Archiv der Kategorie: Belletristik

Karen Duve – Regenroman

Karen Duve meint es nicht gut mit ihren Protagonisten. Mitleidslos reibt die Autorin sie in einem verregneten, sumpfigen Setting und einem zermürbenden Plot auf. Dabei hätte man denken können, dass Frau Duve eine ganz Nette ist, nachdem man ihr Buch „Die entführte Prinzessin“ gelesen hat. Aber sie ist eben nicht die liebe, nette Märchenschreiberin von nebenan, für die man sie halten mag. Dafür eine Autorin, die mit jedem ihrer Romane erneut ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellt und damit äußerst positiv aus der Masse der deutschen Pop-Literaten hervorsticht. Karen Duve ist eine Autorin, die einen eben noch überraschen kann und bei der man auf alles gefasst sein muss.

„Regenroman“ ist ihr Erstlingswerk, mit dem sie 1999 die literarische Bühne betrat. Ein Roman, der, da mag der Titel noch so depressionsgeschwängert und missmutig klingen, von Kritikern und Publikum gleichermaßen freudig aufgenommen wurde.

Handlung

Leon ist ein Hamburger Schriftsteller, der für einen Haufen Geld die Biographie der Kiezikone Benno Pfitzner schreiben soll. Vermittelt hat den Deal Leons bester Freund, der Kleinganove Harry. Um zum Schreiben die nötige, inspirierende Einsamkeit zu finden, zieht Leon zusammen mit seiner Frau Martina in ein marodes Häuschen am Rande eines ostdeutschen Moores. Wie er hofft, die perfekte Idylle.

Doch schon kurz nach dem Einzug haben Leon und Martina gegen die ersten Tücken des neuen Domizils zu kämpfen. Der unablässige Regen weicht nicht nur den Garten auf, sondern zunehmend auch die Substanz des Hauses. Blauäugig sind Leon und Martina gleich in das Haus eingezogen, ohne einen Schimmer von Renovierung und Sanierung zu haben. Die Tapeten schälen sich wegen der Feuchtigkeit von den Wänden, während sich im Garten eine Schneckenplage unvorstellbaren Ausmaßes anbahnt.

Und auch an Leon und Martina scheint der Regen nicht spurlos vorbeizuziehen. Gleichgütigkeit und Egoismus schleichen sich in ihre Ehe ein. Schon bald bewohnen sie ihr Häuschen am Moor zu dritt, als sie einen zugelaufenen Hund aufnehmen, der Leon schon bald seine Rolle als engster Vertrauter Martinas streitig zu machen beginnt. Verwunderung und Verwirrung stiften die beiden ungleichen Schwestern Kay und Isadora, Leons und Martinas neue Nachbarn. Doch auch das ist erst der Anfang.

Mit dem Auftauchen von Harry und einem tendenziell eher unzufriedenen Pfitzner, der seinem Biographen die Leviten lesen will, beginnt eine Reihe äußerst turbulenter und folgenreicher Ereignisse, die dafür sorgen, dass schon bald nichts mehr so ist, wie es mal war …

Mein Eindruck

„Regenroman“ ist ein Roman, der sich schwer einordnen lässt. Schon die Fahrt zur Hausbesichtigung in das verschlafene Nest Priesnitz in idyllischer Moorrandlage wird davon überschattet, dass Leon bei der Pinkelpause an einem abgelegenen Parkplatz eine im Fluss treibende Frauenleiche findet. Dieses Ereignis schwebt wie eine dunkle Gewitterwolke über dem Beginn der Geschichte. Eine düstere Vorahnung, die bereits erkennen lässt, dass der Handlungsverlauf nicht ganz so idyllisch und romantisch verlaufen mag, wie sich die Protagonisten anfangs noch erhoffen mögen.

Anfangs erscheinen die Probleme von Leon und Martina in ihrer neuen Heimat noch annehmbar. Ein Wackelkontakt hier, ein verstopfter Abfluss da, die Tücken des Renovierens und der Beginn eines Lebens ohne Telefon- und Fernsehanschluss. Für die ungestörte Idylle nimmt man so etwas in Kauf und als Leon dann auch mit den ersten Kapiteln der Pfitzner-Biographie gut vorankommt, scheint alles in bester Ordnung.

Doch das ist nur Fassade und die gerät ins Wanken, als Harry zusammen mit Pfitzner bei Leon vor der Tür steht. Ein erstes Eskalieren offenbart die wirklichen Probleme, die nicht nur Leons Auftrag betreffen, sondern auch am Seelenleben seiner Ehe zu kratzen beginnen.

Mit fortschreitender Seitenzahl beginnt Karen Duve die Protagonisten zu entblättern. Sie legt ihren Kern frei, stellt sie gnadenlos mit ihren Schwächen bloß und konfrontiert den Leser mit Figuren, die innerlich so kaputt und gleichgültig sind, dass man sich weder mit ihnen identifizieren, noch mit ihnen tauschen will. Leon ist ein ausgesprochener Feigling. Ein Unsympath, der andere durch seine verletzende, herablassende Art beleidigt und der egoistisch seinen eigenen Zielen entgegenstrebt, ohne sich um seine Mitmenschen zu kümmern. Auch Martina ist keine einfache Figur. Hinter ihrer hübschen Fassade verbirgt sich eine zerbrochene Persönlichkeit. Von den Eltern entfremdet, vom Ehemann vernachlässigt und an Bulimie leidend, fristet sie ein trostloses, aber schließlich selbst gewähltes Dasein – innerlich abgestumpft und leer.

Auch die übrigen Figuren laden nicht gerade dazu ein, sich mit ihnen zu identifizieren. Der Dorfkrämer, der sich heimlich die Fingernägel lackiert, ist kaum weniger sonderbar, als die beiden Schwestern Kay und Isadora es sind. Kay ist ein lesbisches Mannweib, das Leon und Martina mit ihrem handwerklichen Geschick bei der Hausrenovierung zur Seite steht. Isadora ist eine nimmersatte, fettleibige Nymphomanin, die es auf Leon abgesehen hat. Auch das ist eine spannungsversprechende Konstellation, die den weiteren Handlungsverlauf mitprägt.

Man mag Karen Duve vorwerfen, ihre Personen wären zu verrückt, zu klischeebeladen und zu weit weg von jeglicher Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren. Doch scheint diese Distanz zwischen Leser und Figuren bewusst gewählt zu sein. Duve liefert ihre Figuren gnadenlos ans Messer. Wie ein Voyeur beobachtet der Leser fasziniert und erschreckt zugleich den Niedergang der Protagonisten.

Duve baut ein knisterndes Spannungsverhältnis auf, das der Leser, von unheilvollen Vorahnungen geplagt, betrachtet. Sie inszeniert ein düsteres Kammerspiel, bei dem eine enge Bindung zwischen Leser und Protagonisten sicherlich eher hinderlich wäre. So geht einem der Roman vielleicht auch nicht so wahnsinnig nah, aber anders wäre dieser knallharte und brutale Umgang eines Autors mit seinen Figuren wohl auch kaum zu ertragen. Und zu ertragen haben die Figuren so einiges, was der Leser niemals selbst erleben möchte. Nicht einmal mit den Tieren möchte man tauschen: Der Hund wird von einem Bullterrier übel zugerichtet und die Schnecken werden in einem gnadenlosen Massaker dahingerafft.

Das Moor, an dessen Rand Leon und Martina wohnen, lässt sich mit Blick auf die Protagonisten durchaus sinnbildlich verstehen. So wie das Moor tückisch und gefährlich ist, so wie sich dort harmlose Pfützen als bodenlose Sumpflöcher entpuppen, in denen ein Mensch qualvoll vom Moor verschluckt zu werden droht, so offenbaren sich auch die Seelen der Protagonisten. Es tun sich Abgründe auf, die niemand für möglich gehalten hätte. Am wenigsten vermutlichen die Figuren selbst. Garniert mit einer Priese Sex & Crime, entwickelt sich so eine durchaus spannungsgeladene Geschichte.

Sprachlich serviert Karen Duve all das mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit, die zu den Geschehnissen in gewissem Kontrast steht. Schlicht formuliert sie ihre Sätze, leichtfüßig erzählt sie von noch so düsteren Begebenheiten. Locker zu lesen zwar, aber was die Verdaulichkeit angeht, kann diese schlichte, leichte Sprache über den harten Brocken im ersten Moment ein wenig hinwegtäuschen, der „Regenroman“ in Wirklichkeit ist. Auf diese Art hat Karen Duve den Leser die ganze Zeit über fest in ihrer Hand. Das beweist sie auch am Ende, als sie dem Leser einen letzten Brocken vor die Füße wirft, der ihn verwirrt und unsicher zurücklässt. So ganz wird man nicht schlau daraus und hat auch später noch etwas zum Grübeln. Ein wenig bleibt „Regenroman“ eben auch rätselhaft und undurchdringlich – so wie die braune Suppe des Moores, die der unablässige Regen in Leons und Martinas Garten spült …

Unterm Strich

Lesenswert, hart, abgründig und faszinierend. Mit „Regenroman“ hat Karen Duve ein ausgesprochen lesenswertes Debüt vorgelegt. Bei ihrer Vielseitigkeit darf man gespannt darauf sein, was sie in den nächsten Jahren noch so alles abliefern wird.

Taschenbuch: 304
ISBN-13: 9783548606033

https://www.ullstein.de/verlage/list

Die Autorin vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (9 Stimmen, Durchschnitt: 2,00 von 5)

Anonymus – Komtesse Marga. Ein erotischer Roman aus der Wiener Gesellschaft

Der Teufel mit den blonden Haaren

Sie ist ein Teufel in Engelsgestalt: schön, verführerisch, skrupellos, zu allem bereit. Deshalb gelingt es ihr auch, Vitus, der überaus reich ist, jedoch über keine größeren Liebeserfahrungen verfügt, für sich einzunehmen. Der junge Mann verfällt der raffinierten Teufelin, die ihm all ihre schönen Reize offen anbietet, rettungslos. Dann erkennt er allerdings doch noch, auf welch gewagtes Spiel er sich eingelassen hat, und er verlässt die liebestolle Marga. Vitus findet danach sein Glück bei der zauberhaften Adda, aber Marga rächt sich fürchterlich an ihm und seiner neuen Geliebten.

KOMTESSE MARGA ist ein klassischer erotischer Roman, der von einem unbekannten, jedoch ausgezeichnetem Kenner der Gesellschaft Wiens und Österreichs geschrieben und zu Beginn dieses Jahrhunderts in einer einmaligen Auflage von 500 Exemplaren als Privatdruck veröffentlicht wurde. (korrigierte Verlagsinfo) Gemeint ist das 20. Jahrhundert. Das Buch erschien 1909 in Wien.

Der Autor

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John Fowles – Mantissa. Roman über Erotik

Amüsant: Der Schriftsteller im Clinch mit seiner Muse

Ein Mann erwacht unversehens in einem Krankhausbett. Nacheinander bekommt er Besuch von einer Gruppe weiblicher Gestalten, allen voran die strenge Dr. A. Delfie. Erst im Verlaufe der geschliffenen Dialoge à la Menippus stellt sich heraus, dass unser „Held“ ein Schriftsteller ist und mit den Musen seiner Schaffenskraft ringt, insbesondere mit Erato.

Der Autor

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Kathy Lette – Zu gut für diese Welt. Frauen-Satire

Hirn oder Hintern, Busen oder Bildung?!

Lizzie nähert sich unaufhaltsam ihrem Verfallsdatum: der schrecklichen 40. Kann es ein Leben danach geben? Ihre Schwester sagt nein, ihr Gatte nimmt sich eine Jüngere, und Lizzie verliert ihren Job. Das Urteil der Welt ist also eindeutig. Warum nur will sich Lizzie nicht mit ihrem unausweichlichen Schicksal abfinden, dass sie mit Erreichen der 40 zu einem weiblichen Nichts schrumpfen wird? Antwort: Weil sie mehr Hirn und Bildung hat als alle Busenwunder der Welt zusammengenommen.

Das Buch ist geeignet für LeserInnen ab 16 Jahren.

Die Autorin
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Fiona Giles (Hrsg.) – Mann für einen Tag. Erzählungen

Frauenfantasien über ein faszinierendes Anhängsel

Was würden Frauen tun, wenn sie für einen einzigen Tag (nicht länger!) mit dem „besten Freund“ eines Mannes ausgestattet wären? Zu diesem verführerischen Gedanken befragte die australische Autorin und Journalistin Fiona Giles in erster Linie amerikanische Schriftstellerinnen wie Jane Yolen, Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Lesbierinnen, Karikaturistinnen und andere.

Ihre Ideen, Gedichte, Geschichten und Bilder zum Thema „Selberhaben – Selbermachen“ finden sich in diesem recht unterschiedlichen Lesebuch, das aber meistens Vergnügen bereitet (auch einem Mann). Nicht immer ist die Antwort auf obige Frage vorhersehbar. Doch eines ist klar: Freud irrte. Frauen fehlt keineswegs ein bestimmtes Teil des männlichen Universums – sie können mit und ohne…
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Juan Muntaner – Scharlachrote Nächte. Erotische Erzählungen

Schneeweiße Federn, scharlachrote Hintern

Anne und Cathérine, Sylvia und Véronique, Hilda und Lucile sind die leidenschaftlichen geschöpfe dieser phantastischen Erzählungen. Angetrieben von der rätselhaften Macht des Blutes sind sie auf der Suche nach dem einzigen, alles verzehrenden Genuss, der ihren überreizten Sinnen Erfüllung schenken soll und Frieden.“ (Verlagsinfo)

Der Autor

Der Verlag informiert nicht über den Autor Juan Muntaner, und auch das Internet gibt nichts her – außer einen Fußballspieler. Der Familienname Muntaner scheint katalanischen oder mallorquinischen Ursprungs zu sein. Sowohl Mallorca als auch die Pyrenäen spielen eine Rolle im vorliegenden Buch.

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Marie Schönbeck – Schokolade am Meer – Süße Wünsche: Roman (Die Schokoladen-Reihe, Band 1)

Worum geht’s?

Ein großer Tag für Hannah, denn heute wird sie ihrem Verlobten Sven vor Gott die ewige Treue schwören. Der Tag, der eigentlich der Schönste ihres Lebens werden sollte, entwickelt sich jedoch zu einem wahren Albtraum, denn kurz vor der geplanten Zeremonie erfährt Hannah, dass Sven bereits verheiratet ist.

Wenige Tage später ereilt Hannah eine weitere schicksalshafte Neuigkeit, denn sie wurde von ihrer Tante Bente zur alleinigen Erbin ihres Hauses ernannt. Um vor Sven und dem Liebeskummer zu flüchten, nutzt sie die Gelegenheit, den Ort, an dem ihre Tante ihr Leben verbracht hat, zu besuchen. Kurzerhand reist sie auf die berühmte nordfriesische “Schokoladeninsel” Möwesand. Direkt fühlt sie sich dort wohl und findet Zuflucht. Außerdem lernt sie Thies Lorentz kennen, einem der drei Lorentz-Brüder, die die Schokoladenmanufakturen auf der Insel führen. Sein Charme schmeichelt ihr sehr, doch schon bald muss sie sich die Frage stellen, ob er sie auch wirklich mag, oder ob es in Wahrheit nur auf ihr Erbe abgesehen hat.

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Jeanette Winterson – Verlangen

Als Villanelle ihr Herz verlor

Zwei Menschen wachsen in der Ära Napoleons auf und finden zueinander am unwahrscheinlichsten Ort: in den Schützengräben vor Moskau, wo die Grande Armée des Korsen lagert, hungert und friert. Doch die Lady hat ein Geheimnis, denn sie kommt aus Venedig, einer Stadt, in der fast alles möglich ist …

Die Autorin
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Guy de Maupassant – Die Nichten der Frau Oberst. Erotischer Roman

Humorvoller Klassiker der erotischen Literatur

Julia und Florentine sind die Nichten der Frau Oberst Briquart. In erotischer Hinsicht haben sie keinen blassen Schimmer, als sie sich mit jeweils einem Verehrer einlassen. Florentine heiratet den impotenten Georges, einen Vetter, während Julia dem Werben des feschen polnische Emigranten Gaston Saski nachgibt. Als seine Konkubine muss sie leider erfahren, dass ihm seine Spielschulden über den Kopf gewachsen sind. Während sie sich vergeblich ein Kind wünscht, steht Julia vor dem Abgrund der Armut. Doch Hilfe naht, wenn auch von unerwarteter Seite…
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Michel Gall – Der andere Robinson Crusoe

Liebesnöte eines Ausgesetzten

Robinson Crusoe verbrachte 20 Jahre auf einer frauenlosen Insel. Wie er mit seinen sexuellen Problemen fertig wurde, hat Daniel Defoe uns nicht verraten, wohl aber jetzt Michel Gall mit diesem Buch. Robinson tat’s ganz anders, als Sie vermuten!. (Verlagsinfo) Im Buch selbst verbringt Crusoe sogar 25 Jahre auf seiner Insel, die laut Defoe vor der Küste des Orinoko-Deltas lag.

Der auf Französisch geschriebene Roman „La vie sexuelle de Robinson Crusoe“ wurde erst 1963 im Buchklub von Claude Tchou veröffentlicht. Das Buch muss also viel früher geschrieben worden sein. Es dauerte nochmal 20 Jahre, bis Moewig es 1982 auf Deutsch publizierte.

Nach den Worten eines Kritikers handelt es sich um einen „gut geschriebenen Leitfaden zu Masturbation, Tierliebe, Homosexualität, Erinnerung und die Kraft der Phantasie.“ Der Leser ist gewarnt.
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Almudena Grandes – Atlas der Liebe. Frauenroman

Der Atlas der Humangeografie (aus weiblicher Sicht)

Sie sind alle um die vierzig und ganz verschieden: Rosa, Ana, Marisa und Fran. Vier spanische Frauen, die der Zufall zusammengeführt hat: In einem großen Verlag geben sie 1998 gemeinsam einen „Atlas der Humangeographie“ heraus. Vor zwanzig Jahren waren sie noch jung gewesen, offen und neugierig auf das Leben und die Liebe, jetzt schauen sie zurück und fragen sich, was denn geblieben ist von den Wünschen und Sehnsüchten von damals.

Die Autorin
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Ingeborg Drewitz – Gestern war Heute – Hundert Jahre Gegenwart

Der Roman „Gestern war Heute – Hundert Jahre Gegenwart“ von Ingeborg Drewitz beschreibt das Leben einer kleinbürgerlichen Familie in Berlin vom Geburtsjahr der Hauptfigur Gabriele 1923 bis zum Jahr 1978. Dabei zweigt sich vor allem, was in den Familien an Problemen, Gewohnheiten und vor allem Rollenverhältnissen gleichgeblieben ist und was sich verändert hat. So ist zum Beispiel das unterschiedliche Emanzipationsbestreben der verschiedenen Frauen in dieser Familie ein zentrales Thema des Romans: Die Urgroßmutter und die Großmutter Gabrieles zweifeln ihre Rolle als Hausfrau und Mutter gar nicht an. Aber schon Susanne, die Mutter der Hauptperson, hat eine Chance auf Karriere, weil sie gelernt hat Klavier zu spielen.

Als Gabriele auf die Welt kommt gibt sie diese Zukunftspläne jedoch zu Gunsten der Familie auf. Gabriele ist in dieser Hinsicht eine gegensätzliche Figur. Schon an den ersten Wörtern: „Ich“ und „Heute“ (S. 26) die das Kind spricht kann man ihren Drang nach Selbstverwirklichung erkennen. Sie engagiert sich in der Nazizeit für verfolgte Randgruppen und später gilt ihr Engagement einer Zeitschrift, die sie mit einigen anderen zusammen herausgeben möchte. Als sie dann mit der Begründung „Warum eigentlich nicht“ (S.188) heiratet und auch bald ein Kind bekommt, verwirft sie ihre Emanzipationspläne und schlüpft in genau die Frauenrolle hinein, die sie eigentlich vermeiden wollte.

Doch irgendwann bemerkt sie, dass sie so nicht glücklich werden kann, verlässt ihren Mann Jörg und zieht mit den beiden Kindern zu einer Freundin. Über diese Zeit erfährt man als Leser nur das, was Gabriele in ihren Briefen an Jörg schreibt. Dies hat den Nachteil, das man nur Gabrieles Sicht der Dinge erfährt und eine Gegendarstellung von Jörgs Standpunkt aus ausbleibt. Nach dem Tod der jüngeren Tochter Cornelia, die in der Schule beim Geländerrutschen verunglückt, kehrt Gabriele wieder zu Jörg zurück, weil sie an der Selbstverwirklichung zweifelt, die ihrer Meinung nach durch den Tod immer wieder aufgehoben werden würde.

Bei der letzten Generation in diesem Buch, zeigen sich zwei unterschiedliche Frauenbilder: Die älteste Tochter Renate ist in der 68er-Bewegung engagiert und setzt sich für die „Emanzipation aller“ (S. 369) ein. Sie verlässt dazu die Familie und lebt in einer Wohngemeinschaft mit anderen Jugendlichen zusammen. Doch auch sie kann ihre Ziele nicht erreichen, denn am Ende steht sie unbeachtet auf der Straße und verteilt Flugblätter gegen die Fußball Weltmeisterschaft in Argentinien 1978. Das dritte und letzte Kind Claudia, das erst auf die Welt kommt, als Gabriele wieder bei Jörg lebt, verhält sich vollkommen anders: Sie stellt die Rolle der Frau gar nicht in Frage, heiratet früh und bringt einen Sohn zur Welt.

Deutsche Geschichte

Doch der Roman handelt nicht nur von der Entwicklung der Frauen, sondern beinhaltet auch viele geschichtliche Inhalte, die natürlich immer aus der Perspektive der Personen geschildert werden. Besonders sind Themen wie der Zweite Weltkrieg, der Mauerbau und die 68er-Bewegung in das Romangeschehen mit eingearbeitet. Manche Geschehnisse fallen dafür ganz oder zum Teil weg, weil sie für Gabriele und die Menschen in ihrem Umfeld nicht so wichtig sind.

Schreibweise

Ein Problem in dem Roman stellt jedoch die Schreibweise von Ingeborg Drewitz dar: So erschweren häufige Perspektivenwechsel, unvollständige Sätze und fehlende Zeichenangaben bei wörtlicher Rede das Lesen. Gleichzeitig macht dies das Buch jedoch interessanter, weil es auch beim zweiten Lesen noch nicht langweilig wird.

Wer sich also für die oben beschriebenen Themen interessiert und sich mit einem anspruchsvolleren Schreibstil anfreunden kann, der kann sich das Buch getrost kaufen.

Leseprobe:

„Es ist alles so schnell gegangen, Jörgs Anstellung bei Schering, im Altbau, sehr beengt, aber Chemie – da wird was draus! Und seine Frage. Und ihre zögernde Antwort: Warum eigentlich nicht? Warum eigentlich nicht. Sie mögen sich. Sie erzählt ihm von dem Sommertag in Grünau. Ganz nüchtern, ganz offen wollen sie beginnen. Seine Mutter ist gestorben, ein Männerhaushalt, der Vater und der Sohn brauchen eine Frau.
Angst, Angst vor dieser Idylle: Mann und Frau, vielleicht auch ein Kind oder zwei. Angst vor der Immer-Wiederkehr: Mann und Frau und Mann und Frau. Angst vor dem Leben, das Mutter gelebt hat und Großmutter und Urgroßmutter: Draußen die Welt und hinter den vier Wänden – nein keine Geborgenheit.

Bisher hat sie doch immer gehofft, mit jedem Jahr deutlicher zu werden, endlich wieder so unbefangen Ich zu sagen, wie als Kind. ICH.“ (S. 188)

Die Autorin

Ingeborg Drewitz (* 10. Januar 1923 in Berlin als Ingeborg Neubert; † 26. November 1986 in West-Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin. (Quelle: Wikipedia.de)

Werke

Dramen

Unio mystica – ein Spiel. 1949
Alle Tore werden bewacht. 1955

Hörspiele

Das Labyrinth. 1962
Der Mann im Eis. 1976 ISBN 3-15-009834-3
Hörspiele. Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 1977

Erzählungen

Und hatte keinen Menschen. Eckart-Verlag, Berlin/Witten 1955
Im Zeichen der Wölfe. Sachse & Pohl, Göttingen 1963 (enthält u. a. Der Hund)
Eine fremde Braut. Erzählungen. Claudius-Verlag, München 1968
Der eine, der andere. Stuttgart: Werner Gebühr 1976. Neuausgabe: Goldmann TB 6386, 1981, ISBN 3-442-06386-8
Bahnhof Friedrichstrasse. Hrsg. von Agnes Hüfner. Claassen, Hildesheim 1992, ISBN 3-546-00021-8

Romane

Der Anstoß. Schünemann, Bremen 1958
Das Karussell. Sachse & Pohl, Göttingen 1969
Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart. Claassen, Düsseldorf 1978 ISBN 3-546-42185-X. Zahlreiche Neuausgaben.
Oktoberlicht oder Ein Tag im Herbst. Nymphenburger, München 1969. Neuausgabe: Fischer TB 5479, Frankf./M. 1983, ISBN 3-596-25749-2
Wer verteidigt Katrin Lambert? Stuttgart: Werner Gebühr 1974. Neuausgabe: Fischer TB 1734, Frankf./M. 1976, ISBN 3-596-21734-2
Das Hochhaus. Stuttgart: Werner Gebühr 1975. Neuausgabe: Goldmann TB 3825, München 1979, ISBN 3-442-03825-1
Eis auf der Elbe. Tagebuchroman. Claassen, Düsseldorf 1982, ISBN 3-546-42188-4. Neuausgabe: Goldmann TB 6740, München 1984, ISBN 3-442-06740-5
Eingeschlossen. Claassen, Düsseldorf 1986. Neuausgabe: Goldmann TB 8947, München 1988, ISBN 3-442-08947-6

Autobiographische Prosa

Mein indisches Tagebuch. Radius-Verlag, Stuttgart 1983. Neuausgabe: Rowohlt, rororo 7993, Reinbek 1986, ISBN 3-499-17993-8
Hinterm Fenster die Stadt. Aus einem Familienalbum. Claassen, Düsseldorf 1985. Neuausgabe: Goldmann TB 9205, München 1988, ISBN 3-442-09205-1
Lebenslehrzeit. Autobiographie 1932-1946. Radius-Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-87173-706-2
Die ganze Welt umwenden: ein engagiertes Leben. Claassen, Düsseldorf 1987. Neuausgabe: Goldmann TB 9391, München 1989, ISBN 3-442-09331-7

Sachbücher

Die dichterische Darstellung ethischer Probleme im Werke Erwin Guido Kolbenheyers. Univ. Diss., Berlin 1945
Berliner Salons: Gesellschaft und Literatur zwischen Aufklärung und Industriezeitalter. Haude & Spener, Berlin 1965, Schriftenreihe: Berlinische Reminiszenzen Band 7.
Leben und Werk von Adam Kuckhoff. Friedenauer Presse, Berlin 1968
Bettine von Arnim. Romantik – Revolution – Utopie. Biographie. Diederichs, Düsseldorf/Köln 1969, Claassen, Hildesheim 1992, ISBN 3-546-00025-0
Zeitverdichtung: Essays, Kritiken, Portraits; gesammelt aus 2 Jahrzehnten. Europaverlag, Wien/München/Zürich 1980, ISBN 3-203-50745-5
Kurz vor 1984. Radius-Verlag, Stuttgart 1981
Gekürzte Neuausgabe: 1984 – am Ende der Utopien: Literatur und Politik; Essays. Goldmann TB 6699, München 1984, ISBN 3-442-06699-9
Schrittweise Erkundung der Welt. Reise-Eindrücke. Europaverlag, Wien u. a. 1982, ISBN 3-203-50745-5
Unter meiner Zeitlupe. Porträts und Panoramen. Europaverlag, Wien u. a. 1984
Junge Menschen messen ihre Erwartungen aus, und die Messlatten stimmen nicht mehr – die Herausforderung: Tod. Radius-Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-87173-724-0

Taschenbuch: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3123537004
www.klett-cotta.de

Anton G. Leitner (Hg.) – Das Gedicht Nr. 8: Vom Minnesang zum Cybersex

Erotische Zeilensprünge

„Gedichte sind plötzlich hip und sogar ziemlich sexy“, schreibt die Süddeutsche Zeitung anno 2000 erstaunt zu diesem „Erotik-Special“ von „Das Gedicht“. Der Schreiber hält den 160-Seiten-Band aus dem Anton G. Leitner Verlag für „ein freches Meisterstück, zuweilen anstößig und ungewöhnlich authentisch“. Wer sich „angestoßen“ fühlt, greife sofort zur hilfreichen Collection von schwarzen Zensurbalken, die sich in passender Größe über die Seite schieben lassen.

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Audrey Blake – Die Chirurgin von London

Worum gehts?

Nachdem Nora Beady beide Elternteile verloren hat, wächst sie bei dem Chirurgen Horace Croft auf. Im Gegensatz zu anderen jungen Damen, die sich mit Handarbeiten und höflicher Konversation beschäftigen, assistiert Nora lieber bei Operationen und Sektionen. Die Medizin und deren Techniken sind ihre Leidenschaft. Doch als Dr. Croft den jungen Arzt Dr. Gibson einstellt, muss Nora ihr Wissen vor ihm verbergen. Jedoch findet sie sich mit der Rolle der anständigen Dame nicht so einfach ab und schließlich greift sie eines nachts selbst zum Skalpell. Prompt wird sie von Dr. Gibson erwischt. Dieser weiß nicht so recht, ob er entsetzt sein oder Noras Fähigkeiten bewundern soll.

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Richard Werther – Die Diva der Liebe. Erotischer Roman

Frivoler Aufstieg einer Berliner Diva

Hemmungslos ist die junge Berliner Göre Lore. Sie lebt für die Liebe, aber sie lebt auch von der Liebe, die sie anderen Männern schenkt, die sich für sie interessieren. (Verlagsinfo) Der Roman beschreibt den Aufstieg einer Groschenhure aus dem Berliner Scheunenviertel in wesentlich höhere Kreise, wo sie als dominante Frau zahlreiche Männerherzen bricht.
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Lisette Allen – Normannenliebe. Erotischer Roman


Eroberungen im Namen der Liebe

Elena, ein 22jähriges Sachsenmädchen, erlebt anno 1070 in einem Kloster den Angriff der Normannen und wird in die Festung des Normannenkriegers Aimery verschleppt. Sie ist ausgewählt, um seine Gespielin zu werden, doch dies bringt den Zorn der Lady Isobel mit sich, welche die kleine Elena von nun an schikaniert und los werden will.

„Normannenliebe“ ist ein erotischer Roman aus der bekannten englischen Black-Lace-Reihe des Virgin-Verlags, in der seit Jahren erfolgreich sinnliche Fantasien für heterosexuelle Frauen verlegt werden. (Alle anderen Reihen wurden seither eingestellt.) Lisette Allen ist wahrscheinlich ein Hausname seitens des Verlags.
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Craig Clevenger – Der geniale Mister Fletcher

Mr. Ripley war gestern – heute ist Mr. Fletcher. Oder Mr. MacIntyre. Oder Mr. Edward. Oder Mr. Bishop. John Vincent hatte schon viele Namen und behält keinen für lange Zeit. Rastlos wechselt der begnadete Fälscher von einer Identität zur nächsten. Wie eine moderne Antwort auf den „talentierten Mr. Ripley“ lebt John Vincent unter dem Deckmantel anderer Namen. Als er am Beginn des Romans mit einer Überdosis Tabletten im Magen und Drogen im Blut ins Krankenhaus gebracht wird, heißt er gerade Daniel Fletcher.

Und dieser Daniel Fletcher sitzt nun einem Psychiater gegenüber, der seinen Geisteszustand begutachten soll. Macht Fletcher seine Sache gut und überzeugt den Gutachter davon, mental und psychisch fit zu sein, spaziert er am Ende als freier Mann zur Tür hinaus. Vermasselt er seine Vorstellung, riskiert er, in der psychiatrischen Abteilung weggesperrt zu werden.

Fletcher ist gerissen, hochintelligent, eiskalt und geradezu brillant. Seinen Job als Fälscher hat er zu höchster Perfektion gebracht, doch im Gespräch mit dem Psychiater steht für Fletcher viel auf dem Spiel und das nagt an ihm. Es geht nicht nur um sein Leben, das er verständlicherweise nicht bis ans Ende seiner Tage zugedröhnt und ruhig gestellt in einer geschlossenen Anstalt verbringen will. Es geht auch um seine Freundin Keara, die Fletcher in Gefahr glaubt. Aber um sie retten zu können, muss er erst einmal den Psychiater davon überzeugen, dass er weder verrückt noch selbstmordgefährdet ist …

Mein Eindruck

In den USA hat Craig Clevenger für seinen Debütroman „Der geniale Mister Fletcher“ viel Lob bekommen. Leonardo diCaprio hat sich bereits die Filmrechte gesichert. Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn schon bald wieder als Fälscher auf der Flucht über die Kinoleinwand hetzen, so wie schon in Steven Spielbergs Film „Catch me if you can“.

Vielversprechend scheint dieses Filmprojekt sich schon jetzt zu entwickeln und das hat vor allem zwei Gründe: Chuck Palahniuk, der Autor von „Fight Club“, der für Craig Clevengers Roman voll des Lobes ist („Bei Gott, das ist mit Abstand das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.„), schreibt das Drehbuch. Und darüber hinaus ist das Buch wirklich sehr gut. Herrn Palahniuks Meinung möchte ich mich zwar nicht vorbehaltlos anschließen, dafür habe ich in den letzten Jahren einfach schon zu viele gute Bücher gelesen (unter anderem eben auch von Chuck Palahniuk), aber es ist definitiv ein Roman, für den all das Lob berechtigt ist.

Die Hauptfigur

Clevenger konzentriert sich in seiner Geschichte gänzlich auf die Hauptfigur. Andere Figuren agieren höchstens am Rand, im Mittelpunkt steht Daniel Fletcher, mit seiner Lebensgeschichte und mit Blick auf sein „Duell“ mit dem Psychiater. Mit Fletcher hat Clevenger einen Protagonisten, der so viel Aufmerksamkeit absolut verdient hat. Ein Typ, der bis auf die letzte Seite etwas Rätselhaftes behält, dessen Geschichte zu fesseln weiß, und dessen Lebensart so skurril und faszinierend wirkt wie der voll ausgebildete zweite Mittelfinger an seiner linken Hand.

Fletcher wollte als Kind Verrenkungskünstler („contortionist“) im Zirkus werden. Als Erwachsener ist er genau das, nur auf etwas andere Art. Seine Verrenkungen vollzieht er, indem er immer wieder in andere Identitäten schlüpft. Clevenger erzählt die Lebensgeschichte dieses Verrenkungskünstlers und skizziert dabei ein faszinierendes Psychogramm. Fletcher ist absoluter Perfektionist, macht keine Fehler, ist stets Herr der Lage und hat alles im Blick, so dass er nie die Kontrolle verliert. Bis auf eine Ausnahme: Von Zeit zu Zeit plagen ihn Migräneanfälle, die so heftig sind, dass sie meistens mit einer Überdosis Schmerzmittel im Bauch in komatösem Zustand im Krankenwagen enden. Das ist Fletchers Schwachpunkt. Doch er weiß mittlerweile, wie er sich aus solchen Situationen, wenn seine Person mehr Aufmerksamkeit bekommt, als ihm lieb ist, herauswindet. Er ist geübt im Umgang mit Psychiatern, durchschaut das Frage-Antwort-Spiel. Dennoch lässt ihn die ausgiebige Begutachtung durch Dr. Carlisle ins Schwitzen kommen.

Immer wenn er mit einer Identität in den Mittelpunkt des Interesses von wem auch immer rückt, taucht er ab, macht sich unsichtbar und nimmt einen neuen Namen und ein neues Leben an. Dabei geht er geradezu detailbesessen vor. Er entwickelte eine komplexe Biographie, ohne Lücken, besorgt sich alle nötigen Papiere und lebt unauffällig. Unsichtbar zu sein, entspricht Fletchers Idealbild. Und diese Unsichtbarkeit betreibt er mit einer selten gesehenen Perfektion.

Aber ganz ohne Schwächen und Fehler kommt eben auch Daniel Fletcher nicht aus, und so zeigt Clevengers Roman letztendlich auch, wie winzige Fehler und Zugeständnisse an andere den Einzelgänger verwundbar machen. Es folgt eine Kettenreaktion von Ereignissen, die der Autor mit viel Liebe zum Detail darstellt. Eine Sache bedingt die nächste und Fletchers Lügengerüst gerät ins Wanken.

Doch Fletcher ist eiskalt berechnend und hochintelligent, und so darf der Leser staunend und fasziniert verfolgen, wie Fletcher versucht, die Dinge wieder unter Kontrolle zu bekommen und sich aus seiner brenzligen Situation herauszuwinden. Die Auflösung ist dabei derart gewieft eingefädelt, dass man Clevenger nur zu so viel Erfindungsreichtum beglückwünschen kann.

Man merkt dem Roman zu keinem Zeitpunkt an, dass es sich um ein Debüt handelt. Gerissen entwickelt Clevenger einen Plot, der am Ende richtig aufgeht, ohne lose Enden zurückzulassen. „Der geniale Mister Fletcher“ ist dabei ein Lesegenuss, der gleichermaßen faszinierend wie fesselnd ist und das unter anderem auch, weil Clevenger dem Leser praktisch eine Anleitung zum Fälschen einer Identität liefert. Er zählt die Schritte auf, erläutert Fletchers Vorgehensweise und weist auf mögliche Schwachpunkte hin. Zur Nachahmung wohl eher nicht empfohlen, aber auch deswegen so spannend zu lesen, weil da eben noch der Reiz des Verbotenen mitschwingt. Die Figur Daniel Fletcher nimmt den Leser gefangen und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los.

Auch sprachlich ist „Der geniale Mister Fletcher“ ein erfrischendes Lesevergnügen. Clevengers Stil ist sehr direkt und offen, teilweise hart und explosiv wie der Lebenswandel seines Protagonisten. Im Klappentext wird der Roman mit den Werken von Paul Auster verglichen. Das vereinfacht die Sache zwar vielleicht ein bisschen zu sehr, aber der Vergleich ist nachvollziehbar. Beide Autoren haben in ihren Werken etwas Magisches und Fesselndes, dem man sich nicht entziehen kann. Sie üben gleichermaßen Faszination aus, mit einem gewieften und absolut gekonnten, intensiven Erzählstil.

Unterm Strich

Alles in allem ein Roman, der sich als der lobenden Worte würdig erweist. Eine Hauptfigur, die absolut faszinierend ist und eine Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite bis ins Mark überzeugt. Ein Erzähler, der mit einem packenden Psychogramm zu fesseln und zu erstaunen weiß. Bei einem derart gerissenen Debütroman darf man sicherlich gespannt sein, was von Craig Clevenger in den nächsten Jahren noch so kommen mag. Den Namen sollte man sich in jedem Falle merken.

Taschenbuch: 314 Seiten
Originaltitel: The Contortionist’s Handbook
ISBN-13: 978-3351030346

https://www.aufbau-verlage.de/

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,33 von 5)

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