Sie wollen dieses Leben nicht, aber der Tod spuckt sie wieder aus: Nach dem Sprung von der Brücke landen Michelle, Maike und Tobias in einer entseelten Zwischenwelt, in der ihre Ängste Gestalt angenommen haben.
Und sie sind nicht allein!
Gespenstische Begleiter und mysteriöse Heilige führen sie von einer Entscheidung zur nächsten. Terminal, der große Verteilerbahnhof, wird für jeden zum Wendepunkt.
_Rezension_
Die Erfolgsautorin Barbara Büchner liefert hier unter dem Pseudonym Julia Conrad den ersten Band der |Terminal|-Trilogie ab.
„Terminal“ ist ein intelligenter und moderner Fantasyroman für Jugendliche. Aber nicht nur für sie, sondern auch für deren Eltern oder babysittende Freundinnen, denen das, was die Autorin offen anspricht, aber auch das, was zwischen den Zeilen schwingt, zu denken geben sollte: Nehmen wir die Menschen in unserem Umfeld wahr? Schenken wir ihnen genug Zeit? Genug Liebe? Schätzen und respektieren wir sie um ihrer Selbst willen? So wie sie sind – oder pressen wir sie in Schubladen und leben nebeneinander her?
Da ist Michelle Feilmann,16, die von ihrer Mutter immer eine |langweilige Suse| geschimpft wird und sich in Groll und Selbstmitleid ergeht. Daher halten die Freunde sie für eine neurotische Zicke. Darüber hinaus eilt ihr der Ruf voraus, die Schuld immer nur bei den anderen zu suchen und die Augen vor ihrer eigenen Trägheit zu verschließen. Dabei fürchtet sich Michelle leicht und hat ständig Angst, etwas falsch zu machen. Die zweite im Bunde ist Maike Perlinger, 17, die sich Unmengen von Leberkäse, Semmeln, Fritten und Bier einverleibt und darüber jammert, dass sie |trotz aller Diäten| immer dicker würde, und die Michelle für total prollig hält. Und da wäre noch Tobias Welden-Bogerstein, 16, ein affiger, leicht reizbarer Schickimicki.
Gemeinsam springen sie von einer Brücke, um frustriert aus dem Leben zu scheiden. Sven Langner, 18, wird bei dem Versuch, Michelle am Sprung zu hindern, mit hinabgezogen. Sie alle landen in einer Zwischenwelt – der Stadt, die |Terminal| heißt – und bleiben nicht lange alleine, denn auch andere – teilweise schuldbeladene – Selbstmörder gesellen sich zu ihnen.
Keine Geringere als Jeanne d’Arc nimmt die am Leben Verzweifelten unter ihre Fittiche und soll sie und jene, die noch zu ihnen stoßen, an den Feurigen Brunnen führen, damit Michelle und ihre Begleiter von dem |Wasser des Lebens| trinken. Es geht durch bizarre Spiegelwelten, das Reich der Finsterwürmer und andere Unwegsamkeiten … Werden Michelle und ihre Freunde den Feurigen Brunnen erreichen? Und was geschieht, wenn sie vom Wasser des Lebens trinken?
„Terminal“ ist mehr als ein reiner Unterhaltungsroman. Wieder einmal verquickt die Autorin mit Leichtigkeit historische Elemente mit (teils nicht mehr gelebten) Wertigkeiten – ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Die Handlung führt uns die Grenzgestalten der Gesellschaft näher, hält uns vielleicht sogar einen Spiegel durch sie vor. Daher ist „Terminal“ nicht nur ein Roman mit pädagogischem Wert für jugendliche Leser, sondern auch für deren Vorbilder (oder die, die es sein sollten).
Band 1 weist zudem ein gelungenes Ende mit Fortsetzungspotenzial auf, wie es sich für den Auftaktband einer Trilogie gehört.
_Fazit:_ Empfehlenswerter Roman mit erzieherischem Nährwert, der dennoch nicht schulmeisternd daherkommt. Ein Satz hat mir besonders gut gefallen: „Das Gespräch von Mensch zu Mensch ist immer noch das Beste“ (anstelle nur in die Glotze zu schauen). Das sollten sich wieder mehr Menschen auf die Fahne schreiben, denn Sprachlosigkeit ist das immer größer werdende Manko unserer Gesellschaft.
Mit „Flyte“ läutet Angie Sage die nächste Runde ihrer Reihe um die Geschichte des jungen Septimus Heap ein. Die Geschichte des lange verschollen geglaubten siebten Sohn eine siebten Sohnes (und als solcher mit besonderen magischen Fähigkeiten gesegnet), die in in [„Septimus Heap – Magyk“ 1856 ihren Anfang nahm, wird nun im zweiten Band der Trilogie fortgeführt.
Mit dem hoffnungsvollen Nachwuchsmagier Septimus hat Angie Sage eine Fantasy-Figur erschaffen, die neben Harry Potter und Co. ihre Daseinsberechtigung hat. Septimus braucht sich kaum hinter seinem bekannteren Kollegen zu verstecken, wenngleich die Septimus-Heap-Romane ihre Zielgruppe enger fassen. Sie sind noch in wesentlich stärkerem Umfang wirkliche Kinder- und Jugendbücher, als dies bei Kollege Potter der Fall ist.
Seit den Geschehnissen in „Magyk“ ist ein gutes Jahr vergangen. Septimus ist mittlerweile seit einem Jahr im Zaubererturm bei der Außergewöhnlichen Zauberin Marcia Overstrand als Lehrling angestellt und hat viel gelernt. Jenna ist zusammen mit der Familie Heap in den Palast gezogen, wo nach dem Ende des bösen Zauberers DomDaniel und des Obersten Wächters wieder beschauliche Ruhe eingekehrt ist. Das Leben der Familie und der jungen Prinzessin Jenna verläuft in geregelten Bahnen, bis eines Tages der seit einem Jahr verschwundene älteste Heap-Sohn Simon auftaucht und das ruhige Leben aufmischt.
Kurzerhand entführt er Jenna und flieht mit ihr in seine Höhle jenseits der Schieferbrüche. Dort hat Simon sein Lager in einer alten Landwurmhöhle aufgeschlagen, zusammen mit den Gebeinen von DomDaniel, die nicht so ganz hundertprozentig tot zu sein scheinen. Simon will den Zauberer zurück in die Welt der Lebenden holen und dann bei ihm in die Lehre gehen. Dafür will er DomDaniel bei der Wiederherstellung seiner früheren Macht loyal zur Seite stehen und dazu gehört auch die Entführung von Jenna.
Wird es DomDaniel gelingen, die Macht über die Burg wieder an sich zu reißen und als Oberster Zauberer in den Zaubererturm einzuziehen? Septimus macht sich auf, Jenna zu suchen und nach Hause zu bringen. Aber reichen seine magischen Fähigkeiten schon aus, um gegen Simon und DomDaniel etwas ausrichten zu können?
Der Beginn der Geschichte spielt sich wie im Vorgängerband nahezu komplett innerhalb der Burgmauern ab. Wieder einmal beschwört Sage eine Welt herauf, die an das späte Mittelalter erinnert, gewürzt mit einer saftigen Prise Magie. Überall in Sages Welt gibt es kleine magische Gimmicks, die das Leben erleichtern und die der Handlung eine gewisse humorvolle Note verleihen. Sage versteht es, der Geschichte auch lustige Züge zu verleihen, die den Lesespaß gerade für Kinder enorm erhöhen dürften.
Die ersten düsteren Züge der Handlung treten mit dem Auftauchen von Simon in Erscheinung. Simon hegt eine starken Groll, zum einen gegen seinen „neuen“ Bruder Septimus, der die Lehrstelle bei Marcia Overstrand bekommen hat, die er selbst sich doch immer gewünscht hat, und zum anderen gegen Jenna, die sich auf einmal als Prinzessin entpuppte. Die Entführung von Jenna gelingt zunächst, wenngleich Jenna gerissen genug ist, einen erfolgversprechenden Ausbruch zu wagen (der wiederum seine komischen Züge hat, weil er recht ungewöhnlich vonstatten geht).
Doch damit fängt die Geschichte erst an und Simon lässt nichts unversucht, Jenna so schnell wie möglich zurück in seine Gewalt zu bringen. Der Beginn eines Katz-und-Maus-Spiels, das fortan den Plot bestimmt und noch für reichlich Spannung sorgt. Spannende Lektüre ist somit garantiert. Simon hat schon einiges an magischen Fertigkeiten erlangt und er ist als Gegner für Septimus, der versucht, Jenna im weiteren Verlauf zu beschützen, ein wirklich harter Brocken. Septimus kann froh sein, dass sein Bruder Nicko ihm zur Seite steht, und auch Wolfsjunge, der zusammen mit einigen von Septimus‘ Brüdern im Wald lebt und Septimus, Nicko und Jenna begleitet, erweist sich als hilfreicher Gefährte.
Spannung, Magie, Humor, Freundschaft – Sages Geschichte enthält viele Elemente, die eine vielversprechende Mischung abgeben. Manches Problem der Protagonisten löst sich für den erwachsenen Leser sicherlich ein bisschen zu leicht. Kinder dürfte dieser Aspekt indes wohl wenig stören. Sages Welt ist recht einfach gestrickt. Die Figuren lassen sich ganz leicht in Gut und Böse einteilen, Grauzonen gibt es dabei nicht so recht. Sages Romanwelt ist halt durch und durch kindgerecht angelegt.
So verwundert es auch nicht, dass die Bösen, um besiegt werden zu können, manchmal schon eine recht trottelige Figur abgeben müssen. Manchmal wirkt Simon wie der letzte Depp und stellt sich einfach nur ungeschickt an, obwohl er schon über recht ausgefeilte magische Fähigkeiten verfügt. Auch Marcia Overstrand macht in diesem Band eine eher schlechte Figur. Auch sie wirkt irgendwie zu tollpatschig (gemessen daran, dass sie immerhin die mächtigste und wichtigste Zauberin im Land ist). Sie wird stellenweise ein wenig zur Witzfigur degradiert, was ihr in ihrer Rolle als Septimus‘ Mentorin nicht unbedingt gut bekommt.
Ein weiterer Nachteil ergibt sich daraus, dass „Flyte“ der Mittelband einer fortgesetzten Serie ist. So ist die Handlung alles andere als abgeschlossen, wobei manches für meinen Geschmack etwas zu offen bleibt. Zumindest ein Erzählstrang wirkt unschön abgebrochen, ansonsten schafft Sage mit „Flyte“ eine ganz ordentliche Ausgangsposition für den nächsten Band der Reihe. Insgesamt ist ihr das im ersten Teil aber besser gelungen, da sie dort gleichzeitig den ersten Handlungsblock abgeschlossen und die Grundlagen für den zweiten Band geschaffen hat. So bleibt die Lektüre am Ende doch ein wenig unbefriedigend.
Schön ist dagegen wieder einmal die Aufmachung des Buches. War schon der erste Band sehr liebevoll gestaltet, so steht der zweite Band dem in nichts nach. Liebevoll skizzierte Figuren am Kapitelanfang zeigen die Protagonisten und verleihen der Geschichte mehr Atmosphäre.
Sages Schreibstil ist leicht verständlich und eingängig, aber stets auch etwas gewitzt. Für Kinder dürfte hier der Lesespaß garantiert sein und ich bin mir sicher, dass mir die Septimus-Heap-Reihe zu meinen Kindertagen auf jeden Fall reichlich Freude bereitet hätte.
Alles in allem ist „Septimus Heap – Flyte“ eine schöne Fantasygeschichte für Kinder, die anders als die letzten Harry-Potter-Bände auch wirklich kindgerecht ist. Das schränkt natürlich auch den Lesespaß der erwachsenen Leserschaft ein, aber das kann man einem Kinderbuch wohl kaum zum Vorwurf machen. Abgesehen davon, dass einer der Erzählstränge am Ende unschön abgebrochen und die ehrwürdige Marcia Overstrand in manchen Situationen ein wenig zu sehr als Witzfigur strapaziert wird, macht das Buch einen größtenteils guten Eindruck. Die Geschichte ist phantasievoll erzählt, hat eine humorvolle Note und sympathische Figuren. Kinder dürften daran in jedem Fall ihre wahre Freude haben.
Website zum Buch: [www.septimusheap.de]http://www.septimusheap.de
Es ist mittlerweile kein ganz so ungewöhnliches Szenario mehr, das Suzanne Weyn in ihrem Roman „Bar Code Tattoo“ heraufbeschwört. Bargeld ist Schnee von gestern, auch Kreditkarten sind schon lange out. Der Mensch der Zukunft braucht im Jahre 2025 nichts andere mehr als ein paar Striche auf dem Handgelenk – ein Strichcode-Tattoo. Als Zahlungsmittel erleichtert es den Alltag und dank gespeicherter Führerschein-, Ausweis- und Versicherungsdaten braucht man keine Papiere mehr mit sich umherzutragen. Das ist enorm praktisch, möchte man meinen, doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite offenbart ein ganz anderes Bild – das der totalen Überwachung.
In dieser Welt wächst die junge Kayla auf. Sie ist gerade siebzehn geworden, Zeit, sich wie alle anderen tätowieren zu lassen. Doch Kayla ist unschlüssig. Sie hegt Zweifel daran, dass das Tattoo wirklich so harmlos ist, wie ihr alle eintrichtern wollen. Was steckt hinter der Behauptung von Kaylas Mutter, dass das Tattoo Schuld daran ist, dass ihr Vater sich vor kurzem das Leben genommen hat? Auch die Familie ihrer Freundin trifft ein hartes Schicksal, anscheinend auch wegen des Tattoos.
Kayla will die Wahrheit herausfinden, bevor sie sich selbst tätowieren lässt. In der Schule schließt sie Freundschaft mit einigen Jugendlichen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagieren, und erfährt so manches über das Tattoo, das sie in dem Glauben bestärkt, dass die Regierung das Tattoo nicht zum Wohle der Allgemeinheit eingeführt hat. Offenbar geht es dabei um das Erfassen des Gen-Codes der Menschen und darum, bestimmte Menschen aufgrund genetischer Eigenschaften auszusortieren. Für Kayla und ihre Freunde steht fest, sie müssen sich dem entgegenstellen …
Was Suzanne Weyn in ihrem Roman skizziert, ist ein Zukunftsszenario, das durchaus vorstellbar erscheint. Schon heute sind die meisten Menschen bereit, ihre Bürgerrechte zum Wohle ihrer Sicherheit (egal ob einer tatsächlichen oder einer vorgegaukelten) zum Fenster rauszuwerfen. Dank gespeicherter Daten auf diversen Kunden- und Kreditkarten ist der gläserne Bürger ein Stück mehr Realität geworden. Bequemlichkeit und Sicherheit sind bei den Befürwortern gern gesehene Argumente und die Warnrufe von Verbraucherschützern und Bürgerrechtlern werden gerne abgewunken.
Suzanne Weyn setzt die gegenwärtige Entwicklung konsequent fort und zeigt, wohin das Ganze führen kann. Der Bar Code am Handgelenk dient vorgeblich dem Komfort und der Sicherheit. Niemand kann mehr Kreditkarten und Ausweispapiere stehlen und man hat immer alles parat, was man braucht. Doch der Strichcode macht den Menschen auch verwundbar. Alle sensiblen Daten befinden sich in einem einzigen Code, alles wird zentral erfasst, und man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten.
Ebenso ermuntert das leicht zugängliche Vorhandensein sämtlicher Daten dazu, sie auch zu nutzen und damit in die Persönlichkeitsrechte des Menschen einzugreifen. Der Blick auf die genetischen Eigenschaften vor Abschluss einer Versicherung oder beim Einstieg in den Job sind nur zwei bescheidene Beispiele.
Mit genau diesen Dingen setzt auch Kayla sich auseinander. Sie lebt in einer durch und durch globalisierten Welt. Die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft sind so weit entwickelt, dass sich niemand mehr Mühe gibt, sie zu verbergen. Der „Präsident“ der Vereinigten Staaten steht gleichzeitig dem alles beherrschenden Konzern „Global 1“ vor. Die Interessen des Staates sind nichts anderes als die Interessen eines riesigen globalen Konzerns.
In dieser Welt hat Kayla so einiges durchzustehen. Erst verliert sie ihren Vater, worauf ihre Mutter in zunehmendem Maße dem Alkohol zuspricht und die Tochter vernachlässigt, die sich dann selbst um einen Job bemüht, um den Lebensunterhalt der beiden zu bestreiten. Dann verliert sie ihre Freundin, die, wirtschaftlich ruiniert, mit ihren Eltern zu weit entfernt wohnenden Verwandten ziehen muss.
All diese Schicksalsschläge treffen Kayla mit atemberaubender Geschwindigkeit und weitere folgen im Laufe der Geschichte. Es ist fast zu viel, als dass ein siebzehnjähriges Mädchen allein damit fertig werden könnte, und so mag man Kayla es auch nicht so ganz abnehmen, wie stark sie selbst dabei bleibt. Kaylas emotionales Innenleben ist wie ein Betonklotz, der zwar einige Risse bekommt, aber im Wesentlichen kaum zu erschüttern zu sein scheint. Hier wünscht man sich als Leser etwas mehr Tiefe in der Figurenbetrachtung.
Natürlich muss man Weyn zugute halten, dass „Bar Code Tattoo“ ein Jugendbuch ist, dennoch erscheint die Figurenskizzierung etwas zu oberflächlich für meinen Geschmack. Das Bild wäre einfach vollständiger, würde Weyn das Innenleben ihrer Hauptfigur etwas stärker vertiefen. Auch Dreizehnjährige sollten keine Probleme damit haben, das dann nachvollziehen zu können.
Eine weitere Schwäche offenbart sich mit Blick auf die Romankonstruktion. Das Szenario entwickelt sie ganz hervorragend, da gibt es gar keinen Zweifel, der Aufbau der Geschichte hadert aber hier und da ein wenig mit der Glaubwürdigkeit. Die Entlarvung eines Verräters (den wir hier selbstverständlich nicht namentlich nennen wollen) erfolgt, auch gemessen an einem Jugendbuch, etwas zu plump.
Ebenso erscheint es etwas unglaubwürdig, in welcher Weise sich im weiteren Verlauf der Geschichte die Wege der Protagonisten immer wieder auf sonderbare Weise kreuzen. Räumlich längst voneinander getrennt und über den Nordosten der USA verstreut, treffen sie sich urplötzlich mitten im Wald wieder – und es kommt nicht nur einmal vor, dass der Faktor Zufall auf diese Weise etwas überstrapaziert wird.
So wirkt der Plot stellenweise leider ein wenig mit der Brechstange konstruiert, was in Anbetracht des eigentlich so gelungen entworfenen Szenarios wirklich schade ist. Gerade im Bereich der Utopien habe ich im Jugendbuchsektor schon Bücher gelesen, deren Umsetzung besser ist (z. B. [„Das Skorpionenhaus“ 1737 von Nancy Farmer). Es liegt also nicht einfach nur an der höheren Erwartungshaltung, die man als Erwachsener hat.
Der Verlag empfiehlt das Buch ab 13 Jahren, und das erscheint mir auch angemessen. Die Thematik ist in jedem Fall wichtig und sie ist so aufbereitet, dass sie Kindern dieser Altersklasse gut zugänglich sein dürfte. Weyn skizziert ihr Szenario so, dass es leicht verständlich ist. Sie packt das Thema jugendtauglich an, auch wenn sie zum Ende hin eine seltsam mystisch angehauchte Richtung einschlägt, die etwas sonderbar erscheint, weil Weyns Erklärungen auch nicht ausreichen, das Ganze wirklich schlüssig erscheinen zu lassen. Zumindest lässt sich das Ganze argumentativ sehr leicht aushebeln.
Bleibt am Ende ein etwas gemischter Eindruck zu „Bar Code Tattoo“ zurück. Einerseits eine wirklich wichtige Thematik, die gerade auch bei Kindern und Jugendlichen, die heute aufwachsen und für die Kredit- und Kundenkarte eine alltägliche Selbstverständlichkeit sind, ein schöner Anlass ist, diese Dinge auch mal kritisch zu hinterfragen. Weyn entwirft ein durchaus glaubhaftes Szenario, schlägt aber dabei zum Ende hin eine etwas fragwürdige Richtung ein und kann auch mit der Romankonstruktion und der Figurenskizzierung nicht hundertprozentig überzeugen. Wichtige Lektüre ja, aber eben leider in der Romanumsetzung auch mit einigen Schwächen.
Man kommt nicht umhin. Beinahe jedes Fantasybuch, das nach Harry Potter kam, wird mit dem Helden von Joanne K. Rowling verglichen. Die Engländerin hat die Messlatte hoch gelegt und 2001 schickte sich Eoin Colfer an, diese mit den Fingerspitzen zu berühren.
Sein Buch „Artemis Fowl“ wurde zumeist in einem Atemzug mit Harry Potter genannt, obwohl inhaltlich sehr starke Unterschiede bestehen. Artemis Fowl, der Held der Geschichte, ist nämlich keineswegs ein Zauberlehrling, sondern ein hochintelligenter Zwölfjähriger, der aus einer Familie von Kriminellen abstammt. Auch der jüngste Spross der Fowls hat sich zum Meisterdieb aufgeschwungen, und da er immer noch ein Kind ist, trotz seiner Altklugheit und Gerissenheit, glaubt er fest an das Märchen, dass jede Fee ein Goldtöpfchen in ihrer Behausung hat. Und er glaubt an die unterirdischen Wesen, auch wenn es lange dauert, bis er endlich die Spur einer Fee in Ho-Chi-Minh-Stadt findet. Er reist mit seinem deutlich älteren Bodyguard Butler, der ihm nicht von der Seite weicht, dorthin und schafft es, ihr das Goldene Buch abzupressen, in dem sämtliche Regeln und das Wissen über die Unterirdischen enthalten sind.
Mit dessen Hilfe gelingt es ihm, eine Elfe gefangen zu nehmen, mit deren Hilfe wiederum er die Elfen erpressen will, ihm etwas von ihrem Feengold abzugeben. Doch er hat nicht mit Holly Short, der Geisel und erstem weiblichem Officer der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrund-Polizei, gerechnet, denn diese hat nicht vor, kampflos aufzugeben …
Zentrale Untergrund-Polizei? Richtig gelesen. Elfen und Feen in rosa Rüschenkleidern und mit goldenen Zauberstäben kommen in Colfers Unterirdischen-Welt nicht vor. Stattdessen gibt es Straßen mit dem allmorgendlichen Stau, wenn die Unterirdischen zur Arbeit fliegen. Es gibt Fußgängerzonen im Höhlensystem und technikgewiefte Zentauren, die das gesamte Areal überwachen. Und es gibt die Zentrale Untergrund-Polizei, kurz ZUP, die für Ordnung unter der Erde sorgt und verhindert, dass die Menschen von der Existenz der Unterirdischen erfahren.
Stellenweise erinnert Colfers Welt dezent an die Bank |Gringotts|, aber insgesamt hat der Autor eine sehr eigenständige und sauber gezeichnete Welt ausgetüfftelt, die immer wieder durch ihren Erfindungsreichtum überrascht. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Elfenflügel motorbetrieben sind und es sogar verschiedene Modelle gibt?
Die gleiche Liebe zum Detail wendet Colfer für die Charaktere auf. Sie alle haben eine Hintergrundgeschichte und ihre Eigenheiten. Butler, Artemis‘ Leibwächter, zum Beispiel gehört zur Familie der Butlers, die schon seit Ewigkeiten im Dienst der Familie Fowl steht. Die Behauptung, dass man munkelt, dass das Synonym für Diener auf ebendiese Familie zurückgeht, ist mit einem Augenzwinkern versehen, was man sehr oft in dem Buch findet. Der gute alte englische Humor eben.
Holly Short, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ist der erste weibliche Officer der Aufklärungseinheit und somit den sexistischen Angriffen ihres Vorgesetzten Root schutzlos ausgesetzt. Bei Root zeigt sich eine weitere Stärke Colfers. Er weiß zu verhindern, dass seine Charaktere wie lieblose, schwarz-weiße Stereotype wirken, indem er sie mit einem Herz versieht. Natürlich entspricht der Charakter des frauenverachtenden Chefs schon ein wenig dem Klischee, aber Colfer zieht dieses Klischee nicht bis zum Ende durch, sondern erlaubt Root, sich zu verändern. Und so wächst ihm Holly während ihrer Geiselnahme immer mehr ans Herz und letztendlich kommt er nicht umhin, sie zu loben.
Besonderes Augenmerk gilt natürlich dem Helden, Artemis Fowl, der schon aufgrund des Alters Harry Potter zu seiner Konkurrenz zählt. Er wohnt, anders als Harry, jedoch auf der anderen Seite des Gesetzes, und nur weil er noch ein halbes Kind ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er nicht gerissen und ziemlich kaltblütig sein könnte. Manchmal beschleicht den Leser natürlich der leise Verdacht, dass der Junge ein wenig zu erwachsen geraten ist, an und für sich hebt sich das aber auf. Zudem hat auch Artemis ein Herz. Er sorgt sich um seine Mutter, die seit dem Verschwinden seines Vaters ein wenig verrückt und einer der Gründe ist, warum er an das Elfengold kommen möchte.
Wenn in einem Buch der Protagonist „der erste artübergreifende Dieb“ (Seite 108) ist, spielt die Geschichte dementsprechend in einem Milieu, in dem mit viel technischem Equipment und Action gehandelt wird. Es ist Colfer gutzuschreiben, dass er es schafft, bei all dem technischen Schnickschnack, den er Artemis zur Verfügung stellt, trotzdem noch auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Das eine oder andere Super-Hightech-aberleiderunrealistische-Handy hat schon so einige Autoren den Kopf gekostet, und auch wenn Colfer es manchmal ein wenig zu viel werden lässt, hält sich diese prekäre Angelegenheit noch im Rahmen.
Die Handlung an und für sich ist spannend gestaltet, hat aber in der Mitte so ihre Längen, während der Leser sehnsüchtig auf den Showdown wartet. Selbiger wird schön ausgestaltet und mit einer überraschenden Wendung versehen, so dass das Buch zu einem gebührenden Abschluss kommt. Allerdings wäre es an einigen Stellen nicht schlecht gewesen, die Action ein wenig zurückzufahren. Sie ist schuld daran, dass der Plot an einigen Stellen auszufransen zu droht.
Trotz dieser wenigen Mängel lässt sich das Buch sehr schön lesen, was dem tollen Schreibstil zu verdanken ist, der ebenfalls einige wenige Parallelen zu Rowling ziehen lässt. Sollte man das überhaupt machen? An und für sich ist der Humor, der „Artemis Fowl“ zugrunde liegt, dieser typisch englische, sehr trockene Humor, und Rowling und Colfer sind nicht die Einzigen, die ihn verwenden. Das lockert das Buch angenehm auf, genau wie der Einsatz von witzigen Metaphern („… genauso aussichtslos wie der [Versuch], eine Kartoffel in einen Fingerhut zu zwängen.“ (Seite 116) und die Hinwendung zum Leser, der humorvoll gesiezt wird.
„Artemis Fowl“ weist sicherlich einige Berührpunkte zu Harry Potter auf, aber Harry Potter weist sicherlich auch einige Berührpunkte zu Büchern auf, die vor ihm geschrieben wurden. Fakt ist, dass Eoin Colfer diese ständigen Vergleiche nicht nötig hat, denn er kann locker mit Rowling mithalten. Sein Schreibstil entfaltet ebenfalls einen mitziehenden Charme, seine Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und seine Geschichte ist mit Hintergründen, Spannung und einer nachvollziehbaren Handlung aufgepolstert. Der eine oder andere Wehmutstropfen lässt sich nicht verhindern, doch ansonsten spielt Colfer in der Oberliga der Kinderfantasybücher, die sich auch Erwachsene zu Gemüte führen können.
Nach einer gewaltigen Explosion auf der alten Erde sah sich das Zentrale Lenkungskomitee auf Neuerde dazu gezwungen zu handeln. Beschlossen wurde fortan, dass alle Probleme, die sich dort ergeben, nur noch in der virtuellen Welt des Computer-Rollenspiels ‚Epic‘ gelöst werden sollen,und dies in der dortigen Arena.
Erik und seine Familie sind von dieser Entscheidung auch betroffen und müssen auch schon erste Opfer bringen. Seine Mutter war der Epic-Welt nicht mehr gewachsen, und auch Erik selber hat unlängst ein weiteres Leben in der Cyberwelt verloren. Ihm bleibt nur noch die eine Chance, mittels eines weiteren selbst kreierten Charakters in ‚Epic‘ zu bestehen und das Zentrale Lenkungskomitee zu besiegen, und hierfür greift er auf recht unkonventionelle Mittel zurück.
Charlie Ashanti lebt in London und ist ein ganz besonderes Kind, denn er spricht die Sprache der Katzen: Katz. Als er eines Tages nach Hause kommt, sind seine Eltern, beide bekannte Wissenschaftler, spurlos verschwunden. Von der Nachbarskatze erfährt er, dass seine Eltern entführt worden sind.
Wie sich herausstellt, wurden sie von einer Organisation entführt, die an einem von ihnen entwickelten Mittel gegen Asthma interessiert ist. Mit Hilfe seiner vierbeinigen Helfer nimmt Charlie die Verfolgung auf. Dabei landet er auf dem Zirkusschiff Circe, welches auf dem Weg nach Paris ist. Der Zirkusdirektor und Kapitän Major Maurice Thibaudet nimmt ihn als Teil der Besatzung auf.
Schon nach kurzer Zeit unter den Akrobaten, Clowns, Seiltänzern und exotischen Tieren wird er zum Assistenten des Löwendompteurs Maccomo. Er ist jetzt der Lionboy. Natürlich weiß keiner, dass sich Charlie mit den Löwen unterhalten kann, und so schmieden Charlie und die Könige des Tierreichs schon bald einen tollkühnen Fluchtplan …
_Der Autor_
Zizou (französisch: weiße Katze) Corder ist ein Synonym für die Schriftstellerin Louisa Young („Sehnsucht nach Kairo“, „Engel in Schwierigkeiten“) und ihre zum Schreibzeitpunkt zehnjährige Tochter Isabel Adomakoh. Die beiden haben die Geschichte von Charlie Ashanti gemeinsam entwickelt und geschrieben. Die beiden leben in London, und „Lionboy: Die Entführung“ ist ihr erstes Kinderbuch und der erste Band einer Trilogie über den Katz sprechenden Charlie Ashanti.
_Mein Eindruck_
„Lionboy: Die Entführung“ ist für mich das beste Kinder/Jugendbuch seit „Harry Potter“. Nicht umsonst hat sich kein Geringerer als Stephen Spielberg die Filmrechte für dieses Buch bereits gesichert.
Aber was macht das Buch so erstklassig? Zuerst einmal ist das sicher die Autorenkombination aus erfahrener Schriftstellerin und ihrer Tochter. Auf jeder Seite kann man die kindliche Phantasie bestaunen und saugt sie förmlich ein. Dabei wird der Plot aber niemals undurchsichtig oder verwirrend, was ganz klar auf die ordnende Hand der Mutter zurückzuführen ist. Genauso ist es mit verschiedenen Erklärungen und Beschreibungen innerhalb des Textes. Man merkt, dass hier ein Kind bei der Entstehung quasi Pate gestanden hat, denn die Erklärungen sind genau richtig gestreut und gut formuliert, so dass auch schon jüngere Leser ihren Spaß an der „Lionboy-Reihe“ haben werden. Dabei sind sie aber keinesfalls in einer lehrerhaften Formulierung gehalten, sondern sehr interessant und liebevoll, damit sie auch die älteren Semester nicht stören.
Die Story an sich spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Erdölvorkommen beinahe erschöpft sind, wobei hier natürlich auch der Lerneffekt für die jungen Leser nicht zu übersehen ist. Auch dass Charlie einen Vater aus Afrika und eine Mutter aus Europa hat, vermittelt genau den richtigen Umgang mit der immer wieder aufflackernden Rassismusdebatte, wobei hier sicher auch autobiografische Züge der Autorinnen enthalten sein dürften. Die Geschichte ist sehr bunt und bildhaft erzählt, ohne dabei kitschig oder aufgesetzt zu wirken. Der junge Charlie wird äußerst intelligent und gewitzt dargestellt, was natürlich eine gewisse Identifikation mit dem Protagonisten herstellt.
Den Mittelpunkt des Buches bilden aber sicherlich einmal, dass Charlie Katz spricht, und sein Aufenthalt auf dem Zirkusschiff Circe. Hinter der Gabe steckt nämlich auch noch, dass zu dieser Zeit fast alle Menschen an Asthma und an einer Allergie gegen Katzen leiden, wobei es ja in unserer Zeit wirklich immer mehr asthmakranke und allergische Kinder gibt. Charlies Eltern suchen dafür einen Impfstoff und werden dann von einem Syndikat entführt, um für sie zu arbeiten. Dadurch, dass die Katzen nicht gewohnt sind, dass Menschen sie leiden können, helfen sie natürlich dem kleinen Charlie, auch wenn da sicher noch etwas mehr dahinter steckt.
Charlies Zeit beim Zirkus ist so bunt und unterhaltsam geschildert, dass man sich wirklich in seine Kindertage zurückversetzt fühlt. Bunte Farben, fremde Gerüche und die Faszination Zirkus können wirklich so hautnah miterlebt werden, dass man das Buch gar nicht mehr beiseite legen will. Hierzu tragen auch die vielen sehr gelungenen Illustrationen bei. Überhaupt ist die Gestaltung des Bandes äußerst vorbildlich ausgefallen. Das Cover mit einem Löwenkopf ist passend gewählt, und wenn man das Buch etwas ins Licht hebt, scheinen einen die Augen wirklich anzufunkeln – toll! Ebenso sind die Noten für die verschiedenen Lieder, über die im Buch erzählt wird, enthalten, so dass sie problemlos von etwas musikbegabten Lesern nachgespielt werden können.
Das Finale der Geschichte bildet dann Charlies Flucht mit den Löwen in den Orientexpress, wo sie den König von Bulgarien treffen. Selbstverständlich ist die Handlung teilweise etwas unrealistisch, aber darüber muss man einfach hinwegsehen und sich auf diese schöne Phantasiewelt einlassen. Schließlich ist es ja hauptsächlich ein Kinderbuch, aber ich möchte hier noch einmal betonen, dass auch ältere Leser ihre wahre Freude an „Lionboy: Die Entführung“ haben werden.
_Fazit_
„Lionboy: Die Entführung“ ist eine tolle Geschichte, die wirklich fesselt – für mich das beste Kinder/Jugendbuch seit „Harry Potter“. Wenn die beiden nachfolgenden Bände auch nur annähernd das Niveau des ersten Bandes halten können, haben die Autorinnen damit eine wirklich wundervolle Trilogie geschaffen.
Die drei Freunde Chad, B.G. und Frosch besuchen gemeinsam den Englischkurs von Mr. Patterson. B.G. ist ein vorlauter Anführertyp, der sich in der Schule durchmogelt. Frosch ist ein skurriler Spaßvogel, der alle Dinge als Spiel betrachtet. Chad, ein guter Schüler, ist der Zurückhaltendste und Vernünftigste der drei. Mr. Patterson ist der strengste Lehrer von allen; sein Unterricht ist nicht nur anspruchsvoll, sondern er liebt es auch, böse Witze über seine Schüler zu machen.
Während einer Klassenarbeit beobachtet er, wie B.G. vom deutlich besseren Chad abschreibt. Als Strafe gibt er beiden eine Fünf, was vor allem Chad ärgert. In ihrem Frust über die Schule kommen die Jungen auf die Idee, sich ein paar Streiche einfallen zu lassen, um „das perfekte Verbrechen“ zu üben. Dabei wollen sie keine wirklichen Delikte begehen, nur kleine Mutproben. Sie schleichen sich heimlich ins Kino ein, stehlen eine Flasche Wein, deponieren einen BH auf einer Jagdtrophäe in der Schule. B.G. hat es vor allem auf Mr. Patterson abgesehen. Er deponiert verfaultes Katzenfutter in der Lüftung, so dass Mr. Patterson schließlich den Hausmeister zu Hilfe rufen und die Englischstunde ausfallen lassen muss.
Die mittlerweile rund 130 Bände umfassende ???-Reihe groß vorzustellen, erübrigt sich eigentlich, denn fast jeder Jugendliche bis hin zum Enddreißiger (die ganz besonders) dürfte mit den drei Junior-Detektiven Justus, Peter und Bob, genannt: „Die drei Fragezeichen“ aus dem fiktiven Kaff Rocky Beach bei Los Angeles irgendwie, irgendwann und irgendwo schon mal in Kontakt gekommen sein. Sei es in Buchform oder aber der hierzulande wesentlich erfolgreicheren Hörspielserie von |EUROPA|, welche den aktuellen Buchveröffentlichungen derzeit etwas hinterher hinkt. Der „Seltsame Wecker“ aus dem Jahre 1968 führt uns ganz weit zurück in eine längst vergangene Ära, hin zu den Anfängen des Trios. Aus der Feder des Schöpfers selbst stammt jener 4. Fall.
_Zur Serie_
In den USA wurden die „Three Investigators“ nach 56 Bänden eingestellt, in good ol‘ Tschörmanie leben sie dank motivierter Autoren weiter. Ende offen. Die Bücher haben fast alle ein Format von 128 bis 130 Seiten, mit wenigen Ausnahmen, und erscheinen seit jeher bei |Franckh-Kosmos|. Während die alten Originalausgaben zum Teil richtig was wert sind, bekommt man die (lizensierten Reprint-)Taschenbuchausgaben bereits für moderate 6 Euro. Neuerscheinungen kosten 7,95 Euro und sind grundsätzlich Hardcover.
Alfred Hitchcock wird oft fälschlich als Autor oder zumindest als Herausgeber angegeben, dabei hat er nur insofern mit der Serie zu tun, als dass er Ende der Sechzigerjahre seinen zugkräftigen Namen für die von Robert Arthur ersonnenen Geschichten spendierte. Gegen Lizenzgebühren versteht sich. Im Laufe der Reihe verschwanden seine – früher obligatorischen – Gastauftritte als Mentor (und Moderator) der drei Schnüffelnasen immer mehr und schließlich komplett.
Seit Frühjahr 2005 ist die Lizenz zudem endgültig ausgelaufen und die drei Fragezeichen erscheinen seither ganz ohne den Hitchcock-Namenszug und ohne sein Konterfei. Da sich die Serie seit Jahren quasi fest in deutscher (Autoren-)Hand befindet, ist das Fehlen Hitchcocks und „seiner“ oft verschmitzten Kommentare und Zwischenbemerkungen kein Beinbruch – zu den Klassikern der Serie gehören sie aber untrennbar – zumal die jüngere Lesergeneration eh nicht viel mit dem einstigen Kult-Regisseur verbindet.
_Zur Story_
Bekanntlich betreibt Justus‘ Onkel Titus den wohl bekanntesten Trödelladen (böse Zungen nennen das „Gebrauchtwaren-Center T. Jonas“ auch respektlos: „Schrottplatz“) der Westküste und kauft so ziemlich jeden kuriosen Tand auf, der ihm angeboten wird. Diesmal findet sich dabei eine seltsame Uhr, die Justus‘ Interesse weckt. Eingestöpselt und auf „Wecken“ gestellt, gellt ein fürchterlicher Schrei durch Mark und Bein. Klar, dass so ein außergewöhnliches Gerät seine Neugier buchstäblich weckt und nach genauerer Untersuchung schreit. Da die drei Fragezeichen im Moment sowieso grade keinen Klienten haben, kommt so ein „spezialgelagerter Sonderfall“ sehr gelegen, um mental nicht einzurosten.
Über eine Gravur lässt sich auch recht schnell der Uhrmacher herausfinden, der dem Wecker das Schreien beibrachte. Es stellt sich heraus, dass diese Arbeit nicht die einzige Anfertigung für einen gewissen Mr. Clock gewesen ist. Dieser war offensichtlich ein Experte für Schreie in Hörspielen, als es noch kaum TV-Sendungen gab. Jener Schrei ist einer seiner eigenen, sehr berühmten aus dieser Zeit. Zudem ist er leidlich bekannt mit Alfred Hitchcock, der den dreien auch den Hinweis auf seine Identität gibt. Bert Clock jedoch scheint seit einiger Zeit verschwunden zu sein, er hinterließ seine ratlose, bei ihm im Haus wohnende Haushälterfamilie Smith, einen Raum voller schreiender Uhren und dazu noch eine höchst rätselhafte Botschaft.
Mr Clock muss ein seltsamer Vogel sein, denn seltsamerweise kennt Familie Smith ihn nicht unter seinem richtigen Namen, sondern als „Mr. Hadley“. Darüber hinaus hat man den Familienvater vor drei Monaten in den Knast geworfen, da in Clocks/Hadleys Haus drei gestohlene Gemälde gefunden wurden und die Indizien gegen Ralph Smith sprachen, der als Versicherungsvertreter in den fraglichen Häusern gewesen ist, die später beklaut wurden. Dieser allerdings beteuert seine Unschuld. Komischerweise verschwand gleich nach Auffinden der Bilder Mr Clock. Nicht ganz spurlos, denn die Fragezeichen wollen Rätselbotschaften und Wecker entschlüsseln und damit sogar eventuell Smith‘ Unschuld beweisen. Dabei entdecken sie, dass es noch weitere verschwundene Bilder gibt und dass sie nicht die Einzigen auf der Jagd danach sind.
_Eindruck_
Der bereits 1969 verstorbene Autor Robert Arthur ist gleichzeitig der wirkliche Erfinder der drei Detektive. Zeitlich ist der Fall direkt hinter „Gespensterschloss“, „Flüsternde Mumie“ und „Fluch des Rubins“ einzuordnen – demnach also Band 4; wiewohl es bei den Büchern keine feste Nummerierung gibt. Auf die vorgenannten Geschichten wird stellenweise Bezug genommen, jedoch nur ganz kurz, sodass man die Bücher nicht gelesen haben muss, um den „Wecker“ zu verstehen. In diesem Band präsentiert Arthur auch erstmals einen der hartnäckigsten Gegenspieler im ???-Universum überhaupt: Messieur Victor Hugenay, den Gentleman-Kunstdieb aus Fronkreisch. Er und sein ünvergleischlischer Akzent werden den drei Junior-Schnüfflern im Laufe der Serie noch häufiger unangenehm aufstoßen.
Darüber hinaus enthält der „Seltsame Wecker“ auch sonst alle Elemente, welche die Serie weltweit zurecht so groß und beliebt gemacht haben. Insbesondere die Rätselsprüche, die (wie so oft) den Schlüssel zum Ermittlungserfolg darstellen, haben es in sich und laden zum Mitraten ein. Geschickt und weitgehend verlustfrei hat Übersetzerin Leonore Puschert die Rätselaufgaben vom Amerikanischen ins Deutsche transportiert. Das Buch ist in leicht verständlicher, zielgruppenfreundlicher Sprache verfasst (Kinder und Jugendliche 10+), doch manche Ausdrücke wirken – zumindest in den Auflagen von 1973 bis 1984 – etwas antiquiert und heute eher ungebräuchlich. Das tut der guten, spannend erzählten Geschichte jedoch in keiner Weise Abbruch. Wer’s moderner mag, greift zu den überarbeiteten Taschenbuch-Versionen, etwa von |dtv junior| und anderen.
_Fazit_
Zu Recht ein Meilenstein der Reihe, denn nicht nur ist es eines der allerersten, sondern gleichwohl eines der letzten Werke des Masterminds Robert Arthur vor seinem überraschenden Tod 1969. Mystery, Spannung, knackige Rätsel und ein guter Schuss Action sind die Zutaten, aus denen diese Vorzeigestory zusammengesetzt ist. Sie weiß auch nach fast 50 Jahren immer noch zu fesseln und eignet sich auch ganz hervorragend zum Einstieg in die Serie.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
OT: „Alfred Hitchcock and The Three Investigators in the mystery of the screaming Clock“
Erzählt von Robert Arthur
Random House / New York, 1968
Franckh’sche Verlagshandlung / Stuttgart, 1973
Übersetzung: Leonore Puschert
Umschlaggestaltung: Aiga Rasch
ISBN: 3-4400-5213-3 (132 Seiten Hardcover Originalausgabe)
ISBN: 3-4237-0168-4 (125 Seiten dtv Junior Taschenbuch)
Tamora Pierce ist zurück! Die Mutter der Romanzyklen um Alanna, die Löwin und erste Ritterin im Reich von Tortall seit sehr langer Zeit, und Dhana, das Mädchen, das mit den Tieren reden kann, hat dieses Jahr einen neuen Roman in der Welt von Alanna und Dhana veröffentlicht: „Lia – Die Prophezeihung der Königin“.
Wir treffen darin auf viele alte Bekannte, denn Lia ist niemand Geringeres als die sechzehnjährige Tochter von Alanna und George Cooper, dem Meisterdieb. Um zu verhindern, dass der Leser nach zwei Romanzyklen den Überblick verliert, sind im Anhang des Buches ein Personenverzeichnis und ein Glossar beigefügt, die Neueinsteigern das Lesen erleichtern.
Die mittlerweile rund 130 Bände umfassende ???-Reihe groß vorzustellen, erübrigt sich eigentlich, denn fast jeder Jugendliche bis Enddreißiger dürfte damit irgendwie, irgendwann und irgendwo in Kontakt gekommen sein. Sei es in Buchform oder aber der hierzulande wesentlich erfolgreicheren Hörspielserie von EUROPA. Der „Magische Kreis“ stammt aus dem Jahre 1978 und wurde erst drei Jahre später auf den deutschen Markt gebracht. Es ist noch ein Buch der ersten Generation, vor dem großen Umbruch. Neue Bücher kommen seit Jahren ausnahmslos aus Deutschland, da die Serie in den USA nach dem 56. Band abgesetzt wurde.
Amerika in den Siebzigern: Wie jedes Jahr verbringt der fünfzehnjährige Richard den Sommerurlaub mit seinen Eltern an einem kleinen Küstenort. Hier lebt auch sein Freund Dylan, dessen Vater der Campingplatz gehört. Früher durchstreiften sie gemeinsam die Wälder, doch jetzt muss der sechzehnjährige Dylan seinem Vater bei der Arbeit helfen. Richard macht seine Spaziergänge alleine. Dabei stellt er überrascht fest, dass einer ihrer Stammplätze, das verlassene „Wunschaus“, inzwischen wieder bewohnt ist. Hier lebt die exzentrische Künstlerfamilie Dalton, über die im Dorf die wildeste Gerüchte kursieren. Mutter Lucia ist eine rassige, attraktive Frau, die sich unbekümmert beim nackten Sonnenbaden zeigt und den verlegenen Richard sofort ins Haus einläd. Mir rauchiger Stimme verleiht sie dem Jungen den Spitznamen „Ricardo“. Vater Jay ist ein Maler, der sich nicht um die sexuelle Freizügigkeit seiner Frau kümmert. Der hagere Mann lebt nur für seine Kunst und ist stets auf der Suche nach neuen Objekten. Der jugendliche Sohn Joe teilt sich wie selbstverständlich einen Joint mit seiner Mutter und die bildschöne Clio, ein Mädchen in Richards Alter, begegnet ihm mit Abweisung. Richard ist verwirrt über das hippihafte Leben der Familie, die sich so ganz anders benimmt, als er es aus seinem Elternhaus kennt.
Bald drauf trifft er Clio in seinem Geheimversteck im Wald. Entgegen ihrer ersten Begegnung benimmt sie sich viel freundlicher, nähert sich ihm an, macht Avancen. Sie verabreden sich für den nächsten Abend und verbringen gemeinsam die Nacht. Der unerfahrene Richard ist fasziniert von der verführerischen Clio, gleichzeitig aber auch immer wieder verunsichert durch ihr Verhalten. Fast jeden Tag des Sommers verbringt er bei den Daltons, streift mit Clio durch die Wälder, nimmt an den ausgelassenen Partys teil und sitzt Jay Modell. Es ist der Beginn des aufregendsten Sommers seines Lebens, der die Schwelle zwischen Jugend und Erwachsensein bildet. Die Liebe zu Clio und die Bekanntschaft mit der Familie Dalton konfrontiert Richard mit neuen Erfahrungen, mit Sex, tiefen Gefühlen, Drogen und dem Tod.
Sechs Jahre später erhält Richard eine Einladung von Clio zu einer Vernissage. Das Wiedersehen und der Besuch der Ausstellung werden für ihn zu einer Reise in die Vergangenheit. Beim Betrachten der Bilder steigen schmerzhafte Erinnerungen in ihm auf, die sich nicht mehr verdrängen lassen …
Das Ende der Kindheit ist ein beliebtes Thema, das die Autorin hier aufgreift. Der letzte unbeschwerte Sommer, die erste Konfrontation mit dem Ernst des Lebens, der erste große Schmerz – all das sind die Facetten, die dieser Roman thematisiert und miteinander verwebt.
|Stärken und Schwächen der Charaktere|
Fast jeder Leser wird sich in den Erfahrungen des jungen Protagonisten wiederfinden. Richard ist ein typischer Fünfzehnjähriger, der zum ersten Mal im Leben nicht wirklich weiß, wo er sich einordnen soll, der in der Schwebe hängt zwischen Kindheit und Erwachsenendasein. Der Sommerurlaub mit seinen Eltern hat an Reiz verloren. Richard fühlt sich zu alt, um mit seinen Eltern Fernsehabende zu verbringen, und ist froh um jede Minute, die er außerhalb ihrer Reichtweite zubringen kann. Er entflieht der häuslichen Überwachung, die ihm in diesem Sommer bewusster ist als je zuvor.
Gleichzeitig aber macht er die schmerzhafte Erfahrung, dass er für seinen Freund Dylan zu jung ist. Dylan ist zwar nur ein gutes Jahr älter, doch der Sechzehnjährige ist in den vergangenen Monaten zu einem jungen Mann herangereift, der seinem Vater regelmäßig bei der Arbeit auf dem Campingplatz zur Hand geht und keine Zeit und keinen Sinn mehr für die Spiele mit Richard hat. Den Abend lässt er mit Freunden im Pub ausklingen, wo Richard wiederum noch nicht zugelassen ist. Obwohl sich die beiden immer noch gut verstehen, ist ein Bruch in ihre Freundschaft getreten. Die Interessen liegen zu weit auseinander, die Lebensumstände haben sich zu weit voneinander entfernt, als dass mehr als unverbindliches Plaudern möglich ist.
Das wilde Leben der Daltons bietet für Richard daher einen starken Reiz, eine neue Erfahrung, der er sich nicht entziehen kann. Jedes Familienmitglied übt auf seine Weise eine Faszination auf Richard aus, der sich mit einer völlig neuen Lebensweise konfrontiert sieht. Fast lächerlich scheint der Vergleich zwischen dem Künstler Jay, seiner frivolen Ex-Muse Lucia und auf der anderen Seite Richards spießigen Eltern. Vor allem die rassige Schönheit Lucia wird überzeugend und anschaulich geschildert. Ihre unverschämt roten Haare, so rot, dass sie „nie und nimmer echt“ sein können, ihre unbefangene Nacktheit und ihre herzlich-frivole Art, mit Richard umzugehen, lassen das unbeschwerte Leben der Hippies lebendig werden. Der wortkarge Jay ist nicht weniger interessant und noch erheblich mysteriöser für Richard. Bereitwillig sitzt er ihm stundenlang Modell, ist aber auch jedesmal froh, wenn die Sitzung beendet ist und er sich von Jay verabschieden kann. Für den Teenager ist unverständlich, dass Jay keine Eifersucht über die Affären seiner Frau zeigt, seine zeitweiligen Wutausbrüche verstören ihn.
Schwächer ist dagegen die Darstellung der zweiten Hauptperson, Clio. Bei der ersten Begegnung verhält sie sich abweisend und mürrisch, sagt Richard beim Abschied sogar direkt ins Gesicht, dass er sich in Zukunft von ihrer Familie fernhalten soll. Ganz anders dagegen ihr Auftritt bei ihrer Begegnung im Wald. Sie umgarnt Richard, unterhält sich begeistert mit ihm über Abenteuerromane und besteht darauf, die nächste Nacht gemeinsam in ihrem versteckten Lager zu verbringen. Für ihre radikale Haltungsänderung führt sie keinen plausiblen Grund an und Richard gibt sich mit den nichts sagenden Antworten zufrieden. Unbefriedigend ist auch seine Reaktion, als Dylan ihm gegenüber behauptet, er habe gleichfalls eine Affäre mit Clio. Zwar ist Richard im ersten Moment geschockt, doch es gelingt ihm, seine verletzten Gefühle vor Dylan zu verbergen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen, besser, als es angesichts seiner Lage realistisch wäre.
|Licht und Schatten im Aufbau|
Positiv ist die Spannung, die den Roman von Beginn bis Ende durchzieht. Sie entsteht hauptsächlich durch die Vorankündigungen aus der Gegenwart. Der Leser erfährt, dass Clios Vater Jay, dessen Werke auf der Vernissage ausgestellt werden, verstorben ist, dass es sich um einen „bizzaren Tod“ handelte, der unmittelbar nach der Bekanntschaft mit Richard eingetreten sein muss und der wilde Schlagzeilen in den Zeitungen hervorrief. Erst ganz allmählich rollt sich die Vergangenheit auf, so dass am Ende die Fäden zusammengeführt werden und man kurz vor Schluss erfährt, was es mit Jays Tod auf sich hat und welche Rolle Richard dabei spielt.
Bis dahin verfolgt man interessiert vor allem Richards Begegnungen mit Jay; automatisch stellt man Mutmaßungen an, wie der merkwürdige Künstler enden mag. Sind Drogen im Spiel, ist es Selbstmord, ein Unfall oder gar Mord? Alles scheint möglich bei diesem undurchschaubaren Menschen, den man im gesamten Roman nie wirklich einzuschätzen vermag; die Andeutungen, die man zu Beginn erfährt, sind nur vage. Ebenso undurchsichtig ist zunächst das Verhältnis von Richard zu Clio, da man nicht erahnen kann, welchen Verlauf ihre Beziehung bis zum Ende des Sommers genommen haben wird.
Auch Richards Gefühle sind sichtlich gespalten; die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seiner einstigen Geliebten erfreut und verwirrt ihn zugleich. Er fragt sich, warum sie darauf verfallen ist, ihn einzuladen nach all der Zeit; in die Aufregung mischt sich auch Angst vor der Konfrontation mit der Vergangenheit, vor möglichen Begegnungen mit Lucia oder Clios Bruder Joe, mit den Menschen aus jenem Sommer, der sein Leben so sehr verändert hat. Im Geist hört er Jays Stimme, die ihn davor warnt, die Einladung anzunehmen, doch der Drang, Clio wiederzusehen, und seine Neugierde sind stärker.
So spannend die Umstände um Jays Tod gestaltet sind, so schwach ist dagegen die Einbettung eines weiteren Konfliktes, der erst kurz vor Schluss Erwähnung findet und dessen Wirkung verpufft. Durch Zufall macht Richard eine schockierende Entdeckung, die für ihn nur eine entsetzliche Interpretation zulässt. Seine spontane Reaktion sorgt dafür, dass er sich mitschuldig an Jays Tod führt. Auch der Grund, weshalb Jay vom ersten Moment an so fasziniert von Richard ist und ihn unbedingt als Modell nutzen will, klärt sich erst sehr spät und kommt recht überraschend, so dass diese Wendungen ihre volle Wirkung so knapp vor Schluss nicht mehr voll entfalten können.
Mankos liegen auch in der Geschwindigkeit, in der sich die Handlung entwickelt. Zunächst ist Richard befremdet über die vielen Besucher der Familie Dalton, mit denen er Clio teilen muss; befreundete Studenten, Jays Ex-Frau mit ihren Kindern, weitere Künstler und Hippiegenossen bevölkern abends die Umgebung des „Wunschhauses“ und verwirren den scheuen Jungen. In wenigen Sätzen wird jedoch abgehandelt, dass sich Richard immer mehr an diese Gesellschaft gewöhnt und bereitwillig seine Kleidung zum Nacktbaden ablegt. Zu hastig, zu gedrängt und zu komprimiert liest sich diese rasche Entwicklung, bei der man sich wünscht, die Autorn hätte etwas länger an diesen Stellen verweilt, um Richards gewandelte Einstellung plastischer darzustellen.
Der Roman wartet zudem mit der originellen Idee auf, die Gemälde der Ausstellung in die Handlung miteinzubauen. Jedem Kapitel ist ein Auszug aus Beschreibung und Interpretation des jeweiligen Werkes vorangestellt, mit den offiziellen Angaben zum Bild und passend zum entsprechenden Handlungsabschnitt. Leider funktioniert es nur bedingt, die Bilder zum Leser zu transportieren, der seine ganze Phantasie bemühen muss, um eine ungefähre Vorstellung zu erhalten, wie sie wohl aussehen mögen – und selbst das ist im Endeffekt unbefriedigend. Zu abstrakt und oberflächlich sind halbseitige Beschreibungen, etwa wenn Märchenwälder oder pflanzenreiche Gärten das Thema bilden. Ideal wäre gewesen, wenn echte Bilder beigesteuert wären, was vermutlich aber einen zu großen Aufwand bedeutet hätte.
_Unterm Strich_ bleibt ein durchaus lesenswerter, aber in keiner Hinsicht überdurchschnittlicher Roman über Jugend, erste Liebe, erste Leidenschaft und das Ende der unschuldigen Kindheit. Nicht nur Erwachsenen, sondern vor allem jungen Lesern ab etwa fünfzehn Jahren bietet das Buch Raum zur Identifikation mit dem Protagonisten, mit seinen Problemen mit seinen Wünschen. Die Charaktere sind interessant, handeln aber teilweise zu unrealistisch. Der Spannungsaufbau ist gelungen, einige Stellen werden jedoch deutlich zu hastig erzählt. Die Sprache ist unkompliziert und weitestgehend schnörkellos, so dass sich der Roman, auch dank des geringen Umfangs, schnell lesen lässt.
_Die Autorin_ Celia Rees wurde 1949 in England geboren. Sie unterrichtete zunächst jahrelang an einer Schule, bis sie selber zum Schreiben kam. Ihr Fokus liegt auf Jugendromanen, oft angereichert mit mystischen Elementen. Zu ihren weiteren Werken gehören u.a. „Hexenschwestern“, „Piraten!“, „Hexenkind“ und „Das goldene Labyrinth“.
Neben der originalen ???-Kult-Serie aus der Feder Robert Arthurs, die Kinder und Jugendliche seit ihren Anfängen in den Sechzigerjahren immer noch begeistert, hat sich seit August 1999 ein Seitenarm entwickelt, der sich eher an eine jüngere Leserschaft richtet. Deutschland ist seit Jahrzehnten die treueste Drei-Fragezeichen-Hochburg, daher erstaunt es nicht, dass es dieses (übrigens auch rein deutsche) Konzept auf mittlerweile beachtliche 30 Titel bringt. Fast alle davon wurden von Ulf Blanck verfasst – fast.
Diese als „Jumboband“ beworbene Jubiläumsausgabe zur Feier des 25. Falles wird hingegen von Boris Pfeiffer erzählt. „In letzter Sekunde“ bietet mit 180 Seiten (netto – ohne Cover, Vorsatz und Verlagswerbung) gut die doppelte Seitenzahl der anderen Bände, kostet jedoch nur ein wenig mehr als die Normalo-Fälle – 7,50 €, um genau zu sein. Bei der generellen Aufmachung orientiert man sich an dem Design, welches Aiga Rasch damals erschuf und das auch heute noch den Gutteil des Wiedererkennungswertes ausmacht. Das Hardcover erschien erstmals im Dezember 2005 im |Franckh-Kosmos|-Verlag. Wo auch sonst?
_Zur Story_
Wieder einmal dürfen die Drei Fragezeichen Bobs Vater zu einem Interviewtermin begleiten. Der Sammler Mr. Pim gastiert mit seiner Ausstellung am Bahnhof von Rocky Beach. Am Bahnhof deswegen, da seine Kuriositätensammlung in einer Art Museumszug quer durch die USA tingelt. Sein neues Prunkstück ist eine überdimensionale, voll funktionstüchtige Kuckucksuhr, welche er kürzlich auf einer Auktion ergattern konnte. Gebaut hat sie ein berühmter Uhrmacher, der seit einer gewissen Zeit jedoch abgetaucht ist und gelobte, auch keine Uhren mehr bauen zu wollen, bis ihn jemand findet.
Mr. Pim hat die größte von Felix Blacktrees kunstvoll-raffinierten Kuckucksuhren erstanden, es ist jedoch nicht die einzige – und wie es scheint, sind die Uhren auch wirklich eine codierte Spur zu seinem Aufenthaltsort. Sofern man ihre Zeichen zu deuten versteht. Oder sind das doch alles nur Gerüchte? Klar, dass insbesondere Justus darauf brennt, ihnen ihr Geheimnis zu entreißen. Und tatsächlich ist „Kuckuck“ nicht das Einzige, was Mr. Pims Uhr zu bestimmter Stunde zum Besten gibt und die Neugier der drei Jungs entfacht. Doch als sie am nächsten Tag noch einmal genau hinhören wollen, ist die seltsame Uhr gestohlen worden. Samt Waggon.
_Meinung_
Die Originalserie spielt ursprünglich in den Sechziger- und Siebzigerjahren, wurde dann aber über die Jahrzehnte behutsam bis in die Neuzeit verfrachtet. Heute sind Justus, Peter und Bob in der laufenden Serie im Alter von etwa 17 Jahren und benutzen Computer, Handy & Co. Als sie erfunden wurden, da gab es solcherlei moderne Geräte noch nicht. Zu diesem Zeitpunkt mögen sie so um die 12 oder 13 gewesen sein. Hier als knapp 10-jährige „???-Kids“ jedoch verwenden sie wie selbstverständlich das Internet und andere heutige Technik. Das passt von der Zeitlinie her überhaupt nicht ins Bild und ist überaus paradox. Zumindest hat es nicht im Entferntesten den Charme der alten Geschichten.
Kommen die „klassischen“ Fälle des fiktiven Jungdetektiv-Trios aus dem ebenso fiktiven kalifornischen Nest Rocky Beach gänzlich ohne Illustrationen daher, hat man bei den „???-Kids“ für optische Auflockerung gesorgt. Cover und die zahlreichen, zumeist putzigen, S/w-Zeichnungen im Comic-Stil stammen von Stefanie Wagner & Timo Müller bzw. Jens R. Nielsen. Allerdings hält man sich seitens der Illustrationen leider immer noch nicht an die Beschreibung der Originalfiguren. Künstlerische Freiheit nennt man das wohl – ist auch nicht weiter tragisch, reiht sich aber in die Liste der Kontinuitätsprobleme bei der „Kids“-Serie ein.
Die Story an sich ist dennoch gut durchdacht und wäre – modifiziert und an die etwas andere Altersstruktur angepasst – auch für die Hauptserie durchaus geeignet gewesen. Boris Pfeiffer spinnt sein Garn spannend und geschickt, um nicht nur den jüngeren Leser bis zum Schluss bei der Stange und somit in Leselaune zu halten. Wiewohl man als gestandener (erwachsener) Fan unter anderem die Elemente aus den Fällen „Rätselhafter Wecker“, „Superpapagei“ oder „Teufelsberg“ durchaus wiederfindet und der Plot als solcher natürlich alles andere als neu und unvorhersehbar ist. Gewürzt ist das Ganze (wie immer) mit kleinen pädagogischen Aha-Erlebnissen, die mal mehr und mal weniger augenfällig sind. Die Verbindung mit „Blacktree“ zu Schwarzwald und Kuckucksuhren ist schon sehr subtil.
_Fazit_
Dank Illustrationen und augenfreundlich großer Schriftart ist die Jubiläumsausgabe recht schnell gegessen – und das nicht nur aus der Sicht einer erwachsenen Leseratte, auch die angepeilte Leserschaft um die 10 Jahre herum dürfte sich den „Jumboband“ fix und entspannt durchziehen können und sich dabei gut unterhalten fühlen. Das Buch ist ein kurzweiliges Vergnügen und trotz der vielen kleinen Kollisionen in Sachen Logik und Kontinuität mit der Hauptserie durchaus eine der lesenswerten Geschichten der „???-Kids“.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Die drei ???® Kids – Band 25
„In letzter Sekunde“
Erzählt von Boris Pfeiffer
Illustrationen von Stefanie Wegner und Jens R. Nielsen
Lesealter: 8 bis 10 Jahre
Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 08/2005
196 Seiten Hardcover, ISBN: 3-440-10202-5
Preis: 7,50 Euro
Es ist wieder da, Hui Buh, das Schlossgespenst. Rotzfrech war es, verfressen, versoffen, tollpatschig, politisch höchst unkorrekt und Wortspiele durch die Gegend feuernd, dass man vor Lachen von seinem Hörersessel geplumpst ist. Gesprochen wurde jener ätherische Tunichtgut dereinst von Hans Clarin, der leider mittlerweile von uns gegangen ist.
2004 hat man Hui Buhs vermoderte Holztruhe dann endlich wieder entstaubt, die alten Hörspiele in Silber gepresst und der hungrigen Hörermeute kredenzt, die sich bis dato erbittertste Auktionsschlachten auf dem Kassettenflohmarkt zu liefern hatte, um in den Genuss der vergriffenen Kleinode zu gelangen.
Stattdessen hat Clive Barker das Tor zu einer anderen Welt aufgestoßen, zu Abarat, einem Archipel seltsamer Inseln, seltsamer Kriege, seltsamer Wesen und seltsamer Bräuche. Ein Auftakt ist dieser Band, und drei weitere werden folgen, werfen wir also einen Blick auf diejenige, um die sich alles dreht:
Fear and Loathing in Chickentown.
Candy Quackenbush lebt in Chickentown, Minnesota, und könnte sich nichts Langweiligeres vorstellen als das. Ihr Vater trinkt und schlägt sie, ihre Mutter hat sich schon längst in ihr Schicksal ergeben, und ihre Geschichtslehrerin piesackt sie mit der Hausaufgabe, Interessantes über ihre Heimatstadt herauszufinden. Nun, aber Candy denkt gar nicht daran, irgendwelche staubtrockenen Lehrbuchfakten zusammenzutragen, sondern wendet sich an eine tratschige Supermarkt-Kassiererin, um in skurrilere Tiefen ihrer Heimatstadt abzutauchen.
Kate DiCamillo zählt im Kinder- und Jugendbuchgenre zu den ganz Großen. Bereits mit ihrem Debütwerk „Winn-Dixie“, welches auch verfilmt wurde, gelang ihr der internationale Durchbruch. Die wundervolle Geschichte von „Despereaux – Von einem, der auszog das Fürchten zu verlernen“ stand in den USA monatelang in den Bestsellerlisten und wurde in Deutschland mit Preisen überhäuft, aber „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ steht dem in nichts nach …
Darf ich vorstellen – Edward Tulane: |“In einem Haus in der Egypt Street lebte einst ein Porzellanhase. Er hatte Arme aus Porzellan und Beine aus Porzellan. Er hatte Pfoten aus Porzellan und einen Kopf aus Porzellan, er hatte einen Porzellanbauch und eine Porzellannase. Seine Ellbogen und seine Knie ließen sich bewegen, weil die Gelenke mit Draht verbunden waren. Seine Ohren waren aus echtem Hasenfell und auch unter dem Fell steckten biegsame Drähte. Deshalb konnte man die Ohren so stellen, wie sie der jeweiligen Stimmung des Hasen entsprachen: fröhlich, müde, begeistert oder gelangweilt. Sein weiches, wohlgeformtes Hasenschwänzchen war ebenfalls aus Hasenpelz“.| Das ist also Edward Tulane, der Held der vorliegenden Geschichte.
Edward gehört der kleinen Abilene Tulane und ist ein ganz außergewöhnlicher Hase mit einer sehr exquisiten Garderobe aus feinen handgenähten Seidenanzügen. Jeden Morgen zieht Abilene Edward einen schicken Anzug an, setzt ihn liebevoll auf einen Stuhl, zieht seine Taschenuhr auf und zeigt ihm, wann sie wieder bei ihm zu Hause sein wird. Und jeden Abend zieht Abilene Edward einen Schlafanzug an und legt ihn behutsam in sein Hasenbettchen. Doch obwohl Abilene Edward über alles liebt und ihn wie einen Menschen behandelt, hat Edward wenig Gefühle für Abilene übrig, er mag sie zwar, aber wenn sie ihm etwas erzählt, hört er eher gelangweilt mit einem seiner biegsamen Hasenohren zu. Als Abilene mit ihren Eltern auf eine Kreuzfahrt geht, begleitet auch Edward seine Familie, doch an Bord wird er Opfer eines üblen Jungenstreiches. Ein paar freche Jungen entkleiden ihn völlig und werfen ihn über Bord. Edward fällt ins Wasser und sinkt und sinkt und sinkt.
Unten am Meeresboden liegt er dann für lange Zeit einsam und alleine und kann nicht einmal seine Augen schließen, weil diese ja nur aufgemalt sind und sich daher nicht zuklappen lassen. Auch die funkelnden Sterne kann Edward nicht mehr sehen, doch hat er die Hoffnung auf Rettung noch nicht aufgegeben. Bei einem Sturm wird Edward schließlich von einer Riesenwelle hoch gewirbelt und verfängt sich beim erneuten Sinken in einem Fischernetz. Edwards Rettung naht, denn der freundliche Fischer nimmt Edward zu seiner sympathischen Frau mit, die Edward kurzerhand Susanna nennt und den armen Edward in ein Rüschenkleid steckt …
Das ist natürlich noch nicht das Ende von Edward/Susanna Tulanes wundersamer Reise, doch soll jeder selbst lesen, welche Abenteuer Edward noch zu überstehen hat, welche Stationen er noch bereist und welchen Menschen er dabei begegnet. Selten habe ich ein so gefühlvolles und herzerweichendes Buch gelesen wie dieses. Kate DiCamillo beweist ein wunderbares Geschick und eine überragende Erzählkunst, in gefühlvollen Worten bringt sie uns Edwards stolzes, aber doch so verletzliches Wesen näher. Mit vielen Adjektiven wird die Erzählung ausgeschmückt, sodass wir uns alles ganz fantastisch vorstellen können. Unterstützt wird dies noch durch die herrlichen und lebensechten Zeichnungen von Bagram Ibatoulline, welche „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ zu einem optischen Hochgenuss machen. In meist farbigen und überaus detailreichen Zeichnungen haucht Ibatoulline Edward und seinen Bekannten Leben ein, seine Bilder sehen fast aus wie Fotos, so hervorragend schafft es Ibatoulline, die Stimmungen und Gesichtszüge der Figuren einzufangen.
An diesem Buch stimmt einfach alles, jede Zeile ist ein echter Leckerbissen. Kate DiCamillo hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die unglaublich viel enthält. DiCamillo preist die Liebe und zeigt anhand von Edwards herzzerreißendem Schicksal, wie wichtig Liebe und Hoffnung sind, denn ohne die Liebe zu Menschen und die Hoffnung auf Rettung hätte Edward Tulane seine gefährliche Reise sicher nicht überstanden. Am Ende ist es dann eine antike Puppe, die Edward die aufgemalten Augen öffnet für seine Zukunft.
Zu Beginn des Buches ist Edward Tulane ein eingebildeter und verwöhnter Hase, der sein komfortables Leben für selbstverständlich hält, doch bereits die Bekanntschaft mit dem dunklen und einsamen Meeresboden zeigt ihm, wie wertvoll das Leben gewesen ist, das er einst leben durfte. Doch auch in den düstersten Stunden unter Wasser gibt Edward die Hoffnung nicht auf, eines Tages von Abilene gerettet zu werden. Edward lernt die verschiedensten Menschen kennen auf seiner Reise, von denen er immer wieder etwas Wichtiges lernt. Besonders beeindruckend verhält sich der kleine Bryce, der ein großes Opfer bringt, um Edward zu retten und der trotz seiner Jugend bereits richtig erwachsen wirkt.
Fein eingewoben in diese traumhaft schöne Geschichte entdeckt der aufmerksame Leser kleine Botschaften fürs Leben von Kate DiCamillo, die eher für den erwachsenen Leser geschrieben sind. Zwar wird das Lesealter der „wundersamen Reise von Edward Tulane“ ab acht Jahren angegeben, doch würde ich dieses wunderschöne Buch eher älteren Buchfreunden ans Herz legen, die auch die kleinen Feinheiten entdecken können. Schon nach wenigen Seiten ist dieses Buch in meine persönliche Bestsellerliste aufgestiegen und wird dort mit Sicherheit auch immer bleiben. „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ habe ich zwar gerade erst ausgelesen, aber ich werde es gleich wieder von vorne beginnen und sicher noch viele weitere Male lesen. Bei diesem Buch gilt auf jeden Fall Elke Heidenreichs Motto: „Lesen!“.
Saranya ist eine Insomnierin und in Seperanza aufgewachsen. Das ist eigentlich schon ungewöhnlich, denn normalerweise sind Insomnier viel unterwegs. Doch in letzter Zeit kommt es so gut wie nicht mehr vor, dass einer von ihnen den Ruf verspürt, den unwiderstehlichen Drang, die Stadt zu verlassen und durch Phantásien zu ziehen. Im Gegenteil, immer mehr Insomnier drängen nach Seperanza hinein, denn das ist der einzige Ort, an dem sie vor dem Vergessen sicher sind. Ein Rat von Gelehrten ist seit langer Zeit schon damit beschäftigt herauszufinden, was es mit dem Ruf und dem Vergessen auf sich hat, bisher erfolglos.
Saranya möchte allerdings etwas ganz Anderes wissen, nämlich, warum das Ehepaar, das sie für ihre Eltern hielt, ihr so lange verschwiegen hat, dass sie ein Findelkind ist! Und was hat die Verbannung des einstigen Gelehrten Philonius Philippo Phantastus mit dieser Sache zu tun?
Während Saranya verbotenerweise in den Saal der Weisheit eindringt, um dort nach Antworten auf ihre vielen Fragen zu suchen, sind zwei andere Insomnier-Kinder auf dem Weg nach Seperanza, um dem Vergessen zu entgehen. Doch sie werden von Traumfängern verfolgt! So sehr sie sich auch abmühen, und obwohl ein Lawinenwicht die Kinder unterstützt, gelingt es den Traumfängern, das Mädchen Elea einzufangen. Natürlich will ihr Bruder Kayún sie auf keinen Fall aufgeben. Gemeinsam mit einem Gräuelgruseler namens Atrox macht er sich an die Verfolgung der Traumfänger …
Saranya ist ein typisches, behütetes Kind. Sie spielt mit ihrer Freundin Colina Schwebeball, geht für ihre Mutter auf den Markt, bringt ihrem Vater das Mittagessen ins Büro und ägert sich, dass sie auf die meisten ihrer Fragen nur ein „wenn du größer bist“ oder „das verstehst du noch nicht“ erhält. Ganz klar, dass sie wütend ist, als sie von ihrer geheimnisvollen Herkunft erfährt, und ebenso klar, dass sie mit allen Mitteln die Wahrheit erfahren will.
Kayún dagegen hat es nicht so leicht. Seine Eltern sind dem Vergessen anheim gefallen, jetzt ist er allein verantwortlich für seine jüngere Schwester und muss außerdem den Weg nach Seperanza finden. Obwohl seine Situation schwierig genug ist, hat er immer noch genug Zeit, sich darüber zu ärgern, dass Atrox ihn wie ein Kind behandelt.
Mit anderen Worten: Beide sind typische Teenager! Tiefer geht die Charakterzeichnung allerdings nicht.
Die Handlungsstränge dieser beiden Charaktere laufen fast das ganze Buch über parallel nebeneinander, ohne sich zu berühren. Erst gegen Ende treffen sie sich scheinbar rein zufällig. Es ist, als würde man zwei Geschichten gleichzeitig lesen. Aber nur fast. Im Grunde sind es zwei halbe Geschichten.
Der Handlungsstrang um Saranya beschäftigt sich nicht nur mit deren Herkunft, sondern auch mit dem Rätsel der Insomnier, mit dem Ruf und dem Vergessen. Denn diese Fragen sind bei weitem nicht so ungelöst wie allgemein angenommen. Und so kommt es, dass Saranya gleichzeitig nicht nur ihre wahre Herkunft aufdecken kann, sondern auch die Wahrheit über das Wesen der Insomnier. Saranya liefert sozusagen die Theorie. Der Handlungsstrang um Kayún dagegen liefert die Praxis. Er beschäftigt sich mit der Bedrohung durch die Traumfänger, sozusagen der Durchführung dessen, was Saranya herausgefunden hat.
So ist der Leser auf der einen Seite mit Detektivarbeit beschäftigt, während er auf der anderen Seite eine Menge Abenteuer zu bestehen hat.
Die Abenteuer selber sind eher unspektakulär. Denn fast alle Geschöpfe, denen Kayún und Eala begegnen, sind harmlos. Sogar der Gräuelgrusler ist ein im Grunde harmloses Geschöpf, das keine schlimmere Aufgabe hat als andere Geschöpfe zu erschrecken. So wundert es nicht, dass die Kinder von allen möglichen Seiten Unterstützung erhalten und immer wieder entkommen können. Allein das Irrlicht Trausdumir wird seinem Ruf gerecht und sorgt so dafür, dass die Traumfänger endlich Elea erwischen.
Die Traumfänger sind die einzige wirkliche Bedrohung, Wergeschöpfe, die wie der Gmork zwischen den Welten wandern können. Ihr Auftrag, Insomnier zu fangen, stammt von Xayide. Denn die Insomnier sind die verkörperten Träume der Menschen. Xayide will sie bei Vollmond in die Menschenwelt verschleppen und sie dadurch zu falschen Träumen machen, zu Optasomniern, langweiligen austauschbaren Geschöpfen, die alle gleich aussehen. Und außerdem will sie Bastian abfangen, bevor er in seine Welt zurückkehren kann …
An dieser Stelle gerät die Sache ins Schwimmen. Zunächst einmal fragte ich mich – wie übrigens schon bei „Die Seele der Nacht“ von Ulrike Schweikert -, wie es sein kann, dass Geschöpfe, die einer Macht außerhalb Phantásiens dienen, sich einer Phantásierin unterwerfen, und das in diesem Fall offenbar regelmäßig. Außerdem: Warum sollte Xayide mit Wergeschöpfen gemeinsame Sache machen? Die Macht, der diese dienen, will Phantásien zerstören, Xayide aber will es beherrschen! Abgesehen davon scheint es, als könne der Autor sich nicht recht entscheiden, welchen Plan Xayide nun eigentlich verfolgen soll.
Wenn sie einfach nur die Insomnier in die Menschenwelt verfrachten lassen will, wofür schleppt sie sie dann mühsam in die einsamste Gegend Phantásiens, anstatt sie bis zum Vollmond einfach irgendwo einzusperren? Braucht sie die Grube Nimroud, den Ort, an dem die vergessenen Träume der Menschen lagern, um die Insomnier in die Menschenwelt zu schicken? Wenn ja, dann erfährt der Leser jedenfalls nicht, warum.
Auch war mir nicht klar, was genau Xayide mit all dem eigentlich bezweckt. Die Insomnier mögen etwas Besonderes sein, weil sie Träume verkörpern, die schlafend geträumt werden. Zumindest weist ihr Name darauf hin. Da der Autor aber nirgendwo erwähnt, ob diese besonderen Wesen auch eine besondere Funktion innerhalb Phantásiens erfüllen und wenn ja, welche, ergeben sich auch keine Anhaltspunkte für irgendwelche Konsequenzen, die sich aus der Verzerrung der Insomnier für Phantásien ergeben könnten.
Ist Xayide also wegen Bastian nach Nimroud gekommen? Warum? Wäre es nicht einfacher, ihn schon auf dem Weg dorthin abzufangen? Außerdem besteht zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, Bastian als Marionette für ihre eigene Herrschaft zu benutzen, längst nicht mehr. Also wozu braucht sie ihn noch? Der einzige Grund, ihn zurückzuhalten, wäre Rache. Allerdings kann der Leser darüber nur spekulieren, denn der Autor verliert darüber kein einziges Wort! Und dafür hat er Michael Endes Vorgaben umgangen und Xayide mit einem Trick sozusagen wieder auferstehen lassen?
Auch viele andere Fragen – wie zum Beispiel die, warum die Insomnier in Seperanza vor dem Vergessen sicher sind oder warum Mädchen für die Traumfänger besonders wertvoll sind – werden nicht beantwortet.
Eigentlich schade, dass Peter Freund seine Ansätze so in der Luft hängen gelassen hat. Seine Geschichte beinhaltet viele interessante Ideen, allen voran der Lawinenwicht und sein Tausendleuchter, der sinnigerweise den Namen Osmar trägt, sowie das rasende Gerücht und die Wolkenweber. Leider hat der Autor auch sie nur mit knappen Worten umrissen, viele andere sogar nur am Rande erwähnt. Nichts davon wurde detallierter ausgebaut, alle sind nur kurze Durchgangsstationen. Das verleiht der Geschichte etwas Hektisches, Atemloses und hinterlässt einen Eindruck von Lieblosigkeit. Durch Fehler wie „mondäugige Gebieterin der Wünsche“ oder die Bezeichnung der Zauberin Xayide als dunkle Prinzessin wird dieser Eindruck noch unterstützt. Dazu kommt, dass alle seine erdachten Wesen offenbar einen Hang zur Ungeduld und Unfreundlichkeit haben. Die Art und Weise, wie sie mit Kayún reden – und auch seine Art zu antworten -, klingt gelegentlich fast grob und führt zu Abstrichen in der Sympathie!
Die ständige Erwähnung von Wesen, die auch in der „Unendlichen Geschichte“ auftauchen, soll wahrscheinlich einen Bezug zur Vorlage herstellen, wirkt aber eher ein wenig gekünstelt. Vor allem Kayúns Kritik an Bastian empfand ich als ziemlich lästig. Schließlich sind neue Ideen nicht dem in Phantásien anwesenden Menschenkind vorbehalten. Wenn aber die Ideen aller Menschen in Phantásien wahr werden, bedeutet das, dass Phantásien sich ständig verändert – was es laut Michael Ende ja auch tut! Kayún sollte also daran gewöhnt sein. Abgesehen davon dürfte er die Veränderungen eigentlich gar nicht bemerken, denn ab dem Zeitpunkt, da etwas Neues entstand, war es schon immer da und müsste also bekannt sein!
Der abrupte Schluss, der keinerlei Lösung verrät, weder im Hinblick auf diejenigen Insomnier, die dem Vergessen anheim gefallen sind, noch im Hinblick auf diejenigen, die noch in Seperanza auf einen neuen Ruf warten, tut ein Übriges und lässt den Leser mit einem Gefühl der Unzufriedenheit zurück.
Kurz und gut: Hier wurde eine Menge Potenzial verschenkt. Die handelnden Personen bleiben blass und flach und wecken keine echte Sympathie, die den Leser mitfiebern ließe. Die meisten Ideen wurden nur kurz angedacht, die Grundaussage nicht konsequent zuende geführt, und am Schluss bleibt der Leser auf der Aussage sitzen, er solle sich an seine wahren Träume erinnern und den falschen Träumen abschwören. Als ob der Leser sich seine Schlafträume aussuchen könnte!
Damit wurde dem Vorsatz, Phantásien bunter und lebendiger zu gestalten, gerade mal ansatzweise entsprochen, und gleichzeitig die Hoffnung des Lesers auf eine interessante Geschichte durch Oberflächlichkeit und Desinteresse enttäuscht. Es scheint, als hätten dem Autor entweder die Lust oder die Geduld gefehlt, dem Thema mehr als flüchtige Aufmerksamkeit zu widmen. Schade!
Peter Freund lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin und ist seit 1980 in der TV- und Filmbranche tätig. Unter anderem schrieb er Drehbücher und Bücher zum Film. Seit 2002 erscheinen auch Jugendromane von ihm. Sein Zyklus um Laura Leander umfasst inzwischen vier Bände, der fünfte Band soll im November diesen Jahres erscheinen.
„Die Legenden von Phantásien“ – klingt das bekannt? Yep. Peter Freund lehnt sich mit dem Roman „Die Stadt der vergessenen Träume“ an keinen geringeren Fantasyklassiker als „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende an.
Auch ich habe „Die unendliche Geschichte“ natürlich gelesen, doch das liegt mittlerweile so weit zurück, dass die Erinnerungen in meinem alternden Gehirn nur noch sehr blass vorhanden sind. Ich leide quasi am Großen Vergessen, einer Krankheit, die das Völkchen der Insomnier ebenfalls befällt. Doch anders als bei mir, bei der nur die Gehirnareale geputzt werden, verschwinden die Insomnier, sobald das Vergessen Besitz von ihnen ergreift. Die einzige Hoffnung, die sie haben, ist die Stadt Seperanza, wo sie sicher sind, bis sie den Ruf hören, der ihnen erlaubt, die Stadt wieder zu verlassen.
Doch etwas hat sich geändert. Niemanden erreicht mehr der Ruf und die Stadt der vergessenen Träume platzt aus allen Nähten, obwohl sie die Pforten für weitere Insomnier bereits geschlossen hat. Trotzdem versucht Kayún mit seiner Schwester die Stadt zu erreichen, nachdem ihre Eltern vom Vergessen dahingerafft worden sind und sich einfach in Luft aufgelöst haben. Die Reise nach Seperanza ist beschwerlich, denn sie führt über das Eisige Gebirge, und große, düstere Gestalten, die Traumfänger genannt werden, verfolgen sie. Doch in Phantásien gibt es nicht nur üble Wesen. Der eine oder andere ist den Geschwistern auch wohlgesonnen oder scheint es jedenfalls zu sein …
Unabhängig davon erzählt ein zweiter Erzählstrang von dem Mädchen Saranya, das in Seperanza wohnt und das Kind des höchsten Stadtherrn ist. Eines Tages findet sie heraus, dass sie gar nicht dessen echte Tochter, sondern ein Findelkind ist. Ihre Welt bricht zusammen, und weil ihre Zieheltern auf ihr Warum? nur Ausflüchte vorbringen, ahnt sie, dass etwas Größeres hinter dieser Geschichte steckt. Gibt es etwa einen Zusammenhäng zwischen dem Geheimnis ihrer Herkunft und dem einzigen Bürger, der jemals der Stadt verwiesen wurde? Magister Philonius Philippo Phantastus, der sich mit dem Ruf und dem Phänomen des Vergessens auseinander gesetzt hatte, ein weiteres Geheimnis, auf das niemand ihr eine Antwort geben kann …
„Die Stadt der vergessenen Träume“ baut explizit auf der unendlichen Geschichte auf, so dass der Vorwurf mangelnder Eigenkreativität, wie ich ihn gerne an frühere Bücher von Peter Freund gestellt habe, sich von selbst aufhebt. Die Handlung, die in einer sehr detailverliebten Fantasiewelt stattfindet, die manchmal schon fast wieder zu überborden mit Fantasiewesen wie Rasenden Gerüchten oder Lawinenwichteln besetzt ist, hat durchaus ihre Momente, auch wenn Saranyas Geschichte dem Leser ziemlich schnell klar wird. Kayúns Reise baut ebenfalls kaum auf Spannung auf, doch immerhin wird der Weg der beiden Geschwister sehr schön beschrieben und über Langeweile kann man sich nicht beklagen. Einzig – worauf der Autor hinauswill, bleibt mir etwas schleierhaft. An manchen Stellen wirkt das Buch hier doch etwas diffus.
Die Charaktere sind nicht wirklich ausgearbeitet, werden aber liebevoll in Szene gesetzt. Immerhin hat Freund damit aufgehört, seine Helden mit übertriebenen Kräften auszustatten, was mich an Laura Leander, der Romanfigur, die ihn bekannt machte, immer gestört hat. Saranya, Kayún und Elea benehmen sich wie normale Kinder und haben weder großartige Macken noch fallen sie durch Besonderheiten auf. Das ist natürlich schade, doch fällt es nur wenig ins Gewicht.
Was mich viel mehr irritiert, ist der Schreibstil. Das Buch ist als Kinderbuch ausgezeichnet und für junge Leser ab 12 Jahren, laut Verlag, geeignet. Der erhabene, stellenweise geschwollene Schreibstil spricht allerdings eine andere Sprache. Freund lehnt sich an diese gewisse bedeutungsschwangere Stimmung mit einem Hang zu Archaismen an, die gerade Fantasyschinken gerne durchzieht. Ob das wirklich kindgerecht ist, stelle ich in Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit zwölf Jahren Wörter wie „Unbilden der Witterung“ (Seite 15), „Folianten“ (Seite 138) oder „Äonen“ (Seite 260) gekannt hätte. Natürlich kann man auf der Gegenseite anführen, dass der Horizont der jungen Leser dadurch erweitert wird, doch welches Kind würde ein Buch freiwillig lesen, wenn ständig Begriffe vorkommen, mit denen es nichts anfangen kann?
Trotz dieses nicht unerheblichen Mankos ist „Die Stadt der vergessenen Träume“ ein lesenswertes Buch für Fans von kindlicher Fantasie, d.h. für jene, die gern in völlig fremde, magische Welten eintauchen. Peter Freund ist zwar nicht der große Wurf gelungen, doch diese Legende aus Phantásien ist nette Unterhaltung für ein paar Stunden.
Das Leben hat es nicht gut mit dem jungen Schweinehirten Gwyn gemeint. Bereits seine Geburt war ein tragisches Ereignis, dem seine Mutter zum Opfer fiel, aber auch seine Kindheit war nicht sonderlich glücklich, denn immerzu stand er im Schatten seines älteren Halbbruders. Mittlerweile hat er sich damit abgefunden, sein Leben lang auf dem Hof seines Vaters zuzubringen – bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem die Sachsen sein Heimatdorf angreifen und auch den Hof der Familie Griflet ausrauben und zerstören.
Die Spuren der Verwüstung, die Mordred, der zurückgekehrte Sohn von König Artus, hinterlässt, sind für ganz Britannien verheerend, und jetzt, wo auch Gwyn von den jüngsten Ereignissen in der Monarchie betroffen ist, entschließt sich dieser, selber Ritter zu werden, um eines Tages in die legendäre Tafelrunde aufgenommen zu werden. Zur Seite steht ihm hierbei sein neuer Gefährte Humbert, der ihn auf seinem langen Weg begleitet, sowie später auch Merlin, der anscheinend einige Geheimnisse vor Gwyn verbirgt. Vom berüchtigten Zauberer erfährt er schließlich auch die Bedeutung des Medaillons, das ihm seine Mutter vererbt hat, und somit auch von seinem Schicksal als Hoffnungsträger für das gesamte Land. Der Legende nach soll nämlich eines Tages ein Held mit dem Einhorn namens Gwyndion über die Zukunft Britanniens entscheiden. Und auf Gwyn’s Medaillon befindet sich jenes Einhorn …
_Meine Meinung_
Wie eigentlich bei jedem Roman und jeder Buchreihe zur Artus-Saga stellt sich die Frage, ob die Materie mittlerweile nicht zu Genüge abgearbeitet wurde. So viele Autoren befassen sich mit der uralten Legende, doch nur wenigen gelingt es, der Story noch neue interessante Werte abzugewinnen bzw. dem Plot noch weitere frische Impulse zu verleihen. Peter Schwindt, Verfasser von [„Justin Time“, 314 hat die Sache jedoch ziemlich geschickt angepackt. Er nämlich orientiert sich nicht nur an der klassischen Sage, sondern erzählt die Geschichte aus Sicht eines jungen, unabhängigen Protagonisten, der indirekt mit Artus, der Tafelrunde und der gesamten Geschichte in Verbindung steht, sich darüber aber absolut nicht im Klaren ist. Sein Leben war bisher nur geprägt von Armut und dem selten glücklichen Leben auf dem Bauernhof seines Vaters, wo er tagtäglich den Alltagstrott eines Schweinehirten durchlebte. Schicksalsschläge waren für ihn des Öfteren auf der Tagesordnung, und dies bereits von der traurigen Geburt an. Und ein solcher hat ihm dann auch erst richtige Einblicke in das Leben eines Ritters gegeben, welche später von Humbert noch verschärft und bei der Erkenntnis seines vorbestimmten Lebensweges zur Realität werden.
Gwyn ist dabei zunächst einmal alles andere als ein gewöhnlicher Held. Durchsetzungsvermögen war nie so wirklich seine Stärke, und auch der Traum des Ritterdaseins schein bis auf weiteres auch nur ein Traum zu bleiben. Erst nach und nach wächst er in diesem ersten Band der „Gwyndion“-Reihe in diese Rolle hinein und ist einem währenddessen auch unablässig sympathisch. Gwyn ist weder arrogant noch überheblich, nicht bösartig und in seinen Handlungen auch nicht unüberlegt und bringt schlussendlich trotz seines bescheidenen Lebens die besten Voraussetzungen mit, um den Part der Identifikationsfigur überzeugend auszufüllen, besonders nach seinem ersten Aufeinandertreffen mit Merlin.
Kritiker werden sich jetzt trotzdem fragen, warum „Gwyndion“ so anders sein soll als die übrigen Abhandlungen zur Artus-Sage. Nun, so groß sind die Unterschiede zu vergleichbarem Material tatsächlich nicht, allerdings pflegt der Autor dieses Buches einen sehr lebendigen Schreibstil, der sich in Kombination mit dem recht eiligen Erzähltempo und den wunderschön ausgemalten Charakterzeichnungen immer besser entfalten kann und so bezüglich der Handlung auch von einem Höhepunkt in den nächsten rast. Gwyn hat in der quantitativ vergleichsweise knappen Story relativ viele Abenteuer zu bestehen, und gleichzeitig werden dem Leser in ähnlicher Weise ziemlich viele überraschende Erkenntnisse offenbart, dass ihm zwischenzeitlich kaum noch Raum zum Luftholen (sprich zum Weglegen des Buches) bleibt.
Lediglich der Unterschied der verschiedenen Kasten wird in „Gwyndion 01 – Der Weg nach Camelot“ etwas unbefriedigend aufarbeitet. Schließlich ist Gwyn ein Bauersjunge, und als solcher sollte er es ungleich schwerer haben, über den Weg des Knappen in den Ritterstand gerufen zu werden (sofern ihm dies gelingt …). Schwindt indes stellt dem abenteuerlustigen Hauptakteur keine ganz so hohen Hürden in den Weg, so dass dieser sich enorm schnell entwickeln und seine Ziele oft ohne größere Schwierigkeiten erreichen kann. Auch wenn das der Geschichte ein wenig die Spannung raubt, darf man es im Gesamtüberblick nicht als Manko werten, denn schließlich trägt dies immer noch nicht dazu bei, dass der Plot allzu vorhersehbar gerät. Das ist er nämlich wider aller Erwartungen nicht!
Summa summarum kann man also von einem sehr gelungenen Auftakt dieser neuen Reihe aus dem Ravensburger Buchverlag reden. Peter Schwindt verbindet in seiner neuen Serie viele Elemente der klassischen Artus-Sage mit neuen, vielleicht auch etwas moderneren Ideen und umschifft somit auch sehr geschickt die eventuell auftauchenden Vorwürfe eines weiteren „Plagiats“. „Gwyndion“ hat auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung und darf letztendlich auch als Bereicherung für die große Welt von König Artus und seinen Erben bezeichnet werden. Selbst diejenigen, die der Legende mittlerweile eigentlich überdrüssig sind, sollten mal darüber nachdenken, in Peter Schwindts neuestes Werk einzusteigen.
Die rothaarige Papavera hat es schwer. Die fünfzehn Jahre junge Herrin von Burg Falkenstein wird wegen ihrer Haarfarbe und weil sie die Gesellschaft ihres Pferdes Tassilo der von Männern vorzieht von der Bevölkerung misstrauisch beäugt. Der ältere Gaugraf von Randersacker stellt ihr dreist nach, er sieht in ihr die Gelegenheit, seinen Besitz zu mehren, denn ihr Vater ist, seit er mit einem Kreuzzug in das Heilige Land aufbrach, verschollen.
Ein geheimnisvoller Ring mit einer ungewöhnlichen Inschrift, der ihrem Vater gehört, wirft Fragen auf. Ging er etwa nicht freiwillig auf den Kreuzzug? Als Papavera von dem Gaugrafen zwecks Heirat entführt wird, aber quer durch den Bärenzwinger des Grafen entkommen kann, eskaliert die Situation. Randersacker bezichtigt sie der Hexerei und setzt einen mit ihm verwandten Inquisitor auf sie an, dem Papavera jedoch immer wieder entkommen kann, was seinen Glauben, sie sei wahrlich eine Hexe, nur noch bestärkt.
Papavera muss fliehen und macht sich auf in das Heilige Land, auf der Suche nach ihrem Vater. Gejagt vom Inquisitor, lernt sie auf der Flucht den Liliputaner und Überlebenskünstler Leichtfuß kennen, mit dem sie über Venedig, wo sie einen reizenden jungen Mann kennen lernt, bis nach Akkon reist. Ihr rotes Haar erregt unter den Moslems Aufsehen, bis hin zu Kaiser Friedrich II. und dem Sultan verschlägt es Papavera auf abenteuerliche Weise.
Der in Berlin geborene E. W. Heine arbeitete einige Jahre als Architekt in Südafrika und arabischen Ländern. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Mittelalter-Roman „Das Halsband der Taube“. Ein gewisser Hang zum Makabren zeichnet seine Werke aus, und obwohl „Papavera“ im Gegensatz zum „Halsband der Taube“ ein Jugendroman ist, geht er auch hier nicht zimperlich mit seinen Charakteren um.
„Papavera“ ist kein weichgespülter Jugendroman, für Spannung und Aufregung wird oft durch drastische physische Bedrohung oder den Tod von Nebencharakteren gesorgt, der unverhofft jeden ereilen kann. Sehr schön beschreibt E. W. Heine das Leben im Altmühltal um 1200-1250. Dabei bleibt er historisch exakt und versteht dies blendend in die Erzählung einzubauen. So leidet Papavera unter der gesellschaftlich Männern untergeordneten Rolle der Frau und der Furcht vieler Menschen vor ihrem ungewöhnlichen roten Haar.
Obwohl Heine seine Charaktere in einer altertümlichen, schroffen und rauen Sprachweise reden lässt, verwendet er oft auch moderne Redewendungen wie „Weichei“ und lässt sie bemerkenswert fortschrittlichen Gedanken nachgehen. Wie in vielen Historienromanen, denkt auch Papavera wie ein Mensch unserer Zeit, nur Nebencharaktere folgen mittelalterlichen Denkansätzen, die deshalb oft ungerechtfertigt klischeehaft und primitiv wirken. Als Fünfzehnjährige ist sie für die damalige Zeit zum Beispiel keineswegs zu jung für eine Heirat.
Die Handlung hat einen ausgeprägten Reisecharakter, vom Altmühltal über Venedig bis in das Heilige Land in die Hände der Heiden verschlägt es Papavera. Dabei nützt Heine jede Station, um neue interessante Facetten der damaligen Welt und ihrer Menschen vorzustellen. Seine humorvolle Erzählweise gefiel mir dabei besonders gut. Liebenswerte Begleiter wie Leichtfuß, das Frettchen Friederike oder der Hengst Tassilo werden intelligent in die abwechslungsreiche Handlung eingebunden und dürften nicht nur jüngere Leser entzücken. Der verfolgende Inquisitor wirkt leider etwas aufgesetzt, es ist klar, dass er nur als Kraft dient, die Papavera vorantreibt; trotz handfester Bedrohung ihres Lebens konnte ich ihn zu keiner Zeit als Gefahr ernst nehmen.
„Papavera“ ist ein intelligenter, spannender und sehr abwechslungsreicher Roman, der das Mittelalter in voller Breite vor dem geistigen Auge des Leser wiederauferstehen lässt. Leider hat E. W. Heine zugunsten jüngerer Leser einige Konzessionen hinsichtlich Ausdruckweise und Weltbild seiner Hauptfiguren gemacht, was jedoch heute so üblich ist in historischen Romanen, dass es vermutlich nur wenige stören wird. Seine makaber-humorige Ader sorgt für gute Unterhaltung und ist das i-Tüpfelchen auf einer spannenden und lehrreichen Geschichte, die am Ende ein Familiengeheimnis aufdeckt und mit einer positiven moralischen Erkenntnis aufwartet.
Wem „Das Halsband der Taube“ gefallen hat, wird auch an „Papavera“ viel Freude finden, auch wenn das Buch deutlich auf jüngere Leser zugeschnitten und dementsprechend leichter zugänglich ist.
Bei Erscheinen von Andreas Eschbachs erstem Jugendroman „Das Marsprojekt“ hätte noch niemand erwartet, dass er daraus eine spannende Serie entwickeln würde. Die Geschichte um die Marskinder nimmt an Faszination zu, je mehr Geheimnisse der Mars freigibt.
Das Marsprojekt geht weiter!
Im vorliegenden dritten Band der fünfteilig geplanten Serie stößt man auf weitere Artefakte, kleine, scheinbar aus geschmolzenem Sand bestehende Scheiben, die nun aber mit Namen versehen sind. Die Kinder behalten ihre Entdeckung vorläufig für sich, zumal bisher nur ihre Namen erscheinen.
Carl nimmt an einer Expedition teil, die sich um den Ursprung der geheimnisvollen untermarsischen Röhrengangsysteme kümmern will. Er ist den Wissenschaftlern als Marsgeborener eine Hilfe bei der Beurteilung der Wegsamkeit ihrer Route. Schließlich entdecken sie eine gigantische Ruinenlandschaft, die ebenfalls, gleich den blauen Türmen, unter einem von oben undurchdringlichen Tarnfeld liegt. Ein Sandsturm, der durch illegale Aktivitäten der anderen Kinder nicht rechtzeitig bemerkt wird, trennt Carl vom Team und treibt ihn zu einem überhängenden Felsen. Überraschend entdeckt er dort eine Trennwand aus demselben glasartigen Material, aus dem die Türme bestehen. Ein (Wind?-)Stoß drückt ihn dagegen – und hindurch! Die beschrifteten Artefakte entpuppen sich als Schlüssel zu den fremden Bereichen. Carl macht die umwälzendste Entdeckung des Jahrtausends: In einer dieser Höhlen liegen konservierte Aliens …
Neben der eigentlichen Handlung beschäftigt Andreas Eschbach sich auch mit den zwischenmenschlichen Beziehungen, die einen Jugendlichen interessieren könnten, wie die Gefühle von Ariana und Urs zueinander, der Weg bis zum gegenseitigen Eingestehen, erste Küsse etc.
Die Geschichte ist spannend erzählt, allerdings war das Auftauchen wirklicher außerirdischer Wesen sehr überraschend. Hinterlassenschaften, Roboter, Welten … alles fügt sich zusammen, aber die Wesen selbst kommen unerwartet.
Carl, der durch Urs‘ Auftauchen etwas in den Hintergrund gedrängt wurde, bekommt wieder mehr Gewicht durch seine Teilnahme an der Expedition. Er entdeckt die gläsernen Höhlen und einen Sinn in den Artefakten, er entdeckt die fremden Wesen und betritt als Erster ihren Bereich, und er erlebt als Erster den Transfer zwischen weit entfernten Orten ohne Zeitverlust. Dafür kommt Ronny, der Jüngste der Gruppe, wieder etwas zu kurz, aber so bekommt jeder der Romane seinen schwerpunktmäßigen Charakter.
Die Beschreibungen von physikalischen, technischen und astronomischen Details gelingt Eschbach auf jugendfreundliche und interessante Weise, und auch für Erwachsene bieten sie Hintergrundinformationen genug, um den Roman realistisch zu gestalten. Eschbach bewegt sich weitgehend im vorstellbaren Bereich, auch wenn bestimmte Dinge wie Kernfusionsreaktoren noch echte Wunschträume sind. Für die plötzlich im 21. Jahrhundert erfolgte Einigung der Menschheit durch einen Umschwung im Denken liefert er einen mysteriösen, im Bezug auf die Science-Fiction-Geschichte aber glaubwürdigen oder zumindest interessanten Erklärungsansatz: Ist der Einfluss von Außerirdischen, die die Menschen auf einen Kontakt mit sich vorbereiten wollen, wirklich auszuschließen?
Insgesamt greift Eschbach viele, auch alte Themen der SF auf und verarbeitet sie in jugendfreundlicher und aktueller Form. Damit legt er bei seiner Zielgruppe den Grundstock eines SF-Verständnisses, quasi als Einstieg in die großartigen Tiefen des Genres. Und dass er dabei auch gute Geschichten erzählen kann, dürfte bekannt sein. Etwas Besseres kann man sich kaum wünschen.
gebunden, 324 Seiten
Originalausgabe
Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: (8 Stimmen, Durchschnitt: 1,63 von 5)
Geist ist geil! Seit 2002 – Ständig neue Rezensionen, Bücher, Lese- und Hörtipps