Erwachsenwerden ist nicht leicht. Probleme mit sich selbst, Probleme mit den Eltern und die erste Liebe sind alleine schon schwer zu bewältigen, aber wenn diese drei Dinge zusammen treffen, dann steckt man wahrlich in einem Schlamassel. Schlamassel machen allerdings ziemlich gute Bücher. Ein aktuelles Beispiel ist „Sperm & Egg – Eine Liebesgeschichte“, der Debütroman von Ryan Boudinot.
_Um seine große_ Liebe Kat Daniels zu beeindrucken bringt Cedar sein Sperma zum Mikroskopieren in den Biologieunterricht mit. Und tatsächlich! Es funktioniert. Die beiden kommen zusammen, doch so einfach, wie er sich das mit der ersten Liebe vorgestellt hat, ist sie nicht. So richtig klappt das mit dem Sex leider nicht – und als Kat von einer Urlaubsreise zurück kommt und plötzlich schwanger ist, läuten bei Cedar die Alarmglocken. Er ist sich ziemlich sicher, dass er es nicht war, doch Kat möchte nicht damit heraus rücken, wer sonst in Frage kommt. Also reimt sich Cedar zusammen, dass es George gewesen sein muss, der Freund von Kats Mutter, den diese nicht besonders leiden kann.
Er steigert sich in diese Theorie rein und steht Kat natürlich hilfreich zur Seite, als sie beschließt, das Baby abzutreiben. Doch die dankt es ihm nicht. Nach der Abtreibung zieht sie sich immer mehr von ihm zurück bis die Beziehung auseinander bricht. Dabei hätte Cedar eine Schulter zum Anlehnen gebrauchen können. Seine Eltern sind nämlich auf die Idee gekommen, sich scheiden zu lassen. In seiner Wut konzentriert er sich auf den mutmaßlichen Vergewaltiger George und heckt einen teuflischen Plan aus …
_“Sperm & Egg“ lässt_ einen als Leser etwas ratlos zurück. Boudinot hat gute Ideen und auch sein Erzählstil mit den sehr konkreten, häufig überraschenden Metaphern und dem unterschwelligen Humor kann sich sehen lassen. Die Handlung des Buches lässt allerdings Fragen offen. Obwohl die oben erwähnten Ereignisse aus dem Teenagerleben von Cedar und Kat im Mittelpunkt stehen, konstruiert Boudinot eine Rahmenhandlung außenrum, die mehr oder weniger unnötig ist. Zwanzig Jahre später treffen Kat und Cedar sich, da Kat ein Buch über diese Phase ihrer Jugend geschrieben hat und sich absichern will, dass Cedar sie nicht wegen der darin beschriebenen Ereignisse verklagen wird. In dieser Rahmenhandlung passiert aber nichts Wichtiges außer ein bisschen Geplänkel zwischen den Ex-Geliebten. Umso störender ist es da, dass die Kerngeschichte dadurch nicht nur unterbrochen wird, sondern auch seltsam komprimiert wirkt. Sie hätte alleine genug Kraft gehabt, um ein ziemlich gutes Buch zu werden, wenn Boudinot sie entsprechend noch etwas erweitert hätte. Sie ist komisch, dramatisch und mitreißend. Sie hat alles, was man sich von einem guten Coming-Of-Age-Roman wünscht und da ist es mehr als schade, dass der Autor den Leser mit Fragezeichen in den Augen und einer unpassenden Rahmenhandlung abspeist.
Cedar und Kat, aus deren Ich-Perspektive abwechselnd berichtet wird, sind zwei charmante Charaktere, die neben viel Witz auch eine gewisse Ernsthaftigkeit besitzen. Dadurch ähneln sie Figuren aus anderen Pubertätsromanen nicht besonders, was gut ist. Obwohl Boudinot sie immer wieder in skurrile Situationen schickt, wirken die beiden echt und lebensnah. Es macht Spaß, ihnen zu folgen – auch als erwachsener Leser. Die unbedarfte und unverfälschte Sichtweise der zwei auf das Leben und vor allem auf die Erwachsenen, gerade ihre Eltern, ist stellenweise wie ein Spiegel. So ist es kein Wunder, dass gerade diese am Negativsten betrachtet und häufig beinahe ins Lächerliche gezogen werden. Das ist zum Einen der jugendlichen Perspektive geschuldet, die die eigenen Probleme als wichtiger erachtet als die Scheidung der Eltern. Zum Anderen treffen sie dabei auch den einen oder anderen wunden Punkt.
Sprachlich findet Boudinot einen guten Mittelweg zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Seine Schreibweise ist nicht gewollt witzig. Vielmehr entstehen Scherze aus der Situation heraus, als Reaktion auf Gesagtes oder ein Ereignis. Der Autor übertreibt es dabei aber nicht. Er zieht weder die Geschichte noch deren Charaktere ins Lächerliche. Außerdem verlässt er sich nicht auf den Humor, sondern hat auch sonst einiges zu bieten. Sein lockerer Umgang mit Metaphern, die teilweise ungewöhnlich sind, und anderen Sprachbildern lassen „Sperm & Egg“ zu einem fluffigen Lesevergnügen werden, das man schon alleine deshalb in einem Rutsch liest, weil man gespannt auf die nächste sprachliche Raffinesse ist.
_“Sperm & Egg“ macht_ definitiv einen guten ersten Eindruck auf dem Büchermarkt. Die lockere, witzige Schreibweise und die gut durchdachte Kerngeschichte zeigen, dass Boudinot sein Handwerk beherrscht. Die Rahmenhandlung allerdings schmälert den Genuss etwas.
_Kurzweilige Reise in die jüngere Vergangenheit Roms_
Über die Vampire und Zauberer, von denen es in der zeitgenössischen Literatur nur so wimmelt, über historische Romane und andere überwiegend unterhaltenden Literatur vergisst man fast, dass es auch noch Schriftsteller gab und gibt, die sich durchaus realistisch mit der sie umgebenen Welt auseinandergesetzt haben. So ist es leicht möglich, dass man sich Alberto Moravias „Römische Erzählungen“ in Vorfreude auf einen Italienurlaub in der Buchhandlung greift und überrascht wird. Rot wie der Mohn zwischen den Steinen im Forum Romanum dominiert die Zeichnung eines leichten Schals den Einband von Luchterhands Wiederauflage. Sie zeigt bereits, wo die Reise hingeht: in undurchsichtige, in erotische, sogar in blutige Gefilde. „Meisterhafte literarische Momentaufnahmen (…) Ein Buch über Rom, über die Liebe, die Tragödien des Alltags und die Labyrinthe der menschlichen Seele.“ verspricht der Umschlagtext. Und er hält, was er verspricht.
Mit seinen 1954 und 1959 zum erstem Mal veröffentlichten „Racconti romani“ nimmt Moravia den Leser mit in das Nachkriegsitalien der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts. Bereits die erste Geschichte „Der Dickschädel“ skizziert das Milieu, in dem sich alle Erzählungen bewegen. Der männliche Ich-Erzähler, ein römischer Taxifahrer, lässt sich in der Hoffnung auf ein amouröses Abenteuer darauf ein, zwei Männer und eine Frau nach außerhalb von Rom ans Meer zubringen. Obwohl die Frau wie eine Schlange wirkt, sind ihr roter und voller Mund sowie ihre schwarzen leuchtenden Augen zu verführerisch, um die Fahrt abzulehnen. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass die Bande ihn erschießen und sein Auto stehlen will. Der Mordversuch missglückt, weil selbst die Pistole zu heruntergekommen ist, als dass sie noch richtig funktionieren würde. So recht trauen sich die Männer einen Mord auch gar nicht zu. Nach einer absurden Diskussion fährt der Taxifahrer nur mit der Frau nach Rom zurück und muss unterwegs auch noch feststellen, dass diese ihn die ganze Zeit an der Nase herumgeführt hat und es kein amouröses Abenteuer geben wird. Ganz im Gegenteil – er, der Arbeitszeit und Benzin vergeudet hat, wird am Ende noch als „Dickschädel“ beschimpft.
So oder ähnlich sind auch die Protagonisten der anderen Erzählungen gelagert. Man bekommt es mit leichten Mädchen, mit Mördern, Dieben, Messerstechern, Krüppeln, Kleinhändlern und merkwürdigen Figuren zu tun, die sich mehr schlecht als recht durch das Leben schlagen. Wie der Lastwagenfahrer aus der gleichnamigen Erzählung oder Gino aus „Das Double“ sind sie auf der Suche nach Freundschaft und Liebe. Dabei blickt Moravia auch in die Abgründe der menschlichen Seele, in der sich auch Hass und der Wunsch nach Rache ausbreiten können. Doch wie in der Erzählung „Das perfekte Verbrechen“ schlägt die bedrohliche Atmosphäre häufig ins Komische um und macht das perfekte Verbrechen auf ironische Weiser zu einem Verbrechen, das gar nicht erst geschieht.
Der Leser schmunzelt immer wieder über die Fehlinterpretation der Situationen durch die durchweg männlichen Ich-Erzähler Moravias. Diese sind nicht in der Lage, ihr Leben zu reflektieren, und versuchen nie, den Ursachen der ihnen widerfahrenden Schicksale auf den Grund zu gehen. Am Ende stehen sie meist so gewollt ahnungslos da wie der Erzähler aus „Laß es gut sein“, der bis zum Schluss der Geschichte nicht versteht, warum ihn seine Frau verlassen hat, obwohl durch die Schilderung des Charakters und der Taten des Protagonisten dem Leser auf didaktisch anschauliche Weise ganz genau vermittelt wird, dass es sich um einen Mann handelt, der seine Frau Tag und Nacht nicht für eine Minute allein gelassen hat und ihr in seiner „Anhänglichkeit“ sogar bis auf öffentliche Toiletten nachgelaufen ist. In seiner Verzweiflung wirkt er, der sich für den besten Ehemann hält, schon fast tragisch. Doch auch der Leser erkennt, dass es für diesen selbstverliebten Menschen nur den einen Rat gibt: „Lass es gut sein.“
Tatsächlich wirken die Geschichten, auch wenn sie von Versagen, Zurückweisung und Misserfolg erzählen, nie sentimental, sondern amüsant; bestes Beispiel ist auch die Geschichte des Müllmanns Luigi aus „Und du bist dran“, der seinen Beruf vor seiner Freundin geheimhalten will, weil er denkt, dass Frauen keine Müllmänner mögen, bis er schließlich seinen Job aufgibt und arbeitslos wird, woraufhin sie schließlich jemand anderen heiratet – einen Müllmann nämlich.
Einen beispielhaft mustergültigen Menschen gibt es trotz der didaktischen Absichten Moravias nicht. Seine Figuren sind nicht nur moralisch fehlerbehaftet wie jeder gewöhnliche Mensch. Sie sind auch äußerlich nicht perfekt und stehen dem Leser gerade deshalb nahe. Die Männer verlieben sich nicht in wunderschöne weibliche Überwesen, sondern beispielsweise in „ein kräftiges, nicht sehr großes Mädchen mit einem breiten, frischen, von Sommersprossen übersäten Gesicht und einer Brille für Kurzsichtige“ („Die Krankenschwester“) oder „dralle Mädchen, klein und krumm“ („Tarzans Revanche“).
Moravia, der in Rom geboren wurde und viele Jahre seines Lebens in dieser Stadt verbrachte, skizziert in den kurzen Geschichten eine bunte Stadt voller Leben. Sein Rom besteht aus kleinen Cafés und Bars, schmuddeligen Straßen, nachtfinsteren Parks, der braunen Dreckbrühe des trägen Tibers, dem hinter sonnenverbrannten Gräsern und trockenen Sträuchern gelegenem Meer sowie Wohnungen der Unter- und Mittelschicht. Es gibt kleine Geschäfte, mit denen sich die Inhaber gerade so über Wasser halten können. Die Menschen müssen im Kampf ums tägliche Überleben erfinderisch sein. Vom beginnenden Nachkriegsaufschwung hingegen zeugen Autos, Theater und Kinos. Man amüsiert sich beim Spazieren, bei Pferde- oder Windhundrennen oder bei einer Partie Billard, während man auf dem Land „die Hühner zwischen den Beinen hat“ und noch auf Pferde als Fortbewegungsmittel angewiesen ist. Solchermaßen kontrastierend erhält Rom seine Gestalt als Magnet für alle, die sich nach Fortschritt und einem besseren Leben sehnen. Die Landbevölkerung schneidet in Moravias Geschichten dabei schlechter ab als die Variation recht schlitzohriger oder trotteliger Römer. Tuda, das „Mädchen aus Ciociaria“, kann beispielsweise weder lesen noch schreiben und ist so einfältig, dass sie den Wert von Büchern allein an deren Anzahl und nicht an ihrem Inhalt misst.
So einfach wie die Menschen selbst und ihre Lebenswelt ist auch ihre Sprache. Schwarze Augen werden mit Kohlen verglichen; Körper mit Kohlköpfen. Schimpfwörter wie Nichtsnutz, Drückeberger, Faulpelz, Schurke, Hundsfott, gerissenes Luder oder Hexe begegnen dem Leser allenthalben. Sie klingen im Deutschen fast zahm, aber wenn man sie sich zusammen mit lebhaften Gesten und der leidenschaftlichen Intonation der Italiener vorstellt, ahnt man das Unbehagen, das die Darstellung der ungeschminkten Realität der einfachen Bevölkerung in ihren Entstehungsjahren ausgelöst hat. In diesem Sinne ist dieser moderne Klassiker der italienischen Literaturgeschichte dann doch wieder richtig aufgehoben im Urlaubsreisegepäck; als eine kurzweilige Reise in Roms jüngere Vergangenheit und die italienische Kultur, sicherlich keine ganz leichte Kost, aber in Häppchen dargeboten und daher gut verdaulich.
|Originaltitel: Racconti romani, 1954
Übersetzung: Michael von Killisch-Horn
476 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-630-62180-7|
http://www.Luchterhand-Literaturverlag.de
Acht Freundinnen, alle etwa um die vierzig Jahre alt und alle Mütter, treffen sich zu einer Übernachtungsparty. Das ist eine kostbare Ausnahme im stressigen Alltag, die entsprechend zelebriert wird: Mit Unmengen hervorragenden Essens, mit Erdbeer-Daiquiris und Karamelllikör, mit Frauenfilmen und jeder Menge Gesprächen.
Die Mutterschaft ist das bindende Glied zwischen der Ich-Erzählerin Joanne und ihren Freundinnen. Einstellungen und Anschauungen weichen voneinander ab und erzeugen durchaus Reibungsflächen. Doch da ist diese eine Erfahrung, diese Mutterschaftserfahrung, die sie verbindet und die ihnen genügend Plattform bietet, um sich immer wieder zusammenzuraufen und um ihre seltenen Auszeiten zu genießen. Selbst, wenn man dafür großmütig über Makel hinwegsehen muss, die man an den anderen findet.
Acht unterschiedliche Frauen bringen ihre Geschichten, ihre Hoffnungen, Ängste und Träume mit und tauschen sich aus: Der Abend schwankt zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wehmut und Albernheit, zwischen der Ausnahme-Zigarette und dem Dinnermarathon. Geheimnisse werden verraten oder zumindest angedeutet, Schwächen aufgedeckt, Eingeständnisse gemacht. Kleine Lästereien fehlen ebenfalls nicht, aber vorrangig geht es um größere Eintracht: Die größere Eintracht, die entsteht, wenn man merkt, dass man nicht allein ist mit den persönlichen Katastrophen, den kleinen Siegen.
Es geht darum, einmal von der Familie wegzukommen, sich einen Abend lang nicht nur um andere zu kümmern, das eigene, zurückgestellte Selbst hervorzukramen und es ein bisschen zu pflegen. Es geht darum, sich eine Auszeit zu gönnen, um am nächsten Tag voller Liebe und Sehnsucht und mit einem leichten Kater in den Schoß der Familie zurückkehren zu können.
_Kritik_
Acht Frauen, acht Leben, eine Nacht und Erdbeer-Daiquiris – natürlich ist das spannend. Für Frauen jedenfalls. Ich konnte schon beim Lesen des Klappentextes vor meinem inneren Auge die kleine Staubwolke sehen, die der letzte Mann hinterlassen hat, der umgehend die Flucht ergriffen hat, sobald er diese Zusammenfassung gelesen hatte. Nein, „Weiberabend“ ist ein Weiberbuch.
Schnell wird „frau“ also warm mit der Authentizität, die sie aus diesen Seiten anspringt: Frauen, die essen, reden, trinken, reden, kichern, reden, weinen, reden … Das kennen wir alle. Wahrscheinlich ist ein schönes Männeräquivalent zu einem solchen Abend ein spannendes Fußballspiel, ein Kasten kalten Biers und ein, zwei Kumpel, mit denen man nur unter Verwendung des Wortes „Alter“ kommuniziert, das auch je nach Betonung eine Menge aussagen kann.
Joanne Fedler schreibt ungekünstelt, und das ist gut so. Sie will ja keine bedeutungsschwangere Literatur verfassen, sie will das Leben zeigen. Zwar hat sie einen angenehmen Stil, aber sie übertreibt es nicht, lässt die Frauen für sich selbst sprechen.
So weit, so schön. Allerdings fehlt mir der letzte Funke des Verständnisses, da ich selbst nicht Mutter bin. Da ich mich noch auf der Seite des Unwissens befinde, kann ich also nur Vermutungen anstellen, was den Wahrheitsgehalt der Aussagen angeht, und mir kam da so das eine oder andere ein bisschen fatalistisch vor. Andererseits – wer bin ich denn, zu urteilen? Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten.
Ahnung habe ich lediglich von dem Thementeil des „Frauen unter sich“, und der ist schön gemacht, wenn ich auch nicht jede erzählte Aktion mitmachen würde, und von der Darreichungsform, und daran gibt es nichts auszusetzen.
_Fazit_
„Weiberabend“ ist ein Buch, das ich jederzeit einer Freundin weiterreichen würde. Es ist lebensnah und unmittelbar geschrieben und verfügt über ein sorgsam ausgewogenes Verhältnis von Kichern und Tränen. Da ich zum Hauptthema des Ganzen wenig sagen kann, bleibt mir nur, die Mütter unter euch aufzufordern, sich selbst ein Bild zu machen. Schon für Stil und Atmosphäre lohnt sich die Lektüre, also gebt ihr eine Chance.
|Broschiert: 409 Seiten
Originaltitel: Secret Mothers‘ Business
Aus dem Englischen von Katharina Volk
ISBN-13: 978-3426637975|
[www.droemer-knaur.de ]http://www.droemer-knaur.de
[www.joannefedler.com]http://www.joannefedler.com
Saramee – eine Stadt unzähliger Schicksale, Abenteuer und Geschichten. Einige hiervon werden in dieser Anthologie erzählt.
_Meinung: _
Den Opener der Anthologie stellt das Vorwort des Herausgebers Chris Weidler dar. Dieser kündigt an, dass sich die Serie künftig auf Kurzgeschichtensammlungen konzentrieren wird, was hoffentlich nicht bedeutet, dass es keine komplexen Romane mehr gibt! Doch diese Anthologie beweist, dass auch die Kurzgeschichte zu unterhalten weiß.
Daher einige Worte zu denen von „Das Glück Saramees“:
|Das Glück Saramees| – Stephan R. Bellem
Die Titelstory eröffnet den Geschichtenreigen rund um die Stadt der Abenteurer und ist auch eine der stilistisch besten Stories. „Jeder findet sein Glück in Saramee”, sagte der Vater des Protagonisten der Eröffnungsstory immer. Er ist jung, fremd in der Stadt und mittellos. In Saramee trifft er auf einen Fremden, der ihn mit einem Botendienst beauftragt – und ihn in ein gefährliches Abenteuer stürzt, das ihm zeigt wofür sein Herz schlägt.
|Mit Brief und Siegel| – Katja Brandis
Shira Jatam, eine Schreiberin, steht der Liebe sehr skeptisch gegenüber. Da taucht ein Fremder bei ihr auf, um ihr einen Erpresserbrief zu diktieren, unter Einsatz seines Dolches. Nur einen Tag später findet Shira den Unbekannten in einer Blutlache liegend und erfährt von ihm an wen der Brief gegangen ist. Shira kennt den Empfänger – das ruft unliebsame Erinnerungen in ihr wach.
|Das Götzenloch| – Tom Cohel
In der Taverne „Sperberhöhle“ lebt Zenja, die tönerne Götterfiguren verkauft und es mit der Eifersucht ihrer „Kollegin“ zu tun bekommt. Doch Zenja verfolgt längst eigene Pläne.
|Abu Risas zweite Chance| – Andrea Tillmanns
Milo Londe bittet Meister Abu Risa (Arzt) darum, ihm einen Platz in seinem Labor zu geben, da er glaubt eine Pflanze zu haben, die das Sumpffieber heilt. Abu Risa sieht eine zweite Chance, seine seit seiner Heirat gesunkene Reputation wieder zu steigern …
|Der Glanz der Durtone| – Michael Schmidt
Adyra, ein Vogelwesen, bittet den Geldwechsler Balduin Baal eine Handvoll Münzen zu schätzen. Der feilscht Adyra die Münzen ab, mit dem Gefühl ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Doch an den Münzen klebt das Unglück und das bekommt auch Balduin Baal sehr bald zu spüren.
|Goldrausch| – Guido Krain
Viona Makanar, leitet ein Waisenhaus in Saramee und steht im Ruf, dank ihrer Spendeneintreibung, über einen großen Reichtum zu verfügen. Fellon, der Dieb, will sich etwas davon aneignen, bricht in das Heim steht, steht bald vor einem Goldschatz – und Vionda Makanar.
|Neue Wege| – Chris Schlicht
Der Straßenjunge Balay ist ein geschickter Kletterer und landet auf der Flucht vor Verfolgern im Haus des Baumeisters Gerakas – eine Begegnung, die beider Leben zu verändert scheint.
|Das 226. Elixier| – Tobias Radloff
Sinton will den Meister der Giftmischergilde töten und dessen Platz einnehmen und das Rezept eines Elixiers (Trank der Unsterblichkeit) an sich bringen. Als der Meister den Verrat bemerkt, erzählt er Sinton zur Abschreckung seine Geschichte.
|Turm der Fallen| – Markus K. Korb
Kronn, zu dem Markus K. Korb bereits Romane zur Serie verfasste, schlägt sich nach seiner ehrlosen Entlassung aus dem Dienst der Stadtwache, mehr schlecht als recht durch und gibt sich immer mehr dem Suff hin. Doch das hat seinen Grund: Kronn weiß von einem Tier in Menschengestalt, das in Saramee unter ihnen lebt und von dem Gefahr ausgeht. Und Kronns Gesanken kreisen um den Roten Turm. Dort soll der Hauptteil des Stadtschatzes liegen, den ein furchtbarer Dämon bewacht – Kronn geht dem nach …
|In den Gärten von Bol D’Agon| – Arthur Gordon Wolf
Der Geldwechsler Thallek Yur wird von einem Mitglied der obskuren Sekte „Hüter des Opalwaldes“ aufgesucht, der eine Art Smaragd zu Geld machen will. Dadurch wird Thalleks Gier geweckt und er macht sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Opalwald, die finsteren Gärten des Alten Volkes.
|Helden der Nacht| – Christian Endres
Der Heiler Miravles wird abends von zwei Glisk (Baumbewohner) überfallen, doch ihm kommt ein Fremder mit heiserer Stimme zu Hilfe – Schattenschwinge. Von einem Kampf im Dienste der Gerechtigkeit als selbsternannter Rächer Saramees verletzt, sucht Schattenschwinge erneut Hilfe bei Miravles. Als dieser entführt wird kreuzen sich erneut ihre Wege …
|Träume, Blüten und Liköre| – Martin Clauß
Liwend ist der schönen Saheya verfallen, die er seit zehn Jahren kennt und der er einmal die Woche neue Liköre aus der Brennerei seines Dienstherrn Horoun verkauft. Saheya gehört zu den kostspieligsten Freudenmädchen der Stadt und Liwend spart eisern um nur einmal ein oder zwei Stunden mit ihr verbringen zu können – doch die beiden verbindet auch ein Geheimnis.
|Dschungelatem| – Linda Budinger
Dariu erinnert sich nicht mehr an seine Herkunft, steht gegen seinen Willen bei dem Alchemisten Royard im Dienst und sehnt sich nach nichts mehr als seiner Freiheit. Als Fremde in Royards Anwesen auftauchen, wittert Dariu seine Chance der Gefangenschaft und den Schrecken in dem Labor des Alchemisten zu entgehen.
|Das Geheimnis der Schatulle| – Alfred Bekker & Hendrik M. Bekker
Darisel schleicht sich heimlich auf ein Schiff des Imperiums – er soll das Schiff und andere zerstören und will eine wertvolle Schatulle an sich bringen – und erlebt sein blaues Wunder.
Diese Anthologie bietet kurzweilige und phantasievolle neue Abenteuer aus der Vielfalt der Stadt Saramee. Dabei bewegen sich die Texte – bis auf eine einzige Ausnahme – auf gleich gutem Level und bieten eine unterhaltsame Bandbreite. Ein Band mehr, der beweist, dass die Anthologie zu unrecht ein solches Schattendasein führt. Man kann nur hoffen, dass das Interesse der Leser das ändert.
Die Aufmachung ist wie bei dem Titel „Geweckte Hunde“ wieder sehr künstlerisch und aufwändig. Seien es die gezeichneten Bordüren als Kopf- und Fußzeilen oder die Vitae aller Beteiligter. Im Anschluss an den Text und zu jeder Story gibt es als Entry eine Illustration von Chris Schlicht, die die Serie grafisch betreut und ihr damit eine besondere Note gibt. Diese Serie birgt enormes Potential und es bleibt nur zu hoffen, dass Herausgeber und Verlag dieses auch nutzen und wie aus einem Füllhorn daraus schöpfen werden. Und die Leser das auch honorieren – es wäre eine Schande, wenn nicht.
_Fazit:_
Textlich und optisch gelungener Kurzgeschichtenband aus Saramee, der Lust auf mehr macht – dennoch bleibt zu hoffen, dass es auch weiterhin komplexe Romane geben wird. Denn diese Anthologie aber auch alle anderen Bände der Serie sind absolut empfehlenswert!
|Taschenbuch: 172 Seiten
Mit Innenillustrationen von Chris Schlicht
Layout: Timo Kümmel
ISBN-13: 9783941258174|
[www.atlantis-verlag.de]http://www.atlantis-verlag.de
Als aus Rhodesien Simbabwe wird, ist die Schwarze Lindiwe noch ein Kind. Ein Kind, das von den Geschehnissen in seiner unmittelbaren Umgebung mehr betroffen ist als von umwälzender Politik. Und es geschieht ja auch etwas extrem Gruseliges: ihre Nachbarin, die weiße, rassistische Mrs. MacKenzie, verbrennt bei lebendigem Leibe. Ihr Stiefsohn Ian, ein Jugendlicher, der eben erst aus Südafrika zum Begräbnis seines Vaters gekommen ist, wird verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt.
Lindiwe ist verängstigt und fasziniert gleichermaßen: Was bringt einen Menschen dazu, so etwas zu tun? Zwei Jahre später kommt Ian aus dem Gefängnis frei und kehrt zurück in das Nachbarhaus Lindiwes. Deren Mutter verbietet ihr den Umgang mit dem Jungen, doch heimlich freunden die beiden sich an, obwohl sie mehr als nur die Hautfarbe trennt: Ian hat die Schule abgebrochen, während Lindiwe immer Klassenbeste war.
Die beiden überwinden zwar ihre Differenzen, aber der Bürgerkrieg hat das Land fest im Griff. Nach einigen traumatischen Erfahrungen beschließt Ian, wieder nach Südafrika zu gehen. Lindiwe möchte ihn begleiten, doch nach nur einer gemeinsamen Nacht lässt Ian sie in einem Hotel an der Grenze zurück.
Die beiden halten über Briefe Kontakt, und als sie sich eigentlich schon in ihren neuen Leben eingerichtet haben, laufen sie sich wieder über den Weg. Was einst so zart begann, hat trotz der Jahre und der Entfernung an Stärke gewonnen. Die neue Nähe und die neuen Umstände schweißen sie zusammen und zwingt sie, sich in einem völlig neuen, gemeinsamen, von Unterschieden geprägten Leben zurechtzufinden – und das in einem Land, das einem Pulverfass gleicht. Während die Lunte schon brennt, kämpfen Lindiwe und Ian verbissen um ihr Glück …
_Kritik_
Irene Sabatini hat eine ganz besondere Liebesgeschichte erschaffen: Zarte Gefühle überwinden Seidenfäden gleich Diskrepanzen, die dafür zu groß erscheinen, und haben nicht lange Zeit, sich zu entwickeln. Viel zu schnell muss die Romanze plötzlich den Härten eines von Komplikationen geplagten Lebens standhalten.
An sich wäre das schon Stoff genug für eine wirklich interessante Geschichte, aber der Hintergrund des vom Bürgerkrieg gebeutelten Simbabwe macht die Liebesgeschichte des ungleichen Paares zu einer einmaligen Lektüre. Die stilistischen Unterschiede in der Redeweise des cleveren, aber ungebildeten Ian und der Akademikerin Lindiwe bilden einen reizvollen Kontrast. Im Anhang befindet sich eine Liste der im Roman verwendeten typischen Ausdrücke, die die authentische Wirkung des Buches noch unterstreichen.
Da Lindiwes und Ians Lebensgeschichte mit dem Aufstieg Mugabes zur Macht verknüpft ist, lernt der Leser ganz nebenbei etwas über die ersten Tage des jetzigen Diktators: Kaum vorstellbar, dass dieser Mann einst als Hoffnungsträger angesehen worden ist.
Politik, Liebe, Verletzungen, Verzeihungen, Tod, Geburt, Glück und Verzweiflung verwebt Irene Sabatini stilistisch wunderschön zu einem atmosphärisch dichten Roman, der eine Art nostalgische Liebeserklärung an eine gestorbene Hoffnung zu sein scheint.
_Fazit_
„Geteiltes Herz“ ist ein Roman, der unter die Haut geht und berührt. Es ist unmöglich, sich dem Zauber zu entziehen, den Sabatini webt: Zwar ist es nicht das geheimnisvolle, urtümliche Afrika, das so gern benutzt wird, um ein romantisches Bild des Kontinents zu zeichnen, aber es ist ebenso unbegreiflich in seiner Gewalt, seinem Hass und seiner Zerstörungswut. Die unerbittliche Lebenslust Lindiwes und Ians hingegen, ihre starken Gefühle füreinander und ihre Hoffnung auf ein besseres Morgen ziehen sich wie eine positive Macht durch all die Verwüstungen, die das instabile Staatenkonstrukt Simbabwes darstellt.
Ein dringender Tipp: Lesen Sie dieses Buch. Es wird Ihnen Einblicke gewähren, die Sie noch nicht hatten.
|Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: The Boy Next Door
Aus dem Englischen von Judith Schwaab
ISBN-13: 978-3442740956|
[www.randomhouse.de/btb ]http://www.randomhouse.de/btb/
[www.irenesabatini.com]http://www.irenesabatini.com
Der internationale Konzern LoveStar hat in Island den größten Freizeitpark errichtet, den es je gab. LoveStar ist es gelungen, die Träume der Menschen zu entschlüsseln, die sich vor allem um die Liebe und den Tod drehen. Doch nicht alle lassen sich bei der Beglückung gleichschalten – ein junges Paar schafft es, seine ganz individuelle Liebe zu retten.
Bis ein größenwahnsinniger Mitarbeiter des Konzerns eine noch nie dagewesene Begräbniszeremonie organisiert, das „Millionensternefestival“, bei dem eine Million Tote ins All geschossen werden – um dann gleichzeitig weltweit als Sternschnuppen vom Himmel zu fallen. Allerdings geht dieser Plan nicht so ganz auf wie vorgesehen … (abgewandelte Verlagsinfo)
_Der Autor_
Andri Snær Magnason, geboren 1973 in Reykjavík, studierte Physik an der Isländischen Universität mit dem Abschluss Bachelor 1997.
Sein erstes veröffentlichtes Werk war der Gedichtband „Ljóðasmygl og skáldarán“ 1995. Es folgten der Gedichtband „Bónusljóð“ und der Kurzgeschichtenband „Engar smá sögur“. Sein bekanntestes Werk sind wohl seine Kinderbücher so wie „Blái hnötturinn“ oder „Sagan af bláa hnettinum“, deutsch: „Die Geschichte vom blauen Planeten“. Dieses wurde in zwölf Sprachen übersetzt und die isländische Band |múm| komponierte dazu 2001 einen Soundtrack. Sein Roman „LoveStar“ wurde im Jahr 2002 veröffentlicht und gewann zahlreiche Auszeichnungen.
Im März 2006 gab Andri Snær Magnason das Buch „Draumalandið – sjálfshjálparbók handa hræddri þjóð“ heraus, auf Englisch „Dreamland: A Self-Help Manual for a Frightened Nation“. Dafür erhielt er 2006 den Isländischen Literaturpreis. Im Februar 2010 erhielt er nach anderen Ehrungen den hoch dotierten Kairos-Preis. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Er bekämpft die Zerstörung des isländischen Hochlands durch das Eindämmen der Flüsse, das zur Aluminiumverhüttung vorangetrieben wird.
_Handlung_
Örvar Arnason ist ein Mann mit einer Vision. Der isländische Vogelforscher hat die sonderbaren Wellen von Vögeln und Schmetterlingen studiert und dabei ein neuartige elektronische Methode zur Markierung von Einzelwesen entwickelt. Das entsprechende Gerät ist winzig und kann sowohl senden als auch empfangen. Diese Entsprechung eines Handys lässt sich auch beim Menschen einsetzen, entdeckt er zu seiner Freude. Und ohne Handy hätten die Menschen endlich wieder beide Hände frei, um andere, sinnvollere Dinge zu tun, als ständig mit einem Hörer am Kopf herumzulaufen.
Nachdem er das Patent erhalten hat, nennt sich Örvar LOVE-STAR und gründet die gleichnamige Firma zwecks Vermarktung von Geschäftsmodellen, die auf diesem Gerät basieren. Weil die Vogelwellen die Satellitenübertragungen stören, ist seinem „Digitalfunk“ Erfolg beschieden. Natürlich nutzt er zunächst sein Heimatland als Versuchsfeld, bevor er den Rest der Welt beglückt. Schon bald stutzen die Isländer über neuartige Phänomene.
|Marketing für Handfreie|
Da gibt es beispielsweise die KRÄHER. Sie sind die neuzeitliche Entsprechung zum Marktschreier. Allerdings geben sie nur Werbesprüche von sich, die ihnen die LoveStar-Zentrale, an die sie ihr Sprachzentrum vermietet haben, auch eingegeben hat – wandelnde Litfasssäulen also. Und es gibt die GEHEIMWIRTE. Sie streuen im Sinne des viralen Marketings Werbeparolen, empfehlen selbst schlechteste Filme in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, betreiben also bezahlte Mundpropaganda – gegen Cash versteht sich. Beide, Kräher und Geheimwirte, erwerben sowohl Geld als auch Bewertungspunkte im System von LoveStar, so dass sie sich ihren Aufstieg im aufstrebenden Konzern verdienen können. Demokratisch und gerecht, oder nicht?
|LoveDeath|
Eine weitere Idee, welche Örvar Arnason gekommen ist, vermarktet er jetzt als LoveDeath: Er schießt Verstorbene mit Billigraketen in die Umlaufbahn und lässt sie wieder abstürzen. Bei Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht die Rakete und schickt als aufflammendes Feuerwerk einen letzten Gruß an die auf der Erde andächtig zuschauenden Hinterbliebenen. Nach fünf Jahren braucht LoveStar ganze Flotten von Frachtern aus aller Herren Länder, um die vielen Toten, die seinem Konzern anvertraut werden, transportieren und in den Himmel zu schießen zu können. Die weltweite Markteinführung LoveDeaths steht kurz bevor.
Die Konzernzentrale ist in einen Berg hineingebaut worden. Jeder, der sie mit dem Touristenbus in der isländischen Heide besucht, staunt Bauklötze über die himmelhohe Eingangshalle, die in die Bergflanke eingelassen ist, die Aussegnungsräume und über die zahlreichen Abschussrampen für die Verblichenen. Es vergeht keine isländische Nacht mehr ohne Feuerwerk. Und die Telefonseelsorge REUE sorgt dafür, dass sich immer mehr Isländer vor dem Tod fürchten. Sie beginnen, diejenigen zu beneiden, die den „Absprung“ geschafft haben.
|LoveStar|
Örvar will seinem Land etwas zurückgeben. Zu diesem Zweck hat er LoveStar eigentlich gegründet, sagt er: zur wissenschaftlich fundierten Anbahnung der Liebe. Das Verlieben ist von nun an wegen der ausgeklügelten Computerauswahlverfahren keine Lotterie mehr, keine Iteration aus Verlieben und Entlieben, bis der oder die Nächste kommt, sondern eine verlässliche Zuweisung von WAHREN PARTNERN. Immer mehr Isländer vertrauen darauf, ganz ehrlich, da kannst du jeder Kräher und jeden Geheimwirt fragen.
Und so kommt es, dass auch das Liebespaar Indridi und Sigrídur nach fast genau fünf Jahren und sieben Monaten erfährt, dass es für Sigrídur den WAHREN PARTNER gibt: Per Möller. Indridi, seines Zeichen ein Gärtner auf einer Pflanzenfarm von LoveStar, ist wie vor den Kopf geschlagen. Aber genauso wenig wie die Altenpflegerin Sigrídur will er von seiner Liebe lassen. Zusammen, denken sie, sind sie stärker als der Konzern LoveStar.
|Liebesproben|
Doch der Konzern verfügt über modernste Mittel und Wege. Schon bald macht er den beiden unvernünftigen, UNWISSENSCHAFTLICHEN Turteltauben das Leben erheblich schwererer. Als auch der Einsatz eines Geheimwirts nicht fruchtet, sieht Indridi alsbald in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und wird kurzerhand als Kräher rekrutiert. Wenn ein Kerl seiner einzig wahren Liebe ständig ins Ohr trällert, wie TOLL er ihr SCHICKES Kleid findet, wo es doch von ihrer Oma stammen könnte, stellt das auch seine beste Glaubwürdigkeit auf eine harte Probe.
Aber das ist erst der Anfang …
_Mein Eindruck_
Auf der einen Seite erscheint das Utopia, das LoveStar alias Örvar Arnason errichtet, zunehmend finsterer in seinen Folgen, auf der anderen Seite erscheint uns die Liebe zwischen Indridi und Sigrídur zunehmend in Gefahr zu sein – eben durch die LoveStar-Utopie. Spätestens nach zwei Dritteln des Buches ist klar, wo unsere Sympathien liegen sollten – bei den beiden Liebenden.
Doch so einfach macht es uns der Autor nicht: LoveStar ist ein Visionär, der ein wertvolles Geschenk erhalten hat, ein Samenkorn mit einem ganz besonderen, nahezu magischen Ursprung. Und Sigrídur scheint sich endgültig in die Arme von inLOVE begeben zu haben, um den ihr zugemessenen Mann kennenzulernen. Kann all dies zu einem guten Ende gelangen? Wahrscheinlich nur im Märchen. Und so kommt es auch.
|Fabel-haft|
Aber dies ist nicht irgendein ein Märchen von den Brüdern Grimm, o nein. Vielmehr haben die Isländer ganz spezielle Märchen, Sagen, Legenden, Fabeln und natürlich epische Sagas – ein ungeheurer Reichtum an Geschichten, den schon Professor Tolkien auszuschlachten wusste, um sein Privatuniversum aufzubauen (er war Spezialist für Altisländisch und Altenglisch). Deshalb sind unsere Liebenden zwar füreinander bestimmt, doch die Liebe muss zuerst über den Teufel und den Tod triumphieren. Darunter läuft gar nichts.
|Die Zauberlehrlinge|
Teufel gibt es genügend in LoveStars Imperium der Liebe. Hier ist alles von der Wissenschaft der Gentechnik, der Fernkommunikation und des verhaltensgestützten Marketings durchdrungen. Die fleißigen Zauberlehrlinge LoveStars haben das Geheimnis der Liebe ebenso ergründet, wie sie den Tod durchorganisiert haben. Nun öffnet sich ihrem suchenden Blick auf das allerletzte Geheimnis: Wohin sich die Gebete aller Menschen richten – es ist ein ganz bestimmter Ort irgendwo in Ostafrika. Mit anderen Worten: Dort wohnt Gott, was alle praktischen Zwecke angeht. Stracks verfügt sich LoveStar dorthin. Nur um auf ein noch größeres Geheimnis zu stoßen – und ein Samenkorn.
|Der Widersacher und das Ende der Welt|
Doch er hat einen Teufel geschaffen, der ihm an Einfallsreichtum ebenbürtig ist: Ragnar. Indem er dessen Ideenreichtum erst von inLOVE, der Vermarktung der Liebe, abgezogen und auf LoveDeath abgeschoben hat, schuf er eine unheilvolle Allianz aus Genialität und Morbidität. Das Ergebnis ist – tadaaa! – das „Millionensternefestival“. Dabei sollen eine Million Tote gleichzeitig erst auf eine Kreisbahn um die Erde gebracht werden – dabei entsteht eine Art Saturnring – und diese dann alle auf ein Kommando hin in die Atmosphäre der Erde abgeschossen werden. Theoretisch sollen sie alle darin wie Meteore verglühen, sozusagen als das ultimative Feuerwerk. Doch leider ist bei der Berechnung der Brenndauer etwas schiefgegangen.
Werden unsere Liebenden, Verkörperungen der Unschuld und Zuneigung, diesen Weltuntergang überdauern oder wie fast der gesamte Rest der Welt unter den Überresten der nicht verglühten Toten begraben werden? Das soll hier nicht verraten werden. Nur eines: Sie haben einen mächtigen und nicht gerade alltäglichen Beistand.
Ein satirisches Märchen also zwischen Utopie und Apokalypse – ist dies die Essenz des Buches? Wäre dies alles, was der Leser mitnehmen könnte, dann würde die Geschichte auf nicht mehr als ein hübsche Idee hinauslaufen. In Wahrheit handelt es sich jedoch aufgrund der Kraft der Satire um einen bissigen, wenn auch charmant vorgetragenen Angriff auf zahlreiche Werte, die die heutige Welt bestimmen.
|Der Teufel in der Maschine|
Der Erfindungsreichtum LoveStars, der die Menschen von Handys, Liebesirrtümern, elenden Siechtum usw. befreien soll, läuft auf eine Entmündigung hinaus, im Falle von Indridis und Sigrídurs Schicksal gar auf kriminelle Machenschaften. Doch die Firmenleiter haben im Geist der Maschine einen Teufel geschaffen, der sich nur zu bereitwillig gegen die Ziele der Wohlmeinenden und zur Verfolgung egoistischer Ziele einsetzen lässt. Der Computermanipulation ist, wie jeder weiß, stets Tür und Tor geöffnet. Der Autor verteufelt nicht die Rechenknechte, sondern ihre fahrlässigen Bediener und Verwalter.
|Tödliches Marketing |
Ein weiteres Angriffsziel, das der Autor aufs Korn nimmt, ist das Marketing. Hier kennt er sich offenbar bestens und womöglich aus eigener Anschauung aus. Die Mechanismen, die die Marketingabteilung LoveStars anwendet, sind heute alle bereits im Einsatz. Doch aufgrund der (mehr oder weniger freiwillig gewährten) Übernahme des Sprachzentrums von Mitarbeitern lassen sich den Werbebotschaften weitaus glaubwürdigere Übermittler zugesellen: Der Mensch ist das Medium! Marshall McLuhan, der Künder des Slogans „Das Medium ist die Botschaft!“, würde sich im Grabe umdrehen. Aber der Autor folgt lediglich der Logik der Entwicklung zur letzten Konsequenz.
|Liebe und Tod GmbH|
Ein drittes Ziel ist die profitorientierte Bewirtschaftung der letzten tabuisierten Lebensbereiche: Tod und Liebe. Da karren die Isländer Mütterchen und Väterchen zur Festung von LoveStar, um sie abschießen zu lassen und als Feuerwerk zu genießen – eine Wachstumsbranche. Von inLOVE werden die Liebenden neu berechnet, um den wahren Geliebten zu finden. Dieser Schuss geht allerdings nach hinten los: Wunschlos glücklichen Menschen kann man einfach nichts mehr verkaufen, mit dem sie ihre Unzufriedenheit besänftigen könnten, beispielsweise ein dickeres Auto oder eine schickere Waschmaschine (oder ein Apple iPad). Dumm gelaufen, LoveStar. Tatsächlich erinnert sein Imperium stark an das von Kultfirmen wie Apple, Virgin (Richard Branson) oder Microsoft.
|Mickey der Fleischfresser|
Es gibt noch zahlreiche weitere Einfälle, die Seitenhiebe auf liebgewordene Kulturikonen austeilen. In einer grotesken Szene stellen uns LoveStars Zauberlehrlinge das neueste, gentechnisch produzierte (und patentierte) Haustierchen vor: Mickey Mouse! Diese echten Riesenmäuse ähneln Walt Disneys gezeichnetem Vorbild bis aufs runde Näschen und die süüüßen großen Öhrchen. Doch unter dem Fell, das gestreichelt werden will, verbirgt sich ein Raubtier, das am liebsten Kinder anfällt! Daran müssen die Gentechniker noch ein wenig schrauben. Zu dumm, dass einzelne Länder in Fernost bereits Chargen des fehlerhaften Maskottchens erhalten und in Umlauf gebracht haben. Die Zeitungen berichten von ersten Zwischenfällen …
|Eine Schwäche?|
Eine der Schwächen, die ich dem Roman vorwerfen könnte, ist seine Unausgewogenheit. Die Story selbst reicht gerade mal für hundert Seiten, also eine Novelle. Doch der Autor hat sie durch Beschreibungen zahlreicher Nebenfiguren und vor allem durch Meditationen seiner Hauptfigur LoveStar so aufgeblasen, dass die Story eine weltumspannende Bedeutung annimmt und zur Besichtigung eines Zeitalters – verzerrt durch den Spiegel eines warnenden Narren – gerät.
Kein Wunder also, dass die meiste Action im ersten und im letzten Drittel zu finden ist. Zunächst muss der Konflikt herbeigeführt und zuletzt aufgelöst werden – mit den bekannt fatalen Verwicklungen. Gerade das Finale hat mich umgehauen. Hier wartet der Autor mit zwei oder drei netten Ideen auf, die man so noch nirgends gelesen hat. Und so schloss ich das Buch mit einem recht zufriedenen Gefühl und dem Appetit, es noch einmal zu lesen, diesmal in aller Ruhe.
|Die Übersetzung|
Die Übersetzung aus dem Isländischen ist fehlerlos gelungen und es finden sich kaum nennenswerte Druckfehler. Auch der deutsche Stil lässt keine Wünsche offen, es sei denn, man wünscht sich eine etwas flapsigere Ausdrucksweise. Diese beherrschen aber nur sehr wenige Übersetzer sicher, so etwa Bernhard Kempen. Und so wirkt der deutsche Stil zwar korrekt, aber auch ein wenig blass und kraftlos. Manchmal kann man eben nicht beides bekommen.
_Unterm Strich_
Die Satire nutzt sowohl die Mittel der Sciencefiction als auch der reichen Erzählkultur Islands. Im ersten und letzten Drittel überzeugt die Geschichte daher mit einem straffen, ziemlich unvorhersehbaren Plot, der sich zu einem grandiosen Finale aufschwingt. Im Mittelteil kommen der Satiriker und der Werbefachmann zur Geltung, was mitunter zu seitenlangen Rückblenden, Meditationen usw. führt.
Überhaupt bleibt der Mensch Örvar Arnason seltsam blass: Er hat die beste aller Welten gewollt, seine Familie auf dem Altar dieses Ziels geopfert und sich zu Gott aufgeschwungen, aber dennoch einen Teufel und die Hölle auf Erden geschaffen. Dass alles „gut gemeint“ gewesen sei, hilft ihm jetzt auch nicht mehr: Er ist der einsamste Mensch des Planeten, als er den Löffel abgibt. Nicht er schreibt das letzte Kapitel, sondern die Überlebenden. Ob die Liebenden dazugehören werden, soll hier nicht verraten werden.
„LoveStar“ ist keine Thriller- oder SF-Massenware, sondern erfordert schon ein wenig Offenheit und Mitdenken vom Leser, um all die ungewöhnlichen Ideen zu durchdenken. Besonders der Mittelteil kann so zu einer gewissen Durststrecke werden. Doch dafür wird man durch ein fulminantes Finale belohnt. Der Autor wurde dafür nicht ohne Grund mit Preisen ausgezeichnet.
|Originaltitel: LoveStar, 2002
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
299 Seiten
ISBN-13: 9783785760284|
http://www.luebbe.de
La Hague im Nordwesten der Normandie ist ein winziges Dorf, das halb im Niemandsland und halb im Meer zu liegen scheint. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin kam hierher, um zu lernen, mit dem Verlust zu leben: Ihr Geliebter starb, und mit seinem Tod kam der Schmerz, und nach dem Schmerz kam die Leere.
Das raue Klima La Hagues passt gut zu dem zerrissenen Seelenleben der Trauernden. Sie darf für ein ornithologisches Institut arbeiten, klettert durch die Klippen, zählt Vögel und Eier und wird miserabel bezahlt. Sie lebt in der oberen Wohnung in einem zweigeschossigen Haus, das beinahe im Meer steht. Unter ihr hausen ein Bildhauer und seine schöne, gelangweilte Schwester. Dann gibt es da noch Max, der geistig etwas langsam ist, und Lilli, die ein Bistro führt. Ihre Eltern, die jeder für sich alt werden und nicht miteinander sprechen. Die alte Nan, die einst all ihre Angehörigen ans Meer verloren hat. Und Monsieur Anselme, der Prévert-Forscher aus Passion.
Es ist ein Mikrokosmos voller stiller Momente, in denen man hört, dass hinter dem Schweigen Worte lauern, Bekenntnisse, Geheimnisse, Verbitterungen. Und doch ist alles eingespielt, jeder hält sich an die Regeln, und die Neue, die Trauernde, ist still genug, um nicht zu stören.
Doch dann kommt Lambert ins Dorf, dessen Familie hier vor langer Zeit bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen ist. Er stellt alte Wahrheiten und glatte Oberflächen in Frage, ist unbequem. Und die Mauer des Schweigens in La Hague bekommt Risse, während die hartnäckigen Fragen alte Wunden aufreißen.
Auch die Trauernde wird aufgestört in ihrer selbst gewählten Einsamkeit. Langsam, unsicher und ängstlich tasten sie und Lambert sich durch die alten Geschichten des Hafenfleckens zur Wahrheit vor – und aufeinander zu.
_Kritik_
„Die Brandungswelle“ ist ein stilistisches Meisterwerk. Der Charakter der Natur, der Menschen und der Stimmungen, die darin beschrieben werden, ist perfekt wiedergegeben: Kurze Sätze beschreiben ein schönes, dürftiges Bild: Möwen, Wellen, Klippen. Ein paar Häuser, nicht mehr neu. Tiere, die im Dorf herumwandern. Menschen, denen langes Leid oder langer Groll das Leben verbittert und die Gesichter gezeichnet hat.
Der hilflose Schmerz der Trauernden, die die Leere in sich nicht zu füllen weiß und schreiend im Wind auf den Klippen steht, geht unter die Haut. Ebenso wie die lange Einsamkeit von Menschen, die nicht zu verzeihen verstehen oder kein Interesse daran haben. Die Sinnlosigkeit einseitiger Liebe wird mit ebenso klaren, kurzen Sätzen dargelegt wie die Besessenheit des Künstlers. Und trotz dieser Kürze, dieses gerafften Stils wird das langsame Entdecken der Geheimnisse des knorrigen Orts und seiner Menschen nicht langweilig oder platt. Gegenteilig hat man das Gefühl, im Kopf der Trauernden zu sitzen und zu lauschen; mitzuerleben, wie langsam das Interesse an etwas anderem als ihrem Schmerz in ihr erwacht.
Da wir durch ihre Augen sehen und ihre Gedanken lesen, erfahren wir unvoreingenommen, was geschieht: Sie ist eine Außenstehende in diesem Dorf, akzeptiert, aber ohne Partei. Sie bewegt sich zwischen verhärteten Fronten und ist allen fern genug, dass ihr das nicht übel genommen wird.
Trotz aller Härte und Kühle, trotz aller Trauer und Melancholie, trotz Schmerz und Groll unter der Oberfläche La Hagues ist die letztendliche Aussage des Romans eine versöhnliche: Es gibt immer Hoffnung, vor allem, wenn man nicht mehr an sie glauben kann.
_Fazit_
Dieses Buch bezaubert. Wie die innere Entwicklung der Trauernden sich mit dem Geheimnis vermischt, das über dem Dorf lastet, ist absolut faszinierend. Claudie Gallay fertigt ein engmaschiges Gewebe aus Erzählkunst, das sie ganz sachte um den Leser gleiten lässt, ohne dass der es bemerkt, bis er hilflos gefangen ist und sich erst am Ende des Romans wieder befreien kann. „Die Brandungswelle“ ist schön, traurig, spannend und intensiv. Und es ist ein absoluter Volltreffer.
|Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Originaltitel: Les déferlantes
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
ISBN-13: 9783442752423|
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In Laura Restrepos 2004 in Kolumbien veröffentlichten und jetzt auf deutsch erschienenen Roman „Land der Geister“ geht es um ein Geheimnis – ein durchaus würdiges Thema für eine Erzählung. Aguilar, ein Ex-Literaturprofessor in Bogotá und momentan Tierfutterausfahrer, besucht für ein verlängertes Wochenende seine zwei Söhne aus erster Ehe. Seine jetzige Ehefrau Agustina bleibt derweil allein zu Hause. Und obwohl sie in bester Stimmung ist, als Aguilar aufbricht (sie ist eben dabei, das Wohnzimmer moosgrün zu streichen – eine Farbe, die das Feng-Shui für „Paare wie sie“ empfiehlt), ist sie wie ausgewechselt, als Aguilar nach vier Tagen heimkehrt.
Ein anonymer Anrufer trägt ihm auf, seine Frau aus dem Hotel Wellington abzuholen. Dort findet er sie verwirrt und stumm – kurzum mit psychischem Knacks – vor. Zurück in ihrer Wohnung ändert sich die Situation kaum. Agustina stellt überall Schalen mit Wasser auf und schweigt darüber, was während Aguilars Abwesenheit passiert ist. Dieser wiederum wird vom Gedanken gepeinigt, dass Agustina im Wellington ein Stelldichein mit einem Liebhaber hatte. Doch dann taucht plötzlich Tante Sofi auf, eine verschollene Verwandte Agustinas, die sich ihrer verwirrten Nichte annimmt und sich rührend um sie kümmert. Und so endlich erhält Aguilar erste Einblicke in die Gründe für Agustinas Wahnsinn.
„Land der Geister“ ist ein Roman der Überraschungen und literarischen Winkelzüge, ein Angebot der kolumbianischen Autorin Restrepo zum mitfühlen und mitwundern. Denn das voran gestellte Geheimnis, der seltsame Wahnsinn Agustinas, ist der zentrale Knackpunkt des Romans, an dem sich die gesamte Handlung aufhängt. Dabei geht es nicht nur um Agustina und Aguilar. Vielmehr ist das ungleiche Paar (er – linker Intellektueller, sie – Geldadel, die mit ihrer Familie gebrochen hat) nur der Anlass, um ein breites Panorama zu spannen. So erzählt Restrepo von Agustinas Eltern und Großeltern, beleuchtet deren Lebensumstände und Familien, skizziert Kolumbien in all seiner Widersprüchlichkeit. Und immer wieder unterbricht sie ihre eigenen Erzählfäden, um scheinbar unzusammenhängende Szenen aus verschiedenen Zeiten wie Puzzleteile gegeneinander zu setzen. Nur, um den Leser am Ende erkennen zu lassen, dass all diese kleinen Teile schlussendlich wirklich ein großes Bild ergeben.
Dabei vermutet man als Leser zunächst, dass „Land der Geister“ eine sehr persönliche, sehr kleinteilige Geschichte erzählt – die Geschichte eines Ehepaars oder einer Familie. Wie Aguilar vermutet man den Grund für Agustinas Wahnsinn in einer Affäre, die wohl schief gelaufen ist. Man nimmt an, dass es Restrepos Bestreben ist, Charaktere in ihren Beziehungen zueinander darzustellen – in Liebesbeziehungen, Familienbeziehungen, Abhängigkeiten. Und natürlich ist das tatsächlich ihre Absicht. Doch je länger man liest, desto mehr bricht die Umwelt – Politik, Wirtschaft, Kriminalität – in die Geschichte ein und es wird deutlich, dass die Charaktere nicht unabhängig von dieser Umwelt existieren bzw. existieren können. Was auf der Straße, im Land passiert, beeinflusst Familien und deren Beziehungen und so stellt sich schließlich heraus, dass Agustinas Zustand eben nicht nur eine persönliche Komponente hat.
Denn Restrepos Roman spielt im Bogotà der 1980er Jahre – eine turbulente Zeit für Kolumbien, und zwar nicht im positiven Sinne. Dass das Leben weder einfach noch sicher war, wird an mehreren Stellen deutlich, etwa wenn Charaktere überlegen, ob eine Straße befahrbar ist (Antwort: Nein, denn sie wird von der Guerilla überwacht) oder wenn mitten in der Stadt Bomben explodieren. Zu dieser Zeit befand sich Kolumbien unter dem Einfluss des Medellin-Kartells, einer Drogenorganisation unter Führung von Pablo Escobar, der auch in „Land der Geister“ eine Nebenrolle spielt. Repräsentiert wird die Arbeitsweise des Drogenkartells im Roman allerdings durch Midas MacAlister, einen Ex-Freund von Agustina, der sich aus armen Verhältnissen durch Geldwäsche nach oben gearbeitet hat und nun monetär den alteingesessenen Geldadel des Landes längst überholt hat – eine Tatsache, die ihm ungemeine Befriedigung verschafft. An Midas zeigt Restrepo, wie der Aufstieg um jeden Preis und ohne Gewissen funktioniert, ohne die Figur zum Buhmann zu machen. Er bleibt immer irgendwie sympathisch. Ein echter Gewissenskonflikt für den Leser!
„Land der Geister“ ist allerdings kein einfaches Buch, auch keines, das man in einem Rutsch verschlingen könnte – dafür ist Restrepos Erzählung zu anspruchsvoll und zu dicht. Restrepos Technik, den sie Reportage-Stil nennt, macht das Lesen zu einem besonderen, jedoch auch von Frustrationen geprägten Erlebnis: Es gibt keine Absätze, keine wörtliche Rede und schon gar keine verlässlichen Erzähler. Restrepo schreibt, als würde sie die mündlichen Aussagen ihrer Charaktere stenographieren. Dabei wechselt sie sprunghaft die Perspektive (um vom Ich- zum personalen Erzähler zu wechseln, braucht sie in der Regel nur einen Nebensatz), den Erzähler oder die Zeitform. Lässt man sich auf diese Technik ein, erhält man den Eindruck, die handelnden Figuren erzählten selbst – unverfälscht und damit eben auch fehlerhaft. Gleichzeitig verlangt dieser Stil dem Leser aber auch einiges ab, denn wie in einer mündlichen Erzählung auch gibt es Abschweifungen und Verzögerungen. Um Ermüdungserscheinungen beim Lesen vorzubeugen, empfiehlt es sich daher, sich den Roman in kleinen Dosen zu Gemüte zu führen. Das führt auch dazu, den bis ins letzte geschliffenen Stil der Autorin (der nur eben nicht danach aussieht) besser genießen zu können.
|Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3630621739
Originaltitel:| Delirio|
Deutsch von Elisabeth Müller|
http://www.luchterhand-literaturverlag.de
Seit drei Jahrzehnten schon fegt Salvador den Flughafen. Er kennt sich aus mit den Reisenden, weiß, wer wohin fliegt und was in ihnen vorgeht. Ab und zu unterbricht er gern seine Arbeit, um mit den Menschen zu plaudern. Er tröstet, unterhält, gibt Tipps und Warnungen. Gern spricht er auch mit dem übrigen Flughafenpersonal, speziell mit der hübschen Frau am Kiosk.
Salvador hat für jeden die passende Geschichte auf Lager, und sein Fundus vergrößert sich mit der Zeit: Seine Gesprächspartner revanchieren sich gern. Und so lernt Salvador durch die schönen, traurigen, absurden und melancholischen Geschichten in seinem Mikrokosmos Flughafen die ganze Welt kennen. Er gibt sie weiter an alle, die sie haben wollen. Ob es um die Liebe geht oder um Menschen, die mit der Welt nicht klarkommen, ob es um Grenzgänger geht oder um den ominösen Club der unerhörten Wünsche: Salvadors Gehirn ist ein wohlgeordnetes Regal mit vielen kleinen Bändchen voller Anekdoten, die zum Nachdenken anregen, zum Schmunzeln, zum Seufzen oder zum Schaudern.
Salvador ist der Kitt, der den Flughafen zusammenhält und zu einer Einheit formt, er ist der Zauberer, der den Menschen durch seine Zuwendung ein Lächeln aufs Gesicht malt. Und sie hier und da um eine Zigarette bittet. Obwohl er ja nicht raucht, eigentlich. Nur hin und wieder.
_Kritik_
„Salvador und der Club der unerhörten Wünsche“ ist ein langer Monolog des Kehrers. Was seine Gesprächspartner antworten, geht aus dem hervor, was Salvador sagt. Der Fokus liegt klar auf dem älteren Herrn – und doch erfahren wir nicht nur über ihn, sein Leben und seine verstorbene Frau eine Menge, sondern auch über die Menschen, die auf dem Flughafen sitzen und auf ihre Flüge warten. Und über Salvadors Kollegen, die Tag für Tag mit ihm dafür sorgen, dass der Betrieb reibungslos läuft.
Die Geschichten sind kurz gehalten, in einzelnen Kapitelchen reihen sie sich aneinander, bauen aufeinander auf. Manchmal gibt es Fortsetzungen, die erst nach anderen Anekdoten folgen, so wie auch die Informationen über den Protagonisten nur häppchenweise preisgegeben werden. Das führt dazu, dass man theoretisch viele Einschnitte hätte, an denen man das Buch aus der Hand legen könnte – tut man aber nicht. Viel zu gern möchte man wissen, was weiterhin passiert, wie es zu bestimmten Umständen kommen konnte. Spannung und Leichtigkeit mischen sich in der Anekdotensammlung mit Freude, Trauer, Wehmut, Sehnsucht, Abscheu und Reisefieber zu einem filigranen, vielschichtigen Gewebe, aus dem die Figur des Salvador bescheiden wie facettenreich hervortritt.
Der Stil des Buches ist dem Rahmen angemessen. Er hält sich strikt an das Medium der Erzählung, ohne Capricen und Ausfälle, so dass die Figur des Sprechenden nicht nur glaubwürdig erscheint, sondern fast vor dem Leserauge Gestalt annehmen möchte: Zwinkernd, lächelnd, auf den Besen gestützt.
Es ist schwer zu glauben, dass Alberto Torres Blandina erst 1976 geboren wurde: Seine Geschichten sind von so tiefer Weisheit und trotz den teilweise abstrusen, gemeinen und traurigen Einsprengseln von so umfassender Philanthropie, dass die Erzählergestalt des älteren Herren Salvador viel besser zu ihnen passt als die eines so jungen Mannes.
_Fazit_
„Salvador und der Club der unerhörten Wünsche“ ist ein zauberhaftes Buch. Es ist keine schwere Lektüre und nicht von eherner Wucht, aber sein zarter Abdruck im Gehirn ist deutlich und hält lange vor. Man erinnert sich und lächelt, und man kann nicht anders, als den Kehrer ein bisschen lieb zu gewinnen. Tatsächlich ist das kleine Buch eines der schönsten, die ich seit langem gelesen habe, und ich werde es noch oft zur Hand nehmen: Zum Wiederlesen, zum Verschenken.
Ich kann es nur jedem ans Herz legen, ebenso, wie das weitere Schaffen des jungen Autors mitzuverfolgen: Das vorliegende Buch war sein preisgekrönter Erstling, und in Spanien wurden seine nächsten beiden ebenfalls mit Preisen ausgezeichnet. Es wird sich lohnen, auf die Übersetzungen zu lauern und sofort zuzuschlagen
|Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Originaltitel: Cosas que nunca occurirían en Tokio
Aus dem Spanischen von Petra Zickmann
ISBN-13: 978-3421044488|
[www.randomhouse.de/dva]http://www.randomhouse.de/dva/
Seit ihren Romanen rund um die Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood hat sich Sophie Kinsella in die Herzen der Frauenroman-Fans geschrieben – so auch in meines. Entsprechend gespannt war ich auf ihr neuestes Werk, denn jede Figur, die Kinsella ins Leben ruft, misst man doch unweigerlich an der sympathischen und völlig chaotischen Becky Bloomwood.
In „Charleston Girl“ steht Lara Lington im Mittelpunkt des Geschehens. Sie ist Anfang 30 und stolpert gerade von einem Unglück ins nächste. Erst hat ihr Freund Josh aus unerfindlichen Gründen mit ihr Schluss gemacht und reagiert nun nicht einmal auf ihre immer verzweifelter werdenden SMS und dann ist auch noch ihre Freundin Natalie nach Goa entschwunden, mit der sie kürzlich eine Headhunting-Agentur aufgemacht hat. Nur leider ist Natalie die Expertin auf diesem Gebiet, nicht aber Lara. So klingeln immer mehr erboste Kunden an, die Lara kaum noch besänftigen kann. Schließlich muss Lara zum Begräbnis ihrer Großtante Sadie, die im gesegneten Alter von 105 gestorben ist. Die Beerdigung wird zum Wendepunkt in Laras Leben, erscheint ihr dort doch plötzlich der Geist ihrer verstorbenen Großtante – und zwar nicht im Greisenalter, sondern als putzmuntere und sehr aufsässige 23-Jährige, die Hände ringend eine Perlenkette mit einem Libellenanhänger sucht, die ihr vor Jahrzehnten abhanden gekommen ist.
Zunächst zweifelt Lara an ihrem Verstand – handelt es sich bei Sadies Geist um eine Halluzination? Doch dafür ist die Erscheinung zu lebendig und allzu präsent, denn lautstark fordert Sadie ihr Recht ein und kommandiert Lara fortan herum. Ohne diese spezielle Kette kann Sadie keine Ruhe finden, und so macht sich Lara auf die Suche nach der verschollenen Kette und verhindert dafür zunächst einmal unter einem sehr abstrusen Vorwand Sadies Einäscherung. Und wo Sadie schon einmal in Laras Leben getreten ist, verändert sie dieses gehörig: Sie sagt Lara ihre ehrliche Meinung über Josh und sorgt dafür, dass Lara einen wildfremden Mann – Ed – um ein Date bittet – nur damit Sadie mit ihm zum Tanzen gehen kann. Und da es ja Sadies Verabredung ist, stylt sie Lara ganz nach ihren Wünschen – mit wasserfestem 20er-Jahre Make-up, Brennscheren-gewellten Haaren und einem Flapper-Kleid. Auch die Kommunikation bei dem Date mit dem spießigen Typen mit der dicken Sorgenfalte auf der Stirn übernimmt Sadie und bringt Lara damit manchmal ziemlich in Verlegenheit. Als Sadie dafür sorgt, dass Ed Lara zu einer zweiten Verabredung einlädt, ahnt sie nicht, wie sie damit Laras Leben auf den Kopf stellt …
_Dein ständiger Begleiter_
Zunächst war ich völlig irritiert von Sophie Kinsellas Idee, ihrer Hauptfigur Lara einen Geist an die Seite zu stellen, der permanent dabei ist und sich in jede Unterhaltung lautstark einmischt. Manchmal ging mir Sadie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist mit ihrer Penetranz, ihrem mangelnden Einfühlungsvermögen und ihren ständigen Einmischungen. Und auch Lara hat sie mit diesem Verhalten häufig auf die Palme gebracht. Irgendwann aber gewinnt man Sadie lieb, wenn sie beginnt, auch an andere zu denken, sich um Lara zu kümmern und ihr Leben in die richtige Bahn zu lenken. Doch die Gratwanderung, die Sophie Kinsella hier unternimmt, ist aus meiner Sicht nicht immer gelungen. Bis man an den Punkt kommt, an dem man Sadie ins Herz schließt, hat man vor Ärger bereits einige graue Haare bekommen.
Lara Lington trägt die gleichen Züge wie die meisten Heldinnen in Frauenromanen: Sie ist Anfang 30, unglücklich verliebt, unzufrieden mit ihrem Job und ziemlich naiv, wenn es darum geht zu akzeptieren, dass der Ex einen vielleicht doch nicht zurück haben möchte und es auch nichts bringt, ihm nach der Trennung alle fünf Minuten eine verzweifelte SMS zu schicken, bis der Ex gezwungen ist, sich eine neue Handynummer zu besorgen. Diese Phase macht auch Lara durch, glücklicherweise aber übertreibt es Kinsella nicht. Diese nervigen und naiven Charakterzüge, die einer über 30-jährigen Frau im übrigen nicht sonderlich gut anstehen, treten relativ selten in den Vordergrund. Daher dauert es nicht lange, bis Lara beim Leser (bzw. bei der Leserin) Sympathiepunkte sammelt, denn sie muss dank Sadie zunächst einiges ertragen und auch im Job läuft es alles andere als rund, da ihre Partnerin Natalie sie unverhofft im Stich gelassen hat und Lara keine geeigneten Marketing-Direktoren auftreiben kann.
Im Laufe des Buches emanzipiert Lara sich sichtbar: Sie schickt Josh endgültig in die Wüste, kümmert sich herzensgut um Sadie und hängt ihren Job an den Nagel, obwohl sie all ihre Ersparnisse in die Firma gesteckt hat. Diese Wendung kommt zwar nicht völlig überraschend, passt aber wunderbar zu der Geschichte, die Sophie Kinsella erzählt.
_Erfrischend anders_
Auch wenn Lara Lington sich kaum von anderen Figuren in der Frauenliteratur unterscheidet, so schafft es doch die Geschichte, sich vom Durchschnitt deutlich abzuheben. Natürlich geht es auch hier um Männer, Liebe und Karriere, aber gewürzt hat Sophie Kinsella diese alltägliche Geschichte mit dem Geist Sadie, der für allerlei Trubel in Laras Leben sorgt und auch die ganze Handlung belebt. So befremdlich ich es zunächst fand, hier einen Geist präsentiert zu bekommen, so erfrischend anders fand ich diese Wendung im Laufe der Zeit. Zudem sorgt Sadie für allerlei komische, merkwürdige und abstruse Situationen, die mir immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert haben. Allein die Vorstellung, dass Lara zu ihrem Date in voller 20er-Jahre-Montur erscheint und sich dafür in Grund und Boden schämen muss, war schon ziemlich komisch. Aber auch die vermeintlichen Selbstgespräche, die Lara mit Sadie führt, machen die Geschichte lebendig, da natürlich in Laras Umfeld niemand ahnen kann, dass sie mit einem Geist kommuniziert.
_Unter dem Strich_ gefiel mir „Charleston Girl“ mit kleinen Abstrichen sehr gut. Als ich mich an Sadie und ihre Eigenarten gewöhnt hatte und Sadie vor allem nicht mehr ganz so egoistisch in alle Gespräche und Verabredungen hinein geplatzt ist, wurde das Buch zu einer echten Wohlfühllektüre, die mich wunderbar unterhalten und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Es bleibt dabei: Sophie Kinsella ist in ihrem Genre eine sichere Bank!
Bücher sind magisch. Einmal zur Hand genommen, können sie im Kopf des Lesers ganze Welten erstehen lassen. Sie können entführen, verzaubern und gefangen nehmen. Das Medium Buch verdient also selbst die literarische Betrachtung. Das dachte sich auch der dänische Autor Mikkel Birkegaard, der mit seinem Debutroman „Die Bibliothek der Schatten“ 2007 in seinem Heimatland einen Überraschungserfolg landete. Nun ist sein literarischer Thriller auch auf deutsch erschienen: ein Schmöker von 500 Seiten, der zum Eintauchen einlädt. Denn Birkegaards Grundidee ist zunächst durchaus interessant:
_In seinem Universum gibt_ es ganz besondere Menschen, die sogenannten Lettori, die die Fähigkeit haben, Leseerfahrungen zu beeinflussen. Manche dieser Lettori sind Sender – begabte Vorleser, die die Reaktion des Zuhörers auf den Text bewusst steuern können. Andere hingegen sind Empfänger – sie hören jeden gelesenen Text und können dadurch Einfluss auf den Leser nehmen.
Luca Campelli, seines Zeichens Antiquitätenhändler, ist ein solcher Lettore. Gleich zu Beginn des Romans ereilt ihn jedoch der Tod und so wird sein Sohn Jon, ein erfolgreicher Anwalt, in die Geschichte hinein gezogen. Er erfährt, dass sein Vater eine ganze Schar Lettori um sich gesammelt hatte und schließlich stellt sich heraus, dass Jon selbst der bisher fähigste Sender ist. Er kann nicht nur Emotionen im Zuhörer, sondern sogar physische Manifestationen hervor rufen.
Das ruft eine weitere, bisher im geheimen agierende Lettori-Organisation auf den Plan, die aus ihren Talenten praktischen Nutzen ziehen will. Mit den Mitgliedern an der richtigen Stelle (z. B. in der Nähe eines Politikers oder Wirtschaftsbosses) könnten sie das Weltgeschehen nach ihrem Gutdünken dirigieren. Und natürlich möchten sie Jon in die Finger bekommen, denn seine Fähigkeiten wären bei ihren Weltübernahmeplänen äußerst hilfreich!
_Das Positive zuerst_: Der Roman ist bei dem Verlag Page & Turner erschienen und der Name ist hier Programm. Tatsächlich liest sich „Die Bibliothek der Schatten“ durchaus flüssig und man hat selten Gelegenheit, sich zu langweilen. Birkegaard ist ein passabler Erzähler und fähig, den Leser bei der Stange zu halten. Sein erzählerisches Können rangiert allerdings im Mittelfeld, einen Sprühregen an originellen Einfällen darf man nicht erwarten.
Tatsächlich scheut sich Birkegaard nicht, eine ganze Reihe Klischees zu bedienen. Das beginnt mit einer reichlich uninspirierten Liebesgeschichte und endet mit der Tatsache, dass er als Gegenspieler für Jon eine uralte Geheimorganisation aus dem Hut zaubert, die die Weltherrschaft übernehmen will und sich bei ihren Zusammenkünften Umhänge mit Kapuze anzieht. Dass zwischen diesen Polen dann nicht mehr viel Originelles passiert, versteht sich von selbst. Auch nimmt er den logischen Aufbau seiner Thriller-Elemente etwas zu ernst. Er weiß um die wichtige Regel, dass Hilfsmittel, Erkenntnisse oder Figuren nicht einfach aus dem Nichts auftauchen dürfen. Sie müssen bereits an früherer Stelle eingeführt worden sein, damit sie später mit einem Knall wichtig werden dürfen. Birkegaard befolgt diese Regel mit geradezu penibler Akribie, was allerdings dazu führt, dass der Leser diesen Kniff bald durchschaut. Ab diesem Moment, der mit der Erkenntnis einher geht, dass der Roman keinen Überschuss enthält und stattdessen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss, fällt es leicht, Birkegaards nächste Schritte und die Wendungen der Geschichte vorauszusagen. Eine Tatsache, die naturgemäß das Tempo aus der Erzählung nimmt und Überraschungsmomente eliminiert.
Ein viel größeres Problem ist jedoch die Idee der Lettori selbst. So charmant und zauberhaft sie anfangs auch klingt, ist sie leider nicht tragfähig genug für einen Roman dieser Dimension. Birkegaard nimmt sich selbst den Wind aus den Segeln, indem er versucht, die Wirkkraft der Lettori psychologisch bzw. wissenschaftlich zu erklären. Das wirkt bemüht und keineswegs überzeugend, vor allem, da es einfacher gewesen wäre, die Lettori einfach als fantastisches Element zu akzeptieren und entsprechend auszugestalten. Auch ist Birkegaard leider nicht in der Lage, den Zauber des Lesens in Worte zu fassen bzw. das Eintauchen in einen Text literarisch überzeugend zu gestalten. Trotzdem widmet er sich diesem Element wiederholt und ausführlich, was beim Leser zu Ermüdungserscheinungen führt. Am deutlichsten wird dies während des Showdowns in der Bibliothek von Alexandria, in dem mehrere Lettori aus einem Buch lesen und im Kopf der jeweils anderen Empfindungen entstehen lassen. Das erscheint als Auflösung eines Verschwörungsthrillers unglaublich abstrakt und statisch. Diese Szene – durchaus lang und komplex – führt über weite Stellen nämlich nirgendwohin und Birkegaard verwirrt den Leser nur, indem er ständig zwischen der Realität (einige Männer stehen auf der Bühne und lesen) und der Lettore-Empfindung (Gewitterwolken, Sturm, Blitze – das ganze Repertoire) hin und her springt. Diese beiden Handlungsebenen gelingen Birkegaard kaum, eine Tatsache, die sich im gesamten Roman widerspiegelt. Mehrdeutigkeiten, Anspielungen, literarische Witze oder gar Intertextualität sind seine Sache nicht, jedoch sind dies alles Zutaten, die man in einem Buch über Bücher erwarten würde. Stattdessen ist bei Birkegaard alles wörtlich zu nehmen und wenn er auf andere Werke Bezug nimmt, dann passiert auch das nur deutlich und eindimensional ausgesprochen, nämlich zum Beispiel, wenn jemand die Titel in einem Bücherregal vorliest. So erklärt der Autor dem Leser vollkommen unverschlüsselt, in welcher Tradition er sein Buch gesehen haben will (Stichwort: „Der Club Dumas“ oder „Der Name der Rose“ – beide Titel werden namentlich erwähnt), anstatt dem Leser Hinweise zu bieten und ihm selbst die Deutung zu überlassen. Dergestalt enthält er dem Leser viel Genuss vor, denn er ist im Ganzen zu deutlich und spricht zu viel aus. Denn als Leser eines literarischen Rätsels wie „Die Bibliothek der Schatten“ eines sein will, möchte man gefordert werden und sein eigenes literarisches Wissen mit dem des Autors messen. Birkegaard jedoch ist übervorsichtig und erklärt lieber einen Großteil der Faszination seiner Geschichte weg.
_Und so ist_ „Die Bibliothek der Schatten“ zwar ein unterhaltsames und spannendes, aber eben auch ziemlich eindimensionales Werk geworden. Buchliebhaber sollten das bedenken, wenn sie sich auf die Lektüre einlassen. Wer sich einen angenehmen Abend mit Verschwörungstheorien und Geheimnissen machen will, den wird Birkegaards Erstling nicht enttäuschen. Wer darüber hinaus jedoch auch literarische Happen genießen möchte, dem wird wahrscheinlich beim Lesen der Magen knurren.
|Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3442203628
Originaltitel: |Libri di Luca|
Deutsch von Günther Frauenlob und Maike Dörries|
Zaki und seine Cousine Samar Api wachsen zusammen in einem Haus in Lahore auf. Der Alltag wird dominiert von Reibereien zwischen Zakia, Zakis unabhängiger, revolutionär denkender Mutter und ihrer Schwiegermutter, der konservativen Daadi.
Wie üblich empfinden die Heranwachsenden die Zeit, in der sie leben, nicht als besonders. Benazir Bhutto kommt an die Macht und scheidet die Geister – wen interessiert das, wenn Samar Api das erste Mal verliebt ist? Warum sollte man über das Alkoholverbot klagen, wenn es doch überall Schmuggler gibt? In der Welt von Zaki und Samar Api geschehen mehr Abenteuer, als die neuen islamischen Verbote und Gesetze jemals zugelassen hätten: Individuelle Triumphe, Intrigen, Freund- und Feindschaften lassen den beiden jungen Leuten nur wenig Raum, sich über Politik Gedanken zu machen. Außerdem tut das ja schon die ältere Generation und streitet sich andauernd. Zakia gibt gar ein Frauenjournal heraus, in dem sie kein Blatt vor den Mund nimmt.
Die Jahre vergehen, Jammer und Freude wechseln einander ab. Freude folgt auf Enttäuschung, und Menschen werden wie Blätter im Wind in verschiedene Richtungen geweht. Zaki besucht verschiedene Schulen, sticht durch Talent zum Schreiben hervor und studiert schließlich in Boston. Als er zur Hochzeit seiner Cousine nach Hause kommt, ist es eine Reise in die Vergangenheit, die durch seine Erinnerungen führt.
_Kritik:_
Ali Sethi hat eine berührende und schöne Familiensage geschrieben. Die Ängste, Zwänge und wilden Freiheiten des Heranwachsens sind unmittelbar und eindringlich geschildert. Dass sie sich vor dem Hintergrund des politisch gebeutelten Pakistan abspielen, gibt dem Ganzen eine besondere Würze.
Ali Sethi verfügt über eine stilistische Kunst, die seine Bilder beeindruckend hervortreten lässt. Der Mann kann |schreiben|! Ohne mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, führt Sethi durch ein interessantes und beängstigendes Kapitel von Pakistans Geschichte. Durch die lebenden, atmenden, hoffenden und ringenden Menschen erhält auch dieser Hintergrund Farbe und Leben, und plötzlich ist Pakistan nicht mehr nur eine Krisenregion aus den Nachrichten, sondern der Platz, an dem Zaki mit seinen beiden älteren Cousins nachts Auto fährt und Samar Api sich heimlich aus dem Haus schleicht, um ihren Freund zu treffen.
Sethi verwendet keine Gemeinplätze, all seine Bilder und Geschichten sind frisch, eindringlich und anrührend. Natürlich bleibt naturgemäß auch der Jammer des Umsturzes nicht aus, aber er reiht sich ein in die privaten Sorgen und Nöte, vermengt sich mit ihnen und wird dadurch auf eine viel weniger abstrakte Ebene gehoben, als stures Aufzählen von Daten und Fakten das jemals vermöchte. Und Zakis Aufbruch in die fremde Welt jenseits des Meeres erscheint vor diesem Hintergrund wie ein großes Abenteuer.
_Fazit:_
Man möchte „Meister der Wünsche“ nehmen und es jedem geben, den man trifft. Es ist ein gutes, ein eindringliches und liebevolles Buch, das verschiedene komplizierte Themen in sich vereint und auf zarte Weise dem Leser nahe bringt. Khaled Hosseini, Autor des „Drachenläufer“, zeigte sich begeistert und erklärte: „Ali Sethi […] schenkt uns eine differenzierte, oft komische und immer völlig überraschende Sicht auf das Leben im heutigen Pakistan.“ Dem bleibt nur mehr wenig hinzuzufügen.
Wenn Sie sich für dieses gebeutelte Land interessieren, wenn Sie gern Geschichten von interessanten Menschen lesen, die wunderschön erzählt sind, dann kommen Sie am „Meister der Wünsche“ kaum vorbei. Das Glossar, das sich im Anhang befindet und das die im Text verwendeten landestypischen Ausdrücke erklärt, ist umfassend und hilft beim tieferen Eintauchen in diese fremde Kultur.
|Taschenbuch: 495 Seiten
Originaltitel: The Wish Maker
Aus dem Englischen von Claudia Wenner
ISBN-13: 9783423247894|
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[www.alisethi.com]http://www.alisethi.com
Professor Cass Seltzer ist ziemlich überrumpelt. Der freundliche, zurückhaltende Mann ist Religionspsychologe und damit, wie die wunderschöne Psychologin Lucinda Mandelbaum meint, ganz weit am falschen Ende der Psychologie angesiedelt. Lucinda selbst glaubt an Statistiken, am Logik und Mathematik, um den schwammigen Bereich „Psychologie“ zu befrieden und urbar zu machen. „Religionspsychologie“ – hah!
Allerdings ist sie von Cass’ Buch angetan. Cass hatte eine sehr intensive Studienphase bei einem Professor, dessen Genie nahe dem Wahnsinn ankerte und der halb verächtlich und halb ehrfürchtig betrachtet worden war. Cass hatte zu den Ehrfürchtlern gehört, ehe der Professor schließlich völlig überzuschnappen schien, was einen schmerzhaften Abnabelungsprozess ausgelöst hatte. Cass hatte irgendwann zu all den ungeklärten und in seinem Inneren gärenden Fragen aus jener Zeit eine Antwort schreiben wollen.
Heraus kam ein Buch, das die Bestsellerlisten nur so stürmte und Cass völlig unvorhergesehen in die Führungsposition der Atheisten erhob. Der „Atheist mit Herz“, wie sie ihn nennen, weiß nicht so recht, was er mit dem Rampenlicht anfangen soll. Er weiß auch nicht, warum Lucinda ihn liebt. Er nimmt nur beides an, so gut es geht.
Während der Strom der Ereignisse ihn mit fortspült, rekapituliert er, wie es so weit kommen konnte. Und mitten in seine Gedanken platzt Roz, seine Exfreundin aus dem Studium, die immer kommt und geht wie ein Herbststurm. Das Einzige, worauf man sich bei ihr verlassen kann, ist die Tatsache, dass sie immer im Begriff steht, etwas Unkonventionelles zu tun. Der irgendwie gemeinsame Weg der selbstbewussten Frau und des stillen Mannes, der auf verschlungenen Pfaden in skurrilste Situationen führte, wird hier nachgezeichnet. Und alles andere auch: Das Gestern, das Heute, und vielleicht ein bisschen vom Morgen. Und nebenher: 36 Argumente für die Existenz Gottes.
_Kritik:_
Dieser Roman ist ein Appell: Wenn auch schon ersichtlich ist, dass Rebecca Goldstein eher den Gegenargumenten Glauben schenkt, als den Argumenten FÜR die Existenz Gottes, so erklärt sie doch, dass das moralische Handeln im Menschen fest verankert ist. Dieses Buch appelliert ans Gutsein, ohne darauf hinzuweisen.
Wie Goldstein aus Mathematik, Physik, Metaphysik, Philosophie, Psychologie, Lyrik und den Geheimnissen der Kabbala einen Roman gewoben hat, der so menschlich und unmittelbar nah erscheint, dass man die Figuren vor Augen zu haben meint, ist wundervoll. Die Kapitel strotzen nur so vor Wissen. Die Autorin hat sich nicht mit halben Sachen zufrieden gegeben. Die Dozentin für Psychologie, die ihre Promotion in Philosophie gemacht hatte, hat fleißig Recherche betrieben und schön allgemein verständlich ein dichtes Netz aus Zusammenhängen gewoben, um die Zauberhaftigkeit der Welt darzustellen.
Die tiefen Einblicke, die man ins orthodoxe Judentum erhält, sind für Laien wie mich faszinierend. Die alltägliche Situation, aus der heraus plötzlich aus einem Kind ein Genie wird, und die Schlichtheit, mit der lebensumwälzende Entscheidungen getroffen werden – werden müssen -, berühren ganz besonders.
_Fazit:_
„36 Argumente für die Existenz Gottes“ ist ein Roman, wie es sie nur ganz selten gibt: Er hat die Kraft zu verändern. Er stößt das Gehirn an, zeigt Blickwinkel auf, ist herzerwärmend, komisch, ergreifend, lässt andächtig zurück und belehrt, ohne Lehrbuch zu sein. Zwar musste ich das eine oder andere nachschlagen, aber ich habe es gern gemacht, weil alles sich so harmonisch ins Ganze gefügt hat und ich in dieser bunt schillernden schönen Fläche keine weißen Flecken wissen wollte.
Ganz abgesehen von der fiktiven Geschichte, die ein literarisches Geschenk ist, finden sich am Ende wie im Buch von Professor Cass Seltzer die 36 Argumente für die Existenz Gottes: Von den frühesten philosophischen Versuchen bis hin zu neumodernen Spitzfindigkeiten ist alles vertreten. Und jedes Argument wird gefolgt von seinen Gegenargumenten, da ist also für jeden etwas dabei. Und wenn das letztendlich doch auch müßige Gedankenspielerei ist – warum sollte man argumentativ etwas mit Absolutheitsanspruch zu beweisen versuchen, das nicht beweisbar ist? Glaube ist Glaube, punktum. So ist das Buch eine Bereicherung für jeden, der es liest. Tun Sie sich den Gefallen, es ist wunderschön.
|Gebundene Ausgabe: 559 Seiten
Originaltitel: 36 Arguments for the Existence of
God
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
ISBN-13: 978-3896674234|
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Im Jahre 1943 erschien das moderne Märchen „Der kleine Prinz“ des Berufspiloten Antoine de Saint-Exupéry. Dieser hatte in seinen bis dahin 43 Lebensjahren bereits ein aufregendes und gefahrvolles Leben hinter sich gebracht, von dessen Motiven er in diesem und anderen Büchern zehrte. Wie der Ich-Erzähler im „Kleinen Prinzen“, stürzte er mit Flugzeugen in der Wüste ab. Wie der kleine Prinz musste Saint-Exupéry seinen „Planeten“ verlassen und nach Amerika emigrieren, wobei er seinen „besten Freund auf der ganzen Welt“, welchem er das Buch widmete, im besetzten Frankreich zurückließ. Daher schrieb Saint-Exupéry nicht nur ein philosophisches Märchen, sondern setzte sich in der vordergründig märchenhaften Erzählung mit der politischen Lage und gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit sowie seiner privaten Situation als Emigrant und Berufsflieger auseinander. Obwohl der Autor bis zu seinem Tod im Jahr 1944 noch weitere Texte veröffentlichte, blieb „Der kleine Prinz“ sein bekanntestes Werk und begründete seinen Weltruhm.
Harriet ist sich sicher, dass sie ihr Leben im Griff hat. Sie ist Astrophysikerin und ihre Arbeit bedeutet ihr viel: Sie hat so viel mit Zahlen zu tun, mit dem Erschaffen von Bildern, die man nicht sehen kann, durch Formeln, die beweisen, dass sie da sein müssen. Harriet liebt Zahlen, hat sie schon immer geliebt. Und darüber hinaus gibt es immer noch die kleine, die winzigkleine Chance, einmal ins All zu kommen.
Die Tests laufen gut, sie ist zwar schon relativ alt, aber ihre Ergebnisse sind überdurchschnittlich. Nur das mit dem Rauchen muss sie noch in den Griff bekommen. So, wie sie ansonsten auch ihr Leben im Griff hat, wie gesagt. Ihr Leben mit Freund Ash und dessen Sohn Ben.
Doch es kommt zu einer Verkettung unglückseliger Umstände: Ash fährt versehentlich eine Frau an, wartet zusammen mit Harriet im Krankenhaus auf Nachricht, die Tür fliegt auf und – Peng! – da steht Peter. Pfarrer Peter Olvaeus, den Harriet seit einundzwanzig Jahren nicht gesehen hat. Peter, der ihre erste, große, unerbittliche Jugendliebe war. Nicht, dass da etwas gelaufen wäre – Harriet war sechzehn und Peter zwanzig Jahre älter. Aber es war auch nicht so, dass da nichts war: seelisch, herzlich. Und während das Mädchen noch hoffte, verlobte sich Peter mit Maria. Mit der Maria, die Ash dann anfuhr, einundzwanzig Jahre später.
Ein zart-nostalgisches Band verbindet Harriet und Peter, und wie von selbst beginnen die Familien, miteinander zu verkehren. Dass sich dabei eine alte Liebe Bahn bricht, war – ja, was? Geplant? Nicht geplant? Unvermeidlich? Ersehnt? Befürchtet? Wohl von allem ein bisschen. Und zwei erwachsene Leben, die schon auf ihren separaten Bahnen dahin zogen, brechen plötzlich aus, springen gewaltsam aus den Schienen, entscheiden sich bewusst, sich Zeit miteinander zu stehlen und nehmen in Kauf, was dabei zu Bruch geht. Und es bleibt nicht bei ein paar Scherben…
_Kritik:_
Mädchen trifft Junge, Mädchen verliert Jungen, Junge heiratet anderes Mädchen, Mädchen findet anderen Jungen, Mädchen und Junge treffen einander wieder und betrügen Mädchen II und Jungen II. Das ist jetzt nicht eben eine neue Geschichte, sondern vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Es kommt also auf die Erzählweise an bei dieser alten Mär.
Und Ulrike Draesner erzählt so introspektiv, dass der Leser sich an ihren Stil erst gewöhnen muss. Gedanken werden manchmal ohne nähere Erklärung aneinander gereiht, so dass man danach die Situation betrachten muss, in der sie gedacht worden sind, um einen Zusammenhang herstellen zu können.
Um die unmittelbare Wucht darzustellen, mit der Harriet vom plötzlichen Wiederauftauchen Peters getroffen wird, wechseln sich Szenen aus dem Jetzt und Hier mit Szenen aus ihrer leidenschaftlichen Jugend ab, als sie noch den Mut hatte, ihre Liebe mit reiner Flamme brennen zu lassen – ehe Peter ihr das Herz brach. Und allein das, allein die Tatsache, dass Ash, der durchaus sympathisch gezeichnet ist, nie die Chance hatte, von Harriet so geliebt zu werden, wie Peter es einst wurde, das ist schon tragisch.
Und es bleibt nicht die einzige Tragik in diesen Zeilen: Es wird ziemlich deutlich gemacht, was die Sehnsucht nach der vergangenen Jugend, nach verpassten Gelegenheiten, nach dem Ausleben etwas einst bewusst Nichtausgelebten anrichten kann. Allerdings wird nicht gewertet, es wird wiedergegeben: Auf verschlungenen Pfaden, auf den Gehirnwindungen der Protagonisten wird erzählt, was passiert ist und was passiert. Und das mit ziemlich großer literarischer Klasse.
_Fazit:_
„Vorliebe“ ist kein lautes Buch. Es ist ein nachdenkliches, reflektierendes Schriftstück, aber es darf nicht falsch verstanden werden. Es ist nicht etwa barmherzig oder milde. Hier werden unvorbereitete Protagonisten aus ihrer zivilisierten Alltagswelt mitten in die rohe Pracht von urtümlichen Empfindungen verpflanzt. Und auch die Tünche vieler Worte und innerer Monologe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Wunden geschlagen, Empfindungen verletzt, Ungeduld entzügelt und kleine Funken zu brausenden Flammen entfacht werden.
„Vorliebe“ ist ein meisterliches Werk über die Abgründe im Menschen, eine Lockung zum und eine Warnung vor dem Genießen verbotener Früchte gleichermaßen. Hut ab, Ulrike Draesner, das ist schmerzhafte Poesie.
Mias Leben erfährt von der einen Sekunde zur anderen eine einschneidende Veränderung: Eben saß sie noch im Auto, zusammen mit ihrer Familie. Man war ausgelassen: Es gab schneefrei – schneefrei in Oregon! Wie oft kommt das schon vor? – und die Familie wollte Freunde besuchen. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Krach, und als Nächstes steht Mia neben den Überresten des Autos, das auf der glatten Straße von einem Laster erfasst worden war, und starrt entsetzt auf die Leichen ihrer Eltern.
In Panik sucht sie Teddy, ihren kleinen Bruder, und findet im Graben – sich selbst. Sich selbst?
Wie im Traum sieht sie zu, wie Rettungskräfte um den letzten Funken Leben in ihrem übel zugerichteten Körper kämpfen. Sie hört, was gesprochen wird, wird selbst aber nicht verstanden. Und sie fühlt die Schmerzen nicht – dafür ist sie sogar dankbar. Sie wird in ein Krankenhaus geflogen und sitzt neben ihrem Körper, während der operiert wird. Sie macht sich Gedanken: Was soll sie tun? Soll sie ohne ihre Eltern und vielleicht ohne den kleinen Bruder weiterleben, mit den ganzen entsetzlichen Verletzungen, oder soll sie aufgeben, auch sterben und Ruhe haben?
Verwandte kommen zu Besuch, ihre engste Freundin Kim und Adam, ihre große Liebe. In Rückblenden werden Geschichten der Familie beschworen, das Kennenlernen von Mia und Kim, Mias Leidenschaft für das Cello spielen und der behutsame Anfang ihrer Liebe zu Adam. Es sind liebevolle Bilder einer unkonventionellen, sympathischen Familie, die Mias Verlust klar vor Augen führen und damit die Ratlosigkeit unterstreichen, mit der Mia vor der drängenden Entscheidung steht.
Jedes Wort, das ihre Verwandten, Kim und Adam zu ihr sagen, fällt mit in die Waagschale: Gehen oder bleiben? Und als Mias Geschichte bis zur Gegenwart erzählt ist, ist der Moment der Entscheidung gekommen.
_Kritik_:
Gayle Forman hat den Schwebezustand zwischen Leben und Tod zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung genommen. Das ist zwar keine ganz neue Idee, aber schön umgesetzt.
Die Geschichten über Mias Familie sind detailreich gezeichnet. Die Eltern waren Zeit ihres Lebens Punkrocker, auch wenn der Vater ab der Geburt des kleinen Teddy die Bassgitarre an den Nagel gehängt hatte, um sein Brot als Lehrer zu verdienen. Mia wirkt vor diesem Hintergrund schon ausgesprochen konventionell. Verschiedene Probleme werden angerissen, die bei so unterschiedlichen Personen nicht ausbleiben, aber es steht immer klar im Vordergrund, dass das Verhältnis der einzelnen Personen untereinander ein liebevolles ist.
Genauso ist es mit Kim, die Mia am Anfang mit herzlicher Abneigung betrachtet hatte und die dann zu einer der Hauptbezugspersonen in ihrem Leben geworden war. Und die Romanze zwischen Mia, dem ruhigen, braven, Cello spielenden Mädchen und dem Rockmusiker Adam geht in ihrer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit ans Herz.
Darüber hinaus wird dem Leser vor Augen geführt, dass das Cellospielen für Mia nicht nur ein Hobby, sondern möglicherweise eine Berufung ist. Ein Punkt, der ihr Sorgen bereitet hatte: Sollte sie dem Cello folgen, würde es sie weg führen, fort von Adam, der in der Gegend bleiben musste, in der seine Band gerade ihren Aufstieg Richtung Profimusikertum erlebte. All das verblasst nun aber vor der Frage: Gehen oder bleiben?
_Fazit:_
„Wenn ich bleibe“ ist ein wunderschön gezeichnetes Familienporträt, eine Liebesgeschichte und ein Drama in einem.
Natürlich geht die Geschichte dem Leser an die Nieren, weil sie von so viel Verlust handelt, aber sie ist gleichzeitig auch ein Ansporn zum Weitermachen, weil sie in so vielen Einzelheiten vor Augen führt, für wie viele Dinge es sich zu leben lohnt. Wie hier verschiedenste Ansichten und Vorlieben unterschiedlichster Menschen selbstverständlich und unprätentiös nebeneinander gestellt werden, ist schon erstaunlich.
Wer gerade ein starkes Bedürfnis nach Harmonie hat, sollte dringend „Wenn ich bleibe“ lesen. Aber Achtung: Gerade in so einer Stimmung sollten Sie eine Packung Taschentücher bereithalten. Gayle Formans Buch ist sehr schön und sehr traurig.
|Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Originaltitel: If I Stay
ISBN-13: 978-3764503512
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst.|
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Ein gewalttätiger Ex-Fremdenlegionär mit merkwürdigen, sadistischen Gewaltfantasien, eine drogenabhängige Prostituierte und ihr weichherziger Sozialarbeiter beginnen eine Art Dreiecksbeziehung. Kann das gut gehen? Und wer kommt überhaupt auf solche Ideen? Der schottische Autor Mark McNay, dessen Debütroman „Frisch“ mit Preisen ausgezeichnet wurde und den man in einem Atemzug mit Irvine Welsh nennt, beschreibt in „Under Control“, wie eine Sozialarbeiter-Klienten-Beziehung nicht ablaufen sollte.
_Gary leidet an_ einer psychischen Krankheit, aufgrund der er Aggressionen und merkwürdige Wahnvorstellungen hat. Er bekommt Medikamente und wird von dem Sozialarbeiter Nigel betreut, zusammen mit zwei anderen. Ralph ist ein ehemaliger Drogenabhängiger, der rückfällig geworden ist, und Chris leidet an Depressionen und geht nicht gerne unter Menschen. Und dann ist da auch noch Charlie, Garys Freundin. Sie ist ebenfalls drogenabhängig und arbeitet als Prostituierte auf der Straße.
Nigel ist ein weichherziger Kerl, der gerne hilft, aber ein bisschen naiv ist. Als er Charlie trifft und sich in sie verliebt, glaubt er, sie von den Drogen weg bekommen zu können. Das sieht nicht nur Nigels Frau Sarah nicht besonders gerne. Als er Charlie bittet, den Kontakt zu Gary abzubrechen, um die Therapie nicht zu gefährden, hat das für ihn ungeahnte Konsequenzen. Denn der Zustand von Gary hat sich in letzter Zeit verschlechtert …
_Mark McNay siedelt_ sein Buch im Milieu psychisch Erkrankter, Drogenabhängiger und Sozialarbeiter an. Das ist ein interessanter Blickwinkel, den der Autor gut bedient mit seinen Beschreibungen, Charakterdarstellungen und den saloppen Dialogen. Die Mut- und scheinbare Ausweglosigkeit, die den Charakteren anhaftet, wird sehr gut dargestellt. Allerdings darf man trotz allem keine besondere Spannungsdramaturgie erwarten. Es wird hauptsächlich das Alltagsleben der Protagonisten beschrieben, die wenigen konkreten Ereignisse werden in die Geschichte eingestreut, ohne dass sie einer Spannungskurve folgen. Das interessiert sicherlich nicht Jeden. Wer weniger Wert auf Darstellung, aber dafür mehr auf Action legt, ist mit diesem Buch also nicht besonders gut beraten.
Es sei denn, er kann sich für einen interessanten Schreibstil erwärmen, denn Schreiben kann McNay. Seine lässige Erzählweise ohne schwierige Begriffe und einfache Satzstrukturen liest sich flüssig. Überdies besticht er durch den Humor. Auf geradezu ungewollte Art und Weise webt McNay immer wieder witzige Bemerkungen, die eigentlich gar nicht witzig sein wollen und sehr überraschend auftreten, in den Text. Außerdem begeistert der Schriftsteller durch Bildlichkeit. Immer wieder schreibt er über Vorstellungen oder Fantasien der Leute, die er wie selbstverständlich in den Fließtext integriert.
Die Figuren selbst sind ebenfalls lesenswert. Gary wirkt zwar ab und zu wie das Klischee eines Geisteskranken, ist ansonsten aber amüsant und authentisch umgesetzt. Nigel hingegen repräsentiert die Mittelschicht und seine Einfältigkeit gehört zu den größten Pluspunkten des Romans. Zum Einen wird dem Leser aus der gleichen sozialen Schicht dadurch ein Spiegel vor gehalten. Nigel sagt an einer Stelle im Buch, dass er nur deshalb Sozialarbeiter geworden ist, weil seine Eltern ihn dazu erzogen haben, anderen zu helfen. Dass ihm aber echte Einblicke in das Leben seiner Klienten fehlen, wird auf der anderen Seite sehr authentisch gezeigt. Es kommt dabei immer wieder zu Missverständnissen zwischen beiden Gruppen, die aber keiner so recht zu bemerken scheint außer der Leser, was ab und an für prompte Lacher sorgt.
_In der Summe_ ist „Under Control“ amüsante, aber dennoch auf lässige Art und Weise tiefgründige Literatur, die gut geschrieben, aber nicht immer spannend ist.
|Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
318 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423247481|
http://www.dtv.de
Rosa macht ihrem Namen nicht gerade alle Ehre, denn in ihrem Leben läuft es alles andere als rosarot. Statt dessen ist sie seit Jahren Single, immer noch unglücklich in ihren Exfreund verliebt und ihre biologische Uhr tickt immer lauter. Als sie dann auch noch zur Hochzeit ihrer großen Liebe Jan eingeladen wird, ist Rosa der Verzweiflung nahe. Selbst ihr schwuler bester Freund Holgi kann sie nicht mehr trösten, denn wo kein Selbstbewusstsein vorhanden ist, kann man auch keins aufbauen. Daher rät er ihr zu einem One-Night-Stand. Doch der gemeinsame Abend mit ihrem Kollegen Axel endet nicht im Bett, sondern bereits nach dem Besuch einer Zirkusvorstellung, in der Hypnotiseur Prospero einen Zuschauer in ein früheres Leben versetzt hat. Diesen Ausweg will nun auch Rosa gehen und begibt sich mutig zu Prospero. Tatsächlich versetzt der Hypnotiseur Rosa in ein früheres Leben – nicht ohne ihr mit auf den Weg zu geben, dass sie erst dann zurückkehren kann, wenn sie heraus gefunden hat, was die wahre Liebe ist.
„Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll ist wohl eins der bekanntesten Kinderbücher. Gerade wurde es von Tim Burton neu verfilmt und ist im Frühjahr mit Stars wie Johnny Depp oder Anne Hathaway im Kino erschienen. Doch über die Entstehung des Buches wissen wohl die wenigsten etwas. Auch nicht darüber, dass es diese Alice tatsächlich gegeben hat. Diesem Umstand nimmt sich die Amerikanerin Melanie Benjamin an. In „Alice und ich“ beschreibt sie das Leben der echten Alice im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Alice Liddell wächst behütet und sorglos in einer Dekansfamilie in Oxford auf. Sie und ihre zwei Schwestern, die ältere Ina und die jüngere Edith, pflegen eine lockere Freundschaft mit Mr. Dodgson, einem Mathematikdozenten. Sie machen häufig Ausflüge mit dem herrischen Kindermädchen Mrs. Prick und Mr. Dodgson zückt dann gerne seine Kamera, um die Kinder zu fotografieren. Besonders Alice mit ihrem lebendigen Charakter und ihrer Altklugheit hat es ihm angetan. Und auch Alice mag Mr. Dodgson sehr gerne, doch da ist sie nicht alleine. Mit ihren Geschwistern buhlt sie um dessen Gunst, nicht ahnend, wohin das später führen wird.
Mit „Süchtig nach dem Sturm“ hat Norman Ollestad die Geschichte seiner Kindheit auf Papier gebannt. Da sich Normans Kindheit doch ziemlich eklatant von anderen Kindheitsgeschichten seiner Zeit unterscheiden dürfte, ist daraus ein Buch entstanden, das gleichermaßen spannend wie facettenreich daher kommt.
Norman Ollestad wurde 1967 geboren und wuchs in Topanga Beach, Malibu auf – damals eine schillernd bunte Welt voller Hippies, Musik und Surfer. Das Surfen spielt auch in Normans Kindheit eine groß Rolle, denn sein Vater „Big Norm“ ist ein begnadeter Surfer, immer auf der Jagd nach den größten Wellen und dem perfekten Tuberide. Seinen Sohn „Little Norm“ nimmt er schon von klein auf mit auf die Wellen – anfangs noch auf seinem Rücken, später solo mit dem eigenen Brett.
Während andere Kinder vor dem Fernseher sitzen oder im Hof mit dem Ball spielen, reitet Norman Wellen, die größer sind als er selbst, fährt mit Skiern waghalsige Abfahrtsrennen oder verschneite Tiefschneehänge hinunter und tingelt von Eishockeyspiel zu Eishockeyspiel. Was immer er macht, stets ist sein Vater da, um ihn anzuspornen, seine Angst zu überwinden und alles zu geben und ihm zu helfen, wenn es brenzlig wird. Hat Norman die Angst einmal überwunden, ist das Erlebniss, das dahinter wartet, stets großartig und stets etwas Besonderes, aber dennoch wünscht Norman sich oft genug, sein Vater würde ihn mit seinen speziellen Vater-Sohn-Ausflügen einfach in Ruhe lassen.
Dreh- und Angelpunkt von „Süchtig nach dem Sturm“ ist ein Flugzeugabsturz, der sich im Terminstress zwischen Eishockeyspiel und Skirennen ereignet, als Normans Vater wegen der knappen Zeit eine Cessna gechartert hat. Die Maschine stürzt mitten in einem schwer zugänglichen Bergmassiv ab. Normans Vater und der Pilot sind sofort tot und Norman ist auf sich gestellt.
Als der elfjährige Norman sich schließlich auf den Weg macht, den völlig vereisten und eigentlich viel zu steilen Abstieg in Richtung Tal anzugehen, sind die endlosen Lehrstunden auf Surfbrett und Skiern endlich zu etwas gut. Norman weiß mit seiner Angst umzugehen und spornt sich selbst dazu an, nicht aufzugeben. Sein zäher Überlebenswille wird schließlich honoriert, als Norman nach schier endlosen, einsamen Stunden endlich in Sicherheit ist.
Norman Ollestad erzählt zwei Geschichten parallel. Er springt immer hin und her zwischen den Ereignissen des Flugzeugabsturzes und den Erinnerungen an seine Kindheit, größtenteils vor dem Absturz, aber auch an die Zeit danach. Durch die Sprünge zwischen den unterschiedlichen Handlungsebenen erzeugt Ollestad enorm viel Spannung und „Süchtig nach dem Sturm“ entwickelt schon annähernd Page-Turner-Qualitäten. Was er dazwischen skizziert, ist zum einen das Bild einer ungewöhnlichen und für sich schon spannenden Kindheit und zum anderen die Geschichte einer komplizierten, aber auch stets sehr intensiven und besonderen Vater-Sohn-Beziehung.
Norman empfindet viel Respekt für seinen Vater, bestaunt das Leuchten in dessen Augen beim Eintauchen in tiefen Pulverschnee oder beim Erzählen von großartigen Tuberides. Die Zeit, in der Big Norm seinem Sohn die Welt auf Skiern und Surfbrett zeigt, war noch eine ganz andere als die heutige. Man spürt den Pioniergeist, mit dem vor allem Normans Vater bei der Sache ist. Big Norm muss eine enorm charismatische Persönlichkeit gewesen sein, der Andere mit seiner charmanten Art, seinem Gitarrenspiel und seinen Surfskills um den kleinen Finger wickeln konnte. Für Norman ist all dies gleichzeitig faszinierend und beängstigend. Immer wieder muss er an seine Grenzen gehen – was ihn oft genug verzweifeln lässt, ihm aber ebenso immer wieder großartige Erlebnisse beschert.
Die ganze verzwickte Komplexität dieser Vater-Sohn-Beziehung verdeutlicht Ollestad vor allem anhand einer Reise der Beiden durch Mexiko – eigentlich angetreten, um Normans in Mexiko lebenden Großeltern eine neue Waschmaschine zu bringen. Aber Big Norm wäre nicht Big Norm, wenn das Ganze nicht zu einer ereignisreichen Surfreise entlang der mexikanischen Küste verlaufen würde.
Ollestad erzählt von all diesen Erlebnissen so farbenfroh und facettenreich, dass das Buch sicherlich auch ohne die Dramatik des Flugzeugabsturzes höchst angenehme Lektüre wäre. Das Studium des Creative Writing an der University of California hat da sicherlich sein Übriges getan.
„Süchtig nach dem Sturm“ nimmt den Leser gefangen, lässt ihn mitfiebern und mitträumen von mexikanischen Stränden und feinstem Pulverschnee. Alles in allem hat Norman Ollestad ein höchst lesenswertes Buch abgeliefert, das gleichzeitig Chronik einer ungewöhnlichen Kindheit und die Skizzierung eines ebenso komplizierten wie intensiven Vater-Sohn-Verhältnisses ist. Ein Buch, das nicht nur denen, die sich Surfbrett und Skiern verbunden fühlen, nahe gehen dürfte, sondern eigentlich niemand kalt lassen kann und daher uneingeschränkt empfehlenswert ist.
|Gebundene Ausgabe: 349 Seiten
ISBN-13: 978-3100552150
Originaltitel: Crazy for the Storm
Übersetzt von Brigitte Heinrich|
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