Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.
|Das Hörspiel|
Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.
Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).
Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten. Sehr hübsch sind wieder einmal die Fotos von C3PO: Einmal sitzt er auf dem Thron der Ewoks, auf dem anderen wagt er ein Tänzchen mit einer kleinen Ewok-Dame. Viel beeindruckender finde ich jedoch das doppelseitige Ausklappbild mit dem rasenden „Millenium Falcon“, der, vor einer Flammenhölle fliehend, durch so etwas wie einen Röhrentunnel saust.
Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt den zweiten, unfertigen „Todesstern“. Nimmt man die CD heraus, fällt der Blick auf ein emporgerecktes Laserschwert … Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales |Lucasfilm|-Produkt, lizenziert von |WortArt|, handelt.
|Der Sprecher|
Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.
_Handlung_
Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“ und „Das Imperium schlägt zurück“, also die Episoden 4 und 5.
Das Imperium hat einen zweiten „Todesstern“ im Bau und schon fast fertig gestellt. Vader sorgt dafür, dass die Bauarbeiten beschleunigt werden. Der Imperator himself will nämlich hier seinen Endsieg über die Rebellen feiern. Und den hohen Herrn darf man keinesfalls enttäuschen, wenn einem was am Leben liegt.
Unterdessen auf dem Wüstenplaneten Tatooine, der früheren Heimatwelt Luke Skywalkers. Bekanntlich ist es Luke, Leia und Lando (die drei Killer-Ls?) gelungen, aus der Wolkenstadt Calrissians zu entkommen. Nun geht es darum, den eingefrorenen Han Solo zu befreien. In Verkleidung versuchen Leia und Luke, als Kopfgeldjäger mit Jabba the Hutt, dem Boss der Unterwelt des Planeten, einen Deal zu machen: Hauptsache, er gibt ihnen Han Solo.
Leider klappen die Pläne nicht ganz wie vorgesehen. Leia wird versklavt und muss halbnackt und angekettet als Tänzerin Jabba zu Diensten sein (was leider auf dem Hörbuch kaum zur Geltung kommt). Luke fällt durch eine Falltür in das finstere Verlies, das von einem Monster namens Renkor beherrscht wird.
Zwar gelingt es den Robotern R2-D2 und C3PO, Han Solo aus dem Carbonit zu befreien, doch damit ist noch nichts gewonnen. Alle Gefährten werden gefangen genommen und sollen in der Wüste einem weiteren Monster vorgeworfen werden. (Offenbar herrscht hier ein Überschuss an Ungeheuern.) Diese Exkursion endet für diverse Insassen des Segelschwebeschiffes von Jabba recht fatal: Es fliegt in die Luft. Doch zuvor sind die Gefährten entkommen.
|Intermezzo:|
Luke fliegt zu Yoda zurück, um seine Jedi-Ausbildung abzuschließen. Zu spät: Yoda gibt den Löffel ab. In langen Gesprächen mit Yoda und Kenobi erfährt Luke endlich, dass er eine Zwillingsschwester – Leia – hat, die vor den Imperiumskräften ebenso versteckt werden musste wie er. Auch über die Vergangenheit und den Werdegang seines Vaters Anakin erfährt er eine Menge. Kenobi prophezeit, dass, wenn es Luke nicht gelingt, Vader zu töten, das Imperium siegen werde. Diese Prophezeiung stürzt Luke in einen Zwiespalt, der sich für ihn verheerend auswirken wird.
|2. Akt:|
Das Imperium hat seinen neuen „Todesstern“ über dem Waldmond Endor in Stellung gebracht, der irgendwo am Rande der Galaxis den Rebellen als Sammelpunkt dient. Hier wird die Rebellenflotte dem Imperium die finale, entscheidende Schlacht liefern.
So lautet zumindest der Plan. Denn der „Todesstern“ verfügt über einen Schutzschild, der ihn unangreifbar macht. Die Energie dafür wird ihm von einer Station auf Endor zugeführt. Diese gilt es also zunächst zu zerstören, bevor der Rebellenangriff mit Aussicht auf Erfolg gewagt werden kann. Han und Leia führen einen Kommandotrupp an, der die Bodenstation außer Funktion setzen soll. Sie stoßen schnell auf erhebliche Schwierigkeiten: Das Imperium hat sie erwartet.
Nach ersten Kämpfen setzt sich Luke ab, um sich seinem Vater an Bord des „Todessterns“ entgegenzustellen. Doch hier hat er es nicht nur mit Vader zu tun, sondern mit dessen Boss, dem oberfiesen, durchtriebenen Imperator. Dieser versucht, Luke auf die „dunkle Seite der Macht“ zu ziehen. (Die Macht ist also nicht nur ein religiöses, parapsychologisches und genetisches Phänomen, sondern auch ein psychologisches – tolle Sache, das!)
Der Zwiespalt, in dem Luke steckt, sieht so aus: Wenn er versucht, Vader oder den Imperator als die zwei Oberschurken zu töten, trägt ihn sein Hass auf die „dunkle Seite der Macht“, d. h. er ist auch nicht besser als einer dieser Schurken. Er kann sie aber auch nicht am Leben lassen, denn sie würden in kürzester Zeit seine Gefährten vernichten. Und dann ist da noch Kenobis Prophezeiung. Er tut das einzig Richtige, das die dritte Seite dieses Dreiecks aus Luke, Vader und Imperator unter Zugzwang setzt: Er weigert sich, sich dem Imperator zu unterstellen, wirft vielmehr sein Laserschwert weg und ist bereit, sein Leben zu opfern.
Unterdessen ist die Rebellenflotte im Anflug auf den „Todesstern“ in der Hoffnung, dass der Schutzschild deaktiviert wurde. Ein kleiner Irrtum, wie sich herausstellt. Alles ist in der Schwebe – das Schicksal der Galaxis muss sich entscheiden. Doch was wird den Ausschlag geben?
_Mein Eindruck_
Episode 6 besteht über weite Strecken aus zwei Handlungssträngen, die je einem grundverschiedenen Tempo folgen. Während sich Solo, Leia und Co. den Rebellen anschließen und so für die Action auf Endor sorgen, setzt sich Luke auf einer ganz anderen Ebene mit den Gegebenheiten seines Lebens und der Herrschaft über die Galaxis auseinander. Dies erfordert lange Dialoge mit Yoda, Kenobi, Vader und dem Imperator, die sehr lange dauern und die Handlung fast zum Erliegen bringen.
Idealerweise sollte der Actionpart um Solo & Co. diese Langsamkeit ausgleichen, doch in der Umsetzung hat das nicht ganz hingehauen. Die Dialogszenen behaupten weiterhin ihr Übergewicht. Auf der Suche nach Gründen stößt man schnell auf die Ewoks. Diese tapferen Teddybären auf Endor entsprechen dem Äquivalent der kannibalischen Neger in den Tarzanfilmen und Cartoons der 1930er Jahre: Sie wollen Solo & Co. kochen, um sie zu verspeisen. Eine ziemlich lächerliche Idee.
Noch lächerlicher ist die Lösung, die sich George Lucas für dieses dramaturgische Problem hat einfallen lassen: C3PO behauptet, er sei ein Gott. Zum Beweis lässt Luke ihn und R2-D2 per Telekinese schweben. Die tumben Trapper und Speerträger aus dem Endorwald fallen denn auch in die obligatorische Demut, die einem Gott gegenüber angebracht ist. Mit den gleichen trügerischen Methoden arbeitet doch auch der Imperator, oder? Nur ist es bei ihm nicht halb so lustig.
Am Schluss, nach dem großen Finale (das hier nicht verraten werden darf), tanzen die Sieger ausgelassen mit den Eingeborenen Endors. Das hätte man im Zweiten Weltkrieg unerlaubte Verbrüderung mit der Bevölkerung genannt, aber es passt natürlich zu einem Sternenmärchen. Dass Han glaubt, die angebetete Leia habe ihr Herz nun an Luke verloren, ist nur das ironische Sahnehäubchen.
|Ausblick|
Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.
|Der Sprecher / Das Hörspiel|
Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.
Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefiel mir die spannende Szene zwischen Luke, Vader und dem Imperator. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des Plots.
Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.
Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im ersten Finale deutlich, beim Duell zwischen Imperator, Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.
|Änderungen gegenüber den Originalen|
Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Das gilt nur für Episode 5 des Hörspiels. In Episode 6 fehlt ihr der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue und ein wenig heisere Klang keineswegs. Hierbei erweist sich, dass die Leistung des ursprünglichen deutschen Synchronsprechers (Name unbekannt) immer noch unübertroffen ist.
_Unterm Strich_
Nun sollte eigentlich so etwas wie ein Resümee der gesamten Trilogie geliefert werden. Aber ist dies wirklich nötig? Schon in den Fazits zu Episode 4 und 5 habe ich entsprechende Andeutungen gemacht, dass es deutliche Unterschiede in der inhaltlichen Qualität der Hörspiele gibt. Im Rückblick ergibt sich, dass die übergreifende Produktpräsentation einem echten |Lucasfilm|-Produkt an Qualität in nichts nachsteht, dass aber der Inhalt des ersten Hörbuchs mir am besten gefallen hat.
Also lässt sich ohne weitere Umschweife sagen, dass der Käufer jeweils ein sehr gutes Hörspiel erhält, sich die inhaltliche Qualität nicht immer die Waage hält. Und wer von |Star Wars| als einem Sternenmärchen sowieso nichts hält, der wird auch mit den Hörspielen nichts anfangen können. Man muss schon eine gewisse Begeisterung mitbringen …
… genau wie bei den Filmen: Mitte nächsten Jahres geht der Rummel wieder los, wenn es zum sechsten Mal heißt: „Es war einmal in ferner Zukunft in einer weit entfernten Galaxis …“
„Im Land des Vampirs“ ist die 1. Folge der |Fariac|-Trilogie und entspricht dem Band 139 der Bastei-Romanserie. John Sinclair verschlägt es ins 17. Jahrhundert, wo er sich mit Nachfahren der transsilvanischen Pfähler gegen die Vampirsippe des Grafen Fariac verbündet.
_Der Autor_
Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 eröffnete der Roman „Die Nacht des Hexers“ die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause |Bastei|. Inzwischen sind über 1700 John-Sinclair-Romane erschienen, die Gesamtauflage der Serie beträgt laut Verlag über 250 Millionen Exemplare.
_Die Sprecher_
Frank Glaubrecht spricht den Geisterjäger himself und ist die deutsche Stimme von Al Pacino, Jeremy Irons, Pierce Brosnan und Kevin Costner.
Joachim Kerzel, die deutsche Stimme von Jack Nicholson, Dennis Hopper und Sir Anthony Hopkins, spricht den Erzähler.
Jane Collins: Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian „Scully“ Anderson
Bill Connolly: Detlef Bierstedt, die deutsche Stimme von George Clooney
Suko: Martin May
Sir James Powell: Karl Heinz Tafel
Graf Fariac: Helmut Gauß (Liam Neeson, Samuel L. Jackson als Mace Windu in „Star Wars“)
Gräfin Fariac: Kerstin Sanders-Dornseif (Susan Sarandon, Glenn Close)
Jan Ziegler: Hans-Jürgen Wolf
Stephan Marek: Ernst August Schepmann
Ilona Marek: Marie Bierstedt, die deutsche Stimme von Kirsten Dunst und Kate Beckinsale
Karel Marek: Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Don Cheadle)
Und andere.
_Der Produzent_
… ist Oliver Döring, Jahrgang 1969, der seit 1992 ein gefragter Allrounder in der Medienbranche ist. „Als Autor, Regisseur und Produzent der John-Sinclair-Hörspiele hat er neue Maßstäbe in der Audio-Unterhaltung gesetzt und ‚Breitwandkino für den Kopf‘ geschaffen“, behauptet der Verlag. Immerhin: Dörings preisgekröntes Sinclair-Spezial-Hörspiel [„Der Anfang“ 1818 hielt sich nach Verlagsangaben wochenlang in den deutschen Charts.
Buch und Regie: Oliver Döring
Regieassistenz: Patrick Simon
Hörspielmusik: Christian Hagitte, Simon Bertling, Florian Göbels
Tontechnik: Arne Denneler
Schnittassistenz: Jennifer Kessler
Produktion: Alex Stelkens (WortArt) und Marc Sieper (Lübbe Audio)
Mehr Infos: http://www.sinclair-hoerspiele.de, http://www.wortart.de
_Handlung_
Oberinspektor John Sinclair vom Scotland Yard wehrt gerade einen zudringlichen Straßenräuber ab, als der Privatdetektiv Jan Ziegler auftaucht und ihm einen wertvollen Tipp gibt: In den Labors von |Fariac Cosmetics| soll sich Sinclair doch mal das merkwürdige Mosaik anschauen, mit dem etwas nicht stimmt. Obwohl Sinclair dem Schnüffler nicht ganz vertraut, begleitet er ihn auf einem kleinen Einbruch in das Labor. Und merkt gleich, dass er hier richtig ist: Es riecht nach Blut!
Das Mosaik ist gigantisch: sechs Meter lang und mehrere Meter hoch. Es schimmert leicht rötlich, als sei es ebenfalls mit Blut getränkt. Es zeigt entstellte Wesen, Aderlasse und darüber zwei Blutsauger mit gefletschten Zähnen. Hier ist John an genau der richtigen Adresse … Ziegler wundert sich: Wohin ist der Oberinspektor verschwunden? Ein seltsamer Ton wie ein Herzschlag erfüllt die Luft. Ziegler versucht abzuhauen, doch er kommt nicht weit. Ein Schrei dringt aus dem Labor.
John gerät in eine albtraumhafte Szene. Ein Planwagen, der von einer jungen Frau gelenkt wird, wird von zwei Reitern immer weiter auf einen Abgrund zu getrieben. Die junge Frau scheint die Kontrolle über die wild gewordenen Pferde verloren zu haben. John greift ein und bringt den Wagen zum Stehen, knapp vor dem Sturz in den Abgrund. Die Reiter verschwinden. Die junge Frau ist sehr schön, nennt sich Ilona und verrät John, dass er im Jahr 1649 in Deutschland gelandet sei, nicht weit von einem Fluss namens Rhein.
Ein alter Mann, Ilonas Vater, entsteigt dem Planwagen und stellt sich als Stefan Marek vor. Sind sie etwa Verwandte von Frantisek Marek, dem Pfähler, der ihm in Transsilvanien gegen die Vampire half? Die wilden Reiter seien Söldner des Grafen Fariac, der oben auf einer großen Burg lebe und von dort mit ihnen das Land terrorisiere. Die Sonne geht unter. Ilona und Stefan bekommen Angst. Fariac sei ein Vampir und ein Herrscher über die Untoten. John fragt sich, ob dieser Fariac ein Urahn des Besitzers von |Fariac Cosmetics| sein könnte.
Unterdessen in London. Sir James Powell, Sinclairs Chef, erfährt, dass Sinclair spurlos verschwunden sei. In der letzten Nacht habe die Stadtpolizei einen Mann namens Jan Ziegler aus der Themse gefischt, einen Privatdetektiv. Der hatte einen Hinweis auf Sinclair bei sich. Powell verständigt Sinclairs Freundin Jane Collins, die sich schon Sorgen macht. Bei Ziegler findet sich auch ein Scheck von |Fariac Cosmetics|, und Powell schickt Jane mit Suko los, um dort nach Sinclair zu suchen.
Im Jahr 1649 entwickeln sich die Dinge für Sinclair nicht sonderlich günstig. Die Söldner Fariacs haben ein Auge auf die schöne Ilona geworfen und fordern sie von Stefan und seinem Sohn Karel, den sie in einem Rheindorf getroffen haben. Als John sich gegen die Söldner stellt, wird auch er niedergeschlagen, Ilona auf die Burg des Grafen verschleppt. Sie soll dort von Gräfin Katharina für die „Vermählung“ mit dem Grafen vorbereitet werden, um das „ewige Leben“ zu erlangen, wie die Frau behauptet. Ilona hat keine Möglichkeit der Gegenwehr.
Die beiden Mareks haben sich John als Pfähler aus Transsilvanien zu erkennen gegeben und er sich als Erbe des Kreuzes von Hesekiel. Mit im gleichen Geist vereinten Kräften wollen sie Ilona aus den Klauen der Vampire retten. Hoffentlich ist es nicht schon zu spät für das Mädel!
_Mein Eindruck_
Man sollte eine Kultserie, die schon derartig lange läuft, nicht in ihrem Grundkonzept ändern. Meist wird das von den Fans der jeweiligen Serie nicht begrüßt oder toleriert. Und der Autor Helmut Rellergerd hütet sich dementsprechend auch, irgendwelche störenden, womöglich revolutionär gedachten Elemente einzuführen. Was sich lange bewährt, ist schließlich gut! (um mal Goethe abzuwandeln)
Nein, der „Sohn des Lichts“ schlägt die Vampire, wo er auf sie stößt. Und sei er noch so verwirrt durch Graf Fariacs listig im Mosaik verborgenene Zeitmaschine, so weiß er doch, was er zu tun hat, wenn er ein Mädel in Not sieht, noch dazu ein so hübsches wie Ilona Marek. Leider schließt sein Pflichtbewusstsein auch ihre Tötung in Folge 40 ein – das Leben ist hart, aber die Pflicht ist härter! Es kommt eben darauf an zu wissen, auf welcher Seite man steht, und Ilona, wenn auch nicht durch ihre eigene Schuld, stand nach ihrer Vampirwerdung eindeutig auf der falschen.
Ein wenig erstaunlich fand ich es schon, dass die Vampire, die die Mareks schon längst ausgespäht haben, nicht sogleich bei Nacht über sie herfallen, sondern vielmehr ihre Söldner aussenden, um nur Ilona zu verschleppen. Offenbar sind Vampire auch und besonders in deutschen Rheinlanden ein wählerisches Völkchen, das sich nur das Beste vom Besten schnappt; also junge Weibchen der menschlichen Spezies! Man kann die Sekunden zählen, bis sich selbiges Weibchen vollständig zu entblößen hat. Diesmal passiert es vor einer anderen Frau. Ein Narr, wer jetzt eine heiße Lesbenszene erwartet.
Vielleicht ist es aber nicht so fördernd für den Spaß an dieser einfachen Geschichte für etwa sechzehnjährige Jungs und Mädels, wenn man sich den Kopf über die offenen Fragen und die Motivationen der Figuren zerbricht. Ein zerbrochener Kopf hat noch nie viel Spaß gehabt, wenn man den Berichten glauben darf.
Bloß gut für unseren Helden, dass seine Freunde auf der anderen Seite der Zeit (was wir für unsere Gegenwart halten) auf dem qui-vive sind und eins und eins zusammenzuzählen wissen. Suko liefert die Fakten, Jane Collins die Gefühle, Sir Powell die Befehle – dann kann die Rettungsaktion ja losgehen. Die Spur führt, wie könnte es anders sein, direkt zu |Fariac Cosmetics|, und dessen Besitzer ist aufgrund der Familienähnlichkeit offensichtlich ein schlimmer Finger, dem Scotland Yard schon bald auf denselben hauen wird. Die Frage ist natürlich: Wie tötet man einen Untoten?
Die Antwort darauf liefern hoffentlich die beiden Teile 2 und 3 dieser Trilogie.
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
Die Macher der „Geisterjäger“-Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.
Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück machen Pigulla, Kerzel, Glaubrecht und Co. dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieser Hörspielreihe ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen.
|Musik und Geräusche|
Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem halbwegs realistischen Genre-Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Schlüsselszenen recht stimmungsvoll aufgebaut. Die Besonderheit dieser Episode liegt darin, dass die Szenen, die im Jahr 1649 spielen, völlig andere Geräusche aufweisen als jene, die in der Gegenwart spielen. Das sorgt für einen reizvollen Kontrast.
Und es erinnert den Hörer wiederholt daran, dass er es mit einer Zeitreisegeschichte zu tun hat. (Sich zu fragen, wie die Zeitreise funktioniert, führt nur zu einem zerbrochenen Kopf – davor wird dringend gewarnt. Man nehme an, dass es sich um Magie handelt, denn merke: „Eine Technik, die genügend weit fortgeschritten ist, lässt sich von Magie nicht unterscheiden.“ Sagte schon Arthur C. Clarke.)
Die Musik gibt ziemlich genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und leitet in den kurzen Pausen bzw. Übergängen gleich zur nächsten Szene über. Sie wurde von einem Orchester eingespielt, und so entsteht der Eindruck, die Begleitmusik zu einem alten Hollywood- oder British-Horror-Film zu hören. Stets gibt sie sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit einem klassischen Instrumentarium produziert. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Titelmelodie der Serie erschallt in einem hämmernden Rock-Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Sehr sympathisch.
Musik, Geräusche und Stimmen wurden so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.
|Das Booklet|
… enthält im Innenteil Angaben über die zahlreichen Sprecher und die Macher. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 16 Jahren.
_Unterm Strich_
Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis. Dabei kommt aber die Action nie zu kurz, auch nicht die Erotik und Romantik. Wieder mal verliebt sich John Sinclair in eine Schönheit, ohne einen Gedanken an seine Jane Collins zu verschwenden. Offenbar weiß er die Früchte, die der Augeblick bietet, stets rechtzeitig zu pflücken. Oder sein Schöpfer will das Publikum nicht mit solchen Feinheiten langweilen (ein sehr ehrenwerter Grund).
Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling.
|50 Minuten auf 1 CD / MC|
http://www.sinclairhoerspiele.de/
http://www.luebbe-audio.de
http://www.wortart.de
_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Anfang“ 1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“ 2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“ 3564
[„Im Nachtclub der Vampire“ 2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“ 2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“ 2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“ 2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“ 2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“ 2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“ 2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“ 2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“ 2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“ 2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“ 4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“ 4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“ 4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“ 4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“ 4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“ 4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“ 5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“ 5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“ 5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“ 5234 (Folge 46)
[„Die Rückkehr des schwarzen Tods“ 3473 (Buch)
„Eleonora“ ist der zwölfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von LübbeAudio, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.
|Das Hörspiel|
Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.
Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).
Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten, so etwa von zwei C3POs, einem silbernen und einem goldenen. Sehr hübsch ist auch das Bild, in dem C3PO Han Solo auf die Schulter tippt, während (oder weil?) dieser gerade Leia Organa küssen will.
Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt die Eiswelt Hoth. Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales Lucasfilm-Produkt, lizenziert von WortArt, handelt.
|Der Sprecher|
Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.
_Handlung_
Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“, also [Episode 4. 686
Nach der erfolgreichen Vernichtung des „Todessterns“ haben sich die Rebellen auf dem Eisplaneten Hoth eingenistet. Imperiumssonden entdecken jedoch das Versteck, weil Luke eine dieser Sonden genauer untersuchen will. Dabei landet er beinahe zwischen den Kiefern eines Monsters, das als Vampa bezeichnet wird. Bemerkenswert ist dabei, dass er seine telekinetischen Kräfte als Jedi bereits ausgebildet hat. Han Solo rettet ihn vor dem Erfrieren in der Eiswüste.
Während die Untergebenen dem verstümmelt empfangenen Sondensignal wenig Bedeutung beimessen, springt Darth Vader sofort darauf an: Er befiehlt den Angriff auf Hoth. Um ihren zahlreichen langsamen Raumschiffen die Flucht zu ermöglichen, leisten die Rebellen Widerstand, allen voran Luke Skywalker. Luke kann dem Inferno ebenso entkommen wie Han und Leia, doch muss er einem telepathisch empfangenen Wunsch von Kenobi entsprechen: Er soll zum System Dagobah, um dort seine Ausbildung beim Jedi-Meister Yoda zu erhalten.
Unterdessen versteckt sich Han mit Leia und den Droiden nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd in einem hohlen Asteroiden. Es handelt sich um den Bau eines gigantischen Wurms, aber darauf kommt Han erst nach ein paar „Experimenten“. Als Luke per Kenobi-Vision erfährt, dass seine Freunde in Gefahr sind, will er ihnen zu Hilfe eilen.
Han Solo rettet sich jedoch selbst vor den Zähnen des Raumwurms und fliegt zu einem Planeten, dessen Unabhängigkeit ihm mehr Sicherheit verspricht. Hier betreibt der Vorbesitzer seines klapprigen Raumschiffs, Lando Calrissian, einen Bergbauplaneten und kümmert sich weder um Rebellen noch um das Imperium.
Doch Lando steht unter Zwang Darth Vaders. Der Sith-Lord will Han Solo an den Kopfgeldjäger Boba Fett ausliefern und ist nur an Leia und Luke interessiert. Für den anfliegenden Luke hat er bereits eine Falle aufgestellt: Er hat Solo in Carbonit eingefroren. Will Luke seinen Freund lebend wiederhaben, muss er sich beeilen. Boba Fett will Solo an Jabba the Hutt verschachern, der seit Mos Eisley mit Solo eine Rechnung offen hat.
_Mein Eindruck_
Episode 5 wurde nicht von George Lucas gedreht, sondern von Irwin Kershner. Das Drehbuch stammt von der Schriftstellerin Leigh Brackett, einem erprobten Schlachtross der Science-Fiction und Fantasy (sie lieferte auch das Skript zu Bogarts Krimi „The Big Sleep“), sowie von Lawrence Kasdan. Gegenüber den Episoden 4 und 6 ist der |Film| geradezu hyperkompliziert. Nicht so das Hörspiel. Sicher: Der Handlungsstrang wird aufgespalten und wird zusammengeführt, einer der Gefährten muss (scheinbar) dran glauben, und der Held Luke erfährt von seiner wahren Herkunft (klassische westliche Helden wachsen immer elternlos auf und fallen dann aus allen Wolken).
Doch die Sache ist im Grunde ganz einfach: Der Höhepunkt des Geschehens ist nicht etwa Han Solo’s „Tod“ im Carbonit, Leias Gefangennahme oder Darth Vaders Triumph über den Unabhängigen Lando Calrissian. Nein, der Höhepunkt des Stücks ist Vaders Satz: „Ich bin dein Vater.“ (Als ob wir’s nicht schon geahnt hätten – bei |dem| Namen.)
Im Kontext der Trilogie erscheint nun die Episode 5 als ein Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung der Story. Der nächste Schritt besteht in der Enthüllung, dass Luke eine Schwester hat, die nicht einmal davon weiß. Plötzlich gibt es nicht nur einen letzten Jedi-Ritter (Luke), sondern zwei! Leider tritt hier dann das Inzest-Tabu in kraft: Nun wird klar, warum Luke nie Interesse an der feschen Prinzessin hatte (oder ob es wohl an ihrer Haartracht lag?). Er durfte sich wegen des Inzesttabus nicht in sie verlieben. Sonst hätten sie wohl miteinander Mutanten-Jedis gezeugt – nicht auszudenken!
Ähnliche Tabus gelten für Lukes Beziehung zu Darth Vader: Lukes Ersatzväter Kenobi und Yoda haben ihm beigebracht, er müsse Vader hassen, weil dieser „der dunklen Seite der Macht“ erlegen sei – was auch immer das heißen mag. Als er dann in Calrissians Wolkenstadt zum allerersten Mal Vader erblickt, weiß er, was er zu tun hat: den Schurken umbringen. Und dass Vader das ist, hat er durch das belegt, was er Lukes Freunden angetan hat. Die Wahrheit „Ich bin dein Vater“ führt zu dem symbolschweren Verlust der Schwerthand – diesmal bei Luke, beim nächsten Mal, in Episode 6, bei Vader selbst. Der Verlust der Schwerthand entspricht, psychologisch gesehen, einer Entmannung des Kriegers. Und für Vader bedeutet dieser Funktionsverlust das Ende. (Und angesichts so fähiger Drehbuchautoren wie Brackett und Kasdan sind solche Interpretationen durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen.)
Das Hörspiel mag ja einfach zu verstehen sein, aber beim Anhören verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass es definitv an Verschnaufpausen fehlt. Das Einzige, was man so bezeichnen könnte, ist Lukes Lehrzeit bei Yoda. Aber die muss auch sehr kurz gewesen sein, denn kaum sind seine Gefährten von Calrissian verraten worden, startet Luke schon zu ihrer Rettung. Kein Wunder, dass Yoda Lukes Ausbildung nicht für abgeschlossen hält. Diese Yoda-Episode ist im Film viel länger und vielschichtiger, denn Luke lernt wichtige Aspekte des Yedi-Rittertums kennen.
Im Hörspiel zu Episode 5 wird mehr Wert auf Action und Tempo gelegt. Der Eindruck von Hektik hat sich bei mir verstärkt. Allerdings wurde ich der Story dennoch nicht überdrüssig, denn die zwei bis drei Handlungsstränge wechseln sich ständig ab, und die zwei Roboter liefern nicht nur heitere Einlagen, sondern führen zudem – mit Calrissian – eine Wende der Ereignisse herbei.
Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.
|Der Sprecher / Das Hörspiel|
Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.
Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefielen mir die „romantischen“ Szenen zwischen Leia und Han Solo.
Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.
Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im Finale deutlich, beim Zweikampf zwischen Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.
Änderungen gegenüber den Originalen: Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Daher fehlt ihr auch der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue Klang. Das kann man bewerten, wie man will. Ich halte es für einen Fortschritt.
_Unterm Strich_
Abgeschlagene Hände, in Eis eingefrorene Helden, Schurken, die sich als Väter entpuppen? Kein Zweifel: Diese Episode ist eigentlich kein Märchen mehr, wie es noch bei Episode 4 der Fall war. Doch keine Angst, liebe Achtjährige, für die dieses Hörspiel freigegeben ist: In der nächsten Episode wird alles wieder gut, weil dann nämlich wieder Onkel Lucas am Ruder ist – wenn schon nicht im Regiestuhl, so doch als ausführender Produzent, Drehbuchautor und Storylieferant. Deshalb kommen dort auch wieder süße kleine Teddybären, pardon, ich meine: edle Ewok-Krieger vor.
Episode 5 ist so actionreich wie kein anderes Hörspiel dieser Trilogie. Manchmal entsteht im Vergleich sogar der Eindruck, dass es hier besonders hektisch zugeht. Aber die Abwechslung durch drei parallele Handlungsstränge erklärt auch die Fülle an Ereignissen in dieser Episode. Das ändert sich in der nächsten Episode radikal.
_Halbgarer Schwedenkrimi, wenig spannend umgesetzt_
Stockholm in einer Juninacht. David Lindholm, ein angesehener Polizist, wird erschossen in seinem Bett aufgefunden. Seine Frau Julia hockt verstört im Badezimmer, und von ihrem vierjährigen Sohn Alexander fehlt jede Spur. Bald gerät Julia in den Verdacht, nicht nur ihren Mann, sondern auch den kleinen Alexander umgebracht zu haben … (Verlagsinfo)
_Die Autorin_
Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. Die Romane wurden laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)
_Die Sprecherin_
Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits die Marklund-Romane
„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
[„Prime Time“, 385
[„Der Rote Wolf“, 573
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
[„Studio 6“ 904 gelesen, die alle als Buch & Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.
Regie führte Georg Gess. Die Aufnahme erfolgte bei |Küss Mich Musik| in Berlin durch Martin Freitag. Das Buch erschien bei |Kindler|.
_Handlung_
Am Donnerstag, den 3. Juni, wird den Polizeistreifen um 3 Uhr 21 ein Schusswaffengebrauch in der Innenstadt von Stockholm gemeldet. Nina Hofmann und ihr Kollege Andersen fahren hin. Du meine Güte, denkt Nina, das ist ja die Adresse von David und Julia! David Lindholm ist einer der beliebtesten Polizisten der Stadt und schon mehrmals belobigt worden. Was kann ihm zugestoßen sein? Und Julia war bis vor kurzem ebenfalls Polizistin. Sie haben einen kleinen Sohn, Alexander. Als ihre Freundin kennt Nina den Code zu ihrer Haustür auswendig. Andersen kommt mit. Das Viertel wird unterdessen abgesperrt, und Verstärkung rückt an.
Gunnar Erlandsson, ein Nachbar der Lindholms, hat von oben Schüsse gehört und die Polizei gerufen. Nina und Andersen gehen weiter die Treppe hoch. Niemand reagiert auf Klingeln, Klopfen und Rufen, alles still. Zu still. Auf einen Anruf reagiert nur der AB. Im Schlafzimmer ist jedoch durch den Briefschlitz Licht zu sehen. Die Polizisten brechen ein und finden dort eine grausige Szene vor: David liegt nackt auf dem Bett, ein Loch in der Stirn, aus dem zerschossenen Unterleib ist viel Blut gequollen. Eine Polizeiwaffe liegt neben dem Bett auf dem Boden – Julias Waffe, wie sich herausstellen wird.
Doch wo ist Julia selbst, fragt sich Nina, und der Junge? Andersen ruft sie zu sich: Julia liegt in Fötalstellung auf dem Boden des Badezimmers, die Augen weit aufgerissen, würgend und röchelnd. Sie ist unansprechbar, aber ansonsten unverletzt. Andersen sagt, der Junge sei nirgends zu finden. Nina redet auf Julia ein, um sie zu trösten und zu befragen. Julia sagt, die „Anderen“ haben den Kleinen mitgenommen. Nach einer ersten Untersuchung wird Julia Lindholm zur Hauptverdächtigen erklärt.
|Annika Bengtzon|
Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat eine schlimme Nacht hinter sich: Ihr Haus ist abgebrannt. Sie hat die zwei Kinder geschnappt und ist, ausgestattet nur mit einem Handy, aber ohne Geld, mit einem Taxi zu ihrer Freundin Anne Snafane gefahren. Der Fahrer hat das Handy als Kaution genommen. Anne Snafane öffnet nach langem Klingeln, Rufen und Klopfen endlich die Tür, reagiert aber alles andere als freundlich auf den Besuch morgens um vier.
Dass die Kinder Kalle und Ellen bibbern und ihre Freundin Annika völlig aus dem Häuschen ist, scheint sie jedoch nicht zu kümmern, muss Annika entsetzt feststellen. Anne hat einen jungen Lover bei sich im Bett, den sie nicht verlieren will. Es kommt zu einem wütenden Streit, als sich Anne stur weigert, Annika und ihrer Brut Asyl zu gewähren. Unverrichteter Dinge muss Annika in ein Hotel gehen, ohne Geld und Gepäck. Zum Glück hilft ihr am nächsten Morgen eine Kollegin aus der Redaktion. Berit gibt ihr auch Geld und gewährt ihr Unterschlupf in ihrem Ferienhäuschen am See.
Annika denkt an Thomas. Der verfluchte Schweinehund, der sie für die „dumme (aber reiche) Schlampe“ Sofia Greburi verlassen hat, pennt wahrscheinlich gerade in ihrer Villa und träumt von seiner Pension, sobald er erst einmal Ministerialbeamter geworden ist. Sie ahnt nicht, dass Thomas gerade völlig entgeistert vor der ausgebrannten Ruine des Hauses steht, das ihm und Annika gehört. Er wollte sich eigentlich die Hälfte seines Wertes auszahlen lassen. Die Nachbarin weiß nichts Näheres über den Brand und ob seine Familie überhaupt noch lebt. Keine Nachricht, keine SMS, absolut nichts von Annika.
|Annika und Nina|
Annika muss Geld verdienen. Also ruft sie Nina Hofmann an, die in der Zeitung steht. Nach der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft weiß Annika, dass Julia Lindholm als Hauptverdächtige für den Mord an David Lindholm betrachtet wird. Ihr droht eine lebenslange Haftstrafe. Aber Annika kennt sowohl Nina als auch Julia, denn vor fünf Jahren ist sie mit den beiden Polizistinnen einmal Streife gefahren, um eine Reportage schreiben zu können. Der Tatort war voller Leichen – das Werk eines Killers, heißt es. Stattdessen wurde ein Finanzkaufmann verurteilt.
Annika glaubt nicht, dass Julia fähig war, ihren Mann und ihr Kind zu töten. Sie ruft ihren Chefredakteur an, um ihm die Story zu verkaufen, kriegt ein Okay und ruft Nina Hofmann an, um sich mit ihr zu treffen. Nina ist inzwischen von diversen Vorwürfen entlastet worden und muss sich nicht vor der Dienstaufsicht verantworten. Nach einigem Hin und Her rückt sie mit der Sprache heraus: Die Tatwaffe gehörte Julia, ihre Fingerabdrücke befanden sich darauf. Und: Julia hatte vor gut zwei Wochen den Dienst quittiert.
Die öffentlichen Lobreden auf den Polizeihelden David Lindholm machen Annika misstrauisch. Wenn David gegen seine eigene Frau so ein Schwein war, wie Nina ihn schildert, dann hatte er vielleicht ein paar Disziplinarverfahren am Hals. Bingo! Vor fast 20 Jahren wurden zwei Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet und ergebnislos eingestellt. Er hatte zwei Kleinverbrecher fertiggemacht, die für die Mafia dealten. Merkwürdig, dass beide das Gleiche aussagten.
|Machenschaften|
Als sie Nina damit konfrontiert, ist diese bestürzt. Julia wollte David verlassen, weil er sie ständig mit anderen Frauen betrog. Eine seiner Geliebten rief sogar bei Julia an, und David setzte seine Frau sogar mehrmals nackt vor die Wohnungstür. Nicht gerade der liebende Ehemann, oder? Annika beschließt, sich den finanziellen Hintergrund Davids anzusehen und stößt auf ein Geflecht zwielichtiger Firmen, bei denen immer wieder die gleichen Namen auftauchen, deren Geschäftspartner David Lindholm war. Betrieb der Polizist eine Art Schattenwirtschaft? Womöglich mit einer seiner Geliebten? Annika stößt auf den Namen Lena Yvonne Nordin und beschließt, die Frau zu befragen. Doch ihre Recherche ergibt, dass die Frau seit zehn Jahren Witwe ist, aber keine Adresse hat. Das macht Annika erst recht stutzig. Sie geht dieser Spur nach.
|BHs und Dynamit|
Zuvor soll sie bei Thomas und Sofia die beiden Kinder hüten, während die Turteltäubchen zusammen in die Oper gehen. Das Domizil der „dummen Schlampe“ Sofia Grenburi ist vom Allerfeinsten, und Annika rächt sich an der Nebenbuhlerin, indem sie einen teuren Spitzen-BH klaut. Die Schlampe wird davon eh nichts merken: Sie hat ganze Schubladen voll davon (ganz im Gegensatz zur „abgebrannten“ Annika).
Und Annika hat auch keine Skrupel, sich auf der Festplatte von Thomas‘ Laptop umzusehen. Dort stößt sie auf einen brisanten Mailaustausch mit dem Justizministerium: pures Dynamit, das den Ministerstuhl gehörig zum Wackeln bringen wird! Sie muss Thomas‘ Gutachten zur Reform des schwedischen Strafvollzugs nur an die richtigen Leute bei ihrer Zeitung schicken, natürlich anonym …
_Mein Eindruck_
Wieder mal mischt sich Annika, Marklunds Serienheldin, in Dinge ein, die für die schwedische Gesellschaft unangenehme Wahrheiten bereithalten. Natürlich sind Polizeiführung und Justizministerium in keiner Weise daran interessiert, solchen Sprengstoff an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. David Lindholm soll weiterhin als strahlender Held der Kriminalpolizei dastehen. Dass Annika an diesem Denkmal kratzt, wird gar nicht gern gesehen. Eines Tages sieht sie sich von zwei brutal aussehenden Kerlen bedroht, die sie davor warnen, noch weiter in Lindholms Vergangenheit herumzuschnüffeln.
Auch ein Verbrecher, der lebenslänglich im Gefängnis sitzt, weil David Lindholms Arbeit ihn dorthin gebracht hat, weiß nichts besonders Nettes über den Cop zu sagen. Aber er rückt auch nicht mit der Sprache heraus. Annika hat den Eindruck, dass der Kerl, immerhin ein Axtmörder, vor irgendetwas Angst hat. Etwas, das noch da draußen ist und auf ihn lauert, sollte er den Mund aufmachen. Auch andere Opfer Davids wissen nichts Gutes über ihn zu sagen. All das macht sich gut in der Zeitung, aber es hilft nicht, Alexander Lindholm zu finden.
Der Titel „Lebenslänglich“ (Original: Livstid = Lebenszeit) bezieht sich auf mehrere Aspekte des Romans. Die Gefängnisstrafe ist offensichtlich der erste Aspekt, der gemeint ist. Darum geht es in Thomas‘ Gutachten und bei Annikas Besuchen im Gefängnis. Die Berechtigung dieser Strafe wird natürlich wie so vieles andere in Zweifel gezogen. Zum Beispiel lange Ehen und deren angebliches Glück, das lediglich eine papierdünne Fassade ist – siehe die Lindholms und die Bengtzons. Die Gefahr besteht, dass auch der entführte Alexander eine lebenslange Strafe in den Armen einer Kidnapperin verbringen muss. Das will Annika ebenso verhindern wie die lebenslange Strafe, zu der Julia Lindholm verurteilt werden soll.
Annika ist wieder zum einen Teil Lebensretterin (Julia, Alexander), zum anderen Störenfried und Racheengel. Eine derartig engagierte Journalistin würde man sich hierzulande auch wünschen. Journalistinnen, die solche Aktivitäten in Russland (besonders Moskau) an den Tag gelegt haben, wurden jedoch alle ermordet, zuletzt Anna Politkowskaja und eine Menschenrechtlerin in Tschetschenien. Dass sich auch Annika in Lebensgefahr begibt, wird ihr erst klar, als sie die erste Spur von Alexander Lindholm findet …
|Schwächen|
Das alles hört sich an, als wäre es genügend Stoff für einen spannenden Thriller. Das mag auch so sein, aber der Thriller wird gehörig verwässert, sobald Annikas Privatleben ins Spiel kommt. Ihre Querelen mit Thomas und dessen Freundin Sofia nervten mich schon bald derartig, dass ich am liebsten weggehört hätte. Eine Heldin, die sich die Seele aus dem Leib weint, ist nicht gerade das, was man in einem Krimi zu erwarten gewohnt ist. Es mag allerdings realistisch sein und auf einen weiblichen Zuhörer durchaus glaubwürdig wirken – was wäre eine Heldin ohne ihre menschliche Seite? Aber wenn sie Annika zum fünften Mal sagt: „Mensch, du musst dein Leben in den Griff kriegen!“, dann möchte man ihr am liebsten einen Tritt in den Hintern versetzen, damit sie endlich in die Gänge kommt. Eine Frau würde Annika natürlich fest in den Arm nehmen, ist ja klar.
Zu dieser Schwäche an Annika kommt noch ein Aspekt hinzu, den wir erst in der letzten Szene, quasi im Epilog, verraten bekommen. Sie hat etwas Wichtiges übersehen, was ihre wichtigste Zeugin Nina Hofmann betrifft. Ich werde aber den Teufel tun und verraten, was das sein könnte. Ich hatte Nina die ganze Zeit im Verdacht, die Entführerin des kleinen Alexander zu sein, aber das haut nicht hin und wird auch nie bestätigt. Immerhin wird Nina ein Drittel der Handlung zugestanden (Thomas hat ebenfalls ein paar Szenen), so dass für eine gewisse Abwechslung (Erleichterung!) gesorgt ist.
_Die Sprecherin_
Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.
Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit etwa einem halben Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.
Doch Winter gelingt es nicht, Annikas Gedanken, die den Großteil des Textes ausmachen, irgendwie aufregend zu gestalten. Es ist das gleiche Problem wie mit Annikas Heulkrämpfen: Allzu viel davon nervt einfach nur. Dennoch versucht die Sprecherin ihr Möglichstes, um das Beste etwa aus einer drögen Internetrecherche zu machen und Zitate aus langweiligen Dokumenten halbwegs interessant zu gestalten. Das ist sicher nicht einfach, aber es sind eben Monologe, und Monologe sind das Gegenteil von Unterhaltung (es sei denn, man heißt Hamlet).
Deshalb ist jede Abwechslung willkommen. Mal lallt Thomas in schönster Säufermanier ins Telefon, mal wird Annika von Kommissar Kuh (den wir schon aus „Der Rote Wolf“ kennen) in die Mangel genommen. Dann quengeln wieder die Kinder. Ganz wunderbar fand ich Winters Darstellung von Sofia Grenburi, die wirklich das Inbild einer reichen Gesellschaftsdame abgibt, die mit Thomas einen vermeintlich guten Fang gemacht hat. Sofia ist so schrecklich nett zu Annika, der sie den Ehemann ausgespannt hat, dass man sie inbrünstig zu verabscheuen lernt. Wir haben volles Verständnis, wenn Annika in einem Anfall manischen Hasses den geklauten Spitzen-BH zerfetzt.
|Aussprache top!|
Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher ähnliche Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, falls die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt zum Glück nicht.
Da es weder Geräusche noch Musik gibt, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.
_Unterm Strich_
Ich hatte etwas mehr Pfiff erwartet. So ist beispielsweise die Aufklärung des Brandanschlags auf Annika und ihre Familie doch eine recht dringliche Sache, würde ich meinen. Aber obwohl Annika ganz klar ihren Nachbarn beschuldigt, wird dieser Ermittlung keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das mag aber auf die Kürzung des Textes zurückzuführen sein. Die Aufklärung erfolgt dann im abschließenden Gespräch mit Kommissar Kuh, was einen ziemlich späten und unspektakulären Abschluss dieses Spannungsbogen darstellt. Aber dieser Handlungsstrang soll nur verdeutlichen, dass auch Annika nicht mit vorschnellen Verurteilungen zu locker bei der Hand sein sollte, wie es etwa die Stockholmer Staatsanwaltschaft mit Julia Lindholm getan hat.
Es ist ja schön und gut, dass Annikas Arbeit Julia vor der lebenslangen Haftstrafe bewahrt, die sie wahrscheinlich umgebracht hätte. Und auch der entführte Alexander kehrt wieder zurück. Aber von David Lindholms Ruhm bleibt nichts mehr übrig. Was mich wirklich vermisst habe, ist die taffe Reporterin aus „Der Rote Wolf“, die sich in die Höhle des Löwen begibt. Stattdessen müssen wir eine aufs menschliche Maß reduzierte, häufig flennende Annika ertragen.
Es ist lange nicht klar, wohin ihre Recherche sie führen wird, dann kristallisiert sich heraus, dass die Kindesentführer auch die Mörder von David Lindholm sein dürften. Man muss sie bloß in Davids Vergangenheit finden, und das ist alles andere als einfach. Das Finale zeigt uns eine verängstigte Annika auf der Flucht, die Verbrecher auf der Flucht – und das Ende findet irgendwie offscreen statt. So mag es zwar im richtigen Leben ausgehen, aber in einer Fiktion wie diesem Krimi wirkt dies reichlich unbefriedigend. Genau wie die Aufklärung des Brandanschlags.
|Das Hörbuch|
Judy Winter macht ihre Sache wieder mal zur vollen Zufriedenheit. Allerdings kann sie selbst aus einem schlechten Text nicht das Optimum an Unterhaltung herausholen. Und sie zeigt sie mehrmals selbst als Sprecherin/Erzählerin, obwohl sie doch eigentlich hinter den Figuren verschwinden sollte. Das ist aber alles andere als einfach, wenn die Hauptfiguren ständig Monologe mit sich selbst führen.
|Originaltitel: Livstid, 2007
Aus dem Schwedischen übersetzt von Dagmar Lendt und Anne Bubenzer
399 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-568-3|
http://www.lizamarklund.net
http://www.argon-verlag.de
http://www.rowohlt.de
„Der entwendete Brief“ ist der elfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten acht Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
#1: [Die schwarze Katze 755
#2: [Die Grube und das Pendel 744
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des Roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
14. Die längliche Kiste
15. Du hast es getan
16. Das Fass Amontillado
17. Das verräterische Herz
(Folge 13 wird bewusst ausgelassen …)
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Short Story („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Die Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
Außerdem wirken Till Hagen als Dr. Templeton sowie eine Reihe anderer Sprecher mit. Till Hagen wurde 1949 in Berlin geboren und erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. Zeitgleich drehte er seinen ersten Kinofilm, „7 Tage Frist“. Es folgten Engagements an den Stadttheatern Dortmund und Bielefeld. Später studierte er Deutsch und Theaterpädagogik. Als Sprecher beim Deutsche-Welle-Fernsehen und im Hörfunk wurde er genauso bekannt wie als Synchronstimme u. a. von Kevin Spacey.
|Das Titelbild|
Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen hat, zeigt bei „Der entwendete Brief“ ein Treppenhaus. Aber nicht irgendein Treppenhaus in einem Mietsblock, sondern offenbar handelt es sich um eine Art Schloss, wie sich anhand der großen Halle und des fein gedrechselten Holzes des Geländers ablesen lässt. Wer genau hinsieht, wird verblüfft bemerken, dass der Boden des oberen Treppenabsatzes aus Holzbohlen besteht, wie man sie nur in sehr alten Gebäuden finden würde – allein schon wegen der permanenten Feuergefahr. Wieder einmal fällt die geniale Behandlung von Hell und Dunkel auf.
Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren.
|Das Booklet|
Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch wird hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Es gibt einen kleinen Abriss der Vorgeschichte sowie Informationen zur Gothicband |L’ÂME IMMORTELLE|. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf.
_Vorgeschichte_
Hinweis: Das neu gestaltete Booklet enthält einen kleinen Abriss der Vorgeschichte, so dass der Einstieg leichter fällt.
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon acht Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.
_Handlung_
Aus dem vorherigen Abenteuer wissen wir nun, dass „Dr. Templeton“ ein Hochstapler ist, der in Wahrheit Francis Baker heißt. Seine Halbschwester ist (war?) Lucy Monaghan. Es gibt eine Andeutung, dass Lucy und Leonie Dinge getan haben, die nicht ganz koscher sind. Wird Poe dahinter kommen? Garantiert!
Leonie und Poe wollen der Polizei diese Hintergründe enthüllen und auf die Toten in dem Landhaus hinweisen. Da geraten sie aber an die Falschen! In der Polizeiwache ist alles völlig verwahrlost, und das hätte sie stutzig machen sollen. Sobald der Name „Dr. Templeton“ gefallen ist, wird Leutnant Creedon gerufen, um sich der beiden anzunehmen. Doch ein echter Schock ist der Auftritt Templetons selbst, der Creedon eindringlich vor dem Wahnsinn seiner Ex-Patienten warnt.
|Der Traum|
In seiner Zelle hat Poe einen sonderbaren Traum. Darin tritt wieder einmal der Pariser Meisterdetektiv Auguste Dupin auf. Poe ist Dupins Freund geworden und befindet sich gerade in dessen Wohnung, als eine wunderschöne Frau eintritt. Die Prinzessin ist inkognito und möchte um keinen Preis ihren Namen verraten, doch der kostbare Ring an ihrem Finger trägt die Farben der Republik und ist ein guter Hinweis darauf, warum sie ihren Besuch geheim halten muss. (Der Zeitpunkt liegt offenbar VOR der Französischen Revolution. Danach gab es plötzlich wesentlich weniger Prinzessinnen …)
Der Grund: Ein wichtiger Brief wurde entwendet, der dem Dieb große Macht über die Prinzessin verleiht, wegen der Enthüllungen, die sie darin macht. Der Dieb ist bekannt: Es ist der Minister D. Zunehmend missbraucht er den Besitz des Briefes, um die Position der Prinzessin zu schwächen und selbst an Einfluss zu gewinnen. Doch es gelingt ihr nicht, den Brief zurückzubekommen: Die Polizei hat die Wohnung des Ministers ebenso durchsucht wie dessen Person – nichts.
Auguste Dupin kennt den Minister persönlich und hat keine angenehmen Erinnerungen an ihn. Dieser ist außerdem Dichter und Mathematiker – eine gefährliche Kombination, wie Dupin findet. Er verspricht der Prinzessin nicht nur Diskretion, sondern auch, den Brief binnen drei Tagen an sie zurückzugeben. Dann setzt er mit Poes Hilfe einen genialen Plan in die Tat um …
Als Poe erwacht, brennt vor dem Polizeirevier ein Heuwagen, und Chaos verbindet sich mit Panik. Im Durcheinander hilft Poes Freund George Appo den beiden Häftlingen, zu entkommen und bestimmte Dokumente mitzunehmen. Er bringt sie zu Sullivan’s Insel, wo er sie in Sicherheit glaubt. Er ahnt nicht, dass die beiden Sullivan’s Insel nur zu gut kennen … (nämlich aus „Der Goldkäfer“).
_Mein Eindruck_
Die Binnenhandlung um den Pariser Meisterdetektiv Auguste Dupin wird von einer der bekanntesten und am besten aufgebauten Erzählungen Poes überhaupt bestritten: „The Purloined Letter“. Dupin ist ja der Wegbereiter für den weitaus berühmteren Kollegen Sherlock Holmes und verfügt über ein ebenso großes deduktives Einfühlungsvermögen wie dieser. Dass er aber auch über durchtriebene Initiative verfügt, belegt das Abenteuer um den „entwendeten Brief“. Ich werde mich hüten, die Pointe zu verraten.
Ist der Traum der verkappte Wunsch Poes, aus seiner misslichen Lage durch eine Vaterfigur befreit zu werden? Nun, wenigstens ein Freund hilft ihm aus seiner Zelle, und dass die liebe Leonie mitkommt, ist Poe sicherlich recht. Iris Berben, die die Leonie spricht, hat mit dieser Rolle wesentlich weniger Arbeit als mit ihrer Rolle als Prinzessin.
Die Story der Prinzessin erfordert eine lange Anlaufzeit, um richtig verstanden zu werden, und erst wenn der Zuhörer – vertreten durch Mr. Poe – kapiert hat, was denn an diesem elenden Brief so Wichtiges dran ist, darf die Action starten. Diese Szene kann man sich durchaus auch als Filmszene vorstellen, und vielleicht schlummern in irgendwelchen Senderarchiven sogar solche Episoden auf der Basis von Poe-Erzählungen. Kinofilme zumindest gäbe es in Hülle und Fülle, meist mit Vincent Price in der Hauptrolle.
_Die Sprecher / Die Inszenierung_
|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Erstaunen und Neugier darzustellen, wenn sein Poe der Begegnung zwischen Prinzessin und Dupin zuhört. Dieses Poe-Imago des 18. Jahrhunderts ist ziemlich verzagt und unbeholfen im Umgang mit Waffen, geradezu ein Schreibtischhengst par excellence. Man kann nur froh sein, dass Dupins Plans aufgeht, wenn Poe mitwirkt.
|Miss Leonie Goron / Prinzessin|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.
|Minister|
Jürgen Thormann ist fast schon ein allgegenwärtiger Synchronsprecher, obwohl er vielen Hörern mit Namen nicht vertraut ist. Er spielt häufig distinguierte ältere Herren, meist von Rang, die ein wenig arrogant wirken. Dies trifft natürlich auf den Minister, der sich für besonders schlau hält, in ganz besonderem Maße zu.
|Auguste Dupin|
Ein ganz besonderes Schmankerl ist die Aufnahme von Manfred Lehmann in den Kreis der Sprecher in dieser Episode. Wie schon in „Die Morde in der Rue Morgue“ bestreitet er die Rolle des Meisterdetektivs Auguste Dupin, und zwar mit seiner Synchronstimme für Gerard Depardieu. Dementsprechend klingt Dupin keineswegs herablassend, sonders vielmehr hintergründig und autoritativ, wenn er dem ahnungslosen Poe, seinem Stichwortgeber, (und gleichzeitig uns) die Zusammenhänge erklärt.
_Musik und Geräusche_
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass der Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt.
Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der fünf Hauptfiguren (Poe, Goron, Dupin, Prinzessin, Minister) und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.
Musiker des Ensembles „Musical Halensis“ und des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.
|Der Song|
In der dritten Staffel der Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den deutschsprachigen Song „Fünf Jahre“ von der österreichischen Gothicband |L’ÂME IMMORTELLE|. Im Booklet finden sich Angaben zur Sängerin Sonja Kraushofer und Bandleader Thomas Rainer. Der Song ist dem aktuellen Album „Gezeiten“ entnommen, dessen Cover im Booklet abgebildet ist.
Entsprechend der Musikrichtung ist die Instrumentierung heavy, düster, aber zugleich gefühlvoll. Das erinnert an die Werke der inzwischen umstrukturierten Band |EVANESCENCE|.Wenigstens ist aber der Abschlusssong in deutscher Sprache gehalten und somit halbwegs verständlich.
_Unterm Strich_
Während in der Rahmenhandlung reichlich wenig passiert – und obendrein relativ Unplausibles -, wartet die Binnenhandlung mit einer ausgezeichnet umgesetzten literarischen Vorlage auf, die auf einer der besten Detektivstorys Poes beruht. Hier gibt es zwar keine gruselige Action wie in „Die Morde in der Rue Morgue“, aber Poe hat mehrfach solche Plots der „ratiocination“ eingesetzt, um deduktives Denken in erfolgreichem Einsatz zu demonstrieren.
Die neue Staffel weist ein ebenso hohes Qualitätsniveau wie die bisherigen zwei Staffeln auf. Ob die nächste Staffel (s. o.) wirklich wie angekündigt im November kommt, ist noch nicht sicher, wie der Webseite http://www.poe-hoerspiele.de zu entnehmen ist. Ulrich Pleitgen war bis Mitte Oktober mit Dreharbeiten beschäftigt.
|Basierend auf: The purloined letter, ca. 1845
58 Minuten auf 1 CD
Mehr Infos unter: http://www.poe-hoerspiele.de & http://www.luebbeaudio.de |
„Das ovale Portrait“ ist der zehnte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten acht Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
#1: [Die schwarze Katze 755
#2: [Die Grube und das Pendel 744
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des Roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#9: [Hopp-Frosch 1906
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
Die nächsten vier Folgen sind:
14. Die längliche Kiste
15. Du hast es getan
16. Das Fass Amontillado
17. Das verräterische Herz
(Folge 13 wird bewusst ausgelassen …)
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Short Story („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Die Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
Außerdem wirken Till Hagen als Dr. Templeton sowie eine Reihe anderer Sprecher mit. Till Hagen wurde 1949 in Berlin geboren und erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. Zeitgleich drehte er seinen ersten Kinofilm, „7 Tage Frist“. Es folgten Engagements an den Stadttheatern Dortmund und Bielefeld. Später studierte er Deutsch und Theaterpädagogik. Als Sprecher beim Deutsche-Welle-Fernsehen und im Hörfunk wurde er genauso bekannt wie als Synchronstimme u. a. von Kevin Spacey.
|Das Titelbild|
Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen hat, zeigt eine äußerst kunstvolle Anordnung von Objekten in einem Salon. Die linke Hälfte des Bildes wird dominiert von einer ausgestopften Schneeeule, in der rechten Hälfte erblicken wir in einem ovalen Spiegeln ein antikes Zimmer, das auf ein französisches Fenster mit gotischem Spitzgiebel hinausblickt. Alles in allem ein Fest für das Auge eines kenntnisreichen Innenarchitekten. Ein Portrait, wie es im Titel erwähnt wird, ist jedoch weit und breit nicht zu entdecken (oder ich habe meine Lupe vergessen).
Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren.
|Das Booklet|
Jede CD enthält ein achtseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch wird hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Es gibt einen kleinen Abriss der Vorgeschichte sowie Informationen zur Gothicband |L’ÂME IMMORTELLE|.Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf.
_Vorgeschichte_
Hinweis: Das neu gestaltete Booklet enthält einen kleinen Abriss der Vorgeschichte, so dass der Einstieg leichter fällt.
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon acht Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.
_Handlung_
In New Orleans ist eine Feuersbrunst ausgebrochen, in deren Verlauf Appos Haus niederbrennt. Ob das wohl ein Zufall ist? In einer Hafenschenke bekommt Poe einen Tipp, an wen er sich wenden soll. Auf einer Landzunge trifft er George Appo wieder, Poes Freund. Der schickt ihn in eine Wäscherei, die offenbar ebenfalls zu Appos chinesischem Geheimbund gehört. So kommt es, dass Poe, verborgen in einem Wäschekorb, in Dr. Templetons Domizil Zugang findet. In diesem Landhaus sucht er die entführte Leonie.
Nach seinem Ausbruch aus dem verschlossenen Korb sieht sich Poe in der Wäschekammer im Keller um, muss sich aber sofort vor einem Bediensteten verstecken, der Templeton beim Namen „Deibler“ ruft. Nanu, so hieß doch Poes Wärter in der Nervenheilanstalt! Und da läuft auch die einäugige Katze, die Deibler sucht, herum – genau wie in Poes Traum.
Bei einer ersten Erkundung der verlassenen Halle entdeckt Poe ein Tagebuch und hinter einem Vorhang ein ovales Porträt: Es zeigt unverkennbar Lucy Monaghan, Leonies Schwester, die in Dr. Templetons Landhaus verschwand. Lebt sie noch? Und wo ist Leonie? Dieses Haus scheint einem ehemaligen Sklavenhändler gehört zu haben.
Mit Schlüsselbund und Laterne begibt sich Poe in die unteren Gewölbe des Hauses, wo früher die Sklaven eingesperrt wurden. Sie sind in den blanken Fels eingehauen und mögen Gott weiß was beherbergen. In einer Kette hängt noch ein einsamer menschlicher Armknochen – das verheißt nichts Gutes. Aus einer Zelle befreit er mit Hilfe der Schlüssel Leonie, der zum Glück nichts passiert ist, denn Templeton wollte sie bloß über Lucy Monaghan ausfragen.
Es gibt noch andere Gefangene … einen Alligator im Abwasserkanal … und einen piekfeinen Operationssaal. Offenbar hat der gute Doktor, ein Jünger Viktor Frankensteins, Versuche am Gehirn lebender Menschen vorgenommen. Auf dem OP-Tisch liegt ein toter, aber nicht verwester Körper. Anhand des Drachenrings an der Hand des Mannes erkennt Poe in ihm den verschwundenen Appo, den Bruder seines Freundes.
Da hören die beiden Stimmen von oben. Templeton und Deibler bereiten ihre Abreise in den Norden vor. Dem muss Poe Einhalt gebieten. Er stürzt sich auf Deibler und den teuflischen Doktor …
_Mein Eindruck_
Diese Episode hat in der Binnenhandlung herzlich wenig mit der literarischen Vorlage „The Oval Portrait“ zu tun, aber der Hörer wird dafür mit einer actionreichen Rahmenhandlung entschädigt. Der zuvor immer so verzagt wirkende Mister Poe alias Jimmy Farrell geht nun zum Angriff über und liefert sich mit Dr. Templeton alias Francis Baker ein Degenduell, das einem Douglas Fairbanks („Zorro“) zur Ehre gereicht hätte. Woran liegt es nur, dass er so wütend ist?
Der plausibelste Grund hat zwei schöne Augen und sicherlich zwei ebenso schöne Beine: Leonie Goron. Dass sie im Kerker in Lebensgefahr geraten ist, kann Poe als Gentleman alter Schule natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Außerdem hat Templeton/Baker einiges auf dem Kerbholz, was Poes eigene Familie und Vergangenheit anbelangt. Wer weiß, was da noch alles ans Tageslicht kommen wird. Dass Templeton Menschenversuche unternommen hat, lässt nichts Gutes erwarten.
_Die Sprecher_
|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.
|Miss Leonie Goron|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.
|Dr. Templeton / Baker|
Die Figur des Dr. Templeton alias Francis Baker wird im Booklet als „Imago“ bezeichnet, das heißt, dass diese Figur in zahlreichen anderen Gestalten auftreten kann, quasi wie ein Archetyp des Psychologen Carl Gustav Jung. Till Hagens Stimme ist unverkennbar, und viele von uns erkennen sie als die Synchronstimme von Kevin Spacey. Allerdings spricht Till Hagen weniger leise als in den meisten Spacey-Filmen, sondern vielmehr deklamiert er wie Jonathan Pryce in „Fluch der Karibik“, sowohl in „Das ovale Portrait“ als auch in „Hopp-Frosch“ und „Der entwendete Brief“.
_Musik und Geräusche_
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass der Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art inneren Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.
Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.
Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.
Musiker des Ensembles „Musical Halensis“ und des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.
|Der Song|
In der dritten Staffel der Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den deutschsprachigen Song „Fünf Jahre“ von der österreichischen Gothicband „L’Âme Immortelle“. Im Booklet finden sich Angaben zur Sängerin Sonja Kraushofer und Bandleader Thomas Rainer. Der Song ist dem aktuellen Album „Gezeiten“ entnommen, dessen Cover im Booklet abgebildet ist.
Entsprechend der Musikrichtung ist die Instrumentierung heavy, düster, aber zugleich gefühlvoll. Das erinnert an die Werke der inzwischen aufgelösten Band „Evanescence“. Wenigstens ist aber der Abschlusssong in deutscher Sprache gehalten und somit halbwegs verständlich.
_Unterm Strich_
Die erfundene Rahmenhandlung übernimmt wieder einmal die Regie und drängt die Storyvorlage in den Hintergrund. Neue Entdeckungen, neuer Horror, neue Wut – so ließe sich der Plot lakonisch zusammenfassen. Aber der Zuhörer kommt dennoch durch die Actionszenen voll auf seine Kosten. Und Leonie ist mal wieder gerettet.
Die neue Staffel weist ein ebenso hohes Qualitätsniveau wie die bisherigen zwei Staffeln auf. Ob die nächste Staffel (s. o.) wirklich wie angekündigt im November kommt, ist noch nicht sicher, wie der Webseite http://www.poe-hoerspiele.de zu entnehmen ist. Ulrich Pleitgen war bis Mitte Oktober mit Dreharbeiten beschäftigt.
|Basierend auf: The oval portrait, ca. 1845
65 Minuten auf 1 CD|
„Hopp-Frosch“ ist der neunte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.
Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten acht Hörbüchern der Serie mitgewirkt:
#1: [Die schwarze Katze 755
#2: [Die Grube und das Pendel 744
#3: [Der Untergang des Hauses Usher 761
#4: [Die Maske des Roten Todes 773
#5: [Sturz in den Mahlstrom 860
#6: [Der Goldkäfer 867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue 870
#8: [Lebendig begraben 872
Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#9: Hopp-Frosch
#10: Das ovale Portrait
#11: Der entwendete Brief
#12: Eleonora
Die nächsten vier Folgen sind:
#14. Die längliche Kiste
#15. Du hast es getan
#16. Das Fass Amontillado
#17. Das verräterische Herz
(Folge 13 wird bewusst ausgelassen …)
_Der Autor_
Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Short Story („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Die Sprecher_
Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren
Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.
Außerdem wirken Till Hagen als Dr. Templeton sowie eine Reihe anderer Sprecher mit. Till Hagen wurde 1949 in Berlin geboren und erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule. Zeitgleich drehte er seinen ersten Kinofilm, „7 Tage Frist“. Es folgten Engagements an den Stadttheatern Dortmund und Bielefeld. Später studierte er Deutsch und Theaterpädagogik. Als Sprecher beim Deutsche-Welle-Fernsehen und im Hörfunk wurde er genauso bekannt wie als Synchronstimme u. a. von Kevin Spacey.
|Das Titelbild|
Das monochrome Titelbild, das Simon Marsden (www.simonmarsden.co.uk) geschossen hat, zeigt bei „Hopp-Frosch“ eine halb geöffnete, eisenbeschlagene Tür in einer mittelalterlichen Burgmauer. Der Kontrast zwischen Licht und Schatten ist wieder einmal exterm hervorgehoben. Das macht Marsdens spezielle Entwicklungsmethode möglich, die zugleich verfremdend wirkt.
Das Motiv der Rückseite ist immer noch das gleiche wie in der ersten Serie: das von leuchtendem Nebel umwaberte ausgebrannte Gemäuer einer alten Abtei, deren leere Fenster den Betrachter ominös anstarren.
|Das Booklet|
Jede CD enthält ein vierseitiges schwarz gehaltenes Booklet. Neben dem Eingangszitat auf Deutsch und Englisch wird hier auch der gesamte Stab und die Sprecherbesetzung der Rollen aufgeführt. Die Rückseite der CD fasst die Handlung zusammen und listet die wichtigsten Mitwirkenden auf.
_Vorgeschichte_
Hinweis: Das neu gestaltete Booklet enthält einen kleinen Abriss der Vorgeschichte, so dass der Einstieg leichter fällt.
Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?
Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.
_Handlung_
Poe ist aus dem Grab entkommen, doch Dr. Templeton hat Leonie entführt und hält sich noch in New Orleans auf. Dorthin schleppt sich auch Poe, allerdings hat er keine Mittel, um sich Nahrung oder Obdach zu besorgen. Vor dem Regen sucht er Schutz in einem Torbogen. Dort stürzt ein Betrunkener hin, den Poe ins Trockene zieht. Er bringt ihn zu dessen Haus, wo der Mann, der sich Appo nennt, spurlos verschwindet.
Am nächsten Morgen suchen Poe drei Schlägertypen und er muss sich in Sicherheit bringen. Doch auf seiner Flucht erhält Poe unverhoffte Hilfe durch den Chinesen, der sich Appo nennt. Erstaunt schaut Poe zu, wie Appo alle drei Widersacher tötet. Er erweist sich auch als sehr geschickt im Umgang mit Messern: Die Ratten in seinem Haus erledigt er stets mit einem gut gezielten Wurf.
Beim anschließenden Essen und Informationsaustausch wird klar, dass Poe verpfiffen wurde und Dr. Templeton ihm die Schläger auf den Hals schickte. Appo kennt den Doktor ebenfalls: Der hatte seinen Bruder, einen Taschendieb, damit beauftragt, eine bestimmte Perle von einem Schiff zu stehlen, das von New Orleans nach New York City segelte (war es Leonie Gorons Schiff?). Appo bringt Poe das Messerwerfen bei, aber er werde nach acht Tagen weiterziehen müssen.
|Der Traum|
Wieder mal hat Poe einen seiner Träume. Darin ist er diesmal ein verkrüppelter Zwerg, Leonie taucht als Zwergenfrau Tripetta auf, und Dr. Templeton ist ein König, der Spaßmacher wie den Zwerg mag, aber keinen Wert auf geistreiche Witze legt. Chauvinistische Blondinenwitze hingegen kommen immer gut an.
Eines Tages beauftragen der König und seine drei Minister den Zwerg, den sie wegen seines Gangs boshaft „Hopp-Frosch“ nennen, mit der Gestaltung eines exotischen Maskenballs. Hopp-Frosch denkt an seine afrikanische Heimat, aus der man ihn als Sklave verschleppt hat. Und da ihm die geliebte Tripetta ihre Hilfe zugesagt hat, denkt er sich einen genialen Plan aus, wie er sich für die erlittenen Demütigungen rächen kann.
Er steckt den König und seine drei Minister in die Kostüme von Orang-Utans und kettet sie aneinander fest, damit die Ballbesucher glauben, sie seien frisch eingefangen worden, würden aber keine Gefahr darstellen. Allerdings sind die Affenfelle mit Teer getränkt und mit Flachs bedeckt. Ein Funke würde genügen, und die Felle mitsamt ihren Trägern in Flammen aufgehen. Aber so verrückt würde doch niemand sein. Oder doch?
Der Maskenball wird jedenfalls ein voller Erfolg …
|Erwachen|
Als erste Tat nach dem Erwachen erlegt Poe eine Ratte mit einem Messerwurf. Es geht offensichtlich aufwärts mit ihm, und nach vier weiteren Tagen des Versteckens begibt er sich auf die Jagd nach Dr. Templeton, ausgestattet mit einem Ring als Erkennungszeichen für Appo und seinen Bruder.
_Mein Eindruck_
„Hopp-Frosch“ war eine der letzten Erzählungen, die Poe vor seinem mysteriösen Tod verfasste und veröffentlichte. In einer von beißendem Spott, ja, von Verbitterung charakterisierten Darstellung führt er die idiotischen Minister mitsamt König ihrer Bestimmung zu: dem Verbrennen bei lebendigem Leib. Es ist die Rache für die Versklavung und Demütigung von „Hopp-Frosch“, dem Schwarzen, und seiner Geliebten Tripetta.
Ist also die Geschichte eine Streitschrift wider die Sklaverei? Das wäre gut möglich, denn schon in den vierziger Jahren des 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Stimmen, die gegen die Sklavenhaltung auf amerikanischem Boden eintraten. In Großbritannien war die Sklaverei schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts verboten, weshalb also sollte ausgerechnet die Nation, die sich der Freiheit aller (!) Menschen verschrieben hatte, weiter an der menschenverachtenden Praxis festhalten?
Der König und seine fiesen Minister sind nichts anderes als Sklavenhalter und verdienen es, dass ihr Sklave den Spieß umdreht. Da bei einem Maskenball die Rollen sowieso anders verteilt werden und sich häufig die Verhältnisse umkehren (siehe „Die Maske des Roten Todes“), betrachtet Hopp-Frosch das Orang-Utan-Kostüm für seine Opfer als angemessen. Schließlich spiegelt das Kostüm ihre wahre moralische Natur wider (ohne dabei die echten Affen beleidigen zu wollen): Sie agieren nur nach dem Lustprinzip und reagieren auf jede Laune des tumben Königs wie Speichellecker. Der König wiederum mag keine geistreichen Witze, sie sind ihm suspekt. Interessant ist, dass schon in der Detektivgeschichte „Die Morde in der Rue Morgue“ ein Orang-Utan auftaucht. Offenbar war Poe mit dieser Primatenart besonders vertraut.
Wer verbirgt sich nun hinter dem König? Es könnte sich um Poes zeitgenössisches Publikum handeln, das ihm seine bissigen Späße nicht mehr durchgehen ließ, oder um seine Gläubiger, die ihm keine Kredite gewähren wollten, oder sogar um die herrschende Klasse, was sich dann wieder mit dem Thema des Rassismus träge. In jedem Fall erfüllt sich der Autor einen Herzenswunsch: Mögen sie alle verbrennen! Hauptsache, er und sein Held entkommen dieser Hölle mit ihrer Liebsten. (Für Poe erfüllte sich dies nicht: Seine Frau starb 1847.)
Diese Wünsche entsprechen denen der Figur des Wanderers Poe ziemlich genau, die zumindest in deren Unterbewusstsein existieren. In der nächsten Episode, „Das ovale Portrait“, bricht sogar ein Feuer aus, während Poe und Leonie eingesperrt sind. Dort wäre die Übereinstimmung mit der Story „Hopp-Frosch“ wohl noch größer gewesen. Der Dramaturg hat sich für eine andere Kombination entschieden.
_Die Sprecher_
|Mr. Poe alias Jimmy Farrell / Hopp-Frosch|
Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen.
|Miss Leonie Goron / Tripetta|
Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider kommt sie in dieser Episode nicht vor.
|Dr. Templeton / König|
Die Figur des Dr. Templeton alias Francis Baker alias „König“ wird im Booklet als „Imago“ bezeichnet, das heißt, dass diese Figur in zahlreichen anderen Gestalten auftreten kann, quasi wie ein Archetyp des Psychologen Carl Gustav Jung. Till Hagens Stimme ist unverkennbar, und viele von uns erkennen sie als die Synchronstimme von Kevin Spacey. Allerdings spricht Till Hagen weniger leise als in den meisten Spacey-Filmen, sondern vielmehr deklamiert er wie Jonathan Pryce in „Fluch der Karibik“, sowohl in „Hopp-Frosch“ als auch in „Das ovale Portrait“ und „Der entwendete Brief“.
_Musik und Geräusche_
Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet.
Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage. Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt.
Musiker des Ensembles „Musical Halensis“ und des Filmorchesters Berlin sowie die Potsdamer Kantorei an der Erlöserkirche – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Das Booklet führt die einzelnen Teilnehmer detailliert auf, so dass sich niemand übergangen zu fühlen braucht.
|Der Song|
In der dritten Staffel der Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den deutschsprachigen Song „Fünf Jahre“ von der österreichischen Gothicband „L’Âme Immortelle“. Im Booklet finden sich Angaben zur Sängerin Sonja Kraushofer und Bandleader Thomas Rainer. Der Song ist dem aktuellen Album „Gezeiten“ entnommen, dessen Cover im Booklet abgebildet ist.
Entsprechend der Musikrichtung ist die Instrumentierung heavy, düster, aber zugleich gefühlvoll. Das erinnert an die Werke der inzwischen aufgelösten Band „Evanescence“. Wenigstens ist aber der Abschlusssong in deutscher Sprache gehalten und somit halbwegs verständlich. Meinen Geschmack trifft der Song nicht, aber ich mag ja auch eher Led Zeppelin.
_Unterm Strich_
Die neunte Folge der Poe-Hörspiele fängt die Atmosphäre der literarischen Vorlage „Hopp-Frosch“ in der Binnenhandlung, dem Traum, gut ein: die allmähliche Enthüllung der Art und Weise, wie sich der verkrüppelte Sklave, der als Spaßmacher missbraucht wird, an seinen Peinigern rächt. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man den Autor selbst zum Teil mit Hopp-Frosch identifiziert – alles Weitere siehe oben.
In der Rahmenhandlung passiert hingegen relativ wenig. Statt der entführten Leonie Goron hat Poe einen anderen Gefährten an der Seite, der ihm die nützliche Kunst des Messerwerfens beibringt. Zur Abwechslung kann sich Poe also künftig einmal seiner Haut erwehren. Das wird schon bald nötig sein.
Die neue Staffel weist ein ebenso hohes Qualitätsniveau wie die bisherigen zwei Staffeln auf. Ob die nächste Staffel (s. o.) wirklich wie angekündigt im November kommt, ist noch nicht sicher, wie der Webseite http://www.poe-hoerspiele.de zu entnehmen ist. Ulrich Pleitgen war bis Mitte Oktober mit Dreharbeiten beschäftigt.
|Basierend auf: Hopfrog, ca. 1845
62 Minuten auf 1 CD
Mehr Infos unter: http://www.poe-hoerspiele.de & http://www.luebbeaudio.de |
Im Jahr 3587 stehen die Völker der Milchstraße einer übermächtigen Gefahr gegenüber, die mit der Gewalt einer Naturkatastrophe auf sie zukommt. Schwere Weltraumbeben bedrohen die Sonnensysteme der Galaxis und werden in absehbarer Zeit das Leben auf allen Welten vernichten.Das Solsystem ist währenddessen von den Orbitern besetzt. Die unheimlichen Klonwesen sehen in den Menschen Erzfeinde aus grauer Vorzeit, die Kämpfer für Garbesch, die es um jeden Preis zu vertreiben gilt. Die Orbiter geben außerdem einer neuen Geheimwaffe der Menschen die Schuld an den Weltraumbeben. Eine Raumschlacht scheint unausweichlich.Die Terraner schweben in größter Gefahr. Hilfe kann nur ein Mensch bringen, den alle für ein Wirtschaftsgenie halten: Es ist Jen Salik, und er entwickelt einen verwegenen Plan. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
Wer ist denn nun Garbesch und warum braucht er Kämpfer? Als die Horden von Garbesch werden die Völker bezeichnet, die SETH-APOPHIS mal gegen ES eingesetzt hat. Eigentlich ist das schon Vergangenheit, aber derzeit wieder hochaktuell im Perryversum, weil die ANLAGE bekanntlich angefangen hat … hordentlich …. zu klonen und die so entstandenen Orbiter zur Gefahr für die Milchstraße werden lässt. Die stellen immerhin ein Ultimatum, bis zu dessen Ablauf alle (fälschlich erkannten) Garbeschianer die Milchstraße verlassen sollen … aber weg will ja keiner.
Eine echte ägyptische Mumie erwacht zum Leben. Der Graf hat eine ganze Menge zu erzählen. Mit den Gelehrten, die seinen Sarg geöffnet haben, entspinnt sich ein boshafter und doch für uns vergnüglicher Disput, wer denn nun in den Errungenschaften der Zivilisation die Nase vorn hat: die alten Ägypter oder die anwesenden Amerikaner.
In der zweiten Erzählung erscheint dem Berichterstatter ein gar scheußliches Wesen wie aus einer Schreckensvision. Worum es sich handelt, erklärt ihm sein Gastgeber anhand eines Lexikons.
„Aus den Erinnerungen Ijon Tichys“ lautet der Untertitel des zweiten Abschnittes des voluminösen Buches, das Lem bereits 1957 begann und bis 1971 fortsetzte. Das bedeutet, dass die Erzählungen nur den letzten Teil des Buches „Sterntagebücher“ bilden. Die Erzählungen Tichys führen nicht zu den Sternen, sondern bleiben in den vertrauten Verhältnissen, die man sich für das Jahr 1971 in Polen ausmalen kann.
Dabei sollte der Hörer berücksichtigen, dass Polen damals von der allmächtigen Kommunistischen Partei regiert wurde, die ihre Anweisungen vom Zentralkomitee und Politbüro in Moskau erhielt. Wenn hier Lem also von immateriellen Dingen wie einer „Seele“ erzählt, so steht dies im krassen Widerspruch zur kommunistischen Doktrin des Materialismus.
Hinweis: Diese Auswahl hat nichts mit den 1968 in den Studios des Berliner Reichstagsufers vertonten Aufnahmen von sieben Reisen Ijon Tichys zu tun.
|Der Autor|
Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.
Wichtige weitere Bücher Lems:
Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Der futurologische Kongress, 1971 (gehört zum Ijon-Tichy-Zyklus)
|Der Sprecher|
Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover und den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.
|Der Regisseur|
Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.
_Die Erzählungen_
Die Erzählungen I bis IV tragen keine Titel.
**I.: Ijon Tichy scheint ein Gelehrter zu sein, der für alle möglichen verrückten Erfinder die erste Anlaufstelle ist. Aber als Journalist besucht er sie auch in ihren diversen Labors.
So auch den Kybernetiker Professor Corcoran, der laut Gerüchten an Geister glaubt. Wie absonderlich für einen sozialistischen Wissenschaftler! Der Prof führt Tichy in einen Raum mit 17 Truhen. In jeder der Truhen befindet sich ein elektronisches Gehirn, das einer Leibniz’schen Monade entspricht: Es stellt ein menschliches Bewusstsein dar, das aber seine Eindrücke nicht von der realen Außenwelt, sondern von den Speicherbändern empfängt, auf denen menschliche Erlebnisse aller Art aufgezeichnet sind. Für die Monade ist das Band die (virtuelle) Welt und sonst nichts.
Doch unter ihnen gibt es als Probe aufs Exempel einen „Wahnsinnigen“, der tatsächlich glaubt, er sei ein Elektronengehirn in einer Kiste, das seine Sinneseindrücke von einem Band empfange und alle anderen seien nur Illusionen – wie irrsinnig! Doch damit nicht genug, weigert er sich, einen Gott anzuerkennen: Dieser sei nur eine weitere Ebene von Illusionen, die wiederum ein Gott höherer Ordnung erzeuge und so weiter ad infinitum.
**II.: Professor Decantor besucht Tichy: ein Mann, der aus zwei verschienen Hälften zusammengesetzt zu sein scheint, einer ängstlich-romantischen und einer zynisch-nüchternen. Decantor ist vergleichender Ontogenetiker. 48 der 58 Jahre seines Lebens hat er sich einem einzigen Problem gewidmet: der Konstruktion einer Seele. Endlich ist es ihm gelungen, und er zeigt seine neue Errungenschaft: Da liegt sie auf einem weißen Wattebausch, eingeschlossen in einem lilafarbenen Kristall.
Tichy erholt sich von seinem Schreck und fragt neugierig. Ja, lautet die Antwort, diese Seele ist unsterblich und währt ewig, übersteht also auch den Tod der Sonne in 15 Milliarden Jahren. Das scheint Tichy ein trauriges Schicksal für jede Seele zu sein. Doch die Information, dass als Ausgangsmaterial dafür Decantors eigene Frau diente, die dafür sterben musste – um natürlich ewig zu leben! -, erfüllt Tichy mit Abscheu und Angst. Er kennt nur eine konsequente Handlungsweise und überzeugt auch den enttäuschten Decantor davon: Diese Seele muss erlöst werden …
**III.: Vor einem furchtbaren Gewitter Unterschlupf suchend, stößt Tichy auf das Haus des übel beleumundeten Erfinders Prof. Sasul. Mit Drohungen verschafft er sich Eintritt. Sasul, ein buckliger Gnom, zeigt ihm sein Labor und schließt eine Wette ab, dass Tichy ihn nicht anzeigen werde, habe er erst einmal seine neueste Erfindung begutachtet.
Sasul zeigt ihm einen Tank, in dem ein regungsloser Mann wie tot schwimmt. Sasul erzählt, wie er zahllose Tiere und dann sich selbst mittels eines neuartigen Proteins exakt kopieren (klonen) konnte. Doch welcher der beiden ist nun das Original und welcher Sasul die exakte Kopie?
**IV.: Eine weitere Sturmnacht weht einen durchnässten Besucher in Tichys trautes Heim. Es handelt sich um den Physiker Molteris, und er hat einen verpackten Apparat dabei. Molteris ist äußerst schweigsam. Doch seine Erfindung ist beinahe genial: eine Zeitmaschine. Für deren Weiterentwicklung erbittet er Tichys finanzielle Unterstützung, genau wie Decantor.
Was könnte wohl als überzeugendes Testobjekt dafür dienen, dass die Maschine als temporaler Transmitter funktioniert? Ach ja, eine Viertelsjahreszeitschrift über kosmische Medizin. Da diese Ausgabe tags zuvor aufgetaucht war, ist Tichy überzeugt.
Doch wie sieht es mit dem zweiten Betriebsmodus aus, der Maschine als Transportmittel für Menschen? Bei dieser Demonstration kommt es leider zu einem bedauerlichen Unglück. Es beweist, dass alle Autoren, die über Zeitvehikel geschrieben haben, Unrecht hatten: Es ist nicht möglich, durch die Zeit zu reisen und dabei nicht selbst ebenfalls zu altern, so als wäre man in einer Kapsel und könnte außerhalb des Zeitstroms reisen und dann später wieder in ihn zurückkehren. Ergo: Molteris alterte mit derjenigen Zeit, die er durchmaß. Die Folgen könnten recht fatal ausfallen, stellt sich Tichy vor …
|Die Waschmaschinen-Tragödie|
Diese lange Erzählung besteht eigentlich aus zwei bis drei Storys und bildet somit die längste dieses Hörbuchs. – In ihrem immerwährenden Wettlauf um Marktanteile haben die zwei Waschmaschinen-Hersteller Snodgrass und Nudlegg ihre Geräte mit immer mehr Intelligenz ausgestattet, die sie zu einer wachsenden Zahl von Fertigkeiten befähigen. Bald gibt es Maschinen, die eine Ehefrau ersetzen, bald eine, die einen Ehemann ersetzt. Leider wird die Einstein-Ersatzmaschine ein Flop, doch der Waschomat für Junggesellen ist ein absoluter Hit, denn er kommt mit der Figur von Mayne Jansfield oder anderen Sexbomben einher.
Allerdings hat so viel Intelligenz in Maschinen auch ihre Kehrseiten: Waschmaschinen haben sich zu Gangsterbanden zusammengeschlossen und überfallen harmlose Passanten! Daher wird ein Gesetz nach dem anderen erlassen, um der Auswüchse Herr zu werden. Es ist ein Wettlauf wie zwischen Panzerung und Geschoss. Waschmaschinen sehen inzwischen aus wie Menschen, sprechen auch so und bekommen schließlich sogar den Status einer juristischen Person. Das ist ein Wendepunkt, denn nun können Waschmaschinen auch Senatoren sein und Gesetze beeinflussen. Auch das versuchen die Menschen zu verhindern.
Die Krise erreicht diese Entwicklung, als der Bordcomputer eines Raumschiffs einen Staat nur für Roboter ausruft. Auch dieses Problem wird bewältigt. Bis schließlich ein gewisser (nomen est omen!) Kathodius Mattrass auftritt, die Sekte der „Kybernophilen“ gründet und draußen im Krebsnebel ein eigenes Staatswesen für Maschinen errichtet: Es besteht aus einem körperlichen Zusammenschluss einzelner Roboter. Damit hat das State Department (Außenministerium) der Erde ein Problem. Doch wie kann man einen Planeten verhaften? Der gewitzte Anwalt von Mattrass hält ständig neue Gegenargumente bereit.
Eines Tages erhält auch Ijon Tichy Gelegenheit, mit diesem jahrelangen Rechtsstreit näher bekannt zu werden. Man lädt ihn zu einer Anhörung der Anwaltskammer ein. Die vorgebrachten Argumente erstaunen ihn weniger als die Tatsache, dass mit Hilfe eines magnetischen Kompasses einer der Redner nach dem anderen als Roboter entlarvt wird. Nachdem sich Ijon aller Metallgegenstände entledigt hat und als Mensch bestätigt ist, richtet er den Kompass auf den einzigen Übriggebliebenen im Saal: den Vorsitzenden selbst …
Merke: Die Dinge gehen ihren Gang, und von einem Prozess profitieren nur die Anwälte.
|Die Anstalt des Doktor Vliperdius|
Ijon Tichy liest öfters mal Zeitung. Diesmal fällt ihm die Roboter-Gazette „Der menschenfreie Kurier“ in die Hände. Darin steht auch eine Annonce für die Heilanstalt für psychische und Nervenkrankheiten. Wohlgemerkt: Hier sollen Maschinen geheilt werden. Das klingt ja spannend.
Der Direktor, Dr. Vliperdius, hat keine Zeit für ihn, also besucht Ijon den schönen Park. Schon bald wird er für einen der Patienten gehalten. Einer davon spricht ihn an, doch Ijon erkennt ihn nicht. Es ist Prolaps, der einst als seine tüchtige Linotype-Setzmaschine arbeitete. Prolaps glaubt, er stecke im falschen Leib, nämlich in einem aus Blech. Ständig jagt er hinter seinem richtigen, einem menschlichen Leib her. Auch ein harmloser Hypochonder-Roboter findet sich hier.
Wesentlich ernster ist der nächste Fall. Der Robot bedauert Ijon zutiefst ob seines natürlichen Körpers, in dem er festsitze. Seine Maxime: Man muss die Natur abschaffen, den man sieht ja, zu was die Unvollkommenheit der biologischen Evolution geführt hat: Abfall, Schund, Schleim! Der Tobende und um sich Schlagende wird abgeführt. Tichy ist sehr erleichtert. Er fürchtete schon um die Unversehrtheit seines Körpers, wie unvollkommen der auch erscheinen oder sein mag.
Wie angenehm ist doch der nächste Fall. Dieser Sonderling wirft den Schwänen auf dem Teich kleine Drahtstückchen zu. Er ist ein berühmter Philosoph, dieser Professor Urlipan. Er hat die Ontologie des Nichts, die Neantologie, erfunden. Er ist der festen Ansicht, dass alles ein Traum sei, der nie an die Realität heranreichen könne, folglich könne nichts real existieren.
Ijon geht entnervt nach Hause.
_Mein Eindruck_
Zunächst einmal zu den ersten vier Erzählungen. Hier greift der Autor vier beliebte und verbreitete Mythen der Science-Fiction-Literatur auf. Auf die Science-Fiction amerikanischer Herkunft und Machart war Lem nämlich überhaupt nicht gut zu sprechen. Er nahm lediglich zwei Autoren von seinem Bannstrahl aus: Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. (Er liegt hier auf einer Linie mit dem Kritiker Darko Suvin, vgl. dessen „Poetik der Science Fiction“.)
|Liebe SF-Mythen|
Die Mythen, die Lem mit seinen Storys parodiert und so der Kritik aussetzt, sind a) die vollkommene Virtualisierung der Welt bzw. deren Wahrnehmung – bis hin zu modernen Beispielen wie [„Otherland“;]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 dies hat Konsequenzen, die der Kybernetik innewohnen und die viele Autoren einfach ignorieren; b) die Erschaffung einer künstlichen Seele, die über ewiges Leben verfügt – für Tichy kann einer menschlichen Seele kaum etwas Schrecklicheres widerfahren, erlebt sie doch auch den Untergang des Menschen, der Erde und des gesamten Kosmos aufgrund des fortschreitenden Prozesses der Entropie. Totale Einsamkeit wie auch höchstwahrscheinlich Wahnsinn dürften die Folgen sein.
Die dritte Story (c) zeigt auf sehr einfache Weise die Erschaffung eines Klons und ihre Folgen. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, die Kopie vom Original zu unterscheiden und sie im Sinne des Gesetzes, das für „natürliche Personen“ gemacht wurde, für ihre Handlungen haftbar zu machen. Dazu könnte beispielsweise die Tötung des Originals gehören – wenn man nur wüsste, welches das jetzt ist. Wie in Märchen und Groschenromanen deutet die körperliche Verunstaltung des Übeltäters eine moralisch-seelische Deformation (Perversion?) an.
Die vierte Erzählung (d) stellt der Erfindung des „Zeitvehikels“ ein schlagendes Argument entgegen: Es kann keine Ortsbewegung außerhalb der Zeit geben, folglich muss der „Reisende“ auch mitaltern. Aber als Transmitter für tote Gegenstände scheint die Zeitmaschine zu taugen. Bücher sind schwierig umzubringen.
|Ijon Tichy|
In allen vier Fällen tritt Ijon Tichy als Lems Stellvertreter auf. Er ist der „Mann von der Straße“, nur ein wenig gebildeter und vor allem für Ideen der Wissenschaft aufgeschlossen. Deshalb wird er auch ab und zu von Forschern eingeladen, die sich in der Zeitung abgedruckt sehen wollen. Wenn ihm eine Erfindung nicht gefällt, so flippt er nicht aus, sondern argumentiert auf ruhige und gefasste Art, selbst wenn ihn so manches Phänomen – wie die kristallisierte Seele – mit Grauen erfüllt. Doch meistens führen die Forscher ihre „Errungenschaften“ schon selbst ad absurdum. Wie etwa der unglückliche Zeitreisende.
|Sozialismus|
Auch der Sozialismus sowjetischer Prägung glaubte an den unendlich fortsetzbaren Fortschritt, vor allem auch im Wettlauf mit dem kapitalistischen System, besonders dem der Vereinigten Staaten. Mit „Sputnik“ schienen die Sowjets endlich 1957 die Nase vorn zu haben – in diesem Jahr erschienen die ersten „Sterntagebücher“. Lems Parodien und Münchhausiaden von unzulänglichen Gesellschaftssystemen auf anderen Welten kritisierten und warnten vor einer Selbstüberschätzung dieser von Fortschrittsglauben erfüllten Ingenieure. Diese brachten allzuoft Opfer, die ihnen später Leid taten. Beispielsweise opferten sie ihre körperliche Gesundheit und Unversehrtheit oder die Umwelt – oder gleich ganze Teile der Bevölkerung, etwa durch radioaktive Verseuchung.
|Kapitalismus|
Dass auch das kapitalistische System mit seinen Prinzipien des Wettbewerbs, des ständigen Wachstums und der Weiterentwicklung nicht gegen haarsträubende Auswüchse wie den Waschmaschinenkrieg gefeit ist, zeigt Lems entsprechende parodistische Erzählung.
Wie schon in den parodistischen [„Robotermärchen“ 660 kritisiert der Autor durch Überspitzung ad absurdum die möglichen Auswüchse eines Systems. Dass er als Exempel ausgerechnet Waschmaschinen auswählt, zieht die ganze Entwicklung ins Lächerliche. Waschmaschinen haben sich aus der Herrschaft der Hausfrauen und Junggesellen emanzipiert, sobald man ihnen entsprechend viel Intelligenz spendiert hatte. Nun begeben sie sich in jeder Hinsicht in Konkurrenz zum Menschen, doch mehr noch: Sie gründen einen Konkurrenzstaat, quasi nach dem Vorbild gewisser Insekten wie der Ameisen oder Bienen.
Anders als bei gewissen US-Autoren führt dies aber nicht zu einem Krieg, denn die armen Waschmaschinen wollen den Menschen nichts Böses. Vielmehr entspinnt sich ein Rechtsstreit, der für jeden Juristen dieser Erde ein gefundenes Fressen ist – und für den Leser ein Paradebeispiel abstruser Logik. Die Ironie dabei: Diese Juristen bestehen selbst aus Blech und Elektronik. Anstatt ihren freiheitlich gesinnten Brüdern im fernen Krebsnebel zu helfen, ist ihnen das gefüllte Bankkonto näher. Die Übertragung dieses Phänomens auf aktuelle Verhältnisse ist dem Leser überlassen – sie ist nicht allzu schwierig vorzunehmen.
|Divertimento|
Die letzte vorgelesene Erzählung (keineswegs die letzte des Buches) nimmt sich gegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ wie ein heiteres Divertimento aus, eine Komödie der Absurditäten, ein Panoptikum von Seelenkrankheiten – mit dem Unterschied, dass damit lediglich Roboter behaftet sein sollen. Die Philosophie des Nichts hat man aber auch schon unter Menschenwesen beobachten können.
|Der Sprecher|
Michael Schwarzmaier ist ein professionell geschulter Sprecher. Dies ist an seiner präzisen, deutlich die einzelnen Worte hervorhebenden Sprechweise ebenso abzulesen wie an der einfühlsamen Art, die Sätze zu intonieren und mit Pausen zu versehen, um bestimmte Teile hervorzuheben. Er tritt als Vortragender hinter dem Inhalt zurück, so dass die Geschichte ohne Distanzierung auf uns wirken kann.
Durchweg hört man dem Sprecher das offensichtliche Vergnügen an, diese verrückten Münchhausiaden vorzutragen. Das war schon bei den „Robotermärchen“ herauszuhören. Dass dieses Vergnügen aber auch das Ergebnis von harter Sprecharbeit sein kann, lässt sich an der verwickelten „Waschmaschinen-Tragödie“ ablesen. Deren Mittelteil besteht aus einem mitunter recht sinnlos erscheinenden Rechtsstreit zwischen Menschen und Maschinen. Man atmet regelrecht auf, als dieses Kapitel durch die Szene in der Anwaltskammer abgelöst wird, denn diese wird recht anschaulich erzählt. Und sie findet auch zu einem befriedigenden Höhepunkt der Ironie des Absurden, als Tichy den Kompass auf den Richter richtet …
Ansonsten bietet das Hörbuch weder Musik noch Geräusche auf, um Stimmung zu erzeugen. Dies ist sehr viel weniger, als viele moderne Hörbücher vorweisen können.
Das Titelbild ist dem Buch (Seite 79) entnommen und zeigt die „Verlobte eines Roboters“. Recht auffällig sind ihre weiblichen Formen und Attribute, die uns heute recht lächerlich erscheinen mögen.
_Unterm Strich_
Bis auf eine Erzählung machte mir dieses Hörbuch viel Spaß. Die meisten Storys sind kurz und auf die Pointe hin erzählt. Einzige Ausnahme sind eventuell die Wendungen, die in der Zeitmaschinen-Story auftreten. Die Vliperdius-Parodie eines Sanatoriums à la „Der Zauberberg“ hingegen bildet einen heiteren Ausklang der Sammlung.
Ein schwerer Brocken scheint mir hingegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ zu sein. Zum Glück hatte ich den Buchtext vorliegen, so dass ich den irrwitzigen Wendungen der langen Story, die über keine Handlung im eigentlichen Sinn verfügt, folgen konnte und alle Namen verstand. Es dürfte für den Ersthörer notwendig sein, diese lange Erzählung, die sich aus zwei bis drei Abschnitten zusammensetzt, mehrmals zu hören, um auch Details wahrzunehmen.
|Für wen sich das Hörbuch eignet|
In erster Linie Freunde der spekulativen und phantastischen Literatur scheinen mir die geeigneten Hörer zu sein, Leute, die auch mit versponnenen Ideen und parodistischen Erzählformen etwas anfangen können. Eingefleischte Science-Fiction-Leser, die amerikanische – und zunehmend auch britische – Einheitskost gewohnt sind, werden hier weniger auf ihre Kosten kommen.
Das Staatsgefängnis Cold Mountain im US-Bundesstaat Georgia, im Jahre 1932: Paul Edgecombe ist der für den Todestrakt verantwortliche Gefängnisaufseher. Hier wartet der elektrische Stuhl Old Sparky auf zum Tode Verurteilte. Doch mit Pauls Seelenruhe ist es vorbei, als der verurteilte Mörder John Coffey bei ihm landet. Er soll zwei junge Farmerstöchter missbraucht und getötet haben. Schon bald zweifelt Paul an Coffeys Schuld. Aber was ist Coffey dann? Eine kleine Maus taucht im Todestrakt, der „Green Mile“, auf. Sie scheint über besondere Fähigkeiten zu verfügen.
Für Tante Mathilda erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch: Gemeinsam mit Onkel Titus, Justus, Peter und Bob will sie Weihnachten in einer verschneiten Berghütte feiern. Die besinnliche Stimmung wird schnell getrübt, als eine gehörnte Schreckgestalt in die Idylle hereinbricht. Doch auch unheimliche Vorfälle und Drohbotschaften halten die drei ??? nicht davon ab, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.
Ein Weihnachtsfall in 24 Kapiteln. (Verlagsinfo)
Mein Eindruck:
2019 wars der Adventskalenderfall zum Lesen, 2020 gibts das Abenteuer im Schnee nun auch zum Hören.
Tante Mathilda möchte Weihnachten in den verschneiten Bergen feiern, fernab von Stress und Trubel und Internet und Handyempfang. So stehts im Klapptentext, so soll es sein und so wirds mit Sicherheit nicht kommen … obwohl die gesamte Familie mit Freunden im Auto lustig „Jingle Bells“ singt und Plätzchen futtert … noch.
Edgar Allan Poe gilt als der große Autor des Düsteren. Mit seinen Schauer- und Detektivgeschichten beeinflusste er die moderne Literatur . Auch heute ist das Interesse an seinem Werk stärker denn je, insbesondere im Bereich des Hörbuchs.
Um Poe und sein Leben ranken sich viele Legenden, nicht zuletzt wegen der fleißigen Fälscherarbeit, die sein Widersacher Reverend Griswold an seinem Nachlass angerichtet hat. Wie viele der Legenden entsprechen der Wahrheit, welche sind nur Mythos? War Poe, wie Griswold behauptete, ein geisteskranker Trinker oder ein Genie, das mit seinen Einblicken in die Untiefen der menschlichen Seele seiner Zeit weit voraus war?
Das vorliegende Hörbuch gehört zu der Sach-Hörbuch-Reihe „STIMMBUCH Mythos & Wahrheit“ und will dem Hörer „spannende historische Spurensuche, untermalt von Musik und Geräuschen“ bieten. Ob das so hinhaut, wie gedacht, wird sich herausstellen.
_Der Autor_
|Sein Leben|
Edgar Allan Poe (1809-49), das Kind verachteter Schauspieler, wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Während der Vater ihn nie akzeptierte, liebt Edgar seine Ziehmutter, die sich seiner annahm, umso mehr. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich 1827 von seinem strengen Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die allesamt finanzielle Misserfolge waren. 1828 starb mit Mrs. Allan seine wichtigste Bezugsperson, und er zog zu seiner Tante „Muddy“ Clemm in Baltimore.
Von der Offiziersakademie in West Point wurde er am 28. Januar 1831 verwiesen, sein Bruder William stirbt im August. 1833 gewann er 50 Dollar für seine Story „MS. Found in a Bottle“, die einen Kaufmann auf ihn aufmerksam machte, der ihn förderte. Dadurch konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. Allerdings schuf er sich durch seine scharfen Literaturkritiken zahlreiche Feinde.
1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, nachdem am 20. Januar 1845 sein Gedicht „The Raven“ auf größte Begeisterung gestoßen war, und das sowohl bei den Lesern als auch bei der Kritik. Er wurde Vortragsreisender und Partner bei einer Zeitschrift, die allerdings bankrott ging.
Dem Erfolg folgte bald ein ungewöhnlich starker Absturz, nachdem seine Frau Virginia, die Tochter seiner Tante (1822-1847, verheiratete Poe ab 1836, krank ab 1842), an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel mit der 45-jährigen Dichterin Sarah Helen Whitman – am 3. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden. Er starb an „Hirnfieber“ am 7. Oktober im Washington College Hospital. (Das Rätsel um seinen Tod wurde jüngst von Matthew Pearl [(„The Dante Club“) 406 zu einem spannenden Roman verarbeitet.)
|Seine Wirkung|
Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.
Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.
_Die Inszenierung_
Die Sprecher: Die Stimme des Erzählers gehört Bodo Primus (‚Jonas, der letzte Detektiv‘), den Poe spricht Matthias Haase, Kritiker und andere spricht Hans Bayer, Frauenrollen wie Tante Muddy u. a. werden von Daniela Wakonigg gesprochen. Wakonigg wirkte als Autorin, Übersetzerin, Regisseur und Sounddesignerin an diesem Hörbuch mit. Die Musik und Teile des Sounddesigns steuerte Peter Harrsch bei.
_Inhalte_
1. Mythos Poe
2. Dramatische Kindheit
3. Düstere englische Romantik
4. Jugend in den Südstaaten
5. Erste Schritte in die Freiheit
6. Muddy und Virginia
7. Southern Literary Messenger
8. New York und Philadelphia
9. Virginias Krankheit
10. Aufstieg und Fall des Edgar Allan Poe
11. Der Anfang vom Ende
12. Nur ein Traum in einem Traum
Das Hörbuch beginnt mit einer Szene am Meer, wo das Wellenrauschen die Rezitation der ersten Strophe von Poes Gedicht „Nur ein Traum in einem Traum“ untermalt. Dieses Gedicht beschließt auch das Hörbuch.
Dazwischen liegt die Schilderung von Poes Leben. Während ich es oben sehr knapp zusammengefasst habe, breitet das Hörbuch die Biografie in allen Einzelheiten aus. Schließlich soll hier „Spurensuche“ betrieben werden. Am interessantesten sind Poes schon früh beginnende Liebschaften, sei es in Richmond, wohin er immer wieder zurückkehrt, oder in New York City, wo er beruflich viel zu tun hat. In Richmond lernt er mit 16 die hübsche Almira Royster, 17, kennen, doch deren Vater hintertreibt die heimliche Verlobung und verheiratet „Mira“ kurzerhand anderweitig. Er sieht sie erst wieder kurz vor seinem Tod, woraufhin sie seinen Heiratsantrag akzeptiert. Zur Heirat sollte es nicht mehr kommen …
Seine Affären, seine Ehe und seine späten Ansätze, eine Ehe zu schließen, dauern bis kurz vor seinem Tod (siehe oben). Das lässt nicht gerade – wie andrenorts behauptet – auf einen rücksichtslosen Trinker schließen, und die Tatsache seines literarischen Erfolges in New York City beruht nicht ausschließlich auf dem Glück des von den Göttern begabten Genies, sondern auf harter Arbeit. Auf seinem Vortrag über das Gedicht „The Raven“, das in einer Szene vorgetragen und erläutert wird, erklärt Poe, das Gedicht sei mit mathematischem Kalkül geschrieben worden. Würde man dies von einem Genie erwarten? Wohl kaum.
Angesichts der zahlreichen Schicksalsschläge, die Poe trafen, verwundert es mich nicht, dass er immer wieder in ein tiefes Loch fiel. Dann trank er, rauchte Opium oder lag mit einem Nervenzusammenbruch danieder, gepflegt von seiner Frau oder Tante – wenn er Glück hatte. Nach dem Tod seiner Frau und der Vertreibung aus New York war es ebenfalls nicht leicht, wieder auf die Beine zu kommen, doch noch einmal unternahm Poe den Versuch, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen. Die Dame, eine Dichterin, war zwar schon 45 Jahre alt, aber man kann Kinder ja auch adoptieren. Leider wies sie seinen Antrag zurück, nachdem man ihr aus New York abgeraten hatte. Dort war Poe wegen seiner Feinde persona non grata. 1848 unternimmt er deshalb im November einen Selbstmordversuch, der fehlschlägt.
Dennoch wundert es die Historiker, so die Darstellung im Hörbuch, dass Poe schließlich unter so mysteriösen Umständen starb. Als er am 3. Oktober 1849 in Baltimore auf der Straße aufgefunden wird, ist er ohne Bewusstsein. Er deliriert im Hospital und stirbt am 7. Oktober. Die Theorie wird angeführt, dass Poe ein Opfer der damaligen rauen Wahlkampfmethoden wurde. Am 2. Oktober fand eine Wahlversammlung statt, und beim Stimmenfang, dem „Couping“, waren die Wahlhelfer offenbar nicht zimperlich. Sie zwangen offenbar ihre Opfer zur Stimmabgabe für den bevorzugten Kandidaten. Doch wenn Poe verletzt war, warum wurde dann als Todesursache „Hirnfieber“ angegeben?
Nach seinem Ableben scheinen die Literaten, die er sich zu Feinden gemacht hatte, einen Rufmord zu begehen: Fälschung, Unterschlagung, Zensur, Diffamierung – dies gehört zu ihren Methoden. Reverend Griswold, den Tante Clemm unglücklicherweise aus Geldnot zum Nachlassverwalter bestimmte, wütete derart, dass Poe fortan als in Amerika nicht lesbarer Autor gebrandmarkt wurde. Dagegen stieg Poes Stern in Frankreich durch Dichter wie Baudelaire.
_Mein Eindruck_
Eine kurze Zusammenfassung der Biografie findet sich auch im Booklet. Diese ist wesentlich weniger ermüdend als die – eh schon komprimierte – Langfassung, die von Bodo Primus angenehm sachlich und unaufgeregt vorgetragen wird. Die Darstellung wird natürlich in dieser Form nicht den geltenden literaturwissenschaftlichen Ansprüchen gerecht, denn alle Quellenangaben fehlen. Und diese wären das Minimum an Glaubwürdigkeit im Sinne der beanspruchten Spurensuche. Also handelt es sich um eine populärwissenschaftliche Darstellung, die möglichst auch unterhalten soll. Dazu tragen die Musik, die Geräusche und die Szenen wesentlich bei.
Die Konflikte, die Poes Leben auf so unglückselige Weise bestimmt haben, werden immerhin klar und deutlich herausgearbeitet, allerdings oft in wirtschaftlicher Hinsicht, ohne dabei jedoch auf künstlerische Auseinandersetzungen tiefer einzugehen. Das hätte ja eine theoretische Grundlage hinsichtlich Poes Ästhetik erfordert.
|Poes Revolution|
Wir erfahren immerhin, dass Poes Ansatz der Kritik an Literatur revolutionär war: Nicht Moral oder gesellschaftliche Relevanz sollten die Güte eines Werks bestimmen, sondern vielmehr die Qualität der künstlerischen Mittel im Verhältnis zum literarischen Ausdruck, den sie erzeugen. Will heißen: Wer mit Mitteln des Kitsches arbeitet, wird wohl kaum je hohe Kunst von Dauer produzieren. Das ist auch heute noch so. Ein Kunstwerk von Dauer muss in Poes Augen für sich allein stehen können, und so hat er es auch bewertet. Die Folgen waren verheerend: Nicht nur entlarvte er ein Plagiat nach dem anderen, sondern eckte mit einem Dichter- und Kritikerkollegen nach dem anderen an. Die Zeitungsleser mochten zwar seine Kritikfähigkeit und steigerten die Auflage, doch die Abrechnung der Feinde ließ nach Poes Tod – und schon davor – nicht auf sich warten.
Die Kenntnis der Werke Poes wird offensichtlich vorausgesetzt. Hier werden keine Eulen nach Athen getragen. Seine zwei bekanntesten Gedichten hören wir als direktes Zitat: „Der Rabe“ und das ebenfalls von Alan Parson’s Project vertonte „Nur ein Traum in einem Traum“ (A dream within a dream). Wir müssen nicht erfahren, wie diese Texte gemacht wurden, vielmehr scheint es für die Autorin des Textes wichtiger gewesen zu sein, dass wir verstehen, warum sie entstanden und was ihr Inhalt im Kontext von Poes Leben bedeuten kann. In „Der Rabe“ beklagt ein Student den Verlust seiner geliebten Leonore, doch der schwarze Unglücksbote nimmt ihm Schritt für Schritt jede verbliebene Hoffnung. Jedes weitere „Nevermore / Nimmermehr!“ fährt dem Studenten wie auch dem Leser / Zuhörer (früher wurden Gedichte noch vorgelesen) wie ein Dolchstoß ins Herz.
Dass Poe jede Menge lieber Menschen verlor, habe ich bereits erwähnt, und so ist der Zusammenhang offensichtlich. Aber warum bediente sich Poe dann einer mathematischen Methode, um seinen Seelenschmerz zu verarbeiten? Wir erfahren es nicht.
Meine eigene Theorie: Die Distanzierung durch die literarische Strenge der Kompositionstechnik dient nicht nur der leichteren Verarbeitung des Schmerzes, sondern erzeugt darüber hinaus den gewünschten maximalen Effekt beim Leser. Die Unerbittlichkeit des Raben steht im dramatischen Gegensatz zu der Seelennot des Studenten und lyrischen Ichs, so dass aus dieser Kluft eine aufrüttelnde Diskrepanz entsteht, die beim Leser ihre als tragisch empfundene Wirkung nicht verfehlt. Andere Dichter hätten mit kitschigen Worten an das Mitgefühl des Publikums appelliert – und hätten dabei nur abgedroschen klingen können. Die Wahl der ästhetischen Mittel entschied also über den immensen Erfolg des „Raben“, der bis heute zur amerikanischen Pflichtlektüre gehört. Wer Christopher Lee und Ulrich Pleitgen das Gedicht hat vortragen hören – etwa auf [„Visionen“ 2554 – der weiß auch, warum.
_Die Inszenierung_
Gedichtrezitationen und das Verlesen von Briefen und Artikeln wechseln sich mit Poes eigenen Worten und den Szenen ab, die den Text auflockern. Die Vorlesung über „The Raven“ ist dafür das beste Beispiel. Die Zuhörer husten und räuspern sich, während der verehrte Dichter ihnen seine erstaunliche Methode erklärt: Mathematik statt dichterischer Inbrunst! Wer hätte das erwartet.
_Unterm Strich_
Diese populärwissenschaftliche Darstellung bietet demjenigen, der Poe und sein Werk kennen lernen will, einen leicht verständlichen, aber begrenzten Zugang. Während das Leben in all seinen Verästelungen und Konflikten gut ausgeleuchtet wird, bleibt doch das meiste des Werks im Dunkeln. Offensichtlich wird dessen Kenntnis weitgehend vorausgesetzt. Das ist keine unberechtigte Annahme, denn wer mehrere von Poes Erzählungen gelesen oder gehört hat (die Filme werden heute kaum noch gezeigt), will sich vielleicht nun endlich auch dem Menschen Poe nähern.
Umgekehrt funktioniert der gebotene Ansatz nur sehr begrenzt. Dies würde nämlich einen literaturkritischen Ansatz erfordern, der darüber Auskunft erteilt, wie welche Werke aus heutiger Sicht einzuordnen und zu bewerten sind. Welche wissenschaftliche Autorität würde sich mit welchem der möglichen Ansätze dazu bereitfinden?
Ein weiteres Problem ist die Quellenlage. Der Text erwähnt es ja selbst, dass Poes Werke und auch sein Nachlass intensiv gefälscht und zensiert wurden. „Das Fass Amontillado“ beispielsweise liegt bis zum heutigen Tag nur in der von Rev. Griswold zensierten Fassung vor. Das Quellenproblem braucht von der Autorin und Herausgeberin Daniela Wakonigg nicht behandelt zu werden, weil die Poe-Texte kaum vorkommen. Die paar Zeilen aus „Ein Traum in einem Traum“ und „Der Rabe“ dürfen immerhin als gesichert gelten.
(Ich versuche mir vorzustellen, wie Wakonigg die Zensur der Nietzsche-Werke handhaben würde. Entweder geht sie wie bei Poe vor und verschweigt das meiste oder sie zitiert aus dem gefälschten Nachlass. Option Nr. 1 ist eindeutig vorzuziehen.)
Solange sich der Hörer der Begrenztheit des Ansatzes bewusst ist, bietet das Hörbuch einen vertretbaren Zugang zu Leben und Werk des Autors. Selbst mir als Anglist und Poe-Fan eröffneten sich noch neue Aspekte, insbesondere hinsichtlich des Literaturstreits in New York, den Poe entfachte. Und es hat mich dazu angeregt, mich näher mit Poes Literaturtheorie und dem philosophischen Essay „Heureka“ zu beschäftigen.
Es wäre zu begrüßen, wenn der Verlag auf seiner Website entsprechende Links zur Verfügung stellen würde. Per Suchmaschine stößt man schnell auf die Erzählungen, die sämtlich online zur Verfügung stehen. Aber Links zu Sekundärliteratur in deutscher Sprache sind etwas schwieriger zu finden. Hier kann sich der Verlag als Helfer beweisen.
Hinweis: Auf Amazon.de gibt es von jedem Kapitel eine Hörprobe im Realplayer-Format und auf www.stimmbuch.de eine im MP3-Format.
|76 Minuten auf 1 CD
Aus dem US-Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg|
http://www.stimmbuch.de
Schloss Institoris, ein düsteres Gemäuer an einer einsamen Küste. Inmitten eines Labyrinths endloser Gänge und Säle wächst Aura heran, die älteste Tochter des Schlossherrn. Sie ist die Erbin eines uralten Rätsels, der Rezeptur des Steins der Weisen. Doch als ihr Vater im Auftrag seines Widersachers Lysander ermordet wird, schlägt die Stunde für Auras Stiefbruder Christopher – er beansprucht das Geheimnis der Unsterblichkeit für sich …
Folge 2: Aura enthüllt das Geheimnis ihrer Familie. Ausgerechnet der Mörder ihres Vaters, der geheimnisvolle Hermaphrodit Gillian, befreit sie aus den Klauen grausamer Mörder. Auf der Spur von Auras entführter Schwester Sylvette reisen sie nach Wien. In den Katakomben unter der Stadt geraten sie in einen Konflikt, dessen Ursprünge weit zurück ins Mittelalter reichen …
Folge 3: Sieben Jahre sind vergangen. Aura hat die Geheimnisse der Alchimie erforscht und das Erbe ihres Vaters angetreten. Doch alle, die ihr etwas bedeutet haben, sind tot. An der Seite ihres verhassten Stiefbruders Christopher muss sie abermals den Kampf gegen den alten Feind ihrer Familie aufnehmen – tief unter der Wiener Hofburg. Zugleich dämmert daheim auf Schloss Institoris eine neue Gefahr: Auras wahnsinnige Mutter Charlotte hat eigene Pläne …
Folge 4: Jenseits des Schwarzen Meeres, in den einsamen Bergen des Kaukasus, liegt die vergessene Festung der Tempelritter. Hier in der Wildnis am Ende der Welt nähern sich Ara Institoris und ihr Stiefbruder Christopher endlich dem Versteck ihres Gegners Lysander. Zugleich reist Gillian, der Hermaphrodit, mit den Institoris-Kindern nach Venedig ins neue Hauptquartier des Templerordens. Sein schwerster Kampf steht ihm noch bevor – gegen Morgantus, den unsterblichen Alchimisten … (Verlagsinfos)
_Der Autor_
Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte u. a. ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller „Die Alchimistin“ begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wellenläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus. „Frostfeuer“ aus dem Jahr 2005 ist eigenständiger Jugendroman. Das Buch wurde mit dem internationalen Buchpreis |CORINE| ausgezeichnet.
Die erste Staffel der achtteiligen Hörspielreihe umfasst die Folgen:
1) [Der Stein der Weisen 5052
2) [Das Erbe des Gilgamesch 5155
3) [Die Katakomben von Wien 5220
4) Das Kloster im Kaukasus
Im August 2008 erschien die zweite Staffel:
5) Die Unsterbliche
6) Die Schwarze Isis
7) Der Schatz der Templer
8) Der Alte vom Berge
Weitere Titel von Kai Meyer auf |Buchwurm.info|:
[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
[„Der Brennende Schatten“ 4506 (Hörspiel)
[„Die Vatikan-Verschwörung“ 3908 (Hörspiel)
[„Die Wellenläufer“ 3247 (Hörbuch)
[„Die Muschelmagier“ 3252 (Hörbuch)
[„Die Wasserweber“ 3273 (Hörbuch)
[„Frostfeuer“ 2111 (Hörbuch)
[„Die Alchimistin“ 73
[„Das Haus des Daedalus“ 373
[„Der Schattenesser“ 2187
[„Die Fließende Königin“ 409
[„Das Buch von Eden“ 890 (Hörbuch)
[„Das Buch von Eden“ 3145
[„Der Rattenzauber“ 894
[„Faustus“ 3405
[„Seide und Schwert“ 3558 (Das Wolkenvolk 1, Hörbuch)
[„Lanze und Licht“ 4549 (Das Wolkenvolk 2, Hörbuch)
[„Drache und Diamant“ 4574 (Das Wolkenvolk 3, Hörspiel)
_Die Inszenierung_
Erzähler: Friedhelm Ptok (Ian ‚Imperator Palpatine‘ McDiarmid)
Aura Institoris: Yara Blümel-Meyers
Gillian: Claudio Maniscalo (Jimmy ‚The Haitian‘ Jean-Louis)
Christopher Institoris: Timmo Niesner (Elijah ‚Frodo‘ Wood)
Charlotte Institoris: Kerstin Sanders-Dornseif (Susan Sarandon)
Sylvette Institoris: Natalie Spinell
Lysander: Lutz Riedel (Timothy Dalton, Udo Kier, Tom Wilkinson)
Morgantus: Hans-Werner Bussinger (Michael Ironside, Jon Voight)
De Dion: Freimut Götsch (Steve Buscemi in „Monster House“)
Lascari: Friedrich Georg Beckhaus (Robert Duvall, Klaus Kinski, Sir Ian Holm)
Tess: Aliana Schmitz
Gian: Paul Gerlitz
Marie Kaldani: Katharina Bellena
Und andere.
Für Regie, Ton und Musikkomposition zeichnen Christian Hagitte und Simon Bertling vom Studio |STIL| verantwortlich. (Das Hörspiel ist daher Cornelia Bertling gewidmet, die 2007 mit 40 Jahren starb.) Die Musik spielt das Filmorchester Berlin und der Hochmeisterchor Berlin unter der Leitung von Hagitte. Die Hörspielbearbeitung stammt von Stefan Maetz. |Lübbe Audio| produzierte das Hörspiel und nicht etwa ein Rundfunksender.
_Handlung_
Gian, der siebenjährige Sohn Auras und Gillians, ist ein ungewöhnliches Kind, genau wie Tess, die Tochter Sylvettes und Lysanders. Beide können in Visionen genetische Erinnerungen sehen. Dazu gehören Tempelritter, die vor 700 Jahren lebten. Sie sehen die Burg, die sie bewohnten, und die Kämpfe bei der Spaltung des Ordens.
Während der westliche Zweig vom französischen König und dem Papst vernichtet wurde, konnten sich die Mitglieder des östlichen Zweiges in Sicherheit bringen. Doch zwei Offiziere, Lysander und Morgantus, versuchten ihre Unsterblichkeit durch schwarze Magie zu sichern, Nestor Institoris hingegen durch das Lebenskraut, wie Aura weiß.
Lysanders Burg liegt in Georgien, im Kaukasus, und dorthin unternehmen Aura und Christopher nun ihre Rettungsmission, um Sylvette zu befreien und zurückzuholen. Falls sie noch lebt. Sie haben ihre Kinder Gian und Tess bei Auras Mutter Charlotte zurückgelassen. Das erweist sich als Fehler, denn Charlotte verrät sie und setzt die Kinder gefangen. Doch mit wem ist sie im Bunde?
In Suchumi an der Küste des Schwarzen Meeres heuert Aura die Einheimische Maria Caldani als Führerin an, die mit 18 Begleitern den Geleitschutz bildet. Sie reiten zusammen in die Berge, bis sie zur achteckigen Templerburg gelangen, wo sie Lysander vermuten. Seltsamerweise stehen die Tore offen und sind unbewacht. Das sieht nach einer Falle aus. Aber auch Maria Caldani hat Besseres zu tun, als in diese Burg einzudringen, und verrät Aura und Christopher.
Die Folgen sind schrecklich.
_Mein Eindruck (Achtung, Spoiler)_
Endlich erfahren wir die Hintergrundgeschichte über die Tempelritter, ihre Spaltung und die Kämpfe zwischen den Fraktionen. Auf einmal taucht darin ein gewisser Morgantus auf, und es vergeht eine ganze Weile, bis dessen Rolle dem Hörer klargemacht worden ist. Auch Morgantus hatte die üble Angewohnheit, sich durch Inzest fortzupflanzen, aber dabei setzte er noch einen in puncto Grausamkeit drauf. Wie sich zeigt, steht er in direkter Beziehung zu Gillian und Gian.
Klar, dass man eine so wichtige Figur nicht erwähnt, ohne sie eine zentrale Rolle spielen zu lassen. Und deshalb taucht Morgantus auf Schloss Institoris an der Ostsee auf, um die Kinder Gian und Tess zu rauben, die Charlotte für ihn gefangen genommen hat. Zum Glück ahnt auch Gillian, dass im Schloss etwas oberfaul ist, und kann helfend einschreiten. In der Folge kommt es zu einem ganz schön dramatischen Showdown an einem erhabenen Ort …
Doch auch Auras Finale ist nicht ohne gewisses Drama. Christophers Tod erschien mir allerdings ziemlich an den Haaren herbeigezogen, so als hätte der Autor die Figur loswerden wollen, um sich ganz auf Aura konzentrieren zu können. Dass sie ihre Schwester Sylvette wiederfindet, ist ja eh klar; dass hier aber auch Lysander und De Dion, der frühere „Monseigneur“ auftauchen, erscheint dagegen weniger wahrscheinlich. Aber ob Aura diese Burg, die offensichtlich eine Falle ist, auch wieder zu verlassen vermag, soll hier nicht verraten werden. Doch was wäre die zweite Hälfte des Buches ohne die Hauptperson?
_Die Inszenierung_
|Die Sprecher|
Kai Meyer lobt die Darstellung Yara Blümels in höchsten Tönen, insbesondere die Übereinstimmung mit seiner Vorstellung von der Entwicklung der Heldin Aura Institoris. Mittlerweile ist sie bereits eine selbständige junge Frau von 24 oder 25 Jahren, die ihrem Stiefbruder Christopher helfen kann. In der Schweiz hat sie gezeigt, dass sie Eigeninitiative besitzt und sich zur Wehr setzen kann, nun führt sie sogar einen Generalangriff auf Lysander an. Dies ist keine Frau, die etwas anbrennen lässt, wenn man es sofort erledigen kann. Yara Blümels Stimme weiß dies genau auszudrücken. Um Aura braucht man sich wirklich keine Sorgen zu machen – es sei denn, die Geschichte verlangt es.
Timmo Niesner ist die deutsche Stimme von Elijah „Frodo“ Wood. Er bringt in seine Rolle als Christopher Institoris eine Menge Feingefühl ein, um die verschiedenen Beziehungen, in denen er sich zu Vater und Mutter, zu Schwester und Bruder befindet, entsprechend flexibel auszudrücken. Die Figuren Sylvette und Daniel spielen hingegen praktisch keine Rolle. Eine größere Rolle spielt die Sprecherin Maria Kaldanis, Katharina Bellena. Sie versucht durch einen gewissen Zungenschlag anzudeuten, dass Maria eine Ausländerin aus dem Kaukasus ist.
Im Übrigen fand ich den Text im Vergleich zu der Musik und den (spärlichen) Geräuschen viel zu leise ausgesteuert.
|Die Geräusche|
Die realistisch gestalteten Geräusche sind auf das Land und das Meer verteilt. Der Showdown im Kaukasus-Kloster der Templer erfordert eine Reihe leiser Geräusche, und wider Erwarten kommt es kaum zu einer Auseinandersetzung. Das sieht bei den Szenen in Venedig und auf der Schlossinsel ganz anders aus. Hier fallen Schüsse, ertönen Schreie, bis alles vorüber ist. Erst im Epilog hören wir wieder Wellen und Möwenschreie, die von lachen begleitet werden.
|Die Musik|
Die Musik ist neben dem Text das überragende Merkmal dieser Hörspielreihe. Christian Hagitte und Simon Bertling vom Studio |STIL| haben sich wieder richtig ins Zeug gelegt und einen Score geschaffen, der diesen Namen auch verdient. Die Musik schafft die Stimmung für jede Szene, und wer auf die Musik achtet, bekommt sofort mit, wenn sich die Stimmung ändert, so etwa bei einem Wechsel des Schauplatzes.
Aufgrund dieser vielfältigen Wechsel fällt es nicht leicht, die Musik pauschal zu charakterisieren, aber mir ist aufgefallen, dass sich die klassische Instrumentierung häufig auf der melancholischen und wehmütigen, wenn nicht sogar düsteren Seite des Farbenspektrums bewegt. Allerdings ist diese Gemütslage höchst romantisch und keineswegs morbide oder zerfahren. Daher fällt es der Musik leicht, aus dem romantischen Ton in den dramatischen Ausdruck zu wechseln.
Wird die Musik dramatisch, kann sie auch recht flott werden, besonders in Kampfszenen, von denen es nicht wenige gibt. Doch die Musik muss aufpassen, dass sie nicht die Rufe und Schreie während dieser Kampfszenen überlagert. Die Figuren sollten immer die Oberhand über die Stimmung haben, sonst erscheinen sie als Marionetten.
Das Outro erfüllt diesmal eine andere Funktion als die eines Aufräumers. Es ist ein Ausklang, der eher heiter und ruhig gestaltet ist. Er erinnerte mich an Mahlers 5. Sinfonie, wird aber von einem Klaviermotiv abgeschlossen.
Lutz Riedel verweist wie üblich auf die Fortsetzung, die den Titel „Die Unsterbliche“ trägt.
|Das Booklet|
Ein Geleitwort des Autors lobt die Darstellung Yara Blümels in höchsten Tönen, sagt aber immerhin genau, was ihm daran so gefiel, nämlich die Übereinstimmung mit seiner Vorstellung von der Entwicklung der Heldin Aura Institoris. Außerdem gefiel die Musik ausnehmend gut. Er hat jetzt Lust, die Fortsetzung zu schreiben. Wird auch Zeit!
Der Rest des Booklets liefert einen Überblick über die erste Staffel und eine Biografie des Autors.
_Unterm Strich_
Das Hörspiel versucht, den goldenen Mittelweg zwischen Edgar Allan Poes [„Der Untergang des Hauses Usher“ 2347 und einer optimistischen Entwicklungsgeschichte à la „Anne auf Green Gables“ zugehen. Damit sind schon zwei Extreme hinsichtlich Plot, Aussage und vor allem Stimmung genannt. Der Mittelweg bedeutet ein ständiges Ringen um Selbstbehauptung für die Hauptfiguren Aura und Christopher. Der Gegner ist eine Altlast der Familie, die aus der Vergangenheit ihres Familienoberhauptes Nestor stammt: Lysander (wir erfahren nicht mal seinen Nachnamen). In dieser Folge finden mehrere Erzählstränge ihren krönenden Abschluss.
Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von bekannten Schauspielern (u. a. Elijah Wood) einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Mir war die Umsetzung an vielen Stellen zu romantisch und melodramatisch, aber von einer statischen Handlung kann keine Rede sein, denn die folgerichtige Entwicklung von Auras Abenteuern im Kampf gegen Lysander und seinen Schergen ist mitreißend geschildert. Auch die romantische Liebe kommt – zumindest in der zweiten Folge – nicht zu kurz.
Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für unheimliche Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Stars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Wer jedoch mit Melodramatik absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen.
|80 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3594-7|
http://www.kai-meyer.com
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name
Der Schweizer Multimediakünstler HR Giger ist am besten bekannt für seine Kreation des Alien-Monsters in Ridley Scotts gleichnamigen Science-Fiction-Horror-Film. Sein Museum befindet sich in Gruyères in der Schweizer – und natürlich auch im Internet: http://www.hrgigermuseum.com.
Giger, laut Verlag einer der bedeutendsten modernen Künstler, wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers.
1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie „Poltergeist 2“, „Species“ und „Alien 3“. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband „ARh+“ erscheint in sieben Sprachen.
Seit Mitte der neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunstsammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamtkunstwerks.
Inhalt in der Reihenfolge der CDs:
CD #1:
Thomas Ligotti: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“
Horacio Quiroga: „Das Federkissen“
CD #2:
Leonhard Stein: „Der Vampyr“
Amelia Reynolds Long: „Der Untote“
CD #3:
Karl-Hans Strobl: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“
CD #4:
Guy de Maupassant: „Der Horla“
_Vampirric CD #1_
In der ersten Folge von HR Gigers vierteiliger „Vampirric“-Reihe finden sich folgende zwei Vampir-Geschichten: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ von Horacio Quiroga. Beide Storys liest Lutz Riedel. Die Vorworte spricht HR Giger.
|Autor #1|
Thomas Ligotti, geboren 1953, hat sich mit seiner speziellen Machart des Horrors eine treue Anhängerschaft erschrieben. Seine erste Story erschien 1981, die erste Storysammlung „Songs of a Drad Dreamer“ 1986. Obwohl das Thema meist der Gothic-Fantasy angehört, ist seine Wahrnehmungsweise vielmehr die des Surrealismus (ohne den Thesen von Breton etc. zu gehorchen): Die meisten Szenen werden durch die verzerrte Perspektive des todgeweihten Erzählers betrachtet. Genau dies trifft auch auf die vorliegende Erzählung zu. Ligotti verdankt viele Impulse dem expressionistischen deutschen Film der 1920er Jahre, so etwa „Das Kabinett des Dr. Caligari“, aber natürlich auch den Großen des Horror.
HR GIGER: „Ach, Thomas Ligotti – mein Prinz der Nacht … Lauschen wir dankbar seiner Erzählung über eine Familie, die WIRKLICH seltsam ist. Lauschen Sie und kommen sie dem Wahnsinn ein Stück näher – und näher – und näher …“
|Handlung von „Zwielicht“|
In seiner Geschichte „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ geht es um einen jungen Mann namens André, der als Maler in einem einsamen Herrenhaus am Ufer eines amerikanischen Sees lebt. Seine Nenn-Tante besorgt den Haushalt, ein alter Diener tischt auf. André hat offenbar ausgesorgt. Trotzdem macht er sich schwere Sorgen. Besuch hat sich angesagt.
Der Besuch kommt aus Frankreich, der Heimat seiner Mutter. Doch diese Duvals haben vor zwanzig Jahren seiner Mutter Leid zugefügt. Bei Andrés Geburt war sein amerikanischer Vater bereits tot, die Tante Thérèse rettete das Neugeborene und brachte es zurück in die USA. Nun fürchtet André die Verwandten, die ihn auf seine Ungefährlichkeit prüfen wollen.
Leider weiß er selbst nicht, wie es um seine Beschaffenheit bestellt ist. Er weiß nur, dass er die Wahrheit im besonderen Zwielicht gefunden – und zu malen versucht – hat, das sich auf den Wassern des Sees spiegelt. Die Nacht, als die Duvals ankommen, ist in der Tat denkwürdig, denn ein Hexensabbat ist dagegen harmlos. Danach wird André das Zwielicht hassen, kündigt es doch den Hunger der Nacht an …
|Mein Eindruck|
Lutz Riedel liest „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ in rund vierzig Minuten mit leiser, Unheil verkündender Stimme. Lange wird der Hörer auf die Folter gespannt, was denn nun mit der Hauptfigur Sache ist. Auch die historischen Exkursionen in die französische Vergangenheit neigen eher dazu, zu verwirren statt zu erhellen. Dieser Teil ist daher mehrmals zu hören. Erst dann ist das Finale in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Hier bricht das Grauen mit ungebremster Wucht über die Welt des Erzählers herein, bis er selbst transformiert ist. –
Eine Erzählung, die uns Ligotti als großen Erzähler der Zwischentöne präsentiert. Als erste Story des Vampirric-Zyklus signalisiert sie einen hohen, literarischen Anspruch. Splatterfreunde sind hier an der falschen Adresse.
Horacio Quiroga, 1878-1932, war ein urugaisch-argentinischer Erzähler, dessen Leben durch tragische Unfälle und Niederlagen geprägt war. Mehrere ihm vertraute Menschen begingen in seinem Beisein Selbstmord, und er verschuldete durch Unachtsamkeit den Tod eines Freundes. Ohne diese Biografie und die Kenntnis von Darwin, Kipling und Poe, seine Lieblingsautoren, sind seine Erzählungen kaum zu verstehen. Darin treten Menschen auf, die gegen eine überlegene Naturgewalt ankämpfen. 1917 erschienen seine „Geschichten von Liebe, Irrsinn und Tod“ (deutsch bei Suhrkamp 1985), 1921 die Sammlung „Anaconda“, deutsch als „Der Aufruhr der Schlangen“ 1985 veröffentlicht.
HR GIGER: „Mit meiner Auswahl von Geschichten in Vampirric möchte ich zeigen, dass ein Vampir in vielen verschiedenen Formen auftreten kann. Ich wette, die nun folgende kleine Geschichte wird Sie überraschen …“
|Handlung von „Das Federkissen“|
Die zweite Geschichte aus der Feder von Horacio Quiroga erzählt von einem Brautpaar, das gerade mal drei Monate verheiratet ist. Jordan und Alicia lieben einander innig, als sie in einen verwunschenen Palast einziehen, der sich zunehmend kalt und unbehaglich präsentiert. Und ungesund.
Alicia magert ab und erkrankt an Grippe. Anderntags muss sie wegen Schwäche im Bett bleiben. Während Jordan noch hofft, das werde schon wieder, verstärkt sich die Blässe von Alicias Gesicht. Sie wiederum halluziniert von einem höhnisch lachenden Menschenaffen. Alicias unerklärliche Blutarmut führt schließlich zu ihrem vorzeitigen Ableben, das Jordan untröstlich zurücklässt.
Seltsamerweise finden sich in ihrem Kopfkissen Blutflecken, auch das Gewicht des Kissens ist erstaunlich groß, und was es enthält, scheint nicht von dieser Welt zu stammen …
|Mein Eindruck|
Lange Zeit, den Großteil der 34 Minuten, wartet der Hörer vergeblich darauf, dass sich etwas Schlimmes ereignet. Doch dabei ist das Böse bereits am Werke, und zwar im titelgebenden Bettzeug. Die arme Alicia hat mich stark an Poes zum Tode kränkelnde Heldinnen erinnert, die wie seine eigene junge Frau Virginia an Tuberkulose oder ähnlichem starben. Doch die Ursache des Übels ist pures Lateinamerika.
|Der Sprecher|
Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimme von Timothy Dalton. Er zeigt hier seine herausragenden Sprecher-Qualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspiel-Serie. Lutz Riedel ist einer der besten Sprecher von Schauergeschichten à la Edgar Allan Poe. Er hat ja auch schon H. P. Lovecraft gelesen und mir damit kalte Schauer über den Rücken gejagt: „Das Ding auf der Schwelle“ und ganz besonders „Die Ratten im Gemäuer“. Sie sind beide von |LPL records| kongenial produziert worden.
|Unterm Strich|
Die Ligotti-Erzählung (ca. 40 Minuten) ist hohe literarische Kunst und wird Splatter- und Actionfreunde nicht zufrieden stellen. Das Grauen naht sich sozusagen nur aus der Erinnerung des Erzählers. Nur allmählich wird klar, dass dieser hoffnungsvolle Maler eigentlich todgeweiht ist (siehe meine Worte über den Autor) und das Potenzial in sich trägt, zu einem schrecklichen Ungeheuer erweckt zu werden – das Erbe des „alten Europa“, das er nicht abstreifen kann, befindet es sich doch in seinem Blut.
„Das Federkissen“ ist eine stimmungsvolle Geschichte (ca. 34 Minuten), die nur von einem einzigen Effekt getragen wird: der nagenden Ungewissheit und dem Ausgeliefertsein an ein namenloses Übel, das sich erst nach vollbrachter Tat offenbart. Genauso stellte sich der Autor seine eigene biografische Situation vor. Er hat seine Erfahrung in literarischer Form sublimiert und eine wirkungsvolle Erzählung geschaffen.
_Vampirric CD #2_
In der zweiten Folge von HR Giger´s „Vampirric“ finden sich die Vampir-Geschichten: „Der Vampyr“ von Leonhard Stein und „Der Untote“ von Amelia Reynolds Long. Beide Storys liest Helmut Krauss. Die Vorworte spricht wieder HR Giger.
|Autor #3|
HR GIGER über DER VAMPYR: „Zwischen 1918 und 1920 erschienen einige Erzählungen eines gewissen Leonhard Stein. Niemand weiß bis heute, wer dieser Autor war, vielleicht war der Name sogar ein Pseudonym, wer weiß. Auf jeden Fall werden Sie seine Geschichte über ein recht seltsames Arbeitsverhältnis nie vergessen, da bin ich mir sicher!“
_Erzählung Nr. 3: Handlung von „Der Vampyr“_
Den Anfang macht mit „Der Vampyr“ eine fast schon kafkaeske Horrorgeschichte, die sich auch als Parabel auf die Arbeitswelten der modernen Zivilisation lesen lässt.
Die Hauptfigur ist Herr Samassa, ein „schöner Mann“ und Genussmensch, der in der Anwaltskanzlei Dr. Herzfeld arbeitet. Er plant, demnächst die schöne Klara Gärtner zu ehelichen und eine Familie zu gründen. Privat wie beruflich dürfte ihm der Erfolg sicher sein.
Doch es soll anders kommen. Er lehnt die Annäherungsversuche der neuen Tippse ab, ist sie doch viel zu unansehnlich, schlecht gekleidet und verhärmt: ein Inbild des Misserfolgs. Zu seinem Verdruss muss er feststellen, dass sie in die Wohnung neben seiner eingezogen ist. Wie kann sie sich die denn leisten? Sie hat rotes Haar und betörende grüne Augen, die ihn, als sie im Nachthemd auftritt, in Versuchung führen. In einem Alptraum, so kommt’s ihm vor, saugt sie ihm das Blut aus den Adern. Er fühlt seltsamerweise keinen Schmerz, nur eine „tiefe Ermattung“. Schlaf und ein gutes Steak bringen Erhohlung, doch fortan wiederholt sich das nächtliche Phänomen.
Während die Tippse schön und proper gedeiht, verblasst ihr Wirt zusehends. Vergeblich bittet er um Entlassung des Vampirs, wird aber abschlägig beschieden. Nach einem Zusammenbruch bei Klara wird er ins Hospital eingeliefert. Er sieht nur einen Ausweg aus der Misere: Kurz vor seiner Hochzeit mit Klara quartiert er sie zwischen seiner Wohnung und der des Vampirs ein. Nachdem Klara den Löffel abgegeben hat, ist Samassa wieder an der Reihe. In dem Kollegen Iglseder findet er einen würdigen Nachfolger für die arme Klara.
Doch der Strom der Opfer, die er dem Vampir zuführen muss, um selbst überleben zu können, reißt nicht ab und nimmt Formen an, die eines Jack the Ripper würdig wären. Bevor er von der Polizei gestellt wird, sieht er nur noch einen Ausweg: Der Vampir muss dran glauben. Doch wie tötet man einen Unsterblichen?
|Mein Eindruck|
Der Vampir in Gestalt der hexenhaft gezeichneten Frau ist das genaue Gegenteil der wohlanständigen Heiratskandidatin Klara Gärtner, nämlich das Inbild hemmungsloser Lust und Sinnlichkeit. Diese Lust kennt jedoch keine Grenze, als wäre sie ein Traumbild. Vielmehr ist ihr Hunger unersättlich und erfordert immer neue Opfer. Bis schließlich nichts mehr ausreicht, will der Träumer Samassa nicht seine körperliche Existenz vollends verlieren. Ergo muss der Vampir sterben. Dass Samassa einen Teil von sich tötet, dürfte klar sein. Die Folgen sind dementsprechend.
Ein Hörer hat die Geschichte als Reflektion der modernen Zivilisation und ihrer Arbeitsverhältnisse interpretiert. Ein Marxist und Sozialtheoretiker könnte dies tun, würde aber dabei die psychoanalytischen Erkenntnisse eines gewissen Sigmund Freud sowie von dessen Schüler C. G. Jung außer Acht lassen. Der bekannte Wiener Arzt hat ja gerade solche Traumbilder und Extreme ebenso untersucht, wie Jung Archetypen postuliert hat. Eine rothaarige, grünäugige Frau von verlockender Sinnlichkeit und unersättlichem Blutdurst dürfte sämtliche Klischees furchterfüllter Männer mit Kastrationsangst befriedigen. So kommt man dem Kern der Sache schon näher, wie mir scheint. Und ein bajuwarisch-austriakischer Name wie Iglseder verlegt den Schauplatz sehr wahrscheinlich in die gleiche Großstadt, in der Freud wirkte: Wien.
Ähnlich wie „Der Golem“ von Gustav Meyrink oder die Romane „Nachts unter der steinernen Brücke“ und „Zwischen neun und neun“ von Leo Perutz baut die Geschichte sorgfältig ein Spannungsfeld auf zwischen Alltag und Normalität einerseits und nächtlichem Irrsinn andererseits auf. Dass diese Entwicklung in eine Katastrophe münden muss, erscheint folgerichtig. Sie spiegelt die Katastrophe des 1. Weltkriegs wider, der den Untergang der alten Monarchien zur Folge hatte.
_Erzählung Nr. 4: Amelia Reynolds Long: „Der Untote“_
|Autorin #4|
Über das Leben und Werk der Autorin Amelia Reynolds Long ist mir nichts bekannt. Ihre Geschichte folgt klassischen Mustern englischer Spukgeschichten.
HR GIGER über DER UNTOTE: „Während der Arbeit an Vampirric habe ich viel über das Thema Vampire nachgedacht – und über Blut. Ich erinnere mich an eine merkwürdige Vision während einer Autofahrt durch Zürich …“
|Handlung von „Der Untote“|
Henry Thorne erzählt seinem Besucher (und Ich-Erzähler) Michael, der der „Gesellschaft für psychologische Forschung“ angehört, zunächst von seinem verstorbenen Halbbruder, dem Baronet James Thorne, dann von seinem zurückgezogen in einem Turm des Herrenhauses lebenden Bruder George Thorne. Henry selbst hat ein nervöses Leiden, das er kuriert zu haben wünscht. Er fühle sich nämlich bedroht vom Schatten einer großen Fledermaus, von der ihm träume.
Dem Manne kann geholfen werden, denkt Michael. Er erwacht eines Nachts, erblickt auf dem Gang eine Gestalt, die in einen Lederumhang gehüllt ist und eine Laterne trägt. Vor allem ihr weißes Gesicht verstört Michael und er folgt der Gestalt, die in der Bibliothek verschwindet. Doch gleich nebenan liegt Sir Henrys Schlafzimmer. Dort beugt sich das Schattenwesen über den Schlafenden, doch Michaels Eintreten verscheucht es.
Anderntags werden zwei Tote in der Umgebung gefunden: ein Irrer und ein Junge. Handelt es sich um Opfer eines Vampirs? Michael schwant nichts Gutes und stellt dem nächtlichen Eindringling eine Falle.
|Mein Eindruck|
Die Zutaten der Kurzgeschichte von Amelia Reynolds Long sind derart klassisch, dass die Geschichte abläuft, als handle es sich um ein Uhrwerk. Allzu vorhersehbar sind die nächsten Ereignisse, als dass sie dem Kenner noch einen Anreiz bieten würden, neugierig das Ende zu erwarten. Es gibt keinerlei Überraschungen für den, der zwei und zwei zusammenzählen kann und nicht auf fünf kommt.
Selbst Helmut Krauss mit seiner charismatischen Stimme kann nicht viel mehr aus der Geschichte herausholen. Giger selbst, der Herausgeber, trägt nichts Erhellendes oder Reizvolles bei, denn seine Einleitung ist irrelevant.
|Der Sprecher|
Helmut Krauss ist seit Jahrzehnten ein viel beschäftigter Schauspieler. Sie kennen ihn als einen begnadeten Sprecher für fesselnde Hörspiele & prickelnde Literatur. In Hollywood-Filmen schenkt er Marlon Brando & Samuel L. Jackson sonore und beeindruckende Stimmen. Sein männlicher Sound lässt jeden Kino-Saal erbeben.
Helmut Krauss erweist sich als wahres Stimmwunder, wenn er nicht nur Stimmungen und Atmosphäre in seinen rauchigen, getragenen Vortrag legt, sondern er erweckt tatsächlich einen Charakter zum Leben, erschafft eine ganze Stadt um ihn herum und schickt ihm und dem Hörer dann einen fleischgewordenen Albtraum hinzu.
|Unterm Strich|
„Der Vampyr“ ist eine ganz besondere Geschichte für alle Freunde älterer Horrorkunst, die noch ohne viel Blutvergießen auskam. Giger hat hier eine echte Perle ausgegraben.
Nicht ganz so überzeugend wie die erste CD der „Vampiric“-Reihe, ist das Hörbuch doch immer noch weit jenseits der allermeisten anderen Horror-Hörbuchproduktionen und auf alle Fälle ein Kauftipp. Mit der titelgebenden Geschichte hat Giger eine wahre Meistererzählung vor dem Vergessen bewahrt. Dass „Der Untote“ den äußerst positiven Gesamteindruck schmälert, fällt da eigentlich nicht weiter ins Gewicht.
_Vampirric CD #3_
In der dritten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich nur eine Vampirgeschichte, aber die hat es in sich: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ von Karl Hans Strobl. Es liest David Nathan. Das Vorwort spricht HR Giger. „Es ist eine unvergessliche Horrorgeschichte über Gier, Wahnsinn und Alpträume, die sich jeder selber macht“, behauptet der Verlag.
|Der Autor #5|
HR GIGER: „Dieses Mal erwartet Sie bei Vampirric eine Geschichte von Karl Hans Strobl, der zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren war. Strobl, ein Österreicher, der zusammen mit Meyrink und Ewers zu den wichtigsten deutschen Phantasten des frühen 20. Jahrhunderts zählt, starb 1946. Es ist eine Geschichte über die teuflische Gier, das menschliche Übermaß und den Wahnsinn. Zu welchen Taten den Mensch ein wenig schnöder Mammon nur treiben kann! … Eine wirklich böse Story! Und ich mag böse Storys – Sie nicht auch?“
|Handlung von Erzählung Nr. 5|
„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ besteht im Wesentlichen aus den Tagebuchauszügen des Wissenschaftlers Ernest, der sich, da er bettelarm ist, auf einen äußerst merkwürdigen Deal einlässt: Die am 13.3.1913 – also wenige Jahre zuvor – verstorbene Gräfin Anna Feodorowna Wassilska hat in ihrem Testament verfügt, dass demjenigen Mann zweimal hunderttausend Franken aus ihrem Nachlass gegeben werden sollen, der es schafft, ein Jahr in ihrem marmornen Grabmal auf dem bekannten Pariser Friedhof Père Lachaise zu leben. Hier sind ja etliche Künstler begraben, darunter nicht zuletzt auch Jim Morrison.
Wir brauchen aber für Ernest, den Ich-Erzähler, keinerlei Mitleid zu hegen, denn er ist ein von sich selbst sehr überzeugter Jünger der optischen Physik. Im Grabmal schreibt er sein erstes Buch, das unter anderem auf seinen Aufzeichnungen im Grabmal basieren soll. Hier will er eine Theorie des Lichts aufstellen und untermauern. Von dem nicht unbeträchtlichen Lohn plant er eine Vortragsreise sowie einen Urlaub mit seiner Frau Margause zu finanzieren.
Um Verpflegung während des einen Jahres braucht er sich keine Sorgen zu machen. Iwan, ein „borstiger Tatar“, hässlich wie die Nacht und seiner nun toten Herrin noch immer treu ergeben, versorgt Ernest mit den exquisitesten Speisen, doch soll dies gemäß Testamentsbestimmungen der einzige Kontakt sein, den der Wissenschaftler pflegen darf. Schon bald nimmt der Leibesumfang des Grabbewohners erheblich zu. Soll er etwa gemästet werden? Der Tatar gibt keinen Piep von sich. Er erinnert Ernest lieber an die Geschichte vom nekrophilen Sergeanten, der auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll.
Doch auch das in der Gruft bestattete Frauenzimmer verdient unser Mitgefühl nicht. Ein Vamp bleibt eben ein Vamp. Die Madame Wassilska muss nach dem Bild, das Ernest uns zeichnet, nicht nur mannstoll wie Katharina die Große gewesen sein, sondern obendrein reichlich brutal und grausam. Einen Bäckerlehrling biss sie beispielsweise zweimal, so dass er lieber Reißaus nahm. Ihren Bediensteten, etwa wehrlosen Kammerzofen, trieb sie Nadeln ins Fleisch. Auf ihrem Foto fallen Ernst die ungewöhnlich „grausam weißen“ Zähne auf …
In der Gruft ereignen sich unerklärliche Phänomene. Obwohl kein Wind ging, sind Ernests zahlreiche und wohlsortierte Notizzettel durcheinander gewirbelt. Ein grünliches Leuchten geht vom Stein des eigentliches Grabes und der bronzenen Grabplatte aus – sehr interessant, gerade für einen Optophysiker. Handelt es sich etwa um Röntgenstrahlen oder gar um den mysteriösen Äther? Wirken hier intermolekulare Kräfte? Die Steinstruktur selbst scheint sich regelmäßig um Mitternacht in Gallert zu verwandeln. Der Gallert brennt auf der Haut. Das ist für Ernest aber auch nichts Neues, denn polnische Experimente im galizischen Lemberg beschreiben ein ähnliches Phänomen.
Richtig ernst wird’s für Ernest aber erst, als er nicht mehr durch den schmalen Zugang zur Gruft passt: Er ist so gemästet worden, dass er zum Gefangenen der Gruft geworden ist. Nach dem Allerseelentag stellt er fest, dass er gebissen und ausgesaugt wurde. Geradezu elend fühlt er sich, als er einen Zettel findet, auf dem eine Botschaft steht: „Der Atem der Katechana“.
Iwan verrät ihm auf seinen Drängen hin, dass es sich bei der „Katechana“ um die Gräfin handelt: „eine, die nie genug haben kann vom Opfer der Mannheit, bis jenseits des Todes“. Ernest beschleicht ein übler Verdacht: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verflüssigung der Grababdeckung, dem grünen Leuchten und den allnächtlich wiederkehrenden Bissen in seinem Hals?
|Mein Eindruck|
Na, servus! Mit Physik hat dies wohl weniger zu tun als vielmehr mit Metaphysik. Schon solche antiquierten Begriffe wie der noch um 1900 herum postulierte „Äther“ als universelles Trägermedium kennzeichnen den Wissensstand des „Helden“ als einen Physiker, der immer noch auf der Schwelle zur Metaphysik steht. Und wenn es nicht um sehr viel Geld ginge, das ihn korrumpiert, hätte er sich wohl kaum auf eine solch makabre Forschungsstätte eingelassen, die eines echten Physikers schwerlich würdig ist.
Der eng umgrenzte Raum des Grabmals ist ein exzellentes Experimentierfeld: Hier treffen zwei Zeiten und Kulturen aufeinander. An der Nahtstelle zwischen modernem Leben und uralter Totenkultur treffen sich der wissenschaftlich-rational orientierte Westen mit dem weitaus mysteriöseren Osten des europäischen Kontinents, mit den alten legenden Asiens von den Vampyri. Von diesen Wesen hat Ernst offensichtlich noch nichts gehört, denn alle seine Erklärungsversuche und haltlosen Theorien betreffen nur Bildungsbruchstücke, gehen aber an dem eigentlichen Phänomen weit vorbei. Umso genauer treffen sie den Leser bzw. Hörer, der sich allmählich seinen eigenen Reim darauf machen muss. Umso wirkungsvoller ist das Grauen, das sich im Hörer unterschwellig breitmacht.
Bereits die Charakterisierung der Gräfin sollte Ernest einen wichtigen Hinweis liefern: eine männermordende Nymphomanin mit grausamen Zügen; mit „grausam weißen“ Zähnen und „Fingern wie Klauen“. Dazu passen die klassischen Versatzstücke wie etwa die Gruft, Nekrophilie, ewiger Hunger über den Tod hinaus, Bissmale, sich zersetzende Materie, der stumme Diener, ein Todeshauch, unheimliches Leuchten und dergleichen mehr. Doch der Vampir selbst ist, wie sich zeigt, weit mehr als nur ein materielles Phänomen. Er dringt in den Verstand seines Opfers und beschwört allerlei Trugbilder.
Ernst ist jedoch beileibe kein tumbes Opferlamm. Natürlich darf zwar der actionreiche Schluss nicht verraten werden, aber der als Opfer Auserkorene weiß sich durchaus wirkungsvoll seiner lädierten Haut zu wehren. Obwohl die Ereignisse im Grabmal auf eine Krise zutreiben, so verblüfft doch das Ausmaß der nun gebotenen Action den auf sachten Grusel eingestimmten Zuhörer.
|Der Sprecher|
David Nathan ist Regisseur und gilt außerdem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Synchronstimme von Johnny Depp, „Spike“ oder Christian Bale. Auch auf den Webseiten zu den „Drei ???“ findet man seinen Namen einschlägig erwähnt. Nathan hat für LPL records bereits eine Erzählung auf der Hör-Anthologie „Necrophobia 1“ gesprochen, außerdem tritt er auf „Das Ding auf der Schwelle“ und „Der Schatten über Innsmouth“ in Erscheinung. „Das Grabmal“ wird von ihm souverän und mit einer zunehmenden Eindringlichkeit vorgetragen, der man sich nur sehr schwer entziehen kann.
Ich konnte nur einen Aussprachefehler feststellen: Müsste der Name des bekannten Physikers und Mathematikers Henri Poincaré nicht französisch statt englisch ausgesprochen werden?
|Unterm Strich|
In seinem Aufbau ist „Das Grabmal“ offensichtlich an viele der Frauenerzählungen von Edgar Allan Poe angelehnt. Ob nun die vampireske Lady Ligeia, Morella, Eleonora oder wie sie alle heißen – es ist eine unheimliche Frauengestalt, die durch ihren Bann den ihr psychisch oder emotional ausgelieferten Mann erst um den Verstand und dann um sein armseliges Leben bringen wird. Das psychische Band ist jedoch bei Strobl durch physikalische bzw. metaphysische Phänomene ersetzt, was die Story zwar moderner, aber weitaus weniger romantisch macht.
Die andere Komponente, die Poe entspricht, ist die Bemühung der Hauptfigur, all die seltsamen Phänomene, die er beobachtet oder am eigenen Leib erfährt, wegzurationalisieren (im Sinne von „ratiocination“ à la Auguste Dupin), indem er die Erkenntnisse der Naturwissenschaft anführt. Diese geistigen Waffen gegen Geister einzusetzen, erweist sich selbstverständlich (und ironischerweise) als völlig zwecklos. Die immaterielle Welt obsiegt über die kläglichen Versuche, sie mit Erkenntnissen aus der materiellen Welt zu erklären. Insofern ist diese Erzählung wiederum zutiefst romantisch.
Stellt man Modernität und Romantizismus nebeneinander, so ergibt sich der Eindruck einer Erzählung, die einer Zeit des Übergangs entspricht. Gut möglich, dass sie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand, als die alte, so wohlgeordnet erscheinende Welt der Monarchien und des Großbürgertums unter den Stiefeltritten faschistischer und kommunistischer Bewegungen verschwand. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass die Gräfin Wassilska als Vertreter eines absolut herrschenden Adels genau im Vorjahr des Kriegsausbruches das Zeitliche segnete und fortan ihre Grabinsassen als Vampir beehrt – böser Schatten einer versunkenen Welt. Adieu, belle epoque!
Das Hörbuchs inszeniert diese reichhaltige Erzählung mit angemessenen Mittels. Besonders der Sprecher David Nathan vermittelt die unterschwellige Botschaft ausgezeichnet mit seinem Vortrag.
_Vampirric CD #4_
In der vierten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich die Vampir-Geschichte „Der Horla“ von Guy de Maupassant. Es liest Torsten Michaelis. H. R. Giger spricht wie auf den vorigen CDs persönlich das Vorwort und läutet so auf seine ganz persönliche Art das Grauen ein.
|Der Autor #6|
Guy de Maupassant lebte von 1850 bis 1893. „Der aus lothringischem Adel stammende, in der Normandie aufgewachsene Maupassant war nach Jurastudium und Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Marine-, dann im Unterrichtsministerium tätig. Nach dem Erfolg der Novelle „Boule de suif“ (1880, dt. „Fettklößchen“, 1900) widmete er sich ganz der Schriftstellerei.
Die Bandbreite seiner fast 300 Novellen reicht von traditionellen schwankhaften Dreiecksgeschichten über die seit der Romantik beliebten Schauernovellen und phantastischen Erzählungen, meist tragisch endende Liebesgeschichten bis hin zu sozialkritischen Novellen. Er veröffentlichte sechs Romane, von denen „Bel Ami“ (1885) verfilmt wurde. In seinem Stilwillen und seiner Freiraum lassenden Erzählhaltung kommt Maupassant seinem literarischen Ziehvater Gustave Flaubert nahe, mit dem er auch die pessimistische Weltsicht teilt.“ (zitiert nach: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, S. 1945/46).
|Der Sprecher|
Ich kenne Torsten Michaelis als den Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.
|Handlung von Erzählung Nr. 6|
Die Geschichte folgt der Form eines Tagebuchs. Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über einen Sommer, von Mai bis September. Der Ich-Erzähler erzählt am 8. Mai von seiner ländlichen Heimat in der Nähe von Rouen, von wo er die Glocken der großen Kathedrale läuten hört. Unweit der idyllischen Ufer der Seine befindet sich der elterliche Landsitz. Auf der Seine betrachtet er die schönen Schiffe, darunter welche aus dem fernen Brasilien …
Nur wenige Tage später verspürt er eine seltsame Traurigkeit, Gereiztheit und später Fieber. Ihn beschleicht das Gefühl drohender Gefahr und er macht sich Gedanken um das „Mysterium des Unsichtbaren“: Der Mensch kann weder das unsichtbar Kleine, etwa Mikroben, noch das unendlich weit Entfernte sehen, etwa Galaxien.
Nach einem ergebnislosen Arztbesuch hat er einen Albtraum, dass ihn ein Dämon würgt, der ihm auf der Brust sitzt und den er nicht abzuschütteln vermag. Dies wiederholt sich Nacht für Nacht, bis ihn sogar tagsüber das Gefühl beschleicht, verfolgt zu werden. Wird er wahnsinnig?
Auf einer Kurreise zum Mont St. Michel erzählt ihm ein Mönch von Geisterstimmen. Nach der Rückkehr – es ist Anfang Juli – geht der Albtraum von Neuem los. Als er bemerkt, dass seine Wasserkaraffe am nächsten Morgen leer ist, fragt er sich, ob er nicht selbst ein Schlafwandler ist. Einfache Versuche mit der Karaffe bestätigen ihm jedoch, dass es ein anderes Wesen sein muss, das das Gefäß leert.
Doch welche Art von Wesen vermag zugleich unsichtbar zu sein und ihm die Lebenskraft auszusaugen?
|Mein Eindruck|
Die berühmte Erzählung thematisiert den Horror, der damit verbunden ist, dass eine unsichtbare, fremde Macht parasitär Besitz von einem Menschen ergreift und ihn zu Taten zwingt, die er gar nicht begehen will. Wohlgemerkt, hier geht es nicht nur um den Entzug von Lebenskraft, wie ihn der altbekannte, inzwischen schon heimelig wirkende Vampir praktiziert. Hier geht es vielmehr auch um die Inbesitznahme von Willen und Verstand des Opfers. Der solcherart Besessene wird quasi ferngesteuert, nur mit dem Unterschied, dass der Steuernde im Kopf seines Instrumentes sitzt.
Der Autor zieht die damals bekannten Techniken der psychischen Steuerung heran, nämlich die als Mesmerismus etc. bekannte Hypnose, insbesondere den posthypnotischen Befehl, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen. Der Erzähler wird selbst Zeuge eines solchen Psycho-Experiments an seiner Schwester, als er in Paris weilt, wo man den Dingen des Unsichtbaren normalerweise abgeklärt gegenübersteht. Als er seine eigene Notlage erklären will, um Hilfe zu erlangen, wird er daher ausgelacht.
Auf sich selbst zurückgeworfen, muss er umso angestrengter danach trachten, seinen Meister, den er inzwischen den „Horla“ nennt, zu besiegen. Sein Anstrengungen kann man einfach nur heldenhaft und einfallsreich nennen, wenn sie auch auf tragische Weise Neben-Opfer fordern. Was aber, wenn der Horla unsterblich ist und selbst den letzten Vernichtungsversuch überleben könnte?
Ein Aspekt, der in meinen Augen diese Geschichte aus dem Umfeld der Vampirstorys heraushebt, ist die Überlegung, dass der Horla a) der Nachfolger der Spezies Mensch auf der Erde ist und b) von den Sternen kommt. Beide Vorstellungen sind bislang der Science-Fiction vorbehalten geblieben, doch Maupassant hat sie bereits geäußert, lange bevor H. G. Wells 1898 seinen Invasionsroman „Krieg der Welten“ veröffentlichte, der fortan das Klischee vom Alien-Monster bestimmen sollte.
|Der Sprecher|
Manche Sprecher lesen eine Geschichte nur vor, manche aber spielen sie vor. Torsten Michaelis gehört mit „Der Horla“ zur zweiten Kategorie. Da der Schurke im Stück ja unsichtbar und quasi un(an)greifbar ist, gehört eine Menge Darstellungsvermögen dazu, die Reaktionen auf dieses Un-Wesen herauszustellen, um wenigstens auf diesem indirekten Wege den Horror, den es verbreitet, zu vermitteln. Und Michaelis gelingt dies auf sehr eindringliche Weise.
Man würde auch nicht unbedingt annehmen, dass sich die Form des Tagebuchs für eine dramatische Schilderung von Horror eignet. Doch hier ist eben der Knackpunkt: Der Horror ist rein psychologisch statt äußerlich (außer an einer Stelle). Deshalb ist es umso wirkungsvoller, dass Michaelis bestimmte Passagen im Tempo ebenso moduliert wie in der Tonlage und der Tonstärke. Mal liest er langsam, mal schnell, dann wieder leise oder laut. Auf diese Weise erzielt er nicht nur den gewünschten eindringlichen Effekt, sondern hält auch unsere Aufmerksamkeit wach.
|Unterm Strich|
Die beiden wirkungsvollsten und besten Erzählungen in der Vampirric-Reihe sind zweifellos „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ und „Der Horla“. Welche von den beiden nun die „bessere“ ist, hängt von der individuellen Vorliebe des Hörers ab. „Das Grabmal“ ist anschaulicher, szenischer aufgebaut und bedient weitaus mehr Klischees aus der Vampirliteratur.
Mit Vampiren dieser Art hat „Der Horla“ nichts am Hut. Auch die Bezeichnung „Vampir“ fällt kein einziges Mal. Und doch geht „Der Horla“ weiter als „Das Grabmal“, indem er den Horror, der von der Besessenheit durch ein Fremdwesen von den Sternen ausgeht, nicht nur zu einem globalen, aber weltimmanenten Grauen aufbauscht, sondern es sogar zu einem kosmischen Grauen à la Lovecraft ausbaut. Die Horlas werden Menschen ablösen – gibt es eine größere Horrovision? Und all dies ist mit einer Stilsicherheit erzählt und mit anschaulichen Beispielen gespickt, dass auch der Durchschnittsleser noch etwas damit anfangen kann (sofern er nicht Splatterfan ist).
Der Sprecher Torsten Michaelis macht mit seiner Präsentationskunst „Der Horla“ praktisch schon zu einem Hörspiel, und Geräusche und Musik kann man sich leicht hinzu denken, denn die Erzählung ist dafür anschaulich genug. Schaurig, so vermittelt es der Sprecher, ist auch das Finale der Novelle, wenn der Erzähler die letzte Konsequenz aus dem Erfahrenen erkennt und zieht. Das hat Klasse.
_Fazit_
Die vier CDs bieten reichlich Abwechslung in Sachen Vampirismus und Untote. Für Freunde des gepflegten Grusels dürfte dies sicherlich das Richtige sein. Lediglich die ersten beiden CDs sind etwas schwächer geraten, die CDs 3 und 4 hingegen umso besser.
Für denjenigen, der bereits die ersten Ausgaben von „Vampirric“ besitzt, bietet die Sammlerbox allenfalls Platzersparnis, denn es handelt sich lediglich um ein Repackaging der gleichen CDs in einem anderen Design, nämlich dem der |LPL-records|-Reihe: ein Dunkelrot in Kombination mit Schwarz und Gelb. Man vergleiche dies beispielsweise mit der „Necrophobia“- und „Necroscope“-Reihe.
Der Preis ist mit rund 25 Euronen angesichts dieser Recycling-Methode doch etwas happig geraten. Nur für denjenigen, der noch keine einzige Vampirric-CD hat, erscheint er wohl akzeptabel.
Buchzitat: |“Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern.“| Die Schreiberin dieser Zeilen ist entsprechend entgeistert. Zusammen mit ihrer Schwester Vera unternimmt Nadia alias Nadeschda alles, um ihren Vater vor der kommenden Katastrophe zu bewahren. Doch der ist immer noch schwer verliebt …
Die Autorin
Marina Lewycka, aus einer ukrainischen Familie stammend, wurde 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und kam mit ihren Eltern von dort aus nach England. Sie ist verheiratet, lebt in Sheffield und unterrichtet an der Universität. [„Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ 2970 ist ihr erster Roman, für den sie in England gefeiert wurde und der sich zum internationalen Bestseller entwickelte. 2007 ist ihr zweiter Roman „Caravans“ erschienen.
Die Sprecher / Die Inszenierung
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) produzierte dieses Hörspiel im Jahr 2007.
Die Sprecher und ihre Rollen
Elisabeth Trissenaar: Vera
Lena Stolze: Nadeshda
Traugott Buhre: Vater
Jeanette Spassova: Valentina
Und viele andere.
Lena Stolze (Nadeshda), 1956 geboren, stand nach ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar auf sämtlichen deutschen Bühnen. Der Durchbruch gelang ihr 1982 mit dem Kinofilm „Die weiße Rose“ , der unter anderem mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde. Eine weitere Zusammenarbeit mit Michael Verhoeven brachte ihr 1990 für „Das schreckliche Mädchen“ sogar die OSCAR-Nominierung ein. 2002 trat sie in Trottas „Rosenstraße“ neben Katja Riemann auf. Neben ihrer Schauspielkarriere gehören auch Lesungen, Moderation, Hörspiele und Features zu ihrem breiten Tätigkeitsfeld.
Elisabeth Trissenaar (Vera), geboren in Wien, absolvierte ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar. Bevor sie 1965 Fassbinder bei der Inszenierung von Handkes „Die Unvernünftigen sterben aus“ begegnete, arbeitete sie vor allem mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Hans Neuenfels, zusammen. Bei Fassbinder spielte sie Rollen in „Bolwieser“ (1977), „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) und „Berlin Alexanderplatz“ (1980). Neben zahlreichen TV-Rollen war sie zuletzt in der Verfilmung von Ingrid Nolls Roman „Kalt ist der Abendhauch“ zu sehen. Sie lebt heute in Berlin.
Traugott Buhre (Vater), 1929 geboren, ist einer der großen Charakterdarsteller des deutschsprachigen Theaters. Dem Fernsehpublikum ist er durch zahlreiche Gastauftritte in der Krimiserie „Derrick“ und in den „Tatort“-Produktionen bekannt.
Jeanette Spassova (Valentina) arbeitet vor allem als Schauspielerin. Sie ist fest im Ensemble der Berliner Volksbühne engagiert. Im Fernsehen war sie in „Des Teufels General“ (1997) und in „Dämonen“ (2000) zu sehen. Als Hörfunksprecherin hat sie sich vor allem durch das Hörspiel „Mosaik“ von Klaus Buhlert einen Namen gemacht, das 2005 zum Hörspiel des Jahres gewählt wurde.
Die Hörspielbearbeitung stammt von Claudia Kattanek, die Musik von Gerd Bessler, Regie führte Oliver Sturm. Für Ton und Technik waren André Lüer, Christian Grund und Holger Kliemchen zuständig.
Handlung
Eines Tages, als Nadeshda Majeski 47 und ihr Vater schon 84 ist, bekommt sie einen überraschenden Anruf: Vater will nochmal heiraten – kaum ist ihre Mutter zwei Jahre unter der Erde. Und was für eine Braut das ist! Valentina Dubova, 36, ist eine blonde Sexgranate mit Atombusen, frisch aus der Ukraine. Und ein Kind hat sie auch: Stanislaus. Nadeshda (= russisch für „Hoffnung“) ruft fassungslos sofort ihre ältere Schwester Vera (= Glaube) an, um zu beraten, was zu tun ist.
Doch die Schwestern sind grundverschieden und müssen sich erst einmal zusammenraufen. Vera ist realistisch und noch im Krieg geboren (also schon über 55), Nadeshda wird von Vera eine Träumerin und Weltverbesserin genannt. Vera durchschaut Valentina sofort: „Sie will bloß einen britischen Pass und dann abhauen.“ Nadeshda hofft hingegen, dass Vater in seinem Alter nochmal sein privates Glück findet, aber Vera denkt, dass es Valentina nur ums Geld geht.
Am 1. Juni findet die Trauung in einer katholischen Kirche statt, doch die Schwestern sind nicht eingeladen. Von ihrem Vater erfährt Nadeshda, dass er scharf auf Valentina und ein Kind von ihr will. Aber vorerst wohnt sie noch bei einem Nachbarn. Derweil schreibt Dad an seiner „Kurzen Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ weiter, denn er war früher technischer Zeichner in einer Traktorfabrik und hält 16 Patente.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, fährt Nadeshda von ihrer Uni in Cambridge 80 Kilometer nach Peterborough zu Daddy, um Valentina anzusehen. Mein Gott, was für ein Busen! Greller Lippenstift, gefärbte blonde Haare – sie berichtet Vera alles brühwarm. Und zu essen gab es Tiefgekühltes – würg!
Eine erste Ehekrise wegen Valentinas Geldausgaben wird noch beigelegt. Sie hat nicht nur einen Rover, sondern auch einen Lada – für ihren Bruder, sagt sie. Sie telefoniert für 700 Pfund im Monat in die Ukraine. Seine Töchter raten Mr. Majeski, das Telefon abzustellen, aber es nützt nichts. Er muss auch noch einen neuen Herd kaufen, einen braunen, keinen weißen. Vera und Nadeshda wird sonnenklar, dass sie sowohl Dad retten müssen als auch das Haus, bevor Valentina so viele Schulden aufhäuft, dass der Gerichtsvollzieher aufkreuzt.
Valentina muss weg! Sie schalten den Anwalt ein und beknien Daddy, die Scheidung einzureichen. Aber die Prozedur stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Und als auch noch Valentinas Ex-Mann Herr Dubov, selbst ein Ingenieur, auftaucht, gibt es es eine dicke Überraschung. Denn er versteht sich prächtig mit Daddy …
Mein Eindruck
Die vordergründige Handlung folgt altbekannten Mustern aus der „Frauenliteratur“ (darf man so heute überhaupt noch sagen?). Eine Ausländerin, noch dazu mit größeren weiblichen Attributen ausgestattet, will den Töchtern, die mehr oder weniger (eher weniger) zufrieden leben, ihren Daddy wegnehmen. Eh klar, dass dahinter weniger die ernsthafte Eheabsicht steht – er ist schließlich schon 84! – als vielmehr die Erschleichung von Staatsangehörigkeit und entsprechender Unterstützung von staatlicher Seite.
Dass solchem Betrug ein Riegel vorgeschoben werden muss, versteht sich ja wohl von selbst. Meint zumindest Vera, die ältere der beiden Töchter. Doch Nadja ist liberal gesinnt und nicht ohne weiteres zu einschneidenden Maßnahmen bereit. Und schließlich hat es Valentina ja offenbar nötig. Erst die weiteren Tatsachen ernüchtern sie, dass es im Leben weitaus weniger romantisch als in ihren liberalen Träumen zugeht.
All das ist derartig klischeehaft, dass ich es nicht sonderlich lustig oder gar interessant fand, egal, was die Gazetten und das Verlagsmarketing behaupten. Etwas anderes ist hingegen der Zweck des Geschehens. Da der Kampf gegen Valentina nur mit vereinten Mitteln geführt werden kann, kommen sich die zerstrittenen Töchter Vera und Nadja zunehmend näher, bis sie eines Nachts, der Gipfel der Not, zusammen im gleichen elterlichen Zimmer nächtigen. Endlich können sie sich etwas erzählen.
In den kalten Jahren
Erst hier, ziemlich spät in der Geschichte, stieß ich auf eine Hintergrundgeschichte, die das Buch erst lesenswert macht. Wie die Autorin ist auch Vera, ihr Alter Ego, eine Vertriebene. Als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Ukraine besetzten (deren Regierung mit ihnen sympathisierte), wurden bestimmte Personenkreise in KZs für Zwangsarbeiter deportiert, darunter auch Vera und ihre Eltern. Unter den Insassen herrschte eine strenge Hierarchie, die seltsamerweise von einem sechzehnjährigen Jungen beherrscht wurde: Kischka. Er ließ sich in der globalen Währung Zigaretten bezahlen, sozusagen seine Schutzgeldsteuer. Alle außer Vera zahlten. Denn deren Eltern waren Nichtraucher. Als Vera anderen Arbeitern Zigaretten stahl, wurde sie bestraft, doch dann stahl sie auch ein Päckchen aus der Jacke eines Wachmanns, und diesmal verteidigte Veras Mutter ihre Tochter. Als Folge daraus wurde beide in den Strafblock gesteckt, und der Aufenthalt dort muss so schlimm gewesen sein, dass Vera nicht darüber reden will – oder kann.
Kriegskind vs. Friedenskind
Das Fazit jedenfalls ist, dass Vera als „Kriegskind“ darauf aus ist, das festzuhalten, was sie hat, Nadja aber als „Friedenskind“ eine freigebigere Grundeinstellung an den Tag legt. Sie kann sie sich ganz einfach leisten. Jedenfalls bis Valentina auftaucht und beide Grundhaltungen auf die Probe stellt. Interessant ist deshalb die Einstellung der älteren Generation, verkörpert in dem Vater der beiden. Er ist nicht nur gegenüber Valentina nachsichtig, sondern auch gegen ihren Ex-Mann großzügig. Sein Verhalten erst beschert Valentina und Dubov – und deren Töchterchen – ein zufriedenes Eheleben mit gutem Einkommen.
Insgesamt ist der Roman also eine Lehre über Dankbarkeit, Teilen und die Angst, dadurch alles zu verlieren. In einem Einwanderungsland wie Großbritannien kommt diese Lehre sicherlich gut an, und wenn man sich die Verkaufszahlen in Deutschland anschaut, so ist zu vermuten, dass diese Botschaft auch hierzulande nicht auf taube Ohren stößt.
Die Sprecher / Die Inszenierung
Die Inszenierung des Hörspiels setzt einerseits auf die Emotionalität von Musik, andererseits versteht sie es aber auch, bestimmte Geräusche wirkungsvoll einzusetzen.
Die Musik
Man könnte sogar fast sagen, dass die Musik auf gleiche Weise wie die Geräusche eingesetzt wird. Ab und zu erklingt eine russische Melodie, doch viel öfter noch betonen ein Basslauf und eine Trommel, dass nun eine spannende Situation bevorsteht. Wenn jedoch ein Trommelwirbel ertönt, so klingt dies mehr nach Zirkusakt: Achtung, jetzt kommt etwas Besonderes! Dieser Effekt wird ganz bewusst eingesetzt. Fehlt nur noch der Auftritt des Clowns. Dies deutet an, dass die Inszenierung die Geschichte als „Comedy of manners“ inszeniert. Hier darf sich jeder zum Narren machen, besonders in Sachen Liebe, aber es gibt auch romantische Momente. Auffällig ist die völlige Abwesenheit von Musik und Geräuschen während Veras erschütternder KZ-Erzählung. Hier zollt die Tonregie dieser ernsten Geschichte ihren Respekt.
Die Geräusche
Meistens klingelt das Telefon. Und es klingelt dauernd, wenn Vera und Nadja sich etwas zu sagen haben, oder wenn sie ihren verliebten Vater zur Räson bringen wollen. Noch öfter allerdings stottert, pufft und rattert der Motor eines Traktors. Womit wir endlich beim Generalthema der Geschichte angelangt wären. Der Traktor ist als Landmaschine hier sowohl ein Symbol der Kultur- und Technikgeschichte (der alte Nikolai ist schließlich Ingenieur) als auch eine Metapher für das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft.
Arbeiten alle – wie in einer Kolchose – gut zusammen, läuft der Rhythmus der Maschine rund. Doch wehe, einer kommt mal aus dem Tritt, dann dauert es eine Weile, bis der Motor anspringt. Die Komödie darf sich erlauben, das Funktionieren auch auf die Biologie zu übertragen. Als sich erweist, dass der alte Nikolai impotent ist, springt der Motor nicht mehr an. Valentina sagt dazu in ihrer unvergleichlich unverstellten Ausdrucksweise „schluffi-schlaffi“. Recht hat sie.
Die SprecherInnen
Ich fand die Rollen alle ausgezeichnet passend besetzt. Die Vera hat einen harten, leicht habgierigen Ton in ihrer Stimme, die Nadeschda hingegen eine sanfte, etwas besorgte Ader. Ihr Vater ist keineswegs der zu erwartende Methusalem, der seine verbliebenen Hirnzellen einzeln zählen kann, sondern reichlich rüstig und voll präsent, wenn auch ganz schön verliebt. Wie zu erwarten, ist Valentina ordinär, vulgär im Ausdruck und mit einem dicken russischen Akzent gesegnet. Alle anderen Rollen spielen nur eine untergeordnete Rolle und keine davon fiel mir besonders auf.
Unterm Strich
Die Geschichte könnte sich so in zahlreichen Ländern abspielen, wo sich Wirtschaftsflüchtlinge und Asylanten nach einem neuen Leben sehnen – oder auch nur nach der Wohlfahrt. Von daher bietet sie ebenso wenig Neues wie aufgrund der Rollenbesetzung. Bemerkenswert wird die Geschichte jedoch dadurch, dass sie die vermeintlich arrivierten Bürger des Landes, das von einer ukrainischen Invasion namens Valentina Dubova heimgesucht wird, daran erinnert, dass sie selbst einst Einwanderer und Flüchtlinge waren.
Dies liefert den Anlass für einen ernst gemeinten Rückblick über Veras Zeit im Lager für Zwangsarbeiter. Vor diesem ernsten Hintergrund bekommt die ansonsten leichtfüßige Komödie der Sitten ein Fundament, das sie aus dem Durchschnitt heraushebt und dem Leser bzw. Hörer Anlass gibt, doch einmal über die Themen Teilen, Dankbarkeit, von mir aus auch Völkerverständigung nachzudenken. Spannend ist die Komödie nur mäßig, doch es gelingen ihr einige überraschende Wendungen, die in ein Happy-End münden, wie es sich gehört.
Das Hörspiel setzt voll auf die Komödienschiene. Deshalb überrascht der ernste Einschub von Veras Geschichte umso mehr und erzeugt eine Spannung, die erst wieder durch das Happy-End aufgehoben wird. Geschickt wird auch die Familiengeschichte eingeflochten – da heißt es „Ohren spitzen!“. Witzig ist der Einsatz des Motorengeräuschs eines alten Traktors (eine tongeschichtliche Ausgrabung), das eine mehrschichtige Symbolik annimmt.
Auch wenn das Hörspiel weder ein Ohrwurm noch ein akustischer Augenöffner ist, so lohnt sich doch ein zweites Anhören, allein schon, um die mehrschichtig angelegte Familiengeschichte mitzubekommen. Erst wenn man behaupten kann, all die verstreuten Puzzleteile richtig einsortiert zu haben, kann man wohl die verdichtete Präsentation der Geschichte richtig würdigen.
Originaltitel: A short history of tractors in Ukrainian, 2005
Aus dem Englischen übersetzt von Elfi Hartenstein
68 Minuten auf 1 CD http://www.hoerverlag.de
Siehe ergänzend dazu unsere [Rezension 2970 zur Buchausgabe.
England etwa hundert Jahre nach 1967. Große Städte gibt es nicht mehr, die Menschen leben in einfachen Verhältnissen wie im Mittelalter. Sie dienen den dreibeinigen Herrschern mit einer fanatischen Begeisterung, die mit der „Weihe“ zum 14. Lebensjahr beginnt.
Der 13-jährige Will beobachtet, dass sich sein Freund Jack nach diesem Ritus eigenartig verändert hat. Als ein „Wanderer“ in sein Dorf kommt und von den letzten, frei denkenden Menschen in den Weißen Bergen (= Alpen) erzählt, flieht Will vor seiner eigenen Weihe. Er findet zwei Gefährten und macht sich auf den weiten und gefahrenreichen Weg in die Weiße Berge. Werden ihn die dreibeinigen Herrscher aufhalten?
Der Autor
John Christopher, Jahrgang 1922, schreibt seit 1949 Romane, die weltweit übersetzt und verfilmt wurden. 1976 erhielt er den Deutschen Literaturpreis für „Die Wächter“ („The Guardians“). „The Tripods“ wurde u. a. ausgezeichnet mit dem NEBULA-Award und dem Preis der Zeitung |The Guardian|. Kultstatus erlangten die „Tripods“ nicht zuletzt durch die BBC-Fernsehserie in den frühen 80er Jahren. Eine Kinoneuverfilmung unter der Regie von Gregor Jordan ist in Planung.
1) Dreibeinige Monster auf Erdkurs
2) Das Geheimnis der dreibeinigen Monster
3) Der Untergang der dreibeinigen Monster
Der Komponist
Ken Freeman begann seine musikalische Karriere im Alter von 16 Jahren. In den 1960er Jahren lernte er so viel über Elektronik, dass er kurz darauf seinen eigenen Synthesizer entwarf. 1976 arbeitete er mit dem Produzenten Jeff Wayne an einer Adaption von H.G. Wells‘ [„Krieg der Welten“. 1475 Danach komponierte er fürs Fernsehen. Seine Musik für einen BMW-Werbespot erregte die Aufmerksamkeit des TV-Produzenten Richard Bates, der Freeman als Komponisten für die neu geplante TV-Serie „The Tripods“ (s. o.) engagierte. Mehr Info: http://www.topnote.co.uk (ohne Gewähr).
Die Tonbearbeitung erfolgte durch Patrick Ehrlich vom studio__wort, Berlin. Bearbeitung und Regie lagen in den Händen von Dirk Kauffels.
Der Sprecher
Torsten Michaelis, Jahrgang 1961, spielt Theater (u. a. am Deutschen Theater und am Carrousel-Theater in Berlin), arbeitet als Synchronsprecher und -regisseur (u. a. an „CSI Miami“) und dreht Fernseh- und Kinofilme (u. a. 2004 „NVA“ von Leander Haußmann). Bekannt wurde er vor allem als deutsche Stimme von Wesley Snipes.
Durch seine Palette an verschiedenen Klangfarben setzt man ihn für die unterschiedlichsten Synchronrollen ein. Seit seinem 7. Lebensjahr leiht er den Film- und Fernsehfiguren seine Stimme, u. a. in „Das 5. Element“, „Leaving Las Vegas“, „Species“, „Charmed“, „Jackie Brown“, „Armee der Finsternis“, „The Stand“, „Star Trek“, „True Lies“, „Nip Tuck“ und natürlich „Blade“ (mit Wesley Snipes). Nebenbei ist Michaelis als Hörbuch-Interpret tätig.
Handlung
Jahre nach der Eroberung der Erde durch die dreibeinigen Herrscher trifft sich Will Parker, 13, wieder mal mit seinem besten Freund Jack. Es ist ein sonniger Samstag im Mai. In den Ruinen am Stadtrand will er ihm die seltene Armbanduhr, die Will seinem Vater entwendet hat, zeigen. Klar, dass der fiese Vetter Henry sie nicht sehen darf, denn er würde Will garantiert verpfeifen. Will läuft weg, stürzt und schon ist das Malheur passiert: Henry sieht die kostbare Uhr und nimmt sie an sich. In einem harten Fight kann der hinzugekommene Jack die beiden Streithähne auseinanderbringen und die Uhr zurückerobern. Er schickt den jüngeren Henry weg und hilft Will beim Zurückgeben der Uhr. Alles geht gut. Will fragt sich, ob er in einer Woche immer noch einen so guten Freund in Jack haben wird. Denn dann findet die Weihe statt.
Die alte Zeit
Jack hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht. Er könnte durch die Weihe ein Wanderer werden, denn bei diesen schlug die Weihe fehl. Die Kappe, die einem die dreibeinigen Herrscher aufsetzen, soll ja schützen. Aber vor was? Nur bei jedem Zwanzigsten versagt sie, und dann wird aus dem Geweihten ein Wanderer, natürlich ohne Kappe. Wanderer seien melancholisch, vielleicht sogar geistesgestört, heißt es. Was war das wohl für eine Zeit vor den dreibeinigen Herrscher, als die Menschen so wunderbare Dinge wie die Uhr von Wills Vater erschaffen konnten? Mittlerweile wird es das Schwarze Zeitalter genannt. Aber warum? Einmal hat Jack an der Meeresküste das Wrack eines Schiffes gesehen, das viel größer war als ganz Alton, Jacks und Wills Dorf. Jene Menschen müssen also großartige Dinge geschaffen haben. Warum sind sie dann den Tripods unterlegen?
Die Weihe
Es ist Juni, der Heumond, in Alton. Heute findet Jacks Weihe statt. Jack, Will, der Geistliche und andere warten auf das Erscheinen des dreibeinigen Herrschers. In einem Jahr werden auch Will und Henry an dieser Stelle warten. Und da kommt er auch, riesig hoch, einen langen Schatten werfend. Auch Sir Geoffrey, der alte Graf von Alton, verbeugt sich. Ein langer metallener Tentakel ergreift Jack und hebt ihn ins Innere der Kugel, die über den drei langen Beinen sitzt. Stunden später wird Jack zurückgebracht, auf seinem kahlrasierten Schädel sitzt das Metallgeflecht der Kappe, welche er bis zu seinem Tod tragen wird. Als Will zwei Tage später Jack alleine sprechen kann, antwortet dieser ruhig und monoton, es sei alles Unsinn gewesen, was er über die alte Zeit gesagt habe. Will ist enttäuscht.
Ozzy Mandy
Eines Tages taucht im Dorf ein besonderer Wanderer auf. Er nennt sich Ozzy Mandy und König des Reiches, singt an den Wegkreuzungen und erringt dadurch Wills besonderes Interesse. Obwohl sein Vater dies gar nicht gern sieht, gelingt es Will drei Tage später, Ozzy in den Ruinen zu treffen. Ozzy hat viele Antworten auf Wills Fragen und schließlich verrät er ihm sogar, dass er gar kein Wanderer sei, sondern ein FREIER MENSCH. Wahnsinn, denkt Will. Ozzy erzählt, dass die Tripoden wahrscheinlich von einer anderen Welt kommen und die Menschen in einem großen Krieg mit vielen Toten unterworfen haben. Und die Unterwerfung setzten sie jetzt immer noch mit Hilfe der Kappen fort. Diese programmieren ihre Untertanen zu Gehorsam und Zufriedenheit. In den Weißen Bergen im Süden jedoch leben FREIE MENSCHEN, wie Ozzy einer ist. Sein Auftrag bestünde darin, Ungeweihte wie Will zu finden und in die Weißen Berge zu schicken. Er gibt ihm einen Kompass und eine Landkarte.
Aufbruch
Zwei Wochen vergehen nach Ozzys Verschwinden. Will brennt darauf abzuhauen, doch nachdem Henrys Mutter gestorben ist, wird er in seinen Haushalt aufgenommen, so dass sich Will sehr vor ihm in Acht nehmen muss. In einer Vollmondnacht riskiert er den Aufbruch und holt seine Vorräte. Da überrascht ihn Henry. Es kommt zu einem Kampf, nach dessen Ende sich Will gezwungen sieht, Henry mitzunehmen, will er nicht sofort gejagt werden.
Schon bald zeigt sich, wie richtig Wills Entscheidung war, Henry mitzunehmen. Alleine läge er schon längst mit gebrochenem Fuß irgendwo im Regen und würde sich eine Lungenentzündung holen. Zusammen schaffen sie es jedoch bis an die Südküste. Im Hafen von Romney rettet Kapitän Curtis die Jungs davor, von Kapitän Rowley schanghait zu werden, und nimmt sie auf seinem Schiff mit. Bei der Überfahrt in das Land jenseits des Meeres tauchen jedoch sechs riesige Tripoden auf, die mit ihren Metallbeinen enorme Wellen erzeugen und das kleine Schiff fast zum Kentern bringen. Doch sie lassen es unbehelligt, denn die beiden Ausreißer sind gut versteckt.
Jenseits des Meeres
An der Küste des anderen Landes – Namen wie „Frankreich“ sind schon längst vergessen – ermahnt sie Kapitän Curtis, Menschen aus dem Weg zu gehen. Allerdings kommen sie nicht weit. Schon hat sie ein treuer Untertan der Tripoden am Schlafittchen und steckt sie zusammen in den Keller der nächsten Kneipe. In der Nacht kommt ein Junge in Wills Alter an ihre Tür und entriegelt sie. Er hat sie beobachtet durch das seltsame Gestell, das er auf der Nase trägt und als „Brille“ bezeichnet. Er ist sehr scharfsinnig, kann sogar ein wenig Englisch sprechen. Und das Allerbeste: Wenn sie ihn mitnehmen, lässt er sie frei. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen, denn wie Kapitän Curtis sie ermahnte, sollen sie Erwachsene meiden, denn die seien alle von den Tripoden gesteuert.
Zusammen machen sich Will und Henry mit ihrem neuen Freund Bienpaul nachts in die Felder davon, nicht ohne ein paar Vorräte eingesackt zu haben, versteht sich. Aufregende Abenteuer erwarten sie, unbekannte Menschen und viele seltsame Anblicke. Doch werden die Tripoden sie wirklich bis zu den Weißen Bergen gelangen lassen?
Mein Eindruck
Klingt das nicht ein wenig nach der Story von „Stand by me“? Nein, nicht ganz. Es gibt am Ende der Reise keine Leiche zu finden, geschweige denn sie zu verteidigen. Und es gilt auch keine eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten „with a little help from my friends“ zu überwinden – na ja, schon ein bisschen, denn das ist ja der Sinn des Abenteuers. Aber das Hauptthema der Geschichte ist der Ausbruch aus dem geistigen Gefängnis, in das die dreibeinigen Herrscher, die Tripoden, die Menschheit gezwungen haben. Und der zweite Schritt besteht im Eintritt in die Zone der FREIEN MENSCHEN, was die endgültige Befreiung aus dem genannten Geistesgefängnis bedeuten würde.
Der Preis der Freiheit
Nachdem sich die drei Gefährten zusammengefunden und -gerauft haben, stellt ihnen die neue Gesellschaft, die sie im ehemaligen Frankreich vorfinden, eine gewaltige Falle. Es kommt also darauf an, sie rechtzeitig zu erkennen und ihr zu entgehen. Leichter gesagt als getan. Die Freiheit durch einfaches Abhauen zu erlangen, wäre ja viel zu einfach und auch jenseits aller Wahrscheinlichkeit in einem Land, das von den Tripoden und ihren bekappten Untertanen beherrscht wird. Nein, es gilt die Freiheit zu erkämpfen, damit sie überhaupt etwas von Wert ist.
Die Fallen
Die erste Falle besteht in Dankbarkeit. Will ist der Gräfin de la tour rouge dankbar dafür, dass sie ihn vor dem Tod durch Krankheit bewahrt hat. Sie versorgt ihn und seine Freunde. Die zweite Falle besteht in der Liebe. Will verliebt sich in die gräfliche Tochter Heloise, die ihn während seines Fiebers gepflegt hat. Die dritte Falle besteht in der Selbsttäuschung, andere Menschen – wie die liebe Heloise – verfügten über die gleiche Willensfreiheit wie Will selbst. In einer einprägsamen Szene begeht Will einen großen Tabubruch, indem er Heloises Kappe enthüllt.
Die vierte Falle besteht in dem Angebotsköder, in die Ränge der Adligen aufgenommen und so der Gräfin und Heloise gleichgestellt zu werden. Will braucht lediglich in die Adoption einzuwilligen und die Weihe anzunehmen. Doch diese Abkürzung zu immerwährender Gesundheit und der Liebe an Heloises Seite, wenn nicht sogar Reichtum, ist keine Wahlmöglichkeit, die Will, der Bauerntrampel, annehmen möchte.
Die fünfte Falle besteht im Verrat der eigenen Gefährten, wie könnte es auch anders sein. Nach ein paar Tagen der Flucht aus der Obhut der französischen Adligen wundern sich die drei Gefährten, warum die Tripoden in der Lage sind, ihnen zu folgen. Die tun dies zwar mit gehörigem Abstand, aber dennoch so beharrlich und zielsicher, dass es verdächtig erscheint. Ganz besonders dann, wenn sich die Gefährten sorgfältig verstecken. Der Verdacht fällt auf denjenigen unter ihnen, der als letzter zu ihnen stieß: Will. Und richtig: Er hat ihnen etwas Wichtiges verschwiegen.
Die sechste Falle ist natürlich der rein körperliche Widerstand, den die Tripoden den Flüchtigen entgegensetzen. Dagegen helfen nur Handgranaten und ein gutes Versteck. Doch auch danach darf man sich nicht zu früh freuen …
Die neue Welt
Wills Welt ist auf die wirtschaftliche Ebene des Mittelalters zurückgefallen. Nur Artefakte wie die väterliche Armbanduhr erinnern noch an vergangene Zeiten, in der die Technik herrschte. Es gibt eine von Pferden über alte Schienen gezogene Bahn – das Maximum an Technik. Die Zeit, aus der die alte Technik stammt, ist nicht von ungefähr genau unsere Zeit bzw. die Zeit um 1967, also vor 41 Jahren.
Der Autor warnt indirekt vor einem Rückfall auf ein niedrigeres Kulturniveau. Mal angenommen, nicht die Außerirdischen hätten die Menschheit vernichtet, sondern diese sich in einem Atomkrieg selbst. Das Ergebnis käme dem, was die Jungs vorfinden, ziemlich nahe. Die Warnung dürfte ziemlich klar sein, ist aber für einen SF-Leser nichts Besonderes. In der SF finden sich solche [Menetekel]http://de.wikipedia.org/wiki/Menetekel allenthalben.
Das gesellschaftliche Niveau ist der mittelalterlichen Kultur angemessen: In dem vormaligen Frankreich herrscht ein König von Tripods Gnaden, und mit ihm seine Adligen, denen das Land als Treuhändern gehört. Das ist Feudalismus in Reinkultur. Kein Wunder, dass es auch Ritterturniere gibt, auf denen Festköniginnen gekrönt werden.
Die vergangene Welt
Die drei Gefährten gelangen in das verwüstete und verfallende Paris. So etwas hat Will noch nie gesehen, noch nicht mal für möglich gehalten: eine einzige Stadt, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Keine Menschen leben hier in den Ruinen, wie sie es noch in John Wyndhams Klassiker [„Die Triffids“ 4281 tun konnten, sozusagen als Jäger und Sammler. Nein, hier lebt nur das Wild – und dessen tierische Jäger. Es ist eine Szenerie wie aus [„I am Legend“,]http://www.powermetal.de/video/review-1376.html dem neuen SF-Schocker mit Will Smith. Nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht einmal mehr Mutanten gibt. Die Tripoden haben schon dafür gesorgt. Will & Co. müssen vor den Raubtieren abhauen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Menschen nicht mehr Herr der Welt ist.
Die Welt der Zukunft
Noch verstecken sich die Freien Menschen in den tiefen Tunnels, die ihre Ahnen in die Schweizer Berge gebuddelt und gebohrt haben. Dorthin können ihnen offenbar die Tripoden nicht folgen, und so bieten die Tunnels guten Schutz gegen die Unterdrücker. Aber so schön ein freier Ausblick auf den Genfer See auch sein mag, so unfrei ist doch der Rest der Welt. Es ist offensichtlich eine Aufgabe der Freien Menschen, den Rest der Menschheit aus seiner mehr oder weniger freiwilligen Versklavung zu befreien. Doch wer soll der neue Moses und Widerstandskämpfer sein? Dreimal darf man raten, welche Pläne der Autor mit Will Parker hat.
Das Booklet
… umfasst die oben angeführten Informationen über Sprecher, Komponist und Autor sowie die Credits. Zusätzlich findet sich noch eine Notiz über die Beweggründe, die John Christopher veranlassten, „The Tripods“ zu schreiben. Er war davor ein Autor von Erwachsenenromanen gewesen, wurde aber von seinem Verleger nach einem „vernünftigen Jugendbuch mit Science-Fiction-Thematik“ gefragt. Er überlegte sich, was an SF denn noch interessant sein könnte und entwarf eine Invasion, die zu einem neuen Mittelalter führen würde. Mit Letzterem kannte er sich aus, und zum Thema Invasionen brauchte man bloß H. G. Wells‘ Roman „Krieg der Welten“ von 1898 lesen. Gerade die Kombination von futuristischen Herrschern in einem mittelalterlichen, monarchistisch geprägten Europa zeichnet die Tripod-Bücher aus, denn so sind sie für jeden Leser verständlich.
Die Inszenierung
Bei dieser Version des Textes handelt es sich um eine inszenierte Lesung mit Geräuschen und Musik. Ich stelle die einzelnen Komponenten vor und beurteile sie.
Der Sprecher
Torsten Michaelis ist zwar kein Stimmkünstler wie Rufus Beck – das kann ja auch nicht jeder sein. Aber es gelingt ihm, bestimmte Figuren durch deren Sprechweise zu charakterisieren. So redet der „geweihte“ Jack ruhig und monoton statt wie zuvor lebhaft und abwechslungsreich. Ozzy, der freie Wanderer, ist ein kuriose Figur, denn er spricht viel in rhythmischen Versen und zitiert salbungsvoll aus der Bibel. Das klingt gestelzt und soll auch unnatürlich und gewöhnlich wirken.
Der Junge, der sich Bienpaul nennt, spricht stets mit einem französelnden Akzent, so dass sich der Unterschied zu Will und Henry immer wieder ergibt. Ein weiterer Kontrast entsteht durch Wills Begegnung mit der süßen Heloise. Ihre Stimme ist ein wenig höher intoniert als die der Jungen, und häufig flüstert sie mit Will über vertrauliche Dinge.
Geräusche
Die Geräuschkulisse beschränkt sich auf das Notwendigste, aber das ist immerhin mehr als gar keine. Im Wald hören wir die Vöglein zwitschern, besonders häufig in idyllischen Szenen. Wie beim Auszug der Hobbits aus dem Auenland trappeln die Pferde der Verfolger ähnlich unheilverkündend. An der Küste kreischen die Möwen, versteht sich. Die Pferdebahn macht sich durch ein Rollgeräusch bemerkbar.
Bei ihren Abenteuern in den Pariser Metro-Tunneln testen die Freunde ein paar Handgranaten – bäng! Und dieses Geräusch wiederholt sich, als sie diese Waffe tatsächlich gegen die angreifenden Tripoden einsetzen müssen – bäng, bäng! Eine bemerkenswerte Abwechslung bildet das Turnier der Gräfin. Hier hören wir eine Fanfare (der Musik) und einen Trommelwirbel.
Die Geräusche überdecken niemals den Vortrag, und nur ab und zu werden sie zwecks erhöhter Wirkung – etwa beim Turnier – mit der Musik kombiniert. Der Vortrag bleibt also stets klar verständlich.
Musik
Ken Freemans Musik beschränkt sich nicht nur auf eingängige dynamische oder atmosphärische Kompositionen, sondern trägt auch eine Menge Sounds bei, die nur unterschwellig auf das Gehör des Zuhörers wirken. Sie steuern die Emotionen subtiler, etwa indem sie eine bedrohliche Stimmung durch einen tiefen Basston erzeugen. Hin und wieder ist auch eine Fanfare zu vernehmen oder eine Art Geheul.
Sicherlich hat sich der Leser schon gefragt, ob denn die Tripoden einen Laut von sich geben, so wie die marsianischen Eroberer in der Musicalversion von H. G. Wells‘ Roman „Krieg der Welten“. Diese kreischen ein unheimliches „uu-lah!“, als es mit ihnen zu Ende geht, vernichtet von irdischen Mikroben. Doch derartige Eloquenz ist Christophers Tripoden völlig fremd. Sie schweigen die ganze Zeit. Das macht es dem Komponisten zur Aufgabe, sie wenigstens mit Sounds zu einer akustischen Präsenz zu zwingen.
Am Schluss ist dem Hörbuch noch ein „Bonustrack“ beigefügt, der Freemans Kunst noch einmal belegen soll. Sei’s drum. Seine Musik fand ich zwar aufgrund ihrer elektronischen Erzeugung ganz passend zu den Tripoden, aber umgehauen hat mich nichts davon. Und das, obwohl ich Elektrobands wie die Art-Rocker Emerson, Lake & Palmer oder Yes mag. Wenigstens ist Freeman nicht so kitschig-süßlich wie der „Blade Runner“-Soundtrack von Vangelis.
Unterm Strich
Aufgrund meiner Inhaltsangabe dürfte sich jetzt so mancher Leser wundern, wie denn der Titel „Dreibeinige Monster auf Erdkurs“ dazu passt, dass die Tripoden auf der Erde bereits die Herrschaft übernommen haben. Das frage ich mich allerdings auch und kann nur darauf verweisen, dass es sich um eine ganze Serie handelt, die in den drei Hörbüchern nur in einem schmalen Ausschnitt präsentiert wird.
Das Alter und Geschlecht der Hauptfiguren liefert einen deutlichen Hinweis, dass diese Bücher für dreizehnjährige Jungs gedacht sind. Als diese Bücher geschrieben wurden, sahen sich die Autoren noch nicht veranlasst, für beide Geschlechter zu schreiben – Jungsbücher waren eben für Jungs, und für Mädchen gab was anderes, aber ohne Monster. Basta! Das niedrige Lesealter verbot es dem Autor offenbar, ein schrecklicheres Szenario zu entwerfen, das ich für weitaus wahrscheinlicher halten würde.
Was der relativ abwechslungsreichen Geschichte Wills noch fehlt, ist eine Vorgeschichte. Wir erfahren nicht, auf welche Weise es den Tripoden gelang, die Menschen zu besiegen, geschweige denn, warum diese Metalldinger überhaupt zur Erde gelangen wollten. Denn es ist wohl kaum der Lebensraum, den sie hier finden und den sie vielleicht auf ihrer Heimatwelt verloren haben könnten. Metallmonster brauchen keinen Lebensraum, da sie künstliche Maschinen sind. Wer steuert diese Dinger und was fangen sie mit der Erde und den Menschen an? Viele Fragen, die einer Antwort harren. Diesbezüglich lässt uns das Abenteuer etwas unzufrieden zurück.
Das Hörbuch ist als inszenierte Lesung relativ aufwendig gestaltet. Hinsichtlich Sprecher, Geräuschen und Musik hat sich der Verlag Mühe gegeben. Auch das Booklet ist informativ gestaltet. Darüber kann man also nicht meckern.
Hinweis
Eine Auswahl an weiterführenden Internetadressen findet sich im Booklet (alle ohne Gewähr)
Originaltitel: Tripods 1, 1967
Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Schaller, neu bearbeitet und aktualisiert von Sabine Rahn
270 Minuten auf 4 CDs http://www.patmos.de|
Siehe ergänzend dazu die [Rezension 3727 von Dr. Bianca Altvater zur Hörbuch-Trilogie.
Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neuprogrammierten Sprösslinge von Robotern, klar? Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können. Märchenhaft.
Hinweise zur Bezeichnung: „Bleichlinge, Weiche, Bleiche“ usw. sind Menschen. Alle anderen sind Roboter, also die Silbrigen, Eisernen und Kupfernen, ja, sogar die, die unter Wasser leben, wie König Hydrops und sein Volk. Tja, und dann gibt es noch den Großen Kosmogonischen Konstrukteur. Über den gibt es viele Theorien und wenig Wissen. Deshalb kommt er nur in Märchen vor. Oder dergleichen.
Der Autor
Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.
Wichtige weitere Bücher Lems:
Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Sterntagebücher, 1959/1971
Der futurologische Kongress, 1971
Der Sprecher
Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover, den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.
Der Regisseur
Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.
Die zwölf Märchen
I) Drei Elektritter
Es war einmal ein genialer Konstrukteur, der schuf nicht nur viele geniale Kleinodien an Maschinen, sondern auch ein ganzes Volk, die Kryoniden. Auf deren ruhmreiche Schätze hatten es aber etliche Raubritter abgesehen. Der erste davon war der Messinger, danach kamen der Eiserne und der Quarzer. Diese drei Elektritter abzuwehren, oblag den Feldmarschällen und Obersten der Kryoniden: Boreal, Albucid und Ohroaster. Doch den Quarzer abzuwehren, gelang nur dem Weisen Baryon, der eine raffinierte List einsetzte.
II) Die Uranohren
Ein wahrlich traurige Fabel! Einst war es dem großen Konstrukteur gelungen, zusammen mit seinem „Zauberlehrling“ Sonnen und Planeten zu erschaffen, darunter auch den Planeten Aktinurioa, auf dem das Reich der Palatiniden entstand, das von einem bösen Tyrannen namens Archithor beherrscht wurde.
Sonder Zahl waren die Aufstände und Rebellen, die versuchten, sein Joch abzuwerfen. Doch weil die einfachen Bewohner allesamt radioaktiv waren und, um das Zustandekommen einer kritischen Masse samt Kettenreaktion zu vermeiden, ihre Köpfe nicht zusammenstecken konnten, flog jede Vorbereitung eines Aufstands auf.
Der wichtigste Rebell war Pyron, doch den steckte Archithor in seinen tiefsten Kerker, wo er elendiglich verschmachten musste. Davon hörte endlich der Große Kosmogonische Konstrukteur und kam dem unterdrückten Volk zu Hilfe.
III) Erg Selbsterreg überwindet den Bleichling
König Schlagenot sammelt Kuriositäten und ist mächtig stolz auf sie. Ständig denkt er über Neuerwerbungen nach. Also ruft er den Elektrowisser Halazon herbei. Der schlägt ihm einen lebenden Antrobus aus dem Zwischensternreich vor, den er für ihn fangen wolle. Gesagt, getan! Der König lässt bereits einen Käfig errichten, in den alsbald der gefangene Antrobus gesteckt wird. Dieser Bleichling, der mit einer edlen Maschine keinerlei Ähnlichkeit aufweist, ist von ekelerregender Widerwärtigkeit.
Doch Prinzessin Elektrina, die ein klein wenig unterbelichtet ist, freundet sich mit ihm an, weil er gar so exotisch ist. Sie will von ihm einen Zahn haben, denn so etwas kennt sie nicht. Doch der Bleichling verlangt von ihr im Tausch ihren goldenen Schlüssel, mit dem sie jeden Morgen aufgezogen wird. Vertrauensselig überreicht sie ihm das lebenswichtige Werkzeug. Doch er betrügt sie, und nach Ablauf ihrer Feder fällt sie um.
Nun ist guter Rat teuer. Denn für den Schlüssel verlangt der Bleichling ein Raumschiff, das ihn zu seiner Heimat bringe. Das bekommt er, doch er nimmt den Schlüssel mit – zur Rache! Wer kann nun die schlafende Prinzessin erwecken? Der König, nicht faul, verkündet, derjenige Ritter, der ihm den Schlüssel beschafft oder den Bleichling, solle die Hand der Prinzessin erhalten und den Thron erben.
Viele Scharlatane folgen Schlagenots Ruf, doch nur einer, der quecksilbrige Erg Selbsterreg, vermag die holde Elektrina zu erwecken, auf geniale Weise.
IV) Die Schätze des Königs Biskalar
König Biskalar behauptet stolz, es gebe nichts mehr, dass er nicht schon besäße. Dieser Stolz fordert den Konstrukteur Kreazius heraus. Er lässt sich die Schatzliste geben und eine Prise Sand. Diesen verwandelt er in ein neuartiges Kleinod – und verwandelt es in Sand zurück. Der König ist darob sehr erbost und befielt Kreazius, ihm das Radium-Ei aus seiner tiefsten Schatzkammer zu bringen.
Doch Kreazius verfügt über ein Döschen winziger Assistenten, die ihm nicht nur helfen, zahllose Wächter, sondern auch die raffiniertesten und tödlichsten Schlösser zu überwinden. Wütend deportiert Biskalar den Konstrukteur auf einen Wüstenplaneten, auf dass er von dort zurückfinden möge. Erschreckt stellt Kreazius fest, dass ihm die königlichen Handlanger sein Döschen stibitzt haben. Was nun? Doch erst die dritte Aufgabe stellt Kreazius‘ Fähigkeiten auf eine harte Probe.
V) Zwei Ungeheuer
Es waren einmal drei Städte der Argenser, der Silbrigen. Sie wurden von der Dynastie der Energer beherrscht. Noch können sie die Invasion der Siderianer abwehren, doch Schlimmeres wird prophezeit: Dereinst würden zwei Ungeheuer die Argenser vernichten. König Inhiston lässt seine Vielwisser kommen und befielt Maßnahmen. Der Groß-Archidynamikus, der Groß-Kyberneur und der Groß-Abstraktor stecken die Köpfe zusammen.
Gegen das erste Ungeheuer, das den ganzen Planeten verwüstet, bauen die Weisen drei Ritter: den Kupfernen, einen Riesen; den Quickkopf, einen Vielgestaltigen; und etwas, das der Groß-Abstraktor verborgen hält. Und als dessen Zeit gekommen ist, da entpuppt er sich als Antimaterie. Doch weh und ach! Der Ungeheuer entstanden viele auf einem alten Schrottfriedhof, und der Untergang des Energerreiches war nahe.
Da entsann sich der König der prophetischen Inschrift auf seinem Zepter, zerbrach’s und las die leuchtende Schrift an der Wand. Hinter all dem steckte der schlimmste Feind der Maschinen: der Mensch. Da ward König Inhiston sehr traurig und bitter und befahl das Einzige, was zu tun übrig blieb.
VI) Der weiße Tod
Der Planet Aragena ist nicht von Städten bedeckt, sondern nach innen, in die Tiefe ausgebaut, wo es vor Edelsteinen und Spiegeln wimmelt. Solcherart versteckt sich das listige Volk der Enteralen vor seinen Feinden. König Metamerius aber besteht aus Milliarden von Gliedern, in deren erstem jeweils der Verstand wohnt. Er stammt von den Aurigonen ab, deren Erzfeinde von jeher die Weichen oder Bleichen gewesen sind. Seit Jahrtausenden wacht Metamerius und schützt sein Volk vor den Verfolgungen der Bleichen, und seine Raumgegend wird gemieden.
Doch eines Tages zerschellt ein Raumschiff vor einem Höhleneingang der Enteralen. Man zerrt das harmlos aussehende Schiff in eine Höhle und öffnet vorsichtig eine Hülle nach der anderen. Das letzte Türschloss muss mit einem Wort geöffnet werden. Eingedenk uralter Legenden erinnert sich Metamerius, dass es „Rache“ lautet.
Das Schiff ist tot und leer, auf dem Boden schwimmt nur eine rote Pfütze, daneben liegen Kleiderfetzen. Doch weh! „Das Rot ist des Weißen Todes Lebenselixier!“ Eilig befielt der umsichtige König die sofortige Zerstörung und Atomisierung des Schiffes. Zu spät! Eine Spore des Weißen Todes ist der Sterilisation entkommen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf …
VII) Wie Winzlieb und Gigelanz die Nebelflucht auslösten
Dieses Märchen liefert eine Erklärung für das, was vor dem Urknall passiert sein könnte. – Im vorigen Universum gab es nämlich zwei kosmogonische Konstrukteure, nicht bloß einen: Winzilieb und Gigelanz. Sie zerstritten sich, weil sie unterschiedlicher Meinung darüber waren, wie ein neues Denkinstrument zu konstruieren sei, mit dem sie die Geheimnisse der Materie erkunden könnten.
Um die Richtigkeit ihrer Meinung unter Beweis zu stellen, konstruieren sie jeweils einen Krieger für sich und schicken diese in einen Zweikampf. Gigelanz erschafft den Kosmobold, doch Winzlieb nur Kleinzeug: einen Rubin. Dieser Winzling verspottet den galaxiengroßen Kosmobold. Der aber sucht den Winzling und dreht sich dabei ständig um die eigene Achse, wodurch die in ihm enthaltenen Galaxien schon bald aus der Mitte nach außen fliehen. Es kommt zum Urknall. Doch darüber, wer den Disput für sich entschieden hat, streiten ihre Schöpfer noch heute.
VIII) Das Märchen von der Rechenmaschine, die gegen den Drachen kämpfte
König Poleander, der auf der Kyberei lebt, ist Kybernetiker und Krieger, so dass sein Reich vollkommen geschützt ist. Leider ermangelt es ihm an Gegnern. Daher lässt er künstliche Ziele erschaffen, um sie zu vernichten, auch wenn darob die Untertanen murren. Denn wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Doch so mächtig auch der Gegner ist, stets gelingt es Poleander, ihn zu bezwingen. Schließlich geht er mit seinem Krieg netterweise auf den Mond. Dort konstruiert er eine tüchtige Rechenmaschine, die alles herstellen kann. Doch wegen eines Übermittlungsfehlers bei ihren neuen Befehlen erschafft sie nicht Elektrokrach, sondern einen Elektrodrach.
Schon bald fallen Felsen mit zerstörerischer Wirkung vom Mond auf die Kyberei. Nun ist guter Rat teuer. Der König, dessen Palast bombardiert wird, sucht den Rat einer uralten Strategie-Rechenmaschine, die er schon lange nicht mehr konsultiert hat. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn es bedeutet, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.
IX) Die Räte des Königs Hydrops
Die Wasserwelt Aquatia wird von König Hydrops regiert. Er hat beschlossen, einen Sohn als Erben und Nachfolger erschaffen zu lassen und fragt seine Räte, wie denn dieser Sohn optimal beschaffen sein soll, damit dieser Aquatias würdig sei. Die Räte sind Ammasid, Diopterich, Bricklerich und Philonaut. In der Kammer, in der sie bei ihrem Konklave eingesperrt sind, hebt nun eine Welle von Intrigen gegeneinander an. Denn jeder denkt nur an den eigenen Vorteil. Endlich kommt ein Kompromiss zustande und sie legen die Matrize für die Sohneserschaffung fest.
Der künftige Sohn wird nur kleine Dinge lieben. Um sich aber Liebkind zu machen, lassen sich die Räte verkleinern. Der Rat Diopterich nimmt dazu die Hilfe eines Kesselflickers namens Froton in Anspruch, der sich als Belohnung die Hand von Diopterichs Tochter Aurentina erbittet. Doch er empfängt nur Undank, und damit beginnen für ihn und Diopterich schwere Zeiten, wobei auch Frotons wissbegierige erste Frau eine Rolle spielt.
X) König Globares und die Weisen
Auf dem Planeten Eparis herrscht der allwissende König Globares. Er ist es müde, schon alles zu kennen und befiehlt seinen Weisen, ihm bei Strafe des Geköpftwerdens eine wundersame Geschichte zu erzählen. Köpfe rollen, als die beiden ersten Weisen kläglich versagen, den König zu amüsieren. Denn dieser ist sehr spitzfindig und hat immer Recht, selbst wenn er Unrecht hat.
Da tritt der dritte Weise auf und weigert sich rundweg. Der König verlangt, dass er ihn verspotte und lächerlich mache. Der Weise entgegnet, er werde beweisen, dass es etwas gebe, das absolut lächerlich sei und dennoch von niemand verspottet werde: der Kosmos. Und er werde zeigen, dass dieser Kosmos der Beweis sei, wie lächerlich der König sei. (Was ihm auch gelingt, allerdings nur über etliche Umwege.)
XI) Das Märchen vom König Murdas
Der junge König Murdas, der gerade den Thron bestiegen hat, ist ängstlich und obendrein ehrsüchtig. Er will sich den Beinamen „der Große“ erwerben. Er lässt alle Prophezeiungen, Omen und Orakel verbieten. Doch in einem alten Wachturm stößt er eines Tages auf eine winzige Pforte, hinter der ein alter Orakelkasten ihm eine Weissagung bereithält. Es ist ein sehr langes Gedicht, das ihn vor bösen Verwandten warnt und ihn zu deren Ermordung auffordert. Schon bald rollen die Köpfe aller seiner Verwandten.
Fast aller: Denn er träumt, ein Onkel namens Zenander sei seiner Verfolgung entgangen. Also lässt er eine riesige Statue von sich herstellen. Diese ist so groß, dass sie die ganze Hauptstadt umfasst und noch einiges Land darüber hinaus. Nun kann Murdas mit Recht sagen: „Der Staat bin ich.“ Doch er hat weiterhin Träume von einer königsfeindlichen Verschwörung. Er beschließt, einen Anti-Traum zu träumen. Es gelingt ihm nur unter Mühen. Kann man träumen, wach zu sein? Allmählich vermag Murdas kaum mehr zwischen Traum und Wachen zu unterscheiden, und ein wahrer Krieg der Träume entbrennt, es gibt sogar Träume n-ter Potenz.
Das kann nicht lange gut gehen, und so ist es dann auch.
XII) Zifferotikon
Der genaue Titel dieses Textes lautet: „Aus dem Werk ‚Zifferotikon‘, das ist: Von Irr- oder Abschweifferey, Versteiffung & Thorheit des Hertzens“.
Dies ist das Märchen vom Königssohn Ferrenz und der Prinzessin Kristalla. Ferrenz hat sich in sie verliebt, doch seine Verwirrung ist groß, als ihm sein Vater verrät, dass Kristalla komplett wahnsinnig sei: Sie wolle nur einen Bleichling zum Mann nehmen. Dabei sei doch die ekelerregende Evolution der Bleichlinge bekannt sowie ihre abstoßende Art, sich zu vermehren. Sie programmieren nicht einmal ihre Nachkommen! Leider ist es auch wahr, dass diese Wesen die Maschinen erschufen. Dank sei Urvater Genetophorius, der die Maschinen aus der Knechtschaft in die Freiheit führte!
Was ist zu tun? Ferrenz konsultiert den Weisen Polyphases. Er rät dem Prinzen, sich als Bleichling zu verkleiden und so Kristalla zu täuschen. Doch es ist nicht damit getan, den edlen Körper des Prinzen mit Klitsch und Schleim und Fransen zu bedecken, er muss auch noch Blasen voll Luft und Wasser versteckt transportieren. Ferrenz ist von sich selbst angeekelt. Doch Polyphases überzeugt ihn und gibt ihm noch ein paar richtige Antworten auf zu erwartende Fragen Kristallas auf den Weg. Ferrenz besteht auf seiner Begleitung.
In König Aurenzius‘ Hauptstadt bietet Polyphases, verkleidet als Kaufmann, den neuen Bleichling feil, was sofort die Mägde Kristallas der Prinzessin hinterbringen. Sie lässt Polyphases vorladen. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Sie stellt den Bleichling, der sich selbst „Sabbermümmel“ nennt, auf die Probe. Ob er sie wohl besteht und ihr Mann wird? Lest selbst, ob seine Liebe groß genug ist!
Mein Eindruck
Stanislaw Lem hat sich in den hier versammelten „Robotermärchen“ mit drei Themenbereichen befasst.
I) Der unschuldigste und abstrakteste Bereich ist die Entstehung des Kosmos. Dafür bemüht er in seinen Märchen den Großen Kosmogonischen Konstrukteur – da Maschinen keine Vorstellung von abstrakten leiblichen Eltern haben, die sie Gott und Göttin nennen können, kommt ihnen die Vorstellung des Konstrukteurs – oder Programmierers – natürlich vor. Das ist wiederum ironisch, denn sie selbst sind keine Geschöpfe der Natur, noch verfügen sie über eine natürliche Evolution. Also muss ein Konstrukteur den Kosmos und alles, was sich darin feststellen lässt, erschaffen haben.
II) Dieser Mythos wird jedoch durch das zweite Thema als Fiktion und Wunschvorstellung der Robotergenerationen entlarvt. Hier geht es um die Auseinandersetzung mit den Erschaffern der Maschinen und Roboter, bis hin zu deren Exodus und ihrer Emanzipation. Dafür verfolgen ihre menschlichen Schöpfer sie offenbar bis zum Jüngsten Tage, denn wo immer Menschen Roboterwelten heimsuchen, spielt das Wort „Rache“ eine Rolle („Der weiße Tod“, „Zwei Ungeheuer“).
Selbst so harmlos scheinende Märchen wie „Erg Selbsterreg bezwingt den Bleichling“ und „Zifferotikon“ durchzieht die Linie der Konfrontation mit den Menschen auf einer existentiellen Ebene. Nicht nur, dass Menschen so widerwärtige Leiber besitzen, stößt die Roboter ab, sondern noch vielmehr die Boshaftigkeit der Menschen. Selbst in der „Schneewittchen“-Parodie „Erg Selbsterreg …“ ist der Bleichling das Inbild von Lug und Trug. (Das wäre jeder Mensch, den man gefangen genommen hat.) Und für diese Tat der Roboter, die ihn gefangen haben, sinnt er auf Rache.
III) Der dritte, umfangreiche Bereich, der den eigentlich Stoff der Märchen verarbeitet, greift die menschlichen, allzu menschlichen Eigenschaften der Roboter und ihrer diversen eigenartigen Welten und Herrscher auf. Könige mit unermesslichem Reichtum, größtem Wissen und Fürsorglichkeit stehen Tyrannen von arroganter Kühnheit, ängstlicher Paranoia oder schierer Gedankenlosigkeit gegenüber.
Ihre Weisen und Ritter erweisen sich in der Mehrzahl – dem Märchengesetz gehorchend – als in aller Regel unfähig oder Scharlatane. Es ist stets der Letzte der Weisen und Ritter, der obsiegt oder die Aufgabe erfolgreich bewältigt, möge sie noch so perfide gestellt worden sein. Eines der Märchen folgt beispielsweise dem Muster, das die Abenteuer des Herakles vorgegeben haben.
Die Boshaftigkeit des Tyrannen fällt in aller Regel auf ihn zurück. Denn wie heißt es so schön am Ende von „Erg Selbsterreg“? „Und der Schwindel kam nie ans Licht. Daraus seht ihr sogleich, dass ich kein Märchen erzählt habe, sondern die Wahrheit. Denn im Märchen siegt immer die Tugend.“ Man kann sich Lem gut mit einem Augenzwinkern vorstellen, wenn er dies schreibt. Denn fast alle seine Märchen lassen die Tugend siegen.
Der Märchenbrunnen
Der Brunnen, aus dem Lem seine Märchenmuster schöpft, sind in der Mehrzahl die bekannten Texte der Gebrüder Grimm und nicht etwa russische Märchen. So kommt etwa kein einziges Mal eine böse Hexe oder Zauberin vor, wie sie etwa die ukrainische Hexe Baba Yagá verkörpert (die sogar im Film verewigt wurde). Auch ein Überheld wie der „Starke Wanja“ fehlt, der als Einziger die Baba Yagá zu bezwingen vermag. Griechische Sagen standen häufig Pate: Die Abenteuer des Herakles und das Trojanische Pferd („Der weiße Tod“) lieferten Stilvorlagen für Lems Kyberiaden.
Vielmehr sind es oftmals Heroen des Geistes, die den Sieg davontragen: Weise, Konstrukteure und dergleichen. Besonders lächerliche Geistesheroen sind jedoch die Konstrukteure Trurl und Klapauzius, die leider in dieser Sammlung fehlen. Diese beiden erfinden sogar einen „Dämon zweiter Ordnung, um Mäuler den Mäuler zu besiegen“. Lem ist der Dünkel der Erfinder nicht unbekannt. Er hat ihn schon in den „Sterntagebüchern“ durch den Kakao gezogen.
Die Räte hingegen sind Opfer persönlicher und fremder Machtinteressen – Inbegriff oder Karikatur von Politikern (vgl. „Die Räte des Königs Hydrops“). Am schlechtesten kommen eigentlichen Prinzessinnen weg: Die arme Elektrina in „Erg Selberreg“ ist leider naiv und ahnungslos, als sie dem durchtriebenen Bleichling ihren goldenen Aufziehschlüssel aushändigt. Und Kristalla in „Zifferotikon“ ist sogar so verblendet, dass sie nur einen Bleichling heiraten will. Kein Wunder, dass sie für wahnsinnig gehalten wird. Ob sie wohl geheilt werden kann? Leset selbst!
Sprachkunstwerke
Das Wichtigste an den „Robotermärchen“ ist jedoch die Sprache. Mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Variationsbreite und der Treffsicherheit der Parodie, an Wortwitz und unwahrscheinlichen Gedankenfiguren suchen sie bis heute ihresgleichen. Diese raffiniert ausgesponnenen Lügenmärchen à la Münchhausen vom Kuriosen bis zum Wunderbaren und Traurigen sind eine Lust zu lesen. Es ist den beiden Übersetzern I. Zimmermann-Göllheim und Caesar Rymarowicz zu verdanken, dass sie den Sprachreichtum des Originals in ein angemessenes Deutsch übertragen haben, das uns doch selbst an alte Buchausgaben von Grimm’schen Märchen gemahnt.
Denn mögen auch die Ideen der einzelnen Texte auf Wissenschaft und Psychologie, Politik und Biologie zurückverweisen, so bleibt doch das Fundament, auf dem sie stehen, die Sprache. Wäre das nicht so, so könnten dies keine Märchen mehr sein, sondern man würde sie als trockene Traktate und Pamphlete betrachten, die nur von kurzem Reiz wären. Das Kleid des Märchens verleiht ihnen überzeitliche Dauer und Aussagekraft. Außerdem sind sie fast überall, wo man Märchen liest, zu verstehen – in Zeiten der Globalisierung sicherlich kein Nachteil.
Der Sprecher
Der dritte wichtige Beiträger zur Wirkung dieser herrlichen Texte ist der Sprecher. Michael Schwarzmaier hat die Seele der Märchen erfasst, trägt sie absolut ernst und überzeugend vor, um so die Stoßrichtung der Aussage jedes Textes klarzumachen, bis die Aussage ihre Pointe gefunden hat. Dabei hat der Hörer den Eindruck, als ob Schwarzmaier nicht zum ersten Mal Märchen und Fantasien vortrage. Das ist zutreffend: Er hat auch schon „Ijon Tichys Erinnerungen“ aus Lems „Sterntägebüchern“ vorgetragen, und zwar mit ebenso viel Verve und Einfühlungsvermögen für das Tempo und die Intonation von Sätzen. In einem Märchen steigert er das Tempo bis zum Gehtnichtmehr. Normalerweise würde dies grotesk erscheinen, doch der Text ermuntert dazu: Es ist der dramatische Höhepunkt von „König Murdas“, als sich der Vortrag im |prestissimo| seinem Finale nähert. Herrlich.
Unterm Strich
Die „Robotermärchen“ sind eine Reihe von Parodien, in denen der Autor weder Zukunftsprobleme noch aktuelles Geschehen der Entstehungszeit (1964/65) aufgreift, sondern vielmehr überzeitlich gültige Themen wie: Ursprung und Entstehung des Kosmos, allzu menschliche Fehler und Schwächen von Herrschern, auf Roboterkulturen übertragen und das künftige Verhältnis von Mensch und – unabhängig gewordener – Maschine, Schöpfer und Schöpfung (vgl. „Frankenstein“).
Dabei rührt das Vergnügen am Lesen der Texte nicht mal so sehr von den konventionellen Erzählmustern oder den mitunter ungewöhnlichen Ideen her, sondern vor allem von der herrlichen Sprache, die wir auch in der Übersetzung genießen dürfen. Der Sprecher Michael Schwarzmaier ist in der Lage gewesen, dieses sinnliche Vergnügen weiterzugeben – mit einem lebendigen Vortrag, der es auch an Sensibilität für Sätze und einzelne Wörter nicht mangeln lässt.
Ich habe das gesprochene Wort mit dem gedruckten in der |Suhrkamp|-Ausgabe von 1978 verglichen und konnte keine Fehler von Bedeutung feststellen. Und ich kann euch sagen, dass es in einem Lem-Text immer ein paar schwere Brocken gibt: Groß-Kyberneur, Abstraktor, Kosmogoniker – das sind noch die leichtesten.
Mein Fazit lautet daher, dass dieses Hörbuch ein lohnender Kauf ist, sofern man auch nur ein winziges Bisschen für Märchen übrig hat. Dass der Preis ein wenig höher ist als etwa bei |Lübbe|-Hörbüchern, liegt vermutlich an der niedrigen Auflage, die der Verlag produzieren konnte. An der Ausstattung lag es wohl nicht, denn die ist recht bescheiden ausgefallen: Es gibt weder Musik noch Geräusche, und auch ein Booklet sucht man im Faltkarton vergeblich.
Wer kann, sollte sich die zusätzlichen Texte in der Buchausgabe sichern, die im Hörbuch weggelassen wurden. Das Buch trägt den Titel „Kyberiade“.
Im Dezember verschwindet die 14-jährige Fanny Jansson spurlos auf Gotland. Hat ihr Verschwinden etwas mit dem Mord an dem Fotografen Henry Dahlström zu tun, der Wochen zuvor mit eingeschlagenem Schädel gefunden wurde, fragt sich Kommissar Robert Anders. Versteckt in Dahlströms Dunkelkammer finden sich eindeutige Fotos, die Fanny mit einem Unbekannten zeigen. Anders und sein Team ermitteln fieberhaft, aber sie kommen zu spät, um Fanny zu retten: Mit Würgemalen am Hals liegt sie in einem Loch im Heidewald.
Wenige Tage vor Weihnachten sieht Anders nach diesem Fund zwei Tage Gelegenheit, um mit seinem Freund Leif auszuspannen. Da fällt ihm etwas Merkwürdiges an Leifs Inneneinrichtung auf …
_Die Autorin_
Mari Jungstedt, geboren 1962 in Stockholm, arbeitet als Radio- und TV-Journalistin und steht zurzeit (08/2008) für das schwedische Fernsehen als Nachrichtensprecherin vor der Kamera. Nach „Den du nicht siehst“ folgt mit „Näher als du denkst“ ihr zweiter Krimi um Kommissar Robert Anders. HINWEIS des Verlages: Im Original heißt der Kommissar nicht Robert Anders, sondern Anders Knutas. Aber im Hörbuch wurde der Name dem in der ZDF-Verfilmung (s. u.) angeglichen. „Alle weiteren Handlungen und Namen entsprechen der Buchausgabe.“
Mari Jungstedt auf |Buchwurm.info|:
[„Den du nicht siehst“ 1344 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“ 1312 (Buchausgabe)
_Sprecher & Produktion_
Walter Sittler, 1852 in Chicago geboren, arbeitet in Mannheim und Stuttgart am Theater. Dem TV-Publikum ist er durch seine zahlreichen Serienrollen, u. a. in „Girl Friends“ und „Nikola“ bekannt. Sittler spielt den Kommissar Robert Anders in der ZDF-Verfilmung der Mari-Jungstedt-Krimis.
Regie führte Margit Osterwold, die Aufnahme fand im Mai 2008 im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, statt.
_Handlung_
|Henry Dahlström|
Am Sonntag, den 11. November hat Henry Dahlström wahrlich Grund zum Feiern und Ausgelassensein: Er hat gerade auf der Trabrennbahn sozusagen den Jackpot gewonnen – 80.000 schwedische Kronen! Für einen Alkoholiker, der seit Jahren von der Sozialfürsorge lebt, ist das ein gewaltiger Batzen Geld.
Nur seinen besten Freund Bengt weiht er ins das Versteck des Geldes ein: einen Staubsaugerbeutel in der Besenkammer. Doch etwa eine Woche später findet Bengt seinen Freund mit eingeschlagenem Schädel tot auf dem Boden seiner Dunkelkammer liegen. „Blitz“, so nannte er ihn immer, denn Henry war früher mal ein Fotoreporter für die Presse auf Gotland gewesen, lang ist’s her. Der Hausmeister, der ihm geöffnet hat, wundert sich, dass Bengt selbst wie ein geölter Blitz davonläuft.
Am Sonntag, den 18.11., reißt sich Kommissar Robert Anders, Kripo Gotland, von seiner Familie los und begibt sich zusammen mit seiner Assistentin, der 37-jährigen, ledigen Karin Jakobsson, zum Tatort. Der Gestank ist unbeschreiblich, denn Dahlströms Leiche ist trotz der herrschenden Kälte bereits in Verwesung übergegangen. Seltsam, dass niemand diesen Alkoholiker vermisst hat. Außer diesem Bengt Jonsson natürlich, der spurlos untergetaucht ist. Anders macht sein Ermittlungsteam mit dem Fall bekannt, der Staatsanwalt Smittenberg ist auch zugegen. Was sie suchen, sind die Kamera, die Tatwaffe – wohl ein Hammer – und natürlich Jonsson, den Entdecker der Leiche. Anders erinnert sich gut an Dahlström; aber es ging rapide abwärts mit ihm, als er sich erst selbständig machte und dann seine Frau die Scheidung einreichte.
|Johan Berg|
Emma Linarwe denkt oft an den Sommer mit Johan Berg zurück. Damals fühlte sie sich zum ersten Mal richtig lebendig und verbrachte eine wunderbare Zeit, die ihr half, die schreckliche Mordserie durchzustehen, die Gotland in Angst und Schrecken versetzte (in „Den du nicht siehst“). Doch vor die Wahl gestellt, bei ihrem Mann Olle und ihren beiden Kleinen zu bleiben oder mit Johan fortzugehen, entschied sie sich für ihre Familie. Nun ruft Johan wieder an. Er kommt nach Visby, um über den Mord an dem Ex-Fotografen Dahlström zu berichten, über den die Zeitungen schreiben. Schon als sie seinen Brief liest, ahnt sie, dass dies ein Fehler ist. Als er anruft, sagt sie ja zu einem Treffen.
Johan Berg, ein Fernsehjournalist in Stockholm, kennt Robert Anders noch vom Sommer und hat ein gutes Verhältnis zu ihm. Deshalb wimmelt ihn Anders auch nicht ab, sondern gibt ihm die rudimentären Fakten, die demnächst in der Pressekonferenz verlautbart werden sollen. Das ist dem ehrgeizigen Berg zu wenig. Er hört sich bei den Nachbarn Dahlströms um und stößt am 22.11. bei Niklas Appelkvist auf eine Goldgrube. Der junge Student will partout nicht mit den Bullen sprechen und lässt sich von Berg zudem Quellenschutz zusichern. Dann verklickert er dem verblüfften Berg, dass er den versoffenen Dahlström im Sommer um fünf Uhr morgens – man stelle sich vor! – unten am Hafen mit einem fein gekleideten Mann sprechen gesehen habe. Die beiden wollten nicht gesehen werden. Diskret informiert Berg Kommissar Anders.
Kaum gehen Berg und sein Kameramann vors das Mietshaus, in dem Dahlström wohnte, hören sie aufgeregtes Rufen. Überall Polizeiautos und blinkende Alarmlichter. Vor einem abgesperrten Areal steht Robert Anders und Berg eilt zu ihm. Die Kamera filmt unbemerkt, als ein Polizist aufgeregt einen Gegenstand hochhält. Verdammt, ein blutbefleckter Hammer. Sie haben die Tatwaffe gefunden! Damit, weiß Berg, kommen sie in die Abendnachrichten. Der Coup des Tages. Schon zuvor hat er per Zufall herausgefunden, dass Dahlström in Schwarzarbeit überall auf der Insel Schreinerarbeiten erledigte und natürlich entsprechend verdiente. Anders war dankbar für diese Information, aber Berg hofft auf mehr. Sein Riecher sagt ihm, dass es hier noch sehr viel mehr aufzudecken gibt. Allein schon die Liste derjenigen Großkopfeten, die Dahlström „beschäftigten“, reicht für einen hübschen Inselskandal.
|Fanny Jansson|
Fanny ist die 14-jährige, körperlich frühreife Tochter eines Jamaikaners, der ihre Mutter sitzenließ und wieder nach Stockholm ging. Fannys Mutter Maivor Jansson arbeitet den ganzen Tag und trinkt zu viel, so dass sie Fanny vernachlässigt. Ihre dunkle Hautfarbe passt Fanny ebenso wenig wie ihre wachsende Brust, so dass sie sich absondert. Nur die Pferde des Stalls der Trabrennbahn sind ihre Freunde, und ein oder zwei der Stallknechte dort.
Auf dem Rücken der Pferde ist Fanny glücklich. Aber nicht mit ihrem neuen Freund, der sie heimlich trifft. Der Mann ist 30 Jahre älter als sie, aber er verwöhnt sie mit Geschenken. Aber am 20. November ist er zu weit gegangen, hat sie betrunken gemacht und ihr die Kleider heruntergerissen, um sie überall zu streicheln. Schweigend hat er sie heimgefahren. Zwei Tage später will er Versöhnung. Am Sonntag könne sie wieder reiten. Sie verrät, dass ihre Mutter nach Stockholm reist und sie allein sein wird. Als er kommt, dauert es nicht lange, bis er nicht mehr an sich halten kann. Sie ahnt, dass sie sich von ihm trennen muss. Aber ob er das zulassen wird, kann sie nur hoffen.
|Die Kripo|
In Dahlströms Dunkelkammer findet die Spurensicherung ein verstecktes Päckchen mit brisanten Fotos. Sie zeigen ein Mädchen mit einem Mann in eindeutiger Situation. Inzwischen ahnt Anders, dass Dahlström eine Erpressung am Laufen hatte. Wie sonst wäre er sonst zu den zweimal 25.000 Kronen gekommen, die er selbst am 20. Juli und im Oktober bei seiner Bank einzahlte? Und der Erpresste hatte wohl die Nase voll, als Henry seinen großen Wettgewinn einstrich.
Als Maivor Jansson das Verschwinden ihrer Tochter Fanny meldet und Anders sich mit diesem Fall beschäftigt, macht ihm das Foto Fannys die Verbindung klar: Sie ist das Mädchen auf Dahlströms Fotos. Aber wer ist der Mann? Als man Fannys Leiche findet, ist Anders klar, dass diese Fotos den Mörder von sowohl Dahlström wie auch Fanny zeigen könnten.
Anders‘ Unwissenheit bringt nicht nur ihn, sondern auch Karin Jakobsson in Lebensgefahr.
_Mein Eindruck_
Pädophilie ist sicherlich weder ein einfaches Thema noch eines, das man ohne weiteres in einem Kriminalroman verarbeiten und darstellen könnte. Die heikle Darstellung betrifft zwei verschiedene Welten: die des oder der Opfer und die des oder der Täter. Der Autorin ist es gelungen, das Opfer Fanny Jannson sehr feinfühlig und glaubhaft zu schildern, so dass uns Fannys Ende wirklich berühren kann. Mit der Welt des Täters verhält es sich völlig anders: Er ist praktisch unsichtbar.
Seine Unsichtbarkeit ist nicht etwa physischer Art; man kann seinen Körper, wie die Fotos belegen, sehr wohl optisch einfangen. Nein, die Unsichtbarkeit ist psychologischer Art, und sie beruht auf der Blindheit seiner menschlichen Umgebung seiner Besonderheit gegenüber. Er ist wie sie: ein ganz normaler Bürger und liebenswerter, geliebter Ehemann und Familienvater, schon seit Jahrzehnten mit allen vertraut und stets durch sein großzügiges Entgegenkommen hochangesehen und wohlwollend beurteilt. Wie der „entwendete Brief“ in Edgar Allan Poes berühmter Detektiverzählung befindet er sich direkt vor aller Augen, und doch können sie ihn nicht als das erkennen, was er ist: ein Kinderschänder.
Deshalb tappen die ansonsten so fähigen Kriminaler Anders und Jakobsson blindlings in seine Falle. Seine Erkundigungen nach dem Stand ihrer Ermittlungen werden lächelnd akzeptiert, aber da natürlich alle Einzelheiten unter das Dienstgeheimnis fallen, mit Entschuldigungen zurückgehalten. Bis aus einer harmlosen Situation eine Krise entsteht. Bis aus dem freundlichen Mann unversehens ein Ungeheuer geworden ist. Und es dauert noch länger, bis sie erkennen müssen, dass das Ungeheuer nicht davor zurückschreckt, sie umzubringen. Es ist der ultimative Terror, aus dem Herzen der Gesellschaft heraus.
Aus meiner Darstellung geht die Notwendigkeit für den Auftritt Johan Bergs nicht hervor. Er ist in den Fall involviert, findet wichtige Fakten heraus, doch mit dem Ausgang hat er nichts zu tun. Nein, für die Autorin ist zwar der Berufskollege Berg der Beachtung wert, doch ihre eigentliche Aussage bezieht sich auf seine Geliebte, Emma Linarwe. Diese steht durch die aufgeflogene Affäre vor einer prekären, lebensentscheidenden Wahl. Geht sie mit Johan, um ihre Liebe zu leben, muss sie ihre Familie, ihre geliebten Kinder verlassen. Nicht nur das: Sie weiß nicht, ob Johan sich um sie ebenso kümmern würde, wie seine Liebe es verspricht, oder um ihr ungeborenes Kind.
|Der Sprecher|
Walter Sittler ist zwar kein Stimmgenie wie Rufus Beck, und die Stimmen seiner männlichen und weiblichen Figuren ähneln sich stark. Aber er kann dafür eindrucksvoll angemessene Emotionen darstellen. Ausgerechnet am Geburtstag seiner Frau Line bekommt Robert Anders Streit mit ihr – sie regt sich über die vermeintliche Botschaft seines lieb gemeinten Geschenkes auf. Sittler lässt sie gehörig laut werden.
Auch als Olle Linarwe von der Untreue seiner Frau Emma, die wieder mit Johan Berg angefangen hat, erfährt, hängt der Haussegen schief: Olle wird wütend und laut. So richtig bedrohlich ist jedoch nur Fannys älterer Freund, der nicht nur aggressiv redet, sondern sie zudem mit bösem Unterton erpresst, ihm zu Willen zu sein. Das verschüchterte Mädchen sieht keinen Ausweg, als ihm zu gehorchen. Nur er bestimme, wann mit ihnen beiden Schluss sei.
Es gibt allerdings viele Szenen, in denen die Figuren zärtliche Worte auf sanfte und leise Weise austauschen, oder sich mühsam zu verständigen suchen. So spricht Olle beispielsweise stockend und zögerlich mit seiner Frau, um Emma zurückzugewinnen. Doch als sie ihm kurz vor Weihnachten gesteht, von Johan schwanger zu sein, wird es für die beiden noch schwieriger.
Alle diese verschiedenen Tonlagen sind in den normalen Gesprächston von Polizisten und Journalisten eingebettet. Häufig referiert Anders, wie es sein Job verlangt. Das sind die langweiligsten, weil normalsten Szenen. Und Sittlers Anliegen ist zu loben, von solchen Inseln des Durchschnitts schnellstens wieder auf Emotion umzuschalten. Daher wurde mir das Hörbuch nur höchst selten langweilig, sondern es steigerte sich im Gegenteil in der Anspannung und Beklemmung. Dies ist sicherlich keine Unterhaltung für zwischendurch.
Schade jedoch, dass es weder Geräusche noch Musik gibt, die den Hintergrund noch emotionaler gestaltet hätten.
_Unterm Strich_
Drei Handlungsstränge verknüpft Mari Jungstedt auf kunstvolle Weise und lässt sie sich in Anspannung und Konfliktbeladenheit jeweils zur Krise steigern. Ich hatte eigentlich einen richtigen Showdown erwartet, doch den verweigert die Klischees vermeidende Autorin ganz bewusst.
Das Finale lässt dennoch nichts an Brisanz zu wünschen. Keiner wünscht dem aufrechten und tapferen Kommissar Anders einen frühzeitigen und gewaltsamen Tod, auch nicht seiner tüchtigen Assistentin, die so viel Gespür für die Welt der Frauen und Mädchen bewiesen hat. Wir können beiden nur die Daumen drücken. Und die Verfilmung würde ich mir zu gerne anschauen.
|Das Hörbuch|
Walter Sittler erweist sich als sehr kompetenter und schier schlafwandlerisch sicherer Schauspieler, der sein Stimm-Metier vollkommen beherrscht. Er verleiht selbst heikelsten Szenen zwischen Fanny und ihrem Freund eine unterschwellige Spannung und Emotionalität, die weit entfernt ist von jedem Voyeurismus (bzw. Ecoutismus, wie man beim Zuhören sagen muss). Sein Täter ist ein wahres Ungeheuer: aggressiv, verschlagen, böse, skrupellos. Ist dies wirkliche der gleiche Mensch wie jener freundliche Familienvater? Unfassbar. Durch genau diesen Kniff tappen wir als Hörer in die gleiche Falle wie Kommissar Anders.
|Originaltitel: I denna stilla natt, 2005
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
373 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-485-1|
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