Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

John Sinclair Classics – Der Hexer mit der Flammenpeitsche (Folge 43)

Die Handlung:

„Darf ich den Leichnam vielleicht noch einmal sehen?“, fragte Jane Collins, die viele hundert Meilen weit gefahren war, um von ihrem väterlichen Freund Graham Saunders Abschied zu nehmen. Der Pater öffnete den Sarg und schrak zurück: Die Leiche hatte keinen Kopf mehr! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des GESPENSTER-KRIMI-Heftromans mit der Nummer 188 gemacht, der erstmalig am 19. April 1977 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war. Das Titelbild des Hörspielcovers ist dabei eine Neuinterpretation der Thematik.

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Dark, Jason / Döring, Oliver – Don Harris, Psycho-Cop – Das dritte Auge (1. Folge)

_|Don Harris – Psycho Cop|:_

Folge 1: [„Das dritte Auge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3907
Folge 2: [„Der Club der Höllensöhne“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3922
Folge 3: [„Das schwarze Amulett“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6690
Folge 4: „Das Erbe der Wächter“
Folge 5: [„Das Killer-Kommando“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6701
Folge 6: [„Das Glastonbury-Rätsel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6709
Folge 7: [„Drei Gräber in Sibirien“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6711
Folge 8: „Triaden-Terror“ (erscheint am 10.12.2010)

_Neue Mystery-Actionserie_

Don Harris ist Agent des europäischen Geheimdienstes European Special Intelligence (ESI) mit Sitz in London. Er verfügt bereits mit 15 Jahren über hellseherische Talente, von denen er aber selbst noch nichts weiß – bis zu einem gewissen Vorfall. 15 Jahren später führt ihn der Mord an einer ESI-Mitarbeiterin auf die Spur des „Clubs der Höllensöhne“, eines Geheimbundes, der die Weltherrschaft anstrebt. Der Psycho-Cop jagt den Killer, bis es in einer verlassenen Kapelle zum Showdown kommt.

Wegen des hohen Gehalts an Gewalt und Sex (dies aber erst in der 2. Episode) empfiehlt der Verlag das Hörspiel erst ab 16 Jahren.

_Der Autor_

Jason Dark ist das Pseudonym des Schriftstellers Helmut Rellergerd (geboren am 25.1.1945 in Dahle, Sauerland). Rellergerd wuchs in Dortmund auf, lebt heute in Bergisch Gladbach, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat die Romanfigur des Geisterjägers John Sinclair ins Leben gerufen. Die Abenteuer des englischen Helden entwickelten sich zur erfolgreichsten deutschen Gruselserie. „Don Harris, Psycho-Cop“ ist beruht auf einem Roman, dessen Buchausgabe 2006 bei Blanvalet in München erschien.

Die Serie „Don Harris, Psycho-Cop“ (1 & 2 bislang als Hörspiel)

Folge 1: Das dritte Auge
Folge 2: Der Club der Höllensöhne
Folge 3: Das schwarze Amulett
Folge 4: Das Erbe der Wächter
Folge 5: Das Killer-Kommando
Folge 6: Das Glastonbury-Rätsel
Folge 7: Drei Gräber in Sibirien
Folge 8: Triaden-Terror
Folge 9: Dämonicus

http://www.jasondark.de

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Das Hörspiel wurde nach Rellergerds Buchvorlage von Oliver Döring gestaltet, der schon etliche John-Sinclair-Folgen inszeniert hat. Regieassistenz ist Pe Simon, Schnittassistenz Jennifer Keßler, für die Produktion zeichnet Alex Stelkens von WortArt verantwortlich, der sonst vor allem mit |Lübbe Audio| zusammenarbeitet. Der Song „Free Falling“, der in der englischen Kneipe ertönt, wird von Jemma Endersby gesungen. Zusätzliche Originalmusik hat Florian Göbels komponiert.

Die wichtigsten Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Douglas Welbat (General Stuart in „Gods and Generals“)
Don Harris, ESI-Agent: Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Don „Basher Tarr“ Cheadle, Adam Sandler, Edward Norton)
Terry Sheridan, Scotland Yard: Gerrit Schmidt-Foß (Leonardo DiCaprio, Scott „Turk Malloy“ Caan)
Mac „Silver“ Sterling, Dons Ausbilder bei ESI: Frank Glaubrecht (Al Pacino, Pierce Brosnan, Kevin Costner, Jeremy Irons, Christopher Walken u. v. a.)
Elektra: Claudia Urbschat-Mingues (Angelina Jolie)
James Fox, ein Höllensohn: Rainer Doering
Elaine Harris, Dons Mutter: Susanna Bonaséwicz (Sissy Spacek, Carrie „Leia“ Fisher, Isabelle Huppert)
Pfarrer: Martin May
Sowie Lutz Mackensy, Franziska Pigulla, Udo Schenk, Pe Simon und schließlich sogar Helmut und Roswitha Rellergerd als wütende Autofahrer, sowie viele andere.

_Handlung_

Elaine Harris, Gattin von Sir Edward of Glastonbury, stirbt bei der Geburt ihres Sohnes Don an Herzstillstand. Die Geburtshelfer holen das Baby per Kaiserschnitt. 15 Jahre später merkt der Internatsschüler Don, dass er über mehr Kräfte verfügt als andere Menschen. Er kann Ereignisse vorausahnen und psychische Verbindungen herstellen. Es ist ihm höchst peinlich, darüber mit seinem Freund Harry zu reden. Wenigstens dankt ihm der Vater der kleinen Lucy Taylor, die er vor dem Kältetod in einem zugefrorenen Teich bewahrt hat. Und Don kann alle Boxhiebe Harrys vorausahnen und ihn spielend besiegen.

Weitere fünfzehn Jahre später hat Don seine Talente in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Er arbeitet als Agent für die European Special Intelligence (ESI), wo man ihn neckisch als „Psycho-Cop“ tituliert. Sein bester Freund beim Scotland Yard ist Terry Sheridan. Der ruft ihn zum Tatort eines Mordes. Das Opfer ist Nancy Goldman und Don kannte sie gut. Das Hotelzimmer weist nur ein einziges hervorstechendes Merkmal auf: Dons Telefonnummer ist mit Blut an die Wand geschmiert! In einer Flashback-Vision erkennt Don das Gesicht des Täters und die Automarke, die er fährt.

Sofort gibt Sheridan eine entsprechende Fahndung an die Londoner Verkehrspolizei heraus, die flugs Straßensperren aufstellt, um den flüchtigen Killer zu fangen. Da erhält Don ein altmodisches Telegramm mit der Information, dass sein Vater gestorben sei. Er muss zur Trauerfeier hinfahren. In der Grabkapelle hat Don erneut eine Vision. Er glaubt auf der Stirn seines aufgebahrten Vaters ein drittes Auge zu erblicken. Ob Don wohl auch so eines entwickeln wird? Unter den kondolierenden Trauergästen tritt eine sehr schöne Frau an Don heran. Sie stellt sich als Elektra vor und verspricht ihm, ihn durchs Leben zu begleiten. Dann verschwindet die rätselhafte Schöne. Don kehrt in die Metropole zurück.

Dort hat die Polizei inzwischen das Auto des gesuchten Killers gefunden. Es soll sich um einen Mann namens James Fox handeln. Zwei Polizisten stellen ihn vor einem Hotel am Flughafen, doch der Mann hat sie ruckzuck erledigt. Auch er ist ein Psi-Begabter und hat ein drittes Auge. Doch jetzt taucht er auf Dons psychischem Radarschirm auf und lässt sich leicht verfolgen. Eine spannende Hetzjagd folgt, bis Don James Fox stellt. Da erlebt er eine böse Überraschung: Der Killer stellt sich als Mitglied eines Geheimbundes namens „Höllensöhne“ vor und beginnt sich zu verwandeln …

_Mein Eindruck_

Der Auftakt zur neuen Hörspielserie von |Random House Audio| & |WortArt| beginnt erst einmal recht zahm. Der Held ist noch mit Selbstentdeckung beschäftigt, während er seinen nächsten Fall lösen muss. Dieser bildet den Beginn der Auseinandersetzung mit den so genannten „Höllensöhnen“, die sich den 16. April – warum auch immer – als den Festtag der Hölle ausgesucht haben. Don bleiben also nur noch zwei Tage Zeit, dieses Ende der Welt zu verhindern. Was die Brüder der Hölle natürlich gar nicht lustig finden. Fortan vermiesen Mordanschläge Don die Freude am Leben.

Doch auch die Liebe darf im spannenden, bewegten Agentenleben nicht zu kurz kommen. Die geheimnisvolle Elektra – sie hat nichts mit der verfilmten Comicfigur zu tun – verspricht amouröse Freuden der exquisitesten Art, wenn da nicht ein kleines Detail stören würde. Don stößt auf ein Foto, das sie auf dem Hochzeitsfoto seiner Eltern zeigt. Es ist 30 Jahre alt, und folglich müsste die Lady ebenfalls ein entsprechendes Alter aufweisen. Doch dem ist keineswegs so: Sie sieht keinen Tag älter aus als 25 oder 30 Jahre. Wie kann das sein?

Wie man sieht, bietet die Serie zahlreiche Geheimnisse, Rätsel und Entdeckungen sowie massig Action. Noch hält sich die Mischung ziemlich im Rahmen der vom Genre vorgegebenen Klischees, doch das wird sich schon in der nächste Episode ändern.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Das Hörspiel beginnt mit einem Soundeffekt und einem Schmerzensschrei. Elaine Harris liegt in den Wehen. Das wird kontrastiert mit einer freundlich-sanften männlichen Stimme, die Elaine auffordert, mit in die Ewigkeit zu kommen. Elaine lässt los …

Der kurze Prolog deutet bereits an, dass das Hörspiel nichts an der gewohnten Dramatik einer Actionserie zu wünschen übrig lässt. Doch der Prolog ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was noch folgen soll. Nancy Goldman wird live vor dem Mikro die Kehle aufgeschlitzt. Wir hören das Blut spritzen und Nancy gurgeln und an ihrem Blut ersticken. Kein schöner Tod, keine schöne Szene, und deshalb auch erst ab 16 Jahren empfohlen. Dass später auch geballert wird, versteht sich fast von selbst. Die 2. Episode ist hierfür geradezu berüchtigt.

Immerhin bekommen wir in der Folge 1 noch einen sehr schönen Originalsong von Jemma Endersby zu hören, der während eines Kneipengesprächs von Don und Mac Sterling (Frank Glaubrecht) weiter im Hintergrund plätschert. Diese friedliche Szene wird von zahlreichen elektronischen Tönen und Filtereffekten konterkariert, in denen diverse Geräte piepsen oder Sprachübertragungen stattfinden. Das Sahnehäubchen bilden die schimpfenden Autofahrer, die vor den Straßensperren im Stau stecken, darunter auch die des Autors und seiner Frau (siehe oben).

_Unterm Strich_

„Don Harris“ ist ein Geisterjäger der modernen Art. Und wie sein Schicksalsgenosse John Sinclair, Hauptfigur einer schier endlosen Horror-Serie aus den siebziger Jahren, ist er von höheren Mächten (seinem Autor) auserkoren worden, die Übel und Schurken der Gegenwart zu bekämpfen. Seltsamerweise agieren selbige „Höllensöhne“, als befänden sie sich noch im tiefsten Mittelalter. Da ist die Rede von der „Zahl des Tiers“, das heißt: der des Antichristen. Und folglich geht es wieder mal, interpretierend gesprochen, um den alten christlichen Kampf der Engel und Heiligen mit den Vertretern und Schergen des Widersachers alias Satan alias Luzifer.

Don Harris ist als Streiter des Lichts mit besonderen Psi-Gaben versehen, doch ob diese ihm immer wieder aus der Patsche helfen, ist noch offen. Anscheinend muss er noch stärker werden. Doch je stärker er wird, desto furchteinflößender werden auch seine Gegner. Das wird man in der nächsten Folge erleben dürfen. Zum Glück muss er nicht alleine kämpfen, Terry und Elektra stehen ihm bei.

Sind die Zeiten vorbei, in denen sich Hörspielgeschichten um expliziten Sex und Blutfontänen herumdrücken konnten? Offenbar schon, aber da wir nicht mehr im 19., sondern im 21. Jahrhundert leben, erscheint das vielleicht sogar angemessen. Folglich spritzt das Blut mal wieder schön hörbar, und was den Sex anbelangt, so kann sich der Fan in der nächsten Folge dementsprechend satthören.

|50 Minuten auf 1 CD|
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Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Grube und das Pendel, Die (POE #1 / 5.1/DTS)

_Hörspielerlebnis in erstklassigem Sound_

Diese DVD bietet eine technisch überarbeitete Fassung des äußerst gelungenen und stimmungsvollen Auftaktes für die Hörspielserie, in deren Verlauf der |Lübbe|-Verlag mehrere Erzählungen von Edgar Allan Poe verarbeitet – bislang acht Stück. Die Reihe wird im November dieses Jahres fortgesetzt.

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Joachim Kerzel, bekannt aus zahlreichen Horror-Hörspielen und -Audiobooks, spricht die Rolle des Abtes. Kerzel ist die deutsche Synchronstimme von z. B. Jean Reno, Dustin Hoffman, Harvey Keitel, Sir Anthony Hopkins oder Jack Nicholson.
Klaus Jepsen: Bruder Amontillado
Till Hagen: Dr. Templeton
Viola Morlinghaus: Schwester Berenike
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt, nach zehn Wochen, entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Leider neigt sich sein Aufenthalt dem Ende zu: Die Anstalt soll dichtgemacht werden und er wird bald entlassen. Doch in seiner letzten Nacht erlebt der Erzähler in seiner kargen Zelle einen beängstigenden Traum …

Er erwacht in der Zelle eines Mönches, die sich im Kloster von Toledo in Spanien befindet. Am Kopf hat er eine schwere Wunde davongetragen, die eine freundliche Nonne namens Schwester Berenike mit Kräutern behandelt. Hat er diese Wunde im Krieg davongetragen, der sich Toledo in Form napoleonischer Truppen nähert? Man schreibt das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und die Situation Toledos ist alles andere als sicher.

Wie sich herausstellt, haben ihn die Mönche niedergeschlagen, weil sie ihn für einen Spion der Franzosen hielten. Im Kloster herrscht die als grausam verrufene Inquisition der katholischen Kirche, und es herrscht eine Art Torschlusspanik. Der scheinbar freundliche Abt, der das Kloster leitet, verfügt über eine bemerkenswerte Standuhr: in das Zifferblatt sind Löcher für vier Finger eingelassen und das Pendel ist rasiermesserscharf zugeschliffen. Ein Omen? O ja, und nicht nur für Schwester Berenike, die hier eigentlich nur zu Besuch ist. Kurz zuvor sei der Bruder Botanicus gestorben, erzählt sie.

Das Kloster ist in der Tat das Gegenteil eines Kurortes: Als sich der Erzähler einmal in einem Krug Wasser von einem Auslassrohr holt, bemerkt er zu spät, dass es sich um fast pures Blut handelt. Es stammt von den in den Gewölben gefolterten Opfern der Inquisition. Als er und Berenike vor Entsetzen um Mitternacht fliehen wollen, stoßen sie auf einen Leichentransport, der gerade das Kloster verlässt: Auf dem Karren liegen zerschnittene und von Ratten angefressene Körperteile. Sekunden später werden die beiden Flüchtlinge gefangen genommen und später vom Abt verurteilt, damit das Geheimnis des Klosters gehütet wird.

Der Erzähler erwacht in einem lichtlosen Gewölbe neben einem Schacht, mit Riemen auf einen Block gebunden: neben sich Ratten, über sich ein riesiges rasiermesserscharfes Pendel, das hin und her schwingt, sich dabei aber unaufhaltsam auf den Wehrlosen herabsenkt …

_Mein Eindruck: das Hörspiel_

„Die Grube und das Pendel“ treibt den Horror auf eine bis dato unerreichte Spitze: Folter durch die Inquisition, ein mysteriöser Todesfall, Gift im Wasser, ominöse Pendeluhren und schließlich der klaustrophobische Höhepunkt unter dem Pendel selbst. Kulturell gesehen herrscht im Kloster noch finsterstes Mittelalter, bis Napoleons Truppen Freiheit, Licht und Leben bringen. Der Abt verkörpert die Willkürherrschaft der katholischen Kirche in Spanien. Es herrscht Torschlusspanik und die Entwicklung der Dinge treibt auf einen Höhepunkt zu.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament.

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen und Joachim Kerzel dominieren das Hörspiel mit ihren tiefen Stimmen. Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Kerzel ist als Abt nur in zwei Szenen zu hören, wirkt aber dabei bereits zwielichtig beziehungsweise kriminell – kein Wunder, denn der Abt ist einer der letzten Vertreter der grausamen spanischen Inquisition.

Klaus Jepsen ist uns inzwischen am besten als deutsche Stimme von Bilbo Beutlin vertraut, die des „Dr. Templeton“ als die Synchronstimme von Kevin Spacey, allerdings mit betonten Bässen. Meine besondere Bewunderung möchte ich Viola Morlinghaus aussprechen: Sie spielt die sympathische Botanikerin „Schwester Berenike“ absolut lebensecht, verzweifelt und schließlich niedergeschmettert, dass man mit ihr mitfühlen muss. Allerdings fällt auf, dass ihre Figur sehr oft „Ich weiß es nicht“ sagen muss.

|Der Song|

Das Stück klingt mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, dem „Weißen Raben“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik und Klanggestaltung|

Die Musik besteht aus moderner Klassik, vermischt mit dem Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ („Tag des Zornes, jener Tag“, oft auch übersetzt als „Tag der Rache, Tag der Sünden“) und einem Streichquartett. Getrennt werden die einzelnen Szenen durch besondere Klangelemente wie etwa eine Glocke.

Die Klangkulisse dieses ersten Teils der Serie ist im Vergleich zu den anderen Teilen ganz besonders ausgetüftelt und äußerst wirkungsvoll. Von dezenten Kirchenglocken, Chören, menschlichen Schreien bis hin zu Wolfsgeheul, Rattengefiepe und Windrauschen reicht die Geräuschpalette.

Wer über eine ordentliche Anlage verfügt, sollte jedoch die Bässe bis zum Anschlag aufdrehen: Die Szene unter dem Pendel bietet ein paar besonders basslastige Soundeffekte – man kann das Schwingen des riesigen Pendels praktisch sehen, nicht nur hören. Der Soundstandard DTS, den diese DVD anbietet, erlaubt es, diese Bässe noch stärker zu betonen. Unüberhörbar bedrohlich klingt das Pendel aber bereits mit „normalem“ Dolby-Digital-5.1-Sound.

Inszenierung und Sprecher sind von erster Güteklasse – schade, dass Kerzel nur in dieser Folge der Poe-Serie mit von der Partie ist. Die Musik und Klanggestaltung unterstützen die hervorragenden Sprecher mit wirkungsvoller Klangdarstellung. Kunzes Song am Schluss wirkt für mich etwas aufgesetzt, aber sei’s drum.

_Die DVD_

Technische Infos

Laufzeit: ca. 59 Min.
FSK: keine Altersbeschränkung
Bildformate: 16:9 anamorph
Tonformate: DD 5.1, DTS, PCM Stereo
Sprachen: Deutsch
Untertitel: keine

Extras:

– Booklet mit informativen Texten und Fotos von Simon Marsden
– Interview mit Sprecher Ulrich Pleitgen
– Vom Skript zum Hörspiel: illustrierende Demonstration in Bildern
– Komplette Novelle „Die Grube und das Pendel“

_Mein Eindruck: die DVD_

Wie bereits oben erwähnt, liefert die DVD eine sagenhafte Soundqualität, und zwar in drei Klangstandards: PCM Stereo für einfache Anlagen, DD 5.1 und DTS für hochwertigere Geräte. Nicht jeder DVD-Player verfügt über einen DTS-Dekoder. Ein Großteil der Datenmenge auf der DVD dürfte alleine auf diese Toninformationen zurückzuführen sein.

An den wenigen Bildern in der digitalen Video-Diaschau kann es nämlich nicht liegen. Vorüberziehende Gewitterwolken, eine strömender Bach, ein unheimlicher Wald – all dies ist weder sonderlich aufwändig noch besonders aufregend. Denn dafür sind die Bilder nicht gedacht. Sie haben häufig die gleiche ästhetische Qualität wie Simon Marsdens Fotos: Sie laden zur Betrachtung, wenn nicht sogar Versenkung ein, lenken aber nicht vom Hörspiel ab.

Das Interview mit Ulrich fand ich einigermaßen erhellend. Er spricht u. a. darüber, was er an Poe so interessant findet und wie er seine Rolle in „Grube und Pendel“ gestaltet hat. Seine Aussagen sind kurz, aber knackig. Er hat den Durchblick.

Der Beitrag „Vom Skript zum Hörspiel“ ist eine Demonstration dessen, was man sich schon denken kann. Irgendwo muss der jeweilige Sprecher ja seine Anweisungen her haben. Sie stehen im Skript, das einem Drehbuch doch verblüffend ähnlich sieht. Dazu hört man das Ergebnis: den gesprochenen Text. Und wenn Geräusche gefordert sind, erklingen eben Geräusche – wie sie zusammengesetzt sind, liegt im kreativen Ermessen des Toningenieurs. Im Fall von „Grube und Pendel“ haben wir den Glücksfall, dass es eine riesige Palette passender Geräusche gibt.

Wer die ursprüngliche Novelle Poes, von der das Hörspiel erheblich abweicht, nachlesen möchte, kann dies anhand des entsprechenden Beitrags auf der DVD tun. Ich habe es nicht getan, denn die Schrift war mir zu klein. Eine Zoom-Funktion wäre hier hilfreich.

|Das Booklet|

Stefan Bauer, Cheflektor beim Bastei-Lübbe Verlag, hat im März 2004 die Einleitung geschrieben. Sie ist immerhin zweieinhalb Seiten lang. In seinem Kurzessay versucht er zu erklären, warum und was uns an Edgar Allan Poe so fasziniert – und warum es das 150 Jahre nach seinem Tod immer noch tut. Offenbar hat er an Ängsten des modernen Menschen gerührt, die immer noch existieren: das Ausgesetztsein, die Fremdheit, das Ausgeliefertsein an eine fremde unsichtbare Macht, die Illusionen von Tod und Leben usw.

Dabei macht Bauer klar, dass Poe selbst ein Fremder in seiner Kultur war: statt amerikanischen Unternehmergeistes spielte er den bizarren Warner, der an morbide Gelüste appellierte. Doch genau dies übte auf Schriftsteller wie Charles Baudelaire („Die Blumen des Bösen“) und Maupassant („Der Horla“) einen ungeheuren Einfluss aus, und sie selbst wiederum hatten ihre Kopisten und Epigonen. Poes Pionierarbeit wird auch von Ulrich Pleitgen und Heinz Rudolf Kunze in je einem Zitat gewürdigt.

Kunzes Song „Der weiße Rabe“ ist im Booklet endlich auch vollständig abgedruckt. Die Zeilen haben durchaus einen gewissen Charme und passen zum Sujet. Der Text stammt zwar von Kunze, die Musik allerdings von Leo Schmidthals.

Die Seiten 8 und 9 sind den Fotos von Simon Marsden gewidmet. Der britische Fotograf outet sich als Fan von Poe, dem er eine ganze Veröffentlichung gewidmet hat: „Visions of Poe“. Er arbeitet hauptsächlich mit Infrarotfilmen und besonderen Drucktechniken. „Ich glaube, dass eine andere Dimension, eine ‚geistige Welt‘, neben unserer so genannten echten Welt existiert, und dass wir manchmal, wenn die Umstände stimmen, in diese Welt hineinblicken können und Teil werden mit dieser übernatürlichen Gegebenheit. [seltsames Deutsch, oder?] – Die mystischen Aspekte meiner Fotografien reflektieren die ehemalige Ordnung und versuchen das Ewige zu offenbaren.“

Die beiden vorletzten Seiten bringen Werbung für die Hörspielreihe und den Erzählband. Die letzte Seite führt sämtliche Mitwirkenden an diesem Hörspiel und der künstlerischen DVD-Herstellung auf – eine praktische Übersicht. Die Frontseite des Umschlags zeigt ein charakteristisches Zitat aus der Erzählung in Englisch und Deutsch: |“Ich war krank, todkrank von langer Qual. Und als sie mich losbanden und ich mich hinsetzen durfte, fühlte ich, wie mir die Sinne schwanden.“|

_Unterm Strich_

Es muss ja nicht unbedingt die DVD sein; es reicht dem, der nur das Hörspiel kennen und genießen will, die CD völlig aus. Doch die DVD liefert einiges an Bonusmaterial, von dem die Dokumentationen und das Booklet nur der offensichtlichste – und nicht der geringste – Teil sind. Der größte Vorteil besteht vielmehr in der verbesserten Akustik, die wirklich dem State of the Art entspricht. Ich halte die Darbietung in DTS einer normalen CD-Wiedergabe für haushoch überlegen, worin mir sicher nicht jeder beipflichten wird. Wahrscheinlich werde ich jetzt für einen Soundfetischisten gehalten, aber sei’s drum: Warum sollte ein Verlag gleich drei Klangspuren auf eine DVD packen? Es muss wohl etwas dran sein an diesem Aspekt.

Und obendrein ist die DVD für ein Hörspiel ein Novum: Man kann – noch – lange suchen, bis man eine ähnliche Produktion findet. Wenn sich die DVD zu diesem vertretbaren Preis durchsetzt, könnten wir künftig mit mehr solchen Produktionen rechnen. Dann müssten wir nicht mehr Discjockey spielen, wenn wir ein Hörbuch mit sechs oder zehn CDs anhören wollen. Dann reicht eine Doppel-DVD.

Freunden von Poe und dem gepflegten Horror sei diese DVD daher ans Herz gelegt. Sie mag ihre Ecken und Kanten haben, ist aber weit gehaltvoller und hochwertiger als das Hörspiel auf CD.

|Originaltitel: The Pit and the pendulum
Laufzeit ca. 59 Minuten|

McDermid, Val – Nacht unter Tag (Hörbuch)

_Schicht im Schacht: verzwickter Bergarbeiterkrimi_

Ungelöste Fälle sind ihre Spezialität, doch dieser führt Detective Inspector Karen Pirie an ihre Grenzen. Ein Mann wird als vermisst gemeldet – nach über 20 Jahren. Karens Ermittlungen im schottischen Glenrothes stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Ähnlich ergeht es einer Journalistin, die einen fast vergessenen Entführungsfall recherchiert. Bald landet auch dieser alte Fall auf Karens Schreibtisch – zusammen mit einem neuen Mord … (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den |Gold Dagger Award| der britischen |Crime Writers‘ Association|. (Verlagsinfo)

Val McDermid auf |Buchwurm.info|:

[„Echo einer Winternacht“ 703 (Hörbuch)
[„Der Erfinder des Todes“ 2602 (Hörbuch)
[„Das Lied der Sirenen“ 5647 (Hörspiel)
[„Das Lied der Sirenen“ 1498 (Buch)
[„Schleichendes Gift“ 5727 (Hörbuch)

_Die Sprecherin_

Andrea Sawatzki, Jahrgang 1963, reizen extreme Figuren, ihr Spiel kann in Sekundenschnelle von zarter Verlorenheit zu handfester Vitalität überspringen (FAZ). Für ihre Darstellung der „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger wurde sie unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo) Sie spielte unter anderem in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ neben Mirotz Bleibtreu sehr eindrucksvoll die Rolle einer Verhaltensforscherin, die vergewaltigt wird. Diese Szene wird in TV-Ausstrahlungen stets unterdrückt. Der ganze Film geht an die Nieren, aber diese Szene besonders.

Regie führte Vera Teichmann, den Ton steuerte Christian Mevs.

_Handlung_

Am 27. Juni 2007 wird Detective Inspector Karen Peary von dem Ansinnen einer jungen Bürgerin überrascht. Michelle Gibson möchte ihren Vater Mick Prentiss als vermisst melden: nach 22 Jahren und sechs Monaten. Er sei am 14. Dezember 1984 verschwunden. Karen gehört zum Team für ungelöste Fälle im schottischen Glenrothes und fühlt sich eigentlich nicht zuständig, da ja kein Verbrechen vorliegt, geschweige denn ein unaufgeklärtes. Aber es handelt sich um einen Notfall: Michelles Sohn Luke leidet an Anämie und benötigt dringend eine Knochenmarksübertragung. Am besten natürlich von einem nahen Verwandten, und der nächste wäre zweifellos ihr Vater.

Angeblich war Prentiss ein Streikbrecher, der während des einjährigen Bergarbeiterstreiks zur anderen Seite überlief und mit fünf anderen Kumpels nach Nottingham fuhr. Dieser Verrat war für seine Frau natürlich schlimm, die danach in der Minengemeinde, in der die Gewerkschaft das Sagen hatte, fast wie eine Aussätzige behandelt wurde. Vergangene Zeiten: Die Gewerkschaft gibt es nicht mehr. Und Jenny Prentiss heiratete einen anderen Mann, einen wohlhabenden Steiger, der aber inzwischen auch tot ist, wie Karen herausfindet.

Zu ihrer Überraschung bekommen ihre Kollegen in Nottingham gesagt, dass Mick Prentiss nie mit den Streikbrechern fuhr. Wo aber blieb er dann? Merkwürdig findet Karen auch die Tatsache, dass fast zur gleichen Zeit auch Micks bester Freund Andy Kerr verschwand. Da man einen Abschiedsbrief fand, nahm man an, dass er sich umbrachte. Seine Schwester ließ ihn nach angemessener Zeit für tot erklären, um das Erbe antreten zu können, und wanderte anschließend nach Neuseeland aus, wo sie heiratete.

Karen schnüffelt mit ihrem langjährigen Kollegen Phil Pahatka herum. Während Jenny Prentiss mauert, ist ihre Nachbarin umso mitteilsamer. Ein Bild von der Prentissfamilie und ihrer Gemeinde entsteht. Mick war ein talentierter Aquarellmaler und obendrein Mitglied im Verein zur Erhaltung der Höhlen an der Küste des Landkreises Fife. Als sie ihre Freundin River Wild, eine forensische Anthropologin, bittet, mal hinter dem Einsturz in der größten Höhle nachzusehen, entdecken Rivers Doktoranden im Boden ein männliches Skelett. Doch um wen handelt es sich – Prentiss oder Kerr? Denn wenn Prentiss noch lebt, dann besteht noch Hoffnung für seinen Enkel Luke.

|Der Patriarch|

Karen bringt mit ihren unorthodoxen und vorschriftswidrigen Methoden regelmäßig ihren Chef Simon Lees zur Weißglut. Zum Glück konnte sie ihm bis jetzt vorflunkern, die Höhlenuntersuchung erfolge im Rahmen des neuen Falles, den er ihr übertragen hat: Sie soll die ungeklärten Umstände beim Tod von Catriona Grant untersuchen, der Tochter des bekanntesten Großindustriellen Schottlands, Sir Broderick Maclennan-Grant. Catriona starb nach offiziellen Polizeiberichten bei der Übergabe des Lösegeldes an ihre Entführer Anfang 1985. Angeblich erschoss einer der Entführer die Millionenerbin und flüchtete sowohl mit dem Geld als auch mit ihrem Sohn Adam.

Nun hat die britische Investigativreporterin Annabelle Richmond ein Exemplar jenes Posters entdeckt, mit dem sich die Entführer, der „Anarchistische Kampfbund Schottlands“, an Catrionas Vater wandten. Es zeigt einen Puppenspieler mit Marionetten. Interessanterweise fand Richmond das Poster nicht im Königreich, sondern in der Toskana, unweit Volterra und Siena. In einer alten, verlassenen Villa hatten Hausbesetzer gelebt, die zu einer Wandertruppe von europäischen Puppenspielern gehörten. Neben Posterstapeln fand Richmond auch einen großen Blutfleck. Fand hier ebenfalls ein Mord statt?

Während sie die italienischen Carabinieri um Amtshilfe bittet, ahnt Karen nicht, dass Brodie Maclennan-Grant sie hintergeht. Er schickt die Reporterin aus, um das Verbrechen in der Toskana aufzuklären, denn er vermutet, dass sich dort Adam, sein Enkelsohn und Erbe, befinden könnte. Was weder Richmond noch Karen noch die Carabinieri erwartet haben, ist, hier die Spur von Mick Prentiss zu entdecken …

_Mein Eindruck_

Dass es Val McDermid fertigbringt, auch die entlegensten Schauplätze und die jeweiligen Ereignisse spannend miteinander zu verknüpfen, habe ich inzwischen kapiert. Immerhin habe ich schon fünf Romane dieser Krimiautorin kennengelernt, stets in akustischer Form. Ich habe es kein einziges Mal bereut, sondern wurde stets von ihrer Sicherheit verblüfft, mit der sie ihre Ermittler durch die unwahrscheinlichsten Wendungen führt. Die Handlung war praktisch nie vorhersehbar.

Bis jetzt. Dass Mick Prentiss in Italien ebenso wieder auftauchen würde wie Catrionas entführter kleiner Sohn Adam hielt ich für höchst wahrscheinlich, auch durch die dramaturgische Notwendigkeit, die beiden auseinanderliegenden Handlungsstränge um die Toskana einerseits und das östliche Schottland andererseits zusammenzuführen. Nicht voraussehen konnte ich allerdings, wie es zu dem traurigen Schicksal Catrionas kam und was aus ihrem Sohn Adam wurde. Ich möchte hier nichts Näheres verraten, aber das Finale hat durchaus das Potenzial, recht blutig zu enden. Falls nicht doch noch die unerschrockene Karen Peary korrigierend eingreift.

Das Buch lebt von seinen Kontrasten, aus denen sich entsprechende Kritik ergibt. Auf der einen Seite erkundet Karen Peary die ehemalige Bergarbeiterstadt Weems und deren Ortsteile. Das Schicksal der mit ihrem Streik gescheiterten Bergarbeiter war bitter. Ich habe den Streik 1984 im Fernsehen selbst mitverfolgt und erlebt, wie sich Gewerkschaftsführer Arthur Scargill an die Regierung Thatcher verkaufte. Es war kaum zu fassen. Die wirtschaftlichen Folgen für die Region waren verheerend: Alle Zechen wurden nach und nach geschlossen.

Dem steht nun auf der anderen Seite ein neureicher Emporkömmling namens Broderick Maclennan-Grant gegenüber, der sein Geld vor allem durch seine Frau erwarb, sich aber nun aufführt wie ein Tyrann von altem Adel, der mit der eigenen Familie ebenso willkürlich umspringt wie mit der Polizei (etwa mit dem Speichellecker Simon Lees) und den Medien. Er ließ aus politischem Kalkül Polizeiberichte fälschen, um beispielsweise die peinliche Tatsache zu verschleiern, dass er zu der verhängnisvoll endenden Geldübergabe mit einer Pistole bewaffnet erschien. Der von Karen Peary ins Gefängnis gebrachte ehemalige Detective Inspector James Lawson packt einige Hämmer aus und schildert, was nicht im Polizeibericht stand. Karen Peary kommt ein furchtbarer Verdacht, wer Catriona in Wahrheit auf dem Gewissen haben könnte. Aber sie kann nichts beweisen.

Auftritt Annabelle Richmond. Karen bezeichnet die Reporterin tatsächlich einmal als Sir Brodies „Sklavin“, und da Richmond für sein Geld und den Presse-Ruhm fast alles tut, ist sie keineswegs ein rühmlicher Vertreter ihres Standes. Sie weiß sich wie ein Chamäleon zu tarnen und zu verstellen. Doch sie ist immens tüchtig in der Informationsbeschaffung. Dumm nur, dass sie keine Absicht hat, die Polizei an ihren Ergebnissen teilhaben zu lassen. Karen Peary setzt ihr gnadenlos die Pistole auf die Brust, und Richmond muss sich zwischen zwei Herren entscheiden. Elegant wie stets zieht sie sich aus der Affäre.

Doch wo bleibt hier die Romantik? Gemach, gemach! Es gibt ein leidenschaftliches und glückliches Liebespaar in diesem Buch, und dreimal darf man raten, um wen es sich dabei handelt. Wie schon bei D. H. Lawrence, dem Bergarbeitersohn aus Nordengland, und seiner Geliebten Frieda von Richthofen handelt es sich auch hier um eine verbotene, skandalöse Liebesbeziehung, die von dem Vater der Frau niemals abgesegnet worden wäre – und interessanterweise auch nicht von der Familie des Mannes.

Ob es jemals einen „Anarchistischen Kampfbund Schottlands“ gegeben hat oder je geben könnte, darf wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden. Dafür sind die Schotten zu lange von den Engländern geknechtet worden, um jetzt noch etwas mit der Anarchie anzufangen. Und sie sind auch meist zu protestantisch (viele sind Presbyterianer) nüchtern in ihrem Verhalten. So machten sie selbst aus ihrer Vergangenheit noch ein Geschäft, wie ich bei meinem Besuch auf dem Schloss von Edinburgh, dem Holyrood Palace, feststellen konnte.

|Schwächen|

Den nächsten Kontrast bildet dazu die total katholische, sinnenfreudige Toskana, die bei vielen Engländern (und Deutschen) so beliebt ist. Richmond ist nur eine Vertreterin jenes Schlages Engländer, der hier „the good life“ zu genießen versteht. Greve, die Chiantistadt, ist fest in englischer Hand. Auch Sting hat hier ein Domizil. Und zufällig ist Greve neben Siena und San Gimignano einer der malerischen Schauplätze des Romans.

Ob hier die Autorin nicht ein wenig zu sehr auf ihr englisches Publikum geschielt hat? Auch die rasch wechselnden Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Figuren erinnern mich peinlich an Autoren vom Schlage einer Rosamunde Pilcher, in denen ja vielfach das Schicksal unverhofft zuschlägt. Dieses abgedroschene Element tritt auch noch im Epilog auf, indem ein kurzer Dialog einen weiteren Schlenker vollzieht, nur um den armen Luke Gibson vor einem üblen Tod zu bewahren.

|Die Sprecherin|

Die Kapitelüberschriften – Orte und Daten zur Orientierung – liest ein Mann mit einer sonoren Stimme vor, der aber nirgends als Mitsprecher genannt wird. Deshalb konzentriere ich mich in meiner Würdigung auf die Sprecherin.

Andrea Sawatzki ist zwar keine große Stimmkünstlerin, aber ihr gelingt der fast fehlerlose und recht flotte Vortrag dieses vielschichtigen Textes auf eine Weise, die das Verstehen einigermaßen leicht macht. Wir haben es ja hier mit Italienern, Schotten und Briten zu tun. Durchweg konnte ich die tiefere Tonlage für die männlichen Figuren leicht heraushören, wohingegen die weiblichen Figuren fast alle ziemlich gleich klingen.

Deshalb war es unabdingbar, dass die Sprecherin jeder Figur eine eigene Sprech- und Ausdrucksweise zugewiesen hat. So ist es leichter, die pedantische Assistentin von Sir Maclennan-Grant, Susan Charleson, etwa von der resoluten und verschlagenen Karen Peary zu unterscheiden. Und Karens Vorgesetzter, der dämliche Kontrollfreak Simon Lees, ist ebenso deutlich von dem Tyrannen Sir Broderick Maclennan-Grant zu unterscheiden.

Die Sprecherin legt anders als Kolleginnen wie Franziska Pigulla keinen Wert auf Sentimentalitäten oder den Ausdruck von Kurzatmigkeit, Seufzen usw. Es ist ihr wichtiger, eine Figur durch die eigentümliche Sprechweise zu charakterisieren. In diesen Charakterisierungen erweist sich die Routiniertheit der Sprecherin, die hierbei offenbar auf ihre Schauspielausbildung zurückgreift.

Das Hörbuch weist weder Musik noch Geräusche auf, so dass ich darüber kein Wort zu verlieren brauche.

_Unterm Strich_

Diesmal mischt die versierte Autorin in ihre klassische Ermittlung unter Beargarbeitern und Industriebaronen, Puppenspielern und Reportern einen gehörigen Schuss Schicksalsdrama. Die Wechselfälle in den Verwandtschaftsverhältnissen sind doch allzu auffällig häufig, besonders im letzten Drittel. Daher habe ich mich gefragt, ob die Autorin vielleicht die Leserinnen von Autoren des Schlages von Rosamunde Pilcher ansprechen will. Auch die Schilderung der ach so romantischen Toskana ist schon verdächtig, doch sie lässt ihre Reporterin über die vielen Touristen klagen. Dass sie mit Lukes Krankheit und Lebensrettung schwer auf die Tränendrüse drückt, ist ein weiteres Symptom für diesen sentimentalen Schwenk.

Immerhin aber schafft sie es, die wilde Zeit des englischen Bergarbeiterstreiks von 1984 heraufzubeschwören, die für die Entwicklung der britischen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung war. Danach ging es unter Margaret Thatchers „Reaganomics“ steil bergauf, die sich bis zu Tony Blairs Regierungsjahren weiterführen ließen. Diesen Aufschwung konnte kein einziger Streik der Gewerkschaften mehr stoppen und wurde auf Kosten der entmachteten Exgewerkschaftler erkauft – bis zum Crash 2008. Nichts davon ist in diesem Roman nachzulesen, denn dies kann die Autorin bei ihren Lesern als sattsam bekannt voraussetzen, vielleicht sogar in der jungen Generation. Immerhin schreibt die Autorin hier über ihre eigene Heimatregion Kirkcaldy (siehe den Abschnitt „Die Autorin“ oben).

Dies ist der erste Krimi McDermids, dessen Handlungsverlauf ich einigermaßen voraussehen konnte. Das war etwas enttäuschend, aber das Finale entschädigte mich dann doch wieder für die vielen Schwächen dieses Buches.

|Das Hörbuch|

Andrea Sawatzki trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt sie zur Spannung und Unterhaltung bei, aber auch zum Humor so mancher Szene zwischen der streitbaren Karen Peary und ihrem dümmlichen Chef Simon Lees. Und Karen bekommt endlich einen Lover, was richtig sinnlich wirkt. Der einzige Fehler in der Aussprache betrifft den Namen Ian, aber das ist wirklich der einzige Fehler.

|Originaltitel: A Darker Domain
Aus dem Englischen übersetzt von Doris Styron
443 Minuten auf 6 Cds
ISBN-13: 978-3-86610-637-6|
http://www.val-mcdermid.de

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Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Landors Landhaus (POE #27)

_Vertreibung aus dem Paradies_

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Flaschenpost“ begann die 7. Staffel und der Auftakt zur zweiten Geschichte innerhalb des großen POE-Epos. Die Vorgeschichte finden man in den vorangegangenen 26 Folgen sowie in dem Roman „Lebendig begraben“, erschienen bei |Bastei Lübbe|.

USA um 1850. Der Mann, der sich POE nennt und kein Gedächtnis besitzt, versucht nach den schrecklichen Erlebnissen in New York City, ein neues Leben zu beginnen. Er glaubt, er ist Poe, wer sonst? Sicher ruht auf dem Friedhof von Baltimore ein Namenloser. Poe und Leonie mieten Landors Landhaus in den nördlichen Wäldern von New York. Doch sie kommen dort nicht zur Ruhe: Über dem Landhaus liegt ein Fluch. Und Leonies Vergangenheit ist dunkler, als Poe ahnt. (Verlagsinfo)

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten 26 Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
#13: Schweigen
#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz
#18: Gespräch mit einer Mumie
#19: Die Sphinx
#20: Scheherazades 1002. Erzählung (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: Schatten (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
#22: Berenice
#23: König Pest
#24: Der Fall Valdemar
#25: Metzengerstein

#26: Die Flaschenpost
#27: Landors Landhaus
#28: Der Mann in der Menge
#29: Der Kopf des Teufels

Das Taschenbuch ist unter dem Titel [„Lebendig begraben“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404156757/powermetalde-21 bei |Bastei Lübbe| erschienen.

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

_Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Landor: Peter Schiff
Clerk: Oliver Brod
Priester: Johannes Hubert
Büchereiangestellte: Natalie Spinell

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Giuliana Ertl, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dicky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon 26 Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

Am Anfang rekapituliert Poe / Pleitgen sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.

_Handlung_

Nachdem ihre Abreise nach England gescheitert ist, suchen Poe und Leonie erstmal ein Zuhause, wo sie zueinanderfinden und heiraten können. Das nächste Landhaus, das sie auftreiben können, gehört einem Herrn Landor und liegt drei Stunden Fußweg außerhalb von New York City. Zunächst fährt er sie zu seinem eigenen Haus, um etwas zu holen, dann bringt er sie zum Landhaus. Sie kommen an einem seltsamen Gedenkstein in Form eines Herzens vorbei. Der Stein soll an ein junges Liebespaar aus dieser Gegend erinnern, das vor zehn Jahren verschwand, und werde „Das steinerne Herz“ genannt, erzählt Landor.

Das Landhäuschen liegt in einem schönen Tal, das sich jenseits eines dichten Waldes öffnet. Das Häuschen benötigt ein wenig Instandsetzung, aber Poe stellt schnell seine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis. Eine häusliche Atmosphäre kehrt nach Landors Abschied ein. Dennoch scheint etwas nicht zu stimmen. Leonie hört unerklärliche Geräusche, und in den Kaminsims ist das gleiche Zeichen wie in den Gedenkstein eingeritzt. Welcher Zusammenhang mag hier bestehen?

Als sie von einem langen Fußweg in die Stadt und zum Pfarrer einer kleinen Kapelle zurückkehren, fließt der Bach direkt durch ihr Häuschen! Die Tür ist offen – wer hat sie geöffnet? Sie rackern, um den Bach abzulenken und das Haus wieder bewohnbar zu machen. Erschöpft fallen sie ins Bett. Als Poe am nächsten Tag Landor davon erzählt, faselt dieser etwas von einem Fluch, der auf diesem Haus liege, und rät ihnen, schleunigst abzureisen. Poe beschwört ihn, Leonie nichts davon zu erzählen.

Sie ist aufs Konsulat in die Stadt gegangen, um sich Identitätspapiere auf den Namen „Leonie Sander“ ausstellen zu lassen, damit sie Poe heiraten kann. Dass sie Sander heißt, weiß er ja schon aus ihrer Zeit in New Orleans. Er besucht unterdessen die Ortsbücherei und leiht ein Buch über lokale Legenden aus. Einst habe hier im Tal eine alte Hexe gelebt, heißt es da. Doch ein Kaufmann und seine Geliebte hatten Streit mit ihr, woraufhin sie verbrannt werden sollte. Doch sterbend verfluchte sie ihn und alle seine Nachkommen. Der Kaufmann ließ an der Stelle des alten Hexenhäuschens sein Lusthäuschen errichten, doch eines Tages starb er bei einem Brand in der Scheune.

Na, das sind ja lustige Geschichten, denkt Poe noch. Da schlägt neben dem Haus der Blitz in einen großen Baum, der sofort Feuer fängt. Dieses Haus scheint wirklich verflucht zu sein: Erst Wasser, dann Feuer. Was kommt als nächstes? Hinter einem Riss in der Kellermauer stößt Poe mit Leonie auf das grausige Geheimnis dieses Hauses …

_Mein Eindruck_

Diese Episode ist eine der seltenen POE-Folgen, deren Handlung völlig auf dem Lande stattfindet. Meist liegt der Schauplatz ja in der Stadt, sei es New York oder New Orleans, oder auf und an der See. Zwar beginnt diesmal alles in einer Idylle auf dem Lande, doch auch hier endet alles in purem Horror.

Bemerkenswert komplex ist die vielsträngige Handlung, so dass die verschiedenen Schichten einander beeinflussen. Zunächst sieht es so aus, als würden beide erfolgreich aufs Land fliehen können, doch schon bald gehen mit Leonie rätselhafte psychische Veränderungen vor sich. Die Hochzeitsvorbereitungen gelingen zwar pragmatisch, und das Leitmotiv der Paare, symbolisiert durch „Das steinerne Herz“, wird hoffnungsvoll weitergeführt.

Doch etwas hat sich gegen das Glück der Verlobten verschworen. Zunächst scheint es nur die Natur zu sein: der Bach, der über die Ufer trifft, der Blitz, der den Baum in Brand gesetzt. Doch je mehr Poe über die Vorgeschichte dieses Ortes erfährt, desto mehr gelangt er zur Überzeugung, dass ein Fluch nicht nur auf diesem Haus, sondern auch auf seiner Verbindung mit Leonie liegt.

Als auch noch Landor den düsteren Hintergrund bestätigt und das Grauen im Keller erklärt, ist es mit der Ruhe auf dem Lande endgültig vorbei. Die Heirat mit Poe scheint keine Perspektive mehr zu sein. Leonie verschwindet spurlos, und Poe ist auf sich selbst angewiesen. Dies hat schlimme Folgen für ihn, wie die übernächste Folge zeigt.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Mr. Poe

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in fast jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Episode schwankt Pleitgens Ausdruck zwischen hoffnungsvoller Aufbruchstimmung und niedergeschmetterter Grübelei – und allen Nuancen, die dazwischen liegen. Das ist eine herausragende Darstellerleistung.

Miss Leonie Goron

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. In der neuen Staffel tritt sie nicht mehr so energisch auf, sondern erscheint uns als zwielichtige, will heißen: mehrdimensionale Figur, die es zu ergründen gilt. Die weitere Folgen legen ihre verborgenen Schichten offen und warten mit Überraschungen auf. Leonie hat uns (und Poe) beileibe nicht alles über sich erzählt.

Landor

Peter Schiff spricht zwar nur eine Nebenfigur, doch sein Landor ist von einer beeindruckenden Nuancenvielfalt. Erst erscheint Landor als eine normale Art von Landedelmann, doch je mehr sich die Natur von ihrer ungastlichen Seite zeigt, desto mehr erscheint seine Figur im Zwielicht, denn schließlich ist er der König dieses Landes. Die Wahrheit über seine Rolle trifft den Hörer ziemlich unvermutet, daher umso heftiger. Peter Schiff weiß alle diese Wandlungen dieser Figur überzeugend darzustellen – eine beachtliche Leistung.

|Geräusche|

Der Sound liegt im Format PCM-Stereo vor, wie mir mein DVD-Spieler angezeigt hat, und klingt glasklar. Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt.

Die Geräuschkulisse ist entsprechend realistisch und detailliert gestaltet. Ländliche Geräusche wie eine rollende Kutsche, ein schnaubendes und wieherndes Pferd sowie die allgegenwärtigen Vögel – ein sehr beliebtes Motiv der Serie – gesellen sich diesmal zu unheimlichen Wetterphänomenen wie Blitz, Donner und Regen. Je ungastlicher die Natur sich gebärdet, umso feindseliger führt sich auch die Tierwelt auf: Wespen summen und Ratten fiepen. Den Schlusschor bilden unheilvolle Nachtvögel, die schon immer als Omen des nahen Todes galten, sowie Krähen, die Aasvögel des Todes. Höchste Zeit für die unwillkommenen Menschlein, von diesem ungastlichen Ort abzuhauen.

|Musik|

Die Musik untermalt, quasi als eine Widerspiegelung, die emotionale Verfassung der jeweiligen Hauptfigur. In aller Regel ist dies die von Poe selbst, aber es gibt auch andere Erzählperspektive, so etwa die von Dr. Baker und die von Leonie. Immer wieder ist das leitmotivische Poe-Thema zu hören, das in allen möglichen Instrumentierungen erklingt, mal als Streichquartett im langsamen Tempo, dann wieder durch Hörner umgesetzt.

Diesmal erklingt der aus früheren Folgen bekannte Chor „Dies irae, dies illa“, der das Verhängnis, das über Poe hängt, beschwört. Hier waren offenbar versierte Komponisten und Arrangeure am Werk – ebenso Hagitte und Bertling vom Studio |STIL|.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

|Der Song|

Der britische Schauspieler Christopher Lee singt „Elenore“, das schon auf der CD „Visionen“ zu finden ist. Hier liegt der EAP-Mix vor. Die Musik stammt wieder von Hagitte & Bertling, der deutsche Text von Marc Sieper. Sopran singen Rosemarie Arzt und Ricarda Lindner. Es spielt das Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte.

Christopher Lee wurde am 27. Mai 1922 in London geboren. Seine Schauspielkarriere begann 1947. Den meisten dürfte der britische Schauspieler als Dracula bekannt sein, den Lee 1958 das erste Mal verkörperte und damit weltberühmt wurde. Noch vor seiner Zeit als Schauspieler war Lee in diversen Opernhäusern zu hören – er genoss eine Ausbildung als Opernsänger. Einige seiner aktuellen Rollen sind die des Saruman in „Herr der Ringe“ und Count Dooku in „Star Wars“. Insgesamt wirkte Lee in über 250 Filmen mit.

Ich wusste auch nicht, wie toll Christopher Lee singen kann – bis ich seine Aufnahme auf der CD [„Visionen“ 2554 hörte. Der Gesang ist klassisch, die Orchesterbegleitung ebenso, zwei Soprane begleiten den Meister, streckenweise im Duett. Er gibt die dramatische Ballade „Elenore“, in der um die verlorene Liebste geklagt wird, zum Besten, und zwar mit viel Gefühl und Sinn fürs Dramatische. Man stelle sich eine schmissige Arie aus einem bekannten Musical vor, z. B. „Elisabeth“ – so umwerfend gut kommt das rüber. Die vorliegende Fassung wurde neu gemischt, um zur Instrumentierung des Hörspiels zu passen.

_Unterm Strich_

Poe und Leonie hätten es wie Adam und Eva haben können, doch das Land ist nicht mehr wie im Garten Eden, sondern selbst mit einem Fluch belegt. Dass es sich um den Fluch einer Hexe handeln soll, mutet dem Hörer schon etwas ungewöhnlich an, denn Hexen werden mit europäischen Märchen assoziiert. Aber es gab ja auch Hexenprozesse im Salem des 17. Jahrhunderts, und warum sollte der Hexenglaube sich nicht auch bis nach New York City verbreitet haben? Das Motiv des Hexenfluches ist schon ziemlich alt, und hier wird es mit dem Thema des Fluches, der auf Poe lastet, verknüpft. Folgerichtig kommt es zur Vertreibung aus diesem verdorbenen Paradies.

Ich fand diesen Plot ziemlich schlau ausgedacht und wurde Ohrenzeuge, wie ausgetüftelt die Szenen gestaltet wurden. Die akustische Umsetzung ist vom Feinsten, und man merkt in jeder Szene, wie viel Sorgfalt die Mitwirkenden und Macher aufgewendet haben, um die Episode reizvoll und stimmungsvoll zu gestalten. Ein Highlight ist für mich zweifellos Christopher Lees Song, auch wenn dieser eher Musical-Freunde ansprechen dürfte.

Die Reihe wird mit „Der Mann in der Menge“ fortgesetzt.

|Basierend auf: Landor’s Cottage, ca. 1848
58 Minuten auf 1 CD|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Flaschenpost, Die (Poe #26)

_Ein neuer Aufbruch: Hoffnung und Scheitern_

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Flaschenpost“ beginnt die 7. Staffel und der Auftakt zur zweiten Geschichte innerhalb des großen POE-Epos. Die Vorgeschichte finden man in den vorangegangenen 25 Folgen sowie in dem Roman „Lebendig begraben“, erschienen bei |Bastei Lübbe|.

USA um 1850. Der Mann, der sich POE nennt und kein Gedächtnis besitzt, versucht nach den schrecklichen Erlebnissen in New York City, ein neues Leben zu beginnen. Er glaubt, er ist Poe, wer sonst? Sicher ruht auf dem Friedhof von Baltimore ein Namenloser. Eines Tages findet er eine Flaschenpost, und plötzlich legen sich die Schatten der Vergangenheit auf seinen Weg. (Verlagsinfo)

Mit der Erzählung „M.S. found in a bottle“ (M.S. = Manuscript) errang Poe anno 1833 den |Fiction Prize| der Zeitung „Baltimore Saturday Visitor“ und so seinen ersten größeren Erfolg auf der literarischen Bühne.

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten 25 Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
#13: Schweigen
#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz
#18: Gespräch mit einer Mumie
#19: Die Sphinx
#20: Scheherazades 1002. Erzählung (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: Schatten (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
#22: Berenice
#23: König Pest
#24: Der Fall Valdemar
#25: Metzengerstein

#26: Die Flaschenpost
#27: Landors Landhaus
#28: Der Mann in der Menge
#29: Der Kopf des Teufels

Das Taschenbuch ist unter dem Titel [„Lebendig begraben“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404156757/powermetalde-21 bei Bastei-Lübbe erschienen.

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

_Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Direktor: Friedhelm Ptok
Griswold: Friedrich G. Beckhaus
Carolan: William O’Connor
Wirt: Charles Rettinghaus (dt. Stimme von Jean-Claude van Damme u. a.)
Diplomat: Arne Toost
Kapitän: Rainer Wut

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Giuliana Ertl, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dickky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

|Das Titelbild|

Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen und mit einer speziellen Technik entwickelt hat, zeigt eine Burg auf einer vorgelagerten Insel, mit einem großen Felsen im Vordergrund. Die Insel könnte St. Michael’s Mount an der englischen Südküste sein, das Gegenstück zum Mont St. Michel in der Normandie.

Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren. Die Innenseite der CD-Box zeigt einen spitzbogigen Mauerdurchgang in einem wilden, überwucherten Garten. Der Durchgang könnte die Passage zu neuen, gruseligen Erfahrungen symbolisieren, im Sinne von Aldous Huxleys „doors of perception“.

|Das Booklet|

Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Kleine Biografien stellen die beiden Hauptsprecher Ulrich Pleitgen und Iris Berben vor. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs. Danach folgt eine Seite, die sämtliche Credits auflistet. Die vorletzte Seite wirbt für das Hörbuch [„Edgar Allan Poe: Visionen“, 2554 das ich empfehlen kann. Die letzte Seite gibt das Zitat aus E.A. Poes Werk wieder, das am Anfang einer jeden Episode – jeweils abgewandelt – zu hören ist.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon 25 Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

Am Anfang rekapituliert Poe / Pleitgen sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.

_Handlung_

Nach den schrecklichen Vorgängen auf dem Friedhof, bei denen Dr. Baker alias Templeton von Poe besiegt wurde, ist Poe unsicher, wer er wirklich ist. Wenn in seinem Grab in Baltimore, wie Baker behauptet, nur ein namenloser Landstreicher liegt, muss er der echte Poe sein. Er freut sich bereits darauf, endlich wieder schreiben und publizieren zu können, als ihm ein neuerlicher Besuch in der Irrenanstalt auf Blackwell’s Island vor New York City deutlich vor Augen führt, dass auch dies nur ein Wunschtraum ist. Nicht nur, dass Dr. Baker noch lebt und dort als namenloser Insasse eingesperrt ist, nein, der neue Direktor kennt Poe persönlich – und Poe ist mit Sicherheit nicht jener Schriftsteller. Folglich darf Poe nie mehr auftreten, will er nicht eingesperrt werden.

Im Versuch, ein neues Leben an der Seite Leonie Gorons aufzubauen, macht er ihr einen Heiratsantrag. Anzeichen dafür, dass sie etwas vor ihm verbirgt, übersieht er wie üblich. In England wartet eine Erbschaft auf Leonie. Schon am nächsten Tag geht ein Segler. Als sie an Bord gehen, begrüßt der Kapitän gerade einen Mann namens Carolan, der angibt, krank zu sein und in seiner englischen Heimat sterben zu wollen.

Einen Tag später ist Carolan zusammengebrochen, und das Schiff muss in Sandy Hook anlegen. Ein Arzt verhängt Quarantäne, was die Weiterfahrt unmöglich erscheinen lässt. Eine Flaschenpost, die Leonie auffischt, inspiriert Poe zu weiterem Schreiben – über einen Schiffbrüchigen, der auf ein Kriegsschiff gerät, auf dem sich niemand befindet: ein Geisterschiff …

Unheimliche Dinge gehen an Bord des unter Quarantäne stehenden Seglers vor sich. Schon zwei Matrosen sind gestorben, und als Leonie und Poe beschließen, sich vorsichtshalber zu verdrücken, hören sie einen weiteren Schrei des Todes. In der Strandkneipe „Zum toten Matrosen“ finden die beiden Obdach und lernen den Journalisten Griswold kennen. Als Poe ihm hoffnungsfroh sein neues Manuskript zu lesen gibt, reagiert dieser jedoch auf unangenehme Weise anders als erwartet. Er nennt Poe wütend einen Scharlatan und Nichtskönner, der nur den Stil des echten Poe nachäffe, der, wie jeder wisse, auf einer Reise verschwunden sei …

_Mein Eindruck_

Nach den ersten 25 Folgen schienen alle offenen Fragen beantwortet zu sein. Doch nun stellt sich heraus, dass dem keineswegs so ist. Erstens ist das Geheimnis Leonies zu lüften, die es ja mehr oder weniger in die Vereinigten Staaten verschlagen hat. Und zweitens ist Poes Identität zwar (halbwegs) geklärt, aber ironischerweise nicht umsetzbar. Alle Welt hält den namenlosen Landstreicher, der 1849 anstelle Poes in Baltimore begraben wurde, für den echten Poe. Jeder, der für sich nun reklamiert, Poe zu sein, muss automatisch als Hochstapler angesehen werden. Das wird dem echten Poe an Leonies Seite nur zu bald klar. Identität kann eine zweischneidige Sache sein, wie ihm in seinen philosophischen Grübeleien am Strand von Sandy Hook klar wird.

In dieser Episode scheint nicht viel zu passieren, doch das kann nur einem Menschen so vorkommen, der nicht kreativ ist. In Poe selbst passiert nämlich sehr viel. Inspiriert von dem „Manuskript in der Flasche“- so heißt der Titel einer von Poes frühesten Erzählungen (s. o.) – kann Poe endlich wieder schreiben. Das wäre schon mal für ihn und Leonie eine gute Voraussetzung, um mit der Schriftstellerei in England seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch auch dieser Plan wird zerschlagen, als Griswold ihn des Plagiats bezichtigt.

Dieser Griswold war in Wahrheit nicht Journalist, sondern Reverend und einer von Poes schlimmsten Widersachern. Ausgerechnet diesen Mann setzte der echte Poe zu seinem Nachlassverwalter ein und machte so den Bock zum Gärtner. Ob beispielsweise die berühmte Erzählung „Das Fass Amontillado“ wirklich so von Poe geschrieben wurde, darf stark bezweifelt werden, denn es gibt nur jene Fassung, die Griswold im Nachlass gefunden haben will und publizierte.

Zurück zum Hörspiel. Nach einer heftigen psychosomatischen Reaktion ist Poe wieder so weit hergestellt, dass er Leonie wiedererkennt. Sie sagt ihm, sie könnten noch nicht nach England und müssten beweisen, dass Poe wirklich er selbst sei. Das scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein. Und der Einzige, der ihnen dabei helfen kann, ist derjenige, der Poe angeblich unter die Erde gebracht hat: Dr. Baker alias Templeton, mal wieder.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Mr. Poe

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in fast jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Episode schwankt Pleitgens Ausdruck zwischen hoffnungsvoller Aufbruchstimmung und niedergeschmetterter Grübelei – und allen Nuancen, die dazwischen liegen. Das ist eine herausragende Darstellerleistung.

Miss Leonie Goron

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. In der neuen Staffel tritt sie nicht mehr so energisch auf, sondern erscheint uns als zwielichtige, will heißen: mehrdimensionale Figur, die es zu ergründen gilt. Die weiteren Folgen legen ihre verborgenen Schichten offen und warten mit Überraschungen auf. Leonie hat uns (und Poe) beileibe nicht alles über sich erzählt.

|Musik und Geräusche|

Der Sound liegt im Format PCM-Stereo vor, wie mir mein DVD-Spieler angezeigt hat, und klingt glasklar. Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt.

Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Wie so häufig, halten sich die Outdoor-Geräusche mit denen in Wohnräumen die Waage. Wiederholt sind Vögel zu hören – seltsamerweise eine Feldlerche, wenn weit und breit weder Acker noch Wiese zu finden sind. Aber auch Pferde und Kutschen, Glocken, Türen und Riegel sind immer wieder zu vernehmen, am Strand natürlich die Brandung.

|Musik|

Die Musik untermalt, quasi als eine Widerspiegelung, die emotionale Verfassung der jeweiligen Hauptfigur. In aller Regel ist dies die von Poe selbst, aber es gibt auch andere Erzählperspektiven, so etwa die von Dr. Baker und die von Leonie. Immer wieder ist das leitmotivische Poe-Thema zu hören, das in allen möglichen Instrumentierungen erklingt, mal als Streichquartett im langsamen Tempo, dann wieder durch Hörner umgesetzt. Einmal imitiert die Musik sogar die totale Verwirrung, in die Poe durch die abweisende Reaktion Griswold gestürzt worden ist, und die Musik ist selbst ganz durcheinander, atonal und arhythmisch. Hier waren offenbar versierte Komponisten und Arrangeure am Werk, ebenso Hagitte und Bertling vom Studio |STIL|.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

|Der Song|

Der britische Schauspieler Christopher Lee singt „Elenore“, das schon auf der CD „Visionen“ zu finden ist. Hier liegt der EAP-Mix vor. Die Musik stammt wieder von Hagitte & Bertling, der deutsche Text von Marc Sieper. Sopran singen Rosemarie Arzt und Ricarda Lindner. Es spielt das Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte.

Christopher Lee wurde am 27. Mai 1922 in London geboren. Seine Schauspielkarriere begann 1947. Den meisten dürfte der britische Schauspieler als Dracula bekannt sein, den Lee 1958 das erste Mal verkörperte und damit weltberühmt wurde. Noch vor seiner Zeit als Schauspieler war Lee in diversen Opernhäusern zu hören – er genoss eine Ausbildung als Opernsänger. Einige seiner aktuellsten Rollen sind die des Saruman in „Herr der Ringe“ und Count Dooku in „Star Wars“. Insgesamt wirkte Lee in über 250 Filmen mit.

Ich wusste auch nicht, wie toll Christopher Lee singen kann – bis ich seine Aufnahme auf der CD „Visionen“ hörte. Der Gesang ist klassisch, die Orchesterbegleitung ebenso, zwei Soprane begleiten den Meister, streckenweise im Duett. Er gibt die dramatische Ballade „Elenore“, in der um die verlorene Liebste geklagt wird, zum Besten, und zwar mit viel Gefühl und Sinn fürs Dramatische. Man stelle sich eine schmissige Arie aus einem bekannten Musical vor, z. B. „Elisabeth“ – so umwerfend gut kommt das rüber. Die vorliegende Fassung wurde neu gemischt, um zur Instrumentierung des Hörspiels zu passen.

_Unterm Strich_

Diese Episode ist die Geschichte einer gescheiterten Hoffnung – und als solche nicht sonderlich aufmunternd. Aber welches von Poes Erlebnissen wäre dies auch schon? Wenigstens gibt es keine besonders gruseligen Vorkommnisse. Ein wenig enttäuscht war ich von der sehr kurzen Abfertigung, die der titelgebenden Geschichte widerfährt: Die Geschichte des Schiffbrüchigen, der auf einem Geisterschiff landet, ist reizvoll, erinnert jedoch vielleicht ein wenig zu sehr an die von Arthur Gordon Pym, Poes bekanntes Romanfragment. Das hätte vielleicht zu weit geführt – und womöglich eine neue Poe-&-Pym-Reihe erforderlich gemacht (ein durchaus reizvoller Gedanke).

Die akustische Umsetzung ist wieder mal vom Feinsten, und man merkt in jeder Szene, wie viel Sorgfalt die Mitwirkenden und Macher aufgewendet haben, um die Episode reiz- und stimmungsvoll zu gestalten. Bis auf die Feldlerche an der Küste ist ihnen dies auch passend gelungen. Ein Highlight ist für mich zweifellos Christopher Lees Song, auch wenn dieser eher Musical-Freunde ansprechen dürfte.

Die Reihe wird mit „Landors Landhaus“ fortgesetzt.

|Basierend auf: M.S. found in a bottle, 1833
74 Minuten auf 1 CD|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de

Edgar Allan Poe – Morella (Folge 33)

_Psycho 2.0: Wie erschießt man einen Geist?_

Die Hörspiel-Reihe bringt unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör. Mit „Feeninsel“ beginnt die achte Staffel des großen POE-Epos. Die Vorgeschichte findet man in den vorangegangenen 32 Folgen sowie in dem Roman [„Lebendig begraben“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404156757/powermetalde-21 erschienen bei |Bastei Lübbe|.

USA um 1850. Der Mann, der sich POE nennt und kein Gedächtnis besitzt, versucht nach den schrecklichen Erlebnissen in New York City, ein neues Leben zu beginnen. Er glaubt, er ist Poe, wer sonst? Sicher ruht auf dem Friedhof von Baltimore ein Namenloser. Nach seiner Flucht aus dem Irrenasyl von Blackwell’s Island hat er seine Beinahegattin Leonie wiedergetroffen und versucht, seine Identität durch seinen Verleger Graham bestätigen zu lassen – nur um in eine perfide Falle zu tappen.

Nun sucht Poe mit Leonie seine Spuren in dem kleinen Weiler Fordham in den nördlichen Wäldern, wo Poe einmal gewohnt hat. Das weiß er aus einer Kurzbiografie in einem von Poes Büchern, die Graham gedruckt hatte. Doch in Fordham will niemand etwas mit dem Namen „Poe“ zu tun haben …

Die |Edgar Allan Poe|-Serie von |STIL| bei |Lübbe Audio|:

#1: [Die Grube und das Pendel 1487
#2: [Die schwarze Katze 755
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
#9: [Hopp-Frosch 1906
#10: [Das ovale Portrait 1913
#11: [Der entwendete Brief 1927
#12: [Eleonora 1931
#13: [Schweigen 3094
#14: [Die längliche Kiste 2510
#15: [Du hast’s getan 2518
#16: [Das Fass Amontillado 2563
#17: [Das verräterische Herz 2573
#18: [Gespräch mit einer Mumie 3178
#19: [Die Sphinx 3188
#20: [Scheherazades 1002. Erzählung 3202 (auch: Die 1002. Erzählung)
#21: [Schatten 3206 (ursprünglicher Titel: Die Scheintoten)
#22: [Berenice 4394
#23: [König Pest 4408
#24: [Der Fall Valdemar 4420
#25: [Metzengerstein 4471
#26: [Die Flaschenpost 4946
#27: [Landors Landhaus 4966
#28: [Der Mann in der Menge 5000
#29: [Der Kopf des Teufels 5089

Achte Staffel (11/2008):

#30: [Feeninsel 5540
#31: [Teer und Federn 5569
#32: [William Wilson 5578
#33: Morella

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten.

Mehr von und über Edgar Allan Poe auf |Buchwurm.info|:

[„Faszination des Grauens 554“]
[„Edgar Allan Poes Meistererzähler“ 4832 (Hörbuch)
[„Der Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11, Hörspiel)
[„Der Doppelmord in der Rue Morgue“ 2396 (Hörbuch)
[„Der Streit mit der Mumie“ 1886 (Hörbuch)
[„Die Brille“ 1885 (Hörbuch)
[„Mythos & Wahrheit: Edgar Allan Poe. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen“ 2933
[„Visionen“ 2554

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie unter anderem mit dem |Bambi| und mit der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Edgar Allan Poe: Ulrich Pleitgen
Leonie Goron: Iris Berben
Rick Ellis: Tilo Schmitz (Ving Rhames, Michael Clarke Duncan)
Morella: Sabine Arnhold (Lola Glaudini, Melinda Clarke)
Alte Frau: Hannelore Minkus (Kathryn Joosten, Frances Sternhagen)
Und andere.

Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Giuliana Ertl, die Ansage erledigt André Sander. Die deutsche Hörspielfassung stammt von Melchior Hala nach einer Idee von Marc Sieper, Dicky Hank und Thomas Weigelt. Für Regie, Musik und Ton waren Christian Hagitte und Simon Bertling vom |STIL|-Studio verantwortlich.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon 32 Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

_Handlung_

Nach schrecklichen Erlebnissen und Träumen beschließt Poe, seine Verwandten zu suchen. Und es gibt auch einen Hinweis, den er der Kurzbiografie im Buch fand, das er in der Gruft las: Poe lebte eine Zeitlang in dem Dörfchen Fordham, das in den nördlichen Wäldern liegt – einer verrufenen Gegend, wie Poe inzwischen wohl bewusst ist. Er will sich auf Ricks Rat hin als Poes Biograph tarnen. Man weiß ja nie, wie die Leute dort auf den Namen „Poe“ reagieren.

Endlich stößt auch Leonie wieder zu ihm! Sie hat ihn bei Rick, ihrem gemeinsamen alten Unterschlupf, gefunden. Die Postkutsche setzt sie beide in Fordham ab, doch keiner will dort Unterkunft gewähren, sobald der Name „Poe“ fällt. Nach einem Hinweis gehen sie zu dem abgelegenen Haus, wo Poe mit einer Familie gewohnt haben soll. Neben dem Haus erblickt Poe eine Hütte und fragt dort eine alte Frau nach Informationen, doch auch sie sagt nichts.

Obwohl das Haus verlassen und verfallen aussieht, bleibt Poe und Leonie nichts anderes übrig, als dort zu übernachten. Die Dusche fällt Poe sofort auf: Sie ist ungewöhnlich modern eingerichtet und im Gegensatz zum Rest des Hauses blitzblank. An einer der Wände steht das Wort MORELLA. Was mag es wohl bedeuten? In der Nacht hat Poe den ersten von mehreren Träumen, in denen eine junge Frau zu ihm spricht. Wer ist sie? Hat sie hier mit dem Dichter gelebt?

Es gibt Anzeichen, dass in der Nacht jemand im Haus war. Aber die Suche muss weitergehen: Sie suchen alle Zimmer ab, sogar das Arbeitszimmer, wo sich ein verfallenes Bücherregal findet, doch keine Bücher. Nur ein verstecktes altes Foto, eine Daguerreotypie: Sie zeigt eine alte Frau, die den Betrachter freudlos anschaut. Keine Daten geben Aufschluss über das Entstehungsdatum. Im nächsten Traum kommt die junge Frau wieder zu ihm: Er solle lernen, die Frau zu achten, die er einst verschmähte.

Leonie wird das Haus allmählich ganz schön unheimlich. Da auch der Keller keine Hinweise liefert, beschließen sie, ihre Sachen zu packen und die nächste Postkutsche zu nehmen, die einmal am Tag Fordham passiert. Doch etwas hält Poe noch an diesem Ort: Er ist sicher, das Rätsel lösen zu können. Sie bleiben noch eine Nacht, und wieder erscheint ihm die Frau im Traum. Eine Totenglocke läutet, heute wird sie begraben: „Du wirst finden, was du einst verlorst“, sagt eine Stimme zu ihm. Die Zukunft liege in seiner Vergangenheit …

Als Poe erwacht, ist Leonie nicht in ihrem Bett. Als er sie im Erdgeschoss sucht, folgt er dem Geräusch des Rauschens von Wasser. Sie muss in der Dusche sein. Eine bizarre Szene bietet sich ihm: Leonie steht mit einem Messer in der erhobenen Hand vor einer nackten jungen Frau, die in der Dusche steht. Ist dies die nächtliche Besucherin?

_Mein Eindruck_

Wenn sich jemand an die berühmte Duschszene aus Hitchcocks Thriller „Psycho“ (1960) erinnert fühlt, so lag dies sicherlich in der Absicht der Macher dieses Hörspiels. Das erhobene Messer, die Dusche, das ominöse Rauschen des Wassers, das wehrlose weibliche Opfer – es ist alles angerichtet, um einen schön blutigen Mord zu zelebrieren. Doch so weit soll es (leider) nicht kommen, denn Poe ist keineswegs umnachtet, wie er vielleicht gemeint hat, sondern durchaus noch im Diesseits. Doch wer ist die junge Frau in der Dusche?

Schon in den Hörspielen zu „Eleonora“ und „Berenice“ wurden mit Poes Erzählungen über junge, schöne Frauen bekannt gemacht, die früh starben (ein sehr romantisches und poetisches Motiv), aber von jenseits des Todes ihren unheilvollen Einfluss auf ihren einstigen Geliebten ausüben. Poe hat den Tod junger Frauen, wie oben aus seiner Biografie ersichtlich wird, selbst erlebt und mehrfach in seinen Erzählungen verarbeitet. „Morella“ ist die Nr. 3, doch die beste ist Nr. 4 „Ligeia“. Auf dieses Hörspiel warte ich bereits sehr gespannt.

Morella tritt in dem Hörspiel erst nur im Traum auf, als wäre sie ein Geist. Die Traumauftritte wechseln sich mit dem relativ drögen Tagesgeschehen ab und bilden eine Sequenz, die offenbar einem Höhepunkt zustrebt. Wird Morella, die Traumfigur, persönlich auftreten? Das ist die spannende Frage, die sich der Hörer stellt. Und wenn ja, wird sich dann ihr Einfluss fördernd oder verderblich auf Mr. Poe, den Besuchten, auswirken?

Genau an diesem Punkt stellte sich mir die Frage, wie ein solches Geistwesen sowohl real als auch eine Traumfigur sein kann. Die Nagelprobe erfolgt dann wenig später, als ein Schuss fällt und es einen Toten gibt. Ist die Traumfigur für eine Pistolenkugel überhaupt erreichbar, fragte ich mich. Aber wenn es das Mädchen Morella wirklich gäbe, in welcher Beziehung stünde sie dann zu dem Dichter Poe, als dessen Reinkarnation ihr der Mann, der sich Poe nennt, erscheinen muss?

Diese Geheimnisse sollen nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu verderben.

In dieser Episode stößt Poe auf zwei Spuren seiner Familie. Die eine führt zu seiner Mutter nach Boston, die andere zu seiner Schwester nach Baltimore. Von beiden Damen ist in den Poe-Biografien, die ich gelesen habe, sehr wenig die Rede, ganz einfach deshalb, weil sie schon früh aus seinem Leben verschwinden. Umso neugieriger macht mich nun ihr unvermitteltes Auftreten. Als nächstes ist „Das Geheimnis der Marie Rogêt“ zu lüften.

_Die Inszenierung_

|Sprecher & Figuren|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Aber Poe kann auch sehr pragmatisch agieren, und Pleitgen weiß die scharfe Beobachtungsgabe seiner Hauptfigur wie auch dessen Hinterlist ebenso glaubwürdig darzustellen. Sein Poe ist kein hilflos durch die Gassen torkelnder Somnambuler, sondern ein hellwacher Geist, der nur ab und zu unter ein paar Bewusstseinstrübungen leidet, die ihn in Gestalt von Träumen heimsuchen. Diese Träume, so erkennt er schließlich, sind Erinnerungen an seine eigenen Erzählungen. Aber trifft dies auch auf Morella zu?

Leonie Goron erschien uns in den ersten Staffeln als patente und zupackende Helferin und Gefährtin des manchmal recht hilflosen Poe. Doch nach dem scheinbaren Tod Dr. Templetons ändert sich ihr Erscheinungsbild. Sie hat ja zuvor schon Andeutungen gemacht, dass sie vor gewissen Ereignissen in England geflohen sei, um bei ihrer Kusine in den Vereinigten Staaten Hilfe und Obdach zu finden.

Doch offensichtlich ist ihr ihr Mann, den sie als einen verurteilten Mörder verließ, in die Neue Welt gefolgt und hat sie bereits einmal gefangen genommen. Der Schluss liegt nahe, dass es sich bei ihrem Mann, der bislang noch keinen Namen bekommen hat, um Dr. Templeton alias Baker handelt, Poes Peiniger. Das würde der Geschichte eine weitere Ebene an tragischer Ironie hinzufügen. Kein Wunder, dass Templeton sowohl seine Aufzeichnungen von Poe als auch seine entflohene Frau zurückhaben will.

Nun erscheint Leonie als gehetzte Frau auf der Flucht vor der Vergangenheit – so ziemlich das Gegenteil zu Poe. Denn Poe sucht in der Vergangenheit sein Heil, die in seiner Identifizierung als der echte Edgar Allan Poe bestehen soll, um ihm eine Zukunft zu ermöglichen. Ob dieser Glücksfall und Erfolg wirklich eintritt, ist noch abzuwarten.

Die Figur der Morella wird leider überhaupt nicht ausgebaut, sondern lebt nur in der Erinnerung der alten Frau fort, die nahe Poes Ex-Haus wohnt. Diese Alte ist Morellas Mutter und spielt eine verhängnisvolle Rolle, erweist sich aber auch als Informationsquelle.

|Geräusche|

Der Sound liegt im Format PCM-Stereo vor, wie mir mein DVD-Spieler angezeigt hat, und klingt glasklar. Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt.

Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Aber sie werden nur ganz gezielt dort eingesetzt, wo sie einen Sinn ergeben. Die Geräusche im Haus sind entsprechend reduziert: Stühle, Betten, Gerümpel, Schritte.Von draußen sind Regen und Wind zu hören, ab und zu auch mal ein Vogelruf (diesmal kein Wolfsgeheul).

Diese untere Schicht von Geräuschen wird von der Musik ergänzt, die eine emotionale Schicht einzieht. Darüber erst erklingen die Stimmen der Sprechen: Dialoge, aber auch Rufe und sogar Schreie. Durch diese Klang-Architektur stören sich die akustischen Ebenen nicht gegenseitig, sind leichter aufzunehmen und abzumischen. Das Ergebnis ist ein klares Klangbild, das den Zuhörer nicht von den Informationen, die es ihm liefert, ablenkt.

|Musik|

Die Musik erhält eine wichtige Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der jeweiligen Hauptfigur und ihres Ambientes darzustellen. Leonie hat nicht ihr eigenes musikalisches Leitmotiv, doch allenthalben stößt sie auf die Spuren Poes, der musikalisch mit seinem Leitmotiv sowie mit dem Chor „Dies illa, dies irae“ zitiert wird. Da diese Handlung jedoch auf eine Duschszene à la „Psycho“ sowie einen Schuss im Dunkeln hinausläuft, lässt die Musik die bekannten kreischenden Psycho-Geigen von Bernard Hermann erklingen.

Aber die Musik kann auch Poes Jubel über das Wiedersehen mit Leonie illustrieren, sowie die unheimliche Stimmung in Poes altem Haus, in dem Poe mit Leonie zusammen wie Ehepartner leben. Erst nach dem Schuss tritt wieder die düstere Stimmung vieler Poe-Folgen auf, und zwar mit der dramatischen Stimmung einer Tragödie. Erst durch die Geräusche des Aufbruchs zu neuen Zielen wird dieser Tiefpunkt überwunden. Und der Schluss-Song entführt den Zuhörer wieder in andere Gefilde.

Ein Streichquartett und Musiker des Filmorchesters Berlin wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht. An der Musik gibt es absolut nicht auszusetzen. Für die jüngere Generation mag sie aber zu klassisch orientiert sein.

|Der Song|

Jede Folge der Serie wird mit einem Song abgeschlossen, und in jeder Staffel gibt es einen neuen Song. Diese Staffel enthält den Song „You see“ von der deutschen Gruppe |Elane|. Die Stilrichtung entspricht einem weiterentwickelten Celtic Folk Rock, wie er von der Gruppe |Clannad| in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. Auch bei |Elane| wird englische mit gälischer Sprache kombiniert.

Die Musik verbindet Romantik und sehnsuchtsvolle Mystik, was einerseits durch die Instrumentierung, zum anderen durch den mehrstimmigen Frauengesang betont wird. Zu den Instrumenten, die für Folk Rock obligatorisch sind, gehören die akustische Gitarre, die Harfe und die Flöte. Dass Drums, E-Gitarre und E-Bass eine elektrisch verstärkte Rhythmusgruppe bilden, wurde schon von |Clannad| als Standard etabliert. Besonders interessant bei |Elane| ist die Mehrstimmigkeit.

Ich konnte zwei tiefe Frauenstimmen ausmachen und eine hohe Frauenstimme, also Alt und Sopran. Die Überlagerungen machen die Harmonien zu einer kniffligen Angelegenheit der gegenseitigen Abstimmung, sonst können leicht Disharmonien oder gar Rhythmusstörungen entstehen. Soweit ich hören könnte, gelingt die Polyharmonie jedoch durchweg einwandfrei – Applaus.

Ob der Celtic Folk Rock dem Thema „Feeninsel“ Rechnung trägt, sei dahingestellt. Aber es gibt jedenfalls schlimmere Abschluss-Songs, und „You see“ klingt sehr erträglich.

_Unterm Strich_

Diese Folge habe ich mit hohen Erwartungen antizipiert, doch die Ausführung hat mich enttäuscht. Statt zahlreicher Hinweise auf Poes Familie liefert die Handlung nur Flops und stark verzögerte Belohnungen, während man dem Eheleben der Beinahe-Poes folgt und das Haus auf den Kopf stellt.

Die Daramaturgie verfolgt ein anderes Ziel als vordergründige Action, nämlich einen psychologisch herbeigeführten, dramatischen Höhepunkt. Dass sich dieser erst aus Poes innerem Erleben ergeben kann, dürfte einleuchten. Geschickt balanciert Morellas Erscheinen im Traum in der Ungewissheit, ob es sich wirklich um einen Traum, eine Erinnerung oder gar um die Einflüsterung einer realen Figur handelt.

Umso verblüffender dann die Duschszene aus „Psycho“. Da hat man doch ein wenig stark aufgetragen, wenn auch der melodramatische Effekt sehr willkommen ist. Der Eindruck, dass sich die Entwicklung zuspitzt, wird schon von der übernächsten Szene bestätigt, als ein Schuss mit verhängnisvollen Folgen fällt.

|Das Hörspiel|

Die akustische Umsetzung ist vom Feinsten, und man merkt in jeder Szene, wie viel Sorgfalt die Mitwirkenden und Macher aufgewendet haben, um die Episode reizvoll und stimmungsvoll zu gestalten. Aber die Episode langweilt in den ersten zwei Dritteln durch ihre Taktik verzögerter Belohnungen: Die Hinweissuche ergibt fast nichts. Kein Wunder, sagt man sich hinterher, denn die wirklich wichtigen Hinweise finden sich erst im direkten Kontakt mit der Vergangenheit. Das letzte Drittel überrascht dann mit umso mehr Action, die nun jedoch unausgewogen und überstürzt wirkt, als sei sie drangeklebt worden. Wenigstens hat Poe nun zwei weitere Ziele, die er anpeilen kann.

|68 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3689-0|
http://www.poe.phantastische-hoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de
http://www.elane-music.de

Lewis Carroll / Oliver Sturm – Die Jagd nach dem Schnatz (Hörspiel)

Sinnlich-hintersinnige Nonsens-Sch(n)atzsuche

Neun Männer und ein Biber landen auf einer Insel, um dort den sagenhaften Schnatz zu jagen. Doch was ist dieses Fabelwesen? Einen Schnatz zu erkennen, ist gar nicht so einfach – und ihn zu fangen noch viel schwieriger! Weit und breit taucht kein Harry Schotter® auf, um den Schnatzjägern einen hilfreichen Hinweis zu geben. Doch der furchtlose Captain ist ein Meister darin, seine Mannen zu motivieren, und so gelingt dem Bäcker, was keiner mehr für möglich gehalten hätte. Leider ist er gleich darauf auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Das Hörspiel ist für Kinder ab 7 Jahren geeignet, gibt der Verlag an.

Lewis Carroll / Oliver Sturm – Die Jagd nach dem Schnatz (Hörspiel) weiterlesen

Edgar Allan Poe / diverse Interpreten – Visionen

Huldigung an Edgar, mit Überraschungen

Dieses wunderschön aufgemachte Hörbuch bietet auf zwei CDs eine Menge Werke, die von Edgar Allan Poe stammen oder zumindest von ihm inspiriert sind. Auf der ersten CD werden seine Gedichte vorgetragen, auf der zweiten Scheibe erklingen eine Menge interessante und völlig unterschiedliche Musikkompositionen. Ein umfangreiches Booklet liefert jede Menge Informationen, nur eine nicht: Wie lang ist das Hörbuch?

Edgar Allan Poe / diverse Interpreten – Visionen weiterlesen

Hamilton, Peter F. – Den Bäumen beim Wachsen zusehen

Ein rätselhafter Mord ereignet sich an der ehrwürdigen Universität von Oxford: Im rechten Auge des Studenten Justin Ascham Raleigh steckt ein Messer. Doch weder den Mörder noch seinen Fluchtweg noch das Motiv vermag Chefinspektor Pitchford herauszufinden. Wie es scheint, haben Justins fünf engste Freunde alle ein Alibi bzw. kein Motiv.

Der Familien-Ermittler der Raleighs hofft auf den technischen Fortschritt, um die Beweismittel, wo sie auch sein mögen, herbeizuschaffen, um den wahren Mörder zu finden, zu überführen und seiner gerechten Strafe zuzuführen.

In der Tat dauert es noch 206 Jahre, bis Edward dieses Kunststück gelingt, 10.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Und im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

Der Autor

Peter F. Hamilton wurde 1960 in Rutland, GB, geboren. 1988 erschien seine erste Kurzgeschichte in dem Science-Fiction-Magazin „Fear“. Sein erster Roman, der erste Band der „Mindstar“-Trilogie, erschien 1993. Das Hauptwerk Hamiltons bildet bislang der (im Deutschen) sechsbändige |Armageddon|-Zyklus, eine der wichtigeren New Space Operas.

Der Sprecher

Detlef Bierstedt ist ein gefragter Synchronsprecher, der u.a. George Clooney und Jonathan Frakes (Star Trek TNG) seine Stimme leiht und mit Begeisterung Hörbücher interpretiert. Für |Lübbe Audio| hat er die Dick-Francis-Romane gelesen.

Handlung

Wir schreiben das Jahr 1832. Im englischen Oxford klingelt zu nachtschlafender Stunde das Telefon von Edward Bucahanan Raleigh, einem Ermittler der weitverzweigten Familie Raleigh. Am Apparat: Francis Haughton, der Repräsentant bzw. Unterhändler des Klans. Schlechte Nachrichten: Einer der Ihren wurde an der Uni tot aufgefunden – ermordet!

Im Elektroauto – Verbrennungsmotoren sind verboten – fahren die beiden mit dem Affentempo von 25 km/h zur Uni, ans Dunbar College. Seltsam, es sind immer noch Leute unterwegs, die Hälfte davon schwangere Frauen. Chefinspektor G. A. Pitchford empfängt die beiden Herren im Zimmer des getöteten Studenten. Es ist voller Sternkarten, Fotos und einer elektrischen Schreibmaschine. Justin Ascham Raleigh studierte hier Astronomie, nun steckt ihm ein Messer im Hirn.

Er war Mitglied einer Freundesgruppe von weiteren fünf Studenten und Studentinnen, die der Reihe nach von Inspektor Pitchford verhört werden. Peter Samuel Griffith und Carter Osborne Kenyon werden entlastet. Bethany Maria Caesar aus dem Klan der Caesars war Justins Freundin, er wollte sie heiraten und viele Kinder mit ihr haben. Sie studiert Biochemie und steht kurz vor der Entdeckung der DNS. Sie kommt ja wohl kaum als Täterin infrage.

Dann sind da noch die schwangere Christine Jayne Lockett, eine Künstlerin von lockeren Sitten, und der zwielichtige Anthony Caesar Pitt. Er macht seine Aussage nur in der Obhut des Familien-Repräsentanten Neill Heller Caesar. In der Mordnacht will Anthony in einem illegalen Spielklub des Lasters gefrönt haben. Immerhin kann Edward Raleigh Anthonys Zigarrenstummel finden und in einer Plastiktüte verstauen. Es sieht ganz so aus, als habe jeder der fünf Studenten ein gutes Alibi. Wie aber konnte der Mord verübt werden, wie konnte der Mörder entkommen? Niemand hat ihn aus Justins Zimmer kommen sehen. Ist er an der Glyzinie vor dem Fenster hinuntergeklettert?

Edward schwört bei seiner Familienehre, er werde den Mörder bis ans Ende seiner Tage verfolgen und nicht ruhen, bis er ihn – oder sie – dingfest gemacht hat. Einstweilen hinterlegt er seine Beweismittel in der Gefrierkammer des Gerichtsmedizinischen Instituts auf dem Raleigh-Hauptsitz in Southampton. Es wird von der attraktiven Rebecca Raleigh Stothard geleitet, einer klugen Frau, die zwar – wie viele der Langlebigen in den Familien — bereits über hundert Jahre alt ist, aber durch ihre Verjüngungskuren aussieht wie Mitte Zwanzig. Edward findet sie ausnehmend verführerisch. Trotz ihrer 17 Kinder.

Manhattan im Jahre unserer Herrin Maria 1853. Die anhaltende Bevölkerungsexplosion hat auch die Völker, die sich seit 1630 in Nordamerika niedergelassen haben, zu einer platzsparenden Bauweise in die Höhe gezwungen. Es gibt TV, Luft- und Raumfahrt, sogar einen Kanaltunnel. Neill H. Caesar empfängt Edward. Edward bestätigt Anthonys Alibi. Im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

Der Jupitermond Ganymed im Jahre unserer Herrin Maria 1920. Die „Kuranda“ legt als erstes Raumschiff der Raleighs auf einer der vielen Welten der Familie Caesar an. In der Ganymed-Hauptstadt Neu-Mailand wird Edward von Bürgermeister Ricardo Saville Caesar empfangen. Die Raleighs und Percys fragen sich besorgt, was zum Kuckuck die Caesars mit all ihren Welten vorhaben.

Edward besucht Bethany Maria Caesar auf dem vulkanischen Jupitermond Io in ihrem Forschungsinstitut. Bei ihrem Anblick ist er entsetzt: Sie sieht ALT aus! Zu seiner Bestürzung hat sie Einwände gegen die Langlebigkeit der Familien: Deren Mitglieder würden sich gegen Wandel wehren. KIs nähmen ihnen die Arbeit ab, so dass sie in Trägheit verfielen. Bethany, einst Justins Braut, entwickelt die Nanotechnologie zur Biononik.

1971, das Raleigh Familien-Institut. Bethanys Biononik hat die Menschen quasi zu Göttern gemacht. Tod, Altern, sogar Arbeit gehören der Vergangenheit an. Das Wichtigste ist nun Materie, aus der man per Biononik einfach alles herzustellen vermag. Der Bevölkerungsdruck hat die Menschheit sich auf die gesamte Galaxis ausbreiten lassen, seitdem sie mit ihren Raumschiffen durch Wurmlöcher zu den fernsten Welten gelangen kann. Im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

Doch der Mord an Justin Raleigh ist ungelöst, ungesühnt, und Edward, nunmehr im Obersten Familienrat der Raleighs, darf nicht ruhen. Er zitiert Christine Jayne Lockett herbei. Anders als die Familien und die meisten Kurzlebigen ist sie ein Hippie und eine Naturanhängerin, die die Langlebigkeit und Rückstellung ablehnt. Gegen ihren Willen lässt er – wie in der Dick-Story „Paycheck“ – ihr Gedächtnis auslesen und nach Erinnerungen aus der Mordnacht durchsuchen. Doch die „Zeitreise“ beweist ihre Unschuld. Wäre Edward nicht bereits so mächtig, würde sie ihn vor den Kadi zitieren.

Wieder führt Edward sein Weg zu Carter Osborne Kenyon, einem der Sechs aus Oxford. Im Jahr 2000 unserer Herrin Maria besucht er ihn in der Erdumlaufbahn. Obwohl das Gehirn des Kernphysikers nach einem schweren Unfall schwer beschädigt ist, lässt er auch dessen Gedächtnis analysieren. Und diesmal findet er auf der erneuten „Zeitreise“ ins Jahr 1832 den ersten handfesten Hinweis auf den Mörder.

Wir schreiben das Jahr unserer Herrin Maria 2038. Region Eta Carinae, eines 10.000 Lichtjahre von der alten Erde entfernten Riesensterns. Edward ist gekommen, um den Täter zu verhaften und einer, wie er behauptet, „gerechten“ Strafe zuzuführen. Doch der Unterschied zwischen Humanität und Barbarei ist manchmal nur eine Frage des Standpunktes…

Mein Eindruck

Der alternative Geschichtsverlauf, den Hamilton in seiner wunderbar spannenden Detektivgeschichte klassischen Zuschnitts zeichnet, blickt auf eine ehrwürdige britische Tradition zurück. Schon in den sechziger Jahren stellte sich der britische Autor Keith Roberts ein England vor, in dem es dem Vatikan gelungen war, die vom katholischen Glauben abgefallene Königin Elizabeth I. ermorden zu lassen, In der Folge konnte die Armada des katholischen Königs Philipp von Spanien England erobern und komplett auf katholische Werte zurückstellen.

Doch anders als bei Roberts stellt sich Hamilton vor, dass diese Wende nicht zu technischem Rückschritt – statt Telefon gibt es noch Signalmasten für die Nachrichtenübermittlung – geführt hätten, sondern wegen der Bevölkerungsexplosion zu beschleunigtem technischem Fortschritt. Eine dünne privilegierte Oberschicht, die Familien der Langlebigen, treibt die wissenschaftlichen Studien voran, während die Kurzlebigen oder „Ephemeren“ niedere Arbeiten à la Morlocks verrichten. Revolutionen hat es schon lange nicht mehr gegeben, in Rom herrschen die Kaiser und der Kongress des Zweiten Imperiums, im Vatikan die Borgias. Diese vertreten die biblische Doktrin von Johannes Paul II.: Keine Verhütung, sondern vermehret euch und bevölkert die Erde – und den gesamten Weltraum am besten gleich dazu!

Das Raffinierte und wirklich Befriedigende an dieser Erfindung Hamiltons ist, dass es genau diese Kluft zwischen Lang- und Kurzlebigen ist, die das Motiv für den Mord an Justin liefert. Edward, der unermüdliche Ermittler, muss erst diesen Balken in seinem Auge finden, bevor er überhaupt dessen Bedeutung begreift. Und so das Motiv erkennt. Seine Strafe ist furchtbar und hat nicht wenig von einem Mord und ewiger Verdammnis an sich. An diesem Punkt ist es dem Hörer überlassen, ein moralisches Urteil zu fällen: Der Mord musste gesühnt werden, in Ordnung – aber wirklich um diesen Preis?

Der Sprecher/Die Inszenierung

Detlef Bierstedt liest ausdrucksvoll, leicht verständlich, nicht zu überhastet. Den verschiedenen Figuren vermag er unterschiedliche Charakteristika zu verleihen, so dass man sie unterscheiden kann. Das einzige Detail, das ein Englischkenner einwenden könnte, ist seine Aussprache des Familiennamens Raleigh. Bierstedt spricht das [rälli] aus, als handle es sich um eine Rallye statt um eine Sippe. Ich würde es [rå:li] aussprechen, so wie die Universitätsstadt in North Carolina – oder wie in „Sir Walter Raleigh“, einem der ersten Entdecker Nordamerikas zu Elizabeths I. Zeiten.

Unterschiede zum Buch

Wieder einmal konnte ich den gesprochenen Text mit dem in Peter Crowthers Anthologie „Unendliche Grenzen“ (Bastei-Lübbe 2003, Nr. 23266) vergleichen. Dabei stellte ich fest, dass etliche Seiten gestrichen worden sind. Dies betrifft zum Beispiel ein Forschungsgebiet, das Justin beackerte. Allerdings ist das nicht weiter schlimm, wie mir scheint, denn der Begriff C-60 taucht später nie wieder auf, ist also ohne Belang. Andere Kürzungen betreffen Ausführungen über die Weiterentwicklung der Menschheit während der erzählten Zeit. Dass Bethany die Biononik (= Nanotechnologie) entwickelt hatte, entging mir zunächst, das wird aber später nochmals separat erwähnt.

Unterm Strich

Schon die erste Zeile der Story verblüfft den Hörer: ein Telefon im Jahre 1832?? Und so geht es bis zum Schluss weiter. Die Geschichte ist eine Entdeckungsreise, die ihren eigenen Reiz ausübt.

Zum anderen ist sie auch eine spannende Detektivgeschichte klassischen Zuschnitts, die eines Sherlock Holmes oder Auguste Dupin (E. A. Poe) würdig wäre. Wenn man alle Möglichkeiten ausgeschlossen hatte, bleibt frei nach Ockham und Holmes nur noch eine logische Lösung übrig, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag. Diese spezielle Lösung jedoch bricht einem schier das Herz. Dass sie an den Kern des Problems dieser Zukunft rührt, macht sie so zwingend und überzeugend. Sie führt uns selbst zur Frage zurück, was passieren würde, wenn jeder es dem Vatikan recht machte. Selbst wenn dort nicht die Borgias herrschen.

Das Hörbuch

Bierstedts Lesung ist ein Vortrag, dem man gerne folgt (selbst wenn man sich nicht wie ich Notizen dabei macht). Man muss schon die Ohren ein wenig spitzen, um alle ironischen Abweichungen von der uns bekannten Geschichtsschreibung zu bemerken. Dennoch: Ein ernsthafter Ermittler vom Zuschnitt eines Edward Raleigh muss auch entsprechenden Ernst auszudrücken vermögen. Es geht ihm um nichts Geringeres, als den Mörder zur Strecke zu bringen, möge es auch über 200 Jahre dauern.

Diesen Ernst glaubwürdig zu vermitteln, gelingt Bierstedt meiner Ansicht nach. Auch wenn ich über die Aussprache von „Raleigh“ ganz anderer Ansicht bin.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Márai, Sándor – Glut, Die (Lesung)

_Die Glut der verborgenen Leidenschaft_

Im Jahre 1999 wurde dieses erzählerische Meisterwerk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stehen eine tragische Dreiecksbeziehung und Fragen nach Freundschaft und Treue, nach Stolz und Noblesse.

_Der Autor_

Der ungarischer Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman „Die Glut“ erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

_Die Sprecher_

Das Hörspiel von Sebastian Goy wurde von verschiedenen Rundfunkanstalten in Kooperation umgesetzt, darunter Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk. Regie führte Walter Adler. Das Hörbuch entstand im Jahr 2000, ist also nicht das jüngste.

General: Thomas Holtzmann. Über ihn ist mir nichts bekannt.

Konrad: Rolf Boysen – er spielte den kaiserlich-böhmischen General Wallenstein in der gleichnamigen TV-Verfilmung von Golo Manns Roman, die immer noch eine der besten Leistungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der BRD darstellt.

Weitere Rollen wurden mit Doris Schade, Michael König, Susanne Lothar und Hans-Peter Hallwachs besetzt. Letzterer trat inzwischen auch als Sprecher von Hörbüchern hervor.

Das schöne Titelbild zeigt ein Gemälde von Alexandre Cabanet, mit dem er „Die Comtesse de Keller“ porträtierte, eine schwarzhaarige Schönheit in grünem Kleid und mit Perlenohrringen.

_Handlung_

Das Geschehen spielt an nur einem Abend des Jahres 1940, doch geht es im eigentlichen Sinn um eine kurze Zeitspanne vor exakt 41 Jahren und 43 Tagen, also im Jahre 1899. Henrik, dem General, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, sind solche Zahlen immer noch sehr wichtig. Seine Amme Nini, die immerhin schon 91 ist, weiß das nur zu gut. Und deshalb widerspricht sie seinen Anordnungen nicht. Genauso wenig, wie seinerzeit die Generalsgattin Krisztina ihm widersprach. Sie starb 1907, dreißigjährig, vor 32 Jahren. Und doch ist es, als wäre es erst gestern geschehen.

Heute ist ein besonderer Tag: Henriks Jugendfreund Konrad hat sich angekündigt. Der General beschließt, diesen Tag zu einem Tag der Rache und Abrechnung zu machen, für das, was Konrad getan hat.

Konrad, der seit jenem Schicksalstag in Singapur und London gelebt hat, war im Alter von zehn Jahren zum besten Freund des Generals geworden, als beide die Kadettenschule von Wien besuchten. Aufgenommen in Henriks Familie, blieb er das auch 24 Jahre hindurch, bis 1899. Doch Konrad liebte im Gegensatz zum General die Musik, empfand in ihr Lust und Befreiung. Diese Leidenschaft blieb dem pflichtbewussten General verschlossen, doch den Frauen gefiel sie. Warum dann ging Konrad weg, warum floh er an jenem Schicksalstag, trat aus dem Militär aus und wanderte in die feuchten Tropen aus?

Konrad ist keineswegs der Gesprächigste und rückt mit keinerlei Bekenntnissen heraus. Ist er zu feige oder zu rücksichtsvoll, um die Lebenden und die Toten (Krisztina) zu beschuldigen?

Daher erinnert der General ihn an jenen Morgen auf der Hirschjagd im Wald, als Konrad sein Gewehr auf den General, seinen besten Freund, anlegte und zielte. Warum schoss er nicht? Konrad ging weg und kehrte erst am Abend wieder, um mit Krisztina, die ein Buch über die Tropen (!) las, intensiv zu plaudern, so intensiv, dass sich ihr Mann ausgeschlossen fühlte.

Am nächsten Tag sucht er Krisztinas Tagebuch, in das er sonst immer Einblick erhalten hat: Es ist verschwunden. Bis heute. Heute hat der General das Tagebuch wieder und legt es Konrad ungeöffnet als Kronzeugen vor, quasi an Krisztinas Stelle. Wird Konrad sich verteidigen? Krisztina hatte ihn damals bereits angeklagt, als er verschwand: „Er ist geflohen. Der Feigling.“ Hatte sie etwa mit Konrad aus der Ehe ausbrechen und abreisen wollen? War das der Grund für Konrads „Flucht“? Danach sprach sie kein Wort mehr mit Henrik. Ein altes Rätsel, das gelöst werden muss.

Wird Konrad sich endlich verteidigen, oder wird der General das Tagebuch in die wartende Glut des Kaminfeuers werfen, auf dass die Wahrheit für immer begraben sei?

_Mein Eindruck_

Henrik, der General eines untergegangenen Reiches (das der Habsburger), hält einen beeindruckenden Monolog, in dem sich Rachegelüste, Enttäuschung und ein inniger Glaube an die Macht der Gefühle vermengen. Doch eine tiefe Kluft ist spürbar, ein kafkaesker Abgrund zwischen ihm und dem, was aktuelle politische Realität ist. Henrik ist ein Fossil.

Sein Jugendfreund Konrád hat dem nicht viel entgegenzusetzen, denn er schweigt meistens. Doch in dem Ringen um die Wahrheit verschiebt sich wiederholt die Perspektive. Am Ende steht zumindest bei Henrik die traurige Erkenntnis, dass dieses Ringen sinnlos ist. Die von beiden geliebte Frau ist seit Jahrzehnten tot; Henrik hat nach dem Vorfall nie wieder mit ihr gesprochen. War sie Konrads Komplizin und Geliebte? Henrik und Konrad haben – jeder auf seine Art – die Liebe verraten und damit ihrem Leben den Sinn geraubt.

Die Handlung verläuft quasi in drei Stufen: Zunächst das Warten des Hausherrn auf den Besuch des Jugendfreundes, dann folgt die Begegnung der beiden und schließlich der lange Monolog Henriks, nur wenige Male von Anmerkungen Konráds unterbrochen.

Die enorme Spannung, die der Text über die gesamte Länge aufrecht erhalten kann, speist sich aus der Neugier auf den Fortgang beziehungsweise die Auflösung der Geschichte. Sie lebt aber vor allem aus den aufgegriffenen Themen, aus der Tatsache, dass es die existenziellen, die letzten Fragen sind, die in diesem Buch gestellt werden. Treue zu Freund und Ehefrau, wechselseitiger Verrat der beiden, Suche nach Klarheit in der Aufklärung einer moralischen Katastrophe, die 41 Jahre zurückliegt, in einer anderen Welt, als das Reich noch in Ordnung war.

Nach und nach erweitern geschickt gesetzte Rückblenden im Zuhörer die Ahnung von dem Geschehen in dieser dramatischen Dreiecksgeschichte. Da jedoch alles aus der Perspektive der Hauptfigur des Generals geschildert wird, kann man nicht entscheiden, ob seine im Monolog entfaltete Version der Wirklichkeit entspricht. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Warum hatte Konrad nicht abgedrückt und seinen Freund erschossen? War dies die einzige Möglichkeit, sowohl Freund als auch Geliebte zu behalten? Im Ergebnis jedoch verlor er beide, lebten alle drei ein Scheinleben der Unerfülltheit.

Das Leben des Generals entscheidet sich an nur zwei Tagen des Jahres 1899. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime und verbotene Leidenschaft zueinander ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Urplötzlich befindet sich Henrik auf einer emotionalen Insel, separiert von Frau und Freund, genau wie er sich zeitlich nach dem Untergang des Reiches auch gesellschaftlich-politisch auf einer Insel des Gestern befindet, dem persönlichen Untergang entgegentreibend. Und so wird aus der Abrechnung mit Konrad zugleich auch eine Abrechnung mit der vergangenen Kultur der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Der Glanz ist vergangen, genau wie die Glut der Leidenschaft des Jahres 1899.

|Empfehlung|

Man sollte diese Geschichte gleich mehrmals erleben, denn sie besteht aus mehreren Schichten der Bedeutung. Jede Rückblende häuft eine weitere Dimension zum bereits Gesagten hinzu. Erkenntnis überlagert Erkenntnis. Ich habe mir wie immer Notizen gemacht – nicht nur, um die vertrackte Zeitstruktur auf die Reihe zu bekommen und mir die Namen zu merken, sondern auch um Henriks Argumente festzuhalten, die er gegen Konrad und seine Frau vorbringt. Doch am Ende steht der Eindruck, dass es um Dinge und Taten geht, die nicht in Worten ausgesprochen werden. Daher nochmals meine Empfehlung, das Hörspiel mehrmals anzuhören, um die Zwischentöne aufzuspüren.

|Die Sprecher|

Meist sprechen hier alte Männer, im Monolog dominiert Thomas Holtzmann als der alte General. Er spricht nuancenreich, wechselt oft das Tempo, je nachdem, ob er sich erinnert oder Konrad direkt anspricht. Die anderen bekannten Sprecher wie etwa Hans-Peter Hallwachs spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Dramaturgisch ist das Hörspiel aufgrund des dominierenden Monologs wenig attraktiv: Es passiert rein gar nichts, und nur die Psychologie des Augenblicks erschafft die Spannung aus der Frage, ob es am Ende Mord und Totschlag geben wird.

_Unterm Strich_

„Die Glut“ ist ein sehr ruhiges, absolut aktionsloses Hörspiel. Der Zuhörer ist gezwungen, genau hinzuhören, um zu erfassen, welches psychologische Drama sich entfaltet. Zudem finden viele Rückblenden Eingang in die psychologische Aufladung des Augenblicks, und die entscheidenden Zeitebenen liegen 41 Jahre auseinander. Dennoch mag das Hörspiel seinen hochliterarischen Reiz entfalten für denjenigen, der bereit ist, es sich mehrmals anzuhören. Es eignet sich definitv nicht für lange Autofahrten. Vielmehr sind in den Tiefen zwischen den Sätzen die Geheimnisse und Rätsel erst bei genauem Hinhören aufzuspüren. Dass sie existieren, können Millionen Leser in aller Welt bezeugen. „Die Glut“ war die literarischen Sensation der neunziger Jahre.

|Mehr Details über den Autor|

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Mehr dazu bei| [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__M%C3%A1rai |

|Originaltitel: A gyertyák csonkig égnek
Originalausgabe 1942, Dt. Erstausgabe 1950, neu 1999 bei Piper
übersetzt von Christina Viragh|

James, Henry / Gruppe, Marc – Unschuldsengel, Die (Gruselkabinett 5)

_Psychodrama: Kampf der Unschuld gegen Dämonen_

England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Eine neue Gouvernante übernimmt die Betreuung und Erziehung der Waisen Miles und Flora auf dem einsam gelegenen, herrschaftlichen Landsitz Bly. Doch die Idylle trügt. Schreckliches hat sich hier ereignet.

Der böse Einfluss der vorherigen Gouvernante und des Hausverwalters scheint fortzuwirken, obwohl beide mittlerweile verstorben sind. Die neue Gouvernante beginnt, von Tag zu Tag mehr an den Unschuldsmienen ihrer Schützlinge zu zweifeln … (Verlagsinfo)

Empfohlen ab 14 Jahren.

_Der Autor_

Henry James (1843 bis 1916) wurde in den USA geboren, lebte aber ab 1876 in Großbritannien und entfaltete dort einen enormen Einfluss auf die Schriftsteller seiner Zeit, namentlich auf H. G. Wells und Joseph Conrad. Er ist eine zentrale Figur in der Entwicklung des modernen Romans und für die so genannte |Supernatural Fiction|, die heute unter Horrorliteratur subsumiert wird, von ebenso großer Bedeutung: Er führte das Konzept des „unzuverlässigen Berichterstatters“ als Erzählmodus ein und schrieb mit „The Turn of the Screw“ auch gleich das beste Beispiel dafür.

Wer sich den Film „The Others“ ins Gedächtnis ruft, dem wird auffallen, dass auch dort die Hauptfigur, durch deren Augen wir das Geschehen hauptsächlich – aber nicht durchgehend – verfolgen, ebenfalls höchst unzuverlässig ist. Das liegt an der einzigartigen Grundbedingung ihrer Wahrnehmung: Sie ist ein Geist.

_Die Sprecher_

Vor diesem Hintergrund ist es eine positive Überraschung zu lesen, dass die deutschen Stimmen der zwei Kinder der Hauptfigur in „The Others“ auch in „Die Unschuldsengel“ zu hören sind. Die deutschen Sprecher sind die selben: Lucas Mertens (Miles) und Charlotte Mertens (Flora).

Die weiteren Rollen:

Gouvernante (die durchweg namenlos ist): Rita Engelmann (dt. Stimme von Deneuve & Kim Novak)
Mrs. Grose: Regina Lemnitz (dt. Stimme v. Kathy Bates, Diane Keaton)
Violet Jessel, die vorherige Gouvernante: Arianne Borbach (zu hören als Catherine Zeta-Jones)
Peter Quint, der vorherige Hausverwalter, Violets Lover: David Nathan (Leonardo diCaprio, Christian Bale, Johnny Depp)
Vormund von Miles & Flora: Patrick Winczewski

_Handlung_

(Die sechs Seiten der Rahmenhandlung wurden auf eine einzige Szene verdichtet. Die Ich-Erzählung ist als eine Art Tagebuch anzusehen, das die tragischen Vorgänge auf Gut Bly erklären – und die Schreiberin rechtfertigen – soll.) „Niemals hätte ich diese Stellung annehmen dürfen.“

Eine junge Pfarrerstochter meldet sich auf eine Anzeige, in der eine Gouvernante gesucht wird, und stellt sich bei ihrem potenziellen Arbeitgeber vor. Sie begibt sich in das prächtige Stadthaus in der Harley Street, doch noch viel mehr fühlt sie sich durch den charmanten Hausherrn bezaubert. Er ist der Vormund der zwei Kinder seines in Indien verstorbenen Bruders und seiner Schwägerin. Da er als Junggeselle nichts von Kindererziehung verstehe, wolle er die Erziehung von Miles und Flora in kompetente Hände legen. Allerdings leben sie nicht in London, sondern auf dem Gut Bly, dem Stammsitz der Familie. Sie wäre quasi die Herrin auf Bly, falls sie zusage. Ihre Vorgängerinnen hätten, ähem, aufgegeben. Es gebe nur eine Bedingung, die er stelle: Sie dürfe ihn niemals, unter keinen Umständen, mit den Angelegenheiten auf Bly behelligen! Sie sagt zu.

Das Willkommen auf Bly könnte herzlicher nicht sein, und Mrs. Grose, die Haushälterin, ist eine hilfsbereite, wenn auch sehr einfache und ungebildete Frau. Die süße Flora teilt mit der neuen Gouvernante das Zimmer. Der zehnjährige Miles wird in drei Wochen aus dem Internat zurückerwartet, doch ein Brief seines Schuldirektors kündigt seine vorzeitige Rückkehr an. Die Gouvernante und Mrs. Grose können sich nicht erklären, warum Miles von der Schule verwiesen wurd: „schädliches Verhalten“ – was soll darunter zu verstehen sein?

Miles erweist sich als kleiner Gentleman und hat die arglose Gouvernante in Nullkommanix um den Finger gewickelt. Es ist Sommer und sie wähnt sich mit „ihren“ beiden Kindern wie im Paradies. Da sieht sie eines Tages einen fremden Mann auf dem Turm. Er wirkt auf sie wie eine dämonische Bedrohung, doch Mrs. Grose hat ihn nicht gesehen. Außerdem ist der Turm völlig unzugänglich. Doch die Gouvernante sieht den Fremden erneut draußen vor dem Fenster. Ihr ist klar: „Er sucht die Kinder!“

Nun muss Mrs. Grose mit der Wahrheit herausrücken: Es handle sich wohl der Beschreibung nach – feuerrotes Haar, stechender Blick, schlecht sitzende Kleidung – um Peter Quint, den früheren Hausverwalter. Doch er sei bereits Jahre tot. Nach einem seiner zahlreichen Kneipenbesuche habe er sich bei einem Sturz auf dem Heimweg eine tödliche Kopfwunde zugezogen. Miles sei ihm hörig gewesen, denn Quint führte unangefochten das Regiment auf Bly.

Der Schutzreflex der Gouvernante wird noch verstärkt durch die Geistererscheinung, die ihr am See widerfährt: Es ist Violet Jessel, die vorherige Gouvernante. Sie ruft nach Flora, so wie Quint stets nach Miles ruft. Doch Flora gibt vor, sie nicht zu kennen. Kein Wunder, denn auch Miss Jessel ist schon länger tot. Floras Verhalten weckt das Misstrauen der Gouvernante. Stecken sie und Miles etwa mit den beiden Geistern unter einer Decke? Haben sie sich gegen sie verschworen?

Da entdeckt die Gouvernante, welches Geheimnis sich hinter den beiden Geistern verbirgt. Ihre ernste Besorgnis steigert sich zu verzweifelter Panik, um ihre beiden Schutzbefohlenen vor dem Verderben zu retten.

_Mein Eindruck_

So wie Schönheit laut Volksmund im Auge des Betrachters liegt, so verhält es sich mitunter auch mit dem Bösen. Ist die Bedrohung durch Quint und Jessel für die Kinder wirklich oder eingebildet? Die Deutungen reichen von der Akzeptanz der beiden Geister bis hin zu einer völlig realistischen Erklärung. Die Gouvernante habe sich in ihren charmanten Dienstherrn, den Vormund, verliebt, doch als weit unter ihm stehende Pfarrerstochter unterdrückt sie ihre Libido, sublimiert sie vielmehr, indem sie sich zärtlich seinen beiden Mündeln widmet.

In Peter Quint erblickt sie den bedrohlichen Doppelgänger des Vormunds, und da sie weder auf Autorität noch auf Erfahrung zurückgreifen kann, ist sie völlig auf sich angewiesen. Ihren Befürchtungen ausgeliefert, bilde sie sich die Bedrohungen durch die beiden Vorgänger ein. Ihre eigenen Aggressionen gegen die Welt übertrage sie auf die beiden Vorgänger, verdammt sie zudem in moralischer Hinsicht, weil die beiden eine „schamlose“ Beziehung zueinander hatten. Ihre Aggression überträgt sie aber außerdem, und das ist letzten Endes ausschlaggebend, als Misstrauen auf die Kinder: Sie sollen Gehilfen der beiden Dämonen sein.

Dass das Auftauchen der Gouvernante die Dämonen erst zum Leben erweckten habe, ist eine weitere Deutung (E. F. Bleiler). Sie weigert sich zudem, den Dämonen irgendwelche Macht zuzugestehen, obwohl sie die Einzige ist, die sie wahrnehmen kann. Durch ihre Weigerung, eine weltliche Transzendenz der Realität zuzulassen, wird sie nicht der Epiphanie (vulgo: Erleuchtung) teilhaftig, wie sie für E. M. Fosters Figuren – etwa in „Ein Zimmer mit Aussicht“ – so charakteristisch ist. Sie erlangt nie das volle Verständnis der Lage der Dinge. Nicht nur sie, sondern vor allem ihre Schützlinge zahlen dafür einen hohen Preis.

Die größte Ironie besteht jedoch darin, dass sie selbst es ist, die zu einer Besessenen wird. In ihrem Kampf, sich als des Postens und der Aufgabe würdig zu beweisen, kann sie nicht auf Autorität oder altersbedingte Erfahrungen zurückgreifen. Mrs. Grose ist in ihrer Sturheit ebenfalls keine Hilfe. Die unschuldige Pfarrerstochter glaubt, endlich dem „schamlosen“ Geheimnis auf die Spur zu kommen, das Miles verbirgt: Worin bestand sein „schädliches Betragen“? Sie muss beweisen, dass die beiden Dämonen Quint und Jessel, das unmoralische Liebespaar, Besitz von den Kindern ergriffen haben. Nur so kann sie sich auch selbst für unschuldig halten und denken, sie befinde sich im Recht. Schlägt dieses Bemühen fehl, ist ihr Irrtum offenbar, ihr Versagen vollständig.

Und daher kennt ihre Besessenheit kaum Grenzen, als sie erkennt, dass die Kinder sie hänseln, ja, dass sogar der Hilferuf an ihren Vormund abgefangen wurde. Immer weiter wird die titelgebende Daumenschraube weitergedreht. Der innere Druck nimmt zu, ihre eigenen Repressalien – stets wohlmeinend zum Schutz der Kinder eingesetzt – erweisen sich schließlich als verhängnisvoll.

_Die Sprecher_

Die Hauptfigur ist natürlich die Gouvernante (die insgeheim als Ich-Erzählerin auftritt), und ihre Sprecherin Rita Engelmann präsentiert eine ausgezeichnete Darbietung ihres Könnens. Ihre Haltung wechselt von würdevoller Erzieherin häufig hin zur besorgten Mutterfigur, dann wieder – im Dialog mit Mrs. Grose – zur empörten Dame, die sich über das unmoralische Verhalten ihrer Vorgängerin Miss Jessel entrüstet. Mrs. Grose ist schnell als einfache Frau vom Lande zu erkennen; sie kann nicht einmal lesen. Die beiden Kinderrollen von Flora und Miles werden von Lucas und Charlotte Mertens ausgezeichnet ausgefüllt – sie sind ja auch seit ihrer Mitwirkung an „The Others“ richtige Profis.

Etwas kniffliger wird die Sache dann mit den beiden Geistern. Sie dürfen lediglich flüstern, doch es gibt auch etwas zu lachen. Besonders David Nathan als Lebemann Peter Quint tut sich mit einer hämischen Lache hervor, die ein bisschen dick aufgetragen wirkt. Schließlich darf er tatsächlich auch sexistische Schimpfwörter für die Gouvernante benutzen. Und in einer Szene verführt er sein Mitgespenst Violet Jessel wie ein wahrer Casanova. Dies ist der letzte Hinweis darauf, dass es in diesem Psychodrama nicht zuletzt auch um sexuelle Dominanz geht. Die Novelle lässt sich, wie gezeigt, in viele Richtungen deuten. Sie ist aufgrund dieser Thematik erst ab 14 Jahren empfohlen.

_Musik und Geräusche_

Da die Handlung im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, bietet es sich an, Musikformen jener Epoche einzusetzen. Dazu gehört die Klaviersonate. Am Anfang und Schluss erklingt das Piano, erst idyllisch-harmonisch, am Ende traurig in Moll. Zwischendurch hören wir aber auch ein volles Orchester, das mit einer dramatischen Passage die zunehmende Spannung im Hause Bly zum Ausdruck bringt.

Mehr als einmal tobt ein Gewitter über dem Anwesen und symbolisiert entsprechend aufgeregte Gefühle. Dabei überwiegt allerdings das Empfinden einer Bedrohung, eines nahenden Unheils: Raben krächzen. Dabei begann alles so idyllisch: zwitschernde Vögel, rauschende Bäume und plätscherndes Wasser. Doch wie so oft ist es Glockenklang – vor der Kirche, dem Symbol der Transzendenz -, der eine Wendung anzeigt. Die Gouvernante hat eine Entdeckung gemacht, die in ihren Augen Floras Komplizenschaft mit den Geistern belegt. Die Katastrophe lässt nicht auf sich warten.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel von Marc Gruppe vollzieht die langsam steigende Spannung, die stetige Entwicklung der Gouvernante leicht verständlich nach, so dass es keine Verständnisprobleme gibt. Anders als die ziemlich lange Novelle (die ich vor Jahren mal im Studium gelesen habe) kommt das Hörspiel ziemlich schnell auf den Punkt: Der Hörer weiß also stets, woran er ist.

Das bedeutet nicht, dass es hier eine Menge Action gibt, sondern vielmehr steht das Psychodrama im Vordergrund: Wie konnte es zu dem tragischen Verhängnis kommen, das uns am Ende schockt? Was an der Geschichte auffällt, ist indes die völlige Abwesenheit von Fantasy- und Horror-Accessoires wie etwa Werwölfe, Vampire, Giftmischer, Verwandlungen und dergleichen. Durchgehend sind wir in der Lage, das Befremden der Kinder nachzuvollziehen, die ihre Gouvernante immer wieder für verrückt halten – was diese natürlich keinesfalls akzeptieren will.

Obwohl also kein typischer Horror, wirkt doch die Story so, als könnten die Geister entweder echt sein oder auch nicht. In letzterem Fall wäre es eine Studie in entstehendem Wahnsinn, in ersterem eine der besten Gespenstergeschichten, die je geschrieben wurden. Kein Wunder also, dass sie mehrmals verfilmt wurde und es davon sogar eine Oper gibt, wenn ich mich recht entsinne.

|Originaltitel: The Turn of the Screw, 1898
ca. 72 Minuten auf 1 CD|

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)

Thomas A. Barron – Merlin – Wie alles begann (Hörbuch)

„Merlin – Wie alles begann“ ist der erste Teil einer erfolgreichen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein Kind, dessen Mutter seine Herkunft mit einem geheimnisvollen Schweigen umgibt. Klar, dass er seine Wurzeln erkunden muss. Denn das bedeutet, die Quelle seiner Fähigkeiten zu ergründen.

Der Autor

Thomas A. Barron – Merlin – Wie alles begann (Hörbuch) weiterlesen

TKKG – Terror frei Haus (Folge 219)

Die Handlung:

Tim, Karl, Klößchen und Gaby werden Zeugen, wie Klößchens Nachbarin an der Tür von zwei als Paketboten verkleideten Gaunern überrumpelt wird. TKKG eilen Frau Monique van Dorten zu Hilfe. Mit ihrem plötzlichen Auftauchen schlagen sie die Verbrecher in die Flucht. Jetzt müssen die Bewohner der Millionenstadt gewarnt werden – mit diesem fiesen
Paketbotentrick dürfen die Gauner keine Chance mehr haben! Aber die findigen Verbrecher haben längst einen neuen Plan geschmiedet und diesmal sollte es ausgerechnet Klößchen treffen! Tim, Karl und Gaby ahnen nicht, dass ihr Freund in
großer Gefahr ist …(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Der Klappentext klingt schon mal nach einem Fall für die erwachseneren TKKGs. Organisierte Kriminelle (besonders die mit Sturmhauben und Pistolen) neigen nicht zu spaßen und Zeugen sind auch nie gern gesehen. Da wunderts mich, dass hier nur Klößchen in Gefahr sein soll und nicht auch der Rest der Bande.

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TKKG junior – Oskar in der Falle (Folge 17)

Die Handlung:

In Gabys Nachbarschaft verschwinden neuerdings Haustiere. Jedes Mal, wenn das geschieht, wird ein weißer Lieferwagen in der Siedlung gesehen. Sind die Tiere vielleicht entführt worden? Seltsam ist allerdings, dass kein Lösegeld gefordert wird. TKKG übernehmen den Fall und fischen zunächst im Trüben. Als TKKG eines Nachmittags hilflos dabei zusehen müssen, wie auch Gabys Hund Oskar entführt wird, ist es höchste Zeit, die skrupellosen Tierfänger dingfest zu machen. Doch wo steckt Oskar nur? Und wie finden sie die Täter? Mit Mut und Köpfchen geraten TKKG schließlich auf die richtige Fährte.
(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Na das ist doch mal ein ausführlicher Klappentext. Was mich dabei allerdings stutzig macht: Wenn wiederholt ein weißer Lieferwagen gesehen wird … sogar von der TKKG-Bande … wieso hat noch keiner das Kennzeichen aufgeschrieben? Oder hatte der Wagen keins oder wars abgeklebt? Mal hören, was der Autor dieses Falles zu der Frage zu sagen hat …

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Roche, Charles (Zeller, Bernd) – Trockenzonen

_Vorsicht: Parodie mit Ekel- und Gähnfaktor!_

„Feuchtgebiete“ war für Mädchen. „Trockenzonen“ ist für Männer. Echte Männer. Schluss mit Schönheitswahn, Waschzwang und Duft-Terror! Männer müssen wieder Männer sein – und auch so riechen! (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Charles Roche ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich der vielfache Buchautor und frühere „Pardon“-Herausgeber Bernd Zeller.

_Der Sprecher_

Oliver Korittke, 1968 in Berlin geboren, trat schon als Sechsjähriger in der „Sesamstraße“ auf. Nach ersten Bühnen-Engagements folgte schließlich der endgültige Sprung zum Film. Bis heute hat er in über 50 Filmen mitgewirkt. Im Jahr 2000 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. (Verlagsinfo).

Regie führte Margrit Osterwold. Die Aufnahme erfolgte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg.

_Inhalt_

|Vorwort|

Der Autor bezieht sich auf das Buch von Charlotte Roche und erklärt sein (satorisches) Gegenprogramm: „Nur ein Mann, der auch riecht, ist wirklich einer.“

|Das Hauptprogramm|

Helen aus „Feuchtgebiete“ macht die Bekanntschaft des neuen Patienten, der uns nie seinen Namen verrät und als Ich-Erzähler auftritt. Helen imponiert ihm mordsmäßig, weil sie Staub ohne Höschen, sondern mit dem Po wischt. Sie lehnt die Tyrannei der Hygiene bekanntlich ab, genau wie er. Er hat von Kindesbeinen an Parodontose gehabt, dass das Zahnfleisch blutete. Er schluckte das Blut natürlich. Das Zahnfleisch sieht jetzt aufgequollen wie eine Artischocke aus: seine Gesichtsmuschi. Doch jetzt steht eine Notoperation an: Auch seine Stoßzähne müssen raus. Und weil er schon mal dabei ist, entfernt ihm der Chirurg auch gleich den ungehinderten Bartwuchs.

Schon als Baby wäre er am liebsten gleich wieder ins Fruchtwasser zurückgeglitten und pinkelte stattdessen ins Badewasser. Zähneputzen und Unterhosetragen kam ebenso wenig infrage wie Abschütteln beim Pinkeln. Gelobt sei der Pissfleck. Daheim legt er sich in seine Trockenzone: eine Badewanne voll Moos und Dreck, den er sich extra von der Straße gesaugt hat. Sowohl das Geschirr in der Spüle wie auch das Moos im Flur bilden eine Feuchtbiotop, das gerne von Fröschen genutzt wird, die den Fliegen nachstellen.

Nachdem er einen Toleranzkurs an der VHS besucht hat, begibt er sich auf Mission, um die hygieneunterdrückten Männer seines Volkes zu befreien. Er muss sie vom Waschzwang befreien, damit sie richtige Männer sein können. In erstaunlich kurzer Zeit hat er es von Klubs und dem Rathausfoyer bis in die Talkshows und Trendmagazine geschafft. Botschaft: „Du bist dein eigenes Deo!“

|Bonusmaterial|

A) Fundstücke aus der Presse

– Riechen wie die Stars;
– Das aktuelle Interview mit Dr. Axel Fußpilz, einem Seifenforscher;
– Mode: Interview mit Yves St. Paint wider die Zweitunterhose;
– Abstimmung über die ultimative Geruchsquelle, moderiert von G. Jauche;
– Infos über die größten Hygieneirrtümer;
– Trendberichte über Dirk Bach und Amy Winehouse;
– In- und Out-Liste
– Tier und Mensch: In- und Out-Liste; Mega-in ist der Moschusochse;
– Lyrikecke mit einem Text von Charlotta Roche-Grünbein;
– Leser fragen, Experten antworten

B) Service: Was tun im Schwimmbad?

C) Verbrauchertipp: Shapoorückrufaktion durch alle Hersteller

D) Buchtipp: „Schmuddel-Ich“ von Constanze Ölich. Plot: Eine Frau bekennt sich, nach anfänglichen Vorbehalten, zu ihrem ungewaschenen Mann, die Kommunikation läuft ja jetzt nonverbal, und zu guter Letzt bauen sie ihr Bad zu einem Hobbyraum um.

_Mein Eindruck_

Man sollte sich immer vor Augen halten, dass dieser Text a) nicht ernst gemeint ist und b) eine Antwort auf Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ sein soll. Wer also den Text für bare Münze nimmt UND zugleich „Feuchtgebiete“ NICHT kennt, steht auf verlorenem Posten und darf sich mit einem Sechser im Klassenbuch setzen. Oder als Esel in die Ecke stellen, um sich zu schämen.

Ich rief mir zwar ins Gedächtnis, dass der Schreiber dieser Texte – sie kommen ja aus unterschiedlichen Verwendungsbereichen – von einer Satire-Zeitschrift kommt, doch was er mir dann vorsetzte, schlug auch mir gehörig auf den Magen: blutendes Zahnfleisch, Sperma, Kotze und dergleichen mehr, was ich gar nicht aufzählen will. Das Leben des Ich-Erzählers mutet dann schon eher putzig an: Feuchtgebiete und Trockenzonen.

Etwas bissiger fand ich dann schon die ironischen Angriffe des Autors auf die Mediengrößen hierzulande. Der Geruchsmissionar wird zum Politpromi, wie es ja schon mehreren Leuten widerfahren ist. Reinhold Beckmann erklärt sich solidarisch, ebenso Klaus Wowereit und Oskar Lafontaine. Nur Katja Riemann wagt es bei Johannes B. Kerner, Vorbehalte gegen den ungewaschenen Mann zu äußern, wird aber zur willkommenen Front, an der sich der Rebell mit dem Fußpilz profilieren kann. Was wäre ein Revoluzzer ohne seine Feinde? Eben: nichts.

Diesem amüsanten Teil schließen sich die obligatorischen Fingerübungen eines Parodisten an. Wer so etwas schon kennt, wird nicht überrascht werden. Und auch sonst bietet das Bonusmaterial wenig Überraschungen, vom Ekelfaktor ganz zu schweigen.

|Der Sprecher|

Oliver Korittke ist ja schon als Schauspieler nicht gerade eine Offenbarung, als Sprecher bietet er in dieser Hinsicht keine Überraschung. Er schafft es gerade mal, den Text fehlerfrei vorzutragen, ohne sich ständig zu verhaspeln. Aber von ihm dann auch noch zu erwarten, unterhaltsam und sogar WITZISCH zu sein, das wäre wirklich daneben.

Immerhin gelingen ihn ein paar emotionale Darstellungen, so etwa der schmerzerfüllte Ausdruck eines Türstehers, dem der Ich-Erzähler seine ungewaschenen Füße präsentiert. Auch die demagogischen Sprüche des Missionars der Antihygiene kommen so gut zur Geltung wie das laut johlende Volk seiner Jüngerschaft. Am besten sind noch der französisch näselnde Modeschöpfer Yves St. Paint und der ernst und tief daherdozierende Experte Dr. Axel Fußpilz.

Es gibt weder Musik noch Geräusche, was für eine solche Miniproduktion wahrscheinlich auch ein Overkill wäre.

_Unterm Strich_

Der Haupttext verschießt sein Pulver bereits in der ersten Viertelstunde, danach kommt nichts mehr, das den Ekelfaktor und Einfallsreichtum dieses Anfangs noch toppen kann. Die Missionarstour kennt man von etlichen Weltbekehrungswerken her. Über eine individuelle Psychologie, die über das Antibild, welches der ungewaschene Mann abgibt, hinausginge, kann man wohl kaum sprechen. Wieso er sich überhaupt auf eine Mission begibt, ist völlig unmotiviert.

Was entschieden fehlt, ist die Integration der Helen in einer menschlich interessanten Beziehung. Hier hätte es einen Konflikt geben müssen, wie ihn beispielsweise „Schmuddel-Ich“ ganz am Schluss andeutet. Hätte der Autor diesen Plot geschrieben, wäre die Story zwar platter, aber wesentlich unterhaltsamer geworden. Und man muss ja nicht unbedingt das Bad zum Hobbyraum umbauen. Man kann ja auch eine Party der Ungewaschenen darin veranstalten. Motto: Zurück ins Neanderthal!

|44 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3869090108|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Montgomery, Lucy Maud – Anne in Windy Poplars, Folge 16: Abschied von Summerside

_Taschentuchalarm: Rabenväter und Shotgun Weddings_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne in Kingsport“)

Die Lage im Hause Sinclair spitzt sich immer mehr zu. Anne rät ihren Lieblingsschülern daraufhin zu einem gewagten Schritt – wohl wissend, dass dies sicherlich Ärger verursachen wird. Aber auch an anderer Stelle sorgt Anne für Wirbel. Der kleinen Elizabeth im Nachbarhaus stehen einige aufregende Stunden bevor …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die 1. Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: Anne in Windy Poplars (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin 6084
Folge 14: [Ein harter Brocken 6085
Folge 15: [Das zweite Jahr in Summerside 6110
Folge 16: Abschied von Summerside

Die 5. Staffel: „Anne in Four Winds“ (Frühjahr 2010)

Folge 17: Ein neues Zuhause
Folge 18: In guten wie in schlechten Zeietn
Folge 19: Verwirrung der Gefühle
Folge 20: Ein neuer Anfang

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Synchronstimmer von: Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Synchronstimme von: Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Und viele andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin. Hier ist einzige Kritik angebracht: Das Mädchen auf dem Titelbild, das Elizabeth darstellen soll, sieht meiner Auffasung nach viel zu alt aus, fast schon erwachsen. Und doch vergingen in Summerside nur zwei Jahre. Oder waren es doch drei? Wie die Zeit vergeht!

_Handlung_

Als Anne Anfang des neuen Jahres wieder nach Windy Poplars zurückkehrt, erzählt sie, dass Katherine Brooke mit dem kleinen Hündchen, dass sie ihr geschenkt habe, in ein neues Domizil ziehen werde, das gar nicht weit entfernt liege. Die Bewohnerinnen von Windy Poplars sagen ihr sofort, sie soll Katherine einladen, und diese verspricht auch zu kommen.

Im Nachbarhaus „Evergreens“ stehen die Dinge immer noch schlimm, denn Mrs. Campbell hat ihrer Urenkelin Elizabeth das Vorsingen verboten, worüber das Mädchen sehr traurig ist. Doch Anne weiß von Rebecca, dass Mrs Campbell eine erbitterte Feindin des Pringle-Clans ist. Sie braucht nur zu erwähnen, dass eines der Pringle-Mädchen sowieso besser als Elizabeth singen würde, als Mrs. Campbell auch schon ihre Erlaubnis erteilt. Elizabeth ist selig. Aber wer ist bloß dieser Rabenvater, der seine Tochter so im Stich lässt?

Die Sommerferien verbringt Anne ein letztes Mal zusammen mit Katherine Brooks. Die Bekehrte will nicht mehr als Lehrerin arbeiten, sondern hat sich für einen Kurs als Fremdsprachensekretärin am Redmond College eingeschrieben, denn sie sehnt sich nach den Orten im Orient, die zu bereisen sie sich schon immer gewünscht hat. Aber auch Elizabeth darf diesmal mit und findet in Davy und Dora zwei wunderbare Spielkameraden. Gilbert Blythe hilft beim Eisenbahnbau im Westen, um Geld für sein Medizinstudium zu verdienen.

|Shotgun Wedding|

Louis Allen, der angehende Fotograf, und Sophie Sinclair, die talentierte Schauspielerin, wollen eigentlich heiraten, aber Sophie hat schreckliche Angst, dass ihr Vater diese Verbindung ablehnt, weil er zu sehr auf die Familienehre bedacht ist. Anne soll sich nicht einmischen, hat aber nur einen Rat parat: In diesem Fall können Louis und Sophie nur durchbrennen und auf eigene Faust heiraten! Dann müsse sich Sophie nicht zwischen Louis und ihrem Vater entscheiden.

Alles ist für die heimliche Trauung im Haus der Armstrongs vorbereitet, wo Louis jetzt wohnt, und der Pfarrer wartet schon, doch wo ist die Braut? Verzweifelt fährt Louis durch den strömenden Regen zu Anne, um sie um Hilfe zu bitten. Es gibt nur eines zu tun: Sie muss Sophie umstimmen, denn die hat bestimmt die Hosen voll …

|Ein Rabenvater kehrt zurück|

Nach dem glücklichen Ende dieser Affäre begibt sich Anne im Sommer auf die versprochene Bootstour mit Elizabeth. Zusammen rudern sie zur Insel Flying Cloud, wo sich Elizabeths „Traumland“ befindet. Vor Monaten hat Anne dem Vater des Mädchens einen ermahnenden Brief geschrieben, aber bis zum heutigen Tage keine Antwort erhalten, was sie ziemlich frustriert. Elizabeth fürchtet, dass dies ihr Ende sein werde, was die Tanten in Windy Poplars mal wieder zum Schluchzen bringt, als sie davon hören.

Doch der Maitag auf der Insel ist wunderschön, und Anne hat einen Auftrag zu erledigen: Sie soll Mrs. Thompson, die hier wohnt, einen Brief bringen. Doch die Frau befindet sich am anderen Ende der Insel beim Pflücken wilder Erdbeeren. Während Anne losgeht, bleibt Elizabeth an der Landestelle. Da tritt ein Mann auf, der seinen Namen nicht nennt, aber so freundlich ist, dass er Elizabeth ein Eis mit Erdbeermarmelade spendiert. Aber als Anne zurückkommt, verschwindet er wieder. Wer mag er gewesen sein? Zusammen erkunden Anne und Elizabeth die Insel, finden ihn aber nicht, bevor sie heimkehren müssen.

Doch auf dem Heimweg gehen einem Kutscher die Pferde durch. Die stoßen Elizabeth so heftig um, dass sie in Ohnmacht fällt. Erst im Krankenhaus erwacht sie wieder. Zwei Erwachsene sprechen über sie. Der eine ist unverkennbar Anne, doch der Mann … der Mann, der ihr das Eis spendierte, gibt sich endlich als ihr Vater zu erkennen …

_Mein Eindruck_

Das gemeinsame Thema der beiden Episoden, die durch drei Folgen vorbereitet wurden und endlich ihren Abschluss finden, sind Väter. Man kann also sagen, dass das Fehlen der Väter ein Generalthema dieser Staffel ist. Auch Louis Allen und Teddy Armstrong sind vom Schicksal ihrer Väter betroffen, und Anne hat ihren eigenen nie kennengelernt. Matthew Cuthbert wurde ihr Ersatzvater, und seiner Liebe verdankt sie ihre positive Einstellung den Männern und dem Leben gegenüber.

Die Männer am Ende des 19. Jahrhundert sind rein rechtlich immer noch die unumschränkten Herrscher, doch im praktischen Alltag werden sie zunehmend von Frauen bestimmt, die auf mehr Rechte pochen. Das illustriert bereits Annes eigene selbstbestimmte Lebensweise. In dieser vierten Folge nimmt sie nun den Kampf mit zwei ganz verschiedenartigen Bastionen der Vaterschaft auf: Mr. Sinclair ist zu selbstherrlich und Mr. Grayson ist völlig abwesend. Welcher von den beiden ist schlimmer?

|Zwei Arten Väter|

Nun, beiden kann auf die Sprünge geholfen werden, wie sich zeigt. Das Gespräch mit dem patriarchalischen Mr. Sinclair verläuft ganz anders, als Anne befürchtet hat, denn am Ende ist der Patriarch sogar froh, dass sie ihm die ganze Arbeit abgenommen hat, Sophie zu verheiraten. Typisch Kerl! Andere die Arbeit machen lassen, um nur nicht das eigene Ansehen in der Sippe zu ramponieren! Anne weiß nicht zu wüten oder lachen soll. Als Diplomatin tut sie weder das eine noch das andere, sondern ist froh, ihren Lieben in Windy Poplars die frohe Botschaft überbringen zu können, dass das „Shotgun Wedding“ mit der „Runaway Bride“ Sophie ein gutes Ende gefunden hat.

|Rabenvater?|

Anne hat Mr. Grayson, den Vater ihres Schützlings Elizabeth, eigentlich in Paris vermutet, also schrieb sie einen geharnischten Brief an seine Firmenzentrale – ohne jedoch je eine Antwort zu erhalten. Nun taucht Mr Grayson unerwartet auf der Insel Flying Cloud und in Summerside auf. Wie Mr Sinclair ist auch er gottfroh, dass ihm Anne die Arbeit abgenommen und sich um seine Tochter gekümmert hat. Typisch Mann! Er hat nur die jämmerliche Entschuldigung vorzubringen, dass sein Boss etwas gegen Elizabeth gehabt hätte. Was nichts Gutes von diesem Boss erwarten lässt, oder? Wenigstens will sich Grayson fortan um die Tochter kümmern – reichlich spät, nachdem sie um Haaresbreite dem Tod von der Schippe gesprungen ist.

Wie man sieht, weiß die Autorin nicht allzu viel Gutes über das Verhalten von Vätern zu erzählen. Deshalb kommt den Frauen die Aufgabe zu, sich um die Ordnung solcher chaotischen Angelegenheiten zu kümmern, um wenigstens so den Fortbestand der menschlichen Rasse zu gewährleisten, vom Glück und Wohlergehen ihrer jüngsten und schwächsten Mitglieder ganz zu schweigen.

|Abschiede|

So viele Abschiede, so viele Tränen! Am besten ein dickes, großes Taschentuch bereithalten, um den Wasserfall aufzufangen!

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1882, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Generalthema der Väter hat die ganze Staffel durchzogen und findet nun in zwei Varianten seinen Abschluss. Anne setzt sich jeweils konstruktiv mit den Vätern auseinander. Nachdem die vorhergehende Staffel das Thema der jugendlichen Liebe bis zur Verlobung durchexerziert hat, verweist diese Staffel nun bereits auf das kommende Generalthema voraus: Annes Ehe mit ihrem bisherigen Verlobten Gilbert Blythe. Ob er sich wohl als optimaler Vater ihrer Kinder erweisen wird? Nach dieser Staffel würden wir nicht unbedingt eine Million Euro auf ihn setzen, selbst wenn er als herzensguter Kerl erscheint. Mit anderen Worten: Für Anne Shirley bleibt es spannend, und es gibt wie immer jede Menge zu tun, was die Menschen brauchen.

|Das Hörspiel|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den „Spider-Man“-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|1 CD mit 54 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 978-3785741412|
[www.titania-medien.de]http://www.titania-medien.de
[www.wellenreiter.la]http://www.wellenreiter.la
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – verräterische Herz, Das (POE #17)

_Das pochende Herz unter dem Boden der Stadt_

„Das verräterische Herz“ ist der siebzehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Serie von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

In New Orleans ist Poe den Machenschaften Doktor Templetons alias Francis Baker entkommen und nach New York geflohen. Dort mietet er sich in einem alten Hotel im sechsten Bezirk ein. Poe, ohne Kontakt zu den anderen Gästen, wird wieder von Visionen heimgesucht. Was er nicht weiß: Im Volksmund heißt die Gegend „der blutige alte Bezirk“. Über ihm logiert ein Mann mit einem unheimlichen Auge. Poe fühlt sich von Tag zu Tag mehr davon beobachtet. Schließlich steigen Mordgedanken in ihm auf …

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten sechzehn Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

(Nr. 13 wird vorerst ausgelassen.)

#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan aus Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Außerdem wirken Georg Schaale als George Appo und eine Reihe weiterer Sprecher mit. Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Penny Shepherd, die Ansage erledigt André Sander.

_Das Titelbild_

Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen und mit einer speziellen Technik entwickelt hat, zeigt bei „Das verräterische Herz“ ein Motiv, das wieder – wie schon bei „Sturz in den Mahlstrom“ – der Natur an der Küste entnommen ist. Ein schroffer Fels erhebt sich aus dem Gras, doch er ist sonderbar ringförmig: In seiner Mitte gähnt eine Finsternis, der man sich nur ungern nähern möchte. Andererseits ist so ein Geheimnis immer verlockend …

Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Folge: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren. Die Innenseite der CD-Box zeigt einen spitzbogigen Mauerdurchgang in einem wilden, überwucherten Garten. Der Durchgang könnte die Passage zu neuen, gruseligen Erfahrungen symbolisieren, im Sinne von Huxleys „doors of perception“.

_Das Booklet_

Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch werden hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Pleitgen und Berben werden näher vorgestellt.

Eingangs gibt es einen kleinen Abriss der Vorgeschichte. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs und die DVD von „Die Grube und das Pendel“. Die vorletzte Seite weist auf die Band „We Smugglers“ hin, die den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert hat.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünfzehn hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

Am Anfang rekapituliert Poe sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte bis hin zum Inhalt von „Das Fass Amontillado“, der 16. Folge der Serie. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.

_Handlung_

In seinem schäbigen Hotel, dem Washington House am Broadway, bemerkt Poe beim Frühstück einen alten Mann, der ihm bekannt vorkommt. Doch der Kellner verweigert die Auskunft über dessen Identität, und bevor es sich Poe versieht, ist der Alte verschwunden. Bei seinem Treffen mit seinem Freund George Appo, einem Bettler und Dieb, erzählt Poe ihm von allen den Ereignissen, die ihm zuvor widerfahren sind. Er müsse unbedingt Leonie wiederfinden, seine Gefährtin aus New Orleans. Appo weiß Rat: Er brauche nur der Spur von Dr. Baker zu folgen, denn da Leonie mit diesem noch ein Hühnchen zu rupfen hat, ist sie ihm mit Sicherheit bereits auf den Fersen. Das leuchtet Poe ein.

Doch wie findet man einen Leichenhändler und skrupellosen Experimentator am besten in einer Riesenstadt wie New York? Wieder weiß Appo Rat. Leichenhandel ist ein blühendes Geschäft. Er selbst habe sich zwar nie daran beteiligt, wisse aber, dass Ärzte Leichen ständig für ihre Forschung benötigen. Zwecks eiliger Beschaffung kann man da schon ein bisschen nachhelfen. Und wer wüsste darüber besser Bescheid als der Einbalsamierer, der sie beide auf der unglückseligen „Independence“ begleitet hat? Waltman, so hieß er doch, oder?

Um Waltman zu finden, brauchen sie Captain Hardy. Im Hafenviertel stoßen sie per Zufall auf ihn und retten ihm bei der Gelegenheit auch gleich das Leben. Er berichtet, Waltman sei im Washington House abgestiegen und arbeite im New York Hospital. Poe wird es nun endlich klar: Es ist sein alter Tischnachbar!

In der Tat hat Waltman eine interessante Räuberpistole zu erzählen. Poe pocht das Herz bis zum Hals, als er gesteht, er suche Kontakt zum lokalen Leichenhandel. Ah, well, Leichen werden den medizinischen Forschern in drei Formen besorgt: a) als legale Präparate von Organen usw.; b) als originale Körper, die auf natürlichem Wege verstarben; und c) als „Lebendmaterial“ … Waltman beschaffte nur tote Körper, beteuert er. Ärzte wie Dr. Baker würde Poe im Keller des Hospitals finden, in der Pathologie. Ach ja: Die beste Besuchszeit für diesen Zweck sei Miternacht …

Schlag Mitternacht trifft Poe zu seinem makabren Vorhaben im Keller des riesigen Hospitals ein. Ein Hund heult. Dr. Gump lässt ihn ein, dem sich Poe als ein Mann vorstellt, der ein paar Leichen anzubieten habe. Gump hat sofort Interesse, wird aber durch einen Besucher abgelenkt. Auf Gumps Seziertisch liegt ein Hund mit offenem Schädel … In Gumps Büro hängt ein sonderbares Porträt an der Wand. Es zeigt einen ägyptischen Pharao. Poe erinnert sich an den unglücklichen Jimmy Farrell (vgl. Episode 16), dessen letztes Wort „Pharao“ gelautet hat. Ist damit Dr. Baker gemeint?

Der Besucher hat ein bewussloses Mädchen gebracht. Poe erkennt es wieder: Es wohnt in Jimmy Farrells Nachbarhaus und hat Poe geholfen, Farrell zu finden. Als es erwacht und ihn erblickt, beginnt es zu schreien, muss es ihn doch für Farrells Mörder halten. Poe macht schleunigst die Fliege, auch wenn er nichts herausgebracht hat.

|Der Traum|

In dieser Nacht findet er kaum Schlaf, und wieder sucht ihn ein Albtraum heim. Er sieht das Auge des alten Waltman vor sich, doch diesmal blickt es nicht freundlich, sondern spöttisch und grauenerregend: ein Geierauge. Die Frau in seinem Traum spricht mit Leonies Stimme und mahnt ihren Mann zu Geduld und Ruhe. Poe erzählt ihr von dem alten Mann im Nachbarhaus, dem mit den Rosen im Garten. Warum wohnt er ganz allein? Sie weiß nur, dass der Alte ein Glasauge hat und auf dem anderen wohl schon den Grauen Star hat. Poe weiß: Es ist wie verschleiert, so als überlege dieser Teufel, was er mit Poe anstellen solle.

In dieser Nacht fasst Poe den Entschluss, den alten Mann zu töten, koste es, was es wolle.

_Mein Eindruck_

Die Begegnungen mit Appo, Captain Hardy und Waltman dienen nur dazu, den Besuch in der Pathologie des Hospitals vorzubereiten. Dieses gruselige und verstörende Erlebnis löst wieder einen Horrorschub in Poe aus, der auch prompt einen seiner sattsam bekannten Albträume bekommt. Allerdings sind weder das eine noch das andere besonders neu. Die makabren Experimente, die man in der Pathologie anstellt, kennen wir bereits aus Dr. Bakers Kellern in seiner Villa bei New Orleans. Dies wurde in „Das ovale Porträt“ (Episode 10) erzählt.

Und das Motiv, dass ein paranoider Verbrecher sich am Schluss selbst verrät, um sich der strafenden Gerechtigkeit auszuliefern und zu zeigen, dass er Recht hat, genossen wir bereits in „Die schwarze Katze“ (Episode 2) mit zweifelhaftem Vergnügen. Nicht, dass an der damaligen oder jetzigen Darstellung etwas auszusetzen wäre. Aber die Wiederholung nimmt dem aktuellen Motiv etwas von seinem Reiz. Dass das Element des unheimlichen Auges eines Beobachters sowohl in Poe Erlebnissen als auch in seinem Traum auftaucht, erscheint folgerichtig, wenn man berücksichtigt, dass seine Träume oftmals real (auch unbewusst) Erlebtes verarbeiten.

Das zentrale Motiv ist neben dem Auge das pochende Herz. In der Tat nimmt dieser Klang sowohl in Poes Erleben und Träumen wie auch in der akustischen Darstellung eine dominante Stellung ein. Die Sache hat jedoch einen Haken: Das Herzpochen gibt es lediglich in Poes Einbildung. Um den Hörer in dieses Reich der Phantasmen zu befördern, muss daher der Herzschlag entsprechend gruselig und bezwingend dargestellt sein, ohne aufdringlich zu wirken.

Ich konnte zufrieden feststellen, das es den Machern gelungen ist, dieses entscheidend wichtige Element, ohne das der Traum über „Das verräterische Herz“ nicht funktioniert, mit beeindruckender Raffinesse darzustellen. Der ermordete alte Mann mag ja tot sein, doch wir hören – mit Poe – immer noch das Schlagen seines Herzens. Bis zum Stillstand. Der Mörder ist erleichtert. Doch sein Wahnsinn, der ihn zu seiner Untat verleitet hat, bricht mit voller Wucht hervor, als er das Herz des Toten erneut schlagen hört – unter den Brettern des Bodens, unter denen er die Leiche versteckt hat …

Klar, dass Poe aus diesem Albtraum schleunigst erwacht, wenn auch schweißgebadet. Er fasst den Entschluss, dem düsteren Hospital einen erneuten Besuch abzustatten, um Dr. Baker aufzustöbern. Vielleicht hat der ja noch eine Leiche im Keller.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Mr. Poe |

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Im ersten Teil des „Eleonora“-Traumes schwelgt sein Poe in verliebter Seligkeit, und das kann man deutlich hören. Umso gequälter klingt Poe in der zweiten Traumhälfte, als ihn die tote Geliebte in seinen Albträumen heimsucht. Dieser Stimmungswandel leitet die Trennung von Leonie ein und macht diesen abrupten Schritt ein wenig nachvollziehbarer. In den Episoden 16 und 17 jedoch ist Poe überzeugt, dass es ein Fehler war, Leonie zu verlassen. Seine Träume in diesen Episoden belegen dies überdeutlich.

|Miss Leonie Goron |

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. In Episode 15 „Du hast’s getan“ steht sie selbst ihren Mann als Detektivin und Ein-Frau-Polizeitruppe.

In der Traumhandlung von „Das verräterische Herz“ hat sie eine wenig dankbare Aufgabe. Die von ihr gespielte Hausfrau ist so unbedarft und ein ahnungsloses Heimchen am Herd, dass man ihr nicht allzu viel Geistesgegenwart zutraut. Es wirkt daher umso ironischer, dass es diese Frau ist, die die Polizei ruft und damit das Verhängnis ihres Gatten einleitet.

_Musik und Geräusche_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Über das zentrale Geräusch des Herzklopfens habe ich alles Nötige bereits angemerkt.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung ganzer Szenen, so etwa im „Verräterherz-Traum“. Wieder werden die Übergänge zwischen Poes Erleben und seiner Traumwelt mit gelungenen Soundeffekten angedeutet.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

_Der Song_

Die Band „We Smugglers“ hat, wie erwähnt, den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert. Ihr Konzertplakat weist sie als vier recht schräg aussehende Herrschaften aus, die nichtsdestotrotz ihre Instrumente zu beherrschen scheinen. Was wir in der Länge von rund 3:30 Minuten zu hören bekommen, würde ich als balladesken Slow-Metal-Rock bezeichnen. Die Tonart ist recht ausgefallen: Cis-Dur.

Deutlich dominiert die E-Gitarre, die sich wie die von Jimmy Page anhört, als er sein berühmtes Stück „Kashmir“ für die MTV-Acoustic-Session neu arrangierte. Für mich klingt das gut und melodisch, aber kraftvoll. Der Klangteppich wird von einer deutlich zu vernehmenden Basslinie und unauffälligen Drums und Cymbals unterstützt. Der Gesang ließe sich noch verbessern, und die Lyrics könnte man auch mal abzudrucken beginnen. Vielleicht gibt es darin ja etwas zu entdecken. Die Band wird sich wohl etwas dabei gedacht haben, nicht wahr?

_Unterm Strich_

Innerhalb der vierten Staffel bildet diese vier Episode einen gewissen Höhepunkt, wenn man auf Action und viele Hinweise auf die Lösung von Poes Identitätsrätsel Wert legt. Innerhalb der Episode stellen die Hafenschlägerei und der Albtraum wiederum eigene Höhepunkte in der Kategorie Action und Grusel dar. Schaudern erzeugt aber auch das Gerede über den Leichenhandel, der in New York City – ebenso wie in Edinburgh – um 1840/50 erhebliche Ausmaße angenommen haben muss und natürlich jede Menge unheimliche Aspekte aufweist. Ich bin sicher, dass diese „Aspekte“ in kommenden Episoden weidlich, ähem, ausgeschlachtet werden.

|Basierend auf: The tell-tale heart, ca. 1845
67 Minuten auf 1 CD|
Mehr Infos auf www.poe-hoerspiele.de.

Gülzow, Susa – Scotland Yard jagt Dr. Mabuse

_Spannend: Verbrechergenie greift die Regierung Ihrer Majestät an_

Dr. Mabuse ist tot, nicht aber sein Geist: Besessen von dem einstigen Superverbrecher stiehlt der Irrenarzt Prof. Pohland ein Gerät, mit dem man Leute hypnotisieren kann. Es gelingt ihm, 13 Menschen an den Schaltstellen der Macht unter seine Kontrolle zu bringen, doch Major Bill Tern ist ihm bereit auf der Spur. Gelingt es ihm, Mabuses Welteroberungspläne zu durchkreuzen? (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Susa Gülzow arbeitet seit 1988 als Autorin, Regisseurin und Sprecherin. Aus ihrer Feder stammen beispielsweise die Hörspielfassungen von „Lucky Luke“, diversen Heinz-Erhardt-Filmen und „Dr. Mabuse“ sowie zahlreiche Synchronbearbeitungen.

|Die „Dr. Mabuse“-Reihe nach dem Krieg:|

1) Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1957)
2) Im Stahlnetz des Dr. Mabuse
3) Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse
4) Das Testament des Dr. Mabuse (1962)
5) Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (1963)
6) Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse (1964)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Regie führte 1963 Paul May, die Musik lieferte Rolf Wilhelm, das Drehbuch stammt von Ladislas Fodor nach der Figur von Norbert Jacques und nach einem Roman von Bryan Edgar Wallace.

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Major Bill Tern: Peter van Eyck
Mrs. Tern: Agnes Windeck
Nancy: Sabine Bethmann
Cockstone: Dieter Borsche
Inspektor Vulpius: Werner Peters
Sowie Walter Rilla als Prof. Pohland
u. v. a.
Erzähler: Wolf Frass

_Handlung_

Dr. Pohland, der frühere Irrenarzt, der Mabuse, das Genie des Bösen, betreute, glaubt sich nun selbst von Mabuse besessen, nachdem dieser angeblich gestorben ist. Deshalb ist Pohland auch von der Möglichkeit der Übertragung von Gedanken und Willen geradezu besessen. Um diese Idee in die Realität umsetzen zu können, lässt er den wissenschaftlich vorgebildeten Sträfling George Cockstone bei einem Zugüberfall nahe Hamburg befreien.

Von einem alten Kameraden namens Hillyard zu Mabuse gebracht, findet dieser Cockstone nützlich und überträgt ihm eine besondere Aufgabe – die Erfindung von Prof. Laurenz zu stehlen und einzusetzen. Dieses Gerät verändert das Gehirn des Opfers so, dass es für Gedanken- und Willensübertragung empfänglich wird. Um unerkannt bei Laurenz arbeiten zu können, bekommt Cockstone ein neues Gesicht, ein neues Diplom und selbstverständlich einen neuen Namen: Ranke.

Inspoktor Vulpius von der Hamburger Kripo telefoniert mit Cockstones Betreuer bei Scotland Yard, einem gewissen Major Bill Tern. Zuerst bekommt Vulpius nur dessen alte Mutter an die Strippe, die eine begierige Krimileserin ist, doch dann meldet sich Tern selbst. Er beschließt, nach Hamburg zu kommen. Hier informiert er Vulpius über Cockstones wissenschaftlichen Hintergrund und stellt die entscheidende Frage: welche große Organisation schaffte es, diesen Zugüberfall generalstabsmäßig vorzubereiten und auszuführen? Und wozu braucht sie Cockstone überhaupt?

Wenige Tage später ermordet der bis dato unbescholtene Briefträger Schröder Professor Laurenz. Nach einem Gespräch mit Laurenz‘ Mitarbeiter Ranke, der unverdächtig genug erscheint, vernimmt Vulpius den völlig verstörten Briefträger. Der sagt immer wieder, er habe unter Zwang gehandelt, als er den Stößel aus einem Mörser nahm und damit den Professor erschlug. Weil Bill Terns Mamachen diese Tat verdächtig erscheint, kommt Tern nochmals nach Hamburg, um sich diesen Ranke mal anzusehen. Doch bevor er das Labor erreicht, fliegt dieses in die Luft! Die verbrannte Leiche, die man zunächst für Ranke gehalten hat, wird von einer Italienerin als die eines plastischen Chirurgen identifziert. Tern kombiniert: Ranke ist Cockstone, mit einem neuen Gesicht. Na, prächtig!

Dr. Mabuse verteilt neue Aufgaben. Das Gerät, das ihm Cockstone geliefert hat, ist zu verbessern, damit die Befehle nicht mehr nur 24 Stunden vorhalten. Außerdem müssen mehr Edelsteine besorgt werden, um weitere Geräte bauen zu können. Für all dies ist natürlich eine Menge Geld nötig. Mabuse befiehlt den Überfall auf einen Postzug. Wenig später erschüttern der Skandal um eine bestohlene und entführte Prinzessin sowie eine Millionenbeute unbekannter Räuber Großbritannien.

Und doch ist dies erst der Anfang: Mabuse greift die britische Regierung direkt an …

_Mein Eindruck_

Lange Zeit sieht es so aus, als könne Dr. Mabuse die britische Regierung in die Knie zwingen, schließlich hat er ja eine Prinzessin in seiner Gewalt. Doch er hat nicht mit Mamachens Einfallsreichtum gerechnet sowie einer ganz speziellen Eigenschaft: Sie trägt ein Hörgerät, von dem ihr Sohnemann Bill bislang nichts gewusst haben will. Und durch dieses Hörgerät – so eines trägt übrigens auch Vulpius – ist sie immun gegen die Strahlung des Gedankentransmitters, den Mabuse von seinen Leuten einsetzen lässt. Dabei tauchen hie und da freundliche Fotografen auf, drücken auf den Auslöser ihrer Kamera, doch statt des erwarteten Bildes entsteht ein Zwang, der den „Geknipsten“ willfährig macht.

Dass es weder ein Telepathiegerät gibt, noch eine Abschirmung mittels Hörgerät, ist eh klar. Aber solche futuristischen Gimmicks gehören mit zum Charakter der Serie. So finden auch schon mal Todesstrahlen Einsatz in einer Folge. Auf dieser Weise versuchten es die deutschen Produzenten mit den technischen Spielereien der neuen „James Bond“-Reihe aufzunehmen, während bei den frühen „Mabuse“-Folgen noch Telepathie und Hypnose völlig ausgereicht hatten. Mit ihren begrenzten Mitteln kamen die Deutschen auch recht weit, spannten diesmal aber des internationalen Flairs wegen auch britische Figuren ein.

Auf einer zweiten Ebene lässt sich das Verbrechergenie Dr. Mabuse – oder dessen Nachfolger – politisch auch als Schatten der Vergangenheit interpretieren, als Schreckensbild, das aus dem Bewusstsein der Massen verdrängt worden ist. „Der braune Spuk“, wie das der BKA-Beamte nennt, ist im Jahr 1957, in dem die Handlung des ersten „Mabuse“-Films nach dem Krieg spielt, erst zwölf Jahre zuvor vertrieben worden – und zwar keineswegs vom deutschen Volk selbst. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – gilt dieses Zitat weiterhin? Diesmal treffen Dr. Mabuses Machenschaften die Briten – dies ist allemal unverfänglicher als der Schauplatz Berlin, der in Fritz Langs Klassiker „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ den Zuschauer verunsicherte.

Was wir also zu hören bekommen, ist ein Gruselkrimi bekannter Machart. Wir haben eine Reihe von Männern, die alles Mögliche sein können. Wir haben zwei aufrechte Polizisten, der ihr Möglichstes versucht, erstens am Leben zu bleiben, und zweitens, ein Genie des Verbrechens zu fangen. Wir haben mehrere Gegner, die die beiden ausschalten wollen. Die besondere Raffinesse dieser Gegner besteht darin, dass sie den „Guten“ ihren Willen aufzwingen können (es sei denn, diese haben eine Abschirmung dabei). Wir haben ein actionreiches Finale, indem geballert wird, was die Platzpatronen hergeben. Doch am Schluss steht wieder die Frage im Raum, ob sie den echten Dr. Mabuse erwischt haben.

Einen Verbrecher in der englischen Pampa zu jagen, wäre aber viel zu reizlos. Nein, Bill Terns neue Freundin Nancy, die schutzbedürftige Tochter des ermordeten Prof. Masterson, wurde von Mabuses Schergen ebenfalls entführt. Bills ritterliche Aufgabe besteht natürlich darin, die Maid in Not zu befreien – und hinterher zu freien. Wenn sein Mamachen nichts dagegen hat.

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Nach einer Fanfare in einem schrecklich miesen Sound, die zum Glück nur 30 Sekunden dauert, geht der Hör-Film sofort los. Es gibt keine Einleitung, lediglich eindringliche Musik, wie man sie aus den 1959 gestarteten Edgar-Wallace-Verfilmungen kennt. Die Musik dirigiert die Emotionen, die den Zuhörer (so wie einst den Zuschauer) erfüllen sollen: Beklemmung, Furcht, Entsetzen, aber auch romantische Gefühle, nach dem Finale schließlich Triumph und Erleichterung.

Schon nach wenigen Minuten gibt es die erste Leiche. Einige weitere werden folgen. Die Geräuschkulisse entspricht dem Niveau eines Edgar-Wallace-Krimis. Was mich jedoch völlig enttäuscht hat, ist die mickrige Qualität der Schüsse, Hier wurden offensichtlich nur Platzpatronen benutzt, deren Geräuschentwicklung doch sehr begrenzt ist. Aber es klingt einfach nach den Spielzeugpistolen, die wir Jungs beim Räuber-und-Gendarm- oder Cowboy-und-Indianer-Spielen benutzten (ich war immer der Indianer, logo!). Auch die Explosionen klingen eher nach einem zusammenkrachenden Haus als einer hochgehenden Ladung Sprengstoff.

Die Sprecher entsprechen den damaligen Schauspielern ist ja klar. Herausragend fand ich Peter van Eyck als Bill Tern, Werner Peters als Vulpius, Agnes Windeck als Mamachen Tern und ganz besonders der kühle, beherrschte Dieter Borsche als George Cockstone. Borsche ist ein Edelmime, der schon preußische Könige, Generäle und Prinzen spielte. Warum er sich für diese Produktion hergab, ist mir schleierhaft. Vielleicht lag es am Charme des Produzenten Atze Brauner.

Immerhin ist die Geräuschkulisse ziemlich realistisch, besonders in den Interieurs, aber auch auf der Straße. Schade, dass für den Effekt des Telepathiegeräts kein besonderer Sound gefunden wurde. Da der Mono-Sound keineswegs dem Dolby-Digital-5.1-Standard entspricht, knarren auch die Stimmen der Darsteller recht kernig und obertonlastig daher. Diese Qualität ist jedoch offenbar die des Originals, denn das Hörspiel wurde durchgehend, wie die DDD-Signatur auf der Hülle verrät, mit digitalen Mitteln hergestellt. Um mehr aus dem Original herauszukitzeln, wäre wohl ein teures Remastering nötig. Und das können sich meines Wissens nur die großen Studios leisten.

|Das Booklet|

Das Booklet umfasst zwölf Seiten, die sich sehen lassen können. Neben einem historischen Zeitungsartikel über die Dreharbeiten im Berliner Grunewald sind hier nicht nur die Macher des Film detailliert vorgestellt, sondern auch die Verantwortlichen des Hörbuchs. Natürlich fehlt auch Produzent Sven Michael Schreivogel nicht. Er dankt mehreren Quellen, ohne deren Unterstützung das Produkt wesentlich magerer ausgefallen wäre, darunter der Tochter von Filmproduzent Artur Brauner, sowie den Erben von Norbert Jacques, dem Schöpfer der Figur des Dr. Mabuse.

Im Booklet sind zahlreiche Filmfotos in ausgezeichneter Qualität abgedruckt. Zu sehen sind:

Major Bill Tern: Peter van Eyck, teetrinkend
Mrs. Tern: Agnes Windeck, Bill und Vulpius vernehmend
Nancy Masterson: Sabine Bethmann (oho, im superknappen Höschen!)
Cockstone: Dieter Borsche, mit Hypnotisiergerät
Inspektor Vulpius: Werner Peters, neben Peter van Eyck
Sowie Walter Rilla als Prof. Pohland, mit Spezialbrille

Die letzte Seite führt die Trackliste auf.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel weiß auf spannende und ironische Weise zu unterhalten, ohne dass weder die Intelligenz noch die Romantik oder der Humor zu kurz kommen. Allerdings heißt es angesichts der Fülle der Dialogtexte aufpassen. Ich musste das Hörspiel in aller Ruhe zweimal anhören, um die zahlreichen versteckten Hinweise, falschen Fährten und Doppelidentitäten zu verstehen und auf die Reihe zu bekommen.

Das Drehbuch ist schon ziemlich ausgetüftelt. Doch auch beim ersten Anhören ist die Essenz leicht zu kapieren: Grusel, Spannung, Romantik und Terrorismus gehen hier eine bemerkenswerte Verbindung in einem Thriller ein, der heute leider schon wieder vergessen ist. Die antifaschistischen Untertöne des Fritz-Lang-Films von 1957 fehlen in den Fortsetzungen, dafür kamen Action und Humor besser zum Zuge, Letzteres insbesondere durch die Frauenfiguren.

Das Booklet zu der qualitativ hochstehenden Hörbuchproduktion wartet mit schönen Fotos zum Film sowie mit einem aufschlussreichen Zeitungsartikel zum Dreh in Berlin auf. Die Filmfotos ergänzen die Informationen zu zahlreichen Mitwirkenden damals und heute. Wenn der Rest der Reihe ebenso gut produziert wird, könnte das Thema „Dr. Mabuse, der Staatsfeind Nr. 1“ eine Wiederauferstehung mit Langzeitwirkung feiern. Der Käufer erhält für sein Geld einen reellen Gegenwert. Der Preis erscheint mir der Ausstattung angemessen.

|1 CD mit 61:47 Spielminuten
ISBN-13: 978-3821853253|
[www.eichborn-lido.de ]http://www.eichborn-lido.de/

_Susa Gülzow bei |Buchwurm.info|:_
[„Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 945
[„Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 1717
[„Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 1738
[„Kommissar X: Der Panther aus der Bronx“ (Hörspiel) 1757
[„Dämonenkiller: Im Zeichen des Bösen“ (Hörspiel-Edition 21) 4906
[„Kommissar X: Eine Kugel für den Richter“ (Hörspiel) 5053
[„Wiedergeburt des Bösen (Das magische Amulett, Folge 1) (Hörspiel) 5311
[„Die schwarze Witwe, Die (Das magische Amulett, Folge 2) (Hörspiel) 5417
[„Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 6040
[“ Das Testament des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 6086

Askew, Alice & Claude – Aylmer Vance – Abenteuer eines Geistersehers – Teil 1 (Gruselkabinett 54) (Hörspiel)

Parallelwelten hoch zwei: Geisterjäger im Einsatz

Der englische Geisterseher Aylmer Vance und sein treuer Freund Dexter sind in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg so etwas wie das Detektivgespann Sherlock Holmes und Dr. Watson für das Übersinnliche. Ob es sich um ruhelose Geister, geheimnisvolle Erscheinungen, unerklärliche Begegnungen oder unbewohnbare Häuser und Schlösser handelt – Aylmer Vance scheut vor nichts zurück, um seine gruselig-spannenden Fälle aufzuklären. (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.
Askew, Alice & Claude – Aylmer Vance – Abenteuer eines Geistersehers – Teil 1 (Gruselkabinett 54) (Hörspiel) weiterlesen