_Wahnsinn oder Burnout – eine schreckliche Wahl_
Die 15-jährige Reason Cansino wurde von ihrer Mutter Sarafina im australischen Hinterland aufgezogen, stets in dem Glauben, ihre Großmutter Esmeralda sei eine böse Hexe. Reason dürfe niemals Magie ausüben. Doch es kam zu Unfällen. Wenn Reason gereizt wurde und in Wut geriet, litt das Opfer, manchmal starb es sogar – Mitschüler etwa. Dann floh sie mit ihrer Mutter, zuletzt sogar nach Sydney, wo Sarafina in die Nervenheilanstalt Kalder eingewiesen wurde. Folglich steckten die Behörden ihre Tochter Reason zu ihrer nächsten Verwandten: Esmeralda.
Esmeraldas Haus hat eine Verbindung nach New York. Per Zufall gerät Reason so auf die winterliche Erdhalbkugel, lernt dort die magische Jay-Tee kennen, deren Bruder Danny und leider auch ihren Großvater Jason Blake. Als der ihr die Magie rauben will, flieht Reason zurück nach Sydney.
Nun ist sie maßlos überrascht durch die Entdeckung, wie groß ihre magischen Kräfte sind. Esmeralda erteilt ihr und Jay-Tee, die Reason gefolgt ist, Unterricht in Magie. Den brauchen sie auch, um sich einer Belagerung erwehren zu können, bei der ihre Hintertür von einer unheimlichen Macht verformt wird. Als Reason nicht aufpasst, beult sich die Tür aus und reißt sie hindurch in die jenseitige Dimension: ins winterliche New York. Hier lauert ein alter magischer Mann vor Esmeraldas Tür, und Jason Blake dürfte ebenfalls nach ihr suchen. Reasons einzige Hoffnung besteht darin, Danny zu finden.
_Die Autorin_
Justine Larbalestier ist im australischen Sydney geboren, wo sie bis heute lebt. Mit ihren Eltern, zwei Anthropologen, zog sie mehrfach für einige Zeit in andere Gegenden Australiens, u. a. zu den Aborigines in den nördlichen Territorien (also bei der Stadt Darwin). Mit ihrem Mann, dem amerikanischen Sciencefiction-Autor Scott Westerfeld („Weltensturm“, „Midnighters“, „Uglies – Pretties – Specials – Extras“), reist sie gern und häufig nach New York City.
Die Cansino-Trilogie:
1) [Magische Töchter 4753 (Magic or Madness, 2005; dt. Mai 2008)
2) Magische Spuren (Magic Lessons, 2006; dt. Juli 2008)
3) Magische Verwandlung (Magic’s Child, 2007; dt. September 2008)
_Handlung_
Großmutter Esmeralda ist gar nicht so übel, aber auch nicht gerade ein Engel, findet Reason. Ihre Mutter hat ihr erzählt, Esmeralda esse Babys und habe eine Katze getötet und und im Keller vergraben. Das hat sich als Märchen herausgestellt, um Reason abzuschrecken, aber dennoch ist Reason auf der Hut. Die Frauen der Cansino-Sippe, die seit dem 19. Jahrhundert in Sydney gelebt haben, sind alle vor ihrem 18. Lebensjahr gestorben. Die Magie hat sie getötet. Und wenn sie nicht starben, dann wurden sie verrückt – so wie Sarafina. Wie also ist es Esmeralda gelungen, 48 Jahre alt zu werden?
Im Unterricht, den die Großmutter Reason, Jay-Tee Galeano und dem Nachbarsjungen Tom Yarbro gibt, muss sie zugeben, dass ein Magiebegabter sehr mit seiner Magie haushalten muss, oder es nimmt ein frühes Ende mit ihm oder ihr. Jay-Tee schaut schuldbewusst. Sie hat alle Ratschläge ihres Vaters in den Wind geschlagen und ihre Magie verschwendet. Jetzt ist sie dem Tode nahe – mit fünfzehn Jahren.
Auch Esmeralda wäre fast einmal an Erschöpfung gestorben. Sie hat ohne Toms Erlaubnis einzuholen von seiner Magiequelle „getrunken“. Diesen Verrat kann er ihr nur sehr schwer verzeihen. Nur Reason scheint vor Kraft zu strotzen. Genau deshalb ist ja ihr Großvater so scharf auf sie. Ausgerechnet Esmeraldas Ex-Mann Jason Blake! Vor ihm musste Reason aus New York City fliehen. Um ihre Kraft zu verstärken, gibt ihre Lehrerin allen drei Schülern magische Gegenstände, die sie am Körper tragen sollen, z. B. Knochen, Zähne, Ammoniten usw.
Diese Kraft brauchen sie auch, um sich der Macht erwehren zu können, die sich anschickt, die Verbindungstür nach New York City einzureißen. Trotz Gegenzaubers beult sich die Tür aus und verformt sich, als wäre sie flüssig. Einmal schickt sie sogar einen Ableger auf die Kinder los, und der Golem – so nennt Reason das verformbare Ding – bohrt sich in Reasons Arm. Sie spürt, dass es ein Cansino-Ding ist und stößt es kraftvoll wieder ab. Aber in einem unachtsamen Augenblick schickt die Tür einen weiteren Pseudo-Arm aus, greift sich Reason und zerrt sie hindurch nach New York City.
Doch herrscht eisiger Winter, und Reason hat nur ihren Schlafanzug an, aber keine Schuhe. Ein alter Mann steht vor ihr, der ihren magischen Angriff mühelos pariert und sie wegschickt. Reason findet schnell Hilfe bei Danny, Jay-Tees (Julietas) Bruder, und er bringt sie in seine Penthouse-Wohnung. Sie verliebt sich in Danny und schläft mit ihm, gerade noch rechtzeitig, bevor Jason Blake sie ausfindig macht und angreift. Danny und Reason können fliehen, denn Reasons Kräfte sind gewachsen, doch wohin können sie Jason Blake entwischen?
Es gibt nur einen Weg: zurück zu Oma Esmeraldas Haustür. Der alte Mann dort versucht immer noch, ins Haus einzudringen. Wird er Reason an der Flucht hindern? Doch nein, er meint es gut mit ihr: ein alter Verwandter. Und er hat ihr ein großes Geschenk zu machen: seine eigene Art von Magie.
_Mein Eindruck_
Diesmal fängt die Geschichte ganz langsam an, um dem Leser deutlich zu machen, dass es eine Reihe von Problemen für die drei jugendlichen Helden zu bewältigen gilt. Alle drei sehen sich der schrecklichen Möglichkeit gegenüber, entweder verrückt zu werden wie Reasons und Toms Mütter oder eines frühen Todes zu sterben, wahrscheinlich noch vor Vollendung des 18. Lebensjahres.
Besonders Jay-Tee hat Raubbau getrieben mit ihren magischen Kräften, und schon ein kleiner Dauerlauf bringt sie an den Rand des Abgrunds. Tom gewährt ihr sozusagen eine kleine Notration, die sie wieder auf die Beine bringt. Sie sind wie Autos, die mit dem letzten Rest Benzin laufen und damit haushalten müssen. Esmeralda geht es nicht anders. Die Lösung zwischen Wahnsinn und Tod liegt in Reason, dem „Verstand“ der Gruppe.
Nicht so Reason. Sie hat genug Kraft, doch man ist hinter ihr her, ganz besonders seitens Jason Blakes. Und vielleicht will sogar der alte Mann vor der Tür etwas von ihr. Es würde sie nicht wundern, und schon bald leidet sie unter Verfolgungswahn. Deshalb wendet sie sich mit heftigem Vertrauen an Danny, Jay-Tees Bruder. Er verwöhnt sie mit Klamotten, in denen sie selbst im kalten New York City nicht auffällt, sondern sich wohlfühlt. Sie verführt ihn nach Strich und Faden, und er kann ihrem Charme (= Zauber) nicht widerstehen. Aber wie soll sie es dann Jay-Tee beibringen? Am besten gar nicht, oder? Leider lässt sich eine Schwangerschaft nicht für immer verstecken.
Die Sache mit der Magie wird in diesem Band weiter differenziert. Demnach gibt es zwei Sorten davon: sozusagen „Magic light“ – das ist das, was Reason bislang praktiziert hat, was aber schon ausreicht, um einen Menschen zu töten. Sie müssen die richtige Dosis finden, um damit nur eine Kerze anzuzünden. Und dann gibt es die richtig heftige, transformierende Magie. Das ist die Magie, die der alte Mann ihr zeigt und injiziert. Sie ist nämlich auch materiell übertragbar. Diese Magie lässt sich zielgerichtet einsetzen, um sich selbst und andere Körper zu verformen. Reason hat schon immer in andere Körper blicken können, so wie Tom stets Formen sieht und Jay-Tee sehen kann, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt.
Die neue Art der Magie, die der alte Mann, ihr Ururgroßvater, ihr zeigt, erweitert Reasons Horizont auf einen Schlag. An nichts erinnert ihr Blick nun so sehr wie an den von Neo im dritten Teil von „MATRIX: Revolutions“: Die Welt erstrahlt in ihren Bestandteilen und Atomen, doch was so strahlt, ist die Magie in den Begabten. Es gibt noch genügend Nichtbegabte in der Welt, weiß Gott. Was, wenn Reason alle Magiebegabten zu einem gemeinsamen Werk zusammenbringen könnte? Die Folgen wäre im Guten wie Schlechten kaum vorstellbar.
So wie Neo zum Erlöser der Maschinenwelt, der MATRIX, geworden ist, so betrachten nun auch ihre Freunde Reason als ihre Retterin aus der schrecklichen Wahl, vor welche die Magie sie stellt: Wahnsinn oder früher Tod. Transformation könnte die Antwort sein. Aber hat Reason die sittliche Reife, um beurteilen zu können, ob die Umwandlung beispielsweise ihrer Großmutter helfen wird? Eine offene Frage, die der dritte Band beantworten muss.
|Die Übersetzung|
Die Übersetzerin hat sich bemüht, den Jugendjargon ins Deutsche zu übertragen. Zusätzlich musste sie die Unterschiede zwischen amerikanischem und australischem Englisch deutlich machen. Meistens ist ihr dies gut gelungen. Allerdings dürfte sich der deutsche Leser fragen, was denn der große Unterschied zwischen „Slip“ und „Undies“ sein soll. Es ist vielleicht eine Bemerkung wert, dass sich keinerlei Druckfehler finden ließen.
Es gibt aber auch wunderbare Stilblüten. So findet sich auf Seite 71 der Satz: „Er ließ das Wasser über seine Hand strömen, bis es abgekühlt war.“ Natürlich wird nicht das Wasser abgekühlt, sondern die Hand! Korrekt müsste es heißen: „… bis sie abgekühlt war.“ Das kommt davon, wenn man das Wörtchen „it“ eins-zu-eins übersetzt.
Beispiel zwei: „Ich glaube, das hat was mit ihrem Mathe zu tun.“ (Seite 244) Es ist ja schön und passend, wenn die Jugendlichen reden, wie ihnen der flapsige Schnabel gewachsen ist, aber man sollte ihnen in der Übersetzung durchaus den korrekten Umgang mit den Geschlechtern der Begriffe zutrauen. Es müsste also nicht „mit ihrem Mathe“, sondern „mit ihrer Mathe“ heißen. Gemeint ist nämlich |die| Mathematik.
_Unterm Strich_
Ich habe für diesen unterhaltsamen Jugendroman etwas länger gebraucht als für den ersten Band. Die Schrift ist groß, die Sätze sind einfach gehalten, die Handlung ist leicht verständlich und am Schluss auch relativ spannend. Leider jedoch braucht die Story diesmal eine Weile, bis sie in die Gänge kommt, und die Langeweile wird nicht wie im ersten Band durch Ironie, Komik und Kulturkonflikte aufgelockert.
Man könnte sagen, die drei Jugendlichen hätten ihre Unschuld verloren, aus dem Spiel sei Ernst geworden. Das kennt man ja aus TV-Mysteryserien wie „Charmed“ oder „Buffy“. Nun ja, auch Peter Parker musste seine Lektion lernen, bevor er Spider-Man werden konnte. Und weil es immer einen Schurken geben muss, an dem die Guten wachsen können, tritt diesmal der Teufel in Gestalt von Jason Blake und – irrtümlich, wie sich zeigt – des Alten Mannes auf. Das verleiht der Geschichte erst die richtige Spannung und Action.
Fünfzehnjährige dürften die Abenteuer Reasons besonders interessieren, schlägt sie sich doch mit allen Problemen herum, die mit der Pubertät einhergehen, so etwa das Begehren eines Mannes, der Sex und die Komplikationen, die darauf folgen. Diese Vorgänge erzeuge innere Spannungen, die für weibliche Leser wesentlich interessanter sein dürften als für männliche. Am interessantesten war deshalb der Schlussteil, der etwas wirklich Neues in die Geschichte einbrachte. Das macht neugierig auf die Fortsetzung.
|Originaltitel: Magic Lessons, 2006
317 Seiten
Aus dem Australischen Englisch von Kattrin Stier
Empfohlen ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3-570-30370-2|
http://www.cbj-verlag.de























