Nachdem sich ein Milliardär aus dem Fenster gestürzt hat, entwickelt sich die Testamentseröffnung zu seinem letzten Schlag gegen seine rechtsmäßigen Kinder. In seinem letzten Willen setzt er eine uneheliche Tochter als Universalerbin ein, von der noch nie jemand etwas gehört hat und die irgendwo im Urwald lebt. Ein Ex-Staranwalt wird mit der Aufgabe betraut, die Missionarin in Brasilien ausfindig zu machen. Unterdessen wetzen die Anwälte der abgestraften ehelichen Kinder die Messer, um das Testament anzufechten. Denn es geht nicht um Peanuts, sondern um elf Milliarden Dollar.
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Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher
J. R. R. Tolkien / Günter Merlau – Der Herr der Ringe: Die Gefährten. Original Film-Hörspiel

Dies ist das erste Hörspiel, das nicht dem Originaltext Tolkiens folgt, sondern vielmehr die Filmfassung Peter Jacksons voll integriert, komplett mit allen Darstellern (s. u.) und deutschen Synchronstimmen. Das bedeutet beispielsweise, dass der Hörer nicht mehr auf die liebliche Arwen Abendstern zu verzichten hat, weil sie im Original nicht vorkommt. Und das bedeutet, dass man auch in den Genuss der fantastischen, OSCAR-prämierten Filmmusik Howard Shores gelangt.
Wolfgang Hohlbein – Hagen von Tronje (Lesung)
Hagens Heimat liegt im hohen Norden, doch seine Treue gehört König Gunther von Burgund, dessen Waffenmeister und engster Vertrauter er ist. Seine Liebe, wenn es je eine in seinem Leben gegeben hat, gehört Gunthers Schwester Kriemhild. Die Ankunft des Recken Siegfried von Xanten an Gunthers Hof in Worms kündet von drohendem Unheil. Nur zu deutlich wird Gunthers Schwäche offenbar – und nur zu bald die verhängsnisvolle Liebe zwischen Siegfried und der Thronerbin Kriemhild.
Der Autor
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Robert E. Howard – Besessen (Gruselkabinett 63)

Dom Vincente da Lusto hat eine illustre und äußerst amüsierwillige Gesellschaft in sein Schloss an der West-Küste Afrikas geladen. Misstrauisch beäugen die Eingeborenen die ankommenden fremden Weißen. Mit dem Vollmond zieht unerwartet das Grauen im Schloss und der gesamten Gegend ein … (Verlagsinfo)
Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.
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H. P. Lovecraft / Lin Carter / Robert E. Howard / D. R. Smith / Christian von Aster – Der Cthulhu-Mythos (Lesungen)
Zwei dieser Horror-Erzählungen begründeten den Cthulhu-Mythos, die anderen führen ihn weiter. Die inszenierte Lesung wird getragen von der beeindruckenden und (in Grenzen) wandlungsfähigen Stimme von Joachim Kerzel. Ein Schmankerl sind die Lebensbeschreibung und die Story-Einführungen von „H. P. Lovecraft selbst“, geschrieben von Verleger Frank Festa.
Dieses Produkt wurde zum „Besten Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2002“ (Deutscher Phantastik-Preis 2003) gewählt.
H. P. Lovecraft / Lin Carter / Robert E. Howard / D. R. Smith / Christian von Aster – Der Cthulhu-Mythos (Lesungen) weiterlesen
Doyle, Arthur Conan / Gustavus, Frank – Die vergessene Welt (Hörspiel)

Der verschrobene Wissenschaftler Professor Challenger behauptet, auf einem Hochplateau im südamerikanischen Dschungel lebendige Dinosaurier entdeckt zu haben. Obwohl seine Kollegen ihn für verrückt halten, wird eine Expedition zum Amazonas gesandt. Die Teilnehmer entdecken dort tatsächlich urzeitliches Leben und müssen die haarsträubendsten Abenteuer bestehen: Sie werden von Flugechsen angegriffen, von fleischfressenden Dinosauriern gejagt und geraten in die Fänge blutrünstiger Affenmenschen. (Verlagsinfo)
Der Autor, das Buch
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Algernon Blackwood/ H.P. Lovecraft/ E.A. Poe / Franz Hohler/ M. R. James / David Morell / R.L. Stevenson – Wo die schwarzen Flüsse fließen. Gruselgeschichten (Lesungen)

In einem Kupferstich wandert eine dunkle Gestalt umher, im Keller eines abgelegenen Hauses tropft plötzlich Milch von den Wänden, in einem schottischen Dorf treibt die „Krumme Janet“ ihr Unwesen und in einem Wald verschwinden Menschen spurlos. Außerdem bekommen wir endlich eine Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn man sich in der Stunde seines Todes hypnotisieren lässt?
Algernon Blackwood, Franz Hohler, Montague Rhodes James, H. P. Lovecraft, David Morrell, Edgar Allen Poe und Robert Louis Stevenson berichten von düsteren Geheimnissen. (Verlagsinfo)
Die Autoren
Algernon Blackwood (1869-1951)
Colfer, Eoin – Artemis Fowl – Die Akte (Lesung)
_Löblicher Artenführer, spannende Abenteuer_
Das Hörbuch verspricht dem Artemis-Fowl-Freund zwei neue Abenteuer mit seinem Helden. Tatsächlich dreht sich aber nur eines um ihn, das andere ist für Captain Holly Short von der Zentralen Untergrund Polizei (ZUP) reserviert. Holly besteht ihre ZUP-Aufnahmeprüfung auf recht ungewöhnliche Art und Weise, und Artemis – oder „Artie“, wie ihn seine Mutter nennt – klaut mit der Hilfe eines notorisch bekannten Zwerges das wertvollste Diadem der Welt.
Die Haupt- und Nebenfiguren der A.-F.-Romane geben jeweils Interviews, ja, sogar der Autor selbst. Als Bonus gibt es einen „Artenführer“, der die Völker des Erdlandes unterscheidbar macht.
_Der Autor_
Eoin Colfer, geboren 1968, ist Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Wexford, Irland. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. 2011 erhielt er den Children’s Book Award, den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Großbritanniens, und 2004 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Seine bislang drei „Artemis Fowl“-Romane wurden allesamt Bestseller und sind von Rufus Beck kongenial ins Medium Hörbuch übertragen worden. Das Hörbuch zum nächsten Roman ist bereits in Vorbereitung.
_Der Sprecher_
Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere eben die über „Artemis Fowl“.
Beck liest den ungekürzten Text. Regie führte Margit Osterwold. Für den Ton im Studio Giesing/München zeichnet Martin Stock verantwortlich. Das Titelbild zeigt das Buchcover des List Verlags.
_Für die Akten_
1) Das Jahreszeugnis. Artemis Fowls Lehrer an der St. Bartleby’s School* sind mit seinen Leistungen – nun, nicht direkt unzufrieden, aber von ihm selbst etwas irritiert: Er tut oft so, als wäre er klüger als sie: ein notorischer Besserwisser, der zudem den Spieß umdreht und seine Lehrer belehrt. Im Physikunterricht kündigte er an, eine Zeitmaschine bauen zu wollen. Nur zu! Mit dem jungen Mann kann man nicht diskutieren, denn man weiß von vornherein, dass man verlieren wird.
* Einen Heiligen namens St. Bartleby gibt es meines Wissens nicht. Aber es gibt eine berühmte literarische Figur namens Bartleby der Schreiber, den Herman Melville erfand. Bartleby – das dürfte alle frustrierten Schüler freuen – sagt am liebsten zu jedem Ansinnen, das man an ihn richtet: „Ich möchte das lieber nicht tun.“ (I prefer not to.) Hier erlaubt sich der Autor einen Insiderscherz, einen von vielen. Schließlich war er lange Jahre Grundschullehrer.
2) – 8) Interviews mit Artemis Fowl II (AF), Captain Holly Short, Butler (AFs Leibwächter und Faktotum), dem Zwerg Mulch Diggums, dem Erfinder-Zentauren Foaly (ZUP), dem ZUP-Commander Julius Root und schließlich mit ihrem Erfinder, Eoin Colfer, folgen.
Die Fragen, die sie mehr oder weniger bereitwillig beantworten, lauten: Was denkst du/denken Sie über XYZ? Was war Ihr stolzester bzw. Ihr peinlichster Moment? Was sind Ihre Hobbys bzw. Lieblingsfächer in der Schule? Wie heißt Ihr Lieblingsbuch bzw. -song? Was ist Ihr Lieblingsort? Was raubt Ihnen den Schlaf bzw. was macht Ihnen Angst? Wie heißt Ihr bester Freund (eine sehr heikle Frage, die der Commander rundweg zurückweist). Was inspiriert Sie? Was ist Ihr kostbarster Besitz? Was würden Sie XYZ raten – drei Tipps für: angehende ZUP-Offiziere, Schriftsteller, Erfinder usw.
Colfers kostbarster Besitz seien Bücher, sagt er, und konsequenterweise gehört Lesen zu seinem Lieblingshobby. Aber wenn er wieder einen anderen Beruf ergreifen müsste, würde er wieder, wie früher, Grundschullehrer werden, denn mit Kindern zu arbeiten, sei das Erfrischendste und Inspirierendste überhaupt.
9) „Das Erdvolk – ein Artenführer“ (TOP SECRET)
Schon oft habe ich mich gefragt, wie die unterirdischen Spezies wohl aussehen mögen und worin sie sich unterscheiden. Die Spezies der Unterwelt auseinanderzuhalten, ist gar nicht so einfach, denn im Sprachgebrauch der Völker werden beispielsweise Zwerge und Wichtel mit Kobolden und Trollen in einen Topf geworden und viele meinen sogar, Elfen und Feen wären ein und dasselbe. Sind sie mitnichten! Feen haben Flügel, Elfen aber nicht.
Nachdem der Artenführer die Eigenarten der sieben Spezies genau beschrieben hat, vermerkt er noch, welche Situationen man in der Begegnung mit ihnen möglichst vermeiden sollte. So ist es wenig ratsam, sich hinter einem Zwerg zu befinden, wenn dieser gerade zu graben anfängt … Menschen kommen nicht vor, denn sie leben in aller Regel nicht unter der Erdoberfläche.
_Mein Eindruck_
Die Antworten überraschten mich wenig, denn alle passen genau zur jeweiligen Figur. Hie und da blitzt etwas Individualität hervor, besonders bei dem egozentrischen Erfinder Foaly. Sein kostbarster Besitz seien übrigens Alukappen, sagt er. Seine beste Freundin sei Holly Short, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber einer engeren Beziehung zwischen einem Zentauren und einer Elfe sind gewisse natürliche Grenzen gesetzt – schade.
Der Artenführer war schon längst überfällig! Er hätte schon von Anfang an in jedem der Romane abgedruckt werden müssen. Endlich herrscht Klarheit, was eine Elfe von einem Feenmann unterscheidet: Flügel und Schweben, das können nur Feen.
_Die Erzählung „Blaue Spinnen“_
Corporal Holly Short hat sich für die Abschlussprüfung als erste weibliche Offizierin der ZUP-Abteilung für Aufklärung vorbereitet, aber noch schiebt sie als gewöhnliche Verkehrspolizistin in Haven City, Erdland, Dienst. Dann ist endlich der große Tag gekommen und sie erfährt, dass Commander Julius Root sie persönlich prüfen will, wie jeden anderen Absolventen auch. Captain Trouble Kelp, der das schon hinter sich hat, wird sie dabei auf Video aufnehmen.
Zusammen fliegen die drei erst zur 8000 Kilometer entfernten Erdoberfläche und dann an die Ostküste Irlands, zu der Vogelinsel Tern Mor. Hier leben 200 geschützte Vogelarten, doch glücklicherweise ist ihr menschlicher Beschützer gerade für drei Tage aufs Festland gefahren. Holly hat also maximal 36 Stunden Zeit, um die Prüfung zu bestehen. Die Aufgabe ist sehr simpel: Prüfling und Prüfer erhalten jeweils eine Farbpistole. Wer den anderen zuerst erwischt, hat gewonnen. Holly bekommt einen Zeitvorsprung, um sich zu verstecken, dann geht die Jagd auf sie los. Root zieht sich mit seinem Shuttle zurück, und Holly ist mit Kelp allein.
Jedoch nicht ganz. Holly ist eine aufgeweckte Elfpolizistin und bemerkt aus dem Augenwinkel ein verdächtiges Schimmern am Boden der kargen Insel. Das kann nur von einer Tarndecke herrühren. Sie will gerade Kelp warnen, als ein Laserschuss ihren Kollegen niederstreckt. Ein Zwerg steht auf und setzt auch Holly außer Gefecht. Offenbar hat man ihnen und Commander Root auf dieser Insel eine Falle gestellt. Aber wer konnte wissen, wo die Prüfung stattfinden würde? Doch nur ein hochrangiger Offizier der ZUP. Liegt Verrat vor – oder etwas noch Schlimmeres?
_Mein Eindruck_
Diese Erzählung zeigt eine neuartige Foltermethode, um Geständnisse zu erpressen. Der Schurke im Stück setzt blaue Tunnelspinnen ein (Tolkiens Kankra ist so ein Exemplar, nur etwas zu groß geraten). Mit ihren scharfen Krallen richten sie an dem wehrlosen Opfer allerlei gesundheitsschädliche Dinge an, und nur heißer Kaffee kann ihnen den Garaus machen. Prost!
Außerdem machen wir Bekanntschaft mir jener rätselhaften Krankheit, die nur Elfen heimsucht, wenn sie die Behausung eines Menschen betreten – dies ist ihnen ja verboten: die Schwellenkrankheit. Nun, Elfen sind bekanntlich magische Wesen, und wer weiß, wie Magie funktioniert? Jedenfalls erwischt es nicht nur Trouble Kelp, sondern auch Commander Root ganz gehörig.
Nur Holly Short ist noch in der Lage, ihnen aus der Patsche zu helfen. Aber wie? Sie steht vor der Wahl zwischen Karriere und Kameraden. Um Letzteren zu helfen, muss sie gegen den Befehl des Commanders verstoßen, und das wiederum wäre nicht besonders gut für ihre Chancen in der Abschlussprüfung. Aber wir wissen, dass Holly das Herz auf dem rechten (oder war’s der linke?) Fleck hat und die richtige Wahl treffen wird. Daumen drücken!
_Die Erzählung „Der siebte Zwerg“_
Das Flörsheim Plaza ist ein recht nobles Hotel in New York City. Allerdings wird sein Grund und Boden gerade von einem kleinen Beben erschüttert. Es ist der kriminelle Zwerg Mulch Diggums, der sich gerade bis unter den Betonboden des Kellers vorgegraben hat. Mit der speziellen Grab- und Antriebstechnik, die jeder Zwerg besitzt, stößt er sogar durch den Betonboden und betritt den Keller. Mit seinen lichtempfindlichen Augen beäugt er die Ausstellungsstücke eines Museums. Hier erwartet ihn ein Schatz: das wertvollste Diadem der Welt, das der Lady Feifei aus China. An einer Goldkette prunkt unter anderem ein blauer Diamant, ein rares Stück.
Diggums ist nicht blöd, obwohl mancher über die Intelligenz von Zwergen anderer Ansicht ist. Und daher wundern ihn zwei Umstände an seiner Entdeckung. Warum liegt das Diadem ganz offen da, damit jeder es sich schnappen kann? Er weiß, er sollte sofort wieder abhauen, aber welcher Zwerg konnte jemals dem Glitzern von Gold widerstehen? Eben! Und zweitens fällt ihm jetzt auf, dass der Glanz des Goldes zu blass schimmert und das Glitzern des Diamanten etwas Öliges an sich hat … Potzblitz, eine lausige Fälschung!
Da springt der Deckel eines Sarkophags in der Ecke auf und heraus klettert sein alter Erzfeind Artemis Fowl, ausgerüstet mit einer Nachtsichtbrille. Neben ihm steht sein muskulöses Faktotum Butler. Artemis gratuliert Diggums dazu, seinen Test bestanden zu haben. Test?!
Während sie in Artemis‘ Learjet nach Irland fliegen, „überredet“ der geniale Junge den diebischen Zwerg, ihm das echte Diadem zu beschaffen. Sechs Zwerge, die beim Zirkus Kunststücke vorführen, haben es gestohlen. Diggums soll sich ihnen in Irland anschließen – als siebter Zwerg – und das Diadem besorgen. Artemis behauptet, er wolle den blauen Diamanten für ein neues Lasergerät, das er konstruiert, aber das nimmt ihm Diggums nicht ab. Er lässt sich widerwillig „überzeugen“ und macht mit. Partner? Partner!
Was beide nicht wissen: Captain Holly Short ist von ZUP-Commander Julius Root aus dem Urlaub zurückbeordert worden, denn sobald Artemis Fowl irgendetwas unternimmt, ist bestimmt etwas oberfaul – bzw. ober-fowl. Schon bald wird sie vom Kommunikationstechniker Foaly, einem Zentauren, nach Irland gelotst, bis sie zu dem „Circus Maximus“ gelangt. Ihr Gleiter schwebt unsichtbar über dem großen Zelt. Recht bald beobachtet Holly recht seltsame Vorgänge um das Zelt herum, ganz besonders im Boden …
_Mein Eindruck_
Zeitlich ist dieses Fowl-Abenteuer direkt nach dem ersten Band, aber noch vor dem zweiten Band angesiedelt. Die Indizien: 1) Fowl hat bereits Bekanntschaft mit Mulch Diggums und anderem unterirdischen Gelichter gemacht, die Fowl Manor im ersten Band belagerten, weil Artemis ihren Schatz geklaut hatte. 2) Der Vater von Artemis II., Artemis I., ist in Russland verschollen, und die Mutter des jungen Verbrechergenies ist untröstlich. Ein bestimmter Gegenstand, den er klaut, soll ihren Kummer lindern. Und er schwört ihr, er werde Vater finden und ihn zurückbringen. Wie er dieses Kunststück fertigbringt, schildert der Autor in Band 2: „Artemis Fowl – Die Verschwörung“ (The Arctic Incident).
Freunde von Zwergen dürften sich über ein Wiedersehen mit dem ungehobelten Graber freuen, der zwar ein schlichtes Gemüt hat, aber doch nicht auf den Kopf gefallen ist. Der Autor zeigt einen weiteren Vorteil der zwergischen Grabtechnik: Um das Zauberkunststück des „Transported Man“ (man sehe sich dazu den kommenden Film [„The Prestige – Die Meister der Magie“]http://www.powermetal.de/video/review-955.html an) zu bewerkstelligen, haben sich die sechs „Superzwerge“, die das Diadem gestohlen haben, lediglich in den Boden des Zirkus zu graben und an anderer Stelle, ersetzt durch einen Reservezwerg, wieder aufzutauchen. Presto!
Allerdings macht sich der Autor wenig aus solcherlei Magie und erklärt das Kunststück recht banal, denn er konzentriert sich nur auf die etwas komplexen Vorgänge hinter den Kulissen. Schließlich muss er Diggums, Artemis Fowl samt Butler sowie Holly Short zu einem geeigneten und fein abgestimmten Zeitpunkt zusammenführen. Und die sechs Superzwerge haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Aber das klappt dramaturgisch alles wie am Schnürchen. Der Leser bzw. Hörer hat Spannung und Spaß, und das ist schließlich die Hauptsache.
_Der Sprecher_
Rufus Beck erhält wieder einmal Gelegenheit, seine sprachakrobatische Kunst voll auszuspielen. Gerüchte besagen, ihm stünden mindestens 250 verschiedene Intonationen zur Verfügung. Während Holly und Artemis doch recht „normal“ – was ist schon normal? – sprechen, ertönt Butler in tiefstem, grollendem Bass, und auch die Zwerge sind nicht gerade für den Belcanto geeignet.
Mulch Diggums, der Held der ersten und zweiten Episoden, ist wieder mit von der Partie und erfreut uns mit seinem beinahe (aber nur beinahe) schon urbayerischen Tonfall. Was die oberen Ränge der Zentralen Untergrund Polizei (ZUP) angeht, so werden alle Klischees von brummigen, Befehle brüllenden oder raunzenden Vorgesetzten erfüllt. Hierbei tut sich vor allem Commander Root hervor. Das trifft weniger auf den Zentauren Foley zu, der ja nur ein Untergebener ist. Er kann es sich allzu oft nicht verkneifen, dass seine Ponynatur durch- und er in herzliches Wiehern ausbricht.
So fällt es dem jugendlichen Zuhörer leicht, die Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn er sich ihre Namen nicht merken kann. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus den Erzählungen Hörspiele mit verteilten Rollen zu machen, die an Dramatik nichts zu wünschen übrig lassen.
Vor allem Jugendliche und Kinder ab 12 Jahren dürften an dieser Art der Darbietung Gefallen finden. Erwachsenen könnte es ein wenig übertrieben vorkommen.
_Unterm Strich_
Die Interviews sind nur etwas für Leser, die die Romane um Artemis Fowl bereits kennen und sie lieben. Sonst sagen ihnen die Namen nichts. Immer wieder blitzt ein versteckter Schalk in den Antworten der Befragten auf. Er charakterisiert die Figuren zwar genau, doch gleichzeitig weist er darauf hin, dass man sie nicht allzu ernst nehmen sollte. Dass Fowl eine Zeitmaschine bauen will, verwundert uns wenig, lässt aber wenig für seinen Geisteszustand erhoffen.
Der „Artenführer“ war schon längst überfällig und hätte schon dem ersten Roman beigefügt werden müssen. In „Artemis Fowl“ kommen, wie man an den Fabelwesen und ihren technischen Errungenschaften ablesen kann, mehrere literarische und kulturelle Entwicklungen zusammen. Da ist natürlich der unvermeidliche Harry-Potter-Kult, andererseits auch die uralte Sagenwelt Irlands, zum dritten noch die moderne Welt der Computerspiele. Mit Tolkiens Fantasywelt hat das Fowl-Universum nur noch wenig zu tun, auch wenn Trolle und Elfen daran erinnern mögen. Aber Professor Tolkien hätte sich von einem respektlosen Spaß wie „Artemis Fowl“ mit Grausen abgewandt. Ein Verbrecher als Held! Wert- und respektlos geht die Welt zugrunde.
Die Zuhörer können sich zusätzlich an der Stimmakrobatik eines Rufus Beck erfreuen. Sehr schön charakterisiert er die einzelnen Figuren, von denen die meisten dem Artemis-Fan bereits bekannt sind.
Insgesamt ist also auch dieses Hörbuch zu empfehlen, doch sollte der- oder diejenige, der/die es verschenkt, beachten, dass es in dieser Geschichte keineswegs friedlich zugeht, sondern genauso gewalttätig wie in der Welt der Erwachsenen. Ich würde es ab 12 Jahren empfehlen.
|Originaltitel: The Artemis Fowl Files, 2004
Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Feldmann
222 Minuten auf 3 CDs|
http://www.hoerbuchhamburg.de
Silvana de Mari – Der letzte Elf (Lesung)
Lehrreiches Fantasyabenteuer, mitreißender Vortrag
Elf und Mensch, das passt nicht zusammen! So viel weiß Yorsch, der Unlängstgeborene, auch wenn er sonst noch fast nichts über die Welt weiß. Doch ausgerechnet zwei Menschen nehmen sich seiner an, als er verwaist und einsam zurückbleibt – er, der letzte Elf der Welt. Und der letzte Elf ist dazu bestimmt, die Welt aus dem dunklen Zeitalter der Kälte und des ewigen Regens, in dem sie zu versinken droht, zu befreien. Damit dies gelingt, muss Yorsch aber zuerst ein anderes verwaistes Wesen auffinden – den letzten Drachen!
Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 10 Jahren.
Die Autorin
Silvana de Mari – Der letzte Elf (Lesung) weiterlesen
M. R. James – Verlorene Herzen (Nachtmahr 3) (Hörspiel)
Nachtmahr
Nachtmahr 01 Richard Marshhttps://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Richard+Bernard+Heldman – „Der Skarabäus“ (The Beetle)
Nachtmahr 02 H. P. Lovecraft: „Das Grauen von Dunwich“
Nachtmahr 03 M. R. James: „Verlorene Herzen“
Inhalt:
Der elfjährige Steven verliert bei einem Brand seine Eltern und seine kleine Schwester. Noch im Krankenhaus wird der traumatisierte Junge von Mr. Perkins abgeholt, dem Bediensteten von Mr. Abney, einem Onkel von Steven. Mr. Abney ist zwar ein wenig exzentrisch und kauzig, kümmert sich aber rührend um den verwaisten Jungen, dem das düstere Anwesen seines Onkels nicht geheuer ist. Flüsternde Stimmen und geisterhafte Gestalten plagen Steven. Doch erst als er im Garten eine grausige Entdeckung macht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf …
Meinung:
Mit der dritten Folge der Reihe NACHTMAHR, hat sich Produzent und Geschäftsinhaber von Wolpertinger Hörbücher, Max von Werder, ein wenig Zeit gelassen. Getreu dem Motto „gut Ding will Weile haben“, ist diese Zeit der Qualität des Hörspiels zuträglich gewesen, denn auch „Verlorene Herzen“ ist ein schaurig-schönes Hörvergnügen. Die Geschichte von M. R. James sorgt für wohlige Gänsehaut und ist ideal für stürmische und verregnete Gewitternächte im Kerzenschein. Der Plot erinnert in seinen Grundzügen an Filme wie „Das Geisterschloß“ oder „The Others“, die möglicherweise von M. R. James inspiriert wurden. Unter heutigen Gesichtspunkten mag die Handlung vorhersehbar sein, verliert dadurch aber keineswegs an Reiz, denn die Inszenierung ist großartig und bisweilen sogar recht brutal.
Die musikalische Gestaltung beschränkt sich auf unheilvolle, atmosphärische Klavierklänge, die von Tobias Schröter stammen. Die Geräusche wirken authentisch und vermitteln das optimale Kopfkino, auch der Raumklang ist einfach exzellent. Hinzu kommen engagierte Sprecher, deren Liste aufgrund der begrenzten Zahl an mitwirkenden Charakteren überschaubar bleibt. Peter Groeger kann sein Image als Dr. Watson aus der Hörspielserie SHERLOCK HOLMES von Maritim zwar nur schwer ablegen, vermag aber dennoch als Mr. Abney zu überzeugen. Seine Stimme ist und bleibt einfach unverkennbar. Lutz Mackensy ist die optimale Besetzung für Mr. Perkins, ebenso wie Doreen Arnold, die Ms. Blunch darstellt.
Franziska Reuter hat als Mary leider viel zu wenig zu tun, dafür kann Jungsprecher und Nachwuchstalent Leo Vornberger voll auftrumpfen. In weiteren Rollen sind Nora Jacobs und Nikolai Arnold zu hören. Hartmut Lehnert fungiert als Erzähler, benötigt aber eine gewisse Anlaufzeit, um warm zu werden und eine gewisse Gruselatmosphäre aufzubauen. Bemerkenswert an dem Ensemble ist, dass es komplett neu aufgestellt wurde und keiner der Sprecher in den ersten beiden Folgen vertreten war. Auch im Serienkontext kann das Hörspiel überzeugen, denn die Geschichte unterscheidet sich komplett von den ersten beiden Folgen und sorgt damit für eine hohe Abwechslung. Max von Werde zeigt aber nicht nur in der Auswahl der Storys ein glückliches Händchen, sondern auch in der sprachlichen Umsetzung. Ein durch und durch spannendes und überzeugendes Stück Hörliteratur.
Die Aufmachung der Reihe ist weiterhin grandios! Die Coverillustration stammt einmal mehr von Felix Gephart und überzeugt durch seine morbide Symbolik, auch wenn die knöchernen Geisterkinder ein wenig zu comichaft aussehen. Dafür ist das Booklet inhaltlich ein Meisterwerk. Sprecherfotos und eine nostalgische Gestaltung bieten dem Hörer auch etwas fürs Auge. Natürlich gibt es auch in dieser Folge ein kleines Extra, in Form eines aufklappbaren Faltblattes mit den Aufzeichnungen und Skizzen des Alchimisten. Erstklassig!
Fazit
Schaurig-schönes Gruselhörspiel mit jeder Menge Atmosphäre und tollen Sprechern. NACHTMAHR ist nicht nur eine weitere Gruselserie, sondern eine echte Bereicherung des Angebotes. Auch diese Folge ist absolut empfehlenswert.
Audio-CD mit 57 Minuten Spieldauer
Titelillustration von Felix Gephart
Fotos von Nadine Bachmann
ISBN-13: 978-3941709034
(c) Florian Hilleberg
Marc Gruppe & Herman Cyril MacNeile – Das Musikzimmer. Die geheimen Fälle des Sherlock Holmes Folge 58

Vor etwa 40 Jahren wurde im Musikzimmer eines alten Herrenhauses, das jetzt von der Familie Crawsham bewohnt wird, ein schlimm zugerichteter Toter entdeckt. Seltsamerweise verschwand der Täter seinerzeit wie von Geisterhand, ohne ein Fenster oder eine Tür zu benutzen. Während Holmes spaßeshalber nach einer Lösung des lange verjährten Falles sucht, kommt ein weiterer Mann ums Leben, und zwar auf erschreckend ähnliche Weise … (Verlagsinfo)
Marc Gruppe & Herman Cyril MacNeile – Das Musikzimmer. Die geheimen Fälle des Sherlock Holmes Folge 58 weiterlesen
Lovecraft, H. P. / von Werder, Max – Grauen von Dunwich, Das (Nachtmahr 2) (Hörspiel)
_|Nachtmahr|:_
01 Richard Marsh – „Der Skarabäus“
02 _H. P. Lovecraft – „Das Grauen von Dunwich“_
03 M. R. James – „Verlorene Herzen“
_Inhalt:_
Dr. Morgan versucht, in der kleinen Ortschaft Dunwich Ruhe und Erholung zu finden. Tatsächlich wird er in der Pension von Mrs. Bishop sehr herzlich empfangen. Doch dann macht er die Bekanntschaft mit Wilbur Whateley, der den Mediziner zu einem Notfall ruft, denn der Großvater des jungen Mannes liegt im Sterben. Morgan kann ihm ebenfalls nicht zur Seite stehen, hört aber die letzten Worte, des scheinbar geistig verwirrten Mannes. Der Großvater von Wilbur Whateley faselt von Beschwörungsformeln und einer Gottheit namens Yog-Sothoth. Einige Wochen später, Dr. Morgan, ist wieder an der Universität, wird sein Freund und Kollege Professor Armitage von Wilbur Whateley genötigt, ihm das sagenumwobene Necronomicon auszuhändigen. Als dieser ihm die Herausgabe des Buches verweigert, bricht Whateley nachts in die Bibliothek ein und wird vom Wachhund attackiert. Dr. Morgan und Professor Armitage können das Schlimmste verhindern, doch die Beschwörung hat bereits Früchte getragen. In Dunwich beginnt ein unsichtbares Monstrum zu wüten …
_Meinung:_
Die Werke von H. P. Lovecraft zählen nicht grundlos zu den Klassikern und Meisterwerken der surrealen Horrorliteratur. Aufgrund der bizarren Kreaturen, die Lovecraft gerade im „Cthulhu“-Mythos auf den Leser losgelassen hat, erscheint das Medium Hörspiel als die optimale Plattform, um die kongenialen Geschichten einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Label Wolpertinger Hörbücher hätte sich keine bessere Story für die zweite Folge der Reihe NACHTMAHR aussuchen können, denn zum einen wird sich thematisch von ähnlichen Projekten anderer Labels distanziert und zweitens hat „Das Grauen von Dunwich“ alles, was eine gute Horrorgeschichte ausmacht: Ein düsteres Mysterium, einen interessanten Schauplatz, glaubhafte Charaktere und einen schaurigen Plot. Dabei hält sich das Skript erstaunlich nahe an der literarischen Vorlage. Lediglich in einigen dramaturgischen Punkten wurde die Handlung angeglichen und gestrafft.
Erzählt wird die Geschichte von Dr. Morgan, eindrucksvoll gesprochen von Thomas Arnold, der die Hauptrolle in jeder Lebenslage glaubhaft darzustellen vermag. Das Hörspielurgestein Jürgen Thormann, auch als Synchronstimme von Michael Caine omnipräsent, wurde als Professor Armitage perfekt besetzt und spielt vor allem im effektvollen Finale eine große Rolle. Sehr bedrohlich wirkt Rafael Banasik als Wilbur Whateley, während Heide Simon als Mrs. Bishop ein wenig leidenschaftlicher hätte agieren können. Sehr unbeholfen klingen bisweilen die Studenten, die glücklicherweise nur Staffage sind, denn man hört den Sprechern deutlich an, dass sie wenig Hörspielerfahrung haben. Die Geräusche klingen sehr realistisch und vermitteln ein ideales Hörvergnügen, während die Musik sehr dezent, aber nie unpassend oder störend eingesetzt wurde. Die große Sorgfalt, die dem Hörspiel zuteilwurde, schlägt sich im Zusammenspiel von Sprache, Musik und Geräuschen äußerst positiv zu Buche und macht auch den zweiten Teil der NACHTMAHR-Reihe zu einer kleinen Perle für all jene, die sich gerne dezent gruseln möchten.
Die Aufmachung ist einfach genial! Beiliegend erhält der Hörer eine kleine Wanderkarte von Dunwich, auf der er den Weg von Dr. Morgan verfolgen kann, während das Hörspiel läuft. In einer kleinen Galerie kann man die Fotos der Sprecher bewundern und Informationen zum Autor gibt es ebenfalls. Eine morbide Coverillustration von Felix Gephart rundet die exorbitante Bookletgestaltung perfekt ab.
_Fazit:_
Unheimlich-morbides Hörspiel mit größtenteils hervorragenden Sprechern und einer dezenten, wirkungsvollen Geräuschkulisse. Ideale Vertonung einer bizarren Schauergeschichte vom Großmeister des Horrors.
|Audio-CD mit 54 Minuten Spieldauer
Titelillustration von Felix Gephart
Karte von Max von Werder
Fotos von Sabine Weigold
ISBN-13: 978-3941709027|
[www.wolpertinger-hoerbuecher.de]http://www.wolpertinger-hoerbuecher.de
_Florian Hilleberg_
Krüger, Hardy – Szenen eines Clowns
|“Ich glaube, dass sich das Leben oftmals wie ein Clown benimmt. Tragisches erzählt das Leben gern mit einem Grinsen im Gesicht. Ein andermal aber, wenn wir im Zelt vor Lachen brüllen, lässt der Clown Tränen über seine weiße Schminke fließen.“| Das schreibt Hardy Krüger in seiner Einleitung. Recht hat der Mann.
|Der Autor|
Hardy Krüger, geboren 1928 in Berlin (Wedding), war in den späten fünfziger und sechziger Jahren einer der wenigen Weltstars, die aus Deutschland kamen, z. B. in „Einer kam durch“ (1956). Er spielte oft an der Seite seines engsten Freundes Peter Finch, etwa in „Der Flug des Phönix“ und „Das rote Zelt“. In Ostafrika fand er zwischendurch eine zweite Heimat. Er lebt mit seiner Frau Anita in Hamburg und in den kalifornischen Bergen.
_Inhalte_
Der Autor hat auf den zwei CDs eine Auswahl seiner Lebenserinnerungen aus seinem Buch „Szenen eines Clowns“ versammelt und liest die Geschichten selbst vor. Wie er in seinem Vorwort betont, wurden die Geschichten für die Vorlese- und Hörbuchform gekürzt und leicht verändert (was bereits auf deutschen Buch-Lesungen verdutzte Blicke und Kommentare hervorrief). Außerdem sind die Übergänge zwischen den vier Episoden neu hinzugekommen.
Gleich die erste Erzählung, die eigentlich im tiefsten Ostafrika spielt, berührt einen wunden Punkt deutscher Geschichte: den Mauerbau 1961. Als Krüger seine neu erworbene Farm mit einer stabilen Mauer vor den wilden Tieren, etwa Leoparden, schützen will, sind seine Arbeiter zunächst recht angetan davon, denn sie verdienen daran. Aber dann hören sie im Radio vom Mauerbau zu Berlin und geraten schwer ins Grübeln. Was will dieser Deutsche mit seiner Mauer? Wird sie auf dem Feld enden – oder will er auch noch Arusha, die Provinzhauptstadt, damit verschandeln? Wie absurd! Krüger sieht ein, dass die Mauer in den Köpfen existiert, überall.
Auch als Krüger von Zagreb nach Berlin fliegt, um dort einen Film zu synchronisieren, gerät er an die Mauer als Symbol der Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze. Denn in Zagreb hat man ihm zwar ein Flugticket gegeben, aber nicht nach West-, sondern nach Ost-Berlin. Vorschriftswidrig benutzt der „deutsche Ausländer“ zudem ein TAXI, um vom Flughafen Schönefeld zum Grenzübergang zu gelangen. Da kriegt er was zu hören! Er hätte doch den Autobus nehmen müssen! Krüger versucht sein Glück an einem anderen Übergang, zu dem er sich auf Schusters Rappen begibt. Nur noch wenige Meter bis zur S-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße. Denkt er. Da hat er sich aber geschnitten …
Wie grotesk das Leben einem mitspielen kann, erfährt Krüger auch, als er in seinem Lieblingsrestaurant „Fünf Kontinente“ einkehrt. Allerdings hat der Oberkellner gewechselt, und der Nachfolger, bemüht, den Schauspieler ebenso gut zu bedienen, tituliert ihn erst einmal als „werter Herr Buchholz“. Krüger, wie immer cool bleibend, nimmt die Behandlung eine Weile hin, und auch die anderen Gäste machen sich offenbar ein Späßchen daraus herauszufinden, wie diese Sache endet.
Doch dann will sich Krüger gnädig erweisen und weist den Oberkellner, der sich einiges auf seine Promikenntnis einzubilden scheint, auf seinen Irrtum hin: „Ich bin Karlheinz Böhm.“ Der Kellner hat auch damit absolut kein Problem. Erst als Krüger mit der Wahrheit herausrückt und die Ohren spitzenden Gäste beinahe schon vor Lachen unterm Tisch liegen, erkennt der Kellner seinen Fehler.
Die Höhepunkte des Hörbuchs bilden mit Sicherheit die beiden Episoden, in denen Krügers Freund Peter Finch auftaucht. Hier treffen wir Kinokenner auch andere altbekannte Namen wieder: James Stewart und Richard Attenborough beispielsweise. Bei „Frühstück in Moskau“ schlagen die beiden engen Freunde der sozialistischen Überwachungstechnik ein Schnippchen und gelangen zur Erkenntnis, dass nichts den „sozialistischen Hang der Dinge“ zu Absurdität übertreffen kann.
In der urkomischen Episode „Im Tal des Todes“ feiern vier britische Schauspieler mitten im Death Valley, genauer: in Yuma, die Thronbesteigung der englischen Königin: Attenborough, Fraser, Finch & Co. spielen bei „Der Flug des Phönix“ mit und haben ausgerechnet den Bomberpiloten James Stewart dazu auserkoren, „21 Schuss Salut“ abzufeuern. Als Höhepunkt der Feierlichkeiten sozusagen. Danach erhielt Attenborough ein „Telegramm“ vom Buckingham Palace …
Wie sich das Ganze abspielte und der Clown wieder für eine traurige Note sorgte, sollte man selber gelesen oder gehört haben. (Im Buch sind zahlreiche S/w-Fotos der Filmstars bei „Flug des Phönix“ abgedruckt, darunter auch jene berühmte Szene, in der Krüger zu Jimmy Stewart sagt: „Wie kommt es, Captain, dass Sie Dummheit für eine Tugend halten?“)
_Mein Eindruck_
Der frühere Schauspieler und Weltenbummler erzählt seine komischsten Erlebnisse und Abenteuer mit genauer Beobachtungsgabe und leisem Lachen, aber auch mit einem Gespür für den Ernst einer Situation. Da kommt eine geradezu philosophische Stimmung auf.
Hardy Krüger zuzuhören, kommt einer Zeitreise gleich. Seine nuanciert vortragende Stimme, die aus seinen Filmen so bekannt ist, formt gemächlich die Sätze, auf die es ankommt, als habe er alle Zeit der Welt. Hat er ja auch. Denn dies ist kein Bestsellerroman, der um die Hälfte gekürzt wurde, sondern eine Auswahl eigenständiger Erzählungen, die Krüger in optimaler Länge erzählt.
Seine Beobachtungen steuern immer auf einen bestimmten Punkt. Es gibt keine längeren Abschweifungen, und auch die erforderlichen Erklärungen zum Hintergrund einer Szene sind auf das Notwendigste reduziert. Daher entsteht bei jeder Episode eine gewisse Erwartung und sogar Spannung. Man will erfahren, was als Nächstes passiert. Aber die Spannung entsteht häufig aus der ungewöhnlichen Situation selbst, so etwa dann, als man Krüger auch am Bahnhof Friedrichstraße nicht passieren lassen will. In so einer Lage rechnet man mit allem Möglichen, etwa dass man Krüger festnimmt und einbuchtet.
Die Griechen und Römer hatten ihre Schauspieler stets mit je einer lachenden und einer weinenden Maske (= persona) ausgestattet, je nachdem, wie es die Rolle erforderte: die Komödie lag gleich neben der Tragödie. Diese Masken trägt auch der Clown des Lebens, nur eben in ein und demselben Gesicht.
Es gehört ein gewisses Maß an philosophischem Gleichmut dazu, selbst in der komischsten Situation – die Krönungsfeier zu Ehren der Queen etwa – noch über die traurigeren Aspekte der Situation nachzudenken: Jimmy Stewart hatte 1943 Bomben auf Berlin, die Heimatstadt Hardy Krügers, abgeworfen. Wurde dabei ein Freund verletzt oder gar getötet? Und was hatte es zu bedeuten, dass der Pilot des einmotorigen Modells des „Phönix“, Paul Mantz, mit diesem Flieger tödlich verunglückte? Manchmal fällt es nicht leicht zu lachen.
|Die Musik|
… wurde produziert von Thomas Winterhalter. Zu hören sind eine Akustikgitarre (Th. Weichler), eine Ukulele (Olaf Klindtwordt) und ein sehr schönes Tenorsaxophon (Markus Steinhauser).
_Unterm Strich_
Das Hörbuch entführt den Zuhörer mit Krügers Stimme und der Musik von Thomas Winterhalter in eine andere Zeit. Aber ein Nenner bleibt doch stets der gleiche: Ein Deutscher nach dem Krieg in einer Welt, die für ihn sehr seltsam geworden ist – nicht nur in der DDR, in Berlin, sondern auch in den zweiten Heimat Afrika. Und wenn uns die Feierlichkeiten in Yuma eines lehren, dann dies: Die Sieger haben wesentlich mehr Spaß. Krüger machte das Beste aus seiner Situation, und das ist durchaus faszinierend und vergnüglich zu lesen – solange man dabei seine nachdenklichen Töne nicht verdrängt.
|Umfang: 136 Minuten auf 2 CDs|
Gustavus, Frank / Lüftner, Kai – Gesucht: Billy the Kid
_Legende oder Wahrheit: der wilde Wilde Westen_
Mesilla, New Mexico, 13. April 1881: Er war erst 21 Jahre alt, als man ihn zum Tode verurteilte; für jedes Lebensjahr sagte man ihm einen Mord nach: William Bonney, besser bekannt als „Billy the Kid“, der wohl berühmteste Outlaw des Wilden Westens.
Aber war er wirklich nur ein eiskalter Verbrecher? 125 Jahre später (Achtung, Jubiläum!) wird hier seine Geschichte erzählt, ungeschminkt und unrasiert – ein Hörspiel frei nach wahren Begebenheiten, wie etwa dem Rancherkrieg in Lincoln County.
_Die Autoren_
Frank Gustavus ist der Autor, Regisseur und Produzent von aufwändig produzierten Hörspielen wie „Jack the Ripper“, „Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“ und „Die vergessene Welt“, die zeigten, dass auch eine unabhängige kleine Firma wie Ripper Records zu akustischen Großproduktionen in der Lage ist. Zu jedem Hörspiel gibt es im Internet entsprechendes Zusatzmaterial, zu dem nicht zuletzt auch Hörproben gehören. Nur der Vertrieb erfolgt mittlerweile über den mächtigen Apparat des |Lübbe|-Verlags. Die Hörspiele sind zudem radiokompatibel: Jede CD bietet 55 Minuten Material, und bei zwei CDs werden eben zwei Radiostunden daraus: 110 Minuten. Durch die entsprechende Menge an Musik lässt sich dieses Limit locker erreichen und flexibel gestalten.
Kai Lüftner, 1975 in Berlin geboren, ist als Comedian, Texter, Autor, Komponist und Veranstalter tätig. Bei der Hörspielproduktion für und mit |Ripper Records| war er für die Manuskripte, das Sprecherbooking, die Musik, die Regieassistenz und das Marketing mitverantwortlich, macht aber auch eigene Buch-, Musik- und Hörspielproduktionen. Er textet für Kunden aus Wirtschaft und Medien, tritt mit dem Comedy-Projekt „DER EINE und der Kleine“ (www.dereineundderkleine.de) auf und war Teil des Berliner Kabaretts „Die Maulhelden“.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Die Rollen und ihre Sprecher:
Billy the Kid – Sven Plate (Wil Wheaton/“Wesley Crusher“)
Pat Garrett, Sheriff – Ronald Nitschke (Tommy Lee Jones)
The Lonesome Cowboy, Erzähler – Reiner Schöne (Willem Dafoe, Mickey Rourke)
John Bell, Deputy – Jochen Schröder (James Cromwell)
Bob Olinger, Deputy – Helmut Krauss (Marlon Brando, Samuel L. Jackson)
Jesse Evans, Outlaw – Martin Semmelrogge
Bill Morton, Outlaw – Ingo Naujoks
Jimmy Dolan, Rancher, Tunstalls Widersacher – Lutz Riedel (Timothy Dalton, Richard Gere)
Tom O’Folliard – Andreas Fröhlich („Gollum“, John Cusack, Edward Norton, Ethan Hawke)
Charlie Bowdre, Outlaw – Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Adam Sandler)
Dick Brewer – Matthias Hinze (Matt Damon, James Marsden)
Paulita Maxwell, Billys große Liebe – Carolina Vera (Penelope Cruz in „Blow“)
Pedro Maxwell, ihr Bruder – Rod Gonzalez (|Die Ärzte|)
Alex McSween, Anwalt / John Poe – Michael Pan (Brent Spiner/“Data“)
John Tunstall, Rancher aus England in Lincoln County – Charles Rettinghaus (Robert Downey jr., „Geordi LaForge“)
Buckshot Roberts, Kopfgeldjäger – Frank Gustavus
Chapman – Kai Lüftner
Die Huren – Ilka Bessin und Antje Seibel
u. a.
Das Hörspiel wurde 2006 im Da Capo Studio, Berlin, aufgenommen und in Hamburg gemischt und gemastert. Regie führte Frank Gustavus, dem Kai Lüftner und Antje Seibel assistierten. Für die Aufnahmetechnik war Klaus Trapp zuständig, für die Geräusche Martin Langenbach.
Die Live-Musik stammt von folgenden Herrschaften: Thomas Fietz, Hannes Meissner, Andreas Manhart (leitend), Reiner Schöne, Rod Gonzalez und Kai Lüftner (Titelmelodie).
_Handlung_
Am 20. September 1880 stellt Sheriff Pat Garett mit seinen Deputies Bob und John die Bande von Billy the Kid an einem Ort namens Stinking Springs. Ein heulender Schneesturm erschwert die Sicht auf die Hütte, in der sich wohl mindestens vier von Billys Bande verschanzt haben müssen. Das Schießen wird zum Glücksspiel, und Deputy Bob Olinger erwischt Charlie Bowdre, weil er ihn für Billy hielt. So einen berühmten Outlaw zu „erlegen“ und dafür die fette Belohnung zu kassieren, das macht Bob ganz schön fickrig, und so trifft er eben den falschen. In den Bauch. Es dauert Stunden, bis Charlie den Löffel abgibt. Dann erwischen sie Tom. Kid hingegen will sich nicht ergeben, wird drei Tage lang ausgehungert und kann dennoch entkommen. Dieser Kerl scheint neun Leben zu haben, verdammt!
Vier Monate später hat die Hetzjagd, die Pat Garett auf ihn eröffnet, endlich Erfolg, und Billy wird nicht nur Bewohner eines Single-Hochsicherheitstrakts in Lincoln, Nebraska, sondern auch eine publizistische Berühmtheit, um die sich die Journalisten reißen. Die Reporter wollen ihren Lesern einen wohligen Schauder verschaffen: Endlich ist der berüchtigte Outlaw unschädlich gemacht! Lobet den Herrn und Gouverneur Wallace!
Nachdem Pat Garett verkündet hat, dass er vier Tage auf „Dienstreise“ muss und abgeritten ist, ergreift sein Deputy John Bell, der über Billy ein Buch schreiben will, die günstige Gelegenheit beim Schopfe. Gegen den Protest seines Kollegen Bob Olinger lässt er Billy aus seiner Zelle und nimmt ihm auf dessen Bitten sogar die Handschellen ab, damit sie eine ordentliche Runde Poker spielen können. Dass Billy bei so viel Freundlichkeit auf dumme Gedanken muss, kann man sich leicht ausmalen. Aber voerst erzählt er die wilde Story seines Lebens …
|Die autorisierte Autobiografie des William Bonney|
Geboren in New York City, zog Billy schon bald mit seinem Stiefvater und seiner Mutter nach Santa Fé und Silver City. Doch die Minen waren bereits ausgebeutet und der Stiefvater ging stiften. Der Kampf ums Überleben begann für Billy mit Klauen, Cowboy-Jobs, Schießenlernen. Bis es zum ersten Toten kommt. Ein Besoffener in Camp Grant verhöhnt Billy wegen seiner Sprechweise als Kinderziege, nämlich als „kid“, bis es zu einer Schlägerei kommt, in deren Verlauf der Besoffene einen Bauchschuss erhält …
Billy flieht in die Wildnis von Nebraska und stößt dabei auf die Bande von Jesse Evans, die sich The Boys nennt. Dessen Kollege Bill Morton hat Billy besonders auf dem Kieker, und Billy bricht ihm die Nase. Jesse hat von einem Rancher den Auftrag bekommen, seinem Widersacher John Tunstall Vieh zu stehlen. Dieser Engländer ist Jimmy Dolan und seinem Santa-Fé-Ring aus korrupten Politikern ein Dorn im Auge, weil er ihre Preise unterbietet, nicht nur auf dem Viehmarkt, sondern auch im Gemischtwarenhandel von Lincoln.
Doch statt sich in diesen Händel hineinziehen zu lassen, setzt sich Billy ab und läuft zu Tunstall über. In dessen Diensten bewährt er sich derartig, dass Tunstall ihn liebgewinnt und ihm sogar zum Geburtstag eine Winchester schenkt, die immerhin auf 40 Meter treffgenau ist. Das konnte man von den wenigsten Colts und Flinten behaupten. So ein Gewehr war Gold wert.
Als Sheriff Brady, der vom Santa-Fé-Ring bezahlt wird, mit einem gefälschten Richterbeschluss bei Tunstall auftaucht, wirft dieser ihn raus. In der Folge kommt es zum blutigsten Rancherkrieg des Wilden Westens, dem Lincoln County War. In dessen Verlauf erschießt Jesse Evans Billys Ziehvater John Tunstall und eröffnen das Feuer. Billy und seine Freunde gründen die Gruppe der „Regulatoren“, um Tunstalls Ermordung zu rächen.
Er muss sich nach einer Ballerei, in der er Bill Morton endlich in die Ewigen Jagdgründe schicken kann, nach New Mexico absetzen. In Fort Sumner lernt er zwei wichtige Leute kennen: den Saloonbesitzer Pat Garett und die lokale Schönheit Paulita Maxwell. Sie lädt ihn ein, bei ihrem Bruder Pedro zu logieren, der lieber mit der Gitarre spielt als mit dem Revolver. Leider haben Pat Garett, der sich „Big Casino“ nennt, und Billy „Little Casino“, die unselige Absicht, Sheriff zu werden. Und Pedro erklärt sich im April 1881 bereit, Billy zu verraten.
Doch bis es dazu kommen kann, muss Billy erst einmal aus dem Knast ausbrechen, in dem er Deputy John Bell seine Geschichte erzählt hat. John Bells Herz ist wirklich ein wenig zu weich und zu rechtschaffen für den Wilden Westen.
_Mein Eindruck_
Es waren finstere Zeiten im wilden Wilden Westen, wenn man dem Anspruch „nach wahren Begebenheiten“ glauben darf. Der Ausdruck Krieg oder Terror ist für den Lincoln Country War durchaus angebracht, und wenn da ein braver Bürger auf offener Straße in Brand gesteckt wird, so könnte dies für so manches zarte Gemüt etwas zu heftig sein. Entsprechend disponierte Hörer seien gewarnt.
Das Hörspiel besteht zum größten Teil aus der von Billy Bonney selbst erzählten Lebensgeschichte. Er sitzt also mit John Bell am Pokertisch im Knast von Lincoln und erzählt, wie er wen kennen gelernt oder umgebracht hat. Die Überleitung zu entsprechend spannenden oder wichtigen Szenen liefert häufig der Erzähler, der als Lonesome Cowboy auftritt. Die Szene selbst ist dann wie in einem klassischen Western ausgestaltet. Mit dem Unterschied, dass in Hollywoods Western die Szenen oft nicht so brutal dargestellt wurden. Die einzige Szene, die mir auf Anhieb einfällt, bildet in dieser Hinsicht Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“, das jetzt in der SZ-Cinemathek verfügbar ist.
|Authentisch oder nicht|
Die Kardinalfrage ist natürlich, ob wir Billys Darstellung trauen können. Schließlich redet er mit einem Vertreter des Gesetzes. So verwundert es nicht besonders, dass er in der Regel völlig unschuldig an der jeweiligen Tötung ist, die man ihm ebenso regelmäßig als Mord anhängen wird. Mal war sein Kompagnon der Schütze, mal war es Notwehr oder Nothilfe, aber in den seltensten Fällen beging Billy einen Mord.
Die kaltblütige Hinrichtung des unter seinem gestürzten Pferd eingeklemmten Bill Morton dürfte jedoch eindeutig unter der Rubrik „Mord“ einzusortieren sein. Und wie ist es zu nennen, wenn Billy den Revolver seines Herausforders so manipuliert, dass dessen Pistole nicht feuert, sondern auf eine leere Patronenkammer trifft? Dieses Vorgehen zeigt nicht nur die Kaltblütigkeit Billys, sondern auch seine Intelligenz und Schlauheit. In den meisten Rededuellen gewinnt er, kommt er doch aus New York und hat bei John Tunstall eine Ausbildung genossen. In der Mehrzahl der Schießduelle gewinnt er ebenfalls, denn seine Winchester ist eines der besten Gewehre weit und breit (aber das wird nicht ausdrücklich erwähnt; wer „Winchester 73“ gesehen hat, weiß aber Bescheid).
|Billys Glück und Ende|
Tja, da fragt man sich doch, wie es überhaupt so ein übles Ende mit Billy nehmen konnte? Nun, wie bei so vielen Überlebenskünstlern in der Geschichte – von Julius Cäsar bis Hannibal und Arminius – war Verrat im Spiel. Warum Pedro Maxwell allerdings Billy verrät, wird in der entsprechenden Szene nur durch genaues Hinhören klar. Pat Garrett droht, ihn ebenfalls abzuknallen, wenn er nicht tut, was er ihm sagt. Wie Garrett auf Pedro gekommen ist, wird aus den vorangegangenen Informationen klar: Er kannte Paulita und ihr Verhältnis zu Billy, Pats Partner am Spieltisch. Pat brauchte bloß sein Glück auf Pedros und Paulitas Farm zu versuchen und – bingo! – schon stieß er auf Billy.
Diese Szene ist, ihrem Anlass entsprechend, fein säuberlich aufgebaut. Auf der einen Seite haben wir Pat und Pedro, auf der anderen Billy und Paulita. Wie im Film wechselt der Standpunkt, so dass der Hörer aufpassen muss, was gerade passiert, insbesondere dann, wenn nicht geredet wird. Das steigert die Spannung beträchtlich.
|Ironischer Schluss|
Am Schluss gibt es noch zwei ironische Überraschungen, die einem eventuell aufgekommenen Pathos in der Darstellung des Outlaws die Luft rauslassen. Der Lonesome Cowboy, der zweite Erzähler, stellt sich als Kopfgeldjäger heraus und ist somit nicht ganz unparteiisch. Die 500 Piepen für Billys Kopf sind ihm durch die Lappen gegangen, aber, hey, es gibt schließlich einen Trost: Auf den Kopf von Frank und Jesse James ist die zehnfache Summe ausgesetzt!
Einen zweiten Tupfer Ironie liefert der lange Abspann. Ich dachte schon, nach dem Ansagen aller Sprecherrollen sei Feierabend, aber dann kam noch ein Erzähler, der berichtet, was aus den wichtigsten Personen wurde. Paulita Maxwell beispielsweise bekam drei Kinder (wovon möglicherweise das erste von Billy stammte) und wurde 75 Jahre alt, bevor sie an einer Krankheit starb. Das Ironische daran: Von diesen Leuten hat man nie wieder etwas gehört, wohl aber von jenem Outlaw, der schon mit 21 Jahren ins Gras biss: Billy the Kid.
|Das Booklet|
Wie immer bei Ripper-Records-Hörspielen ist auch das Booklet witzig und informativ gestaltet. War es bei „Die vergessene Welt“ ein fiktiver Zeitungsbericht, so ist nun der Steckbrief das gestalterische Markenzeichen für das Aussehen des Booklets – liegt ja auch nahe: Billy the Kids bekanntes Konterfei ziert das Titelbild. Leider fehlen der Schriftzug: „Wanted for Murder“ und die Summe des Kopfgeldes.
Innen sind sämtliche Mitwirkenden auf Fotos abgedruckt, die sie mit diversen Kopfbedeckungen zeigen: meistens sind es Hüte aus dem Wilden Westen, aber einer der Männer trägt auch eine Soldatenkappe und zwei Damen kommen sich auch ohne Hut wohlbehütet vor. Als einzige Frau trägt Antje Streibel einen Hut, und was für ein Trumm.
_Die Sprecher/Die Inszenierung_
Bevor die eigentliche Story mit der Titelmusik losgeht, hören wir einen Prolog: das unselige Gefecht bei Stinking Springs. Der Wind des Schneesturms heult, hin und wieder peitscht ein Schuss, und die Männer, die sich hier offenbar ihre edlen Teile abfrieren, fluchen, was das Zeug hält. Schon bald hat es den Ersten erwischt, und er röchelt zum Steinerweichen. Die Tonart für den Rest der Geschichte ist festgelegt und der Hörer gewarnt: Hier herrschen äußerst raue Sitten, und die Typen, die hier auftreten, nehmen kein Blatt vor den Mund.
Wer sich das Hörspiel mehrmals anhört, wird schon bald auf Lieblingsszenen stoßen, so etwa die Konfrontation mit dem Kopfgeldjäger oder der spannende Showdown bei Pedro Maxwell. Aber auch die Wortgefechte zwischen den diversen Maulhelden sind nicht ohne Reiz. Mitunter komisch oder grotesk, dann wieder dramatisch – stets gelingt es dem Regisseur, der Szene ein besonderes Charakteristikum zu verleihen. Die amouröse Tändelei zwischen Billy und Paulita ist in dieser Hinsicht natürlich das komplette Kontrastprogramm zu den üblichen Verbalinjurien.
Die Stimmen sind bei diesen Hahnenkämpfen äußerst wichtig. Jeder hat ja die kernigen Synchronstimmen aus unzähligen Western und TV-Serien wie „Bonanza“ im Kopf, wenn er an einen Western denkt. Dementsprechend glaubwürdig müssen die Stimmen sein. Weicheier haben hier wenig zu suchen, und wenn sie denn doch mal auftreten, wie etwa der kultivierte Gentleman John Tunstall, dann ist es ihnen a) deutlich anzuhören und b) leben sie meist nicht lange. Man kann es aber mit der „kernigen Stimme“ auch übertreiben. Frank Gustavus als versoffener und angeschossener Kopfgeldjäger schrammt in seine Darstellung eindeutig die Grenze zum lächerlichen Chargieren.
In vielen Szenen konnte ich dabei zu meiner Freude feststellen, dass die Möglichkeiten des Stereotons genutzt wurden. So hören wir etwa zwei Streithähne im mittleren Vordergrund, aber die restliche Besucherschar eines Saloons „hinten“ in den Ecken. Hier könnte es sich für den Hörer lohnen, gute Kopfhörer aufzusetzen. Das gilt auch für den Showdown bei Pedro, wo sehr viel Schweigen herrscht, aber umso mehr Geräusche Aufschluss über das Geschehen geben.
|Geräusche und Musik|
Die vorhandene Geräuschkulisse ist einem Film nicht nur angemessen, ich würde sogar sagen, sie übertrifft sie noch an Komplexität und Realismus. Jedes Klappern einer Tasse, jedes Klirren von Sporen, das Seufzen des Windes und das Klimpern von Zaumzeug – es ist ein Wunder, dass die Tonregie den Soundtrack nicht überladen hat. Denn stets stehen die Dialoge im Vordergrund. Ihnen gilt es zu folgen, will man den roten Faden nicht verlieren.
Und diese Gefahr ist angesichts der Fülle des Personals durchaus gegeben. Wer war noch gleich Jimmy Dolan? Auch der namenlose Lonesome Cowboy stellt sich nicht vor. Er ist einfach der Erzähler, der plötzlich in einer Szene als er selbst auftaucht, sich im Saloon einen Drink hinter die Binde kippt und dann wieder weiterreitet. Keine große Sache, aber es ist selten, dass es in einem Hörspiel zwei Erzähler gibt. Der andere ist natürlich Billy.
Die Musik
… ist stilecht und sehr sauber produziert. Davon könnte man glatt eine DVD in Sechskanalton produzieren! Mit „stilecht“ meine ich die Instrumentierung: Westerngitarre (logo!), Mundharmonika und eine recht flotte E-Gitarre nach Country-&-Western-Manier. Das geht manchmal richtig in die Beine, besonders die Titelmelodie. Für Abwechslung sorgen langsame und sogar traurige Intermezzi, einmal spielt auch Pedro auf einer Konzertgitarre ein nettes mexikanisches Motiv.
Auf Gesang wurde zum Glück komplett verzichtet, denn wer sollte da singen? Etwa ein dritter Erzähler? Das wäre denn doch etwas zu viel des Guten gewesen. Und dass ein Lonesome Cowboy eine Gesangsausbildung erhalten haben soll, darüber würden selbst die Hühner lachen. Schließlich ist das hier der wilde Wilde Westen und keine Musicalshow in New Orleans.
_Unterm Strich_
Ein Hörspiel für die Liebhabersammlung. Ebenso sorgfältig produziert wie „Jack the Ripper“ und „Die vergessene Welt“, verwöhnt es den Hörer mit einer feinen Geräuschkulissen, bekannten kernigen Stimmen und einer doch recht annehmbaren Dramaturgie: Jede CD hat ihren eigenen Höhepunkt, wenn nicht sogar mehrere. Ob nun alles, was hier erzählt erzählt, ohne weiteres zu glauben ist, steht auf einem anderen Blatt.
Sicher ist, dass der Hörer durch Musik, Geräusche und Dialoge stilecht in den wilden Wilden Westen versetzt wird, wie er vielleicht wirklich einmal war. Ich fühlte mich durchweg gut unterhalten, denn die Szenen sind dramatisch, spannend und mitunter auch komisch. Doch Komik ist bekanntlich Geschmackssache, und deshalb seien zartbesaitete Gemüter vor den Gewaltszenen gewarnt. Eine „politisch korrekte“ Darstellung hätte aber auf jeden Fall unglaubwürdig gewirkt. Das Booklet mit den Steckbriefkonterfeis der Mitwirkenden belegt jedenfalls, dass die Crew eine Menge Spaß mit ihrem akustischen Spiel hatte. Der Spaß ist dementsprechend auch zu spüren.
|110 Minuten auf 2 CDs|
http://www.ripperrecords.de
http://www.luebbe-audio.de
Birbaek, Michael – Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr
_Leben im Hyperdrive: Von Augenmagneten und Texthuren_
Vik ist ein vielbeschäftiger Drehbuchautor im deutschen Filmgeschäft. Sein Leben verläuft sozusagen im Hyperdrive, er sehnt sich nach Urlaub. Doch die Erwartungen seiner beruflichen Umgebung und die Wünsche seines privaten Umfelds halten ihn ständig davon ab.
Schluss mit dem Aufwachen im falschen Bett! Eines Tags fährt er zum Airport und schnappt sich einen Last-Minute-Flug („Sie müssen aber einen Monat zuvor buchen!“) auf eine Insel und sucht das Meer – und das verlorene Gefühl. Um dann SIE zu finden, doch ist sie die „Richtige“? Wie erkennt man „Miss Right“, wenn man sie trifft?
|Der Autor|
Michel Birbaek wurde zwar in Kopenhagen geboren, lebt aber in Köln und spricht perfekt Deutsch. Dass er sich in der deutschen Medienszene sehr gut auskennt, merkt man nicht nur seinem Buch an, auch seine Mitarbeit als Gagschreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab ist ein wichtiger Indikator für seine Beherrschung des Sprachwitzes.
Wie sein Held Viktor ist er Drehbuchautor. Im Buch „Wenn das Leben …“ wird hin und wieder ein Film mit dem ellenlangen Titel „Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen“ erwähnt. Davon habe ich noch nie gehört, aber Birbaek hat jedenfalls die literarische Vorlage dafür geschrieben und ebenfalls bei |Lübbe| veröffentlicht.
Der Autor liest sein Buch selbst und macht, wie ich finde, einen sehr guten Job dabei (keine Lacher und Versprecher!). Die Regie führte Kerstin Kaiser. Die poppige Intro- und Abspannmusik stammt von Michael Marianetti.
_Handlung_
Die Geschichte beginnt, als unser Held Viktor aufwacht und eine hübsche Frau namens Body bewundert, die sich im Badezimmer begutachtet. Das Besondere daran: Dies ist nicht Viktors Ehefrau und natürlich auch nicht Viktors Wohnung. Bodys Mann Steffen ist Stuntman beim Film und des Öfteren zu Dreharbeiten außer Haus. Immerhin: Zur Zeit ist Body Viks einzige Freundin, mit der er schläft. Außerdem überarbeitet sie seine Manuskripte für Drehbücher. Als Arbeitseinheit betrachtet, ist er das Hirn und sie die ruhige Hand.
Das erweist sich mal wieder als Vorteil, als sie mit ihrem Auto namens „Monster“ zum nächsten Meeting mit der Filmgesellschaft fahren. Dort warten die Produzentin Selma, ihre Assistentin Schulz-äh und eine Regisseurin namens Pechvögel (mit der Betonung auf „vögel“) auf sie, und wenn sie Pech haben, wird noch ein Skriptdoktor dabei sein, der ihr Elaborat „verbessern“ soll. Solche Leute – allesamt „Schwachmaten“ – bringen Vik regelmäßig auf 180, und er verarscht Pechvögel mit zweideutigen Bemerkungen, doch Body beruhigt ihn ebenso regelmäßig und rettet die Besprechung.
Body ist nur eine der vielen Frauen, die Viks Leben bestimmen. Seine große Liebe Grace ist mittlerweile schon drei Monate weg, doch inzwischen zum Star avanciert. Ob sie ihn anruft, weiß er nur anhand der Rufnummernunterdrückung auf seiner Handy-Mailbox und der fehlenden Message. Body fragt ihn: „Wozu ihr nachtrauern? Selbstmitleid ist was für Weicheier.“ Recht hat die Frau. – Zum Handyterror gehören vor allem Viks Agentin Diana, eine ehemalige Pornodarstellerin, die keinen Mann halten kann („wenn sie meinen Exberuf erfahren, verachten sie mich oder es erregt sie oder erst das eine, dann das andere“).
Diesmal ist Vik auf 180 wegen Diana. Sie hat an ein gewisses Hollywoodstudio mit dem Namen Paramount eine Option auf eines seiner Drehbücher verkauft. Für lau! Und ohne ihn zuerst zu fragen! Zur Beruhigung geht Vik ins nächstbeste Kino. „Kino ist Gruppentherapie. Hier gibt es feste Regeln für das Verhalten, die niemals gebrochen werden.“ Sogar in seinem absoluten Lieblingsfilm „Notting Hill“ mit Julia Roberts und Hugh Grant (und dem verrückten Waliser).
Seit einiger Zeit lebt Vik im Hyperdrive: auf Partys, mit koksenden Promis, seinen Regisseurfreund Nils sieht er auch nur noch selten, seit der es nach Hollywood geschafft hat, und jede Nacht verbringt er in anderen Wohnungen. Der Grund ist ganz einfach: Zu Hause warten Graces Geister auf ihn. Er hat sich vorgenommen, baldmöglichst Urlaub zu machen. Wenn ihn die Frauen mal lassen würden. Anrufe nimmt nur noch sein AB entgegen.
Auch in dieser Nacht schleppt er sich in eine fremde Wohnung und legt sich neben eine Frau, die nicht seine eigene ist. Es ist die achtjährige Jasna, die Tochter seiner WG-Mitbewohnerin Patrizia, ihres Zeichens DJ und Marihuana-Dealerin. Jasna liebt Vik als einzige Frau heiß, innig und bedingungslos. Alle anderen stellen Bedingungen, besonders Patrizia – die will, dass er für Jasna das Sorgerecht übernimmt, obwohl – oder gerade weil – sie nicht seine Tochter ist.
|Die Wende?|
Nach der Ablieferung eines alten Exposées, das er als „neue“ Drehbuchidee verkauft, düst Vik doch tatsächlich in den Urlaub. Aber was heißt hier Urlaub? Eine Woche Halbpension auf irgendeiner Last-Minute-Insel, die er noch von früher her kennt und wo sich die frischgebackenen Pärchen am zweiten Tag mit verschlafenen Augen in die „Schweinebucht“ auf den Teutonengrill legen. Darauf hat Vik absolut keinen Bock, leiht ein Auto und erkundet Küste und Landesinneres. Leider hat sich auch einen Tag vor Abreise noch immer keine Rückkehr des alten Gefühls eingestellt: In seiner Brust herrscht quasi gähnende Leere. Die Tiefe des Meeres klang noch nie so verlockend …
Da lernt er Lena kennen, die er schon am ersten Tag bemerkt hatte, aber wegen emotionaler Lähmung nicht ansprach. Schon bald tauschen die beiden ihre jeweiligen Erfahrungen mit abgehauenen Lieben aus, und um Mitternacht gehen sie gemeinsam an den Strand zum Schmusen.
Ob Lena wohl die Wende in Viks Leben bringen kann? Aber wie erkennt mann „die Richtige fürs Leben“, wenn man ihr begegnet?
_Mein Eindruck_
Natürlich erzählt Birbaek die Geschichte von Vik und seinen Frauen lange nicht so geradlinig, wie ich das in meinem Handlungsabriss tun muss. Zu Anfang rätselt man daher noch, wer dieser Vik eigentlich ist, was er für einen Beruf hat und wo all diese Frauen – große wie kleine – herkommen, sogar die Geister. Stattdessen sieht man sich überspitzt formulierten Betrachtungen über Promis, die Medien, die so genannten „Medienmacher“ und das Kino im Allgemeinen und Besonderen gegenüber. Da gibt es ein paar herrliche One-liner und Aperçus. Diese Kunst hat der Autor ja für Schmidt (leicht erkennbar als „Mr. Late Night“) und Raab („die unvermeidlichen Viva-Moderatoren“) perfektioniert.
|Keine Jammerorgie|
Aber keine Bange! „Wenn das Leben …“ ist keineswegs eine nörgelige Jammerorgie, wie stressig und frustrierend doch das Medienleben sei, sondern ein Reihe sehr anschaulich beschriebener und besonders beim zweiten Anhören bewegender Begegnungen mit – Frauen, was sonst? Dieser Vik kann zuhören, schon klar, ein richtiger Frauenversteher, womöglich sogar ein Weichei, aber doch kein Schwuler. Schön erotische Sexszenen sind hier durchaus zu finden, und nicht zu knapp.
Wer ist denn nun „die Richtige“? Muss sich Vik wie Schillers klassische Helden (Piccolomini in „Wallenstein“) zwischen der erfrischenden Liebe zu Lena (= Neigung) und seiner Pflicht gegenüber Jasna und deren Mutter entscheiden? Herrje, wird man sich nun sagen, die kulturelle Entwicklung bietet doch inzwischen sicher auch ein paar andere Entscheidungsmodelle an, oder? Da hilft nur eines: selber lesen bzw. hören!
|Nicht nur Ladys |
Doch nicht alles dreht sich in der Story um junge Frauen im gebärfähigen Alter. Auf der Insel macht Vik beim „Handtuch-Roulette“ die Bekanntschaft einer über sechzigjährigen „Mumie“, die den jungen, hoffnungslos abgeschlafften Helden so richtig auf Trab bringt, mit etlichen Alkoholrationen, einem „losen Mundwerk“ und entsprechend robustem Humor. Und dann ist da noch Nils, der hoffnungsvolle Regisseur, der nach zwei Filmen (und etlichen Linien Koks) so ausgebrannt ist, dass er auf jeder Party in Tiefschlaf fällt. Witzig, dass ausgerechnet Nils sich weigert, Anglizismen zu übernehmen, die ja gerade im Filmbiz so häufig vorkommen. Nils ist Viks ältester Freund, doch selbst jetzt reden sie nur noch über Filme, Regisseure usw. Bis zu dem Tag, als Vik von Diana zwei Erster-Klasse-Tickets nach Los Angeles (zu Paramount) überreicht bekommt: Nils will seinen Kumpel endlich flennen sehen …
|Still crazy … (Sprache)|
Es ist schon merkwürdig, aber die Geschichte hat mich an mehreren Stellen an Benjamin Leberts Roman „Crazy“ erinnert. Das Buch wurde verfilmt, mit Robert Stadlober, wenn ich mich recht erinnere. Auch hier geht es um die Entdeckung der „Richtigen“ beziehungsweise der Erotik an sich, Quickie-Sex und Münchner Sex-Show inklusive. Wichtiger noch ist aber die Kommentierung des Lebensgefühls einer Generation und zwar in einer Sprache, die dieser angemessen ist.
Birbaek erfindet zahlreiche sprachliche Ausdrücke oder bringt entlehnte Ausdrücke so an, dass sie wie neu funkeln. Ein Wort wie „Lovesound“ ist ebenso wunderschön wie passend, um die nonverbalen Äußerungen von Liebenden während des Aktes zu bezeichnen, besonders aus weiblichem Munde. Ebenso schön ist der Ausdruck „Augenmagneten“, die für Patrizias Augen, und „Minimagneten“, die für Jasnas junge Augen gelten. Jeder weiß, was damit gemeint ist.
Etwas weniger schön ist Nils‘ Ausdruck „meine Texthuren“. Damit meint der Regisseur – hoffentlich ironisch – die Autoren, die ihm das Drehbuch erstellen und je nach Bedarf umschreiben (müssen). Ich schätze mal, auch Gagschreiber könnte man mit diesem ironischen Ausdruck belegen. Ebenso ironisch ist der Fachausdruck „Helfersyndrom“ zu werten. Fast jede von Viks Frauen appelliert an seinen Instinkt, der Lady zu helfen, und zwar selbst dann noch, wenn er emotional erpresst wird. Und dabei wollen sie meistens sein Geld: egal ob es um Steuerschulden geht oder um das Sorgerecht für Jasna. Vik erkennt den Vorgang genau als das, was er ist. Er hilft dennoch. Denn wenn’s um Freunde und Kinder geht, kennt Not kein Gebot.
Diese sprachliche Frische und Lebendigkeit in Verbindung mit der anschaulichen Schilderung hielt mich die ganze Zeit von vier Stunden über bei der Stange. Hey man, schon lange keine so spannende und anrührende Lovestory mehr gehört. Am liebsten würde ich jetzt noch das Buch lesen.
|Der Autor als Sprecher|
Dass Autoren ihre eigenen Texte lesen, ist zwar keineswegs unbekannt, aber immer noch eher die Ausnahme. Das liegt an zwei Gründen. Zum einen stammen die meisten als Hörbücher produzierten Texte von angelsächsischen AutorInnen, die leider kein Deutsch können (und es auch gar nicht nötig haben).
Zweitens ist die Erfahrung, einen deutschsprachigen Autor seinen eigenen Text vorlesen zu hören, nicht immer das Goldene vom Ei. Der Autor neigt eben dazu, selbst zu werten oder auf seinen Text bereits zu reagieren, statt die Reaktion ausschließlich dem Hörer zu überlassen.
Auch Birbaek schrammt haarscharf an dieser Grenze entlang. Besonders im letzten Drittel liest er die lustigen Jasna-Szenen mit einem kaum unterdrückten Lachen in der Kehle. Das kann man ihm als Mensch keineswegs verdenken, doch der Hörer sollte dieses Lachbedürfnis selbst in sich entdecken, indem der Text es in ihm weckt. Zum Glück gelingt Birbaek auch dies. Wenn Vik seine komatös pennende Jasna wieder einmal mit dem Satz „Brad Pitt putzt sich dreimal täglich die Zähne“ weckt (etwas anderes funktioniert nicht), so ist dies ein Verweis auf die erste Jasna-Szene, die genau damit begann. Das zaubert ein Lächeln des Wiedererkennens ins Gesicht des Hörers.
_Unterm Strich_
Die vier Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. Es war nett und interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, besonders die Frauen – und dazu zählt ganz besonders auch die achtjährige Jasna. Das Buch ist gleichermaßen ein Generationenporträt und die Abrechnung mit dem aktuellen Stand des deutschen Filmgeschäfts. Dabei benutzt der Autor nicht ausgelutschte Sprachklischees, sondern ganz bewusst auch neue Prägungen wie etwa „Lovesounds“ (oder habe ich da was verpasst?), setzt viel Ironie ein („Helfersyndrom“, „Handtuch-Roulette“ und „Texthuren“), respektiert aber die Wünsche und Erwartungen von Kindern und ihren Müttern.
Dabei geht der „Held“ Viktor keineswegs leer aus, sondern kriegt die Kurve mit neuem Schwung, neuen Erkenntnissen und neuem Glück. Der Schluss der Story lässt den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Genau im Sinne des Autors: Der ist Lachfaltenfan.
Welche nun Miss Right ist und wie man sie erkennt? Das müsst ihr schon selbst lesen oder hören!
|Umfang: 242 Minuten auf 4 CDs|
Homepage des Autors: http://www.Birbaek.de/
Robert E. Howard – Der schwarze Stein (Gruselkabinett 116)

Was hat es auf sich mit dem riesenhaften schwarzen Monolithen im Wald von Stregoicavar in den ungarischen Karpaten? Ist er wirklich außerirdischen Ursprungs und Schauplatz von schaurigen Ritualen zu Hexen-Feiertagen? Caleb Thomas aus Boston beschließt, vor Ort Licht in die dunklen Legenden zu bringen und ahnt nicht, in welche Gefahr er sich dadurch begibt… (Verlag)
Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.
Der Autor
Robert E. Howard – Der schwarze Stein (Gruselkabinett 116) weiterlesen
McFadyen, Cody – Blutlinie, Die
_Makaber: Die Ripper-Boys auf Raubzug_
Das Leben der FBI-Agentin Smoky Barrett scheint völlig zerstört zu sein: Seit sechs Monaten verbringt sie die meiste Zeit in ihrem Zimmer, starrt die Wände an oder lässt sich von ihrem FBI-Psychiater behandeln. Der grausame Doppelmord an ihrem Mann und ihrer Tochter hat die ehemals beste und erfolgreichste Agentin derart geprägt, dass an die Fortsetzung ihrer Polizeikarriere nicht zu denken ist.
Alles ändert sich an dem Tag, da eine von Smokys besten Freundinnen getötet wird. Doch der Mord an Smokys Freundin ist erst der Beginn einer Serie von grausamen Bluttaten, die eine ganze Nation erschüttern wird. Der Täter bezeichnet sich selbst als ‚Jack junior‘ und behauptet, ein Nachfahre des legendären Jack the Ripper zu sein. Außerdem betont er immer wieder, dass es nur einen Menschen gibt, der ihm das Handwerk legen könne: Smoky Barrett. (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Cody McFadyen, geboren 1968, unternahm als junger Mann mehrere Weltreisen und arbeitete danach in den unterschiedlichsten Branchen. Der Autor ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Kalifornien. „Die Blutlinie“ ist sein erster Roman. Weitere Romane mit der Protagonistin Smoky Barrett folgen.
_Die Sprecherin_
Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits zahlreiche Hörbücher gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber. Sie hat u. a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“) synchronisiert.
Die Textfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt. Regie führte Frank Gustavus (|Ripper Records|). Die Musik stammt von Dennis Kassel und Horst-Günter Hank, die Aufnahme leitete Klaus Trapp.
_Handlung_
Durch das Gesicht von FBI-Agentin Smoky Barrett, zurzeit beurlaubt, zieht sich eine Narbe. Sie verläuft von der Stirn über die Nase, die Wange, am Hals entlang, über das Schlüsselbein, Brust und Bauch bis hinab zum Schambein. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Smoky entstellt sei. Sie fragt sich, ob irgendjemand sie überhaupt noch lieben kann. Ihre Seele ist von Erinnerungen erfüllt, an Geister und ein Monster.
Ihrem FBI-Psychiater Peter Hillstead vertraut sie ihre innersten Ängste an. Das schafft sie aber nur schrittweise, denn jeder Schritt ist voller Schmerz. Bevor diese „Sache“ passierte, hatte Smoky eine tolle Karriere beim FBI hingelegt und war zur führenden Ermittlerin bei CHASTAC geworden, der nationalen Abteilung, die für Gewaltverbrechen und Kindesmissbrauch zuständig ist. Sie war als gute Schützin bekannt und leitete ein gutes Ermittlerteam. 1995 heiratete sie ihre Jugendliebe Matt und bekam eine Tochter, Alexa.
|Dämonen|
Dann kam vor sechs Monaten eines Nachts Joseph Sands in ihre Wohnung und zerstörte diesen Erfolgstraum gründlich. Er tötete ihren Mann, vergewaltigte Smoky und tötete Alexa, bevor es Smoky gelang, ihre Dienstwaffe zu schnappen und ihn zu erschießen. Zumindest ist das der Ablauf, an den sie sich bislang erinnern kann. Wie sie zu ihrem Leidwesen erfahren soll, lief dieser Albtraum in Wahrheit etwas anders ab. Der Albtraum, den sie jeder Nacht aufs Neue durchlebt.
|Das Super-Team|
Hillstead erklärt ihr, dass sie nur eine Wahl habe: sich gleich zu erschießen oder zu ihrem Team zurückzukehren. Also besucht sie die Kollegen. Kelly Thorne, ihre beste Freundin, nennt Smoky immer noch „Zuckerschnäuzchen“ – sie hatte Smoky aufgefunden. Alan Washington, der hoch aufgeschossene Schwarze, begrüßt sie, doch James, der geniale Nervtöter, fragt sie, was diese frühe Rückkehr soll. Genau wie Smoky hat er die seltene Fähigkeit, sich in die Mentalität von Verbrechern einfühlen zu können. Es gibt ein neues Mitglied: Leo Kownes ist Computerspezialist, aber er hat in seinem Leben noch keine einzige Leiche gesehen, jedenfalls nicht aus der Nähe.
|Jack Junior|
Um fünf Uhr morgens ruft Kelly an: Smokys Jugendfreundin Annie King sei in San Francisco ermordet aufgefunden worden. Sie sei vor drei Tagen gestorben. Neben ihr habe man ihre Tochter Bonnie gefunden, die an sie gekettet war. Bonnie sei katatonisch und liege im Krankenhaus. Nachdem sie ihren Schock über Annies Tod sowie den Widerstand ihres Chefs überwunden hat, fliegt sie in die Nebelstadt und lässt sich von den Polizisten den Tatort zeigen.
Das SFPD hat eine E-Mail vom Mörder erhalten. Sie enthält einen Anhang. Der Brief ist an Smoky Barrett, FBI, adressiert. Der Absender beteuert, Bonnie King sei unberührt. Doch ihre Mutter starb langsam – alle Huren müssten sterben. Er selbst stamme aus einer edlen Blutlinie, nämlich der von Jack the Ripper, dem Londoner Hurenmörder, der bekanntlich nie gefasst wurde. Auch ihn, Jack junior, werde man nie fassen. Soll Smoky doch ihr Glück mit ihm versuchen! Gezeichnet: „From Hell.“
Auf Annies Computer hat Leo ein Video vom Ablauf des Mordes gefunden. Er ist grün im Gesicht und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Dann schaut sich Smoky die Aufnahme genauer an. Die Höhe der Kamera ist verschieden: Es waren zwei Täter! Jack junior hatte einen gelehrigen Schüler, der ihm half.
Im Krankenhaus besucht Smoky ihre Patentochter Bonnie. In ihrem Testament hat Annie ihre Freundin zu Bonnies Vormund bestimmt. Nun muss Smoky dieses Mädchen, das sie kaum kennt und das nicht sprechen will, an Alexas Statt als ihre Tochter annehmen. Es ist wie eine zweite Geburt: schmerzhaft, tränenreich.
Wenig später erhält Smoky eine weitere Mail: Jack junior wird ungeduldig. Er werde ihr und den Mitgliedern ihres Teams schrittweise etwas wegnehmen, das sie lieben, wenn sie nicht schnellstens Jagd auf ihn mache. Smoky fragt sich, warum Jack junior so scharf darauf ist, verfolgt zu werden. Doch die Antwort folgt umgehend. Er sei ein Raubtier, und wie jeder Ripper müsse er seinen eigenen Inspektor Abaline haben, so wie sein berühmter Vorfahr. Aber woher weiß der Killer so viele intime Details über seine Verfolger?
Als erneut eine Prostituierte ermordet aufgefunden wird, weiß Smoky, dass die Zeit knapp geworden ist. Die Jagd beginnt.
_Mein Eindruck_
Wie der Titel schon verrät, geht es um Abstammung und die Bindungen, die damit verbunden sind. Smoky hat ihre Familie und damit fast alle ihre menschlichen Bindungen verloren: ihren Mann, Partner und Geliebten, aber auch ihr Kind, das ihre eigene Blutlinie weitergeführt hätte. Von ihren eigenen Eltern ist hier nicht die Rede. Als sie Alexa verloren hat, wird ihr eine neue Tochter anvertraut: Bonnie King. Indirekt kann ihre Blutlinie weitergeführt werden. Smoky nimmt sich ein Vorbild an Alans Frau Elena, die für sie offenkundig eine „Urmutter“ ist, die sofort mütterliche Wärme verströmt und Vertrauen einflößt. Der Prozess des „Bondings“ mit Bonnie ist lange, aber sehr intensiv. Es fließen auf beiden Seiten Ströme von Tränen, denn Tränen sind schließlich „das Blut der Seele“.
|Kellys Blutlinie|
Auch Kelly Thorne wird wieder Mutter, aber auf andere Weise, als sie erwartet hätte. Jack junior zeigt ihr das gemailte Foto einer Nackten mit dem Kopf von Kelly. Oder ist es jemand anderes? An der Adresse des Website-Betreibers stoßen die Agenten aber nicht auf eine Firma, sondern auf eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Die alleinstehende 29-Jährige ist Kelly wie aus dem Gesicht geschnitten – kein Wunder: Bei Marilyn Gale handelt es sich um Kellys leibliche Tochter, die sie im Alter von 15 Jahren auf Betreiben ihres Vaters, der einen Skandal fürchtete, zur Adoption freigeben musste. Kelly haut dieses Wiedersehen natürlich um. Sie und Marilyn versuchen wieder ein Bonding, doch um ein Haar hätte Kelly es nicht geschafft – eine Kugel bedroht ihr Leben.
|Jack junior|
Ganz anders sieht das Bild auf der Seite von „Jack junior“ aus. Bei ihm (und seinen Schülern) ist an die Stelle des Blutes eine erdichtete Abstammung – eine Linie, die mit Blut gezogen wurde – vom berühmtesten weil unbestraften Frauenmörder der Geschichte getreten: Jack the Ripper. Jack junior, der sich „Shadowman“ nennt, schickt der ungläubigen Smoky sogar einen „Beweis“ in einem Glas: die Gebärmutter einer der von Jack the Ripper getöteten Frauen (Annie Chapman). Dieses makabre Organ lässt sie natürlich gleich untersuchen. Ein Profiler kommt zu dem Schluss, dass Jack junior einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein muss, denn das Organ sei nicht menschlichen Ursprungs.
|Die Ripper Boys|
Doch wer kann solch eine Gehirnwäsche durchgeführt haben? Ist Jack junior selbst nur ein „Schüler“ eines noch unheimlicheren Mentors, der noch in Erscheinung treten wird? Und werden sowohl Mentor als auch Schüler weitere Schüler in Online-Foren und Chatrooms rekrutieren, um eine Armee von Rippern aufzustellen? Das wurde bereits einmal gemacht: von den New Yorker „Ripper Boys“, deren Anführer niemals selbst Hand an die weiblichen Opfer legte, aber seine Schüler dazu anleitete. Wie sich zeigt, existiert diese Armee von Schlitzern bereits – und wartet schon auf Smoky.
|Blut vs. Geist|
Es gibt also eine klare Gegenüberstellung von biologischer Abstammung – über leibliche Kinder – und geistiger Abstammung, über Prägung und Indoktrination. Es ist eindeutig, dass der Autor der biologischen Variante den Vorzug gibt, aber gleichzeitig vor den modernen Möglichkeiten warnt, wie Serienkiller ihre Schüler rekrutieren können: über Mail, Internet, Chatforen, Videos usw. Die Rekruten werden dann den „zehn Geboten der Ripper“ unterworfen, die die sie auswendig lernen müssen. Daher auch die Rekrutierung von „Abalines“, also Verfolgern wie Smoky: Sie sollen die Sinne schärfen, damit das Raubtier besser jagen kann. Die Rekruten seien leicht zu finden, verrät Jack junior: Frustrierte Männer, die einen Hass auf Frauen, besonders ihre Ex-Freundin/Gattin/Geliebte schieben. Sie haben sogar ihre eigenen Websites, wodurch sie einfach zu finden sind. (Diese Info gibt nur Jacks Behauptung wieder.)
Natürlich muss diese Ripper-Subkultur irgendwann mal angefangen haben. Niemand hat ein entsprechendes Buch geschrieben. Wie aber soll Smoky dann Jack junior finden? Am Ende zeigt sich, dass auch er eine Mutter und einen Vater hatte. Eine ganz spezielle Tragödie ist damit verbunden, die Jack junior prägte und ihn in die Welt hinaustrieb. Als Smoky diesen Ursprung findet, wird ihr auch klar, wie sie Jack junior besiegen kann.
|Flow, my tears, the agent said|*
Die Ströme von Tränen, die in dieser Geschichte vergossen werden, könnten locker den Bodensee zum Überlaufen bringen. Bei jeder schmerzvollen Begegnung, bei jeder Schreckensnachricht brechen die Figuren, zumal die weiblichen, in Tränen aus. Auch Alan Washington hat Anlass zu weinen: Seine Frau Elena hat Darmkrebs (was Jack junior sehr wohl bekannt ist). Und als den anderen Mitgliedern ihres Teams etwas Liebes wie ein Hund oder eine begrabene Schwester (oh ja: aus dem Grab!) weggenommen wird, na, was passiert dann wohl? Mehr Tränen. „Blut der Seele“ hin oder her – dies ist einfach zu viel für meinen Geschmack. Nach einer Weile dachte ich, der Autor müsse weiblich sein.
* Abwandlung des Romantitels „Flow my tears the policeman said“ von Philip K. Dick (deutsch: [„Eine andere Welt”) 198
|Der Drache|
Smoky Barrett spürt in sich des Öfteren einen Rache- und Jagdinstinkt erwachen, den sie den „Drachen“ nennt. Mag sein, dass jeder Mensch wütend werden kann und dann so eine Regung spürt, aber wohl nur wenige würden diese Empfindung des Rachedursts als „Drachen“ bezeichnen. Es klingt nach einer fernöstlichen Bezeichnung, die man in der kalifornischen Kultur, die stark von Japan und China beeinflusst wird, durchaus finden kann, und das schon seit über dreißig Jahren. Die individuelle Entstehung des Drachen in Smoky bleibt aber unerklärt.
|Transzendenz|
Geister und Dämonen spielen im Bewusstsein der traumatisierten Smoky eine wichtige Rolle. Ihre Albträume sind vor allem mit den bösen Geistern, den Dämonen, angefüllt. Im entscheidenden Moment, als für sie alles auf dem Spiel steht und sie Jack junior von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, muss sie jedoch feststellen, dass es auch einen Engel gibt, der sie mit der Nase auf eine grundlegende Wahrheit stößt: Entweder du wählst die Liebe und das Leben – oder den Tod, und dann hat der Killer gewonnen. Aber sie hätte nicht gedacht, wie schwer es sein kann, das Leben zu wählen …
_Die Sprecherin_
Das Hörbuch fordert den Hörer dazu heraus, sofort nach dem Ende einer CD die nächste einzulegen, denn die CDs enden regelmäßig mit einer Art Cliffhanger, der neugierig und gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte macht. Das ist ein bewährter Kniff, um in der Geschichte Spannung zu erzeugen. Jedenfalls verging die Geschichte wie im Flug. Es gab nur ein Hindernis: Ströme von Tränen und Ströme von Blut. Der Ripper, also Schlitzer, macht nämlich seinem Namen alle Ehre. Es erfordert einen stabilen Magen und gute Nerven, um das auszuhalten. Nach zwei CDs musste ich daher erst einmal eine Verschnaufpause einlegen.
Denn die ausgezeichnete Sprecherin Franziska Pigulla macht es dem Hörer sehr schwer, eine Haltung kritischer Distanz einzunehmen. Sie charakterisiert jede Figur in der Geschichte individuell, so dass man sie gut unterscheiden kann. Aber die Charakterisierung erzeugt auch Gefühle: Smoky ist einerseits die innerlich lädierte Frau, aber äußerlich auch die taffe Teamleiterin und Ermittlerin. Kelly Thorne und Elena Washington sind liebevolle Frauen mit warmen Stimmen, die nur eine Nebenrolle spielen. Boss Jones hängt natürlich gerne die Autorität raus, doch von Smoky lässt er sich auch um den Finger wickeln.
Jack junior, ihr Gegner, ist etwas ganz anderes. Pigulla verleiht ihm eine sehr sanfte, weiche, geradezu schmierige Stimmlage, als er Smoky als seinen Verfolger à la Abaline rekrutiert. Diese Sanftheit schlägt schnell in hochnäsige Arroganz um, die Smoky zu einem bloßen Mitglied des „Menschenviehs“ degradiert. Das macht Smoky wütend, und genau das bezweckt er damit. Schließlich soll sie ihn ja jagen und dabei den Verstand verlieren.
Will Pigulla die zahlreichen emotional intensiven Stellen im Dialog betonen, so stehen ihr zwei sprachliche Mittel zur Verfügung: entweder Flüstern oder Brüllen. Beide setzt sie mit voller Kraft ein, und so sollte sich der Hörer darauf gefasst machen, auch mal ein Schreien, Kreischen und Brüllen zu vernehmen. Leider konnte der Toningenieur diese Belastung des Mikrofons nicht immer abfangen, so ist mindestens zweimal ein kurzes Knacken zu hören. Auch dort, wo ein Schnitt eingefügt wurde, z. B. nach einem Versprecher, treten Knackser auf, und das ist kein gutes Qualitätsmerkmal. Wenigstens hält sich dieser Fehler im Rahmen des Erträglichen.
Mit der Aussprache des Englischen hat Pigulla, die auch in London gearbeitet hat, keine Probleme. Dazu gibt es nur Gutes zu vermerken.
_Unterm Strich_
Auf höchst makabere Weise nimmt der Titel „Die Blutlinie“ eine düstere Doppelbedeutung an. Kennt man bislang Blutlinien nur im Zusammenhang mit familiärer Abstammung, so funktioniert Jack junior dies in eine Linie aus Blut um, die im Grunde jeder ziehen kann, der sich ein Ripper, also Schlitzer, nennen darf. Diese Ripper haben sogar ihren eigenen Katechismus, der sie zu einer geistigen Familie zusammenführt, ein menschenfeindliches Glaubensbekenntnis. Es weist auch den Gesetzesvertretern eine feste und notwendige Rolle im Leben der Ripper zu. Leute wie Smoky Barrett sind dazu da, Ripper zu verfolgen, um deren Jagd- und Verteidigungsinstinkte wach zu halten. So wird eine Auslese getroffen, bis der beste, also fähigste Schlitzer überlebt. Es ist eine ironische Verdrehung der Evolutionslehre.
Die spannende Geschichte gemahnt an vielen Stellen weniger an einen FBI-Thriller als vielmehr an ein Familiendrama. Das hat mit der Gegenüberstellung der zwei Konzepte von „Familie“ zu tun. Es sorgt aber auch dafür, dass viele Momente hoher Emotionalität vorkommen. Die Ermittler in Smokys Team sind nicht mehr Außenstehende, sondern direkt Beteiligte und Betroffene in diesem Fall. Sie müssen sich als Menschen einbringen, und in Smokys Fall bedeutet dies, auch als Mutter, mit allen Problemen, die damit verbunden sind. Der Autor verrät eine überraschend große psychologische Einsicht in diese Rolle. Erst in ihrer Eigenschaft als Leben spendende Mutter kann es Smoky mit ihrem Gegner, dem Lebensvernichter, aufnehmen. Das ist eine Ausweitung der Stellenbeschreibung einer FBI-Beamtin, die viele Vorgesetzte in keiner Weise genehmigen würden.
Der Aufbau der Story und ihre Aufteilung auf die sechs CDs sorgen für gehörig Spannung und dafür, dass ich die Story mit nur zwei Unterbrechungen angehört habe. Die immer wieder auftauchenden blutigen Schilderungen schlugen mir ein wenig aufs Gemüt – bei jedem ist diese Sättigungsgrenze mehr oder weniger schnell erreicht. Dann ist eine Verschnaufpause angesagt. Die Sprecherin erlaubt dem Hörer keine Distanzierung vom Geschehen, denn sie verleiht den Figuren in ihrem Überlebenskampf menschliche Züge und Ausdrucksweise –- genauso wie es eine Schauspielerin tun würde. Der Zuhörer sollte sich auf Flüstern wie auch auf Schreie, Kreischen und Brüllen gefasst machen. Diese Darstellungsweise ist wohl nicht jedermanns Geschmack, aber ich fand sie klasse.
|Originaltitel: Shadowman, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Axel Merz
427 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de
E. B. S. Raupach / Marc Gruppe – Die Blutbaronin (Gruselkabinett Folge 14)

Burg Csejte um 1600: Baron Ferenc Nádasdy trauert, obwohl er mittlerweile ein zweites Mal verheiratet ist, noch immer seiner toten ersten Frau Elisabeth Báthory nach. Nacht für Nacht sucht er ihr Mausoleum auf und hadert mit seinem Schicksal. Ein Zauber könnte ihm die Geliebte ins Leben zurückbringen. Die weise Magierin warnt jedoch inständig vor diesem unheiligen Werk, denn es könnte Tod und Verderben über die Seinen bringen. Schließlich ist Elisabeth Báthory nicht irgendeine Gräfin. Sie ist als Blutbaronin in die Geschichte eingegangen.
Der Autor
E. B. S. Raupach / Marc Gruppe – Die Blutbaronin (Gruselkabinett Folge 14) weiterlesen
Åsa/Asa Larsson – Der schwarze Steg (Lesung)

Nach ihrem letzten Fall kann die Anwältin Rebecka Martinsson nur schwer in ihren Alltag zurückfinden und kehrt nach Kiruna im höchsten Norden Schwedens zurück. Kiruna ist ein altes Erzgrubengebiet. Die Stille ihres neuen Lebens wird unterbrochen, als ganz in der Nähe eine Frau ermordet aufgefunden wird.
Inna Wattrang war leitende Angestellte bei einer weltweit erfolgreich tätigen Bergbaugesellschaft. Deren Gründer Mauri Kallis verdankt seinen märchenhaften Aufstieg unter anderem seiner verwegenen Lust am Spekulieren. Rebecka, die für den Oberstaatsanwalt arbeitet, erkennt, dass die Tote etwas mit den überaus dubiosen Geschäften von Kallis Mining in Uganda zu tun hatte. (Abgewandelte Verlagsinfo)
Åsa/Asa Larsson – Der schwarze Steg (Lesung) weiterlesen
Edith Nesbitt – Das violette Automobil (Gruselkabinett 59)

Edith Nesbitt – Das violette Automobil (Gruselkabinett 59) weiterlesen










