannt.

Champ Pollion erzählt mehr über den Tod von Mark Turing, den Sean aufklären soll. Es war nicht Champ, der Sean anforderte, sondern Len Rivest, der Sicherheitschef der Anlage. Dass Seans Job nicht einfach werden würde, macht ihm schon der Umstand klar, dass Turing in Camp Peary gefunden wurde, direkt am Zaun, das heißt: innerhalb des Zauns. Offenbar war es Selbstmord. Der Sheriff Merkle Hayes habe schon die nötigen Fragen gestellt. Was ein Privatschnüffler wie Sean hier wolle, frage sich Pollion wirklich.

Len Rivest ist nicht so ablehnend. Während er ihn in das alte Herrenhaus einlässt, bemerkt Sean überall Wachen, Codeschlösser, Videokameras und Ausweise. Das hier ist ein Hochsicherheitsgelände. Rivest erzählt von Mark Turing: Selbstmord, denn die Tatwaffe lag neben seinem Kopf und er selbst innerhalb des Zauns. Turings elfjährige Tochter Viggie – kurz für „Visionaire“ – weiß noch nichts vom Tod ihres Daddys, denn sie ist eine Autistin, die von Alice Chadwick betreut wird. Rivest redet davon, dass es hier in Babbage Town Spione gebe. Und was könnte es hier geben, für das Menschen spionieren würden, fragt Sean. „Dinge, für die Völker in den Krieg ziehen würden“, meint der silberhaarige, alte Mann ernst.

Sean geht zu Turings Haus. Drinnen brennt Licht, und Sean kann eine Schlafende sowie ein Mädchen erkennen, das Klavier spielt. Ein Stimme hinter ihm lässt ihn erstarren. Es ist Alice Chadwick, und sie bringt ihn in ihr Büro. Sie hat eine Beinprothese. Das Bein verlor sie im Irak, als ihr Wagen auf eine Mine fuhr. Als Spezialistin für Mathematik und Sprachwissenschaft ist sie Abteilungsleiterin für Baracke 1, während Camp Pollion Baracke 2 leitet. Alice sagt etwas kryptisch, sie suche eine mathematische Abkürzung.

Später findet Sean heraus, dass sie vom Codeknacken redet. Damit kommt sie der NSA, Wirtschaftsunternehmen, Regierungen und natürlich Verbrechersyndikaten in die Quere, die alle selbst Codes knacken wollen. Pollion entwickle den Quantencomputer, der zigmal schneller Codes knacken könne als herkömmliche Rechner. Wenn Babbage Town also ein Erfolg wird, dann bedeutet dies das Ende aller verschlüsselten Kommunikation und Geldtransaktionen. Ein Rückfall auf das technische Niveau der siebziger Jahre wäre die Folge. Dies zu verhindern, könnte schon einen Mord wert sein, denkt er.

Als er im Herrenhaus schläft, wo Rivest ihn untergebracht hat, erwacht er von einem großen Jet, der über die Anlage donnert. Über eine Hochsicherheitszone?! Und dann auch noch unbeleuchtet! Sean starrt auf das Flugzeug: Es landet in Camp Peary. Was darin wohl transportiert wird, fragt er sich. Und warum protestiert niemand in Babbage Town gegen diese Flüge?

Neuguerig geworden, sieht sich Sean morgens am Fluss um. Offenbar fehlt keines der Boote aus dem Bootshaus, was recht merkwürdig ist, wenn man sich fragt, wie Turing überhaupt über den Fluss kam. Er schaut mit dem Fernglas nach Camp Peary, als über seinem Kopf ein Ast bricht und ihm auf den Kopf fällt. Man schießt auf ihn! Und nicht bloß einmal. Er wirft sich auf den Boden, macht sich platt und tritt den geordneten Rückzug an, um sich sofort bei Rivest über die rüden CIA-Methoden zu beschweren.

Doch er kommt zu spät. Rivest liegt tot in seiner Badewanne. Etwas stimmt hier überhaupt nicht in dieser Denkfabrik, findet Sean, und macht sich ans Werk, um diesen Sauladen auszumisten. Er ahnt nicht, dass er dabei sein Leben aufs Spiel setzt. Dennoch ist er ziemlich froh, als erst Michelle eintrifft und dann Horatio. Sie hat’s ohne Sean nicht mehr in der Psychotherapie ausgehalten, und Horation macht sich Sorgen, Michelles Todestrieb könnte eine Katastrophe provozieren. Na, da ist ja ein prächtiges Team beisammen. So können sie den Geheimnissen Babbage Towns und Camp Pearys auf den Grund gehen.

Dass das Trio in dieser Mission alles andere als willkommen ist, erfahren sie direkt vom FBI-Agenten Michael Ventress persönlich. Der schneidige Agent droht Sean, er werde ihn allemachen, sollte er ihm, Ventress, in die Quere kommen. Doch das fordert Sean und Michelle erst recht heraus …

_Mein Eindruck_

Zunächst könnte man wirklich meinen, dass es in dieser Geschichte um Codeknacker und ihre ach so bedrohlichen Erfindungen geht. Der Autor tut jedenfalls alles dafür, damit dieser Eindruck über weite Strecken erhalten bleibt. Dem amerikanischen Leser dürfte es womöglich eine Freude sein zu erfahren, wie großartig seine Regierung um das Knacken von Codes – des jeweils ausgewählten Feindes, versteht sich – bemüht ist.

|Ein Staat im Staate|

Doch je mehr sich Sean King, unser Mann für außergewöhnliche Aufgaben à la James Bond, auf das Territorium der CIA vorwagt, umso zwielichtiger erscheint das Verhalten dieser Regierungsbehörde. Die CIA erscheint zunehmend als Staat im Staate, eine Zone der Rechtlosigkeit. Dafür sprechen die unbeleuchteten und nirgendwo verzeichneten Flüge nach Camp Peary, aber auch die hermetisch abgeriegelte Unzugänglichkeit des weitläufigen Geländes. Außerdem haben die Geheimdienstler auch noch einen braven Codeknacker, eben Mark Turing, auf dem Gewissen. Nun beschießen sie auch noch Sean King aus dem Hinterhalt. Klar, dass der wahre Feind, mit dem Sean zu tun hat, auf der anderen Seite des Flusses residiert.

|Die Deutschen und Enigma|

Doch bevor sich Sean, Michelle und Horatio diesem Reich des Bösen nähern können, müssen sie erst ihre Hausaufgaben machen. Jetzt kommen die Deutschen ins Spiel. Nicht irgendwelche Deutschen, sondern jene, mit denen der brave Mark Turing in Wiesbaden und Blechtley Park zu tun hatte – dort, wo im II. Weltkrieg die britischen Codeknacker um Mark Turings Vorfahren Alan Turing tätig waren und den Verlauf des Krieges entscheidend verkürzten.

Turings Team gelang es nämlich, den Enigma-Code der deutschen Wehrmacht zu knacken. Die Enigma war der heilige Gral der Codeknacker jener Zeit. U-Boot-Funker, die gefangen genommen wurden, fanden sich im Vorläufer von Camp Peary in den Händen der US Navy wieder. Nur einem der deutschen Kriegsgefangenen gelang die Flucht: Heinrich Fuchs, der sich später Henry Fox nannte, nachdem ihm Mark Turing geholfen hatte, nach Europa zu gelangen.

Heinrich Fuchs revanchierte sich mit einem ganz besonderen Geheimnis, das er auf dem Gelände von Camp Peary versteckt hatte. Und dieses suchte Mark Turing mehrfach, bevor er den Wachsoldaten der CIA zum Opfer fiel. Sein Tod wurde natürlich als Selbstmord hingestellt, aber Sean glaubt keine Sekunde an dieses Märchen. Nun gibt es also für Seans Sturmtrupp gleich mehrere Rätsel zu lösen, wenn sie in Camp Peary eindringen.

Leider hat sich Sean selbst übers Ohr hauen lassen. Er dachte, er würde Ian Whitfields, des CIA-Kommandanten, abtrünnige Frau Valerie Messaline verführen, ihm gewisse Details über Camp Peary zu verraten. Es gehört jedoch zu einer der größten Überraschungen im Handlungsverlauf, dass sich Valerie als etwas ganz anderes als eine Ehefrau entpuppt, die auf erotische Abenteuer aus ist. Sie gehört zwar zur CIA, hat aber mehr mit Drogenhandel als mit Erotik zu tun …

|Die Behandlung von Terroristen|

Das letzte Drittel des Buches ist Abenteuer-Action reinsten Wassers. Eine Actionszene jagt die nächste, bis sich Sean und Michelle schwer in der Bredouille befinden. Dass Michelle schon wieder einen ihrer Anfälle von Todestrieb hat, macht die Sache für sie weiß Gott nicht leichter. Als sich beide in Zellen des CIA-Knastes von Camp Peary befinden, bekommen unsere aufrechten Kämpfer eine Kostprobe dessen, was Terroristen in Guantanamo widerfährt – alles abgesegnet von der Bush-Administration: Schlafentzug, ständig dröhnend laute Musik, unbequemes Sitzen und dergleichen Genüsse mehr. Am Schluss ist Sean beinahe bereit, Valerie Messaline, seiner Folterherrin, ihren Willen zu lassen und klein beizugeben. Doch da wendet sich das Blatt wieder mal auf unerwartete Weise – die Kavallerie ist eben auch nicht mehr das, was sie mal war.

Der arme amerikanische Leser! Erst erscheint seine Regierung als Heldin, dann zwielichtig, schließlich als Verbrecherin. Von Amerikas Ruhm bleibt nicht mal ein Staubhäufchen zurück. Im Grunde ist das Buch eine Abrechnung mit der Bush-Ära und lässt kein gutes Haar daran. Vielleicht werden Ex-Secret-Service-Leute und junge Genies (darauf verweist der O-Titel „Simple Genius“) die Ehre des Landes retten.

|Die Sprecher|

Tobias Kluckerts Stärke ist nicht die stimmliche Klangfarbe, die von Figur zu Figur wechselt, sondern die Emotion, die die Ausdrucksweise einer Figur prägt. Er spricht alle Dialoge, die aus dem Blickwinkel Sean Kings erlebt werden. Viele dieser Dialoge sind von Aggression beherrscht, weil sich King in seiner Eigenschaft als Ermittler auf das geistige Territorium zahlreicher Machthaber vorwagt. Der übelste Bursche ist der FBI-Agent Michael Ventress, dessen Redeweise von unverhohlener Ablehnung und Drohung gekennzeichnet ist. Auch die CIA-Typen und Champ Pollion sind nicht weit von dieser aggressiven Haltung entfernt.

Da sind mir der gemütliche Alte Len Rivest und Sheriff Merkle Hayes schon wesentlich lieber. Rivest ist ein Veteran und Hayes ein nur scheinbar gemütlicher Provinzbulle, doch das ist nur Fassade für eine andere Aufgabe. Später stößt noch Horatio Barnes zu Kings kleiner Truppe: ein zivilisiert und überlegt artikulierender Mann, dem man sofort die Tochter anvertrauen würde.

Die einzigen Frauenfiguren, die Kluckert darstellen muss, sind Alice Chadwick, ihr junger Schützling Viggie und die angebliche Frau des CIA-Kommandanten, Valerie Messaline. Bei Viggie darf sich der Sprecher etwas naiv und unschuldig geben, doch später fließen auch Tränen, denn Viggie macht nicht immer alles richtig. Dann kommt sie aber in die Obhut von Michelle Maxwell und darf richtig emotional dargestellt werden.

Tanja Geke spricht den Part von Michelle Maxwell, die zur Hüterin und besten Freundin von Viggie Turing aufsteigt – spätestens nachdem sie Viggie auf dem Fluss das Leben gerettet hat. Michelles Part scheint anfangs hinter den von King zurückzutreten, doch dafür gehört ihr das Finale im Epilog. Geke stellt Michelle in mehreren emotionalen und sehr dramatischen Szenen sehr gut dar, so dass sie vollständig hinter dem Geschehen verschwindet.

Obwohl mehrfach erwähnt wird, dass Viggie eine Melodie spielt, erklingt diese kein einziges Mal. (Es handelt sich um das romantische Lied über den Fluss „Shenandoah“.) Das fand ich etwas schade. Die Musik wird daher ausschließlich in Intro, Outro und im Ausklang jeder CD von dem musikalischen Motiv bestritten, das Dennis Kassel und Dicky Hank beitrugen. Es handelt sich um eine Allerwelts-Hintergrundmusik, die eine Mischung aus Drama und Action andeuten soll: Für das Drama steht das Piano, für die Action die Trommeln. Hab ich schon wieder vergessen.

_Unterm Strich_

David Baldacci beschäftigt sich seit seinem ersten, verfilmten Erfolgsroman „Absolute Power“ mit der Moral der Regierung seines Landes. In seinem vorliegenden Roman betätigt sich die CIA, ebenfalls eine Regierungsbehörde, als Drogenhändler und Folterknecht von Terroristen, als Spion in einem Unternehmen der Privatwirtschaft, nämlich Babbage Town, und last but not least als Miniarmee, die den York River rauf und runter rast, um Eindringlinge dingfest zu machen – unter Einsatz von Raketen, wohlgemerkt.

Die Ironie, die schon Mark Turing erkannt hat, besteht darin, dass die CIA nicht einmal das große Geheimnis entdeckt hat, das sich direkt unter ihrer Nase befindet: den Schatz des letzten Gouverneurs von Virginia, Lord Durhams. Einen weiteren Schatz finden Sean King und Michelle Maxwell nun im Kopf der jungen, autistischen Viggie, die offenbar von ihrem verstorbenen Vater „programmiert“ worden ist.

Dabei stellen sich King & Co. bei ihren Fragen zu Verschlüsselung und Quantencomputern wie die ersten Menschen an. Aber das ist ein Zugeständnis an den dümmsten amerikanischen Leser, der von Verschlüsselung noch nie etwas gelesen hat, obwohl er ständig auf irgendwelchen Webseiten seine Passwörter eingeben muss. Auch der Name von Babbage-Town-Leiter Champ Pollion ist für allgemeingebildete Europäer ein Insiderwitz: Der Franzose Champollion war es ja schließlich, der die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselte. Von Subtilität in der Namensgebung also keine Spur.

Wie schon in „Im Bruchteil der Sekunde“ garantieren die Namen Sean King & Michelle Maxwell jede Menge Action. Und die gibt es auch im letzten Drittel jede Menge – dank des feuerkräftigen Einsatzes der Central Intelligence Agency. Dennoch ist an Sean und Michelle kein reines Agentenpaar ohne Innenleben oder Skrupel verlorengegangen. Diesmal muss Michelle ihre Todessehnsucht, die sich zweimal fatal äußert, in den Griff bekommen. Was die Hypnosesitzung ans Licht fördert, gehört in den Fundus eines Psychothrillers vom Schlage einer Karin Slaughter. Damit hat David Baldacci wieder Punkte gutgemacht.

|Das Hörbuch|

Ich habe Tanja Geke unterschätzt. Seit ich sie als Sprecherin von Kristin Falcks „Hüter der Wolken“ hörte, dachte ich, sie sei auf sanfte weibliche Rollen festgelegt. Sie lieh ihre Stimme bereits Kate Hudson („Almost Famous“), Scarlett Johannson („The Prestige“) und Beyoncé Knowles. Nun spricht sie auch die Actionrolle von Michelle Maxwell mit Bravour, und es gelingt ihr, hinter der Figur zu verschwinden. Natürlich eignet sich Geke wesentlich besser als Kluckert dafür, eine junge Frau wie Viggie darzustellen. Da ist dann mehr Emotionalität gefragt. Einen Aussprachefehler muss ich monieren: Sie spricht den Namen Ian als „aiän“ statt „iän“ aus.

Kluckert musste sich hörbar anstrengen, um die vielfach aggressive Ausdrucksweise der männlichen Figuren halbwegs unterscheidbar machen zu können. Es soll ja nicht so klingen, als hätte man es ständig mit der gleichen Figur zu tun. Deshalb waren mir seine Porträts der „gemütlicheren“ Herren Merkle Hayes und Len Rivest lieber. Für Sean King ist er der ideale Sprecher: Sein Sean erscheint zupackend, durchsetzungsfähig und doch sehr intelligent und umsichtig. Lediglich die im Klappentext erwähnte geheimnisvolle Klaviermusik glänzt durch Abwesenheit. Und die verwendete Hintergrundmusik ist völlig austauschbar.

|Originaltitel: Simple genius, 2007
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rainer Schumacher
430 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3845-0|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.davidbaldacci.com

Hohlbein, Wolfgang / Lüftner, Kai / Weick, Kathrin – Kevins Reise (inszenierte Lesung)

Drogen und Gral: Abenteuer im heiligen Land

„Kevin von Locksley:“ Mittelalter in England. Eines Tages taucht ein seltsamer junger Mann in den Wäldern um Nottingham auf. Er nennt sich Kevin von Locksley und behauptet, der leibhaftige Halbbruder des legendären Robin Hood zu sein. Niemand glaubt ihm, doch Kevin kann seine Behauptung mit Brief und Siegel belegen – und er weiß etwas, was sonst niemand im Lande weiß: Der tapfere König Richard Löwenherz soll Opfer einer großen Verschwörung werden.

Die Fortsetzung in „Kevins Reise“: Kevin reist ins Heilige Land, um den König vor der Verschwörung Gisbornes zu warnen. Wird der Junge dieser großen Aufgabe gerecht werden? Denn auch Kevins alter Erzfeind Hasan as Sabah taucht in Palästina auf. Nun gerät nicht nur das Leben des Königs, sondern die Zukunft ganz Englands in Gefahr, von Kevin ganz schweigen.

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab zehn Jahren.

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Matthias Claudius & Friedrich Hölderlin – Gedichte von Matthias Claudius und Friedrich Hölderlin

Wunderbarer Vortrag, strittige Auswahl

Das Hörbuch enthält Aufnahmen aus dem Jahr 1955, in denen der Theaterschauspieler Mathias Wieman Gedichte von Matthias Claudius und Friedrich Hölderlin vorträgt. Das beigefügte Booklet beschreibt die beiden deutschen Dichter und den Sprecher.

Die Autoren

A) Matthias Claudius

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Markus Heitz – Blutportale (Lesung)

Nicht willkommen: Freifahrschein für einen Höllenfürsten

Saskia führt eigentlich ein ganz normales Leben. Das ändert sich, als sie bei einem Fechtturnier gegen den geheimnisvollen Levantin antritt. Mit seinem Degen fügt er ihr einige tiefe Schnitte zu, die sich schon nach kurzer Zeit von selbst schließen. Saskia ahnt nicht, dass ihr Gegner ein Dämon ist, der seit Jahrhunderten nach ihr sucht. Er will, dass sie für ihn die Blutportale öffnet, durch die er endlich in seine Heimat zurückkehren kann. Doch niemand hat Saskia auf ihr dunkles Talent vorbereitet. Und so stößt sie unbeabsichtigt Türen auf, die nie geöffnet werden sollten … (Verlagsinfo)
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Tad Williams – Stadt der goldenen Schatten (Otherland 1) (Hörspiel)

Auftakt zur Rettung der Welten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel „Der Blumenkrieg“. Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.
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William Peter Blatty – Der Exorzist (Lesung)

Die junge Tochter einer erfolgreichen Schauspielerin wird zunehmend von einem Dämon in Besitz genommen. Die moderne Wissenschaft versagt bei der Diagnose und Heilung. Der verzweifelten Mutter bleibt nur die Zuflucht zu einem professionellen Teufelsaustreiber. Pater Merrin weiß, gegen wen er kämpft… (Verlagsinfo)
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Markus Heitz – Die Zwerge (Lesung)

Zwergenkrieg: episch, mit ironischen Untertönen

Seit ihrer Erschaffung durch den Gott Vraccas bewachen die fünf Stämme der Zwerge das Geborgene Land, wo Menschen, Elben und Zauberer friedlich miteinander leben. Doch als die Festung des Zwergenstammes der Fünften von Orkhorden, Ogern und Alben überrannt wird, ergießt sich ein Strom von hasserfüllten Bestien ins Geborgene Land. Als der Rat der Zauberer von einem Verräter fast vollständig vernichtet wird, hängt das Schicksal der Bewohner des Landes von einem einzigen Zwerg ab, der noch nicht mal weiß, woher er kommt: Tungdil wurde als Kind einem Zauberer in die Obhut gegeben.

Der Autor

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Markus Heitz – Gerechter Zorn (Die Legenden der Albae 1) (Lesung)

Dark Fantasy: Hochmut kommt vor dem Fall

Die Albae (Dunkelelben) sind gefährlich, grausam und scheuen keinen Krieg. Ihre Feinde fürchten sie, und ihre Sklaven folgen ihnen bedingungslos. Doch die dunklen Geschöpfe bergen ungeahnte Geheimnisse, und ihre Macht ist nicht unbegrenzt. Das Reich der Albae ist bedroht, und die ungleichen Krieger Sinthoras und Caphalor erhalten vom Herrscherpaar den Auftrag, einen mächtigen Dämon als Verbündeten im Krieg zu gewinnen. Es stellt sich aber schnell heraus, dass jeder der zwei Albae eigene Pläne verfolgt. Der Kampf um Ehre, Macht und Leidenschaft bringt sie in höchste Gefahr. Das Schicksal ihres Volkes steht auf dem Spiel. (abgewandelte Verlagsinfo)
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H. P. Lovecraft – Der Schatten aus der Zeit (Lesung)

Audio-Horror: Das Grauen wartet in Australien

Professor Peaslee bricht während einer Vorlesung bewusstlos zusammen und erwacht erst Stunden später. Er leidet unter völligem Gedächtnisverlust. Sechs Jahre später beginnt er mit der Konstruktion einer seltsamen Maschine. Kurz darauf findet man ihn wieder bewusstlos. Die Maschine ist verschwunden. Die Schriften, die er in den letzten Jahren verfasste, verbrannt. Am nächsten Tag kehrt er ins Bewusstsein zurück, ohne sich an die vergangenen sechs Jahre erinnern zu können. Was ist passiert? Seine Alpträume zeigen ihm nach und nach die schreckliche Wahrheit … (Verlagsinfo)
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Markus Heitz – Die Mächte des Feuers (Lesung)

Drachen, Magier, Ordensritter: Supergirl gegen alle

Machtgierige Drachen säen seit Anbeginn der Zeit Hass und Zwietracht zwischen den Völkern und stürzen die Menschheit immer wieder in Kriege. Im Jahr 1925 arbeitet die Drachentöterin Silena für das Officium, einen Bund, der sich der Jagd auf die Plagegeister verschrieben hat. Doch ein unsichtbarer Feind scheint nun die Städte Europas anzugreifen.

In London wird das Zepter des Marduk gestohlen, ein Artefakt von unvorstellbarer Macht. Grausame Todesfälle unter den Drachentötern geben Rätsel auf. Silena setzt alles daran, die Vorfälle aufzuklären. Doch sie ahnt nicht, dass sie damit die Pläne eines Gegners durchkreuzt, der mächtig genug ist, um die Welt endgültig in den Abgrund zu stürzen.

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Charles Dickens – Das Spukhaus. Inszenierte Lesung

Unheimlich: Der Geist im Spiegel

So ein Spukhaus ist eine famose Sache: Es gibt immer was zu tun. Das denkt sich auch unser Ich-Erzähler, als er davon hört, und beschließt, es für sechs Monate zu mieten. Doch den Spuk gibt es wirklich, und nacheinander nehmen seine Bediensteten Reißaus, alle bis auf einen, der stocktaub ist. Es gibt also noch Chancen. John, der Erzähler, und seine Schwester Patty laden ihre ebenso famosen Freunde ein, sich die Sache mit dem Spuk mal genauer anzusehen: furchtlose Zeitgenossen allesamt. Doch in Master B.s Dachstube will trotz aller Mühen der Spuk nicht enden.

Der Autor
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Brian Sibley – J. R. R. Tolkien – An Audio Portrait

Vielstimmige Einführung in Leben und Werk Tolkiens

Die meisten Menschen kennen Tolkiens Werk, insbesondere den zweimal verfilmten „Herrn der Ringe“. Wesentlich weniger Leute kennen auch den „Hobbit“ und „Das Silmarillion“, noch weniger auch Tolkiens zahlreiche Gedichte und Geschichten. Dennoch mutmaßen alle dieser Leser und Zuschauer über den Urheber all dieser Werke und stellen mitunter die abwegigsten Theorien auf. War er selbst ein Hobbit? Ja und nein. Brian Sibley will der Sache in seinem Autorenporträt auf den Grund gehen.

Die Autoren Sibley und Tolkien
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Caveney, Philip – Sebastian Dark 1: Der falsche König (Lesung)

Aus dem Palast in die Sklaverei: klischeereiche Abenteuer

Der junge Sebastian Dark ist auf dem Weg nach Keladon, um sich als Hofnarr bei König Septimus zu bewerben. Nachdem es ihm unterwegs gelungen ist, zusammen mit seinem Gefährten Cornelius Drummel Prinzessin Kerin, die Nichte des Königs, vor einem Brigantenüberfall zu retten, scheint der Weg dafür geebnet: Die Stelle als Hofnarr wird gewiss seine Belohnung sein, oder? Bald jedoch haben die Freunde das Gefühl, dass man ein falsches Spiel mit ihnen spielt. Und bei dem Versuch, Prinzessin Kerin erneut zu helfen, geraten sie in höchste Gefahr.

Ich empfehle das Hörbuch ab zwölf Jahren, obwohl die einfache Handlung jeder Achtjährige verstehen könnte.
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Fünf Freunde und das seltsame Haus in der Schlucht (Folge 157)

Die Handlung:

Kurz vor Weihnachten hat Onkel Quentin beruflich in Schottland zu tun. Er schlägt den Fünf Freunden vor, ihn zu begleiten und im Anschluss in den Bergen zu wandern. Während Quentin seinen Termin in Aberdeen wahrnimmt, fahren Julian, George, Dick, Anne und Timmy schon einmal mit dem Zug Richtung Westen. Das Cottage, das Quentin gemietet hat, liegt idyllisch in den Bergen. Und nachdem sich die Freunde dort umgesehen haben, unternehmen sie eine erste spontane Wanderung. Doch auf dem Rückweg verirren sie sich. Und dann beginnt es auch noch zu schneien. Ziellos irren die Freunde umher – da entdecken sie in einer Schlucht eine einsame Hütte und suchen Zuflucht in ihr. Sie ahnen nicht, dass sich dort ein Geheimnis verbirgt … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Auf gehts ins unverschneite Schottland. Aber, so lange scheinen die vier Freunde mit Hund laut Klappentext keinen Spaß dran zu haben. Das gemietete Häuschen ist zwar nett und der Kühlschrank gut gefüllt, aber schon die erste Wanderung verläuft dramatischer als geplant. Plötzlich fängts an zu schneien und die Kids verlieren die Orientierung.

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Die drei ??? – Die Yacht des Verrats (Folge 224)

Die Handlung:

Justus Jonas ist einmalig – oder etwa nicht? Unerwarteter Besuch und ein Diebstahl führen die drei ??? auf die Yacht des Verrats. Justus, Peter und Bob trauen ihren Augen kaum, als ihnen Ian Carew wieder gegenübersteht. Ein alter Fall verbindet die Detektive mit dem Sohn des ehemaligen Premierministers von Nanda. Kein Wunder, dass Ian erneut ihre Hilfe sucht. Er ist im Auftrag seines Landes in Rocky Beach, doch jemand verfolgt ihn und in sein Hotelzimmer wurde eingebrochen. Können die drei ??? ihrem Freund helfen? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Willkommen zum ersten ???-Hörspiel mit Frühstartcharakter. Bei den Kollegen eines bekannten Download-Hörverkäufers hatte offenbar jemand bei der Eingabe des Erscheinungs- und Veröffentlichungstermins den falschen Monat eingegeben. Und so konnten sich schnelle Abonennten des Anbieters das Hörspiel schon einen ganzen Monat früher sichern. Es hat tatsächlich einige Tage gedauert, bis das aufgefallen ist und das Hörspiel dann wieder aus dem Programm genommen wurde. Irgendwer wird mächtig Ärger bekommen haben. Der Nachteil ist natürlich, dass die Schnellzugreifer jetzt einen Monat länger auf die nächste Folge warten müssen. Irgendwas is‘ halt immer.

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Lovecraft, H. P. / Orchester der Schatten – Wälder der Finsternis (Der Ruf des Dämon 2) [inszenierte Lesung

Stimmungsvoll: von Kannibalen und Außerirdischen

„Der Ruf des Dämon 2“: Auch in der zweiten Produktion des ‚Orchesters‘ werden Texte von HPL präsentiert, jedoch melden sich hier weder Cthulhu noch andere Persönlichkeiten aus seinem Kosmos des Grauens zu Wort, auch das Necronomicon bleibt dieses eine Mal verschlossen. Das Grauen erscheint vielmehr als Monstrum in Menschengestalt bzw. in Form einer mitleidslosen wie unpersönlichen Macht aus dem All, die es nicht nötig hat, sich einen Namen zu geben, und dadurch umso beängstigender wirkt.

INHALT

– Das Bild im Haus (gesprochen von Torsten Sense);
– Astrophobos / The Messenger / The House (poems; gesprochen von Simon Newby);
– Die Farbe aus dem All (gesprochen von Simon Jäger)

[Rezension zum ersten Teil 1823

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft, 1890-1937, hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Als Howard acht Jahre alt war, starb sein Vater und Howard wurde von seiner Mutter, seinen zwei Tanten und seinem Großvater großgezogen. Nach dem Tod des Großvaters 1904 musste die Familie wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr viktorianisches Heim aufgeben. Lovecrafts Mutter starb am 24. Mai 1921 nach einem Nervenzusammenbruch. Am 3. März 1924 heiratete Lovecraft die sieben Jahre ältere Sonia Haft Greene und zog nach Brooklyn, New York City. 1929 wurde die Ehe, auch wegen der Nichtakzeptanz Sonias durch Howards Tanten, geschieden. Am 10. März 1937 wurde Lovecraft ins Jane Brown Memorial Krankenhaus eingeliefert, wo er fünf Tage später starb. Am 18. März 1937 wurde er im Familiengrab der Phillips beigesetzt. Nach seinem Tod entwickelte er sich bemerkenswerterweise zu einem der größten Autoren von Horrorgeschichten in den USA und dem Rest der Welt. Sein Stil ist unvergleichlich und fand viele Nachahmer. (abgewandelte Verlagsinfo)

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman [„Der Flüsterer im Dunkeln“. 1961

Kurz und bündig mehr über Lovecraft: http://www.orchesterderschatten.de/autor.htm

Die Sprecher/Die Musiker

Simon Jäger, geboren 1972 in Berlin. Seit 1982 arbeitet er als Synchronsprecher bei Film und TV. Er lieh u. a. Josh Hartnett, James Duvall, Balthazar Getty und River Phoenix seine Stimme, aber auch „Grisu der kleine Drache“, und war auch in TV-Serien wie „Waltons“ oder „Emergency Room“ zu hören. Seit 1998 arbeitet er zudem als Autor und Dialogregisseur. (Homepage-Info)

Simon Newby, geboren 1961 in Long Eaton, England, studierte an der Guildhall School of Music & Drama (Bachelor-Abschluss in Dramatic Arts). Seit 1990 erledigte er zahlreiche Regiearbeiten an verschiedenen Bühnen Berlins, war als Voice-Over- und Synchronsprecher sowie als Dialog-Coach tätig, seine Hobbys sind Trompetespielen und Tauchen. Zu seinen Sprachkenntnissen zählt er: „Englisch (Britisch und Amerikanisch), Deutsch (perfekt)“.

Torsten Sense, Sprecher, ist Schauspieler und Komponist für moderne Kammermusik, Musiktheater und Filmmusik. Von 1972 bis 1990 spielte er an diversen Theatern, darüber hinaus lieh er als Synchronsprecher Val Kilmer in „The Doors“ und „Batman Forever“ sowie Kyle McLachlan in „Twin Peaks“ seine Stimme.

Das „Orchester der Schatten“:

„Das Orchester der Schatten präsentiert klassische Geschichten von Kultautoren wie H. P. Lovecraft und E. A. Poe, die mit ihren bizarren Welten des Grauens schon Generationen von Lesern begeistert haben. Ohne vordergründige Effekte wird von Mythen, fremden Mächten oder einfach von dem Horror erzählt, der sich in der menschlichen Seele verbirgt. Begleitet werden die Erzählungen vom Orchester der Schatten, dessen Live-‚Filmmusik‘ komponierte Scores, Klangeffekte und improvisierte Elemente vereint.“ (Homepage-Info)

Matthias Manzke:
*4.10.1971; Jazzstudium an der HdK Berlin sowie an der New School New York; Unterricht u. a. bei David Friedman, Peter Weniger, Richie Beirach, und Jane-Ira Bloom; Rumänien-Tournee 1997; Teilnahme am Jazzfestival Hradec Kralove, Engagements bei Theater- und Filmproduktionen; CD-Aufnahmen mit der Berliner Big Band JayJayBeCe (BIT-Verlag 1997), mit dem Sänger Robert Metcalf (Dt. Grammophon 1998) sowie mit dem FRAW FRAW Saxophon4tett (2002); zzt. regelmäßige Konzerttäigkeit mit dem FRAW FRAW Saxophonquartett in ganz Deutschland und mit Projekten im Berliner Planetarium am Insulaner

Stephan Wolff:
1956 in Berlin geboren; Jurastudium; Dirigierstudium, Kompositions-Unterricht bei N. Badinski; Tätig als Komponist, Dirigent, Keyboarder; seit 1994 Lehrtätigkeit an der Leo-Borchard-Musikschule; Stilübergreifende Kompositionen zwischen Klassik, Jazz und Pop. Produktion und Mitgestaltung diverser Live-Elektronik-Projekte, u. a. „Dialogues“ (1998), „Losing One’s Head“ (1999), Filmmusiken, Bühnenmusiken, Traumspiel-Oper „Abaddon“ (1998/2001); Zahlreiche Songs und Lieder, auch für Kinder, z. B. „Erdenklang & Sternenbilder“ (1996), „Songs aus dem All“ (2000/2001), „Cool & Cosi“ (2000)

Torsten Sense:
Komponist für moderne Kammermusik, Musiktheater und Filmmusik sowie Schauspieler. Er veröffentlichte vier Musiktheaterstücke, vier Orchesterwerke, 24 Kammermusikstücke, zwei Orgelwerke, 13 Bühnenmusiken sowie ca. 60 Film- und Fernsehmusiken. Er wirkte an unzähligen Synchronisationen mit, so lieh er beispielsweise Val Kilmer in „Doors“ seine Stimme und Kyle McLachlan in „Twin Peaks“.

Und andere. Mehr Info: http://www.orchesterderschatten.de.

Handlung von „Das Bild im Haus“ (gesprochen von Torsten Sense)

Ein junger Archäologe interessiert sich für die unheimlichen einsamen Gehöfte, die in Neu-England verlassen und überwuchert vor sich hin schlummern. Doch sie bergen das Grauen und das Groteske. Und ihre Fenster blicken wie Augen auf den ahnungslosen Besucher, sie erinnern sich an Unaussprechliches …

Es ist November 1896, als der junge Ich-Erzähler Zuflucht vor einem Wolkenbruch sucht. Er ist durch das Miskatonic Valley nahe Arkham (= Salem/Massachusetts) geradelt. Ein Haus unter Ulmen bietet ihm Obdach, niemand antwortet auf seine Rufe, die Tür ist offen, und der Besucher tritt in eine andere Zeit.

Zuerst fällt ihm ein widerlicher Geruch auf. Sie entsteigt dem Inventar, das offenbar aus der Zeit vor 1776 stammt, als der amerikanische Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Auf dem Tisch fällt ihm ein aufgeschlagenes Buch aus dem 16. Jahrhundert auf, das den Titel „Beschreibung des Kongo“ trägt und auf der Tafel 12 aufgeschlagen ist. Es zeigt den Metzgerladen von Menschenfressern auf drastische Weise. Daneben steht ein Buch von Cotton Mather, der puritanischen Hauptfigur der Hexenprozesse von Salem.

Da hört er Schritte, die von oben kommen. Es ist ein alter, weißbärtiger Mann, doch erscheint er überraschend stämmig und kräftig, seine blauen Augen blicken wach, wenn auch ein wenig blutunterlaufen. Nur will sein lumpenartiges Äußeres gar nicht dazu passen. Der Besucher ist abgestoßen und verspürt Beklommenheit. Der Alte bietet höflich einen Stuhl an und erwähnt, es würden keine Postkutschen mehr von Arkham kommen und der Bezirkslehrer sei seit anno ’84 verschwunden. Er setzt eine alte Brille mit achteckigen Gläsern auf. Dann bittet er seinen Besucher, aus dem „Regnum Congo“, das in Latein geschrieben ist, zu übersetzen.

Seine freundliche Geschwätzigkeit vermag das gierige Glitzern in den Augen kaum zu verbergen, mit dem er seinen Gast belauert. Während des folgenden bizarren Gesprächs wächst in unserem jungen Besucher nicht nur der Ekel vor den sonderbaren Ausführungen seines Gastgebers, sondern auch die Gewissheit, dass der Alte ein böses Spiel mit ihm treibt und sein Opfer bereits in der Falle weiß …

Mein Eindruck

Diese frühe Erzählung aus dem Jahr 1920 wird selten abgedruckt, denn sie rührt an ein Tabu, das sehr unappetitlich ist: Kannibalismus. Der Alte verschlingt seine ahnungslosen Opfer, nach dem Vorbild der Bewohner des Kongo. Degeneration – ein häufig wiederkehrendes Motiv in Lovecrafts Erzählungen. Degeneration nicht so sehr im körperlichen Sinne (der Alte ist unnatürlich kräftig und gesund), sondern vielmehr im moralischen. Die Grenze zwischen Tier und Mensch existiert für den Alten nicht mehr.

Eingebettet in das Bild vom Haus des Menschenfressers ist die Warnung vor der unheiligen Vergangenheit Neu-Englands – der Verweis auf Cotton Mather spricht für den Eingeweihten Bände. Lovecraft entführt den Leser bzw. Hörer in diese andere Zeit, um ihn mit schaurigen Phänomenen zu konfrontieren und davor zu warnen.

Archäologen sind in dieser Phase seine bevorzugten Protagonisten – beispielsweise in „Der Hund“ in „Ruf des Dämon 1“, aber auch in vielen weiteren Erzählungen. Sie begegnen schrecklichen verbotenen Geheimnissen, denen ihr säkularisierter Verstand, der Gott entsagt hat, nichts entgegenzusetzen hat. Anfällig für alle Arten von „unheiligen“, blasphemischen und sonstigen Dingen, leisten sie auch selten Gegenwehr gegen die Großen Alten, von denen in der nächsten Geschichte die Rede sein soll.


Handlung von „Die Farbe aus dem All“ (gesprochen von Simon Jäger)

Es gibt eine Gegend am Miskatonic westlich von Arkham, wo die Berge steil emporsteigen, die man die „Verfluchte Heide“ nennt. Die früheren Bewohner sind fortgezogen, und Fremde werden hier nicht heimisch, weil schlechte Träume sie heimsuchen. Nur der alte Ammi Pierce, der unweit Arkhams lebt, spricht über das, was hier einst blühte und gedieh, an der alten Straße, wo die Farm von Nahum Gardner lag. Die neue Straße macht einen großen Bogen nach Süden um dieses Gebiet herum.

Möge der geplante Stausee bald die verfluchte Heide bedecken und die seltsam unnatürlichen Farben auslöschen, in denen sie funkelt. Aber ob man vom Wasser dieses Sees trinken sollte, fragt sich der Landvermesser, der diese Gegend zuerst besucht hat. Die Heide mit ihrem stinkenden Moder, den verkrüppelten Bäumen und dem verdorrten Gras breitet sich jedes Jahr weiter aus.

Folgendes erfuhr er von Ammi Pierce, dem besten Freund der Familie Gardner: Dort, wo einst die florierende Farm von Nahum Gardner stand, umgeben von fruchtbarem Weideland und Obstanbau, existiert nur noch toter Staub, der das Sonnenlicht in merkwürdigen, unirdischen Farben reflektiert.

Alles begann, nachdem 1882 der Meteorit sich in der Nähe von Nahums Brunnen in die Erde gegraben hatte. Ammi ist überzeugt: Eine fremde Macht aus dem All versank in der Erde, kurz darauf setzten rätselhafte Veränderungen bei Tieren und Pflanzen ein. Die Natur schien aus dem Gleichgewicht, die armen Menschen – zuerst Mrs Gardner – wurden von einem Wahnsinn ergriffen oder verschwanden spurlos, und alle Dinge weit und breit begannen, in unbeschreiblichen, widerwärtigen Farben zu leuchten – bis heute …

Mein Eindruck

Dies ist eine der besten Geschichten des Meisters aus Providence. Sie besticht den Leser bzw. Hörer durch ihre reportagehafte Genauigkeit, die Kühlheit ihrer genauen Beschreibungen, die trotz des horriblen Inhalts dennoch von der Vernunft gesteuert werden, als habe Edgar Allan Poe selbst die Feder des Schreibers geführt. Auch die „Einheit der Wirkung“, eine zentrale Forderung Poes von der Kurzgeschichte, ist vollständig und vorbildlich erfüllt.

Diese Geschichte steigert sich in Stufen und mit Verschnaufpausen bis zu einem solch phantasmagorischen Moment kosmischen Schreckens, dass es ein Wunder wäre, wenn der Leser bzw. Hörer nicht davon ergriffen würde. Zuerst zeigen sich nur leise Andeutungen, die sich zunehmend verdichten, je schwerer die Beeinträchtigung von Nahum Gardners Farm wird. Ammi Pierce ruft auch Wissenschaftler der Miskatonic Universität herbei, die aber auch nicht allzu viel ausrichten können. Sie finden allerdings Kugeln in einer unirdischen Farbe, und es ist anzunehmen, dass diese Substanzen ihren Weg in den Brunnen und somit ins Trinkwasser der Gardners finden.

Schon bald ändert sich der Geisteszustand von Mrs Gardner. Ihr Mann sperrt sie auf den Dachboden, ihr folgen ihre drei Söhne. Das menschliche Drama nimmt seinen Lauf, bis selbst der Alte vom Wahnsinn ergriffen wird. Erst als Ammie Pierce Nachbarn und besorgte Bürger mobilisiert, um nach ihm zu sehen, erreicht der Horror seinen Höhepunkt. Sie blicken aus dem Farmhaus hinaus auf eine Vision der Hölle. Denn nun wächst das Grauen um eine weitere Dimension: das Grauen wird kosmisch. Es kommt von den Sternen und es kehrt zu den Sternen zurück, allerdings nicht ohne ein sinistres Erbe zu hinterlassen: die sich ausbreitende „verfluchte Heide“.

Diese Heide birgt etwas, das nicht nur physisch existiert, sondern auch die Träume des Heidebesuchers heimsucht. Wie schon Nahum Gardner sagte: „Es zieht einen an, man kommt nicht weg.“ Und deswegen blieb er auf seiner Farm bis zum bitteren Ende, ähnlich wie Ammi Pierce. Und ob der Landvermesser je davon loskommt, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Die Gedichte (gesprochen von Simon Newby)

Astrophobos

Das lyrische Ich beobachtet einen golden scheinenden Stern in der Nähe des Polarsterns und fabuliert von Schönheit, Heiterkeit, ja von himmlischer Herrlichkeit. Doch die Schönheit stellt sich als Trugbild heraus, als sich ein roter Schein darüber legt. Aus Hoffnung wird Hohn, aus Schönheit ein Zerrbild und aus Vergnügen Wahnsinn. Der Stern mag verschwinden, doch der Horror bleibt „forevermore“.

Das Gedicht hat in seiner gedanklichen und bildlichen Abfolge starke Ähnlichkeit mit Poes Gedicht „The Haunted Palace“, das in der Erzählung [„Der Untergang des Hauses Usher“ 2347 nachzulesen ist.

Simon Newbys langsamer und gut verständlicher Vortrag erscheint mir sowohl falsch betont als auch falsch intoniert. Der Ton müsste nicht erschreckt klingen, sondern zunächst verzückt und in der zweiten Hälfte verrückt. Über die Aussprache der altertümlichen Wörter bin ich mit ihm als Anglist ebenfalls nicht einer Meinung.

The Messenger (Der Bote)

Dieses Gedicht lässt sich nur als Replik auf einen Journalisten verstehen. Bertrand Kelton Hart lebte fröhlich in Providence, Rhode Island, und arbeitete als Autor einer Kolumne für das Providence Journal, als er entdecken musste, dass das Wohnhaus der Figur Wilcox in HPLs berühmter Story „The Call of Cthulhu“ sein eigenes in Thomas Street Nr. 7 war.

Hart war nicht auf den Kopf gefallen und revanchierte sich in seiner Kolumne mit der Drohung, HPL in dessen Domizil in der Barnes Street einen Geist oder Ghoul auf den Hals zu schicken, der ihn täglich morgens um drei mit dem Rasseln von Ketten wecken sollte.

Im Gedicht ist das lyrische Ich also vorgewarnt, glaubt aber nicht so recht an das Erscheinen des Gespenstes. Er fühlt sich vom Kreuz der Kirche (dem Elder Sign) beschützt. Die Kirchturmuhr schlägt drei, als auf einmal an der Tür ein Klirren und Rasseln von Ketten anhebt …

Simon Newby intoniert das Gedicht melodramatisch, doch ein koketter, zynischer Ton hätte zu der Haltung des Autors wohl besser gepasst.

The House

Gemeint ist das konkrete Haus auf Nr. 135 Benefit Street in Providence, Rhode Island. Dies hat HPL auch zu seiner bekannten und verfilmten Erzählung „The Shunned House“ (Das gemiedene Haus) inspiriert.

Wie so viele Gruselhäuser in der Schauerliteratur ist auch dieses Haus entsprechend ausstaffiert, doch wird es lediglich von außen gezeigt, als wäre es ein bewusstes Wesen von unermesslichem Alter, vor dem man sich fürchten sollte. Die Pointe ist jedoch die Haltung des Betrachters in der vierten Strophe. Ähnlich wie die Hauptfigur in der Story „Der Außenseiter“ wird sich der Betrachter bewusst, dass er schon einmal hier war, und zwar vor ziemlich langer Zeit. Wer oder was ist er?

Mein Eindruck

Diese Gedichte sind keine Balladen von Goethe („Erlkönig“ lässt sich auch als Grusel interpretieren) oder Schiller (der hatte mit „Der Geisterseher“ richtig guten Grusel-Trash geschrieben), sondern (außer in „The Messenger“) eine Art pseudoviktorianische Dekadenzlyrik, wie man sie vielleicht von einem Epigonen Baudelaires oder Poes erwarten könnte. Baudelaire schrieb richtig gute Vampirstorys in seinen Gedichten, die ab 1861 in [„Die Blumen des Bösen“ 553 veröffentlicht wurden.

Furcht vor den kalten und wankelmütigen Sternen gehört ebenso zu HPLs Standardrepertoire wie verfallende, sinistre Häuser und Geister. Die Gedichte bieten dem Kenner nichts Neues. Neu ist jedoch die Tatsache, dass sie erstmals in der Originalsprache auf einem deutschen Medium präsentiert werden, noch dazu von jemandem, der der englischen Sprache sehr gut mächtig ist.

Das Booklet

Das achtseitige Booklet wartet mit umfangreichen, ausreichenden Informationen zu Autor, Orchester, den Machern und mit den Gedichttexten auf. Die zweite Seite listet sämtliche Kapitelüberschriften auf, und das kann bei der langen Erzählung „Die Farbe aus dem All“ recht hilfreich bei der Orientierung sein.

Die Sprecher

Simon Jäger, die deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett, ist ein sehr fähiger Sprecher für diese gruseligen Texte. Genauso wie sein Kollege Torsten Sense, der „Das Bild im Haus“ liest, lässt er sich jede Menge Zeit, spricht deutlich und kitzelt die unterschwelligen Bedeutungen des Textes hervor. So entsteht ein deutliches Bild der Jahre überspannenden Vorgänge in „Die Farbe aus dem All“.

Ich konnte nur einen Fehler entdecken. Jäger liest „eine Vision von Fuseli“ [sic] statt „eine Vision wie von Füeßli“, denn Lovecraft meint den Schweizer Maler schauriger Motive wie „Der Nachtmahr“, das wohl sein bekanntestes Bild ist (ein dunkler Gnom sitzt auf dem Bauch einer ohnmächtigen, weißgewandeten jungen Frau, und hinterm Vorhang lugt ein weiterer Dämon hervor).

Auch Simon Newby, der in viel größerem Maße als Jäger als Schauspieler tätig gewesen ist, verfügt über eine ausdrucksstarke Stimme, die es ihm erlaubt, auch so schwierige Texte wie die auf alt getrimmten Gedichte HPLs vorzutragen. Über die korrekte Aussprache solcher exotischen Ausdrücke wie „Cacodaemons“ und „ere“ (= bevor) lässt sich wohl streiten.

Die Musik

Da es keinerlei Geräuschkulisse außer ein paar Spezialeffekten (Wind etc.) gibt, beruht die emotionale Wirkung der Akustik einzig und allein auf dem Vortrag des Sprechers und auf der Musik. Die Musik stellt so etwas wie ein experimentelles Novum dar (wie so einiges auf dem Hörbuch). Sie wurde nicht von einem einzelnen Komponisten zwecks Aufführung durch ein Orchester geliefert, sondern wird von einem Musikerkollektiv erstellt und zugleich aufgeführt: dem „Orchester der Schatten“.

In „Ruf des Dämon“ setzten die Komponisten noch jazzbasierte Instrumente und Musikmotive ein. Diese wurden nun durch eine mehr klassische Orchestrierung ersetzt, die dem traditionellen Feeling, das man mit Lovecraft verbindet, mehr entgegenkommt. Besonders gefielen mir die tiefen Bässe, seien sie nun vom Kontrabass, vom Cello oder dem Piano erzeugt. Ihren Gegenpart spielen häufig hohe Geigen, die durch Dissonanzen eine unheimliche Atmosphäre der Beklommenheit erzeugen. Dieses Muster wird zwecks An- und Entspannung variiert. Die Hintergrundmusik wird durch Pausenmusik ergänzt. Insgesamt bildet die Musik eine stilistische Einheit mit dem Inhalt der zwei Erzählungen. Grusel ist garantiert, vielleicht sogar Lovecrafts Markenzeichen: „kosmisches Grauen“.

Unterm Strich

„Der Ruf des Dämon 2: Wälder der Finsternis“ ist als Titel wohl eher eine Missinterpretation, denn weder in „Das Bild im Haus“ noch in „Die Farbe aus dem All“ stehen Wälder im Vordergrund, sondern eher am Rande des Geschehens. Besonders die zweite, sehr lange Erzählung ist ein Meisterstück HPLs, das jeder Fan kennen sollte. Es steht in einer Reihe mit Grundpfeilern des Lovecraftschen Werkes wie „Der Schatten aus der Zeit“ (1934) oder [„Schatten über Innsmouth“ 506 (1936), obwohl es bereits 1927 entstand. Meines Wissens ist dies die erste Veröffentlichung dieser zwei Erzählungen im Hörbuch.

Das Audiobook bietet dem Liebhaber gepflegten Grusels aus dem Hause Lovecraft eine interessante Mischung aus total Traditionellem – die Storys und Gedichte – und innovativ Neuem: die einfühlsame akustische Untermalung durch das „Orchester der Schatten“. Insgesamt also mehr etwas für Spezialisten.

151 Minuten auf 2 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anke Püttmann (Bild im Haus), Matthias Manzke (Farbe aus dem All)

http://www.eichborn-lido.de/ (ohne Gewähr)

George MacDonald Fraser – Die Piraten (Inszenierte Lesung)

Rasantes Piratenabenteuer als trashige Parodie

England, 17. Jahrhundert: Captain Ben Avery soll im Auftrag der Regierung eine wertvolle Krone auf dem Seeweg nach Madagaskar bringen. Mit an Bord ist die schöne Admiralstochter Lady Vanity. Der schmucke Seeheld verliebt sich in sie, doch das Schiff wird von Piraten überfallen, die Krone geraubt und Vanity in die Sklaverei verschleppt. Avery obliegt es, heldenhaft einzugreifen. Allerdings muss er sich dafür mit bizarren Gestalten der Piratenkönigin Black Sheba, dem holzbeinigen Billbo und dem ewig grölenden Firebeard anlegen. Diese zerlegen die Krone kurzerhand in sechs gleiche Teile, und Averys Job ist es – unter vielen anderen -, die Kronenteile zu sammeln und sie wieder heil abzuliefern, egal wo (aber wahrscheinlich nicht wieder in Madagaskar).

Die ganze Chose ist als rasante Parodie auf das Seeräuber-Genre in Film und Literatur angelegt, wie es nach dem Erfolg von „Fluch der Karibik 1+2“ wieder en vogue ist. Der Autor Fraser vermischt dabei schon mal die Zeitebenen und die Kulturphänomene – Gucci in der Karibik? Warum nicht!

Der Autor

Der britische Autor George MacDonald Fraser ist im angelsächsischen Raum recht bekannt für seine vielen „Flashman“-Romane, die meist historische Abenteuer in Europa schildern (nicht zu verwechseln mit Bernard Cornwells Sharpe-Romanen). Fraser schrieb auch Drehbücher, so etwa für Richard Lesters „Musketier“-Trilogie aus den siebziger und achtziger Jahren, zur Verfilmung von Casanovas Leben (mit Richard Chamberlain in der Titelrolle) oder zum James-Bond-Abenteuer „Octopussy“.

Das Booklet enthält das komplette Vorwort des Autors zu seinem Roman, worin er erklärt, wie es im 17. Jahrhundert zuging und welche Ähnlichkeit seine Figuren mit historischen Persönlichkeiten jener Zeit haben.

Die Inszenierung

Die Regie führte wie bei den Terry-Pratchett-Vertonungen Raphael Burri, der auch den Text bearbeitet hat. Für den guten Ton sorgte Olifr Maurmann von StarTrack-Tonstudio Schaffhausen. Das war 1999, so dass die |Lübbe|-Ausgabe von 2006 einen Relaunch bedeutet.

Die Sprecher und ihre Rollen sind:

Amido Hoffmann: Der Erzähler
Bodo Krumwiede: Captain Ben Avery
Sylvia Garatti: Lady Vanity Rooke
Raphael Burri: Col. Tom Blood, Firebeard und ein Sklavenhändler
Rolf Strub: Calico Jack Rackham, Don Lardo, Vladimir Mackintosh Groonbaum, Wirt und Eunuch
Ruth Schwegler: Black Sheba
Roland Müller: Happy Dan Pew und Soldat
Walter Millns: Black Bilbo, Patzlqtln und Spieler
Aki Rickert: Lady Meliflua
Stefan Colombo: Enchillada, Goliath, Wache und Soldat
Armin Kopp: Admiral Rooke und Richter Jeffries
Thomas Monn: Solomon Shafto
Friedrich Schneider: Samuel Pepys
und viele andere. Alle Rollen sind im Booklet aufgelistet.
Mehr Infos und Hörproben gibt es unter http://www.bookonear.com. (ohne Gewähr)

Die Musik

Die fabelhafte Musik zum Hörspiel stammt von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) und wurde für die beiden Swashbuckler-Klassiker „Captain Blood“ (1935) und „The Sea Hawk“ (1940), beide verfilmt mit Errol Flynn, komponiert. Etwas anderes kam als Musik für die Hörspielfassung auch nicht in Frage, alldieweil sie im Roman zitiert wird: „… Korngold-Trompete“. Ganz offensichtlich ist das musikalische Titelthema aus „Captain Blood“. Es spielt in der verwendeten Aufnahme das National Philharmonic Orchestra of London unter der Leitung von Charles Gerhardt, aufgenommen 1972 bei RCA.

Handlung

Die Handlung ist in vier Bücher und 19 Kapitel eingeteilt. Jedes der Bücher und auch jedes der Kapitel endet und beginnt mit einer fanfarenartigen Musik. Am Ende jedes Kapitels stellt der Erzähler jede Menge Fragen an den Leser bzw. Hörer, um dessen Interesse am Fortgang der Geschichte wachzuhalten.

PROLOG

Das britische Fort auf der Karibikinsel St. Barthelmy ist heute Nacht im Visier der Piraten von Calico Jack Rackham. Hinter ihm drängeln sich seine ungewaschenen Gefolgsleute Black Bilbo und Firebeard sowie Goliath, der Zwerg. Nun kommt noch eine großgewachsene schwarzhäutige Schönheit hinzu. Es ist Black Sheba, die ebenso üppige wie hochnäsige Piratenkönigin, eine wahre Sexhexe ihrer Zunft. Sie alle wissen, dass heute Zahltag ist: Die Soldaten sollen morgen ihren Sold ausbezahlt bekommen, doch vorher werden sie abkassieren. Angriff und Gebrüll, Schüsse und Degengefecht! Dann gibt es leider eine klitzekleine Panne: Ein Fallgitter sperrt Sheba mit ihrem Knöchel ein. Ihre Mannen müssen sie, gemäß dem alten Piratengesetz, leider zurücklassen: Jeder ist sich selbst der Nächste.

HAUPTHANDLUNG

Vier Monate später steht Sheba vor einem Richter Seiner britischen Majestät. Richter Jeffries hat nichts übrig für ungewaschene und vor allem verbrecherische Damen aus Westindien. Während der Gerichtsdiener mit einem österreichischen Akzent beflissen um Ruhe bittet, bietet Sheba dem Volk auf den Rängen ein sexy Spektakel. Sie wird trotzdem verurteilt: Sklaverei in Ostindien, weit weg von der Heimat. Sie und Richter Jeffries trennen sich unter wüsten Beschimpfungen.

Unterdessen erhält der schmucke und sehr männliche Held dieser Geschichte, Captain Ben Avery, einen geheimen Sonderauftrag, von dem im gesamten Königreich nur drei Leute wissen: er, der Marinebeamte Samuel Pepys und dessen Boss. Avery soll eine wertvolle, mit allerlei Juwelen und Perlen geschmückte Krone dem König von Madagaskar überbringen, denn die Briten wollen die große Insel als Sprungbrett zu ihren ostindischen Besitzungen ausbauen. Avery weigert sich nicht, eine Quittung zu unterschreiben. Er ist in bürokratischen Dingen ein wenig unbedarft, wie sich später noch zeigen soll.

An Bord

Sein Schiff, die „Twelve Apostles“, soll von Hafen Whitby aus nach Kalikut (= Kalkutta) in See stechen. Er ahnt nicht, welch ein Tunichtgut und Loser in Gestalt des irischen Colonel Tom Blood an Bord gelassen wird: ein Falschspieler und Gauner, allerdings kein notorischer Schürzenjäger (nur wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet), und das kann einem Frauenschwarm wie Ben Avery nur recht sein. Da kommt auch schon die blonde Versuchung an: Lady Vanity Rooke, das Töchterlein des Admirals, der mitfährt. Die ist eine hübsche Puppe, die sich ihres Liebreizes wohlbewusst ist. Sofort wirft sie ein Auge auf Avery, und er wirft zurück.

Zu guter Letzt wird auch noch Black Sheba an Bord gebracht und sofort unter Deck angekettet. Was Avery und Kapitän Yardley nicht wissen: Dort unten befinden sich bereits mehrere Piraten, darunter Calico Jack. Dreimal darf man raten, was sie vorhaben. Tom Blood fällt sofort das geheimnisvolle Kästchen ins Auge, das Avery unterm Arm trägt und in seine Kabine einschließt. Was mag es wohl verbergen?

Überfall

Schon im Golf von Guinea in Westafrika knutschen Vanity und Avery wie die Weltmeister. Tom schaut bloß zu und erkennt die günstige Gelegenheit. Aber um an das Kästchen heranzukommen, braucht er einen Plan: Es ist verschlossen. Er begibt sich zu Sheba, um sie zu sprechen, doch Avery, der ihn gesehen hat, geht dazwischen. Das bringt Avery einen intensiven Kuss der Dankbarkeit von Sheba ein, die rasend eifersüchtig auf Vanity wird. Auf der Heckgalerie duellieren sich die beiden Streithähne, bis Tom aufgibt und sich lieber aufs Schmeicheln verlegt. Er wolle Averys Partner sein, nicht sein Feind. Avery, den Schuldgefühle plagen, schlägt ein. „Was für ein Trottel!“, denkt Tom.

Eine stille Vollmondnacht vor Guinea. Firebeard schleicht sich an Deck und gibt ein Signal, das von Landseite aus erwidert wird: Der Angriff kann beginnen! Während mehrere Boote sich der „Twelve Apostles“ nähern, bewaffnen sich die Piraten, die sich versteckt gehalten haben, unter ihnen die befreite Sheba, die sich sofort in Schale wirft. Im folgenden Angriff auf Mannschaft und Passagiere nimmt sie Vanitys Leben in Schutz, um sich Averys Gunst zu erhalten. Das hindert sie aber nicht daran, Vanitys Schmuck und Kleider zu rauben. Und das Parfüm, was Vanity ganz besonders erbost.

Als die triumphierenden Piraten den Admiral hängen wollen, erwähnt Tom Blood ein gewisses „wertvolles Ding“. Sheba holt die Truhe und schlägt vor, man solle für die Krone ein Lösegeld verlangen. Calico Jack hat eine bessere Idee: Um jeden Piratenkapitän zufriedenzustellen, teilt er die Krone in sechs Teile auf. Anschließend soll Vanity als Sklavin an den Araber Akbar verkauft und Avery gekielholt werden. Es sei denn, er schließe sich den Seeräuber an.

Avery macht einen großen Fehler. Er verschmäht sowohl die Partnerschaft mit den Piraten als auch die ziemlich deutlich bekundete Liebe ihrer Königin Sheba. Zur Strafe wird er mit Tom Blood auf einer Sandbank ausgesetzt, die man „des toten Manns Kiste“ nennt: Da sie bei Flut untergeht, ertrinken ihre Bewohner unweigerlich. Nur einer kann überleben, heißt es. Doch die Piraten, die sich vor einem heraufziehenden Sturm in Sicherheit bringen, haben nicht mit der Partnerschaft der beiden Männer gerechnet. Das dynamische Duo tut sich zusammen – jedenfalls für den Moment – und macht sich auf den Weg, die verschleppte Vanity zu befreien und Akbar zur Hölle zu schicken. Außerdem muss Avery die Krone wiederbeschaffen – was sich als eine wahre Schnitzeljagd entpuppen soll.

Unterdessen haben Sheba und Calico Jack große Pläne in der Karibik. Sie wollen die künftige Braut des spanischen Vizekönigs Don Lardo im kolumbianischen Cartagena entführen und Lösegeld fordern. Leider haben sie nicht mit der Boshaftigkeit von Don Lardo gerechnet und sitzen schon bald bis zum Hals in der Tinte.

Mein Eindruck

Filme wie „Fluch der Karibik“ – selbst eine Parodie – zeigen das Strickmuster recht deutlich. Was verloren wurde, muss wiedergefunden oder -beschafft werden, ganz besonders dann, wenn es sich um geliebte Ladys oder gestohlenes Gold handelt. Der Rest ist eine Achterbahnfahrt von mehr oder weniger glücklichen Zufällen und Begegnungen. Und wenn es denn einen Bösewicht gibt, so findet er unweigerlich sein verdientes Ende. Der Held des Guten mag ja recht nett sein und die Dame seines Herzens bekommen, aber mal Hand aufs Herz! Ist das nicht ein wenig langweilig? Deshalb stellen sich die meisten Leser, Hörer und Zuschauer auf die Seite der Seeräuber, Piraten, Bukaniere oder wie sie sonst genannt werden: Hauptsache, sie sind frei, furchtlos und lustig.

Anders als in „Fluch der Karibik“ stehen jedoch nicht die Anführer der Piraten im Mittelpunkt der meisten Szenen, sondern unsere beiden Schwerenöter Long Ben Avery und Colonel Tom Blood. Sie gehen dem Autor, der sich mit der Stimme des Erzählers wiederholt an uns wendet, an allen möglichen Enden der Handlungsstränge verloren. So kann es passieren, dass Long Ben als Sklave verkauft wird und in die Hände einer älteren Lady gerät, die sich von ihm ganz außergewöhnliche Liebesdienste erwartet, so als sei er eine Art Don Juan auf Knopfdruck. Zum Glück hilft ihm Tom aus dieser Kalamität heraus. Nur um schon bald wieder in die Hände von Calico Jack zu fallen.

Keinen Deut weniger turbulent ist das Schicksal von Lady Vanity. Überfallen, ausgeraubt, in die Sklaverei verschleppt, von ihrem Liebsten gerettet, auf einem Eiland den Piraten ausgeliefert: Ihr Leben ist die reinste Achterbahnfahrt. Doch während die guten Männer hinter schnödem Gold (die Krone) her sind, wollen die bösen ihr ständig an die Wäsche. Die Verteidigung ihrer Tugend – die wichtigste Aufgabe einer Jungfrau seit Adam Eva das Feigenblatt raubte – füllt Vanitys Leben aus. Doch verschärft wird ihre Not durch heftige Konkurrenz aus dem weiblichen Lager: Black Sheba, eine üppige schwarze Schönheit, versucht ihre Zähne ebenso in Ben zu schlagen wie die sechzehnjährige Meliflua, die vor ihrem Brätigam Don Lardo in Bens starke Arme flieht.

Wenn schon alle diese Figuren Karikaturen waren, so ist der besagte Don Lardo die verabscheuungswürdigste Ausgeburt einer Karikatur des Bösen, die man je gesehen oder gehört hat. Fett wie eine Kröte, hässlich wie die Nacht, besteht sein größtes Vergnügen darin, seine Mitmenschen auf möglichst einfallsreiche Weise zu foltern oder zum Tode zu befördern. Sein Schlafzimmer liegt bezeichnenderweise direkt neben der Folterkammer seines Gouverneurspalastes. Sein Assistent ist ein Schleimer namens Enchillada, der sich jedoch gegen seinen Herrn wendet, als ihm Lady Vanity zu schade für den Scheiterhaufen erscheint. Jedem Saruman sein Schlangenzunge.

So weit, so turbulent. Der Leser bzw. Hörer wird noch zusätzlich verblüfft durch Bezüge auf Phänomene verschiedenster Epochen. Obwohl die Geschichte angeblich im 17. Jahrhundert spielen soll, verschlägt es Vanity & Co. in eine Indiokultur, die starke Ähnlichkeit mit jener der Azteken hat. Diese wurde bekanntlich im bereits im 16. Jahrhundert durch die Spanier vollständig vernichtet. Don Lardo führt genau die gleichen Argumente wie jene Missionare und Heerführer jener Zeit ins Feld, um seine Jagd nach dem Gold der Indianer zu rechtfertigen. Versteckt unter dem Mäntelchen der Parodie blitzt die harsche Kritik des Autors an jenem Genozid auf.

In versteckten Hinweisen, Bildern, Vergleichen und Metaphern knüpft der Autor ein Gewebe aus kulturellen Erbstücken, meist aus der Gegend der Karibik. So wandern Jamaikaner (oder waren’s Pakistaner?) nach Bradford, England, aus. Wer dem französischsprachigen (aber ursprünglich schottischen) Seeräuber Happy Dan Pew genau zuhört, wird jede Menge französisches Kauderwelsch hören, das gar nicht ins 17., sondern mehr ins 19. oder 20. Jahrhundert gehört, wie etwa „promenade bicyclette“. Leider ist er so schlecht zu verstehen, dass das meiste an den Ohren vorbeirauscht. Die Damen schlagen sich um Accessoires von Gucci und Chanelm und die „Sonnenprinzessin“ sieht aus wie Tigerlily in einer Verfilmung von „Peter Pan“.

Die Inszenierung

Mein Leser wird schon gemerkt haben, dass dies alles recht anstrengend klingt. Dem ist auch so. Obwohl die Parodie als Spiel, Spaß und Neuinszenierung liebgewonnener Klischees wie etwa Degenduelle inszeniert ist, so will doch echtes Vergnügen an der Parodie einfach nicht aufkommen. Fehlt mir die entsprechende Unschuld? Vielleicht muss man dazu noch 14 Jahre jung sein und darf noch keinen einzigen Piratenfilm gesehen haben. Dann könnten die schlüpfrigen Scherze der Damen und Herren in der Tat recht lustig anmuten.

Dass sich mein Vergnügen in Grenzen hielt, lag an mehreren Gründen. Zum einen übertreiben es die Karikaturen in ihrem wilden Treiben entsprechend: Man knutscht wie die Weltmeister, ficht aber keineswegs bis aufs Blut. Die Regeln des Genres werden unterminiert. Denn sowohl die Figuren als auch ihr Marionettenspieler sind sich einer Tatsache sehr wohl bewusst: Dass all dies Possenspiel nur zu einem Zweck aufgeführt wird, nämlich zum Ergötzen des Publikums.

Dumm nur, dass sich der Marionettenspieler in seiner eigenen Inszenierung als „Erzähler“ in den Vordergrund spielt, als wolle er in einem elisabethanischen Schauspiel eine Allegorie verkörpern, etwa die Liebe oder die Muse des Dichters. Auf diese Weise kommentiert sich seine Schöpfung selbst und entlarvt sich als Fiktion.

Mir schien sich der „Erzähler“, der stets am Kapitelende auftaucht, auf eine unerträgliche Weise beim Publikum anzubiedern. Es ist genauso, als würde man in einem Film einem Off-Kommentar zuhören, der den Zuschauer durch den Film steuert. Das erschien mir als eine Gängelung, doch anderen Leuten mag das Erklären und Überleiten zur nächsten Szene als hilfreich erscheinen. Denn auf diese Weise kommt der Szenenwechsel an einen ganz anderen Schauplatz nicht gar so unvermittelt, wie es ohne Erzählerkommentar der Fall wäre.

Die Sprecher

Jede Rolle ist mit einem Sprecher bzw. Sprecherin besetzt, der oder die ihr am besten entspricht. Manche Sprecher haben, wie die obige Liste zeigt, sogar mehrere Rollen, die eine unterschiedliche Stimmlage erfordern. Wer kann, der kann. Und wenn dann noch die Stereotontechnik wie in diesem Fall weidlich ausgenutzt wird, so entstehen sehr schöne quasi-räumliche Szenen vor dem inneren Auge des Hörers.

In einer Szene hört man beispielsweise nur die Schritte eines Sprechers von links nach rechts, dann in den „Hintergrund“ (wird leiser) und zurück in den „Vordergrund“ (wird lauter) wandern, ohne dass er ein Wort sagt. Man weiß sofort, dass der Typ nachdenkt. Wenn einmal wirklich die Gedanken einer Figur darzustellen sind, so wird dies mit ein wenig Hall unterlegt. Das kann im Fall der ständig zugedröhnten „Sonnenprinzessin“ der Indianer auch recht amüsant wirken.

Allerdings gibt es auch mehrere Szenen, in denen ich die Figuren nicht auseinanderhalten konnte, weil sich die Stimmen zu ähnlich waren. Das war stets nur bei den männlichen Sprechern der Fall, nie bei den weiblichen. Die Anzahl der Letzteren ist nämlich wesentlich kleiner: die superblonde Vanity, sexy Sheba, die kleine Meliflua (spanisches Kauderwelsch) und schließlich Anne Bonney, eine schon etwas betagte Expiratin, sodann noch diverse Indianerinnen, die recht seltsame Namen tragen.

Dass die männlichen Figuren verwechselt werden können, spricht nicht gerade für eine gute Dramaturgie. Ironisch wird es, wenn ein Mann – es ist der Ben-Gunn-Typ Solomon Shafto – mit einer Fistelstimme spricht und klingt wie eine etwas unnatürlich klingende Frau. Die Umkehrung der Genre-Regeln gehört zur Methode der Parodie.

Für den Englischkenner mutet es irritierend an, dass zwar die Sprecher wissen, wie man „Firebeard“ korrekt ausspricht – nämlich [faia’biahd], nicht aber der Erzähler, der sich so allwissend aufführt. Er sagt [faia’bärd] und offenbart seine Ahnungslosigkeit.

Die Geräusche

Für eine richtige Inszenierung eines Piratenpossenspiels wie diesem sind natürlich sämtliche Geräusche aus der Trickkiste des Genres einzusetzen. Die eindrucksvollsten sind sicherlich die obligatorischen BREITSEITEN der Schiffe, dann natürlich jede Menge Musketenschüsse. Ebenso obligatorisch sind die DEGENDUELLE, die sich die Männer in auffällig regelmäßig Abständen liefern, und zwar aus den nichtigsten Anlässen.

Die romantische Seite darf auch nicht zu kurz kommen. So ein romantischer Kuss kann schon mal dreißig Sekunden oder noch länger dauern – mach Platz, Casanova! Der Hintergrund von Wind und Wellen gehört natürlich zum Treiben dazu wie der Käse auf die Pizza. Das Knarren der Takelage, das Klirren von Ketten – es ist alles da.

Aber ab und zu übertreibt es die Tonregie auch ein wenig. In drei Szenen werden die allgegenwärtigen Insekten durch ihr Summen so störend, dass es die Konzentration auf den Dialog stört. Dies mag dem Tonmeister aufgefallen sein, und so gibt es am Ende eine Szene bei Master Pepys, in dem er eine ständig umhersurrende Fliege kurzerhand erschlägt. Endlich herrscht Ruhe im Raum!

Die Musik

Die oben erwähnte Musik von Korngold ist so stilecht und eng mit dem Genre verknüpft, dass sie nicht wegzudenken ist. Leider wird das gleiches Fanfarenmotiv bis zum Überdruss verwendet, so dass ich mich dabei ertappte, wie ich die Sekunden zählte, bis endlich die Handlung einsetzte. Es waren schon einige.

Unterm Strich

Wie bei jeder Parodie hängt ihr Erfolg völlig vom Geschmack und der Erfahrung des Publikums ab. Es muss schon ein sattsam bekanntes Genre vorhanden sein, damit es sich parodieren lässt. Dabei werden seine Regeln so übertrieben oder auf den Kopf gestellt, dass sie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Dies ist von „Die Piraten“ nur zum Teil beabsichtigt, denn der andere, überwiegende Teil ist durchaus lustvolle Unterhaltung innerhalb der Regeln des Genres. Also findet der Zuhörer jede Menge Zungen- und Degenduelle, einen recht üblen Schurken, in dessen Klauen (mehr oder weniger) unschuldige weibliche Grazien – und eine Schlange stehende Garde von entschlossenen Mannsbildern, die eben diese Grazien für sich gewinnen wollen (äh, und das Gold natürlich auch).

Durch die Parodierung aller Klischees des Piratengenres suggeriert der Autor dem Publikum, dass es sich in Wahrheit wohl völlig anders verhalten hat, als es uns die Unterhaltungsindustrie weismachen will. Sein im Booklet abgedrucktes Vorwort verknüpft die Legenden mit den historisch belegten Personen und zeigt auf, was vermutlich der Wahrheit entsprach. Diese war wesentlich prosaischer und bedrückender, als uns die Piratenfilme weismachen wollen. Die Zombies der Black Pearl in „Fluch der Karibik“ sind ein übertriebenes Zerrbild der tristen, gewalttätigen Wirklichkeit. (Dazu liefert die DVD zum Film eine erhellende Dokumentation.)

Dass die Schweizer Truppe von |Bookonear| ihre Aufgabe, den Roman von Fraser zu einem Hörspiel zu verarbeiten, mit Lust und Spielfreude angepackt hat, ist nicht zu überhören. Alles ist so karikaturenhaft überzeichnet, dass sich der Hörer seines Vergnügens an diesem Trash nicht zu schämen braucht. Allerdings gibt es eine Reihe handwerklicher Schnitzer, die mir aufgefallen sind (siehe oben). Daher vergebe ich eine Empfehlung mit Einschränkung für Piratenfans. Man sollte nur nicht den Fehler machen, diese Darbietung ernst zu nehmen. Das wäre das Letzte, was die Macher erwartet hätten.

Originaltitel: Pirates, 1983
314 Minuten auf 4 CDs

http://www.luebbe-audio.de
http://www.bookonear.com

John Sinclair – Mit Blut geschrieben (Folge 165, Teil 2 von 2)

Die Handlung:

Akim Samarans grauenvoller Diener, der Homunkulus, hatte Lady Sarah Goldwyn entführt und sie gezwungen, das mit Blut geschriebene Testament des russischen Heilers Rasputin zu bergen! Als es uns gelang, Sarah zu retten, war Samaran mit dem Testament jedoch schon in die Wolga-Sümpfe geflohen – um den mörderischen Götzen Baal zu erwecken! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer
405 gemacht, das erstmalig am 7. April 1986 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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Ellen Weiss / Chris Van Allsburg – Der Polarexpress (Lesung)

Der amerikanische Weihnachtsklassiker hat am 25. November weltweit Premiere als Zeichentrickfilm. Dabei ist auch die deutsche Stimme von Tom Hanks zu hören. Alle kleinen und großen Träumer können sich dann vom Polarexpress auf eine magische Reise zum Nordpol nehmen lassen, um – wen wohl? – zu besuchen.

Der Autor/Die Autorin
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