Der Titel von A. M. Homes‘ Roman – „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ – mag im ersten Moment eher abschreckend wirken und an Bücher wie „Sorge dich nicht, lebe!“ erinnern. Darauf jedoch seine Erwartungshaltung aufzubauen, wäre völlig falsch. Hinter dem vermeintlichen Lebensratgeber verbirgt sich ein wunderbar warmherziger und liebenswerter Roman.
Die Geschichte dreht sich um Richard Novak. Reich geworden durch den Aktienhandel, lebt er zurückgezogen in den Hügeln von L.A. Er ist geschieden und hat zu seiner Familie und vor allem zu seinem Sohn Ben kaum Kontakt. Das Essen bringt die Ernährungsberaterin ins Haus, seine Putzfrau kümmert sich um den Haushalt und ansonsten kriegt er eigentlich nur noch von seiner Fitnesstrainerin Besuch.
Richard Novak tut sich selbst zwar jede Menge Gutes, ernährt sich gesund und hält sich fit, aber alles, was sich auf zwischenmenschlicher Ebene abspielt und soziale Interaktion erfordert, meidet er weitestgehend. Kurzum, er führt ein irgendwie steriles Leben. Das ist ihm selbst nicht wirklich bewusst, zumindest so lange, bis ein vermeintlicher Herzinfarkt ihn dazu zwingt, die Notrufnummer zu wählen.
Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, wird Richard plötzlich bewusst, dass es niemanden in seinem Leben gibt, mit dem er über sein Leid reden könnte. Als er dann auch noch sein geliebtes Haus verlassen muss, weil es in einem Erdloch zu versinken droht, beginnt Richard sein Leben umzukrempeln. Er schließt Freundschaften und hilft anderen, doch vor die schwierigste Aufgabe stellt ihn immer noch sein Sohn Ben, an den Richard einfach nicht heranzukommen scheint …
Richard präsentiert sich zu Beginn des Romans nicht gerade als sonderlich sympathischer Protagonist. Er lebt in seiner eigenen Welt. Er arbeitet nicht, sondern kontrolliert nur jeden Tag brav, wie seine Aktien stehen. Er pflegt keine nennenswerten zwischenmenschlichen Kontakte – zumindest nicht mit persönlicher Komponente und verlässt so gut wie nie das Haus. Er lebt wie unter einer Glasglocke und wahrt dabei stets die Distanz nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu sich selbst. Und so ist Richard eben auch kein Protagonist, in den man sich hineinversetzen kann. Er bleibt auf Distanz und es dauert eine Weile, bis man ihn ins Herz zu schließen beginnt.
Als Richard dann eines Abends wegen heftiger Schmerzen den Notruf wählt und ins Krankenhaus verfrachtet wird, ist das für ihn ein höchst einschneidendes Erlebnis. Im Krankenhaus weiß er nicht recht, wen er überhaupt anrufen sollte, um mitzuteilen, dass es ihm sehr schlecht geht und er vielleicht bald sterben wird: Seine Ex-Frau? Seinen Anwalt? Oder seine Putzfrau?
Und so reift in Richard schließlich die Erkenntnis, dass seinem Leben etwas ganz entscheidendes fehlt. Ganz langsam und ohne, dass er selbst großartig merkt, was er da eigentlich tut, beginnt er sein Leben zu ändern. Er beginnt auf andere Menschen zuzugehen. Er schließt Freundschaften, die er vorher nie für möglich gehalten hätte. Seiner Ex-Frau und seinem Bruder ist diese Verwandlung fast schon ein bisschen unheimlich. Richard tritt aus seinem eigenen Schatten und fängt an etwas zu tun, von dem er vorher zwar immer geglaubt hat er würde es tun, es aber nie wirklich getan hat: Er fängt an zu leben.
Es ist schön mit anzusehen, wie Richard sich zunächst ganz zaghaft und dann mit zunehmend festerem Schritt in die Welt hinauswagt, wie er Anteil am Leben anderer nimmt und dafür etwas zurückbekommt, von dem er sich früher niemals hätte eingestanden, dass es ihm fehlt: Menschliche Wärme und Zuneigung. Dankbarkeit und Mitgefühl.
Und so entwickelt sich „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ mit seinem Protagonisten zu einer einfühlsamen und warmherzigen Geschichte ohne dabei in kitschige Gefilde abzugleiten. Richard entwickelt gar heldenhafte Züge und sammelt beim Leser wie auch bei seinen Mitmenschen massig Sympathiepunkte. Dennoch schießt A.M. Homes in der Wandlung Richards nicht über das Ziel hinaus. Es gibt nicht das überzogene Friede-Freude-Eierkuchen-Finale, das man im Verlauf des Romans vielleicht schon mal befürchten mag.
Die Autorin beweist ein feines Gespür dafür, die richtige Balance zu finden und die Wandlung von Richard nicht zu sehr zu überzeichnen. Er wird eben nicht zu einem komplett neuen Menschen. Er streift seine Ängste und Gewohnheiten nicht einfach über Nacht ab.
Zu sehen, wie Richard sich langsam aus seinem Schneckenhaus hinauswagt, macht auch deswegen Spaß, weil A.M. Homes einen so lockeren und eingängigen Schreibstil hat. Obwohl die meiste Zeit nicht so wahnsinnig viel passiert und das Buch ohne Spannung im engeren Sinne auskommt, hält Homes den Leser bei Laune. Das Buch lässt sich wunderbar flott herunterlesen. Homes weiß auch mit einfachen Mitteln zu unterhalten und erzählt so eine Geschichte, die man gerne weiterverfolgt und die auch immer wieder mit einem Augenzwinkern daher kommt.
Bleibt unterm Strich insgesamt ein positiver Eindruck zurück. „Dieses Buch wird Ihr Leben retten“ ist ein wunderbar warmherziger Roman, eingängig geschrieben und voller liebenswerter, teils gar skurriler Figuren. A.M. Homes schafft es, stets glaubwürdig zu bleiben. Nirgends gleitet die Geschichte in kitschige Gefilde ab, nichts wirkt überzeichnet. Ein leiser, aber durchaus sehr unterhaltsamer Roman, dessen Figuren man mit der Zeit immer mehr ins Herz schließt.
|“Neuerdings glotzt du mich nur noch an. Weiß Gott, was du dabei denkst.“ Gott wusste es allerdings. Zum Glück sonst niemand. Das hoffte ich zumindest.|
Denn Al Greenwood hat keinen anderen Gedanken als seine Frau, die er neuerdings nur noch anglotzt, um die Ecke zu bringen!
Der britische Autor Tim Binding war bis vor kurzem ein unbeschriebenes Blatt für mich – bis ich im Börsenblatt eine Anzeige zu seinem aktuellen Roman „Cliffhanger“ fand und sofort von der kurzen Inhaltsbeschreibung begeistert war. Manchmal findet man ganz zufällig eben auch noch kleine literarische Schmückstückchen …
_Am Abgrund stehen_
Al Greenwood hat ein Problem, nämlich seine Frau Audrey. An ihr hasst er jeden schwabbeligen Zentimeter, ihre gehässige Art ist ihm verhasst, er mag nicht, wie sie isst, spricht oder sich verhält – kurz: Er kann sie nicht ausstehen. Deswegen hat er beschlossen, sie umzubringen. An einem regnerischen Abend schickt er sie los zu einem Spaziergang zu den Klippen. Eingehüllt in ihren gelben Regenmantel, stapft sie los, während Al sich auf einem Nebenweg zu den Klippen schleicht. Als er dort eine weinende Frau im gelben Regenmantel entdeckt, stößt er sie kurzerhand in den Abgrund. Freudestrahlend tänzelt er beinahe nach Hause, stößt euphorisch die Haustür auf, stürmt in sein neues eigenes Heim – und entdeckt dann seine Frau Audrey, die putzmunter und ziemlich rollig im Wohnzimmer auf ihn wartet.
Schockschwerenot! Wen hat er bloß die Klippen hinunter gestürzt und wo war Audrey in der Zwischenzeit? Denn sie taucht durchnässt und in ungewohnter Stimmung zu Hause auf … Was ist bloß in der Zwischenzeit passiert? Al versteht die Welt nicht mehr. Nur einen Tag später erfährt er, dass die junge Miranda spurlos verschwunden ist. Miranda ist die Tochter seiner ehemaligen Affäre und somit mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine eigene Tochter! Al ist verzweifelt; Miranda war ihm näher als irgendjemand sonst. Regelmäßig hat er sich mit ihr in seinem Wohnwagen getroffen, um zu reden und sie besser kennenzulernen. Wie konnte er bloß seine über 50-jährige beleibte Frau mit der jungen und schlanken Miranda verwechseln? Al versteht die Welt nicht mehr, doch scheint alles darauf hinzudeuten, dass es Miranda war, die ihr Ende an den Klippen gefunden hat.
Doch noch mehr Überraschungen warten auf Al: Seine Nachbarin, von ihm eher weniger liebevoll Mrs. Schnüffelnase getauft, stürzt nach vielen Schnäpsen und einigen Joints die heimische Treppe hinunter. Wieder ist Al dabei, auch wenn er dieser Frau keinen Schubs gegeben hat. Er lässt seine Nachbarin leblos liegen, aber kurze Zeit später sitzt auch sie in seinem eigenen Hause! Sie war nur bewusstlos, kann sich aber nicht richtig bewegen und quartiert sich daher im Hause Greenwood ein, um sich wieder zu erholen. Das geht allerdings nur mit großzügigem Grasnachschub, den Al im nachbarlichen Haus in den Sofakissen eingenäht findet. Nach einer Taxifahrt entdeckt Al eine vergessene Sporttasche in seinem Taxi. Der Herr Major hat sie dort vergessen, allerdings enthält die Tasche nicht die vermuteten Sportsachen, sondern lauter Dessous. Al behält das Corpus Delicti kurzerhand und will sich einen Spaß aus der ganzen Sache machen.
Derweil lebt seine Ehe wieder auf. Audrey ist wie ausgewechselt, fällt fast täglich über ihn her, ist bester Laune und geht inzwischen sogar ins Fitnessstudio. Al beschließt, die Frau von den Klippen zu vergessen, denn dieser misslungene Klippenstoß war offensichtlich das Beste, was seiner Ehe passieren konnte. Noch ahnt er aber nicht, was den wahren Sinneswandel bei Audrey bewirkt hat …
_Von Fischen, bekifften Nachbarinnen und gefährlichen Klippen_
Schade, dass ich Tim Binding noch nicht früher entdeckt habe, denn „Cliffhanger“ ist ein wahrer Schatz britischen schwarzen Humors. Glücklicherweise versucht Binding nicht, den mysteriösen Klippensturz durch übersinnliche Phänomene zu erklären, sondern klärt am Ende alles logisch auf. So bleibt der Leser breit grinsend und zufrieden zurück.
Was das Buch auszeichnet, sind zunächst seine Charaktere, die alle irgendwo einen kleinen oder auch großen Schatten haben. Al Greenwood beschließt einfach mal so, seine verhasste Ehefrau loszuwerden und sie in die Tiefe zu stürzen. Gewissensbisse hat er erst, als er vermuten muss, dass er stattdessen seine Tochter aus dem Leben befördert hat. Als seine Frau aber immer zugänglicher wird, verdrängt er auch dieses schlechte Gewissen schnell. Seine größte Leidenschaft sind die zwei Kois im Gartenteich, die leben wie Gott in Frankreich. Ihnen zuliebe hat er einen künstlichen Wasserfall angelegt, der einem Kunstwerk gleicht. Die Fische schwimmen in einem perfekt temperierten Becken und bekommen stets die leckersten Köstlichkeiten zu essen. Seinen Karpfen widmet Al mehr Zeit als seiner Frau, seinem Job oder irgendetwas sonst. Sie sind sein Hobby und seine große Liebe.
In Detective Inspector Rump findet er einen Gleichgesinnten. War Rump eigentlich zu seiner Befragung bei den Greenwoods, so geht das Gespräch bald in ein Fachgesimpel über Karpfen über, als Rump erfährt, dass Greenwood zwei wahre Prachtstücke im eigenen Teich zu schwimmen hat. Die Ermittlung wird schnell zur Nebensache, was auch gut ist, denn Audrey hält sich bei der polizeilichen Befragung nicht an die Version, die Al vorher mit ihr abgesprochen hatte, und behauptet kackfrech, sie wäre den ganzen Abend zu Hause gewesen. Auweia, das stimmt doch nun wirklich nicht, und angesichts der überneugierigen Nachbarin ist Al sich sicher, dass diese Lüge schnell auffliegen muss, denn keinen Schritt können die Greenwoods tun, ohne dass die benachbarte Alice Blackstock es mitbekommt. Und tatsächlich hat sie sogar Al an den Klippen bemerkt, als sie auf einem Baum herumgeklettert ist, um ihre Wäscheleine zu retten.
Doch die liebe Frau Blackstock hat nicht nur scheußliche Angst vor ihrem Zahnarzt, sondern vor allem ein schweres Drogenproblem. Mit ihrem heimischen Grasvorrat könnte sie eine ganze Kompanie über Monate hinweg versorgen. Sie ist auch nicht geizig und gibt gerne von dem guten Stoff ab; so überrascht sie die Greenwoods mit interessanten Gemüsekroketten, die eher aussehen wie „behaarte Männerhoden“, weil die „Petersilie“ nicht fein genug gehackt ist. Erst als Al in ganz anderen Welten schwebt, geht ihm auf, dass es keine Petersilie war, sondern das gute Gras aus Mrs. Blackstocks Kissen.
Audrey hat eine mysteriöse Wandlung durchgemacht, dennoch wird sie dem Leser nur wenig sympathisch, denn als Menschenfreundin kann man sie nicht gerade bezeichnen. Auch die Nebencharaktere haben Potenzial, allen voran der frisch verliebte Inspector, der seine Befragungen dazu nutzt, um mehr über Karpfen zu erfahren. Sein Job wird da schnell zur Nebensache. Auch der Major, der statt Joggingsachen Damenwäsche mit sich führt, oder Mirandas Exlover Kim, der seine Frau an ein Seil bindet, um des nachts mit ihr spazieren zu gehen, gefallen gut.
Bei Binding gibt es keine normalen Menschen, alle haben ihre Ticks, aber es sind lustige Spleens, die einem zum Lachen bringen und von Bindung hervorragend komisch dargestellt werden.
_Witz komm raus, du bist umzingelt_
Der zweite Aspekt, der „Cliffhanger“ zu einem wahren Leseschatz macht, ist Bindings genialer Schreibstil. Sein Buch lässt sich nicht nur wunderbar flüssig lesen, sondern der Autor verwendet herrliche Metaphern, die den Leser immer wieder zum Schmunzeln verleiten. Die Bilder, die Tim Binding verwendet, sind natürlich überzeichnet, aber dennoch passen sie meist wie die Faust aufs Auge; zwei Beispiele:
|Obendrein war sie helle, auf Draht, interessiert, hatte einen super Schulabschluss und konnte so geschmeidig vom zweiten in den dritten Gang schalten, wie ein Vaselinefinger in den Verdauungskanal fluscht.| Oder: |“Ich bin ziemlich sicher, dass es die Bauchwassersucht war. Alle ersten Anzeichen sprachen dafür, aufgeblähter Leib, Glotzaugen.“ Hörte sich an wie Audrey nach anderthalb Flaschen Merlot.|
Dieser herrliche Schreibstil, der stete Wortwitz und die Situationskomik sorgen für ein kurzweiliges und erheiterndes Lesevergnügen. In Al Greenwoods Leben geht alles schief, und Tim Binding findet die richtigen Worte, um diese kuriosen und absurden Szenen zu beschreiben. Fast nie verwendet er Metaphern, wie man sie schon tausendmal zuvor gelesen hat, immer fällt ihm etwas Neues ein, auf das man selbst nie gekommen wäre. Und trotzdem sind die Bilder stimmig. Auch wenn die Handlung ab der Hälfte des Buches angesichts der chaotischen Zustände etwas zu zerfransen droht, liest man gerne weiter, weil man sich in Bindings Sätzen und Beschreibungen verlieren und in sie verlieben kann.
Ich bin wirklich froh, dass ich diesen kleinen Schatz durch Zufall entdeckt habe, denn jedem Satz, jeder Beschreibung merkt man Tim Bindings Schreibtalent an, jede Zeile liest man gerne – manche sogar noch lieber als andere. Schräge Figuren, skurrile Geschichten und köstliche Situationskomik – das sind gleich drei Wünsche auf einmal. Aber bei Tim Binding geht das!
So manch einer musste sich in Kindheitstagen und sicherlich auch als Erwachsener noch als Bücherwurm oder Leseratte betiteln lassen – vielleicht als Vorwurf gedacht, sicherlich überwiegend aber augenzwinkernd und manchmal auch verwundert. Der Wissensdurst oder die Spannung an der Geschichte, die Möglichkeit, teilzuhaben am Schicksal der Protagonisten, entführen den Leser, der dies zulässt, in eine ganz eigene Welt.
In diesen Geschichten können wir verwegene Helden sein, romantische und stürmische Liebhaber, oder in die Gedankenwelt von bösen Charakteren eintauchen; all dies ganz gefahrlos, es sei denn, man verliert dabei den Bezug zur Realität. Bücher können Waffen sein in den Händen ihrer Autoren oder Leser, sie können Existenzen erklären, aufbauen und vernichten, sie können uns viel lehren und unser Leben bereichern, manchmal sogar Schlüsselerlebnisse für das weitere Leben erzeugen.
Der Autor Sam Savage zeigt uns in seinem Debütroman „Firmin – Ein Rattenleben“, dass belesene langschwänzige Ratten durchaus auch zwischen den Zeilen lesen können und die Literatur uns manchmal genauso real erscheint wie die Wirklichkeit.
_Inhalt_
In der Heimat des Jazz, Boston in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erblickt Firmin eines von dreizehn Rattenbabys das Licht der Welt. Seine Geburtsstätte ist eine Buchhandlung in der auch seine Jugend verbringt. Firmin ist sonderbar, nicht nur für seine Geschwister oder seine alkoholabhängige Mutter.
Sein Verhaltensmuster entspricht nicht unbedingt seinem Wesen. Firmin ist neugierig und entdeckt dabei sein Faible für die Literatur. Das Nest, in dem er und seine Geschwister aufwachsen, ist isoliert und ausgelegt mit den losen Seiten eines dicken Buches, wohl einer Enzyklopädie. Firmin verschlingt diese Seiten quasi, sprich: Er isst sie ganz einfach auf. So werden in frühen Kindheitstagen schon viele Seiten aus Büchern der Philosophie, der Linguistik, Astronomie und Astrologie ebenso verschlungen wie abscheuliche Gräueltaten, Bekenntnisse, Geständnisse und Apologien.
Im Verlauf seines Heranwachsens ist die ‚Beschäftigung‘ mit der Literatur eine prägende Phase seiner Bildungsbiographie, und Firmins absonderliche Essgewohnheiten beginnen sich zu wandeln. Er nutzt die vielen Bücher nun nicht für seine Gier nach Essbarem, sondern beginnt diese auch zu lesen. Zudem weitet er langsam seine Expeditionen aus und erforscht die Räume und Ecken der Buchhandlung. Er beobachtet die Menschen dabei, wie sie gleich der Suche nach einem Schatz die Regale voller Bücher sichten, und verfolgt, wie Norman, der Besitzer des Bücherladens namens „Pembroke Books“, routiniert seinem Tagesablauf nachgeht.
Firmin lernt neben der Literatur auch das Lichtspielhaus „Rialto“ kennen und lieben. Seine Helden sind neben Charlie Chan und Gene Autry auch Western, Krimis, Musicals und Filme mit Joan Fontaine, Abbott und Costello. Fred Astaire entwickelt sich ebenso zu einem Vorbild wie wenig später Ginger Rogers.
Firmin wird zu einem Einzelgänger und lebt seine gelesenen und gesehenen Helden nach. Seine Welt verwandelt sich ein Universum von Gefühlsstürmen und miterlebten Schicksalsschlägen, mit Augenblicken dramatischer Gewalt und unerfüllten Liebesbekenntnissen. Zu Norman Pembroke entwickelt die kleine Ratte eine tiefgehende Zuneigung; schon am Frühstückstisch nimmt Firmin die stille Rolle eines Voyeurs ein, der aus einem Loch in der Decke die morgendliche Zeitung mitliest und sich so über das politische Geschehen, den Sport und natürlich auch den Klatsch und Tratsch informiert.
Eines Tages aber wird Firmin von Norman entdeckt, was Firmin nichtsahnend fast zum Verhängnis wird. Das Rattengift hält Firmin für ein Geschenk und fällt naiv und unbedarft darauf herein. Firmin überlebt jedoch den feigen Mordanschlag und will nun seinen eigenen Weg gehen …
_Kritik _
Sam Savage versteht es gekonnt, in seinem Debütroman „Firmin – Ein Rattenleben“ eine philosophische Geschichte zu erzählen. Firmin ist kein typischer Roman, der eine offensichtliche Botschaft präsentiert. Bei Firmin muß man viel zwischen den Zeilen lesen, um zu verstehen, was der Autor uns zu sagen hat. Man merkt, dass Sam Savage selbst ein Literat ist. Unzählige Zitate finden sich in seinem Roman wieder, und das überhaupt nicht deplatziert oder aufdringlich, sondern ausgesprochen gut eingesetzt.
Firmins Geschichte ist im Grunde eine ernste und traurige, zugleich berührt sie aber und lädt uns dazu ein, vielleicht das Leben ein wenig ernster und zugleich freundlicher anzunehmen. Zudem wird klar: Die „Realität“ ist für jeden individuell und jeder schafft sie sich ähnlich wie unser Protagonist „Firmin“ selbst.
Die Grundstimmung des Romans ist melancholisch und Firmin als „Leseratte“ in diesem Rahmen formidabel konzipiert. Seine Bestrebungen und Hoffnungen, etwas anderes sein zu wollen als eine kleine unscheinbare Ratte, an die er sich verzweifelt klammert, sind rührend. Sein Schicksal ist eher tragisch; er ähnelt darin Don Quichotte, dem Ritter von der traurigen Gestalt. Seine ganze Motivation, geliebt, geachtet und wahrgenommen zu werden, führt letztlich zu nichts anderem als der Einsicht, dass man nicht aus seiner eigenen Haut kann.
_Fazit_
„Firmin“ ist ein philosophischer Exot für Querdenker mit einer außergewöhnlichen dichten Sprache. Für Leser, die aufgrund der Aufmachung vermuten, dass „Firmin“ ein eher witziges Buch wäre, wird die Lektüre möglicherweise eine Enttäuschung sein. Wer sich aber Zeit nimmt und das Buch, wenn es denn geht, in einem Stück durchliest, wird schnell erkennen, dass es darin weit mehr zu entdecken gibt als vielleicht ursprünglich gedacht.
Der Roman ist auch äußerlich wunderbar gestaltet. Das Cover zeigt eine traurige, mit nach unten sinkenden Mundwinkeln über einem Buch sitzende Ratte. Die Buchseiten sind etwas vergilbt und nicht gleichmäßig geschnitten, wodurch das Buch angenagt wirkt. Das passt natürlich zu Firmin, und auch sicher zu Sam Savage, der ein großartiges, dezent augenzwinkerndes Werk geschaffen hat. Es gibt noch eine kleine Besonderheit bei „Firmin“: Es wurde in drei Teilen von verschiedenen Personen übersetzt, jede Passage in ihrem ganz eigenen Stil.
„Firmin – Ein Rattenleben“ ist empfehlenswert für Menschen stillen und melancholischen Gemütes, für neugierige Leser, die gern Träumen hinterherjagen und den einen oder anderen auch wirklich einfangen können, für Menschen, die es verstehen, ihr Dasein zu akzeptieren, aber trotzdem dafür kämpfen, etwas erreichen zu wollen.
_Der Autor_
Sam Savage wurde in South Carolina geboren und lebt heute in Madison, Wisconsin. Er promovierte in Philosophie, unterrichtete kurzzeitig arbeitete als Tischler, Fischer, Drucker und reparierte Fahrräder. „Firmin – Ein Rattenleben“ ist sein erster Roman.
|Originaltitel: Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife
Deutsch von Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol und Hermann Gieselbusch
213 Seiten, gebunden, Buchschnitt mit Rattenzahnung|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/
_Moderner amerikanischer Klassiker erstmals auf Deutsch_
Der Klempner Charles Darling – der sich gerade nichts sehnlicher wünscht als das Gewehr seines Stiefvaters zurückzuerhalten, welches dieser vor Jahren gegen ein Pfand verliehen hatte – lebt mit seiner kleinen Familie auf einer recht abgewrackten Farm in der Nähe einer Kleinstadt in New Hampshire. Mit diesem Hof weiß er im Grunde nicht viel anzufangen. Er betreibt keinen Gartenbau und die Scheune ist in ihrer Baufälligkeit für Viehhaltung ungeeignet. Mit ihm leben dort seine scheinbar bodenständige Frau Joan, ihr gemeinsamer Sohn Micah und seit einiger Zeit auch Lyris, die Tochter von Joan, welche 16 Jahre in verschiedenen Pflegefamilien verbracht hat und von einem Verein für Familienzusammenführungen zu ihr zurückgebracht wurde. Der Leser begleitet das Leben dieses zusammengewürfelten Haufens für ein verlängertes Wochenende (Freitag bis Montag), an dem die Weichen für die weitere Existenz der Familie gestellt werden.
Der Journalist und Autor Tom Drury hat mit den Darlings eine moderne Patchworkfamilie geschaffen, in der die traditionellen Rollenmodelle nicht länger funktionieren, sondern nach dem Auftauchen von Lyris jedes Mitglied erst wieder seinen Platz im Familiensystem und einen neuen Lebensentwurf finden muss. Eine besonders tragende Rolle kommt dabei der ehrenamtlich im Tierschutz tätigen Joan zu, die für ein Wochenende in die Stadt zu einem Kongress fahren muss. Die ehemalige Schauspielerin hatte spätestens mit ihrer Hochzeit und dem Umzug in diese verlassene Gegend ihre Träume von einer Schauspielkarriere aufgegeben. Ähnlich der weiblichen Hauptperson in Tschechows „Die Möwe“, die sie einmal in einer Aufführung gespielt hat, langweilt sie sich jedoch in ihrem Landleben. Ihren Traum von der Schauspielerei hält sie für gescheitert, aber mit der Rolle einer unglücklichen Ehefrau wie in Lord Tennysons Poem „Locksley Hall“, aus dem der Doktor zitiert, mit dem sie in der Stadt eine Nacht verbringt, kann sie sich ebenso wenig anfreunden. Sein Vergleich mit dem Poem hinkt dann auch insofern als sowohl Charles als auch Joan nicht nur in ihren Träumen jagen bzw. ihren Träumen hinterherjagen, sondern ihr Leben an diesem Wochenende unabhängig voneinander zu verändern beginnen.
Vor allem Micah zuliebe, der als siebenjähriger Junge auf der Suche nach einer Aufgabe im Leben ist, kauft Charles eine Ziege. Dann beginnt er mit der Reparatur der Scheune und – nachdem ihm seine Frau telefonisch mitgeteilt hat, dass sie für sehr lange Zeit nicht zur ihm zurückkehren wird – auch damit, aktiv Verantwortung für die Kinder zu übernehmen sowie sich mit deren Problemen zu beschäftigen. Lyris zeigt große Stärke beim neuerlichen Verlassenwerden, da sie nicht nach einer Mutter, sondern nach einer Heimat und nach Sicherheit gesucht hat, die ihr die Familie Darling noch immer bieten kann. Sie beherrscht die Situation, denn sie profitiert von ihren Erfahrungen und kann somit für ihren Bruder da sein, wo die Erfahrungen des Vaters an Grenzen stoßen. Im Gegensatz zu scheinbar nebensächlichen Gegenständen wie einem Schweizer Taschenmesser beschreibt der Autor seine Helden kaum. Die Charaktere bleiben äußerlich blass, können aber aufgrund ihrer Handlungsweisen psychologisch gut ausgedeutet werden.
In „Die Traumjäger“ geht es nicht um Liebe. Die einzige Romanze findet zwischen Charles‘ Bruder Jerry und der wesentlich jüngeren Schülerin Octavia statt. Sie ist geprägt von der romantischen ersten Liebe, die bedingungslos gegen alle Regeln verstößt, und der Unsicherheit eines Mannes, der den Schritt mit einer wesentlich jüngeren Frau wagt, obwohl er ahnt, dass die Liebe der jungen Frau keinen Bestand haben wird: |“‚Wie wird das, wenn sie mal vierzig ist und du bist dann so ein Tattergreis, den sie im Rollstuhl herumschieben muss?‘ ‚Darüber habe ich auch schon nachgedacht‘, sagte Jerry. ‚Aber vielleicht geht das Ganze ja nur ein paar Jahre lang. Wir singen zusammen im Sonnenschein, und dann kriegt sie sich wieder ein und geht aufs College. Ich würde mich nicht beklagen …'“| Momentane Erfüllung wird so zum zentralen Thema in Drurys komplexer Erzählung. Das Eheversprechen erscheint wie die Pfarrerswitwe in dem kleinen Ort als Relikt aus einer vergangenen Zeit. Auch die Bibel, die von den Protagonisten vielfach zitiert wird, bietet wie ihre Kirchenvertreter keinen Halt mehr. Stattdessen muss man sich des steten Wandels und Umbruchs bewusst werden, dem die niedergehende Region einen traurigen Rahmen bietet.
Eindrucksvoll beschreibt Tom Drury die gewöhnlichen Dinge des amerikanischen Alltags, welche diesen jedoch durch ironische Wendungen plötzlich absurd und weniger alltäglich erscheinen lassen. Da sind Teenager, die sich schlau dünken und nachts mit einem Fass Bier eine Party in einem abgelegenen Wäldchen feiern wollen. Sie werden ihrerseits von Charles und Jerry übertölpelt, die ihnen das Fass wieder abnehmen. Da ist der Penner am Straßenrand, der zur einzigen Person wird, mit der Joan über ihre Situation reden kann. Da sind die Nachbarn, die alles von ihren Mitmenschen zu wissen glauben und damit beinahe eine Katastrophe auslösen, die durch ihre absurde Verhinderung schon wieder lächerlich gemacht wird. Unvermeidlich für das amerikanische Leben, spielt auch der Waffenbesitz eine Rolle. Waffen und Gewalt sind allgegenwärtig – angefangen vom Gewehr des Stiefvaters über die nachts herumziehenden Jäger bis zur Beinahe-Vergewaltigung von Lyris, Charles Selbstjustiz und Follards Racheversuch.
Die Menschen dieses Romans sind wenig sensibel. Doch können sie einander scheinbar nicht verletzen oder in ein Gefühlschaos stürzen. Ohne Reflektion werden Ereignisse hingenommen und so ausgelegt, dass sie das gewohnte Leben nicht durcheinanderbringen. In einer ländlichen Kleinstadtumgebung jagt man nicht seinen Träumen nach, sondern nimmt Geschehnisse hin. Auch damit tut man einen Schritt, der unvermeidlich einen weiteren Schritt nach sich zieht; so wie auf den Freitag der Samstag folgt und auf den Samstag der Sonntag. Große Gefühle – Glück, Liebe, Hass – von außen betrachtet sind sie weniger dramatisch denn banal und wie bei Tom Drury in ihrer Einfachheit fast schon wieder komisch.
Tom Drury gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur. Mit „Die Traumjäger“ macht es |Klett-Cotta| den deutschen Lesern acht Jahre nach Erscheinen des Romans jetzt möglich, in das Werk dieses bemerkenswerten Schriftstellers einzusteigen. Diese Chance sollte man nutzen, denn seine Romane „The End of Vandalism“ (1994), „The Black Brook“ (1998) und „The Driftless Area“ (2006) sind bisher nicht auf Deutsch erschienen.
|Originaltitel: Hunts in Dreams (2000)
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
250 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-608-93607-0|
http://www.klett-cotta.de
Von einem „Roadmovie aus dem wilden Osten“ – so die Ankündigung auf dem Buchrücken – erwartet man, dass sich jemand in ein Auto setzt und damit sowohl nach als auch durch den wilden Osten fährt. Doch bereits die Tatsachen, dass ein relativ komfortabler Flug Merle Hilbk nach Sibirien bringt, wo sie zudem die erste Hälfte der Beschreibung ihrer Suche nach der russischen Seele, welche sich jedoch vielmehr als Suche nach sich selbst herausstellt, als Gast des erfolgreichen Geschäftsmannes Grigorij verbringt, machen recht schnell deutlich, dass es sich hier um ein eher punktuelles Eintauchen in die russische Gesellschaft denn um eine Reise durch ein Land handelt.
Doch das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Mit sensibel gewählten Worten schildert die Autorin die Menschen, zu denen sie Kontakt aufbaut, plaudert von deren ungewöhnlichen bis absurden Lebensgeschichten und spinnt den roten Faden durch ihren Sommer in Russland. Neben Ausflügen in die nähere und fernere Umgebung des Städtchens Akademgorodok spielt der zweite Teil nach einer Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn in Ulan-Uhde, einer Stadt am Baikalsee. In Akademgorodok wie auch in Ulan-Uhde ist die Journalistin auf der Suche nach interessanten Menschen und ihren Geschichten, die sie dem Leser mit Hilfe ihrer sehr direkten und persönlichen Erzählweise so nahe bringt, dass man am Ende fast glaubt, man kenne die Baikal-Amazonen, den mürrischen Grigorij oder den Sänger der Punkband „Orgasmus Nostradamus“ persönlich.
Ihnen allen ist eigen, dass sie ihr Schicksal auf bewundernswerte Art selbst in die Hand genommen haben, um trotz aller Ergebenheit in ein oftmals nur im Rausch erträgliches Leben das Beste daraus zu machen. Sie schreibt von angesehenen Professoren, deren Leistungen nach dem Zerfall der UdSSR vergessen worden sind, von Menschen, die zwar ihr Erspartes, nicht jedoch ihren Lebensmut und die Lebensfreude in einer Bankenkrise verloren haben, aber auch von den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung in Russland, die täglich für ihr Geld arbeiten, jedoch statt mit mehreren Familien in einer großen Wohnung (Kommunalka) zu leben, eigene Häuser besitzen sowie alle Annehmlichkeiten der westlichen Welt bis hin zum täglichen Schwelgen in Champagner und Kaviar genießen. Stolz sind sie allesamt, gastfreundlich, offen und sehr darauf bedacht, dass Ausländer neben aller Nostalgie auch den Fortschritt im Land zu würdigen wissen.
Dabei findet sich die Autorin in Ortschaften wieder, die ihre durch Bauweise und fortschreitenden Verfall geprägte sozialistische Vergangenheit nicht verleugnen können, aber auf der anderen Seite bereits so von den Neuerungen der westlichen Welt wie Internetcafés (Computerclubs), Supermärkten mit europäischen Marken oder Häusern in westeuropäischen Baustilen durchdrungen sind, dass sie eine extrem widersprüchliche Welt bilden. Häufig sind die Gegensätze zwischen Alt und Neu sowie Arm und Reich nur schwer zu ertragen – am besten unter Zuhilfenahme starkalkoholischer Getränke wie den unvermeidlichen Wodka. Doch nicht nur mit dessen Hilfe, sondern auch auf einem abenteuerlichen Betriebsausflug ins Altai-Gebirge lösen sich solche Gegensätze unvermittelt im Nichts auf; und dann findet Merle Hilbk, was sie die russische Seele nennt, und etwas, das ihr auch in anderen Momenten urplötzlich wieder begegnet: eine Stimmung aus Melancholie, Erinnerungsfluten, Wärme …
|“Mein Herz zieht sich zusammen vor Sehnsucht, und dann kommt plötzlich Sascha, stellt sich neben mich und deutet auf den Himmel. Ein helles Licht, heller als alle anderen Sterne, stürzt vom Himmel herab, fällt und fällt, bis es mit einem letzten Glimmen im See versinkt. Eine Sternschnuppe! ‚Das heißt, du darfst dir was wünschen!‘ ‚Hast du dir auch etwas gewünscht? ‚Hab gerade vor mich hin geträumt.‘ ‚Wovon?‘ ‚Von einem anderen Land.‘ ‚Was für einem Land?‘ ‚In dem das Leben leichter ist.'“|
Was ist nun dieses vorgebliche Roadmovie aus dem wilden Osten? Auf jeden Fall ein sehr unterhaltsames Buch, das mit einigen Vorurteilen aufräumt, andere bestätigt, interessante Einblicke in bizarre russische Verhältnisse gewährt und einen Aufenthalt schildert, der nicht immer leicht oder ungefährlich war.
|255 Seiten, mit 9 Fotos
ISBN-13: 978-3-7466-2439-6|
http://www.aufbauverlag.de
Manch einer mag noch immer das Vorurteil hegen, dass es nicht gutgehen kann, wenn eine Frau am Steuer sitzt. Die Protagonistin von Karen Duves neuestem Roman „Taxi“ dürfte sich noch des Öfteren mit diesem Vorurteil konfrontiert gesehen haben. Schließlich spielt „Taxi“ mitten in den Achtzigerjahren. Taxifahren war hier noch stärker eine Männerdomäne als heute, auch wenn die Anzeige, auf die Protagonistin Alex sich bewirbt, ausdrücklich auch an Frauen gerichtet ist – allerdings wohl mehr aus der Verzweifelung heraus, dass man so gut wie jeden einstellen würde …
Für Alex beginnt mit dieser Anzeige eine Ära als Taxifahrerin auf den Straßen Hamburgs. Das bedeutet für Alex Herwig gleichzeitig den lang ersehnten Aufbruch zu neuen Ufern. Hockte sie vorher noch mit ihrem Bruder zusammen in der unbeheizten Gartenlaube ihrer Eltern, als schwarzes Schaf in einer spießigen, langweiligen Familie, scheint ihre ziellose Jugend beendet, deren bisheriger Tiefpunkt wohl die abgebrochene Ausbildung im Versicherungswesen darstellte. Nun startet sie in die Freiheit – zumindest glaubt sie das.
Nachdem sie wochenlang Straßennamen gebüffelt hat, hält Alex, nicht zuletzt dank eines gnädigen Prüfers, endlich den Taxischein in Händen. Vom ersten selbstverdienten Geld folgt schon bald die eigene Wohnung, doch vom Leben hat sie eigentlich nicht sonderlich viel. Nacht für Nacht ist sie auf den Straßen Hamburgs unterwegs, verschläft dadurch die Tage und fängt, ohne es eigentlich zu wollen, eine Beziehung mit Taxi-Kollege Dietrich an.
Bei den übrigen Kollegen hat sie keinen leichten Stand: verklemmte Frauenhasser, Scheinstudenten, Möchtegernschriftsteller und Halbintellektuelle – das ist grob betrachtet das Umfeld, mit dem Alex irgendwie tagein, tagaus klarkommen muss. Dietrich ist da auch nicht immer hilfreich, hat sie doch den größten Zwist stets mit Dietrichs bestem Freund Rüdiger, der ein pseudointellektueller Frauenhasser ist. Doch Alex hinterfragt all das nicht, ist Nacht für Nacht viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Fahrgäste zu hassen, als dass sie etwas an ihrem Leben ändern würde.
Und so wird es eine sehr lange und beschwerliche Reise, die Alex aufnehmen muss, um irgendwann sich selbst zu finden. Ihr Weg ist gepflastert mit unheilvollen Männerbekanntschaften, kleinwüchsigen Psychologiestudenten und haarsträubenden und bizarren Erlebnissen auf den nächtlichen Taxitouren.
Nachdem [„Die entführte Prinzessin“ 1085 eine faszinierende, wenngleich auch sehr ungewöhnliche Leseerfahrung für einen Duve-Roman war, geht es mit „Taxi“ wieder mehr zurück zu den Wurzeln. Sogar ziemlich direkt zurück zu den Wurzeln, denn „Taxi“ hat stärkere autobiographische Züge als irgendein anderer Duve-Roman zuvor. Karen Duve ist selbst jahrelang in Hamburg Taxi gefahren. Ihre Protagonistin lässt sie mit genau jenem Taxi der Nummer „Zwodoppelvier“ fahren, in dem auch sie in den Achtzigern durch Hamburgs Straßen gekurvt ist.
Dennoch ist „Taxi“ alles andere als eine Autobiographie. Es mag Parallelen geben, und wie weit die genau reichen, vermag wohl nur die Autorin selbst zu sagen, dennoch ist der Roman ein fiktionales Werk. Alles in allem klingt das im ersten Moment noch sehr unspektakulär. Eine Frau, die Nacht für Nacht Taxi fährt und von ihren Erlebnissen mit ihren verkorksten Fahrgästen berichtet, um sich dann nach Feierabend ihrer noch viel verkorksteren Beziehung zu ihrem Freund Dietrich zu widmen – klingt bei bloßer Betrachtung des Inhalts wenig unterhaltsam.
Aber wir haben es hier schließlich mit Karen Duve zu tun. Wenn der Verlag im Klappentext schreibt |“Taxi fahren können viele – doch grandios darüber schreiben kann nur Karen Duve“|, dann ist das keinesfalls bloß Lobhudelei zum Zwecke der Verkaufsförderung. Es steckt ein wahrer Kern in diesem Satz, denn Karen Duve ist in der Tat das große Kunststück geglückt, einen wunderbar unterhaltsamen Roman über etwas so alltägliches wie das Taxifahren zu schreiben.
Und das liegt allem voran an Duves eingängigem Erzählstil. Es braucht nicht viel Handlung, um von Karen Duves Romanen gefangen genommen zu werden, egal, ob man sich wie im Fall des [„Regenromans“ 1954 in der ostdeutschen Einöde befindet oder ob man wie bei „Taxi“ mit der Protagonistin durch die einsamen, nächtlichen Straßen Hamburgs düst.
Karen Duve ist eben eine großartige Erzählerin und eine äußerst genaue Beobachterin, die auch die alltäglichsten Dinge herrlichen treffend und pointiert zu erzählen weiß. Dabei springt sie nicht immer sanft mit ihren Figuren um. Auch Alex hat einiges zu erdulden, bis sie nach so mancher qualvollen Erfahrung irgendwann doch auf dem Weg zu sich selbst ist. Aber das ist ein harter und schmerzvoller Prozess, den Karen Duve schonungslos ehrlich und unbarmherzig dokumentiert.
Das zu lesen und den Entwicklungsprozess der Protagonistin nachzuvollziehen, ist dank Karen Duves erzählerischer Raffinesse ein echtes Vergnügen. Man kann zwar einiges an Alex oft nicht so ganz nachvollziehen, denn warum nimmt sie ihr Leben denn nicht mal endlich in die Hand, anstatt sich weiter jeden Tag über die frauenfeindlichen Sprüche der Kollegen, ihre Beziehungskatastrophe mit Dietrich und die Unerträglichkeit ihrer Fahrgäste zu mokieren. Man möchte Alex am liebsten einmal kräftig in den Hintern und damit aus ihrem trägen Trott heraus treten. Aber Karen Duve lässt Alex durch einen harten Lernprozess langsam reifen – und das auf äußerst lesenswerte Art.
Bleibt unterm Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Karen Duve hat mit „Taxi“ einmal mehr ihr großartiges Talent unter Beweis gestellt, und manch einer mag erleichtert darüber sein, dass sie nach ihrem Ausflug in fantastische Gefilde nun wieder in gewohnt belletristisches Fahrwasser eingeschwenkt ist. „Taxi“ ist in jedem Fall eine Empfehlung wert; ein äußerst lesenswerter Roman, der sehr stark von der pointierten und wohlakzentuierten Erzählweise der Autorin lebt. Wer Karen Duve noch nicht kennt, der sollte das schleunigst nachholen, denn sonst läuft er Gefahr eine der aktuell besten deutschen Autorinnen zu verpassen …
Joy und ihre beste Freundin Roxy sind jung, hübsch und – leider – ledig. Nun ja, so ganz ledig ist Joy, die Heldin in Katie MacAlisters Romanze „Blind Date mit einem Vampir“, doch nicht. Es gibt da Bradley, der offensichtlich genauso langweilig ist wie sein Name klingt und von dem sich Joy ständig trennt, nur um ihn dann doch wieder in ihr Bett zu lassen. Roxy dagegen ist überzeugte Jungfrau und wartet auf den Richtigen. Der könnte nun aber langsam vorbeikommen, findet sie, und deswegen haben sich Joy und Roxy mit ihrer Freundin Miranda verabredet. Diese ist Hexe und hat den beiden versprochen, ihnen männertechnisch die Zukunft vorherzusagen. Glücklicherweise hat Miranda nur Gutes zu berichten: Sowohl Joy als auch Roxy werden demnächst den Mann ihres Lebens kennenlernen – und zwar während ihres Urlaubs in Tschechien.
Den Traum vom Aussteigen, vom Leben im sonnigen und vielleicht sorgenlosen Ausland hegt wohl jeder einmal. Doch Träume können manchmal auch zu Schäumen werden und sich schlimmstenfalls in Alpträume verwandeln. Leben und Arbeiten in einer kulturellen Metropole wie beispielsweise Rom versprechen viel Sonne, eine hervorragende Gastronomie und nette Menschen. Doch vergessen wir oftmals, dass es auch bürokratische Hürden gibt und dass Nationen in ganz natürlicher Weise eine andere Mentalität haben, die wir erst dann begreifen, wenn wir uns anpassen müssen oder resigniert umkehren und uns geschlagen geben.
Man kann nicht überall und zu allem eine |bella figura| abgeben, jedenfalls könnte es manchmal schwerfallen. Es gibt unzählige Einzelschicksale von Menschen, die um ihren Traum gekämpft und verloren haben, andere hingegen waren entweder intelligenter oder einfach praktischer veranlagt, sie passten sich der Mentalität, der Lebensart, der Sprache an und fanden neue Wurzeln in einem fernen Land.
Rom ist nicht nur die Zentrale des katholischen Glaubens sondern hat natürlich geschichtlich und kulturell mehr aufzubieten als jede andere Hauptstadt Europas. Insbesondere für Menschen, die im Journalismus und Kulturbereich tätig sind, ist diese Stadt wohl die Perle eines jeden Reporters.
Der Autor Stefan Ulrich ist mit seiner Frau und seinen beiden Kindern als Journalist einer großen Münchner Tageszeitung auf Bitten und Drängen nach Rom gezogen. In seinem Roman „Quattro Stagioni. Ein Jahr in Rom“ erzählt er von den ersten Schritten auf römischem Boden und allerhand Schwierigkeiten, aber auch von herzlichen Begegnungen mit Menschen und urkomischen Alltagssituationen.
_Story_
„Habt ihr’s gut“, hört Familie Ulrich von ihren Freunden ständig, als diese erfahren, dass die vierköpfige Familie in die italienische Hauptstadt Rom zieht. Stefan Ulrich wird dort als Korrespondent für seine Münchner Tageszeitung tätig sein. Ein Jugendtraum wird wahr: Dolce Vita in Bella Italia.
Doch schon die Anreise ist per Auto über den Brenner ein kleines Abenteuer für sich, und bereits das angemietete Haus im Zentrum der ewigen Stadt überrascht die freiwilligen Emigranten: ein kleiner Vorgeschmack auf das Leben in Rom. Der Palazzo der Familie Ulrich liegt in Prati, einem Stadtviertel am Tiberufer unweit des Vatikans; ein schmuckes Mehrfamilienhaus, das im römischen Hochsommer von einem Hausmeisterehepaar behütet und gewartet wird.
Zwar werden die Ulrichs herzlich und liebevoll empfangen, doch die geräumige Wohnung kommt den neuen Römern eher vor wie eine altägyptische Grabkammer: Fehlendes warmes Wasser und Strom sind nur die ersten Willkommensgeschenke. Doch auch das wird mit Hilfe des netten Hausmeisters Filippo fürs Erste geregelt. Der Bürokratismus ist in der Stadt, die diese Organisationsform praktischg erfunden hat, vielfältiger als in Deutschland, und so gibt es für die junge Familie noch vieles zu meistern.
Stefan und Antonia Ulrich fühlen sich unter den Römern wie Exoten, und teilweise werden sie auch so behandelt, aber das nur im positiven Sinne. Die Deutschen haben eher eine ruhigere Mentalität gegenüber den impulsiven, aber immer lebensfrohen Italiener. Schnell finden Sie Freunde und Anschluss, und auch die |bambini| haben alles andere als Kommunikationsschwierigkeiten und entwickeln sich prächtig zwischen den Welten. Die Ulrichs überleben einen italienischen Kindergeburtstag, der ein klein wenig ausartet, wobei die italienischen Freunde auf dem Schlachtfeld eher noch begeistert in die Hände klatschen.
Als die junge Tochter Bernadette sich ein Meerschweinchen als Haustier halten möchte, wird der notwendige Besuch bei einem Tierarzt zur einer Expedition ins Tierreich. Es wird nicht nur teuer, sondern die Operation verläuft auch alles andere als erfolgreich, und wenig später gibt es deswegen eben nicht nur ein Meerschweinchen bei den Ulrichs. Also, da hilft nur eines: Der Dottore wird wohl drumherum kommen, Alimente zahlen zu müssen. Schlimm genug, dass dieser promovierte Tierarzt zu allem Überfluss auch noch das Meerschweinchen für eine Ratte hält.
Aber das römische Leben ist auch anderweitig vielseitig. Zum Schlemmen fährt man in die romantische Toskana, und wenn man Skifahren möchte, so fegt man in den Abruzzen über die Pisten. Selbst an den römischen Stadtverkehr gewöhnt man sich schnell, wenn man begreift, dass ein Auto nur das Mittel zum Zweck ist, um möglichst schnell sein Ziel zu erreichen.
Stefan Ulrich erzählt von Ertruskerschätzen und zugleich von archäologischer Grabschändung; er verherrlicht die Metropole Rom und seine Erlebnisse in ihr nicht nur, sondern schildert die Schwierigkeiten, die auftreten, wenn zwei unterschiedliche Mentalitäten wie die deutsche und die italienische auf aufeinandertreffen. Es gibt mit Sicherheit viele Reibungspunkte und Meinungsverschiedenheiten, doch augenzwinkernd verrät der Autor, wie man sich in der Großstadt Rom verhält und lebt und was das Leben in der Traumstadt so einmalig schön macht.
_Kritik_
„Quattro Stagioni. Ein Jahr in Rom“ ist ein autobiografischer Roman. Mit viel tiefgründigem Humor fängt die Erzählung bei der Anreise und den ersten Schwierigkeiten und Anforderungen an. Wer schon einmal längere Zeit im Ausland gelebt und gearbeitet hat, wird sich in manchen Situationen, lustigen wie nervenaufreibenden, wiederfinden. Wenn wir so über die Bürokratie auf deutschen Ämtern nachdenken und schließlich diejenige unserer südeuropäischen Nachbarn kennenlernen, so werden wir herbe Unterschiede erkennen, wie wir sie uns in unseren schlimmsten Träumen nicht vorstellen könnten.
Der Roman bietet witzige und unterhaltsame Lektüre und gibt sogar nützliche Tipps für neurömische Bürger – ein hilfreicher Insiderbericht, der augenzwinkernd warnt und Hilfestellung gibt. Stefan Ulrich übernimmt aber in keinem Kapitel jeweils die Pro- oder Kontraposition. Er überlässt es schlauerweise dem Leser, sich ein Bild vom Leben in Rom zu machen. Von allen Daheimgebliebenen beneidet – sicherlich auch von manchem Leser -, erleben die Ulrichs eine wahre, amüsante, aber auch ernsthafte Odyssee.
_Fazit_
„Quattro Stagioni. Ein Jahr in Rom“ eignet sich hervorragend für den nächsten Sommerurlaub in „Bella Italia“. Es ist ein angenehmer, unterhaltsamer Roman, erzählt in abwechslungsreichen Passagen, und die Protagonisten agieren zweifelsfrei glaubwürdig, doch viel mehr ist das Buch nicht. Oberflächliche Erzählungen in einzelnen Momentaufnahmen werden zwar witzig geschildert, aber so amüsant dieser Roman auch ist, so schnell wird der Leser ihn wieder vergessen haben.
_Der Autor_
Stefan Ulrich wurde 1963 in Starnberg geboren. Im August 2005 zog er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern von München nach Rom um. Von dort berichtet er als Korrespondent der |Süddeutschen Zeitung| über Rom, Italien und den Vatikan.
Bücher über die Leidenschaft zu Büchern sind stets ein besonderer Genuss für den wahren Bücherfreund. Auf fantasievolle Art und mit einem Blick für die tiefe Verbundenheit dem Medium Buch gegenüber hat schon so mancher Autor es geschafft, den Leser mitten ins Herz zu treffen – manifestiert sich in der Lektüre doch stets auch die eigene Leidenschaft des Lesers für das gedruckte Wort. Zwei passende Beispiele wären hier „Das Papierhaus“ von Carlos Maria Domínguez oder [„Der Schatten des Windes“ 2184 von Carlos Ruiz Zafón. Ein Buch, das sich anschickt, sich in diese Galerie einzureihen, ist der Debütroman „Die Poeten der Nacht“ des irischen Autors Barry McCrea.
Auch „Die Poeten der Nacht“ handelt von der Leidenschaft zu Büchern. Eine Leidenschaft, die im Fall des jungen Studenten Niall ein dunkler Sog wird, der ihn wie ein schwarzes Loch zu verschlingen droht und ähnlich absurd-sonderbare Ausmaße annimmt, wie es z. B. in Domínguez‘ Roman [„Das Papierhaus“ 2814 geschieht.
Doch von all dem ahnt Niall noch nichts, als er sein Studium am altehrwürdigen Trinity College in Dublin antritt. Zunächst genießt er einfach nur das Studentenleben, zieht abends mit seinen Kommilitonen durch die Pubs von Dublin, schließt neue Freundschaften und hat außerhalb seines Elternhauses erstmals auch die Gelegenheit, seine homosexuelle Seite zu erforschen und auszuleben.
Doch auch das wird zunehmend bedeutungslos, als Niall im Nachklang einer Party erstmals mit den „Sortes“ in Berührung kommt. Das Prinzip der „Sortes“ funktioniert folgendermaßen: Man stelle eine Frage, dann nehme man blindlings und rein intuitiv ein Buch aus einem Bücherregal, schlage es ebenso blindlings auf und lese eine intuitiv gewählte Textpassage. In dieser Textpassage steckt die Antwort auf die gestellte Frage – natürlich nicht wortwörtlich und oft rein metaphorisch. Lässt sich zwischen Textpassage und Frage keinerlei Verbindung herstellen, war die Frage nicht präzise genug formuliert.
All das sieht nach einem harmlosen literarischen Partyspiel aus, wenngleich die „Sortes“ eine uralte Tradition darstellen, derer man sich schon im alten Rom bedient hat. Schon von Anfang an ist Niall fasziniert von der Stimmigkeit der Antworten, und insgeheim lässt ihn dieses Thema nicht mehr los. Während seine beste Freundin Fionnuala die „Sortes“ schon längst wieder vergessen hat, versucht Niall auch nach der Party immer wieder, mit Sarah und John in Kontakt zu kommen, den beiden, die ihn auf der Party an die „Sortes“ herangeführt haben.
Er fängt an, den beiden mit Hilfe der Bücher hinterherzuspionieren. Er missachtet Johns stetige Warnungen sich zurückzuhalten und nervt ihn so lange, bis der ihn in weitere Geheimnisse einweiht. So erfährt Niall von „Pour Mieux Vivre“, einem Geheimbund, der neben den „Sortes“ noch weitere Praktiken anwendet, die allesamt mit Büchern zu tun haben.
Widerwillig nehmen Sarah und John Niall in ihre kleine Gemeinschaft auf, und schon bald ist Niall hoffnungslos den „Sortes“ verfallen. Er trifft keine Entscheidung mehr, ohne vorher die Bücher zu befragen. Studium, Freundschaften und der Kontakt zur Familie – alles bleibt auf der Strecke, während Niall wie ein einsamer Wanderer, stets begleitet von einem Stapel Bücher, durch Dublin streift und nach Antworten sucht. Zu spät merkt Niall, mit welcher intensiven Macht die Bücher ihn zu verschlingen drohen …
Zugegeben, der Plot mutet bei näherer Betrachtung schon etwas bizarr an. Niall, der Bücherjunkie, der ganz und gar abhängig von Büchern ist, der keine Entscheidung mehr fällt, ohne vorher die Bücher zu befragen. Zu beobachten, wie er durch die Straßen von Dublin wandelt, sich durch die Bücher den Weg weisen lässt und dabei doch keinen Schimmer hat, wohin der Weg ihn eigentlich führt. Das Ganze mutet irgendwie surreal an, und es braucht unbestreitbar schon ein gewisses Erzähltalent, damit der Leser diesem skurrilen Spiel folgen mag.
Und so ist es eben auch Barry McCreas wunderbare Art zu erzählen und plastische Bilder in den Kopf den Lesers zu projizieren, die dem Roman seinen besonderen Glanz verleiht. Die Figuren wirken durch seine Beschreibungen außerordentlich lebensnah. Man hat das Gefühl, wirklich direkt neben ihnen zu stehen und sie zu beobachten. McCrea entwirft sympathische Figuren, in denen man sich wiederfinden kann. Ganz alltägliche Menschen, in die er sich gekonnt einfühlt.
Ein wichtiger Hauptdarsteller des Romans ist die Stadt Dublin. Niall ist täglich in den Straßen der Stadt unterwegs, lässt sich durch Pubs und Clubs treiben, durchstreift Parks und Shoppingmeilen und beobachtet die Menschen, die unterwegs zur Arbeit und zum Einkaufen sind.
Und so ist „Die Poeten der Nacht“ eben auch ein Dublin-Roman, eine kleine Huldigung an die Stadt und ihre Einwohner und eine treffsichere Bestandsaufnahme, die mit geschultem Blick Irlands Verwandlung vom ehemaligen Armenhaus Europas zum „keltischen Tiger“ begleitet. War sonst immer „Ulysses“ von James Joyce der klassische Dublin-Roman, so hat McCrea mit „Die Poeten der Nacht“ ein zeitnahes, modernes Gegenstück geschaffen.
Sprachlich ist „Die Poeten der Nacht“ ein wirklich gelungener Roman. Es ist McCreas Sprache, die Grundlage seiner wohlakzentuierten Figurenskizzierung und seiner Beobachtungen Dublins ist. Treffende Beschreibungen, ein kontinuierlich aufstrebender Spannungsbogen und ein flüssiger Erzählstil sorgen dafür, dass „Die Poeten der Nacht“ wirklich angenehm zu lesende Lektüre ist.
So gelingt McCrea es eben auch, eine so bizarre Geschichte wie Nialls Besessenheit von den „Sortes“ und das stetig voranschreitende Entgleisen seines Lebens zu dokumentieren – zumal das Ganze stets auch von einem etwas mystischen Nebel umgeben wird. Niall trifft immer wieder die ominöse Figur des Pablo Virgomare, von dem nie weiß, ob er wirklich existiert oder vielleicht nur ein Produkt von Nialls Fantasie ist. Je mehr Niall sein Leben entgleitet, desto sonderbarere Züge nimmt auch der Plot an. Das ist einerseits faszinierend, aber andererseits eben auch nicht wenig verwirrend. Man weiß nicht, was man davon halten soll. So wie Niall offenbar immer wieder von seiner Wahrnehmung an der Nase herumgeführt wird, scheint auch McCrea den Leser an der Nase herumzuführen.
Und so bleibt der Roman eben bis zum Ende hin von einer unergründlichen und rätselhaften Ader durchzogen. Das mag manchen Leser faszinieren und sorgt dafür, dass „Die Poeten der Nacht“ ein Buch ist, dass auch bei zweimaliger Lektüre noch seinen Reiz haben dürfte – wer jedoch am Ende eine klare Auflösung und ein erklärendes Ende erwartet, der dürfte etwas enttäuscht sein. McCrea lüftet den Schleier des Rätselhaften nicht wirklich, und so bleibt einem auch Niall trotz der gelungenen Figurenskizzierung am Ende immer noch ein wenig fremd, weil man nicht ganz nachvollziehen kann, was in ihm vorgeht.
So ist „Die Poeten der Nacht“ unterm Strich ein Buch, das gleichermaßen rätselhaft wie faszinierend ist. McCrea offenbart ein wunderbares Erzähltalent, fühlt sich sehr gut in seine Figuren ein und hat einen lesenswerten Dublin-Roman abgeliefert. Doch mit der mystischen, rätselhaften Art des Romans muss man erst einmal warmwerden. Vieles bleibt auch am Ende immer noch offen und mysteriös. Dadurch klingt der Roman im Kopf zwar noch lange nach, bleibt aber eben auch ein etwas unbefriedigendes Lesevergnügen, da man auf viele Antworten vergebens wartet.
Nur Erfolg zählt im Musikbusiness. Als ein bisher erfolgreicher Manager nicht mehr mithalten kann, bringt er einen Konkurrenten um. Was zunächst funktioniert, entwickelt eine verhängnisvolle Eigendynamik mit verheerenden Folgen … – Eher Gesellschafts-Komödie als Krimi, besticht „Kill Your Friends“ durch das Insiderwissen des Verfassers und die brutale Konsequenz der Handlung, die sich bar jeglicher Illusionen in nackter Gier und Bösartigkeit wälzt: eine Lektüre, die man einfach nicht aus der Hand legt. John Niven – Kill Your Friends weiterlesen →
Zadie Smith wurde nach Erscheinen ihres Debütromans „Zähne zeigen“ als die literarische Sensation Englands gefeiert. Mit „Der Autogrammhändler“ legte sie ihr zweites Buch vor, das nicht weniger Kritikerlob einheimste. Doch ist der Hype um die junge Engländerin gerechtfertigt?
Der unbedarfte Leser wird sich vermutlich zuerst einmal fragen, was er sich unter dem Beruf des Autogrammhändlers vorzustellen hat. Ob man Alex-Li Tandems Beschäftigung tatsächlich als Beruf bezeichnen kann, sei dabei dahingestellt. Der Endzwanziger mit chinesischen und jüdischen Wurzeln, der in Mountjoy, einer englischen Kleinstadt, lebt, kauft und verkauft die Autogramme von berühmten oder manchmal auch weniger berühmten Personen. Dabei ist er mehr oder minder erfolgreich, nur bei seiner heimlichen Obsession hat er bislang keinen Erfolg gehabt: einer Autogrammkarte des früheren B-Movie-Stars Kitty Alexander.
Nach einer durchzechten Nacht, während der er sein Auto zu Schrott gefahren und seine Beziehung zu Esther beendet hat, hält er plötzlich ein Stück Papier mit einer Unterschrift in der Hand, von der er glaubt, dass sie von Kitty Alexander ist. Da ist er allerdings auch der Einzige. Seine besten Freunde, der gottbeseelte Kiffer Adam, der Versicherungsvertreter Joseph und der Rabbiner Rubinfine, glauben das nicht und Alex kennt aufgrund eines Filmrisses die Herkunft des Papiers nicht. Als er zu einer Auktion nach New York fliegt, versucht er, die mittlerweile hochbetagte Kitty Alexander zu finden, um zu klären, ob das Autogramm echt ist. Als er die Frau trifft, die er seit seiner Jugend vergöttert, laufen die Dinge allerdings etwas aus dem Ruder …
Zadie Smith ist Geschmacksache. In „Der Autogrammhändler“ stehen vor allem die skurrilen Charaktere und Smiths frecher Schreibstil im Vordergrund. Auf Gedanken und Gefühle, pseudophilosophische Überlegungen und Wortwitz legt die junge Autorin mehr Wert als auf eine spannende und schlüssige Handlung. Ihr Buch ist weder ein Krimi noch ein Thriller noch leichte Lektüre für ein paar vergnügsame Stunden. Sie verbringt viel Zeit damit, ihre Personen, vor allem Alex-Li, und deren Beziehungen untereinander darzustellen sowie deren Lebensgefühl und Grundeinstellung mit einer großen Portion Jugendlichkeit einzufangen.
Alex-Li und seine Freunde sind Menschen, die nicht richtig erwachsen werden wollen. Sie gehören zu der Art schnoddriger Singles, die ihre Kindheit noch nicht völlig hinter sich gelassen haben und ihre Tage mit sinnlosen Gedanken und Kiffen zu verbringen scheinen. Smiths Charaktere haben Loserqualitäten und das macht ihren Charme aus. Sie nehmen das Leben nicht sonderlich ernst und haben immer einen guten Witz auf den Lippen und pflegen das, was man vermutlich als „Männerfreundschaft“ bezeichnet. Einige Nebencharaktere wie beispielsweise Adam oder Esther stechen aus den Ensemble positiv heraus, da ihre Eigenheiten sehr detailliert und kontrastreich dargestellt werden. Andere dagegen sind zwar mit dem Humor der Autorin getränkt, für den Leser aber nicht so einfach greifbar. Alex-Li, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, wirkt häufig ein wenig beliebig und zu uninteressant. Am Anfang wird er zwar gut dargestellt und kann Originalität vorweisen, doch Smith führt dies nicht kontinuierlich fort.
Ein Problem, das sich auch an anderen Stellen findet. Der Schreibstil wirkt anfangs interessant, aber nicht besonders originell. Es gibt viele junge Autoren, die ähnlich locker und flapsig schreiben. Erst zur Mitte hin kristallisiert sich das heraus, was Zadie Smith ausmacht: ihr unerwarteter Humor und ihre Vorliebe für bildhafte, bewegliche Sprache. Die Bilder finden sich dabei nicht in zeilenlangen Metaphern, sondern werden wie selbstverständlich in einfache, trockene Sätze eingefügt. Diese Selbstverständlichkeit und die anarchische Art zu schreiben sorgen immer wieder für Überraschungen und Lacher, genau wie der Humor, der in den Dialogen zum Ausdruck kommt. Dabei geht es häufig derbe, manchmal beinahe pubertär zu. Obwohl eine Frau, trifft Zadie Smith den männlichen Witz sehr gut. Überhaupt vergisst man gerne, dass hier eine AutorIN am Werke ist. Ihr Stil erinnert dafür zu stark an ähnliche, witzige Autoren wie DBC Pierre oder Dave Eggers, ohne dabei ein bloßer Abklatsch zu sein. Schade ist nur, dass „Der Autogrammhändler“ erst in Schwung kommen muss. Bei über 400 Seiten wird das den einen oder anderen Leser möglicherweise abschrecken.
Bücher, die ihre Besonderheit hauptsächlich aus seltsamen Charakteren und einem kunstvollen Schreibstil beziehen, schwächeln häufig bei der Handlung. Das ist in diesem Fall nicht anders, auch wenn die witzigen Begebenheiten und verschwurbelten Gedanken über Leben und Leute häufig Lücken auffüllen können. Trotzdem weist die Geschichte Längen auf. Wirkliche Aktion findet sich erst gegen Ende der Erzählung, was nicht unbedingt eine ruhmreiche Leistung ist. Lobenswert ist allerdings, dass Zadie Smith dem Leser die Zeit bis dorthin angenehm zu versüßen weiß. Trotzdem wäre es gut gewesen, etwas mehr Schwung in die Angelegenheit zu bringen. Es muss ja nicht gleich eine actionreiche Verfolgungsjagd sein, aber die eine oder andere Kürzung hätte dem Buch vielleicht ganz gutgetan.
In der Summe ist „Der Autogrammhändler“ ein unterhaltsames Buch, das seinen Charme aber erst ab der Mitte wirklich entfalten kann. Zadie Smith schafft es, das Leben ihres Protagonisten anschaulich und humorvoll darzustellen, doch fehlt es der Handlung manchmal an Substanz und an Zielgerichtetheit.
Der Tod ist uns bereits in vielen literarischen Werken begegnet, so zum Beispiel als bedrohliche Gestalt im „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal oder in seiner wohl kuriosesten Form in Terry Pratchetts |Scheibenwelt|. Doch vermutlich haben wir den Tod noch nie so gut kennen gelernt wie in Markus Zusaks „Bücherdiebin“, nie sind wir ihm und seinen Gedanken so nahe gekommen und nie konnten wir ihn so menschlich erleben wie hier. Zusaks Tod möchte dem Sterben eine fröhliche Seite verleihen, sein Tod ist amüsant, achtsam und andächtig, und das sind nur seine guten Eigenschaften mit dem Buchstaben A. Nur ’nett‘, das ist ihm völlig fremd. Hier lohnt sich also ein genauerer Blick …
_“Nett“ ist dem Tod völlig fremd_
Ihre erste Begegnung mit dem Tod hat Liesel im Jahr 1939 im Alter von neun Jahren, als sie zusammen mit ihrem Bruder mit dem Zug nach Molching reist, um dort bei Pflegeeltern zu wohnen. Doch ihr Bruder überlebt die Fahrt nicht und stirbt unterwegs. An den Gleisen begegnet er dem Tod, der seinerseits sogleich von Liesel fasziniert ist. Das junge Mädchen stiehlt in dieser Situation ihr erstes Buch, und zwar das „Handbuch für Totengräber“, anhand dessen sie lesen lernt. Liesel Meminger ist allerdings keine gewöhnliche Diebin, sie stiehlt nicht jedes Buch, sondern sie nimmt sich Bücher nur in bestimmten Situationen und nur, wenn es für sie nicht anders geht. So sind es nur wenige Bücher, die sie im Laufe der Jahre ansammelt, und es sind schlechte Jahre – es ist der Zweite Weltkrieg und die Bomben fallen auf Deutschland und später auch auf die bayrische Stadt Molching.
Der Tod hat uns eine faszinierende Geschichte zu erzählen, nämlich die von Liesel Meminger, die ihm nicht aus dem Kopf gehen will, seit er sie an den Gleisen stehen gesehen hat, als er sich die Seele ihres toten Bruders geholt hat. Liesel wächst bei ihren Pflegeeltern Rosa und Hans Hubermann auf, die fortan ihre Familie bilden. Rosa wirkt nach außen hin sehr schroff und betitelt geliebte Menschen nur mit den Worten „Saumensch“, dennoch gleicht es einer besonderen Auszeichnung, von Rosa diesen Namen zu erhalten, denn nur ihr liebe Menschen nennt sie so. Hans Hubermann ist praktisch das Gegenteil seiner Frau, er ist stets freundlich und hilfsbereit und wird für Liesel eine der wichtigsten Bezugspersonen überhaupt. Er hat bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich, deren wesentliche Ereignisse wir im Laufe der Geschichte kennen lernen. So erfahren wir, wie er einem Juden sein Leben verdankt – und auch ein Akkordeon, das Hans allerdings während des Zweiten Weltkrieges nur noch selten spielt. Eines Tages soll ihn seine Vergangenheit einholen, als nämlich der Sohn von Hans‘ Lebensretter vor der Tür steht und um Zuflucht vor den Nazis bittet.
Liesel freundet sich immer mehr mit Max an, dem Juden, der sich im Keller der Hubermanns versteckt. Immer mehr Zeit verbringt sie bei Max, statt mit ihrem guten Freund Rudi beim Fußball spielen. Dennoch nimmt auch Rudi in Liesels Leben eine ganz wichtige Rolle ein; die beiden verbindet trotz ihres jungen Alters eine tiefe Liebe, die sich Liesel allerdings lange nicht eingestehen kann.
All diese Ereignisse werden überschattet von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, die zunächst kaum nach Molching vordringen, später allerdings dafür umso schrecklicher. Und zwischendurch muss der Tod immer häufiger loseilen, um die Seelen der Toten einzusammeln. In diesen Jahren hat er viel zu tun, dennoch hat er stets ein Auge auf Liesel, der er gar nicht allzu früh wiederbegegnen möchte …
_Tod auf Abwegen_
Markus Zusak hat sich für seine Erzählerrolle eine ganz besondere Figur herausgesucht, und zwar eine der im zweiten Weltkrieg vermutlich am meist Beschäftigten – den Tod. Doch dieser gerät ein wenig auf Abwege, als er die junge Liesel Meminger das erste Mal sieht. Obwohl er ihr nur dreimal begegnet, weiß der Tod erstaunlich gut über Liesel Bescheid. Das hat er dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass er bei der dritten Begegnung Liesels Buch aufsammeln kann, in welchem sie ihre kurze Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Während um sie herum die ganze Welt zusammenbrach, hat Liesel jede Nacht stundenlang geschrieben – eine Geschichte, die nicht nur den Tod fasziniert, sondern auch den Leser. Liesel ist eine Überlebende, oft genug schaut der Tod in ihrer Nachbarschaft, in der Familie und im Freundeskreis vorbei, Liesels Seele jedoch holt der Tod sich erst ganz zum Schluss. Und erst dann kommt es zum ersten kurzen Gespräch zwischen den beiden.
Neben dem Tod ist Liesel die zweite Hauptfigur der Erzählung. Als wir ihr das erste Mal begegnen, ist sie erst neun Jahre alt, dennoch hat sie schon schwere Schicksalsschläge einstecken müssen. Sie wächst bei Pflegeeltern auf – ohne ihren Bruder, der bereits am Anfang des Buches stirbt. Liesel wird schneller erwachsen, als man es ihr wünschen mag. Sie erlebt die Kriegsgräuel hautnah mit, muss geliebten Menschen beim Sterben zusehen und verliert nach und nach viele geliebte Menschen. Als ihre Eltern einen Juden bei sich im Keller verstecken, kümmert sich Liesel nicht nur liebevoll um ihn, sondern sie versteht auch gleich trotz ihres jungen Alters die Schwere dieser Situation und vertraut sich nicht einmal ihrem besten Freund Rudi an. Sie wird erfinderisch, als die Nazis die Häuser auf der Suche nach geeigneten Luftschutzkellern durchkämmen, und rettet Max damit das Leben.
Ihre Liebe zu Büchern, in denen sie sich vollkommen verlieren kann und die es ihr erlauben, in eine andere, faszinierende Welt einzutauchen, macht Liesel noch sympathischer. Und obwohl Liesel eine erstaunliche Entwicklung durchmacht, bleibt sie doch stets glaubwürdig, denn es sind meist einschneidende Erlebnisse, die sie einen Schritt nach vorne in Richtung Erwachsenendasein tun lassen.
_Nicht noch ein solches Buch?!_
„Die Bücherdiebin“ mag das x-te Buch in einer Reihe voller Romane über die NS-Zeit sein, dennoch hebt es sich von der Masse ab. Markus Zusak schreibt frei von Kitsch und berührt dennoch die Herzen seiner Leser – und das, obwohl er selbst keine eigenen Erinnerungen an diese Zeit hat, sondern auf den Erfahrungsschatz seiner Eltern zurückgreifen musste.
Obwohl das Buch direkt im Jahr 1939 zu Beginn des zweiten Weltkrieges einsteigt, bleiben die Kriegserlebnisse längere Zeit eher im Hintergrund. Der Tod bekommt immer mehr zu tun, dennoch stehen weiterhin Liesel Meminger und Rudi Steiner sowie ihre Freundschaft im Vordergrund der Erzählung. Die beiden gehen auf Diebestour, denn der Hunger ist groß. Ein paar Äpfel als Diebesgut sind Belohnung genug für die beiden, auch wenn Liesels ausgehungerter Magen die Nahrungsaufnahme gar nicht verträgt. In die Geschichte eingewoben, klingt also das Elend durch, in dem die Menschen damals gelebt haben. Auch dass Rosa Hubermann die Kunden davonlaufen, weil die meisten Menschen es sich nicht mehr leisten können, sich von ihr die Wäsche waschen zu lassen, ist Zeichen genug. Dennoch geht es vordergründig weiterhin um Liesel, denn der Tod will eigentlich gar nicht so sehr die Geschichte des Krieges erzählen, sondern die der Bücherdiebin, die ihre Zuflucht in den Büchern findet. Lesen ist für sie die Flucht vor Albträumen oder schlimmen Gedanken. Auch im Luftschutzraum während eines Bombenalarms ist es ein Buch, das nicht nur Liesel von der elenden Warterei ablenkt, sondern auch ihre Freunde und Nachbarn. So liest Liesel Kapitel um Kapitel, während die Menschen fürchten müssen, dass währenddessen ihr Hab und Gut weggebombt wird. Doch Liesels Worte lassen die Menschen kurzzeitig in eine fremde Welt flüchten.
„Die Bücherdiebin“ ist nicht einfach nur ein Buch über die NS-Zeit, es ist ein mitreißendes Portrait einer ganz besonderen Buchliebhaberin, die schnell die Herzen aller Leser erobert. Stilistisch ist das vorliegende Werk allerdings oftmals gewöhnungsbedürftig. Einen Einstieg habe ich lange nicht gefunden, weil ich nicht wusste, worauf Markus Zusak hinaus will. Zu kurz waren die ersten Kapitel, als dass ich mich schnell hätte einlesen können. Oftmals sind es mehrere zusammenhanglose Absätze, die auf einer Seite aneinander gereiht sind. Auch die vielen fettgedruckten Passagen, die Randbemerkungen, nähere Erläuterungen oder Personenvorstellungen darstellen bzw. etwas besonders hervorheben sollen, unterbrechen häufig den Lesefluss. Darüber hinaus sind viele Sätze arg knapp geraten, sodass die Sprache teils abgehackt anmutet. Lange braucht es daher, bis das Buch seine volle Faszination entfaltet und man tatsächlich in der Geschichte versinken kann. Dann allerdings sind viele schöne Schätze zu entdecken. Besonders berührt hat mich die Geschichte, die Max für Liesel geschrieben hat. Keinen Zugang habe ich allerdings zu seinen Skizzen gefunden. Ich bin etwas zwiegespalten bei diesem Buch, denn die Grundgeschichte, die Charaktere und viele von Zusaks Erzählungen sind einfach nur schön, doch manche Stilmittel empfand ich bis zum Schluss als störend. So bin ich durchgehend zusammengezuckt, wenn Rosa ihre Pflegetochter mit „Saumensch“ anredet. Die fettgedruckten Absätze sehen zwar durchaus hübsch aus, sie stören aber immer wieder den Lesefluss, zumal sie oftmals inhaltlich wenig zu sagen haben.
Unter dem Strich bleibt dennoch ein überaus positiver Eindruck zurück, obwohl ich denke, dass das Buch eher für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren geschrieben ist. Viele Details dürften zu jungen Lesern womöglich verborgen bleiben, zumal sich das Buch nicht immer ganz ‚unanstrengend‘ liest. Wenn man sich aber erst mal auf das Buch eingelassen hat, entdeckt man das ganz Besondere an der „Bücherdiebin“. Markus Zusak ist hier sicher ein ganz großer Wurf gelungen. Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, blieben bei mir ein wenig Trauer zurück, weil ich eine liebgewonnene Freundin verlassen musste, und der Wunsch, noch mehr über Liesel zu erfahren und über die Jahre zwischen ihrer dritten Begegnung mit dem Tod und dem schlussendlich letzten Zusammentreffen, aber das werden wir vermutlich nie erfahren – schade.
|Originaltitel: The Book Thief
Originalverlag: Random House US/UK
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Ab 12 Jahren
Gebundenes Buch, 592 Seiten|
[Homepage des Autors]http://www.randomhouse.com/features/markuszusak/
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=10217
„Was bleibt“ ist ein wunderschön aufgemachter kleiner Band mit 18 Shorties von Thomas Sabottka, die mit Fotografien des Künstlers Butow Maler verziert wurden – eine grandiose Verquickung von Bildband und Kurzgeschichtensammlung rund um den Tod. Ein zentrales Motiv ist darüber hinaus die Donau, deren tückische Strömungen im Laufe der Zeit unzähligen Menschen den Tod brachten. Thomas Sabottka hat auf knapp 100 Seiten viele Schicksale von Menschen geschildert, die in den Fluten oder an dessen Ufern umkamen.
Das bizarre Erlebnis eines Taxifahrers, der mysteriöse Leichenfund eines toten Kindes im Jahr 1840, ein kleiner Junge, der für eine heiße Brühe sein Leben in den kalten Wassern der Donau aushaucht. Die Geschichten, die Thomas Sabottka hier erzählt, sind kurz, aber eindringlich und schaffen auf wenigen Seiten etwas, das vielen Autoren mit dicken Wälzern nicht gelingen will: Sie berühren den Leser. Oftmals beinhalten die Zeilen eine große Traurigkeit und Wehmut; berichten davon, wie schnell eine Existenz, eben noch von ungebändigter Lebenslust erfüllt, enden kann.
Da wird von einem Mann erzählt, der Zeit seines Lebens sein Geld als Clown in einem Zirkus verdiente, wo ihn die Leute nur als lebensfrohen, lustigen Menschen kannten und der sein Dasein durch einen Sprung von der Brücke beendet. Ein Fotomodel leidet unter der Anonymität ihrer Schönheit und sucht die Flucht in den Tod. Bei diesen Geschichten beweist Sabottka seine Vielseitigkeit und beschreibt einfühlsam, wie tröstend für einige Menschen die Erlösung sein kann.
Düster bedrohlich geht es in den Erzählungen „Hafensanierung“, „Memorial“ und „Am Ende der Nacht“ zu, die einen morbiden und surrealen Touch aufweisen, der an Erzählungen von Edgar Allan Poe erinnert. Zugleich greifen einige der Geschichten auf faszinierende Art und Weise ineinander, es empfiehlt sich also, das Buch der Reihe nach zu lesen und nicht querbeet, auch wenn dies nicht heißen soll, dass man nicht einen zweiten oder dritten Blick auf besonders einprägsame Storys werfen kann.
Nur über eines sollte man sich im Klaren sein: Obwohl die Texte sehr kurz sind und das Buch insgesamt sehr dünn ist, kann man es nicht „mal eben zwischendurch“ lesen. Die Geschichten ziehen den Leser unweigerlich in ihren Bann und beschäftigen ihn noch lange nach der Lektüre. Daher ist dieses Werk ein Buch, das man in angemessener Atmosphäre und in nicht allzu trübsinniger Stimmung genießen sollte.
Die Bilder von Butow Maler sind einfach grandios und passen in ihrer Eigenwilligkeit und Melancholie ebenso treffend zu den Texten wie in der Wahl ihrer Motive.
_Fazit:_ „Was bleibt“ ist ein nachdenklich stimmender, wunderschön aufgemachter Band mit einfühlsamen Erzählungen von Thomas Sabottka und kunstvollen Schwarzweiß-Fotografien von Butow Maler. Das Thema Tod wird hier in seinen unterschiedlichsten Facetten behandelt, und trotz seines stattlichen Preises von 15 Euro ist das Buch jeden Cent wert.
|… Wie gerne würde ich diese Fahrt in wundersame, weil schöne Sprache kleiden, doch versagt mir der Charakter, dies eigene Wesen von Grausamkeit, ein solches Ansinnen. Der Rückzug in Geisteshüllen, die uns lieblich drücken – ans Herz oder sonstwo -, bleibt mir ein Übel, das ich im Folgenden zu besiegen habe. Man möge mir deshalb stets eng folgen, mich auf Strich und Faden begleiten, wenn ich nichtsdestotrotz meine Erinnerung entspinne, sie aufspüre.|
_Storys:_
Byzantinischer Schlaf
Abziehbild eines Ausgangs
Kubbeln
Nur ein Flügel hat gestreift
Sternenhagel
Jenseitsraum
Rasender Schwund
Rabenwetter
Nachwort: Rätsel in Wort und Mensch
_Meinung:_
Texte von Dominik Irtenkauf spalten mit Sicherheit die (Lese-)Nation. Sein Stil, der jenseits des Mainstreams liegt und sich dem modernen Sprachbild entzieht, mutet wie aus einer anderen Wirklichkeit an – und gerade das zeichnet ihn aus, macht ihn anspruchsvoll und fordert dem Leser ab, sich auf ihn einzulassen. Auch die Plots sind keine Einheitskost, sondern allesamt „eigen“ bis „surrealistisch“ – aber genau aus diesem Grund bleiben sie länger als manch andere Texte im Kopf des Lesers haften.
Man merkt dem Autor seine Belesenheit an; seine Wortkreationen sind oft durchwirkt von klassischen Elementen, aber immer nur in exakt der Prise erkennbar, um den neuen Inhalt, das neue Gewand nicht zu überlagern, so wie das Gewürz eine Speise abrundet, ihr den letzten Pfiff gibt, aber nur zart zu erschmecken sein sollte.
Dominik Irtenkauf vermag es mit wenigen Worten, den Leser nach Istanbul zu entführen, zaubert ihm orientalische Bilder vor das geistige Auge. Man riecht fast die süßlichen Düfte exotischer Gewürze. Dann ist man direkt dabei, wenn es um das formbare Land der Seele des „Namenlosen“ geht. Nichts ist uns fremd an den Worten des Autors, an seinen Erkenntnissen – wie: |Wäre uns der Tod nicht ein ernster Feind, so könnten wir uns einfach ergeben in unser Schicksal.|
In „Nur ein Flügel hat gestreift“ rühren Dominik Irtenkaufs einfühlsam erzählte Kindheitserinnerungen eines Mannes und wie sie in sein Erwachsenendasein greifen. Die besondere Beziehung seiner Eltern, die „über das Jahr nicht viel miteinander sprachen, sondern es bei innigen Blicken beließen“. Man spürt sie fast, die Intensität dieser Blicke, die tiefer geht als jedes gesprochene Wort, es somit überflüssig macht. Umso weniger sind es die geschriebenen von Dominik Irtenkauf, denn sie bringen Menschen, ihre Gefühle, ihre Seelenbrandung, ihre Zwänge und Entgleisungen näher. So auch in dieser Geschichte, die zeigt, wie zerbrechlich Harmonie ist, wie kostbar Bindungen von Menschen sind und schmerzend, wenn einem bewusst wird, dass sie zerbrochen sind.
Der vorliegende Kurzgeschichtenband ist eine Crossoversammlung, ein Kaleidoskop verschiedener erzählerischer Sichtweisen, ein Wort-Experiment, ein teilweise literarisches Aufbegehren – Texte mit Profil, die in kein Schema passen. Und das ist gut so! Der Autor gibt in seinem Nachwort an, dass seine Absicht in der Bewusstmachung der verschrobenen Wege im eigenen Kopf liegt, denn keiner könne sich von Prägungen und auch Bequemlichkeiten freisprechen. Wohl wahr, wohl wahr. Besonders Letztere stehen oft der Entwicklung und dem persönlichen Glück, der Entfaltung im Wege. Bequemlichkeit ist ein Joch der Zeit, und somit ein Joch der Menschen.
Dominik Irtenkauf spricht auch die Vorschriften an, denen wir uns alle zu beugen und unterzuordnen haben. Auch die Literatur gehört dazu – und eben jenem Diktat entzieht sich der Autor dankenswerterweise, scheint somit nicht in unsere Zeit zu passen, ein junger Klassiker zu sein – und genau von eben jenen kann es nicht genug geben. Sie sind der Anker dessen, was wir Wortkunst nennen, was die Texte lebendig werden lässt, ihnen einen Odem einhaucht und sie aus der Masse hervorstechen lässt.
Es ist schwierig, über einen Band mit kurzen Texten nicht zu viel zu verraten, denn das wäre besonders im Fall von „Worträtseln“ ein fataler Fehler, nähme man ihnen doch damit die Wirkung. Daher sei über den Inhalt der Geschichten nichts verraten. Doch sei so viel erwähnt, dass mich „Verunglückung“ besonders nachhaltig erreicht hat. Der Text weckte Gefühle und Affinität in mir, über die Existenz, verlorene Existenz, wie schnell einem das Leben entgleitet, man sprachlos wird, besonders in der Zweisamkeit. Wie schwer es ist, Frieden zu erlangen. In sich selbst und mit anderen. Vorrangig in sich selbst. Wie die Ohnmacht greift, wenn sich das Leben schon zu Lebzeiten von einem verabschiedet und man wie ein Statist danebensteht.
Domini Irtenkauf sagt: |“Leser hin oder her – man muss den Mut aufbringen, von Zeit zu Zeit das geheime Wort auszusprechen, es einzugestehen. Der geheimnisvolle Weg geht nach innen!, meint Novalis, und ich schließe mich dem an.“| Ich wiederum schließe mich Dominik Irtenkauf an und wünsche mir mehr Autoren, die diesen Mut besitzen. Die Leser mögen es ihnen danken!
Ein kleines Härchen in der schmackhaften Suppe gibt es jedoch, und es sei nicht unerwähnt: Was die textliche Besonderheit des Bandes abgerundet hätte, wäre ein sorgfältigeres Lektorat, das Ungereimtheiten wie „und scharte um sich eine kleine Schar“ ausbügelt – zum Wohle des Autors und des Textes. Doch ist es Kleinverlagen wie diesem oftmals nicht gegeben, gute und somit teure Lektoren zu verdingen. Und schließlich sind es solche Verlage, die den Leser überhaupt in den Genuss solcher Texte und Autoren bringen, vor denen sich der Mainstream verschließt. Daher sei dieses einzige Manko zwar erwähnt, aber es ist dennoch nicht ausschlaggebend für die Güteklasse dieses kleinen, feinen Bandes.
_Fazit:_ Eine kleine literarische Besonderheit, die Beachtung verdient. Mehr davon!
|Mischwesen Autorenverlag, 2007
Kurzgeschichtensammlung
ISBN 978-3-938313-09-1
Linolschnitte: Fabian Oettel
Titelbild, Gestaltung und Satz: Bernhard Straßer
Paperback DIN A5, 142 Seiten|
http://www.mischwesen-av.de
_Dominik Irtenkauf auf |Buchwurm.info|:_
[„Subkultur und Subversion. Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen“ 2656
[„Teufel in der Tasche, Der. Ein Reisebegleiter in seine Welt“ 2657
Dass die Musikbranche nicht unbedingt das Paradies auf Erden ist, sollte jeder wissen, der sich ein wenig intensiver mit dem ‚Business‘ auseinandersetzt. Viele Künstler verlieren trotz treuer Fangemeinde ihre Plattenverträge, weil sie nicht genug verkaufen. Nicht immer ist dabei der Künstler selbst schuld. Häufig liegt der Fehler in der Promotionabteilung, die das Produkt nicht entsprechend in der Medien- oder Clubwelt platzieren konnte. Miese Verkaufszahlen sind aber nicht nur für die SängerInnen oder Gruppen gefährlich. So genannte |A & R|-Leute, die für das Auffinden neuer Musikacts oder Trends zuständig sind, dürfen sich nicht zu viele Fehltritte, sprich gescheiterte Projekte leisten, wenn sie nicht vor die Tür gesetzt werden wollen.
John Niven hat als |A & R|-Manager gearbeitet. Er weiß also, worüber er in „Kill Your Friends“ schreibt, auch wenn zu hoffen ist, dass die Erlebnisse von Protagonist Steven Stelfox so wenig biografische Züge wie möglich tragen. Stelfox ist nämlich nicht unbedingt ein Sympathieträger. Er ist drogenabhängig, misanthrop, und wenn es um die Karriere geht, greift er auch einmal zu unsauberen Mitteln. Die Bezeichnung ‚Arschloch‘ ist vermutlich noch milde für den |A & R|-Manager einer großen Plattenfirma, der nur wenige wirkliche Erfolge in letzter Zeit verbuchen konnte. Im Gegenteil hat er solche Rohrkrepierer unter Vertrag genommen wie beispielsweise den schwarzen Drum-’n‘-Base-Produzenten Rage, der Unmengen von Vorschüssen verschlingt, aber entweder gar nichts oder nur schlechte Musik abliefert. Ohne Frage braucht Steven mal wieder einen Hit, doch zwischen all den Orgien, die er mit seinen Kollegen in England, Nizza oder Amerika feiert, bleiben ihm nur wenige klare Minuten, die zudem häufig für die Konkurrenzkämpfe mit anderen |A & R|s draufgehen. Als Kollegen, die der Egozentriker als Loser wahrnimmt, karrieretechnisch an ihm vorbeiziehen, während seine eigene Laufbahn den Bach hinuntergeht, greift Steven zu radikalen Mitteln …
Die Taschenbuchreihe |Heyne Hardcore| hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Literatur, die nicht unbedingt brav ist, eine Heimat zu geben. „Kill Your Friends“ ist dementsprechend nichts für Zartbesaitete. Niven beschönigt nichts und macht sich noch nicht mal die Mühe, einen moralisch integeren Protagonisten zu entwerfen. Steven Stelfox, der aus der Ich-Perspektive erzählt, ist boshaft, zynisch und nimmt kein Blatt vor den Mund. Er lästert schamlos über seine Kollegen, über Frauen im Allgemeinen und all die Indiebands, die von den |A & R|-Managern tagtäglich hinters Licht geführt werden. Er bemerkt dabei nicht, dass er nach den zahllosen Drogen- und Alkoholexzessen ein ziemliches Wrack ist, doch der Autor schafft es, die Verzweiflung des jungen Mannes zwischen den Zeilen zu transportieren. Der Leser sieht folglich recht gut, was in Wirklichkeit passiert, während Stelfox weiterhin seiner hedonistischen Illusionen aufsitzt.
In diesem Zusammenhang spielt der Schreibstil eine wichtige Rolle, denn er muss auf der einen Seite Steven so authentisch wie möglich darstellen und auf der anderen seine Verzweiflung durchschimmern lassen. John Niven meistert dies grandios. Bereits nach wenigen Zeilen fühlt man sich als Leser so, als ob man Stelfox schon sehr lange kennen würde – vielleicht nicht unbedingt persönlich, aber als Romanfigur. Der flüssige Schreibstil mit Wiedererkennungswert korrespondiert gut mit Stelfox‘ Gedankenwelt und bietet eine durchaus interessante Sichtweise auf das Leben. Diese ist selten politisch korrekt. Zugegeben sind einige der Erniedrigungen und Bezeichnungen für Frauen oder Ausländer ziemlich grenzwertig. Der kalte, abschätzige Erzählstil hebt sich aber nicht nur dadurch hervor, sexuelle Kontakte mit möglichst kreativen Begriffen zu umschreiben oder eine möglichst hohe Anzahl von Fäkalausdrucken auf jeder Seite vorzuweisen. Des Weiteren kann Niven auch mit seinem Wortschatz, der eben nicht nur aus ordinären Begriffen besteht, und seinen gelungenen Bildern und Metaphern glänzen. Es bleibt zotig, aber Niven vergisst darüber nicht, wie man ein gutes, eindringliches Buch schreibt.
Wenn ein Roman derart auf eine Hauptperson und ihre Gedankenwelt fixiert ist, hat die Handlung es häufig schwer. Das gilt auch für „Kill Your Friends“. Man darf keinen von vorne bis hinten durchkonstruierten Plot erwarten. Gerade am Anfang wird viel Nebensächliches erzählt, und manch einer wird gerade die detaillierten Beschreibungen von Stelfox‘ Exzessen etwas überzogen finden. Niven gelingt es allerdings trotzdem, Substanz in seine Geschichte zu bringen. Er übertreibt es nicht, die unehrliche und selten erfolgreiche Arbeit des |A & R| Steven Stelfox in aller Länge und Breite zu schildern, da es ihm nicht um ein Konterfei der Musikindustrie zu gehen scheint. Stattdessen bringt er auf halber Strecke tatsächlich noch etwas wie eine ‚echte‘ Handlung unter, die sich trotz gegenläufiger Erwartungen als solide und passend herausstellt.
Für Freunde der etwas derberen Unterhaltung ist „Kill Your Friends“ eine gute Adresse. Das Buch vereint einen hassenswerten Protagonisten mit Wortwitz, Zynismus und Boshaftigkeit und überzeugt auch handwerklich auf ganzer Linie. Der Schreibstil, so politisch unkorrekt er auch anmutet, ist für Leute, die derartige Bücher gerne lesen, ein Fest.
Man nehme drei Personen, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben, mische das Ganze mit Ereignissen aus Gegenwart und Vergangenheit und heraus kommen einige spannende Stunden Lektüre. Genau das hat der Franzose Thierry Jonquet in seinem Roman „Die Haut, in der ich wohne“ getan. Auf dem Klappentext wird nicht nur die Verfilmung von Pedro Almodóvar mit Penelope Cruz und Antonio Banderas angepriesen, sondern auch auf die außerordentliche Spannung des Buches hingewiesen. Anfangs irritiert das ein wenig, denn das Buch ist eher ein Büchlein. Mit nur 141 Seiten ist es nämlich nicht unbedingt umfangreich. Wie man bei der Lektüre schnell merkt, ist es aber nicht immer nur die Länge eines Buches, die über seine Qualität entscheidet.
„Die Haut, in der ich wohne“ hat einen beinahe kammerspielhaften Charakter. Nur wenige Personen treten auf. Genauer gesagt sind es drei, die sich dem Leser in drei Perspektiven präsentieren. Auffällig ist dabei, dass man zuerst keinen Zusammenhang zwischen dem flüchtigen Bankräuber Alex, dem Schönheitschirurgen Lafargue und der namenlosen Person herstellen kann. Sie scheinen sich nicht zu kennen und ihre Wege führen in scheinbar unterschiedliche Richtungen. Alex überlegt fieberhaft, wie er sich nach dem Bankraub der Verfolgung durch die Polizei entziehen soll. Aus Versehen hat er dabei nämlich einen Mann – und dann auch noch einen Polizisten – erschossen. Bis jetzt hat er sich verstecken können, aber wie soll es weitergehen? Und was soll er mit der Beute machen, ohne mit dem gestohlenen Bargeld aufzufallen?
Der Schönheitschirurg Lafargue hat ganz andere Probleme. Anfangs ist er dem Leser ein Rätsel. Ist er vielleicht nur ein alter Perverser, der sich daran aufgeilt, eine junge Frau zur Prostitution zu zwingen und ihr dabei durch ein verspiegeltes Fenster zuzusehen? Mysteriös ist, dass er Ève in seiner großen Villa einsperrt, ihr ansonsten aber ein sehr großzügiges Leben ermöglicht. Und auch die junge Frau scheint nicht ganz unzufrieden mit dem Arrangement, auch wenn sie Lafargue immer wieder sabotiert. Was steckt hinter dem Paar? Wie ist seine Vorgeschichte? Und wie lässt sich dieses komische Pärchen mit Alex und dem anonymen, dritten Charakter, der aus einer unheimlichen Gefangenschaft heraus erzählt, verbinden?
Jonquet schafft es auf grandiose Art, diese unterschiedlichen Menschen zusammenzuführen. Überraschend ist dabei vor allem, dass ihm dies auf eine glaubwürdige und spannende Weise gelingt. Das ist schließlich nicht selbstverständlich bei Geschichten mit diesem Aufbau, doch der Franzose meistert diese Hürde souverän. Ihm gelingt eine bemerkenswerte Erzählung, die mehr als eine überraschende Wendung nimmt und den Leser wortwörtlich in Atem hält. Daneben muss man Jonquets Fähigkeit zum Geschichtenspinnen einfach bewundern. Geradezu virtuos lässt er die verschiedenen Charaktere, ihre Perspektiven, die Gegenwart und Vergangenheit ineinander übergehen, und er benötigt noch nicht mal viele Seiten, um dies zu tun. Er verzichtet auf nebensächliche Handlungen, alles scheint auf das grandiose Ende ausgerichtet, und trotz dieser deutlichen Konstruiertheit pulsiert die Geschichte vor Leben und wirkt – trotz ihrer Skurrilität – authentisch.
Dazu trägt sicherlich der düstere Ton der Geschichte bei, der das Hauptaugenmerk auf die dunkle Seite der Charaktere legt und für beklemmende Gefühle sorgt. Der Tonfall wird von einer teilweise poetischen, stimmigen Sprache transportiert. Jonquet benutzt viele Beschreibungen von Schauplätzen, aber auch Gefühlen oder körperlichen Zuständen, um dem Leser in knappen, aber ausdrucksstarken Worten ein plastisches Bild zu vermitteln. Besonders gut gelingt ihm dies bei der Perspektive, die durch ein kursives Schriftbild hervorgehoben wird. Dabei wird nicht aus der Perspektive der ersten oder dritten Person geschrieben, sondern der Erzähler spricht den lange Zeit anonym bleibenden Charakter mit einem persönlichen „Du“ an und erzählt ihm quasi, was er gerade erlebt. Dadurch wird diese Person nicht nur sehr stark hervorgehoben, sondern auch eine sehr eindringliche und interessante Schilderung der bizarren Situation und der Gefühle ermöglicht.
Die Figuren, auf denen eine Menge Aufmerksamkeit ruht, sind stark am Schreibstil ausgerichtet. Da ihre Gefühle und Gedanken darüber transportiert werden, lernt der Leser sie durch die eindringlichen und gleichzeitig nüchternen Worte sehr gut kennen. Sie scheinen perfekt ausgelotet und sind dabei alles andere als die netten Nachbarn von nebenan. Ihr auf den ersten Blick abstrus wirkendes Handeln wird durch Emotionen geleitet, die Jonquet realistisch darstellt. Die Personen werden dadurch sehr tiefgängig, und auch wenn der Leser kaum etwas mit ihnen gemeinsam hat, kann er sich mit ihren Schmerzen und Problemen in gewissem Maß identifizieren.
Thierry Jonquets „Die Haut, in der ich wohne“ stellt sich letztendlich als ein sehr interessantes, spannendes und großartig geschriebenes Büchlein heraus. Der Franzose holt aus einer geringen Anzahl von Schauplätzen, Personen und Ereignissen das Beste heraus. Ganz wie der französische Originaltitel „Mygale“ (dt.: Vogelspinne) andeutet, webt er ein dichtes Netz, bestehend aus einer klaren Sprache, überraschenden Handlungselementen und düsteren Charakteren, das den anspruchsvolleren Leser sicher einwickeln wird.
_Thierry Jonquet bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Unsterblichen“ 930
Bereits in seinem ersten Roman [„Keine weiteren Fragen“ 3258 hat der Brite David Nicholls bewiesen, dass er sich auf sympathischen Losertypen versteht. Der Titel hat sich gut verkauft und die Filmrechte wurden bereits an Tom Hanks‘ Produktionsfirma |Playtone| abgetreten. Man darf also zu Recht erwarten, dass sich Nicholls auch mit seinem zweiten Roman „Ewig Zweiter“ gut schlägt – vor allem auch deswegen, weil es diesmal um eine Thematik geht, die auch Parallelen zu seiner eigenen Biographie offenbart – Nicholls hat jahrelang als Schauspieler gearbeitet, bevor er sich aufs Schreiben verlegte.
Alexander Graeff hat ein schönes Büchlein mit kurzen Prosastücken vorgelegt, die leicht zu lesen sind und zugleich in die Tiefe gehen. Eine echte Bereicherung sind auch die Illustrationen von Guglielmo Manenti, bei deren Betrachtung sich ähnlich vielfältige Assoziationsräume öffnen wie beim Lesen der Texte.
Lesend und schauend tun sich Welten auf, die sonst unter der Alltagsoberfläche verborgen liegen oder gar ein noch heimlicheres Dasein in tieferen Schichten des Ichs führen. Alexander Graeff spielt mit Assoziationen und Erinnerungseinbrüchen, welche die „Realität“ für die Dauer der Geschichte an den Rand drängen, ohne jedoch das „Alltägliche“ gänzlich aus den Augen zu verlieren. Zuweilen erscheinen die geschilderten Begegnungen und Begebenheiten seltsam zeitlos, losgelöst von konkreten Orten und aktuellem Tagesgeschäft. Dann wieder liest man, leichthin eingestreut, von vertrauten Straßennamen, bekannten Plätzen, Café-Besuchen, U-Bahn-Fahrten und all jenen Dingen, die bei einem Spaziergang durch die Großstadt mit wachem Blick erfahrbar sind. Gerade dieses Wiedererkennen alltäglicher „Rituale“ trägt dazu bei, dass der Leser auch vor abstrakteren Gedankengängen nicht zurückschreckt.
Ein besonders gelungenes Beispiel für das locker verwobene Netz von Alltag und Transzendenz, Exotik und allzu Vertrautem stellt für mich die Geschichte „Die Kunstmaler“ dar: Ein Kaleidoskop an „Parallelwelten“ eröffnet sich, in dem die Bewohner einer Künstlerkolonie mit den Meistern, deren Werke sie kopieren, verschwimmen, der Erzähler sich von einem Unbekannten verfolgt glaubt und der verzweifelte Kinderwunsch eines jungen Paares in der Errichtung einer unheimlichen, halborganischen Skulptur gipfelt.
Nach dem Zuschlagen des Büchleins liegen unzählige Fragen auf der Zunge, hängen unzählige Bilder im Kopf.
Wie schon in den Worten zum Geleit dem Leser mitgegeben, sind die Texte essentiell „unabgeschlossen“, die Gedanken, die Alexander Graeff vor dem Leser ausbreitet, „in Schleifen gebettete Fragmente“. Darauf kann sich sicherlich nicht jede/r Leser/in in jeder Situation einlassen, trotz der Kürze der Texte. Mehr als intellektuelle Konzentration erfordert das Lesen eine beinahe meditative Herangehensweise. Wer sich die Zeit und Ruhe nimmt, sich auf die literarischen Kontrapunkt zur hektischen, reizüberfluteten Alltagswelt einzulassen, dem werden flüchtige Blicke hinüber in jene verschollenen „Parallelwelten“ gewährt, ähnlich jenen Erinnerungsfetzen aus der Kindheit, die überreich an Sinneseindrücken, aber aus jeglichem „vernünftigen“ Kontext gerissen, uns ein Leben lang begleiten. In diesen Erinnerungen gibt es kein klar voneinander abgegrenztes „Gut“ und „Böse“, sie sind intensiv und wunderschön und zugleich oftmals verstörend.
Mancher Leser wird sich von den hingestreuten Hinweisen, den aufgenommenen und wieder fallen gelassenen Fäden, den kurz geöffneten und wieder zugeschlagenen Falltüren sicherlich irritiert fühlen. Zu sehr sind wir darauf trainiert, Antworten auf unsere Fragen zu verlangen, und werden leicht ungehalten, wenn wir sie nicht unmittelbar und in mundgerechten Stücken serviert bekommen. Jedoch schafft es das Buch durch seine spielerische Leichtigkeit im Umgang auch mit philosophischen, metaphysischen Fragen, den Leser aus den alltäglichen Erwartungen herauszureißen und zum Versinken in eine andere Welt einzuladen.
Mehr als die Tür einen Spalt weit aufstoßen kann der Autor nicht tun. Hindurchgehen muss jeder Leser allein.
|Wenn ein klassischer Traum an einer Zaunpassage steht und mit braunem Blatt beantwortet wird, wenn die Erinnerung jemanden in die Verfremdung schiebt, oder wenn die Noten verhohlen über jemanden zu sprechen scheinen, wenn ein Widergänger wieder zu gehen versucht, eine Melancholistin einen Kobold namens Freudlos trifft, einem Prediger von allen Predigern gepredigt wird oder wenn einem venezianischem Glasbläser nur noch die Liebe zu einem gläsernen Ebenbild verbleibt, dann ist Dunkles am Werk gewesen, dann ist die Moral eher eine arge Entstellung ihrer Selbst und, würde der Teufel lesen, so wären ihm diese Märchen gerade recht …|
_Inhalt_
1. Braune Blätter und eine Zaunpassage
2. Erinnerungsschub
3. Das Notengespräch
4. Der Widergänger
5. Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos
6. Prediger
7. Der Glasbläser
_Erinnerungen, Kopfkino und verbale Melancholie – ein Buch, dessen Texte in das Innerste des Lesers dringt._
Marc-Alastor E.-E. schrieb mir einmal: „Jedes Buch hat seine Zeit!“, und ich kann dem nur zustimmen. Sowohl, es zu schreiben, als auch, es zu lesen! Ich hatte mit Letzterem das Vergnügen, und noch nach Wochen wirkt die verbale Melancholie, die den Seiten des Buches entströmt, in mir nach. Immer noch formieren sich neue Bilder vor meinem geistigen Auge. Wie eine Abfolge einzelner Fragmente, die nach und nach das Gesamte ausmachen.
Zeit ist wesentlich, was diese Texte angeht. Man muss sie ihnen schenken, sie sich für sie nehmen – sie fordern sie dem Leser geradezu ab. Zu Recht, wie ich betonen möchte. Denn sie verdienen sie, weil ihre Besonderheit dem |flüchtigen| Leser verborgen bliebe. Lässt man sich aber auf sie ein, folgt man ihrem speziellen Sprachrhythmus, ihrem düsteren Pfad und huldigt ihnen, treffen sie Nerven, die man längst taub und gekappt wähnte.
_Braune Blätter und eine Zaunpassage_ mag auf den ersten Blick wie ein klassisches Märchen anmuten, sieht man einmal von dem Ausgang ab. Liebe – und was daraus werden kann – ist der augenscheinliche Plot dieser Kurzgeschichte. Und dennoch beinhaltet sie all das, was damit zusammenhängt. Was Liebe auszuhalten vermag, was sie bewirkt, wie sie das Leben bestimmen kann, welche ungeahnten Facetten sie in uns zum Leben erweckt.
Aber da ist auch wie immer die Kehrseite der Medaille, über die ich nichts verraten will, die aber wie der Fluss dieser Märchen natürlich ist. Womit ich bei einem Punkt bin, der ebenfalls anspricht: die Liebe zur Natur, die nicht nur in diesem Märchen erkennbar wird und die meist auch einen Bezug zur Handlung hat.
So hier: Man tanzt mit der Prinzessin durch die hohen Süßgräser der Ebene und trägt somit wie sie die Freude im Herzen, und wenn sich dann die grauen Wolken über dem diesigen Himmel verdichten, begleiten wir die bekümmerte Prinzessin zu ihrem Lieblingsbaum – dem Lorbeer. Eben jenem, der mit ihr leidet, als die Schatten der Liebe über sie fallen, und sein Grün verliert.
_Erinnerungsschub_ lautet der Titel des zweiten Märchens, wie er nicht passender sein könnte, denn es ist eine der sieben Fabeln, die in vielen Lesern wohl eben jenen hervorrufen kann. Es ist auch der surrealistischste Text dieses Buches – und hat vielleicht gerade aus dem Grund die Bezeichnung Erinnerungs|schub| am trefflichsten verdient. Weil die Gesamtheit am nachdenklichsten stimmt und somit besonders in die Tiefe geht. Es lässt einen nicht los, und man fragt sich: warum spricht mich diese Geschichte so an?
Und dann beginnt man sich zu erinnern. An die vermeintlich kleinen Dinge, die man längst aus der Realität der Erwachsenenwelt verdrängt hat. Dank Hinrich, dem Zwölfjährigen, der gegen manche Unbillen ankämpfen muss, die so vertraut anmuten: der Spott der Gleichaltrigen, die blonde Marguerite, die Hinrich für eine falsche Prophetin hält, deren tänzelnden Schritt er aber ebenso bewundert wie ihre schon damenhafte Haltung.
Der Autor vermag es, auf präzise Weise Gefühle zu wecken, die gerade wegen ihrer Widersprüchlichkeit nicht unverfälschter sein könnten. Man leidet mit Hinrich, aber man lacht (ich sogar einige Male laut und wie befreit und frage mich, wann das ein Text das letzte Mal vermocht hat, finde darauf keine Antwort, somit muss es lange her sein) auch über ihn – man lacht nicht herabwürdigend oder schadenfroh, sondern liebevoll vertraut und menschlich erheitert (wenn Hinrich nach einer Demütigung mit seinen Hosen kämpft, die dank Nässe nicht der Erdanziehung trotzen wollen).
Und schon deutet die Gefühlsnadel des Märchenkompasses voll auf mich! Ich kann mich ihnen nicht mehr entziehen – und will es auch nicht. Womit ich wieder bei Hinrich bin. Auf der einen Seite verspürt man Mitgefühl für ihn, mehr noch, man teilt mit ihm seine Tränen über die Schande, die ihm widerfährt und möchte mit ihm zusammen seinen Widersachern das trotzige „Euch komme ich noch!“ entgegenschleudern, auf der anderen erheitert sein Missgeschick, wenn er dasteht in seiner weißen, gerippten Unterhose, der Häme der Anderen ausgesetzt.
Kindheitserinnerungen werden wach, wenn man die kleinen, liebevollen „Nebenbilder“ wahrnimmt, wie sie sich beispielsweise in der Person des Jakob Fälbling darstellen, dem es obliegt, den Kindern zu später Stunde Sand in die Augen zu streuen, damit sie einschlafen. Und man verspürt beim Lesen Wärme in sich aufsteigen, wenn man erfährt, dass Hinrich bemerkt, dass eben jener Jakob Fälbling, |“sicherlich von der Bedeutsamkeit seines Berufsstandes beflügelt, es zuweilen übertrieb. Man konnte mitunter einen Herdbesen gebrauchen, um den Sand aus den Augen zu kehren“.|
Noch etwas wird den Lesern von Marc-Alastor E.-E.s Texten gewahr – auch in diesem Märchen -: (Robert W. Chambers) „Der gelbe König“, lässt ihn nicht los (wie sehr mir das doch aus der Seele spricht!), begleitet ihn imaginär auch in anderen Texten. So schenkt mir dieses Märchen nicht nur Erinnerungs|schübe|, sondern auch das Gefühl literarischer Verbundenheit. Hier ist einer, der schreibt, wie es aus mir herausflösse, wenn es mir vergönnt wäre, ebenso schreiben zu können.
_Das Notengespräch_ ist der weitere Beweis dafür, eine literarische Besonderheit in Händen zu halten. Da ist Cathérine Montvoisin, die Pianistin aus wohlhabendem Hause, von Geburt an mit Ansehen gesegnet: Schon von Kindesbeinen an singt sie mit ihrem zarten Stimmchen, startet ihre ersten musischen Versuche an ihrem Clavichord, die ihre Eltern und deren Gäste immer mehr erfreuen. Doch ebenso eigenwillig, wie Cathérine zur jungen Frau heranreift, so kapriziös ist auch ihre Musik, als ginge das eine nicht ohne das andere.
Bis sich durch einen Schicksalsschlag alles ändert und nach und nach alles in Cathérine „verstummt“. Als sie sich nach Monaten der musischen Enthaltsamkeit wieder in die Welt der Klanggebilde begibt, begreift sie plötzlich, was die Menschen bisher an ihren nonkonformistischen Interpretationen störte, und sie beschließt, ihren inneren Klangwelten einen Rahmen zu geben, der jene auch für andere Menschen erfassbar macht … Alles scheint von dem Moment an einen guten Verlauf zu nehmen, bis Godfrey Frow die Pianistin hofiert.
Mehr möchte ich über dieses Märchen, das einen dramatischen Verlauf nimmt, nicht verraten, aber ein Punkt muss nicht nur wegen des Titels Erwähnung finden, und das sind die Szenen, in denen die Noten vor den Augen der Pianistin „lebendig“ werden, wo sie den Dialog zu ihr suchen, sich neu formieren, aufbegehren, aufdiktieren. Für mich eine der Stellen, die mir ein besonders deutliches „Bild“ schenkte. Ich sehe es vor mir, wie das |es| mit seinem Notenhals das vorlaute |d| umschlingt, höre es förmlich, wie es Einspruch erhebt, sehe, wie sich das |d| mit wild entbranntem Notenfähnchen losreißt, höre es schnauben und lausche ihnen in der nächsten Szene, wie sie über „Vivaldi“ streiten, freue mich förmlich, als sich nun auch das |a|, das |g| und das |f| einmischen.
Was mich an diesem Märchen auch erneut beeindruckt, ist die Recherche, die den Autor in allen seinen Werken auszeichnet und die seine Texten über das persönliche Herzblut hinaus mit zusätzlichem Leben erfüllt. So ist Cathérine Montvoisin keine rein fiktive Person, sondern war eine Hebamme und die Frau eines Handwerkers, die 1680 in Paris auf dem Scheiterhaufen endete, nachdem sie in die Ermittlungen anlässlich einiger Giftmorde im Umkreis des Sonnenkönigs Ludwig XIV geriet. Hier mag es nur die Namensgleichheit sein, dort mögen andere kleine Details einfließen, es mögen nur winzige Prisen sein, aber sie würzen die Texte zu einer raffinierten Komposition.
_Der Widergänger_ ist einer der beiden Texte, die mich am persönlichsten ansprachen. Weniger, weil man in die „Person“ des Widergängers mehrere Charaktere hineininterpretieren kann und sie die Phantasie dankenswerterweise mehrdimensional anregt, sondern weil er Einblick in die menschliche Psyche gewährt – und darin, wie wenig sich Menschen und Gemeinschaften verändern, wenn sie kleingeistig und zögerlich sind.
Der Widergänger bietet vielen Fragen Raum. Wer ist dieser Mann, der nach „langer Reise“ einem Zug entsteigt, in seine Heimatstadt und in die Wohnung seiner Familie zurückkehrt? Der vornehme Herr Oswald von Argtiuw, dessen penetranter Geruch den Taxifahrer, der ihn vom Bahnhof bringt, ebenso entsetzt wie sein monströses Äußeres, das an eine halb verweste Leiche erinnert.
Das Märchen lebt weniger durch die Rückblicke in das Leben des Widergängers, die angesichts der Rückkehr in seine Wohnung in ihm wach werden und somit neue Bilder vor das geistige Auge des Lesers schicken, sondern mehr von der Stimmung, in welcher der Text geschrieben zu sein scheint, die – selbst wenn Vorheriges reine Interpretation ist – er aber an den Leser weitergibt. Bedeutung erhält in der Wohnung die Tafel, an der er so manches Mal den Ärger statt eines guten Mahles in sich hineingefressen hatte – aufgrund der taktlosen und gedankenlosen Reden der Anwesenden (wer kennt |das| nicht?).
Mich sprach jedoch eine andere „Erinnerung“ des Widergängers an, die ich zum Abschluss kommentarlos wiedergeben möchte, weil sie in meinen Augen für sich steht und spricht:
|“Drum zupften seine Finger behutsam an der Vergangenheit und schufen einen kleinen, klaffenden Spalt, durch den er hinunter sehen konnte. Dort lag die Wiese, der Gehweg und die Vorwelt. Es höhlte ihn aus, danieden den Menschen gehen zu sehen. Ein letztes Mal … schwarzes Beinkleid, grauer Mantel, rotes Haar, die Geste, sich eine Haarsträhne mit schief gelegtem Haupt aus dem Gesicht zu streifen, ein herzloser, unbewusster Abschiedswink. Auf diese Weise nahm man alles mit und hinterließ nichts, worüber sich zu denken lohne. Dass es so enden würde, hatte er nie für angängig gehalten, und doch war es womöglich Zeit, gehen zu lassen. Womöglich …“|
Wenn Sie mich fragen könnten und würden: „Welches Märchen ist für Sie das beste?“, wäre ich nicht in der Lage, darauf eine klare Antwort zu geben, da für mich jedes eine eigenständige Note besitzt und andersartige Bilder in mir wachrief. Ich könnte allenfalls sagen, welches der Märchen den nachhaltigsten Eindruck in mir hinterlassen hat.
Und das ist das folgende:
_Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos_
Der Beginn des Märchens bringt bereits das auf den Punkt, was Larissas Wesenheit ausmacht: |“Es war einmal eine junge Frau, die allen anderen Menschen auf eine abnorme Art und Weise sonderlich erschien, denn sie war bereits zu Kindestagen eine betrübte, kleine Person gewesen, deren Antlitz nie von einem freudigen Lachen oder einem munteren Strahlen erfüllt wurde. Ihr liebenswertes Gesicht war von jeher ein Ebenbild innerer Zufriedenheit und vollkommener Ausgeglichenheit gewesen, doch nimmer sah man Heiterkeit darauf. Natürlich sorgte man sich zunächst um die kleine Dame, die dem Lachen nichts abzugewinnen schien.“|
Doch da ist Adolina, die einzige Freundin Larissas und ihr genaues Gegenteil: |“ein frischer Springinsfeld mit stetiger Ausgelassenheit und bar jeden Ernstes“.| Wie ein Negativ – oder Positiv? – zu Larissa? Das ist eine der Fragen, die das Märchen aufwirft. Ist das Melancholische, wirklich das Beschwerliche? Das Fröhliche, das wahrlich Beschwingte? Was ist hier das Positiv, was das Negativ? Oder liegt die Wahrheit, wie so oft gepriesen, tatsächlich in der Mitte? Larissa lehnt das Glücklichsein ab, flieht vor ihm, und so nimmt ihr Leben seine Entwicklung, mit einem Ende, das es nehmen musste? Entscheiden Sie selbst!
Larissas Wesen war für mich wie ein Blick in den Spiegel; ich ertappte mich dabei, wie ich mit ihr in den Garten stolzierte, um im Schatten der Ulme (da sind sie wieder, die Liebe und der Nähewunsch zur Natur) der stetigen Melancholie zu frönen. Ich blicke ihr über die Schulter, wenn sie Schopenhauer und Nietzsche liest, und fühle eine Wesensverwandtschaft mit ihr.
Wie schon beim „Widergänger“ möchte ich Sie für den weiteren Verlauf in die Obhut des Märchens geben, weil sie am tiefsten ergreifen und aufwühlen, wenn man sich ihnen „überlässt“, und zitiere die Melancholistin in ihrer Sicht über das Glück: |“Glück ist der Moment, in dem du dich in dich selbst einfindest, um aufatmen zu können. Glück ist wie ein Rhythmus, der das Erdenfell und alle Bodenständigen darauf mit ihm vibrieren lässt Glück ist ein Lachen, in das selbst Götter einstimmen würden, weil es so reich, so wahr und so unteilbar rein ist, dass die meisten ihm nur selten teilhaftig werden. Ich kenne das Glück, da ich es oft vorübergehen sah, doch besser noch als das Glück kenne ich die Leere, die danach gekommen ist, das Unverständnis über ihre Verteilung oder den Geiz ihrer Äußerung. Und indem ich dem Glück entsage, bin ich nicht mehr, allein auch nicht weniger als zufrieden. Und diese Zufriedenheit bezieht ihre Kraft aus der Melancholie …“|
_Prediger_
Das Märchen über Tadeusz Spindelsinn, der als Junge von seiner Tante in die Kunst der Photographie eingewiesen wurde, hat erneut eine Parallele zur Natur darin, wie ein Mensch durch sie sensibilisiert und zusammen mit ihr erblühen kann, aber auch den Bezug durch „menschliche Zivilisation“ und „gesellschaftliche Zwänge“ verliert und somit auch immer mehr sich selbst.
Natürlich, das wird keinen Leser erstaunen, der bis zu diesem – dem vorletzten – Märchen vorgedrungen ist, steckt in der Geschichte über Tadeusz viel mehr. Da ist zum Beispiel Vira Dochiella, der er eine besondere Liebeserklärung macht, über deren Ausgang ich schweigen will, ebenso über das Ende des „Predigers“. Es sei nur so viel verraten: Letzteres wird Sie überraschen!
Kommen wir (leider schon) zum letzten Märchen: _Der Glasbläser_, über den ich das Wenigste verraten möchte, vor allem nicht, wie es ihm gelingt, künstlerische Perfektion zu erreichen, weil das – für mich – in einer derart düsteren Reinheit (nein, nein, das widerspricht sich nicht!) erzählt wird, die mir ebenso die Tränen in die Augen trieb wie dem Verblühen der „Königin der Nacht“ beizuwohnen. Was mich an dem Ende des Märchens so sehr fasziniert hat, kann ich leider nicht schildern, das nähme alles vorweg, auch wenn es mich nicht zufrieden stimmt, mir in dem Fall Verschwiegenheit auferlegen zu müssen.
Somit beende ich meine kleine verbale Reise durch die „Maliziösen Märchen“ und hoffe, auch Sie fühlen sich angesprochen, sich oder einem besonderen Menschen dieses außergewöhnliche Buch zuteil werden zu lassen.
Ich habe zu Marc-Alastor E.-E,. nachdem mich seine Märchen wieder „aus ihrer verbalen Wortgewalt ließen“, gesagt, wie sehr ich es bedaure, nicht „mehr“ davon lesen zu können, und er antwortete sinngemäß und auf den Punkt gebracht, dass es dann |des Guten zu viel| gewesen wäre. Zuerst wollte ich – wie es „manchmal“ meine Art ist – protestieren, doch ich spürte zeitgleich zu meinem spontanen Widerspruch, dass er mit seiner Aussage völlig Recht hatte. Weniger ist auch hier auf jeden Fall mehr.
Wenn ich es jedoch recht betrachte, ist „weniger“, im Falle der „Maliziösen Märchen“ selbst in der zutreffenden Aussage unpassend, denn selten haben es Texte vermocht, so viele Erinnerungen in mir wachzurufen, so viele Bilder in meinen Kopf zu schicken und mich so viel Lebendigkeit und dennoch Melancholie „atmen“ zu lassen. Es ist wohl genau das, was an Marc-Alastor E.-E.s Texten so „ergreift“: dieses vermeintlich schwer Verständliche, aber auch die spezielle bildhafte Ausdrucksform, mit der auch jede kleinste Geste, Mimik oder Bewegung bedacht wird und die den Charakteren Leben einhaucht (|Ihr Lachen klang wie das Geläut der Feuerglocke im Spritzenhaus|), und die erkennen lässt, dass hier ein Autor schreibt, genau so, wie es aus ihm herausfließt, genau in der Stimmung, in der er sich selbst befindet, genau |das| sagt, was er zu sagen gedenkt und was von ihm gesagt werden muss – und nicht, was und wie es – dem Zeitgeist unterworfen – gerade „en voque“ ist. Und genau das macht die Texte authentisch, macht sie glaubwürdig und lässt in ihnen „Wertigkeit“ erkennen. Eine Wertigkeit, die auch in ihren dunkelsten Stunden und Szenen „richtig“ ist, selbst wenn sie von Tod oder Schmerz zeugt, weil gerade sie das Leben bedingen.
Und endlich vermochte ich es wieder, Literatur zu lesen. Düstere Phantastik auf hohem Niveau und einem Sprachbild, das Hermann Hesse zur Ehre gereicht hätte. Lässt man sich darauf ein, entsteht ein Magnetismus zwischen Leser und Text, wie der zweier Pole, die sich anziehen und nicht voneinander lassen können. Es ist wie eine Zugfahrt, man steigt ein, und jede Zeile, jedes Bild, das diese Texte in den Kopf zaubern, ist wie eine Station, die einen näher bringt – zu sich selbst!
Man spürt darüber hinaus wieder Freude am Lesen und Dankbarkeit über die geschenkten Stunden, die einen erfüllen, noch lange, nachdem man das Buch zugeklappt, versonnen dagesessen, über den wunderschönen Einband gestrichen und es wieder an einen besonderen Platz gestellt hat. Die Literatur braucht mehr dieser Autoren, dieser Bücher, die Schwingungen erzeugen, die nachhaltig erreichen und Verlage – wie der von Gerhard Lindenstruth -, die sich nicht scheuen, jenseits des Mainstreams Texte zu veröffentlichen, die das sind, was jeder Leser als Kleinod empfinden wird.
Als ich mich von den „Maliziösen Märchen“ löse – bedächtig, beinahe ehrfürchtig -, fühle ich mich so wie der Widergänger – |ich bin wieder draußen, hinausgeflogen aus dem Paradies der schönen Bilder.|
Isaac Newton ist einer der bekanntesten Wissenschaftler, selbst Laien kennen die Geschichte von dem Apfel, der Newton angeblich auf den Kopf gefallen sein soll und der dann zur Idee der Gravitation geführt hat. Aber Newton umranken noch andere Geschichten; so fand sein Aufstieg am Trinity College in Cambridge unter mysteriösen Umständen statt. Was ist damals wirklich passiert und hatte Newton womöglich seine Finger im Spiel in der Reihe ungeklärter Todesfälle, die seine Berufung erst ermöglichten? Rebecca Stott geht in ihrem Erstlingswerk „Und Blut soll dich verfolgen“ dieser Frage nach.
_Wenn die Vergangenheit dich einholt_
Die bekannte Elizabeth Vogelsang wird tot aufgefunden, leblos treibt sie im Wasser und niemand kann sich ihren Tod erklären. Hat sie etwa Selbstmord begangen? Doch dies ist kaum vorstellbar, hat Elizabeth doch gerade an ihrem größten Werk gearbeitet – einer Biografie über Isaac Newton, welche die gesamte Wissenschaftswelt auf den Kopf stellen sollte. Nur ein einziges Kapitel fehlte noch, und dieses sollte sich Newtons Berufung als Fellow an das Trinity College widmen. Diese Berufung kam damals mehr als überraschend, denn Newton stand nicht wirklich weit oben in der Wunschliste damaliger Wissenschaftler. Eine Reihe ungeklärter Todesfälle am Trinity College hatte den Weg freigemacht für Newton. Hatte er etwa seine Finger im Spiel? Elizabeth Vogelsang hat es herausgefunden, denn sie war die Erste, die auch das letzte Geheimdossier Newtons entschlüsseln konnte.
Ihr Sohn Cameron Brown vertraut die Arbeit an Elizabeth‘ Opus Magnum der Schriftstellerin Lydia Brooke an, mit der er einst eine Affäre hatte. Lydia ist Expertin für das 17. Jahrhundert und stürzt sich sogleich in die Arbeit, da sie eine tiefe Freundschaft mit Elizabeth Vogelsang verbindet und sie die Person Newton ebenfalls reizt. Zunächst kämpft sie sich durch Elizabeth‘ bisherige Kapitel, die sich Newtons Forschung widmen und von seinen Experimenten mit dem Prisma erzählen. Diese Passagen berichten detailreich, wie Newton sich eine Nadel ins Auge geschoben hat, um Farberscheinungen zu untersuchen. Je weiter Lydia vordringt in die Geschichte, umso mehr unerklärliche Dinge geschehen um sie herum. Elizabeth‘ Aufzeichnungen scheinen verschwunden zu sein, auch sieht Lydia immer wieder eine Gestalt in roter Robe. Wer verfolgt sie in Cambridge?
Auch Cameron Brown wird verfolgt und bedroht. Er experimentiert mit Tieren und sieht sich bedroht von einer Tierschutzorganisation mit dem merkwürdigen Namen NABED. Selbst die Haustiere seiner Kinder sind nicht mehr sicher, eines muss sein Leben lassen, was Camerons Frau dazu bewegt, sich mit den gemeinsamen Kindern in Sicherheit zu bringen. Doch NABED ist nicht nur der Name der Tierschutzorganisation, dieses Wort taucht auch in Newtons verschlüsselten Schriften auf. Was verbirgt sich dahinter? Und wer will verhindern, dass Elizabeth Vogelsangs Newton-Biografie veröffentlicht wird? Irgendwann wird Lydia es herausfinden, aber vielleicht ist es dann schon zu spät für sie …
_Dieses Buch wird dich nicht weiter verfolgen_
Rebecca Stott, die als Professorin für Englische Literatur an der Universität tätig ist, hat sich für ihren ersten Roman eine faszinierende historische Figur herausgegriffen. Isaac Newton kennen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch wissenschaftlich Interessierte; seine Person umgibt ein großes Geheimnis, dem Stott hier auf die Spur kommen möchte. Im Anhang macht sie schließlich auch deutlich, wo die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit in ihrem Roman liegen, was reine Spekulation ist und wo wir die historischen Fakten finden.
Hauptfigur im Roman ist Lydia Brooke, die Elizabeth Vogelsangs Opus Magnum redigieren und vervollständigen soll. Mit viel Eifer und Neugierde stürzt sie sich in die Arbeit, pendelt zwischen Bibliothek und Elizabeth‘ Haus, wo sie die Biografie beenden möchte. Doch schnell merkt sie, dass es eine Macht gibt, welche die Veröffentlichung des Buches verhindern möchte. Elizabeth‘ Haustier wird ebenso brutal ermordet wie das Haustier von Cameron Browns Kindern, doch um Cameron diesen weiteren Verlust zu ersparen, verschweigt Lydia ihm, was wirklich vorgefallen ist. Auch als sie selbst Opfer eines Angriffs wird, erzählt sie ihm nichts davon. Dass dies ein großer Fehler ist, der ihre Feinde schützt, merkt sie allerdings zu spät.
Wer wirklich zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, das lässt Rebecca Stott lange Zeit im Dunkeln. Sie sät Misstrauen und beleuchtet ihre Charaktere von unterschiedlichen Seiten, doch erst spät offenbart sie ihren Lesern die wahren Zusammenhänge.
_Brieftagebuch_
Schon früh deutet Stott an, dass unheimliche Mächte am Werkeln sind, dass Lydia und Elizabeth mächtige Gegner haben, welche die Veröffentlichung der Biografie verhindern wollen, und früh wird auch klar, dass Cameron Brown dieses Buch nicht überleben wird. Denn das gesamte Buch ist in einer Art Briefform aus Sicht Lydias geschrieben. Sie erzählt in der Ich-Form von ihren Erlebnissen, von den mysteriösen Erscheinungen in Elizabeth Vogelsangs Haus und von ihren Ängsten, die sie anfangs noch versucht zu unterdrücken.
Rebecca Stotts Schreibstil ist gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig, da das Buch einem Brieftagebuch von Lydia an Cameron gleicht. Alles ist in der Vergangenheitsform geschrieben, was darauf hindeutet, dass zumindest Lydia die Gefahren offensichtlich überstehen wird. Auch ist wörtliche Rede nicht so häufig zu finden, da Lydia die Gespräche oftmals in der Passivform wiedergibt. Hinzu kommt Rebecca Stotts bemüht poetischer und ausschmückender Schreibstil, der die wahren Geschehnisse oftmals in einer Flut von Adjektiven und Umschreibungen verschwinden lässt. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:
S. 235: |“Ich stellte mir vor, wie du deine SMS an mich poliertest, sie auf der Zunge schmecktest, den Text löschtest und noch einmal von vorn anfingst. Die Kurzmitteilungen gingen zwischen uns hin und her, durchzogen die Tage und Nächte. Assoziationen, Fragmente, Verszeilen. Ob auch du in diesem heiklen Austausch das Mahlen der Steine, die Auflösung von Stein zu Pulver hörtest, die Anfänge jenes über Jahrhunderte in den heißen italienischen Glashütten betriebenen, immer weiter verfeinerten, vervollkommneten Verfahrens spürtest? Ich meinte, das weiße Pulver an den Händen zu fühlen, Soda und Quarzsand zu riechen, als ich in jener Nacht, in den vielen langen Nächten danach zu dir ins Bett kam.“|
Derartig lange Sätze und schwülstige Beschreibungen sind im vorliegenden Buch an der Tagesordnung. Hinzu kommen die permanenten Andeutungen von Beginn an, dass etwas Schlimmes passieren würde. Bis es tatsächlich aber mal so weit kommt, dass außer den Angriffen der Tierschützer etwas passiert, dauert es (zu) lange.
_Gepflegte Langeweile_
Über rund 400 Seiten zieht sich Rebecca Stotts Newton-Thriller, der stets krampfhaft bemüht ist, ein wenig Spannung aufzubauen. Wahrscheinlich aus diesem Grund schreibt Lydia von Anfang an, dass sie durch ihr Handeln das Böse erst beschworen hat, dass sie durch ihr Schweigen Schlimmeres ermöglicht hat und dass sie all dies hätte verhindern können. Doch was sie hätte verhindern können, welches Blut sie verfolgt und wer der Mann in der roten Robe ist, von dem Lydia sich verfolgt fühlt, das erfahren wir erst sehr spät. Rebecca Stott belässt es lange Zeit bei inhaltslosen Ankündigungen, sie wirft uns auch kaum Hinweise hin, die zu eigenen Spekulationen hätten animieren können. Über mehr als 300 Seiten tappen wir im Dunkeln und verheddern uns in Stotts überfrachteten Wortkonstrukten. Von Spannungsbogen kann hier keine Rede sein, zumindest mich konnte Rebecca Stott kaum bei der Stange halten.
Nur um endlich zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, ob Newton wirklich an den mysteriösen Todesfällen beteiligt war und welche gefährliche Macht hinter Elizabeth her war und nun Lydia verfolgt, habe ich mich durch 400 schwerfällig zu lesende Seiten gekämpft. Doch am Ende blieb Ernüchterung, Stotts Finale verpufft und hinterlässt gähnende Leere. Natürlich hat sie keine erschütternden neuen Erkenntnisse über Isaac Newton zutage gefördert und natürlich blieb der große Knall am Ende aus. Auch die Geisterbeschwörung und das Auftauchen einer mysteriösen Gestalt aus Newtons Zeit trugen nicht gerade dazu bei, mir das Buch schmackhaft zu machen.
Rebecca Stotts Debütroman ist eine misslungene Mischung aus Historien- und Mysterythriller, die zwar beide Genres bedient, aber historisch wenig Neues zu berichten hat, kaum Spannung aufbaut und insbesondere sprachlich absolut fehlgeschlagen ist.
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