Archiv der Kategorie: Belletristik

Delphine de Vigan – No und ich

Die französische Autorin Delphine de Vigan führt ein Doppelleben. Tagsüber arbeitet sie in einem soziologischen Forschungsinstitut, nachts schlüpft sie in die Rolle der Schriftstellerin. Dabei ist unter anderem der international erfolgreiche Roman „No und ich“ entstanden.

Lou ist dreizehn Jahre alt und geht in die zehnte Klasse. Das ist ungewöhnlich in ihrem Alter, aber Lou ist hochintelligent und hat zwei Jahrgangsstufen übersprungen. Das macht es nicht gerade einfach für sie. Sie ist von Natur aus eine Einzelgängerin, sie liebt Experimente mit alltäglichen Dingen und ihre Familie ist am Tod ihrer kleinen Schwester zerbrochen.

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Frankenberg, Mika – Käferfrau, Die

_Handlung:_

Die Diagnosen, die Dörte attestiert werden, sind beeindruckend: Somatisierungsstörung, autistische Züge, antisoziale Persönlichkeit, stark narzisstische und schizoide Züge. Nichtsdestotrotz ist Dörte hochintelligent und schafft es binnen kürzester Zeit, sich als Biologin mit Schwerpunkt Käfer einen Arbeitsplatz in einem renommierten Pharmakonzern zu sichern.

Ihr Leben beginnt allerdings aus den Fugen zu geraten, als ein Pathologe sie um Rat bezüglich einer seltenen Käferart bittet, die auf einer Leiche gefunden wurde. Der Tote gehörte zum Institut, an dem Dörte tätig ist, und die Käfer sind eine seltene madagassische Art, die in Deutschland ebenfalls nur in dem Pharmakonzern vorkommt. Ist Dörtes Arbeitgeber in finstere Machenschaften und obskure Geschäfte verwickelt? Und sucht der Russe, der Dörte augenscheinlich liebt, wirklich nur aus emotionalen Gründen die Nähe der hübschen, aber widerspenstigen Biologin? Dörte droht sich in einem Netz aus Verschwörung und Verfolgungswahn zu verstricken …

_Meine Meinung:_

„Die Käferfrau“ ist ein amüsanter und fesselnder Unterhaltungsroman der Schriftstellerin Mika Frankenberg und wurde mit einem Literaturstipendium des Landes Hessen gefördert. Der Roman lebt durch die originelle, freche Charakterisierung der Protagonistin, welche die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Dabei schiebt die Autorin immer wieder Episoden aus Dörtes Vergangenheit ein, an die sich die Heldin erinnert und dadurch Authentizität hinzugewinnt. Besonders die Akten und der Schriftverkehr zwischen dem Jugendamt und Dörtes Pflegeeltern kündet von einer gewissenhaften Recherche der Verfasserin, die sich sehr viel Mühe bei der Ausformulierung des Plots gegeben hat. Schlussendlich geht es allerdings mehr um die dubiosen Geschäfte von Pharma-Firmen als um Insekten und Käfer. Daher könnten Titel und Klappentext leicht missverstanden werden.

Der Schreibstil von Mika Frankenberg ist leicht verständlich, flüssig und sehr unterhaltsam, ohne dabei anspruchslos zu wirken. Trotz ihrer humorvollen und teils satirischen Ausrichtung besitzt die Geschichte viel Gehalt und beschäftigt den Leser noch nachhaltig. Käferfans werden vermutlich enttäuscht sein, dass die kleinen Krabbler nur Staffage sind, doch wer Lust hat auf einen packenden und witzig geschriebenen Pharma-Thriller mit einer skurrilen Persönlichkeit als Protagonistin, der ist hier goldrichtig.

_Fazit:_ Ein wunderbar geschriebener Pharma-Thriller mit einer frechen, kantigen Heldin. Mal humorvoll, mal ernsthaft und dennoch anspruchsvoll, ist „Die Käferfrau“ eines der bemerkenswertesten Bücher des Frühjahrs 2009.

|334 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-24698-9|
http://www.dtv.de

_Florian Hilleberg_

Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen

„Ich glaube nämlich, meine Buchstaben lesen sich auf dem Bildschirm besser, als sich mein Gesicht ansieht, wenn es die Buchstaben spricht. Vielleicht bist du schockiert, an wen du zwei Jahre lang Gedanken und Gefühle verschwendet hast, und welcher Art sie waren.“

Ein Treffen, das ist es, was sich Leo und Emmi immer noch wünschen. Während sie sich in [„Gut gegen Nordwind“ bis zum Schluss erfolgreich um das Treffen herumlaviert haben, lässt sie dieses Thema auch in der Fortsetzung des Bestsellers von Daniel Glattauer nicht los. Und dieses Mal scheint es endlich dazu zu kommen …

Aug‘ in Aug‘

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Birbæk (Birbaek), Michel – Nele & Paul

|“Aber ich kam nicht umhin festzustellen, dass die anderen Frauen in meinem Leben eine Urlaubsreise gewesen waren. Nele war meine Heimat. Sie war die Küste, an der ich später sitzen und übers Meer schauen wollte. Neleland.“|

Nele war und ist Pauls große Liebe. Er ist mit ihr zusammen aufgewachsen, hat mir ihr seine erste große Liebe erlebt – und seine einzige bis zum heutigen Tag. Nun ist er Anfang 30, einsam und wohnt immer noch bei seiner Mutter. Das tun eigentlich nur Serienmörder, wird Pauls Mutter nicht müde, ihm zu erklären.

Doch als Nele ihn vor neun Jahren verlassen hat, um in den USA als Model ihr Glück zu (ver)suchen, brach für Paul eine Welt zusammen. Er sprach mit niemandem und verlor bei einem Unfall nicht nur seinen Führerschein, sondern auch seinen Job im Außendienst bei der Polizei, da er schlappe zwei Promille Alkohol im Blut hatte.

Kurz: Pauls Leben ist keines, er ist nicht in seiner Heimat (dem Neleland), sondern auf einer Wanderschaft ohne Ziel. Keine Frau interessiert ihn oder kann ihm annähernd das geben, was Nele ihm bedeutet. Doch dann steht sie plötzlich vor ihm – sie ist zurück. Nach neun Jahren. Ihre einst langen Haare sind kurz geschnitten, ihre zarte Figur weiblicher geworden. Ihr Vater Hans ist gestorben, daher ist sie aus den USA zurückgekehrt. Doch dann gesteht sie Paul, dass sie bereits seit einigen Monaten wieder in Deutschland ist und in Köln gearbeitet hat, um das Pflegeheim ihres Vaters zu bezahlen.

All das trübt Pauls Wiedersehensfreude aber nicht, er ist einfach nur glücklich, seine große Liebe wieder an seiner Seite zu haben und endlich wieder angekommen zu sein in seinem Neleland. Die beiden erleben das pure Glück, auch wenn sie feststellen müssen, dass die Villa von Neles Vater völlig verwüstet und damit erst einmal unverkäuflich ist. Innerlich grinst Paul sich eins, denn die langwierige Renovierung wird Nele Wochen oder Monate an sich binden. So stürzt er sich mit Feuereifer in die Arbeit, unterstützt von seinem besten Freund und Kollegen Rokko, der zurzeit allerdings in einem haarigen Clinch mit seiner Lebensgefährtin Anita liegt.

Dennoch scheint alles perfekt, bis Paul eines abends unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt, denn plötzlich muss er erkennen, dass Nele nicht die Alte ist. Etwas verschweigt sie ihm. Was ist nur passiert?

_Die große Liebe_

Mit seinem hervorragenden und gefühlvollen Roman [„Beziehungswaise“ 3970 hat sich Michel Birbæk in mein Herz geschrieben. Das vorliegende Buch „Nele & Paul“ versprach, in die gleiche Kerbe zu schlagen. Und tatsächlich beginnt das Buch in gewohnter Manier: Paul ist verzweifelt und trauert seit neun Jahren seiner großen Liebe hinterher. Ihn interessieren nicht die Dorfschönheiten oder die Kontaktanzeigen, die ihm sein bester Kumpel Rokko ständig vorliest. Ihn interessiert nur Nele, sie ist sein Ein und Alles, und das nicht nur in einer verklärten Erinnerung. Denn als sie wieder vor ihm steht, scheint alles perfekt.

Hier zeichnet Michel Birbæk über lange Strecken ein perfektes Glück. Nele und Paul knüpfen dort an, wo sie vor neun Jahren aufhörten, und auch wenn sie eigene Erfahrungen gemacht haben, andere Partner hatten und reifer geworden sind, passen sie zusammen wie der Topf zum Deckel. Auch Pauls Mutter Mor, die nach einem Unfall nur noch ein Bein hat und nun keinen Mann mehr kennenlernt, der in ihr die liebenswerte Frau und nicht den Krüppel sieht, fasst wieder Mut und schmiedet Pläne für die Zukunft.

Alles ist perfekt. Bis Pauls heile Welt einen erneuten Riss bekommt. Von einem Moment auf den anderen erkennt er Nele nicht wieder. Sie ist völlig weggetreten, aggressiv und apathisch. Kurz darauf „erwacht“ sie aus diesem Zustand und kann sich an nichts erinnern. Was ist bloß los mit ihr? Ist etwas unvorstellbar Schlimmes geschehen? Oder ist sie gar schwer krank? Paul macht sich daran, es herauszufinden.

Das ist der Moment, in dem „Nele & Paul“ fast zu einem Krimi wird, denn auch der Leser will nun unbedingt wissen, was eigentlich geschehen ist, was Nele so sehr zusetzt. Leider zeichnet sich recht schnell ab, in welche Richtung es weitergeht. Und leider geht es in eine Richtung, die mir zu abgeschmackt vorkommt. Zu dramatisch ist das, was uns Birbæk hier präsentiert, zu weichgespült das, was darauf folgt. Seine Geschichte nimmt an diesem Punkt eine Wendung, die ich nicht stimmig fand und die mir nur konstruiert erschien, um dem perfekten Liebesglück mehr Authentizität zu verleihen. Schade, denn diese Wendung und das daraus unweigerlich folgende Buchende trübten meinen Gesamteindruck sehr. Eine solche Wendung würde besser zum ZDF-Sonntagabendfilm passen.

_Mehr als nur Worte_

Doch eine Stärke bringt Michel Birbæk mit, auf die er sich offensichtlich stets verlassen kann, nämlich sein Talent, Situationen und Gefühle in die passenden Worte zu verpacken. Birbæk findet treffende Metaphern, die mitunter ins Komische abdriften und dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zaubern:

|“Als November merkte, dass niemand den Kühlschrank ansteuerte, trottete er zu seiner Decke und ließ sich dort fallen wie Andy Möller bei einem Windhauch.“|

Auch als Leserin hatte ich sofort Andy Möller vor Augen, der selbst dann filmreif zu Boden geht, wenn der gegnerische Spieler noch fünf Meter entfernt ist und eher eine Ahnung am Bildschirmrand. November ist übrigens der Hund von Paul – mit seinen unvergleichlich schönen Seidenohren, die Paul gern liebevoll streichelt.

Aber es sind nicht nur die Metaphern, sondern auch die herrlichen Übertreibungen, die Ausschmückungen, die uns Situationen genau vor Augen halten und mir immer wieder positiv aufgefallen sind:

|“Wäre Van Gogh anwesend gewesen, hätte er gemalt, Shakespeare hätte gedichtet, Rio komponiert. Aber es waren bloß Dorfbewohner da, und das Einzige an Kunst, das hier betrieben wurde, war der Versuch, nicht zu viel neben die Schüssel zu kotzen.“|

Zuvor beschrieb Birbæk die Anmut, in der Nele und ihre gute Freundin Anita eine Kneipe schmissen. Er beschreibt sie als zwei schöne Frauen, die vom Leben gezeichnet sind, die dadurch aber noch mehr Ausstrahlung besitzen und mit ihren Komplimenten die Kneipenbesucher zum Erröten bringen. Dennoch relativiert Birbæk die Schönheit des Momentes, da außer Paul niemandem auffällt, welch einzigartiges Schauspiel die beiden Frauen abliefern. Herrlich!

Aber auch schwarzer Humor ist Michel Birbæk nicht fremd, denn eine seiner Hauptfiguren ist Mor, die ihren Lebensmut nicht verliert, obwohl sie sich einsam fühlt und die Hoffnung aufgegeben hat, einen Mann kennenzulernen, der über das fehlende Bein hinwegsehen kann. Birbæks große Kunst ist es, diese Figur nie dramatisch zu zeichnen. Zwar ist Mor ebenfalls vom Schicksal schwer gezeichnet, ihr amputiertes Bein findet mindestens genauso oft Erwähnung wie der allgegenwärtige kleine Hund November, aber in keiner Situation tendiert man dazu, Mitleid für Mor aufzubringen, einfach deshalb, weil sie ihr Leben so gut meistert. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, streut Birbæk Sätze ein, die fast schon unverschämt schwarzhumorig sind, aber so perfekt zu ihm passen:

|“Sohn einer Behinderten schneidet sich aus Solidarität Bein ab! Gemeinsamer Schuhkauf möglich!“|

Michel Birbæks Sprache ist nie eintönig, nie langweilig. Einmal bringt er den Leser zum Lachen, dann aber auch wieder zum Träumen. Denn die Liebe steht in diesem Buch nun einmal im Vordergrund, und hierfür findet Michel Birbæk wunderbare Worte, die nicht ins Kitschige abdriften, sondern einfach nur eine tiefe Liebe zum Ausdruck bringen:

|“Sie sah mich einen Moment lang an, dann schloss sie die Augen, rollte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Ich lauschte in die Runde. Bis auf eine Amsel, die den Tag begrüßte, war nichts zu hören. Ich ließ meinen rechten Arm aus dem Bett hängen. November leckte mir die Hand. Ich suchte seine Seidenohren und streichelte sie. Links meine große Liebe, rechts meine tierische. Vielleicht würde ich für diese Nacht noch zu zahlen haben, aber was es auch kostete, nie würde mich jemand über den Preis jammern hören.“|

_Wie Topf und Deckel_

Im Mittelpunkt stehen, wie schon der Titel des Buches vermuten lässt, natürlich Nele und Paul. Die beiden verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, die bis in die Kindheit der zwei zurückreicht, und vor allem eine ganz große Liebe, die auch nach neun Jahren Trennung nicht erloschen ist. Michel Birbæk zeichnet zwei sympathische Figuren, die in ihrem Leben viel erlebt haben und mitunter an ihrem Leid zu zerbrechen droh(t)en. Dadurch werden sie richtig menschlich, auch wenn die Liebe zueinander fast schon zu blütenweiß gewaschen scheint. Dennoch bleiben Paul und Nele stets greifbar und ihre Gefühle füreinander nachvollziehbar. Am Ende des Buches sind sie zu guten Freunden geworden, in deren Leben man einen kleinen Blick hineinwerfen durfte.

Fast noch besser gefallen hat mir aber Rokko – Pauls bester Freund, der mit ihm zusammen im Außendienst tätig war. Nach besagtem Unfall hat sich auch Rokko in den Innendienst zurückgezogen, um Paul Gesellschaft zu leisten. Eigentlich ist Rokko glücklich mit Anita liiert, doch dann zieht es ihn immer wieder zu anderen Frauen hin, was Anitas Geduld ziemlich strapaziert. Rokko ist ein Draufgängertyp mit einem schnellen Auto, der im Dienst nicht immer tut, was er soll. Dennoch verleiht Michel Birbæk ihm auch eine sehr gefühlsbetonte Seite.

Auch wenn November „nur“ ein kleiner Hund ist, lernen wir ihn fast so gut kennen wie die handelnden Personen. November ist allgegenwärtig. Er begleitet Paul beim Joggen, hechelt Mor in ihrem neuen schnellen Rollstuhl hinterher, er fängt all die Essensreste auf, die vom Tisch „fallen“ und er lässt sich immer wieder gerne die Seidenohren streicheln. Richtig schmunzeln musste ich, als Paul und Nele einen hohen Felsen erklimmen und von dort ins Wasser springen. Anschließend toben sie im Wasser und legen sich in Ufernähe auf eine Wiese, doch obwohl November den Weg nach unten kennt, bleibt er geduldig auf dem Felsen sitzen und wartet treu darauf, dass Paul ihn von dort abholt. Und auch wenn das einige Stunden dauern kann, so trägt November seinem Herrchen nichts nach, sondern begrüßt ihn freudig. So bekommt auch der kleine Hund richtig menschliche Züge.

_Abschied vom Neleland_

„Nele & Paul“ ist ein traumhaft schönes Buch, zumindest bis etwa hundert Seiten vor Schluss. Michel Birbæk erweckt seine Figuren zum Leben, sodass wir sie richtig liebgewinnen. Außerdem schafft er es mit seinen detaillierten Beschreibungen, uns in seine Geschichte hineinzuziehen. Es war wie ein Sog, der mich immer weiterlesen ließ – bis zu dem Punkt, an dem ich ahnte, wie sich alles auflösen würde. Nicht nur fand ich das Ende so vorhersehbar wie das Happy End bei Rosamunde Pilcher, sondern auch so abgeschmackt und kitschig, dass ich wirklich enttäuscht war. Dennoch ist „Nele & Paul“ ein echtes Wohlfühlbuch, das weit aus der Masse herausragt.

|397 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2350-0|
http://www.birbaek.de
http://www.luebbe.de

_Mehr von Michel Birbæk auf |Buchwurm.info|:_
[„Beziehungswaise“ 3970
[„Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=714

Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind

Das Internet – heute ist es mehr als eine Datenautobahn, auf der wir uns an allen Abzweigungen Informationen abholen und auf der wir uns an Kreuzungen mit Menschen treffen. Das Internet ist zu einer riesigen, globalen Kontaktbörse geworden. Doch welche Konsequenzen können sich daraus ergeben, wenn man sich erst virtuell kennen lernt – und das viel zu gut? Wenn man vorher einen Berg von Erwartungen aufbaut? Davon erzählt Daniel Glattauer – und zwar in wunderbaren, einfühlsamen Worten, so viel sei jetzt schon vorweggenommen.

Lieber Leo …

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Harris, Robert – Ghost

Robert Harris ist ein absoluter Ausnahme-Autor. Punkt. Ob man nun seine erschreckenden Zukunftsvisionen „Vaterland“ oder „Aurora“ zur Hand nimmt oder ihn durch ein Stück antike Geschichte in „Pompeji“ oder „Imperium“ begleitet: Der Mann erstaunt immer wieder mit einer begeisternden Tiefe, die weit über die eigentliche Geschichte des jeweiligen Romans hinausgeht. Mit „Ghost“ hat der britische Bestseller-Schreiber ein weiteres ambitioniertes Projekt aus der Taufe gehoben. Eine Art Abrechnung mit der Politik soll es sein – allerdings eine, die sich erwartungsgemäß nicht auf die üblichen Klischees des Polit-Thriller-Sektors stützt.

_Inhalt:_

Der kürzlich aus dem Dienst geschiedene britische Premier Adam Lang bereitet traditionsgemäß eine Nachlese zu seinem Abschied vor. Michael McAra, ein langjähriger Begleiter des Staatsoberhaupts, soll die Memoiren des einstigen Ministers schreiben und ihn so noch einmal als Ehrenmann würdigen. Doch McAra kommt auf mysteriöse Art und Weise ums Leben und räumt seinen Platz für einen Skandal-Biografen, der dafür bekannt ist, selbst die glattesten Karrieren bloßzustellen.

Doch als McAras Nachfolger seinen Dienst antritt, wird er mit zahlreichen ominösen Hindernissen konfrontiert. Er darf das Manuskript seines Vorgängers nicht aus seinem zeitweiligen Arbeitsplatz entnehmen, sieht sich einer verschworenen Mannschaft um den geschiedenen Politiker ausgesetzt und erlebt zudem, dass die Familienbande im Hause Lang deutlich angeknackst sind.

Verheerender als dies scheint jedoch der Umstand, dass die Gerüchte um einen unnatürlichen Tod McAras nicht abflauen. Unbedarft forscht Langs neuer Memoiren-Spezialist inkognito im Skript des Dahingeschiedenen und begibt sich schließlich auf dessen Spur. Als Lang dann auch noch öffentlich angeklagt wird, mit der CIA gemeinsame Sache gemacht zu haben und bei der Entführung und Folterung vier mutmaßlicher Terroristen beteiligt gewesen zu sein, scheint der Eklat perfekt. Ränke und Intrigen scheinen sich im Umfeld es Ex-Premiers zu manifestieren – und mittendrin steht ein Mann, der einen Mythos analysieren soll, der als solcher womöglich gar nicht existiert.

_Persönlicher Eindruck:_

Auf dem Buchrücken von „Ghost“ hat der Verlag die Anmerkung platziert, dass dieses Buch die endgültige Abrechnung mit dem Politiker Blair sein soll. Diese Suggestion weckt natürlich gewisse Erwartungen, die Harris jedoch nur bedingt erfüllen kann, vor allem aber auch nur bedingt erfüllen möchte. Der Autor beschäftigt sich nämlich im Wesentlichen keinesfalls mit einer Politiker-Biografie, sondern entblättert vielmehr das Leben einer Führungspersönlichkeit und die merkwürdigen Gerüchte und potenziellen Skandale, die sich um eine solche Existenz aufbauen können.

Der Ansatz ist dabei mal wieder unheimlich interessant und eröffnet dann auch die Parallele zu besagtem früheren Premier: Harris unterstellt eine Art Selbstbetrug durch die offensichtliche Fälschung des eigenen Handelns in der literarischen Nachlese. Mittels der karriereträchtigen Memoiren soll die politische Führung nicht nur beschönigt, sondern die gesamte Autobiografie ins Rosarote verschoben werden, damit die verdeckten Skandale und Affären unter dem Schwarzweiß-Druck für immer ins Reich der Mythen befördert werden. Gewohntermaßen hat der Autor hierzu wieder einige kluge Charaktere in den Plot eingebaut, wie etwa den Protagonisten, der die Geschichte aus seiner eigenen Perspektive erzählt, hierbei anonym bleibt, aber eben nicht den naiven Typen mimt, den die Lang-Familie für diesen Posten gerne gehabt hätte. Seine Ermittlungen und Analysen der Historie des Premierministers stoßen alsbald auf Widersprüche, die er wiederum dem peniblen Forschungsdrang seines offensichtlich nicht natürlich umgekommenen Vorgängers zu verdanken hat. Und hier beginnt die Geschichte eigentlich erst richtig …

Zu Beginn zieht sich die Handlung allerdings erst einmal ziemlich träge vorwärts. Die Zusammenkunft des Ghostwriters, der hier im Hintergrund für die rechte Politur der Memoiren sorgen soll, mit seinem Auftraggeber ist unspektakulär und langwierig, vor allem aber noch nicht besonders stimmungsvoll. Die Geschichte baut sich verhalten auf, wird dabei Gott sei Dank mit Harris‘ typischem, beißendem Zynismus vorangetrieben, kommt aber erst relativ spät auf den Punkt. In der Zwischenzeit zeichnet der Autor ein feines Diagramm des Lebens in der High Society und beleuchtet hierbei die menschlich-emotionalen Anteile, dies aber wiederum mit einer Nüchternheit, die zuerst abschreckt, dafür aber umgehend den Zugang zu den Personen verschafft. Viele paradoxe Gegebenheiten kommen in „Ghost“ zusammen und stellen letzten Endes die solide Basis für den Plot.

Die (politische) Brisanz hat sich Harris indes für den letzten Teil seines Romans aufgespart, dem Grand Finale, in dem er aber weiterhin auf Effektreichtum und große Ausschweifungen verzichtet und stattdessen ein echtes Drama ausmalt, das genauso rasant wieder beendet wird, wie es kontinuierlich bis zu einem gewissen Höhepunkt wahrlich begeisternd authentisch geschildert wurde.

Die Krux der Rezension besteht nun darin, auf dieses stille Meisterwerk aufmerksam zu machen, ohne jedoch die wesentlichen Inhalte zu verraten. Während dies allgemein jederzeit eine lösbare Aufgabe scheint, tut man sich diesbezüglich mit „Ghost“ unheimlich schwer. Es passiert im Grunde genommen gar nicht viel, doch das, was passiert, ist von einer solchen Tragweite, dass es durchaus auch langfristig zum Nachdenken anregt. Die Story ist pikant, der Umgangston meisterhaft, die Erzählung informativ, aber dennoch lebhaft und der tiefgründige Humor fabelhaft. Oder um es anders zu sagen: Harris hat es wieder geschafft, ein Buch zu schreiben, das gerade deshalb so gut zu ihm passt, weil es eigentlich gar nicht zu ihm zu passen scheint. Paradox? Auf jeden Fall. Aber das sind die Bücher des begnadeten Briten eigentlich immer – und dennoch so beängstigend realistisch.

_Fazit:_

„Ghost“ ist im Gesamtkatalog vielleicht das unauffälligste Buch von Robert Harris, deswegen aber sicher nicht weniger lesenswert. Enttäuschend ist lediglich das Ende, aber das womöglich auch deshalb, weil man ein Spektakel erwartet, das dieser Autor jedoch bewusst nicht liefert. Lässt man diesen Aspekt außer Acht, darf man sich wirklich über ein neues Klassewerk des Bestseller-Garanten freuen.

|Originaltitel: Ghost
Originalverlag: Heyne
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Taschenbuch, Broschur, 398 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-40614-8|
http://www.heyne.de

Mehr von Robert Harris auf |Buchwurm.info|:

[„Vaterland“ 1485
[„Pompeji“ 274
[„Pompeji. Das Hörspiel“ 3530
[„Imperium“ 2916

Ferris, Joshua – Wir waren unsterblich

Als Debütant ist es nicht immer leicht, mit seinem Werk eine Nische auf dem Buchmarkt zu finden, die noch halbwegs unbesetzt ist. Joshua Ferris‘ Büro-Roman ist ein guter Schritt in diese Richtung. So attraktiv ein gut bezahlter Job in einem Hochhaus im alltäglichen Leben auch ist, glaubt doch niemand, dass sich aus Überstunden und Kaffeepausen eine gute Geschichte spinnen lässt.

„Wir waren unsterblich“ spielt in einer Abteilung einer erfolgreichen Chicagoer Werbeagentur. Die Mitarbeiter zeichnen sich durch lasches Arbeitsverhalten, Hang zum Tratsch und sehr unterschiedliche Charaktere aus. Doch das ändert sich, als die Aufträge weniger und Sparmaßnahmen ergriffen werden. Nun lästert man nicht mehr darüber, wer was mit wem hat, sondern wer als Nächster „spanisch den Flur hinuntergehen“ wird – wie man eine Kündigung in Anlehnung an einen Tom-Waits-Song nennt.

Die Reihen in der Abteilung lichten sich, auch wenn die Fehlenden keine große Lücke hinterlassen. Nicht alle kommen dabei mit der Kündigung gut zurecht. Chris Yop taucht auch danach im Büro auf und kann das Projekt, das er begonnen hatte, nicht unvollendet lassen. Tom dagegen greift zu verheerenderen Maßnahmen. Währenddessen unterhält man sich darüber, ob die Chefin Lynn Mason wohl Brustkrebs hat, warum Janine in der Mittagspause bei McDonalds in einem Ballbad sitzt und ob Amber das Kind abtreiben wird, das einer Büroaffäre mit Larry entsprungen ist.

Zugegebenermaßen stellt man sich ernsthaft die Frage, wie ein Autor für diesen Stoff beinahe 450 Seiten aufbringt. Das ist ja nicht unbedingt spannend, denkt man sich, und trotzdem fällt es schwer, den Roman aus der Hand zu legen. Hauptsächlich in Form von Kollegentratsch, teilweise aber auch aus der Perspektive der Betroffenen verfolgt der Autor die Schicksale der einzelnen Personen. Diese sind von ganz alltäglicher Natur und spiegeln die heutige Gesellschaft und auch die Sitten in Büros wider. Der eine oder andere wird sich sicher wiedererkennen in den ausgefeilten, sehr unterschiedlichen Charakteren (oder zumindest seine Kollegen darin entdecken …). Über allen schwebt dabei eine Wolke aus Tristesse, die mit gut bezahlten Jobs einhergeht, auch wenn Ferris nicht den Fehler macht, dieses Thema auszuschlachten. Die Annehmlichkeiten, die mit einem gefüllten Konto einhergehen, werden häufig nur am Rande erwähnt. Im Mittelpunkt steht der Büroalltag, und diesen weiß er gut zu beschreiben und mit diversen komischen Situationen aufzupeppen.

Komisch ist das Buch sicherlich, aber eher im Sinne einer Tragikomödie. Für alles andere ist das Buch zu authentisch. Außerdem bringt der Autor nicht auf Teufel komm raus einen Kalauer nach dem anderen, sondern lässt den Humor aus dem Zusammenspiel aus Personen und Ereignissen entstehen. Überspitzt dargestellte Szenen sorgen dafür, dass der Leser mit einem Auge lacht und mit dem anderen weint. Auf der einen Seite sind die Geschehnisse amüsant, auf der anderen erinnern sie ziemlich stark an das eigene Verhalten.

Zu den Besonderheiten des Buches gehören der Umgang mit den Personen und die Erzählperspektive. Von einigen Ausnahmen abgesehen, schreibt Ferris aus der Wir-Perspektive, um den Abteilungscharakter aufrechtzuerhalten. Die Personen werden dabei häufig mit Vor- und Nachnamen genannt und es findet nur selten ein Einblick in ihr Gefühlsleben statt. Es wird viel geredet, manchmal berichtet er aus dem kollektiven Gedächtnis der Abteilung. Er wahrt Distanz zu seinen Figuren, so dass dem Leser die Rolle als Beobachter zugewiesen wird. Unweigerlich entwickelt man Sympathien für bestimmte Charaktere, während andere entweder Mitleid erregen oder abstoßend wirken. Der Autor selbst nimmt dabei keine Wertung vor. Alle unsympathischen Figuren haben irgendeine Geschichte oder zumindest Gründe für ihr Verhalten, die nüchtern geschildert werden.

Der Schreibstil ist entsprechend beinahe analytisch, chronistisch, ohne kühl zu wirken. Die Konzentration auf menschliche Schicksale und das Miteinander unter den Kollegen sorgt für eine angenehme, warme Atmosphäre. Diese wird zusätzlich unterstützt durch die Wir-Perspektive und den amüsanten Anstrich. Ferris zielt mit seiner Wortwahl nie auf Schenkelklopfer ab. Vielmehr wird es häufig dann witzig, wenn die Personen in Dialog treten und sich gegenseitig einen Schlagabtausch liefern.

Und so kommt, was kommen muss, wenn im Autorenporträt mit einem weltweiten Verkauf des Manuskripts geworben wird: „Wir waren unsterblich“ gewinnt vor allem dank des einnehmenden Schreibstils und der Quintessenz der Geschichte – die Lebensgeschichten sehr unterschiedlicher Menschen und deren Miteinander in einer Abteilung – an Fahrt. Joshua Ferris‘ Debütroman wird sicherlich nicht jedem zusagen. Wer es spannend und actionreich mag, wird wenig mit dem Roman anfangen können, doch wer gerne in die Leben anderer Menschen schaut, ist hier an der richtigen Adresse.

|Originaltitel: Then we came to the end
Deutsch von Frank Wegner
443 Seiten, Paperback
ISBN-13: 978-3-499-24410-0|
http://www.rowohlt.de

Auster, Paul – Mann im Dunkel

Dies ist keine Buchbesprechung, sondern eine Huldigung. Wem das missfällt, der sollte sofort die Lektüre einstellen. Wer die nicht existente, durch äußeren Anstrich verdeckte Grenze zwischen Literatur und Kult nicht erkennt oder einfach eine andere Art der Literaturkritik erwartet, muss unabwendbar enttäuscht werden. Dies ist ein Tanz auf dieser Grenze.

Wir huldigen keinem Schöpfer, auch wenn ich innerlich mit mir streite, es vielleicht doch zu tun. Auch wollen wir kein Buch ins Zentrum unseres Kultes erheben. Stattdessen soll einer Idee, einem Thema gehuldigt werden. Das mag recht absichtsvoll klingen, doch fällt es mir schwer, einen passenden Begriff für das Sujet zu finden, das wir hier verehren wollen. Fest steht, dass unser Sujet das Thema von Paul Austers neuem Buch „Mann im Dunkel“ ist. Es ist ein rätselhaftes Buch, vielleicht Austers rätselhaftestes. Austers Thema entbehrt eben eines eindeutigen Begriffes. Ich kann nicht benennen, ich muss beschreiben:

Ein alter Mann erinnert sich, macht sich Gedanken über sein Leben, seine Familie und seine Fehler. Er versetzt sich an besondere Orte innerhalb seiner Gedanken, die allesamt von demselben Zustand berichten: von der Zerrissenheit zwischen Welt und Selbst. Hier haben wir unser Sujet.

In eben diesem Gedankenspiel entstehen unterschiedliche Parallelwelten: Die „wunderliche Welt“, die ganz Poesie ist. Die „große kaputte Welt“, in die es gilt hinauszuziehen, um zu entdecken, „wie es sich anfühlt, ein Teil ihrer Geschichte zu sein.“ (S. 212). Und dann die „unsichtbare Welt“, die scheinbar nicht existiert und doch schmerzhaft ihre Spuren im Leben hinterlässt. Alle diese Welten werden in der Zerrissenheit des Subjektes erst deutlich, die Weltgeschichte verläuft keinesfalls parallel, sie verändert sich je nach Erinnerung, Einbildung und Gedanke. Gewiss gibt es eine kollektive Instanz, ein Alltagsmuster, das rügt und mahnt, dass es nur eine kollektive Geschichte gäbe. Das erfährt auch Austers Mann im Dunkel, doch kollektive Instanzen können sich irren, und dann fügt sich am Ende doch alles zusammen: Subjekt wird Welt und Welt wird Subjekt. „Das Reale und die Einbildungen sind eins.“ (S. 216)

Paul Austers „Mann im Dunkel“ beschreibt keine herkömmlichen Reflexionen eines Menschen im letzten Lebensabschnitt. Es geht um mehr. Um Möglichkeitsräume, um Realitätsmodelle und die huldigungswürdige Idee, dass sich der Mensch von Alltagsmustern befreien kann, um nicht wie Austers Romanfiguren Brick und Flora „in ihrem ehelichen Nichts“ (S. 120) nur dahinzutreiben, um das „kleine Leben“ eines Menschen zu leben, der dem Irrtum auferlegen ist, „dass es nur diese eine Welt gibt und das alltägliche Einerlei“ (S. 120). „Mann im Dunkel“ ist auch ein nachdenkliches Buch. Ein poetisches. Und in eben dieser Poesie, die beschreibt, nicht benennt (keinen exakten Begriff findet), legt Auster seine Geschichte an, lässt den Mann im Dunkel wachliegen, nachdenken, erinnern und resümierend erkennen: „Gedanken sind real, selbst Gedanken an nicht reale Dinge.“ (S. 216) Und dem wollen wir huldigen.

|Originaltitel: The Man in the Dark
Deutsch von Werner Schmitz
219 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-498-00080-6|
http://www.rowohlt.de

Shepard, Lucius – Hobo Nation

_Reiter des ‚Stahls‘: Hobos zwischen Himmel und Hölle_

Im Jahr 1998 schreibt der Autor Lucius Shepard eine Reportage über eine mutmaßliche Hobo-Mafia namens FTRA für die amerikanische Zeitschrift „Spin“. Im Rahmen seiner Recherchen reist er mit den Tramps, den Ausgestoßenen und Gescheiterten der Gesellschaft, auf Güterzügen durch die USA. Es wird eine Reise ins dunkle, sagenumwobene Herz des amerikanischen Kontinents, dorthin, wo die Legenden und Mythen von Woody Guthrie und Jack Kerouac noch lebendig sind. Aber es gibt auch die Hardpunks, die ganz anders als romantisch drauf sind. Und es gibt Mörder.

Wie ist es tatsächlich um die die „große Freiheit der Schienen“ und des weiten Landes fernab aller gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen bestellt? Die Reportage verrät es uns. Der Band vertieft diese Informationen mit zwei Erzählungen, darunter das laut Verlag preisgekrönte „Drüben“ (der Name der Auszeichnung wird aber nicht angegeben). Sie entstanden aus Shepards Erfahrung des Lebens am Rande heraus und soll laut Verlag zeigen, „wie die Phantasie des Schriftstellers reales Erleben in große Literatur verwandelt“. Da bin ich mal gespannt.

_Der Autor_

Lucius Shepard, geboren 1947, zunächst ein Rockmusiker, Bordellrausschmeißer und Dichter, war in den achtziger Jahren einer der wichtigsten SF-Autoren, der mehrfach mit Preisen des Genres ausgezeichnet wurde. In seinen Erzählungen „Salvador“ (1984) und mit dem Roman „Das Leben im Krieg“ (1987) setzte er sich sehr kritisch und provokativ mit dem Engagement der Vereinigten Statten unter Präsident Reagan in Mittelamerika auseinander. Die CIA, das Pentagon und sicherlich noch andere Behörden des Geheimdienstapparates bildeten Contras aus: Sie sollten in El Salvador und Nicaragua gegen das sozialistische Regime operieren. Die Folge war ein Stellvertreterkrieg, in dem nicht nur Tausende von Zivilisten ums Leben kamen, sondern auch die Iran-Contra-Affäre (Waffenschmuggel) die totale Amoralität der Verantwortlichen im Pentagon offenlegte.

Mit seinen anderen Werken war Shepard nicht so erfolgreich. In „Grüne Augen“ (1984) stellt die CIA illegale Experimente zur Wiederbelebung von Leichen an; in dem Kurzroman „Kalimantan“ wandelt die Hauptfigur auf den Spuren Joseph Conrads. Aber jede Erzählung Shepards hält ein gutes Leseerlebnis bereit, so etwa in „Delta Sly Honey“ (1989) und „Muschelkratzer-Bill“ (1994). Die Fantasy-Story „Der Mann, der den Drachen Griaule malte“ (1984) bildet mit „The Scalehunter’s Beautiful Daughter“ (1988) und „Father of Stones“ (1988) eine schöne Sequenz aus der High Fantasy.

Zuletzt veröffentlichte |Edition Phantasia| die Kurzromane „Endstation Louisiana“, „Aztech“ und „Ein Handbuch amerikanischer Gebete“. „Hobo Nation“ ist teils Reportage, teils Erzählungen.

Mehr von Lucius Shepard auf |Buchwurm.info|:

[„Ein Handbuch amerikanischer Gebete“ 3176
[„Endstation Louisiana“ 5517

_1) Einleitung: Der Stahl_

Der Autor berichtet von seinem Auftrag für die Reportage und wie er sie umsetzte. Er stieß auf die Güterzug-Tramps, die es seit Ende des Bürgerkriegs 1865 gibt, auf ihr Leben und ihre Mythen. Poeten und Künstler wie Portland-Dave verehren die Güterzüge als den Gott „Stahl“ oder als „Die Kreatur“, und selbst den Autor erinnern sie an die Riesen-Sandwürmer in [„Der Wüstenplanet“. 5333

Diesen Mythos wollte er einfangen und für die Nachwelt bewahren. Denn die Hobos sind vom Aussterben bedroht. Die Eisenbahngesellschaften statten ihre Rangierbahnhöffe mit immer raffinierterer Warntechnik aus, um illegale Mitfahrer abzuschrecken. Aber es sei Aufgabe des Künstlers, so der Autor, diese Lebensform und Kultur zu bewahren, als handle es sich um einen versinkenden Kontinent. Ohne diese Region werde die Landkarte Amerikas stets unvollständig sein.

Hier ist der Autor ebenso sachlich wie in seiner Reportage. Allerdings fasst er hier bereits seine Beobachtungen zusammen. Danach erst folgt der „Ermittlungsbericht“, der sie rechtfertigt und belegt. Die Spannung steigt …

_2) Die FTRA-Story (Reportage)_

Gibt es wirklich eine Hobo-Mafia, wie manche Gazetten und TV-Berichte unterstellen? Der Autor machte sich für einen Artikel auf die Socken, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Er hört überall bei den Behörden die Bezeichnung FTRA: Freight Train Riders of America. Ja, die seien gefährlich, tönt der Polizist Grandinetti, und sie seien Mörder. Zu ihrem Aufnahmeritual für Frauen gehöre Vergewaltigung. Na, das klingt aber martialisch, denkt Shepard. Und obendrein nach einer Verschwörung wider die Rechtschaffenen Amerikas. Ob da was dran ist?

Er beschäftigt sich mit der Tradition und der Geschichte der Hobos. Er hört von berühmten Hobos wie dem Folksänger und Aktivisten Woody Guthrie, der zu Bob Dylans Vorbild wurde. Aber die modernen Hobos scheinen doch einiges auf dem Kerbholz zu haben. In Kneipen, Missionen und auf geheimen Treffen der Hobos hört er immer wieder, dass es ganz schön rau und blutig zugehe unter den Güterzugfahrern. Auch von etlichen Morden ist die Rede. Und das klingt ganz schön authentisch.

Aber von der FTRA hält keiner was. Ja, Leute wie der Poet Adman lehnen jede Verbindung zur FTRA ab. Und die Leitung der Eisenbahngesellschaft Union Pacific kennen Grandinettis „Horrorgeschichten“ über die FTRA, aber von einer Verschwörung könne keine Rede sein. Shepard merkt, dass man zwar schwer an die bekannten FTRA-Mitglieder wie Erie Flash rankommt, sie sich dann, nach ein paar Flaschen Whisky, aber als ganz umgänglich erweisen können. Militant sind sie jedoch nicht, und eine Organisation sind sie erst recht nicht. Es gibt keinen Anführer.

Ein Bild von verschiedenen Generationen und vielen kulturellen und ethnischen Gruppen schält sich heraus, von den alten, romantisch veranlagten Konservativen, den etwas Abgehobenen wie Adman bis hin zu Punks und Gossenpunks, den härtesten und jüngsten Gruppen. Darunter sind Aussteiger, Ausgestoßene, verkrachte Existenzen, kurzum: lauter Treibgut am Rande und außerhalb der US-Gesellschaft. Was sie alle eint, sind das Fahren und das Leben unter den Sternen. Kurzum: die Freiheit, nichts mehr zu verlieren zu haben. Außer dem Güterzugfahren.

|Mein Eindruck|

Die Reportage müllt den Leser nicht mit Fakten und Zahlen zu. Stattdessen vermittelt der Autor Ansichten, Berichte, Meinungen und viele eigene Beobachtungen. Das sind die besten Szenen und glaubwürdigsten, wenn auch subjektivsten Eindrücke, die er vermittelt. Fazit ist, dass es weder eine Hobo-Mafia noch eine Verschwörung gibt. Dafür sind die Hobos viel zu heterogen und auf Unabhängigkeit bedacht.

Aber auf diesem Fundament kann der Autor seine zwei Erzählungen aufbauen. Ergo muss man durch die Reportage durch, wenn man die Erzählungen verstehen will.

_3) Drüben (Kurzroman)_

Billy Long Gone ist ein Hobo. Auf dem Güterbahnhof von Klamath Falls, Oregon wird ihm jedoch sein Deutscher Schäferhund Stupid gestohlen. Und als Hobo einen Hund zu verlieren, ist wie eine treue Seele zu verlieren. Stupid muss wieder her. Billy packt den Axtstiel, den er immer zur Verteidigung bei sich hat, fester und durchsucht die Züge in Klamath Falls. In einem langen Monsterzug findet er auch Stupid, doch auch einen seltsamen Mann, der den Hund nicht mehr hergibt. Das macht Billy wütend, doch er muss auch herausfinden, dass er gegen den Fremden nichts auszurichten vermag. Das Einzige, was ihm zu tun übrig bleibt, ist die Mitfahrt, egal wohin.

Der Zug fährt nach Drüben, verrät ihm Pie alias Pieczynski, der Fremde. Es ist ein besonderer Zug, versteht sich, und die Strecke ist ebenso besonders: durch unbekannte Berge und an Sümpfen vorbei durch eine Ebene, bis sie wieder zu Bergen gelangen: zur Endstation. Unterwegs sieht Bill zu seinem Entsetzen schwarze geflügelte Wesen, die wie Vampire den benachbarten Zug angreifen, der auf dem Parallelgleis fährt. Es sieht aus, als wäre der Zug lebendig und würde von den Vampiren angegriffen und ausgesaugt.

|Das Drüben|

Die Endstation Drüben stellt sich als ein Riesenbaum heraus, doch das Haus hat jede Menge Zimmer mit anderen Ex-Hobos wie Billy. Eine längst Verflossene namens Annie Ware (= anywhere, überall), an die sich Billy, der Ex-Alki, nicht mehr zu erinnern vermag, weist ihm wütend sein Zimmer zu. Er muss ihr wirklich was Schlimmes angetan haben, aber was nur? Sie verrät es ihm nicht. Er muss wohl seinen halben Verstand versoffen haben. Nachdem sie es ihm gesagt hat, bittet er sie reumütig um Verzeihung, so dass sie ein richtig gutes Paar werden können.

Doch dieses Drüben scheint für Billys Geschmack zu sehr in Stagnation zu versinken. Ist dies ein Paralleluniversum oder nur eine Computerspielsimulation? Es ist einerlei für den, der darin lebt. Aber das Drüben kennt auch Grenzen und Gefahren. Als erst ein guter Angelfreund von einem Wasserungeheuer verschlungen und dann der Baum auch noch von fladenförmigen Flugwesen angegriffen wird, die Menschen mit Gift töten, platzt Billy endgültig der Kragen: Er muss hier weg!

|Zum Jenseits|

Annie erklärt sich nach einigen Protesten bereit, ihn über die „Mauer“ des Gebirges zu begleiten. Nach einer Abschiedsfeier besteigen sie den nächsten Zug und kuscheln sich in den Schlafsack, denn es wird saukalt. Zudem wird der Zug wird von den schwarzen Flugmonstern, den Beardsleys, angegriffen, und sie verletzen Billy. Dennoch hält das Paar so lange durch, bis es die Endstation erreicht.

Hier liegt überall Schnee, und über den weißen Hügeln und Gipfeln zucken violette Blitze, die das schweigende Land in ein gespenstisches Licht tauchen. Billy und Annie wollen in den Wald, doch die Hügel, die zuvor so harmlos aussahen, erheben sich und entpuppen sich als eine Art Yeti – mit einem eindrucksvollen Gebiss. Die einzige Rettung bietet der schnurgerade verlaufende Fluss, und Annie springt ohne zu zögern hinein. Sie taucht nicht wieder auf, was Billy so besorgt macht, dass er hinterherspringt.

Er erwacht in einer Mulde auf einem trockenen Hügel. Aber neben Annie liegen noch drei weitere „Besucher“ hier. Nirgendwo Schnee. Er späht ins Tal hinab, dort liegt eine Blockhüttenstadt wie im Wilden Westen. Mit einem kleinen, aber unübersehbaren Unterschied: Aus ihrer Mitte ragt ein weißer Turm, der durchsichtig ist. Violette Blitze zucken darin, und er ragt bis in den Himmel. Liegt dort seine Bestimmung? Er wird es herausfinden.

|Mein Eindruck|

Die Handlung folgt dem klassischen Muster der amerikanischen Reisegeschichte. Es ist immer eine Reise der Hauptfigur zu sich selbst und darüber hinaus. Insofern weist eine Reise immer auch einen spirituellen Aspekt auf. Billy folgt einem Gefährten (Stupid) und gerät in eine Abenteuer, doch nach einer Phase der Stagnation und des Kennenlernens eines weiteren Gefährten (Annie), bricht er aus diesem Pseudo-Elysium aus, um die Grenze zu überschreiten. Er wird zum Pionier, wie ihn die amerikanische Mythologie verherrlicht. Jenseits der Grenze und allgemeiner Erfahrung erschaut er das Mysterium, das ihm hilft, sein bisheriges Dasein zu transzendieren (lat. „transcendere“: überschreiten).

In diesem Handlungsverlauf spiegelt sich, wie gesagt, eine innere Entwicklung des Helden wider, nur dass dieser diesmal ein Hobo ist, ein Outlaw. Billy folgt dem Weg wie die Hauptfigur in Shepards Kurzroman „Kalimantan“ und wie Malory in Joseph Conrads Roman [„Herz der Finsternis“, 1538 der Vorlage zu Coppolas „Apocalypse Now“. Dieser Hinweis genügt, um klarzumachen, dass das jenseits der Grenze liegende Territorium ein innerer Raum der Seele ist, an dem sowohl unaussprechlicher Schrecken (der Herrschaftsbereich von Colonel Kurtz) als auch größte Schönheit im Mysterium liegen.

Wenn dies also sowohl Hölle als auch Himmel auf Erden ist, erhebt sich die Frage, welche Art von Jenseits für einen reuigen Hobo vorgesehen ist. Dieser Pilger hat den „Stahl“, die Züge, benutzt, um die Fahrt zu ertragen, hat Angriffen widerstanden, Wunden davongetragen und seine Gefährtin beschützt. Sicherlich genügt dies doch, um ihn für den Eintritt in den Himmel zu qualifizieren, oder? Der in den Himmel ragende Schacht deutet dies an, doch ganz sicher darf man sich da bei Shepard nie sein.

_4) Die Ausreißerin_

Madcat ist vor Jahren wegen seiner Migräneanfälle und Blackouts arbeitsunfähig geworden und hat Arbeit und Familie verloren. Inzwischen hat er sich zu einem gewieften Hobo entwickelt. Er mag zwar seinen Schnaps wie jeder andere auch, aber er weiß, wo das Leben als Hobo halbwegs gut ist. Deshalb will er von der kalten Nordgrenze runter nach Tucson, ins warme Grenzgebiet nach Mexiko.

In Spokane, Idaho, schließt sich ihm eine junge Ausreißerin an, die vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mag, aber unter ihrem T-Shirt schon schwere Brüste verbirgt. Grace will nach Kalifornien, um bei einem reichen Onkel ein leichtes Leben anzufangen. Aber gerade hat jemand ihren Begleiter Carter erschlagen und sie warnt Madcat vor dem Irren, der hier rumläuft. Sie bittet Madcat, sich ihm anschließen zu dürfen, und würde auch in „Naturalien“ für ein wenig Schutz und Begleitung bezahlen. Gegen die weibliche Art von „Naturalien“ hat Madcat nichts einzuwenden, und Grace scheint trotz ihrer roten Dreadlocks in Ordnung zu sein. Ihre tiefblauen Augen haben es ihm sogar angetan.

In Klamath Falls, Oregon, kommt es jedoch zu einer schicksalhaften Begegnung. Sie treffen auf zwei Hobos, von denen der eine, F-Trooper, ein Indianer, sich sofort beim Anblick der Neuankömmlinge verdrückt. Kaum hat sich Madcar ein bisschen mit dem anderen Hobos unterhalten, als F-Trooper wieder auftaucht und wütend einen Axtstiel gegen Madcat schwingt. Ist er eifersüchtig wegen Grace? Im Handgemenge werden beide verletzt und Madcat erleidet einen schweren Migräneanfall, der ihn halluzinieren lässt. Grace warnt Madcat, dass F-Trooper vielleicht der Mörder von Carter ist. Und der Indianer ist keineswegs tot und erhebt sich noch einmal zum Kampf …

|Mein Eindruck|

Dies ist eine wunderbar actionreiche, sinnliche Kurzgeschichte, die man wohl nicht so schnell in einer Science-Fcition-Anthologie finden dürfte. Madcat ist ein Hobo, wie er im Buche steht, aber Grace ist eine explosive Mischung aus Aphrodite und Medusa, die Madcats Leben ganz schön aufmischt, bis es zu einem Showdown kommt. Und danach wartet auf das ungleiche Paar an diesem Scheideweg entweder die Hölle oder der Garten Eden. Blutrot ist der Abendhimmel, doch in dieser Richtung, das weiß Grace ganz genau, liegt Kalifornien, das Gelobte Land.

Grace, das versteht sich von selbst, ist für die Sinnlichkeit in der Geschichte zuständig und Madcat für die abschließende Action im Showdown. Die beiden sind zwar nicht gerade Romeo und Julia, aber dass sie eine gemeinsame Bestimmung haben, wird dem Leser – und Madcat – bald klar. Bis der Schatten des Bösen und der Vergangenheit überwunden ist, ist eine heftige Auseinandersetzung notwendig, bei der sich Madcat selbst überwinden muss.

Er hat die Wahl: Will er ein Mörder wie der besoffene Indianer F-Trooper werden? Ist er am Ende selbst an Carters Tod, begangen in einem Blackout, schuldig? Oder kann ihn Grace erlösen? Am Schluss sagt sie einen wunderbaren Satz, der sehr simpel und altklug klingt: „Du bist meine Stärke, aber ich bin dein Herz.“ Klasse.

|Die Übersetzung|

Während der sprachliche Stil ziemlich in Ordnung ist, stolperte ich immer wieder über doppelte Wörter und ausgelassene Buchstaben. Am meisten verwirrten mich jedoch Entstellungen der ursprünglichen Namen. So müsste es statt „Bitterfoot Mountains“ (S. 25) wohl „Bitterroot Mountains“ heißen, wie jeder weiß, der schon mal die Geschichte des „Wilden Westens“ gelesen hat. Aus „Kalipsell“ müsste „Kalispell“ werden. Aber das sind lässliche Sünden. Im unten erwähnten Artikel aus der |Süddeutschen Zeitung| hat die automatische Rechtschreibung aus dem Ort „Klamath Falls“ das lächerliche „Klamauk Falls“ kreiert. Es geht also schlimmer.

_Unterm Strich_

Vom Faktischen der Reportage bewegt sich der Tenor des Inhalts dieser Sammlung hin zum Fiktionalen und Fiktiven der zwei Erzählungen. Die Reportage fand ich recht spannend, aber man muss ein wenig Geduld aufbringen, denn der Autor führt sehr viele Zeugenaussagen an, um seinen Befund zu belegen, dass es keine Hobo-Mafia gebe.

Von den beiden Erzählungen hat mir die Shortstory „Die Ausreißerin“ sehr gut gefallen, denn der Autor kommt schnell zur Sache. Ich habe mich gefragt, warum sie nicht dem Kurzroman vorangestellt wurde, aber dann fiel mir auf, dass es hier um ein Pärchen unter den Hobos geht. Und die Paarbildung ist eine komplizierte Sache, der erst einmal in der Novelle ausführlich dargestellt werden muss, bevor man sie in der Kurzgeschichte in ihrer ganzen Bedeutung würdigen kann.

Außerdem bietet der Schluss der Novelle einen transzendenten Ausblick auf den Himmel der Hobos, das „Drüben“ und das „Jenseits“. Damit der Eindruck des Mystischen und Spirituellen nicht zu stark zurückbleibt, bringt die Kurzgeschichte den Leser wieder auf den Boden der Tatsachen, und die sind alles andere als spirituell (sondern haben mehr mit Spirituosen zu tun). Der Himmel der Hobos wird hier zu einem ziemlich weltlichen Ort, nämlich Kalifornien, das Gelobte Land der „Hobo Nation“. Wer weiß, ob nicht die schwere Rezession, der sich die USA gegenübersehen, viele weitere „Reiter des Stahls“ erzeugen wird.

Habe ich mich durch die Mitte des Kurzromans durchquälen müssen – das „Drüben“ steht für Stagnation in Billys Entwicklung -, so entschädigten mich der Romanschluss und die Kurzgeschichte vollauf für diese Mühe. Hier passiert etwas, es wird erotisch, und nach dem Showdown wird die Kurzgeschichte für zwei Seiten regelrecht poetisch.

HINWEIS: In der |Süddeutschen Zeitung| vom 15.1.2009 findet ihr eine weitere [Rezension]http://www.buecher.de/shop/USA/Hobo-Nation/Shepard-Lucius/products__products/content/prod__id/23448115/#sz dieses Buches.

|Originaltitel: Two Trains Running, 2004
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber
207 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-937897-29-5|
http://www.edition-phantasia.de

Gavalda, Anna – Alles Glück kommt nie

Die Messlatte liegt hoch für Anna Gavalda, nachdem ihr vorangegangener Roman [„Zusammen ist man weniger allein“ 938 so enorm erfolgreich war. Entsprechend hoch sind nun die Erwartungen an den Nachfolger mit dem etwas holprig klingenden Titel „Alles Glück kommt nie“.

Charles Balanda ist 46 Jahre alt, lebt als erfolgreicher Architekt mit seiner Lebensgefährtin Laurence und deren halbwüchsiger Tochter Mathilde in Paris. Charles steht mit beiden Beinen im Leben – zumindest glaubt er das – und jettet um den Globus, um die Baustellen seiner illustren, internationalen Projekte zu betreuen.

Eines Tages erhält er einen Brief, in dem nur drei Worte stehen. Drei Worte, die Charles völlig aus der Bahn werfen: „Anouk ist tot.“ Anouk hat einmal eine wichtige Rolle in Charles‘ Leben gespielt. Sie war nicht nur die Mutter seines besten Freundes Alexis, sondern wurde im Laufe der Jahre zu seiner großen Liebe. Doch zusammen mit der Geschichte um Anouk hat Charles viele ebenso schöne wie schmerzhafte Erinnerungen verborgen. Nach und nach drängt all das zurück an die Oberfläche und sorgt dafür, dass Charles immer mehr ins Straucheln gerät.

Charles versucht herauszufinden, was mit Anouk geschehen ist, und je mehr er sich gedanklich mit Anouk befasst, desto mehr stellt er fest, dass er eigentlich gar nicht das Leben führt, das er gerne hätte. So richtig merkt er das aber erst, als er Kate kennenlernt, die zusammen mit einer Schar von Kindern auf einem abgelegenen Herrensitz in der Provinz lebt. Das Chaos und die Herzlichkeit, die Charles hier erfährt, lassen ihn umdenken und sein Leben auf den Kopf stellen …

Auch in ihrem neuesten Roman konzentriert Anna Gavalda sich auf das, was sie am besten kann: lebendige Figurenskizzierung und eindrückliche Gefühlswelten, die sie so einfach, klar und präzise wiederzugeben vermag, dass man glauben könnte, die Protagonisten stünden neben einem. Viel Plot brauchte Anna Gavalda noch nie.

Da wäre Anouk, die in ihrer Bewältigung des alltäglichen Leben manchmal der Verzweiflung nahe ist, aber als Krankenschwester wahre Wunder bewirkt. Da wäre Charles, der orientierungslos durch sein straff organisiertes Architektenleben hastet und dabei völlig aus den Augen verliert, was Leben eigentlich bedeutet. Da wäre Alexis, ein begnadeter Musiker, der seiner Mutter so viel Kummer bereitet. Da wäre Nounou, ein alter Zauberer, dessen Anouk sich eines Tages angenommen hat und der im Geheimen ein Doppelleben führt. Und da wäre natürlich Kate mit ihrer Kinderhorde, die herrlich chaotisch auf einem alten Herrensitz leben. Wieder einmal lebt Anna Gavaldas Roman von den Figuren und ihren Beziehungen zueinander.

Und dennoch haftet Gavaldas neuestem Werk auch ein nicht zu ignorierender Makel an. Nie zuvor hatte ich bei einem Text von ihr solche Schwierigkeiten, in die Geschichte einzutauchen. Lange dauert es, bis die Geschichte überhaupt auf Touren kommt, und das gesamte erste Romandrittel stellt den Leser auf die Probe. Ein bisschen schleicht sich das Gefühl ein, Anna Gavalda wollte es diesmal auf irgendeine Art und Weise besonders machen – aber das heißt leider nicht, dass sie es gut macht.

Der Roman gliedert sich in vier Teile, und erst mit Ende des zweiten Teils geht es eigentlich so richtig los. Bis dahin hadert Charles mit der Vergangenheit. Er kommt mit seinem Alltag nicht mehr zurecht, stolpert nach der Nachricht von Anouks Tod durch sein Leben und verzettelt sich ganz in Gedanken und Erinnerungsfetzen – so gesehen gibt Anna Gavalda Charles‘ Lebenssituation höchst authentisch wider. So richtig lesenswert ist dieser Teil des Romans dennoch nicht, denn wie ihre Hauptfigur scheint auch Anna Gavalda sich dabei ein wenig zu verzetteln.

Sie springt von hier nach dort, erhascht überall nur einen Bruchteil eines Eindrucks, einer Schwingung oder Erinnerung, und als Leser kann man dabei nicht immer ganz genau folgen. Man kommt dadurch nicht so leicht wie sonst typischerweise in Anna Gavaldas Romanen auf Augenhöhe mit den Protagonisten, und krass formuliert, hätte man die ersten 250 Seiten sicherlich auch auf gute 50 Seiten zusammenraffen können, ohne dass der Leser etwas verpasst hätte. Gerade das war ja auch immer Anna Gavaldas Stärke: kurz und prägnant, aber nicht minder einfühlsam und plastisch ihre Figuren zu skizzieren. Diesmal gelingt ihr das leider nicht so gut.

Auch stilistisch unterscheidet sich „Alles Glück kommt nie“ von den Vorgängern. Straff und auf den Punkt genau hat Anna Gavalda sonst meistens formuliert – diesmal stückelt sie mit Ein- und Zweiwortsätzen herum oder schleppt einen einzigen Satz auch mal über mehr als zwei Seiten. All das wirkt gekünstelter, als man es von Anna Gavalda gewohnt ist – dabei hat sie diesen gekünstelten Erzählstil nie nötig gehabt.

Und so muss der Leser eben sehr viel Geduld mitbringen, um bis zum Ende des zweiten Teils durchzuhalten, wenn der Plot dann endlich auf Touren kommt, und um ganz ehrlich zu sein, ob ich mit einem anderen Autoren so viel Geduld gehabt hätte wie mit Anna Gavalda (weil sie eben Anna Gavalda ist), weiß ich nicht.

Erst mit Charles‘ Aufbruch in die Provinz nimmt die Geschichte Fahrt auf. Die Figuren nehmen Formen an und so langsam tritt auch wieder der vertraute Gavalda-Effekt beim Lesen ein: Man klebt an den Seiten, und auch wenn eigentlich nichts Weltbewegendes passiert, kann man schlecht die Finger von dem Buch lassen. Anna Gavalda beherrscht ihr Handwerk eben doch noch.

Und so stimmt einen die zweite Buchhälfte doch noch einigermaßen versöhnlich. Die Seiten fliegen dahin und die Figuren wirken so lebensecht, als würden sie neben dem Leser stehen. Lediglich die Figur der Kate hinterlässt in diesem guten Eindruck einen Kratzer. Was Kate an Gutmenschentum heraushängen lässt, ist ein bisschen viel des Guten. Sie opfert ihr Leben einer Horde Kinder, lebt in der letzten Ecke der Provinz in einer Art idyllischem, chaotischem Zirkus, der das reinste Paradies zu sein scheint, und steckt Charles mit ihrem Gutmenschentum auch noch an. Das klingt dann doch alles ein bisschen zu dick aufgetragen für meinen Geschmack – aber wie immer bei Anna Gavalda, liest es sich wunderbar. Als besonderen Leckerbissen gibt es dann noch ein herrliches Wiedersehen mit altbekannten Figuren, die Charles in Paris bei einem Bistrobesuch trifft – eines der absoluten Highlights dieses Romans.

Letzter Fehlgriff, der nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Buchgestaltung. Die deutsche Übersetzung, die holprig und verkitscht zugleich klingt, gepaart mit einem Titelbild, das mehr auf die Generation Rosamunde Pilcher abzuzielen scheint – das kann auf den ersten Blick schon abschreckend wirken, und in der Buchhandlung hätte ich diese Buch wohl gar nicht wahrgenommen.

Bleiben am Ende etwas enttäuschte Erwartungen zurück. Anna Gavalda hatte sich mit ihren bisherigen Büchern in die Riege meiner persönlichen Lieblingsautoren geschrieben, „Alles Glück kommt nie“ wird sich aber definitiv nicht in die Liste meiner persönlichen Lieblingsbücher einreihen.

Zu lange braucht das Buch, um in Fahrt zu kommen, zu aufgebläht wirkt das erste Buchdrittel, und so kommen Anna Gavaldas markanteste Fähigkeiten diesmal erst sehr spät zum Tragen. Erst ab der zweiten Hälfte des 608-seitigen Romans schafft Gavalda es, den Leser mit ihrer prägnanten und einfühlsamen Figurenskizzierung um den Finger zu wickeln.

Bleibt zu hoffen, dass dies nur ein Ausrutscher war, denn der sei Anna Gavalda gerne verziehen, wenn sie sich dafür mit ihrem nächsten Roman wieder ihrem gewohnten Qualitätsniveau annähert.

|Originaltitel: La consolante
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
604 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-446-23057-6|
http://www.hanser.de

Dunthorne, Joe – Ich, Oliver Tate

_Die Mannwerdung hat schon so ihre Tücken …_

… Das ist auch die leidvolle Erfahrung des fünfzehnjährigen Oliver Tate. Oliver lebt mit seinen Eltern in Swansea und weiß alles – zumindest glaubt er das. Und weil er ja schon so gut Bescheid weiß, wird es Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Das Motto lautet: Weg mit der Jungfräulichkeit! Dabei helfen soll ihm seine Freundin Jordana, die nicht abgeneigt ist, obwohl Oliver küsst, als wolle er Zahnfüllungen spachteln.

Oliver Tate macht es seinen Mitmenschen auch sonst nicht immer leicht. Er sammelt Fremdwörter, ist klug und selbstgerecht, quält dicke Mädchen und hasst Jordanas Hund. Darüber hinaus überwacht er penibel das Sexleben seiner Eltern. Als Oliver feststellt, dass der Dimmerschalter im Elternschlafzimmer schon seit zwei Monaten morgens nicht mehr auf dunkelster Stufe eingestellt ist (laut Oliver ein eindeutiges Zeichen vollzogenen Beischlafs), diagnostiziert er das Ende der Ehe seiner Eltern.

Das kann und will Oliver nicht hinnehmen, und so macht er sich auf, das Eheleben der Eltern in Schwung zu bringen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, und schon bald schießt er mit seiner Mission ein wenig über das Ziel hinaus …

Erster Kuss, erste Liebe, erster Liebeskummer – das mag literarisch schon ziemlich abgegrastes Terrain sein, dennoch hat Joe Dunthorne mit „Ich, Oliver Tate“ einen durchweg unterhaltsamen Debütroman abgeliefert. Dabei braucht der Roman eine gewisse Einlesezeit. Immer wieder streut Dunthorne in Olivers Erzählung Zitate ein: Kühlschrank-Botschaften, Tagebucheinträge, Lexikondefinitionen. Dadurch wirkt der Erzählfluss anfangs etwas unruhig, hat man sich aber erst einmal auf die Art des Romans eingelassen, macht die Lektüre dann richtig Spaß.

Was Joe Dunthornes gelungenes Debüt besonders ausmacht, ist sein gewitzter Ton. Treffend ironisch beschreibt er Olivers pubertäres Gehabe, lässt ihn nichtsdestotrotz aber immer wieder als den klugen Menschen durchschimmern, der er tatsächlich zu sein scheint. Ihm gelingt die Balance, die Figur des Oliver von allen Seiten zu beleuchten, mit all ihren Macken, ihrer Selbstgerechtigkeit und der Verletzlichkeit, die sich hinter einer Fassade aus Fremdwörtern verbirgt.

Oliver durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, erlebt den ersten Sex, muss aber gleichzeitig bangen, dass die Ehe seiner Eltern auseinanderbricht. Dieses drohende Unheil bestimmt sein Denken dermaßen, dass er seiner Freundin Jordana, die eigentlich viel Schlimmeres durchmacht, nicht wirklich eine Stütze ist. Und so folgt auf den unausweichlichen Bruch mit Jordana schließlich auch der unausweichliche erste Liebeskummer – mit Weltuntergang und allem, was dazugehört.

Olivers Leben stellt sich innerhalb weniger Wochen komplett auf den Kopf, und so durchlebt er so manche hoffnungslos absurde Situation. Das verleiht dem Buch eine weitere wunderbar komische Note. Die Methoden, die Oliver anwendet, um die Ehe seiner Eltern zu retten, sind schon herrlich skurril und gipfeln in einem verzwickt schrägen Finale.

Es ist zwar nicht so, dass man bei der Lektüre pausenlos von Lachkrämpfen geschüttelt wird, dennoch gibt es viele Szenen zum Schmunzeln und das ganze Buch ist ein feiner Unterhaltungsspaß. Dunthorne weiß seinen Sprachwitz wunderbar einzusetzen, und so ist „Ich, Oliver Tate“ weniger ein Roman der Schenkelklopfer als vielmehr feinsinnige und schräge Lektüre, die mit jeder Seite Spaß macht.

Bleibt unterm Strich ein positiver Eindruck zurück. Joe Dunthorne hat mit „Ich, Oliver Tate“ einen bemerkenswerten Debütroman abgeliefert. Humorvoll, feinsinnig und anrührend zugleich beschreibt er die Tücken der Pubertät auf wunderbar lesenswerte Art. Bleibt zu hoffen, dass der Waliser uns nicht zu lange auf sein nächstes Werk warten lässt.

|Originaltitel: Submarine
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt
379 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-498-01326-4|
http://www.rowohlt.de

Saramago, José – Stadt der Blinden, Die

|“[…] ein Mensch wird nicht blind, nur weil er einen Blinden ansieht, Blindheit ist eine private Angelegenheit zwischen dem Menschen und den Augen, mit denen er geboren wurde.“|

_Alles weiß_

In einer namenlosen Stadt springt eine Ampel auf grün. Ein Auto bleibt stehen, und die anderen Autofahrer hupen wild, bis die Worte des Fahrers nach außen dringen – ich bin blind! Urplötzlich hat der Mann – der erste Blinde – sein Augenlicht verloren. Die Blindheit taucht seine Welt nicht in ein tristes Dunkel, sondern in ein helles Weiß. Von nun an herrscht immer Tag für ihn. Ein anderer Mann bietet dem ersten Blinden seine Hilfe an und bringt ihn nach Hause. Dort endet seine Hilfsbereitschaft, denn er nutzt die Blindheit des Mannes aus und entwendet ihm sein Auto. Kurz darauf erblindet auch der Dieb. Zu Hause wartet der erste Blinde auf seine Frau, die ihn schleunigst zu einem Augenarzt bringt. Der Augenarzt und seine Patienten sind die nächsten, die erblinden.

Wie eine Epidemie greift die Blindheit in der Stadt um sich. Die Regierung beschließt, die Blinden und diejenigen, die mit ihnen in Kontakt waren, in einer ehemaligen Irrenanstalt zu internieren, um sie vom Rest der Bevölkerung zu isolieren. Soldaten bewachen die Anstalt und stellen den Internierten dreimal am Tag Lebensmittel vor die Tür. Doch das Essen reicht für die schnell wachsende Gruppe der Internierten hinten und vorne nicht. Lange dauert es auch nicht, bis sämtliche Toiletten verstopft sind und die Blinden ihre Notdurft verrichten, wo sie sich gerade befinden, sei es im Bett, auf dem Flur oder sonstwo. Nur eine Frau ist dort untergebracht, die das ganze Elend, den ganzen Ekel noch sehen kann – die Frau des Augenarztes, die ihre Blindheit nur vorgetäuscht hat, um ihren Mann begleiten zu dürfen. Sie ist der Rettungsanker in der Irrenanstalt, auch wenn niemand außer ihrem Mann weiß, dass sie noch sehen kann.

Die Frau des Arztes versucht unauffällig, das Leben in der Irrenanstalt zu organisieren. Doch als immer mehr Blinde eingeliefert werden, schließt sich in einem anderen Saal eine Gruppe von Männern zusammen, die sämtliche Lebensmittel für sich beanspruchen und von den anderen Internierten Wertsachen als Bezahlung einfordern. Als diese schließlich verteilt sind, verlangen die Männer Frauen als Gegenleistung. Die Situation in der Irrenanstalt läuft nun völlig aus dem Ruder …

_Anarchie, und niemand sieht zu_

Der portugiesische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger José Saramago zeichnet in diesem Buch ein Schreckensszenario, wie man es sich niemals ausgemalt hätte. Nach und nach erblinden alle Menschen einer Stadt oder sogar eines ganzen Landes. Alle Arbeit liegt brach, niemand kann mehr Auto, Bus oder Straßenbahn fahren und auch kein Pilot lenkt mehr ein Flugzeug. Niemand kümmert sich um die Lebensmittelversorgung, und als schließlich alle Menschen erblindet sind, fällt überall der Strom aus. Die Menschen irren blind durch die Straßen – auf der Suche nach Lebensmitteln und Obdach, denn wenn sie auf der Straße erblindet sind, finden sie ihr Zuhause nicht mehr. Jede Wohnung, jedes Haus oder jeder Laden wird nun zur zeitweisen Unterkunft. Niemand hat mehr eine Heimat.

Davon ahnen die Internierten noch nichts, sie hausen unter unvorstellbaren Bedingungen, haben kein Wasser, um sich zu waschen oder etwas zu putzen. Sie hungern, weil es immer wieder Blinde gibt, die sich bei der Essensverteilung mehrfach anstellen – wer sollte es schließlich sehen und für Ordnung sorgen? Alles stinkt, alles ist verdreckt, sodass es eigentlich ein Wunder ist, dass nicht mehr Menschen in der Irrenanstalt sterben.

Die Blinden führen Krieg untereinander, sie bestehlen sich gegenseitig und misstrauen allem und jedem, denn niemand kann die anderen sehen und sie kontrollieren. Niemand sorgt für Ordnung, niemand sieht die Schuldigen. Und so wundert es nicht, dass eine Gruppe Männer die Führung an sich reißt und sämtliche Lebensmittel für sich beanspruchen kann. In der Anonymität der Blindheit und ausgestattet mit einer Pistole und einem „echten Blinden“ trauen sie sich, sich über die anderen Blinden zu erheben. Niemand sieht sie dabei und könnte hinterher gegen sie vorgehen. Doch zwei gequälte Frauen, die mehrfach brutal von den aufrührerischen Männern vergewaltigt wurden, wagen den Aufstand: Die Frau des Arztes bringt den Anführer um und sorgt für Chaos unter der Gruppe der Männer. Doch diese lassen sich das Zepter immer noch nicht aus der Hand nehmen, und so schleicht sich heimlich des Nachts eine blinde Frau mit einem Feuerzeug zu den Männern und zündet die Barrikade aus Betten im Zimmereingang an.

Nur eine Frau kann dem Elend zusehen und doch nicht helfen, da niemand wissen darf, dass sie sehen kann. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn jemand erführe, dass die Frau sehen kann. Sie müsste sich um alle Kranken kümmern, Menschen zu den nicht funktionierenden Toiletten bringen, andere Menschen trösten oder sich vermutlich vor Angriffen schützen, da andere ihr das Augenlicht neiden würden. So wird sie zur Zeugin, wie die Menschen angesichts der Blindheit zu Tieren werden. Sämtliche Menschenwürde ist verschwunden, als die Blinden beginnen, ihre Notdurft an allen möglichen und unmöglichen Stellen zu verrichten. Männer und Frauen fallen blindlings übereinander her, um sich gegenseitig Trost und Nähe zu spenden, auch wenn sie sich sonst vermutlich nie miteinander abgegeben hätten. Verzweifelt versucht die Frau des Arztes, für Ordnung zu sorgen, doch misslingt es ihr immer mehr. So flüchtet sie sich immer häufiger unter die Bettdecke, um still in sich hineinzuweinen.

_Die Macht der Sprache_

José Saramagos Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig: Kaum Absätze sorgen für Zäsuren, die wörtliche Rede findet sich durch Kommas abgetrennt mitten im Fließtext, und keine Anführungszeichen deuten darauf hin, ob diese Worte wirklich gesagt oder nur gedacht wurden. Dieser Schreibstil (den Andrzej Sapkowski in seiner historischen Trilogie vom Narrenturm ähnlich einsetzt) fordert den Leser heraus, passt aber wunderbar zur Geschichte, denn auch dort fließen Worte ineinander, niemand kann den Sprechenden erkennen, und so wundert es nicht, dass keine handelnde Person einen Namen erhält. Bis zum Ende werden die Personen über Merkmale charakterisiert, mit denen die Blinden etwas anfangen können. Was bedeuten Namen, wenn man die Person ohnehin nicht erkennen kann? Saramagos Figuren stehen für bestimmte Rollen, nicht aber für eine individuelle Person; er will uns keine konkreten Menschen vorstellen, sondern eine grausame Situation zeichnen, in der Menschen mit ihrem Schicksal hadern und um ihr Leben kämpfen. Doch was ist das überhaupt für ein Leben?

Saramagos Sprache ist unauffällig und still, aber manchmal umso poetischer. Seine Sätze sind lang und verschachtelt und beschwören eine spannungsgeladene Atmosphäre herauf. Meist sind es die wenigen Worte, die still und unbemerkt daherkommen, die dem Leser einen Schauder über den Rücken laufen lassen, oder es sind die langen detailgetreuen Beschreibungen. So verwendet Saramago mehrere Seiten darauf, um die schrecklichen Lebensbedingungen in der Irrenanstalt zu schildern – die verstopften Toiletten oder die Gänge, die vor Dreck und Kot überschwemmt sind, Menschen, die schon aus Gewohnheit jeden Winkel des Gebäudes in ein Scheißhaus verwandeln, den Gestank, den jeder einzelne Blinde ausdünstet, sodass auch die morgendlichen Blähungen oder die schweißgetränkten Körper die Luft nicht weiter verpesten könnten.

Der Wechsel aus diesen ausschweifenden Beschreibungen und den Dingen, die nur angedeutet werden, sorgt für eine unglaublich dichte Atmosphäre. Viele Schrecken muss man sich als Leser ausmalen, und manchmal kann die Fantasie noch schrecklicher sein als die Worte, die explizit aufgeschrieben werden. In einer Szene verbrennt eine Frau, und hier beweist José Saramago sein unglaubliches Sprachgefühl, denn er nimmt sich zurück und überlässt es dem Leser selbst, wie er sich diese Situation vorzustellen hat:

|“[…] o ja, sie sind nicht vergessen, die Schreie der Wut und der Angst, das Brüllen vor Schmerz und Agonie, das sei hier erwähnt, es werden auf jeden Fall immer weniger, die Frau mit dem Feuerzeug zum Beispiel schweigt schon seit langem. […] Lieber sterbe ich durch einen Schuß als im Feuer, es schien die Stimme der Erfahrung zu sein, deshalb war es vielleicht nicht er selbst, der sprach, sondern vielleicht hatte durch seinen Mund die Frau mit dem Feuerzeug gesprochen, die nicht das Glück gehabt hatte, von einer letzten Kugel durch den blinden Buchhalter getroffen worden zu sein.“|

Das Schweigen der Frau wird den Schreien der Wut und Angst gegenübergestellt und wirkt dadurch noch dramatischer. Diese Worte, die Saramago fast schon lapidar dahingeschrieben hat, erhalten dadurch eine viel stärkere Wirkung. Erst zwei Seiten später deutet Saramago das Unglück an, das der Frau mit dem Feuerzeug widerfahren ist, denn sie ist bei lebendigem Leibe verbrannt.

Besonders gelungen empfand ich auch Saramagos Beschreibungen des Hausstaubs, der die Abwesenheit der Bewohner genutzt hat, um sich friedlich und still auf den Möbeln zu verteilen. Niemand hat ihn dabei gestört, niemand ihn aufgewirbelt oder gar abgewischt. Kein geöffnetes Fenster hat für Durchzug gesorgt und den Staub verteilt. Erst als die Bewohner zurückkamen, begann der Reinigungsprozess – Finger, die über Möbel wischten und den Staub verteilten und Spuren auf der Oberfläche hinterließen. José Saramagos Schreibstil versetzt den Leser mitten in die Szene, der Autor nimmt uns an die Hand und zeigt uns alles, das er für wichtig erachtet. So kann man tief in diese aufreibende Geschichte abtauchen.

_An der Menschlichkeit festhalten_

|“[…] jemanden mit sehenden Augen unter uns zu haben, die letzten, die geblieben sind, wenn sie eines Tages erlöschen, daran möchte ich gar nicht denken, dann wird der Faden, der uns an die Menschheit bindet, zerreißen, es wird sein, als würden wir uns einer vom anderen im Weltraum entfernen, für immer […]“|

Nur dieses eine zarte Band – die sehenden Augen der Frau des Arztes – ist es, das für einige Blinde Hoffnung bedeutet, doch auch Verzweiflung, denn die Augen sind so empfindlich – und was wäre, wenn auch diese letzten erlöschen würden? Fragen der Hoffnung, der Menschlichkeit, des Zusammenlebens, des Misstrauens und der Freundschaft sind es, die José Saramago hier aufwirft. Nie hätte ich mir die Situation so dramatisch ausgemalt, wenn plötzlich alle Menschen erblinden würden, doch natürlich müsste die Situation eskalieren – zunächst durch die Angst der noch Sehenden und dann durch das Chaos, wenn niemand sich mehr um eine geordnete Lebensmittelversorgung oder um die Elektrizität kümmern könnte. Die Menschen müssten zugrunde gehen, und wie dieses Zusammenleben dann aussehen könnte, stellt uns Saramago eindrucksvoll vor.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Sind wir wirklich so kurz davor, unsere Menschenwürde aufzugeben und allen Mitmenschen zu misstrauen, wenn uns das Augenlicht verloren geht? Werden wir nicht nur mit den Augen blind, sondern auch mit dem Herzen? Und was bedeutet es, wenn niemand mehr sehen kann – kein Arbeiter, keine Regierung …? Dieses Buch fordert den Leser inhaltlich und sprachlich heraus, erzählt aber eine umso bewegendere Geschichte, die nachwirkt und mich tief beeindruckt hat. Ein Buch, welches das Prädikat ‚besonders wertvoll‘ definitiv verdient hat!

|Originaltitel: Ensaio sobre a Cegueira
Deutsch von Ray-Güde Mertin
398 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-22467-6|
http://www.rowohlt.de
[Wikipedia-Eintrag]http://de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9__Saramago

Benni, Stefano – schnellfüßige Achilles, Der

_“Es ist zwar nicht Beckett …“_

Ulysses ist Lektor in einem kleinen Verlag, der sich mit unaufhaltsamen Schritten auf den Ruin zu bewegt. Rettung könnte ein erfolgreicher Roman bringen, den es jedoch unter der Unmenge von Einsendungen zahlreicher Möchtegernschrifsteller erst noch zu finden gilt. Während Ulysses also die Nächte mit Manuskripten verbringt, deren Autoren und Figuren ihn bis in die Träume sowie auch tagsüber verfolgen, fordert die aufreizende Sekretärin Circe beständig seine Treue heraus. Obendrein droht seiner bildhübschen Freundin Pilar Penelope die Abschiebung. In dieser Situation macht Ulysses die Bekanntschaft des schwer körperbehinderten und durch eine missglückte OP entstellten Achilles, welcher mit Ulysses‘ Hilfe ein Buch schreibt, das den Verlag retten wird.

So viel zum Inhalt des Romans des italienischen Schriftstellers und Kolumnisten Stefano Benni, der in „Der schnellfüßige Achilles“ einen ironisch komischen Blick auf den Alltag eines Kleinverlages wirft. Der Autor hat sich in seinem Heimatland mit satirischen und politischen Texten einen Namen gemacht. Nach seinem Erstlingsroman „Terra“ (1983) veröffentlichte er in den Folgejahren weitere fantastische Werke. Was jedoch diesen Roman abgesehen von seinem durchaus originellen und in der Realität der Gegenwart angesiedelten Plot lesenswert macht, ist vor allem die überschäumende Fantasie des Autors, sein Spiel mit Ideen, Ironie und Intertextualität. Das fängt bereits bei den Namen der drei Protagonisten an, welche allesamt nach Helden von griechischen Sagen benannt sind, deren Heldenstatus sich wiederum ironisch an der Realität bricht. So muss der Abenteurer Odysseus (Ulysses) seine um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten strippende, aber sonst absolut treue Penelope vor der Auswanderungsbehörde retten; während der beinahe unverwundbare Achilles tatsächlich ein an den Rollstuhl gefesselter Krüppel und nur in seiner Fantasie ein schnellfüßiger Held sein kann. Denkt man weiter, ergibt sich die Tatsache, dass Italos in einem latent fremdenfeindlichen Italien, welches tatsächlich von einem beständigen Flüchtlingsstrom aus Afrika heimgesucht wird, bei Benni nun von einer illegal eingewanderten Latinoschönheit gezeugt wird.

Doch kritisiert Benni auf den 260 Seiten nicht nur gesellschaftliche Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit, menschlichen Wankelmut und den Drang zur Öffentlichkeit, sondern auch Politiker sowie Gesetzesvertreter, bei denen Korruption und Bestechung an der Tagesordnung sind. Dabei führt der allgegenwärtige Einfluss der Politik in „Der schnellfüßige Achilles“ nicht zur Ausweisung von Pilar, sondern ironischerweise nur zur Publikation eines weniger guten Buches. Wortspiele wie „Skriptmanuse“ statt Manuskripte oder die Verweigerung von Anglizismen, was beispielsweise zur Folge hat, dass die Protagonisten einen „Hahnenschwanz“ statt einen Cocktail trinken, sind nur die Spitze des intellektuellen Spiels mit Wortbedeutungen sowie von metatheoretischen Ausflügen ins Schreiben. Mit Hilfe der Manuskripttexte und des skurrilen Buches, in welchem Achilles sein und Ulysses‘ Leben verfremdet darstellt, gelingt es Benni, verschiedenste Textgattungen miteinander zu verweben und Möglichkeiten literarischen Schreibens aufzuzeigen. Den durchaus philosophischen Betrachtungen über Leben, Tod, Liebe und Freundschaft wird dadurch eine komische Komponente hinzugefügt. Dieses Umschlagen ins Humorvolle bewahrt den Autor stets vor philosophierendem Geschwafel. Außerdem hat Benni in den Figuren selbst bereits eine breite Intertextualität angelegt. Der eine ist Lektor und Schriftsteller; der andere hat sich eine riesige Bibliothek einverleibt, um aus der Literatur das zu lernen, was das Leben ihm verwehrt hat. So findet man zum Beispiel eine vergleichende Anspielung auf Kafkas hässlichen Käfer in [„Die Verwandlung“. 2395

Beeindruckend gelingt es dem Autor außerdem, Realität und Fiktion immer wieder verschmelzen zu lassen. Ulysses leidet an der „Bäckerkrankheit“, welche ihn nachts wach hält und tagsüber immer wieder unvermittelt einschlafen und träumen lässt. Somit wird es dem Leser schwer gemacht, sich von der Geschichte einlullen zu lassen. Immer wieder befindet man sich unvermittelt an Punkten, an denen man sich fragt, ob Ulysses noch wach ist oder schon wieder träumt. Manchmal scheinen die Träume in ihrer Absurdität gar nicht so realitätsfern zu sein.

Die Sprache ist dabei so vielfältig wie die Textgattungen. Vor allem Achilles neigt zu einer derben Ausdrucksweise, insbesondere was die Sexualität betrifft. Er liebt es, mit seiner Ausdrucksweise zu verstören, um von seiner verstörenden Erscheinung abzulenken. Zum Schluss bleibt es dem Leser überlassen, ob man an einen Selbstmord oder Mord von Achilles glauben möchte. Doch ahnt man als Leser nun, was es bedeuten könnte, eine „unerträgliche Wahrheit“ gesehen zu haben, die „sich in einem dunklen Winkel des Herzens festsetzt“. Es gibt nicht viele zeitgenössische Autoren, die es ihren Lesern ermöglichen, gleichzeitig anspruchsvolle Literatur zu genießen, zu lachen und sich zudem unmerklich mit einem Text und seinen Anspielungen auf die eigene Welt auseinanderzusetzen. Oder um es mit den Worten von Achilles zu sagen: „Es ist zwar nicht Beckett, aber doch ein merkwürdiges Buch. Und vor allem ist es kurz.“

|Originaltitel: Achille piè veloce
Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
265 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-404-92302-1|
http://www.blt.de

Kürthy, Ildikó von – Schwerelos

|“Wenn man die dreißig hinter sich gelassen hat, tut man gut daran, wichtige Termine auf den sehr späten Vormittag zu legen, um dem eigenen Gesicht genügend Zeit zu geben, sich zu entrunzeln und daran zu erinnern, dass irgendwo unter dieser alten Haut auch noch ein paar Bindegewebszellen stecken, die gefälligst allmählich ihren Dienst anzutreten haben.“|

Ildikó von Kürthy, freie Journalistin aus Hamburg und die Meisterin der gepflegten Frauenlektüre, legt nun endlich mit ihrem neuen Frauenroman nach. Nachdem sie mit ihren Verkaufsschlagern „Mondscheintarif“ oder auch „Freizeichen“ bewiesen hat, dass sie die Frau von heute, Anfang oder Mitte 30, so treffend beschreiben kann, dass sich fast jede Leserin in diesem Alter in der einen oder anderen Szene wiederfindet (oder auch in fast allen), erfindet sie mit Rosemarie Goldhausen, kurz Marie, eine neue Anti-Heldin, die man auf leider nur 251 Seiten kennen und lieben lernt.

_Ja oder nein – das ist hier die Frage_

Marie begräbt ihre Lieblingstante, die den gleichen Namen getragen hat wie sie. Rosemarie war erst 77 und stand mitten im Leben. Gerade war sie mit ihrem neuen Freund nach Kapstadt geflogen, doch sollte sie aus diesem Urlaub nicht zurückkehren. Obwohl die beiden Rosemaries den gleichen Namen hatten, hatten sie doch wenig gemeinsam. Während die Tante ihr Leben in vollen Zügen genossen und keine Minute mit einem Mann verschwendet hat, mit dem sie nicht vollkommen zufrieden war, gibt sich die junge Marie mit Frank zufrieden, obwohl die große Liebe und die Schmetterlinge im Bauch in der Beziehung fehlen. Sie geht ihr Leben ganz pragmatisch an, will kein Risiko eingehen und lässt sich dadurch viele Chancen entgehen. „Werd‘ endlich unvernünftig!“ rät ihr daher die geliebte Tante vor ihrem Tod.

Und diesen Rat nimmt Marie nun ernst. Als Frank ihr nach fast zehn Jahren Beziehung endlich den ersehnten Heiratsantrag macht, sagt Marie nicht im vollen Überschwang der Gefühle „ja“, sondern erbittet sich Bedenkzeit. Damit stößt sie Frank zwar vor den Kopf, aber sie erkennt, dass sie diese Zeit tatsächlich zum Nachdenken braucht. Auch mit ihrem Job bei einem stinklangweiligen Fachverlag ist sie unglücklich. Die literarischen Werke, die sie dort als Lektorin betreuen muss, widmen sich immer wieder der Esoterik oder der Bachblütentherapie, Risiken will man in dem Verlag nicht eingehen. Doch dann ist Maries Chefin im Urlaub, und Marie hat die einmalige Gelegenheit, einen Autor an Land zu ziehen, der den ultimativen Eheratgeber geschrieben hat. Der Verlagsleiter kocht vor Wut – allerdings nur so lange, bis der Ratgeber alle Bestsellerlisten stürmt und sich dort monatelang halten kann.

Während Marie darüber nachdenkt, ob Frank der richtige Mann fürs Leben ist, hilft sie ihrer Cousine, die schwanger ist, aber nicht weiß, von welchem Mann, bei der Geburtsvorbereitung. Glücklicherweise wünscht sich Maries bester Freund Erdal unbedingt ein Kind, obwohl er mit einem Mann zusammenlebt und schwul ist – das passt doch wunderbar zusammen. Und so begleiten Erdal und Marie ihre Cousine schon bald zum Geburtsvorbereitungskurs, wo Marie neidvoll feststellen muss, dass Erdal seine Gebärmutter besser fühlen kann als die meisten schwangeren Frauen im Kurs. Maries beste Freundin betrügt derweil ihren Mann mit einem bekannten Stadtpolitiker, womit sie vollkommen zufrieden ist. Als Marie sich dann auch noch in einen gutaussehenden Fernsehmoderator verliebt, ist das Chaos in ihrem Leben eigentlich perfekt, aber am Ende sorgt ihre tote Tante dafür, dass alles gut wird …

_Mittdreißigerin auf Abwegen_

„Schwerelos“ beginnt einmal ganz ungewöhnlich. Marie steht auf dem Friedhof und liest auf dem Grabstein am offenen Grab ihren eigenen Namen – allerdings falsch geschrieben, weil der Grabstein ein besonderes Schnäppchen war, das ihre Mutter gemacht hat. Nur leider ist der Stein so schmal, dass „Rosemarie Goldhausen“ nur mit zwei Trennstrichen draufpasst, von denen einer auch noch fehlt. Erst einige Seiten später klärt Ildikó von Kürthy auf, dass Marie ihre Tante begräbt und nicht etwa sich selbst. In vielen Rückblenden erfahren wir mehr über das Verhältnis von Marie und ihrer Tante und über die Freundschaft zwischen zwei so ungleichen Frauen. Doch obwohl die Tante tot ist, erinnert sich Marie immer wieder an ihre Ratschläge und fängt erstmals an, diese auch zu befolgen. Denn sie merkt, dass sie zwar fast 37 Jahre alt ist, aber doch ihr Leben nicht voll auskostet. Und das soll sich nun ändern.

Diese Rückblenden sind leider ein Problem des Buches, denn von Kürthy wechselt unvermittelt und ziemlich häufig die Zeitebenen, sodass man manchmal nur schwer folgen kann und deswegen auch nicht immer sortiert bekommt, welche Ereignisse in der Vergangenheit liegen und welche aktuell passieren. Hier habe ich zugegebenermaßen manchmal den Faden verloren.

Gut gefallen hat mir dagegen die Hauptfigur Marie, die wieder einmal herrlich unperfekt ist und mit sich und ihrem Leben hadert. Natürlich haben alle anderen Frauen eine bessere Figur und niemand sieht morgens so zerknittert aus wie sie selbst, und im Übrigen ist ihr Job sterbenslangweilig, genau wie ihre Beziehung auch. Je weiter wir Marie auf ihrem Weg begleiten, umso mehr eröffnet sich uns ein eher trostloses Bild ihres Lebens. Sie hat den sicheren Weg ohne Aufregungen und ohne Überraschungen gewählt, „schwerelos“ fühlt sie sich dabei niemals. Doch die Tante mit ihren guten Ratschlägen krempelt Maries Leben nun sogar postum um, denn der plötzliche Tod ihrer Tante bringt Marie erstmals so richtig ins Grübeln.

Diese Wandlung gefiel mir ausgesprochen gut, zumal sie absolut nachvollziehbar war, denn jede(r) kennt Beziehungen, die herrlich bequem sind, aber auch nicht mehr. Oftmals verharrt man in diesen Beziehungen, weil ja doch alles ganz gut läuft und man der Meinung ist, dass es besser ist als ein neuer Partner, der vielleicht total aufregend ist, diese Aufregung aber womöglich auch mit anderen Frauen ausleben will. Gemeinsam mit Marie suchen wir nach Abwechslung und nach dem Mann, der bei Marie wieder für Schmetterlinge im Bauch sorgt. Mit Marie hat Ildikó von Kürthy eine Frauenfigur gezeichnet, die nicht nur unperfekt ist und sich somit prima zur Identifikationsfigur eignet, sondern die auch bereit ist, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, selbst wenn das mal unangenehm werden kann. Sie scheut sich nicht länger vor Risiken und macht sich aktiv daran, ihr Leben auf die Reihe zu bringen. Diese Eigenschaft gefiel mir wunderbar, da wir hier nicht die jammernde Frau Anfang 30 kennen lernen, die nichts anderes will als in ihrem eigenen Elend zu versinken.

Auch die anderen Charaktere sind herrlich sympathisch gezeichnet; selbst die tote Tante lernen wir gut kennen – einmal in den Rückblenden, aber auch in Maries Erinnerungen und in den vielen weisen Sprüchen, die ihre Tante Marie mit auf den Weg gegeben hat. In „Schwerelos“ gibt es auch ein nettes Wiedersehen mit dem schwulen Halbtürken Erdal, der bereits in „Höhenrausch“ seinen großen Auftritt hatte. Hier lebt er nun glücklich und zufrieden mit seinem Freund Karsten zusammen. Zwar plagen ihn nach wie vor die Asthmaanfälle, aber als Marie ihm tatsächlich ein „Baby besorgen“ kann, ist für Erdal alles perfekt, und er widmet sich gleich liebevoll seiner neuen Vaterrolle – oder ist es doch eher die Mutterrolle?

_Witz komm raus, du bist umzingelt_

Der Grund, warum ich immer wieder zu Ildikó von Kürthys Büchern greife, ist neben ihren herrlich menschlichen und komplizierten Frauenfiguren vor allem ihr Wortwitz und ihr Talent, Situationen zu überzeichnen und wunderbare Metaphern zu finden. Allerdings ist die Wortwitzdichte in dem vorliegenden Buch zugegebenermaßen nicht so groß wie in von Kürthys früheren Werken. Dennoch nimmt die Autorin insbesondere das Altern und auch überflüssige Pölsterchen aufs Korn.

Zwei Beispiele:

|“Ausgerechnet Veronica Ferres findet sich, wie ich der ‚Bunten‘ entnahm, sehr ansehnlich: ‚Ich liebe meine Falten, denn jede einzelne bedeutet gelebtes Leben.‘ Dasselbe könnte man natürlich auch über jeden verlorenen Zahn sagen, über Tränensäcke, Alterskurzsichtigkeit und über Schlupflider, die einem zunehmend die Sicht versperren.“|

|“Ich frage mich wirklich, wie diese Frauen das machen: Passen Minuten nach der Entbindung wieder in ihre 27er Miss-Sixty-Jeans und rennen leichtfüßig zwei Wochen später hinter ihrem Jogging-Kinderwagen an der Alster entlang. Für mich immer noch demütigend ist die Szene, wie Heidi Klum vier Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes in Unterwäsche für Victoria’s Secret über den Laufsteg schwebte. Man sah ihr nichts an. Und ich? Ich habe noch nicht mal ein einziges Kind bekommen – was man mir leider auch nicht ansieht.“|

Immer wieder überspitzt Ildikó von Kürthy die beschriebenen weiblichen Problemzonen dermaßen komisch, dass ich mich beim Lesen köstlich amüsieren kann. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, die Schlupflider so zu vergrößern, dass sie die Sicht versperren. Auch der Gedanken an die frisch gebackene Mutter, die direkt nach dem Kreißsaal in ihre bauchfreie Minijeans steigt und nur 14 Tage später um die Alster joggt, ist so herrlich überzeichnet, dass die eigentlich belanglose Szene dadurch unheimlich an Witz gewinnt.

Auch einem Thema wie die Frau beim Sex, die in Gedanken den Einkaufszettel zusammenstellt oder darüber nachdenkt, dass sie den Anfang ihrer Lieblingsserie verpasst, das bereits tausendfach in einschlägigen Frauenzeitschriften abgehandelt wurde, gewinnt von Kürthy noch eine neue Seite ab:

|“Ich nutze die Zeit während des Beischlafs lieber sinnvoll. […] Als ich das letzte Mal mit Frank geschlafen habe, auch schon wieder ein paar Wochen her, habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum Barbapapas keine Beine haben und wie sie sich eigentlich fortbewegen. Eine interessante Fragestellung, die meines Wissens noch nirgends hinreichend beantwortet wurde. Immerhin war ich so taktvoll, dieses Problem mit mir selbst auszumachen und mich ein wenig über mich selbst zu wundern – allerdings nur so lange, bis mich Frank kurz nach Abschluss des Aktes als solchem unvermittelt fragte: ‚Sag mal, lebt Inge Meysel eigentlich noch?'“|

Hier wälzt Marie ihrer Meinung nach echte Probleme, aber auch ihr Herzbube ist mit den Gedanken offensichtlich ganz woanders, wie sonst kann er kurz nach dem Akt schon an die verschrumpelte Grand Dame des deutschen Fernsehens denken?

_Kurzes Lesevergnügen_

Leider hat frau „Schwerelos“ nur allzu schnell durchgelesen; schon nach drei bis vier Stunden heißt es wieder Abschied nehmen von Marie und ihren Freunden und Problemen. Aber natürlich versöhnt das Ende die Leserin und lässt sie zufrieden zurück. Ausgeschmückt wird das schrecklich pinkfarbene Buch von einigen Zeichnungen aus der Feder Tomek Sadurskis, die stets zu den beschriebenen Szenen passen, aber alle Pink als Grundfarbe aufweisen. Meinen Geschmack haben die Zeichnungen jetzt nicht so sehr getroffen, dennoch lockern sie die Optik des Buches ganz nett auf.

„Schwerelos“ ist ein locker-flockiges Lesevergnügen, das von seinen fantastischen Charakteren und Ildikó von Kürthys erfrischendem Schreibstil lebt. Mit ihrem Wortwitz sorgt die Autorin immer wieder für kleine bis große Schmunzler, zumal frau sich immer wieder in den Beschreibungen wiederfindet. Einzig die verwirrenden Zeitsprünge störten den Lesefluss etwas, sodass es „Schwerelos“ unter dem Strich nicht aufnehmen kann mit von Kürthys hochbejubelten Werken „Mondscheintarif“ und „Freizeichen“. Nichtsdestotrotz hat Ildikó von Kürthy ihren Ruf als Meisterin des Frauenromans wieder einmal erfolgreich verteidigt!

_Mehr von Ildikó von Kürthy auf |Buchwurm.info|:_
[„Freizeichen“ 838
[„Höhenrauch“ 2672

http://www.rowohlt.de

Marc Levy – Kinder der Hoffnung

Frankreich, 1940. Das Land ächzt unter der Besatzung der Militärmacht Deutschland unter der Führung der Nationalsozialisten. Als Frankreich besiegt und ein Waffenstillstand vereinbart wurde, schlug die Geburtsstunde der Widerstandsbewegungen in Frankreich, der Résistance. Sie kämpfte gegen die deutsche Besatzungsmacht und kollaborierenden französischen Institutionen und auch gegen Sympathisanten innerhalb der Bevölkerung. Die Résistance war hervorragend und streng organisiert. Es gab innerhalb der Widerstandsbewegung kleinere operierende Gruppen, die Bahn- und Nachschubverbindungen sabotierten, Anschläge auf Soldaten und Offiziere verübten sowie Kasernen und Stützpunkte zerstörten.

Marc Levy – Kinder der Hoffnung weiterlesen

Allende, Isabel – Siegel der Tage, Das

Isabel Allende, chilenische Bestseller-Autorin mit Wohnsitz in San Fancisco, geht mittlerweile stark auf die siebzig zu, und doch scheint sie keineswegs müde. Erst letztes Jahr erschien ihr farbenprächtiger historischer Roman [„Inés meines Herzens“, 4229 und auf den aktuellen PR-Fotos, die auf ihrer Homepage einsehbar sind, lacht sie strahlend in die Kamera. Vielleicht ist Allende ja tatsächlich ein bisschen altersweiser geworden, verspürt den Wunsch nach Reflektion ihres Lebens stärker denn je. Doch gleichzeitig ist sie immer noch leidenschaftlich, spleenig und ein erzählerischer Wirbelwind.

Ihr neuestes Buch, „Das Siegel der Tage“, knüpft lose an ihren großen Erfolg „Paula“ an, einem romanhaften Brief an ihre sterbende Tochter Paula, der ihr die Geschichte der Allendes – also ihre eigene Geschichte – näherbringen soll. „Paula“ ist ein intimes Buch, ein Buch, das vom großen Mut seiner Autorin zeugt, sich der Geschichte, dem Schmerz und dem eigenen Leben zu stellen. „Paula“ zu lesen, ist ergreifend, auch weil durch all die Trauer um die verlorene Tochter die unglaubliche Stärke dieser Isabel Allende durchscheint.

„Das Siegel der Tage“ nun ist eine Art Fortsetzung; wieder beginnt Allende mit einem Adressat an ihre Tochter. Diesmal ist es eine Reminiszenz an deren Beerdigung. Die vertrauliche Anrede, „du, meine Tochter“, wird der Leser des Öfteren während der Lektüre finden, doch die Verbindung ist lockerer. Allende kehrt immer wieder zu Paula zurück, doch das erlebte Leid ist nicht mehr so allgegenwärtig wie in „Paula“.

Was geschah also nach Paulas Tod? Wie ging es mit der Familie weiter? Genau das, und vieles mehr, packt Allende in ihren langen Brief. Sie erzählt von der lähmenden Trauer nach Paulas Tod, dem Stillstand in ihrem eigenen Leben. Sie erzählt, wie diese Zäsur fast ihre Ehe zerstört hätte. Kurzum, sie erzählt, wie es mit der Sippe weitergeht. Dabei gibt es längst nicht nur Happy Ends, doch auch in katastrophalen Situationen, die das Potenzial haben, eine Familie komplett zu zerstören, verliert Allende nie den unerschütterlichen Glauben daran, dass sich alles irgendwie und irgendwann zum Positiven wenden wird. Es ist diese Grundeinstellung, dieser unverwüstliche Wunsch nach Leben, der sich bei der Lektüre unweigerlich auf den Leser überträgt. Und dieses Feel-Good, trotz aller Widrigkeiten und Probleme, ist eines der Geheimnisse von Isabel Allendes Prosa.

Isabel Allende schart eine große Familie um sich, nicht nur ihre leibliche, sondern auch eine angeheiratete und „adoptierte“ (so hat sie kein Problem damit, auch enge Freunde zur Sippe zu zählen). Diese unorthodoxe Großfamilie bietet ihr einen perfekten Spielplatz, um „Das Siegel der Tage“ mit erheiternden, spannenden, komischen, mitreißenden und persönlichen Anekdoten zu füllen. Der Leser erfährt tatsächlich ziemlich genau, was seit Paulas Tod im Leben der Allende passiert ist. Einiges davon kennt man schon, anderes ist neu, und es ist wohl auch diese Melange aus Bekanntem und Neuem, die beim Leser den Eindruck erweckt, zum Plausch bei einer guten Freundin eingeladen zu sein. Sie sieht ihren Leser als Freund, dem man auch Geheimnisse anvertrauen kann, und als Leser kann man sich des Eindrucks der Demut nicht erwehren, dass einem solcherart Ereignisse so offen und ehrlich anvertraut werden.

Die Kritik hat ihr das offensichtlich übel genommen. Die Rezensentin der |Süddeutschen Zeitung| sieht den Voyeurismus des Lesers bedient und spricht erschrocken von „Intimitäts-Terror“. Das sei alles nur ein einfaches Herunterschreiben von Familiengeschichten, an dem nichts Erdachtes zu finden sei – was in ihren Augen offensichtlich ein Qualitätsmakel ist. Dabei wird ein aufmerksamer Leser längst gemerkt haben, dass Isabel Allendes Bücher schon immer (auto)biographisch waren. Mal mehr, mal weniger hat sie Familienmitglieder verfremdet und zu Protagonisten gemacht – im „Geisterhaus“, im „Unendlichen Plan“, in „Paula“, in [„Mein erfundenes Land“ 2979 – überall findet sich der Allende-Clan wieder. Es ist gerade ihre Stärke, Biographien in Romane und Profanes in Literarisches zu verwandeln. Bei der Veröffentlichung von „Paula“ wurde ihr dafür noch applaudiert, bei „Das Siegel der Tage“ ist das gleiche Prinzip plötzlich anrüchig? Wohl kaum …

„Das Siegel der Tage“ trägt weder den Untertitel ‚Roman‘ noch ‚Autobiographie‘, und das aus gutem Grund, denn es ist weder das eine noch das andere. Sicher, die Charaktere existieren – sie sind Familie und Freunde der Autorin. Doch zu welchem Grad sie und ihre Lebenswege fiktionalisiert wurden, das bleibt das Geheimnis der Autorin, die sich persönlich keinen Deut um den Zusammenhang zwischen Fiktion und Realität schert. „Jedes Leben kann wie ein Roman erzählt werden, wir sind alle Hauptfiguren unserer eigenen Geschichte“, sagt sie relativ am Anfang des Buches, um daraufhin den Beweis ihrer These anzutreten. „Meine Darstellung der Ereignisse ist eigenwillig und überspitzt“, heißt es später. Solche kleinen Einwürfe sollten dem Leser eigentlich Hinweis genug sein, um einschätzen zu können, inwieweit er hier eine Intimschau der Autorin vor sich hat.

Zugegeben, „Das Siegel der Tage“ wird sicherlich hauptsächlich für Leser interessant sein, die Allendes Bücher kennen und mehr über die Autorin erfahren wollen. Sie rekapituliert nicht nur die fünfzehn Jahre seit Paulas Tod, sondern gibt auch Einblick in ihr Schaffen. Wie schreibt sie? Wie findet sie Stoffe? Wie entstehen ihre Romane und wie empfindet sie Lesereisen? Doch am beeindruckendsten ist zu sehen, dass die starken Protagonistinnen, die Allende gern auftreten lässt, keineswegs unerreichbare Heldinnen sind. Isabel Allende lebt diese unerschütterliche Stärke vor. Sie kämpft, sie liebt und sie steht wieder auf, wenn sie gefallen ist. Sie hat ihre Schwächen (es scheint, als wäre sie als Schwiegermutter ein echter Drachen) und sie ist nicht immer erfolgreich. Aber ihr Durchhaltewillen und ihre Leidenschaft – in allen Dingen des Lebens – machen sie, genauso wie ihre Bücher, so unglaublich bemerkenswert.

|Originaltitel: La Suma de los Días
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
409 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-518-42010-2|
http://www.suhrkamp.de

_Mehr von Isabel Allende auf |Buchwurm.info|:_

[„Zorro“ 1754
[„Mein erfundenes Land“ 2979
[„Inés meines Herzens“ 4229
[„Im Bann der Masken“ 605
[„Die Stadt der wilden Götter“ 1431
[„Im Reich des goldenen Drachen“ 1432

Hein, Jakob – Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht

Das Buch beginnt mit einer herrlich verrückten Idee: Boris Moser, ein sympathisch unkonventioneller Mensch und Geschäftsmann, ist durch eine Erbschaft zu etwas Geld gekommen und erfüllt sich seinen Traum: Er eröffnet eine „Agentur für verworfene Ideen.“ Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch die irrwitzigsten Gedanken zu sammeln, um vielleicht für den einen oder anderen Gedankentopf einen Gedankendeckel zu finden.

Der passende Deckel auf seinen Topf kommt eines Tages in Gestalt seiner ersten Kundin, Rebecca, in den Laden. Diese hat sich zwar im Grunde nur verlaufen, lässt sich aber dann doch bereitwillig auf ein amüsantes Gespräch über skurrile Ideen und alltägliche Außergewöhnlichkeiten verwickeln. Damit sie nicht, wie alle Frauen zuvor, einfach wieder aus seinem Leben verschwindet, beginnt Boris schließlich, ihr einen der vielen Romananfängen zu erzählen, die er in seiner Agentur gesammelt hat.

Nun beginnt eine Reihe von ineinander verschachtelten Geschichten. Die eine ist kaum angefangen, da beginnt eine ihrer Hauptpersonen eine neue Geschichte zu erzählen, nur um dann gleich die nächste einzuleiten. Alle Menschen in Jakob Heins Roman sind auf der Suche: der eine nach der Liebe, eine nach der besten Freundin und ein anderer gleich nach dem Sinn des Lebens. Wie Boris, den man zuweilen völlig aus den Augen verliert, wollen alle den Punkt erreichen, an dem sie die Nacht hinter sich lassen können und der Tag auf sie wartet.

Vielleicht hat der Autor hier selbst ein paar verworfene Ideen verarbeitet! Obwohl die Handlungen der einzelnen, man möchte fast sagen: Kurzgeschichten kaum miteinander verbunden sind, sind die Übergänge fließend. Durch den ungewöhnlichen Aufbau des recht kurzen Buches kann Jakob Hein zudem eine Vielzahl von verschiedenen Personen und Gedanken unterbringen und zu einem einzigen Roman zusammenzufügen.

Das Schönste an diesem Buch sind jedoch die kleinen und großen Ausschweifungen, die mit origineller Sprache und Wortwitz die Absurditäten und Besonderheiten des Alltags beschreiben und wahrscheinlich jedem Leser ein Grinsen aufs Gesicht zwingen.

|173 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-05207-8|
http://www.piper-verlag.de

_Wolfgang Roidl_

Carlotto, Massimo – dunkle Unermesslichkeit des Todes, Die

Silvano Contin ist der Vater eines ermordeten Kindes und der Ehemann einer ermordeten Frau. 15 Jahre nach dem Verbrechen erhält er einen Brief aus dem Gefängnis, mit der Bitte des Mörders, Raffaello Beggiato, sein Gnadengesuch zu unterstützen. Bei einem schlecht geplanten Raubüberfall erschossen Beggiato und sein Komplize im Koksrausch den achtjährigen Jungen und seine Mutter. Während der zweite Täter unerkannt mit der Beute fliehen konnte, musste Beggiato als Raubmörder lebenslänglich hinter Gitter. Nun, da bei ihm eine tödliche Krankheit diagnostiziert wurde, lässt er nichts unversucht, um zumindest in Freiheit zu sterben. Nur bedarf es dazu einer Stellungnahme Silvano Contins.

Contins Leben hat sich nach dem Tod seiner Familie drastisch geändert. Er hat seinen Beruf aufgegeben, alle sozialen Kontakte abgebrochen und lebt seit 15 Jahren mit der Erinnerung an seine Liebsten in „der dunklen Unermesslichkeit des Todes.“ An Verzeihen ist freilich nicht zu denken, doch mit der Freilassung des ohnehin todgeweihten Mörders bietet sich Silvano Contin endlich die Chance, auch den zweiten Täter zu finden und ihn einer gerechten Strafe zuzuführen.

Mit „Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ hat Massimo Carlotto keinen gewöhnlichen Krimi geschrieben. Nicht das Verbrechen, sondern dessen Auswirkungen auf den Täter und die Hinterbliebenen der Opfer stehen im Mittelpunkt des Romans. Die eigentliche Handlung des Buches plätschert gemächlich vor sich hin und nimmt erst in der zweiten Hälfte etwas Fahrt auf. Das Entscheidende jedoch passiert in den Köpfen der beiden Gegenspieler. Kapitelweise lässt uns der Autor abwechselnd in die Gedanken- und Gefühlswelt von Contin und Beggiato blicken. Obwohl von Seiten des Mörders oft wenig zu berichten ist – was den Aufbau zuweilen etwas künstlich wirken lässt -, hat Massimo Carlotto damit die richtige Form für sein Thema gefunden.

Spannend, kalt und mitunter in derber Sprache schafft er es, den Leser an beide Personen heranzuführen. Das Opfer Silvano Contin ist gefangen in den Erinnerungen an seine ermordete Familie. Er lebt verzweifelt und jedes schönen Gefühls beraubt vor sich hin. Erst die Aussicht auf Rache und Gerechtigkeit lässt ihn seinen täglichen Trott abschütteln. Nicht viel besser geht es dem nach 15 Jahren Knast zermürbten Täter, Raffaello Beggiato. Von Krebs zerfressen und von der Erinnerung an seine Tat gequält, bleibt ihm nur noch die Hoffnung, wenigstens noch die ihm verbleibende Zeit in Freiheit zu verbringen.

Wem die Sympathie der Leser gehört und wer hier Opfer und wer Täter ist, scheint zu Beginn des Buches noch sehr klar. Doch diese Kategorien werden nach und nach aufgelöst. Dabei geht der Roman weit über die persönlichen Schicksale seiner Akteure hinaus. Teils implizit und beiläufig, teils direkt fragt Carlotto nach dem Verhältnis von Mörder und Opfer in unserer Gesellschaft. Kann oder darf man mit Mördern Mitleid empfinden? Kann Rache gerecht sein? Oder kann sie wenigstens dem Opfer Gerechtigkeit verschaffen? In düsterer Atmosphäre wird diesen Gedanken nachgegangen, wobei 200 Seiten wohl leider etwas zu knapp sind, um ein solches Thema anzugehen.

Eine besondere Erwähnung verdient schließlich noch die beeindruckende Beschreibung des Gefängnisalltags. Massimo Carlotto, Jahrgang 1956, wurde in den 70ern selbst wegen eines Mordes, den er nicht begangen hatte, zu 18 Jahren Haft verurteilt und erst 1993 wieder freigelassen, woraufhin er sich der Schriftstellerei zuwandte. Radikal und bedrückend schildert er das Essen, den Drogenkonsum und die Sprache im Gefängnis, vor allem aber, wie Beggiato krampfhaft versucht, seinen Tag zu strukturieren, damit er nicht völlig den Verstand verliert.

„Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Buch. Es hat eine ungewöhnliche Geschichte, ungewöhnliche Charaktere und ist überdies ungewöhnlich spannend. Wer einen Kriminalroman erwartet, wird nicht unbedingt enttäuscht sein. Und doch ist dies viel mehr als nur ein einfacher Krimi. Carlotto schreibt nicht über irgendein Verbrechen, er schreibt über das Verbrechen an sich.

|Originaltitel: L’oscura immensita della morte
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
188 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-608-50200-8|
http://www.klett-cotta.de/tropen.html

_Wolfgang Roidl_

Savage, Sam – Firmin – Ein Rattenleben

Ratten sind eigentlich nicht sonderlich beliebte und gern gesehene Geschöpfe, sieht man mal von den beiden rein fiktiven Artgenossen Rizzo (die „Muppets“-Ratte) und Rémy (die kochende Ratte aus „Ratatouille“) ab. Dieser Liste sympathischer Ratten kann man nun eine weitere hinzufügen: Firmin.

Firmin wächst im Keller einer Buchhandlung am Bostoner Scollay Square auf, als jüngstes von dreizehn Geschwistern. Als Kleinster und Schwächster des Wurfs hat Firmin keine leichte Kindheit. Im Kampf um eine freie Zitze bleibt er meist auf der Strecke, und während seine Geschwister groß und stark und (dank des stetigen Alkoholpegels von Mama Ratte) beschwipst werden, bleibt Firmin dürr und schwach. Seine Nahrung werden fortan die Bücher.

Firmin knabbert sich von Buch zu Buch, bis er eines Tage feststellt, dass auf den Seiten der Bücher Worte gedruckt stehen, die er nicht nur versteht, sondern die ihn auch sein Elend vergessen lassen. Und so frisst er sich fortan nur noch im übertragenen Sinne durch die Bücher. Er verschlingt Sachbücher und Belletristik gleichermaßen und ist fasziniert von der Welt der Menschen.

Er beobachtet das bunte Treiben in der Buchhandlung und ist überzeugt, dass ihn dank der gemeinsamen Liebe zu den Büchern schon bald eine innige Freundschaft mit Buchhändler Norman verbinden wird. Firmin macht sich auf, die Freundschaft der Menschen zu suchen, und bis er das erreicht hat, träumt er sich halt im Keller mithilfe der Bücher in die Welt der Menschen. Doch irgendwie stellt Firmin sich das alles ein wenig zu einfach vor …

Man mag erwarten, dass Firmin eine komische Figur und die Geschichte, wie er die Freundschaft der Menschen sucht, zwangsläufig lustig sein muss. Doch wer einen witzigen Roman über eine komische Ratte mit bibliophilen Neigungen erwartet, der dürfte etwas enttäuscht sein. Firmin hat zwar durchaus komische Züge, aber insgesamt bietet die Geschichte weit weniger Anlass zur Heiterkeit, als man auf den ersten Blick vermuten mag.

Sam Savage hat mit „Firmin – Ein Rattenleben“ vielmehr eine gleichermaßen melancholische wie liebenswürdige Geschichte geschrieben. Firmin ist der große Sympathieträger, der den Plot zusammenhält, und für manch einen mag Firmins Welt enttäuschend klein sehr. Er ist halt nur eine Ratte, und so kennt er nicht viel mehr als die Buchhandlung und das ebenfalls am Scollay Square gelegene Kino „Rialto“, in das er sich gerne zwecks Nahrungssuche und Horizonterweiterung begibt.

Der Plot bleibt damit auch stets sehr überschaubar, aber was den Roman eben so sympathisch macht, ist Sam Savages feinfühlige Art, nicht nur seinen ungewöhnlichen Protagonisten Firmin zu skizzieren, sondern auch die übrigen Figuren. Und so kommt die Geschichte eben größtenteils ohne Spannung im eigentlichen Sinne aus, und es ist mehr die charmante Hauptfigur, die den Leser durch den Roman zieht, als die Geschichte an sich.

Das mag manchem Leser zu wenig sein, aber wer die Muße hat, sich darauf einzulassen, der wird mit einer durchaus unterhaltsamen und warmherzigen Geschichte belohnt. Erst ungefähr ab der Hälfte ändert sich Weltbewegendes in Firmins Leben, und damit wird auch die Geschichte interessanter, musste sie doch vorher lediglich mit Andeutungen Firmins bezüglich zukünftiger Ereignisse auskommen.

Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, ist sicherlich auch Sam Savages ebenso einfacher wie bildhafter Sprache zu verdanken. So kann sich der Roman trotz seines eher belanglos anmutenden Plots in wahres Kopfkino verwandeln und wird zu einem schönen Leseerlebnis.

Anhand von Firmin dokumentiert Sam Savage ein Kapitel der Stadtgeschichte Bostons, als der Scollay Square mit all seinen schummrigen Bars, kleinen Läden und schmierigen Kinos in den 60er Jahren der Moderne weichen musste. Firmin lebt genau zu dieser Zeit dort und sieht den Niedergang des Stadtteils von seinem Beobachtungsposten in der Buchhandlung.

Besonders ansprechend ist übrigens die Optik des Buches gelungen. „Schlampiger“ Buchschnitt, „schmuddeliger“ Schutzumschlag – man könnte fast glauben, der Roman hätte lange Jahre im Keller der Buchhandlung Staub angesetzt, bis eine dürre, bibliophile Ratte das Buch aus dem Regal gezogen hat …

Insgesamt bleibt von „Firmin – Ein Rattenleben“ ein durchaus positiver Eindruck zurück. Ein sehr leiser Roman – lebendig und charmant -, der die traurige Geschichte eines verkannten Außenseiters erzählt. Firmin muss man einfach ins Herz schließen. Wer die Muße hat, sich auf einen feinfühlig skizziert Roman mit sympathischen Figuren und einer wunderbar melancholischen Art einzulassen, der dürfte seine Freude daran haben. Wer aber Bücher vor allem nach Faktoren wie Spannung und Tempo misst, der dürfte sich langweilen und dabei ein herrlich warmherziges Kleinod verpassen.

|Originaltitel: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife
Deutsch von Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol und Hermann Gieselbusch
213 Seiten, gebunden, Buchschnitt mit Rattenzahnung|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/

Dasgupta, Rana – geschenkte Nacht, Die

_Märchenhaftes von den Rändern der menschlichen Fantasie_

Ein Flugzeug muss wegen eines Sturmes mitten im Nirgendwo notlanden. Verständlicherweise sind die Passagiere nicht gerade erfreut über den unfreiwilligen Aufenthalt; am wenigstens diejenigen, welche in keinem der umliegenden Hotels mehr untergebracht werden können. So kommt es, dass 13 Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt diese eine Nacht gemeinsam auf dem Flughafen zu verbringen gezwungen sind, obwohl jeder von ihnen eigentlich Termine oder andere Pläne gehabt hatte. Da ihnen in der unheimlichen Stille der Wartehalle schnell langweilig wird, schlägt einer der Wartenden vor, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen.

Solchermaßen führt der englische Autor indischer Abstammung Rana Dasgupta in seine Aneinanderreihung von märchenhaft fantastischen Geschichten aus der ganzen Welt ein. Sie spielen in Paris, London, Argentinien, Istanbul oder Odessa; stammen also aus so verschiedenen Orten wie die Erzählenden selbst und sind zeitgemäß global, trotz der märchenhaften Archetypen, die uns in Gestalt von Fabelwesen begegnen.

Einer Geschichte über einen unglücklichen Schneider folgen zwölf weitere, die einander an Erzählkraft ein ums andere Mal zu übertreffen vermögen. Dabei verarbeitet der Autor Probleme unserer Zeit, die man in einer solchen erzählerischen Form nicht vermuten würde. Da ist beispielsweise ein Paar, welches auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen kann und sich zu einer kostspieligen sowie höchst geheimen In-vitro-Befruchtung entschließt. Die Frau schenkt schließlich Zwillingen das Leben, von denen der Junge jedoch entstellt zur Welt kommt. Das Monster wird von der Familie verstoßen, die Tochter dafür umso stärker umhegt. Als sich jedoch unerklärliche Phänomene einstellen, die mit dem Mädchen zu tun haben müssen – so wachsen plötzlich Pflanzen im ganzen Haus und zerstören dabei auch das Mauerwerk -, droht das Geheimnis ans Licht zu kommen. Die Tochter wird daher in einem Turm versteckt und damit praktisch gefangen gehalten.

Der entstellte Junge wächst heran und findet seinen Platz im Leben, als er vom TV für Monsterrollen entdeckt wird. Das Monster, das eigentlich versteckt gehalten werden sollte, erreicht eine immense Popularität; bleibt jedoch im Grunde einsam, denn mit ihm als Persönlichkeit möchte niemand etwas zu tun haben, während man sich auf der anderen Seite gern in seinem Glanz als Star sonnt – und natürlich bleibt auch das Geheimnis des Mädchens nicht für immer unentdeckt.

Dem Autor gelingt es mit vordergründig märchenhaft absurden bis surrealen Geschichten Themen anzusprechen, die von aktueller Bedeutung sind, ohne dass man sich dessen sogleich bewusst wird. Sollte man mit Geld wirklich alles kaufen können? Kann der Mensch abschätzen geschweige denn verantworten, was er mit seinen Möglichkeiten zu erschaffen vermag? Wie behandeln wir unsere Nächsten, wenn sie nicht unseren Vorstellungen entsprechen, wenn wir die Grenzen unseres Handelns erkennen und Gegebenheiten akzeptieren müssen – ganz abgesehen davon, dass sich nichts geheimhalten lässt und Pläne, die wir mit anderen haben, nicht nur unseren eigenen Wünschen unterliegen.

„Die geschenkte Nacht“ ist ein Buch, das man nicht einfach zuschlägt und vergisst. Die Geschichten regen zum Nachdenken an. Vieles, was wir bereits als selbstverständlich hinnehmen, wird hier auf eine Art und Weise verarbeitet, die es nicht mehr selbstverständlich erscheinen lässt. Dasgupta schreibt über die Angst vor dem Verlust der Erinnerungen und die Möglichkeit, mit Ängsten wie diesen Geld zu machen. Er schreibt über Menschenhandel, das Klonen, illegale Einwanderung und maffiöse Strukturen auf eine poetische, zauberhafte und bezaubernde Art und Weise, so dass man selbst das fehlende märchentypische Happy-End in Geschichten verzeiht, in denen menschliche Grundwerte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Respekt auf die Probe gestellt werden und oft versagen. Wie es in der Geschichte von Deniz heißt: „Was für unsägliche Dinge häufen sich an den Rändern der Fantasie zivilisierter Menschen.“ Dabei handelt es sich gar nicht mehr um bloße Fantasie, sondern um das menschlich Vorstellbare unserer aktuellen Realität.

Es scheint nicht abwegig, dass Robert de Niro mit einer verheirateten Waschsalonbesitzerin einen Sohn zeugt, den diese aussetzt und der dadurch auf dem New Yorker Flughaften mit 19 illegal eingewanderten „Vätern“ groß wird und vom Taxifahren träumt. Magische Elemente wie in diesem Fall die Zauberkekse verleiten die Protagonisten dazu, ihren Träumen untreu zu werden und für die Gier nach Geld und einem vermeintlich besseren Dasein ihr Leben aufs Spiel zu setzen, denn wie in der Realität die Chancen müssen in der Fiktion die Zauberkräfte weise und überlegt genutzt werden.

Man erkennt, dass Rana Dasguptar mehr von Literatur versteht als so mancher Autor, der sich aktuell in den Bestsellerlisten befindet. Tatsächlich hat er Literatur und Medienwissenschaften studiert. Somit erklären sich technische Raffinessen wie der Vogel, der in der Geschichte von Natalia und Riad mit abgeschnittenen Flügeln als Metapher für die Schwierigkeiten auftritt, welche die beiden auf dem Weg in ein besseres Leben überwinden müssen. Die Flügel beginnen dann auch just in dem Moment wieder zu wachsen, in dem die beiden sicheres Land erreicht haben; als sich ihnen also die Möglichkeit bietet, nicht mehr nur ums nackte Überleben zu kämpfen, sondern sich und ihren Träumen ebenfalls wieder Flügel wachsen zu lassen. Es liest sich wunderbar, wenn man nicht nur die bloßen Fakten serviert, sondern die Menschlichkeit im Kampf gegen die Übel der Welt in den Mantel anspruchsvoller Worte gehüllt bekommt.

Dabei bedient sich der Autor nicht nur der Vorlagen aus Märchen, sondern passt diese seinen Intentionen an. Der Wechselbalg Bernard ist beispielsweise kein kränklicher Feensohn, der gegen ein gesundes Menschenkind getauscht wurde. Er ist vielmehr scheinbar unsterblich und stirbt schließlich doch zusammen mit Farid, dessen Suche nach einem unbekannten Wort er sich angeschlossen und mit dessen Leben er physisch und psychisch immer mehr verschmolzen ist. Der Leser fragt sich, ob damit der Grund seiner Ehefrau, ihn zu verlassen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie niemals mit ihm alt werden kann, nicht rückwirkend dadurch aufgehoben wurde und welchen weit glücklicheren Weg sein Leben bei ein wenig mehr Toleranz, weniger Angst vor Fremden, kurz: mit ein bisschen mehr Menschlichkeit hätte nehmen können. Durchaus philosophisch verarbeitet der Autor in Geschichten wie dieser Erkenntnisse über das Leben und die Welt, beispielsweise die ewige Frage nach dem Tod: Beginnt der Tod in der Mitte des Lebens, wenn der Körper und der Geist auf dem Höhepunkt der Entwicklung sind, setzt der Tod bereits mit der Geburt ein oder zählt im Leben doch nur der Moment; die „Syntime“ – ein faszinierendes Paradoxon, in welchem Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig mit der Gegenwart existieren?

Katyas Geschichte wiederum erzählt vom Spiel mit der Macht und der Erfüllung von Wünschen. Im Moment des Missbrauchs von Macht versagen die märchenhaften Gaben. Somit kann es auch kein Happy-End geben, sondern nur eine limitierte Version – einen Ausgang der Geschichte etwas besser als erwartet. Xiaosong hingegen erkennt rechtzeitig, dass Geld und Karriere nicht wichtiger sind als Liebe und Glück. Einem „Hans im Glück“ gleich tauscht er scheinbar seinen Klumpen Gold gegen einen Stein, doch kehrt Dasgupta das Motiv um, und auch der Leser wird verleitet, daran zu glauben, dass Xiaosong zwar die romantischere, aber dennoch die richtige Entscheidung getroffen hat. Zur erzählerischen Hochform läuft der Autor aber in der Geschichte vom Traumrecycler auf, in welcher der Leser bereits so in der fiktionalen Welt gefangen ist, dass er gar nicht mehr merkt, wo die erzählte Realität endet und der Traum beginnt. Dieses eigentümliche Verschmelzen von realen Elementen und märchenhafter Fiktion ist es denn auch, was den Reiz dieses Buches tatsächlich ausmacht. Die Geschichten hallen im Leser nach, auch wenn die letzte Seite bereits umgeschlagen ist.

Das Debüt des 1971 geborenen Rana Dagupta wurde vielfach mit Boccaccios „Decamerone“ und Chaucers „Canterbury Tales“ verglichen. Es erinnert im Aufbau mindestens ebenso stark an die „Geschichten aus 1001 Nacht“, welche im Stil des magischen Realismus zeitgemäß interpretiert wurden. Das Einzige, was der Leser eventuell vermissen könnte, ist eine stärker ausgebaute Rahmenhandlung. Der Flughafen und die 13 Reisenden bleiben ebenso blass wie die Handlungsorte der Geschichten zwar eindeutig lokalisierbar, aber dennoch beliebig austauschbar sind. Doch auch das darf man als zeitgemäße Umsetzung des Faktes nehmen, dass in unserer globalisierten Welt die Menschen und Orte, mindestens wenn es um deren Funktion geht, tatsächlich austauschbar sind. Daher darf man gespannt sein, was dem erfolgreichen und viel beachteten Debüt „Die geschenkte Nacht“ aus dem Jahr 2005, welches hiermit nun auch im kostengünstigeren Taschenbuchformat vorliegt, im kommenden Jahr unter dem Titel „Solo“ folgen wird.

|Originaltitel: Tokyo Cancelled
Originalverlag: Blessing, 2006
Aus dem Englischen von Barbara Heller
480 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-40524-0|
http://www.heyne.de