
Archiv der Kategorie: Belletristik
Pepper, Kate – 7 Minuten zu spät
Kate Pepper scheint es mit Zahlen zu haben. Nach ihrem Debüt „5 Tage im Sommer“ folgt ihr neues Buch, das den Titel „7 Minuten zu spät“ trägt. Etikettiert ist es als „Thriller“, doch inwiefern dieser Begriff zutrifft, werden wir ja noch sehen …
Wie im Titel angedeutet, kommt die mit Zwillingen schwangere Alice zu spät zum Treffen mit ihrer hochschwangeren Freundin Lauren. Doch Lauren ist nicht da und kommt auch nicht. Alice sucht zusammen mit ihren Freunden alle Krankenhäuser ab, in der Hoffnung, dass die Wehen vielleicht frühzeitig eingesetzt haben. Allerdings werden sie nicht fündig. Jedenfalls nicht in einem Krankenhaus, denn wenig später wird Lauren tot aus dem Gowanus-Kanal gezogen. Sie wurde erschossen und das Baby aus ihrem Bauch geschnitten. Es besteht also eine Möglichkeit, dass das Kind, die kleine Ivy, noch lebt. Alice, ihre Freunde und die Polizeibeamtin Frannie machen sich auf die Suche. Alice hat dabei nicht nur mit ihrer Schwangerschaft und einem übervorsichtigen Vater zu kämpfen, sondern auch mit ihrem Vermieter Julius Pollack, der die Wohnung der vierköpfigen Familie Halper gekündigt hat und auch vor Repressalien nicht zurückschreckt …
Thriller also. Nun ja. Dann muss wohl das neue Genre „Frauen-Thriller“ erfunden werden, denn um nichts anderes handelt es sich bei „7 Minuten zu spät“. Schuld daran ist Peppers Erzählstil und nicht etwa die Tatsache, dass die Protagonistinnen nicht nur weiblich, sondern dank Schwangerschaft sogar über-weiblich sind. Vielmehr bettet Pepper ihren Roman in dem Umfeld der „Mädchengespräche bei Latte Macchiatto“-Bücher ein, ohne dem weiblichen Geschlecht jetzt zu sehr auf die Füße treten zu wollen. Die Protagonisten sind liebende Familienmütter mit wenig Tiefgang und noch wenigeren schlechten Charaktermerkmalen, wenn selbige überhaupt erkennbar sind. Ihr Leben findet zum Großteil auf einer bonbonrosa Wattewolke statt und wird nur durch den Mord an ihrer Freundin überschattet. Natürlich trauern sie, jedoch können sie den Leser damit kaum berühren, zu banal wirkt ihre Trauer.
Ein wichtiges Merkmal von Thrillern ist die Spannung. Allerdings findet man davon nur sehr wenig in Kate Peppers Zweitling. Die Kriminalhandlung – die Suche nach Laurens Mörder und ihrem Baby – findet nur sehr am Rande statt. Zwar ist die Kriminalhandlung als Gedanke in Alices Kopf immer präsent, aber das macht noch lange keinen Thriller. Aktionstechnisch unternimmt Alice nämlich kaum etwas in diese Richtung – die Elemente der Geschichte, die Spannungspotenzial haben, werden also nur gestreift. Stattdessen hält sich die Autorin mit alltäglichen Kleinigkeiten auf, wie dem Geschäftsprinzip von Alices Schuhladen oder dem Zustand ihres Fruchtwassers. Ein weiterer Beweis für die Zugehörigkeit zur Frauenromankaste.
Zu der minimalen Spannung gesellen sich einige, an den Haaren herbeigezogene Szenen. Der Vermieter Julius Pollack zum Beispiel wirkt wie eine Karrikatur in einem sonst seriösen Buch. Während er auf der einen Seite seine Mieter triezt, hat er auf der anderen natürlich ein dunkles Geheimnis, das allerdings weniger dunkel als lächerlich wirkt.
Ebenso lächerlich ist die Auflösung der so genannten Kriminalhandlung. Ich habe selten etwas an den Haaren Herbeigezogeneres gelesen. Hier hängt fast jedes Rädchen im Getriebe. Die sehr unglaubwürdige Auflösung hinterlässt außerdem offene Fragen und kommt sehr überraschend, da vorher nur wenige Bröckchen an den Leser verfüttert wurden, die eine Spur zu diesem Ende gelegt hätten.
Der Schreibstil fügt sich nahtlos in die vorhergehende Kritik ein. Seicht und nicht besonders anspruchsvoll. „Mädchengespräche bei Caffè Latte“ eben. Keine Ich-Perspektive, sondern Alice in der dritten Person und immer schön weich ohne negative Gedanken oder gar Vulgärausdrücke. Bringt wenig Freude, tut aber auch nicht weh.
Bei „7 Minuten zu spät“ handelt es sich um ein kleines Schaf im Wolfspelz. Oder soll ich Wölfin sagen? Der so genannte Thriller entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Frauenlektüre mit thrillerähnlichen Elementen, Spannung ist kaum spürbar und insgesamt ist der Roman sehr oberflächlich. Und eben doch irgendwie ein bisschen wie ein Buch von Ildikó von Kürthy.
|Zuerst erschienen 2005 bei ONYX/Penguin, New York, unter dem Titel „Seven Minutes to Noon“
2006 als Taschenbuch bei Rowohlt
Übersetzt von Theda Krohm-Linke
348 Seiten|
Welsh, Louise – Kugeltrick, Der
Die preisgekrönte britische Autorin Louise Welsh veröffentlicht mit „Der Kugeltrick“ ihren nunmehr dritten Roman und wird damit voraussichtlich ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen. Ihre Bücher wurden bislang in 17 Sprachen übersetzt und bereits ihr Debütroman „Dunkelkammer“ erhielt mehrere Preise. Dieses Mal begleiten wir den Illusionisten und Magier William Wilson auf seiner Tour durch Europa …
_London_: In der englischen Metropole London nimmt die Geschichte um den Zauberer William Wilson ihren Lauf, hier tritt er wieder einmal in einem abgehalfterten Theater im Vorprogramm einer „erotischen Tanzgruppe“ auf. Bei seinem denkwürdigen Auftritt in London trifft es ihn besonders hart, denn er spielt den Anheizer für zwei Striptease-Tänzerinnen, die auf dem Abschiedsabend eines Polizeibeamten für Stimmung sorgen sollen. Williams Auftritt läuft mäßig, er fasst sich kurz und hofft, noch unbescholten von der Bühne zu kommen, doch hinter der Bühne wartet ein weiterer Auftrag auf ihn: Er soll dem pensionierten Beamten einen Umschlag aus dessen Anzugsjacke entwenden, wofür ihm ein ordentlicher Batzen Geld winkt, der auf einen Schlag Williams Finanzkrise beenden könnte. So wundert es nicht weiter, dass ihm auch dieser Auftrag gelingt. Unbemerkt klaut er den besagten Umschlag und bringt ihn zu seinem Auftraggeber, doch dann geht plötzlich alles schief, die beiden werden bei der Übergabe gestört und William flieht mit dem ominösen Umschlag.
_Berlin_: William kennt nur einen Wunsch: weg aus England! Und dieser Wunsch wird ihm tatsächlich erfüllt, als ihm sein Agent ein Engagement in der deutschen Hauptstadt besorgen kann. Dort soll William Wilson im „Spinnenetz“ auftreten, einem schäbigen Theater, wenn auch einem mit einem ganz eigenen Charme. Dort angekommen, verliebt sich William Hals über Kopf in die Freundin eines eingebildeten Muskelprotzes und muss erkennen, dass er auch hier zusammen mit erotischen Tänzern auf der Bühne stehen soll. Schon Williams erster Auftritt beginnt katastrophal, seine Zuschauer sind gelangweilt und warten ungeduldig auf den nächsten Showact, bis William eine Assistentin aus dem Publikum holt und dabei Sylvie kennen lernt. Noch weiß William allerdings nicht, wie sehr diese Begegnung sein Leben verändern wird …
_Glasgow_: Hier treffen wir auf William nach all den Geschehnissen, er lebt auf der Straße und besäuft sich jeden Abend besinnungslos. Er ist verzweifelt und heruntergekommen. Eines Abends schläft er neben einem Penner unter einer Brücke ein und bemerkt dabei gar nicht, dass dieser Penner kurz zuvor brutal ermordet wurde. Als William unsanft von Polizeibeamten geweckt wird, ahnt er, dass ihm neues Unheil droht …
In diesen drei europäischen Schauplätzen hat Louise Welsh ihre Kriminalgeschichte rund um den Zauberer William Wilson angesiedelt. Die Geschichte springt häufig zwischen den einzelnen Handlungsorten und damit auch in der Zeit hin und her. Schnell merkt der Leser, dass die Geschichte in London ihren Anfang genommen hat und in Glasgow enden wird. Berlin schließlich stellt eine Zwischenstation dar, in der allerdings ebenfalls ereignisreiche Dinge geschehen. Zunächst lassen sich die Ereignisse nicht eindeutig in die richtige Reihenfolge bringen, was jedoch auch die Spannung unweigerlich ansteigen lässt, da der Leser noch nicht ahnen kann, welche Episode genau zu Williams Verfall beigetragen hat. Die erste Vermutung erweist sich deswegen erst einmal als falsch, wie der Leser sehr spät bemerken wird.
In eindrucksvollen und ergreifenden Worten schildert uns Louise Welsh einen Ich-Erzähler, der sich mehr oder eher weniger erfolgreich als Illusionist und Mentalist verdingt, dabei aber schonungslos zu verstehen gibt, dass er auch nicht zur oberen Liga der Zauberer gehört und eigentlich eher in den kleinen Zaubertricks und Kartenkunststückchen gut ist. Im Laufe der Geschichte erleben wir jedoch eine erstaunliche Wandlung mit, denn während William anfangs zwar arm und recht erfolglos auftritt, hat er in Glasgow bereits mit seinem Leben abgeschlossen und teilt dort lieber sein Dosenbier mit irgendwelchen Obdachlosen. In schonungslosen Beschreibungen wird uns dieser Verfall näher gebracht:
S. 149: |“Trotz aller Warnungen war Alkohol offenbar ein ziemlich langsamer Killer. Kein Vergleich zu einem Messer im Bauch oder einer Kugel im Kopf. […] In der Taille war ich schon ziemlich auseinandergegangen. Zwischen meinen Fingern war eine Schuppigkeit, die nachts mehr juckte. Meine Haut hatte die breiige Blässe von Häftlingen nach einem halben Jahr Knast. Kosmetikartikel wie Deodorant und Rasierwasser hatte ich aufgegeben, wie auch meine Kontaktlinsen. Die Brille machte mich gleich noch drei Jahre älter, obwohl sie für meine derzeitigen Verhältnisse fast einen Hauch zu modisch war. Ich überlegte, ob ich mir nicht eine neue besorgen sollte, eine, die nicht so deutlich signalisierte, dass ich ein Mann war, der bessere Zeiten gekannt hatte. Mein Haar war auch länger geworden. Manchmal kam es zwei Wochen am Stück nicht mit Shampoo in Berührung, und Festiger und Gel und den ganzen Kram brauchte ich nicht.“|
Auch in zahlreichen anderen Situationen beweist Louise Welsh ihr überragendes Erzähltalent und ihre genaue Beobachtungsgabe. Viele Kleinigkeiten schmücken ihre Erzählung aus, die uns bei den Geschehnissen ganz nah dabei sein lassen, weil uns selbst das winzigste Detail nicht vorenthalten wird. Insbesondere in der Darstellung des Protagonisten aus dem Kugeltrick geht Welsh schonungslos und mit viel Liebe zum Detail zu Werke. Der Leser kann ihn förmlich auf der Bühne stehen und zaubern sehen. Allerdings weckt er eher Mitleid als Sympathien, weil er einfach zu tolpatschig und ohne Aussicht auf Erfolg zu Werke geht.
Doch die wunderbaren Beschreibungen sind nicht das Einzige, was diesen Kriminalroman kennzeichnet, denn umrahmt wird die Erzählung durch eine mysteriöse Kriminalgeschichte, die mit dem Diebstahl des geheimnisvollen Umschlags beginnt. Zunächst passiert dieser Teil der Geschichte ganz nebenbei, William denkt gelegentlich an den Umschlag zurück, den er zur Aufbewahrung an seine Mutter geschickt und sie damit wahrscheinlich in große Gefahr gebracht hat. Doch mit fortschreitender Zeit beginnt William Nachforschungen anzustellen, er öffnet den Umschlag und fängt an, Fragen zu stellen und darauf Antworten zu suchen. Wir begleiten ihn also auch auf seinen Ermittlungen und kommen mit ihm gemeinsam der Lösung des Geheimnisses auf die Spur.
Was aber hat der Kugeltrick mit all dem zu tun? Dies ist wiederum eine weitere Episode, die Teil des Buches ist. Der Kugeltrick ist ein sehr gefährlicher Zaubertrick, den William zusammen mit seiner Assistentin Sylvie auf der Bühne vorführt. Er ist dabei um einiges schwieriger und riskanter als der berühmte Trick, in dem Sylvie vor den Augen der Zuschauer durchgeschnitten und mit Messern aufgeschlitzt wird. Welche Rolle aber genau der Kugeltrick spielt, der sich während der Lektüre immer weiter aus den Gedanken der Leser stiehlt, um dann am Ende ganz plötzlich wieder aufzutauchen, das muss wohl jeder selbst herausfinden.
Am Ende lässt sich festhalten, dass Louise Welsh mit „Der Kugeltrick“ ein eindrucksvoller, aber doch auch ganz anderer Kriminalroman gelungen ist. Es geht nicht so sehr um eine vertrackte Mordermittlung, als vielmehr um William Wilsons Spurensuche und Vergangenheitsbewältigung. Die Kriminalgeschichte kann hierbei allerdings nicht ganz so sehr überzeugen wie die ausgefeilten Beobachtungen und Beschreibungen der Autorin, die uns alle Situationen so bildlich vor Augen führen, als säßen wir selbst im Publikum. „Der Kugeltrick“ ist ein Roman für Buchfreunde, die keine Effekthascherei brauchen und die sich gerne mit ihren Protagonisten auch in ein schummeriges und schmuddeliges Milieu begeben, um dem Ich-Erzähler bei seinem persönlichen Verfall zuzusehen. Als Charakterstudie, die sich herrlich lesen lässt, funktioniert der vorliegende Roman sehr gut, mit Autoren wie Henning Mankell kann und will es Louise Welch jedoch nicht aufnehmen. Wer also lieber eine blutige Mordserie miterleben will, sollte auf den nächsten Schwedenkrimi warten, alle anderen Buchfreunde sind mit Louise Welsh jedoch hervorragend bedient.
http://www.kunstmann.de/
Ellis, Bret Easton – Glamorama
An Bret Easton Ellis scheiden sich gemeinhin die Geister. Für die einen ist er ein brillanter Satiriker, der ungeschönt und auf seine berühmt-berüchtigte knallharte Art die heutige Gesellschaft karikiert, während andere sein Werk abstoßend finden und die explizite Darstellung von Gewalt und Sex rügen. [„American Psycho“, 764 von vielen als Kultroman verehrt, stellt den unumstößlichen bisherigen Höhepunkt im Schaffen des Bret Easton Ellis dar. An diesem Werk wird alles gemessen, was Ellis davor und danach zu Papier brachte – und kann dem Vergleich meist nicht ganz standhalten.
„American Psycho“ ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Buch, das seinesgleichen sucht. Hat Ellis es erst einmal geschafft, den Leser mit seiner Erzählart in den Bann seiner höchst eigenwilligen Figuren zu ziehen, reißt er ihn mit, auf eine geradezu halsbrecherische Achterbahnfahrt, die man so schnell nicht wieder vergisst. Eine Leseerfahrung der besonderen Art, die man nicht so oft macht. Ganz besonders ans Herz gelegt sei dem potenziell interessierten Leser an dieser Stelle auch ausdrücklich die hervorragende Hörbuchfassung mit Moritz Bleibtreu. Aber genug von „American Psycho“. Das ist eine andere Geschichte.
„Glamorama“ ist Ellis‘ 1998er Werk, das das schwere Erbe von „American Psycho“ (erschienen 1991) anzutreten versucht. Im Zentrum von „Glamorama“ steht Victor Ward, „semi-prominentes Model, Nightlife-Profi und angehender Nachtclub-Besitzer“ in New York. Victor lebt mitten in der mode(über)bewussten, selbstverliebten und prominenzbesessenen Szene Manhattans und begründet seine eigene Prominenz und mediale Existenz eher darauf, dass er mit dem bekannten Supermodel Chloe Byrnes zusammenlebt.
Victor führt ein Leben wie jeder andere C-Prominente auch: Er kämpft jeden Tag um Geld und Aufmerksamkeit, versucht sich möglichst gut selbst zu inszenieren. Victor versucht, so gut es geht, mit der Hochglanzwelt Manhattans zu verschmelzen. Er mischt sich unter reale Celebrities (von denen es im Buch an jeder Ecke nur so wimmelt), verstrickt sich in Lügengeschichten und Affären und lebt ein Leben zwischen Gras und Xanax, zwischen Armani und Ralph Lauren.
Als sich mit dem Abend von Victors glamouröser Cluberöffnung die Ereignisse zu überschlagen beginnen, gibt es für ihn nur noch eine Chance: Er nimmt einen mysteriösen Auftrag an, der ihn nach London führt. Ehe Victor sich versieht, steckt er auch schon mittendrin in einem düsteren Sumpf aus Verbrechen und Gewalt – Victor scheint an eine Terrorgruppe geraten zu sein, deren Mitglieder unter dem Deckmantel ihrer Modeltätigkeit ihre Terrorakte verüben. Hotels werden gesprengt, Cafés fliegen in die Luft und schon bald muss Victor erkennen, dass er in der Falle sitzt und um sein eigenes Leben fürchten muss …
Mit „Glamorama“ dürfte Bret Easton Ellis, wie schon mit seinen vorangegangen Romanen, wieder seinen Ruf als Enfant terrible der amerikanischen Literaturszene bestätigen. „Glamorama“ ist ein Werk der krassen Gegensätze. Die hochglanzpolierte Welt Manhattans, die Oberflächlichkeit der Menschen und ihr Hang zur Selbstinszenierung bilden den krassen Gegenpol zu der terroristischen Gewalt, mit welcher der Leser vor allem im zweiten Buchteil konfrontiert wird.
Ellis‘ Roman macht eine krasse Kehrtwende. Präsentiert sich der Roman anfangs noch als Gesellschaftssatire, in der das realitätsfremde Leben der High Society aufs Korn genommen wird, so entwickelt sich der Roman mit Victors Übersetzen nach Europa im zweiten Buchteil zu einem knallharten Thriller. Als Leser muss man offen bleiben, darf sich Ellis‘ drastischen atmosphärischen Wechseln nicht verschließen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.
Die Gegensätzlichkeit der beiden unterschiedlichen Welten, durch die Victor Ward wandelt, ist dabei im Grunde nur ein scheinbarer Bruch. Ellis spielt mit literarischen Bildern und Puzzlestückchen, die sich durch den ganzen Roman ziehen und das Gefüge der unterschiedlichen Genreschichten zusammenhalten. Bestimmte Motive und Situationen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman.
Doch einen gewissen Bruch kann Ellis trotz dieser kleinen literarischen Spielereien dennoch nicht verschleiern. Der spielt sich allerdings auf einer etwas anderen Ebene ab. Ist der erste Teil des Romans im Grunde eine Geschichte ohne vorangetriebene Handlung, so weist der zweite Teil doch einen deutlich wahrnehmbaren Plot auf. Die erste Romanhälfte ist mehr eine Schilderung des Lebens des Ich-Erzählers Victor Ward, die in ihrer detailgetreuen Wiedergabe sämtlicher Details seines Tagesablaufs einen gewissen tagebuchartigen Charakter aufweist. Genau in diesem Stil hat Ellis schon mit „American Psycho“ brilliert. Dem zweiten Teil des Romans stülpt Ellis dann aber einen deutlich vernehmbaren Plot über. Er entwickelt eine komplexe Thrillerhandlung, die für den Leser eine echte Herausforderung ist.
Die gesamte zweite Romanhälfte entwickelt sich zunehmend sonderbarer und obskurer. Ellis treibt ein perfides Spiel mit dem Leser um Schein und Realität. Er bringt Elemente in die Handlung ein, die immer wieder die Sichtweise in Frage stellen. Was ist Realität, was ist Inszenierung? – Diese Frage durchzieht den zweiten Romanteil auf jeder Seite und auch zum Ende hin werden nicht alle sich ergebenden Fragen wirklich zufrieden stellend geklärt. Vor diesem Hintergrund wirkt die eingearbeitete Thrillerhandlung irgendwie sonderbar konstruiert und sie will sich nicht so ganz stimmig in das Gesamtbild einfügen.
Auch das Ende der Geschichte bleibt merkwürdig diffus. Es kommt einerseits unerwartet und bleibt dabei gleichermaßen rätselhaft. Rein intuitiv schlägt man glatt noch mal eine Seite weiter, um festzustellen, ob die Geschichte nicht vielleicht doch noch weitergeht, nur um dann mit einem Fragezeichen auf der Stirn festzustellen, das die Geschichte nicht so recht zu Ende geht, sondern mehr oder weniger einfach aufhört. Das ist nach über 800 Seiten dann doch etwas unbefriedigend.
Doch trotz dieser Schwächen kann auch „Glamorama“ wieder zeigen, womit Ellis am meisten glänzt: Es sind die Beschreibungen der illustren Welt der New Yorker High Society. Ellis würzt seine Detailtreue in den Schilderungen des Alltags der Promis und Semi-Promis mit einer großen Portion Ironie, die die Leere hinter den schicken Fassaden der Reichen und Schönen entlarvt. Ellis rechnet auf diese Weise mit den Auswüchsen der modernen Gesellschaft ab, hinterfragt ihr Streben nach Geld, Macht und Ruhm und ist dabei schonungslos direkt und ehrlich.
Der Leser hat in dieser Konsequenz einiges zu schlucken. Ellis‘ Schilderungen sind drastisch und teils durchaus schwerverdaulich. Sex und Gewalt werden bis ins letzte winzige Detail dargestellt, ohne etwas zu beschönigen, auszulassen oder zu verstellen. Jede neue Bombenexplosion lässt Ellis den Leser genauso in Zeitlupe mitverfolgen wie das Sterben der Opfer, und das erfordert mitunter schon mal starke Nerven und einen unempfindlichem Magen. Ellis ist eben nichts für allzu zart besaitete Gemüter.
Schon bei „American Psycho“ hat Ellis sich weitestgehend auf seine Hauptfigur konzentriert. Alles, was passiert, steht in direktem Bezug zu Pat Bateman, bei ihm läuft alles zusammen und von ihm geht alles aus. „Glamorama“ weist eine ähnliche Konzentration auf die Hauptfigur auf, dennoch hat man diesmal das Gefühl, dass andere Figuren etwas zu oberflächlich und diffus skizziert bleiben. Dadurch, dass Ellis die Handlungsebene im zweiten Romanteil ausbaut, müssten eigentlich gleichzeitig auch die übrigen agierenden Figuren etwas mehr Tiefe und Profil bekommen, aber genau diese Profilierung fehlt am Ende irgendwie.
Erstaunlich lieblos wirkt übrigens die 2006er Taschenbuchausgabe des |Heyne|-Verlags. Besonders im ersten Romandrittel stolpert man dermaßen oft über Satz- und Schreibfehler, dass die persönliche Fehlertoleranz auf eine harte Probe gestellt wird. Doch fast, als wäre der Lektor zwischendurch zum Optiker gegangen, bessert sich dies im Laufe des Buches. Zum Optiker gehen sollte vielleicht auch mal der Grafiker, der das Coverartwork entworfen hat, denn das sieht mit seiner quietschigen 3D-Schrift so aus, also hätte sich der Praktikant in der Kaffeepause heimlich am PC seines Chefs zu schaffen gemacht. Aber genug gelästert für heute …
Bleibt abschließend festzuhalten, dass „Glamorama“ nicht an die Wucht und Größe eines Romans wie „American Psycho“ heranreicht. Ellis‘ Skandalwerk bleibt eben immer noch unerreicht. „Glamorama“ ist vielschichtig, wirkt aber dennoch teilweise nicht ganz ausgewogen. Die Auflösung der Geschichte ist in gewissen Teilen unbefriedigend und der Roman bleibt somit am Ende auch ein Stück weit rätselhaft und undurchdringlich.
Fazit: „Glamorama“ kann Ellis‘ Ruf als erstklassigem Satiriker nichts anhaben, aber es ist dennoch absolut kein Meisterwerk und wird wohl niemals so richtig aus dem Schatten von „American Psycho“ heraustreten können. Es bleibt die Erinnerung an ein Werk, das mit der Bürde eines vorangegangenen „Kultromans“ deutlich spürbar zu kämpfen hat.
Millet, Catherine – sexuelle Leben der Catherine M., Das
Es scheint, als ob es modern sei, sein Sexualleben der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Bereits vor der „sizilianischen Lolita“ Melissa P. hat die französische Kunstkritikerin und Chefredakteurin einer Kunstzeitschrift Catherine Millet ihren Rückblick auf die wilden Jahre mit dem Titel „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ veröffentlicht.
Da ich das Buch im Kontext mit den Werken der kleinen Italienerin las, kam ich nicht umhin, beide zu vergleichen. Ist das gerecht? Schließlich bestehen beinahe vierzig Jahre Altersunterschied zwischen den beiden und dementsprechend gesetzter und weiser kann Madame Millet über ihre Eskapaden schreiben.
Was allerdings nicht zwangsläufig bedeuten soll, dass ihr Buch spannender ist. Inhaltlich hat es beinahe noch weniger zu erzählen als „Mit geschlossenen Augen“, wo wenigstens etwas Abwechslung vorkommt. Der Fokus von Catherine Millets Sexleben liegt hauptsächlich auf (analem) Verkehr in allen möglichen Varianten und Orten mit einer variierenden Anzahl von Männern und Frauen.
Glücklicherweise erzählt sie nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet, was immerhin ein wenig Abwechslung schafft. Außerdem erzählt sie mit einer angenehmen Distanz, die es ihr erlaubt, subjektiv zu werten und zu kommentieren. Es findet sehr viel Selbstreflexion statt, ohne selbstzerstörerisch oder unaufrichtig zu wirken. Im Gegenteil. Millet erzählt ohne Scham und Reue von ihrem früheren Sexualleben und wirkt trotz des expliziten Inhalts reif und selbstbewusst.
Dazu trägt sicherlich bei, dass Millet sich nicht auf die bloße Beschreibung der Szenen verlässt, sondern sie teilweise in einen allgemeineren Kontext setzt, mit der Meinung der Gesellschaft vergleicht oder gar eine kleine psychologische Selbstanalyse wagt. Wie gesagt, das trägt dazu bei, dass „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ sehr interessant wird, aber auch sehr sympatisch. Manchmal hat man eher das Gefühl, persönlich ein Interview mit der Autorin zu führen als eine Autobiografie zu lesen. Einige Stellen werden fast schon philosopisch, wenn sie zum Beispiel darüber redet, was Paarbeziehungen in ihren Augen ausmacht.
|“Aus diesen Notizen ziehe ich zwei Schlüsse. Erstens bringt ein jeder in seine Paarbeziehung seine eigene Begierde und seine Fantasien ein, und beide verbinden sie in gemeinsamen Angewohnheiten. Dabei verändern sie sich, passen sich einander an, je nach der von jedem Einzelnen erwarteten Konkretisierung übertreten sie die Grenze zwischen Traum und Realität, ohne an Intensität zu verlieren.“| (Seite 151)
Wie man sieht, erzählt Millet in einer geradlinigen, nüchternen Sprache, die weniger wie Prosa denn manchmal sogar wissenschaftlich wirkt. Das verstärkt das Gefühl der Distanz natürlich noch. An der Art, wie sie mit der Sprache umgeht, ohne dabei hochgestochen zu klingen, aber trotzdem ein hohes Niveau zu halten, erkennt man, dass sie sich durch ihre Arbeit als Chefredakteurin damit auskennt, den Leser zu unterhalten, ihn zu fordern, aber nicht zu überfordern. Ich empfand diesen Schreibstil als sehr gelungen, da er leicht verständlich, aber dennoch intellektuell ist.
Das Buch wurde bei seinem Erscheinen heiß diskutiert. Millet selbst gibt im Vorwort einen Einblick in die Diskussionen, die sie auslöste. Millet als „Schlampe“ oder „Nymphomanin“ (Seite 16) zu bezeichnen, kann ich nicht so ganz nachvollziehen, denn wer dermaßen distanziert über seine Erlebnisse schreibt, wirkt alles andere als vulgär, sondern vielmehr intelligent. Eben gerade die Selbstreflexion und die nüchterne Erzählweise bar aller reißerischen Beschreibungen lassen „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ eher zu einem akademischen Bericht als zu Pornografie werden.
Doch auch wenn ich das Buch in diesem Bezug in Schutz nehme – das tröstet nicht darüber weg, dass viele Wiederholungen und nur wenig konkreter Inhalt es stellenweise zu einem zähen Leseerlebnis werden lassen. Selbst der sympathische Schreibstil hilft da nicht immer. Trotzdem liest sich „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ wesentlich angenehmer als die Sexbeichte unserer kleinen „sizilianischen Lolita“ – und hat auch wesentlich mehr Seiten!
Edmondson, Elizabeth – Lady Helenas Geheimnis
|Lake District, Nordengland im Jahr 1936. Eigentlich wollte sich Alix nie wieder unter die Fuchtel ihrer herrischen Großmutter begeben, die ihr die Jugend zur Hölle gemacht hat. Doch nun ist bald Weihnachten, Alix‘ Herz wurde gerade gebrochen und London erscheint ihr täglich trister und unerträglicher. Als sie dann hört, dass im Norden die Seen zufrieren und man dort Schlittschuh laufen kann ist, gibt es kein Halten mehr. Alix beschließt heimzufahren – auch weil sie endlich das Rätsel um den Tod ihrer Mutter lösen will. Lady Helena kam ums Leben, als Alix acht Jahre alt war und seitdem darf ihr Name im ehrwürdigen Gemäuer von Wyncrag kaum mehr erwähnt werden. Zu Hause angekommen, stößt Alix wieder auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens. Alix ist enttäuscht. Nicht einmal ihr vergötterter Zwillingsbruder Edwin will ihr helfen – er ist viel zu sehr in die aus Wien geflohene Musikerin Lidia verliebt, um Augen und Ohren für ein fünfzehn Jahre altes Geheimnis zu haben. Gut, dass Alix wenigstens in dem eleganten Weltmann Hal, der auf dem benachbarten Landsitz zu Besuch ist, einen Verbündeten findet. Die beiden jungen Leute ahnen nicht, dass ihre Wahrheitssuche auch einige böse Geister der Vergangenheit heraufbeschwört und ihr harmloses Detektivspiel ungeahnte Folgen hat …|
_Die Autorin:_
Ihr wundervoll beschreibender Stil ist Elizabeth Edmondson in die Wiege gelegt, denn die Autorin kommt aus einer Schriftstellerfamilie. Und nicht nur das. Ihr Roman spielt vor den Kulissen der eigenen Kindheit, in der sie die Ferien im Haus ihrer Großeltern an den Seen von Westmoreland verbrachte. Durch die Geschichten ihres geliebten Großonkels und Schnappschüsse vom winterlichen Treiben auf den zugefrorenen Seen des Lake District wurde Elizabeth Edmondson zu »Lady Helenas Geheimnis« inspiriert. Sie lebt heute in Italien und England, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
_Die Übersetzerin:_
Elvira Willems, geboren 1961, studierte Germanistik und Komparatistik (M.A.). Sie ist als Lektorin, Übersetzerin, Sachbuch-Autorin und Krimi-Herausgeberin tätig.
_Rezension:_
Elizabeth Edmondson ist es mit „Lady Helenas Geheimnis“ gelungen, den schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Familiensaga mit Lokalkolorit und Zeitgeschehen zu beschreiten. Auf über 550 Seiten schildert sie unterhaltend und kurzweilig die Famliengeschichten der Richardsons auf Wyncrag und der Grindleys auf Grindley Hall. Zwei Familien und Anwesen, die miteinander verstrickt sind. Dabei wird die Geschichte der Richardsons von dem dunklen Schatten der Vergangenheit überdeckt.
Die Handlung wird von interessanten und starken Frauen geprägt. Da ist Alix Richardson, die zwar beruflich erfolgreich ist, aber ihre innere Mitte noch nicht gefunden hat. Sie steht im „Clinch“ mit der eigentlich starken Frau des Clans: ihrer Großmutter, die auch der Grund dafür war, dass Alix einige Jahre nicht die Weihnachtstage im Kreise der Familie auf Wyncrag verbrachte. Dabei verspürt Alix längst Sehnsucht nach ihrem Zwillingsbruder Edwin und ihrer jüngeren Schwester Perdita sowie danach, ihrem Leben, das einer sinnlosen Abfolge von Partys und Nachtclub-Blasiertheit gleicht, den Rücken zu kehren und ihrem Wunsch nach Wärme und einfacher, aufrichtiger Freundschaft nachzugeben. Hinzu kommt, dass Alix die verführerische Sentimentalität der Feiertage verspürt, der sie dann auch nachgeht und nach Wyncrag reist. Dort findet sie alles unverändert vor: Ihre tyrannische Großmutter beherrscht immer noch das Familiengeschehen. Am schlimmsten trifft es Alix‘ kleine Schwester Perdita, die von der Großmutter ständig bekrittelt und gedemütigt wird. Einzig Alix‘ Großvater scheint sich in seiner ruhigen Art gegen seine herrische Frau zu behaupten.
Alix‘ Zwillingsbruder Edwin hingegen liebt Lidia, eine Wiener Emigrantin, die ihn nicht so recht „erhören“ will. Zu der Zeit ist Alix noch der Meinung: |Die Liebe ist die Hölle, man sehnt sich so danach, und wenn es dann schief läuft, gibt es nichts auf der Welt, was bitterer schmeckt.| Darüber hinaus verspürt sie Eifersucht, als sie von Edwins Liebe zu der schönen Wienerin erfährt, die sich für Alix‘ Empfinden zwischen die Geschwister drängt, die als Zwillinge eine besondere Nähe verbindet.
Das Geheimnis des Todes überschattet die Familie Richardson. Da ist Jack, Alix‘ verstorbener Onkel, dem der Ruf anhaftet, ein rücksichtsloser Nichtsnutz und Frauenheld, der sich auch schon mal mit Gewalt das nahm, wonach ihn gelüstete, gewesen zu sein. Ebenso Alix‘ zu Tode gekommene Eltern und jüngste Schwester. Besonders den Unfalltod ihrer Mutter, deren Schönheit immer noch in aller Mund ist, umgibt ein Mysterium, dem Alix endlich auf die Spur kommen will. Ein Vorhaben, das bei ihrer Großmutter auf harsche Ablehnung stößt und in Alix die Frage aufwirft, was Lady Richardson zu verbergen hat.
Alix begegnet nun auch Hal Grindley wieder, dem Wechselbag seiner Familie, der mehr ist, als er zu sein scheint. Als junger Mann war er unsterblich in Alix‘ Mutter verliebt. Nun steht er Alix gegenüber und verspürt ambivalente Gefühle in sich – wie auch sie. Beide schwankten zwischen Interesse und Ablehnung füreinander, wobei die Sympathie allmählich wächst. Doch Alix verhält sich zögerlich, da sie weiß, |dass es nicht simpel ist, sich zu verlieben und danach bis an das Lebensende glücklich miteinander zu leben|.
Auch Hal bemerkt in seiner Familie Zerrüttung. Der eine oder andere ist dort in einer unglücklichen Ehe gefangen, die nur die Angst vor dem sozialen Stigma zusammenhält. Einzig Hals pfiffige siebzigjährige und verwitwete Tante Daphne bringt Leben und frischen Wind in das starre von Kalkül durchzogene Gefüge der Grindleys. Sie lebt im Ausland und schwärmt (zu Recht): |“Ich lebe im Ausland. Um gelenkig zu bleiben gibt es nichts Besseres als Wärme und Sonnenschein. Das Licht ist das großartigste Geschenk des Südens.“| Darüber hinaus gibt sie offen zu, sich gerne in der Gesellschaft junger Männer aufzuhalten, weil diese sie daran erinnern, wozu das Leben da ist.
Eines der Nebenthemen des Romanes ist auch der Faschismus, dessen Anziehungskraft aus Deutschland nach England dringt, weil er den Hoffnungslosen Hoffnung bietet. Das Hauptaugenmerk hat die Autorin aber eindeutig auf die Charaktere gelegt, was ihr merklich gelungen ist.
So stehen über allem die ungeklärten Fragen, was es mit Jack Richardsons Tod auf sich hatte, wie es zu dem mysteriösen Unfalltod von Alix‘ Mutter und jüngerer Schwester und ihrem Vater kam und was es mit jenem mysteriösen Jago Roberts auf sich hat, der sich im Ort einquartiert. Die Antworten darauf sind überraschend und erschreckend zugleich!
_Fazit:_ Ein spannender, liebevoll detaillierter Unterhaltungsroman, der einen Einblick in die englische Gesellschaft 1936 bietet und den ich wärmstens empfehlen kann!
http://www.rowohlt.de
P., Melissa – Dich lieben
Zwei Jahre hat sich Melissa P. Zeit gelassen, um den Nachfolger zu ihrem heiß diskutierten, erotischen Tagebuch [„Mit geschlossenen Augen“ 2733 zu schreiben. Nun ist es da und in Anbetracht des jungen Alters der Autorin – sie wird dieses Jahr einundzwanzig – stellt man sich die Frage, ob sich „Siziliens Lolita“ weiterentwickelt hat.
„Dich lieben“ ist nach eigenen Angaben ebenfalls autobiografisch, aber nicht in Tagebuchform. Stattdessen präsentieren sich die kurzen, abgehackten und dadurch zusammenhangslos wirkenden Kapitel als Briefe an ihre Mutter. Allerdings dauert es seine Zeit, bis man herausfindet, wer das Du im Buch überhaupt ist. Erst zur Hälfte wird der Mutter-Tochter-Bezug klar, was dem Buch nicht unbedingt gut tut. Zu verwirrend sind die kurzen Episteln, deren Inhalte keinerlei Konzept zu folgen scheinen.
Worum geht es überhaupt? Das lässt sich nicht so einfach erkennen. Im Großen und Ganzen wird die Beziehung von Melissa und Thomas beschrieben, die einen zerstörerischen Charakter annimmt, als Melissa eine SMS von einem Mädchen namens Viola auf Thomas Handy entdeckt. Sie beginnt sich Rachefantasien für das Mädchen auszudenken – aus Liebe zu Thomas – und geht so weit, dass sie Thomas verlassen muss, weil sie ihn so sehr liebt.
Und wieso sollte das Melissas Mutter interessieren? Gute Frage. Vielleicht, weil sie neben dem aktuellen Strang auch immer wieder Kindheitserlebnisse einwebt, die sie recht plastisch und schön zu beschreiben weiß. Allerdings klingen einige der Episoden wie eine pathetische Abrechnung mit der eigenen Kindheit.
Wer erwartet, dass Fräulein Paranello mal wieder aus dem Bettkästchen plaudern wird, liegt überraschendweise daneben. Ihre sexuellen Eskapaden hat sie zurückgefahren, stattdessen beschreibt sie hauptsächlich ihr düsteres Innenleben, erzählt Geschichtlein aus ihrer Kindheit und lässt alles andere außen vor. Das tut dem Buch nicht gerade gut, denn Melissas zähes Gefühlsleben, in dem es nur wenig Veränderung gibt, langweilt noch mehr als ihre jugendliche Nymphomanie von damals.
Was den bunten Ringelreigen aneinandergereihter Langeweile alias Briefe an eine Mutter noch schlimmer macht, ist das Ende. Hier beschreibt sich Melissa P. als ein Mädchen, das vor Liebe verrückt geworden ist und dazu benutzt sie märchenhafte Elemente wie zum Beispiel eine Libelle für das Gefühl der Eifersucht. Das Buch endet schließlich in einem abstrakten Ende, bei dem der Leser überhaupt nicht mehr durchblickt, was nun Wahrheit und was Traum ist. Ob die Autorin dadurch bezweckte, den Leser an ihrem leicht wahnsinnigen Ich teilhaben zu lassen? Nun gut. Das wäre eine Erklärung, allerdings sollten derartige Passagen trotzdem eine gewisse Struktur besitzen, die es dem Leser erlauben durchzublicken.
Der Inhalt ist folglich beinahe noch weniger gelungen als der Debütroman. In dem gebundenen Büchlein mit knapp 125 Seiten passiert so gut wie gar nichts. Das einzig Nette sind die Kindheitserinnerungen, die schön beschrieben werden und eine gute Identifikationsmöglichkeit bieten. Außerdem gibt es hier einige Momente, bei denen man sich denkt: Ja, das könnte ich auch so gesagt haben.
Der aktuelle Erzählstrang dagegen ist konfus, langweilig und alles andere als überzeugend. Melissas Gefühlsleben weist keine Struktur auf, kein Anfang, kein Ende, sondern ist nur ein gleichbleibender düsterer Sumpf negativer Gedanken. Es ist nicht so, als ob man nicht auch darüber schreiben könnte, allerdings haben das andere Leute schon besser gemacht.
Wie das? Na ja, vermutlich haben sie einfach einen angenehmeren Schreibstil verwendet. Man muss der Autorin zwar zugestehen, dass durchaus eine Steigerung stattgefunden hat, aber auch wenn sie an einigen Stellen wirklich sehr schön auf den Punkt kommt, ist das Gros der Seiten doch eher Reißwolfnahrung. Den mädchenhaften Tagebuchstil hat sie jedenfalls abgelegt. Stattdessen versteigt sie sich in einer erhabenen, teils schwülstigen Sprache, die von einem riesigen Haufen meist geschmackloser Metaphern beinahe erdrückt wird.
|“Meine Eierstöcke sind zwei in der Luft hängende Kichererbsen. Eine ist größer als die andere und hängt tiefer, da sich meine Regel ankündigt. Eine zähe rote Flüssigkeit wälzt sich darin wie in den Automaten mit Fruchtsaft. […] Das Herz. Das Herz klopft in seiner Nylonstrumpfhüle von der Art, wie sie sich Bankräuber übers Gesicht ziehen. Ein kleines Präservativ zum Schutz vor dem Leben.“| (Seite 29)
Melissa P. legt des Öfteren eine solche bemühte Pseudointellektualität an den Tag, dass man das Buch nur noch zuklappen möchte. Möglicherweise hat sie Potenzial. Man kann auf jeden Fall ein Gehirn und einen gewissen Wortschatz erahnen, allerdings ist auf weiten Strecken nicht viel davon zu spüren. Vielleicht wäre es besser gewesen, Madame Paranello noch eine Weile wie einen guten Wein reifen zu lassen anstatt ihr spärliches Talent unter Zuhilfenahme eines Skandals namens „Mit geschlossenen Augen“ zu verschleudern.
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P., Melissa – Mit geschlossenen Augen
Melissa P.s jugendliche Sexbeichte war ein Riesenskandal im Jahr 2003 in Italien. In Deutschland schlug das Buch zwar nicht ganz so große Wellen, aber trotzdem erlangte es einiges an Aufmerksamkeit.
Ist das ein Wunder bei diesem Inhalt? In einem Zeitraum von ihrem 14. bis zum 16. Lebensjahr erzählt die Ich-Erzählerin Melissa (es darf also spekuliert werden, wie viel wahr und wie viel Fiktion ist) von ihren sexuellen Eskapaden, die sich alle in einem Punkt treffen: Melissa verfällt auf der Suche nach echter Liebe immer wieder in das gleiche destruktive Muster, bei dem sie sich von Männern, die sie nur als Objekt sehen, ausnutzen und erniedrigen lässt. Alles fängt mit Daniele an, den sie auf einer Geburtstagsparty kennen lernt und in den sie sehr verliebt ist. Er nutzt das junge Mädchen allerdings aus. Als sie ihm sagt, dass sie mit ihm schlafen möchte, befiehlt er ihr zuerst, fünf Minuten vor seiner Wohnung zu warten, weil sie zu früh dran ist und er den Ton angibt, und schließlich entjungfert er sie, während ein Kumpel am Telefonhörer im Nebenzimmer darauf wartet, dass Daniele ihm Bericht erstattet.
Ansonsten erlebt Melissa immer wieder regelrechte Orgien. Sie schläft mit älteren Männern, die von ihr verlangen, sich als Domina zu verkleiden. Sie lässt sich von jedem Kerl ausnutzen, der ihr über den Weg läuft und ist fest davon überzeugt, das Herz eines Mannes nur dadurch gewinnen zu können, dass sie sich ihm körperlich hingibt…
Ist „Mit geschlossenen Augen“ wirklich der große literarische Wurf, als den manche Kritiker ihn bezeichnen? Nun, eine Schwalbe macht noch lange keinen Sommer. Gleiches gilt für einen expliziten Inhalt. Natürlich kann man in einer „Sex sells“-Kultur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn man davon erzählt, wie man einen Mann im zarten Alter von vierzehn Jahren oral befriedigt hat, aber wie viel Direktheit verträgt der Leser?
Melissa P.s Buch besteht hauptsächlich aus derartigen Szenen. Die anderen Gefühle, die ein fünfzehnjähriges Mädchen hat, werden kaum angeschnitten. So erfährt man zum Beispiel herzlich wenig über das Familienleben von Melissa oder von Freundinnen, von der Schule. Es dreht sich immer nur um ein Thema und abgesehen davon, dass einige Erlebnisse doch ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken (wenn sie zum Beispiel einen notgeilen Familienvater im Dominakostüm gegenübertritt), fängt das doch irgendwann an zu langweilen. Das Buch hat zwar nur knapp 160 Seiten, aber nach einem uninteressanten Einstieg gelingt es der Autorin kaum, ansatzweise Spannung oder wenigstens Stimmung und Atmosphäre aufzubauen.
Das liegt vor allem daran, dass der Schreibstil von „Mit geschlossenen Augen“ die Nerven des Lesers ganz schön strapazieren kann. Und nein, das hängt nicht damit zusammen, dass Fräulein P. so vulgär schreibt, dass einem die Augen tränen. Im Gegenteil. Die sechzehnjährige Autorin stattet ihr fünfzehnjähriges, tagebuchschreibendes Ich mit einer dermaßen schwülstigen, altklugen Schreibweise aus, dass man sich teilweise in einen historischen Kitschroman versetzt fühlt:
|“Vor dem Spiegel stehend bewundere ich mich und bin entzückt von den Kurven, die zunehmend runder werden, von den immer harmonischer und sicherer geformten Muskeln, von dem Busen, der sich unter meinem T-Shirt abzuzeichen beginnt und mit jedem Schritt sanft wogt. Da meine Mutter zu Hause schon immer gern nackt herumgelaufen ist, bin ich mit dem weiblichen Körper von klein auf vertraut. Die Formen einer erwachsenen Frau waren für mich noch nie ein Geheimnis, doch ihr Allerheiligstes liegt in den Schamhaaren verborgen wie in einem undurchdringlichen Urwald und entzieht sich dem Blick.“| (Seite 9)
Mädchenhaft und gleichzeitig übertrieben poetisch-schwülstig und hochgestochen präsentiert sich die Italienerin mehr als einmal als Diana Gabaldon für Arme. Nun kann so etwas natürlich auch an der Übersetzung liegen, dann geht die Rüge an das deutsche Lektorat, jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass die bloße Übertragung in eine andere Sprache so viel Negatives bewirken kann.
Wobei man Melissa P. zugestehen muss, dass nicht alles schlecht ist. Manche Stellen in dem Buch offenbaren keine altkluge, sondern sehr gereifte, dem Alter jedoch immer noch entsprechende Persönlichkeit. Die eine oder andere Metapher versinkt nicht im Sumpf des Kitsches, sondern präsentiert sich schön rund und anschaulich, wie zum Beispiel auf Seite 67:
|“Danach legte er sich zu mir aufs Sofa, wir umarmten uns und schliefen ein, während Marylin [in diesem Fall ein T-Shirt mit der Hollywoodikone; Anmerkung der Rezensentin] ihr Auge an der kleinen Perle von Ernestos goldenem Top rieb.“|
Diese Silberstreifen am Horizont sind allerdings in der Unterzahl. Der Großteil des Buches setzt sich daher aus nicht immer glaubwürdigen Sexszenen, einem nicht alterskonformen, schwülstigen Schreibstil und einer eindeutig überschätzten Autorin zusammen, „Siziliens Lolita“, wie die Lobeshymne von „La Sicilia“ auf dem Buchrücken besagt.
Ruff, Matt – Ich und die anderen
Matt Ruff ist im Prinzip in sehr unberechenbarer Autor. Seine Bücher sind kurios und phantasievoll und zuweilen überraschend. Für den Leser ist ein neuer Matt-Ruff-Roman stets gleichermaßen ein neues Lesevergnügen wie eine Herausforderung. Ruff lässt sich ganz einfach nicht auf ein Schema festlegen. Seine Romane sind ein Wechselbad der Gefühle. Er vermischt verschiedene Genres wie kein anderer und komponiert aus Belletristik, Fantasy und Science-Fiction seine ganz individuellen Romankreationen.
Mochte man ihn auf das Einbinden von Elementen aus Sci-Fi und Fantasy nach seinen ersten beiden Werken „Fool on the Hill“ und „G.A.S.“ schon festlegen (obwohl beide Werke dennoch sehr unterschiedlich sind), so dürfte er seine Leserschaft mit seinem aktuellen Werk „Ich und die anderen“ aufs Neue überraschen. Auf den ersten Blick ein untypischer Ruff, entpuppt er sich erst bei genauerer Lektüre als randvoll mit typisch Ruffschen Romanelementen, allen voran seine herausragende und souveräne Erzählweise.
„Ich und die anderen“ hat ein für sich gesehen eher ungewöhnliches Thema. Es geht um Menschen, die unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leiden. Andrew Gage hat sich mit seinen diversen Persönlichkeiten mittlerweile sehr gut arrangiert. Mit Hilfe einer engagierten Psychologin hat er es geschafft, Ordnung in sein Leben zu bringen. Zu diesem Zweck hat er sich kraft seiner Gedanken ein imaginäres Haus erbaut, das nun alle Seelen seiner Persönlichkeit beherbergt. Sein Leben verläuft erstaunlich geregelt ab. Die Ordnung im Haus folgt festen Regeln, nach denen jeder Seele ein wohldosiertes Maß an „Körperzeit“ zugestanden wird.
Auf diese Weise kann Andrew das Leben ohne größere Probleme meistern. Glück für ihn, dass er einen Job in der Virtual-Reality-Firma von Julie Sivik gefunden hat. Sie weiß um seine Persönlichkeitsstörung und hat ihn genau deswegen eingestellt. Wer sonst sollte wohl besser etwas von Virtual Reality verstehen als ein Multipler, dessen ganzes Leben einem Außenstehenden wie Virtual Reality vorkommen muss?
Julie und Andrew werden darüber hinaus Freunde und genau deswegen kann Andrew Julies Bitte kaum abschlagen, sich um seine neue Kollegin Penny Driver zu kümmern. Penny ist ebenfalls multipel – nur, dass sie es selbst noch nicht weiß. Und so wird Penny regelmäßig von Blackouts geplagt, die immer dann eintreten, wenn eine ihrer anderen Seelen die Kontrolle über den Körper übernimmt. Andrew soll sich des Problems annehmen und Penny helfen, ihre Persönlichkeitsstörung in den Griff zu bekommen.
Andrew sträubt sich zunächst, weiß er doch aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, eine multiple Persönlichkeitsstörung zu meistern, nimmt sich schließlich aber doch der Angelegenheit an. Doch schon bald droht die Sache aus dem Ruder zu laufen. Andrews seelisches Gleichgewicht ist fragiler, als er selbst glaubt, und so bringt Pennys Persönlichkeitsstörung nicht nur ihr eigenes Leben gehörig durcheinander, sondern auch das von Andrew …
Man mag das Thema der multiplen Persönlichkeitsstörung auf den ersten Blick für ein eher schwieriges halten, und so erstaunt es auch, mit welcher Leichtigkeit Matt Ruff das Ganze anpackt. Er schafft es auf sehr plastische und nachvollziehbare Weise, die Problematik zu verdeutlichen. Er entblättert bis ins Detail, was sich in Andrews Kopf abspielt, und macht es dem Leser begreiflich. Man kann sich das Haus in Andrews Kopf und das Nebeneinander der unterschiedlichen Seelen, die stets um Aufmerksamkeit und Körperzeit buhlen, wunderbar vorstellen. Auch das Durcheinander unterschiedlicher Persönlichkeiten in Pennys Kopf wird gut deutlich, wenngleich es dort verständlicherweise wesentlich chaotischer zugeht.
Multiple Persönlichkeitsstörungen sind eine komplexe Angelegenheit. Matt Ruff verdeutlicht neben den Konsequenzen auch die Art und Weise, wie sie im Falle von Andrew und Penny entstanden sind. Sie funktionieren als eine Art Schutzmechanismus. Beide Protagonisten blicken auf traumatische Kindheitserinnerungen zurück, die als Ursache ihrer Störung anzusehen sind. Beide müssen sich im Laufe des Romans zu den Wurzeln ihrer eigentlichen Persönlichkeit vorarbeiten und sich damit auch den früheren traumatischen Ereignissen stellen.
Die Komplexität dieser Kernproblematik überträgt sich dabei auch auf den Roman selbst. Er ist enorm vielschichtig und bietet ein Wechselbad der Gefühle. Ruff bringt Kurioses und Dramatisches, Tragisches und Komisches gekonnt unter einen Hut. Sensibel fühlt er sich in seine Protagonisten hinein, macht die drückende Last ihrer Erfahrungen genauso fühlbar wie die irritierende Art der Persönlichkeitswechsel im Körper der Figuren. Das wirkt alles zugleich urkomisch und irrsinnig tragisch. Er verpackt einen ernsten und zutiefst tragischen Hintergrund in einer leichtfüßig erzählten Geschichte, die dadurch umso eindringlicher auf den Leser wirkt.
Was weiterhin eine enorme Leistung des Autors ist, ist der Erzählstil. „Ich und die anderen“ ist eine auf den ersten Blick eher unspektakuläre Geschichte. Zwei verstörte junge Menschen auf der Suche nach sich selbst – so könnte man das Romangeschehen kurz und knapp auf den Punkt bringen. An nacherzählbarer Handlung oder gar ganz konkret greifbarer Spannung hat der Roman nicht viel vorzuweisen. Bei einem 715-seitigen Werk mag man da glatt einen langweiligen Schinken erwarten, der sich wie Kaugummi schier endlos in die Länge zieht.
Doch wer das glaubt, der hat eben die Rechnung ohne Matt Ruff gemacht. Hat man sich erst einmal gedanklich auf die Welt von „Ich und die anderen“ eingelassen, lässt sie einen nicht mehr los. Ruff fesselt auf eine ganz eigentümliche und unterschwellige, geradezu kuriose Art. Eine ähnliche Erfahrung ist mir aus der mittlerweile schon einige Jahre zurückliegenden Lektüre von „Fool on the Hill“ im Gedächtnis. Auch da galt es erst einmal, sich in das Buch hineinzufinden. Ist man erst einmal drin, ist man aber derart gefesselt, dass man am liebsten alles andere stehen und liegen lassen möchte.
Ruff fesselt eben auf eine ganz besondere Art, die sich schwer erklären lässt. Auch bei „Ich und die anderen“ fällt es schwer, den Grund für den fesselnden Charakter der Lektüre auf den Punkt zu bringen. Fakt ist einfach, dass Ruff eine enorm plastische Art zu erzählen hat. Man sieht die Figuren förmlich vor sich und erlebt das reinste Kopfkino. So wird dann eben auch Lektüre unterhaltsam, die ganz nüchtern betrachtet nur wenig Spannung zu enthalten scheint.
Die Figuren sind eine weitere Stärke des Romans. Auf den ersten Blick wirken sie allesamt ein wenig entrückt – unrealistisch, möchte man schimpfen – aber Matt Ruff stellt sie mit so viel Liebe und Warmherzigkeit dar, dass man sie mit der Zeit ins Herz zu schließen beginnt. Jeder ist auf seine ganz individuelle Art sonderbar, jeder hat seine verrückten Seiten, und so mag man manches Mal auch den Realismus bezweifeln (auf welcher wirtschaftlichen Basis eine Firma wie die von Julie Sivik überhaupt existieren kann, bleibt beispielsweise etwas diffus), aber das sind alles Dinge, die im Laufe des Romans zunehmend unwichtiger werden und die man zunehmend unwichtiger nimmt.
Am Ende glänzt Ruff eben ganz durch seine brillante Erzählweise, die er mit so mancher Überraschung garniert, und die Interaktion seiner Protagonisten. Hinter seinem lockeren Erzählstil und seinem Sinn für Kurioses verbirgt sich eine Tiefe, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Man blickt zurück auf ein Buch, bei dem man auch am Ende noch nicht so ganz begreifen kann, warum es einen so gefesselt hat. Matt Ruff bleibt eben auch mit seinem dritten Buch immer noch etwas rätselhaft und sonderbar, aber das ist nur ein Grund mehr, ihn zu lieben …
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Ying, Hong – Pfau weint, Der
Hong Yings „Der Pfau weint“ verbindet die Schicksale von drei Frauen verschiedener Generationen untereinander und taucht dabei tief in die Geschichte des Landes ein.
Die Wissenschaftlerin Liu Cui ist mit Li verheiratet, welcher Direktor des großen Jangtsestaudammprojekts ist und den sie so gut wie nie sieht. Eines Tages schickt er ihr ein Geschenk. Ein teures Parfüm, obwohl er ihr noch nie Geschenke geschickt hat. Sie versteht nicht, was das soll, doch ihre praktische Mutter hat sofort eine Lösung parat: Das Geschenk ist eine Herausforderung, um zu sehen, ob Liu immer noch eine Frau ist, die sich für ihren Mann interessiert. Ihre Mutter drängt sie, zum Jangtse zu fahren und Li zu besuchen, doch als sie dort ankommt, muss sie die bittere Erkenntnis akzeptieren, dass ihr Mann sie betrügt.
Sie hält es nicht länger an diesem Ort aus und fährt stattdessen zum Kreis Liang, wo sie geboren wurde. Aufgewachsen ist sie allerdings in der Stadt und die Umstände ihrer Geburt kennt sie nicht. Auf Bitte ihrer Mutter besucht sie deren alte Freundin Tante Chen, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Doch während Lius Mutter das dankbare Leben der Pekinger Mittelschicht führt, schlägt sich Tante Chen mit Armut herum. Liu ist geschockt, in welchen Zuständen die Freundin ihrer Mutter lebt, doch als Tante Chen beginnt, aus der gemeinsamen Vergangenheit zu erzählen, ist Liu noch geschockter.
Denn plötzlich wandelt sich das Bild, das sie von ihrem Vater, der damals Präfekt des Kreises war, hat, und gleichzeitig geschehen Dinge im Kreis Liang, die zudem den Glauben an ihren Ehemann erschüttern. Der Kreis Liang liegt nämlich in dem Bereich, der in ein paar Monaten von den Fluten des Jangtse verschlungen werden wird, doch die Dorfbewohner sind alles andere als einverstanden damit …
Das Verbinden von Geschichte und Neuzeit durch das tragische Schicksal eines kleinen Menschen, der zu jung ist, um die Begleitumstände zu verstehen, ist sicherlich nichts Neues. Allerdings gibt es eine lange Liste von Autoren, die es besser gemacht haben als Hong Ying.
Es beginnt schon damit, dass der Grund, warum Liu an den Stausee fährt, an den Haaren herbeigezogen ist. Mir erschließt sich, um ehrlich zu sein, nicht, wie ein Parfüm ein Hinweis darauf sein kann, dass der Ehemann fremdgeht. Der Roman baut also auf sehr unsicherem Gelände auf.
Was folgt, ist auch nicht gerade mit Spannung geschwängert. Abgesehen davon, dass es dem Buch an Emotionalität fehlt und es leblos wirkt, ist die Handlung an vielen Stellen sehr fade. Es kommt selten Spannung auf, einige Elemente sind nicht nachvollziehbar und die Absicht, die hinter der Geschichte steckt, nämlich die Schicksale dreier Frauen im Kreis Liang literarisch darzustellen, ist kaum erkennbar.
Die bereits erwähnte Leblosigkeit findet man nicht nur in der Handlung. Auch die Personen selbst wirken blutleer und scheinen keine wirklichen Gefühle zu besitzen. Liu Cui präsentiert sich als prüde Ehefrau, die nur wenige Interessen hat und deren Wut auf ihren Mann wirkt wie Wattebauschwerfen. Hong Ying gelingt es nicht, den Protagonisten authentische Ecken und Kanten zu verpassen. Selbst Tante Chen, von der man denken könnte, sie wäre nach all den Jahren von der Armut gezeichnet, wirkt merkwürdig oberflächlich. Ähnliches gilt für Liu Cuis Mutter, die Dritte im Bunde, deren aktive Rolle allerdings sehr klein gehalten ist.
Der Schreibstil Yings erinnert an den typisch asiatischen Prototyp: Glatt und uninteressant. Sie benutzt ein gehobeneres Vokabular, das sie manchmal in umständliche Satzbauten einbettet. Metaphern wie „Der Himmel war plötzlich bleich wie die Augen eines toten Fisches.“ (Seite 89) oder „Das Fenster war wie bestickt mit Millionen Wasserperlen …“ (Seite 44) wirken sich nicht gerade positiv aufs Gesamtbild aus, ebensowenig wie die teilweise sehr üppigen Beschreibungen.
„Der Pfau weint“ ist zwar handwerklich perfekt ausgearbeitet, wie sich in dem sauberen Schreibstil zeigt, aber genau das ist das Problem. Ein steriler Schreibstil ist nicht besonders gut geeignet, um Gefühle beim Leser hervorzurufen und auch nicht gerade das beste Fundament, um eine Geschichte spannend herüberzubringen. Da es in diesem Fall aber nichts Spannendes herüberzubringen gibt, kann man dieses Argument unter den Tisch fallen lassen.
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Kürthy, Ildikó von – Höhenrausch
|“Mann, bin ich einsam. Sonntagabende sind meiner Empfindung nach für uns Alleinstehende aber auch immer besonders schwer zu bewältigen. Da bleibt man traditionellerweise zu Hause, kocht Nudeln, guckt ‚Tatort‘ und geht, von Sabine Christiansen vergrault, zeitig zu Bett. Der Sonntagabend ist ein ‚Wir-Abend‘. Und ich bin kein Wir mehr. Der Scheißkerl hat mich mit Sabine Christiansen allein gelassen.“|
Wieder einmal spricht Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy ihren weiblichen Leserinnen aus der Seele mit ihrem neuen Roman „Höhenrausch“, in dem sie sich erneut dem Singleleben jenseits der 30 widmet, das ich zwar nicht aus eigener Erfahrung kenne, aber nun bereits mehrfach dank von Kürthy miterlebt und mitgefühlt habe.
Linda Schumann ist 35, von Beruf Übersetzerin und frisch verlassen, nachdem sie im Auto ihres nunmehr Exfreundes – dessen Name man nicht mehr nennen darf und der deswegen „Draco“ (angelehnt an „Harry Potter“) getauft wurde – verräterische Fußspuren an der Fensterscheibe entdeckt hat. Kurzerhand tauscht Linda mit dem unbekannten Andreas aus Berlin die Wohnungen, da beide einen Neuanfang wagen wollen. Linda meldet sich bei einer Dating-Agentur an und bekommt auch tatsächlich schnell ein Date vermittelt. Dort stellt sie allerdings fest, dass sie fälschlicherweise mit dem schwulen Erdal aus Hamburg verkuppelt werden soll, der eigentlich Sexgott27 treffen wollte. Obwohl die beiden sich auf Anhieb unsympathisch sind, entwickelt sich dennoch eine Freundschaft aus dieser Zufallsbegegnung, nachdem Erdal Linda durch Antäuschung eines schweren Asthmaanfalls aus einer grausigen und nebligen Theatervorstellung errettet hat.
So kommuniziert Linda per Mail mit dem unbekannten Andreas, der nun ihre Wohnung in Jülich übernommen hat und ihr alle ihre Plüschtiere zuschickt, damit sie sich in Berlin nicht mehr so einsam fühlt, außerdem telefoniert Linda regelmäßig mit ihrer Freundin Silke und natürlich kommen die „Frauenabende“ mit Erdal hinzu. Als unvermittelt Lindas gut aussehender, aber verheirateter, neuer Nachbar Johann vor der Tür steht, ist die Not groß, denn Linda hat sich Hals über Kopf in den attraktiven Mittvierziger verliebt.
Zwischen den beiden entwickelt sich eine Affäre, die natürlich in allen Einzelheiten mit diversen Menschen ausdiskutiert und aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert werden muss, und obwohl Linda immer cool und unbeteiligt wirkt, möchte sie Johann ganz für sich gewinnen – bis sie plötzlich seiner Ehefrau gegenübersteht und sie leider äußerst nett findet …
In wunderbarer und erfrischender Weise deckt Ildikó von Kürthy wieder einmal sämtliche weiblichen und auch einige männlichen Macken auf und schmückt sie durch viele sympathische Episoden aus. Und wieder einmal ist es nicht so sehr die Geschichte an sich, die unterhält oder überzeugt, sondern es sind die kleinen Dinge am Rande. Während Linda uns ihre Geschichte erzählt, ihre Probleme durchkaut und ihre geheimsten Gefühle offenbart, kommen ihr immer wieder neue Dinge in den Kopf, die sie vom eigentlichen Thema zwar ablenken, aber doch sehr viel über Linda und ihren Charakter aussagen. Diese abschweifenden Episoden und auch die herrlichen Metaphern sind es, die das vorliegende Buch wieder einmal zu einem herzerfrischenden Lesegenuss machen.
Ildikó von Kürthy beschreibt Dinge, die zwar jeder Frau schon einmal aufgefallen sein dürften, die aber nur die wenigsten Frauen in Worte fassen, Ildikó von Kürthy verleiht diesen Gedanken ihre Stimme und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Insbesondere der oft unverstandene weibliche Schuh-Tick wird hier messerscharf analysiert und dürfte nun auch jedem Mann einsichtig werden:
|“Aber irgendwann kommt in Beziehungen die Zeit der so genannten gemütlichen Abende. Dann machst du den Abwasch nicht mehr nackt und nur mit zwölf Zentimetern Absatz unter dir. Und du bist nicht länger bereit, dieses unermessliche Leid in Kauf zu nehmen, das bereits die Schritte zum Klo auf High Heels auslösen – und das für einen Mann, von dem du ja bereits weißt, dass er dich liebt. […] Eine Frau sollte nur dann Absätze von mehr als elf Zentimetern Höhe tragen, wenn sie Single ist und das nicht bleiben möchte. Oder frisch verliebt ist und das bleiben möchte. Oder den Abend definitiv größtenteils im Liegen verbringen wird.“| (S. 112/113)
Beschreibungen wie diese sind es, die mich immer wieder zu Ildikó von Kürthys Büchern greifen lassen, weil sie so herrlich überzogen sind, im Kern aber doch ziemlich nah an der Wahrheit bleiben. Natürlich sind viele Situationen überzogen und auch die Charaktere nicht wirklich alltäglich, aber genau das ist es, was den Reiz des Buches ausmacht.
Apropos Charaktere: Ildikó von Kürthy schafft es immer wieder, eine sympathische Frauenfigur zu kreieren, die jeder Leserin ans Herz wachsen dürfte. Von Kürthys Ich-Erzählerin steckt stets in der Krise, stets hat sie gerade Liebeskummer und jammert sich im Laufe des Buches ein wenig aus, dabei wird die Ich-Erzählerin – in diesem Fall Linda Schumann – aber nie nervig wie manchmal Becky Bloomwood bei Sophie Kinsella, die sich so naiv und dämlich gibt, dass man sie auch mit viel Geduld nur schlecht ertragen kann. Ganz anders bei Linda Schumann; sie hat genug Macken und macht auch einige Fehler, aber wenn sie zum Beispiel über ihre fehlenden Flirttechniken berichtet, muss man sie einfach gern haben:
|“Ich kann gut Englisch, und ich kann gut kochen. Ich kann gut Briefe schreiben, und wenn es sein muss, kann ich sogar gut auf Kohlenhydrate verzichten. Was ich definitiv nicht kann, ist gut rechnen, elegant auf hohen Schuhen gehen und ergebnisorientiert flirten.“| (S. 84)
In vielen Passagen findet frau sich wieder, aber auch der männliche Leser dürfte neben dem Schuhproblem noch weitere Mysterien aufgedeckt und erklärt bekommen, sodass Ildikó von Kürthy nicht ausschließlich für Frauen schreibt – wie beispielsweise auch das Zitat von Harald Schmidt auf dem Buchrücken beweist: |“Liebe! Romantik! Ein supertolles Buch!“|. Dennoch dürfte der weibliche Teil der Bevölkerung zugegebenermaßen wohl den weitaus größeren Teil der Leser(innen)schaft ausmachen.
Besonders optisch ist das Buch ein Hochgenuss, die verschiedenen Elemente wie die Telefonate mit Silke oder die E-Mails zwischen Linda und Andreas sind in verschiedenen Schriftarten gesetzt und somit leicht erkennbar. Auch sind erneut zahlreiche Bilder eingebaut, die stets zu den beschriebenen Situationen passen, sei es die DVD-Box zu „24“, wenn Linda darüber sinniert, wie lässig Jack Bauer sein aufklappbares Handy ans Ohr halten und „Mr. President, we do have a situation here“ sagen kann oder sei es die Plüschtierparade, wenn Linda über die Anschaffung neuer Kuscheltiere für die neue Berliner Wohnung nachdenkt.
Unter dem Strich ist Ildikó von Kürthy erneut ein überzeugender Roman gelungen, der vielen Frauen aus der Seele sprechen dürfte, der allerdings wie schon zuvor „Blaue Wunder“ nicht an ihre beiden Klassiker „Mondscheintarif“ und „Freizeichen“ heranreichen kann. Bei „Höhenrausch“ ist es die Rahmengeschichte, die nicht wirklich überzeugen kann, die betrogene Mittdreißigerin im Liebeskummer reicht für eine etwa 250-seitige Erzählung eigentlich nicht ganz aus. Die vielen Episoden am Rande sorgen allerdings erfolgreich dafür, dass das Buch trotzdem unterhaltsam ist und eine Menge Spaß bereitet. So werden die Fans von Ildikó von Kürthy das Buch durchaus zufrieden zuklappen, auch wenn die Autorin bereits zwei- bis dreimal bewiesen hat, dass sie es noch deutlich besser kann. Für unbeschwerte sommerliche Nachmittags- und Abendstunden auf dem Balkon ist „Höhenrausch“ aber in jedem Fall genau die richtige Lektüre.
Felixa, Magdalena – Fremde, Die
Berlin, Berlin … Magdalena Felixa hat ein Buch geschrieben, in dem die Stadt eine Nebenrolle spielt und das sich wie ein modernes Großstadtmärchen liest – nur ohne den Kitsch und den Prinzessinnentüllquatsch.
Die Ich-Erzählerin ist dem Leser ganz nahe – schließlich breitet sie ihr Leben vor ihm aus – und doch wieder so entfernt. Das Ich in diesem Buch nennt noch nicht mal ihren Namen, sagt wenig über ihr Äußeres, zeigt kaum Gefühle und doch ist es das Beste, was diesem Buch passieren konnte. Selena, Hanna, Mimi oder Alice – um nur einige ihrer Namen zu nennen – ist immer auf der Flucht. Ihre Heimat liegt irgendwo im Osten und sie hält sich illegal in Berlin auf. Sie schlägt sich mit kleinen Jobs herum, wohnt bei einer der vielen Freunde, die sie kennt und die es zumeist nicht besser haben als sie selbst. Sie ist eine Schattenexistenz, die sofort weghuscht, wenn ein Lichtstrahl auf sie gerichtet wird.
Genau das passiert, als plötzlich zwei Männer auftauchen, die sie nach einem ehemaligen Chef von ihr befragen und nicht gerade zimperlich mit ihr umgehen. Doch es kommt noch schlimmer, denn die Polizei ist ebenfalls auf den Fersen von Roman, dem ehemaligen Chef. Immer wieder wird sie von ihren Verfolgern aufgespürt, doch schließlich bietet sich ihr eine Chance, um für immer aus der Stadt zu fliehen …
Magdalena Felixa hat ein großartiges kleines Buch geschrieben. Nüchtern und doch intensiv. Leuchtend, obwohl es im Halbdunkeln der Illegalität spielt. Ein Kleinod in den dreckigen Straßen Berlins. Ihre namenlose Hauptperson setzt sie nach dem Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ ein. Der Leser erfährt wenig von ihr oder von ihrer Vergangenheit, sondern begleitet sie eine Weile durch ihr beschwerliches Leben, ohne dass sie ihn dabei zu nahe heranlassen würde. Distanz ist das Zauberwort, welches das ganze Buch zu tragen scheint und obwohl es Schlimmes erahnen lässt, ein sehr geschickter Schachzug ist, denn diese Distanz verleiht der Hauptperson eine tragische Seriösität, die einem eine Gänsehaut auf den Rücken zaubert.
Diese Distanz, diese Bodenständigkeit, die Selena oder wie auch immer umgibt, schlägt sich auch im Schreibstil nieder, der sehr graziös und gleichzeitig trocken ist. Felixa braucht nur wenige Worte und eine Hand voll kurzer, einfacher Sätze, um in dem knapp 200 Seiten umfassenden Buch ein eigenes kleines Universum zu schaffen. Anders als man vielleicht vermutet, bedarf sie dafür keiner Gossensprache, sondern greift auf ein leicht verständliches, poetisches Deutsch zurück. Die Dichte von Metaphern und wunderschönen Beschreibungen ist hoch. Trotzdem drängen sie sich dem Leser niemals auf.
|“Um den Platz herum, wo einst die Grenze war, ist es seltsam still. Ich liebe die stummen Baustellen, die nachts mit offenen Augen schlafen, wie ich es tue.“| (Seite 5)
Der ganze Roman ist sehr unaufdringlich, distanziert eben, was sich schon bei den kurzen Kapiteln mit den teilweise sehr poetischen Titeln zeigt. Sie sind episodenhaft, wie herausgerissen aus dem Großstadtleben. Sie demonstrieren die Rastlosigkeit der Fremden, die überall und nirgendwo zu sein scheint.
|“Meine Freunde sind Neger, Kanaken, Schwule, Fliehende, Fremde. So wie ich. Ich mag Menschen, für die ich austauschbar bin, die nicht heucheln, verliebt zu sein. Ich sehe lieber ihre Begierden, als in ihre Seelen zu blicken. Ich will keine Fragen stellen. Ich mag, wen sie um mich herum sind und mir aus ihrem Leben erzählen. Ich selbst bleibe lieber unsichtbar, ziehe es vor, daß man sich nicht an mich erinnert. Das Zuhören ist keine tugendhafte Eigenschaft meines Charakters. Es ist ganz eigennützig. Das Stakkato beruhigt micht. Ich schließe die Augen und höre zu. Hunderte Geschichten vom verpaßten Glück. Berlin, Stadt der Entzauberten.“| (Seite 6)
Magdalena Felixa hat mit „Die Fremde“ ein beachtliches Buch geschaffen. Ein kleines, trauriges Großstadtmärchen mit einer wundervollen Hauptperson und einer klaren, poetischen Sprache, welche die Stimmung, die das Buch durchzieht, direkt auf den Punkt bringt. Bravo!
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Jonathan Coe – Das Haus des Schlafes

„Das Haus des Schlafes“ ist eine vielschichtige Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen abläuft. Beide Ebenen spielen am gleichen Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten im Abstand von ca. zwölf Jahren. Ort der Geschehnisse ist Ashdown, ein altes viktorianische Schloss an der englischen Küste. Früher war das pittoreske Gebäude ein Studentenwohnheim, wurde inzwischen aber zu einer Klinik für Patienten mit Schlafstörungen umfunktioniert.
Hammesfahr, Petra – Am Anfang sind sie noch Kinder
Petra Hammesfahr, die Grand Dame der deutschen Literaturszene, veröffentlichte im März ihren neuen Roman „Am Anfang sind sie noch Kinder“, der zu Zeiten von Hartz IV eine starke Brisanz hat.
Protagonistin in dem Buch ist, wie bei Hammesfahr üblich, eine starke Frau. Kathi Lenzen, eine Mittvierzigerin, hat das Leben übel mitgespielt. Sowohl ihr Mann als auch ihr siebzehnjähriger Sohn sind Opfer von Autounfällen geworden und die Firma ihres Mannes, ihre Einnahmequelle, ist beinahe pleite gegangen nach dessen Tod. Doch die resolute Kathi hat sich nicht unterkriegen lassen, und auch wenn die seelischen Narben bis heute nicht verheilt sind, schafft sie es, die Kulisse aufrechtzuerhalten.
Doch diese bröckelt, als sie eines Tages einen sechzehnjährigen, verwahrlosten Jungen im Supermarkt beim Klauen beobachtet. Sie überlegt hin und her, ob sie ihn darauf ansprechen soll, aber stattdessen folgt sie ihm am Ende und findet heraus, dass er alleine in einem leer stehenden Haus kampiert. Sie wendet sich an das Jugendamt, doch der Schuss geht nach hinten los, denn der engagierte Sozialarbeiter Dr. T. Engelbrecht bringt sie dazu, den Jungen, der sich Breaker nennt, für eine Weile bei sich aufzunehmen. Den Sinn dieses „Experiments“ erklärt er so, dass der zurückgezogene Streuner einmal sehen soll, wie das Leben auch sein kann. Kathi lässt sich breitschlagen, obwohl sie spürt, dass ihr diese Entscheidung noch sehr weh tun wird. Schließlich liegt der Tod ihres Sohnes erst zwanzig Monate zurück und sie ist beileibe nicht bereit, mit einem „Asi“ umzugehen …
An manchen Stellen klingt „Am Anfang sind sie noch Kinder“ wie Deutschlands gefürchtete Sozialbücher. Mitleidige Monologe über das Leben der Unterschicht sollen wohl die Augen für das Elend öffnen, gehen aber aufgrund ihrer Pathetik eher auf die Nerven. Manche Stellen klingen wie an den Haaren herbeigezogen und in das Korsett der eigentlich gar nicht so schlechten Geschichte gezwängt. Stellenweise lesen sich Absätze wie aus dem Propagandakatalog für Missstände in der deutschen Jugendarbeit, das bedeutet: trocken, einseitig und „sozialarbeitermäßig“. Hat das wirklich sein müssen? Anstatt dieses Anliegen durch Monologe Engelbrechts zum Ausdruck zu bringen, wäre es vermutlich wesentlich taktvoller gewesen, die angeprangerten Missstände mehr oder weniger unkommentiert in die Geschichte einfließen zu lassen.
Ich muss sagen, dass mir ein Hammesfahr ohne Krimi-/Thrillerelemente besser gefällt als mit. Das Buch hat nur wenig Spannung und beruht hauptsächlich auf der schwierigen, da distanzierten Beziehung zwischen Kathi und Breaker, die die beiden Perspektiven bilden. Breakers ist dabei sehr gut gelungen, wie ich finde. Gedanken und Gefühle eines Jungen, der in einer Dreizimmerwohnung mit dem versoffenen Vater und drei Geschwistern aufgewachsen ist, werden sehr authentisch dargestellt. Ihr nüchterner Schreibstil, der manchmal beinahe sachlich wirkt, so wenig Gefühl steckt in ihm, passt wie die Faust aufs Auge – bei Breaker.
Kathis Perspektive dagegen hat sicherlich auch ihre sonnigen Seiten, aber gerade in der Anfangsphase des „Experiments“ gibt es einige hölzerne Dialoge, wenn sie Breaker erklärt, wie der Hase läuft. Sie klingt aufgrund des Schreibstils dabei sehr kühl, sehr unberührt und dadurch grausam unauthentisch. In diesen Moment wird „Am Anfang sind sie noch Kinder“ tatsächlich zu einem der gefürchteten Sozialbücher, auch wenn es sich ansonsten ganz gut durchschlägt. Traurig, dass Hammesfahr hier nicht die Kurve kriegt.
Insgesamt weist der Schreibstil einige Mängel auf. Die akribischen Erläuterungen von Handlungen und Ereignissen mögen ein gutes Gesamtbild schaffen, doch an einigen Stellen ziehen sie die Lektüre einfach nur furchtbar in die Länge. Außerdem sind einige der Genauigkeiten wirklich unnötig. Wenn Kathi Kuchen kauft, interessiert es weniger, um welche Sorte es sich genau handelt, ob mit oder ohne Streusel und wo er gekauft wurde und wie Kathis Meinung über diese Bäckerei ist. Irritierend ist die Tatsache, dass Personen, selbst die Hauptpersonen, also jene, die dem Leser eigentlich ans Herz wachsen sollten, immer sehr distanziert mit ihrem Vor- und Nachnamen genannt werden. Besonders bei einem Sechzehnjährigen wirkt das merkwürdig „abweisend“.
Überhaupt macht Hammesfahr es uns sehr schwer, Zugang zu den Personen zu finden. Es fehlt den Charakteren an Tiefe. Erinnerungen und Gefühle, ein wichtiger Faktor, werden zwar nicht ausgeklammert, aber sie wirken immer merkwürdig kühl und sachlich, so als ob sie nicht zu der entsprechenden Person gehören würden. Bei Breaker weniger, bei Kathi mehr tritt dieses Manko zu Tage und ist schuld, dass am Ende der Lektüre ein unbefriedigendes Gefühl zurückbleibt.
Die Handlung an und für sich weist nur einen sehr dünnen Strang auf, der zudem sehr vorhersehbar ist. Allerdings schadet das dem Buch nicht, denn das Minimum an Handlung lässt genug Platz für die Entwicklung der Beziehung zwischen Kathi und Breaker. Was mich allerdings stört, ist das Ende, das wirklich überflüssig ist – aber nun gut. Es ist die Entscheidung der Autorin, wann und wo sie die Geschichte enden lässt.
Jedoch ist es die Entscheidung des Lesers, was er davon hält. Ich finde, dass „Am Anfang sind sie noch Kinder“ in der Summe immer noch zu den besseren Büchern von Petra Hammesfahr gehört. Sie überrascht mit einem ausgesprochen guten Händchen für den Problemjugendlichen Breaker, auf der anderen Seite konstruiert sie aber eine Frau, die aufgrund ihrer Distanziertheit und der fehlenden Tiefe sehr oberflächlich und austauschbar wirkt. In einem Buch, das hauptsächlich auf der Beziehung zwischen den Protagonisten aufbaut, ist das nicht wirklich gelungen. Den Schreibstil hat sie leider auch beibehalten, der aufgrund seiner kühlen Sachlichkeit und der akribischen Genauigkeit eine große Schlucht zwischen Leser und Protagonisten entstehen lässt. Trotzdem lässt sich das Buch flüssig lesen und die Lektüre macht an einigen Stellen sogar Spaß.
Saunders, Kate – Es soll Liebe sein
Mit ihrem aktuellen Roman „Es soll Liebe sein“ präsentiert uns Kate Saunders eine Geschichte, die vielleicht nicht sonderlich innovativ klingt, die aber dennoch für einige herrlich unbeschwerte und unterhaltsame Lesestunden sorgt. Cassie, die sowohl in der Karriere wie auch in ihrem Liebesleben ehrgeizig und konsequent ist, erhält einen nicht ganz alltäglichen Auftrag: Ihre „Ziehmutter“ Phoebe bittet sie nämlich, Frauen für ihre beiden Söhne zu finden; doch damit nicht genug verlangt sie außerdem, dass es wirklich Liebe sein soll. Phoebe, die bereits ihren Mann verloren hat, erfährt, dass sie selbst nicht mehr lange zu leben hat und möchte daher ihre beiden arbeitslosen, aber gutmütigen Söhne gut versorgt wissen. Doch ganz so einfach ist Cassies Aufgabe nicht, denn obwohl sie einige hübsche und erfolgreiche Single-Freundinnen hat, möchte sie ihnen ungern die beiden faulenzenden Muttersöhnchen Ben und Fritz aufschwatzen, die sie selbst für zwar sehr liebenswürdig, aber auch für schwer vermittelbar hält. So ist wirklich Not an der Frau.
Cassie beschließt, die beiden zu Verkuppelnden einzuweihen, um sie gleichzeitig um ihre Mithilfe zu bitten. Als Erstes wären da die beiden momentanen Gespielinnen der beiden Junggesellen loszuwerden, damit die Bühne frei ist für zwei von Cassies Freundinnen. Doch damit nicht genug, sollen die beiden sich auch endlich um einen Job kümmern, denn Ben versucht sich weiterhin als erfolgloser Konzertpianist, der zu sensibel für eine richtige Karriere ist, während Fritz seine abgeschlossene Ausbildung als Arzt weggeschmissen hat, um sich als ziemlich mieser Schauspieler zu verdingen.
Sobald diese Voraussetzungen erfüllt sind, können auch schon die ersten Kandidatinnen auf den Plan treten, doch merkt Cassie schnell, dass wahre Gefühle nicht zu erzwingen sind und Bens und Fritzens schmuddelige Wohnung sämtliche aufblühende Gefühle im Keim erstickt. So flüchtet die erste aussichtsreiche Heiratskandidatin schnell angesichts des Wohnchaos‘ der beiden Brüder. Nun ist guter Rat teuer, zumal Cassie ahnt, dass es mit ihrer eigenen Beziehung auch nicht zum Besten steht. Obwohl sie alles für ihren Matthew macht, jede Kulturveranstaltung brav (und vermeintlich interessiert!) besucht, gewissenhaft ihre Wohnung putzt und versucht, ihm alles Recht zu machen, kommt es zum großen Knall, als Cassies Wohnungsdecke einstürzt und Matthews teure Aktentasche samt seiner hochwichtigen Dokumente unter sich begräbt.
Klingt ein wenig abstrus und ziemlich vorhersehbar, oder? Und das ist es an vielen Stellen auch, nichtsdestotrotz liest frau jede Zeile gerne und oftmals mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Geschichte reißt einen von Anfang an mit und rührt einen immer wieder. Cassies Liebe zu Phoebe und ihren nutzlosen Söhnen ist praktisch grenzenlos, haben Phoebe und ihr Mann Jimmy doch die Rolle von Cassies Ersatzeltern übernommen. Nach Jimmys frühem Tod wirkt die schwere Krankheit der sympathischen Phoebe umso tragischer und ihre Sorge um ihre beiden Söhne bewegt sehr, auch wenn die lustigen Situationen im Buch klar überwiegen.
Insbesondere die Charaktere gefallen gut. Da wäre zum Ersten Cassie, aus deren Sicht das gesamte Buch geschrieben ist. Cassie ist im Beruf erfolgreich, privat verbiegt sie sich für ihren „Elch-gesichtigen“ Freund allerdings fürchterlich, bis es nicht mehr weitergeht und sie erkennen muss, dass Matthew es nicht sonderlich ehrlich mit ihr meint. Noch kann Cassie nicht ahnen, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gibt, der vielleicht besser zu ihr passt, der aber notorisch untreu und sexbesessen ist und nur Augen für andere Frauen zu haben scheint. Cassie mit ihren liebenswerten Macken wird für die weibliche Leserschaft zur Identifikationsfigur, da man manche ihrer Eigenarten auch ganz gut von sich selbst kennt. Außerdem ist sie natürlich die Sympathieträgerin schlechthin. Spätestens, wenn Cassie aus Versehen in ausgelatschten Turnschuhen zu ihrem schicken Armani-Kleid zu einer Party fährt, dürften die Lesersympathien klar verteilt sein.
Aber auch die beiden chaotischen und doch so liebenswerten Brüder, die im Laufe der Zeit eine erstaunliche Wandlung vollführen, tragen sehr zum Erfolg des Buches bei. Man könnte sich glatt in einen der Brüder verlieben, sodass man ihnen von Herzen wünscht, dass sie tatsächlich ihre große Liebe finden, wo sie bereits ihren Vater verloren haben und auch ihre Mutter bald sterben muss. Besonders Fritz wirkt umso tragischer, muss er doch trotz seines abgeschlossenen Medizinstudiums hilflos mit ansehen, wie die Medizin seinen Eltern nicht helfen kann.
Die Story an sich ist dabei fast schon nebensächlich, zumal sie fast durchweg sehr durchschaubar ist und man spätestens auf der Hälfte des Buches merken wird, welche Liebeskonstellationen sich am Ende ergeben werden. So überrascht das Happy-End für fast alle Beteiligten schlussendlich kaum noch, selbst wenn es von Phoebes tragischem Tod getrübt wird.
Sprachlich ist das Buch nicht so spritzig wie zum Beispiel bei Maria Beaumont, Sophie Kinsella oder auch Helen Fielding, bei denen man aus dem Schmunzeln kaum herauskommt, dennoch ist „Es soll Liebe sein“ eine richtig wohltuende Lektüre, gaukelt sie einem doch die schöne heile Welt vor. So wirkt dieses Buch erfrischend wie ein leichter Sommerregen und wird sein weibliches Publikum sicherlich zufrieden stellen, auch wenn es natürlich kein literarisches Meisterwerk ist. Aber eines ist sicher: Bei diesem Roman ist der Name Programm, sodass es sich definitiv lohnt, sich von Kate Saunders in diese Traumwelt entführen zu lassen.
http://www.krueger-verlag.de
Didier van Cauwelaert – Das Evangelium nach Jimmy
Man stelle sich vor, jemand würde heutzutage auf die Idee kommen, einen Menschen zu klonen. Nicht einfach irgendeinen Menschen, sondern eine Schlüsselfigur der Geschichte, die auch heute noch polarisiert. Nicht Napoleon oder Stalin, Hitler schon gar nicht – nein, Jesus! Nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien für uns absolut unvorstellbar, sondern auch ethisch höchst zweifelhaft. In Didier van Cauwelaerts Roman „Das Evangelium nach Jimmy“ wird dieses geradezu gruselige Szenario Realität und liefert die Kulisse für eine unterhaltsame, bitterböse Satire.
Jimmy Wood ist 32 Jahre alt und repariert die Swimmingpools der Gutbetuchten von Connecticut. Er glaubte stets, ein Waise zu sein, bis ihn drei Abgesandte des Weißen Hauses eines Besseren belehren. Eines Tages stehen ein Arzt, ein Priester und ein Jurist bei ihm auf der Matte und überbringen ihm eine Nachricht, die Jimmys Leben Kopf stehen lässt: Jimmy ist ein Klon von Jesus, der mit Hilfe von Blutproben aus dem Turiner Grabtuch hergestellt wurde.
Jimmy braucht eine Weile, bis er diese Neuigkeit verdaut hat, denn das ist wahrlich ein schwerer Brocken. Doch zur Muße bleibt ihm wenig Zeit, denn das Weiße Haus hat Großes vor. Eine ganze Heerschar von Stylisten, Psychologen, Geistlichen und Ernährungsberatern steht bereit, um Jimmy auf seine zukünftige Rolle als Messias vorzubereiten. Jimmy lässt sich schließlich darauf ein und beginnt langsam an sich zu glauben.
Jimmy vollbringt seine ersten Wunder und legt damit seine letzten Zweifel am messianischen Blut in seinen Adern ab. Er sorgt für eine wundersame Donutvermehrung, gibt einem Blinden das Augenlicht zurück und lässt gar einen Toten auferstehen. Doch je mehr Jimmy in seine Rolle als Reinkarnation des Messias hineinwächst, desto mehr gerät die Sache auch außer Kontrolle. Sein Auftritt im Vatikan wird zum Fiasko, seine Wunderheilung in Lourdes endet hochdramatisch und sein Auftritt in der Show eines Fernsehpfarrers sorgt für den medialen Höhepunkt, an dessen Ende alle nur noch eins wollen: Jimmy ans Kreuz schlagen.
Mein Eindruck
Schon der Inhalt offenbart, dass Didier van Cauwelaert einen absolut respektlosen und bitterbösen Roman abgeliefert hat – eine Satire, von der Menschen mit allzu empfindlichen religiösen Gefühlen wohl besser die Finger lassen sollten, um nicht ganz aus ihrem religiösen Gleichgewicht gebracht zu werden.
Doch „Das Evangelium nach Jimmy“ ist nicht einfach eine Religionssatire. Vielmehr liefert van Cauwelaert eine hervorragende Gesellschaftssatire ab. Es geht viel mehr um das, was die moderne Gesellschaft aus dem neuen Messias macht, als um seine Figur an sich. Natürlich bleibt Jimmy als Reinkarnation des Messias Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, doch geht es van Cauwelaert eben offensichtlich besonders auch um die Reaktionen, die sein Auftreten hervorruft. Und dabei scheint sich am Ende die Geschichte zu wiederholen – nur eben diesmal mit Internetabstimmung und Liveübertragung im TV.
Welche Auswüchse dieses Höllenspektakel hat, ist fantastisch anzusehen. So manches Grinsen huscht einem bei der Lektüre über das Gesicht, und so manches mal möchte man lauthals loslachen. Van Cauwelaert beginnt seine Geschichte in der Gegenwart, in der Ära Bush, der ganz nebenbei auf diese Weise auch noch sein Fett wegbekommt. Der zukünftige Präsident (ein schwuler Republikaner, man mag es kaum für möglich halten) setzt aber selbst auf eine Figur wie Bush noch einen drauf.
Van Cauwelaerts Buch dürfte so manchen stockkonservativen Amerikaner an den Rand des Herzinfarkts treiben, aber die gehören wohl ohnehin nicht zur Zielgruppe. Inszenierte schon DBC Pierre in [„Jesus von Texas“ 1336 ein haarsträubendes, abgedrehtes Medienspektakel, so setzt van Cauwelaert dem noch die Krone auf, indem er das Ganze in einen religiösen Kontext einbindet. Er wandelt dabei sicherlich an der Schmerzgrenze, aber ich denke, darüber ist sich der Autor im Klaren. Im Prinzip löst er die Sache zum Ende hin aber so gut auf, dass der Plot in sich stimmig ist und der anstößige, religiöse Kern der Geschichte in einem etwas anderen Licht erscheint.
Was man kaum für möglich halten mag, ist, dass die Kirche bei van Cauwelaert eigentlich gar nicht so schlecht davonkommt, wie man in Anbetracht der Thematik meinen möchte. Das Hauptaugenmerk der Kritik liegt eher auf skrupellosen Wissenschaftlern und der medialen Ausschlachtung, die mit Jimmy als zentraler Figur inszeniert wird. Jimmy wird eigentlich nicht gefragt, sondern einfach zu einer Rolle gedrängt, der er sich zu fügen hat.
Und so fällt auch der Blick auf die Figur des Jimmy wesentlich menschlicher aus als der Rest des Romans. Van Cauwelaert gibt Jimmy Raum für seine Selbstzweifel, lässt ihn an seiner Berufung zweifeln und verzweifeln. Jimmy bleibt trotz all der Inszenierung rund um seine Person ein Mensch, und diese Differenzierung zwischen knallharter Satire und einem persönlichen, menschlichen Blick auf die Hauptfigur gelingt van Cauwelaert ganz gut.
Van Cauwelaerts Stil liest sich dabei gleichermaßen locker wie unterhaltsam. Er formuliert gewitzt, mit einem Blick für skurrile Details und einem humorvoll-ironischen Unterton. Er schafft es, die Geschichte mit einer Prise Spannung auszustatten und bleibt bei allem Spaß und aller Satire auch immer noch menschlich.
Fazit: Wer Lust auf eine herrlich respektlose Satire hat und auch schon Spaß an Romanen wie „Jesus von Texas“ hatte, auf dessen Wellenlänge dürfte auch der Franzose Didier van Cauwelaert mit seinem Roman „Das Evangelium nach Jimmy“ liegen – respektlos, bitterböse, absolut fantastisch und schön zu lesen.
Gebunden: 406 Seiten
ISBN-13: 9783352007330
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Wang, Annie – Peking Girls
Zeit, über den Tellerrand zu schauen. Und nein, ich erwähne an dieser Stelle nicht die WM. Es ist auch so mal an der Zeit, sich anderen Kulturen zu widmen.
Wieso nicht mal ein wenig in China reinschnuppern? Schließlich bekommt dieses Land auf dem Buchmarkt herzlich wenig Beachtung, dafür, dass dort so viele unserer täglichen Bedarfsgüter hergestellt werden. Annie Wang möchte das mit ihren „Peking Girls“ ändern und konzentriert sich dabei auf die Upper-Class im heutigen China, das nach der Lektüre dieses Buches noch weit oberflächlicher und materialistischer scheint als die Vereinigten Staaten.
Wir erleben das Peking der Neuzeit dabei durch die Augen von Niuniu, einer Heimkehrerin, die es nach ihrem Studium in Amerika zurück zu ihren Wurzeln zieht. Der eigentliche Grund für ihren Umzug ist allerdings ihre zerbrochene Beziehung zu einem chinesischstämmigen Amerikaner, was jedoch im Buch kaum eine Bedeutung hat.
Überhaupt sollte man sich bei der Lektüre nicht auf eine großartige Handlung freuen. Annie Wang, die Kolumnen für die China Morning Post schrieb, verzichtet beinahe vollständig auf einen wirklichen Plot und skizziert anhand von kurzen Episoden mit zumeist amüsanter Pointe eine Gesellschaft, in der es wichtig ist, das teuerste Auto zu fahren und die richtigen Schönheits-OPs zu haben. Die Betrachtung durch Niunius westlich gefärbte Brille ist ein geschickter Schachzug, denn natürlich lässt sie es sich nicht nehmen, die Situationen zu kommentieren oder anhand einer subjektiven Darstellung ins Lächerliche zu ziehen.
Aus diesem Zweck hat Wang ihrer Protagonistin, die als Journalistin arbeitet, einen Freundeskreis zur Verfügung gestellt, der alle Bereiche abdeckt. Beibei ist Geschäftsleiterin einer erfolgreichen Staragentur und nimmt sich, obwohl verheiratet, regelmäßig jüngere Liebhaber; Lulu hat eine unglückliche Beziehung zu einem bindungsunwilligen Mann, der heimlich verheiratet ist; die in England aufgewachsene CC fühlt sich in China ebenfalls nicht wohl und hat außerdem einen Mann, der fremdgeht. Das scheint in China nichts Unnatürliches zu sein, denn anscheinend geht jeder fremd bis auf Niunius Freundin Mimi, die sich als Anwältin für sozial Benachteiligte einsetzt und eine Traumehe führt. Sie ist so etwas wie der positive Gegenpol zu all den Verheirateten, die untreu sind, den Zicken, den Machtgeilen, die immer auf die richtigen Beziehungen setzen, Leuten wie Beibei, die versuchen, ihre Stars mit möglichst vielen Intrigen an die Spitze zu bringen … Desweiteren erfahren wir, wie China zum Westen steht, wie man in China am besten überlebt und inwiefern sich die westliche und die moderne chinesische Kultur unterscheiden und wie paradox das teilweise ist.
Wenn es etwas gibt, das den Kauf von „Peking Girls“ wirklich rechtfertigt, dann ist es das pralle Wissen, das Frau Wang in ihrem „Roman“ unterbringt. Sie schafft es auf eine leicht amüsante, aber nur selten wirklich humorvolle Art, ihre Episoden herüberzubringen, und arbeitet die relevanten Fakten punktgenau heraus. Sie braucht dazu nur wenige sprachliche Mittel. Ihr ich-perspektivischer Schreibstil erinnert zum Teil an Tagebucheinträge. Er ist knapp und prägnant und verzichtet auf schmückendes Beiwerk. Zumeist reichen wenige erläuternde Sätze und die leider sehr gestelzt klingenden Dialoge, um das sehr umfassende Bild eines Landes im Umbruch zu vermitteln. Die Sprache ist sehr klar, sehr sauber und vor allem sehr harmlos. Wer erwartet, dass Annie Wang Tabus bricht wie ihre chinesische Kollegin Wei Hui, deren drastischer Roman „Shanghai Baby“ in ihrer Heimat verboten wurde, wird enttäuscht. Die Ankündigung auf dem Klappentext, „Maos Enkelinnen zwischen Sex, Konfuzius und Prada“, erfüllt sich nicht. Das Wort „Sex“ wird so gut wie nie in den Mund genommen, höchstens anhand von schwammigen Beschreibungen umrissen. Auch die Sprache ist frei von Kraftausdrücken und dreckig geht es in diesem Buch erst recht nicht zu.
Die einzelnen Episoden sind sehr kurz und zumeist unspektakulär. Gleiches gilt für die so genannte Handlung. Erst am Ende geht es weniger um Alltagsdinge als um Niunius Leben, was dann schon etwas enttäuschend ist, wenn das Buch als Roman vermarktet wird.
Mit diesem Manko geht einher, dass die Personen, allen voran die Protagonistin und Ich-Erzählerin, sehr austauschbar und oberflächlich wirken. Wirkliche Gefühle spielen kaum eine Rolle und die wenigen Charaktermerkmale, die aufgezeigt werden, bleiben normalerweise in einem sehr trivialen Rahmen. Dadurch wirkt Annie Wangs Debüt noch mehr wie eine Ansammlung kleiner Episoden aus dem Alltagsleben Pekings denn wie ein Roman, der nicht nur die Äußerlichkeiten einer Kultur, sondern auch die „Innerlichkeiten“ darstellt, also die Art, wie die dort lebenden Menschen mit den Äußerlichkeiten umgehen oder wie sie in ihren Gefühlen und Gedanken dadurch geprägt werden.
Wer Insiderwissen über das moderne Peking erwerben möchte statt einer tief gehenden Romanhandlung und wer sich damit zufrieden gibt, mit meist zusammenhangslosen Episoden mit wenig literarischer Güte, dafür aber mit einer gewissen, unterschwelligen Amüsiertheit serviert zu bekommen, möge zugreifen. Liebhaber von Romanen mit wirklichen Geschichten sollten allerdings lieber die Finger von „Peking Girls“ lassen, denn ihre Wünsche können in diesem Buch nicht befriedigt werden.
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Kornbichler, Sabine – Im Angesicht der Schuld
Helen Gaspary führt ein glückliches Leben: Die Ehe mit ihrem Mann Gregor, einem erfolgreichen Anwalt, ist harmonisch, die einjährige Tochter Jana ist ihr Sonnenschein, sie besitzt gute Freunde und geht einem interessanten Job nach. Eines Tages bricht ihr Leben von einer Minute auf die andere zusammen, als Gregor bei einem Sturz vom Balkon seiner Kanzlei ums Leben kommt. Die Polizei geht zunächst von Selbstmord aus, doch auch ein Fremdverschulden kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Nichts deutete im Vorfeld darauf hin, dass Gregor sich umbringen wollte. Wie jeden Morgen hat er das Haus verlassen, ging seiner Arbeit nach, machte einen unauffällgen Eindruck, schien keine Sorgen zu haben. Da ein Unfall ausgeschlossen wird, ist Helen fest davon überzeugt, dass es sich um Mord handeln muss.
Kurz darauf erfährt die junge Witwe, dass Gregor ein großes Geheimnis vor ihr verbarg. Vor einem Jahr war er in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein kleines Kind ums Leben kam. Gregor wurde zwar von jeder Schuld freigesprochen, doch er hat den Vorfall seiner Frau nie erzählt. Für die Polizei und Freunde kommen Schuldgefühle als mögliches Suizid-Motiv in Frage. Helen wird immer unsicherer, wie gut sie ihren Mann tatsächlich gekannt hat. Es stellt sich heraus, dass sowohl seine Familie als auch ihre gemeinsamen Freunde Anette und Joost über den Unfall Bescheid wusste. Helen sollte wegen früherer Depressionen geschont werden.
Immer weitere Rätsel um Gregors Tod tauchen auf und Helen weiß bald nicht mehr, wem sie glauben soll: Wer war der letzte Anrufer, mit dem sich Gregor kurz vor seinem Tod treffen wollte? Warum verschwieg Anette ihrer Freundin ein Telefonat mit ihm? Was verband Gregor mit Franka Thelen, der Freundin der Mutter des verstorbenen Kindes, die er regelmäßig traf? Selbstmord oder Mord, wie kam er ums Leben? Entgegen dem Rat ihrer Angehörigen überlässt Helen die Ermittlungen nicht allein der Polizei, sondern forscht in Gregors Vergangenheit nach Hinweisen, was zu seinem Tod geführt haben könnte …
Sabine Kornbichler steht im Ruf, eine Frauenromanautorin zu sein. Sicher steht auch in diesem Werk eine weibliche Protagonistin im Mittelpunkt, doch im Gegensatz zu anderen Büchern wie „Annas Entscheidung“ geht es hier nicht nur um den Alltag einer Frau, sondern um die Einbettung in eine Kriminalhandlung – eine Tendenz, die insgesamt sehr gut gelungen ist.
|Glaubwürdige Protagonistin|
Hauptanteil an der positiven Umsetzung hat die Darstellung der Ich-Erzählerin, deren Schicksal den Leser mitzureißen und zu berühren vermag. Helen Gaspary ist zu Beginn des Romans eine glückliche junge Frau, die kein außergewöhnliches, aber ein harmonisches Leben führt. Von einer Sekunde auf die andere bricht die heile Welt zusammen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Vorbei ist das Ehe- und Familienglück, zurück bleibt ein Scherbenhaufen, unter dem sich die geschockte Frau am liebsten begraben würde. Als wäre der Tod nicht schon hart genug zu ertragen, muss Helen nun auch noch auf dunkle Geheimnisse ihres Mannes stoßen, auf einen tödlichen Unfall, auf fremde Namen, auf eine verborgene Vergangenheit. Auch im befreundeten Ehepaar Anette und Joost findet Helen keinen Halt, vielmehr offenbaren sich auch hier verheimlichte Verstrickungen, die die junge Witwe zunächst nicht einordnen kann. In letzter Not klammert sie sich an ihre Tochter, für die sie stark sein muss, und an den unbändigen Willen, das Rätsel um Gregors Tod zu klären. Dieser Spagat zwischen Drama und Krimi ist erfreulich gut gelungen. Die trauernde Helen ist eine durch und durch glaubwürdige Figur, die sich der Situation angemessene Schwächen erlaubt. Tagelang verweigert sie das Essen, weint sich in den Schlaf, führt im Geiste Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann, lässt stundenlang die Vergangenheit Revue passieren. Als zaghafte Lichtblicke erweisen sich die Nachbarin, die das Witwenschicksal mit Helen teilt, und natürlich ihre kleine Tochter, die ihrer Mutter immer wieder ein Lächeln abringt.
Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass Helen nicht, wie es sicher nahe gelegen hätte, zur Privatdetektivin in eigener Sache mutiert. Hauptsächlich ist und bleibt sie die verzweifelte Witwe, die sich nicht mit einem Selbstmord ihres Mannes abfinden will. Sie liefert der Polizei Hinweise und geht diversen Spuren nach, wird aber stets von Zweifeln und Unsicherheiten geplagt. Ebenso kommt die finale Aufklärung von professioneller Seite, wenn auch mit Helens Unterstützung.
|Breite Auswahl an Verdächtigen|
Krimifreunde kommen beim Lesen auf ihre Kosten, denn bis kurz vor Schluss scheint völlig offen zu sein, warum Gregor gestorben ist. Es mangelt nicht an Verdächtigen, sowohl im Freundeskreis als auch bei völlig Fremden. Da sind die Unklarheiten, was Anette und Joost kurz vor seinem Tod mit ihm zu klären hatten, was sie Helen offenbar verschweigen wollen. Da ist Franka Thelen, die unvermittelt auftaucht und sich als nähere Bekanntschaft des Verstorbenen entpuppt. Da ist die Mutter des Unfall-Kindes, die Gregor seine Beteiligung daran nie verziehen hat. Und da sind drei Namen, auf die Helen während ihrer Nachforschungen stößt, mit denen sich Gregor unmittelbar vor seinem Tod befasst haben muss. Die Verdachtsmomente schwanken, sowohl bei Helen als auch beim Leser. Immer undurchsichtiger wird das Netz aus Verstrickungen und Verwicklungen, aus Motiven und Entlastungen, so dass Helen bald kaum mehr weiß, wem sie trauen darf und wem nicht. Auch die Frage, ob es nun Suizid oder Mord war, steht lange Zeit unbeantwortet im Raum.
|Kleine Mankos|
Eine leichte Schwäche steckt in der Nebenfigur Nelli, einer jungen, bildhübschen Frau mit Sangestalent, die bei des Gasparys als Putzhilfe arbeitet und mit den Jahren ein fast freundschaftliches Verhältnis zu ihnen aufgebaut hat. Durch die Handlung zieht sich, beinah wie ein „Running Gag“, Helens beständige Ermahnung, dass Nelli ihre Intelligenz für eine brauchbare Ausbildung verwenden solle, was nach einiger Zeit nicht nur Nelli, sondern auch den Leser nervt. Dazu kommt, dass Nellis Charakter von frechen Bemerkungen und einer eher tendenziell burschikosen Freundlichkeit geprägt ist, was wohl für Auflockerungen sorgen soll – tatsächlich aber wirkt angesichts der dramatisch-spannenden Ereignisse Nellis Art eher wie ein ernüchternder Holzhammer, einfach fehl am Platz.
Ein weiteres, wenn auch nicht gravierendes Manko liegt in den Rückblicken, der Übersichtlichkeit halber kursiv gestaltet. Helens schweift in den Wochen nach Gregors Tod immer wieder in die Vergangenheit und erinnert sich an ihr Kennenlernen. Die ersten Jahre ihrer Bekanntschaft sind zwar aufschlussreich, aber doch zu verkitscht und klischeehaft geraten, da Gregor bereits jahrelang in Helen verliebt war, ohne dass sie seine Gefühle auch nur ahnte und er geduldig sogar ihre erste Heirat miterlebte, um auf seine eigene Chance zu warten. Dieses Verhältnis vom treu wartetenden Gregor und der naiven Helen, die fünf Jahre lang seine Liebe nicht bemerkte, erinnert zu sehr an übertriebene Hollywoodschnulzen, um realistisch zu wirken. Auch sind die Rückblicke, die sich oft über mehrere Seiten ziehen, zu lang geraten, um sich ideal in die Handlung zu integrieren, zumal sie nicht viel zu deren Fortschreiten beitragen.
Der letzte Kritikpunkt betrifft das Ende, wo sich das Rätsel um Gregors Tod endlich löst. Leider spielt dabei der Zufall eine große Rolle. Unbeabsichtigt macht Helen mit Nellis Hilfe einen Fund, der sich als heiße Spur entpuppt, die in kürzester Zeit eine Reihe offener Fragen beantwortet. Der Leser wie auch Helen werden anschließend vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne selber die Möglichkeit zu haben, die Hintergründe durch Knobeln zu erschließen. Das enttäuscht vor allem deshalb, weil der Roman bis dato durch Spannung und immer neue Entwicklungen geprägt ist, die man in ihrem Entstehungsstadium mitverfolgen konnte. Der Schluss bringt daher einen Verpuffungseffekt mit sich, trotz der enthaltenen überraschenden Wende.
Positiv ist wiederum der sehr angenehme Stil, der ohne große Schnörkel, immer leicht verständlich und übersichtlich dafür sorgt, dass sich die knapp 400 Seiten in einem Rutsch weglesen lassen. Abgesehen von den Rückblenden in Helens und Gregors Vergangenheit lässt die Autorin keine Abschweifungen zu.
_Als Fazit_ bleibt ein sehr lesenswerter Roman über einen ungeklärten Todesfall und die Suche nach der Wahrheit. Sabine Kornbichler gelingt hiermit eine überzeugende Mischung aus Familiendrama und Krimi mit einer sympathischen Protagonistin, vielen Verdächtigen und spannenden Entwicklungen, verpackt in einen flüssigen Stil. Nur kleine Schwächen schmälern das Gesamtbild, unter anderem die kitschigen Rückblenden und eine Zufallsentdeckung am Schluss.
_Die Autorin_ Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiebaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: „Majas Buch“, „Klaras Haus“, „Steine und Rosen“, „Vergleichsweise wundervoll“ und „Annas Entscheidung“.
Sabine Kornbichler – Annas Entscheidung

Peper, Rascha / Ecke, Andreas – Visions of Hanna
Ein Verlag, dessen Programm sich hauptsächlich mit dem Meer in all seinen Formen beschäftigt? Das klingt auf den ersten Blick wie ein Tummelplatz für Seemannsgarn, doch „Visions of Hanna“ von der Niederländerin Rascha Peper ist weit davon entfernt.
An und für sich spielt das Meer in dem Roman auch nur eine Nebenrolle. Die „Hauptrolle“ kommt der lebenslustigen Mittdreißigerin Hanna zu, die vor zwei Jahren bei einem Schiffsunfall ums Leben kam. Seitdem liegt ihre Leiche in dem gesunkenen Schiff auf dem Meeresboden vor der marokkanischen Küste.
Währenddessen geht das Leben weiter, wenn auch in veränderter Form. Gerard, der in Hanna seine Traumfrau sah, lebt in New York, wo er als Strömungsforscher arbeitet. Er kann Hanna einfach nicht vergessen.
Robin dagegen, der Gerard Hanna ausgespannt hat, kann nicht damit leben, dass sie dort auf dem Meeresboden liegt, obwohl sie sich vor diesem verhängnisvollen Urlaub getrennt hatten. Er stellt eine Expedition auf die Beine, die nach dem Wrack und Hannas Leiche tauchen will.
Hannas Nichte, die fünfzehnjährige Emma, die gerade mitten in der Pubertät und den damit verbundenen Hormonverwirrungen steckt, verehrt ihre Tante auf eine gewisse Art und Weise und möchte Robin bei der Bergung ihrer Leiche behilflich sein. Sie gibt ihm Geld und dabei ihr Herz. Sie verliebt sich in den über zwanzig Jahre älteren Mann, doch obwohl er sich auch zu ihr hingezogen fühlt, lässt er es nicht zu, dass sie ihn verführt. Lange leidet sie an diesem Schmerz, doch dann drängt sich ihr Klassenkamerad Sai Kho in ihr Leben …
Der pensionierte Schneider Alphons LeCoultre, Hannas Vater, der neben seiner Tochter auch seine Frau zu beklagen hat, verbringt seine alten Tage damit, an die Toten zu denken und einen letzten Anzug für den Ministerialbeamten van Waardenburg zu schneidern, der zufällig der Konkurrent seines Schwiegersohns ist.
Herr van Waardenburg kennt Hanna überhaupt nicht. Er hat genug mit seiner heimlichen Obsession zu kämpfen, in fremde Häuser einzusteigen und sich dort an der Unterwäsche der Hausdame zu vergnügen.
Und dann wären da noch die blauen Gummientchen, die Gerard ins Meer hat setzen lassen, um die Strömungen zu erforschen …
Und was hat das jetzt mit Hanna zu tun?, fragt man sich. Zu Recht. Der Klappentext offeriert eigentlich eine sehr interessante Konstellation. Eine tote Frau, die trotz ihrer Abwesenheit immer noch Einfluss auf Menschen hat, die ihr nahe stehen. Schön und gut. In gewissem Sinne stimmt das auch, aber der einzige wirkliche Einfluss, den sie hat, ist der auf Robin, der sie unbedingt bergen möchte und außerdem mit ihrer Nichte zu kämpfen hat. Der gewissenhafte Gerard verschwendet zwar den einen oder anderen Gedanken an seine Ex, doch im Großen und Ganzen wird hauptsächlich von seinem Leben in New York erzählt, bei dem ein großer Wassertank auf dem Dach seines Hauses eine wichtige Rolle spielt. Nicht besonders interessant, wie auch die meisten anderen Perspektiven.
Aber was ist denn das Besondere an Hanna? Eine weitere Frage, bei der es mich wundert, dass sie nur so unbefriedigend beantwort wird. Da der Frau eine derartige Wichtigkeit zugewiesen wird, verstehe ich nicht, dass ihr Wesen, ihre Art nur sehr vage umrissen wird. Nirgends ist von einem besonderen Charisma oder Ähnlichem die Rede. Im Gegenteil scheint sie eine normale Mittdreißigerin zu sein. Manchmal vielleicht ein bisschen wankelmütig, was ihre Liebschaften angeht, aber ansonsten eine normale Frau.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Roman keinen linearen Plot hat. Er erzählt vielmehr Abschnitte aus dem Leben der oben genannten Protagonisten, die nur selten wirklich aufregend sind. Oft werden Tätigkeiten wie Robins Taucherei oder LeCoultres Schneiderei bis ins kleinste Detail beschrieben, was zwar eine gute Recherche beweist, aber unnötig in die Länge zieht. Mit der Zeit gewinnt die Geschichte stellenweise, zum Beispiel bei den Verwicklungen zwischen Emma und Robin, an Fahrt, kommt jedoch nicht besonders weit.
Man muss Frau Peper anrechnen, dass sie ihre Figuren authentisch zeichnet. Besonders die fünfzehnjährige Emma ist sehr beeindruckend, weil sie die Pubertät wirklich gut verkörpert. Auch die anderen Personen haben ihren Reiz, auch wenn es hin und wieder an Ecken und Kanten fehlt. Von Hanna wollen wir jetzt gar nicht reden. Wenn ein Buch schon keine ordentliche Handlung hat, sollten wenigstens die Figuren überzeugen, doch auch hier kann Peper nicht wirklich gewinnen. Authentisch ja, aber trotzdem nicht herausragend.
Der Schreibstil reißt auch nicht vom Hocker. Alltägliche, nüchterne Sprache ohne großartige Ausarbeitung trifft auf teilweise sehr komplexe Satzbauten, die das Lesen nicht immer einfach machen. Verbunden mit der bereits erwähnten Langatmigkeit entwickelt sich der Stil zu einem lähmenden Gift für das gesamte Buch, das sicherlich auch seine guten Seiten hat. Einige der Perspektiven, besonders die von Emma und Robin, sind durchaus interessant zu lesen, weil in ihnen etwas passiert. Gerards Gedanken zu Gummienten können dagegen nicht mithalten und so ist „Visions of Hanna“ ein durchwachsenes Buch.
Durchwachsen deshalb, weil es Spannung, schön gezeichnete Personen und flüssig lesbaren Schreibstil auf zu unterschiedlichen Ebenen serviert. Zwischen der Perspektive eines Gerards und der einer Emma liegen einfach Welten. Auf der einen Seite der vierzigjährige Langweiler, der sich mit Gummienten und Vermietern herumschlagen muss, auf der anderen der Teenager, der erste sexuelle Erfahrungen sammelt. Ich gehe so weit, Frau Peper zu empfehlen, doch mal ein Jugendbuch zu schreiben, denn mit Emma hat sie mein Herz gewonnen. Vielleicht kann ich die Seiten mit den langweiligen Perspektiven einfach herausreißen. Sie haben schließlich keine Bedeutung für die so gut wie nicht vorhandene Handlung.
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