Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Márai, Sándor – Glut, Die (Lesung)

_Die Glut der verborgenen Leidenschaft_

Im Jahre 1999 wurde dieses erzählerische Meisterwerk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stehen eine tragische Dreiecksbeziehung und Fragen nach Freundschaft und Treue, nach Stolz und Noblesse.

_Der Autor_

Der ungarischer Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman „Die Glut“ erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

_Die Sprecher_

Das Hörspiel von Sebastian Goy wurde von verschiedenen Rundfunkanstalten in Kooperation umgesetzt, darunter Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk. Regie führte Walter Adler. Das Hörbuch entstand im Jahr 2000, ist also nicht das jüngste.

General: Thomas Holtzmann. Über ihn ist mir nichts bekannt.

Konrad: Rolf Boysen – er spielte den kaiserlich-böhmischen General Wallenstein in der gleichnamigen TV-Verfilmung von Golo Manns Roman, die immer noch eine der besten Leistungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der BRD darstellt.

Weitere Rollen wurden mit Doris Schade, Michael König, Susanne Lothar und Hans-Peter Hallwachs besetzt. Letzterer trat inzwischen auch als Sprecher von Hörbüchern hervor.

Das schöne Titelbild zeigt ein Gemälde von Alexandre Cabanet, mit dem er „Die Comtesse de Keller“ porträtierte, eine schwarzhaarige Schönheit in grünem Kleid und mit Perlenohrringen.

_Handlung_

Das Geschehen spielt an nur einem Abend des Jahres 1940, doch geht es im eigentlichen Sinn um eine kurze Zeitspanne vor exakt 41 Jahren und 43 Tagen, also im Jahre 1899. Henrik, dem General, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, sind solche Zahlen immer noch sehr wichtig. Seine Amme Nini, die immerhin schon 91 ist, weiß das nur zu gut. Und deshalb widerspricht sie seinen Anordnungen nicht. Genauso wenig, wie seinerzeit die Generalsgattin Krisztina ihm widersprach. Sie starb 1907, dreißigjährig, vor 32 Jahren. Und doch ist es, als wäre es erst gestern geschehen.

Heute ist ein besonderer Tag: Henriks Jugendfreund Konrad hat sich angekündigt. Der General beschließt, diesen Tag zu einem Tag der Rache und Abrechnung zu machen, für das, was Konrad getan hat.

Konrad, der seit jenem Schicksalstag in Singapur und London gelebt hat, war im Alter von zehn Jahren zum besten Freund des Generals geworden, als beide die Kadettenschule von Wien besuchten. Aufgenommen in Henriks Familie, blieb er das auch 24 Jahre hindurch, bis 1899. Doch Konrad liebte im Gegensatz zum General die Musik, empfand in ihr Lust und Befreiung. Diese Leidenschaft blieb dem pflichtbewussten General verschlossen, doch den Frauen gefiel sie. Warum dann ging Konrad weg, warum floh er an jenem Schicksalstag, trat aus dem Militär aus und wanderte in die feuchten Tropen aus?

Konrad ist keineswegs der Gesprächigste und rückt mit keinerlei Bekenntnissen heraus. Ist er zu feige oder zu rücksichtsvoll, um die Lebenden und die Toten (Krisztina) zu beschuldigen?

Daher erinnert der General ihn an jenen Morgen auf der Hirschjagd im Wald, als Konrad sein Gewehr auf den General, seinen besten Freund, anlegte und zielte. Warum schoss er nicht? Konrad ging weg und kehrte erst am Abend wieder, um mit Krisztina, die ein Buch über die Tropen (!) las, intensiv zu plaudern, so intensiv, dass sich ihr Mann ausgeschlossen fühlte.

Am nächsten Tag sucht er Krisztinas Tagebuch, in das er sonst immer Einblick erhalten hat: Es ist verschwunden. Bis heute. Heute hat der General das Tagebuch wieder und legt es Konrad ungeöffnet als Kronzeugen vor, quasi an Krisztinas Stelle. Wird Konrad sich verteidigen? Krisztina hatte ihn damals bereits angeklagt, als er verschwand: „Er ist geflohen. Der Feigling.“ Hatte sie etwa mit Konrad aus der Ehe ausbrechen und abreisen wollen? War das der Grund für Konrads „Flucht“? Danach sprach sie kein Wort mehr mit Henrik. Ein altes Rätsel, das gelöst werden muss.

Wird Konrad sich endlich verteidigen, oder wird der General das Tagebuch in die wartende Glut des Kaminfeuers werfen, auf dass die Wahrheit für immer begraben sei?

_Mein Eindruck_

Henrik, der General eines untergegangenen Reiches (das der Habsburger), hält einen beeindruckenden Monolog, in dem sich Rachegelüste, Enttäuschung und ein inniger Glaube an die Macht der Gefühle vermengen. Doch eine tiefe Kluft ist spürbar, ein kafkaesker Abgrund zwischen ihm und dem, was aktuelle politische Realität ist. Henrik ist ein Fossil.

Sein Jugendfreund Konrád hat dem nicht viel entgegenzusetzen, denn er schweigt meistens. Doch in dem Ringen um die Wahrheit verschiebt sich wiederholt die Perspektive. Am Ende steht zumindest bei Henrik die traurige Erkenntnis, dass dieses Ringen sinnlos ist. Die von beiden geliebte Frau ist seit Jahrzehnten tot; Henrik hat nach dem Vorfall nie wieder mit ihr gesprochen. War sie Konrads Komplizin und Geliebte? Henrik und Konrad haben – jeder auf seine Art – die Liebe verraten und damit ihrem Leben den Sinn geraubt.

Die Handlung verläuft quasi in drei Stufen: Zunächst das Warten des Hausherrn auf den Besuch des Jugendfreundes, dann folgt die Begegnung der beiden und schließlich der lange Monolog Henriks, nur wenige Male von Anmerkungen Konráds unterbrochen.

Die enorme Spannung, die der Text über die gesamte Länge aufrecht erhalten kann, speist sich aus der Neugier auf den Fortgang beziehungsweise die Auflösung der Geschichte. Sie lebt aber vor allem aus den aufgegriffenen Themen, aus der Tatsache, dass es die existenziellen, die letzten Fragen sind, die in diesem Buch gestellt werden. Treue zu Freund und Ehefrau, wechselseitiger Verrat der beiden, Suche nach Klarheit in der Aufklärung einer moralischen Katastrophe, die 41 Jahre zurückliegt, in einer anderen Welt, als das Reich noch in Ordnung war.

Nach und nach erweitern geschickt gesetzte Rückblenden im Zuhörer die Ahnung von dem Geschehen in dieser dramatischen Dreiecksgeschichte. Da jedoch alles aus der Perspektive der Hauptfigur des Generals geschildert wird, kann man nicht entscheiden, ob seine im Monolog entfaltete Version der Wirklichkeit entspricht. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Warum hatte Konrad nicht abgedrückt und seinen Freund erschossen? War dies die einzige Möglichkeit, sowohl Freund als auch Geliebte zu behalten? Im Ergebnis jedoch verlor er beide, lebten alle drei ein Scheinleben der Unerfülltheit.

Das Leben des Generals entscheidet sich an nur zwei Tagen des Jahres 1899. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime und verbotene Leidenschaft zueinander ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Urplötzlich befindet sich Henrik auf einer emotionalen Insel, separiert von Frau und Freund, genau wie er sich zeitlich nach dem Untergang des Reiches auch gesellschaftlich-politisch auf einer Insel des Gestern befindet, dem persönlichen Untergang entgegentreibend. Und so wird aus der Abrechnung mit Konrad zugleich auch eine Abrechnung mit der vergangenen Kultur der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Der Glanz ist vergangen, genau wie die Glut der Leidenschaft des Jahres 1899.

|Empfehlung|

Man sollte diese Geschichte gleich mehrmals erleben, denn sie besteht aus mehreren Schichten der Bedeutung. Jede Rückblende häuft eine weitere Dimension zum bereits Gesagten hinzu. Erkenntnis überlagert Erkenntnis. Ich habe mir wie immer Notizen gemacht – nicht nur, um die vertrackte Zeitstruktur auf die Reihe zu bekommen und mir die Namen zu merken, sondern auch um Henriks Argumente festzuhalten, die er gegen Konrad und seine Frau vorbringt. Doch am Ende steht der Eindruck, dass es um Dinge und Taten geht, die nicht in Worten ausgesprochen werden. Daher nochmals meine Empfehlung, das Hörspiel mehrmals anzuhören, um die Zwischentöne aufzuspüren.

|Die Sprecher|

Meist sprechen hier alte Männer, im Monolog dominiert Thomas Holtzmann als der alte General. Er spricht nuancenreich, wechselt oft das Tempo, je nachdem, ob er sich erinnert oder Konrad direkt anspricht. Die anderen bekannten Sprecher wie etwa Hans-Peter Hallwachs spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Dramaturgisch ist das Hörspiel aufgrund des dominierenden Monologs wenig attraktiv: Es passiert rein gar nichts, und nur die Psychologie des Augenblicks erschafft die Spannung aus der Frage, ob es am Ende Mord und Totschlag geben wird.

_Unterm Strich_

„Die Glut“ ist ein sehr ruhiges, absolut aktionsloses Hörspiel. Der Zuhörer ist gezwungen, genau hinzuhören, um zu erfassen, welches psychologische Drama sich entfaltet. Zudem finden viele Rückblenden Eingang in die psychologische Aufladung des Augenblicks, und die entscheidenden Zeitebenen liegen 41 Jahre auseinander. Dennoch mag das Hörspiel seinen hochliterarischen Reiz entfalten für denjenigen, der bereit ist, es sich mehrmals anzuhören. Es eignet sich definitv nicht für lange Autofahrten. Vielmehr sind in den Tiefen zwischen den Sätzen die Geheimnisse und Rätsel erst bei genauem Hinhören aufzuspüren. Dass sie existieren, können Millionen Leser in aller Welt bezeugen. „Die Glut“ war die literarischen Sensation der neunziger Jahre.

|Mehr Details über den Autor|

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Mehr dazu bei| [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__M%C3%A1rai |

|Originaltitel: A gyertyák csonkig égnek
Originalausgabe 1942, Dt. Erstausgabe 1950, neu 1999 bei Piper
übersetzt von Christina Viragh|

James, Henry / Gruppe, Marc – Unschuldsengel, Die (Gruselkabinett 5)

_Psychodrama: Kampf der Unschuld gegen Dämonen_

England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Eine neue Gouvernante übernimmt die Betreuung und Erziehung der Waisen Miles und Flora auf dem einsam gelegenen, herrschaftlichen Landsitz Bly. Doch die Idylle trügt. Schreckliches hat sich hier ereignet.

Der böse Einfluss der vorherigen Gouvernante und des Hausverwalters scheint fortzuwirken, obwohl beide mittlerweile verstorben sind. Die neue Gouvernante beginnt, von Tag zu Tag mehr an den Unschuldsmienen ihrer Schützlinge zu zweifeln … (Verlagsinfo)

Empfohlen ab 14 Jahren.

_Der Autor_

Henry James (1843 bis 1916) wurde in den USA geboren, lebte aber ab 1876 in Großbritannien und entfaltete dort einen enormen Einfluss auf die Schriftsteller seiner Zeit, namentlich auf H. G. Wells und Joseph Conrad. Er ist eine zentrale Figur in der Entwicklung des modernen Romans und für die so genannte |Supernatural Fiction|, die heute unter Horrorliteratur subsumiert wird, von ebenso großer Bedeutung: Er führte das Konzept des „unzuverlässigen Berichterstatters“ als Erzählmodus ein und schrieb mit „The Turn of the Screw“ auch gleich das beste Beispiel dafür.

Wer sich den Film „The Others“ ins Gedächtnis ruft, dem wird auffallen, dass auch dort die Hauptfigur, durch deren Augen wir das Geschehen hauptsächlich – aber nicht durchgehend – verfolgen, ebenfalls höchst unzuverlässig ist. Das liegt an der einzigartigen Grundbedingung ihrer Wahrnehmung: Sie ist ein Geist.

_Die Sprecher_

Vor diesem Hintergrund ist es eine positive Überraschung zu lesen, dass die deutschen Stimmen der zwei Kinder der Hauptfigur in „The Others“ auch in „Die Unschuldsengel“ zu hören sind. Die deutschen Sprecher sind die selben: Lucas Mertens (Miles) und Charlotte Mertens (Flora).

Die weiteren Rollen:

Gouvernante (die durchweg namenlos ist): Rita Engelmann (dt. Stimme von Deneuve & Kim Novak)
Mrs. Grose: Regina Lemnitz (dt. Stimme v. Kathy Bates, Diane Keaton)
Violet Jessel, die vorherige Gouvernante: Arianne Borbach (zu hören als Catherine Zeta-Jones)
Peter Quint, der vorherige Hausverwalter, Violets Lover: David Nathan (Leonardo diCaprio, Christian Bale, Johnny Depp)
Vormund von Miles & Flora: Patrick Winczewski

_Handlung_

(Die sechs Seiten der Rahmenhandlung wurden auf eine einzige Szene verdichtet. Die Ich-Erzählung ist als eine Art Tagebuch anzusehen, das die tragischen Vorgänge auf Gut Bly erklären – und die Schreiberin rechtfertigen – soll.) „Niemals hätte ich diese Stellung annehmen dürfen.“

Eine junge Pfarrerstochter meldet sich auf eine Anzeige, in der eine Gouvernante gesucht wird, und stellt sich bei ihrem potenziellen Arbeitgeber vor. Sie begibt sich in das prächtige Stadthaus in der Harley Street, doch noch viel mehr fühlt sie sich durch den charmanten Hausherrn bezaubert. Er ist der Vormund der zwei Kinder seines in Indien verstorbenen Bruders und seiner Schwägerin. Da er als Junggeselle nichts von Kindererziehung verstehe, wolle er die Erziehung von Miles und Flora in kompetente Hände legen. Allerdings leben sie nicht in London, sondern auf dem Gut Bly, dem Stammsitz der Familie. Sie wäre quasi die Herrin auf Bly, falls sie zusage. Ihre Vorgängerinnen hätten, ähem, aufgegeben. Es gebe nur eine Bedingung, die er stelle: Sie dürfe ihn niemals, unter keinen Umständen, mit den Angelegenheiten auf Bly behelligen! Sie sagt zu.

Das Willkommen auf Bly könnte herzlicher nicht sein, und Mrs. Grose, die Haushälterin, ist eine hilfsbereite, wenn auch sehr einfache und ungebildete Frau. Die süße Flora teilt mit der neuen Gouvernante das Zimmer. Der zehnjährige Miles wird in drei Wochen aus dem Internat zurückerwartet, doch ein Brief seines Schuldirektors kündigt seine vorzeitige Rückkehr an. Die Gouvernante und Mrs. Grose können sich nicht erklären, warum Miles von der Schule verwiesen wurd: „schädliches Verhalten“ – was soll darunter zu verstehen sein?

Miles erweist sich als kleiner Gentleman und hat die arglose Gouvernante in Nullkommanix um den Finger gewickelt. Es ist Sommer und sie wähnt sich mit „ihren“ beiden Kindern wie im Paradies. Da sieht sie eines Tages einen fremden Mann auf dem Turm. Er wirkt auf sie wie eine dämonische Bedrohung, doch Mrs. Grose hat ihn nicht gesehen. Außerdem ist der Turm völlig unzugänglich. Doch die Gouvernante sieht den Fremden erneut draußen vor dem Fenster. Ihr ist klar: „Er sucht die Kinder!“

Nun muss Mrs. Grose mit der Wahrheit herausrücken: Es handle sich wohl der Beschreibung nach – feuerrotes Haar, stechender Blick, schlecht sitzende Kleidung – um Peter Quint, den früheren Hausverwalter. Doch er sei bereits Jahre tot. Nach einem seiner zahlreichen Kneipenbesuche habe er sich bei einem Sturz auf dem Heimweg eine tödliche Kopfwunde zugezogen. Miles sei ihm hörig gewesen, denn Quint führte unangefochten das Regiment auf Bly.

Der Schutzreflex der Gouvernante wird noch verstärkt durch die Geistererscheinung, die ihr am See widerfährt: Es ist Violet Jessel, die vorherige Gouvernante. Sie ruft nach Flora, so wie Quint stets nach Miles ruft. Doch Flora gibt vor, sie nicht zu kennen. Kein Wunder, denn auch Miss Jessel ist schon länger tot. Floras Verhalten weckt das Misstrauen der Gouvernante. Stecken sie und Miles etwa mit den beiden Geistern unter einer Decke? Haben sie sich gegen sie verschworen?

Da entdeckt die Gouvernante, welches Geheimnis sich hinter den beiden Geistern verbirgt. Ihre ernste Besorgnis steigert sich zu verzweifelter Panik, um ihre beiden Schutzbefohlenen vor dem Verderben zu retten.

_Mein Eindruck_

So wie Schönheit laut Volksmund im Auge des Betrachters liegt, so verhält es sich mitunter auch mit dem Bösen. Ist die Bedrohung durch Quint und Jessel für die Kinder wirklich oder eingebildet? Die Deutungen reichen von der Akzeptanz der beiden Geister bis hin zu einer völlig realistischen Erklärung. Die Gouvernante habe sich in ihren charmanten Dienstherrn, den Vormund, verliebt, doch als weit unter ihm stehende Pfarrerstochter unterdrückt sie ihre Libido, sublimiert sie vielmehr, indem sie sich zärtlich seinen beiden Mündeln widmet.

In Peter Quint erblickt sie den bedrohlichen Doppelgänger des Vormunds, und da sie weder auf Autorität noch auf Erfahrung zurückgreifen kann, ist sie völlig auf sich angewiesen. Ihren Befürchtungen ausgeliefert, bilde sie sich die Bedrohungen durch die beiden Vorgänger ein. Ihre eigenen Aggressionen gegen die Welt übertrage sie auf die beiden Vorgänger, verdammt sie zudem in moralischer Hinsicht, weil die beiden eine „schamlose“ Beziehung zueinander hatten. Ihre Aggression überträgt sie aber außerdem, und das ist letzten Endes ausschlaggebend, als Misstrauen auf die Kinder: Sie sollen Gehilfen der beiden Dämonen sein.

Dass das Auftauchen der Gouvernante die Dämonen erst zum Leben erweckten habe, ist eine weitere Deutung (E. F. Bleiler). Sie weigert sich zudem, den Dämonen irgendwelche Macht zuzugestehen, obwohl sie die Einzige ist, die sie wahrnehmen kann. Durch ihre Weigerung, eine weltliche Transzendenz der Realität zuzulassen, wird sie nicht der Epiphanie (vulgo: Erleuchtung) teilhaftig, wie sie für E. M. Fosters Figuren – etwa in „Ein Zimmer mit Aussicht“ – so charakteristisch ist. Sie erlangt nie das volle Verständnis der Lage der Dinge. Nicht nur sie, sondern vor allem ihre Schützlinge zahlen dafür einen hohen Preis.

Die größte Ironie besteht jedoch darin, dass sie selbst es ist, die zu einer Besessenen wird. In ihrem Kampf, sich als des Postens und der Aufgabe würdig zu beweisen, kann sie nicht auf Autorität oder altersbedingte Erfahrungen zurückgreifen. Mrs. Grose ist in ihrer Sturheit ebenfalls keine Hilfe. Die unschuldige Pfarrerstochter glaubt, endlich dem „schamlosen“ Geheimnis auf die Spur zu kommen, das Miles verbirgt: Worin bestand sein „schädliches Betragen“? Sie muss beweisen, dass die beiden Dämonen Quint und Jessel, das unmoralische Liebespaar, Besitz von den Kindern ergriffen haben. Nur so kann sie sich auch selbst für unschuldig halten und denken, sie befinde sich im Recht. Schlägt dieses Bemühen fehl, ist ihr Irrtum offenbar, ihr Versagen vollständig.

Und daher kennt ihre Besessenheit kaum Grenzen, als sie erkennt, dass die Kinder sie hänseln, ja, dass sogar der Hilferuf an ihren Vormund abgefangen wurde. Immer weiter wird die titelgebende Daumenschraube weitergedreht. Der innere Druck nimmt zu, ihre eigenen Repressalien – stets wohlmeinend zum Schutz der Kinder eingesetzt – erweisen sich schließlich als verhängnisvoll.

_Die Sprecher_

Die Hauptfigur ist natürlich die Gouvernante (die insgeheim als Ich-Erzählerin auftritt), und ihre Sprecherin Rita Engelmann präsentiert eine ausgezeichnete Darbietung ihres Könnens. Ihre Haltung wechselt von würdevoller Erzieherin häufig hin zur besorgten Mutterfigur, dann wieder – im Dialog mit Mrs. Grose – zur empörten Dame, die sich über das unmoralische Verhalten ihrer Vorgängerin Miss Jessel entrüstet. Mrs. Grose ist schnell als einfache Frau vom Lande zu erkennen; sie kann nicht einmal lesen. Die beiden Kinderrollen von Flora und Miles werden von Lucas und Charlotte Mertens ausgezeichnet ausgefüllt – sie sind ja auch seit ihrer Mitwirkung an „The Others“ richtige Profis.

Etwas kniffliger wird die Sache dann mit den beiden Geistern. Sie dürfen lediglich flüstern, doch es gibt auch etwas zu lachen. Besonders David Nathan als Lebemann Peter Quint tut sich mit einer hämischen Lache hervor, die ein bisschen dick aufgetragen wirkt. Schließlich darf er tatsächlich auch sexistische Schimpfwörter für die Gouvernante benutzen. Und in einer Szene verführt er sein Mitgespenst Violet Jessel wie ein wahrer Casanova. Dies ist der letzte Hinweis darauf, dass es in diesem Psychodrama nicht zuletzt auch um sexuelle Dominanz geht. Die Novelle lässt sich, wie gezeigt, in viele Richtungen deuten. Sie ist aufgrund dieser Thematik erst ab 14 Jahren empfohlen.

_Musik und Geräusche_

Da die Handlung im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, bietet es sich an, Musikformen jener Epoche einzusetzen. Dazu gehört die Klaviersonate. Am Anfang und Schluss erklingt das Piano, erst idyllisch-harmonisch, am Ende traurig in Moll. Zwischendurch hören wir aber auch ein volles Orchester, das mit einer dramatischen Passage die zunehmende Spannung im Hause Bly zum Ausdruck bringt.

Mehr als einmal tobt ein Gewitter über dem Anwesen und symbolisiert entsprechend aufgeregte Gefühle. Dabei überwiegt allerdings das Empfinden einer Bedrohung, eines nahenden Unheils: Raben krächzen. Dabei begann alles so idyllisch: zwitschernde Vögel, rauschende Bäume und plätscherndes Wasser. Doch wie so oft ist es Glockenklang – vor der Kirche, dem Symbol der Transzendenz -, der eine Wendung anzeigt. Die Gouvernante hat eine Entdeckung gemacht, die in ihren Augen Floras Komplizenschaft mit den Geistern belegt. Die Katastrophe lässt nicht auf sich warten.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel von Marc Gruppe vollzieht die langsam steigende Spannung, die stetige Entwicklung der Gouvernante leicht verständlich nach, so dass es keine Verständnisprobleme gibt. Anders als die ziemlich lange Novelle (die ich vor Jahren mal im Studium gelesen habe) kommt das Hörspiel ziemlich schnell auf den Punkt: Der Hörer weiß also stets, woran er ist.

Das bedeutet nicht, dass es hier eine Menge Action gibt, sondern vielmehr steht das Psychodrama im Vordergrund: Wie konnte es zu dem tragischen Verhängnis kommen, das uns am Ende schockt? Was an der Geschichte auffällt, ist indes die völlige Abwesenheit von Fantasy- und Horror-Accessoires wie etwa Werwölfe, Vampire, Giftmischer, Verwandlungen und dergleichen. Durchgehend sind wir in der Lage, das Befremden der Kinder nachzuvollziehen, die ihre Gouvernante immer wieder für verrückt halten – was diese natürlich keinesfalls akzeptieren will.

Obwohl also kein typischer Horror, wirkt doch die Story so, als könnten die Geister entweder echt sein oder auch nicht. In letzterem Fall wäre es eine Studie in entstehendem Wahnsinn, in ersterem eine der besten Gespenstergeschichten, die je geschrieben wurden. Kein Wunder also, dass sie mehrmals verfilmt wurde und es davon sogar eine Oper gibt, wenn ich mich recht entsinne.

|Originaltitel: The Turn of the Screw, 1898
ca. 72 Minuten auf 1 CD|

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)

Thomas A. Barron – Merlin – Wie alles begann (Hörbuch)

„Merlin – Wie alles begann“ ist der erste Teil einer erfolgreichen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein Kind, dessen Mutter seine Herkunft mit einem geheimnisvollen Schweigen umgibt. Klar, dass er seine Wurzeln erkunden muss. Denn das bedeutet, die Quelle seiner Fähigkeiten zu ergründen.

Der Autor

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TKKG – Terror frei Haus (Folge 219)

Die Handlung:

Tim, Karl, Klößchen und Gaby werden Zeugen, wie Klößchens Nachbarin an der Tür von zwei als Paketboten verkleideten Gaunern überrumpelt wird. TKKG eilen Frau Monique van Dorten zu Hilfe. Mit ihrem plötzlichen Auftauchen schlagen sie die Verbrecher in die Flucht. Jetzt müssen die Bewohner der Millionenstadt gewarnt werden – mit diesem fiesen
Paketbotentrick dürfen die Gauner keine Chance mehr haben! Aber die findigen Verbrecher haben längst einen neuen Plan geschmiedet und diesmal sollte es ausgerechnet Klößchen treffen! Tim, Karl und Gaby ahnen nicht, dass ihr Freund in
großer Gefahr ist …(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Der Klappentext klingt schon mal nach einem Fall für die erwachseneren TKKGs. Organisierte Kriminelle (besonders die mit Sturmhauben und Pistolen) neigen nicht zu spaßen und Zeugen sind auch nie gern gesehen. Da wunderts mich, dass hier nur Klößchen in Gefahr sein soll und nicht auch der Rest der Bande.

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TKKG junior – Oskar in der Falle (Folge 17)

Die Handlung:

In Gabys Nachbarschaft verschwinden neuerdings Haustiere. Jedes Mal, wenn das geschieht, wird ein weißer Lieferwagen in der Siedlung gesehen. Sind die Tiere vielleicht entführt worden? Seltsam ist allerdings, dass kein Lösegeld gefordert wird. TKKG übernehmen den Fall und fischen zunächst im Trüben. Als TKKG eines Nachmittags hilflos dabei zusehen müssen, wie auch Gabys Hund Oskar entführt wird, ist es höchste Zeit, die skrupellosen Tierfänger dingfest zu machen. Doch wo steckt Oskar nur? Und wie finden sie die Täter? Mit Mut und Köpfchen geraten TKKG schließlich auf die richtige Fährte.
(Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Na das ist doch mal ein ausführlicher Klappentext. Was mich dabei allerdings stutzig macht: Wenn wiederholt ein weißer Lieferwagen gesehen wird … sogar von der TKKG-Bande … wieso hat noch keiner das Kennzeichen aufgeschrieben? Oder hatte der Wagen keins oder wars abgeklebt? Mal hören, was der Autor dieses Falles zu der Frage zu sagen hat …

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Roche, Charles (Zeller, Bernd) – Trockenzonen

_Vorsicht: Parodie mit Ekel- und Gähnfaktor!_

„Feuchtgebiete“ war für Mädchen. „Trockenzonen“ ist für Männer. Echte Männer. Schluss mit Schönheitswahn, Waschzwang und Duft-Terror! Männer müssen wieder Männer sein – und auch so riechen! (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Charles Roche ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich der vielfache Buchautor und frühere „Pardon“-Herausgeber Bernd Zeller.

_Der Sprecher_

Oliver Korittke, 1968 in Berlin geboren, trat schon als Sechsjähriger in der „Sesamstraße“ auf. Nach ersten Bühnen-Engagements folgte schließlich der endgültige Sprung zum Film. Bis heute hat er in über 50 Filmen mitgewirkt. Im Jahr 2000 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. (Verlagsinfo).

Regie führte Margrit Osterwold. Die Aufnahme erfolgte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg.

_Inhalt_

|Vorwort|

Der Autor bezieht sich auf das Buch von Charlotte Roche und erklärt sein (satorisches) Gegenprogramm: „Nur ein Mann, der auch riecht, ist wirklich einer.“

|Das Hauptprogramm|

Helen aus „Feuchtgebiete“ macht die Bekanntschaft des neuen Patienten, der uns nie seinen Namen verrät und als Ich-Erzähler auftritt. Helen imponiert ihm mordsmäßig, weil sie Staub ohne Höschen, sondern mit dem Po wischt. Sie lehnt die Tyrannei der Hygiene bekanntlich ab, genau wie er. Er hat von Kindesbeinen an Parodontose gehabt, dass das Zahnfleisch blutete. Er schluckte das Blut natürlich. Das Zahnfleisch sieht jetzt aufgequollen wie eine Artischocke aus: seine Gesichtsmuschi. Doch jetzt steht eine Notoperation an: Auch seine Stoßzähne müssen raus. Und weil er schon mal dabei ist, entfernt ihm der Chirurg auch gleich den ungehinderten Bartwuchs.

Schon als Baby wäre er am liebsten gleich wieder ins Fruchtwasser zurückgeglitten und pinkelte stattdessen ins Badewasser. Zähneputzen und Unterhosetragen kam ebenso wenig infrage wie Abschütteln beim Pinkeln. Gelobt sei der Pissfleck. Daheim legt er sich in seine Trockenzone: eine Badewanne voll Moos und Dreck, den er sich extra von der Straße gesaugt hat. Sowohl das Geschirr in der Spüle wie auch das Moos im Flur bilden eine Feuchtbiotop, das gerne von Fröschen genutzt wird, die den Fliegen nachstellen.

Nachdem er einen Toleranzkurs an der VHS besucht hat, begibt er sich auf Mission, um die hygieneunterdrückten Männer seines Volkes zu befreien. Er muss sie vom Waschzwang befreien, damit sie richtige Männer sein können. In erstaunlich kurzer Zeit hat er es von Klubs und dem Rathausfoyer bis in die Talkshows und Trendmagazine geschafft. Botschaft: „Du bist dein eigenes Deo!“

|Bonusmaterial|

A) Fundstücke aus der Presse

– Riechen wie die Stars;
– Das aktuelle Interview mit Dr. Axel Fußpilz, einem Seifenforscher;
– Mode: Interview mit Yves St. Paint wider die Zweitunterhose;
– Abstimmung über die ultimative Geruchsquelle, moderiert von G. Jauche;
– Infos über die größten Hygieneirrtümer;
– Trendberichte über Dirk Bach und Amy Winehouse;
– In- und Out-Liste
– Tier und Mensch: In- und Out-Liste; Mega-in ist der Moschusochse;
– Lyrikecke mit einem Text von Charlotta Roche-Grünbein;
– Leser fragen, Experten antworten

B) Service: Was tun im Schwimmbad?

C) Verbrauchertipp: Shapoorückrufaktion durch alle Hersteller

D) Buchtipp: „Schmuddel-Ich“ von Constanze Ölich. Plot: Eine Frau bekennt sich, nach anfänglichen Vorbehalten, zu ihrem ungewaschenen Mann, die Kommunikation läuft ja jetzt nonverbal, und zu guter Letzt bauen sie ihr Bad zu einem Hobbyraum um.

_Mein Eindruck_

Man sollte sich immer vor Augen halten, dass dieser Text a) nicht ernst gemeint ist und b) eine Antwort auf Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ sein soll. Wer also den Text für bare Münze nimmt UND zugleich „Feuchtgebiete“ NICHT kennt, steht auf verlorenem Posten und darf sich mit einem Sechser im Klassenbuch setzen. Oder als Esel in die Ecke stellen, um sich zu schämen.

Ich rief mir zwar ins Gedächtnis, dass der Schreiber dieser Texte – sie kommen ja aus unterschiedlichen Verwendungsbereichen – von einer Satire-Zeitschrift kommt, doch was er mir dann vorsetzte, schlug auch mir gehörig auf den Magen: blutendes Zahnfleisch, Sperma, Kotze und dergleichen mehr, was ich gar nicht aufzählen will. Das Leben des Ich-Erzählers mutet dann schon eher putzig an: Feuchtgebiete und Trockenzonen.

Etwas bissiger fand ich dann schon die ironischen Angriffe des Autors auf die Mediengrößen hierzulande. Der Geruchsmissionar wird zum Politpromi, wie es ja schon mehreren Leuten widerfahren ist. Reinhold Beckmann erklärt sich solidarisch, ebenso Klaus Wowereit und Oskar Lafontaine. Nur Katja Riemann wagt es bei Johannes B. Kerner, Vorbehalte gegen den ungewaschenen Mann zu äußern, wird aber zur willkommenen Front, an der sich der Rebell mit dem Fußpilz profilieren kann. Was wäre ein Revoluzzer ohne seine Feinde? Eben: nichts.

Diesem amüsanten Teil schließen sich die obligatorischen Fingerübungen eines Parodisten an. Wer so etwas schon kennt, wird nicht überrascht werden. Und auch sonst bietet das Bonusmaterial wenig Überraschungen, vom Ekelfaktor ganz zu schweigen.

|Der Sprecher|

Oliver Korittke ist ja schon als Schauspieler nicht gerade eine Offenbarung, als Sprecher bietet er in dieser Hinsicht keine Überraschung. Er schafft es gerade mal, den Text fehlerfrei vorzutragen, ohne sich ständig zu verhaspeln. Aber von ihm dann auch noch zu erwarten, unterhaltsam und sogar WITZISCH zu sein, das wäre wirklich daneben.

Immerhin gelingen ihn ein paar emotionale Darstellungen, so etwa der schmerzerfüllte Ausdruck eines Türstehers, dem der Ich-Erzähler seine ungewaschenen Füße präsentiert. Auch die demagogischen Sprüche des Missionars der Antihygiene kommen so gut zur Geltung wie das laut johlende Volk seiner Jüngerschaft. Am besten sind noch der französisch näselnde Modeschöpfer Yves St. Paint und der ernst und tief daherdozierende Experte Dr. Axel Fußpilz.

Es gibt weder Musik noch Geräusche, was für eine solche Miniproduktion wahrscheinlich auch ein Overkill wäre.

_Unterm Strich_

Der Haupttext verschießt sein Pulver bereits in der ersten Viertelstunde, danach kommt nichts mehr, das den Ekelfaktor und Einfallsreichtum dieses Anfangs noch toppen kann. Die Missionarstour kennt man von etlichen Weltbekehrungswerken her. Über eine individuelle Psychologie, die über das Antibild, welches der ungewaschene Mann abgibt, hinausginge, kann man wohl kaum sprechen. Wieso er sich überhaupt auf eine Mission begibt, ist völlig unmotiviert.

Was entschieden fehlt, ist die Integration der Helen in einer menschlich interessanten Beziehung. Hier hätte es einen Konflikt geben müssen, wie ihn beispielsweise „Schmuddel-Ich“ ganz am Schluss andeutet. Hätte der Autor diesen Plot geschrieben, wäre die Story zwar platter, aber wesentlich unterhaltsamer geworden. Und man muss ja nicht unbedingt das Bad zum Hobbyraum umbauen. Man kann ja auch eine Party der Ungewaschenen darin veranstalten. Motto: Zurück ins Neanderthal!

|44 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3869090108|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Montgomery, Lucy Maud – Anne in Windy Poplars, Folge 16: Abschied von Summerside

_Taschentuchalarm: Rabenväter und Shotgun Weddings_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne in Kingsport“)

Die Lage im Hause Sinclair spitzt sich immer mehr zu. Anne rät ihren Lieblingsschülern daraufhin zu einem gewagten Schritt – wohl wissend, dass dies sicherlich Ärger verursachen wird. Aber auch an anderer Stelle sorgt Anne für Wirbel. Der kleinen Elizabeth im Nachbarhaus stehen einige aufregende Stunden bevor …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die 1. Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft 4827
Folge 2: [Verwandte Seelen 4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke 4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin 5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen 5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele 5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: Anne in Windy Poplars (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin 6084
Folge 14: [Ein harter Brocken 6085
Folge 15: [Das zweite Jahr in Summerside 6110
Folge 16: Abschied von Summerside

Die 5. Staffel: „Anne in Four Winds“ (Frühjahr 2010)

Folge 17: Ein neues Zuhause
Folge 18: In guten wie in schlechten Zeietn
Folge 19: Verwirrung der Gefühle
Folge 20: Ein neuer Anfang

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Synchronstimmer von: Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Synchronstimme von: Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Und viele andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin. Hier ist einzige Kritik angebracht: Das Mädchen auf dem Titelbild, das Elizabeth darstellen soll, sieht meiner Auffasung nach viel zu alt aus, fast schon erwachsen. Und doch vergingen in Summerside nur zwei Jahre. Oder waren es doch drei? Wie die Zeit vergeht!

_Handlung_

Als Anne Anfang des neuen Jahres wieder nach Windy Poplars zurückkehrt, erzählt sie, dass Katherine Brooke mit dem kleinen Hündchen, dass sie ihr geschenkt habe, in ein neues Domizil ziehen werde, das gar nicht weit entfernt liege. Die Bewohnerinnen von Windy Poplars sagen ihr sofort, sie soll Katherine einladen, und diese verspricht auch zu kommen.

Im Nachbarhaus „Evergreens“ stehen die Dinge immer noch schlimm, denn Mrs. Campbell hat ihrer Urenkelin Elizabeth das Vorsingen verboten, worüber das Mädchen sehr traurig ist. Doch Anne weiß von Rebecca, dass Mrs Campbell eine erbitterte Feindin des Pringle-Clans ist. Sie braucht nur zu erwähnen, dass eines der Pringle-Mädchen sowieso besser als Elizabeth singen würde, als Mrs. Campbell auch schon ihre Erlaubnis erteilt. Elizabeth ist selig. Aber wer ist bloß dieser Rabenvater, der seine Tochter so im Stich lässt?

Die Sommerferien verbringt Anne ein letztes Mal zusammen mit Katherine Brooks. Die Bekehrte will nicht mehr als Lehrerin arbeiten, sondern hat sich für einen Kurs als Fremdsprachensekretärin am Redmond College eingeschrieben, denn sie sehnt sich nach den Orten im Orient, die zu bereisen sie sich schon immer gewünscht hat. Aber auch Elizabeth darf diesmal mit und findet in Davy und Dora zwei wunderbare Spielkameraden. Gilbert Blythe hilft beim Eisenbahnbau im Westen, um Geld für sein Medizinstudium zu verdienen.

|Shotgun Wedding|

Louis Allen, der angehende Fotograf, und Sophie Sinclair, die talentierte Schauspielerin, wollen eigentlich heiraten, aber Sophie hat schreckliche Angst, dass ihr Vater diese Verbindung ablehnt, weil er zu sehr auf die Familienehre bedacht ist. Anne soll sich nicht einmischen, hat aber nur einen Rat parat: In diesem Fall können Louis und Sophie nur durchbrennen und auf eigene Faust heiraten! Dann müsse sich Sophie nicht zwischen Louis und ihrem Vater entscheiden.

Alles ist für die heimliche Trauung im Haus der Armstrongs vorbereitet, wo Louis jetzt wohnt, und der Pfarrer wartet schon, doch wo ist die Braut? Verzweifelt fährt Louis durch den strömenden Regen zu Anne, um sie um Hilfe zu bitten. Es gibt nur eines zu tun: Sie muss Sophie umstimmen, denn die hat bestimmt die Hosen voll …

|Ein Rabenvater kehrt zurück|

Nach dem glücklichen Ende dieser Affäre begibt sich Anne im Sommer auf die versprochene Bootstour mit Elizabeth. Zusammen rudern sie zur Insel Flying Cloud, wo sich Elizabeths „Traumland“ befindet. Vor Monaten hat Anne dem Vater des Mädchens einen ermahnenden Brief geschrieben, aber bis zum heutigen Tage keine Antwort erhalten, was sie ziemlich frustriert. Elizabeth fürchtet, dass dies ihr Ende sein werde, was die Tanten in Windy Poplars mal wieder zum Schluchzen bringt, als sie davon hören.

Doch der Maitag auf der Insel ist wunderschön, und Anne hat einen Auftrag zu erledigen: Sie soll Mrs. Thompson, die hier wohnt, einen Brief bringen. Doch die Frau befindet sich am anderen Ende der Insel beim Pflücken wilder Erdbeeren. Während Anne losgeht, bleibt Elizabeth an der Landestelle. Da tritt ein Mann auf, der seinen Namen nicht nennt, aber so freundlich ist, dass er Elizabeth ein Eis mit Erdbeermarmelade spendiert. Aber als Anne zurückkommt, verschwindet er wieder. Wer mag er gewesen sein? Zusammen erkunden Anne und Elizabeth die Insel, finden ihn aber nicht, bevor sie heimkehren müssen.

Doch auf dem Heimweg gehen einem Kutscher die Pferde durch. Die stoßen Elizabeth so heftig um, dass sie in Ohnmacht fällt. Erst im Krankenhaus erwacht sie wieder. Zwei Erwachsene sprechen über sie. Der eine ist unverkennbar Anne, doch der Mann … der Mann, der ihr das Eis spendierte, gibt sich endlich als ihr Vater zu erkennen …

_Mein Eindruck_

Das gemeinsame Thema der beiden Episoden, die durch drei Folgen vorbereitet wurden und endlich ihren Abschluss finden, sind Väter. Man kann also sagen, dass das Fehlen der Väter ein Generalthema dieser Staffel ist. Auch Louis Allen und Teddy Armstrong sind vom Schicksal ihrer Väter betroffen, und Anne hat ihren eigenen nie kennengelernt. Matthew Cuthbert wurde ihr Ersatzvater, und seiner Liebe verdankt sie ihre positive Einstellung den Männern und dem Leben gegenüber.

Die Männer am Ende des 19. Jahrhundert sind rein rechtlich immer noch die unumschränkten Herrscher, doch im praktischen Alltag werden sie zunehmend von Frauen bestimmt, die auf mehr Rechte pochen. Das illustriert bereits Annes eigene selbstbestimmte Lebensweise. In dieser vierten Folge nimmt sie nun den Kampf mit zwei ganz verschiedenartigen Bastionen der Vaterschaft auf: Mr. Sinclair ist zu selbstherrlich und Mr. Grayson ist völlig abwesend. Welcher von den beiden ist schlimmer?

|Zwei Arten Väter|

Nun, beiden kann auf die Sprünge geholfen werden, wie sich zeigt. Das Gespräch mit dem patriarchalischen Mr. Sinclair verläuft ganz anders, als Anne befürchtet hat, denn am Ende ist der Patriarch sogar froh, dass sie ihm die ganze Arbeit abgenommen hat, Sophie zu verheiraten. Typisch Kerl! Andere die Arbeit machen lassen, um nur nicht das eigene Ansehen in der Sippe zu ramponieren! Anne weiß nicht zu wüten oder lachen soll. Als Diplomatin tut sie weder das eine noch das andere, sondern ist froh, ihren Lieben in Windy Poplars die frohe Botschaft überbringen zu können, dass das „Shotgun Wedding“ mit der „Runaway Bride“ Sophie ein gutes Ende gefunden hat.

|Rabenvater?|

Anne hat Mr. Grayson, den Vater ihres Schützlings Elizabeth, eigentlich in Paris vermutet, also schrieb sie einen geharnischten Brief an seine Firmenzentrale – ohne jedoch je eine Antwort zu erhalten. Nun taucht Mr Grayson unerwartet auf der Insel Flying Cloud und in Summerside auf. Wie Mr Sinclair ist auch er gottfroh, dass ihm Anne die Arbeit abgenommen und sich um seine Tochter gekümmert hat. Typisch Mann! Er hat nur die jämmerliche Entschuldigung vorzubringen, dass sein Boss etwas gegen Elizabeth gehabt hätte. Was nichts Gutes von diesem Boss erwarten lässt, oder? Wenigstens will sich Grayson fortan um die Tochter kümmern – reichlich spät, nachdem sie um Haaresbreite dem Tod von der Schippe gesprungen ist.

Wie man sieht, weiß die Autorin nicht allzu viel Gutes über das Verhalten von Vätern zu erzählen. Deshalb kommt den Frauen die Aufgabe zu, sich um die Ordnung solcher chaotischen Angelegenheiten zu kümmern, um wenigstens so den Fortbestand der menschlichen Rasse zu gewährleisten, vom Glück und Wohlergehen ihrer jüngsten und schwächsten Mitglieder ganz zu schweigen.

|Abschiede|

So viele Abschiede, so viele Tränen! Am besten ein dickes, großes Taschentuch bereithalten, um den Wasserfall aufzufangen!

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1882, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Generalthema der Väter hat die ganze Staffel durchzogen und findet nun in zwei Varianten seinen Abschluss. Anne setzt sich jeweils konstruktiv mit den Vätern auseinander. Nachdem die vorhergehende Staffel das Thema der jugendlichen Liebe bis zur Verlobung durchexerziert hat, verweist diese Staffel nun bereits auf das kommende Generalthema voraus: Annes Ehe mit ihrem bisherigen Verlobten Gilbert Blythe. Ob er sich wohl als optimaler Vater ihrer Kinder erweisen wird? Nach dieser Staffel würden wir nicht unbedingt eine Million Euro auf ihn setzen, selbst wenn er als herzensguter Kerl erscheint. Mit anderen Worten: Für Anne Shirley bleibt es spannend, und es gibt wie immer jede Menge zu tun, was die Menschen brauchen.

|Das Hörspiel|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den „Spider-Man“-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|1 CD mit 54 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 978-3785741412|
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[www.wellenreiter.la]http://www.wellenreiter.la
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – verräterische Herz, Das (POE #17)

_Das pochende Herz unter dem Boden der Stadt_

„Das verräterische Herz“ ist der siebzehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Serie von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

In New Orleans ist Poe den Machenschaften Doktor Templetons alias Francis Baker entkommen und nach New York geflohen. Dort mietet er sich in einem alten Hotel im sechsten Bezirk ein. Poe, ohne Kontakt zu den anderen Gästen, wird wieder von Visionen heimgesucht. Was er nicht weiß: Im Volksmund heißt die Gegend „der blutige alte Bezirk“. Über ihm logiert ein Mann mit einem unheimlichen Auge. Poe fühlt sich von Tag zu Tag mehr davon beobachtet. Schließlich steigen Mordgedanken in ihm auf …

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten sechzehn Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

(Nr. 13 wird vorerst ausgelassen.)

#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan aus Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Außerdem wirken Georg Schaale als George Appo und eine Reihe weiterer Sprecher mit. Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Penny Shepherd, die Ansage erledigt André Sander.

_Das Titelbild_

Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen und mit einer speziellen Technik entwickelt hat, zeigt bei „Das verräterische Herz“ ein Motiv, das wieder – wie schon bei „Sturz in den Mahlstrom“ – der Natur an der Küste entnommen ist. Ein schroffer Fels erhebt sich aus dem Gras, doch er ist sonderbar ringförmig: In seiner Mitte gähnt eine Finsternis, der man sich nur ungern nähern möchte. Andererseits ist so ein Geheimnis immer verlockend …

Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Folge: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren. Die Innenseite der CD-Box zeigt einen spitzbogigen Mauerdurchgang in einem wilden, überwucherten Garten. Der Durchgang könnte die Passage zu neuen, gruseligen Erfahrungen symbolisieren, im Sinne von Huxleys „doors of perception“.

_Das Booklet_

Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch werden hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Pleitgen und Berben werden näher vorgestellt.

Eingangs gibt es einen kleinen Abriss der Vorgeschichte. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs und die DVD von „Die Grube und das Pendel“. Die vorletzte Seite weist auf die Band „We Smugglers“ hin, die den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert hat.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünfzehn hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

Am Anfang rekapituliert Poe sehr knapp die unmittelbare Vorgeschichte bis hin zum Inhalt von „Das Fass Amontillado“, der 16. Folge der Serie. Das erleichtert den Einstieg in die Serie ein wenig, aber nur minimal.

_Handlung_

In seinem schäbigen Hotel, dem Washington House am Broadway, bemerkt Poe beim Frühstück einen alten Mann, der ihm bekannt vorkommt. Doch der Kellner verweigert die Auskunft über dessen Identität, und bevor es sich Poe versieht, ist der Alte verschwunden. Bei seinem Treffen mit seinem Freund George Appo, einem Bettler und Dieb, erzählt Poe ihm von allen den Ereignissen, die ihm zuvor widerfahren sind. Er müsse unbedingt Leonie wiederfinden, seine Gefährtin aus New Orleans. Appo weiß Rat: Er brauche nur der Spur von Dr. Baker zu folgen, denn da Leonie mit diesem noch ein Hühnchen zu rupfen hat, ist sie ihm mit Sicherheit bereits auf den Fersen. Das leuchtet Poe ein.

Doch wie findet man einen Leichenhändler und skrupellosen Experimentator am besten in einer Riesenstadt wie New York? Wieder weiß Appo Rat. Leichenhandel ist ein blühendes Geschäft. Er selbst habe sich zwar nie daran beteiligt, wisse aber, dass Ärzte Leichen ständig für ihre Forschung benötigen. Zwecks eiliger Beschaffung kann man da schon ein bisschen nachhelfen. Und wer wüsste darüber besser Bescheid als der Einbalsamierer, der sie beide auf der unglückseligen „Independence“ begleitet hat? Waltman, so hieß er doch, oder?

Um Waltman zu finden, brauchen sie Captain Hardy. Im Hafenviertel stoßen sie per Zufall auf ihn und retten ihm bei der Gelegenheit auch gleich das Leben. Er berichtet, Waltman sei im Washington House abgestiegen und arbeite im New York Hospital. Poe wird es nun endlich klar: Es ist sein alter Tischnachbar!

In der Tat hat Waltman eine interessante Räuberpistole zu erzählen. Poe pocht das Herz bis zum Hals, als er gesteht, er suche Kontakt zum lokalen Leichenhandel. Ah, well, Leichen werden den medizinischen Forschern in drei Formen besorgt: a) als legale Präparate von Organen usw.; b) als originale Körper, die auf natürlichem Wege verstarben; und c) als „Lebendmaterial“ … Waltman beschaffte nur tote Körper, beteuert er. Ärzte wie Dr. Baker würde Poe im Keller des Hospitals finden, in der Pathologie. Ach ja: Die beste Besuchszeit für diesen Zweck sei Miternacht …

Schlag Mitternacht trifft Poe zu seinem makabren Vorhaben im Keller des riesigen Hospitals ein. Ein Hund heult. Dr. Gump lässt ihn ein, dem sich Poe als ein Mann vorstellt, der ein paar Leichen anzubieten habe. Gump hat sofort Interesse, wird aber durch einen Besucher abgelenkt. Auf Gumps Seziertisch liegt ein Hund mit offenem Schädel … In Gumps Büro hängt ein sonderbares Porträt an der Wand. Es zeigt einen ägyptischen Pharao. Poe erinnert sich an den unglücklichen Jimmy Farrell (vgl. Episode 16), dessen letztes Wort „Pharao“ gelautet hat. Ist damit Dr. Baker gemeint?

Der Besucher hat ein bewussloses Mädchen gebracht. Poe erkennt es wieder: Es wohnt in Jimmy Farrells Nachbarhaus und hat Poe geholfen, Farrell zu finden. Als es erwacht und ihn erblickt, beginnt es zu schreien, muss es ihn doch für Farrells Mörder halten. Poe macht schleunigst die Fliege, auch wenn er nichts herausgebracht hat.

|Der Traum|

In dieser Nacht findet er kaum Schlaf, und wieder sucht ihn ein Albtraum heim. Er sieht das Auge des alten Waltman vor sich, doch diesmal blickt es nicht freundlich, sondern spöttisch und grauenerregend: ein Geierauge. Die Frau in seinem Traum spricht mit Leonies Stimme und mahnt ihren Mann zu Geduld und Ruhe. Poe erzählt ihr von dem alten Mann im Nachbarhaus, dem mit den Rosen im Garten. Warum wohnt er ganz allein? Sie weiß nur, dass der Alte ein Glasauge hat und auf dem anderen wohl schon den Grauen Star hat. Poe weiß: Es ist wie verschleiert, so als überlege dieser Teufel, was er mit Poe anstellen solle.

In dieser Nacht fasst Poe den Entschluss, den alten Mann zu töten, koste es, was es wolle.

_Mein Eindruck_

Die Begegnungen mit Appo, Captain Hardy und Waltman dienen nur dazu, den Besuch in der Pathologie des Hospitals vorzubereiten. Dieses gruselige und verstörende Erlebnis löst wieder einen Horrorschub in Poe aus, der auch prompt einen seiner sattsam bekannten Albträume bekommt. Allerdings sind weder das eine noch das andere besonders neu. Die makabren Experimente, die man in der Pathologie anstellt, kennen wir bereits aus Dr. Bakers Kellern in seiner Villa bei New Orleans. Dies wurde in „Das ovale Porträt“ (Episode 10) erzählt.

Und das Motiv, dass ein paranoider Verbrecher sich am Schluss selbst verrät, um sich der strafenden Gerechtigkeit auszuliefern und zu zeigen, dass er Recht hat, genossen wir bereits in „Die schwarze Katze“ (Episode 2) mit zweifelhaftem Vergnügen. Nicht, dass an der damaligen oder jetzigen Darstellung etwas auszusetzen wäre. Aber die Wiederholung nimmt dem aktuellen Motiv etwas von seinem Reiz. Dass das Element des unheimlichen Auges eines Beobachters sowohl in Poe Erlebnissen als auch in seinem Traum auftaucht, erscheint folgerichtig, wenn man berücksichtigt, dass seine Träume oftmals real (auch unbewusst) Erlebtes verarbeiten.

Das zentrale Motiv ist neben dem Auge das pochende Herz. In der Tat nimmt dieser Klang sowohl in Poes Erleben und Träumen wie auch in der akustischen Darstellung eine dominante Stellung ein. Die Sache hat jedoch einen Haken: Das Herzpochen gibt es lediglich in Poes Einbildung. Um den Hörer in dieses Reich der Phantasmen zu befördern, muss daher der Herzschlag entsprechend gruselig und bezwingend dargestellt sein, ohne aufdringlich zu wirken.

Ich konnte zufrieden feststellen, das es den Machern gelungen ist, dieses entscheidend wichtige Element, ohne das der Traum über „Das verräterische Herz“ nicht funktioniert, mit beeindruckender Raffinesse darzustellen. Der ermordete alte Mann mag ja tot sein, doch wir hören – mit Poe – immer noch das Schlagen seines Herzens. Bis zum Stillstand. Der Mörder ist erleichtert. Doch sein Wahnsinn, der ihn zu seiner Untat verleitet hat, bricht mit voller Wucht hervor, als er das Herz des Toten erneut schlagen hört – unter den Brettern des Bodens, unter denen er die Leiche versteckt hat …

Klar, dass Poe aus diesem Albtraum schleunigst erwacht, wenn auch schweißgebadet. Er fasst den Entschluss, dem düsteren Hospital einen erneuten Besuch abzustatten, um Dr. Baker aufzustöbern. Vielleicht hat der ja noch eine Leiche im Keller.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Mr. Poe |

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Im ersten Teil des „Eleonora“-Traumes schwelgt sein Poe in verliebter Seligkeit, und das kann man deutlich hören. Umso gequälter klingt Poe in der zweiten Traumhälfte, als ihn die tote Geliebte in seinen Albträumen heimsucht. Dieser Stimmungswandel leitet die Trennung von Leonie ein und macht diesen abrupten Schritt ein wenig nachvollziehbarer. In den Episoden 16 und 17 jedoch ist Poe überzeugt, dass es ein Fehler war, Leonie zu verlassen. Seine Träume in diesen Episoden belegen dies überdeutlich.

|Miss Leonie Goron |

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. In Episode 15 „Du hast’s getan“ steht sie selbst ihren Mann als Detektivin und Ein-Frau-Polizeitruppe.

In der Traumhandlung von „Das verräterische Herz“ hat sie eine wenig dankbare Aufgabe. Die von ihr gespielte Hausfrau ist so unbedarft und ein ahnungsloses Heimchen am Herd, dass man ihr nicht allzu viel Geistesgegenwart zutraut. Es wirkt daher umso ironischer, dass es diese Frau ist, die die Polizei ruft und damit das Verhängnis ihres Gatten einleitet.

_Musik und Geräusche_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Über das zentrale Geräusch des Herzklopfens habe ich alles Nötige bereits angemerkt.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung ganzer Szenen, so etwa im „Verräterherz-Traum“. Wieder werden die Übergänge zwischen Poes Erleben und seiner Traumwelt mit gelungenen Soundeffekten angedeutet.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

_Der Song_

Die Band „We Smugglers“ hat, wie erwähnt, den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert. Ihr Konzertplakat weist sie als vier recht schräg aussehende Herrschaften aus, die nichtsdestotrotz ihre Instrumente zu beherrschen scheinen. Was wir in der Länge von rund 3:30 Minuten zu hören bekommen, würde ich als balladesken Slow-Metal-Rock bezeichnen. Die Tonart ist recht ausgefallen: Cis-Dur.

Deutlich dominiert die E-Gitarre, die sich wie die von Jimmy Page anhört, als er sein berühmtes Stück „Kashmir“ für die MTV-Acoustic-Session neu arrangierte. Für mich klingt das gut und melodisch, aber kraftvoll. Der Klangteppich wird von einer deutlich zu vernehmenden Basslinie und unauffälligen Drums und Cymbals unterstützt. Der Gesang ließe sich noch verbessern, und die Lyrics könnte man auch mal abzudrucken beginnen. Vielleicht gibt es darin ja etwas zu entdecken. Die Band wird sich wohl etwas dabei gedacht haben, nicht wahr?

_Unterm Strich_

Innerhalb der vierten Staffel bildet diese vier Episode einen gewissen Höhepunkt, wenn man auf Action und viele Hinweise auf die Lösung von Poes Identitätsrätsel Wert legt. Innerhalb der Episode stellen die Hafenschlägerei und der Albtraum wiederum eigene Höhepunkte in der Kategorie Action und Grusel dar. Schaudern erzeugt aber auch das Gerede über den Leichenhandel, der in New York City – ebenso wie in Edinburgh – um 1840/50 erhebliche Ausmaße angenommen haben muss und natürlich jede Menge unheimliche Aspekte aufweist. Ich bin sicher, dass diese „Aspekte“ in kommenden Episoden weidlich, ähem, ausgeschlachtet werden.

|Basierend auf: The tell-tale heart, ca. 1845
67 Minuten auf 1 CD|
Mehr Infos auf www.poe-hoerspiele.de.

Gülzow, Susa – Scotland Yard jagt Dr. Mabuse

_Spannend: Verbrechergenie greift die Regierung Ihrer Majestät an_

Dr. Mabuse ist tot, nicht aber sein Geist: Besessen von dem einstigen Superverbrecher stiehlt der Irrenarzt Prof. Pohland ein Gerät, mit dem man Leute hypnotisieren kann. Es gelingt ihm, 13 Menschen an den Schaltstellen der Macht unter seine Kontrolle zu bringen, doch Major Bill Tern ist ihm bereit auf der Spur. Gelingt es ihm, Mabuses Welteroberungspläne zu durchkreuzen? (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Susa Gülzow arbeitet seit 1988 als Autorin, Regisseurin und Sprecherin. Aus ihrer Feder stammen beispielsweise die Hörspielfassungen von „Lucky Luke“, diversen Heinz-Erhardt-Filmen und „Dr. Mabuse“ sowie zahlreiche Synchronbearbeitungen.

|Die „Dr. Mabuse“-Reihe nach dem Krieg:|

1) Die 1000 Augen des Dr. Mabuse (1957)
2) Im Stahlnetz des Dr. Mabuse
3) Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse
4) Das Testament des Dr. Mabuse (1962)
5) Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (1963)
6) Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse (1964)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Regie führte 1963 Paul May, die Musik lieferte Rolf Wilhelm, das Drehbuch stammt von Ladislas Fodor nach der Figur von Norbert Jacques und nach einem Roman von Bryan Edgar Wallace.

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Major Bill Tern: Peter van Eyck
Mrs. Tern: Agnes Windeck
Nancy: Sabine Bethmann
Cockstone: Dieter Borsche
Inspektor Vulpius: Werner Peters
Sowie Walter Rilla als Prof. Pohland
u. v. a.
Erzähler: Wolf Frass

_Handlung_

Dr. Pohland, der frühere Irrenarzt, der Mabuse, das Genie des Bösen, betreute, glaubt sich nun selbst von Mabuse besessen, nachdem dieser angeblich gestorben ist. Deshalb ist Pohland auch von der Möglichkeit der Übertragung von Gedanken und Willen geradezu besessen. Um diese Idee in die Realität umsetzen zu können, lässt er den wissenschaftlich vorgebildeten Sträfling George Cockstone bei einem Zugüberfall nahe Hamburg befreien.

Von einem alten Kameraden namens Hillyard zu Mabuse gebracht, findet dieser Cockstone nützlich und überträgt ihm eine besondere Aufgabe – die Erfindung von Prof. Laurenz zu stehlen und einzusetzen. Dieses Gerät verändert das Gehirn des Opfers so, dass es für Gedanken- und Willensübertragung empfänglich wird. Um unerkannt bei Laurenz arbeiten zu können, bekommt Cockstone ein neues Gesicht, ein neues Diplom und selbstverständlich einen neuen Namen: Ranke.

Inspoktor Vulpius von der Hamburger Kripo telefoniert mit Cockstones Betreuer bei Scotland Yard, einem gewissen Major Bill Tern. Zuerst bekommt Vulpius nur dessen alte Mutter an die Strippe, die eine begierige Krimileserin ist, doch dann meldet sich Tern selbst. Er beschließt, nach Hamburg zu kommen. Hier informiert er Vulpius über Cockstones wissenschaftlichen Hintergrund und stellt die entscheidende Frage: welche große Organisation schaffte es, diesen Zugüberfall generalstabsmäßig vorzubereiten und auszuführen? Und wozu braucht sie Cockstone überhaupt?

Wenige Tage später ermordet der bis dato unbescholtene Briefträger Schröder Professor Laurenz. Nach einem Gespräch mit Laurenz‘ Mitarbeiter Ranke, der unverdächtig genug erscheint, vernimmt Vulpius den völlig verstörten Briefträger. Der sagt immer wieder, er habe unter Zwang gehandelt, als er den Stößel aus einem Mörser nahm und damit den Professor erschlug. Weil Bill Terns Mamachen diese Tat verdächtig erscheint, kommt Tern nochmals nach Hamburg, um sich diesen Ranke mal anzusehen. Doch bevor er das Labor erreicht, fliegt dieses in die Luft! Die verbrannte Leiche, die man zunächst für Ranke gehalten hat, wird von einer Italienerin als die eines plastischen Chirurgen identifziert. Tern kombiniert: Ranke ist Cockstone, mit einem neuen Gesicht. Na, prächtig!

Dr. Mabuse verteilt neue Aufgaben. Das Gerät, das ihm Cockstone geliefert hat, ist zu verbessern, damit die Befehle nicht mehr nur 24 Stunden vorhalten. Außerdem müssen mehr Edelsteine besorgt werden, um weitere Geräte bauen zu können. Für all dies ist natürlich eine Menge Geld nötig. Mabuse befiehlt den Überfall auf einen Postzug. Wenig später erschüttern der Skandal um eine bestohlene und entführte Prinzessin sowie eine Millionenbeute unbekannter Räuber Großbritannien.

Und doch ist dies erst der Anfang: Mabuse greift die britische Regierung direkt an …

_Mein Eindruck_

Lange Zeit sieht es so aus, als könne Dr. Mabuse die britische Regierung in die Knie zwingen, schließlich hat er ja eine Prinzessin in seiner Gewalt. Doch er hat nicht mit Mamachens Einfallsreichtum gerechnet sowie einer ganz speziellen Eigenschaft: Sie trägt ein Hörgerät, von dem ihr Sohnemann Bill bislang nichts gewusst haben will. Und durch dieses Hörgerät – so eines trägt übrigens auch Vulpius – ist sie immun gegen die Strahlung des Gedankentransmitters, den Mabuse von seinen Leuten einsetzen lässt. Dabei tauchen hie und da freundliche Fotografen auf, drücken auf den Auslöser ihrer Kamera, doch statt des erwarteten Bildes entsteht ein Zwang, der den „Geknipsten“ willfährig macht.

Dass es weder ein Telepathiegerät gibt, noch eine Abschirmung mittels Hörgerät, ist eh klar. Aber solche futuristischen Gimmicks gehören mit zum Charakter der Serie. So finden auch schon mal Todesstrahlen Einsatz in einer Folge. Auf dieser Weise versuchten es die deutschen Produzenten mit den technischen Spielereien der neuen „James Bond“-Reihe aufzunehmen, während bei den frühen „Mabuse“-Folgen noch Telepathie und Hypnose völlig ausgereicht hatten. Mit ihren begrenzten Mitteln kamen die Deutschen auch recht weit, spannten diesmal aber des internationalen Flairs wegen auch britische Figuren ein.

Auf einer zweiten Ebene lässt sich das Verbrechergenie Dr. Mabuse – oder dessen Nachfolger – politisch auch als Schatten der Vergangenheit interpretieren, als Schreckensbild, das aus dem Bewusstsein der Massen verdrängt worden ist. „Der braune Spuk“, wie das der BKA-Beamte nennt, ist im Jahr 1957, in dem die Handlung des ersten „Mabuse“-Films nach dem Krieg spielt, erst zwölf Jahre zuvor vertrieben worden – und zwar keineswegs vom deutschen Volk selbst. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – gilt dieses Zitat weiterhin? Diesmal treffen Dr. Mabuses Machenschaften die Briten – dies ist allemal unverfänglicher als der Schauplatz Berlin, der in Fritz Langs Klassiker „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ den Zuschauer verunsicherte.

Was wir also zu hören bekommen, ist ein Gruselkrimi bekannter Machart. Wir haben eine Reihe von Männern, die alles Mögliche sein können. Wir haben zwei aufrechte Polizisten, der ihr Möglichstes versucht, erstens am Leben zu bleiben, und zweitens, ein Genie des Verbrechens zu fangen. Wir haben mehrere Gegner, die die beiden ausschalten wollen. Die besondere Raffinesse dieser Gegner besteht darin, dass sie den „Guten“ ihren Willen aufzwingen können (es sei denn, diese haben eine Abschirmung dabei). Wir haben ein actionreiches Finale, indem geballert wird, was die Platzpatronen hergeben. Doch am Schluss steht wieder die Frage im Raum, ob sie den echten Dr. Mabuse erwischt haben.

Einen Verbrecher in der englischen Pampa zu jagen, wäre aber viel zu reizlos. Nein, Bill Terns neue Freundin Nancy, die schutzbedürftige Tochter des ermordeten Prof. Masterson, wurde von Mabuses Schergen ebenfalls entführt. Bills ritterliche Aufgabe besteht natürlich darin, die Maid in Not zu befreien – und hinterher zu freien. Wenn sein Mamachen nichts dagegen hat.

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Nach einer Fanfare in einem schrecklich miesen Sound, die zum Glück nur 30 Sekunden dauert, geht der Hör-Film sofort los. Es gibt keine Einleitung, lediglich eindringliche Musik, wie man sie aus den 1959 gestarteten Edgar-Wallace-Verfilmungen kennt. Die Musik dirigiert die Emotionen, die den Zuhörer (so wie einst den Zuschauer) erfüllen sollen: Beklemmung, Furcht, Entsetzen, aber auch romantische Gefühle, nach dem Finale schließlich Triumph und Erleichterung.

Schon nach wenigen Minuten gibt es die erste Leiche. Einige weitere werden folgen. Die Geräuschkulisse entspricht dem Niveau eines Edgar-Wallace-Krimis. Was mich jedoch völlig enttäuscht hat, ist die mickrige Qualität der Schüsse, Hier wurden offensichtlich nur Platzpatronen benutzt, deren Geräuschentwicklung doch sehr begrenzt ist. Aber es klingt einfach nach den Spielzeugpistolen, die wir Jungs beim Räuber-und-Gendarm- oder Cowboy-und-Indianer-Spielen benutzten (ich war immer der Indianer, logo!). Auch die Explosionen klingen eher nach einem zusammenkrachenden Haus als einer hochgehenden Ladung Sprengstoff.

Die Sprecher entsprechen den damaligen Schauspielern ist ja klar. Herausragend fand ich Peter van Eyck als Bill Tern, Werner Peters als Vulpius, Agnes Windeck als Mamachen Tern und ganz besonders der kühle, beherrschte Dieter Borsche als George Cockstone. Borsche ist ein Edelmime, der schon preußische Könige, Generäle und Prinzen spielte. Warum er sich für diese Produktion hergab, ist mir schleierhaft. Vielleicht lag es am Charme des Produzenten Atze Brauner.

Immerhin ist die Geräuschkulisse ziemlich realistisch, besonders in den Interieurs, aber auch auf der Straße. Schade, dass für den Effekt des Telepathiegeräts kein besonderer Sound gefunden wurde. Da der Mono-Sound keineswegs dem Dolby-Digital-5.1-Standard entspricht, knarren auch die Stimmen der Darsteller recht kernig und obertonlastig daher. Diese Qualität ist jedoch offenbar die des Originals, denn das Hörspiel wurde durchgehend, wie die DDD-Signatur auf der Hülle verrät, mit digitalen Mitteln hergestellt. Um mehr aus dem Original herauszukitzeln, wäre wohl ein teures Remastering nötig. Und das können sich meines Wissens nur die großen Studios leisten.

|Das Booklet|

Das Booklet umfasst zwölf Seiten, die sich sehen lassen können. Neben einem historischen Zeitungsartikel über die Dreharbeiten im Berliner Grunewald sind hier nicht nur die Macher des Film detailliert vorgestellt, sondern auch die Verantwortlichen des Hörbuchs. Natürlich fehlt auch Produzent Sven Michael Schreivogel nicht. Er dankt mehreren Quellen, ohne deren Unterstützung das Produkt wesentlich magerer ausgefallen wäre, darunter der Tochter von Filmproduzent Artur Brauner, sowie den Erben von Norbert Jacques, dem Schöpfer der Figur des Dr. Mabuse.

Im Booklet sind zahlreiche Filmfotos in ausgezeichneter Qualität abgedruckt. Zu sehen sind:

Major Bill Tern: Peter van Eyck, teetrinkend
Mrs. Tern: Agnes Windeck, Bill und Vulpius vernehmend
Nancy Masterson: Sabine Bethmann (oho, im superknappen Höschen!)
Cockstone: Dieter Borsche, mit Hypnotisiergerät
Inspektor Vulpius: Werner Peters, neben Peter van Eyck
Sowie Walter Rilla als Prof. Pohland, mit Spezialbrille

Die letzte Seite führt die Trackliste auf.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel weiß auf spannende und ironische Weise zu unterhalten, ohne dass weder die Intelligenz noch die Romantik oder der Humor zu kurz kommen. Allerdings heißt es angesichts der Fülle der Dialogtexte aufpassen. Ich musste das Hörspiel in aller Ruhe zweimal anhören, um die zahlreichen versteckten Hinweise, falschen Fährten und Doppelidentitäten zu verstehen und auf die Reihe zu bekommen.

Das Drehbuch ist schon ziemlich ausgetüftelt. Doch auch beim ersten Anhören ist die Essenz leicht zu kapieren: Grusel, Spannung, Romantik und Terrorismus gehen hier eine bemerkenswerte Verbindung in einem Thriller ein, der heute leider schon wieder vergessen ist. Die antifaschistischen Untertöne des Fritz-Lang-Films von 1957 fehlen in den Fortsetzungen, dafür kamen Action und Humor besser zum Zuge, Letzteres insbesondere durch die Frauenfiguren.

Das Booklet zu der qualitativ hochstehenden Hörbuchproduktion wartet mit schönen Fotos zum Film sowie mit einem aufschlussreichen Zeitungsartikel zum Dreh in Berlin auf. Die Filmfotos ergänzen die Informationen zu zahlreichen Mitwirkenden damals und heute. Wenn der Rest der Reihe ebenso gut produziert wird, könnte das Thema „Dr. Mabuse, der Staatsfeind Nr. 1“ eine Wiederauferstehung mit Langzeitwirkung feiern. Der Käufer erhält für sein Geld einen reellen Gegenwert. Der Preis erscheint mir der Ausstattung angemessen.

|1 CD mit 61:47 Spielminuten
ISBN-13: 978-3821853253|
[www.eichborn-lido.de ]http://www.eichborn-lido.de/

_Susa Gülzow bei |Buchwurm.info|:_
[„Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 945
[„Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 1717
[„Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 1738
[„Kommissar X: Der Panther aus der Bronx“ (Hörspiel) 1757
[„Dämonenkiller: Im Zeichen des Bösen“ (Hörspiel-Edition 21) 4906
[„Kommissar X: Eine Kugel für den Richter“ (Hörspiel) 5053
[„Wiedergeburt des Bösen (Das magische Amulett, Folge 1) (Hörspiel) 5311
[„Die schwarze Witwe, Die (Das magische Amulett, Folge 2) (Hörspiel) 5417
[„Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 6040
[“ Das Testament des Dr. Mabuse“ (Hörspiel) 6086

Askew, Alice & Claude – Aylmer Vance – Abenteuer eines Geistersehers – Teil 1 (Gruselkabinett 54) (Hörspiel)

Parallelwelten hoch zwei: Geisterjäger im Einsatz

Der englische Geisterseher Aylmer Vance und sein treuer Freund Dexter sind in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg so etwas wie das Detektivgespann Sherlock Holmes und Dr. Watson für das Übersinnliche. Ob es sich um ruhelose Geister, geheimnisvolle Erscheinungen, unerklärliche Begegnungen oder unbewohnbare Häuser und Schlösser handelt – Aylmer Vance scheut vor nichts zurück, um seine gruselig-spannenden Fälle aufzuklären. (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.
Askew, Alice & Claude – Aylmer Vance – Abenteuer eines Geistersehers – Teil 1 (Gruselkabinett 54) (Hörspiel) weiterlesen

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Fass Amontillado, Das (POE #16)

_Fortunato macht ein Fass auf_

„Das Fass Amontillado“ ist der sechzehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von LübbeAudio, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Poe ist Doktor Templeton alias Francis Baker entkommen und nach New York geflohen. Dort mietet er sich in einem alten Hotel im sechsten Bezirk ein. Poe, ohne Kontakt zu den anderen Gästen, wird wieder von Visionen heimgesucht. Was er nicht weiß: Im Volksmund heißt die Gegend „der blutige alte Bezirk“. Und das Hotel hat seltsame unterirdische Gänge.

Ulrich Pleitgen und Iris Berben haben auch an den ersten Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

#1: Die Grube und das Pendel
#2: Die schwarze Katze
#3: Der Untergang des Hauses Usher
#4: Die Maske des roten Todes
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

(Nr. 13 wird vorerst ausgelassen.)

#14: Die längliche Kiste
#15: Du hast’s getan
#16: Das Fass Amontillado
#17: Das verräterische Herz

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan aus Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

Till Hagen wurde 1949 in Berlin geboren und erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. Zeitgleich drehte er seinen ersten Kinofilm, „7 Tage Frist“. Es folgten Engagements an den Stadttheatern Dortmund und Bielefeld. Später studierte er Deutsch und Theaterpädagogik. Als Sprecher beim Deutsche-Welle-Fernsehen und im Hörfunk wurde er genauso bekannt wie als Synchronstimme u.a. von Kevin Spacey und Jonathan Pryce.

Außerdem wirken Georg Schaale als George Appo und eine Reihe weiterer Sprecher mit. Der deutsche Prolog wird von Heinz Rudolf Kunze vorgetragen, der englische von Penny Shepherd, die Ansage erledigt André Sander.

_Das Titelbild_

Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen und mit einer speziellen Technik entwickelt hat, zeigt bei „Das Fass Amontillado“ einen Festungsturm, in dessen heller Fassade ein Rundbogenfenster wie ein Auge klafft. Die Seiten des Turms sind von Efeu und anderen Schlingpflanzen umrankt, so dass das Gemäuer offensichtlich schon lange vernachlässigt worden ist. Es ist insgesamt ein sehr romantisches Motiv, passend zu jener Rachegeschichte um das „Fass Amontillado“, in welcher der leichtlebige Fortunato auf schmähliche Weise sein Leben in einem solchen Gemäuer lassen muss.

Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren. Die Innenseite der CD-Box zeigt einen spitzbogigen Mauerdurchgang in einem wilden, überwucherten Garten. Der Durchgang könnte die Passage zu neuen, gruseligen Erfahrungen symbolisieren, im Sinne von Huxleys „doors of perception“.

_Das Booklet_

Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch werden hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Pleitgen, Berben und Hagen werden näher vorgestellt.

Eingangs gibt es einen kleinen Abriss der Vorgeschichte. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf. Die mittlere Doppelseite zeigt alle bislang veröffentlichten CDs und die DVD von „Die Grube und das Pendel“. Die vorletzte Seite weist auf die Band „We Smugglers“ hin, die den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert hat.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vierzehn Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Alpträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe nicht von Alpträumen nicht verschont. Doch er findet etwas über seine und Leonies Vergangenheit heraus und welche finstere Rolle Dr. Templeton als Francis Baker darin spielt.

_Handlung_

|“By the four winds that blow
I’ll have revenge upon Fortunato …“|

Nach dem Schiffbruch der „Independence“, der in „Die längliche Kiste“ erzählt wurde, sind der Mann namens Poe und sein Freund, der Bettler und Dieb George Appo, wohlbehalten in New York City angekommen. Hier kennt sich Appo aus: Er hat als Dieb vor dem Hotel Astor und bei der nahen Kunstakademie gearbeitet. Von ihm könnte Poe ein paar Tricks lernen. Nachdem Appo einen Polizisten gesichtet hat, macht er sich aus dem Staub, aber nicht ohne einen Treffpunkt zu vereinbaren und einen Hoteltipp zu geben.

Letzterer entpuppt sich als das „Washington House“. Das heruntergekommene Hotel steht an der Ecke Broadway und 6. Bezirk, den Appo als Vorhof zur Hölle beschreibt. Dass da etwas dran ist, merkt Poe bald. In der Stadt sucht er den Kunstmaler Jimmy Farrell, der für Dr. Baker alias Templeton ein Porträt von Poe angefertigt hat. Also muss er auch Poes wahre Identität kennen, oder?

An der Kunstakademie verweist ihn der Pförtner an die St. Philipps African Church, die mitten im 6. Bezirk steht. Es dauert nicht lange, und die ärmlichen Bewohner der Gegend haben Poe als willkommene Beute ausgemacht. Vor dem Überfall kann er sich gerade noch im Gemüseladen in der Anthony Street in Sicherheit bringen. Dies ist der mit Appo ausgemachte Treffpunkt. Doch Appo ist nicht da, nur dessen Bekannte Rosanna, die Ladenbesitzerin – und Schnapsbrennerin. Nach zwei Stunden dieses Zeugs ist Poe reif für die Klapse. Er torkelt über den Hinterhof, um der auf ihn lauernden Menge zu entgehen.

Im nächsten Haus warnt ihn ein Mädchen vor Räubern, die manche Leute einfach im Keller verschwinden lassen. Sie weist ihm den Weg zu Jimmy Farrells Wohnung. Da Farrell inzwischen ein Spieler und Trinker geworden ist, erhofft sich Poe nichts von dem Mann außer Informationen. Doch nicht einmal die bekommt er, denn Farrell liegt im Sterben. Er hat eine blutende Kopfwunde. Sein letztes Wort, bevor er den Löffel abgibt, ist ein mysteriöses „Pharao“.

Ein Schrei schreckt den geschockten Poe aus seiner Erstarrung auf. Es ist das Mädchen. Sie hält ihn für Farrells Mörder! Er muss sofort abhauen. Im Hotel fällt er in einen Zustand der Erschöpfung. Da bemerkt er auf seiner Hand und an der Decke rote Flecken. Blut?! Doch er kann nicht hinauf, denn auf der Treppe bemerkt er den Polizisten Maloney, der ihm schon mehrmals begegnet ist und ihn nun wegen des Mordes an Farrell sucht.

Doch der Keller, in den er flieht, entpuppt sich als düsteres Labyrinth aus Gängen. Als er sich ausruht, bemerkt er, wie zwei Männer, die wie Räuber aussehen, einen Sack oder Ähnliches anschleppen. Es ist der betäubte Polizist Maloney. Sie fesseln ihn und mauern ihn bei lebendigem Leibe ein.

Poe gelingt es nicht, die Mauer einzudrücken und Maloney zu befreien. In dessen letzten Worten sind jedoch wertvolle Hinweise enthalten. Im Newarker Leichenhandel begegnete dieser einem gewissen Dr. Templeton. Eines Tages verschleppte er für ihn einen Mann (der Poe gewesen sein könnte) in eine Irrenanstalt im Stadtteil South Orange. Und vor wenigen Tagen traf er Templeton wieder und sollte einen Maler erledigen: Jimmy Farrell. Ende der Durchsage.

Poe fährt der Schreck in die Glieder. Templeton bzw. Dr. Baker ist bereits in der Stadt! Nachdem er bereits in New Orleans sämtliche Zeugen seiner illegalen und perversen Forschungsarbeiten an Menschen – Leonie kann davon ein Lied singen – beseitigt an, beginnt er nun, die Zeugen seiner Vergangenheit in New York beiseite zu schaffen. Und dreimal darf man raten, was passiert, wenn er auf Poes Spur stoßen sollte.

In der folgenden Nacht hat Poe einen grässlichen Albtraum, in dem es um ein Fass Amontillado und einen Gegener namens Fortunato geht. Fortunato wird lebend in einer Gruft eingemauert …

_Mein Eindruck_

Diese Episode bringt die Geschichte um die Identität von Mr. Poe eine gehörige Strecke weiter. Er stößt auf den dringend gesuchten Jimmy Farrell, allerdings unter weniger als günstigen Umständen. Und anhand von dessen letztem Wort („Pharao“) und dem Geständnis des Polizisten Malone führt eine neue Spur zu Dr. Baker. Diese wird in der nächsten Episode aufgenommen: „Das verräterische Herz“. Diese Ermittlungen scheinen zunächst von dem Hauch des Grauens überschattet zu sein, das wir von Mr. Poes Abenteuern gewohnt sind, doch es gibt einen Höhepunkt …

Mag zwar Leonie Goron nicht von der Partie sein, so ist Iris Berben doch in einer anderen Rolle präsent. Es gibt am Schluss wieder mal einen der bereits bekannten Träume Poes, und darin tritt sie als „Signora“ auf. Dieser Traum schildert die sattsam bekannte Poe-Story über das „Fass Amontillado“, so dass ich wohl kein weiteres Wort darüber zu verlieren brauche. Zunächst wirkt diese Binnenhandlung wie ein Fremdkörper, der mit dem Rest nichts zu tun hat, doch das stellt sich als Irrtum heraus.

Der Traum ist von dem Tod des Polizisten Maloney inspiriert und hat die Konsequenz, dass sich Poe sehnlichst die Anwesenheit von Leonie Goron herbeiwünscht. Er sieht ein, dass es ein Fehler war, sie so sang- und klanglos in New Orleans sitzen zu lassen – wo mag sie sich jetzt wohl herumtreiben? (Eifrige Hörer wissen Bescheid: Sie ist Dr. Baker auf der Spur und daher auf dem Weg nach New York City. Dies wird in „Du hast’s getan“ erzählt.)

|Machen wir ein Fass auf!|

Die Binnenhandlung um Fortunato ist ein dramaturgischer Hochgenuss. Als Poe-Kenner wissen wir zwar, was dem guten Mann bevorsteht, als er mit Montresor und der Signora in die zum Weinkelller umfunktionierte Familiengruft hinabsteigt. Doch die Häme und Rachsucht, mit der Montresor und die Signora den nichts ahnenden Fortunato behandeln, zeigt die beiden Sprecher Pleitgen und Berben in einer ihrer besten Leistungen. Sie spielen zwar nun beide Schurken, aber sei’s drum: Bekanntlich haben die Schurken im Theater die besten Sätze. Man kann förmlich den boshaften Spaß spüren, den ihnen diese Sätze bereitet haben müssen.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias „Montresor“|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In der Binnenhandlung tritt er als rachsüchtiger Montresor auf.

|Miss Leonie Goron alias „Signora“|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. In der Binnenhandlung tritt sie als Signora (Montresor vermutlich) auf.

|Dr. Baker alias Templeton alias Fortunato|

Hagen spricht den teuflischen Experimentator Dr. Baker alias Templeton. In der Binnenhandlung tritt er als unglückseliger Fortunato auf.

_Musik und Geräusche_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet.

In dieser Episode treten sie nicht so in den Vordergrund wie im Seestück „Die längliche Kiste“, sondern bilden eine unauffällige Geräuschkulisse. Das gilt nicht für das ziemlich deutliche Herzklopfen, das Poe nach der Flucht von Farrells Domizil spürt. (Es wird in der Episode „Das verräterische Herz“ ziemlich dominant.)

|Die Musik|

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der Hauptfigur und ihres jeweils gerade relevanten Ambientes darzustellen. Diese untermalende Aufgabe dient diesmal mehr der Gestaltung ganzer Szenen, so etwa in dem Amontillado-Traum oder beim Entdecken von Jimmy Farrells Leiche. Besonders interessant sind stets die Übergänge. Bevor der Traum beginnt, dröhnt beispielsweise eine große Kirchenorgel, und die Rückkehr aus dem Traum wird von einem Wuuusch-artigen Soundeffekt symbolisiert. Glockenläuten deutet den nächsten Stimmungsumschwung an. Manchmal erinnert Poe an eine Marionette, so schnell reagiert er auf äußere Reize.

Ein Streichquartett, Musiker des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu erschaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.

_Der Song_

Die Band „We Smugglers“ hat, wie erwähnt, den Titelsong „On the verge to go – Edgar Allan Poe Edit“ beigesteuert. Ihr Konzertplakat weist sie als vier recht schräg aussehende Herrschaften aus, die nichtsdestotrotz ihre Instrumente zu beherrschen scheinen. Was wir in der Länge von rund 3:30 Minuten zu hören bekommen, würde ich als balladesken Slow-Metal-Rock bezeichnen. Die Tonart ist recht ausgefallen: Cis-Dur.

Deutlich dominiert die E-Gitarre, die sich wie die von Jimmy Page anhört, als er sein berühmtes Stück „Kashmir“ für die MTV-Acoustic-Session neu arrangierte. Für mich klingt das gut und melodisch, aber kraftvoll. Der Klangteppich wird von einer deutlich zu vernehmenden Basslinie und unauffälligen Drums und Cymbals unterstützt. Der Gesang ließe sich noch verbessern, und die Lyrics könnte man auch mal abzudrucken beginnen. Vielleicht gibt es darin ja etwas zu entdecken. Die Band wird sich wohl etwas dabei gedacht haben, nicht wahr?

_Unterm Strich_

An Mr. Poe ist bekanntlich kein Dupin oder Holmes verloren gegangen, und so gestalten sich seine Ermittlungen im Elendsviertel des 6. Bezirks alles andere als geordnet oder zielstrebig. Was er findet, ist dazu angetan, seinen Seelenfrieden zu untergraben, und so wundert es nicht, dass ihn wieder mal einer seiner morbiden Träume heimsucht – eben die bekannte Poe-Story. Sie bildet in ihrem hämischen Sarkasmus einen starken Kontrast zu der übrigen Erzählung und ist daher in ihrem dubiosen Humor umso erfrischender.

|Die Spur der Leichendiebe|

Der weitere Weg Poes ist nun für den kenntnisreichen Poe-Leser und Hörer vorgezeichnet. Die Spur führt einerseits zu Leonie Goron, andererseits aber auch in den höchst zwielichtigen Leichenhandel. Dass dieser Handel nicht frei erfunden, sondern eine historische Tatsache ist, kann jeder Autor, der je in Edinburgh gelebt hat und sein Pulver wert ist, bestätigen (und Anne Rice hat darüber einen ganzen Roman geschrieben). Ja, glaubt man Ian Rankin in „So soll er sterben“, so machen sich schottische Studenten noch heute einen Jux daraus, geeignete Exemplare zu klauen und unters nichts ahnende Volk zu bringen …

Leichen – das führt zu einer ganzen Menge von Poe-Erzählungen, von denen beispielsweise „Die Fakten im Fall Valdemar“ nur die bekannteste ist. Wie dürfen uns auf einige Untote gefasst machen.

|Basierend auf: The cask of amontillado, ca. 1845
67 Minuten auf 1 CD|
http://www.luebbe-audio.de

Die drei ??? und die schweigende Grotte (Folge 210)

Die Handlung:

Die verfallene Ruine des einstigen Sanatoriums lädt Justus, Peter und Bob zum Abenteuerausflug ein. Das bröckelige Gemäuer und die verschüttete Grotte darunter hat seit Jahren niemand mehr betreten. Die drei ??? gelangen in das verlassene Gebäude und finden eine verschlossene Kiste mit unerwartetem Inhalt. Sind sie etwa doch nicht allein? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Eine Grotte genießt und schweigt … oder so. Aber, viel interessanter wäre zu erfahren, was sie erzählen könnte, wenn sie in Plauderlaune wäre, oder nicht? Um einen Wettbewerb zu gewinnen, wollen die drei Detektive coole Schüsse schnappen, auf einer Insel, die der Autor just erfunden hat und auf der sich ein Sanatorium befindet. Na ja, oder das, was davon noch übrig ist. Da also soll geknipst werden … warum auch nicht.

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Aleas, Richard – Tod einer Stripperin (Hörbuch: Hard Case Crime)

_Die Stripklubs der Hölle: überraschende Enthüllungen_

Privatdetektiv John Blake hatte seine High-School-Liebe Miranda Sugarman als Ärztin in New Mexico vermutet. Doch sie wird mit zwei Kugeln im Kopf auf dem Dach einer Strip-Bar gefunden … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Aleas ist das Pseudonym von Charles Ardai, Herausgeber der Hard-Case-Crime-Reihe in den USA. Er lebt, schreibt und arbeitet in New York City. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Reiner Schöne lebte lange in Hollywood und drehte dort mit Filmgrößen wie Clint Eastwood und Lee van Cleef. Der Schauspieler, Synchronsprecher und Sänger mit der tiefen, markanten Stimme trägt die passende raue Note bei.

Regie führte Thomas Wolff. Die Buchvorlage erschien 2008 bei |Rotbuch|.

_Handlung_

Zuerst schaut sich John den Klub an, in dem seine Miranda zuletzt gestrippt hat. Es ist ein erheblicher Unterschied zwischen diesem Etablissement und dem sauberen bürgerlichen Umfeld, in dem er zusammen mit Miranda Sugarman in New York aufwuchs. Sie war seine Freundin, bis sie mit 18 Jahren nach New Mexico zog, um an einer Uni Medizin zu studieren. Sie wollte Augenärztin oder so was werden.

Doch statt einer erfolgreichen Karriere fand sie zehn Jahre später in der Silvesternacht auf dem Dach dieses drittklassigen Schuppens den Tod – durch zwei Kugeln in den Hinterkopf, die ihr Gesicht zur Unkenntlichkeit zerfetzten. Der Manager der „Sin Factory“, Wayne Lance, identifizierte sie und die Polizei machte einen DNS-Vergleich. Und der kleingewachsene Obermacker hat es überhaupt nicht gern, wenn ein Privatschnüffler seine Damen blöd anquatscht. Ray, der Türsteher-Gorilla, schmeißt John denn auch flugs wieder auf die Straße.

Etwas ist oberfaul an diesem Laden, sonst hätten die Betreiber nicht solche Angst. John fragt Leo Hauser, den Besitzer der Privatdetektei und Johns Mentor und Lehrer. Leo ist ein ehemaliger Streifenpolizist und hat jede Menge Kontakte. Leo rät ihm: „Blake, lass die Finger von diesem Fall. Es kommt nichts Gutes dabei heraus.“ Aber wie das mit alten Flammen so ist, hängt Johns Herz daran. Und er will Gerechtigkeit für Miranda.

Er findet heraus, dass Miranda seit mehreren Jahren mit Jocelyn Mastaduno, ihrer Zimmernachbarin am College, in Stripklubs des ganzen Landes aufgetreten war. Mit Hilfe einer hilfreichen Stripperin aus der „Sin Factory“ namens Susan Feuer – Künstlername: Rachel Firestone – kann er sich ein Video von der Nummer dieser beiden Damen beschaffen und ist hingerissen. Miranda und Jocelyn bringen eine aufregende Nummer aufs Parkett. Sie sehen einander zum Verwechseln ähnlich, wie zwei Schwestern. Wow! Kein Wunder, dass sie es bis nach New York City schafften. Doch Jocelyn ist seit Jahren verschwunden. Ihr Vater bittet John, sie ebenfalls zu suchen. Und vielleicht führt die Spur von Jocelyn ihn zu Miranda.

Der Grund, warum Wayne Lance solche Angst hat, ist ihm auch bald klar. Es sind die beiden Betreiber der Sin Factory, Mirko und Mitchell Catchadurian, aus New Jersey. Sie sind Drogendealer und noch einiges anderes. Susan erzählt, ihr habe Miranda an ihrem letzten Abend gesagt, sie habe Angst vor den beiden Mirkos, denen ein wirklich übler Ruf anhängt. Im Klub von Zenobia Selva lernt John einen Narbigen kennen, der bestätigt, dass die Mirkos im Drogengeschäft hängen. Bei ihnen sei kürzlich eingebrochen worden, und dabei erleichterten die zwei Einbrecher den Senior um eine Million Dollar, die Senior an ein kolumbianisches Kartell zahlen sollte. Jetzt ist das Geld immer noch verschwunden, obwohl die beiden Einbrecher schnell unter der Folter gestanden und dann den Fischen hallo sagten. Und sie belasteten Miranda Sugarman schwer.

John klingen die Ohren: seine süße Miranda – eine Drogendealerin? Aber stimmt diese Story denn? Er will sich mit den Catchadurians treffen. Es dauert nicht lange bis zu einer ernsten Unterredung in einer schwarzen Limousine. Dann hat John einen neuen Auftraggeber. Er soll Jocelyn finden – und die Million. Sonst kann er ebenfalls den Fischen hallo sagen, kapiert?

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist eine typische Hardboiled-Detektivstory, wie man sie von Raymond Chandler nicht besser hätte erwarten können (höchstens mit ein paar zynischen Bemerkungen über Reiche und korrupte Polizisten). Es treten auf: ein Privatdetektiv mit dem Herz auf dem rechten Fleck sowie der Fähigkeit, jede Menge Prügel einzustecken; eine Stripperin mit einem goldenen Herzen, die verblüffende Fähigkeiten als Detektivin an den Tag legt; finstere Gestalten von der falschen Seite des Gesetzes; sowie jede Menge Rätsel, die gelöst werden wollen. Für Überraschungen ist also gesorgt.

Den erwachsenen, männlichen Leser bzw. Hörer interessiert am meisten das erotische Milieu der Stripklubs, und dabei wird er vom Autor voll bedient. Nach leisen Ouvertüren kommt es endlich zum Höhepunkt in jener Szene, als John Blake das Video vom Auftritt Mirandas und Jocelyns „begutachtet“. Er ist hingerissen, und der Leser bzw. Hörer ist es hoffentlich auch. Ich war ebenfalls recht angetan von den erotischen Szenen.

Das eigentliche Thema ist jedoch dem kriminalistischen Plot unterlegt oder vielleicht besser gegenübergestellt. John, aus dessen Blickwinkel wir das Geschehen erleben, fragt sich von Anfang an, wie es nur dazu kommen konnte, dass Miranda ihr Leben ausgerechnet auf dem Dach eines drittklassigen Stripschuppens aushauchte. Sie hatte doch Augenärztin werden wollen. Nun ja, und er hatte Literatur studiert, bevor er sich von Leo Hauser zum Privatschnüffler ausbilden ließ. Schon seltsam, wie sich die Jugendträume in nichts auflösen und alle Hoffnungen sich ins Gegenteil verkehren. Das Dingsymbol dafür ist ein ausgestopfter oder künstlicher Papagei, den John in seinem Kinderzimmer hatte. Am Schluss findet er ihn auf dem Sperrmüll an der Straße. Was wird er damit tun?

Diese Story wäre nicht so wahnsinnig aufregend, wenn es im letzten Drittel nicht die längst überfällige dicke Überraschung gäbe. Der aufmerksame Leser bzw. Hörer hat sich, was dann kommt, schon zusammenreimen können, doch unser Held war mal wieder zu beschäftigt, um zwei und zwei zusammenzuzählen. Vielleicht lag es an seinen gebrochenen Rippen, die ihn von einem Blick auf die schreckliche Wahrheit ablenkten, der er nun ins Gesicht sehen muss …

|Der Sprecher|

Reiner Schöne war schon vor 30 Jahren in den Hörspielen des Bayerischen Rundfunks zu hören, so etwa in der Titelrolle als Paul Cox. Seine Stimme ist „männlich herb“, tief und etwas rau, also genau richtig für ein kriminelles Milieu, in dem die Sitten ebenso rau sind. Er kann heiser auflachen, aufgebracht aufschreien, und zwar sowohl in einer männlichen wie einer weiblichen Rolle. Einmal muss er stottern und flüstern, und Susan alias Rachel muss er natürlich verführerisch klingen lassen. Null problemo.

Für die Charakterisierung der Figuren steht ihm allerdings nur ein begrenztes Instrumentarium zur Verfügung. Die Charakterisierung erfolgt eher durch Situationen und Emotionen, die eine entsprechende Ausdrucksweise, wie oben aufgelistet, erfordert.

_Unterm Strich_

Ein sentimentaler Privatdetektiv, der seiner verlorenen Jugendliebe Gerechtigkeit zu verschaffen sucht – dieses Unternehmen muss einfach schiefgehen in einer Welt, die keine Hoffnungen mehr hat und und keine Moral. Folgerichtig muss John Blake einige harte Wahrheiten erkennen und dabei erwachsen werden, ganz besonders durch eine Begegnung im letzten Drittel, mit der er nicht gerechnet hat. Aber er findet in Susan, der Stripperin, nicht nur eine vortreffliche Berufskollegin, sondern auch eine Partnerin, die ihm wieder Hoffnung gibt.

Leider ist der Verlauf der Story für den gewieften Krimikenner ziemlich vorhersehbar. Es gibt eine Reihe von Hinweise, die unser Held nicht erkennen will – oder einfach verdrängt. Es gibt ein paar Konfrontationen, aber fast keine Dramatik, was ich wirklich schade finde. Die Zutaten des Plots sind also nicht gerade umwerfend. Die hauptsächliche Würze liegt für den Connaisseur in dem, was schon der Titel ankündigt: Stripperinnen in rauen Mengen. Aber es gibt solche, die gar keine sein wollen. Gehörte Miranda Sugarman zu dieser Gruppe, wie John Blake immer noch hofft? Das soll nicht verraten werden.

|Das Hörbuch|

Reiner Schöne ist fast schon die Idealbesetzung als Erzähler dieser Hardboiled-Krimis, die |Argon| jetzt bringt. Es mag ihm zwar etwas an Flexibilität hinsichtlich seiner Stimme fehlen, aber dafür ist seine Ausdrucksfähigkeit hinsichtlich bestimmter Szenen und Emotionen sehr vielseitig. Er könnte die Figuren aber noch etwas besser charakterisieren.

Diese neue Reihe des |Argon|-Verlags ist für unvoreingenommene Leser von Krimis, die auf Bildungsanspruch pfeifen, ein gefundenes Fressen, und ich werde sicher noch weitere Titel der Reihe vorstellen.

|Originaltitel: Little girl lost, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Conny Lösch
287 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-538-6|
http://www.argon-verlag.de
http://www.rotbuch.de

Hambly, Barbara / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Jagd der Vampire. Teil 2 von 2 (Gruselkabinett 33)

Actionreich: Showdown mit dem Monstervampir

London 1907. Seit Jahrhunderten treiben die Vampire in den dunklen Gassen unbehelligt ihr Unwesen. Nun jedoch sehen sie sich einer ernstzunehmenden Gefahr gegenüber. Ein Unbekannter öffnet am Tag ihre Särge und setzt sie dem todbringenden Sonnenlicht aus. Nur einer kann den Blutsaugern noch helfen: der ehemalige Meisterspion James Asher.

Die Jagd auf den Killer führt Asher quer durch London bis nach Paris. Immer wahrscheinlicher wird dabei die These, dass der Mörder selbst ein Vampir ist. Doch wenn auch er unter dem Sonnenlicht leidet, wie kann er dann die Morde begehen? Wer ist der Mörder? Und schließlich muss Asher die Frage aller Fragen beantworten: Aus welchem Grund mordet er seine Artgenossen?

Teil 2:

Paris 1907. James Asher und der Vampir Simon Ysidro sind nach Paris aufgebrochen, um dort nach dem ältesten Vampir Europas zu suchen. Ihre Nachforschungen versetzen die machtgierige französische Meistervampirin Elysée de Montadour und ihre Gespielin nicht gerade in Euphorie. Asher und Ysidro wagen dennoch den Abstieg in die Katakomben unter der Kirche Saint Innocents … (Verlagsinfo)

Vom Verlag wird das Hörbuch empfohlen für Hörer ab 14 Jahren.

Die Autorin

Die Amerikanerin Barbara Hambly, geboren 1951, erzielte mit ihrer frühen Darwath-Trilogie – es gibt auch eine später geschriebene – den literarischen und kommerziellen Durchbruch im Fantasy-Genre. Inzwischen zählen die unter dem Titel „Gefährtin des Lichts“ zusammengefassten Romane zu den Klassikern der Fantasy-Literatur. Hambly wurde auch für ihre Vampirromane („Gefährten der Nacht“ und „Die Jagd der Vampire“) und zahlreichen Fantasy-Bücher bekannt, wie etwa den Wenshar- und den Sonnenwolf-Zyklus.

Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Prof. James Asher: Wolfgang Pampel (dt. Stimme von Harrison Ford, Larry Hagman)
Lydia Asher: Claudia Urbschat-Mingues (Angelina Jolie)
Simon Ysidro: Nicola Devico Mamone (Gael García Bernal, Diego Luna)
Elysee de Montadour: Katja Nottke (Michelle Pfeiffer, Demi Moore)
Hyacinthe: Melanie Hinze (Brittany Murphy, Holly Mary Combs)
Bruder Antonius: Hasso Zorn (David Kelly)
Lionel Grippen: Uli Krohm (David ‚Oirot‘ Suchet, Randy Quaid, Scott Glenn)
Chloé: Anja Stadlober (Paris Hilton, Jennifer Hudson)
Dr. Horace Blaydon: Jürgen Thormann (Michael Caine, Max von Sydow, Peter O’Toole)
Dennis Blaydon: David Nathan (Johnny Depp, Christian Bale)
Pensionswirtin: Philine Peters-Arnolds

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand in den Planet Earth Studios statt und wurde bei Kazuya abgemischt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

Handlung

James Asher reist ohne seine Frau Lydia nach Paris, aber an der Seite des Vampirs Don Simon Ysidro. Hier wollen sie der französischen Meistervampirin Elysee de Montadour ihre Aufwartung machen, denn man platzt nicht unangemeldet in den Hinterhof eines Vampirs, wenn einem sein Leben lieb ist. Calvert, das erste Opfer in London, war ihr Zögling, doch er war ein Prahlhans und spielte sich auf, weil er mehr wollte: eigene Zöglinge. Die konnte er aber nur in London bekommen. Es gelten zwei strenge Gesetze unter Vampiren: 1) Kein Vampir darf einen anderen töten. Und 2) Kein Vampir darf andere Vampire in Gefahr bringen. In London wurden beide Gesetze gebrochen. Ysidro vermutet, dass Elysee Angst vor dem Mörder hat, es aber niemals zugeben würde.

Nachdem sie einem Nachwächter Baupläne und Schlüssel gestohlen haben, steigen sie hinab in die Katakomben von Paris. Unter der Kirche von St. Innocents wollen sie einer Legende auf den Grund gehen, die zu einem der ältesten Vampire überhaupt führen soll. Zwischen Bergen von fein säuberlich sortierten Knochen stoßen sie vor einem Altar aus Knochen auf Bruder Antonius. Der einstige Franziskaner ist ein Vampir, der zu seiner Zeit zwar Menschen tötete (er nennt Namen, die Ysidro bestätigt), doch niemals einen Vampir. Als Asher ihm versichert, für ihn vor dem Jüngsten Gericht zu bitten, beantwortet er ihm drei Fragen. Dass er bei Sonnenlicht wandeln könne, verneint er, doch das erweist sich später als Lüge.

Am nächsten Tag liest Asher in einer englischen Zeitung von einer Mordserie unter Prostituierten in Londons verrufensten Vierteln. Alle wurden ausgesaugt. James hat Angst um Lydia und beschließt, Antonius um Hilfe in London zu bitten. Er findet den Mönchsvampir zwar nicht, doch er stellt fest, dass er ihm folgt. Kaum hat er die Katakomben verlassen, stellen sich ihm Elysee de Montadour, ihre Geliebte Hyacinthe sowie Chloé Dubois in den Weg. Und Lionel Grippen, den er in London schwer verletzt hat.

Doch diesmal ist Asher auf Geheiß von Ysidro schutzlos, und als Grippen und Elysee de Montadour blutdürstend den Angriff auf ihn freigeben, verfügt Asher über keinerlei Schutz. Doch er erhält Beistand von unerwarteter Seite …

Mein Eindruck

Anders als in der traditionellen, meist europäischen Vampirliteratur (Stoker, Le Fanu usw.) geht es diesmal nicht primär um die faszinierende Subkultur der Vampire, sondern um die Untersuchung der Verbrechen an den Vampiren, die Ermittlung des Täters. Es handelt sich also um einen klassischen Detektivroman. Es liegt der Verdacht nahe, dass Sherlock Holmes das Vorbild für James Asher geliefert haben dürfte. Auch die kühle deduktive Kombinationsmethode James Ashers legt dies nahe.

Aber Asher ist verheiratet und braucht keinen Dr. John Watson, Doktor der Medizin, um ihm zur Seite zu stehen. Denn er kann sich auf die Hilfe seiner klugen und gebildeten Lydia verlassen, einer der ersten Pathologinnen überhaupt. Dass Lydia eine Pathologin ist, war in der damaligen Zeit ein revolutionärer Einbruch in die rein männliche dominierte Domäne der Medizin.

Lydia ist es auch, die die wissenschaftliche Theorie aufbringt, dass es sich beim Vampirismus um die Wirkung eines Virus handelt. Viren waren erst ein Jahr zuvor, anno 1906, entdeckt worden. Was, wenn jemand versuchen würde, mit Hilfe von Viren bestimmte Vampirmerkmale zu übertragen oder gar zu verändern? Dann könnte vielleicht sogar Sonnenlichtverträglichkeit erzeugt werden!

Bis zum Beweis dieser Theorie gelangte die Geschichte im ersten Teil noch nicht, doch jetzt bekommen es Asher und Lydia mit dem Urheber der virologischen Experimente zu tun. Zunächst verdächtigte Asher Lionel Grippen, den Meistervampir Londons. Immerhin war Grippen mal ein Arzt und hat demzufolge Ahnung von Viren, was ihn in Ashers Augen doppelt verdächtig macht. Doch im zweiten Teil wird er eines Besseren belehrt, und zwar auf die drastischste Weise.

Der Mörder ist tatsächlich einer aus Ysidros eigener Sippe. Er wurde so verändert, dass ihm das Sonnenlicht nichts mehr ausmacht. Doch als Lydia spurlos verschwindet, muss Asher das Schlimmste befürchten. In zwei Häusern kommt es zu heftigen Kämpfen mit dem Mörder und seinem Schöpfer. Natürlich geht es beim Showdown auch um Lydias Leben, und das ist James Asher nun wirklich lieb und teuer.

Die Inszenierung

Die Sprecher

Die Sprecher könnten direkt aus einem viktorianischen Stück stammen, so stilecht werden sie präsentiert und so gepflegt wissen sich die meisten auszudrücken. Besonders Wolfgang Pampels Asher tritt souverän auf und hat stets eine schlagfertige, unerschrockene Erwiderung auf den Lippen. Diese Vampire jagen ihm keine Angst ein, und wenn sie noch so seltsame Fähigkeiten haben, beispielsweise telepathische Hypnose, mit der sie ihre Opfer unter ihren Willen zwingen. Pampel vermittelt mit Harrison Fords deutscher Stimme das nötige Maß an Autorität und Tatkraft – eine exzellente Sprecherwahl. (Pampel las auch die Hörbücher zu „Illuminati“ und „Sakrileg“.)

Don Simon Ysidro, spanischer Edelmann von annähernd 400 Jährchen, flößte mir ein leises Grauen ein, denn sein zischelnder spanischer Akzent gemahnte mich an eine Schlange, die jederzeit zustoßen könnte. Nicola Devico Mamone, die deutsche Stimme des Spaniers Gael García Bernal, ist für diese Figur eine sehr passende Wahl. Unheimlich ist seine Fähigkeit, niemals die Contenance zu verlieren und stets cool zu bleiben.

Ein weiteres Highlight, obwohl seltener gehört, ist Claudia Urbschat-Mingues, die deutsche Stimme von Angelina Jolie. Ihre Lydia Asher vermittelt Tatkraft, Intelligenz, aber auch Weiblichkeit und Emotionalität. Die restlichen Figuren sind alle nebensächlich, doch die Sprecher verleihen ihnen durch ihren Einsatz nichtsdestoweniger große Glaubwürdigkeit. Dazu gehört etwa der junge Vampir Bully Joe Davis. Dass er einen Akzent aus dem Stadtteil Holborn haben soll, hört man ihm allerdings nicht an.

Musik

Jede Auseinandersetzung mit einem der Vampire wird fein säuberlich durch musikalische Motive vorbereitet, denn schließlich handelt es sich dabei um die wichtigsten Höhepunkte der Handlung. Immer wieder ist vorher dramatische Musik von den Streichern zu hören, die sich manchmal bis zu einem Crescendo steigert.

Zwischen und nach diesen dramatischen Auseinandersetzungen darf sich der Hörer ab und zu entspannen, meist bei einem romantischen Piano-Motiv oder einer Harfe. Einmal wird sogar elegante Tanzmusik der Belle Epoque angestimmt – Lydia ist auf einem Ball der oberen Zehntausend und quetscht Evelyn Westmoreland nach der Todesursache seines Bruders Bertie aus, der Lotta Harshaws Geliebter war.

Die Musik gibt sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit klassischem Instrumentarium produziert – keine Synthesizer für klassische Stoffe! Die Musik steuert nicht nur die Emotionen des Publikums auf subtile Weise, sondern bestreitet auch die Pausen zwischen den einzelnen Akten. Dann stimmt sie das Publikum auf die „Tonart“ des nächsten Aktes ein.

Geräusche

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Zugpfeifen deuten so einen Bahnhof an, knarrende Türen einen Durchgang und das Rumpeln einer Droschke eine entsprechende Fahrt von A nach B.

Sounds

Doch manchmal reichen Musik und Geräusche nicht aus. In der aktuellen Frühjahrs-Staffel der drei Gruselkabinett-Hörspiele „Die obere Koje“, „Die Jagd der Vampire“ und „Das Schloss des weißen Lindwurms“ spielen Sounds erstmals eine auffallend bedeutende Rolle, um die Atmosphäre einer Szene zu verstärken. Musik allein reicht einfach nicht mehr, um den Horror zu evozieren und zu veranschaulichen.

Nun ist die Beschreibung von Sounds stets auf Analogien angewiesen, und auch ich muss mich damit behelfen. Das erste Mal, dass Sounds eingesetzt werden, ist die Friedhofszene auf Highgate Hill. Begleitet von Hintergrundmusik ertönen unheimliche Sounds, die nicht von den üblichen Instrumenten erzeugen werden – die Klagelaute der Toten und das Heulen des Windes.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Firuz Akin fand ich wieder einmal sehr passend und suggestiv.

Diesmal sind wieder in einem zusätzlichen Katalog Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:

Nr. 34: F. M. Crawford: Die obere Koje (April 2009)
Nr. 35: Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms (April 2009)
Nr. 36+37: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (erscheint im Oktober 2009)
Nr. 38: Hanns Heinz Ewers: Die Spinne (erscheint im November 2009)
Nr. 39: H. P. Lovecraft: Der Tempel (erscheint im November 2009)

Unterm Strich

Hamblys Buch wurde mit dem Leserpreis des LOCUS-Magazins als bester Horrorroman des Jahres ausgezeichnet. Mir schien dies bereits in der Buchform (es erschien bei Bastei Lübbe) einer der unterhaltsamsten und sehr flüssig verfassten Romane zum Thema Vampirismus zu sein. In der Zwischenzeit sind rund 20 Jahre vergangen, und die Flut der Vampirromane ist kaum noch zu überblicken. Die Untoten sind überall, wo „Gothic“ draufsteht.

Im Vordergrund steht bei Hambly nicht die Darstellung der sattsam bekannten Traditionen und Historie der Vampire, sondern die Untersuchung der Verbrechen, die Ermittlung des Täters. Es handelt sich also um einen klassischen Detektivroman. Es liegt der Verdacht nahe, dass Sherlock Holmes das Vorbild für James Asher geliefert haben dürfte. Auch die nostalgisch verklärt wirkende Zeit- und Ortswahl dürfte den Leser nicht aus ihrem Bann lassen.

Der Mystery-Actionkrimi lebt vom Kontrast zwischen der Kultur der Lebenden und der der Untoten. Ganz nebenbei wird sehr schön über die Existenzbedingungen der jeweiligen Art philosophiert. Die Autorin führt einige neue Elemente ein, wie etwa die Rolle von Medizin und Wissenschaft, die zu einer Sonnenlichtverträglichkeit der Untoten führen könnte. Hier spielt die Ideenwelt von Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ hinein. Auch das Verhältnis von Meister und Zögling wird intensiv ausgeleuchtet – es ist eine besondere Art seelischer Vereinigung und nachfolgender Abstoßung.

Das Hörspiel

Das Team von Titania Medien hat sich mal wieder ins Zeug gelegt, um ein stimmungsvolles Hörspiel zu inszenieren, das zugleich schaurig-schön und actionreich wie ein Mystery-Krimi ist. Mit Wolfgang Pampel als James Asher, dem Sprecher des Simon Ysidro und Claudia Urschat-Mingues ist eine hervorragende Besetzung gelungen. Die Nebenfiguren stimmen ebenfalls und überzeugen durch Kompetenz.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Augen- bzw. Ohrenmerk sollte man auf die verstärkt eingesetzten Sounds richten. Die Action kommt in diesem Teil voll zum Zuge, so dass man sich über spannende Auseinandersetzungen nicht zu beklagen braucht.

Fazit: ein Volltreffer.

Originaltitel: Those who hunt the night, 1989
148 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13 der Doppel-CD-Ausgabe: 978-3785738238
www.titania-medien.de
www.luebbe-audio.de

Wilhelm Hauff – Das Gespensterschiff (Gruselkabinett Folge 171)

Halligalli auf des toten Manns Kiste

Basra, 1825: nach dem Tod seines Vaters möchte der junge Kaufmannssohn Achmet sein Glück in der Fremde versuchen und besteigt daher mit seinem Diener Ibrahim ein Schiff nach Indien. Als sie nach knapp zweiwöchiger Reise in einen Sturm geraten und plötzlich ein geheimnisvoller Segler mit johlender Besatzung aus dem Nichts auftaucht, gerät der Kapitän in Panik, da er in der vorbeidonnernden Mannschaft den Tod persönlich zu erkennen meint. Tatsächlich sinkt kurz darauf sein Schiff, und Achmet und Ibrahim scheinen die einzigen Überlebenden zu sein… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
Wilhelm Hauff – Das Gespensterschiff (Gruselkabinett Folge 171) weiterlesen

McKinley, Tamara – Lied des Regenpfeifers, Das (Lesung)

Olivia Hamilton kehrt 1947 aus London nach Australien zurück. Begleitet von Giles, einem Freund aus Kindertagen, will sie dem Geheimnis ihrer Geburt nachspüren. Denn seit dem Tod ihrer Mutter Eva weiß sie, dass sie adoptiert war, eine Entdeckung, die sie tief verstört. Nicht einmal Giles, der die junge Frau innig liebt, findet noch Zugang zu ihrem Herzen.

Auf der Suche nach ihrer wahren Herkunft folgt Olivia Evas Spuren und ist schon bald gefesselt von dem Leben dieser außergewöhnlichen Frau. (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte ihre Kindheit im Outback. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land, von dem sie so mitreißend zu erzählen weiß. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen ist als Fernseh- und Theaterdarstellerin ebenso erfolgreich wie als Moderatorin im Rundfunk. Auch ihre Synchronstimme ist vielen Hörern vertraut. (Verlagsinfo)

Die Übersetzung stammt von Rainer Schmidt, die gekürzte Fassung und Hörspielbearbeitung von Antje Nissen. Regie führte der Produzent Marc Sieper.

_Handlung_

Am 10. März 1896 erleidet das Auswandererschiff „S.S. Arcadia“ in schwerer See Schiffbruch vor der westaustralischen Küste. An Bord ist Eva Hamilton, die ihrem Gatten Frederick gefolgt ist, der als Landvermesser im Auftrag das Land erkunden soll. Während Frederick Eva in ein Rettungsboot setzen kann, wird er selbst von einem riesigen Brecher über Bord gespült. Eva ist verzweifelt und wird von einer Frau namens Jessie getröstet, die später zu ihrer engsten Freundin wird. Nur fünfzehn Überlebende finden an den Strand. Da nähert sich ein Pferdewagen aus dem Nichts. An Bord ist Frederick!

1947 kehrt ihre Tochter Olivia zurück in die australische Heimat. Sie hat während des Krieges als Krankenschwester gearbeitet und sich mit Giles, einem Freund aus Kindheitstagen, der im Krieg einen Arm verlor, auf den Weg gemacht, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Denn nach dem Tod ihrer Mutter in London ein Jahr zuvor fand sie in einem Geheimfach des mütterlichen Schreibtischs ein Dokument, das sie als Adoptivtochter ausweist. Sie ist erschüttert. Doch wer sind ihre wahren Eltern? Nur wenn sie die Vergangenheit kennt, denkt sie, kann sie Pläne für die Zukunft machen. Sie ahnt nicht, dass Giles sie aus tiefster Seele liebt.

In Olivias Bestimmungsort Trinity, der an der nordöstlichen Küste nahe Cairns liegt, lebt seit ein, zwei Jahren auch Maggie Finlay. Sie ist sauer, dass der Besitzer des Hotels, in dem sie als „Mädchen für alles“ arbeitet, Sam White, zum Angeln gegangen ist und den ganzen Krempel ihr überlassen hat. Sam hat sich ebenfalls in den Jahren, in denen er im Krieg gedient hat, verändert. Er ist 42 und immer noch unverheiratet. Kein Wunder, dass sich Maggie Chancen bei ihm ausrechnet.

Da kommt Olivia mit Begleiter hereingeschneit. Maggie gibt ihnen zwei gute Einzelzimmer – aha, nur ein „Freund“? Nachdem Sam White Olivia begrüsst hat, fährt sie auf ihren ersten und wichtigsten Trip. Er führt sie zu den Stanfords, doch Irene Stanford ist weggezogen, und so fährt sie ihr mit Giles nach. Auf der Delorraine-Farm begrüßt sie freundlich der sechzig Jahre alte William, Irenes Mann. Er erkennt Olivia sogar, obwohl sie Jahre weg war.

Doch Irene Stanford ist das genaue Gegenteil Williams: kalt, abweisend, habgierig und wer weiß was noch alles. Olivia übergibt ihr ihr Erbteil: ein paar Schmuckstücke. Irene lässt sich kaum dazu herab, danke zu sagen. Giles ist erstaunt, als Olivia ihm erzählt, dass Irene ihre Schwester sei. 1901 wurde sie geboren und 18 Jahre später Olivia. Doch Frederick, Evas Mann, hat nie von Olivias Existenz erfahren, denn da war er bereits tot, umgekommen im Busch, den er erkunden sollte.

Giles kommt an dem großen Altersunterschied der beiden Schwestern etwas spanisch vor. Nicht nur ihm, sondern auch uns. Dass hierauf noch viele weitere Überraschungen folgen, dürfte klar sein. Insbesondere dann, als sich Olivia mal etwas eingehender mit Maggie unterhält.

_Mein Eindruck_

Die Erforschung der eigenen Herkunft ist ein spannendes Thema – ich weiß beispielsweise bis heute nicht, wer mein Urgroßvater väterlicherseits war. Hoffentlich irgendein Landesvater! Doch für Olivia gestaltet sich die Suche nach sich und ihrer wahren Familie ziemlich spannend, so dass dieser Handlungsstrang die volle Aufmerksamkeit des Lesers/Hörers erfordert.

|The Searchers|

Parallel wird die Geschichte von Maggie Finlay erzählt, die aufgrund dieses Umstands wohl in irgendeiner Beziehung zu Olivia stehen dürfte – ich verrate nicht, in welcher. Das Los Maggies ist wesentlich härter als Olivias und soll hier nicht näher wiedergegeben werden: eine Vergewaltigung und die Begegnung mit den Eingeborenen spielen eine Rolle. Maggie hätte ihren Sam allemal verdient.

In dem Bermuda-Dreieck der weiblichen Hauptfiguren fehlt noch Irene Stanford, die offenbar einiges zu verbergen hat. Es wird deutlich, dass die Elterngeneration – vor allem Eva Hamilton – ständig unter der Furcht vor öffentlicher Brandmarkung lebte, wenn eine Frau ein uneheliches Kind erwartete. Aus diesem sozialen Druck ergeben sich die Wirrungen, die Olivia aufzudecken sucht.

|Bitte etwas mehr Action!|

Man braucht sich aber keine Sorgen darüber zu machen, dass die Autorin es bei einer schicksalsträchtigen Suche bewenden lässt. Für einen Australienroman wäre das zwar typisch – alle sind auf irgendeine Weise miteinander verwandt, berichtet die Autorin – doch das wäre für eine anständige Story doch ein etwas dünner Plot. Was fehlt, ist etwas Action.

Australien ist kein Kontinent, der nicht mit sich spaßen lässt. Im Gegenteil: Er fordert jedem, der sich hier niederlassen will, das Allerletzte ab. Wasser oder vielmehr der Mangel daran ist oftmals das bestimmende Element im Überlebenskampf. Eva Hamilton erleidet Schiffbruch, ihr Gatte kommt bei der Wassersuche im Busch ums Leben. Und im dritten Viertel des Romans wird das scheinbare Paradies, das Olivia und Maggie in Trinity gefunden zu haben glauben, von einer Art Hurrikan heimgesucht – Stürme, die in dieser Weltgegend „Zyklone“ genannt werden. Die Bewohner drohen nun unter zu viel Wasser zu ersaufen.

Der Tropensturm wirbelt nicht nur das Leben der Menschen in Trinity durcheinander, sondern auch das von Irene Stanford … Die Autorin lässt hier die Natur mal wieder Schicksal spielen, und der Sturm ist ebenso Naturgewalt wie Symbol für die Fährnisse des Lebens in Australien.

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen verfügt über eine ziemlich tiefe Stimme, die sie jedoch sehr gut zu modulieren weiß. Sie kann einfühlsam, traurig, empört oder verzweifelt klingen. Daher ist keinerlei Musik nötig, um die entsprechenden Emotionen im Hörer zu wecken. Man folgt ihrem Vortrag mit erhöhter Aufmerksamkeit – nicht nur, weil drei Hauptfiguren mit ihren jeweiligen Begleitern auftreten, sondern auch weil die vorgetragene Geschichte so bewegend ist. Ich musste allerdings feststellen, dass Jeseline Gassen beim Aussprechen bestimmter Laute ihren Gaumen knacken lässt. Nach einer Weile des Zuhörens fällt dieses bedeutungslose Geräusch doch etwas auf, und ich musste mich zwingen, es nicht weiter zu beachten.

_Unterm Strich_

Tamara McKinley ist keine langjährige Verwalterin mündlicher Überlieferung wie ihre australische Kollegin Patricia Shaw. Dass sie sich dennoch mit den Lebensläufen und Schicksalen australischer Einwanderer auskennt, stellt sie eindrucksvoll mit „Das Lied des Regenpfeifers“ unter Beweis. Ihre Frauenfiguren stammen aus achtbaren Familien, doch mitunter stoßen ihnen hässliche Dinge zu. Die ständige Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung durchzieht alle bürgerlichen Lebensläufe, als befänden sich die Frauen noch mitten im tiefsten 19. Jahrhundert.

Romantisch verklärte Räuber und Banditen kommen hier ebenso wenig vor wie heroische Erforscher des fünften Kontinents (Frederick scheitert im Busch). Und unter den Männer gibt es ebenso feine Kerle wie charakterlose Dreckschweine, die Frauen nur zwecks Lustgewinn ausbeuten und sie dann sitzen lassen. Dass auch Frauen schlechte Menschen sein können, belegt Irene Stanford, doch wie Olivia herausfindet, hat Irene eine verdammt gute Entschuldigung.

Der Schicksalsroman dürfte vor allem Frauen ansprechen, ganz einfach deshalb, weil alle Hauptfiguren Frauen sind. Und die kommen voll auf ihre Kosten. Liebe, Drama, Verbrechen, Überraschungen – es ist alles drin. Weil sich aber das Geschehen zwischen 1898 und 1948 nur in den bürgerlichen Schichten abspielt, wird die das Land formende oberste Schicht ebenso ausgeblendet wie die später (z. B. von Peter Carey) romantisch verklärte Unterschicht der Arbeiter und Outlaws, von den Aborigines ganz zu schweigen. Folglich lernt die Leserin/Hörerin die Geschichte des Landes durch solche Romane nur unvollständig kennen.

Die Autorin kann allerdings nicht kaschieren, dass der Text viele sprachliche Klischees enthält, die offenbar zu einem Frauenschicksalsroman ebenso gehören wie ein Deckel auf den Topf – und in eben dieser Weise müssen alle Frauen am Schluss ihren Traummann finden. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, bis der- oder diejenige das einsieht. Und Irene erhält ihre verdiente Strafe, keine Sorge. Der gekürzte Text des Hörbuchs wird von Joseline Gassen bewegend und spannend, einfühlsam und modulationsreich vorgetragen.

|Originaltitel: Undercurrents, 2004
277 Minuten auf 4 CDs|

DeLorca, Frank / May, Martin / Döring, Oliver – Turm des Grauens, Der (Gespenster-Krimi 03)

Seit 150 Jahren erzählt man sich auf Rona Island die blutige Geschichte des missgestalteten Jack Finnegan, der einst auf der Insel mehrere schreckliche Morde begangen hat. Nicht-Insulaner belächeln die Angst vor dem längst verstorbenen Unhold. Doch dann verschwinden wieder Menschen spurlos – und eine Touristin wird brutal überfallen.

Schon bald wissen nicht nur die Einwohner Ronas, dass etwas Schreckliches im Moor umgeht. Als der rational denkende Inspektor Joe Burger die Teile des unheimlichen Puzzles zusammenfügt, stößt er auf ein schreckliches Geheimnis, das ihn selbst an den Rand des Wahnsinns treiben wird. (Verlagsinfo)

|Die Sprecher & die Inszenierung|

Erzähler: Lutz Riedel
Sheila Martin: Marie Bierstedt
Robert Norden: Martin May
Inspektor Joe Burger: Till Hagen
Polizist Earl Bumper: Nicolas Böll
Prof. Stalicki: Jürgen Thormann
Und 13 weitere Sprecher.

Die Gespensterkrimi-Hörbücher produzierten Alex Stelkens von |WortArt| und Marc Siper von |Lübbe Audio| sowie Pe Simon. Regie führt stets Oliver Döhring, der auch für die John-Sinclair-Hörspiele verantwortlich zeichnet.

_Handlung_

VORGESCHICHTE.

Schauplatz ist die schottische Hebrideninsel Rona im Jahr 1855. Die Dorfbewohner des Hafens verfolgen den wahnsinnigen Jack Finnegan durchs Moor, verlieren aber seine Spur. In der Nacht kehrt er zurück, um im Wirtshaus einzubrechen und frische Beute zu machen. Sheila Martin, 21, wird sein wehrloses Opfer, und Sean Jones und Dick Fisher können ihn nicht davon abhalten, sie davonzuschleppen. Sie werden selbst schwer verletzt. Sheilas sterbliche Überreste werden erst vier Tage später in einer Berghöhle gefunden. Jack wird geschnappt, verurteilt und hingerichtet. Sein Gehirn wird von einem Arzt im Kriminalmuseum von Edinburgh in Formalin eingelagert. Das erweist sich als schwerer Fehler …

HAUPTHANDLUNG. 150 Jahre später.

Der Schriftsteller Robert Norden stammt aus London und recherchiert auf der entlegenen Hebrideninsel für sein nächstes Buch. Die blonde Sheila Martin, 25, die mit ihm spazierengeht, ist ebenso wie er im Dorfgasthaus untergebracht. Sie recherchiert ebenfalls: ihren Familienstammbaum, zu dem auch jene so grausam gemeuchelte Sheila Martin gehört. Ned Butcher ist der aktuelle Wirt, der den Gasthof mit seiner Frau Mary betreibt. Diese ist ebenfalls blond. Butchers schleimige, anzügliche Begrüßung stößt Sheila ab.

Neds Verhalten gründet sich auf Vor- und Schadenfreude. Er erinnert sich sehr gut an die Ereignisse vor 150 Jahren und will sie wiederholen. Nachts wird Sheila von einem Klopfen an ihrem Fenster geweckt. Als ein Ungeheuer in Menschengestalt in ihr Zimmer einbricht, setzt sie das Wesen mit einem gezielten Hieb für einen Moment außer Gefecht und flüchtet auf den Flur.

Der Lärm hat Robert Norden geweckt. Als er Sheila zu Hilfe, haut ihn das Monster aus den Pantinen. Doch diesmal flieht Sheila aus dem Haus und ins angrenzende Moor. Dort stürzt sie in ein Sumpfloch, das Ungeheuer ist ihr dicht auf den Fersen …

Inspektor Joe Burger von Scotland Yard ermittelt in Sachen Sheila Martin und dem, was die Einheimischen den „Moormenschen“ zu bezeichnen belieben. Als Joe Ned Butcher erblickt, erkennt er in ihm sofort den vorbestraften Einbrecher. Ned erzählt, dass er, bevor er die Wirtin Mary heiratete, für den alten Professor Stalicki gearbeitet habe, drüben im alten Leuchtturm.

Diesem Professor statt Joe einen Besuch ab. Der Privatforscher gibt sich freundlich, aber was heißt das schon? Dieser selbstverliebte alte Sack führt ihm sein Labor vor und erzählt ihm, was er mit seinen Experimenten erreichen will: Die Übertragung von Erfahrungen auf biochemischem Wege.

Was der Professor dem Inspektor verheimlicht: Er hat Ned Butcher das Gehirn von Jack Finnegan stehlen und durch eine Attrappe ersetzen lassen. Und für allzu neugierige Polizisten hat er ganz spezielle Pläne …

_Mein Eindruck_

Der Plot ist so klischeebeladen, dass er sich leicht in die paranoiden fünfziger Jahre des 20. Jahrhundert einordnen ließe, gäbe es nicht ein paar Gerätschaften – wie Helikopter, Fax, Handy und Digitaluhr – die sich der Gegenwart zuordnen ließen. Da ist zum einen der verrückte Wissenschaftler: bis hin zum irren Gelächter stimmt alles. Die Experimente, die Professor Stalicki in der Manier eines Dr. Viktor Frankenstein (erfunden 1816) vornimmt, sind selbstverständlich ebenso verrückt wie verboten. Aber dort endet der Wahnsinn natürlich nicht, sondern wird auch in frevlerischer Weise an aufrechten Vertretern des Gesetzes – vulgo: Scotland-Yard-Inspektoren – ausgelassen.

Des Wissenschaftlers Kreatur ähnelt Frankensteins Monster in allem bis auf das Aussehen und den Appetit auf frisches Menschenfleisch. Dass dieses Menschenfleisch am leckersten ist, wenn es die Gestalt unschuldiger junger (vorzugsweise halb nackter) Frauen besitzt, lässt sich leicht einsehen, wenn man entweder selbst ein Kannibale ist oder schon sämtliche Streifen gesehen hat, die je über Frankenstein-Monster gedreht wurden. Und das sind ja bekanntlich nicht wenige.

Und die Jungfer in Not zu retten, sind natürlich nur Männer gefragt. Da wäre zum einen besagter aufrechter Vertreter des Gesetzes und zum anderen der brave Schriftsteller aus London: Ritter des Schwertes und der Feder. Es steht zu hoffen, dass den Schreiberling die Vorfälle um den mysteriösen Moormenschen in ausreichendem Maße zum nächsten Horrorroman inspieren.

Und wie schon bei der ersten „Frankenstein“-Verfilmung aus dem Jahr 1931 endet das Grauen in Explosion und Feuer.

_Die Inszenierung_

Die Inszenierung mag noch so wirkungsvoll gelungen sein, es bleibt dem kundigen Hörer doch nur ein müdes Lächeln. Dieser Abklatsch von Mary Shelleys wunderbarer Vorlage aus dem Jahr 1818 (Die Story wurde 1816 erfunden, das Buch erst zwei Jahre später anonym veröffentlicht) hätte eine originellere Umsetzung verdient. Für den Regisseur Oliver Döring blieb also nur, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Das zumindest ist ihm gelungen.

Die Geräusche sind realistisch und effizient eingesetzt. Ich habe bereits Helikopter, Faxgerät und die allseits beliebte piepsende Digitaluhr erwähnt. Hinzukommen Geräusche der Natur: Wellenrauschen und Möwengeschrei. Ich könnte dieser Meereskulisse stundenlang zuhören. Die Musik erzeugt oder unterstreicht die nötigen Emotionen.

_Unterm Strich_

„Turm des Grauens“ ist der schwächste Beitrag zur Serie der „Gespenster-Krimis“. Der Frankenstein-Plot ist so abgedroschen, dass der kundige Hörer das Ende schon meilenweit vorausahnt. Dass das Finale mit Action und Feuerzauber zu übertünchen versucht, dass allenthalben originelle Ideen fehlen, verwundert nicht: Irgendetwas soll der Konsument ja schon davon haben.

Fazit: Ein Hörspiel, auf das die Welt nicht gewartet hat, aber immer noch solides Handwerk.

|57:26 Minuten auf 1 CD
Mehr Infos unter: http://www.gespensterkrimi-hoerspiele.de |

Amélie Nothomb – Der Professor (Lesung)

Die alten Eheleute Juliette und Emile Hazel sehnen sich nach einem friedlichen Lebensabend auf dem Land. Als sie ihr kleines Traumhaus beziehen, dürfte ihrem Glück eigentlich nichts mehr im Weg stehen. Doch dann lernen sie ihren Nachbarn, den Arzt Bernardin, kennen. Pünktlich um 16:00 Uhr kommt er und will seinen Kaffee. Jeden Tag. Die Hazels denken, man könne sich mit dem Quälgeist arrangieren. Aber sie haben noch nicht Madame Bernardin kennen gelernt.

Die Autorin
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Barron, T. A. – Merlin und die Flügel der Freiheit

_Voller Wunder und Spannung: Merlin in der Entscheidungsschlacht_

Das Finale der Merlin-Trilogie! In der längsten Nacht des Jahres wird sich das Schicksal Fincayras entscheiden. Alle Bewohner der Insel müssen zusammenstehen, sonst ist sie verloren. Merlin hat die schier unlösbare Aufgabe, alle rechtzeitig herbeizurufen, und dafür bleiben ihm nur zwei Wochen Zeit. Zugleich muss er das Rätsel eines Kriegers mit Schwertern als Armen lösen und die Gefahr beseitigen.

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab zwölf Jahren.

_Der Autor_

T. A. Barron wuchs in Massachusetts/USA auf. Er studierte an den Unis Princeton und Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften, war Manager in einer New Yorker Anlagefirma und anschließend selbständiger Unternehmer. Seit 1990 ist er freier Autor und lebt mit seiner Familie in Boulder, Colorado, wo er sich für den Umweltschutz engagiert. (Verlagsinfo)

Seine Saga um die Jugend des Zauberers Merlin umfasst fünf Bände:

1) [Merlin – Wie alles begann 338
2) [Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit 990
3) Merlin und die Feuerprobe
4) Merlin und der Zauberspiegel
5) Merlin und die Flügel der Freiheit

_Der Sprecher_

Stefan Wilkening, 1967 geboren, besuchte die Otto-Falckenberg-Schule in München. Er hatte Engagements an den Münchner Kammerspielen, bei den Wiener Festwochen und beim Schauspiel Frankfurt/M. Er arbeitete zudem bei zahlreichen Hörfunk- und Filmproduktionen mit und ist seit 2001 festes Ensemblemitglied beim Bayerischen Staatsschauspiel in München. Für den |Hörverlag| las er unter anderem „Das Böse unter der Sonne“ von Agatha Christie und erzählte Uwe Timms Geschichte vom „Rennschwein Rudi Rüssel“.

Regie führte Caroline Neven Du Mont, Jochen Scheffter und Monika Volger leiteten die Aufnahmetechnik. Wilkening liest eine von Katia Semprich gekürzte Fassung.

Auf der Rückseite des Booklets ist eine Landkarte von Avalon abgedruckt.

_Vorgeschichte_

Die Saga erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein 13-jähriger Junge, der in Band eins ein Kind ist, dessen Mutter seine Herkunft mit einem geheimnisvollen Schweigen umgibt. Klar, dass er seine Wurzeln erkunden muss. Denn das bedeutet, die Quelle seiner Fähigkeiten zu ergründen.

In Band zwei hat Merlin gerade seinen zuvor unbekannten Vater Stangmar verloren und erfahren, dass seine Mutter Elaine jenseits des Meeres lebt. Kein Wunder, dass er seine Kräfte erprobt und sie herbeibeschwört. Doch der Erzfeind Ritagaur ist nie weit entfernt und vergiftet Elaine. Um das Gegenmittel vom Gott Daghda zu erlangen, muss Merlin die sieben Schritte zur Weisheit finden und gehen. Und er hat dafür nur vier Wochen Zeit.

Band fünf zeigt uns Merlins Vollendung sowie die ultimative Bedrohung seines Reiches. Alle Bewohner der Insel müssen zusammenstehen, sonst ist sie verloren. Merlin hat die schier unlösbare Aufgabe, alle rechtzeitig herbeizurufen, und dafür bleiben ihm nur zwei Wochen Zeit.

_Handlung_

Ein Junge von acht Jahren lebt in Fincayra, einsam, aber frei. Allein sitzt er am Ufer der Küste, dann macht er sich daran, Holz für sein Lagerfeuer zu schlagen. Doch kaum hat er sich einen Ast ausgesucht, zischt ein Schwert herab und schlägt den Ast ab. Der Junge schaut sich um. Da steht ein großer Krieger vor ihm. Er trägt einen gehörnten Helm und führt zwei Schwerter. Doch wo die Hände an deren Griffen sein sollten, befindet sich nichts: Der Krieger trägt die Schwerter anstelle von Unterarmen. Er befragt den Jungen streng, denn er soll sein erstes Opfer sein. Er sucht nach einem Mann, der sich Merlin nennt …

Merlin, der blinde Zauberer mit dem zweiten Gesicht, wandert mit seiner Freundin Halia durch den verwunschenen Druma-Wald. Er trifft seine Schwester Rhia wieder, und sie stellt ihm einen neuen Gefährten vor. Gestatten? Skillyrimpus, ein kleines Wesen mit nur drei Beinen, aber völlig furcht- und respektlos, wie Merlin zu seinem Leidwesen bald feststellen muss. Zusammen wandern sie zum Sternguckerstein auf dem Hügel, wo Rhia für alle Essen kocht. Sie freuen sich auf die längste Nacht des Jahres, die Wintersonnenwende. Es ist entsprechend kalt, doch Rhias Eintopf wärmt sie auf.

In der Nacht hat Merlin einen seltsamen Traum. Er reitet in der Luft auf einer Falkenfeder und genießt gerade die Freiheit, als ein Schwert-Arm aus den Wolken herabsaust und ihn am Arm verletzt. Als er erwacht, ist da kein Schwert-Arm, sondern nur ein Grollen, das vom Sternguckerstein kommt. Er geht dorthin und hat eine Vision. Die Wolken formen das Gesicht eines Mannes: Es ist der Daghda, der oberste Gott, der über alle Welten herrscht, über Fincayra, die Erde und die Anderswelt. Doch über die Geisterwelt herrscht Ritagaur, der Erzfeind.

Der Daghda verkündet Schreckliches. Es drohe Merlin, seinen Lieben und ganz Fincayra größte Gefahr. In der nahen längsten Nacht werden sich Anderswelt und Fincayra so stark annähern, dass Ritagaur versuchen wird, den Durchgang zu wagen und mit seiner Armee aus Geistern und Dämonen Fincayra zu erobern. Nach Fincayra sei dann die Erde dran. Dem Daghda ist es nicht gegeben, den Erzfeind aufzuhalten.

Um Fincayra zu retten, müsse Merlin innerhalb der zwei Wochen, die bis zur Wintersonnenwende verbleiben, alle Völkerschaften zum Widerstand gegen die Invasion der Geisterwelt vereinen. Leichter gesagt als getan, denn fast alle Völker und Rassen der Insel sind einander nicht grün. Nur jemand, der mit ihnen allen Kontakt gehabt hat, kann sie zur finalen Schlacht zusammenrufen: Merlin, der Zauberer, der über die sieben Schätze Fincayras verfüge.

Am nächsten Morgen erzählt Merlin Rhia und Halia von seinem Traum. Rhia bedauert, dass die Menschen die „Flügel der Freiheit“ verloren hätten, denn der Daghda nahm sie ihnen wegen eines Frevels. Merlin und seine Freunde hören ein Poltern und Beben im Boden. Da kommt auch schon sein Freund Shim, der Riese. Doch auch er bringt schlimme Kunde.

Merlins Vater Stangmar, der Feldherr Ritagaurs, ist aus seinem Gefängnis entkommen und bedroht nun Merlins Mutter Elaine, die er des Verrats bezichtigt. Nachdem er Halia zu den Drachen um Hilfe geschickt hat, eilt Merlin mit Rhia zum Dorf seiner Mutter. Elaine beugt sich über einen Jungen, dem ein unheimlicher Krieger das Ohr abgeschnitten hat. Der Krieger hat zwei Schwerter als Arme gehabt, erzählt sie. Merlin fürchtet, es handle sich um Stangmar, und warnt sie.

Merkwürdig, dass dieser Krieger gerade dann auftaucht, wenn Merlin sich ganz auf die bevorstehende Entscheidungsschlacht um Fincayra vorbereiten sollte …

_Mein Eindruck_

Diese Fantasy-Geschichte ist für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren konzipiert. Dementsprechend einfach sind die Sprache und der Handlungsaufbau.

Wieder einmal ist das eine Geschichte vom Zauberlehrling. Harry Potter lässt grüßen. Doch was bei Potter die viktorianische Umgebung darstellt, ist bei Merlin eine raue dörfliche, später eine natürliche Umgebung: Fincayra ist ein heiliges Land, eine Brücke zwischen Menschen- und Anderswelt. Demzufolge besitzen die Dinge, die Merlin hier antrifft, eine höhere und allgemeingültigere Bedeutung als sonst und spielen eine größere Rolle im Lauf der Welt.

Alle Wesen, die Merlin in Fincayra antrifft, sind Verkörperungen von natürlichen Aspekten oder moralischen Prinzipien. Die Kunst liegt nun aber darin, dass der Autor sie nicht so platt aussehen lässt. Er muss ihnen mehrere Schichten von Bedeutung verleihen, eigene Motive, ein eigenes Leben. Merlin hat in Band eins seine eigene Identität herausgefunden, in Band zwei auch die von Rhia. Sie ist neben dem Falken die lebhafteste Figur in Fincayra. Doch seine Entdeckung erfolgte unter tragischen Umständen: Er darf sie nicht lieben, weil sie seine Schwester ist. Dafür lernt er Halia kennen.

Die Mission, auf der er sich bislang befunden hat, diente nicht nur der Rettung seiner Mutter, sondern auch der des Landes Fincayra. Wenn er die sieben Schritte zur Weisheit erfolgreich bewältigt, ist er de facto der weise Zauberer, den Fincayra braucht. Dann erst können die Schätze des Landes – die blühende Harfe, das Horn, das Schwert und vieles mehr – ihren rechtmäßigen Platz finden. Und er wird wissen, wer die rechtmäßigen Hüter sind.

Dies alles hat er in Band drei und vier geschafft, nun gilt es, das Gewonnene gegen den größten Feind zu verteidigen und zu bewahren. Schlimme Vorzeichen künden das kommende Unheil an. So verdorrt beispielsweise der von der blühenden Harfe gesegnete Obstgarten. Auch gilt es noch, den Frevel zu sühnen, den die Menschen der Vergessen Insel einst gegen den Daghda begangen haben. Es ist kein Zufall, dass Merlins entscheidender Kampf gegen den Schwert-Mann zugleich mit der Sühne stattfindet. Der Lohn ist die Freiheit der fliegenden Menschen: die titelgebenden Flügel der Freiheit.

|Lektionen für Jung und Alt|

Doch bis es so weit ist, muss Merlin zahlreiche Lektionen lernen. Sie alle zeitigen unerwartete Ergebnisse, die für alle Menschen wichtig sind – für Kinder ebenso wie für Erwachsene. Denn wer weiß schon von der Wahrheit, dass man mit dem Herzen besser sehen kann als mit den Augen? Und dass der Versucher (Ritagaur) sich immer als täuschender Führer mit der sanftesten Stimme auf dem kürzesten Pfad anbietet?

Wie schwer es ist, die Kräfte zum gemeinsamen Widerstand in der Entscheidungsschlacht zu einen, muss Merlin bald selbst erfahren. Kaum einer will sich mit anderen Rassen oder Völkern zusammentun. Das kennt man ja aus Elronds Rat im [„Herr der Ringe“. 5487 Die Zwerge können die Elben nicht leiden und so weiter. Doch Merlin hat willige Helfer. Umso größer ist deshalb seine Freude kurz vor der Schlacht, wenn nicht nur die Helfer Hilfe holen konnten, sondern auch die Völker von sich aus ihre Hilfe anbieten, um an seiner Seite zu kämpfen.

|Barrons Quellen|

Dass viele Handlungselemente sowie Figuren an Tolkiens Mittelerde erinnern, liegt nicht etwa an Barrons möglicher Einfallslosigkeit, sondern an Tolkiens allgemein verfügbaren Quellen: Er hat sie walisisch-keltischen, altenglischen, altnordischen und finnischen Sagen und Epen entnommen. Aus dem gleichen Kessel kann legitimerweise auch Barron schöpfen. Und an walisischen Quellen bietet die Epensammlung des Mabinogion wahrlich reichen Stoff, wie schon Lloyd Alexanders [Prydain-Zyklus 2850 bewies. Der dunkle König Stangmar entspricht beispielsweise Arawn, dem Herrn der Unterwelt, der auch in Prydain (= Britannien) sein Unwesen treibt.

In Band zwei finden sich bereits mehrere Hinweise auf die Artus-Sage, so etwa das Schwert Excalibur und die Magierin Viviane, die sich Nimue nennt. Dieser Artus-Hintergrund verstärkt sich noch in dem Zyklus um die Insel Avalon, mit dem der Autor seinen Merlin-Zyklus fortsetzte – und der mittlerweile ebenfalls komplett im Hörbuch vorliegt.

|Der Sprecher|

Selten hört man so deutlich gestaltete Stimmen, die auch noch so ausgezeichnet passen. Stefan Wilkening kann es in dieser Beziehung fast mit Rufus Beck aufnehmen. Allerdings übertreibt Beck seine Kunst manchmal. Wilkening erweckt wichtige Figuren wie die alte Domno oder die weise Elusa direkt zum Leben, inklusive ihrer ambivalenten Natur: Beide Wesen haben ihre eigenen Motive – Hunger oder Gier -, um Merlin zu helfen. Viel lustiger fand ich den kleinen Skillyrimpus, Rhias neuen Freund. Seine etwas quäkend hohe Stimme passt aber zu seiner respektlosen Art. Kinder dürften viel Spaß an ihm haben.

Zwischendurch ist kurz mal der Erzähler zu hören. Seine Aufgabe ist es, weniger wichtige Handlungsvorgänge raffend zusammenzufassen, bis dann die nächste wichtige Szene eröffnet wird. Das kommt dem Tempo der Handlung sehr zugute. Es ist nicht seine Aufgabe, irgendwelche Figuren zu charakterisieren.

Stefan Wilkening ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Er ist der erste Sprecher, den ich kenne, der walisisch-keltische Namen korrekt ausspricht. Und zwar nicht nur ein- oder zweimal, sondern durchgehend. Das wird bei seiner Aussprache von ‚Rhia‘ deutlich: [chría]. Die Aussprache von ‚Gwynnedd‘ kann ich nicht einmal darstellen, weil mir das Zeichen für das stimmhafte ‚th‘ am Schluss fehlt. Das Gleiche gilt für Caer Myrddin, dem Kloster, in dem Emrys aufwächst, bis er zwölf ist.

_Unterm Strich_

Dieses fünfte „Merlin“-Hörbuch hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Die Geschichte ist sowohl spannend und geheimnisvoll als auch anrührend. Sie ist meilenweit entfernt von den Klischees, die in der Mini-Serie „Merlin“ fürs Fernsehen verarbeitet wurden. Eine böse Feenkönigin (Queen Mab) ist hier nicht zu finden. Wohl aber Wesen, die ihre eigenen Motive haben, ähnlich wie in Michael Endes „Die unendliche Geschichte“.

Und wie bei Ende gilt es, ein sagenhaftes Land vor dem Bösen zu retten. Dabei gibt es allerlei Überraschungen. Episoden wie die Erlösung der Vergessenen Insel setzen ein tiefes Verständnis beim Autor voraus. Die ökologische Botschaft ist ebenfalls klar: Nur wenn alle mithelfen und ihre Streitigkeiten beiseite legen, lässt sich die Welt retten – die in diesem Fall Fincayra heißt.

|Das Hörbuch|

Selten hört man so deutlich gestaltete Stimmen, die auch noch so ausgezeichnet passen. Stefan Wilkening kann es in dieser Beziehung fast mit Rufus Beck aufnehmen. Wilkening erweckt wichtige Figuren direkt zum Leben. Er ist der erste Sprecher, den ich kenne, der walisisch-keltische Namen korrekt ausspricht. Jung und Alt dürften das Hörbuch gleichermaßen genießen können.

Fazit: ein Volltreffer.

|Originaltitel: The Wings of Merlin, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Irmela Brender
294 Minuten auf 4 CDs
Empfohlen ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3867170826|
http://www.hoerverlag.de

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http://www.stefan-wilkening.de

Perry Rhodan – Anti-Universum (Silber Edition 68)

Die Handlung:

Bei einem Experiment an der Grenze des Solsystems geschieht es: Perry Rhodan und seine Gefährten werden in ein paralleles Universum geschleudert, aus dem es für sie keine Rückkehr in das heimische Kontinuum zu geben scheint. Mehr noch, bei der Landung auf der Erde werden sie mit ihren perfekten, vom Charakter her jedoch völlig konträren Spiegelbildern konfrontiert. Perry Rhodan II verkörpert das absolute Böse und versucht alles, um die unerwarteten Besucher zu vernichten. Ein ungleicher Kampf entbrennt … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diese Lesung startet den neuen Zyklus, der DAS KOSMISCHE SCHACHSPIEL heißt, mit einem Anti-Universum. Was das eine oder das andere überhaupt ist, davon wird uns der Sprecher wohl diesmal ein wenig erzählen.

Was dabei das Anti-Universum ist, das müssen Perry und die Besatzung seiner MARCO POLO recht schnell erfahren. Zwar ist die Idee, die dahintersteckt nicht neu, dennoch bietet sie seit Langem schon prima Möglichkeiten, um Geschichten zu erzählen, die unter „normalen“ Umständen schwierig oder gar nicht hätten passieren können. Bei einem Unfall nämlich wird die MARCO POLO durch freiwerdende Energiemassen in ein Parallel-Universum versetzt. So was gibts nicht nur bei STAR TREK, nein auch bei Perry Rhodan gibts das … wer die Idee das erst Mal hatte, ist dabei nicht wirklich wichtig.

Perry Rhodan – Anti-Universum (Silber Edition 68) weiterlesen