Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Andrea Camilleri – Das Spiel des Patriarchen (Lesung)

Der Commissario guckt sich Pornofilme an?! Nicht auszudenken, was aus seinem guten Ruf wird! — Aber alles ist halb so wild, und im Grunde geht es um ein brandheißes Thema: Organhandel. Da stellt sich die Frage: Was soll nur aus Sizilien werden? Und wer will überhaupt in Olivenöl eingelegte Organe?!

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Krimialromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch neun weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Bearbeitung – die ich recht gut gelungen finde, denn sie arbeitet den roten Faden und humoristische Aspekte heraus – stammt von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Commissario Montalbano beobachtet mit Skepsis den Einzug von Computer und Internet im Kommissariat und fühlt sich allmählich etwas antiquiert. Da kommt ihm der neue Fall gerade recht, in dem er seine Spürhundqualitäten unter Beweis stellen kann.

In Vigata finden zwei Morde statt, zwischen denen auf den ersten Blick kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Nene San Filippo war zu Lebzeiten ein lediger Nichtstuer, der als 21-Jähriger seinen Hormondrang an etlichen Freundinnen austobte. Signore Grifo hingegen, ein braver Beamter aus Messina, vermisst seine Eltern, die über Nenes Wohnung, also im gleichen Haus, lebten. Das Ehepaar war von einem Busausflug nach Tindari (vgl. O-Titel) nicht zurückgekehrt.

Montalbanos Mitarbeiter machen sich, ausgestattet mit hypermoderner Technik, sofort an die Arbeit, allen voran sein Assi, der rührige Fazio. Montalbano hingegen verlässt sich auf Bewährtes und kommt auch so weiter. Und stößt auf höchst Pikantes. Nene und seine Geliebte schrieben einander gepfefferte Liebesbriefe, in denen sie einander ihre Erfahrung des vorangegegangenen Liebesspiels schilderten. Wozu? Nene schrieb offenbar an einem erotischen Roman. Und deshalb wohl auch seine Vorliebe für scharfe Pornofilme, oder?

Doch Nenes Geliebte ist die Gattin des berühmten Transplantationsexperten Dottore Eugenio Ingrò. Vania Titulescu stammt aus Rumänien. Gab der Arzt den Mord an Nene aus Eifersucht in Auftrag? Aber warum mussten dann die unschuldigen Grifos sterben? Die ausnehmend hübsche Reisebegleiterin mit dem schönen Namen Beatrice weist dem hingerissenen Assistenten Fazio den Weg durch das Dickicht der Hinweise.

Da bekommt Montalbano einen wichtigen Anruf: Avvocato Guttadauro, allseits bestens bekannt als Mafia-Anwalt, lässt dem Commissario schöne Grüße ausrichten von Don Balduccio Sinagra, dem Mafiapaten. Ob er wohl einen kleinen Besuch einrichten könnte? Montalbano kann. Einen Paten lässt man nicht ungestraft links liegen. Nicht in Sizilien und schon gar nicht, wenn man einen so verzwickten Fall lösen möchte. Wie es scheint, war der verblichene Nene eine Art Enkel des alten Don…

Auf die richtige Spur bringen ihn schließlich ein sarazenischer Olivenbaum, ein Buch von Joseph Conrad und der verschlüsselte Hinweis des berüchtigten alten Mafiapaten, der bei einem gefährlichen Spiel im Hintergrund die Fäden in der Hand hält.

_Mein Eindruck: Die Handlung_

Die Schnitzeljagd, aus der Montalbanos Fälle oft bestehen, wird in „Patriarch“ fast schon bis zum Exzess getrieben – und ist umso spannender, je mehr retardierende Momente wie Beatrice und Nenes erotischer Roman die Auflösung des kniffligen Falls hinauszögern. Man fiebert regelrecht mit, bis sich zunehmend erschreckendere Abgründe auftun, in die uns der Autor nichts ahnend gelockt hat. Aber da ist es fürs Aufhören bereits zu spät.

Erotik, Busfahrten und schöne Frauen – darunter des Commissarios Freundin – gehören zu den angenehmen, mitunter komischen Nebenerscheinungen im Verlauf der Handlung. Doch keine Angst: Hier wird nicht „abgeschwiffen“, sondern jedes Details hat seine Funktion im größeren Gewebe der Handlung.

Der Commissario ist ein verschmitzt denkender Bursche, fast wie der selige Father Brown von G.K. Chesterton. Doch Montalbanos sizilianischer Humor ist durchzogen von einer Skepsis gegenüber der Güte des Schicksals (oder Gottes). Allerdings hilft ihm der Humor dabei, in einer Welt zu überleben, die, auch wenn sie eine erfundene Welt ist, sich nicht allzusehr von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Vermutlich findet auch in Italien so etwas wie Organhandel statt, auch wenn diese Tatsache gerne unter den Teppich gekehrt wird. Zumindest im Roman passiert eben dies nicht: Die nationale Presse erfährt von der Schweinerei, die der Commissario da aufgedeckt hat.

_Mein Eindruck: Die Produktion_

Wie schon in den anderen Camilleri-Hörspielen machen alle SprecherInnen einen hervorragenden Job aus ihrer Aufgabe. Schließlich arbeitet man hier nicht in der Privatwirtschaft, sondern beim gebührenfinanzierten Rundfunk! Die Musik von Henrik Albrecht ist diesmal ein wahrer Hochgenuss: stilechte, original sizilianisch klingende Cafémusik! Und obendrein nicht aufdringlich, sondern meist schön dezent im Hintergrund.

_Unterm Strich_

„Das Spiel des Patriarchen“ ist ein rundum gelungenes Hörspiel. Es ist keineswegs ein gekürzter Bestseller aus Amiland, sondern stellt vielmehr Ansprüche an die Aufmerksamkeit des Zuhörers und – am Schluss – an dessen moralische Urteilsfähigkeit. Erst wenn der Zuhörer empört ist, hat der Autor sein Ziel erreicht.

Komische und romantische Szenen lockern die Nachforschungen Montalbanos auf und geben Gelegenheit, entweder mal eine Pause zu machen oder auch mal lauthals aufzulachen: Der untadelige Kommissar wird von seinem Assi beim Pornogucken vor einem Stapel Cassetten ertappt: ein Bild für Götter!

Ich hingegen ertappe mich gerade dabei, dass ich Camilleri-süchtig geworden bin. Öha: ein Junkie!

_Michael Matzer_ © 2003ff

Perry Rhodan – Die Cynos (Silber Edition 60)

Die Handlung:

Perry Rhodan ist mit der MARCO POLO in den Schwarm eingedrungen, der mit seiner Verdummungsstrahlung und den Gelben Eroberern, die ganze Planeten entvölkern, weiterhin eine nie gekannte Gefahr für die Milchstraße darstellt. Sonderkommandos versuchen, die empfindlichen Stellen innerhalb des seltsamen kosmischen Gebildes auszumachen.Als Anführer eines dieser Kommandos gerät der Arkonide Atlan in eine verzweifelte Situation. Er muss mit seinen Gefährten ums nackte Überleben kämpfen. Dabei stoßen sie zum ersten Mal auf einen der geheimnisvollen Götzen.Außerhalb des Schwarms wird währenddessen das Rätsel um die Cynos immer größer. Die „heimlichen Herrscher“ über weite Teile der Galaxis spielen seit langem ihr eigenes Spiel – aber sie geben den entscheidenden Hinweis, um weiter gegen die Mächte des Schwarms agieren zu können … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

So, nun bekommen die seltsamen Typen vom Heimlichen Imperium eine ganze Silberlesung spendiert. Warum auch nicht, interessant sind sie allemal und verdammt mächtig scheinen sie auch zu sein. Da fänd ichs schon spannend, mehr über sie zu erfahren.

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Perry Rhodan – Ordobans Erbe (Silber Edition 145)

Die Handlung:

Einst war Ordoban der Kommandant einer gigantischen Wachflotte und beschützte ein unersetzliches kosmisches Objekt. Sein Erbe hat in neuer Zeit Perry Rhodan angetreten. Nun befiehlt ein Mensch von der Erde über die Endlose Armada – eine riesige Flotte, die aus Millionen von Raumschiffen besteht.
Mit der Armada nimmt Rhodan den Kampf gegen die Mächte des Chaos auf. Wenn er verliert, stehen die Existenz der Milchstraße und die gesamte Menschheit vor ihrem Ende … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Normal kommt so was ja immer am Ende, aber hier gehts mit der (angeblich) „größten Show des Universums“ direkt los … während auf der BASIS einige Verwirrung herrscht. Perry bekommt neue Infos und ändert den Kurs der Endlosen Armada, deren Chef er ja immer noch ist.

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Perry Rhodan – Das Loch im Universum (Silber Edition 109)

Die Handlung:

Anfang des Jahres 3587 an Bord der BASIS, des gewaltigsten Trägerraumschiffs, das je für die Menschheit gebaut wurde: Der einäugige Roboter Laire und Pankha-Skrin, höchster Würdenträger der Trümmerleute, sind Gegner und müssen doch Verbündete sein. Ihr Duell beginnt auf der BASIS und eskaliert auf einem bewohnten Planeten.Perry Rhodan erreicht dennoch mit dem Trägerschiff sein Ziel, die Kosmische Burg des Mächtigen Partoc. Aber humanoide Wesen, die sich Demonteure nennen, haben bereits mit der Bergung und dem Abtransport der Burg begonnen. Als das riesige Bauwerk aus seinem Versteck geholt werden soll, kommt es für Rhodan zur Katastrophe … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

So, neue Lesung, neue Kosmische Burg … nehme ich mal an, schließlich haben wir am Ende des letzten Hörbuchs Kurs auf eine gesetzt. Auf die von Partoc, wenn ich mich recht erinnere. Die ist diesmal nicht quadratisch, sondern sieht aus wie ein Diskus … ok … das ist jetzt nicht so spektakulär, aber immerhin anders.

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John Grisham – Die Bruderschaft (Lesung)

Drei verurteilte Richter brüten im Gefängnis einen genialen Plan aus und wollen sich damit ihre Zukunft für die Zeit nach ihrer Entlassung sichern. Mit ihrem Plan geraten sie eines Tages jedoch an den falschen Kandidaten…

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher_

Charles Brauer kennen wir aus Film und Fernsehen, v.a. als den Kommissar Brockmüller in den „Tatort“-Krimis an Manfred Krugs Seite. Darüber hinaus hatte Brauer Engagements an den großen Theaterbühnen in Hamburg und München. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ u.a. von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Trumble gilt bei den Häftlingen als Geheimtipp unter den Gefängnissen der USA – vergleichbar eher mit einem Ferienlager als mit einem Knast. Hier sitzen vorwiegend Kleinkriminelle, Steuersünder und Wallstreet-Gauner ihre Strafe ab. Die drei Ex-Richter Finn Yarber, Hatlee Beech und Joe Roy Spicer sitzen hier auch ein. Einst waren sie erfolgreiche Streitschlichter, und nun treten sie in Trumble als „Die Bruderschaft“ auf: Die Bibliothek erklären sie zu ihrem Gerichtssaal, wo sie sich wöchentlich der Rechtsangelegenheiten ihrer Mithäftlinge annehmen – nicht ganz unentgeltlich, versteht sich.

Weniger harmlos als ihre „Richtersprüche“ sind allerdings die infamen Erpresserbriefe, die sie gemeinsam verfassen. Über Postfachadressen, einen abgehalfterten Anwalt als Kurier und ein geheimes Konto streichen sie somit beträchtliche Summen ein, die ihnen la dolce vita nach ihrer Entlassung gewährleisten sollen.

Eines Tages geraten sie aber an den falschen Kandidaten, den Bilderbuch-Politiker Aaron Lake, mit dem man höhere Pläne hat und dessen lupenreines Image auf keinen Fall beschmutzt werden darf. Von diesem Augenblick an sind die Tage der Bruderschaft gezählt, wie es scheint. Aaron Lake hat äußerst gefährliche Freunde, die sehr auf sein Image bedacht sind. Doch die Bruderschaft gibt nicht so leicht klein bei und nimmt den Kampf auf. Aber was können die Drei schon viel von ihrem Knast aus ausrichten, fragt man sich? Lesen und sich wundern!

_Die CD_

Die 6 CDs der gekürzten Hörbuchfassung reichen für 405 Minuten Vortrag, also für sechsdreiviertel Stunden. Brauer trägt prononciert und klar verständlich vor. Die Klangqualität auf meiner bescheidenen Anlage genügte meinen Ansprüchen.

_Mein Eindruck_

Grisham verarbeitet hier aktuelle politische Themen wie etwa Erpressung und Bestechung von Politikern, wobei auch die Grauzonen zwischen Justiz und Politik zu erkennen sind. Da wird gemauschelt, dass sich die Balken biegen.

Doch Grisham bleibt Grisham. Der Leser sollte nicht ein Übermaß an tiefer Charakterisierung verlangen oder erwarten. Eine spannende und unterhaltsame Lektüre sollte ihm genug sein. Dennoch fand ich die tiefe Ironie, die in manchen Szenen zum Tragen kam, sehr erfrischend.

Hinweis für Hörbuchneulinge: „Musik und Geräusche“ fehlen bei dieser Lesung, wie sonst auch. So etwas gibt es (in der Regel) nur in Hörspielen.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Die drei ??? und der grüne Kobold (Folge 199)

Die Handlung:

Ein grüner Kobold mit blecherndem Herzschlag, der nachts über die Flure geistert. Wahrlich keine gute Werbung für ein Hotel und eher abschreckend für die Gäste. Außer es handelt sich um Justus, Peter und Bob! Keine Sekunde glauben die drei Detektive, dass Kobolde wirklich existieren. Bis sie die Bilder der Überwachungskamera zu Gesicht bekommen. Sieht das was die drei ??? da entdecken, nicht doch wie ein Kobold aus? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Na ja, ob der Klappentextkobold keine gute Werbung für ein Hotel ist, hängt immer vom Zielpublikum ab. Wie fake diese News allerdings sind, das werden die drei (ewigen) Jungdetektive herausfinden … gehe ich doch mal stark von aus.

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John Grisham – Der Verrat (Lesung)

Grisham als Hörbuch – ist das denn spannend? Nun ja: Das ist so spannend wie jeder Grisham, wenn man nur die Geduld aufbringt, richtig zuzuhören. Und so wahnsinnig schwierig ist ja Grisham nicht zu konsumieren…

„Der Verrat“ ist ein typischer Anwaltskrimi wie etwa „Die Firma“, nur dass diesmal weder Killer noch Mafia auftauchen, sondern vielmehr ein Anwalt sein soziales Gewissen entdeckt und dabei einen Skandal aufdeckt.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher_

Charles Brauer, geboren 1935, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Nichts kann Michael Brocks beruflichen Aufstieg bei einer großen, einflussreichen Anwaltskanzlei – 800 Mitarbeiter! – in Washington, D.C., aufhalten: Das Geld stimmt, und die Aussichten auf eine lukrative Teilhaberschaft in zwei Jahren sind für den jungen Anwalt mehr als gut. Bei diesem Leben auf der Überholspur bleibt keine Zeit, eine funktionierende Ehe zu führen, und ein Gewissen ist Luxus.

Bis Michael das Opfer einer Geiselnahme in seinem eigenen Bürohochhaus wird: Sein Leben bekommt nun eine unerwartete, neue Richtung. Der Geiselnehmer, ein heruntergekommener Obdachloser, wird erschossen – Michael selbst überlebt. Wer war dieser Mann, was trieb ihn zu dieser Wahnsinnstat?

Auf der Suche nach den Hintergründen gehen Michael die Bilder des Elends bald nicht mehr aus dem Kopf. Er lernt den Armenanwalt Mordecai Green kennen, der mit allen Wassern gewaschen ist und lässt sich zu einer Obdachlosenbetreuung überreden. Zunehmend schlägt er sich auf die Seite der Armen und Unterprivilegierten, besonders als eine junge Mutter von vier Kindern von ihm betreut wird, aber wenige Stunden später in ihrem Wagen erstickt – mit allen Kindern. Michael ist erschüttert.

Bei seinen heimlichen Nachforschungen in seiner Firma stößt er auf ein schmutziges Geheimnis, in das auch sein Arbeitgeber, die ehrwürdige Kanzlei Drake & Sweeney, verwickelt zu sein scheint: Die junge Frau gehörte ebenso wie der erschossene Geiselnehmer zu den Mietern eines Hauses, das von einem Mandanten von Brocks Firma betreut wird. Diese Mieter wurden auf die Straße geworfen, obwohl das natürlich illegal war. Die entsprechende Aktennotiz ist inzwischen verschwunden, wie Michael beim Diebstahl der entsprechenden Akte feststellt: Seine Firma hat ein eklatantes Verbrechen gedeckt, um einen lukrativen Hausverkauf an die US-Post an Land zu ziehen.

Doch nun steht Michael selbst am Pranger: Schwerer Diebstahl wird nicht gern gesehen. Doch als Michael kündigt und in Mordecais Anwaltsbüro eintritt, findet er bald Zeugen für die Zwangsräumung. Bald hat er auch die Presse Washingtons auf seiner Seite, für die der Skandal ein gefundenes Fressen ist.

Mit seinem Engagement für die Obdachlosen und die Rehabilitation der toten Mutter und des Geiselnehmers schafft er sich einen ernst zu nehmenden Feind: seine eigene Firma. Am Schluss kommt es zu einem handfesten Showdown – natürlich vor Gericht. Wird Michael seine Anwaltszulassung verlieren oder bekommt er Recht?

_Mein Eindruck_

„Der Verrat“ folgt quasi dem Strickmuster von Grishams Bestseller „Die Firma“: Junger, hoffnungsvoller Anwalt gerät auf Grund dessen, was entdeckt, in die Krise und wendet sich schließlich gegen seinen früheren Brotgeber. Doch diesmal ist nicht die Mafia Grund der Gewissensbisse unseres Helden, sondern die sozialen Verbrechen, die von einem Angestellten des Hauses begangen und vertuscht wurden.

Wer Grisham kennt, wird auch hier auf keine Überraschungen stoßen: geradlinie Handlung, mit wenigen Strichen skizzierte Figuren, einige anrührende bzw. kritische Situationen. Alles unterfüttert von Grishams profunder Kenntnis des US-amerikanischen Rechtswesens.

_Der Sprecher_

Der alte Profi Charles Brauer ist der ideale Sprecher für diese Art Roman: Durch treffsicher gesetzte Sprechpausen in den Sätzen pointiert er Beschreibungen, Aussagen, ja sogar einen charakteristischen Tonfall. Michael ist eher verbindlich, Mordecai ein wahrer Krieger oder Krämer (je nachdem, worum es ihm gerade geht) und die restlichen Anwälte sind meist irgendwelche gesichtslosen Handlanger.

Dabei wird er aber nie zum Schmierenkomödianten: Er bleibt immer zurückhaltend. Schwierigkeiten hat Brauer wegen seiner tiefen Stimme eher mit den Frauengestalten, etwa mit der cracksüchtigen Ruby oder der zupackenden Megan, in der Michael seine künftige Liebe findet.

_Der Titel_

Ein merkwürdig unpassender Titel, denn worin besteht er denn, der „Verrat“? Michael wollte die von ihm entliehene Akte ja nur kopieren, nicht stehlen. Niemand kann ihm nach geltenden Moralmaßstäben einen Strick draus drehen, dass er mit seinen daraus gewonnenen Erkenntnissen ein Verbrechen sühnen will.

Umfang: 350 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

John Grisham – Der Richter (Lesung)

Drei Millionen unehrlich verdiente Dollar: eine hübsche Summe als Erbschaft für zwei Brüder (keiner weiß, woher das Geld kommt). Doch wie es so oft passiert, gönnt der eine dem anderen nichts, und so entwickelt sich eine verhängnisvolle Geschichte, in der zwar niemand getötet wird, die aber einem der Brüder den letzten Nerv raubt. Das Ganze endet mit einer handfesten Überraschung.

_Das Hörbuch_

Der Sprecher: Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

Der Autor: Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Handlung_

Eigentlich hat Ray Atlee, Juraprofessor an der Uni von Virginia, mit seiner Vergangenheit in Clanton, Mississippi, längst abgeschlossen. Der 43-Jährige hegt keine guten Erinnerungen an seine Kindheit in dem kleinen Südstaatenstädtchen, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Forrest unter der harten Hand seines Vaters aufwuchs, den auch die beiden Jungen nur „Judge“ nannten.

Ray versucht gerade seine überstürzte Scheidung zu verarbeiten, als die Erinnerung an Clanton auf einmal wiedererweckt wird: mit einer Vorladung – einer Vorladung zu seinem Vater. Ihm und seinem Bruder Forrest, dem schwarzen Schaf der Familie, der früh durch Drogen auf die schiefe Bahn geriet, steht eine unangenehme Reise in die Vergangenheit bevor: Auf Datum und Uhrzeit genau hat der Vater, bekannt als „Richter Atlee“, seine Söhne geladen, um mit ihnen sein Erbe zu regeln.

Vierzig Jahre lang hatte Judge Atlee als einflussreicher Staatsbeamter das Rechtswesen und die Politik der Gegend geprägt, und darüber hinaus Bedürftigen geholfen. Nun aber findet Ray seinen Vater tot auf, als er pünktlich zum Termin eintrifft.

Rays schlimmste Befürchtungen, dass sein Vater keines natürlichen Todes gestorben ist, werden wahr, als er in dessen Büroschränken drei Millionen Dollar entdeckt: Ordentlich sind die Hundert-Dollar-Scheine in Pappkartons verstaut. Dieses Geld, das er vor Forrest versteckt, bis er weitere Erkentnnisse über seine Herkunft hat, und für das sein Vater offensichtlich ums Leben gebracht wurde, wird nun auch für Ray eine Quelle der Angst, aber auch der Versuchung: Ray fängt an zu spielen und kauft sich ein Flugzeug.

Bei seinen Nachforschungen über die Herkunft der drei Millionen Dollar kommt er nach und nach hinter ein düsteres Geheimnis, das außer ihm offensichtlich noch jemand anderer kennt. Und dieser Andere will natürlich auch das Geld…

_Mein Eindruck_

Grishams Generation ist eine von Erben; beerbt werden jene Väter, die seit dem Zweiten Weltkrieg wohlhabend geworden sind. Und so eine Erbschaft kann durchaus eine Versuchung sein, wie sich an Ray Atlee zeigt: Er hätte das gefundene Geld im Nachlass angeben und mit seinem Bruder (und den Steuerbehörden) teilen müssen. Aber nein: Die Versuchung ist so groß, dass sie die Stimme moralischer Verantwortung übertönt.

Der Plot erinnert an die biblische Geschichte um Isaaks Söhne Jakob und Esau. Esau, der haarige, geistig und moralisch als minderwertig Angesehene, war der Erstgeborene. Jakob, der Gewitztere, betrog ihn für ein Linsengericht und erhielt so die Rechte eines Erstgeborenen (welche für nomadische Israeliten offenbar beträchtlich waren).

Aber für Ray Atlee endet mit dem Betrug an seinem Bruder die Geschichte nicht. Die gigantische Summe von drei Millionen Dollar lässt sich nicht aus den legalen Einkünften seines Vaters erklären. Und da noch jemand davon weiß und Ray droht, ihn umzubringen, falls er es nicht herausrücke, entwickelt das Geld ein Eigengewicht, das Ray bald wie ein Mühlstein am Hals hängt. Seine Aktionen werden von Panik gekennzeichnet: Er engagiert einen Privatdetektiv, der entdeckt einen Einbruch in Rays Wohnung, Ray flieht – ausgerechnet nach Clanton. Und von dort immer weiter bis zur Küste. Immerhin klärt sich dort einiges auf…

Wie man sieht, ist der Plot zwar halbwegs spannend, aber keineswegs von Gewaltanwendung gekennzeichnet. Schade, dass die Hörbuchfassung gekürzt ist, denn so kommt nicht richtig zum Tragen, worum es eigentlich geht: um den moralischen Konflikt eines Anwalts, der Gesetztestreue geschworen hat und diesen Schwur bricht.

Ist das nun irgendwie für den Rest der Welt wichtig, fragt man sich, wenn sich zwei Brüder ums liebe Geld balgen? Das nicht, aber man sollte die gesellschaftliche Relevanz nicht verkennen, die darin besteht, dass, sobald eine große Summe ins Spiel kommt, auch der beste Anwalt moralisch ins Schleudern gerät.

Es geht also um Bestechlichkeit. Und es gibt schmierige, skrupellose Leute – auch in diesem Buch – die dies wissen und schamlos ausnützen: Für sie sind Anwälte nur bessere Handlanger, um ihre Interessen zu vertreten.

Und als solcher wurde auch der rechtschaffene Richter Atlee benutzt, ohne es zu wollen. Eines seiner Urteile machte einen aufstrebenden Anwalt, der sich auf Sammelklagen von Pharmaopfern spezialisierte (der Bayer-Lipo-Skandal), auf einen Schlag reich.

Grisham schildert diesen schmierigen Typen namens Patton French (was für ein Name) in einer hervorragend ausgearbeiteten Dinnerszene mit Ray Atlee: ein dekadentes Abendessen auf einer Jacht, von der seine zu scheidende Frau nichts erfahren darf, damit ihr Anwalt das Boot nicht in die Finger kriegt. Das sind also die Sorgen der neureichen Staranwälte dieser Welt. Von Rechtsbewusstsein oder gar moralischer Verantwortung keine Spur. Ray schaudert es innerlich.

_Unterm Strich_

Grisham bleibt Grisham: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein halbwegs spannender Plot, eine Verfolgungsjagd, eine mysteriöse Geldsumme, ein gegensätzliches Brüderpaar – viel mehr ist da nicht. Das mag gute Unterhaltung sein, aber mir reicht das nicht.

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders, wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

Umfang: 375 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2002ff

Pratchett, Terry – Pyramiden (Lesung)

Assassinen, Konkubinen und wandelnde Götter

Prinz Teppic von Djelibebi hat den erfolgreichen Abschluss seiner Ausbildung zum Assassinen in Ankh-Morpork gerade mit einem grandiosen Besäufnis begossen, als ihn der Ruf in die heimatliche Wüste ereilt. Er muss nach dem Tod seines Vaters Teppicymon XXVII. dessen Nachfolge antreten. Allerdings bekommt er es in der Heimat, einem engen Flusstal von 150 Meilen Länge, mit dem Hohepriester und Premierminister Dios zu tun, der seine eigenen Vorstellungen von einem funktionierenden Staatswesen hat. Nun soll Teppic zu Ehren seines Vaters die größte Pyramide errichten, die Djelibebi je gesehen hat – und damit den Staatshaushalt zugrunde richten …

Der Autor

Sir Terence David John Pratchett, OBE (* 28. April 1948 in Beaconsfield, Buckinghamshire; † 12. März 2015 in Broad Chalke, Wiltshire) war ein britischer Fantasy-Schriftsteller. Seine bekanntesten Werke sind seine Scheibenwelt-Romane, die in 37 Sprachen übersetzt wurden. Weltweit wurden rund 85 Millionen seiner Bücher verkauft (Quelle: Wikipedia.de).

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch “ The amazing Maurice and his educated rodents“, worauf „The Wee Free Men“ folgte.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

|Terry Pratchett bei Buchwurm.info| (Auswahl):

[„Gefährliche Possen und andere Erzählungen“ 3406 (Audio)
[„Lords und Ladies“ 3160 (Audio)
[„Trucker“ 2998 (Nomen 1, Audio)
[„Kleine Freie Männer“ 2310 (Audio)
[„Ab die Post“ 2122
[„A Hat full of Sky“ 1842
[„Wachen! Wachen!“ 787 (Audio)
[„Maurice, der Kater“ 219

Die Sprecher / Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Ludwig Schütze
Teppic: Matthias Albold
Dios: Helmut Schüschner
Ptraci: Sylvia Garatti
Teppicymon XXVII.: Klaus Knuth
Schelter: Pascal Holzer
Arthur, Alfons: Martin Ostermeier
Du Mistvieh; größtes Mathegenie der Scheibenwelt: Markus Signer
Sechster Priester: Marcel Reif (Sportkommentator)
Und viele andere.

Die Regie führte wie bei den Terry-Pratchett-Vertonungen Raphael Burri, der auch den Text bearbeitet hat. Aufnahmeleitung und Regieassistenz übernahm Ralf Grunwald. Booklet- und CD-Illustrationen stammen wie stets von Josh Kirby. Für den guten Ton sorgten Olifr Maurmann, Gavin Maitland und andere vom |StarTrack|-Tonstudio Schaffhausen. Das Hörspiel entstand im Jahr 2005.

Mehr Infos und Hörproben gibt es unter http://www.bookonear.com. (geprüft)

Die Musik

Zitat aus dem Booklet:

»Warnung! Auch in diesem Bookonear-Hörspiel wird Musik der Gruppe Tritonus verwendet! Wenn auch nicht in jenem Ausmaß wie in dem Hörspiel „Wachen! Wachen!“ und dann auch nur im Umfeld jener Szenen, welche in Ankh-Morpork spielen, also im ersten Viertel.

Das Königreich Djelibebi verlangt natürlich nach Musik, die zur Anlehnung ans alte Ägypten passt. Ali Jihad Racy ist Außerordentlicher Professor für Musikethnologie und hat altägyptische Musik rekonstruiert, die er selbst auf traditionellen Instrumenten spielt. Die Macher des Hörspiels haben sich „schamlos“, wie sie sagen, aus seiner CD „Ancient Egypt“ bedient – weil es eben passt.«

Handlung

Morgengrauen in Djelibebi. Wieder einmal entladen die großen Pyramiden, für die das Land am Djel berühmt ist, ihr blaues Feuer in die Nachtluft. Es heißt, die Pyramiden akkumulierten aufgrund ihrer besonderen Bauweise Zeit. Wer weiß, wozu das noch führen kann … Der Hohepriester Dios, der gerade erwacht, macht sich jedenfalls kein Kopfzerbrechen wegen der Pharaonengrabmäler, sondern vielmehr darüber, ob Pharao Teppicymon XXVII wie jeden Morgen die Sonnenkugel aufgehen lassen wird, wie es seine Pflicht ist.

Unterdessen ist es im mittewärts gelegenen Ankh-Morpork noch Mitternacht. Der Sohn des Pharaos, Prinz Teppic, hat etwas Vernünftiges gelernt und bereit sich nun auf seine Abschlussprüfung als ausgebildeter Assassine vor. Als er endlich alle seine Ausrüstungsgegenstände verstaut hat, kippt er um. Sie sind einfach zu schwer. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hat, begibt er sich zu seinem Prüfer Meriset, der ihm eine Menge Fragen stellt, die Teppic, bis auf die letzte, einwandfrei beantworten kann. Dann geht’s auf zur praktischen Prüfung. Dabei stürzt Teppic ab.

Aber nicht weit. Mit den Fingerspitzen hängt er an einer Dachrinne. Wenig später dringt er vom Dach her in ein Haus ein. Es ist ihm völlig klar, dass dies eine Todesfalle ist. Nach dem Beseitigen der ersten Hindernisse zieht Teppic eiserne Überschuhe an und schreitet rasch ins Zimmer. Meriset, sein Prüfer, grüßt ihn fröhlich und fordert ihn auf, den im Bett Liegenden zu inhumieren. Damit hat Teppic wider Erwarten ein Problem.

Denn erstens bedeutet „inhumieren“ so viel wie „töten“ und zweitens könnte es sich bei dem Unbekannten, der im Bett liegt, um einen Klassenkameraden handeln, vielleicht um Schelter oder Käseweis oder Arthur, den Orniten. Sie alle sind ihm im Verlauf seiner jahrelangen Ausbildung in Ankh-Morpork gewissermaßen ans Herz gewachsen. Dennoch hebt er die Armbrust …

Unterdessen in Djelibebi

Während Teppic noch zögert, stellt sich sein Vater in Djelibebi auf die Terrasse seines Hauses, um die Sonne aufgehen zu lassen. Sie erscheint nicht, und der Pharao, entsetzt über diesen Anfall von Impotenz, erleidet eine Herzattacke. Das ist natürlich NICHT sein Ende, versteht sich. Die Seele unseres braven Teppicymon XXVII. begegnet dem TOD, der ihr einige tröstende Worte spendet, bevor er auf Binkie wieder davonreitet, dem nächsten Auftrag entgegen. Der Pharao hat viele Ideen, erlebt aber auch viele Desillusionen. So etwa jene, als zwei Einbalsamierer ihm die Gedärme und das Hirn herausreißen …

Durch die mystische Übertragung der göttlichen Kraft des Pharao gerät Teppic in Ankh-Morpork – er hat natürlich bestanden – bald in eine peinliche Lage: Gras sprießt unter seinen Füßen, Brotlaibe schwellen an und platzen auf, sogar der Fluss schwillt an und droht, über die Ufer zu treten. Die Anzeichen sind überdeutlich. Sein Vater ist tot und es ist höchste Zeit, seinen Platz einzunehmen.

Hohepriester und Premierminister Dios empfiehlt Teppic als Erstes, seine Tante zu heiraten, denn Schwestern habe er ja schließlich nicht. Als sich Teppic von diesem Schrecken wieder erholt hat, bekommt er eine goldene Maske verpasst, aus der seine Stimme nur noch hohl klingt. Dios, der vorgibt, seinen göttlichen Willen zu verkünden, befiehlt stets genau das Gegenteil dessen, was Teppic will. So behauptet er, der verstorbene Pharao habe befohlen, die größte jemals in Djelibebi gebaute Pyramide zu bauen. Teppic ist überzeugt, dass dieses Monstrum sein Reich zugrunde richten werde, von seinen unberechenbaren physikalischen Eigenschaften ganz zu schweigen.

Als Dios schließlich auch noch die Lieblingskonkubine seines Vaters, Ptraci, zum Tode verurteilt, läuft für Teppic das Fass über. Er beschließt zu rebellieren. Seine Taten haben jedoch unabsehbare Konsequenzen, die er sich nicht im mindesten hätte träumen lassen. Djelibebi verschwindet in einer Zeitspalte …

Mein Eindruck

Dieses Abenteuer auf der Scheibenwelt lässt sich losgelöst von den meisten anderen Episoden genießen. Der Autor ist nie wieder in die Welt der Pyramiden zurückgekehrt, das tun dafür andere, so etwa den fränkische Autor Georg Herm in [„Der Nomadengott“. 2638 Das Land am Nil bzw. Djel ist so vielbesucht, dass sich ein Autor schon eine Menge ungewöhnliche Dinge einfallen lassen muss, um das Aufsehen des Publikums zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Die üblichen altägyptischen Bizarrerien wie etwa Mumifizierung, Pharaonengräber, Inzest und so weiter mal beiseite gelassen, entwickelt die Geschichte von „Pyramiden“ ihren eigenen Charme. Allerdings muss man den verschiedenen Handlungssträngen aufmerksam folgen, um durch die eigene Kombinationsgabe so etwas wie faszinierte Spannung zu erspüren.

Dios und der frühere Pharao sind Nebenfiguren im Spiel von Prinz Teppic, das sich nun entfaltet. Leider ist der Autor in der Mitte des Buches auf die Idee verfallen, Teppic mit Ptraci desertieren zu lassen und ihn nach Palästina und zu den Griechen zu schicken. Das ist nicht sonderlich originell. Unterdessen geht es in Djelibebi in der Zeitspalte mehr oder weniger drunter und drüber, als die Götter durch den Unfug, den Dios und die neue Riesenpyramide anrichten, auf die Erde geholt werden. In diesen Szenen gerät die Geschichte zur herrlichen Satire auf die Religion, nach dem Motto: Hüte dich davor, was du dir wünschst, denn es könnte Wirklichkeit werden!

Nette Einfälle

Wunderbar gefielen mir die drei Pyramidenbauer, Taklusp und seine beiden Söhne 2A und 2B. Sie müssen nicht nur den Bau der größten Pyramide aller Zeiten in knapp drei Monaten planen, organisieren und fertigstellen, sondern haben auch noch mit den Anomalien zu kämpfen, die durch die Zeitverschiebungen an der Riesenpyramide entstehen. So existieren plötzlich 38.000 Doppelgänger ihrer Arbeiter. Das klingt zwar billig bei der Lohnzahlung, aber es ist eher verwirrend bei der Arbeitszuweisung.

Ebenso nett fand ich den Einfall mit den beiden Einbalsamierern Gern und Dill, denen die Seele des toten Pharao so ungern bei der Arbeit zusieht. Allerdings spielen sie nur eine Nebenrolle, ebenso wie Ptraci, die sich ohne ihre klirrenden Armreife ganz nackt vorkommt – was sie in der Tat auch fast ist. Aber der Humor kann mitunter auch in Klamauk abrutschen, so etwa wenn ketzerische Priester ruckzuck im Rachen der Krokodile landen. Die Armeen der Nachbarländer Djelibebis stehen sich nun unvermittelt direkt gegenüber, nachdem der Pyramidenstaat verschwunden ist. Flugs verstecken sich alle Soldaten in Trojanischen Pferden, was ja auch nicht superintelligent ist.

Hintersinnig ist der Einfall, das Kamel „Du Mistvieh!“ zum größten mathematischen Genie der Scheibenwelt zu machen. Hoffentlich ist dies keine versteckte Anspielung auf Stephen Hawking oder gar eine Beleidigung der Kamele.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Von dem Schweizer Studio „Bookonear“ habe ich bislang schon „Wachen! Wachen!“ und „Lords und Ladies“ gehört. Die Produktion, die es mit „Pyramiden“ vorgelegt hat, ist ebenfalls in vielerlei Hinsicht professionell zu nennen. Die Sprecher, die bei uns fast alle – bis auf Sportkommentator Marcel Reif – unbekannt sind, legen eine bühnenreife Darbietung hin. Ich könnte jedoch keinen besonders hervorheben, noch nicht einmal Du Mistvieh! Auf jeden Fall sind alle Sprecher kompetent und manche sogar als Könner ihres Faches zu bezeichnen. Besonders die Szene des griechischen Symposions ist mir im Gedächtnis geblieben, vermutlich deshalb, weil sie die witzigste Szene der gesamte Handlung ist.

Geräusche und Musik

Zur Musik sei noch einmal das Booklet zitiert: „Das Königreich Djelibebi verlangt natürlich nach Musik, die zur Anlehnung ans alte Ägypten passt. Ali Jihad Racy ist Außerordentlicher Professor für Musikethnologie und hat altägyptische Musik rekonstruiert, die er selbst auf traditionellen Instrumenten spielt. Die Macher des Hörspiels haben sich ’schamlos‘, wie sie sagen, aus seiner CD ‚Ancient Egypt‘ bedient.“

Die Musik ist also durchaus passend zu nennen und verleiht der Handlung die entsprechende Stimmung. Sie wird ausschließlich in den Pausen zwischen den Szenen sowie als In- und Outro eingesetzt. An keiner Stelle überlagert sie auf störende Weise den Dialog.

Die Geräusche sind für das Verständnis einer Szene wider Erwarten von höchster Wichtigkeit. Da der Humor des Autors auf Andeutungen setzt, wird keineswegs alles ausgesprochen, was witzig und außergewöhnlich sein könnte. So genügt beispielsweise, einfach nur ein klirrendes Scheppern ertönen zu lassen, um dem Hörer zu verstehen zu geben, dass Teppic wegen seiner schweren Ausrüstung umgefallen ist. Es ist nicht nötig, dies auch noch zu sagen.

In praktisch allen Szenen muss der Hörer daher auch auf die Geräusche achten. Wenn Teppic plötzlich hohl klingt, dann deswegen, weil Dios ihm eine Maske aufgesetzt hat – die trägt schließlich jeder Gottkönig. Ich glaube, das Prinzip ist hiermit deutlich geworden. Um alle Feinheiten mitzubekommen, bietet es sich an – will heißen: es ist ratsam, sich das Hörspiel zweimal anzuhören. Da steckt noch eine Menge Musik bzw. Überraschungen drin.

Geräusche tragen nicht nur Pointen bei, sie charakterisieren auch, wie es sich eben für eine realistische Darstellung gehört. Nur, dass dieses Hörspiel keinen Realismus will, sondern eine dramatische Überspitzung darstellt. Wie lässt man zum Beispiel einen Gott ertönen? Sagen wir mal, einen schakalköpfigen Anubis oder einen mit Krokodilskopf? Das ist etwas kniffliger als einen Detektivroman akustisch auszustatten und verlangt einen gewissen Einfallsreichtum. Langer Rede kurzer Sinn: Ich halte die Charakterisierungen durchaus für gelungen, aber ich erwarte auch keinen Realismus von einer Fantasy wie dieser. Hauptsache, die Geräusche klingen nicht abstrus und überzogen.

Das Booklet

Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und einer so von Liebhabern der Scheibenwelt gestalteten Produktion angemessen. Da findet sich ein Lebenslauf des Autors ebenso wie Hintergrundinfos über die Musik, die Gestalter und sämtliche Sprecher. Am schönsten aber sind zwei weitere Elemente: die detaillierte Tracklist für jede einzelne CD, von denen jede einen eigenen Titel trägt. Und natürlich die knuddeligen Zeichnungen Josh Kirby, die allesamt der doppelseitigen Titelillustration entnommen sind. Auch die Cover der einzelnen CDs wie auch die Einsteckplätze der CDs im Karton sind damit geschmückt.

Abspann

Am Schluss der letzten CD werden alle Sprechrollen noch einmal mit Zitaten bzw. Klangproben vorgestellt und ihrem Sprecher oder ihrer Sprecherin zugewiesen. Von der Crew sind lediglich die Techniker und der Regisseur genannt.

Unterm Strich

„Pyramiden“ ist einer der wenigen Romane Pratchetts, die sich eigenständig lesen lassen, ohne dass der Leser irgendwelches Wissen über die phantastische Scheibenwelt mitbringen muss. Daher eignet sich das Buch ideal als Einstieg und Zugang zu Pratchetts Universum und seiner ganz speziellen Art des Humors. In literarischer Hinsicht ist das Buch sicherlich kein Glanzpunkt in der Karriere des Autors, aber herrje, wer mehr als 100 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft hat, ist eh schon jenseits von Gut und Böse.

Das Hörspiel setzt die Vorgabe nach seinen eigenen Gesetzen um. Das bedeutet, dass hier Szenen umgestellt und eventuell Personal gekürzt wurden. Das wird aber durch eine dramatisch geglücktere Präsentation ausgeglichen: Sprecher, Geräusche und Musik bilden eine harmonische Einheit, um den Hörer bestmöglich zu unterhalten. Sicher hätte die Geschichte noch straffer, spannender und actionreicher sein können, aber wenn die Vorlage nicht mehr hergibt, kann man nicht einfach etwas hinzuerfinden – das könnte sich Hollywood erlauben, aber nicht ein Tonstudio.

Man sollte also nicht den Fehler machen, das Hörspiel schon für das Buch zu halten. Aber es kann eine Menge Appetit auf den Roman, die Scheibenwelt und Pratchetts sonstiges Werk machen. Insbesondere haben mir die Jugendromane um Tiffany Weh und Kater Maurice gefallen.

Originaltitel: Pyramids, 1989
Aus dem Englischen übertragen von Andreas Brandhorst 1991
Mit von Josh Kirby illustriertem Booklet
307 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3785731314

http://www.bookonear.com
http://www.luebbe-audio.de

Ken Follett – Der dritte Zwilling (Lesung)

Ein klassischer Thriller um das Thema Klonen von künstlich erzeugten Menschen – spannend und psychologisch halbwegs glaubwürdig erzählt. Allerdings kein Stoff, der sich für Minderjährige unter 16 Jahren eignet.

_Der Autor_

Ken Follett ist der Autor des Wissenschaftsthrillers „Der dritte Zwilling“, der verfilmt wurde, und von „Die Kinder von Eden“, das nicht mehr so gut ankam. „Die Säulen der Erde“ ist neben „Nacht über den Wassern“ sein bekanntester Roman. Seine neuesten übersetzten Werke heißen „Die Leopardin“ und „Mitternachtsfalken“.

_Die Sprecher_

Verlagsinfo: Mareike Carrière ging nach ihrer Schauspielausbildung nach Paris und begann dort 1977 ihre Arbeit für das Kino. Sie drehte u.a. mit Peter Fonda und Liv Ullmann. Popularität erlangte sie durch ihre Rolle als erste deutsche Streifenpolizistin in der TV-Serie „Großstadtrevier“. Zuletzt war die Schauspielerin in „Die Schule am See“ (ARD) zu sehen.

Jörg Schüttauf, Jahrgang 1961, absolvierte die Theaterhochschule zu Leipzig. Für die Titelrolle in Egon Günthers „Lenz“ (nach Büchner) erhielt er 1993 den Adolf-Grimme-Preis. Im Jahr 1995 wurde er mit dem Fernsehspielpreis der Akademie für Darstellende Künste ausgezeichnet. 1996 begeisterte er in der Titelrolle der ARD-Serie „Der Fahnder“. (Info Ende)

_Handlung_

An der Jones Falls Universität wird im Keller während eines Brandes eine junge Studentin, Lisa Hoxton, vergewaltigt. In dem Studienanwärter Steve Logan erkennt sie ihren Vergewaltiger wieder. Doch ihre Vorgesetzte, die Psychologie- und Biochemieprofessorin Jeannie Ferrami, widerspricht dem heftig. Gemäß den psychologischen Untersuchungen, die Ferrami im Rahmen ihres Zwillings-Forschungsprogramms an Logan vorgenommen habe, sei er psychisch nicht in der Lage, jemandem Gewalt anzutun. Logan wird dennoch verhaftet.

Lisa Hoxton ist völlig von den Socken, als sie Ferrami hilft, einen weiteren Probanden des Forschungsprogramms zu befragen: den Häftling Dennis Pinker. Er ist der eineiige Zwilling von Steve Logan. Doch die beiden kennen einander nicht und haben sich nie gesehen. Wie ist so etwas möglich?

Da es ausgeschlossen ist, dass Pinker ausbrach und Lisa vergewaltigte, muss Logan im Knast bleiben. Nun wittert Ferrami Unrat. Es muss in der jeweiligen Geburtsklinik der beiden etwas vorgefallen sein, das nicht in Ordnung war. Es stellt sich heraus, dass beide in Armeekliniken zur Welt kamen, mit denen die Genetico Corporation Geschäfte machte.

Genetico gehört Jeannies Arbeitgeber, Professor Barrington Jones, und seinen Partnern, darunter einem Senator, der Ambitionen auf die Präsidentschaft hat. Sie wollen ihr Unternehmen demnächst an einen deutschen Pharmakonzern verkaufen. Da käme ihnen ein Skandal höchst ungelegen. Sie schalten die Presse ein und verpassen Jeannie einen Maulkorb.

Doch wenn weder Steve noch Dennis Pinker Lisa vergewaltigt haben, wer kommt dann in Frage? Jeannies Entdeckung dessen, was hinter Geneticos Machenschaften steckt, ist ungeheuerlich und könnte sie das Leben kosten.

_Mein Eindruck_

Das Maß, um das der Roman gekürzt worden sein muss – ich habe ihn nicht gelesen -, muss schon recht beträchtlich gewesen sein: Übrig geblieben sind gerade mal die grundlegende Story sowie der eine oder andere intime Augenblick, den Jeannie und Steve genießen können. Jedenfalls bereitet es keine Schwierigkeiten, dem Verlauf der Handlung zu folgen, so einfach ist sie gestrickt.

Das Interessanteste an der Geschichte ist die Frage der Identität. Ähnlich wie in „Being John Malkovich“ haben es die Hauptfiguren zwar immer mit der gleichen körperlichen Ausstattung zu tun, doch das Innenleben ist vollkommen anders. Man könnte fast meinen, der Autor wolle demonstrieren, dass die Gene nicht unser Schicksal sind.

Wohin die Diskrepanz zwischen identischem Äußeren, aber unterschiedlichem Innenleben führt, erweist sich für die Professorin Jeannie Ferrami höchst hautnah, als sie von jenem Vergewaltiger Lisa Hoxtons ebenfalls angefallen wird. Dabei wollte sie sich doch Steve Logan intim nähern. Doch wo Worte sie täuschen können, so ermöglicht doch die Körpersprache eine eindeutigere Identifikation. Der Vergewaltiger ahmt die typische Geste seines Onkels nach, sich mit dem Zeigefinger über die Augenbraue zu fahren.

_Shibboleth_

Auf analoge Weise macht Steve Logan die gleiche Erfahrung, als er zwar wie der Vergewaltiger aussieht, aber nicht in der Lage ist, einen flapsigen Spruch, den die beiden gewohnheitsmäßig austauschen, korrekt zu ergänzen. Aufgeflogen!

Dieses wortbasierte Spiel erinnert an die Gewohnheit früher hebräischer Stämme, ihre Gegner, die sich bei ihnen als Spione einschleichen wollten, zum Aussprechen des Wortes „shibboleth“ zu verleiten. Die Spione konnten dieses Wort nie einwandfrei aussprechen und flogen daher auf. Seitdem ist „shibboleth“ zum geflügelten Wort geworden, das eine Erkennungsparole bezeichnet, bei einem Stamm, aber auch bei jeder Art von In-group oder Clique.

_Wissenschaftsthriller_

Ken Follett griff in diesem Buch ein von Ängsten besetztes Thema auf, das so alt ist wie Mary Shelleys „Frankenstein“, der 1818 erschien: Die künstliche Erschaffung des Menschen, zu dem nun auch noch die Optimierung und beliebige Vervielfältigung kommen. Daher auch die Befruchtung und Geburt in Armeekliniken…

„Der dritte Zwilling“ war 1997 Teil einer Flut von Thrillern, die sich u.a. um das Thema Klonen drehten, angeregt sicher auch vom Klonschaf Dolly (Friede seiner Asche). Auch Arnold Schwarzeneggers Film „The 6th Day“ haut in die gleiche Kerbe. Doch kein Autor hat wahrscheinlich das Thema künstlicher Mensch/Klon tiefgründiger behandelt als Philip K. Dick in „Blade Runner“. Follett kann diesem Vorgänger nicht das Wasser reichen.

_Die Sprecher_

Mareike Carrière, obwohl sicher schon über 45, klingt dennoch zu jung für ihre Rolle der Professorin Jeannie Ferrami. Das erscheint sicherlich merkwürdig. Doch es ist weniger ihre Stimmhöhe, als vielmehr ihre Intonation, die zu diesem Eindruck führt. Im Gegensatz zu souveränen SprecherInnen wie Franziska Pigulla, Joachim Kerzel oder Ulrich Pleitgen klingt ihre Intonation naiv wie die einer Anfängerin, die sich gerade an einen schwierigen Roman wagt, nachdem sie jahrelang „Hanni und Nanni“ gelesen hat. Sie hält ihre Pausen ein und liest nicht zu schnell, aber das ist schon alles, wofür man sie loben kann.

Jörg Schüttauf, der die Männer um den Schurken, Prof. Barrington Jones, spricht, klingt genau richtig. Er moduliert die Stimme, dass sie genau zu dem gewünschten Eindruck passt. Die Stimme als Instrument gehorcht ihm vollkommen. Es ist sehr schade, dass ein so ausgezeichneter Sprecher erstens so wenig Text zu lesen hat und zweitens auch noch die Nebenfiguren zum Leben zu erwecken hat. Dementsprechend bleiben Jones & Co. deutlicher im Gedächtnis als die Gutmenschen Logan und Ferrami. Verdrehte Welt.

_Unterm Strich_

„Der dritte Zwilling“ ist ein geradlinig erzählter Klon-Thriller, der schnörkellos auf ein Happy-End zusteuert. Die Spannung ist durchaus vorhanden und wird weniger durch Action, als vielmehr psychologisch erzeugt (Frage der Identität, s.o.).

Das Hörbuch würde ich erst ab 16 Jahren empfehlen. Der Grund dafür sind zwei oder sogar drei relativ brutale Vergewaltigungsszenen, die man einem unerfahrenen Zuhörer nicht zumuten sollte. Auch eine Reihe von erotischen Szenen zwischen Logan und Ferrami sind wohl eher für Erwachsene gedacht als für Kinder.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Montgomery, L. M. – Anne auf Green Gables. Folge 3: Jede Menge Missgeschicke

_Grüne Haare und andere Verbrechen_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte… (Verlagsinfo)

Folge 2: Mittlerweile hat sich Anne gut eingelebt. Sie erwartet aufgeregt den ersten Besuch auf der Nachbarfarm Orchard Slope, wo die Familie Barry mit ihren Töchtern lebt. Anne hofft, dass die gleichaltrige Diana die von ihr ersehnte „verwandte Seele“ sein wird, die erste leibhaftige beste Freundin. Allerdings ist Mrs. Barry eine sehr strenge Frau, die ihre Töchter nicht mit jedem spielen lässt…

Folge 3: Annes Leben auf Green Gables geht turbulent weiter. Der mit Spannung erwartete erste Besuch eines Balls mit ihrer Busenfreundin Diana endet in einer Katstrophe. Dianas griesgrämige Tante Josephine ist nämlich überraschend zu Besuch gekommen und die beiden übermütigen Mädchen erregen versehentlich ihren Zorn. Wird es Ann auch diesmal gelingen, die Wogen zu glätten?

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)
Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)
Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung:_

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für Europa, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Diana Barry: Uschi Hugo (Brittany Murphy, Tara Reid, Julie ‚Darla‘ Benz)
Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett, Heath Ledger, Matt Damon)
Tante Josephine: Barbara Adolph (Rosemary ‚Tante May Parker‘ Harris)
Muriel Stacy: Rita Engelmann (Catherine Deneuve, Gates ‚Dr. Crusher‘ McFadden)
Mrs. Allan: Traudel Haas (Diane Keaton, Kathleen Turner)
Mr. Allan: Uwe Büschken (Matthew Broderick, Hugh Grant)
Josie Pye: Anja Stadlober (Samaire Armstrong, Paris Hilton)
Ruby Gillis: Melanie Hinze (Holly Marie Combs, Busy Philipps)
Jane Andrews: Cathlen Gawlich (Jaime King, Amy ‚Fred‘ Acker)
Miss Blair: Dascha Lehmann (Katie Holmes, Jennifer Love Hewitt, Keira Knightley)
Mr. Barry: Roland Hemmo (Brendan Gleeson, Brian Cox, James Gandolfini, Colm Meaney)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Februar 1877, bald wird Anne Shirley zwölf Jahre alt. Diana, ihre Busenfreundin, hat sie zu ihrem eigenen Geburtstag eingeladen – und zu einem Ball! Ob Anne auf den Ball darf, ist ein Gegenstand des Streits zwischen ihren Pflegeeltern Matthew (pro) und Marilla Cuthbert (contra). Der Geburtstag jedenfalls wird wunderbar, bis auf den Gedichtvortrag des ekligen Gilbert Blythe, Annes Intimfeind.

Um 23 Uhr wollen die erschöpften Mädels endlich ins Bett, und sie lassen sich hineinfallen. Doch o je! Da liegt ja schon jemand drin, und es ist keine andere als ausgerechnet Dianas Tante Josephine! Sie ist alt und sehr entrüstet. Na, das gibt garantiert ein Donnerwetter. Sie streicht das Geld für die Klavierstunden der beiden Mädchen. Nur wenn Anne sie in Charlottestown besuchen würde, könne sie sich erweichen lassen. Anne strengt sich an, und es gelingt ihr, sich mit Tante Josephine zu versöhnen.

Das Schuljahr endet Ende Juni mit dem Abschied von Lehrer Phillips. An der Sonntagsschule soll der neue Pfarrer Allan lehren, der mit seiner Frau bei Rachel Lynde logiert, bis er ein Haus gefunden hat. Weil er also gerade in der Nähe ist, lädt Marilla das neue Paar ein. Anne, die zurzeit unter einem Schnupfen leidet, hat eine Schichttorte gebacken, die nun serviert wird. Doch sie schmeckt ein wenig seltsam. Kein Wunder, denn Anne hat das Vanillearoma mit den Rheumatropfen verwechselt …

Mr. Phillips‘ Nachfolger an der Alltagsschule wird jedoch Miss Muriel Stacy. Diese überrascht die Schüler mit neuen Ideen: Sie will Gymnastik und Naturkunde als Fächer einführen – wow! Und dann auch noch Theater und Gedichte, Annes Lieblingsthemen! Kein Wunder, dass sich Anne nun sogar in Geometrie verbessert. Sie wird gebeten, auf der Weihnachtsfeier zwei Gedichte vorzutragen, damit von den Spenden eine neue Schulfahne gekauft werden kann.

Zu diesem besonderen Tag will Matthew seinem Schützling ein neues Kleid kaufen, doch alle seine Versuche scheitern an seiner Schüchternheit. Also näht Rachel Lynde liebenswürdigerweise ein neues: hellblau und aus Seide, sogar mit Annes geliebten Puffärmeln. Und Tante Josephine schenkt ihr Seidensandalen. Kein Wunder also, dass Annes Vortrag von Lord Alfred Tennysons „The Lady of Shalott“ ein voller Erfolg wird. Gilbert Blythe versteigt sich sogar zu der Äußerung, sie könnte Schauspielerin werden. Doch auch diese Freundlichkeit kann Annes Herz für ihn nicht erweichen.

Im März feiert Anne ihren 13. Geburtstag und gründet mit Diana einen Geschichtenklub. Eines Abends findet Marilla sie jedoch im Bett liegend, verzweifelt jammernd, dass sie Einsiedlerin werden will. Anne hat GRÜNE Haare! Sie hat ihre Farbe ändern wollen und sich ein Mittel von einem Hausierer gekauft. Das Mittel lässt sich nicht auswaschen. Marilla schüttelt den Kopf und meint nur: Da gibt’s nur eines: Die Haare müssen ab. O je, das wird einen Skandal geben!

Aber es soll noch schlimmer kommen …

_Mein Eindruck_

Auch Folge drei ist für Anne Shirley wieder eine wilde Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Unglücken. Zwar begeht sie diesmal keine „Verbrechen“ mehr, aber es finden sich doch noch Fettnäpfchen, in die sie treten, und Kalamitäten, die sie erleiden muss.

Der eine oder andere heutige Hörer könnte sich allerdings fragen, warum es schlimmer sein soll, kurze Haare zu tragen als grüne (was ja schon schlimm genug wäre). Auch dies ist wieder eine geschlechtsspezifische Sache. Kurze Haare waren den Männern vorbehalten, und wenn eine Frau kurze Haare tragen musste, dann wurde sie damit als Verbrecherin gebrandmarkt. Kein schönes Schicksal, wenn man bedenkt, dass freie mittellose Frauen entweder im Arbeitshaus (= Ausbeutung der Arbeit) oder auf der Straße (= sexuelle Ausbeutung) landeten. Erst in den 1920er Jahren erkühnten sich junge Frauen, kurze Haare zu tragen, weil sie als besonders emanzipiert und gleichberechtigt angesehen werden wollten. Das wagten aber nur die Künstler und Intellektuellen.

Erst grüne, dann kurze Haare – kann es für Anne Shirley noch schlimmer kommen? Es kann! Anne wird für tot gehalten … Mehr darf aber nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Der Höhepunkt an Erfolg in dieser Folge ist sicherlich Annes Auftritt mit dem Gedichtvortrag. „The Lady of Shalott“ ist ein schmachtend romantischer Klassiker von Tennyson. Im Umfeld der arthurischen Dichtung „Idylls of the King“ angesiedelt, schildert das Gedicht, wie besagte Lady sich – vermutlich im Liebeskummer – in ihr Boot legt, um sodann den Fluss hinunterzutreiben. Wird irgendein strahlender Ritter zu ihrer Hilfe und Rettung eilen? Ach und Weh, es soll nicht sein! So vergehen Liebe und Schönheit – und das stellten sich die Viktorianer als das edelste Motiv für hohe Dichtkunst vor. Na ja, Schwamm drüber! Hauptsache, Annes Vortrag ist ein voller Erfolg.

„Das schöne Geschlecht“ wurden Frauen genannt, aber auch „das schwächere Gefäß“ (im Gegensatz zum Mann), und „der Efeu an der Eiche“ (Efeu = Treue und Zierde, Eiche = Halt und Stärke) und was nicht alles mehr, um ihre Schwäche und Abhängigkeit zu betonen. Um ihr Gedicht vortragen zu dürfen, muss sie sich auch dem hohen Anlass gemäß ankleiden, denn schließlich geht erstens um Kunst und zweitens um einen öffentlichen Auftritt. Seide ist für sie gerade gut genug, ebenso Puffärmel und Halsketten von Tante Josephine. Welcher Mann würde eine solche junge Dame nicht schön finden und begehren? An dieser Stelle dürften einige junge Damenherzen höher schlagen.

Diese Pseudo-Romantik weiß die Autorin aber wenig später mit komischen Zwischenfällen zu konterkarieren und so dem Spott preiszugeben. Da ist zum einen die Sache mit den grünen Haaren, und zum zweiten „ertrinkt“ Anne, als sie „The Lady of Shalott“ mit ihrem Geschichtenklub aufführt – natürlich in einem Boot auf einem See, ganz wie es sich gehört.

Dumm nur, dass die Vision des Gedichts der profanen Wirklichkeit in keiner Hinsicht standhalten kann. Es kommt nur Komik dabei heraus, wenn beide aufeinandertreffen. Damit signalisiert die Autorin, wie überholt diese schwärmerische Romantik ist. Und sie lässt es Marilla in Worte fassen: Romantik ist ja schön und gut, aber bitte nur in Maßen.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Episode eins überschlägt sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt. Weitere tragende Rollen gibt es nur wenige.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte |und| noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzukommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

Am Schluss erklingt als Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir auch im dritten Durchgang wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte vor dem Anhören des ersten Teils, dies würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, dass man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist in Folge drei zunehmend deutlich zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

Fazit: Da ich mir nichts vorstellen kann, womit sich dieses teils romantische, teils komische Hörspiel verbessern ließe – allenfalls etwas mehr Spannung -, vergebe ich die Bestnote.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
69 Minuten auf 1 CD
ISBN 978-3-7857-3527-5|

Home – Atmosphärische Hörspiele


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M. R. James – Das unheimliche Puppenhaus (Gruselkabinett Folge 145)

Mordzeugen wider Willen

Als Mr. Dillet, ein Sammler von Antiquitäten, im Gebraucht-Waren-Laden des Ehepaars Chittenden ein viktorianisches Puppenhaus entdeckt, ist er sich sicher, dass er es haben muss. Er ahnt nicht, dass es nun mit dem Nachtschlaf für ihn und seine Frau erst einmal aus und vorbei sein wird und die Chittendens im Grunde froh sind, das unheimliche Puppenhaus losgeworden zu sein… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.
M. R. James – Das unheimliche Puppenhaus (Gruselkabinett Folge 145) weiterlesen

Val McDermid – Luftgärten (Kate Brannigan 02; Lesung)

Erstklassig unterhaltsame Krimi-Lesung

Kate Brannigan ermittelt wieder: An mehreren Einfamilienhäusern verschwinden buchstäblich über Nacht die eben erst angebauten Wintergärten. Eine kleine Ermittlung, denkt die taffe Privatdetektivin, und doch weckt der sonderbare Fall ihre Neugier. Schon bald stellt sich heraus, dass er gefährliche Dimensionen annimmt und Kate in Lebensgefahr bringt… (Verlagsinfo)
Val McDermid – Luftgärten (Kate Brannigan 02; Lesung) weiterlesen

Julian Osgood Field – Der Judas-Kuss (Gruselkabinett 141)

Des Furchtlosen Ende und Markierung

Im Jahr 1900 erfährt der englische Colonel Richard Ulick Verner Rowan, genannt „Hippy“ Rowan, während seines Aufenthalts im Palast des türkischen Millionärs Djavil Pascha von einer außergewöhnlichen Vampir-Legende aus Moldawien… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
Julian Osgood Field – Der Judas-Kuss (Gruselkabinett 141) weiterlesen

Philip K. Dick – Irrgarten des Todes (Lesung)

Der Mörder-Club von Delmak-O

Vierzehn Menschen haben sich freiwillig nach Delmak-O gemeldet, einen unbesiedelten Planeten. Sie sind zivilisationsmüde, sehen sich danach, eine jungfräuliche Welt zu erschließen. Dort angekommen, bricht die Verbindung mit der Außenwelt ab. Sabotage?

Die Verunsicherung wächst, als mechanische Insekten entdeckt werden, die mit winzigen Kameras ausgerüstet sind. Befinden sich die Gestrandeten in einem gnadenlosen psychologischen Experiment, in einem Irrgarten des Todes? Als es den Überlebenden gelingt, die Phantomwelt zu zerschlagen, kommt eine Wirklichkeit zum Vorschein, die noch weit schrecklicher ist. (Verlagsinfo von Heyne)
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Eberlein, Norbert / Schitzler, Georg – Doppelter Einsatz: Der Fluch des Feuers

_Diamantenräuber!_

Ein achtjähriger Junge ist ermordet worden. Die Spur führt zu seinem gleichaltrigen Freund. Die beiden Kinder haben Detektiv gespielt und waren einem Diamantenraub auf der Spur …

Die TV-Reihe „Doppelter Einsatz“ wurde laut Verlag mehrfach mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Dass dies völlig gerechtfertigt ist, stellt auch diese Episode unter Beweis.

_Die Macher und Sprecher_

Es sprechen die Originalschauspieler der gleichnamigen RTL-Verfilmung, allerdings mit zusätzlichen Erzählertexten, gesprochen von Despina Pajanou, die im Film die Polizistin Sabrina Nikolaidou spielt. Es gibt noch einen zusätzlichen Erzähler, den Frank Gustavus spricht. Diese Texte stammen alle aus der Feder von Frank Gustavus (|Ripper Records|).

Die ziemlich wichtige Musik und die Hörbuch-Postproduction übernahmen Horst-Günter Hank und Dennis Kassel. Zusätzliche Aufnahmen, Schnitt und Mastering erfolgten durch die d.c. Tonstudios in Breckerfeld/Berlin.

Zu den zu hörenden Darstellern gehören: Despina Pajanou, Eva Herzig, Gerhard Garbers, Jürgen Janza, Jockel Tschiersch, Konstantin Graudus, Hans-Werner Meyer, Caroline Redl, Julian Weigend, Anian Zollner u.v.a.

Das Drehbuch schrieb Norbert Eberlein, Regie führte Georg Schitzler, und Producer war Peter Otto.

_Handlung_

Thomas Menz hat vor sechs Jahren seine Tochter Julia verloren. Seine Wohnung brannte, seine Frau Jessica konnte Sohn Hannes aus den Flammen retten. Doch das Feuer versetzt Thomas jedes Mal in eine Erstarrung der Angst: Er rührte keinen Finger, um Julia aus den Flammen zu holen. Das warf ihm später Sabrina Nikolaidou vom Kriminalkommissariat (KK) 15 vor: unterlassene Hilfeleistung. Doch dabei erlitt sie Schiffbruch, erzählt ihr Chef Jensen der Kollegin Caro Behrends. Sie kann froh sein, wenn sie noch bei der Truppe vom KK 15 arbeiten darf.

Doch ihren wunden Punkt hat Sabrina immer noch. Sie ist beispielsweise völlig entsetzt, als sie ein verwahrlostes Mädchen in der Wohnung des Autoknackers Lambert findet. Lambert erschießt erst seine krebskranke Frau, als man ihn aufs Revier abholt. Dann will er auch noch seine Tochter abknallen, schließlich sich selbst. Die Beamtinnen können dies gerade noch verhindern.

Deshalb reagiert Sabrina auch sehr heftig auf die Nachricht, dass ein achtjähriger Junge, Tim Dietzek, erschossen in einer Tiefgarage aufgefunden worden sei. Tims Vater Arno ist am Boden zerstört, aber Tims Spielgefährte Hannes Menz, der Sohn des ihr wohlbekannten Thomas Menz, ist ebenfalls verstört. Hat er den Mord gesehen? Wer ist der Täter? Hannes schweigt.

Als Sabrina und Caro wieder gegangen sind, gibt Hannes seinem Vater die Diamanten, die er in der Tiefgarage aus einem offenen Kofferraum gestohlen hat. Sie stammen, wie Thomas nicht ahnt, aus dem Raub an dem belgischen Diamantenhändler Verheyen, den die Polizei wenig später tot im Hotel Hanseat auffindet. Der Mörder ist Andreas Tiege, der auch Tim auf dem Gewissen hat. In der Tiefgarage sollte er seine Millionenbeute dem Auftraggeber Walter Proske gegen Lohn übergeben. Nun sind beide aufgeschmissen und suchen fieberhaft nach den Klunkern.

Da Thomas Menz knapp bei Kasse ist, hat er die verrückte Idee, die Steine auf eigene Faust zu verhökern. Er stellt sich dabei reichlich stümperhaft an und erregt Aufsehen. Schließlich nimmt er Kontakt zu einem Türken namens Mehmet im Kiez auf. Doch in letzter Sekunde kneift er: Gut so, denn Mehmet hatte eine Waffe als Verhandlungsargument mitgebracht. In einer billigen Absteige glaubt sich Thomas mit Hannes sicher, doch das ist ein Trugschluss.

Tiege hat die Adresse von Hannes Menz herausbekommen und ist in die Wohnung der Menz’ eingedrungen. Er hat zwar keine Edelsteine gefunden, aber dafür ihr Telefonverzeichnis. Dieses klappert er ab, bis es „Bingo!“ macht …

Unterdessen haben Sabrina und Caro herausbekommen, was eigentlich läuft. Jessica Menz ist entsetzt, als sie erfährt, dass ihr Mann Hannes mitgenommen hat. Sie erinnert sich, dass ihre Familie vor sechs Jahren nach dem Brand in einer billigen Absteige untergebracht wurde. Dorthin führt sie die Polizistinnen. Ob sie wohl noch rechtzeitig vor Andreas Tiege eintreffen?

_Mein Eindruck_

Also sprach Nikolaidou: „Überall sehe ich Erwachsene, die die Welt in ein Trümmerfeld zerlegen, ohne an ihre Kinder zu denken. Ich finde, dass Verantwortung nicht nur eine Pflicht sein sollte, sondern ein Gesetz.“

Dies ist das Generalthema, das über die ganze Handlung hinweg variiert und ausgelotet wird. Wer die betroffenen Kinder sind, habe ich oben bereits ausgeführt: Julia, Tim, Hannes und das Lambert-Mädchen. Doch was veranlasst die Täter, also die Erwachsenen, zu ihrem kinderverachtenden Handeln bzw. Nichtstun? Dass Thomas mit den Diamanten nicht gleich zur Polizei geht, ist sein erster Fehler. Dieser Fehler treibt ihn weiter ins Verbrechensmilieu und wird noch weitere Opfer fordern.

Anscheinend hält sich Thomas für den größten Feigling, der herumläuft. Vielleicht aus falsch verstandenem Stolz möchte er einmal im Leben etwas richtig machen und seine Familie versorgen. Die Wahl, wie er das tut, ist jedoch grundfalsch. Er beruft sich nicht auf filmische Vorbilder, das wäre auch lächerlich. Das Leben ist schließlich viel grausamer, als ein Film es je sein darf. Dann macht Thomas weitere Fehler: Er nimmt Arno mit, der sich für Tims Tod rächen will. Durch Thomas’ Gedankenlosigkeit muss erstens der Falsche dran glauben und zweitens Arno ebenfalls.

Den schlimmsten Fehler aber macht Thomas, als er den gekidnappten Hannes mit den Edelsteinen auslösen will: Es ist natürlich eine Falle, in die er blindlings tappt. Da er schließlich selbst einen Menschen auf dem Gewissen hat, richtet er sich selbst. Vergeblich ruft der kleine Hannes ihm „Papa!“ nach …

Ein Kind gegen Diamanten einzutauschen, scheint symbolisch zu sein für den Konflikt zwischen liebevoller Humanität, wie sie Kinder beanspruchen, und den Zwängen des Materialismus, denen die Eltern unterworfen sind. Dass die Eltern beide Ansprüche mehr schlecht als recht unter einen Hut bringen können, verdeutlicht Thomas Menz nur allzu deutlich.

Sein Ende wird im Hörspiel nicht eindeutig benannt, sondern nur angedeutet. Geht er wirklich ins Feuer oder nicht? Wir können nur aus dem fortgesetzten Ruf „Papa!“ schließen, dass es sich Thomas Menz nicht anders überlegt hat. Der „Fluch des Feuers“ hat ihn eingeholt. Keine besonders konstruktive Wahl, die er da getroffen hat. Wieder einmal zeigt sich die Bedeutung der Verantwortung, die Nikolaidou anmahnt. Thomas Menz übernimmt Verantwortung nur für sich, aber nicht auch für seinen Sohn, obwohl letztere viel wichtiger wäre. Menz hat nicht erkannt, dass Kinder auch einen erlösenden Ausgleich bieten können für die Schuld (uneingelöste Verantwortung usw.), die wir uns im Laufe des Lebens aufbürden.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Am besten wirken die Stimmen der Schauspielerinnen, die ja direkt vom TV-Band stammen, wenn sie sehr emotional sind. Das fällt Despina Pajanou, die zudem Ich-Erzählerin ist, nicht schwer. Ihre Sabrina würde Typen wie Thomas Menz am liebsten auseinander nehmen und neu zusammensetzen. Aber das geht natürlich nicht. Sabrina muss sich auf also auf Schadensbegrenzung beschränken – kein sehr dankbarer Job. Entsprechend wenig sympathisch wirkt auch Sabrina.

Caro kommt in ihrer Rolle weniger gut weg als Sabrina, folglich muss Caros Darstellerin Eva Herzig (siehe Titelfoto, links) etwas härter daraufhin arbeiten, Eindruck zu machen. Dies gelingt ihr allerdings nur bedingt, ob als Mutter oder Polizistin: Sie bleibt eben immer nur die Nummer zwei hinter Sabrina / Pajanou. In dieser Episode erscheint Caro wie eine kleine Nebendarstellerin, ganz im Gegensatz zu ihrer fulminanten Rolle in Episode 2 „Gefährliche Liebschaft“. Das könnte am Drehbuch liegen, das bei Episode 3 von einem anderen Autor stammt und von einem anderen Regisseur umgesetzt wurde.

Die einzige weibliche Rolle, die wegen ihrer unkonventionellen Charakterisierung im Gedächtnis bleibt, ist die der Susanne. Sie arbeitet auf der Reeperbahn, aber im Umfeld eines Juweliers, und hat Kontakt zu dem Unterwelttürken Mehmet. Susanne ist auf Droge, hyperaktiv, spielt gerne mit Hannes Menz, erweist sich aber in einer Krise als völlig abgedreht und hilflos.

Es gibt jede Menge männlicher Darsteller, aber außer „Thomas Menz“ und „Andreas Tiege“ macht keiner davon einen nachhaltigen Eindruck. Auch der psychologische Einblick in „Thomas Menz“ ist denkbar kurz, nämlich nur während seiner kurzen Wutausbrüche gegenüber der „Supermutter Jessica Menz“. Auch „Andreas Tiege“ legt einen Wutausbruch hin, der sich gewaschen hat, seltsamerweise erfolgt dieser aber erst, als sein einziger Ansprechpartner auf der Welt, eine geistig umnachtete Heiminsassin, gestorben ist.

_Musik und Geräusche_

Die Geräusche entsprechen denen im Film und der Zuhörer kann sich ohne weiteres die zugehörige Umgebung vorstellen. Mir ist die realistische akustische Wiedergabe der Schüsse aufgefallen. Als gleich am Anfang der Autoknacker Lambert seine Frau erschießt, zuckte ich zusammen. Der abgegebene Schuss kommt völlig unvermittelt, quasi aus heiterem Himmel. Ein Herzpatient sollte vor solchen Effekten gewarnt werden! Es fallen noch viele weitere Schüsse, besonders im letzten Viertel.

Die Musik ist recht eindrucksvoll gelungen und meist passend. Jede Szene hat ja ihre eigene Stimmung und erfordert die entsprechende Instrumentierung. Nach dem rockigen Intro rückt die Musik in den Hintergrund, bis sie sich in Gestalt einer melancholischen Ballade wieder in den Vordergrund drängt. Die akustische Gitarre illustriert Trauer und Nachdenklichkeit überdeutlich. Eine Pianomelodie deutet zerbrechliche Emotionen an. In weiteren Szenen werden diese Hand voll Musikmotive variiert oder auch nur einfach wiederholt. Sie alle stammen aus dem Hause Horst-Günter Hank und Dennis Kassel, das neuerdings auch für die Produktion von Hohlbeins Hörbuch-Serie „Raven“ herangezogen wurde.

Das Hörspiel wird eröffnet von einem sehr auffälligen Streichermotiv. Es ist lebhaft und von einer fiebrigen Instabilität und Dynamik, die unmelodiös und disharmonsich wirkt, fast als ob der Komponist ein Heavy-Metal-Riff für Streicher transponiert hätte. Nicht zufällig wird das Motiv, das ständig wiederholt und nur wenig variiert wird, zunehmend schneller gespielt. Ich kann dies nur als Symbol für Feuer interpretieren. Dieses Leitmotiv taucht im Verlauf der Handlung immer wieder auf. Der Hörer sollte mal darauf achten.

_Unterm Strich_

Diese dritte Episode von „Doppelter Einsatz“ unterscheidet sich deutlich von den anderen beiden, die als Hörbuch verfügbar sind. Diesmal stehen nicht polizeiinterne Querelen im Vordergrund wie in „Gefährliche Liebschaft“, auch kein Attentäter nimmt die Gesetzeshüter ins Fadenkreuz, sondern ganz normale Eltern geraten auf die schiefe Bahn und bringen ihre Kinder ins Lebensgefahr.

Diese Art der Handlungsführung ist zwar einerseits wenig actionträchtig, wirkt aber auf erziehende Menschen mit Kindern sicherlich umso beunruhigender. Der Showdown ist zwar auch von den obligaten Explosionen begleitet, als ob die Apokalypse hereinbräche, aber das sind nur Showeffekte. Viel schmerzvoller ist der vergeblich verhallende Ruf „Papa!“.

Gut finde ich, dass der Killer, der den Diamantendieb jagt, nicht als ausgerasteter Psychopath hingestellt wird, sondern als ganz normaler Verbrecher, der die letzten Bande der Normalität im Laufe der Handlung verliert und darauf eine menschliche Reaktion zeigt: Verzweiflung.

|82 Minuten auf 2 CDs|

Montgomery, L. M. / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne auf Green Gables. Folge 2: Verwandte Seelen

_Die Verbrechen der Heldin_

Folge 1: Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte …

Folge 2: Mittlerweile hat sich Anne gut eingelebt. Sie erwartet aufgeregt den ersten Besuch auf der Nachbarfarm Orchard Slope, wo die Familie Barry mit ihren Töchtern lebt. Anne hofft, dass die gleichaltrige Diana die von ihr ersehnte „verwandte Seele“ sein wird, die erste leibhaftige beste Freundin. Allerdings ist Mrs. Barry eine sehr strenge Frau, die ihre Töchter nicht mit jedem spielen lässt …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: Verwandte Seelen
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)

Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für |Europa|, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Diana Barry: Uschi Hugo (Brittany Murphy, Tara Reid, Julie ‚Darla‘ Benz)
Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett, Heath Ledger, Matt Damon)
Mr. Phillips: Dennis Schmidt-Foß (Freddie Prinze jr.)
Mrs. Barry: Petra Barthel (Nicole Kidman, Uma Thurman, Julianne Moore, Bridget Fonda)
Doktor: Daniel Werner
Mary Joe: Dascha Lehmann (Katie Holmes, Jennifer Love Hewitt, Keira Knightley)
Minnie May Barry: Friedel Morgenstern (Abigail Breslin in „Little Miss Sunshine“ und „Vielleicht, vielleicht auch nicht“)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Anne hat es geschafft, von ihren neuen Pflegeeltern/Arbeitgebern akzeptiert zu werden. Marilla schenkt ihr sogar eine wertvolle Amethystbrosche. Nun sucht sie sich eine Freundin, eine „Busenfreundin“. Zufällig sucht auch die gestrenge Mrs. Barry auf dem Nachbarhof Orchard Slope eine Freundin für ihre älteste Tochter Diana. Als Anne sie fragt, ist Diana einverstanden und schwört wie verlangt einen heiligen Eid: Sie geloben einander Treue für immer. Anne will im Wald ein Puppenhaus bauen und viel mit Diana unternehmen.

Die Brosche ist verschwunden! Und Anne war angeblich die Letzte, die sie in die Hand genommen hat. Sie beteuert ihre Unschuld, bekommt aber trotzdem Stubenarrest von Marilla. Ist sie eine gewissenlose Diebin? Am nächsten Tag gesteht sie endlich, dass sie die Brosche im nahen See verloren habe. Später erblickt Matthew die Brosche jedoch an einem Schal. Anne hat das Geständnis erfunden, damit Marilla nicht durch die Wahrheit, dass sie selbst ja die Brosche verloren haben könnte, beleidigt wird. Zur Belohnung darf Anne auch zu den anderen Kindern, um mit ihnen am See zu picknicken.

|Ernst des Lebens|

Im September beginnt die Schule – die erste richtige in Annes Leben. Sie darf neben Diana sitzen, mit der sie sich das Pausenbrot teilt. Anne macht unter der Obhut von Lehrer Phillips schnelle Fortschritte und strengt sich an. Daheim erzählt sie von ihrem vierzehnjährigen Mitschüler Gilbert Blythe, der aus der Provinz New Brunswick kommt und der Exfreund von Julie Bell ist. Er durfte drei Jahre lang nicht zur Schule gehen. Anne findet, er sehe „schrecklich gut“ aus.

Im Schulhaus von Avonlea braut sich etwas zusammen. Gilbert Blythe zieht Anne an den Zöpfen und nennt sie „Karotte“. Zur Strafe zerbricht sie eine Schiefertafel, auf die sie sonst schreibt, auf seinem Kopf. Mr. Phillips bestraft beide, und Gilbert entschuldigt sich bei ihr, doch Anne vergibt nicht so leicht. Sie ignoriert ihn, und das nicht bloß für Tage oder Wochen, sondern für Jahre!

Anne will nie wieder in die Schule, was Marilla doch einigermaßen ratlos macht. Vielleicht weiß Rachel Lynde Rat, die immerhin zehn Kinder großgezogen und zwei zu Grabe getragen hat. Ihr Rat lautet: Hausunterricht, denn offenbar sei Mr. Phillips ein schlechter Lehrer. Gegenüber Gilbert bleibt Anne weiter unversöhnlich.

Da Marilla zum Frauenverein gegangen ist, darf Anne Diana selbst bekochen und Johannisbeersaft kredenzen. Doch auf einmal wird Diana schwindlig und übel, sie geht heim und vor ihrem Elternhaus erbricht sie sich in die Büsche. Kein Wunder, dass Dianas Mutter bitterböse reagiert. Wollte Anne ihre beste Freundin etwa umbringen? Anne ist untröstlich. Da findet Matthew endlich die Erklärung: Statt Johannisbeersaft hat sie Johannisbeerwein kredenzt!

Schon wieder muss Marilla Feuerwehr spielen und versucht, Annes „Verbrechen“ auszubügeln. Doch Mrs. Barry stellt sich als harte Nuss heraus. Doch das wird sie bereuen, denn im Januar rettet Anne ihrem Töchterlein unter dramatischen Umständen das Leben …

_Mein Eindruck_

Auch diese Folge weist mehrere Höhepunkte auf und macht die Handlung sehr abwechslungsreich. Während Anne in Folge eins nur drei neue Menschen kennenlernte, nämlich Rachel Lynde und die beiden Cuthberts, bekommt sie es nun mit einer neuen Familie, den Barrys, und einer ganzen Schule zu tun. Folglich müssen ihre sozialen Kompetenzen erheblich ausgebaut werden.

Die Sache mit der „Busenfreundschaft“ bekommt sie ausgezeichnet hin, doch was die Freundschaft zum anderen Geschlecht angeht, muss sie noch üben. Gabriel Blythe ist es bestimmt, später Anne Shirleys Mann zu werden, aber davon sind die beiden weiter entfernt als je. Dass sich Männlein und Weiblein nicht zu nahe kommen, war den Lesern von Montgomerys Buch sicher nicht unrecht, denn die Viktorianer achteten anno 1908 noch streng auf Sitte und Anstand (zumindest äußerlich).

In dieser Folge begeht Anne zwei „Verbrechen“. Ist sie wirklich eine Diebin und Giftmischerin? In diesen Anschuldigungen spiegeln sich die Ängste der damaligen Gesellschaft vor unmoralischen und „gefallenen“ Frauen, die es an Anstand und Moral fehlen lassen. („Gefallene Frauen“ waren Frauen, die zum Beispiel ein uneheliches Kind hatten oder abtreiben ließen, wenn sie sich nicht gleich prostituierten.) Und da Prince Edward Island klein und exponiert gelegen ist, zählt jeder Verstoß eines Gemeindemitgliedes, das die Regeln nicht befolgt, doppelt schwer. Für die Leser war es ebenso wichtig wie für die Figuren im Buch herauszufinden, auf welcher Seite des Gesetzes Anne steht. Zum Glück ist das erste „Verbrechen“ schnell aufgeklärt: Anne ist unschuldig. Und das zweite „Verbrechen“ ist ein Unfall wegen eines Versehens.

Sollte aber dennoch ein Fleck auf Annes Ehre zurückgeblieben sein, wie Mrs. Barry annimmt, so wird dieser Fleck geradezu porentief abgewaschen, als Anne dem kleinen Töchterchen der Barrys das Leben rettet. Weit und breit ist kein Arzt zu bekommen, denn Telefon gibt es hier noch nicht, von Handys und E-Mail natürlich ganz schweigen. Hier ist jeder letzten Endes auf sich selbst angewiesen. In dieser Situation kann sich Anne bewähren und zeigen, dass sie die optimale Krankenschwester wäre.

Schon hier zeigt die Autorin, wo der Platz der Frau als Heldin ist: am Krankenbett, am Herd und später in der Schule und auf der Theaterbühne. Kunst, Bildung, Leben retten – das ist die Domäne der Frau, und sie sollte sich nicht in die Domäne des Mannes einmischen, die da Handel und Politik sowie Militär heißt. Solche Botschaften kommen heute nicht mehr allzu gut an, aber je mehr die Familie und der Nachwuchs schwinden, desto wichtiger werden genau die Werte, die sie erhalten sollen. Und wer weiß, ob die alten Rollenvorstellungen nicht wieder an Boden gewinnen werden.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Folge eins überschlug sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend. In Folge zwei lässt die Redseligkeit Anne etwas nach, aber nicht besonders viel.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt.

Etwas unerklärlich ist der durchgängig gemachte Aussprachefehler aller Sprecher: Sie sprechen Orchard Slope stets mit K statt Tsch aus, also [orkad] statt [ortschad]. „Orchard“ bedeutet Obstgarten.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte UND noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzu kommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

An Anfang und Schluss erklingt als Intro und Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte, das würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist nun zwar in Folge zwei viel deutlicher zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
66 Minuten auf 1 CD
ISBN: 978-3-7857-3457-5|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

Gaspard, Jan / Lueg, Lars Peter / Sieper, Marc – Jack the Ripper – Live in Berlin (Offenbarung 23, Folge 21)

_Die Ripper-Ermittler, live auf der Bühne_

Was bisher bloße Verschwörungstheorie war, wird Realität: Die geheimnisvollsten Tragödien, die skrupellosesten Verbrechen werden entschlüsselt. Die Welt wird nicht mehr die gleiche sein, denn auch das letzte Rätsel wird gelöst.

Wer war Jack the Ripper wirklich – dieser unvorstellbar grausame Serienmörder? Autor Jan Gaspard hat eine verwegene Theorie, die einen der prominentesten Vertreter des viktorianischen Zeitalters der Tat zweifelsfrei überführt. Im Gespräch mit den Protagonisten seiner Hörspiel-Serie „Offenbarung 23“ zeichnet Gaspard, vertreten durch Oliver Rohrbeck, ein vollständiges Bild des perfiden Killers. (Auszug aus der Verlagsinfo)

Was weder Vorder- noch Rückseite der CD eine Erwähnung für würdig halten: Diese CD enthält herrlich lustige Outtakes, die richtig zum Mitlachen animieren. Über eine Viertelstunde Pleiten und Pannen pur.

_Der Autor und die Macher_

Jan Gaspard ist ein Pseudonym. Der reale Mensch hat immerhin eine Mailadresse – das ist doch schon mal was. Laut Verlag soll der Rechercheur für Unternehmer wie Axel Springer, Ross Perot, Rupert Murdoch und sogar Dick Cheney gearbeitet haben. Wer’s glaubt, sollte ihn engagieren. Er zeichnet für „Idee, Konzeption, Recherche & Buch“ verantwortlich.

Für die praktische Umsetzung dieser Steilvorlage sorgte hinsichtlich Regie, Produktion & Dramaturgie Lars Peter Lueg, seines Zeichens Verlagsleiter von |LPL records|. Für den „heiligen Geist“ in Form von „Inspiration“ sorgte Koproduzent Marc Sieper. Schnitt, Musik und Tontechnik lagen in den kompetenten Händen des preisgekrönten [Andy Matern.]http://www.andymatern.de Markus Wienstroer bearbeitete die Gitarren in der Titelmelodie – das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen. Die Aufnahmeleitung oblag Anno Storbeck.

|1. Staffel von „Offenbarung 23“:|
1) [„Wer erschoss Tupac?“ 1934
2) [„Tupacs Geheimnis“ 1948
3) [„Die ‚Titanic‘ darf nie ankommen“ 2012
4) [„Die Krebs-Macher“ 2015

Einschub: [„Offenbarung 23 – Machiavelli“ 2472

|2. Staffel:|
5) [„Das Handy-Komplott“ 2576
6) [„Der Fußball-Gott“ 2577
7) [„Stonehenge“ 2590
8) [„Macht!“ 2591

|3. Staffel:|
9) [„Gier!“ 3104
10) [„Die traurige Prinzessin“ 3113
11) [„Die Hindenburg“ 3131
12) [„Der Piratenschatz“ 3136

|4. Staffel:|
13) [Das Wissen der Menschheit 3885
14) [Das Bernsteinzimmer 3887
15) [Durst! 3900
16) [Krauts und Rüben 3934

|5. Staffel:|
17) [Die Waterkant-Affäre 4340
18) [Menschenopfer 4362
19) [Angst! 4537
20) [Die Pyramiden-Saga 4554

Einschub: 21) Jack the Ripper (Live-Lesung)

|6. Staffel:|
22) Der Fluch des Tutanchamun (Mai 2008)
23) Der Jungbrunnen (Mai 2008)
24) Ausgespäht und Ausgetrickst (Juli 2008)
25) Sex and Crime (Juli 2008)

Mehr Infos: http://www.offenbarung-23.de sowie http://wiki.jan-gaspard.net/ und http://www.vertraue-niemandem.net.

_Die Produktion_

In der Riege der Sprecher finden sich etliche einschlägig vorbelastete Herrschaften, die man schon aus dem Hause |LPL records| kennt:

„Stimme der Wahrheit“: Friedrich Schoenfelder (David Niven, Peter Cushing, Vincent Price)
Erzähler / Jan Gaspard: Oliver Rohrbeck (Ben Stiller, Michael Rapaport)
Georg Brand alias T-Rex: David Nathan (Johnny Depp, Christian Bale)
Tatjana Junk alias Nolo: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Kim Schmittke: Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Adam Sandler, Don Cheadle, Daniel Craig)
Kai Sickmann: Detlef Bierstedt (George Clooney, Bill Pullman, Robert ‚Freddy Krueger‘ Englund)
Boris F. alias Tron: Benjamin Völz (Keanu Reeves, James Spader, Matthew McConaughey, David ‚Mulder‘ Duchovny …)

_Vorgeschichte_

Der Berliner Informatikstudent Georg Brand, in Hackerkreisen als „T-Rex“ bekannt, ist auf eine Verbindung zwischen dem besten deutschen Hacker Boris F. alias „Tron“ und dem Rapper Tupac Shakur gestoßen. Alle möglichen Leute, die Geheimnisse aufdecken oder vertuschen wollen, interessieren sich auf einmal für T-Rex. Während Georg mit Trons ehemaliger Freundin Tatjana Junk alias Nolo anbandelt, meldet sich Tron quasi aus dem Jenseits: Er ist seit 1998 offiziell tot. Ist er das wirklich? Jedenfalls gibt Nolo Georg eine „Chiffre“ nach der anderen in die Hand. Chiffren sind eine Umschreibung für Hinweise auf die Geheimnisse, die Tron vor seinem Tod aufgedeckt hat – brisanter Stoff sozusagen.

_Präsentation_

Dies ist keine Studioaufnahme, sondern eine Live-Aufführung in einem Theater in Berlin, also vor Publikum. Nach all dem Intro-Zeug wie etwa der Serienmelodie stellt der Ansager, gespielt von Oliver Rohrbeck, endlich Jan Gaspard, den Autor vor – oder auch nicht. Denn wer ist dieser Gaspard? Er selbst könnte es sein, oder ein anderer. Wie auch immer: Für Gaspard habe es Vorbilder gegeben: Justus Jonas von den drei Fragezeichen etwa, oder Sherlock Holmes, der später häufig erwähnt wird. Gaspards Methode soll anhand eines Beispiels illustriert werden.

Die Szene wechselt. Gaspard hat ein paar Freunde auf seine Ritterburg eingeladen. Tatsächlich handelt es sich um die wichtigsten Figuren seiner Hörspielserie „Offenbarung 23“ bzw. deren Sprecher: Georg Brand alias T. Rex, gespielt von David Nathan; Tatjana Junk alias Nolo, gespielt von Marie Bierstedt; Kai Schmittke, Georgs Studienkollege und bester Kumpel, gesprochen von Dietmar Wunder; Kai Sickmann, Sensationsreporter, gesprochen von Detlef Bierstedt. Es habe damit begonnen, so Rohrbeck alias Gaspard, dass er den Fall Jack the Ripper recherchieren wollte. Dazu haben die anderen jeweils eine eigene Haltung bzw. Theorie. Wie stets gibt Gaspard ihnen eine Chiffre: das Foto eines kleinen Mädchens mit Elfen. Echte Elfen, Feen, Engel? Die anderen sind verblüfft. Nein, dies sind nur gefälschte Elfen, sagt Gaspard. Die [Cottingley-Mädchen]http://de.wikipedia.org/wiki/Cottingley__Fairies fälschten sie seinerzeit und lösten so eine echte Engels- und Elfenhysterie aus, einen Medienhype, würde man heute sagen. Selbst ein so gewitzter Autor wie Arthur Conan Doyle glaubt an die Existenz dieser Feen bis zu seinem Tod im Jahr 1930. Und was sagt uns das? Man sollte seine Beweise prüfen. Für die Girls war alles nur ein Spiel, für die Erwachsenen seinerzeit blutiger Ernst.

Und die Verbindung zu Jack the Ripper, bitteschön? Gaspard meint, die Indizien lägen alle vor, man bräuchte sie nur noch zusammensetzen. Dann hätte man die korrekte Identität des Serienkillers von 1888. Die anderen sind verblüfft und beginnen zu rätseln.

Ja, wie jetzt? Will Gaspard etwa behaupten, Arthur Conan Doyle sei der fünffache Mörder von Prostituierten in London gewesen? Alle Welt wisse doch, dass es ein Mitglied des königlichen Hofes gewesen sei, oder? Nun beginnt Gaspard seine Beweismittel auszubreiten. In der Tat sind sie umwerfend. Der Schöpfer des weltgrößten Meisterdetektivs – ein Massenmörder?!

_Mein Eindruck: Der Inhalt_

Man kann ja einige Zweifel an dieser Theorie hegen, aber Gaspard/Rohrbeck führt doch zahlreiche Argumente an: von der Psychologie Doyles über dessen Sherlock-Holmes-Werke über die Cottingley-Fälschung bis hin zum Vergleich der Briefe Doyles und Jack the Rippers (siehe auch unten den Abschnitt „Booklet“). Dies alles hat Gaspard im Internet (Wikipedia etc.) und in Büchern recherchiert.

Der Zweck besteht nicht darin, die Theorie schlüssig zu machen, sondern anhand schlagender Indizien zu demonstrieren, wie Gaspards Methode funktioniert und vielversprechende Ergebnisse liefert. Dieses Ziel zumindest wird erreicht. Zweifel an der Stichhaltigkeit der Theorie werden sicherlich bleiben.

_Die Inszenierung_

Oliver Rohrbeck ist der Strippenzieher in dieser Aufführung von „Offenbarung 23, Folge 21“. Seine eigene Firma ist bekanntlich die |Lauscherlounge|, und deren ästhetisches Prinzip basiert auf dem lauten Vorlesen eines Textes und entsprechender Improvisation, wenn der Sprecher mal nicht mit dem vorgegebenen Text einverstanden ist. So läuft das hier auch ab, mit interessanten Ergebnissen.

Die Live-Atmosphäre trägt dazu bei, dass die Sprecher aus sich herausgehen und mit den anderen interagieren, was ja im Studio strikt vom Text reguliert wird. Hier wird’s richtig lustig, wenn die Männern drauflos spekulieren. Doch Marie Bierstedt alias Nolo ruft immer wieder zur Vernunft und spielt den Advocatus Diaboli, der alles in Zweifel zieht, egal, was Gaspard anführt. Denn wie immer gilt auch hier: „Vertraue niemandem!“

|Die Sprecher|

Erstaunlicherweise bleiben die Sprecher auch in der Live-Aufführung ihren Rollen treu, auch wenn ihnen das nicht immer leichtfällt. Die Illusion der Trennung zwischen Sprecher und Rolle ist nicht immer einfach aufrechtzuerhalten. Detlef Bierstedt gelingt das am besten, denn er hängt einfach den gelernten Reporter raus, der schon alles gesehen hat.

|Geräusche und Musik|

Das wichtigste Geräusch ist wohl der Applaus der Theaterbesucher. Das nächste ist das Summen des Diaprojektors (scheint ein alter zu sein). Leider wurde meine Aufmerksamkeit vom lauten Ticken einer Uhr abgelenkt. Ansonsten wird die Titelmelodie eingespielt – und auch mal abgebrochen – und diverse Musik-ähnliche Sounds erklingen. Das scheint ein Synthesizer zu sein. Ohne diese Klangkulisse würde die Aufnahme ungemütlich und steril wirken. Die Musik erzeugt Anspannung ebenso wie Entspannung – das ist nicht sonderlich anspruchsvoll. Das Ganze hat ebenso wie das |Lauscherlounge|-Konzept Werkstattcharakter. Und ist natürlich sehr preisgünstig zu produzieren.

|Das Booklet|

Dass es sich diesmal um eine Live-Lesung handelt, dokumentieren im Booklet drei farbige Fotos von den Sprechern. Alle scheinen echt gut drauf zu sein. Danach folgt eine Seite mit Credits für die Mitwirkenden und eine Seite mit den Covern der 20 vorhergehenden Folgen.

Die letzte Seite ist die interessanteste. Unten stehen die Weblinks für weiterführende Quellen zu Jack the Ripper, Arthur Conan Doyle und zu den Cottingley-Mädchen, die die Engelsfotos fälschten. Oben sind drei Fotos zu sehen. Sie zeigen den berühmten Brief, den der Mörder mit dem Absender „From Hell“ in blutroter Tinte schrieb. Neben dem großen Foto des Briefes heben zwei kleinere Abbildungen Details aus der Handschrift heraus. Diese Details werden im gesprochenen Text verglichen und spielen somit eine wichtige Rolle. Auf der Titelseite ist der Brief noch einmal zu sehen, allerdings flach, verzerrt und kaum leserlich.

|Die Outtakes| (ca. 16:50 Minuten)

Die Outtakes beinhalten Pannen wie etwa Versprecher und viele Lacher. Jedes Outtake wird durch ein nettes Hupe-Geräusch vom nächsten abgetrennt. Betroffen sind fast alle Serienfolgen, besonders aber „Die Krebsmacher“, wegen der vielen Fremdwörter. Zu den Sprechern gehören David Nathan, Dietmar Wunder, Marie Bierstedt, Detlef Bierstedt, Till Hagen, Tilo Schmitz, Andy Matern (genannt „DJ Andy“) und diverse andere, die mir nicht auswendig geläufig sind. Manchmal herrscht verblüffte Stille nach einem seltsamen Satz – da kommt der Einsatz einfach nicht. Oder es wird herumgeblödelt, um eine „Ho-use-Party und Seangse“ (Séance) – wir sind in Berlin – zu veranstalten. Am Schluss prosten uns die Sprecher zu – das war’s.

Alles in allem ist es sehr lustig, und weil ich mit vom vielen Lachen anstecken ließ, kringelte ich mich bald in meiner Sitzgelegenheit. Schade, dass auf der Verpackung nirgends darauf hingewiesen wird.

_Unterm Strich_

So eine Live-Lesung hat ja ihren speziellen Charme. Die Unmittelbarkeit, der direkte Ausdruck der Sprecher je nach Charakter, die Geräuschkulisse inklusive tickender Uhr, der Applaus, all das hat seinen besonderen Reiz.

Darüber soll natürlich auch das Thema des Abends nicht vergessen werden: Jack the Ripper. Die Theorie, dass es sich um Arthur Conan Doyle handelt, mutete mir zunächst ziemlich abstrus an, aber je mehr Indizien und Verdachtsmomente Rohrbecks Gaspard anführt, desto plausibler erscheint die Theorie. Auch wenn man sich ihr nicht anschließen will, so erfährt man doch einige unbekannte und unangenehme Einzelheiten aus dem Leben Doyles – ein ehebrechender Brutalo, der geadelt wurde, da schau her.

|74 Minuten auf 1 CD|
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Stoker, Bram / Gruppe, Marc – Amulett der Mumie, Das (Gruselkabinett 2)

_Mystisch: Das Juwel der sieben Sterne_

London 1904: Abel Trelawny fällt in seinem mit Pharaonenschätzen bestückten Haus in ein mysteriöses Koma. Seine Tochter Margaret und sein junger Anwalt sind ratlos. Eigenartigerweise hat Trelawny offenbar mit einem solchen Vorfall gerechnet und entsprechende Verfügungen hinterlassen.

Es scheint ein unheimlicher Zusammenhang mit Tera, einer magiekundigen Pharaonin, zu bestehen. Teras Mumien-Sarkophag hatte Trelawny just in dem Augenblick entdeckt, als seine Frau während der Geburt Margarets in London starb …

_Der Autor_

Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des damals berühmten Theaterschauspielers Henry Irving verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers „Dracula“ gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.

|Bram Stoker bei Buchwurm.info|:

[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16 – 19)
[„Das Schloss der Schlange“ 2987
[„Draculas Gast“ 1086
[„Dracula“ 622 (Hörspiel 2004)
[„Dracula“ 210 (Buch)

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Malcom Ross, Anwalt: Herbert Schäfer
Abel Trelawny, Archäologe: Christian Rode (Christopher Plummer, Michael Caine, Telly „Kojak“ Savalas)
Margaret, seine Tochter: Janina Sachau (Max-Ophüls-Preisträgerin)
Mrs. Grant, seine Haushälterin: Dagmar von Kurmin
Dr. Eugene Corbeck, Archäologe: Jürg Löw
Dr. Winchester: Lothar Didjurgis
Sgt. Daw: Jens Hajek
Schwester Kennedy: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates & Whoopi Goldberg)

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Studio AudioCue, Rotor Musikproduktion, Scenario Studio und bei Kazuya statt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Der Archäologe Abel Trelawney hat sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und möchte nicht mehr gestört werden, denn ein wichtiger Zeitpunkt nähert sich. Auch das Katzenvieh seiner Tochter Margaret darf sein Heiligtum auf keinen Fall betreten, das mit allen möglichen Raritäten aus dem alten Ägypten vollgestopft ist. Im Zentrum steht der riesige Sarkophag der Königin Tera, inklusive ihrer Mumie. Daneben ist der kleinere Sarkophag eines Tieres aufgestellt, das Tera vielleicht als Schutzgeist im Jenseits betrachtet hat, als sie sich bestatten ließ.

Sobald die Haushälterin Mrs. Grant den Raum verlassen hat, steigt ein merkwürdiger Geruch aus dem Sarkophag auf und eine Stimme ruft Trelawney zu, ihr endlich das Amulett zu geben, damit sie wiederauferstehen kann. „Vollziehe das Ritual“, befiehlt die Stimme. Dann ertönt ein Fauchen, ein Klirren – schließlich Stille …

Der Anwalt Malcolm Ross öffnet morgens um drei Uhr verschlafen seine Wohnungstür, denn das Klopfen will einfach nicht aufhören. Mrs. Grant, die er gut kennt, gibt ihm einen Brief von Margaret Trelawney: Es ist ein Hilferuf! Ross eilt sofort zum Haus des Archäologen, denn für Margaret hat er sehr viel übrig, um nicht zu sagen: Liebe. Margaret ist froh über sein Kommen und duzt ihn verstohlen ebenfalls. Offenbar erwidert sie seine Zuneigung.

Mr. Trelawney liegt in einem Koma, und der herbeigerufene Arzt Dr. Winchester ist sehr besorgt. Diese Kratzspuren am Handgelenk des Patienten hätten zum Verbluten führen können. Daran ist ein Armband befestigt, an dem wiederum ein Schlüssel hängt. Und wie kam es, dass der schwere Körper vom Schreibtisch zum Tresor an der Wand geschleift werden konnte, zu dem der Schlüssel passt? Sergeant Daw von Scotland Daw steht ebenfalls vor einem Rätsel. Die präsentierten Lösungsansätze erscheinen allesamt absurd. Da bringt Mrs. Grant einen Brief Trelawneys, welcher genaue und strenge Anweisungen enthält. Man müsse seinen Körper streng bewachen.

Malcom Ross erklärt sich natürlich gerne bereit, die erste Nachtwache neben dem Patienten zu verbringen und hofft auf Margarets charmante Gesellschaft. Seine Hoffnung wird enttäuscht, als eine Krankenschwester ihren Platz einnimmt, damit die junge Frau schlafen kann. Die Nacht vergeht ereignislos, bis auf die Tatsache, dass die Krankenschwester ebenfalls ins Koma fällt und Ross nur durch die Tatsache vor dem gleichen Schicksal gerettet wird, dass er sich ein Sauerstoffgerät gekauft hat, um wachzubleiben. Margaret ist außer sich: Nennt man das vielleicht aufpassen?! Trelawney wurde ein zweites Mal verwundet und zum Tresor geschleppt. Was mag darin verborgen sein?

Daw, Winchester und Ross wird die Sache allmählich unheimlich. Und ihnen scheint, es gebe nur einen Mensch, der Gelegenheit hatte, die Tat erneut zu begehen: Margaret. Sie wohnt erst seit kurzem im Haus, seit sie das Internat verlassen hat. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, just als ihr Vater gerade in Ägypten das Grab der Königin Tera entdeckte. Als ob sie ahnte, dass man über sie spricht, tritt die Genannte auch schon ein. Hat sie einen sechsten Sinn entwickelt? Und was haben die Trancezustände zu bedeuten, in die sie immer häufiger verfällt?

Den Schlüssel zum Rätsel scheint endlich die Ankunft von Dr. Eugene Corbeck zu liefern. Er ist sehr aufgeregt, denn ihm wurde etwas Wertvolles gestohlen, das Trelawney unbedingt zum 31. Juli – also heute – haben wollte. Als er den komatösen Kollegen sieht, ist Corbeck erschüttert und beginnt zu erzählen. Daw will wissen, was ihm geraubt wurde. Es waren sieben Leuchten aus dem Grab Teras, und Trelawney braucht sie für das Ritual, mit dem er Tera wieder zum Leben erwecken will. Seine Zuhörer sind nicht nur befremdet, sondern erschüttert. Eine Mumie zum Leben erwecken – geht das überhaupt?

Und ob, antwortet Corbeck, denn Tera war keine gewöhnliche Pharaonin. Weil ihr Vater fürchtete, sie werden einem Putsch der Priester zum Opfer fallen, ließ er sie in schwarzer Magie ausbilden, in der sie sich als Meisterin erwies. Und die Art und Weise, wie sie ihren Tod herbeiführte, lässt durchaus die Hoffnung zu, dass sie mit Hilfe des korrekt ausgeführten Rituals zum Leben erwacht. Allerdings war Tera von den Priestern mit einem Fluch belegt worden. Sie nannten sie „die Namenlose“ …

Da tritt Mrs. Grant ein. Sie hat sieben Leuchten gefunden! Und die Krankenschwester meldet, Trelawny sei wie durch ein Wunder erwacht. Nun kann das Ritual wie geplant stattfinden. Die Frage ist nur: In welcher Gestalt wird die Königin wiederauferstehen? Und wie wird sich der Fluch auswirken, der auf ihr liegt und schon mehrere Opfer gefordert hat?

_Mein Eindruck_

Das alte Ägypten ist seit den Filmen um „Die Mumie“ – das Remake eines Klassikers der Dreißigerjahre – wieder sehr beliebt geworden, und der ägyptischen Altertümerverwaltung unter Dr. Hawass ist die neu erwachte Begeisterung für Pharaonen und Pyramiden sicher nicht unrecht, spült sie doch Scharen von zahlungskräftigen Touristen ins Land, die helfen, ihre Kassen zu füllen.

Dass der Kern der altägyptischen Religion nicht nur mit Jenseitsverehrung, sondern auch mit Magie zu tun haben könnte, ist jedoch wohl eine Erfindung westlicher Schriftsteller. Sie schreiben vom „Fluch des Pharao“, der Howard Carter und seine nächste Umgebung heimgesucht habe, zur Strafe dafür, dass er das Grab Pharao Tutenchamuns entdeckt und geplündert habe.

Bram Stoker, der Schöpfer des Grafen Dracula, suchte natürlich für seine Erzählungen weitere fruchtbare Felder, die er beackern konnte, und stieß mit dem alten Ägypten auf eine sprudelnde Quelle. Auch wenn seine Story meines Wissens noch nicht verfilmt worden ist, so hält die Figur der Tera eine Fülle von faszinierenden Archetypen bereit: Die mächtige, junge und schöne Frau ist quasi untot und sucht – wie der Gott Osiris – die Auferstehung. Ihre Magie wirkt über die Jahrhunderte hinweg auf das Leben eines Mannes ein, der sich zu ihrem Diener erklärt: Abel Trelawny.

In diesem mystischen Kontext ist die Idee nicht absurd, dass es zu einer Art Seelenwanderung gekommen sein könnte. Madame Blavatsky von der Theosophischen Gesellschaft, die mit ihrem Mystizismus den Geister- und Elfenglauben der Viktorianer förderte, hätte sich jedenfalls sehr über Stokers Idee gefreut. Stoker veröffentlichte die Erzählung „The Jewel of Seven Stars“ anno 1907, ein paar Jahre nach seinem fulminanten Erfolg mit „Dracula“.

Die Seelenwanderung ist deshalb wichtig, weil zwei Elemente zusammenkommen müssen, damit die mumifizierte, in Trelawnys Sarkophag liegende Königin zum Leben erwachen kann. Erstens muss das Ritual korrekt ausgeführt werden, wobei das titelgebende Siebengestirn eine wesentliche Rolle spielt. Und zweitens muss das Amulett auf die Mumie gelegt werden, das als Schlüssel und Kompass für die Seele Teras dient. Diese Seele kehrt also von den Sternen zurück. Doch in welcher Gestalt soll sie sich materialisieren, wenn doch der Körper der Königin danach sofort zu Staub zerfallen würde? Mehr darf nicht verraten werden.

Das Hörspiel ist mit seinen Rückblenden dramaturgisch recht geschickt aufgebaut. Ich liebe gerade die klassische Entdeckerszene, als Corbeck und Trelawny Teras Gruft betreten – das könnte direkt aus einem Indiana-Jones-Film stammen. Natürlich mangelt es auch nicht an Geheimtüren und tödlichen Fallen. Während Trelawny beschließt, den Willen der Magierkönigin zu vollstrecken, liest Corbeck die Geschichte von Teras schrecklichem Schicksal vor. Wir wissen gleich, dass das Verhängnis naht – und vielleicht sogar schon zugeschlagen hat. Denn Mrs. Trelawny starb nicht zufällig im Kindbett …

Das Hörspiel steigert die Spannung zu einem Finale, das sich in puncto Action nicht zu verstecken braucht. Man muss es vielleicht mehrmals hören, um alles mitzubekommen, was dabei vorgeht. Ein langer qualvoller Schrei ist zu hören, doch von wem stammt er?

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Diesmal hat mir besonders Janina Sachau als Margaret gefallen. Sie muss nämlich sehr wandlungsfähig sein. Zunächst erscheint Margaret als unschuldige junge Frau, die kein Wässerchen trüben könnte, weshalb Ross sie ja liebt. Doch warum lauscht sie an Türen und klagt ihn lautstark an, er habe seine Pflicht vernachlässigt? Außerdem verfällt sie in rätselhafte Trancen, in denen sie – mit verzerrter Stimme – Sätze über Dinge äußert, von denen die bewusste Margaret keine Ahnung haben dürfte. Die Margaret, die wir im Epilog kennen lernen, hat nur noch wenig mit jener im Prolog gemein. Sie ist selbstsicher und scheint sogar zu wissen, was die Zukunft bringt.

Sachau wird von einer Riege erprobter Bühnenschauspieler flankiert, die das Drama zum Leben zu erwecken wissen. Wie so häufig in |Titania|-Hörspielen sind Christian Rode, Dagmar von Kurmin, Lothar Didjurgis (der Inspektor in „Das indische Tuch“) und Regina Lemnitz mit von der Partie. Lemnitz ist uns als Stimmbandvertretung von Kathy Bates bestens vertraut.

|Geräusche und Musik|

Die Musik ist wie fast jede andere Filmmusik nach konventionellem Muster gestaltet, und niemand, der auf alte Dracula-Filme steht, wird sich daran stören. Die Musik lenkt die Emotionen auf wirkungsvolle Weise, aber von Subtilität kann diesmal leider keine Rede sein. Nach dem Prolog, der dem armen Trelawny fast das Leben kostet, dröhnt das klassische Orchester gar bombastisch aus den Lautsprecherboxen.

Vielleicht lag es ja daran, dass ich diesmal lauter als sonst aufgedreht hatte, aber dieser Bombast war einfach zu viel. Auch die Übergänge zu den beiden Rückblenden sind durch Musik begleitet, die von Posaunen dominiert wird. Chöre werden eingesetzt und in der Gruftszene sogar eine Solosängerin. Man hat offenkundig keine Kosten und Mühen gescheut, aber das Ergebnis ist einfach zu viel des Guten.

Recht interessant ist diesmal der Einsatz von Filtern, um die Stimmen zu verzerren. Meist betrifft dies die Sprecherinnen, vor allem die Figur der Margaret. Verfällt sie in Trance, wird ihre Stimme undeutlicher und mit Hall unterlegt, so dass ihre Worte einen mystischen Beiklang erhalten. Die Stimme Teras klingt ähnlich, aber noch einen Tick geisterhafter. Recht witzig fand ich die „Katzenviecher“, von denen es möglicherweise zwei gibt: Silvio, Margarets Kater, und die Katze, die Tera aus der Vergangenheit mitgebracht hat … Da wird gehörig gefaucht und geschnurrt.

_Unterm Strich_

Auch dieses Hörspiel aus der renommierten und preisgekrönten „Gruselkabinett“-Reihe kann mit einer relativ spannenden Storyline aufwarten. Interessanter ist aber wohl noch die altägyptischen Szene, die jeden an den ersten Indiana-Jones-Film erinnern dürfte. Natürlich ist das Beschwörungsritual, das Trelawny ausführen soll, eine Inspiration für die entsprechenden Szenen in „Die Mumie 1 und 2“ gewesen, und Zauberlehrling Harry Schotter hat sicher auch seinen Teil davon abbekommen.

Allerdings gibt es ein Konzept hinter der Handlung, das uns nicht ohne weiteres geläufig ist: die Seelenwanderung eines Astralleibes. Dies ist die Bedingung, damit sowohl das Überdauern als auch die Wiederauferstehung der ollen Pharaonenhexe funktionieren können. Für den Archäologen Trelawny scheint dieses ungewohnte Konzept jedoch täglich Brot zu sein – vielleicht weil er mit den altägyptischen Göttern per Du ist und das Totenbuch in- und auswendig kennt. Für mich trifft das jedenfalls nicht zu. Und deshalb brauchte ich auch wenig Zeit, um zu kapieren, was Trelawny und Corbeck im Einzelnen genau vorhaben. Die Ergebnisse des Rituals erschienen mir deshalb umso erstaunlicher.

Diesmal gebührt die Palme für die herausragende Sprechrolle Janina Sachau, denn sie muss ihre Margaret auf vielfältige und nicht leicht zu durchschauende Weise darstellen. Schade, dass ihre gute Performance von der Bombast-Musik derart überdeckt wird, dass man sich nur mit Mühe an sie erinnert. Weniger wäre diesmal mehr gewesen.

|78 Minuten auf 1 CD|

Home – Atmosphärische Hörspiele


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_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)