
Archiv der Kategorie: Belletristik
Hein, Corinna – Jules Suche
Jule braucht nicht viel zum Leben. Alvus ist ihr Zuhause, ein kleines gottverlassenes Dorf irgendwo im Nichts. Das zumindest glaubt Jule, denn für sie existiert nur das: der kleine Teich, die Ziegen, mit denen sie den Stall teilt, die Dorfbewohner, die Mücken, die ihr den Arm zerstechen. Ihre Welt ist klein, sie reicht nur so weit, wie Jule blicken kann, und doch führt sie ein überaus zufriedenes Leben.
Im Dorf dagegen hält man sie für verrückt. Ist einfach eines Tages aufgetaucht, mit dieser riesigen Narbe am Kopf, und kann sich an nichts erinnern. Trotzdem scheint niemand beunruhigt genug, die Polizei zu rufen. Man kümmert sich um sein eigenes Leben, Jule wird geduldet, und keiner kommt auf die Idee, dass jemand sie vermissen könnte. Am allerwenigsten Jule selbst.
Jule könnte bis an ihr Lebensende so weiterleben, in ihrem eigenen kleinen Paradies, in dem sich alles fügt und die Dinge ihren Platz haben. Wäre da nicht … natürlich ein Mann. Wostok kommt aus dem Wald, aus diesem dunklen Nichts, direkt auf Jule zu. Sie verbringen eine gemeinsame Nacht und am nächsten Morgen schnappt er sich sein Moped und verschwindet wieder. Ohne ein Wort.
Doch Jule ist erwacht. Sie will diesen Wostok wiederfinden, will wissen, woher er gekommen ist, was sich hinter dem Wald befindet. Und so beginnt sie zu laufen. Der Waldweg wird bald zu einer asphaltierten Straße, die asphaltierte Straße führt in eine Stadt und als der LKW-Fahrer, der sie freundlicherweise mitgenommen hat, sie in diesem Betondschungel ausspuckt, weiß sie zunächst nicht, wohin sich wenden.
Jule jedoch ist ein Glückskind. Ihr scheint das Schicksal immer hold. Und so landet sie zunächst bei einer Gruppe Hausbesetzern, später dann bei einem Schnellimbiss. Die Jahre vergehen und aus dem Schnellimbiss wird ein Restaurant. Sie versteckt ihr verdientes Geld in einer Keksdose, weil sie nicht weiß, was damit anfangen, aber sie vergisst nie ihre Suche.
„Jules Suche“, der Debütroman einer jungen Schriftstellerin aus dem allertiefsten Osten, ist auf nur reichlich hundert Seiten vieles auf einmal, ohne je überfrachtet zu wirken. Er ist Entwicklungsroman, verfolgt er doch das Erwachsenwerden dieser geheimnisvollen Jule. Er ist Wenderoman, spielt sich doch die Handlung in den frühen 90er Jahren ab. Da sind die Anklänge des magischen Realismus, die Jules Geschichte zuweilen fast märchenhaft wirken lassen. Selbst einige versteckte religiöse Motive sind zu finden, wenn Jule zu Anfang des Buches in diesem paradiesischen Zustand von gleichzeitiger Ahnungslosigkeit und völliger Zufriedenheit lebt. Doch wie in der Bibel auch, kann es so nicht bleiben. Bei Jule zerstört der Einbruch von außen, nämlich Wostoks plötzliches Auftauchen, das Gleichgewicht ihres Lebens. Das Ereignis lässt sie erwachen – Wostoks Gegenwart erweckt ihren Geist, seine Berührung ihren Körper – und schickt sie auf die Suche.
Diese Suche scheint zunächst etwas diffus – sie sucht nach diesem Mann und nach dem, was sich außer ihrem Dorf in der Welt befindet –, doch wird bald klar, dass der Sinn ihrer Suche ein ganz anderer ist. Sie sucht ihren Platz und letztendlich sich selbst. Denn was ihr nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass sie selbst verloren war.
Die Autorin erzählt die Geschichte einer jungen Frau vor dem Hintergrund der Wendezeit. Vieles ist mittlerweile über die DDR und über den Fall der Mauer geschrieben worden. Im Vergleich mit all den kuriosen, kritischen, reflektierenden, erschöpfenden Ansichten über die DDR und die Wendezeit wirkt „Jules Suche“ geradezu zurückhaltend. Die deutsch-deutsche Geschichte drängt sich nie in den Vordergrund, gleichzeitig fungiert sie aber auch nicht nur als Schablone, vor der die Charaktere agieren sollen. Die Wende ist etwas, das einfach passiert, das die Menschen überrollt, an Jule jedoch vorbeirollt. Für sie finden Politik und gesellschaftliches Leben nicht statt, und so nimmt sie zwar Veränderungen wahr, kann sie auch benennen, sie ist jedoch nicht fähig, diese Veränderungen bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen.
Ungemein knapp und ökonomisch werden Prozesse nachgezeichnet, die in den Jahren nach der Wende überall in Ostdeutschland zu beobachten waren: der rückkehrende Wessi, der die unbedarften Zonis übers Ohr hauen und den großen Schnitt machen will, der ABV, der plötzlich nichts mehr zu beobachten hat, der Aufsteiger, der die Gunst der Stunde nutzt. Sie alle sind versammelt und der Leser darf ihren Aufstieg (und Niedergang) verfolgen. Geradezu als Überdosis gestaltet Corinna Hein hier den ganzen Wahnsinn der 90er Jahre, konzentriert auf ein unbedeutendes Dorf irgendwo in Ostdeutschland.
Corinna Hein, Jahrgang 1977, hat einige Veröffentlichungen im Kurzgeschichten- und Lyrikbereich vorzuweisen. Ihr erster Roman, „Jules Suche“, hat im |Ronald Hande|-Verlag ein Zuhause gefunden, der einige Titel zum Thema DDR-Geschichte im Programm hat. Wie so oft bei kleinen Verlagen, darf man auch vom RH-Verlag keine Perfektion verlangen. Ein fähiger Lektor hätte den Text sicherlich noch an der ein oder anderen Stelle abrunden und schlichte Satzfehler korrigieren können. Trotzdem vermag das schmale Bändchen den Leser zu fesseln. Sprachlich einfach traumhaft, spickt Corinna Hein ihren Text mit Bildern, die erst im Kopf des Lesers ihre ganze Farbenpracht entfalten werden. Fast meint man, der Nebel der Geschichte würde schon über Jule und ihrem Dorf Alvus hängen, so verträumt und märchenhaft kommen manche Passagen daher. Doch dann werden lakonisch und mit messerscharfer Zunge Lebensschicksale rezitiert und man realisiert, dass man sich doch fast noch im Hier und Heute befindet.
Jule hat ihre Unschuld verloren, und diesen Riss kann auch alles spätere Glück nicht kitten. Ihre Reise ist exemplarisch für eine ganze Generation, und doch bleibt sie als Einzelschicksal märchenhaft schön. Definitive Leseempfehlung!
http://www.rh-verlag.de
http://www.corinnahein.net
Moehringer, J. R. – Tender Bar
Der siebenjährige JR lebt mit seiner Mutter in Manhasset auf Long Island im Haus seines Großvaters, einem meist mürrischen alten Mann, mit dem schwer auszukommen ist. JRs Mutter versucht immer wieder, sich und ihren Sohn alleine zu versorgen und auszuziehen, kehrt jedoch früher oder später aus Geldmangel zurück. Seinen Vater, einen Radio-Moderator aus New York, hat sie wegen dessen Gewalttätigkeiten bereits kurz nach seiner Geburt verlassen. JRs Vater weigert sich, Unterhalt zu zahlen und nimmt keinen Anteil an seinem Sohn. Dafür verfolgt JR seine Radiosendungen als Ersatz für die väterliche Zuwendung.
Ein wichtiger Punkt in JRs Leben ist sein Onkel Charlie. Nachdem Charlie als junger Mann durch eine Krankheit sämtliche Kopf- und Körperhaare verloren hat, zieht er sich in die Bar zurück, in der er hinter der Theke arbeitet. Im „Dickens“ treffen sich Männer, um über bei Alkohol über Frauen, Wetten, Sport und das Leben an sich zu reden. Bereits als Kind ist JR fasziniert von diesem Ort. Mit neun wird sein Traum war und er darf das „Dickens“ betreten und wird sofort von der Atmosphäre gefangen genommen. Später nimmt ihn sein Onkel regelmäßig mit seinen Kumpels zu Ausflügen an den Strand und zu Baseballspielen ins Stadion mit.
Während JRs Mutter zum Geldverdienen nach Arizona zieht, um sich endlich ein wenig Unabhängigkeit zu verschaffen, besucht er die High School und arbeitet nebenbei in einem Buchladen. Die skurrilen Betreiber, Bud und Bill, unterstützen JRs Wunsch, an der Universität von Yale zu studieren. Wider Erwarten wird JR angenommen, die Freude durch die harte Arbeit in Yale aber gedämpft. JR begegnet hier seiner ersten Liebe und dem ersten Liebeskummer. Nach dem College zieht es ihn als Journalist zur Zeitung. Und immer wieder findet er Halt im „Dickens“, wo er sein erstes Bier trinkt, sein erstes Baseballspiel sieht, Sinatra hört und die Gesellschaft der Männer sucht, die ihm wie Ersatzväter sind …
Ein Junge und kein Vater, dafür eine gemütliche Bar und ein Haufen trinkfester Männer, welche die Vaterrolle gerne übernehmen – das ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Werkes, das in den USA wie mittlerweile auch in Deutschland gefeiert wird und bereits zu einem der am höchsten gelobten Werke des frühen Jahrhunderts aufgestiegen ist.
|Eindrucksvolle Charaktere|
JR berichtet von seinem Leben, angefangen von seiner Kinderzeit bis er Mitte zwanzig ist und New York verlässt. In kleinen Episoden erzählt er von den Menschen, die ihn auf diesem Weg umgeben. Da ist sein knurriger Opa, der sein Vermögen gekonnt hinter seinem reparaturbedürftigen Haus und schmuddeliger Kleidung verbirgt und nur selten mal Anwandlungen von Zärtlichkeit für JR zeigt, die sich ihm dafür intensiver einprägen. Da ist Onkel Charlie, ein kahlköpfiges Abbild von Humphrey Bogart, mit Sonnenbrille und Hut vermummt, der sich in Opas Haus krankhaft zurückzieht und erst abends aufblüht, wenn er seiner Arbeit im Dickens nachgeht, den Gästen vorsingt, ihnen Spitznamen verpasst und lakonische Bemerkungen abgibt.
Da ist Joey D, ein liebenswerter Riese mit Muppet-Gesicht, der seine Worte in Hochgeschwindigkeit stets an seine Brusttasche zu richten scheint, was JR als Kind zur Überzeugung bringt, dass dort eine kleine Schmusemaus wohnt, mit der er sich unterhält; der Hausmeister „Fuckembabe“, der eben jenen Ausdruck bei jeder Gelegenheit in sein Kauderwelsch einflechtet; der Vietman-Veteran Cager, der vom Schrecken des Krieges erzählt; Bob the Cop, der Polizist mit dem dunklen Geheimnis, das er JR eines Tages anvertraut, und nicht zuletzt Steve, der rotgesichtige Besitzer der Bar, der jedem Gast sein herzliches Lächeln schenkt und dem „Dickens“ sein Herzblut opfert.
JR wird früh zu einer Sympathie- und Identifikationsfigur für den Leser. Durch sein ganzes Leben zieht sich ein permanenter Wechsel von Licht und Schatten. Wünsche, Hoffnungen und Träume wechseln sich mit Erfolgen und schmerzlichen Niederlagen ab. Mit dem Studiumsplatz in Yale scheint JR zunächst das Glück gepachtet zu haben, bis er feststellt, dass er weder zu den elitären Kreisen seiner Kommilitonen gehört noch die Professoren mit seinen Arbeiten beeindrucken kann. In Yale begegnet JR der bildhübschen Sidney, einer reichen Oberschichtstochter mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, die ihn gekonnt um den Finger wickelt und ihm den Kosenamen „Trouble“ verpasst – mit Recht, denn Sidney verschafft JR den ersten ernsthaften Schmerz und Kummer in seinem Leben, und wieder ist es das Dickens mit den Männern darin, das er als Zuflucht wählt. In Yale trifft er auch auf seinen verehrten Frank Sinatra, der einen Vortrag über Kunst hält und plötzlich so viel greifbarer und menschlicher erscheint als auf Plattencovern und im Fernsehen und gleichzeitig nichts von seinem Charisma einbüßt. JRs Bewunderung für den Sänger ergibt sich fast von selbst, denn seine eigene Geschichte gleicht den melancholischen Sinatra-Songs, die von Liebe und Leid erzählen, ohne sich dabei in Selbstmitleid zu suhlen, sondern Würde und Haltung bewahren.
Mehr schlecht als recht quält sich JR durch das Studium, ohne sich darüber im Klaren zu werden, welchen Beruf er wählen soll. Schreiben möchte er, beschließt er schließlich, aber keine Gedichte oder Belletristik, sondern als Journalist arbeiten. Wieder scheint ihm das Glück zu winken, als er für ein Volontariat bei der |New York Times| genommen wird. Monatelang besteht sein Leben, abgesehen von den unvermeidlichen Ausflügen ins „Dickens“, aus Sandwichholen für die Reporter und kleinen Büroarbeiten. Seine erste Story wird ein blamabler Reinfall, der sich als Ente entpuppt, und auch in seiner Probe-Reporterzeit leistet er sich einen kapitalen Ausrutscher, der an seinem Selbstbewusstsein nagt. JR ist beileibe kein Gewinner, aber auch kein blasser Verlierer, sondern ein Kämpfer, der sich immer wieder aufrappelt, wenn alles verloren zu sein scheint.
Ein besonderes Schmankerl ist das Nachwort, in dem Moehringer eine kurze Bilanz seines Lebens nach seiner Zeit in New York zieht und den 11. September als traurigen Aufriss wählt, denn bei den Anschlägen starben auch Menschen, die er aus seiner Zeit im „Dickens“ kannte. Der Leser erfährt die weiteren Schicksale der Figuren, die er zuvor begleitet hat, manche stimmen froh, andere fanden leider kein glückliches Ende, aber in jedem Fall ist es schön zu erfahren, dass hier keine Romanfiguren, sondern echte Charaktere agierten. Erfreulich ist auch das anhängende Glossar, das die wichtigsten Namen und Anspielungen kurz erläutert, manche wie „Popey“ sicher populär genug, um nicht notwendig zu sein, andere dagegen eine nette Bereicherung.
|Kleine Längen|
„Tender Bar“ ist ein autobiographischer Roman, was in der deutschen Ausgabe, die auf die Originalbeigabe „A Memoir“ verzichtet, nicht sogleich offensichtlich ist. Moehringer gibt an, nichts als die nackte Wahrheit aufgeschrieben zu haben, sogar nur drei Namen wurden geändert, wie er im Epilog erklärt. Darin liegt einerseits der Reiz des Buches, die besondere Zusatzfreude, wenn man weiß, dass es all diese originellen Figuren tatsächlich gab und überwiegend heute noch gibt. Allerdings ist der autobiographische Stil auch dafür verantwortlich, dass „Tender Bar“ nicht frei von Längen ist. Manche Episoden sprühen vor Charme und leisem Humor, andere bewegen und berühren, aber manchmal ziehen sich belanglose Schilderungen allzu zäh über die Seiten und man wünscht, Moehringer würde der Lesefreundlichkeit zuliebe ein wenig straffen, denn nicht alle eigenen Erlebnisse sind für den Leser genauso interessant wie für den Autobiographen. Vor allem zu Beginn ist Geduld gefordert, denn Moheringer ist ein sehr gemächlicher Erzähler, der sich Zeit für seine Schilderungen nimmt, so unspektakulär sie manchmal auch daherkommen.
_Als Fazit_ bleibt ein ruhiger und bewegender autobiographischer Entwicklungsroman und zugleich eine liebevolle, nostalgisch-verklärte Hommage an die Bar, die den Erzähler von klein auf durch sein Leben begleitet. Vor allem die Vielfalt der faszinierenden Charaktere vermag zu überzeugen, ebenso wie die gelungene Mischung aus Humor und Melancholie. Kleine Abstriche gibt es für die manchmal ausufernden Abschweifungen und Längen, denen ein paar Straffungen gutgetan hätten.
_Der Autor_ J. R. Moehringer wurde 1964 in New York geboren, studierte in Yale und arbeitete als Reporter für die |Rocky Mountain News| und die |New York Times|. Heute schreibt er für die |Los Angeles Times|. 2000 wurde er für eine Reportage mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sein autobiographisches Werk „Tender Bar“, der 2005 erschien, ist sein erster Roman.
http://www.tenderbar.com
http://www.fischerverlage.de
Kümmel, Anja – weiße Korsett, Das
In der klassischen Gothic Novel werden Geistergeschichten erzählt. Der Verlauf ist einfach, zumeist tragen sich an geheimnisumwitterten Orten unfassbare Ereignisse zu: der Poltergeist im Gemäuer, die weiße Frau im Garten oder das Gespenst im Schrank.
Anja Kümmels Buch handelt von einer jungen Ausländerin in Amerika. Kein einfacher Verlauf: abgebrochenes Studium, notorischer Geldmangel, unstetes Leben und mancher Ausflug in die subkulturelle Musikszene der Stadt. Doch damit nicht genug. Überdies wird die Protagonistin von einer mysteriösen Erscheinung heimgesucht. Ein Alp, der ihrer eigenen Vergangenheit entsprungen scheint, an die sie sich nur bruchstückhaft erinnern kann.
„Das weiße Korsett“ ist eine moderne Gothic Novel. Hier lebt die Protagonistin im Schrank, nicht der Geist; und doch knüpft Anja Kümmel – klischeefrei – bei den Geisternovellen des 19. Jahrhunderts an: „Dabei hätte ich es wissen müssen – körperlose Seelen fristen zumeist nur ein begrenztes Erdendasein, bevor sie verblassen …“ (S. 203). Sprache und Stilistik sind aber die eines zeitgenössischen Romans.
Anja Kümmel versteht es, dem Leser die Geheimnisse, die eine geisterhafte Erscheinung wohl unweigerlich umranken (heute wie im 19. Jahrhundert), portionsweise zu verabreichen. Die Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin bauen spannend aufeinander auf, eine Andeutung verschachtelt sich in der nächsten; so entsteht ein fast abstrakt anmutender Handlungsstrang.
Leider nicht immer plattitüdenfrei beschreibt Anja Kümmel das von Orientierung und Abgrenzung geprägte junge Leben der Protagonistin. Der Gebrauch szenetypischer Kodierung, welche die Autorin einsetzt, steht der intelligent-abstrakten Handlung und der originellen Beschreibung des Geistes hier und da im Wege. Am Ende des Buches wird aber deutlich, warum Anja Kümmel manche Gothic-Szenefloskel verwendet: Sie stellt auf der Metaebene den selbst gewählten Entwicklungsweg durch eine ambivalente Jugendkultur in Frage. „Auch hier sind es die Ideen, Auswüchse der Fantasien von Kindern, die sich langweilen – Kinder, die vergessen haben, dass sie längst erwachsen sind – …“ (S. 205). Die Protagonistin reift an ihrer Erinnerung, an einer unglaublichen Begegnung genauso wie an der Verarbeitung eines „sehr realen“ Geheimnisses.
http://www.teamofdestruction.de/
Lewycka, Marina – Caravan
Nachdem Marina Lewycka mit ihrem Debütroman [„Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ 2970 einen großartigen Erfolg gelandet hat, der mittlerweile schon in 33 Sprachen übersetzt wurde, hat sie nun mit „Caravan“ ihren zweiten Roman abgeliefert. Die Thematik ist eine ganz ähnliche wie schon in ihrem Erstlingswerk. Es geht wieder einmal um ukrainische Einwanderer und ihren Lebensalltag in England – ein Themenkomplex, der Marina Lewycka schon aufgrund ihrer eigenen Biographie am Herzen liegen dürfte. Sie ist selbst Kind ukrainischer Flüchtlinge, in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und in England aufgewachsen.
Auch die Protagonisten ihres aktuellen Romans sind nach England gekommen, weil sie sich dort ein besseres Leben erhoffen. Irina möchte eigentlich Schriftstellerin werden, verdient ihren Unterhalt aber mehr schlecht als recht zusammen mit anderen Leidensgenossen auf den Erdbeerfeldern des skrupellosen Bauern Leapish. Für einen ausbeuterischen Lohn, für die Unterbringung in einem heruntergekommenen Wohnwagen am Rand des Erdbeerfeldes und die ziemlich magere Versorgung mit Lebensmitteln schuftet sie mit anderen Ukrainern, Polen, Chinesen und einem Afrikaner von früh bis spät auf den Feldern.
Dabei hatte sich Irina ihr Leben in England doch ganz anders erträumt: Sie wollte ihr Englisch verbessern und sich verlieben – in einen romantischen Engländer. Auch Andrij hatte sich das Leben in England irgendwie besser vorgestellt. Er hat die Ukraine verlassen, um auf keinen Fall als Bergmann in den Stollen des Donbass zu enden, wie sein Vater, und natürlich auch, um die große Liebe zu finden: seine „Angliska rosa“. Dann wären da noch der alternde polnische Hippietyp Tomasz, die erfahrene polnische Erdbeerpflückerin Jola mit ihrer frommen Nichte Marta, die der Truppe mit ihren Kochkünsten aus wenigen Zutaten so manches Festmahl bereitet, zwei asiatische Mädchen, von denen eines aus Malaysia kommt, und der gottesfürchtige Teenager Emanuel aus Malawi.
Als ihr ausbeuterischer Arbeitgeber Bauer Leapish eines Tages überfahren wird, ergreifen sie zusammen die Flucht – in einem klapprigen Wohnwagen. Doch das Leben in England ist nicht einfach und die Verwirklichung ihrer Träume scheint in immer weitere Ferne zu rücken. Überall lauern ausbeuterische Arbeitgeber, maßregelnde Behörden und zwielichtige, bewaffnete Gangster, und so wird die Flucht der Erdbeerpflücker durch England zu einem aufregenden Abenteuer …
Was Marina Lewyckas Debütroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ so liebenswürdig macht, ist Lewyckas gelungene Verquickung aus einer ironischen Betrachtungsweise ihrer Protagonisten und der Ernsthaftigkeit des Alltags. Auch in ihrem aktuellen Roman sind genau das wieder die Zutaten, die die Lektüre so interessant machen.
Etwas naiv betrachten die Erdbeerpflücker ihr Leben in England und die Möglichkeit, dort ihre Träume zu verwirklichen, ohne zu sehen, dass sie nie eine Chance darauf haben, wirklich Teil der Gesellschaft zu werden. Sie fallen auf dubiose Jobangebote herein, glauben „Jobvermittlern“, die ihnen das Blaue vom Himmel herunterlügen, und wundern sich dann, dass die versprochene Luxusunterkunft eine billige, überfüllte Absteige ist.
Eine traurige Ironie zieht sich durch das ganze Buch, wenn man sieht, wie blind die Erdbeerpflücker sich auf solche Offerten einlassen und es dabei schaffen, sich ihre Träume von einem besseren Leben zu bewahren, während sie in Wahrheit von Gangstern ausgenommen werden. Dennoch schafft Lewycka den Balanceakt, dass nicht der Eindruck entsteht, sie würde sich über die Naivität der Einwanderer lustig machen.
Diese Perspektive der außenstehenden, ausländischen Arbeitskräfte, die sämtliche Arbeiten verrichten, für die sich kein Engländer mehr opfern würde, ermöglicht Lewycka auch einen kritischen Blick auf die westliche Konsumgesellschaft, der sich vor allem in der Familie der MacKenzies manifestiert. Die MacKenzies sind reiche Leute, mit deren Sohn Emanuel während dessen freiwilligem Sozialdienst in Malawi Freundschaft geschlossen hat. Eine reiche Familie, im Luxus lebend, aber unglücklich, erzeugt bei Andrij nur ein müdes Kopfschütteln. Dennoch sind auch die Erdbeerpflücker voller naiver Bewunderung für die westlichen Konsumgüter.
Die Art der Jobs, die die Erdbeerpflücker im Laufe ihrer Reise durch England verrichten, ist ein nächster Ansatzpunkt für unterschwellige Gesellschaftskritik. Tomasz‘ Erlebnisse auf der Hühnerfarm und später auch im Schlachthof können einem schon gehörig den Appetit verderben. Lewycka gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, in einem unterhaltsamen und teilweise humorvollen Roman immer wieder ernsthafte Untertöne anklingen zu lassen. All das meistert Lewycka mit einem so lockeren Plauderton, dass man an manchen Stellen über den unverhofften Tiefgang der Geschichte staunt.
„Caravan“ ist ein Roman, der sich in viele einzelne Handlungsstränge gliedert. Mal beobachtet man die eine Figur, mal steht eine andere im Mittelpunkt. Jeder geht mit der Zeit seine eigenen Wege, jeder versucht auf eigene Art in England glücklich zu werden. Nett ist dabei auch immer wieder, wie die gleiche Situation aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben und jeweils anders beurteilt wird. Die Erlebnisse der Erdbeerpflücker muten teilweise schon recht skurril an und sie begegnen allerhand interessanten Figuren. Ein Leckerbissen für alle, die schon den Vorgängerroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ mochten, ist das unverhoffte Wiedersehen mit Nicolai Majevski – mittlerweile ein paar Jahre älter, aber noch genauso herrlich schräg.
Trotz aller positiven Aspekte bleiben an „Caravan“ aber auch ein paar vereinzelte Schwachpunkte festzuhalten. Da wäre zum einen der plötzliche Wandel von Vittali. An einem Tag noch Erdbeerpflücker, am nächsten Tag geschniegelter „Mobilfon-Mann“. Der Wandel geht derart schnell, dass man geneigt ist, prompt noch mal zurückzublättern, weil man glaubt, man hätte einen größeren zeitlichen Sprung übersehen, aber den gibt es nicht.
Dann wäre da der Hund, der der Truppe zuläuft und fortan mitreist. Auch dessen Gedanken werden dem Leser offenbart, aber das ist oft wenig relevant und in abgehacktem Stil in Großbuchstaben geschrieben und stört somit irgendwie den Lesefluss. Und zu guter Letzt wären da die vielen Zufälle. Immer wieder laufen die Protagonisten den gleichen Figuren über den Weg, was bei einer Reise quer durch England irgendwie eigenartig anmutet. Diese Schwachpunkte tragen dazu bei, dass „Caravan“ nicht ganz so ein hochkarätiger Lesegenuss ist wie die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“.
Bleibt unterm Strich ein positiver, wenn auch schwächerer Eindruck zurück, als es noch beim Debütroman von Marina Lewycka der Fall war. Sie erzählt zwar eine unterhaltsame Geschichte, die gleichermaßen mit ernsten und traurigen wie mit humorvollen und ironischen Momenten gespickt ist, dennoch ist die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ insgesamt noch etwas besser.
http://www.dtv.de
Michal Zamir – Das Mädchenschiff

So auch die achtzehnjährige Ich-Erzählerin, die ihrer Verpflichtung als Bürokraft auf einem Fortbildungsstützpunkt nachkommt. Sie ist nicht besonders motiviert, obwohl sie sich vorstellen könnte, später Medizin zu studieren. Doch ihre Zukunft interessiert sie nicht sonderlich. Ihr Leben spielt sich momentan in einem kleinen Büro ab, wo sie Kaffee kocht und Gläser spült. Zwischendurch gibt sie sich den Offizieren hin, was in schöner Regelmäßigkeit in Schwangerschaften endet, da sie die Pille nicht verträgt. Nicht immer ist sie dabei mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden, aber so läuft das nun mal bei der Armee.
Bardola, Nicola – Schlemm
|“Genug für andere gelebt, leben wir wenigstens dieses letzte Stück Leben für uns selbst … packen wir unsere Sachen; nehmen wir rechtzeitig Abschied von der Gesellschaft; machen wir uns los von diesen aufdringlichen Banden, die uns an anderes fesseln und uns von uns selbst entfremden.“| Montaigne
Paul Salamun hat Krebs. Er ist 75 und hat sein Leben gelebt, sodass er beschließt, sich nicht operieren zu lassen, keine lange Therapie durchzustehen und ohne Schmerzen und weiteres Leid aus dem Leben zu scheiden. Gemeinsam mit seiner Frau Franca beschließt er, sich am 9. Dezember das Leben zu nehmen, Franca will es ihm gleichtun, obwohl sie gesund ist. Sie informieren nur ihre beiden Söhne von dem geplanten Selbstmord, damit die Familie voneinander Abschied nehmen kann. Die Salamuns wenden sich an die „Right of Way Society“ (ROWS), die ihnen am festgesetzten Sterbetag den Todescocktail mixen und die beiden auf ihrem Weg aus dem Leben begleiten wird. Moderne Sterbehilfe, das ist möglich in der Schweiz, sorgt aber auch dort noch für Aufsehen.
Elf Tage vor dem 9. Dezember erfährt Sohn Luca von den Plänen seiner Eltern, mit denen er schon lange keinen guten Kontakt mehr hat. Nur noch elf Tage lang wird er das Kind seiner Eltern sein, danach werden sie ihrem Leben eigenhändig ein Ende setzen. Luca ist aufgewühlt, nur wenig Zeit bleibt ihm, um mit seinen Eltern ins Reine zu kommen, um Abschied zu nehmen und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass seine Eltern ihren Todeszeitpunkt selbst bestimmt haben. „Lebenssatt“ sind die beiden, wie Franca es bezeichnet. |“Eine späte Variante der eisernen Lunge. Kinder längst aus dem Haus. Erste Gebrechen, die Hüfte, Gallensteine. Mehr Falten. Alles erledigt. Alles Sehenswerte gesehen. Alles gelebt. Aufgaben erfüllt. Vieles nur noch Routine. Auch die kleinen Freuden – nur Wiederholungen. Neugier abhanden gekommen“.|
All dies erfährt Luca aus den Tagebüchern seines Vaters, die Paul seinem Sohn vermacht hat, um von seinem Leben zu erzählen und um seinem Sohn seine innersten Gedanken und Erlebnisse mitzuteilen. Einst war Paul ein begabter Mathematiker und leidenschaftlicher Bridge-Spieler, doch mit dieser Welt seines Vaters kann Luca nichts anfangen. Lange braucht es, bis er diese Begabungen seines Vaters nachvollziehen kann und bis er sein eigenes Interesse am Kartenspiel entdeckt.
Der Schweizer Autor Nicola Bardola hat ein – für deutsche Verhältnisse – heißes Eisen angefasst. Aktive Sterbehilfe ist hierzulande verboten, nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sich auch hier eine Organisation bildete, die Menschen mit Todeswunsch auf ihrem Weg begleiten und ihnen dann sogar den Todescocktail mixen würde. Doch ist es wirklich so abwegig, dass Menschen lieber ohne langes Leid sterben wollen? Wenn sie es noch selbst entscheiden können? Wenn sie noch selbst wissen, was sie tun und ihnen Gelegenheit bleibt, von ihren Freunden und Verwandten Abschied zu nehmen? Paul und Franca entschließen sich in „Schlemm“ dazu, genau dies zu tun. Und Bardola weiß, wovon er schreibt, denn seine eigenen Eltern sind diesen Weg gegangen. Bardola selbst findet sich in Luca wieder, dem Sohn, dem es so schwer fällt, den Wunsch seiner Eltern zu verstehen und der lange braucht, um dies zu verdauen.
Paul und Franca haben an alles gedacht, sie konnten ihre eigene Beerdigung planen. Am Tag vor ihrem Tod haben sie ihre Söhne und deren Ehefrauen zu einem letzten gemeinsamen Abendessen eingeladen. Anschließend haben sie alles beiseite geräumt, die Küche geputzt und die Briefe an die Bekannten zum Briefkasten gebracht, die erst dann ankommen würden, wenn bereits alles zu spät wäre. Wie aber lebt es sich mit dem Wissen, dass die eigenen Eltern diesen Schritt tun wollen? Wie soll man sich wirklich von ihnen verabschieden? Diese Frage versucht Bardola zu klären. In vielen Rückblicken erzählt er aus Pauls und Francas Vergangenheit, er beleuchtet ihre Ehe und lässt durchblicken, dass diese eigentlich gar nicht die beste gewesen ist. Doch wieso folgt Franca dann ihrem Mann, obwohl sie selbst doch noch gesund ist? Wieso dieser Wunsch, einem Mann zu folgen, der vielleicht gar nicht zu ihr gepasst hat? Die beiden unternehmen vor ihrem Tod einen langen Spaziergang zusammen, blicken über ihre Heimat, lassen ihr Leben Revue passieren, rauchen noch ein paar Zigaretten gemeinsam und stellen sich auf das nahende Ende ein.
Bardola ist sehr nah an den Menschen dran, er schildert ihre Gedanken, blickt in die Vergangenheit zurück und beschreibt ihre Handlungen und Gefühle. Doch missglückt dieser Versuch meiner Meinung nach. Bardola springt von einer Szene zur nächsten, er wechselt ständig die Zeitebenen, macht nur sehr kurze Kapitel, die kurzen, abgerissenen Gedankenfetzen gleichen. So mutiert „Schlemm“ zu einem Stück Prosa, dem jedweder Zusammenhang fehlt. Ich bin nie mit den Charakteren warmgeworden, die Handlung und Zeitebenen sind chaotisch und schwer nachvollziehbar. Und auch Nicola Bardolas teils recht kühle Sprache stand in einem zu krassen Gegensatz zu dem Thema, das er hier abhandeln möchte.
Auch wenn das Thema das Buches so wichtig ist, so beladen mit Gefühlen, mit Trauer, Verzweiflung, Abschied, so wenig schafft es Bardola letztlich, diese Gefühle zum Leser zu transportieren. Die permanenten Gedankensprünge stören immer wieder den Lesefluss und auch die vielen Exkurse über das Bridgespielen passen so gar nicht zum Thema Sterbehilfe. Die widersprüchlichen Kritiken – insbesondere über Bardolas Sprache – sind in einem Anhang im Buch zusammengefasst und machen nochmals deutlich, wie unterschiedlich sein Stil beurteilt wird. Mir persönlich war seine Sprache zu distanziert und abgeklärt, obwohl dies vielleicht für Bardola der Weg gewesen ist, um selbst eine Distanz zu diesem Buch herstellen zu können. So sehr ich es mir auch gewünscht hätte, ließ mich dieses Buch kalt und berührte mich trotz der dramatischen Thematik überhaupt nicht. Nur kurze Zitate, überaus treffende Beobachtungen, wie ich sie oben angeführt habe, ließen mich aufhorchen und stimmten mich nachdenklich, doch zu selten sind diese Passagen, die den Leser berühren, als dass ich dieses Buch weiterempfehlen könnte.
http://www.heyne.de
Gier, Kerstin – Für jede Lösung ein Problem
Gerri glaubt, sie habe nichts mehr zu verlieren. Ihr Job als Heftromanautorin ist futsch, sie ist immer noch Single und irgendwie läuft auf einmal alles schief. Die junge Frau beschließt sich umzubringen, und da kommt die Sammlung von Schlaftabletten, die ihr ihre Mutter vermacht, gerade recht. Gerri bereitet alles vor, was es für einen guten Selbstmord braucht: Sie kündigt ihre Wohnung, kauft sich ein teures Kleid und geht zum Friseur. Sie mietet ein Hotelzimmer, kauft Wodka zu den Schlaftabletten – und schreibt Abschiedsbriefe an Freunde, Verwandte und Bekannte. Dabei geht sie nicht gerade zimperlich mit ihnen um. Was kümmert sie das auch? Schließlich wird sie bereits tot sein, wenn die Adressaten die Briefe bekommen.
Leider kommt im Leben aber nicht immer alles so wie geplant. Als die junge Frau am Abend ihres Ablebens in die Hotelbar geht, um ein letztes Glas Champagner zu genießen, trifft sie auf Ole, mit dem sie beinahe mal eine Beziehung hatte und der immer noch zu ihrem Freundeskreis gehört. Damals entschied er sich statt für Gerri für seine Ex Mia, die ihn just in dem Hotel, in dem Gerri sich umbringen möchte, betrügt. Er ist Mia gefolgt, wie in einem schlechten Film, und jetzt klammert er sich an mehrere Gläser Whiskey und an Gerri, um mit seiner kaputten Ehe zurechtzukommen. Ihre Selbstmordpläne sind damit erstmal abgehakt, und nachdem die Putzfrau am nächsten Morgen auch noch Gerris Schlaftabletten aufsaugt, hat die Heldin von „Für jede Lösung ein Problem“ wirklich ein Problem. Denn ihre Abschiedsbriefe an unliebsame Onkel und Tanten, nervige Freundinnen und den neuen, gutaussehenden Cheflektor, der sie gekündigt hat, sind bereits unterwegs – und sie dummerweise immer noch am Leben.
„Für jede Lösung ein Problem“ ist ein Buch in schönster Bridget-Jones-Marnier: Die Hauptfigur ist über dreißig und verzweifelter Single mit chaotischem Leben und noch chaotischeren Freunden, einem Faible für Fettnäpfchen und einer schrecklichen Familie. Gerri lässt sich gerne unterdrücken, doch nach ihrem Selbstmord ist Schluss damit. Geschubst von ihrer resoluten Freundin Charly lernt sie auf eigenen Beinen zu stehen und macht in der Geschichte eine authentische Wandlung durch. Ob man Gerri dabei mag, liegt am Leser persönlich. Kerstin Gier schreibt Bücher, die man, ohne wertend zu werden, der Sparte „Frauenroman“ zuordnen muss. Wer dieses Genre von vornherein nicht mag, der wird auch an „Für jede Lösung kein Problem“ keine Freude finden.
Lässt man sich auf das Buch ein, bekommt man eine lustige Geschichte serviert, die ab und an zum Schmunzeln einlädt. Die Handlung ist witzig und chaotisch, wenn auch sicherlich nicht besonders realistisch. Über Giers Umgang mit dem ernsten Thema Selbstmord lässt sich ebenfalls streiten, dennoch ist die Geschichte witzige Unterhaltung. Mehr als einmal muss man lachen, da aus der Perspektive von Gerri erzählt wird und man all ihre Gedanken mitbekommt. Diese sind meist bissig, sarkastisch und stehen im Gegensatz zu dem, was sie eigentlich tut. Was Gier einigen ihrer Kolleginnen voraus hat, ist dabei, dass ihr Humor richtig schwarz und böse sein kann, so böse, wie man es vielleicht nicht unbedingt in einem „Frauenroman“ erwartet. Das macht dann sogar Leuten Spaß, die solche Bücher normalerweise nicht lesen.
Kerstin Giers Schreibstil gefällt aufgrund des hohen technischen Niveaus. Gier benutzt ein großes, aber der Geschichte angepasstes Vokabular und klare, schlüssige Satzstrukturen. Trotz der Selbstironie und der guten Portion Humor verliert sich das Buch nie in Witzeleien. Die Autorin kommt stets auf den Punkt und erzählt gerafft, aber nicht zu schnell aus dem chaotischen Leben von Gerri.
„Für jede Lösung ein Problem“ gehört zu den wenigen deutschen „Frauenromanen“, die an die Bridget-Jones-Bücher von Helen Fielding heranreichen. Die Geschichte ist witzig, selbstironisch, gut erzählt und präsentiert eine sympathische Hauptfigur. Die Handlung ist sicherlich für manche etwas zu abgeschmackt oder zu unrealistisch, aber wer sich daran nicht stört, wird mit Kerstin Giers Roman ein paar amüsante Stunden erleben.
http://www.bastei-luebbe.de
_Kerstin Gier auf |Buchwurm.info|:_
[„Die Mütter-Mafia“ 4328
[„Die Patin“ 4344
Gier, Kerstin – Patin, Die
Wenn man die Widmung in Kerstin Giers Roman „Die Patin“ liest, bekommt man es als Rezensent mit der Angst zu tun. Dort rät sie einer Kritikern: „Geh und schaufle dir doch ein Loch!“. Da bleibt nur zu hoffen, dass dieses Buch gut genug ist, um es nicht verreißen zu müssen …
Constanze Bauer, die chaotische Protagonistin aus [„Die Mütter-Mafia“, 4328 wurde vor kurzem von ihrem Mann Lorenz wegen eines jüngeren, gutaussehenden Models namens Paris sitzengelassen und lebt nun mit ihrer schwerpubertierenden, vierzehnjährigen Tochter Nelly und ihrem vierjährigen Sohn Julius in einem frisch renovierten Haus in der Kölner Insektensiedlung. „Die Patin“ führt die Geschichte, die im Vorgängerbuch begann, direkt weiter. Mimi, Karrierefrau mit Kinderwunsch, ist endlich schwanger, die esoterische Trudi glaubt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, Nelly hat Liebesleid und Constanze geht zwar mit dem wahnsinnig gut aussehenden Anwalt Anton aus, schafft es mit ihm aber nicht über die Schwelle des Schlafzimmers. Es gibt folglich viel zu tun auf den 314 Seiten: Anton möchte herumgekriegt, Mimis Ehe geflickt werden, ein geschiedener Vater braucht die Hilfe der Patin, um das Sorgerecht für seine Tochter zu bekommen, und Nelly hängt in letzter Zeit auffällig oft mit dem Sohn der asozialen neuen Nachbarn der Wohnsiedlung herum …
Durch den nahtlosen Übergang zwischen den beiden Büchern mit Constanze Bauer ist der Lesegenuss sicherlich geschmälert, wenn man den ersten Band nicht kennt. Zu viele Dinge bauen aufeinander auf, auch wenn die Tagebucheinleitung von Nelly wirklich ein geschickter Schachzug ist, um die Ausgangssituation in wenigen, aber deutlichen Worten zu erklären. Im Gegenzug zu „Die Mütter-Mafia“ finden sich in diesem Roman wesentlich mehr und vor allem ernstere Konfliktherde. Während Gier im ersten Buch hauptsächlich darauf abzielte, übertrieben fürsorgliche Mütter zu bespötteln, geht es diesmal um zerstörte Ehen, Sorgerechtprobleme und arme Familien. Der Grundton der Geschichte wird damit wesentlich seriöser und tiefgründiger, wenn auch auf heitere Art und Weise erzählt. Gerade diese heitere Art und Weise wird für einige Leser ein Problem sein: Darf man solche teilweise sensiblen Themen denn in einem augenzwinkernden Frauenroman verpacken?
Man darf, wenn man Kerstin Gier heißt. Dank ihrer erzählerischen Leistung, die auch dann funktioniert, wenn es mal nicht so witzig wird, schifft sie das Buch gekonnt durch unsichere Gewässer. An der einen oder anderen Stelle kommt sie den Klippen dabei ein wenig zu nahe. Beispielsweise, wenn Constanze eine Schlägertruppe anheuert und den Liebhaber der Frau bedroht, gegen die es im Sorgerechtsstreit geht. Diese Stelle ist ein wenig zu überzogen. Constanze putzt sich beispielsweise richtig heraus, in einem schwarzen Kleid und mit einer großen Sonnenbrille.
Ansonsten ist Gier gewohnt bissig, witzig, böse und selbstironisch. In der Ich-Perspektive von Constanze nimmt sie wirklich alles, was sie finden kann, aufs Korn. Das Buch animiert an mehr als einer Stelle zum Lachen, was vor allem mit der Hauptfigur zusammenhängt. Sie ist chaotisch, ein wenig prüde und ziemlich unsicher, wenn es um Anton geht. Außerdem hat sie ein Faible für Fettnäpfchen und einen bunten Freundeskreis. Zusammen mit dem herrlichen Schreibstil bietet sie eine gute Grundlage für die „Patin“, auch wenn einige Szenen etwas übertrieben sind.
Das ist nicht das einzige Manko: Während [„Die Mütter-Mafia“ 4328 eine geradlinige Handlung hatte – wenn auch mit offenem Ende -, wirkt die Handlung von „Die Patin“ oft mehr wie eine Ansammlung verschiedener Ereignisse als wie ein von vorne bis hinten durchdachtes Buch. Das verringert die Spannung. Die steht zwar aufgrund des Sujets nicht im Vordergrund, dennoch wird das Buch manchmal ein bisschen lang.
Es bleibt zu hoffen, dass Kerstin Gier die Rezensentin nicht beauftragt, sich auch ein Loch zu graben. „Die Patin“ ist nach wie vor sehr witzig und herrlich bissig und kitschfrei geschrieben. Trotzdem hinkt die Handlung an manchen Stellen ein wenig. Es wäre schön gewesen, wenn nicht so viele Konflikte auf einmal zusammengekommen wären, sondern es eher eine klar erkennbare Handlungslinie gegeben hätte. Wer jedoch ein begeisterter Fan der „Mütter-Mafia“ war, wird auch „Die Patin“ lieben. Wer zu Frauenromanen keinen besonderen Draht hat, aber einen Versuch mit der Autorin wagen möchte, sollte sich lieber an „Die Mütter-Mafia“ halten.
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Gier, Kerstin – Mütter-Mafia, Die
Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen. In dieser Hinsicht hat Constanze, die Heldin aus „Die Mütter-Mafia“, doppeltes Pech. Sie hat sowohl einen vierjährigen Sohn, der sich gerne mal grundlos übergibt, als auch eine vierzehnjährige Tochter, die aufgrund ihrer Pubertätshormone manchmal nicht so ganz zurechnungsfähig scheint. Und sie hat keinen Mann mehr. Lorenz hat ihr vor kurzem eröffnet, dass er sich scheiden lässt und dass sie doch deshalb bitte mit den Kindern in das Haus seiner verstorbenen Mutter ziehen möge.
Constanze ist völlig baff und fest davon überzeugt, dass Lorenz an einem Gehirntumor leidet, der seine Sinne vernebelt. Doch als sie nach dem Urlaub bei ihren Eltern nach Köln zurückkehrt, stellt ihr Ex-Mann sie vor vollendete Tatsachen und lädt sie in dem wuchtigen, hauptsächlich mit Mahagoni eingerichteten Haus seiner Mutter ab. Das Haus ist nicht nur unglaublich hässlich, nein, Constanze ist auch so gut wie pleite, hat keine Freunde und keinen Führerschein. Gottseidank freundet sie sich schnell mit der lebenslustigen Mimi und der zupackenden Anne an. Gemeinsam entrümpeln sie nicht nur das Haus, sondern auch Constanzes Leben. Allerdings nicht ohne Turbulenzen. Neben den Versuchen, mit den Supermamis des Viertels Kontakte zu knüpfen, die in einem Fiasko enden, verscherzt es sich Constanze gleich mit ihrem von Mimi empfohlenen Anwalt, der leider auch noch ziemlich gut aussieht …
Zugegeben: „Die Mütter-Mafia“ ist ein ziemlich vergnügliches Buch. Die Fettnäpfchen, in die Constanze mit schöner Regelmäßigkeit tritt, sind wirklich herrlich dargestellt. Beispielsweise das „Verhältnis“ zu ihrem Anwalt, das sich über das ganze Buch zieht. Es beginnt damit, dass Constanze seinen Jaguar demoliert, als sie versucht, ihr Fahrrad an einen Fahrradständer anzuschließen, geht nahtlos über in Beleidigungen von ihrer Seite, dass er sich eine asiatische Frau gekauft und seine Mutter ihn zu früh aufs Töpfchen gesetzt hätte, und endet damit, dass sie ihm in seinem protzigen Büro gegenübersteht und den Mund nicht mehr zukriegt. Bis jetzt war er für sie nämlich nur der schnöselige Jaguarmann gewesen und nicht ihr Anwalt.
Peinlich, peinlich, doch das soll nicht das letzte Missgeschick der plötzlich Alleinerziehenden sein. Das Buch ist gepflastert von solchen Ereignissen. Meistens kann man darüber lachen, manchmal schlägt die Autorin aber auch etwas über die Stränge und bemüht die gute alte Mottenkiste. Während Constanze als Charakter gut gelungen ist, übertreibt Gier es an der einen oder anderen Stelle etwas mit den Klischees. Nun kann man natürlich entschuldigend sagen, dass Klischees zu Büchern im Stile von „Bridget Jones“ einfach dazugehören, aber Gier beginnt vielversprechend. Hätte sie durchgehalten und weniger Charaktere wie den pädophilen Klavierlehrer oder die dicke, handarbeitsbegeisterte Gitti vorgebracht, hätte „Die Mütter-Mafia“ in die Fußstapfen von „Bridget Jones“ treten können.
Den bissigen, stellenweise satirischen Humor dazu hat die Autorin jedenfalls. Sie konzentriert sich dabei besonders stark auf das, was im Klappentext als „die perfekten Mamis und Bilderbuch-Mütter“ bezeichnet wird. Innerhalb ihrer Wohnsiedlung gibt es die so genannte Mütter-Society, ein elitäres Netzwerk von Müttern, in das man aufgenommen werden muss. Constanze und Anne scheitern daran, denn sie sind zu normal. Sie halten ihre Kinder nicht für hochbegabt und schicken sie nicht vierjährig zum Japanischlernen oder Klavierspielen. Trotzdem sind ihre Kinder besser entwickelt als die dieser „braven Muttertiere“, um noch einmal den Klappentext zu bemühen. Julius und sein neuer Freund Jasper, Annes Sohn, sprechen ein gutes Deutsch, prügeln sich nicht den lieben langen Tag und haben auch kein Übergewicht.
Was das Buch neben der passablen Handlung – an einigen Stellen zündet das Feuerwerk, an anderen nicht – selbst für Leser, die nicht unbedingt der typischen Zielgruppe des Genres Frauenromane angehören, zu einem schönen Erlebnis werden lässt, ist Giers fantastischer Sinn für Humor. Sie schreibt bissig, respektlos und schlagfertig und nimmt dabei so ziemlich alles aufs Korn, was sie in einer hübschen Vorortsiedlung finden kann. Aus den Augen der chaotischen Constanze lässt sich das sehr gut schildern, wobei Constanze nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst nicht besonders ernst nimmt. Da aus der Ich-Perspektive erzählt, finden sich deshalb in diesem Buch immer wieder selbstironische Dialoge, die einem mehr als einmal ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern.
Es gibt Frauenromane, die sind so voller Klischees und angestrengtem Witzigsein, dass man sie bereits nach wenigen Seiten wieder aus der Hand legt. Nicht so bei Kerstin Gier. „Die Mütter-Mafia“ kann vielleicht nicht in allen Punkten überzeugen, aber der Schreibstil der Autorin ist unglaublich spitz und amüsant. Dadurch bietet das Buch, das vor allem die Kindererziehung in der reicheren Mittelschicht belächelt, lustige Unterhaltung für ein paar Stunden.
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Sendker, Jan-Philipp – Flüstern der Schatten, Das
Paul Leibovitz lebt einsam und alleine, in freiwillig gesuchter Isolation auf einer kleinen Insel nahe bei Hongkong. Kein Ereignis, keine Menschen sollen seine Erinnerungen stören – Erinnerungen an seinen kleinen Sohn, der starb, bevor sein Leben richtig begonnen hatte. Justin war schon immer ein schmächtiger Junge, deswegen fielen die Symptome spät auf, doch bei Leukämie spielt die Früherkennung keine große Rolle. Dennoch plagt Paul sich auch Jahre nach Justins Tod noch mit Schuldgefühlen. Pauls Frau Meredith hat eine andere Art der Trauerbewältigung gewählt; sie hat sich noch mehr in die Arbeit gestürzt und sich noch häufiger im Ausland aufgehalten. Das Ende der Ehe war nur noch eine Frage der Zeit. Der große Schicksalsschlag hat die beiden sich entfremdenden Erwachsenen noch weiter voneinander entfernt.
Nur wenige Rituale sind es, die fortan Pauls Leben bestimmen, eines davon ist eine traditionelle Wanderung an Justins Todestag. Es ist heiß und Paul schwitzt schon, während er noch auf der Fähre nach Hongkong ist, doch dieser Tag wird sein Leben verändern. Auf der Spitze des Berges lernt er eine amerikanische Frau kennen, die dort in Ohnmacht fällt. Aus Hilfsbereitschaft bietet Paul an, sie ins Krankenhaus zu begleiten. Langsam beginnt die Frau zu erzählen, und zwar von ihrem 30-jährigen Sohn Michael Owen, der vor ein paar Tagen spurlos verschwunden ist. Sie bittet Paul, der sich in Hongkong besser auskennt, Nachforschungen anzustellen und sich bei der Polizei zu erkundigen, ob sie Michael schon gefunden haben. Tatsächlich ist Kommissar David Zhang einer der wenigen Freunde, zu denen Paul noch Kontakt hat. Auch wenn es ihn viel Überwindung kostet, weil er den Kontakt zur Außenwelt so weit wie möglich meiden möchte, ruft Paul seinen alten Freund an. Und dieser berichtet ihm dann von einer bisher nicht identifizierten Leiche eines Mannes, dessen Beschreibung der Michael Owens auf erschreckende Weise gleicht. Doch ein ausländischer Toter ist in China eine Sache, die es nicht geben darf. Der Fall soll also so schnell wie möglich unter den Teppich gekehrt werden. So beschließen David und Paul, der Sache gemeinsam auf den Grund zu gehen.
Noch ahnen die beiden nicht, welche Gefahren ihnen bei ihrer Suche drohen, denn Michael Owen war sehr vermögend und bewegte sich in den höchsten Kreisen Hongkongs, seine Freunde (oder doch Feinde?) sind mächtige Menschen, die man sich besser nicht zum Feind machen sollte. Auch Pauls Freundin Christine Wu, die Paul bislang immer auf Distanz gehalten hat, ängstigt sich (zu Recht) um Paul. Doch bei der Suche nach den Gründen für Michaels Ermordung kommen sich auch Paul und Christine langsam näher …
Zunächst beginnt „Das Flüstern der Schatten“ als gefühlvoller Roman, der die Trauer Paul Leibovitz‘ in so einfühlsamen und wortgewaltigen Sätzen beschreibt, dass es einem beim Lesen die Tränen in die Augen treibt. Jan-Philipp Sendker lässt sich hier viel Zeit, um Paul und seine Trauer zu entfalten. Sendker beschreibt Pauls Leben, seine Rituale, seine Gedanken an Justin und seine Verzweiflung, die nichts durchbrechen kann. Auch die Besuche und Telefonanrufe Christines werden Paul meist zu viel, da sie ihn in seiner Trauer und in seinen Gedanken an Justin stören. Es ist wirklich erstaunlich, welch überzeugende Worte Sendker findet, um all diese Gefühle und Facetten glaubwürdig ins rechte Licht zu rücken.
Doch mit der Begegnung zwischen Paul Leibovitz und Frau Owen wendet sich der Roman. Ein Mordfall ist aufzuklären, der eigentlich nicht geschehen durfte. Ein toter Ausländer ist schlecht fürs Image, es muss also schnellstmöglich ein Schuldiger her, und tatsächlich sitzt bald ein Verdächtiger im Gefängnis, der ein Geständnis unterschreibt. Bei seinen Nachforschungen hat David Zhang allerdings bereits erfahren, dass dieser Verdächtige ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit und das Geständnis mit großer Sicherheit nicht freiwillig unterschrieben hat. Schon hier wird die Bedrohung deutlich, die von dem Fall ausgeht. David und Paul müssen verdeckt ermitteln, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden.
Ganz langsam entwickeln sich die Motive, wir kämpfen uns immer weiter in Michael Owens Leben vor, wir lernen seine Geliebte kennen, seine Arbeit und seinen Geschäftspartner, doch noch können wir die Zusammenhänge nicht durchschauen. Die meisten Protagonisten scheinen etwas verbergen zu wollen, sie geben David und Paul keine Auskunft und füttern sie nur häppchenweise mit Informationen, doch langsam kommen David Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit und er muss erkennen, dass Michaels Geschäftspartner für ihn kein Unbekannter ist. Langsam fügen sich die Puzzleteilchen zusammen und der Schuldige wird immer weiter eingekreist. Es ist eine unglaubliche Spannung, die Sendker aufbaut, denn der Leser weiß von Anfang an, was die beiden aufs Spiel setzen, indem sie gegen den Willen aller anderen auf eigene Faust ermitteln.
Obwohl in Pauls Leben schon genügend Aufregung Einzug gehalten hat, nimmt auch Christine Wu immer mehr Platz ein. Während er sich früher immer versteckt hat, wenn sie zu Besuch kam, sucht Paul nun von sich aus den Kontakt. Er verbringt die erste Nacht mit ihr, scheitert jedoch bei seinen Annäherungsversuchen, weil er sich auf diese Affäre noch nicht genügend einlassen kann. Seine Verzweiflung und Verwirrung wachsen weiter, doch erkennt Paul, dass er gar nicht anders kann, als Christine eine echte Chance zu geben. Wie zwei Jugendliche vor dem allerersten Kuss nähern die beiden sich zaghaft und behutsam an, gehen mal einen Schritt vorwärts, dann aber auch zwei zurück. Und all dies findet noch Platz in Jan-Philipp Sendkers Roman, der sich langsam zu einem Kriminalfall entwickelt, der auch an der Vergangenheit Chinas rüttelt. Der Mord an Michael Owen führt viel weiter; im Hintergrund passieren so viele Dinge, die Paul und David nur mühsam auseinander klamüsern.
„Das Flüstern der Schatten“ lässt sich keinem Genre zuordnen, es beginnt als Portrait eines trauernden Menschen, entwickelt sich dann zu einem Kriminalfall, rollt politische Hintergründe auf, schildert aber auch die Liebesgeschichte zweier Menschen. Obwohl dies sehr viele Elemente für ein Buch von nur knapp 450 Seiten sind, schafft es Sendker, die meisten davon überzeugend auszubauen. Die Krimi-Anteile konnten mich persönlich nicht vollauf überzeugen, da der Schuldige zu offensichtlich ist und sich gleich als Erster anbietet. Die Hintergründe aufzuklären, ist dabei schon deutlich aufwändiger. Sprachlich gefällt das Buch aber ausgesprochen gut; Sendker gelingt es, jede Gefühlsregung, jede Situation und jede Figur glaubwürdig und in beeindruckender Wortwahl zu beschreiben. Wer etwas über China lesen und lernen möchte, der ist hier genau richtig.
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Cacciatore, Giacomo – Sohn, Der
„Wenn man das Böse nicht sieht, existiert es nicht“! Eine Botschaft, die sich als Grundlage und bestimmende Aussage in Giacomo Cacciatores Roman „Der Sohn“ wiederfindet.
Palermo – viel gerühmte Stadt Siziliens. Ein Ort der Künste, Paläste und Museen mit einer bewegenden Geschichte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die größte Stadt in Sizilien zugleich eine Hochburg der Mafia. Verfeindete Clans, auch „Familien“ genannt, kämpften mit Brutalität, Morden und Vergeltungsaktionen um die Vorherrschaft in der Stadt.
Wenn die Rede von Familie ist, so ist dies zugleich mehrdeutig, denn es handelt sich hierbei um eine streng hierarchische Struktur mit einem Paten an der Spitze und mehreren Clans, die operativ die Befehle und Anweisungen von oben durchführen. Sicherlich gab und gibt es unter diesen Clans auch starke familiäre Bande, die Werte und Sitten wie beispielsweise einen Ehrenkodex auch wirklich leben. Doch auch diese und die Omerta (das Schweigen) wurden von z. B. dem Corleone-Clan gebrochen und ignoriert; ganze Familien mit vielen unbeteiligten Verwandten wurden vernichtet.
Der Staat und die politische Macht Italiens sahen sich gezwungen zu reagieren, denn auch diese war durchsetzt von Korruption und Gewalt. Die Mafia macht keinen Halt vor Richtern, Staatsanwälten, der Polizei und Politikern. Die Öffentlichkeit Italiens wurde nun auf das Morden in Palermo aufmerksam und der Druck auf die Mafia stieg. Doch diese schlug noch erbarmungsloser zurück; der berühmte Jurist und berüchtigte Mafia-Gegner Giovanni Falcone wurde zusammen mit seiner Frau auf dem Weg in sein Ferienhaus durch einen Bombenanschlag getötet, nur kurze Zeit später kam auch sein Mitarbeiter und Vertrauter Richter Paolo Barselloni bei einem Mordanschlag um. Beide waren Symbolpersönlichkeiten im mutigen Kampf gegen die Mafia.
Der italienische Autor Giacomo Cacciatore gibt mit seinem Roman einen prägnanten und mutigen Einblick in die „familiären“ Strukturen der mafiösen Gesellschaft Palermos, einer nebulösen Zwischenwelt, in der alles anders ist, als es zu sein scheint.
_Inhalt_
Italien: Palermo in den siebziger Jahren. Giovanni Vetro, ein neunjähriger Junge, lebt mit seinem Vater und seiner Mutter in Palermo. Sein Vater lebt zwischen den „Familien“, als Polizeibeamter steht er für das Gesetz ein, doch arbeitet er auch als Informant heimlich für das organisierte Verbrechen in der Stadt – ein schmaler Grat zwischen Gesetz und Kriminalität. Seinem Sohn erklärt er, dass das Böse nicht existiere, wenn man es nicht sehe, und tatsächlich offenbart sich das „Böse“ eher getarnt in Gefälligkeit und Verpflichtungen.
Geschickt versteht es sein Vater, dem gegenwärtigen Mafiaboss zu dienen und dessen Gefälligkeiten – z. B. ein langersehnter Farbfernseher im Wohnzimmer – erscheinen abrupt und überraschend. Giovanni flüchtet sich in eine fiktive Welt der amerikanischen Fernsehserien, und seine Realität verwischt sich sehr bedenklich, denn seine Fragen und Ängste werden vom Vater entweder nicht ernst genommen oder aggressiv im Keim erstickt.
Sein Vater, so bemerkt er sehr bald, hat Sorgen mit sich herumzutragen und verrennt sich in den Gedanken, dass seine Handlungen allen nur dienen und er damit zugleich seine Familie beschützt und finanziell fördert. Giovannis Mutter, die das Doppelspiel ihres Mannes schon längst durchschaut hat, ist alles andere als froh über diese Entwicklung und begreift schnell, dass die täglichen Drohanrufe erfolgen, zum Ziel haben, ihren Mann einzuschüchtern und in die vorgesehenen Schranken zu weisen.
Langsam beginnt auch Giovanni zu ahnen, dass sein Vater in Gefahr sein könnte. Naiv und wohlwollend versucht er, hinter die Fassade seines Vater zu blicken, doch der reagiert forsch und abweisend auf die Ängste seines eigenen Sohnes. Auch seine Mutter, die sich inzwischen hysterisch benimmt, ist keine große Hilfe; medikamentös eingestellt flüchtet sie sich in ihre eigene wünschenswerte Welt.
Als die ersten Morde vor seinen Augen in Palermo geschehen, vermischen sich die beiden Familien, in denen sich sein Vater bewegt …
_Kritik_
„Der Sohn“ ist ein weiträumiges Psychogramm, in dem die Grenzen zwischen Wunschdenken und Realität fließend zu sein scheinen. Giovannis Motivation, sich schützend vor seinen Vater zu stellen, ihn aber zugleich auch für sein Verhalten abzulehnen, ist bewundernswert herausgearbeitet. Völlig auf sich alleine gestellt, findet er weder zu sich selbst noch zu einer Lösung der grenzwertigen Situation.
Der Vater/Sohn-Konflikt spitzt sich immer weiter zu, aber der Eindruck trügt nicht, wenn man zu der Einsicht gelangt, dass weder der Vater noch der Sohn als Gewinner aus dem familiären Konflikt heraustreten. Sie verlieren beide auf unterschiedlicher Art; der Vater verliert den Respekt und das Vertrauen seines Sohnes, und bei diesem wächst natürlich das Misstrauen. Auch verliert er sein Selbstbewusstsein, denn davon zeugt seine Flucht in amerikanische Krimiserien. Sein Vater hingegen verhält sich ähnlich wie der Sohn; er zieht sich zurück und wirkt, zu Hause nachdenklich im Fernsehsessel sitzend, unsicher und nervös. Es spielt eine gewissen Tragik darin mit, dass weder Vater noch Sohn sich gegenseitig ausreichend vertrauen können, um sich Mut zuzusprechen. Giovanni findet in den Jahren der Kindheit und seiner Entwicklung zum Erwachsenen zu sich selbst; wenn auch auf Umwegen, so trifft ihn die Realität schwerer, als er es sich selbst einzugestehen vermag, und die ihn oft vor Ratlosigkeit verzweifeln lassen.
Die ganze Erzählung ist einem ruhigen Ton gehalten, der nur aus Dialogen besteht; und diese sind nicht immer einfach zu verfolgen, man muss schon genau darauf achten, wer nun gerade in die Rolle des Sprechers schlüpft. Auch der Sprachstil ist eher umständlich und wirkt oft schwerfällig, so, als würden dem Autor die passenden Formulierungen ausgehen. Wer hier eine blutige und actionreiche Handlung vermutet, wird enttäuscht sein. Sicherlich geschehen hier Morde, aber im Vordergrund stehen immer die Empfindungen, die Ängste und das Verstehenwollen, aber nicht -können von Giovanni. Die Stadt Palermo, die für Touristen sicherlich eine der attraktivsten Siziliens ist, wird dem Leser nur einseitig dargestellt als eine Stadt, in der das Verbrechen eine geduldete und akzeptierte Lebensweise ist, in der Politiker, Polizisten und die Bürger selbst schweigend ausharren. Hier sind die Grenzen zwischen Gesetz und Kriminalität fließend dargestellt.
Giacomo Cacciatore beschreibt uns die alltägliche Gegenwart in Palermo mit einer nicht mehr wegzudenkenden ehrenwerten Gesellschaft darin. Als Außenstehender und Tourist dürfte es schwerfallen, hinter die hier aufgebaute Fassade schauen zu können. Der Staat steht nahezu ohnmächtig daneben und obendrein sieht es so aus, dass die Mafia ohnehin nur deswegen überleben konnte, weil die Politik schon viel zu sehr Teilhaber der illegalen Geschäfte geworden ist. Ohne den Schutz und die Unterstützung staatlicher Organe wäre die Mafia ein wenig überlebensfähiges Syndikat.
Trotzdem gelingt es dem Autor ansatzweise, dem Leser einen Blick auf die familiären Strukturen der Mafia werfen zu lassen. Vieles wird nur angedeutet, fast schon zu vieles, wodurch der Leser sich zugleich Interpretationen hingeben muss, aber damit regt Cacciatore auch den Entdeckungswillen an, auch wenn die unmittelbare Spannung dafür auf der Strecke bleibt.
_Fazit_
„Der Sohn“ ist ein psychologischer Roman um die Abgründe einer Vater-Sohn-Beziehung. Wie zerbrechlich eine Familie sein kann, wenn sie von außen her bedroht wird und innerhalb dieses Gefüges niemand bereit ist, Mut und Gegenwehr aufzubringen, vermittelt der Autor sehr gekonnt und spürbar realistisch.
Wer einen spannenden Roman erwartet, der transparent und bildlich die Handlung wiedergibt, der wird enttäuscht sein. Vieles bleibt unausgesprochen und nur angedeutet, die Dialoge zwischen den Protagonisten sind nicht einfach gehalten, was die Leselust desjenigen durchaus trüben kann, der auf der Suche nach einem aufregenden Mafiakrimi war, ebenso wie die Tatsache, dass der Handlungsfokus auf die persönliche, familiäre Ebene gerichtet ist und weniger auf die mafiösen Strukturen und Vorkommnisse.
_Der Autor_
Giacomo Cacciatore wurde 1967 in Polistena, Kalabrien geboren. Seine Studienfächer waren Literatur und Sprachwissenschaften. Er lebt als Journalist und Korrespondent u. a. von |La Repubblica| in Palermo. Neben diversen Sachbüchern hat er bereits zwei Romane veröffentlicht und gilt als eines der großen literarischen Talente Italiens.
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Allende, Isabel – Inés meines Herzens
Letztes Jahr erst war Isabel Allende mit ihrem Buch [„Mein erfundenes Land“ 2979 in Deutschland auf Lesereise. Und schon ein Jahr später, zu ihrem 65. Geburtstag, ist sie wieder unterwegs: Dieses Mal hat sie den historischen Roman „Inés meines Herzens“ im Gepäck.
Ganze fünfhundert Jahre in die Vergangenheit entführt Allende den Leser in ihrem neuesten Roman, um ihm Inés Suárez vorzustellen, die historisch verbürgte Mitbegründerin Chiles. Als Autobiographie getarnt, schildert Allende Inés‘ Leben – ihre Lieben, Leidenschaften und Abenteuer – und läuft damit einmal wieder zu literarischer Hochform auf: „Inés meines Herzens“ ist mit Leichtigkeit Allendes bester Roman seit langem.
Inés wird 1507 in Plasencia in der Extremadura geboren. Sie ist Analphabetin, kann aber gut nähen, kochen und heilen. Sie heiratet Juan de Malaga, einen Spieler und Weiberheld, der jedoch im Bett ein echter Verführer ist und Inés in die Künste der körperlichen Liebe einweiht – eine Unterweisung, von der sie ihr ganzes Leben lang zehren soll. Die beiden haben, außer ihrer Kompatibilität im Bett, kaum etwas gemein, und so ist Inés kaum geknickt, als sich Juan ohne ein Wort des Abschieds in die „Neuen Indien“ = Südamerika) einschifft. Wie so viele andere vor ihm, hofft auch Juan darauf, in der Neuen Welt schnell das ganz große Geld zu machen. El Dorado lockt …
Die lebenslustige Inés sieht sich in einer Zwickmühle. Zwar ohne Mann, aber doch keine Witwe, kann sie nicht wieder heiraten. Als sie erkennt, dass sie in Spanien nur noch Nähen und Kochen erwarten, setzt sie alles daran, ihrem Mann nach Amerika zu folgen. Im Gegensatz zu Juan locken sie weder Geld noch Gold. Stattdessen ist es die zweite Chance, die sie reizt – die Möglichkeit eines Neuanfangs weit weg von ihrer Heimat.
Schon bald nach der Überfahrt stellt sich heraus, dass Juan das Zeitliche gesegnet hat. Inés findet, etwas Besseres hätte ihr kaum widerfahren können, schließlich ist sie als Witwe nun wieder frei. Sie lässt sich zunächst in Cuzco (Peru) nieder und verdingt sich als Näherin und Köchin. Als ihr eines Nachts ein aufdringlicher Schürzenjäger nachstellt, wird sie von Pedro Valdivia gerettet. Der schlägt den Lüstling kurzerhand in die Flucht und sinkt sodann mit Inés in die Federn.
Inés wird die Geliebte des Kommandeurs und gibt zunächst die Liebeslektionen ihres verstorbenen Mannes an Pedro weiter. Dieser hat zwar eine Frau in Spanien, doch hält sich in den Neuen Indien jeder Spanier eine ganze Armada von Mätressen, und so stößt sich niemand an dem Paar. Selbst als Pedro eine Expedition nach Chile auf die Beine stellt, ist Inés mit dabei. Sie findet für die wandernde Schar Wasser in der Wüste (per Wünschelrute), sie kämpft an vorderster Front gegen die Indios und sie ist Valdivias Vertraute. Und doch hält das Schicksal noch einen dritten Mann für Inés bereit …
Wieder einmal hat sich Isabel Allende des Schicksals einer starken Frau angenommen. Eine wie Inés gibt es in jedem Allende-Roman: Sie ist stark, unabhängig, mutig, abenteuerlustig, leidenschaftlich, loyal und auch etwas skurril und verschroben. Überlebensgroß, so stellt sie Allende dar. Manche Kritiker werfen ihr genau dies vor: aus einer historischen Figur des 16. Jahrhunderts eine moderne Heldin gemacht zu haben. Sicher, diese Taktik wirft einige Probleme auf. Inés ist zu feministisch, teilweise zu kritisch gegenüber der Eroberung des Kontinents, als dass der Leser tatsächlich glauben mag, hier wirklich authentische Empfindungen eines Zeitzeugen zu lesen. Inés ist mitfühlend, ja gar verständnisvoll gegenüber den Mapuche, den Eingeborenen Chiles, die es zu vertreiben gilt. Umso seltsamer mutet dann an, wenn sie (wie historisch belegt ist) beim Angriff der Mapuche auf das neugegründete Santiago sieben Geiseln eigenhändig die Köpfe abschlägt, um sie den Angreifern als Abschreckung vor die Füße zu werfen. Solche Episoden vertragen sich nicht mit der sonst so empfindsamen Inés. Allende ist sich der Diskrepanz bewusst und muss sich mit einem Kniff behelfen: In der Retrospektive kann sich Inés ihre Tat selbst nicht mehr erklären, und so macht es nichts, wenn der Leser sie auch nicht nachempfinden kann.
Trotzdem, Inés als moderner Charakter, als Sympathieträger für den Leser bricht dem Roman keineswegs das Genick. Ganz im Gegenteil, Inés ist das Zentrum, um das sich die Handlung dreht. Wäre dieser Charakter kein Sympathieträger, böte er keine Identifikationsfläche für den Leser, würde der ganze Roman daran kranken. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Allende entscheidet, ihre Hauptfigur so faszinierend wie möglich zu gestalten. Das Buch profitiert davon.
„Inés meines Herzens“ ist auch als historischer Roman überzeugend. In einem Genre, das viel zu oft mit 1000-Seiten-Büchern daherkommt, die sich leicht auf die Hälfte zusammenkürzen ließen, liefert sie einen Schmöker mit kaum 400 Seiten ab, der sich so schlank präsentiert, dass sich nirgends etwas Überflüssiges finden lässt. Das führt natürlich auch dazu, dass die Lektüre immer spannend und unterhaltsam bleibt. Darüber hinaus erscheint Allende auf den Seiten des Romans so erzählfreudig wie lange nicht mehr, und so ist es eine wahre Freude, ihr in die Extremadura, auf den Atlantikkreuzer, nach Peru, in die Wildnis zu folgen.
Apropos Wildnis: Schon immer legte Isabel Allende besonderen Wert auf Sinnlichkeit. Wenn sie die Liebe beschreibt, dann sind das Passagen, die das Wiederlesen und das Lautlesen lohnen. In „Inés meines Herzens“ kommt nun eine neue Form der Sinnlichkeit dazu: die Sinnlichkeit der unberührten Natur. Wenn Allende Inés von Peru und Chile erzählen lässt, von der Wildnis, die erst noch gebändigt werden will, dem Artenreichtum von Flora und Fauna, dann wähnt man sich fast mit ihr an diesem vergangenen Ort. Alles ist lauter, chaotischer, farbenprächtiger und beeindruckender, als wir es von unserer heutigen Natur kennen. Und so schwingt immer auch ein wenig Bedauern mit, dass es immer weniger Möglichkeiten gibt, unberührte Natur derartig zu erleben.
„Inés meines Herzens“ ist ein Roman, der zum genüsslichen Schmökern einlädt. Sicher, man könnte darüber diskutieren, ob die Eroberung der neuen Welt (und die damit einhergehende Entrechtung der Eingeborenen) nicht kritischer behandelt werden müsse. Man könnte darüber diskutieren, wo die historische Inés aufhört und die Allende-Inés anfängt. Doch mal ehrlich, will man das, wenn man stattdessen auch einen fesselnden Roman genießen kann?
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Bruno Preisendörfer – Die Vergeltung

Die Geschichte beginnt damit, dass Michael Keller am Frankfurter Hauptbahnhof in ein Taxi steigt und eine Fahrt zur Düsseldorfer Messe verlangt. Das ist nicht gerade eine kurze Strecke, aber Sebastian Neubert, der Taxifahrer, ist froh über das Geld. Er ahnt nicht, was unter dem Jackett seines Fahrgastes verborgen ist und was in dessen Kopf vorgeht. Denn die beiden kennen sich, Sebastian ahnt nur nichts davon. Vor neunzehn Jahren wurde Michaels Freundin Vanessa umgebracht, als sie einen Einbrecher in ihrer Wohnung überraschte. Dieser Einbrecher war Sebastian Neubert, der ursprünglich zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war, wegen guter Führung aber vorzeitig entlassen wurde und nun versucht, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Er hat geheiratet, zwei Stiefkinder, liest gerne. Nichts erinnert mehr an den kriminellen Sechundzwanzigjährigen, bei dessen Anblick im Gerichtssaal sich Michael geschworen hat, eines Tages Vergeltung für den Mord an seiner Frau zu üben.
Hustvedt, Siri – unsichtbare Frau, Die
Die Amerikanerin mit dem norwegischen Namen Siri Hustvedt hat sich mittlerweile einen großen Fankreis erschrieben. Das Buch, mit dem 1992 alles anfing, ist „Die unsichtbare Frau“, das sich mit dem Leben einer Studentin im New York der Achtziger Jahre beschäftigt.
Iris Vegan, die Ich-Erzählerin, möchte an der Columbia-University promovieren, doch sie ist stets knapp bei Kasse. Sie lebt noch nicht lange in New York, aber da sie immer auf der Suche nach einem Job ist, erfährt sie sehr bald, was für sonderbare Menschen in dieser Stadt leben. Ein Professor, der sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin einstellt, möchte zum Beispiel, dass sie Gegenstände, die einer Toten gehörten, für ihn auf Tonband beschreibt. Iris geht Liebschaften ein, die sie an den Rand ihres Verstandes bringen, und ehe sie sich versieht, ist sie ebenfalls eine sonderbare Gestalt geworden. Mit einem Herrenanzug bekleidet, zieht sie durch die New Yorker Bars und nennt sich Klaus – nach einer Person aus einem Manuskript, das sie übersetzt hat.
Eine wirklich zusammenhängende Handlung hat das Buch nicht. Vielmehr besteht es aus vier Teilen, die mehr oder weniger unabhängig voneinander vier Zeiträume in Iris‘ Leben erzählen. Diese umfassen bestimmte Ereignisse und Personen, die manchmal an anderer Stelle erneut auftauchen. Zum Beispiel der Kunstkritiker Paris, eine undurchsichtige Person, aus der Iris nicht besonders schlau wird. Mag er sie nun oder mag er sie nicht? Muss sie Angst haben, dass er sie jeden Moment hereinlegt? Allerdings sollte man sich nicht vom Klappentext täuschen lassen. Der behauptet, in dem Buch würde sich „eine Reihe von erotischen Abenteuern“ finden. Tatsächlich gibt es aber kaum Sex in dem Buch, und wenn, dann wird er so beiläufig dargestellt, dass die Bezeichnung ‚Abenteuer‘ doch ein bisschen wagemutig ist.
Siri Hustvedt bewies bereits in ihrem Debüt, dass sie ein unglaublich gutes Händchen für authentische Figuren hat. Der schnörkellose Roman konzentriert sich stark auf die einzelnen Charaktere und beleuchtet sie stets von allen Seiten. Hustvedt schafft es, die Figuren im Buch bis ins kleinste Detail zu beschreiben, denn sie ist eine sehr gute Beobachterin. Jede Person wird mit Ecken und Kanten, Geschichten und Lastern ausgestattet, und für die zwischenmenschlichen Beziehungen gilt das Gleiche. Auch sie sind wunderbar ausgearbeitet, und auch wenn es keine lineare Handlung gibt, sind es diese Beziehungen, die den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen lassen.
Iris steht als Protagonistin und Ich-Erzählerin natürlich im Vordergrund. Am Anfang wirkt sie wirklich wie eine unsichtbare Frau. Sie verschwendet nur wenig Worte auf ihre eigene Persönlichkeit. Der Leser muss sich Iris Vegan selbst erlesen, aber das gelingt anhand der schönen Beschreibungen von Hustvedt und der oft reflektierenden Rückblicke – Iris schreibt quasi ihre Erinnerungen an diese Zeit nieder – sehr gut. Iris verbirgt nichts. Sie gibt alles ganz offen zu, auch wenn es sie nicht in einem guten Licht dastehen lässt oder sie es sich selbst nicht erklären kann. Dadurch wird sie dem Leser sehr vertraut. Wenn er das Buch zuschlägt, wird er glauben, Iris schon seit vielen Jahren zu kennen.
Getragen wird der anschaulich aufbereitete Inhalt von einem sehr ästhetischen Schreibstil. Hustvedt schreibt zeitlos und ohne unnötigen Ballast. Sie drückt sich gewählt aus, verstrickt sich aber nicht in Schachtelsätzen oder Fremdwörtern. Vielmehr ist „Die unsichtbare Frau“ eine glasklare Angelegenheit. Die Worte wirken wie ein Gerüst, welches das gesamte Buch stützen soll, und das gelingt geradezu tadellos. Hustvedts Debütroman lässt keine Fragen offen. Er ist eine in sich abgeschlossene Lektüre, bei der alles einfach alles stimmt.
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Irtenkauf, Dominik – Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort
Dominik Irtenkauf versteht es, den verheißungsvollen Untertitel, den sein zweites Buch trägt, mit Leben zu füllen. Seine Literatur ist aus zweierlei Gründen eine Alchemie: Zum einen transformiert sie Sprache, sodass sich die Worte beginnen zu krümmen und zu strecken und schließlich einen farbenfrohen Zoo lebendiger Literaturen ergeben, zum anderen geht es Irtenkauf um eine Erforschung der verborgenen Prägungen seiner Texte. Er kann selbst nicht mit Gewissheit sagen, ob er das, was nun verfasst vor ihm liegt, selbst vollständig entschlüsseln kann. Seine literarische Erforschung des Rätselhaften bleibt unabgeschlossen. Das ist ihm ein wichtiger Zug.
„Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ ist ein unaufgeregtes Buch. Es wirkt nüchtern; es ist keinesfalls bockbeinig, wie Irtenkaufs Vorgänger [„Der Teufel in der Tasche“. 2657 Die vielen Rätsel zwischen den Zeilen kommen völlig ohne subversiven Stachel aus, sie sind eher subtil, aber nicht trocken. Das offene Bekenntnis spricht Irtenkauf auf Novalis. Denn sein rätselhafter Weg führt nach Innen. „Meine ehrliche Absicht liegt in der Bewusstmachung der verschrobenen Wege im eigenen Kopf“, wie es im Nachwort heißt.
Irtenkauf spielt mit verträumter Anmut, keine Frage, doch begegnet sie dem Leser keineswegs in Form romantischer Trunkenheit. Die Erzählungen führen uns in wohlüberlegte Denkfiguren ein: in Erkenntnis- und Entwicklungswege und, wen wundert’s, in Rätsel, deren spürbare Verschlossenheit gerade den Reiz der erzählten Geschichten ausmachen.
Dominik Irtenkauf präsentiert mit „Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ eine Sammlung unterschiedlicher Erzählungen: frühe Werke, aktuelle Werke, alles dabei. Wir erleben eine Expedition, fahren mit dem Taxi durch die nächtliche Stadt, besuchen den Zirkus und unternehmen Reisen in archaische Zeiten. Die Vielfalt ist Programm, das betrifft Form und Inhalt. Irtenkaufs Geschichten zeigen nicht zuletzt, dass der Literat von heute keine Schreibstubenkultur betreibt, sondern sich – wie Irtenkauf betont – mutig unserer komplexen Welt entgegenwirft, die Konfrontation nicht scheut und auch mit nüchternen Worten den Oberflächenbewohnern zu zeigen imstande ist, dass Dreidimensionalität im 21. Jahrhundert nicht aus der Mode gekommen ist.
_Aus dem Inhalt_
Byzantinischer Schlaf
Abziehbild eines Ausgangs
Kubbeln
Nur ein Flügel hat gestreift
Jenseitstraum
Rasender Schwund
Rabenwetter
Verunglückung
Nachwort: Rätsel in Wort und Mensch
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Carroll, Steven – Gabe der Geschwindigkeit, Die
Mit seinem Roman [„Die Kunst des Lokomotivführens“ 2853 gelang dem Australier Steven Carroll eine beachtenswerte Momentaufnahme um Liebe, Lebensträume und enttäuschte Hoffnungen. Nun liegt mit „Die Gabe der Geschwindigkeit“ der Nachfolgeband vor.
Gleiche Figuren, gleicher Ort, aber eine andere Zeit. Spielte der Vorgängerroman noch Anfang der fünfziger Jahre in einem verschlafenen Vorort von Melbourne, so sind seitdem knapp zehn Jahre vergangen. Vic, der ehemalige Lokomotivführer ist mittlerweile den ganzen Tag zu Hause und träumt von einem besseren Leben weit weg. Seine Frau Rita dagegen träumt von schicken französischen Fenstertüren und zeigt damit wieder einmal, dass ihr Geschmack, ihr Stil eigentlich ein bisschen zu gut für diesen Vorort ist.
Sohn Michael interessiert das alles herzlich wenig, denn die Welt des Sechszehnjährigen dreht sich in erster Linie um einen kleinen roten Ball. Von morgens bis abends übt er das Werfen und träumt von der großen Kricketkarriere. Eines Tages muss sie sich ihm doch offenbaren, die Gabe der Geschwindigkeit, und dann könnte ihr Schwung ihn aus der Einöde dieses Vorortes hinauskatapultieren. Bis es so weit ist, übt Michael Werfen, tagein, tagaus.
Doch als Michael Kathleen Marsden begegnet, ändert das einiges in seinem sonst so überschaubaren Leben. Kathleen weckt Gefühle in Michael, die er bislang nicht kannte, und die Begegnung mit ihr ist es, die Michael zeigt, dass es noch andere wichtige Dinge im Leben gibt außer Kricket.
So wie „Die Kunst des Lokomotivführens“ eine Momentaufnahme ist, so lässt sich auch „Die Gabe der Geschwindigkeit“ einordnen. Carroll schildert den Moment in Michaels Leben, in dem seine Kindheit unwiederbringlich zu Ende ist. Die gesamte Handlung läuft auf einen bestimmten Moment zu. Dennoch ist der Roman gänzlich anders als sein Vorgänger. Diesmal spielt die Handlung über einen längeren Zeitraum, während der gesamte Vorgängerroman an nur einem einzigen Abend spielt.
Carroll zieht die Handlung etwas auseinander, baut zeitliche und räumliche Sprünge ein und ordnet mehr Figuren in den Gesamtkontext ein. Vics Mutter, die nach einem Unfall in Vics und Ritas Haus untergekommen ist, erlaubt dem Leser Einblicke in Vics Kindheit und in ein Geheimnis, das der Mutter ihr ganzes Leben lang schon auf den Schultern lastet.
Und auch dem Kapitän der westindischen Kricketmannschaft Frank Worrell kommt eine Rolle zu. Die Handlung des Romans beginnt und endet mit einem Kricketturnier, zu dem Worrell mit seiner Mannschaft anreist. Dem Leser offenbart Carroll Worrells Gedanken während des Turniers ebenso wie die Einsamkeit, in die ihn die Kapitänsbürde zwingt.
Und dann wäre da noch der einsame Fabrikbesitzer Webster, der in seinen schlaflosen Nächten in einem schicken Sportwagen durch die Vororte braust und damit eine geheime Leidenschaft auslebt, von der nicht einmal seine Frau weiß.
Diese Vielfalt an Figuren, die neben Rita, Vic und Michael genauer betrachtet werden, zieht die Handlung etwas in die Länge. Insbesondere in der ersten Hälfte des Romans wirkt die Handlung schnappschussartig. Carroll schaut mal hierhin, schaut mal dorthin, und so ganz weiß man als Leser während dieser Zeit noch nicht, in welche Richtung das überhaupt abzielen soll. Das war in „Die Kunst des Lokomotivführens“ zwar ähnlich, durch eine stärkere räumliche und zeitliche Konzentration der Handlung aber wesentlich greifbarer.
Zwar fügt Carroll die Handlungsstränge am Ende zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen, zwar schafft er es dabei auch, zum Ende hin eine gewisse Spannung aufzubauen, dennoch ist mir die Atmosphäre aus dem Vorgängerroman als wesentlich dichter in Erinnerung. Man spürt, dass alles auf einen unausweichlichen Augenblick hinausläuft, der alles verändern wird, und dass die Protagonisten danach nicht mehr dieselben sein werden wie vorher. Auch „Die Gabe der Geschwindigkeit“ steuert auf so einen Punkt zu, allerdings vor allem in der ersten Hälfte wesentlich weniger konzentriert und zielstrebig.
Lebte „Die Kunst des Lokomotivführens“ von dem tiefen Einblick in die Figuren und von der greifbaren Spannung des Augenblicks, so zieht sich der Nachfolger in den ersten Kapiteln etwas zähflüssig und langsam dahin. Carroll ist kein Mann für temporeiche Plots, keiner, der viel Wirbel um seine Handlung macht und seine Geschichte mit Effekten und Actioneinlagen aufbläht. Er ist ein Autor der leisen Töne, der zurückhaltenden Beobachtung und der ausgefeilten Persönlichkeitsskizzierung. Bei „Die Kunst des Lokomotivführens“ sind das die Zutaten, in denen man sich als Leser verlieren kann. Der Roman entwickelt eine ganz eigene Spannung, und genau die lässt in den ersten Kapiteln von „Die Gabe der Geschwindigkeit“ auf sich warten.
Zum Teil liegt das auch an den sprachlichen Mitteln. Carroll beschreibt stets sehr genau, mit einem Blick für kleine Details und den tieferen Sinn der Dinge. Das lässt sich auch im aktuellen Roman nicht leugnen. Dennoch entwickelt er einen Zug, der mit fortschreitender Seitenzahl stets ein bisschen mehr nervt: Er neigt zu Wiederholungen. Bestimmte Formulierungen schleichen sich wieder ein, nachdem sie ein paar Zeilen zuvor schon aufgetaucht waren, und das lässt Carrolls Stil hie und da überausführlich erscheinen.
Und so dauert es diesmal, bis sich das Spannungsfeld der Figuren, das Besondere des Augenblicks überhaupt richtig entfalten kann. Erst ab etwa der Hälfte fängt die Geschichte an, den Leser gefangen zu nehmen. Michaels Leben steuert auf den Punkt zu, an dem er erwachsen wird. Alles läuft in einem Augenblick zusammen, und man kann sich der aufkommenden Spannung kaum entziehen.
Aber bis dahin hat man erst einmal eine einige Kapitel andauernde Durststrecke zu überwinden. „Die Gabe der Geschwindigkeit“ ist ein literarisches Kleinod, das es dem Leser nicht leicht macht. Nur wer ausreichendes Durchhaltevermögen beweist, wird am Ende belohnt. Aber diese Belohnung reicht leider nicht ganz aus, um den etwas faden Beigeschmack der langatmigen ersten Buchhälfte vergessen zu machen.
Bleibt unterm Strich also ein durchwachsener Eindruck zurück. Einerseits wunderbar tiefe und vielschichtige Charakterskizzierungen, andererseits aber eine etwas zähe und langatmige Lektüre in der ersten Buchhälfte. Man braucht schon einen Sinn für die feinen Töne in Carrolls Buch, ansonsten reicht am Ende das Durchhaltevermögen nicht. Im Vergleich dazu ist [„Die Kunst des Lokomotivführens“ 2853 dichter und kompakter erzählt und damit eben auch um einiges besser.
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Ferraris, Zoe – letzte Sure, Die
Wenn man den Islam kritisiert, geht es normalerweise darum, wie sehr die Frauen in dieser Religion unterdrückt werden. Dass dies nicht nur für die Frauen Folgen hat, sondern auch für Männer, zeigt Zoë Ferraris in ihrem ersten Roman „Die letzte Sure“.
Wer sich nun denkt: Nanu? Wie will uns eine Frau mit einem westlichen klingenden Namen die Welt des Korans erklären?, dem sei Ferraris‘ Biografie ans Herz gelegt. Sie hat ein Jahr lang in einer strenggläubigen Gemeinde in Saudi-Arabien gelebt, nachdem die Liebe sie dorthin geführt hat. Selbst wenn sie die Welt, in der ihr Roman spielt, nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, wird sie also eine ungefähre Ahnung davon haben, worüber sie beschreibt.
Um ehrlich zu sein: Sie hat mehr als das. „Die letzte Sure“ findet vor einem perfekt recherchierten Hintergrund statt, der auf mich als Laienleserin einen sehr starken Eindruck gemacht hat. Das Buch ist unglaublich homogen und versetzt den Leser aufgrund der farbigen Beschreibungen, der sehr gut ausgearbeiteten Charaktere und des zeitlosen Schreibstils direkt in die heiße Wüste Saudi-Arabiens und die flirrende Großstadt Dschidda.
Die Geschichte beginnt in der Wüste. Der Wüstenführer Nayir sucht gemeinsam mit seinem Trupp die riesigen Sanddünen nach einem jungen Mädchen ab. Nouf, die Schwester seines Freundes Othman, ist von zu Hause fortgelaufen und wird hier vermutet. Als man sie schließlich findet, ist die Sechzehnjährige tot. Sie ist in einem wasserführenden Trockental ertrunken. Und obwohl ihre reiche Familie ihren Tod als Unfall abtut, will sich Nayir nicht mit dieser Begründung zufriedengeben. Zu viel ist im Unklaren geblieben über die Flucht des Mädchens, das kurz vor seiner Hochzeit stand. Wieso wird sie beispielsweise beim traditionellen Begräbnis wie eine Schwangere in ihr Grab gelegt? Und wieso möchte Othman auf einmal, dass Nayir sich nicht weiter um die Geschichte kümmert?
Nayir ist nicht der Einzige, der Verdacht schöpft. Katya, die die Leiche Noufs in der Rechtsmedizin obduziert hat und außerdem mit Othman verlobt ist, lässt sich ebenfalls nicht so einfach bremsen. Sie gehört zu den wenigen Frauen in der konservativen Stadt, die arbeiten gehen, und ihre forsche Art ist Nayir, als er sie kennenlernt, sehr unangenehm. Als sie auch noch darauf besteht, gemeinsam mit ihm in diesem Fall zu ermitteln, wird sein gesamter Glaube auf den Kopf gestellt.
Der islamische Glaube durchzieht das Buch als roter Faden. Zoë Ferraris bleibt dabei überaus neutral und wird gegenüber der Religion niemals unfair. Sie stellt ihre Grundsätze sehr anschaulich und leicht verständlich dar, verschleiert aber nichts. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Protagonist Nayir, ein Palästinenser, der oft für einen Beduinen gehalten wird, in Wirklichkeit aber ein Fremder in diesem Land ist und manchmal deshalb wie ein einsamer Wolf wirkt. Aufgewachsen bei seinem Onkel, hat er kaum Kontakt zu Frauen. Sein Onkel kann ihm keine Hochzeit arrangieren und er selbst wird durch die Restriktionen des Islam davon abgehalten, überhaupt einmal Frauen kennenzulernen. Als Katya in sein Leben tritt und energisch darauf pocht, mit ihm zusammenzuarbeiten, wird sein strenger Glaube gehörig durcheinandergewirbelt. Trotzdem bleibt er der ehrliche, standhafte Mann, der er schon immer war – er merkt nur, dass er einige Dinge vielleicht manchmal zu verbissen sieht.
Neben dieser männlichen Sicht sorgt die Rechtsmedizinerin Katya dafür, dass auch die Frauen in diesem Buch zu Wort kommen. Sie stellt ihren Glauben allerdings nicht so sehr in Frage, wie die sechzehnjährige Nouf das tut. Mit der Zeit kristallisiert sich immer mehr heraus, dass der Teenager sich eingeengt fühlte und den Vorstellungen der strenggläubigen Eltern zu entfliehen versuchte. Ferraris gelingt es dabei sehr schön darzustellen, wie anstrengend das Leben einer Frau in Saudi-Arabien sein muss, wenn es kaum möglich ist, einen einzigen Schritt ohne Begleitung eines Mannes aus der Familie zu machen.
Die Autorin verarbeitet das Wissen, das sie über diese Religion erfahren hat, auf eine sehr verständliche Art und Weise in ihrer Geschichte. Sie ufert nie aus, erzählt aber immer genug, damit der westliche Leser bestimmte Dinge versteht, auch wenn er sie aufgrund seiner Erziehung und Kultur vielleicht nicht ganz nachvollziehen kann. Obwohl eine Menge zu erklären ist, vergisst Ferraris darüber nie die eigentliche Geschichte: den Kriminalfall um Nouf. Mit viel Cleverness und konventionellen Methoden wie der Hilfe eines beduinischen Spurensuchers, Befragungen und Denkarbeit lösen Nayir und Katya das Rätsel um Noufs Tod. Sie befinden sich dabei mehr als einmal auf dem Holzweg, aber Ferraris bringt die beiden immer wieder auf den richtigen Pfad, indem sie sie häppchenweise mit wichtigen, oft alles verändernden Hinweisen füttert. Das macht die Geschichte spannend und fesselnd. Allerdings ist es eine stille Sorte Spannung, die ihre Kraft nicht aus reißerischen Actionszenen, sondern vielmehr aus den Widersprüchen und Geheimnissen in Noufs Leben bezieht.
Der Schreibstil korrespondiert mit dieser stillen Spannung. Ferraris schreibt angenehm leise. Sie verzichtet auf Gewaltdarstellungen oder reißerische Effekte. Sie verkürzt keine Sätze, um Spannung darzustellen und es gibt auch keine plötzlichen Geistesblitze. „Die letzte Sure“ liest sich nicht wie ein Krimi, sondern wie ein belletristischer Roman, und das ist einer seiner großen Trümpfe. Der Schreibstil ist zeitlos. Nicht flapsig wie von manchen Jungautoren und auch nicht ruhelos, wie man das von anderen amerikanischen Krimischreibern kennt. Poetisch angehaucht und oft nachdenklich präsentieren sich die Perspektiven von Katya und Nayir. Sie wahren dabei eine gewisse Distanz zu ihren Protagonisten, ohne kalt zu wirken, und erlauben es dem Leser, viel Eigeninterpretation in die Lektüre einzubringen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Ferraris‘ Umgang mit den Gegebenheiten eines Wüstenlandes. Die Hitze wird oft anhand von bunten Schilderungen thematisiert. An einer Stelle beschreibt die Autorin, wie Katya, die auf dem Gehweg auf ihren Fahrer wartet, ihre Sandalen danach wegwerfen muss, weil die Hitze die Gummisohlen geschmolzen hat. Diese unglaubliche Bildkraft führt dazu, dass der Leser sich wie direkt in die Wüste versetzt fühlt.
Zoë Ferraris‘ Debütroman „Die letzte Sure“ ist ein Roman von seltener Harmonie. Handlung, Personen, Schreibstil – wirklich alles passt genau zusammen und präsentiert sich in einem harmonischen, aber sehr eindrucksvollen Gewand. Bitte mehr davon!
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Hustvedt, Siri – Was ich liebte
Was kann das für ein Buch sein, an dessen Übersetzung aus dem Englischen sich drei Übersetzer gütig getan haben? Ist es so kompliziert, dass keiner der Übersetzer mehr als ein paar Seiten schaffte? Setzen die drei einfach gerne auf Teamwork?
Diese Frage wird bei der Lektüre von Siri Hustvedts „Was ich liebte“ leider nicht beantwortet. Muss es auch nicht, denn um ehrlich zu sein, wird die Frage mit der Zeit immer unwichtiger. Es gibt andere Dinge, über die der Leser nachzudenken hat, Dinge, die in direktem Zusammenhang mit der Geschichte stehen.
Das Buch erzählt rückblickend fünfundzwanzig Jahre aus dem Leben des Literaturprofessors Leo Hertzberg. Fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit und dementsprechend viel geschieht in dem Buch. Eines bleibt aber all die Jahre konstant: die Freundschaft zu dem Künstler Bill Wechsler. Gemeinsam fahren die beiden Männer in den Hafen der Ehe ein, werden etwa zur gleichen Zeit Väter zweier Söhne und überstehen nicht nur einen tragischen Todesfall in Leos Leben, sondern auch die negative Entwicklung von Bills Sohn Mark.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Während der erste Teil quasi die Vorgeschichte darstellt, geschieht im zweiten Teil etwas, das das Glück von Leo und seiner Frau Erica und deren Ehe stark belastet. Im dritten Teil dagegen steht ein ganz anderes Thema im Vordergrund: Bills Sohn, der sich zu einem notorischen Lügner entwickelt hat, Drogen nimmt und mit den falschen Leuten Umgang pflegt.
Die ersten beiden Teile, die rückblickend von Leo erzählt werden, muten sehr biografisch an. Stellenweise ohne chronologische Reihenfolge, erzählt er als alter Mann, was seine Freundschaft zu Bill ausmacht und wie sie ihre Frauen kennengelernt haben. Immer wieder beschreibt er die Kunstausstellungen von Bill und die Verbindungen zwischen den Familien Wechsler und Hertzberg.
Es passiert nicht wirklich viel bis zu dem Unglück. Vielmehr ist es Hustvedts dichter, detaillierter Schreibstil, der den Leser bei der Stange hält. Sie gehört zu den Autoren, deren Figuren und Schreibstil man beinahe zusammenfassend betrachten möchte, weil sie sich so ähnlich sind. Sie sind von einer seltenen Tiefe gekennzeichnet, von einer unglaublichen Durchkonstruiertheit und Lebendigkeit. Jedes Wort, jeder Charakterzug, jedes noch so kleine Ereignis scheinen an der richtigen Stelle zu stehen, um ein farbenprächtiges, realistisches Gesamtbild zu schaffen.
Man merkt der Autorin an, dass sie aus einem sehr intellektuellen Hintergrund kommt. Der Vater ein Norwegisch-Professor, hat sie selbst Geschichte studiert und in Anglistik promoviert. Dementsprechend intellektuell wirkt auch „Was ich liebte“. Da das Buch in vielen Teilen in der Künstler- und Schriftstellerszene spielt – Bills zweite Frau sowie Erica beschäftigen sich mit Letzterem -, beschreibt es diese ausgiebig, ohne zu langweilen. Hustvedt hat sich sämtliche Ausstellungen von Bill Wechsler erdacht und auch die Bücher, die Violet, Bills zweite Frau, zu den Themen Hysterie und Essstörungen schreibt, fließen stark in die Geschichte ein. Beispiele aus dieser Literatur werden immer wieder zitiert und gestalten den Roman sehr abwechslungsreich.
Der letzte Teil der Geschichte, in dem es um Mark und seine zwielichtigen Verbindungen geht, unterscheidet sich stark vom Vorherigen. Plötzlich hat das Buch eine richtige, lineare Handlung, die es an einigen Stellen sogar schafft, Spannung aufzubauen. Ich möchte nicht so weit gehen, den dritten Teil von „Was ich liebte“ als Krimi oder Thriller zu bezeichnen. Dennoch fällt es ab diesem Punkt schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Es gewinnt an Fahrt, ohne etwas von seiner Qualität zu verlieren, und überrascht immer wieder durch originelle Wendungen. Hustvedt rückt von Themen wie Kunstausstellungen und wissenschaftliche Literatur ab und führt den Leser stattdessen – natürlich aus der Sicht von Leo – in die Jugendszene von New York ein.
Es entsteht ein mehrpoliges Buch, das sich mit sehr unterschiedlichen Themen beschäftigt. Es ist Siri Hustvedts literarischem Talent zu verdanken, dass es dabei nicht in zwei Teile zerbricht. Zum einen hängt es mit den authentischen Figuren zusammen, die sie zeichnet und die das ganze Buch begleiten. Keine der Personen ist wirklich gut oder wirklich schlecht. Stattdessen skizziert sie in verschiedenen Grautönen die Personenkonstellation aus Familien, Freunden, Kindern und zerbrochenen Ehen. Jede Person hat dabei ihre eigenen Charakterzüge, spezifische Eigenheiten und ist dem scharfen Auge von Ich-Erzähler Leo ausgesetzt. Unwichtige Gesten, bestimmte, wiederkehrende Tätigkeiten, Laster werden sorgfältig beschrieben und in die jeweilige Person „eingepasst“.
Die originellen Figuren werden von dem bereits erwähnten sehr belletristischen Schreibstil eingerahmt. Hustvedt benutzt gehobenes Vokabular, das nie zu hochgestochen klingt, und die Erinnerungen eines alten Mannes, um ein wunderbar dichtes und vielschichtiges Erzählambiente zu schaffen. „Was ich liebte“ entwickelt einen ganz eigenen Zauber, dem man sich selbst an Stellen, an denen sich nur wenig ereignet, nicht entziehen kann.
Siri Hustvedts dritter Roman „Was ich liebte“ zeichnet sich durch ein sehr genaues Bild von zwei Familien und deren Schicksalen aus. Die Autorin erzählt flüssig und sehr genau von den einzelnen Personen und darüber, was sie verbindet. Dabei sind es vor allem ihre feinen Charaktere und der bindende, atmosphärische Schreibstil, die das Buch so herausragend machen.
Nur eine Frage bleibt unbeantwortet: Wieso drei Übersetzer?
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Juli Zeh – Spieltrieb

Das Buch spielt in Bonn, Zehs Heimatstadt, genauer gesagt in der fiktiven Ernst-Bloch-Schule. Die Privatschule mit angeschlossenem Internat ist die neue Heimat der fünfzehnjährigen Ada. Die hochintelligente, aber gefühlskalte und arrogante Schülerin ist kein einfaches Kind. Sie widerspricht den Lehrern, ist aber nicht aggressiv, sondern schweigsam. Sie hat keine Freunde, doch als Alev neu in die Klasse kommt, baut sich zwischen den beiden etwas auf. Freundschaft oder Beziehung kann man das nicht gerade nennen. Die beiden sind von ihrer Intelligenz und ihrer abgebrühten Einstellung her auf gleicher Ebene. Es gibt keine emotionale Beziehung zwischen ihnen. Mal ignoriert Alev Ada, mal schenkt er ihr all seine Aufmerksamkeit. Ada, obwohl sie sich nicht zu solchen Gefühlen fähig wähnt, wird von dem jungen Halbaraber mit den komischen Ansichten angezogen.















