Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendliteratur

Baccalario, Pierdomenico – Century 1: Der Ring des Feuers

_Spannendes Jugendbuch: Lehrreiche Schnitzeljagd durch die Ewige Stadt_

Alle hundert Jahre wird die Menschheit herausgefordert. Alle hundert Jahre müssen vier Jugendliche ein großes Abenteuer bestehen. Weitere hundert Jahre später werden erneut vier Jugendliche in Rom auserwählt. Sie verbindet ein Geheimnis. Als ein Mann ihnen ein Köfferchen anvertraut, bevor er weiterflieht, finden sie darin eine seltsame Karte aus Holz. Die Herausforderung beginnt in Rom, der Stadt des Feuers, und damit ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Pierdomenico Baccalario wurde 1974 in Piemont geboren. Schon früh begeisterte er sich fürs Lesen und durchstöberte die riesige Bibliothek seiner Eltern nach abenteuerlichen Geschichten. An der literarischen Schule schrieb er selbst Geschichten, erfand Rollenspiele und die dazu passenden Welten. Nach der Schule studierte er zunächst Jura, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben zuwandte. Gleich für seinen ersten Fantasyroman „Die Straße des Kriegers“ wurde er ausgezeichnet. Seine Bücher werden weltweit in über 20 Sprachen übersetzt. Bekannt ist er auch unter dem Pseudonym Ulysses Moore. „Der Ring aus Feuer“ ist der Aufakt zum CENTURY-Zyklus.

|Der CENTURY-Zyklus:|

1) Der Ring aus Feuer
2) Der Stern aus Stein
3) Die Stadt des Windes
4) Der Weg zur Quelle

Mehr Info und Probekapitel unter: http://www.thecentury.it/century/

_Handlung_

In einer einsamen Hütte, die mitten auf einer kahlen Eisfläche steht, sind zwei Männer und eine Frau versammelt. Sie warten gespannt auf eine Nachricht. Endlich erscheint eine vierte Frau: „Es beginnt – in Rom!“ Endlich kann es losgehen.

Durch eine Überbuchung geschieht es, dass im römischen Hotel Quintilia am 29. Dezember vier Jugendliche das gleiche Zimmer teilen müssen. Elettra ist die Tochter des Hotelbesitzers, der ihnen diese Unbequemlichkeit eingebrockt hat. Sie teilt sich die zwei Doppelstockbetten mit einer Französin namens Mistral, die Parfümherstellung studieren will; mit Harvey, dem trotzigen Amerikaner; und mit Sheng, dem lustigen Chinesen, der für seinen Vater eine Art Versuchskaninchen in Sachen Hotels-Testen ist.

Als sie sich kennenlernen, finden sie etwas Unglaubliches heraus. Harvey ist am 29. Februar geboren und findet, dass diese Merkwüdigkeit unschlagbar sei. Mistral ist erstaunt und seltsam berührt: Auch sie ist am gleichen Datum geboren. Und Sheng ergeht es ebenso. Elettra schweigt und geht zum Fenster. Natürlich ist auch sie an diesem Tag geboren. Aber was hat dieser „Zufall“ zu bedeuten? Oder hat das Schicksal sie alle hier zusammengeführt?

Elettra trägt nicht umsonst den Namen „Elektrische“, denn als sie Sheng berührt, versetzt sie ihm einen elektrischen Schlag, der sich in eine Lampe fortpflanzt, die sofort explodiert. Das Zimmer ist in Finsternis getaucht. Seltsamerweise aber auch das gesamte Viertel Trastevere. Und alle Viertel diesseits des jenseitigen Tiberufers. Als Sheng seine Augen wieder öffnet, leuchten seine Augen gelb wie die einer Eule und er sieht scharf wie ein Adler.

Da nun nichts mehr anzustellen ist und alle viel zu aufgeregt sind, um an Schlaf zu denken, gehen sie hinaus, um sich die vom Schneetreiben herbeigezauberte Winterwunderlandschaft anzusehen. Auf der dunklen Straße, die nur von Autoscheinwerfern beleuchtet wird, diskutieren die Menschen über die Ursache des Blackouts. Straßenbauarbeiten? Die vier Jugendlichen beginnen eine Schneeballschlacht, dann führt Elettra sie weiter zu jener Zone, von der aus man auf das hell erleuchtete restliche Rom schauen kann. Es die Brücke Quattro Capi, die älteste über den Fluss.

Hier torkelt und stürzt ein hagerer Mann vor ihnen in den Schnee, der ein Köfferchen an sich klammert. Er ruft um Hilfe, doch die Jugendliche sind wie erstarrt. Dann hört Elettra, wie er eine Zahl murmelt: „Neunundzwanzig.“ Sie rührt sich und hilft ihm auf. Er drückt ihr sein Köfferchen in die Arme und flüstert angsterfüllt, er werde verfolgt. SIE seien hinter ihm her. Und er eilt weiter. Direkt in die Arme seines Mörders, der sich als Geigenspieler am Tiberufer aufgestellt hat …

Am nächsten Morgen, den 30. Dezember, gehen die vier Kinder hinunter in den kuschelig warmen Keller des Hotels und stellen den Koffer vor sich auf ein Tischchen. Sollen sie es wirklich wagen, die Büchse der Pandora zu öffnen, fragt sich Elettra? Schließlich hat das Ding bereits ein Menschenleben auf dem Gewissen, wie sie aus der Zeitung erfahren hat, die ihr Harvey gab. Dennoch erscheint es ihnen besser, endlich Bescheid zu wissen, als stets in Ungewissheit zu leben, ohne zu ahnen, wer hinter dem Inhalt des Köfferchens her ist.

Elettra öffnet die Verschlüsse des Behälters. Als sie deren Verpackungen entfernt, kommen ein Regenschirm und vier hölzerne Kreisel zum Vorschein, eine hölzerne Karte mit einem seltsamen Labyrinth darauf, ein Zettel und – echt unheimlich – ein menschlicher Eckzahn mit einem eingravierten Ring darauf. Auf dem Zettel steht ein Rätsel: „Alle hundert Jahre ist es Zeit, die Sterne zu beobachten. Alle hundert Jahre ist es Zeit, die Welt kennenzulernen. Welche Rolle spielt es, auf welchem Weg du die Wahrheit suchst? An ein so großes Geheimnis gelangt man nicht nur aus einer Richtung. Solltest du es lüften, musst du es sorgfältig hüten, um zu verhindern, dass andere es entdecken.“ Alle sind ratlos.

Der Mörder trifft sich mit seinen Komplizen in einem Café. Er ist stinksauer, weil das Opfer einen wichtigen Gegenstand NICHT dabei hatte: ein Köfferchen. Sollte sein Auftraggeber davon erfahren, wäre der Tod des Versagers, der das Opfer hat entwischen lassen, lang und schmerzhaft. Also ziehen Beatrice, die Fahrerin des Mörders, und ihr Komplize, der alles verbockt hat, los, um den Verbleib des Köfferchens zu klären. Nicht, dass sie viel Hoffnung hätten. Doch auf der BrückeQuattro Capi meint es der Zufall gut mit ihnen: Da liegt eine Badekappe mit der Aufschrift „Hotel Domus Quintilia“ …

Unterdessen fasst sich Elettra ein Herz und packt den einzigen Gegenstand, der einen konkreten Hinweis enthält: den Regenschirm. Er trägt die Aufschrift des Café Greco. Und wo das liegt, weiß in Rom jedes Kind. Zusammen mit den Objekten aus dem Koffer, die sie in Shengs Rucksack stecken, traben sie los, um die Herausforderung anzunehmen.

_Mein Eindruck_

Wie in Dan Browns Bestsellern „Sakrileg“ und „Illuminati“ folgen die vier, die offensichtlich auserwählt wurden, dem Krümelpfad, den ihnen mehrere Hinweise legen. Als Erstes stoßen sie auf die Spur des getöteten Professors Alfred Van Der Berger, der ein wissenschaftlicher Assistent am Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte war. So steht es auf seiner Visitenkarte, die im Fototeil des Buches abgedruckt ist. Die Jugendlichen finden die Karte an der Unterseite eines Tisches im Café Greco. Und schon beginnt es.

|Schnitzeljagd|

Der Professor befasste sich mit einem Mythos, der an die mittelalterlichen Alchimisten erinnert und den auch Dan Brown in seinem Thriller „Das verlorene Symbol“ rudimentär wieder aufgreift: Dass die Sterne das Schicksal der Menschen bestimmen – „wie unten, so auch oben und umgekehrt“. In Van der Bergers Notizbuch ist die Rede von einem „Mädchen der Sterne“ und einem „Ring des Feuers“. Hinter Letzterem ist auch der Mörder her, und das Quartett ahnt, dass es verfolgt wird. Sie müssen schneller sein als der Mörder.

|Im Bauch Roms|

Die Geschichte führt die Vier in das tiefste und verwinkeltste Rom, irgendwo zwischen Trastevere und Coppedè, wo es recht merkwürdig gestaltete Häuser gibt (siehe Fotos). Es ist, als wolle der Autor den jungen Leser mit den verborgenen Geheimnissen seiner Stadt bekanntmachen. Aber dies ist kein Selbstzweck, denn nachdem das französische Mädchen, Mistral, entführt worden ist, bemühen sich Harvey und Sheng sie wiederzufinden. Sie stoßen auf einen Helfer des Professors, einen zerstreuten Elektroingenieur, und auf eine Zigeunerin, die ebenfalls einen Hinweis liefert.

|Der Ring des Feuers|

Die Schnitzeljagd führt in den Untergrund – wie könnte es anders sein? – und zu einem Showdown. Hier erweist sich, dass Elettra nicht umsonst von Unbekannt ausgewählt worden ist, sondern aufgrund ihrer beunruhigenden Eigenschaft, elektrische Felder wahrzunehmen und zu erzeugen. Sie folgt den Hinweisen und gelangt endlich zum Versteck des uralten Rings des Feuers, mit dem angeblich Prometheus den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen, seinen Geschöpfen, zu schenken.

|Bildungsreise|

Dieser Ring ist etwas völlig anderes als der Eine Ring in Tolkiens Fantasy-Bestseller. Der Autor weiß durchaus Originalität mit historischen Kenntnissen zu verbinden. Zugleich macht er seinen Leser unauffällig mit uralten Ideen auf eine Weise bekannt, dass diesem die Ideen brandneu vorkommen. Spannende Unterhaltung und Bildungsvermittlung gehen hier Hand in Hand.

|Der Killer|

Spannend wird das Buch nicht so sehr durch die Schnitzeljagd an sich, sondern durch die Bedrohung, die der besondere Killer dabei darstellt. Er tötet den Professor mit einem perfiden Mordinstrument, und er arbeitet nicht für sich selbst, sondern im Auftrag eines Mannes, dessen Namen (psst! Heremit Devil) man nicht laut aussprechen darf. Der Mörder mit dem deutschsprachigen Namen Jacob Mahler versetzt mit seinem Todesinstrument die vier Jugendlichen in einen tranceähnlichen Zustand, so dass sie leichte Beute für ihn darstellen. Diese Szene findet in einer der Wohnungen des Professors statt. Diese Wohnung erweist sich als Todesfalle. Was hat sich der Prof dabei nur gedacht?

Doch auch die Wohnung, wohin Mahler die Französin entführt, ist echt unheimlich. Dennoch müssen Harvy und Sheng sie betreten und auskundschaften. Man braucht keine Burgen mit Geistern wie etwa Minas Morgul, um vier normalen Jugendlichen echte Todesangst einzujagen. Und natürlich finden sie eine Leiche …

Doch eine Frage bleibt bis zum Schluss ungeklärt: Wie konnte es den Spielern des Century-Spiels gelingen, die vier Jugendlichen überhaupt auszuwählen und alle in Elettras Zimmer unterzubringen? Nur unter dieser Bedingung konnte das Spiel ja beginnen. Doch wer sich mit Krimis auskennt, der ahnt, dass es mit dem Hotel Domus Quintilia eine besondere Bewandtnis hat …

|Der Doku-Teil|

Diesmal würde ich ausnahmsweise dem Buch den Vorzug vor dem Hörbuch geben, denn es hat einen unschätzbaren Vorzug: einen Mittelteil, der auf Hochglanzpapier sämtliche Schauplätze des Buches dokumentiert, und zwar nicht nur mit einer Straßenkarte, sondern auch mit Fotos und Dokumenten wie etwa Kassenbons aus den vielen Cafés, die eine Rolle spielen.

Sofort findet sich der Leser im Labyrinth Roms zurecht. Zudem sieht alles durch die Dokumente äußerst realistisch aus. Hat die Schnitzeljagd nach dem Ring des Feuers etwa wirklich stattgefunden, fragt man sich unwillkürlich.

|Die Übersetzung|

Ein Italiener hat das Buch übersetzt, doch leider kennt sich Nicola Bardola zwar optimal mit Italien und seiner Kultur aus, aber nicht hundertprozentig mit Deutschland, seiner Sprache und seiner Kultur. So ziehen hierzulande die Sterne nicht ihre „Spur“, sondern ihre Bahn. Und wenn die Rede von Silvester dem Kater ist, dann heißt seine liebste Beute nicht „Twitty“, sondern „Tweety“, das Vögelchen.

_Unterm Strich_

Ich habe dieses spannende und lehrreiche Buch an nur einem Sonntag gelesen. Es ist sehr verständlich und flott im modernen Filmstil erzählt, außerdem findet die Handlung im Präsens statt, also sehr unmittelbar und anschaulich. Der jugendliche Leser lernt beim Abenteuer der vier jede Menge über die Ewige Stadt, aber auch über alte Mythen, Legenden und Kulte. Die Begegnung mit der Vergangenheit führt denn auch folgerichtig ganz weit hinunter in das Fundament einer besonderen Kirche, wo einer der Showdowns stattfindet. Hierbei geht es um Mystik, nicht um Magie, auch wenn Elettras großer Auftritt ganz danach anmutet.

Natürlich darf das Geheimnis des wahren Rings des Feuers nicht ungelüftet bleiben. Der Autor liefert uns eine verblüffend einfache Erklärung, wie Prometheus das Feuer vom Himmel holte. Nur mit der Behauptung, dass die ollen Sumerer Kelten gewesen sein sollen, kann ich mich nicht so recht anfreunden. Ich kann mir keine Bewohner von Uruk als rothaarige Barden vorstellen. Die Klärung dieser Frage überlasse ich aber gerne den Kulturhistorikern.

|Die Doku|

Ein besonderer Bonus ist der Dokumentationsteil in der Mitte des Buches, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Hiermit erweckt der Autor den Anschein, dass er selbst dort war, um das Abenteuer der Vier zu dokumentieren. Sein Mitarbeiter Iacopo Bruno trug noch ein paar Zeichnungen bei, die angeblich die Französin Mistral anfertigte. Auf diese Weise wird die Handlung anschaulich. Jede Seite ist mit einem der vier Kreisel markiert, die eine ganz besondere Rolle auf der hölzernen Karte spielen, die auf dem Titelbild abgebildet ist.

|Originaltitel: Century – L’anello di fuoco, 2006
Aus dem Italienischen von Nicola Bardola
335 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 10 Jahren
ISBN-13: 978-3-8339-3201-4|
http://www.baumhaus-verlag.de
http://www.luebbe.de

Die drei ??? und die feurige Flut (Band 148)

So langsam nähert sich die beliebte Jugendserie einem weiteren Jubiläum. Der 150. Fall der drei Detektive kündigt sich für Anfang 2010 an. Vor einigen Bänden stieß Kari Erlhoff als Neuzugang hinzu und erweitert somit den Kreis der derzeit aktiven ???-Autoren von Vier (Marx, Nevis, Sonnleitner, Vollenbruch) auf nunmehr Fünf. Der im September 2009 erstmals veröffentlichte Band „feurige Flut“ ist, folgt man der in Fankreisen mittlerweile etablierten Chronologie der EUROPA-Hörspiele, die Nummer 148 – Die Bücher aus dem Hause |Franckh-Kosmos| besitzen nämlich keinerlei Nummerierung, das war schon in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts so. Als weitere Remineszenz an diese Zeiten darf auch das neuerliche Auftauchen einer alten Bekannten gelten, welche den Jungs seinerzeit fast den letzten Nerv raubte.

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Marx, André – Die drei ??? und das versunkene Dorf

Die Erstveröffentlichung des 136. Falles des pfiffigen Detektiv-Trios aus dem fiktiven Rocky Beach in Kalifornien fiel im Februar 2007 ziemlich genau in das nahe Ende der Lizenzstreitigkeiten zwischen dem deutschen Stammverlag |Franckh-Kosmos| und den amerikanischen Rechteinhabern. Sehr zur Freude der treuen Leserschaft konnten die Stuttgarter die Zukunft der beliebten Serie retten und sich die Rechte sichern. Es gab daraufhin gottlob nur geringfügige Änderungen, wie das ® hinter „Die drei ???“ sowie ein kaum merklich abgeändertes Cover-Erscheinungsbild. Das macht die 2007er Erstausgaben fast schon zu Sammlerstücken, diese folgen nämlich noch dem alten Design, welches ab 2008 endgültig Geschichte ist – auch für spätere Auflagen der alten Bände.

_Zur Story_

Darren Duffs hat schon viel von den drei Fragezeichen gehört. Man könnte sogar behaupten, er ist ein glühender Verehrer. Umso aufregender für ihn, dass er einen potenziellen Fall für Justus, Peter und Bob anzubieten hat. Schließlich kann man vom kleinen, beschaulichen Kaff Ridgelake im Bundesstaat Oregon nicht gerade behaupten, es wäre eine vor Abenteuer sprühende Metropole. Doch ein nächtens geheimnisvoll leuchtender Bergsee? Das ist doch schon mal was. Interessant genug, um die Drei die beeindruckende Distanz von 700 Meilen auf sich nehmen zu lassen. Prompt verfransen sich die Detektive auf dem Weg ins Dorf und werden sogleich Zeuge davon, dass Darren nicht gesponnen hat. Mehr noch: Sie retten einen alten, verwirrten Mann aus dem eiskalten Wasser.

Statt Dankbarkeit schlägt dem Trio im Dorf aber Misstrauen entgegen. Die schrulligen Bewohner Ridgelakes, insbesondere der feindselige Wirt Joe Wilcox, mögen keine Fremden – das schließt auch Darren mit ein, obwohl er der Großneffe des Bürgermeisters ist. Bei diesem wohnen die Jungs auch, wobei Darren seinem Großonkel Cedric wohlweislich nichts von deren Detektivtätigkeit erzählt. Bei ihren Recherchen finden sie dann heraus, dass das „alte“ Ridgelake seinerzeit aufgegeben wurde, das Dorf aber immer noch existiert: Auf dem Grund des nahen Stausees. Den gesamten Ort scheint seither ein düsteres Geheimnis zu umgeben, welches auch das Leben in der neuen Siedlung beeinträchtigt. Um Klarheit zu bekommen muss man zuweilen tief tauchen … Gelegentlich auch mal in der Vergangenheit.

_Eindrücke_

André Marx gehört seit den Neunzigerjahren fest zum Establishment der so genannten „Neuen Ära“ der Serie, wobei er ein breites, wenn nicht sogar das bislang breiteste Themenspektrum in seinen Büchern aufzubieten hat. Sozusagen die Allzweckwaffe unter den ???-Autoren. Nicht alle seine Stories stoßen auf Begeisterungsstürme bei den Fans, was auch ziemlich unmöglich sein dürfte, im Großen und Ganzen liefert er jedoch stets zumindest solide Geschichten ab. Und auch nicht wenige Glanzlichter. Dazu gehört der Fall des versunkenen Dorfes ebenfalls. Die Zutaten sind zwar allesamt ziemlich bekannt und auf die eine oder andere Art sicher auch schon einmal verwendet worden. Doch wie so oft im Leben ist das jeweils eine Frage der richtigen Mischung.

Sieht man davon ab, dass es sicher recht unwahrscheinlich sein dürfte, ob die drei Jungs wirklich 700 Meilen mal eben so aus Jux und Dollerei für einen nicht mal sicheren Fall zurücklegen würden, ist die Geschichte stimmig und atmosphärisch dicht. Tragendes Element ist hierbei das versunkene Dorf selbst sowie das quasi unvermeidliche Tauchen dorthin, welches im Sinne des Spannungsbogens selbstverständlich nicht komplikationslos verlaufen kann und darf. Solcherlei Dinge regen naturgemäß die Fantasie an und sorgen auch für ein leichtes Schaudern. Dabei geht es aber nicht um reine Effekthascherei, das alles passt sich nahtlos in die intelligente und teilweise anrührende Rahmengeschichte ein, die am Schluss sogar noch mit einer recht unerwarteten Wendung auftrumpfen kann.

_Fazit_

Es ist alles vorhanden, was Fans – und solche, die es vielleicht werden wollen – gerne lesen: Ein spannendes Setup mit Action und Witz, eingebettet in ein wohldurchdachtes, schlüssiges Gesamtbild. Dass dabei natürlich auch so manches lieb gewonnene ???-Klischee bedient wird, gehört logischerweise dazu. Der routiniert verfasste, rasch verschlungene Band hat das Zeug dazu, ein moderner Klassiker zu werden und liefert einmal mehr den Beweis, dass auch heute nach nahezu 50 Jahren immer noch gute Bücher der Serie erscheinen.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die drei ??? und das versunkene Dorf“ – Band 136
Basierend auf Figuren von Robert Arthur
Erzählt von André Marx
Franckh-Kosmos, 2007/2008
Cover Illustration: Silvia Christoph
Redaktion: Martina Zierold
|128 Seiten Hardcover
ISBN-13: 978-3-440-11705-7|

Susanne Rauchhaus – Die Übersinnlichen

Ihr Romandebüt von 2008 lag nicht mehr als ein Jahr zurück, als Susanne Rauchhaus mit „Die Übersinnlichen“ bei Ueberreuter ihren zweiten Jugendroman veröffentlichte. Bisher war sie in engen Kreisen für regelmäßig erscheinende Kurzgeschichten bekannt, umso mehr kann man sich über ihren erfolgreichen Start in einem großen Publikumsverlag freuen.

Seit frühester Kindheit fühlt sich Jana als Außenseiterin, ja Monster mit unkontrollierbaren Kräften – und unkontrollierbar sind sie für das junge Mädchen tatsächlich. Mit ihrem aufbrausenden Temperament einher geht die Fähigkeit, |Dinge entstehen zu lassen|. Für den Leser beginnt es mit ihrem Erlebnis nach einem Kinobesuch, nach dem eine Mitschülerin mit einem Lehrer anbandelt. Als sie ihn zur Rede stellt, macht er sich lustig und bedroht Jana mit schlechten Noten und was ein Lehrer noch tun kann. In ihrer Wut fühlt Jana, wie der Schatten des Lehrers sich verdichtet, auf ihn zu geht und nach ihm greift – bis Jana in Panik an frische Erdbeeren denkt und den Spuk damit beendet.

Ihre Eltern sind es Leid, ständig den Wohnort zu wechseln, um Jana einen Neustart zu ermöglichen, nachdem wieder unmögliche Dinge passiert sind. Sie glauben nicht an ihre Kräfte, schicken sie aber nun auf ein Internat, das sich mit außergewöhnlichen Fällen beschäftigt. Und tatsächlich offenbart der Schulleiter vor Jana, dass es sich um eine Schule für besonders begabte Menschen handelt, denen geholfen werden soll, ihre Kräfte in den Griff zu bekommen und nützlich einzusetzen. Und selbst die Lehrer der normalen Fächer wissen nichts von den unglaublichen Aktivitäten der Schüler im Nachmittagsunterricht. Klar, dass sich dubiose Organisationen für die Kinder interessieren, und der Schulleiter täuscht seine Hilfsbereitschaft auch nur vor – was Jana fast zu spät bemerkt …

Meist sind es gute Charaktere, die einen gelungenen Roman ausmachen. Bei Jugendromanen sind es Identifikationsfiguren für die jungen Leser, also oft coole Typen, die aber stark mit inneren Konflikten kämpfen. Rauchhaus gelingt es gut, verschiedene Typen zu skizzieren, die alle auf Grund besonderer Erfahrungen zu dem geworden sind – oder eher auf dem Weg sind, jemand zu werden -, als den man sie kennen lernt.

Jana leidet über große Teile der Handlung unter ihrer Gabe, die sie nicht kontrollieren kann. Schon ihre Eltern haben ihr jedwede Entwicklung von Selbstbewusstsein unmöglich gemacht, und so offenbaren die Gefahren am Internat und ihre Mitschüler für sie den bestmöglichen Auslöser der Selbstentwicklung, der Befreiung. Das ist eine Entwicklung, die sich über den gesamten Roman hinzieht, zeitlich gesehen allerdings in wenigen Wochen abläuft. Doch in der Abgeschlossenheit eines Internats sind derlei Wandlungen (gerade in dem Alter) durchaus denkbar. So nimmt Jana schließlich das Zepter in die Hand und kämpft für die Freiheit und Eigenverantwortung ihrer selbst und ihrer Mitschüler. Ihr Temperament ist ihr in dieser Phase ein oft hilfreicher Partner.

Nick, der Junge, der in tranceähnlichen Zuständen hellseherische Zeichnungen anfertigt, ohne aus ihnen schlau zu werden, ist deprimiert, weil er oft die Zeichnungen erst im Nachhinein deuten kann und damit nicht in der Lage ist, schlimme Ereignisse abzuwenden. Er ist ziemlich zurück gezogen, erst sein schüchternes Interesse an Jana lockt ihn aus seinem eigenbrödlerischen Schutzpanzer. Man könnte die Augen verdrehen, wenn man den beiden so zusieht: Jana merkt natürlich nichts von Nicks Interesse.

Hannah, Telepathin, scheint auf unergründliche Weise mit Jana verbunden zu sein. Doch kommen die beiden nicht richtig in Kontakt, so dass hier die tragische Figur der Geschichte gezeichnet wird: Mit Hannahs Tod kommen die Ereignisse richtig ins Rollen, doch ist dieses unschuldige Opfer nicht mehr rückgängig zu machen und nimmt seine Geheimnisse und eine interessante Persönlichkeit frühzeitig mit ins Grab. Schade, denn Hannah war ein geheimnisvoller, mysteriöser Charakter, dem Rauchhaus hätte noch einiges entlocken können. So entpuppt sie sich nur als einsames missverstandenes und irregeleitetes Mädchen.

Dann gibt es noch die obligatorische Schmink-und-Glamour-Fraktion, die augenscheinlichen Dummchen der Schule, die aber ihre eingeschworene Clique haben wie in Teeny-Filmen gern vertreten. Außerdem eine gehasste Außenseiterin, die allerdings nur im Schatten von Hannah gehasst und gemieden wird, da sie das Mädchen verteidigt und ihr nachstellt, um ihre Geheimnisse zu ergründen. Allerdings weiß sie dafür erstaunlich wenig über Hannah. Der Schulleiter ist eben ein Erwachsener, der mit viel größerer zwischenmenschlicher Erfahrung arbeiten kann als die Jugendlichen. Dadurch kann er sie gut beeinflussen und im Zaum halten, ohne dass man ihm schnell böse Absichten unterstellen könnte. Erst die zufällig aufgedeckten dubiosen Geschäfte, deren Gegenstand die Schüler selbst sind, entblößen sein wahres Wesen.

Interessanter Weise stellen sich die Übersinnlichen schließlich der Polizei, statt wie sonst in solchen Geschichten üblich auf eigene Faust und ja ohne Kenntnis der Behörden für Gerechtigkeit zu sorgen. Immerhin muss die Polizei nur noch den Dreck weg machen, den Rest erledigen die Jugendlichen – und haben schließlich doch noch einen Plan für ihre Zukunft.

Den echten Bösewicht der Geschichte darf man hier nicht unterschlagen: Erst sehr spät erkennt man sein Wesen, wirklich böse ist er natürlich auch nicht, doch ein echter Fall für die Super Nanny, und selbst die hätte es mit ihm schwer. Seine Liebesbeweise äußern sich zum Beispiel darin, dass er andere Schüler runter macht oder in Gefahr bringt oder mit seinen unerkannten Fähigkeiten beeinflusst. Er verschließt sich jedem Verständnis für Moral und Gemeinschaftssinn, und doch spürt man dahinter die Versäumnisse seiner Kindheit.

Der Roman vereint einige wichtige Eigenschaften in sich, die ihn zu einem empfehlenswerten Buch machen: Spannend, sehr zügig und flüssig, unterhaltsam und gut ausgefeilte Charaktere. Dabei eine fast klassische Entwicklungskurve mit sich überschlagenden Ereignissen zum Finale und dem nachdenklichen Ende. Die Autorin sollte man im Auge behalten!

Broschiert: 271 Seiten
Verlag: Ueberreuter (15. Januar 2009)
ISBN-13: 978-3800054558

Willkommen


http://www.susanne-rauchhaus.de/

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,33 von 5)

Bettina Stietencron und Marianne Garff – Hans Stoffelchen

Gedichte für Kinder sollen niedlich und auf kindliche Art spannend sein, dazu ist es von Vorteil, wenn sie kurz und reich illustriert sind. Der Verlag |Freies Geistesleben| veröffentlicht kindgerechte kompakte Bilderbücher mit Geschichten/Gedichten über Zwerge, Trolle, Bären, Kobolde und andere Themen, die in kindlicher Fantasie eine große Rolle spielen können. Dabei geht es vor allem um die Bilder, in diesem Fall von der Künstlerin Bettina Stietencron, die für diese Gedichte den feinfühligen Hintergrund liefern.

Das Gedicht

Entnommen dem Band „Es plaudert der Bach. Gedichte für Kinder“ von Marianne Garff trägt es den Originaltitel „Es war einmal ein kleiner Tropf“. Dabei geht es um ein kleines Männlein, das in einer Scheune unter dem Dach wohnt und sich auf den Balken sitzend die Beine schaukelt, bis es eines Tages seine Pantoffeln auf diese Weise verliert. Der Erzähler des Gedichts schnitzt ihm darauf hin neue und freut sich über das Glück, das er dem Männchen beschert – und ist genau so überrascht von der Wirkung seines Geschenks …

Die Illustrationen

Die ganzseitigen Bilder überdecken meist die Doppelseite und zeigen das zu den Versen passende Bild mit liebevollen Details. So veranschaulichen zum Beispiel zwei Mäuse, die dem armen Tropf beim Pantoffeln anziehen zusehen, die Größenverhältnisse in friedlicher Atmosphäre.

Überhaupt schaffen die Farben und ruhigen Formen eine sehr harmonische Atmosphäre, so dass für Kinder nicht die Gefahr besteht, diese spannende Geschichte als Angst einflößend zu betrachten. Das Männchen hat einen bequem aussehendes rot kariertes Hemd an und eine gelbe Zipfelmütze über grau-weißen Haaren und einem struppigen Bart.

Vor dem gleichmäßigen Hintergrund der Bilder, die alle in warmen Farbtönen gehalten sind, fällt nur die Kleidung des kleinen Mädchens auf, das offenbar die Tochter des Erzählers ist und mit ihm gebannt verfolgt, wie Hans Stoffelchen auf die neuen Pantoffeln reagiert. Das Mädchen trägt einen strahlend blauen Rock über einem kontrastierten gelb leuchtenden T-Shirt. Dieses Mädchen ist die eigentliche Hauptfigur des Bilderbuchs, denn ihm gilt die erzählte Geschichte, in der ihr Vater sie auf Stoffelchen aufmerksam macht und wahrscheinlich auch für ihre Freude die winzigen neuen Pantoffeln schnitzt.

Das ist die Interpretation, die das Gedicht allein nicht hervorrufen kann, sondern die nur bei Betrachtung des Bilderbuches möglich ist. Damit gewinnt die Illustration für dieses Buch den Charakter des Schwerpunktes, denn sie vereinfacht die Interpretation nicht nur, sondern bringt das Gedicht den Kindern / der Zielgruppe erst richtig nahe.

Die Aussage, die das Gedicht abgesehen von seiner Spannung für Kinder interessant macht, nämlich die Aufwertung von der Uneigennützigkeit mancher Handlungen und was sich Positives daraus ergeben kann, indem man sich gegenseitig Freude bereiten will, ist natürlich direkt auf kleine Kinder zugeschnitten, die noch nicht alle Illusionen von Nächstenliebe an die egoistische Realität verloren haben.

Fazit

„Hans Stoffelchen“ ist ein wunderschönes kleines Bilderbuch, gut geeignet zum abendlichen Vorlesen und Träumen für die Kinder. Stietencrons Malerei erfasst mit sicherer Hand die Stimmung und verleiht dem Gedicht ein ganz neues Charisma.

Gebundene Ausgabe: 30 Seiten
ISBN-13: 978-3772518348

Für Kinder ab 3 Jahre
http://www.geistesleben.com/

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Sonnleitner, Marco – Die drei ??? – Der tote Mönch

Gut 140 Fälle hat das fiktive Juniordetektiv-Trio seit den Sechzigerjahren gelöst und immer noch erscheinen weitere Bände der beliebten Serie. Diese ist mittlerweile fest in deutscher Hand. Nach vielen und langjährigen Querelen hat der |Franckh-Kosmos| Verlag sehr zur Freude des Fandoms die Lizenzerechte erworben. Seither veröffentlicht man dort mit schöner Regelmäßigkeit neue Titel der Jugendbuchreihe. Der vorliegende Band „Der tote Mönch“ von Marco Sonnleitner gehört zu den aktuelleren Büchern und stammt aus dem Jahr 2008. Die Hörspielfassung wurde übrigens unlängst – wie üblich von |EUROPA| – vertont und steht seit Herbst 2009 ebenfalls in den Händlerregalen.

_Zur Story_

Ein ganz normaler Badetag am Strand von Rocky Beach beschert den drei Detektiven unverhofft einen neuen Fall. Auf dem Weg nach Hause werden sie Zeuge eines Beinaheunfalls auf der Küstenschnellstraße. Ein schwerer Truck hätte um ein Haar einen Mann überfahren, der geistesabwesend und unvermittelt die Fahrbahn betrat. Lo Wang – ein Chinese, wie man anhand des Namens unschwer erkennen kann – arbeitet und wohnt als Gärtner bei einer recht bekannten Bildhauerin des Ortes: Christine Harkinson. So viel können die drei Fragezeichen aus ihm heraus bekommen. Justus, Peter und Bob beschließen ihn aufgrund seines sichtlich angeschlagenen Nervenzustands persönlich bei Miss Harkinson abzuliefern.

Diese ist entsetzt. Lo Wang scheint aber in letzter Zeit permanent neben der Kappe zu sein. Er hat eine Heidanangst – nur wovor, das verrät er nicht. Die drei Detektive bieten ihr ihre Hilfe an und stoßen bei ihrer Observation des Gärtners ziemlich rasch auf die bewegte Vergangenheit des Grundstücks. Einst stand hier eine christliche Mission, von deren Ruinen sogar immer noch einige im Garten Christine Harkinsons zu sehen sind. Irgend jemand hat nun dem abergläubischen Lo Wang eingetrichtert, dass dort böse Geister wohnen – gerade auf dem alten Friedhof soll ein ganz besonders renitenter Spuk wandeln. Tatsächlich alarmiert Christine die drei Fragezeichen spät abends höchst besorgt, als sie unheimliche Geräusche unter ihrem Haus wahrnimmt. Das hat nämlich gar keinen Keller.

_Eindrücke_

Marco Sonnleitner ist immer gut für eine Gruselgeschichte. In seinem Portofolio für die Serie finden sich fast ausnahmslos Stories mit Mystery-Einschlag. „Der tote Mönch“ gehört zweifellos dazu, verschenkt aber ungewöhnlich viel Potenzial. Irgendwie will in den ersten zwei Dritteln des Buches keine rechte Atmosphäre aufkommen, wenngleich die Zutaten dafür durchaus zahlreich vorhanden sind. So vergeht zunächst Seite um Seite mit vergleichsweise ödem, detektivischem Klein-Klein. Zwar gewürzt mit einer Prise Humor, doch prinzipiell ziemlich spannungsarm. Erst zum Showdown hin zieht die Spannungskurve deutlich an, dann taucht erst der namensgebende Unhold auf und macht den Protagonisten das Leben schwer.

Diese Figur hätte schon wesentlich früher im Plot gelegentlich mal durchblitzen sollen, damit die Leserschaft wach und bei der Stange bleibt. So konzentriert sich der interessante Teil der, übrigens nicht immer ganz so plausiblen, Geschichte im letzten Drittel. Dabei hat sie unter anderem auch mit der begrenzten Anzahl an Mitwirkenden zu leiden, denn einer von denen muss schließlich der Bösewicht sein. Die Auflösung des Ganzen ist, auch ohne viel kriminologische Fantasie, recht nahe liegend und weder neu noch sonderlich originell – nach mittlerweile fast 150 Fällen ist es sicher auch schwer, stets ein unverbrauchtes Kaninchen aus dem Hut zu ziehen. Da sind Parallelen mit bereits vorhandenen Bänden kaum zu verhindern.

_Fazit_

Titel, Titelbild und Covertext versprechen mehr, als dieser Jugendroman der berühmten Serie tatsächlich halten kann. Immerhin handelt es sich beim 134. Fall des Trios dennoch um gesunde Mittelklasse, wobei der rasante Schluss und der gut dosierte Humor für den über weite Strecken stark zusammenkonstruiert wirkenden und lahmen Rest noch ein paar Punkte retten können. Schade, denn gerade atmosphärisch wäre weitaus mehr drin gewesen. Alles in allem ein Band, für dessen Besitz und offene Zurschaustellung im heimischen Regal man sich jedoch nicht schämen muss.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die drei ??? – Der tote Mönch“ – Band 134
Basierend auf Figuren von Robert Arthur
Erzählt von Marco Sonnleitner
Franckh-Kosmos, 2007/2008
Cover Illustration: Silvia Christoph
Redaktion: Martina Zierold
128 Seiten Hardcover
ISBN-13: 978-3-440-11703-3

RICHELLE MEAD – Blutsschwestern (Vampire Academy 01)

Sie sind zwar keine Zwillinge, aber auf magische Art und Weise miteinander verbunden: Lissa und Rose sind die erwachsenere, etwas freizügigere Version von „Hanni und Nanni“. Sie wohnen im Internat St. Vladimir’s in Montana, wo sie alles Wichtige für ihr zukünftiges Leben in einer düsteren Welt voller Magie und Untoter lernen. Und wie gefährlich das sein kann, lernen sie im ersten Band der „Vampire Academy“-Reihe „Blutsschwestern“ auf brutale Art und Weise.

In Meads Welt gibt es neben normalen Menschen drei weitere „Arten“ von Wesen: Die Moroi, zu denen Lissa gehört, sind lebende Vampire, die zwar Blut brauchen, aber nicht töten; Strogoi sind tote Vampire, die die Moroi jagen und ausrotten wollen und sehr gefährlich sind; und dann gibt es noch die Wächter, zu denen Rose gehören wird, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Die Aufgabe der Wächter ist es, auf die Moroi aufzupassen, damit diese den Strogoi nicht zum Opfer fallen.

Normalerweise leben Moroi und Wächter-Novizen im Internat St. Vladimir’s einträchtig nebeneinander her, doch bei Lissa und Rose ist das anders. Sie kennen sich schon sehr lange und sind durch ein magisches Band verbunden, durch das sie die Gefühle der anderen wahrnehmen können. Außerdem kann Rose sich manchmal in Lissas Gedanken hinein versetzen. Ein solches Band ist selten genug und es hilft den beiden, als jemand Anschläge auf Lissa verübt. Ein Unbekannter legt tote Tiere in ihr Zimmer, was sie in Angst und Schrecken versetzt und die wagemutige Rose alarmiert. Irgendjemand scheint es auf Lissas Leben abgesehen zu haben …

„Blutsschwestern“ ist Dark Fantasy mit einem Schuss Romantik, der genau auf die Zielgruppe jugendlicher Leserinnen zugeschnitten ist. Die Intrigen und Liebeleien auf dem Internat nehmen einen wichtigen Platz in der Handlung ein, genau wie das Liebesleben der Protagonistin und Erzählerin Rose. Diese hat damit zu kämpfen, dass sie allgemein einen etwas liederlichen Ruf hat, dass sich ihr guter Freund Mason für sie interessiert und dass sie ihren Privattrainer, den Wächter Dimitri, überaus attraktiv findet. Dimitri scheint Ähnliches für sie zu empfinden, doch er beruft sich stets auf den Altersunterschied von sieben Jahren und seine Position. Das macht das Training der Beiden nicht unbedingt einfach, besonders, da Rose manchmal sehr sturköpfig sein kann.

Daneben hat die Handlung noch einiges Anderes zu bieten: Erlebnisse aus der Vergangenheit der beiden Mädchen, eine verschwundene Lehrerin, Angriffe und Action, Magie und eine historische Gegebenheit, die für die Gegenwart sehr wichtig ist. Richelle Mead mixt in dem Buch sehr viel zusammen. Das tut der Geschichte nicht gerade gut. Es fehlt der Fokus, häufig passiert zu viel auf einmal. Gerade die Handlungselemente, die über den Internatshorizont hinausgehen, verblassen, weil sich sehr viel um das Miteinander der Schüler und Schülerinnen dreht. Das beschreibt die Autorin zwar sehr spannend und anschaulich, aber die Nebenhandlungen lenken davon ab.

Rose Hathaway, die siebzehnjährige Hauptperson, ist als solche keine schlechte Wahl. Sie ist zwar noch nicht ganz ausgereift und wirkt manchmal etwas fahl, aber auf weiten Strecken kann sie überzeugen. Das junge Mädchen ist frech, gewieft und man sollte sich nicht mit ihr anlegen. Sie ist kein braves Mädchen, besitzt aber durchaus anständige Charakterzüge. Ihr Humor und ihre Aggressivität machen sie zu einer kühnen Heldin, die den jugendlichen Leserinnen gefallen wird.

Die Identifikation mit Rose dürfte leicht fallen, da sie aus der Ich-Perspektive erzählt und ihre Gedanken und Gefühle (und manchmal auch die von Lissa) sehr lebendig und authentisch darstellt. Der Schreibstil der Autorin erinnert dabei stellenweise an den, der auch in Frauenromanen mit schlagfertigen Hauptfiguren angewendet wird. Mit ihrem bissigen Witz und der temperamentvollen Wortwahl macht Mead nichts falsch. Das Buch liest sich angenehm und schnell und Rose bekommt durch die Dialoge und Beschreibungen noch mehr Leben eingehaucht.

„Blutsschwestern“ ist ein guter Auftakt für eine Reihe von Vampirbüchern, die auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten sind und diese vermutlich auch erreichen werden. Rose ist eine authentische und sympathische Hauptperson, deren Witz und Biss das Buch fast zu einem Vergnügen werden lassen, wäre da nicht die stellenweise etwas verwirrte Handlung. Doch die weiteren Bände von „Vampire Academy“ sollten Richelle Mead die Möglichkeit geben, dieses anfängliche Manko auszubügeln.

Originaltitel: Vampire Academy
Aus dem Englischen von Michaela Link
287 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3802582011

http://www.egmont-lyx.de

Schweikert, Ulrike – Lycana. Die Erben der Nacht 2

Band 1: [„Nosferas. Die Erben der Nacht“ 5084

Im ersten Band von Ulrike Schweikerts Jugendbuchreihe um „Die Erben der Nacht“ schickte die Autorin die Nachkommen der sechs europäischen Vampirclans zu den Nosferas nach Rom, um dort das Jahr in der Vampirakademie zu verbringen. Diese war ins Leben gerufen worden, um die Animosität zwischen den verschiedenen Familien zu überwinden und die Erben an den unterschiedlichen Stärken der Clans teilhaben zu lassen. In Rom zum Beispiel lernten sie, wie man am besten religiösen Symbolen widersteht ohne in Flammen aufzugehen – sicherlich eine nützliche Fähigkeit für einen Vampir.

_In der Fortsetzung_ „Lycana“ geht die Reise nun nach Irland. Alisa aus Hamburg, Franz Leopold aus Wien, Luciano aus Rom und all die anderen jungen Vampire reisen nach Dunluce, auf die Burg der Lycana. Gerade die hochnäsigen und auf Schau bedachten Dracas aus Wien rümpfen die Nase über die einfachen Verhältnisse auf Dunluce. Nicht nur gibt es in Irland nichts als Gras und Schafe, auch gehen die Lycana mit ihren vampirischen Servienten recht freundschaftlich um, was den Dracas sauer aufstößt, die es bevorzugen, ihre Diener bei jeder Gelegenheit herum zu kommandieren. Alisa jedoch ist begeistert von Irland, nicht nur ist sie gespannt auf das Land und darauf, was sie bei den Lycana wohl lernen wird. Auch freut sie sich auf ein Wiedersehen mit Ivy-Maire und ihrem Wolf Seymour, mit denen sie sich in Rom schnell angefreundet hatte.

Die Lycana haben die einzigartige Gabe, Tiere zu sich zu rufen und sie zu ihren Zwecken zu gebrauchen – zum Beispiel um Nachrichten zu überbringen. Und als I-Tüpfelchen sind sie sogar in der Lage, sich in verschiedenste Tiere zu verwandeln, also in Wölfe, Fledermäuse oder gar Falken, sollte ihnen der Sinn danach stehen. Es ist nun die Aufgabe der Erben, diese Fähigkeit ebenfalls zu erlangen, wobei sich einige besser anstellen als andere. Alisa und Franz Leopold begreifen das Prinzip recht schnell, Luciano hingegen plagt sich mit einigen Schwierigkeiten herum – und als er es dann endlich schafft, sich in einen Wolf zu verwandeln, ist dieser recht struppig und erstmal überhaupt nicht eindrucksvoll.

Die Lernerfolge der Erben werden jedoch jäh unterbrochen, als sich herausstellt, dass die Vampire von Unbekannten verfolgt werden. Um die Jungen in Sicherheit zu bringen, jagt der Anführer der Lycana, Donnchadh, mit ihnen über die gesamte Inseln, um sich schließlich auf Aughnanure zu verschanzen. Allerdings droht den Vampiren nicht nur Gefahr von dieser Seite, denn gleichzeitig schwelt der alte Konflikt zwischen den Lycana und den ebenfalls in Irland ansässigen Werwölfen wieder auf. Es droht zum offenen Krieg zu kommen und zu allem Überfluss bedient sich ein skrupelloser Werwolf auch noch eines kleinen Grüppchens Menschen, um seine Ziele zu erreichen.

_Das alles ist viel_ Stoff für einen Roman, doch Ulrike Schweikert setzt sich niemals unter Druck. Statt dessen lässt sie sich für ihre umfangreiche Geschichte mit ihrem zahlreichen Personal über 500 Seite Zeit. Dabei lebt das Buch über weite Strecken nicht nur von den lebendig beschriebenen Charakteren, sondern auch von der peniblen Recherche der Autorin, der es gelingt, Irland mit all seiner Schönheit und Mystik vor dem geistigen Auge des Lesers erstehen zu lassen. Hatte sie sich in [„Nosferas“ 5084 noch auf die Hochkultur gestützt, auf Bücher, Musik und Theater, so konzentriert sie sich in „Lycana“ statt dessen auf die Landschaft, auf Schlösser und Ruinen und auf alte keltische Mythen und Geschichten. So mutet dieser Band stellenweise etwas esoterisch an, beispielsweise wenn von „magischen Orten“ die Rede ist, an denen Kraftadern zusammenlaufen, die sich die jungen Vampire zunutze machen sollen. Doch schließlich handelt es sich bei „Lycana“ um einen Fantasyroman, und wo wenn nicht in Irland bieten sich solche Passagen an.

Wie schon im Vorgänger konzentriert sich Schweikert auf einige Hauptfiguren, nämlich Alisa, Franz Leopold, Luciano und Ivy-Maire und beleuchtet deren wachsende Freundschaft. Nun gibt es zwar auch die ersten Flirts und sogar einen ersten Kuss, doch ist Schweikert weitsichtig genug, ausreichend Konfliktpotenzial einzustreuen, um die Beziehungen zwischen den Charakteren auch noch in den folgenden Bänden spannend gestalten zu können.

Ebenfalls großen Raum innerhalb der Handlung nimmt eine wachsende Xenophobie ein. Schon in „Nosferas“ wurde der Gegensatz zwischen reinen und unreinen Vampiren skizziert. Jene, die wie die Erben als Vampire geboren wurden, sehen sich denen, die per Biss dazu gemacht wurden, als überlegen an und so werden diese Vampire als Servienten oder „Schatten“ gehalten. Gerade die Standes bewussten Wiener Dracas sehen in ihren Servienten keine gleichwertigen Vampire, Franz Leopold spricht sogar einmal fast wörtlich von unwertem Leben. In Irland jedoch sind sie vollwertige Mitglieder des Clans, dürfen Entscheidungen treffen und über ihr eigenes Leben bestimmen. Und tatsächlich mutet diese Unterteilung in Kasten seltsam an, sind es doch eigentlich die gebissenen Vampire, die mehr evolutionäre Vorteile aus ihrem neuen Dasein ziehen. Sie altern nicht (wohingegen die reinen Vampire einem Alterungsprozess unterworfen sind) und können unter Umständen sogar am Tag agieren (für reine Vampire offenbar unmöglich). Es bleibt abzuwarten, ob sich die Servienten auch in Zukunft damit zufrieden geben werden, als Diener ihr Dasein zu fristen.

Unbedingt erwähnt werden sollte, dass auch Bram Stoker und Oscar Wilde wieder auftauchen. Diesmal bekommen die beiden sogar ihren eigenen Handlungsstrang, zu dessen Höhepunkt Stoker ein weiteres Mal auf Ivy trifft. Sein Interesse an allem Übernatürlichen – und besonders an Vampiren – ist bereits geweckt und er hat im Verlauf der Handlung mehrmals die Gelegenheit, einen Blick auf die Blutsauger zu erhaschen. Schließlich sollte er langsam anfangen, Inspiration für seinen großen Vampirroman [„Dracula“ 210 zu suchen!

_Im Nachwort_ erläutert Schweikert ihre Prämisse für „Die Erben der Nacht“ so: |“Mir ist es wichtig, kurze Einblicke in die Historie des Landes, die Politik, Kunst und den Stand der Wissenschaften mit ihren damals neuen Erfindungen zu geben, sei es nun die Medizin, die Architektur oder die Technik neuer Maschinen.“| Ohnen Zweifel ist Schweikert dieses Vorhaben mehr als gelungen. Mit „Lycana“ hat sie einen astreinen Schmöker vorgelegt, der nicht nur Fantasy-Fans sondern auch Liebhaber historischer Geschichten und Abenteuerromane glücklich machen dürfte. „Die Erben der Nacht“ ist All-Age-Fantasy, die für wirklich jeden Leserkreis etwas zu bieten hat!

|542 Seiten, kartoniert
empfohlen ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3-570-30479-2|
http://www.cbj-verlag.de

Liebe Besucher meiner Internetseite,

Mehr von Ulrike Schweikert auf |Buchwurm.info|:

[„Nosferas. Die Erben der Nacht 1“ 5084
[„Der Duft des Blutes“ 4858
[„Die Seele der Nacht“ 1232 (Die Legenden von Phantásien)

Chattam, Maxime – Alterra: Die Gemeinschaft der Drei (Band 1)

Es ist nichts geringeres als das Ende der Welt, das der Franzose Maxime Chattam in seinem Jugendroman „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ heraufbeschwört. Fast so als wolle sich die Natur für alles rächen, was der Mensch ihr aufgebürdet hat, holt sie zum Gegenschlag aus und lässt die Welt im Chaos versinken. Das Szenario ist für sich genommen beklemmend, aber es ist gleichzeitig der Beginn von etwas Neuem und der Aufbruch in ein spannendes Abenteuer.

_Alles beginnt_ damit, dass ein Orkan über New York herein bricht, der stärker und monströser ist als jeder vorangegangene Sturm. Der 14-jährige Matt beobachtet schon vor dem Sturm seltsame blaue Blitze, die die Menschen zu verschlingen scheinen – zurück bleibt nur ein Häufchen Kleidung. Als der Sturm an Intensität gewinnt, tauchen im dichten Schneetreiben in der ganzen Stadt blaue Blitze auf. Matt will seine Eltern warnen, wird aber selbst von einem Blitz nieder gestreckt. Als er aufwacht ist die Wohnung leer – von seinen Eltern ist nur ein Häufchen Kleidung zurückgeblieben.

Als Matt auf die schneebedeckte Straße tritt, wird ihm schon bald klar, dass nicht nur seine Eltern verschwunden sind, sondern so ziemlich alle Erwachsenen. Matt macht sich zusammen mit seinem Freund Tobias auf die Suche nach weiteren Überlebenden der Katastrophe. Doch die Suchenden merken schnell, dass sie es sind, die gesucht werden. Seltsame Wesen mit gleißenden Augen, die auf hohen Stelzen zu laufen scheinen, jagen sie. Matt und Tobias bleibt nur die Flucht aus der Stadt.

Vor den Toren der Stadt bietet sich den Beiden ein gänzlich anderes Bild. Die Welt hat sich in einen wilden, undurchdringlichen Dschungel verwandelt. Matt und Tobias schlagen sich irgendwie durch und stoßen im Westen schließlich auf einer abgelegenen Insel auf eine Gruppe von Kindern, die sich „Die Pans“ nennen. Sie arrangieren sich mit den neuen Lebensumständen und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Hier treffen Matt und Tobias die kluge Ambre, die den Beiden schnell zur besten Freundin wird.

Als sich andeutet, dass es in der Gruppe einen Verräter zu geben scheint, bilden Matt, Tobias und Ambre die „Gemeinschaft der Drei“. Gemeinsam wollen sie die Pans vor den Gefahren der neuen Welt beschützen und die Pan-Gemeinschaft retten. Dabei sind die Bedrohungen vielfältig. Von Norden her nähert sich ein bedrohlicher Schatten. Auch die Zyniks, die letzten verbliebenen Erwachsenen machen Jagd auf die Kinder und dann wäre da noch das ungelöste Problem mit dem Verräter …

_Was Maxime Chattam_ in „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ entwirft, ist eine düstere Endzeitvision und ein spannender Abenteuerroman zugleich. Die Natur schlägt zurück und lässt die Menschheit für all das bezahlen, was sie verbockt hat. Nur die Kinder scheinen ihre zweite Chance zu bekommen. Als einzige Überlebende der Katastrophe müssen sie sich mit der neuen Welt arrangieren.

Doch den Kindern wird der Neuanfang nicht leicht gemacht. Gejagt von den letzten verbliebenen Erwachsenen und konfrontiert mit einer dunklen unbegreifbaren Macht, ist das Überleben nicht gerade ein Zuckerschlecken. Und damit steckt der Leser dann auch schon mittendrin in einer Fantasygeschichte, die dem gängigen Schwarz-Weiß-Schema folgt: Die dunkle Macht, die ihre Schatten auf die Welt wirft und der tapfere Held (Matt), der sich ihr entgegen stemmt.

Schon sehr bald wird klar, dass Matt in der neuen Welt eine besondere Rolle zukommt. Die Stelzenläufer in New York scheinen speziell auf der Suche nach ihm zu sein. Matt scheint dabei so etwas wie der personifizierte Traum eines jeden jugendlichen Fantasy-Rollenspielers zu sein. Mit Aragorns Schwert auf dem Rücken (das Weihnachtsgeschenk der Eltern für den begeisterten Herr-der-Ringe-Fan), stapft er durch das menschenleere New York. Da werden Rollenspielerträume wahr.

Die klassischen Fantasyeinflüsse sind in Chattams Roman genauso offensichtlich wie andere offensichtliche Inspirationsquellen. Wer denkt beim Anblick der Pan-Gemeinschaft auf ihrer Insel nicht an William Goldings „Herr der Fliegen“? Und wer fühlt sich beim Anblick der seltsamen Stelzenläufer in New York nicht an die „Dreibeinigen Herrscher“ erinnert? Was Chattam aus all diesen Einflüssen macht, steht dennoch durchaus für sich. Es ist kein Abklatsch verschiedener anderer Romane, sondern kann sich durchaus als eigenständiges Werk behaupten.

Schnell kommt der Plot in Fahrt und entwickelt eine Menge Spannung. So liest sich der Roman flott herunter. Dass es den Figuren dabei hier und da etwas an Tiefe mangelt, mag man Chattam dennoch nachsehen. Schließlich ist „Alterra“ eben auch ein Jugendroman, da ist eine etwas oberflächlichere Charakterskizzierung nicht allzu verwunderlich. Sicherlich hätte Chattam hier noch etwas mehr herausholen können, dennoch tut diese Schwäche der Spannung keinen Abbruch.

Was irritierend wirkt, ist die Tatsache, dass „Alterra“ sich erst im Laufe der Lektüre als Mehrteiler entpuppt. Man ahnt es bereits im Verlauf der Geschichte, da im letzten Romandrittel einfach noch zu viele Fragen offen bleiben. Das offene Ende der Geschichte lässt einen dann aber dennoch erst einmal gehörig in der Luft hängen – zumal die Geschichte wirklich mittendrin abbricht und der Spannungsbogen dadurch abrupt abgerissen wird. Es ist für den Leser immer angenehmer, wenn er vor der Lektüre weiß, ob er es mit einem abgeschlossenen Roman oder einer Romanreihe zu tun hat. Dies erst im Nachhinein durch einen Cliffhanger vermittelt zu bekommen, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

_Dennoch bleibt unterm Strich_ insgesamt ein positiver Eindruck zurück. Chattam erfindet zwar nicht das Rad neu und zeigt recht deutlich, welche Werke ihn inspiriert haben, dennoch ist „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ ein spannender Roman, der auf eigenen Füßen steht. Die Figuren sind überzeugend, wenngleich sie sicherlich tiefgreifender skizziert sein könnten. Der stetig aufwärts strebende Spannungsbogen lässt einen aber über solche Details gerne hinwegsehen.

„Alterra“ ist ein spannendes Endzeitabenteuer, bei dem man sich gerade auch durch das abrupte Ende wünscht, die Fortsetzung möge möglichst bald erscheinen, denn so lassen Autor und Verlag einen dadurch, dass sie den Leser nicht im Voraus wissen lassen, dass er sich auf einen Mehrteiler einlässt, unschön in der Luft hängen.

|Gebundene Ausgabe: 389 Seiten
ISBN-13: 978-3426283004|

Benedictus, David – Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald

Gibt es ein schöneres Kinderbuch als „Pu der Bär“? Meiner Meinung nach nicht. Umso mehr habe ich mich auf die Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald gefreut, auch wenn ich von vornherein skeptisch war, ob ein anderer als Alan Alexander Milne dem süßen Bären von wenig Verstand ebenso viel Leben und Liebe einhauchen kann.

_Christopher Robin kehrt zurück_

Die Originalgeschichten um den gelben Bären endeten damit, dass Christopher Robin eingeschult wurde und sich daher von seinen tierischen Freunden im Hundertsechzig-Morgen-Wald verabschieden musste. Doch nun haben die Ferien begonnen und Christopher Robin kommt auf seinem nagelneuen blauen Fahrrad in den Wald gefahren, um seine Freunde zu besuchen. Die große Nachricht spricht sich schnell herum, und so organisieren die Tiere – Pu, Ferkel, I-Ah, Kaninchen, Tieger, Känga, Ruh, Oile und Kaninchens zahlreiche Freunde und Bekannte – ein Wiedersehensfest für Christopher Robin.

In anderen Geschichten um Pu und seine Freunde veranstalten die Tiere einen Buchstabierwettbewerb der buchstäblich ins Wasser fällt, oder einen Kricket-Wettbewerb. In einer Geschichte organisiert Kaninchen eine Tierzählung, die an seinen vielen Bekannten und Verwandten scheitert. Als es wochenlang nicht regnet, bekommen die Gefährten im Hundertsechzig-Morgen-Wald Zuwachs vom Otterweibchen Lotti, das auf dem Trockenen sitzt und bei Christopher Robin gebadet werden muss. In einer anderen Geschichte verschwinden die Bienen, was Pu natürlich in Angst und Schrecken versetzt, so dass er sich unterstützt von seinen Freunden auf die Suche macht und anschließend auch einen Plan fasst, wie man die Bienen wieder zurück in ihren angestammten Baum locken könnte. Zum Schluss feiern die Waldbewohner ein großes Erntedankfest, bei dem sich Christopher Robin schon wieder verabschieden muss, weil die Schule beginnt. Und so müssen wir uns auf der letzten Seite erneut von Pu und Ferkel verabschieden.

_Besser als das Orginal?_

Auf dem Buchrücken wirbt der Verlag werbewirksam mit einem Zitat des meisterhaften Übersetzers Harry Rowohlt, der gesagt haben soll, Alan Alexander Milnes Geist sei über David Benedictus gekommen. Dieser Ausspruch legt für mich die Messlatte unglaublich hoch, denn niemand kann so wunderbar formulieren wie Alan Alexander Milne, der mit seinem unvergleichlichen Schreibstil Charaktere geschaffen hat, die ihresgleichen suchen. Da wäre beispielsweise der gelbe Bär von geringem Verstand, der gerne in seiner Denkecke nach der richtigen Idee sucht oder seine eigenen Fußspuren für die eines schrecklichen Wuschels hält. Oder da wäre das ängstliche Ferkel, das in Milnes Büchern so tapfer gegen das Heffalump gekämpft hat. Sein innerer Monolog, in dem es sich zurecht legt, was es einem Furcht erregenden Heffalump erwidern könnte, wenn es denn auftauchen sollte, zählt für mich zu den absoluten Höhepunkten der Milneschen Formulier- und Fabulierkunst.

David Benedictus versucht in Ansätzen diesen Schreibstil nachzuahmen, indem er Pu beispielsweise lange verworrene Schachtelsätze in den Mund legt, die zeigen sollen, wie verwirrt Pus Gedankengänge oftmals sind, was zu einem Bären mit wenig Verstand passen würde. Dennoch sind Benedictus‘ Sätze immer noch viel zu gradlinig für den Milneschen Bären. Auch Ferkel erweist sich als viel tapferer als bei Milne. Zwar gerät Ferkel auch hier in eine gefährliche Situation, als es in einen dunklen und tiefen Brunnenschacht hinab gelassen werden soll. Doch wo Milne teilweise seitenlang Ferkels Ängste beschrieben und in wunderbaren Worten ausgeschmückt hat, da kommt David Benedictus viel zu schnell zur Sache. Da gibt es einen Satz, in dem wir erfahren, dass Ferkel das Herz in die nicht vorhandene Hose rutscht – und dann lässt Ferkel sich auch schon abseilen. Das ist mir zu gradlinig und zu wenig Milne.

Pus Gesumme sind ein weiteres Stilmerkmal von Milne, der seinen Bären immer wieder Gesumme erfinden lässt, wenn dieser nichts Besseres zu tun hat, wenn er ängstlich ist oder eine besondere Begebenheit festhalten möchte. Doch auch die Gesumme sind in dieser Fortsetzung längst nicht so wundervoll wie bei Milne. Pus Gedankengänge sind zu gradlinig, die Reime zu offensichtlich und die Gesumme oftmals auch mit viel zu viel Inhalt ausgestattet. Denn Milne schaffte es, ein langes Gesumme über Pus Zeh-Weh im Schnee zu formulieren (tideli pom) oder auch ein völlig inhaltsloses Gesumm passend zu Pus Morgengymnastik (Rum-tum-tiedel-um-tum). David Benedictus ist von diesen schriftstellerischen Kunststückchen leider noch sehr weit entfernt. Leider, denn genau diese ausgefeilte und ausschmückende Formulierkunst macht für mich die Faszination bei Pu der Bär aus. Zudem charakterisieren solche Worte und Gedankengänge die Charaktere im Hundertsechzig-Morgen-Wald. Pu und vor allem Ferkel verlieren dadurch aus meiner Sicht deutlich an Profil.

_Neue Geschichten_

Auch die Geschichten wussten mich nicht so recht zu überzeugen. Mir gefiel Lotti als neue Waldbewohnerin nicht, da sie zu wenig Profil gewann. Für meinen Geschmack haben die Waldbewohner die neue Bewohnerin auch etwas zu schnell in ihren Kreis aufgenommen. Ich erinnere ich noch an Tiegers Auftauchen, das für deutlich weniger Freude sorgte und stattdessen die Tiere auf den Plan rief, Tieger aus dem Wald zu vertreiben. Da passt es nicht ganz, wenn Lotti nun mit offenen Armen empfangen wird. Die Geschichten waren mir viel zu alltäglich. David Benedictus greift sich Themen aus dem normalen kindlichen Alltag heraus, wie z. B. das Buchstabieren, die Schule, Sport oder auch Feste. Benedictus traut sich aber nicht, so völlig sinnlose und eigentlich fast schon inhaltslose Themen heraus zu greifen wie Milne, der Pu und Ferkel z. B. auf die Jagd nach einem Wuschel und einem Wischel gehen lässt, die es natürlich nicht gibt. Auch die wunderbare Geschichte um das Heffalump oder die „Expotition“ zum Nordpol, den Pu schließlich in Form eines Pfahles findet, sind von einem ganz anderen Kaliber als die von Tieger, der gesundheitlich so angeschlagen ist, dass er nicht mehr essen mag und nur noch von Afrika träumt. Benedictus beweist hier meiner Ansicht nach zu wenig Fantasie und vor allem zu wenig Mut, auch mal über „Nichts“ zu schreiben beziehungsweise seine Waldbewohner etwas völlig Sinnloses tun zu lassen.

An manchen Stellen baut er Fantasiewörter ein, die auch bei Milne häufig entstanden sind, wenn Pu etwas nicht richtig verstanden hat (z.B. weil etwas Fell in seinem Ohr steckte) oder weil er das Wort nicht kannte und es zu kompliziert für ihn war, aber Benedictus ist auch hier zu vorsichtig und zu gewöhnlich. Pu ist aber außergewöhnlich, das macht gerade seinen Reiz auch mehr als 50 Jahre nach Alan Alexander Milnes Tod aus.

_Eine Augenweide_

Wunderbar haben mir dagegen die Zeichnungen aus der Feder von Mark Burgess gefallen, der wirklich ganz im Sinne von E. H. Shepard zeichnet und Pu und seinen Freunden Leben ein haucht. Auf jeder Doppelseite finden sich mindestens ein oder zwei Zeichnungen, die immer genau zu der jeweiligen Situation passen und die ganz wunderbar das einfangen, was David Benedictus geschrieben hat. Hier stimmt jedes einzelne Detail, hier stimmt jeder Strich. Dass nicht Shepard selbst gezeichnet hat, habe ich lediglich daran gemerkt, dass Käfer – einer von Kaninchens zahllosen Freunden und Bekannten – nur auf wenigen Zeichnungen auftauchte. Shepard hatte „Klein“, so heißt der Käfer, auf sehr vielen Bildern versteckt, was mir immer sehr gut gefiel. Ein solch durchgängiges Element habe ich bei Burgess nicht gefunden – dennoch: Die Zeichnungen sind grandios gelungen und verdienen all mein Lob, da sie tatsächlich genau das nachahmen, was Shepard einst so fantastisch vorgemacht hat.

_Abschied von Pu_

Für mich als großen Pu-der-Bär-Fan war dieses Buch natürlich ein Pflichtkauf. Bereut habe ich den Kauf nicht, da das Wiedersehen mit Pu und seinen Freunden durchaus schön war und mich streckenweise durchaus zu unterhalten wusste. Aber für David Benedictus hing die Messlatte einfach viel zu hoch. Nie hätte ich mich an ein solches Unterfangen gewagt, das eigentlich zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war. So ist Benedictus‘ Schreibstil verglichen mit vielen Autoren durchaus gefällig, verglichen mit Milne allerdings doch recht gewöhnlich. Im Vergleich mit dem Original fällt die Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald leider nur mittelmäßig aus, obwohl die Zeichnungen dem Original durchaus würdig sind. Aber Pu-Fans werden sich hiervon sicherlich nicht abhalten lassen und sich von Benedictus wieder in den Hundertsechzig-Morgen-Wald entführen lassen.

|Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN-13: 978-3791526799|
Originaltitel: |Winnie-the-Pooh’s Return to the Hundred Acre Wood|
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 – 7 Jahre

Die drei ??? – Die Höhle des Grauens (Band 109)

Schon seit einiger Zeit erscheinen die aktuellen „Drei ???“ Bücher ohne den berühmten, aber sachlich eigentlich falschen Zusatz „Alfred Hitchcock“. Auch Reprints älterer Geschichten kommen zukünftig ohne ihn aus, wie etwa das 2003 erschienene „Höhle des Grauens“ aus der Feder von Ben Nevis. Der Weg in die Moderne hat lange gedauert. Genauer gesagt seit Band 70 befinden wir uns in der so genannten „Neuen Ära“. Hier sind die drei Detektive gegenüber den alten, klassischen Fällen bereits neuzeitlicher ausgestattet: Autos, Handy, Computer und Internetnutzung sind nun häufig in ihren Geschichten anzutreffen. Tonbandgerät und Walkie Talkies haben ausgedient, auch die Themen sind moderner ausgerichtet. Ihr 111. Fall führt das Trio raus aus Rocky Beach, hinein in die Welt des Erlebnistourismus.

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Marx, André – Die drei ??? – Das Auge des Drachen

Legt man die Chronologie der Hörspielreihe zugrunde, handelt es sich bei „Das Auge des Drachen“ von André Marx um den 113. Fall des Jungdetektivtrios, welches schon seit 1962 die Jugendliteraturlandschaft bereichert. Mittlerweile bezeichnen sich bereits mehrere Generationen als Fans und man wartet meist sehnsüchtig auf neue Buchpublikationen aus dem Stammverlag |Franckh-Kosmos| oder die entsprechenden Vertonungen aus den EUROPA Studios, welche für gewöhnlich kurz danach veröffentlicht werden. Auch hier verhielt es sich nicht anders: beide Versionen debütierten 2003.

_Zur Story_

Die drei Fragezeichen genießen einen entspannten Sommertag in freier Natur. Der Wald nahe Rocky Beach ist ideal zum Relaxen, wenn man ausnahmsweise mal keinen Fall zu bearbeiten hat. Doch dieser Zustand ausgelassener Ferienstimmung, welche in einer zünftigen Schlammschlacht gipfelt, währt nicht lang: Ein seltsamer Ruf, ein dunkler Schemen, welcher in den Baumwipfeln verschwindet und der Schrei eines Mädchens alarmieren die drei Detektive innerhalb weniger Augenblicke. Aus einigen Kratzern blutend finden sie die kleine Emily auf, die steif und fest behauptet von einem Drache angegriffen worden zu sein, als sie „Zauberblumen für die Elfenkönigin“ sammelte. In Anbetracht ihres dreckstarrenden Äußeren müssen die Fragezeichen jedoch erst einmal glaubhaft versichern, dass sie keine Trolle seien.

Justus, Peter und Bob haben auch etwas gesehen und gehört – nur was, das wissen sie noch nicht so genau. Zunächst gilt es aber die Kleine zu verpflastern und wohlbehalten Zuhause bei ihrer Mutter abzuliefern. Sie bieten ihre Dienste an, herauszufinden, was es mit den wundersamen Geschichten von Fabelwesen und selbstverständlich in erster Linie dem ominösen Angriff aus der Luft auf sich hat. Die Sechsjährige ist mit einer überaus lebhaften Fantasie ausgestattet, doch irgendetwas hat sie schließlich attackiert, das ist keine Einbildung gewesen, sondern Tatsache. Mrs Silverstone willigt ein, kennt sie die Phantastereien ihrer Tochter doch zu gut und sieht es überdies gar nicht so gerne, wenn sie alleine durch den Wald streift und ihren Lieblingsort aufsucht.

Dabei handelt es sich um eine geheimnisvolle Skulptur der kürzlich verstorbenen exzentrischen Künstlerin Martha Lake: „Das Auge des Drachen“. Auf ihrem Weg zurück in den Wald begegnen die Fragezeichen dem vermeintlichen Drachen (welcher sich als „Kea“ erweist – einem seltenen neuseeländischen Vogel) und machen am Ende ihrer ziemlich erfolglosen Verfolgungsjagd später sogar noch Bekanntschaft mit der leibhaftigen „Elfenkönigin“. Bei ihren weiteren Ermittlungen stoßen sie auf viele interessante Puzzleteile, die auf eine verschwundene Erbschaft hinweisen – zudem entdecken sie immer mehr Parallelen zwischen Martha Lake und der kleinen Emily; was fehlt, ist das Bindeglied der beiden zueinander. Genau dieses bleibt den Augen der meisten Menschen auf ewig verborgen. Und das ist wörtlich zu verstehen.

_Eindrücke_

Ein nach dem oft erfolgreichen Strickmuster der Serie aufgebauter Plot mit einer ordentlichen Portion Mystery. Dass André Marx ein wenig beim „lachenden Schatten“ und einmal auch bei „gefährliche Erbschaft“ räubert, tut der gut durchdachten und rasant erzählten Geschichte keinen Abbruch. Auch als die Zusammenhänge nach Bereinigung aller Nebelkerzen endlich aufgeklärt werden, ist die Kuh noch lange nicht vom Eis. Der Fiesling schreckt vor nichts zurück. Endlich mal wieder eine Story, bei der auch der Gegenspieler glaubhaft böse und verschlagen ist. Selten waren die Finale bei den drei Fragezeichen in letzter Zeit so packend und die Auflösung des Rätsels so originell. Gut, die Figuren sind nicht bis ins letzte Detail ausgestaltet, das bemerkt man wohl, aber erst, wenn man „Das Auge des Drachen“ eventuell ein zweites Mal – vielleicht etwas genauer – liest.

Das gute Stück geriet aufgrund des süffigen Stils im Übrigen angenehm fluffig. Spannung ist stets genügend vorhanden und die Story plausibel. So genannte Plotholes, die gefürchteten Löcher in der Logik, sucht man vergeblich. Die üblichen 128 Seiten ist man innerhalb kürzester Zeit durch und fühlt sich gut unterhalten sowie intellektuell durchaus gefordert. Wenngleich die Auflösung aus eigener Kraft im Prinzip eigentlich nicht möglich ist. Die Idee, Tetrachromie zum Thema zu machen, ist tatsächlich mal etwas Neues. Aus der Luft gegriffen ist diese besondere Fähigkeit des Sehens auch nicht, es gibt tatsächlich sehr wenige Menschen, die aufgrund eines seltenen Gendefekts diese Fähigkeit besitzen. Mehr sei an dieser Stelle aufgrund des Spannungserhalts dann auch nicht verraten. Es ist ohnehin schwer genug dieses Buch zu rezensieren, ohne jederzeit Gefahr zu laufen, zu viel vorweg zu nehmen.

_Fazit_

André Marx gelang hier ein unterhaltsamer Pageturner, der so ziemlich alle Tugenden der Serie in sich vereint: Mystery, Spannung und gut dosierter Humor gepaart mit einer ziemlich ausgefallenen Grundidee dahinter. „Das Auge des Drachen“ ist somit einer der Lichtblicke jenseits der Hunderter-Marke und muss sich selbst hinter kultigen Glanzfolgen alter Prägung nicht verstecken. Natürlich handelt es sich um Jugendliteratur, doch egal ob alt oder jung, alle Leserschichten dürfen bedenkenlos zugreifen. Auch Quereinsteiger. Wer nicht so die Leseratte ist, mag auch gerne auf die Hörspielvariante ausweichen. Diese ist – obwohl naturgegeben etwas eingekürzt – genauso empfehlenswert wie die originelle Buchvorlage.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die drei ??? – Das Auge des Drachen“
Basierend auf Figuren von Robert Arthur
Erzählt von André Marx
Franckh-Kosmos, 2003
128 Seiten Hardcover
Cover Illustration: Silvia Christoph
Redaktion: Martina Zierold
ISBN-10: 3-440-09659-9
ISBN-13: 978-3-440-09659-8

Marx, André – Die drei ??? – Botschaft von Geisterhand

Die drei Fragezeichen gingen zu Beginn der Neunzigerjahre komplett in deutsche Hand, nachdem die Originalserie „The three Investigators“ in ihrem Ursprungsland Amerika eingestellt wurde, sich hier jedoch weiterhin so großer Beliebtheit erfreute, dass sich der Franckh-Kosmos Verlag die exklusiven Fortführungsrechte sicherte. Die „Botschaft von Geisterhand“ wird erzählt von André Marx, stammt aus dem Jahr 2000 und gehört zur so genannten „Neuen Ära“, welche bis dato anhält. Obwohl es eigentlich gar keine Nummerierung gibt, ist es der 95. Fall des Trios, legt man die Chronologie der bei EUROPA erscheinenden Hörspiele zugrunde, welche ganz maßgeblich zum großen Erfolg der Serie beigetragen haben.

_Zur Story_

Derzeit herrscht Flaute bei den drei Detektiven. Das heißt, Justus triezt Peter mit kniffligen Denksportaufgaben. Ein Unterfangen, welches bestenfalls als schwierig zu bezeichnen ist, wenn man den zuweilen geistig etwas schwerfälligen zweiten Detektiv kennt. Der Müßiggang findet ein jähes Ende, als ein geheimnisvoller Brief eintrudelt. Weder Umschlag noch das leere Blatt Papier in seinem Inneren, das selbstverständlich allen gängigen Geheimschrift-Tests unterzogen wird, weisen auf den Absender hin. Während die drei sich noch den Kopf zerbrechen, klärt das Telefon das Rätsel. Ihre „alte Freundin“ Jelena Charkova eröffnet ihnen – nicht ohne eine gute Portion Häme und Hochnäsigkeit – , dass sie längst auf die drei Jungs warte, das würde aus dem Brief doch hervorgehen. Dieser sei mit einer neuen Geheimtinte aus ihrer Chemie-Giftküche geschrieben.

Allen Animositäten zum Trotz sollen die Jungs antanzen, denn sie habe einen Fall. Sie habe zufällig in einem fehlgeleiteten Telefongespräch mitbekommen, dass ein wertvolles und geheimnisvolles Buch – das „Popol Vuh“ – gestohlen werden soll. Es handelt sich genau genommen um eine sehr alte Übersetzung ins Spanische und nicht das Original selbst. Der Aufbwahrungsort des guten Stücks war aber leider nicht zu entnehmen gewesen, jedoch hat Jelena bereits herausgefunden, wem das Buch seit einer kürzlich statt gefundenen Auktion gehört. Die Zeit drängt, denn der geplante Diebstahl steht unmittelbar am nächsten Tag bevor. Dr. Arroway ist die derzeitige Besitzerin des Buches und ihres Zeichens Spezialistin für die Kultur der Quiche-Maya. Sie ist dank Jelenas Vorarbeit leicht zu finden, und so erreichen die vier ihr Haus Just-In-Time, um sie zu warnen.

Doch Dr. Arroway denkt gar nicht daran, dass Buch weg zu schließen, sie will die Gelegenheit nutzen und Palmer Dixon, einen ihrer hartnäckigsten Konkurrenten auf diversen Auktionen, den sie übrigens auch für den mutmaßlichen Dieb hält, auf frischer Tat ertappen und ihn so endlich los werden. Daher beschließt man, für den nächsten Tag eine Falle zu stellen. Doch Erstens kommt es oft anders und Zweitens, als man denkt. Noch am gleichen Abend verschwindet das Buch einen Tag vor dem eigentlichen Termin spurlos aus dem Arbeitszimmer. War Dixon wirklich der Täter? Wenn ja, warum hat er früher als geplant zugeschlagen? Welches Geheimnis birgt diese alte Übersetzung des Popol Vuh? Diesmal sind die Detektive sogar zu Viert, um die mysteriösen Umstände zu klären. Kleine Rivalitäten beleben dabei das Geschäft ungemein.

_Eindrücke_

Wie alle neuzeitlichen Fälle kennzeichnet auch diesen eine Fülle von Modernisierungen gegenüber der Originalserie. Nicht nur dass die Jungs mittlerweile motorisiert sind, auch ihre ehemals versteckte Zentrale und Rückzugsort – etwa vor der Arbeitsverteilung Tante Mathildas – auf dem Schrottplatz ist längst kein Geheimnis mehr. Der alte Campinganhänger hat zwar damit auch seine obsolet gewordenen Geheimgänge eingebüßt, weist jedoch neben dem altbekannten Labor und der Telefonanlage nun mittlerweile auch Computertechnik auf. Ein Umstand, welchem bei dieser Story sogar besondere Bedeutung zukommt, denn ein Teil der Ermittlungen ist das Ausspähen einer IP-Adresse. Unter technischen Gesichtspunkten hier nicht ganz schlüssig erklärt und ziemlich konstruiert wirkend, aber durchaus spannend inszeniert.

Dabei muss man auch noch bedenken, dass zur Zeit der Entstehung der Geschichte solche EDV- bzw. Internet-Begriffe längst noch nicht so weit verbreitet im Gebrauch waren, wie sie es heute sind. Die drei Fragezeichen greifen damit mal wieder moderne und ungewöhnliche Themen auf. Das gilt auch für die Grundstory als solche. Das Popol Vuh ist tatsächlich existent und so etwas ähnliches wie das „Amduat“, das berühmte ägyptische Totenbuch, nur eben das der südamerikanischen Maya. Kurios ist in diesem Zusammenhang, dass auf dem Cover ein Buch abgebildet ist, welches allerdings ein aztekisches Symbol ziert. Ein Volk, welches aber erst lange nach den Maya auf der geschichtlichen Bühne auftauchte. Das muss man aber nicht wissen, Coverdesignerin Sivia Christoph wusste es augenscheinlich auch nicht.

Im Gegensatz zum zusammengekürzten Hörspiel hat man im Buch natürlich wesentlich mehr Möglichkeiten, mit größerer Detailtreue zu arbeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass die kleinen Schönheits- und Logikfehler, die sich das gleichnamige Hörspiel leistet, in der Buchversion nicht – oder fast nicht – anzutreffen sind. Mit einer Ausnahme, nämlich der Frage der Täterschaft. Diese wird aufmerksamen Lesern schon recht früh offenbar. Zu früh. Lediglich das Warum ist zunächst unklar. Dennoch erhält sich die Geschichte einen gewissen Spannungsbogen, nicht zuletzt weil Jelena Charkova (nach ihrem Debüt in der Folge „Musik des Teufels“) wieder kräftig mitmischt und Justus dabei ziemlich alt aussehen lässt. Im Prinzip hat sie das Rätsel bereits lange vor den drei Jungs gelöst. Und das auch noch weniger umständlich als der voreingenommene erste Detektiv.

_Fazit_

Eine unterhaltsame und in sich runde Geschichte, wobei auch der weniger aufmerksame Leser sehr früh die Lösung des Rätsels ahnt. Hier hätte André Marx lieber etwas mehr Sand in die Leseraugen streuen können, statt sich mit IT-Halbwahrheiten zu verzetteln. Übrigens die einzig wirkliche „Schwäche“ des Falles, der ansonsten aufgrund seiner abwechslungsreichen Handlungsstränge gegenüber dem stark gekürzten Hörspiel fleißig Zusatzpunkte sammeln kann – allein schon wegen der ausgedehnteren, amüsanten Scharmützel von Justus und Jelena. Summa summarum eine durchaus gefällige Episode der drei Fragezeichen und auch für den Quereinstieg in die Serie geeignet.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die drei ??? – Botschaft von Geisterhand“
Basierend auf Figuren von Robert Arthur
Erzählt von André Marx
Franckh-Kosmos, 2000
128 Seiten Hardcover
Cover Illustration: Silvia Christoph
ISBN-10: 3-440-08023-4
ISBN-13: 978-3-440-08023-8

Die drei ??? – Fluch des Piraten (Band 132)

Die beliebte Jugendbuchserie hat nach einigen Ups und Downs in ihrer bewegten Geschichte mittlerweile die 150-Fall-Marke satt überschritten. Schon seit den Neunzigern fand eine mehr oder weniger schleichende Abnabelung von Amerika statt und die Geschichten der drei Fragezeichen wurden ausschließlich von deutschen Autoren weitergeführt. 2007/2008 schien es mal wieder so, als gäbe es keine Einigung mit den Lizenzgebern. So kam es, dass Neuveröffentlichungen zwischen Mitte 2006 und Anfang 2008 eher schleppend stattfanden, bis die Situation bereinigt wurde. Seither hat der Output wieder auf Normalmaß angezogen, der vorliegende Band 135 „Fluch des Piraten“ von Ben Nevis, stellt jedoch noch eine ???-Veröffentlichung aus jener turbolenten Ära dar.

Zur Story

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Die drei ??? und der Nebelberg (Band 103)

Nach einigen mehr oder weniger ausgedehnten Schwächephasen in der Serie, erlebten die drei Fragezeichen um die Jubiläumsausgabe Nummer 100 herum wieder einmal eine Renaissance. Es dürfte ungefähr schon der dritte oder vierte Frühling sein und er hält weiter an. Daran konnten auch die jüngst erst beigelegten Lizenzstreitigkeiten nichts ändern. Beim „Nebelberg“ von André Marx handelt es sich um einen der neueren Fälle aus dem Jahr 2002. Der Einfachheit halber sei ihm die entsprechende Nummer (105) der gleichnamigen EUROPA-Hörspielserie verliehen. Die Bücher sind weder nummeriert, noch folgen sie – außer in wenigen Ausnahmefällen – einer festgelegten chronologischen Abfolge.

_Zur Story_

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George R. R. Martin – Adara und der Eisdrache

Weihnachtsgeschenk für alle Winterkinder

Adara ist ein Winterkind. Nur sie kann auf dem Eisdrachen reiten, der die Kälte bringt. Als der Krieg näherkommt und die Drachen des Königs einer nach dem anderen vom Feind besiegt werden, scheint es keine Rettung zu geben. Da träumt Adara von ihrem einzigen Freund, dem Eisdrachen. Zusammen reiten sie. Doch kann Eis auch Drachenfeuer standhalten?

Der Autor

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Mull, Brandon – Fabelheim

Die Eltern der dreizehnjährigen Kendra und des zehnjährigen Seth gehen für knapp drei Wochen auf Kreuzfahrt. In dieser Zeit sollen die Geschwister bei ihren Großeltern in Connecticut wohnen, die sie bisher nur von kurzen Besuchen kennen. Während Oma Ruth verreist ist, empfängt Großvater Stan Sorensen die Kinder sehr freundlich. Sie bekommen ein großes Dachbodenzimmer voller altmodischer, aber origineller Spielsachen und in dem riesigen Garten gibt es einen Swimmingpool.

Allerdings verbietet ihnen ihr Opa, den angrenzenden Wald zu besuchen, da dort Zeckengefahr herrsche. Seth hält sich nicht daran und entdeckt nicht nur einen wunderschönen Garten mit See und Pavillons im Innern, sondern auch eine Hütte mit einer seltsamen alten Frau. Kendra wiederum wundert sich über die vielen Kolibris und Schmetterlinge, die stets den Garten umschweben und denen Milch bereitgestellt wird.

Schließlich weiht ihr Großvater sie in sein Geheimnis ein: Der Wald ist ein geheimer Ort namens „Fabelheim“, seit Jahrhunderten eine der wenigen Zufluchtsstätten für aussterbende magische Geschöpfe wie Elfen, Satyrn und Nixen. Ihr Opa ist der Verwalter, der sie versorgt und sich darum kümmert, dass weder die gefährlichen Wesen hinaus- noch unbefugte Besucher hineinkommen.

Außerdem erfahren sie von der Organisation „Gesellschaft des Abendsterns“, die seit vielen Jahren den Ort finden will, um die Wesen für ihre bösen Zwecke zu benutzen. Kendra und Seth versprechen, niemandem etwas zu erzählen. Doch in der gefährlichen Mittsommernacht, in der alle Geschöpfe Freigang haben, bricht der neugierige Seth eine der Regeln – und am nächsten Morgen ist ihr Opa verschwunden …

Kaum hat sich die Harry-Potter-Welle ein wenig gelegt, wurde die Kinderfantasy durch die Biss-zum-Reihe aufs Neue entfacht. Phantastik für Kinder und Jugendliche genießt Hochkonjunktur, und mit „Fabelheim“ ist der Startschuss zu einer sehr vielversprechenden neuen Buchreihe gefallen, die sowohl Kinder als auch junggebliebenen Erwachsene beste Unterhaltung bringen dürfte.

|Spannende und phantasievolle Handlung|

Alles beginnt wie ein typischer Kinderroman mit zwei Geschwistern, die recht unwillig ihrem Ferienaufenthalt entgegensehen. Ihre kürzlich verstorbenen Großeltern väterlicherseits haben testamentarisch als letzten Wunsch allen erwachsenen Angehörigen eine Kreuzfahrt durch ihre Heimat Skandinavien spendiert, und für diese Zeit sind Opa und Oma Sorensen die einzig infrage kommenden Babysitter. Das beeindruckende Grundstück bietet den Geschwistern allerlei Abwechslung mit einem Baumhaus, einem Swimmingpool, einem geräumigen Dachboden mit einem zahmen Haushuhn und faszinierendem Spielzeug. Trotzdem reizt sie der verbotene Wald, und der abenteuerlustige Seth will schließlich hinter das Geheimnis kommen. Die Wahrheit ist beeindruckender, als sie es sich je hätten erträumen lassen.

Ihr Opa ist einer der Verwalter, die Generation für Generation über Fabelheim wachen. Die Milch einer Riesenkuh lässt Sterbliche die Fabelwesen erkennen, die für normale Augen ohne dieses Hilfsmittel wie gewöhnliche Schmetterlinge oder andere Tiere aussehen. Natürlich wird es jetzt erst richtig spannend, denn ihr Opa weiht die Geschwister längst nicht in alle Geheimnisse über Fabelheim ein, besonders die grausamen oder unheimlichen Details sollen sie nicht erfahren – das kommt alles später, denn unter Umständen werden sie selbst einmal die Verwaltung des Reiches übernehmen. Besonders aufregend wird es in der Mittsommernacht, in der alle Wesen frei ums Haus herumtoben und mit allen möglichen Tricks versuchen, Einlass zu erhalten, und so grauenvolle Dinge anstellen, dass jedem angeraten ist, nicht aus dem Fenster zu schauen.

Nach dem beschaulichen Beginn gibt es eine Menge dramatischer Verwicklungen – sei es, dass Seth sich gegen die Elfen versündigt, indem er einen Leichtsinnsfehler begeht, sei es, dass ihr Opa nach der Mittsommernacht verschwunden ist, oder die Frage, was es mit ihrer Oma auf sich hat, hinter deren Abwesenheit sich offenbar ein weiteres Geheimnis verbirgt. Ein großer Pluspunkt des Buches ist seine Eigenständigkeit. Obwohl es als Start für eine Reihe gedacht ist, bleiben am Ende keine wichtigen offenen Fragen und man ist nicht gezwungen, den nächsten Band zu lesen. Andererseits gibt es dezente Andeutungen dazu, was in den nächsten Bänden stärker thematisiert werden könnte, allem voran die „Gesellschaft des Abendsterns“, die ein Komplott plant, das hier nur am Rande eine Rolle spielt, sowie das geheimnisvolle, mächtige Artefakt, das irgendwo in Fabelheim verborgen liegt.

Die Bewohner Fabelheims sind gängige Wesen aus der Mythologie, aber dennoch originell aufbereitet. Interessant ist vor allem Großvaters Aussage, dass sich ihre Moral stark von derer der Menschen unterscheidet und keines der Wesen „gut“ im menschlichen Sinne ist – vielmehr seien die besten unter ihnen lediglich nicht böse. So wie die meisten Menschen gedankenlos Insekten töten, so denken sich die unsterblichen Fabelwesen nichts dabei, menschliches Leben auszulöschen, das aus ihrer Perspektive quasi wertlos ist. Die hübschen Elfen, die Kendra und Seth in der Literatur als liebevolle Wesen kennen, sind hier vor allem eitel und selbstsüchtig, immer darauf bedacht, sich in einem Spiegel zu betrachten. Die Wichtel helfen zwar tatsächlich wie in der verbreiteten Vorstellung, Ordnung im Haus zu schaffen – aber nie, um den Menschen zu helfen, sondern einfach, weil sie die Ordnung an sich lieben.

Wirklich gefährlich wird es mit den Najaden, den schönen Wasserfrauen, die sich einen Spaß daraus machen, Unschuldige zu sich hinabzuziehen, und der bösen Hexe, die in einer Hütte sitzt und nur darauf lauert, dass jemand vorbeikommt, der ihre magischen Kräfte braucht und ihr als Gegenleistung den Knoten löst, der sie dort gefangen hält. Die Regeln in Fabelheim sind nicht ganz leicht zu durchschauen – so kann man gewöhnlich nicht mit Magie bekämpft werden, solange man keinem Wesen geschadet hat, Hilfe aber kann man wiederum nicht erwarten, denn das Verhalten der Fabelwesen gleicht einer Herde, die dem Tod eines Artgenossen mehr oder weniger gleichgültig gegenübersteht. Das unberechenbare Verhalten, das Kendra und Seth verwirrt, sorgt beim Leser für Spannung, weil es ihn im Ungewissen belässt.

|Gelungene Charaktere|

Kendra und Seth sind zwar nicht besonders originell, aber als Hauptfiguren für einen in erster Linie für Kinder gedachten Roman dennoch gelungen. Seth ist ein kleiner Wildfang, immer auf Entdeckungstour und gerne mal frech und ungehorsam. Kendra übernimmt als ältere Schwester viel Verantwortung, ohne dabei ein langweiliges Mustermädchen zu sein. Ihr Großvater ist zunächst geheimnisvoll und recht schweigsam, dabei aber immer sympathisch.

Ein reizvoller und komplexer Nebencharakter ist Lena, die weit gereiste, ältere Haushälterin, deren Vergangenheit eng mit Fabelheim verbunden ist und deren weiteres Schicksal Potenzial birgt, in einem der folgenden Bände noch einmal aufgegriffen zu werden. Opas Gehilfe, der schweigsame Dale, ist ein bisschen blass geraten, interessanter ist aber sein seit seiner Verzauberung autistisch agierender Bruder, für den er auf eine Erlösung hofft, was sicher ebenfalls noch ausführlich thematisiert wird. Oma Sorensen tritt zwar erst spät in Erscheinung, ist dann aber eine sehr liebenswerte, patente Person mit Sinn für Humor. Überhaupt gibt es etliche lustige Szenen und scharfzüngige Dialoge zwischen den Geschwistern, und die ersten Erfahrungen mit den ungewohnten Wesen sorgen auch für amüsante Momente.

|Nur kleine Schwächen|

Zumindest der erste |Fabelheim|-Roman ist nicht so detailverliebt wie zum Beispiel die Harry-Potter-Bände, in denen die Dichte an wunderbaren Charakteren und immer neuen Entdeckungen kaum ein Ende nimmt. Manche der Kreaturen werden nur kurz gestreift, über ihre Hintergründe erfährt man nicht so viel, wie man es sich wünscht. Ein bisschen nervtötend ist mit der Zeit auch Seth‘ Ungehorsam. Seinen Ausflug in den Wald kann man noch nachvollziehen, die Elfen-Katastrophe vielleicht auch noch, aber sein Verhalten in der Mittsommernacht ist recht unverständlich, vor allem, da er inzwischen am eigenen Leib bereits die Gefahren Fabelheims erlebt hat und gewarnt sein müsste – selbst ein besonders neugieriger Junge dürfte nicht so naiv handeln, daher wirkt sein Verhalten stellenweise eher unrealistisch und konstruiert. Ein bisschen enttäuschend dürfte auch sein, dass man früh über den Geheimbund „Gesellschaft des Abendsterns“ informiert wird, der dann aber doch keine besondere Rolle mehr spielt, sondern erst in den nächsten Bänden ins Geschehen einsteigt.

_Als Fazit_ bleibt ein gelungener Auftakt einer mehrbändigen Fantasyreihe für Kinder und Jugendliche, der vor allem durch eine abwechslungsreiche, spannende Handlung und eine interessante Grundidee besticht. Das Buch lässt sich flüssig lesen, bietet eine ausgewogene Balance zwischen ernsten und lustigen Momenten, sympathische Charaktere und genug Potenzial für die nachfolgenden Bände, die hoffentlich bald auf Deutsch erscheinen. Abgesehen von nur kleinen Mankos ein lesenswertes Buch für Kinder ab etwa zehn Jahren.

_Der Autor_ Brandon Mull stammt aus Connecticut und lebt heute mit seiner Familie in Utah. Schon zu Schulzeiten träumte er davon, eines Tages als Schriftsteller leben zu können. Nach seinem Universitätsabschluss veröffentlichte er den ersten |Fabelheim|-Roman, der ein Bestseller wurde. In den USA sind bereits vier Bände erschienen.

|Originaltitel: Fablehaven
Originalverlag: Aladdin
Aus dem Amerikanischen von Hans Link
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-7645-3022-8|

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Marr, Melissa – Gegen das Sommerlicht

Schon von Kindesbeinen an werden dem Mädchen Ashlyn, das bei seiner Großmutter wohnt und von klein auf Wesenheiten sehen kann, welche für andere Menschen unsichtbar sind, drei Regeln eingetrichtert. Erstens: Schau unsichtbare Elfen nicht an. Zweitens: Antworte niemals unsichtbaren Elfen. Und Drittens: Errege niemals die Aufmerksamkeit von Elfen.

Lange Zeit konnte Ash dadurch ein ganz normales Leben führen, bis sich von einem Augenblick zum nächsten für sie alles verändern soll. Denn unbewusst erregt sie die Aufmerksamkeit zweier Elfen, von denen einer ein Elfenkönig zu sein scheint. Dieser beginnt nun, sie zu umgarnen und dazu zu bringen, sich in ihn zu verlieben. Ashlyn, die nur zu gut über die Bosheit solcher Kreaturen Bescheid weiß, versucht mit allen Mitteln, sich dem Elfen, der Keenan heißt, zu entziehen.

Bald schon vertraut sich Ash ihrem besten Freund Seth an, der ihr helfen will, doch je mehr Ashlyn versucht, mehr über die Absichten des Elfen zu erfahren, desto tiefer wird sie unfreiwillig in die Welt der Elfen hineingezogen … und schon bald scheint es für sie kein Zurück mehr zu geben.

_Eindrücke:_

Die Geschichte in „Gegen das Sommerlicht“ hat auf jeden Fall etwas Interessantes an sich. Sie spielt in unserer Welt und unserer Zeit, wird aber von Elfen und anderen Wesenheiten bevölkert, die sich vor dem Auge der Menschen verbergen. Im Gegensatz zu vielen anderen Fantasy-Geschichten, die von Elfen und Feen handeln, ist „Gegen das Sommerlicht“ allerdings keine, die von der Schönheit und Güte der Elfen erzählt. In dieser Erzählung sind die Elfen bösartig und gefährlich und erinnern in jeder Hinsicht an die Sagen und Mythen aus der Feenwelt aus Irland. Sie spielen den Menschen böse Streiche, blenden sie, wenn sie unerlaubt von ihrer Existenz erfahren, und locken sie mit Musik, Speisen und Getränken in ihre Märchenwelt, aus der es kein Zurück mehr in die reale Welt gibt. Natürlich gibt es Mittel und Wege, um sich vor den Elfen zu schützen, wie zum Beispiel Eisen, von dem sich Elfen fernhalten müssen, oder bestimmte Kräuter und Tees, aber so richtig helfen tun selbst diese Dinge nicht, wenn man einmal die Aufmerksamkeit eines Elfen erregt hat.

Genau das passiert Ashlyn. Und als wäre diese Tatsache an sich nicht schon schlimm genug: Es ist kein normaler Elf, der es auf die junge Frau abgesehen hat. Bei ihrem Verfolger handelt es sich um den Sommerkönig Keenan, einen sehr mächtigen Elfen, der Ashlyn zu seiner Sommerkönigin machen will. Schon seit mehreren Jahrhunderten sucht er die Richtige, die mit ihm über das Elfenvolk regieren kann und die Macht seiner Mutter, der bösen Winterkönigin, bricht. Doch Ashlyn ist ganz und gar nicht so willig, wie es alle Mädchen bei Keenans Anblick vor ihr waren. Denn sie weiß, dass er ein gefährlicher Elf ist, und versucht sich so gut wie möglich von ihm fern zu halten. Außerdem ist da auch noch ihr bester Freund Seth, zu dem sie alsbald ein wesentlich engeres Verhältnis aufbaut als ihre Freundschaft.

An sich gefällt mir die Idee des Buches recht gut. Zwar kann man wohl schlecht sagen, dass es sich um eine neuwertige und innovative handelt, aber das muss es ja auch nicht unbedingt. Allerdings hat es an der Umsetzung der Geschichte meiner Meinung nach etwas gehapert, sodass das Buch letztlich nicht ganz so gut war, wie ich mir erhofft hatte.

Das größte Problem in „Gegen das Sommerlicht“ sind die Charaktere. Egal ob es um die Protagonisten oder um die Nebencharaktere geht, keiner kann in der Geschichte so wirklich überzeugen. Die meiste Zeit wirken die Charaktere sehr flach und es fällt recht schwer, sich von ihnen ein tiefer gehendes Bild zu machen, geschweige denn mit ihnen mitzufühlen. Der Charakter von Ashlyn geht anfangs noch, doch später werden ihre Reaktionen immer unrealistischer und ihre Sprache pubertärer, unter anderem, wenn sie bezüglich des Daseins der Sommerkönigin von einem „Job“ spricht. Seth, ihr bester Freund, ist da schon ein wenig besser gelungen, aber auch bei ihm gibt es einige Dinge, die mich gestört haben. Beispielsweise fand ich die Tatsache, dass er Ashlyns Geständnis, sie könne Elfen sehen, welche für die normalen Menschen unsichtbar sind, ohne Weiteres aufgenommen und geglaubt hat. Ich meine, wer würde so etwas schon (und vor allem: ohne Beweise) sofort glauben?

Doch die Krönung des Ganzen bildet dabei noch Keenan. Dieser wird zu Anfang als unglaublich schön und unwiderstehlich beschrieben und strahlt noch eine gewisse Stärke aus. Später aber, als er merkt, dass er bei Ashlyn nicht landen kann, wird er immer zimperlicher und erinnert eher an ein unsicheres Weichei als einen mächtigen Elfenkönig. Dabei fällt es dem Leser letztendlich auch immer schwerer, die einzelnen Charaktere, insbesondere Keenan und Ashlyn, wirklich ernst zu nehmen.

Was den Schreibstil von Melissa Marr angeht, bin ich mit meiner Meinung etwas zwiegespalten. Einerseits gefällt mir ihre Art, die Geschichte zu erzählen, ganz gut, doch einige Aspekte trüben dieses Bild etwas. Sie umschreibt das Aussehen und das Verhalten der Elfen stets malerisch und sehr passend. Keenan stellt sie beispielsweise mit Worten dar, die an den Sommer erinnern, und seine Mutter, die Winterkönigin, beschreibt sie gefühlskalt. Das ist ihr ganz gut gelungen. Andererseits wechselt sie, insbesondere dann, wenn sie Ashlyn oder ihre Freunde sprechen lässt, immer wieder zwischenzeitlich in einen aufgesetzten Jugendjargon, der einfach nicht so recht in die Geschichte hineinpassen will. Zwar kann man nun sagen, dass es nicht unrealistisch ist, wenn Jugendliche wie Ashlyn in einer leichten Jugendsprache sprechen, aber es wirkt in diesem Fall einfach nicht authentisch. Da das aber nicht allzu oft der Fall gewesen ist, lässt sich über diesen kleinen Schönheitsmakel noch einmal hinwegsehen.

Auch über das Ende der Geschichte habe ich mich etwas gewundert. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie Melissa Marr das Problem wohl lösen wird. Ashlyn liebt Seth und umgekehrt, aber auch Keenan hat ein Auge auf Ashlyn geworfen, und von ihrer Vereinigung hängt ein großer Teil des Elfenvolks ab. An sich ein interessantes Dilemma, dessen Ausgang für die meisten Leser nicht gerade vorhersehbar ist und aus dem man sicherlich ein gutes Ende hätte machen können. Allerdings hat es sich die Autorin meiner Meinung nach etwas zu einfach gemacht. Das Problem wird auf eine ziemlich simple Art und Weise gelöst und plötzlich ist alles wieder gut, obwohl es kurz davor noch eine unüberwindbare Katastrophe zu sein schien. Ich hätte mir hier eindeutig ein etwas innovativeres und ruhig auch dramatischeres Ende für die Geschichte gewünscht.

_Fazit:_

Letztendlich kann das Buch nicht wirklich überzeugen, aber ein kompletter Reinfall ist es auch nicht. Die Idee an sich ist ganz nett, aber leider wurde sie nicht ganz so gut umgesetzt, wie man es sich gewünscht hätte.

_Melissa Marr:_

Die Autorin Melissa Marr studierte Literatur und unterrichtet an verschiedenen Colleges. Sie arbeitet gerne in seltsamen Bars, reist viel herum und interessiert sich für Tattoos. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Virginia. Vor kurzem erschien der zweite Band ihrer Geschichte, „Gegen die Finsternis“.

|Wicked Lovely|:

Band 1: Gegen das Sommerlicht (Wicked Lovely)
Band 2: Gegen die Finsternis (Ink Exchange)
Band 3: Fragile Eternity

|Originaltitel: Wicked Lovely
Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
347 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-551-58168-8|
http://www.carlsen.de
http://www.melissa-marr.com

Finn, Thomas – flüsternde Stadt, Die (Die Wächter von Astaria 2)

Band 1: [„Der letzte Paladin“]

|“So wie du es bei der Aufnahme in den Orden geschworen hast, wirst du dem Schrecken, der Astaria droht, standhaft die Stirn bieten (…)
Erhebe dich, Paladin vom Orden der Morgenröte. Du bist jetzt ein Ritter.“|

Fabio hat es endlich vollbracht: seine Paladinausbildung zum Ritter beendet. Von keinem Geringeren als dem Großmeister Silvestro persönlich erhält er den Ritterschlag. In ausgelassene Feierlaune kann er allerdings nicht verfallen. Dunkle Zeiten sind es, in denen Fabio sich unter Beweis stellen muss, denn das Reich Astarias ist in Gefahr und wird von innen wie von außen angegriffen.

Vermeintliche Freunde entpuppen sich als Verräter, die den Paladinorden infiltrieren, während sich riesige Goblinheere an den Grenzen sammeln und nur darauf warten, in das geschwächte Reich einzufallen. Der verderbliche Einfluss Astronos, des gefallenen Erzstellars, bringt das Gefüge durcheinander.

Nur gut, dass Fabio immerhin treue Freunde an seiner Seite weiß. Da sind Celeste, eine überaus talentierte Sternenmysterikerin, Sylvana, eine bedrohlich wirkende, aber im Herzen gutmütige Werwölfin, und Meister Acrimboldo, ein technisch visierter Himmelsmechaniker. Zusammen stellen sie sich den Bedrohungen, um Astaria vor dem Untergang zu bewahren.

_Originelles Jugendbuch_

„Die flüsternde Stadt“ bildet den zweiten Teil der Trilogie |Die Wächter von Astaria|. Thomas Finn bedient das Genre des in den letzten Jahren unermüdlichen angewachsenen Jugendbuchsektors mit einem originellen Roman abseits des üblichen Einheitsbreis. Das hat er bereits mit der ebenfalls im |Ravensburger Buchverlag| erschienenen Trilogie |Die Chroniken der Nebelkriege| unter Beweis gestellt.

Zwar steht auch in |Die Wächter von Astaria| mit Fabio eine wenig kantige, sondern eher klassische Hauptfigur im Mittelpunkt, mit der sich der Leser bei deren Abenteuern und der charakterlichen Entwicklung problemlos identifizieren kann. Finn überzeugt aber durch seine mehrschichtigen Nebenfiguren, bei denen bis zum Ende nie sicher ist, auf welcher Seite sie wirklich stehen. Finns Roman überzeugt ebenso durch einen gut durchdachten Plot, dessen Handlungsstränge harmonisch ineinander übergehen, ohne aufgesetzt zu wirken. Und er überzeugt durch eine farbenfrohe Welt, die an die schillernden Metropolen des spätmittelalterlichen Italiens erinnern, kombiniert mit Magie- und Steampunk-Elementen.

_Nahtlose Fortsetzung_

Nach Einführung der Charaktere, der Schauplätze und der nahenden Bedrohung in „Der letzte Paladin“ steigt „Die flüsternde Stadt“ direkt in die Handlung ein. Fabio befindet sich im Castello di Arborea, auf der Ordensburg der Paladine. Abgeschieden auf einer Insel, 150 Meilen vom Festland entfernt, ist die heraufziehende Dunkelheit hier nur vage wahrzunehmen. Die wenigen noch stationierten Paladine sind angespannt, aber die Gefahr scheint weit entfernt.

Als Fabio vom Seneschall Ernesto eine Nachricht erhält, dass der Großmeister Silvestro ihn in Stella Tiberia sprechen will, haben die Warterei und das quälende Nichtstun endlich ein Ende. Sofort setzt Fabio auf das Festland über und sucht den Großmeister der Paladine in der Sternenburg auf. Der will von ihm vor allem persönlich wissen, was sich in den letzten Wochen abgespielt hat. Dass Fabio es mit Astronos Schergen in Gestalt von Sternenvampiren aufgenommen hat, die bereits im Geheimen viele wichtige Ämter in Politik und Militär und im Adel bekleiden, stieß vielerorts auf taube Ohren. Im Gegensatz zu vielen hochrangigen Paladinen glaubt der Großmeister Silvestro aber die Geschichte und belohnt Fabio nicht zuletzt für seinen Mut durch den Ritterschlag.

Vor den Toren der Stadt und an den Reichen des Landes spitzt sich die Lage in der Zwischenzeit weiter zu. Nach Venezia ist nun auch Verona gefallen und in der Hand der Feinde. Tausende von Goblins ziehen durch die Lande und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Auch Stella Tiberia ist in Alarmbereitschaft. Ein Meer von Zelten und Soldaten prägt das Straßenbild. Doch die militärische Präsenz täuscht die vermeintliche Sicherheit nur vor und kann schließlich nicht verhindern, dass ein Angriff von innen heraus erfolgt.

Während einer Versammlung von Paladinen und Sternenmysterikerinnen, um die nächsten Schritte gemeinsam abzustimmen, entpuppt sich ein früherer Freund Fabios als Anhänger Astronos und aktiviert im Tagungsraum eine ganze Schar arkanomechanischer Skorpione. Der hinterhältige Angriff fordert das Leben des Großmeisters Silvestro.

Die Zeit drängt nun umso mehr und verlangt außergewöhnliche Bündnisse, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat. So wird der alte Pakt von Sonne und Mond reaktiviert, der je einen Paladin an eine Sternenmysterikerin bindet, um gegenseitigen Schutz und ein Maximum an Handlungsspielraum zu bieten: je ein kampferprobter Beschützer an der Seite einer magiebegabten Sternenmysterikerin. Fabio gerät dadurch ausrechnet an die mürrische Denebola, die Fabios Freundschaft zu Himmelsmechanikern und Werwölfen kritisch gegenüber steht. Nicht unbedingt das beste Zweierbündnis. Doch immerhin untersteht die hübsche Celeste Denebola als Novizin, auf die Fabio schon während seiner Zeit als Knappe ein Auge geworfen hat.

Gemeinsam macht sich die kleine Gruppe in die Stadt Firenze auf, um dort einen drohenden Angriff der Goblins abzuwehren. Gerade in dieser schwierigen Situation behaken sich die Herrschaftshäuser der Stadt und streiten darum, wer die Verteidigung anführen soll. Ein Ritterturnier, an dem auch Fabio teilnimmt, soll den Sieger schließlich ermitteln. Ausgerechnet der Hauptgewinn, ein magischer Schild unbekannter Herkunft, der dem Gewinner neben dem Führungsanspruch über die Armeen zusteht, entpuppt sich als Instrument, das den Krieg entscheiden könnte. Dabei stellt sich heraus, dass nicht nur hochnäsige Adelsgecken, sondern auch Sternenvampire an dem Turnier teilnehmen und auf den Schild aus sind. Fabio muss die Hilfe alter Freunde in Anspruch nehmen und ungewöhnliche Bündnisse schmieden, um den Schild zu ergattern, Astronos Schergen zu enttarnen und die Heere der Goblins zurückzuschlagen.

_Spannung bis zur letzten Seite_

Bis zur letzten Seite bleibt Thomas Finns zweiter Roman um |Die Wächter von Astaria| spannend. Keine langatmigen Handlungspassagen, keine unnötigen Ausschweifungen trüben den Lesespaß. Das ist auf dem deutschen Buchsektor keineswegs üblich und zeugt von einer hohen Qualität, die vor allem durch ihre Konstanz besticht. Finn formuliert klar und plastisch. Seine Sprache ist eher einfach als anspruchsvoll, hält aber gerade durch die einfache Struktur den Leser gefangen. Hier wird nicht aufgebauscht und eine Erwartung geschürt, die der Autor später enttäuschen muss. Vielmehr ist das klare Grundgerüst sichtbar, seine Eckpfeiler sind ein mit seinen Aufgaben wachsenden Helden, eine romantischen Liebesbeziehung, Geheimnisse wie das der Eisernen Bibliothek oder des magischen Schildes und verabscheuungswürdige Bösewichte. Ummantelt von kreativen Einfällen, die sich vor allem in den Erfindungen der Himmelsmechaniker widerspiegeln – Erfindungen, die Finn beim Schreiben spürbar Spaß gemacht haben müssen -, und bunten Schauplätzen von einer untergegangenen Stadt bis hin zu einem spannend wie authentisch inszenierten Ritterturnier, ergibt das einen Lesestoff, von dem man so schnell nicht wegkommt.

|512 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3-473-35295-1|
http://www.thomas-finn.de
http://www.ravensburger.de

_Thomas Finn auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Thomas Finn vom Dezember 2007]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=85
[Interview mit Thomas Finn vom Februar 2006]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=59
[„Der Funke des Chronos“ 2239
[„Das unendliche Licht“ 2646 (Die Chroniken der Nebelkriege 1)
[„Der eisige Schatten“ 3610 (Die Chroniken der Nebelkriege 2)
[„Die letzte Flamme“ 4382 (Die Chroniken der Nebelkriege 3)
[„Das Greifenopfer“ 1849 (Das schwarze Auge)
[„Das Greifenopfer“ 2844 (Das Schwarze Auge, Hörbuch 3)
[„Der Hexer von Salem“ 2660 (Grundregelwerk)

Nimmo, Jenny – Charlie Bone und der Schattenlord (Die Kinder des roten Königs 7)

Band 1: [„Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ 1992
Band 2: [„Charlie Bone und die magische Zeitkugel“ 2448
Band 3: [„Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange“ 3308
Band 4: [„Charlie Bone und das Schloss der tausend Spiegel“ 3464
Band 5: [„Charlie Bone und der rote König“ 3468
Band 6: [„Charlie Bone und das magische Schwert“ 4685

Eigentlich sollte Charlie es wirklich besser wissen. Aber natürlich ist seine Neugierde stärker als die Vernunft; und so kommt es, dass Charlie sich in den Keller schleicht, wo seine Großmutter und seine Großtanten ein ungewöhnliches Gemälde abgestellt haben – ein Gemälde mit Eigenleben sozusagen, denn obwohl darauf niemand zu sehen ist, auf den Charlie sich konzentrieren und zu dem er ins Bild steigen könnte, findet er sich ungewöhnlich schnell mitten in der dargestellten Landschaft wieder. Und die gehört zu keinem geringeren Ort als dem Schloss des Schattenlords, den Charlie und seine Freunde vor kurzem erst unter großen Anstrengungen losgeworden sind. Vor allem aber ist Charlie auf Dauer nicht der Einzige, der sich in dieses schaurige Bild verirrt. Bald darauf erwischt es auch – Billy Raven.

_Der Schattenlord_ selbst taucht erstaunlich wenig auf. Dafür werden zwei andere Figuren wichtig:

Otus Darkwood stammt aus einer längst vergangenen Zeit und wird vom Schattenlord gefangen gehalten. Dem Namen ist unschwer zu entnehmen, dass er einer von Charlies Vorfahren ist. Und er ist ziemlich groß, denn er hat Riesenblut in den Adern. Allerdings kann er Charlie nur kurze Zeit beschützen.

Mathilda ist die Enkelin des Schattenlords. Und sie bildet einen erstaunlichen Kontrast zu den übrigen Bewohnern des Schlosses. Sie lächelt und ist freundlich, ja, sogar hilfsbereit, während alle anderen – ihre Großmutter, ihr Großvater und ihr Bruder – von kühl über unfreundlich bis abweisend wirken, obwohl sie nur am Rande auftauchen. Zu ihren Großeltern scheint sie keine besonders enge Beziehung zu haben; an einer Stelle fällt sogar eine Bemerkung, die klingt, als gehörte Mathilda gar nicht wirklich zur Familie. Offenbar hat sie sich bisher ziemlich allein gefühlt, denn ihr Bruder scheint auch nicht besonders umgänglich zu sein. Billy dagegen, der trotz Charlies Freundschaft selbst sehr einsam ist, weil er keine eigene Familie hat, gefällt ihr sofort. Er gefällt ihr so gut, dass sie ihn gar nicht mehr hergeben will …

Mathilda ist im Grunde der einzig wirklich interessante Neuzugang. Otus ist zwar ein netter Kerl, gibt als Charakter aber nicht allzu viel her. Er taucht nur zweimal kurz auf, einmal, um Charlie zu retten, und dann, um von Charlie gerettet zu werden. Mathilda aber fasziniert durch den Kontrast zu ihrer Familie und ihr zwiespältiges Verhalten, denn obwohl sie freundlich und hilfsbereit wirkt und offenbar niemandem etwas Böses will, unterstützt sie doch – ob mit oder ohne Absicht – den Zauber ihres Großvaters, den dieser auf Billy gelegt hat.

_Was die Handlung angeht_, so macht natürlich nicht nur das ungewöhnliche Gemälde Scherereien.
Titania Tilpin, Joshuas Mutter, versucht angestrengt, Amorets zerbrochenen Spiegel wiederherzustellen, um den Schattenlord erneut in Charlies Welt zu holen. Bisher war sie nicht sehr erfolgreich, doch sie lässt nichts unversucht, um Unterstützung zu erhalten, sei es von den Kindern des roten Königs, die zur dunklen Seite gehören, sei es von anderen Magiern oder Sonderbegabten, die sich über Jahrzehnte hinweg in der Piminy Street verkrochen und bedeckt gehalten haben.

Und Manfred Bloor hat Dagbert dazu angestiftet, Charlie Bones magische Zauberstab-Motte zu stehlen. Das führt insofern zu Verwicklungen, als Dagbert – obwohl er die Motte an Manfred weitergeben musste – versucht, einen Tauschhandel mit Tancred abzuschließen. Er will seinen Seeigel aus Meergold wiederhaben, denn so lange dieser in seiner Sammlung aus magischen Talismanen fehlt, kann Dagbert seine Macht nicht voll entfalten. Der Ausgang dieses Duells findet allerdings nicht gerade Manfreds Zustimmung …

Von dem mondabhängigen Wankelmut, der Dagbert im vorigen Band so interessant machte, ist diesmal nicht viel zu spüren. Titania Tilpins Bemühungen, was den Spiegel angeht, betrachtet Dagbert mit arroganter Gleichgültigkeit. Aber mit Manfred Bloor scheint er sich prächtig zu verstehen. Offenbar spielt dieser Teil der Geschichte von einer Woche vor bis eine Woche nach Neumond. Was andererseits bedeuten würde, dass sich Dagberts Charakter demnächst wieder wandeln müsste …

_Was diesen Band jedoch_ am stärksten von allen anderen unterscheidet, ist, dass er nicht so in sich abgeschlossen wirkt wie seine Vorgänger. Das liegt daran, dass der rote Faden, der inzwischen von dem Rätsel um Billy Ravens Eltern und deren Erbe gebildet wird, diesmal so stark im Vordergrund steht. Während zum Beispiel in Band zwei der rote Faden – das Rätsel um Charlie Bones Vater – im Vergleich zu den Turbulenzen um Henry und die Zeitkugel nur eine Randerscheinung ist, bildet er durch Billys Eintritt in das Gemälde diesmal den Mittelpunkt des Geschehens. Und obwohl Charlie wieder einmal die obligatorische Rettungsaktion hinter sich gebracht und Otus aus dem Gemälde herausgeholt hat, steckt Billy immer noch drin.

Auch von den Nebensträngen kann nur einer ein Ergebnis vorweisen, und das ist der um Dagbert und Tancred. Die Sache mit Amorets Spiegel ist ebenfalls offen geblieben. Dies und einige andere Kleinigkeiten wie die Schwierigkeiten der Onimouses oder die Aktivitäten von Tante Venezias Stiefsohn Eric erwecken den Eindruck, als bahnte sich da etwas Größeres an. Eine solche langfristige Entwicklung außerhalb des roten Fadens war dieser Reihe bisher eher fremd.

Am ungewöhnlichsten empfand ich allerdings die Tatsache, dass immer wieder ein bevorstehender Angriff auf Charlies Eltern angedeutet wird. Das geht jetzt schon zwei Bände lang so, aber bisher ist nichts passiert. Dabei würde eine gezielte Attacke auf die beiden sämtliche Aktivitäten im Zusammenhang mit Billy Raven überflüssig machen. Allmählich frage ich mich, worauf die Bloors denn eigentlich warten …

_Letztlich_ kann ich über diesen Band dasselbe sagen wie über seinen direkten Vorgänger: Wirklich langweilig war er nicht, was diesmal vor allem der interessanten Idee mit dem besonderen Gemälde und Mathilda, sowie auch ein wenig dem Duell zwischen Dagbert und Tancred zu verdanken war. Allerdings hat diesmal wieder ein wenig die Geschmeidigkeit gefehlt, die einzelnen Handlungsstränge ergaben keine so nahtloses und glattes Gesamtbild wie in Band V. Vielleicht werden die bisher so lose nebeneinander herlaufenden Stränge im nächsten Band etwas enger miteinander verknüpft, sodass dieser Eindruck sich etwas abschwächt. Dieser achte Band mit dem Titel „Charlie Bone and the Red Knight“ soll im September 2009 erscheinen und endgültig der letzte der Serie sein.

_Jenny Nimmo_ arbeitete unter anderem als Schauspielerin, Lehrerin und im Kinderprogramm der |BBC|. Geschichten erzählte sie schon als Kind, Bücher schreibt sie seit Mitte der Siebziger. Unter anderem stammt der Zyklus |Snow Spider| aus ihrer Feder, sowie „Im Garten der Gespenster“, „Der Ring der Rinaldi“ und „Das Gewächshaus des Schreckens“. „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ ist der erste Band des Zyklus |Die Kinder des roten Königs| und hat sie auch in Deutschland bekannt gemacht.

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