Die Kinder des roten Königs 1: [„Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ 1992
Nach den turbulenten Ereignissen in der Ruine der Bloor-Akademie hat Charlie seine Ferien so richtig genossen. Aber jetzt ist Weihnachten herum, und obwohl draußen beinahe arktisches Wetter herrscht und in Benjamins Schule der Unterricht ausfällt, holt Charlie die Schule wieder ein.
Und gleich am ersten Abend stolpert er über das nächste Abenteuer in Form eines Jungen, der plötzlich in der Eingangshalle wie aus dem Nichts auftaucht. Der Junge heißt Henry, sieht Charlie ziemlich ähnlich und ist auch ungefähr genauso alt. Bald stellt sich heraus, dass er Charlies Urgroßonkel ist. Eine magische Zeitkugel hat ihn um neunzig Jahre in die Zukunft versetzt.
Jetzt gilt es, Henry schleunigst zu verstecken. Denn die beiden wurden von Billy Raven beobachtet, und Charlie hat längst gemerkt, dass mit Billy in letzter Zeit etwas nicht stimmt. Tatsächlich suchen schon am nächsten Tag sämtliche Bloors nach Henry, und natürlich vor allem auch nach der magischen Zeitkugel. Um diese beiden in Sicherheit zu bringen, müssen Charlie und seine Freunde sich ganz schön anstrengen …
Jenny Nimmo baut ihren Zyklus sehr vorsichtig weiter aus. Bei den Charakteren sind drei Neuzugänge zu verzeichnen.
Zunächst natürlich Henry, der gleichaltrige Urgroßonkel. Seine Verwirrung angesichts der fremdartigen Welt, in die er geraten ist, hält sich in Grenzen. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ihm als einem Verwandten der Bloors Magie nicht völlig fremd ist. Er weiß, wie die Zeitkugel funktioniert, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, trotzdem hineinzuschauen. Kinder sind eben oft einfach noch unvernünftig und die Neugier stärker als die Angst. Insofern ist Henry gut getroffen.
Desweiteren wäre Mrs. Bloor zu nennen. Die Misshandlung und Unterdrückung durch die Familie ihres Mannes, der sie aus reiner Geldgier geheiratet hat, haben aus ihr ein verhuschtes, trübseliges Geschöpft gemacht. Dass aber sogar Manfred mit Begeisterung seine eigene Mutter quält, obwohl er gleichzeitig wohl eine gewisse Zuneigung zu ihr empfindet, zeigt schon einen recht verqueren Charakter! Kein Wunder, dass Mrs. Bloor die unverhoffte Gelegenheit der Zeitkugel nutzt, um schleunigst zu verschwinden!
Der wichtigste Zuwachs ist die Köchin. Eine mütterliche und gleichzeitig resolute Frau, der es ein großes Bedürfnis ist, Kinder zu beschützen, vor allem, wenn sie es schwer haben. Wie zum Beispiel der verfolgte Henry … Dabei bietet sie sogar Manfred die Stirn, was nicht weiter verwundert, denn offenbar ist auch die Köchin sonderbegabt. Sie wohnt in einer kleinen gemütlichen Wohnung innerhalb der Akademie, deren Zugang hinter einem Küchenschrank versteckt ist. Wie weit die Absonderlichkeiten im Hinblick auf diese Frau den Bloors bekannt sind, ist nicht ganz klar, jedenfalls kommt keiner von ihnen auf die Idee, Henry bei ihr zu suchen. Nicht einmal der Hund von Manfreds Großvater ist bereit, sie zu verraten.
In welchem Umfang Henry in den folgenden Bänden noch eine Rolle spielen wird, ist nicht sicher. Zwar ist er noch in Reichweite, aber da er keine Sonderbegabungen hat, gibt es eigentlich keinen Grund mehr für ihn, noch einmal aufzutauchen. Mrs. Bloor hat sich wie gesagt aus dem Staub gemacht.
Der einzige auf Dauer relevante Neuzugang dürfte deshalb die Köchin sein. Die ist aber auch wirklich interessant und ein echter Gewinn. Eine Verbündete innerhalb der Akademie, dann auch noch in einem solchen Versteck und mit einer Sonderbegabung, das klingt vielversprechend!
Auch im Hinblick auf die Handlung und die „Ausstattung“ erfolgte der Ausbau eher zurückhaltend.
Neu ist natürlich die Zeitkugel. Eine nette Idee, die die Handlung für diesen Band gestiftet hat, ähnlich wie der Roboter und der Metallkasten im ersten Teil. Genau wie diese ist auch die Zeitkugel am Ende des Buches wieder verschwunden und macht Platz für einen neuen Handlungsmotor.
Eine nachhaltigere Neuerung ist die Tatsache, dass Charlie inzwischen nicht nur die Leute auf Fotos und Gemälden hören, sondern auch in die Bilder eintreten kann. Er befindet sich dann tatsächlich an dem Ort auf der jeweiligen Abbildung und in Gegenwart der dort anwesenden Personen, die ihn auch wahrnehmen können. Nur der Rückweg bereitet ihm noch ziemliche Schwierigkeiten. Seinen ersten Versuch wagt er mit einem Gemälde, das seine Großmutter Bone absichtlich in der Küche liegen gelassen hat. An sich bereits ein ziemliches Wagnis, wenn man bedenkt, dass diese Großmutter nicht unbedingt seine Freundin ist! Wie war das noch mal mit dem kindlichen Leichtsinn? Trotzdem ist es Charlie gelungen, mit genau dem Werkzeug aus dem Bild zurückzukehren, das er braucht, um Henry zu helfen, anstatt sich von dem Magier im Bild zu einer Dummheit überreden zu lassen. Immerhin!
Das Werkzeug ist die zweite Neuerung, die langfristigere Auswirkungen besitzt. Es handelt sich um einen weißen Zauberstab, der einst einem walisischen Zauberer gehört hat. Jetzt hat Charlie nicht nur seine Sonderbegabung, sondern auch außerhalb dieser Zugriff auf Magie. Zumindest so lange, wie er den Stab vor den Bloors geheimhalten kann.
Die Erweiterung der Rahmenhandlung schließlich kommt sandkörnchenweise daher. Neu sind eigentlich nur der Baum mit den rotgoldenen Blättern, das Café der glücklichen Haustiere und sein Geheimgang in die Ruine des Bloors sowie der Schatten hinter dem Bild des roten Königs im Hausaufgabenzimmer der Sonderbegabten, dem einzigen Bild, das Charlie nicht reden hören kann. Hier lässt die Autorin sich besonders viel Zeit, aber schließlich soll der Rahmen ja wohl noch für einige weitere Bände reichen.
Was den Aufbau der Geschichte angeht, hat sich Jenny Nimmo an ihr Konzept vom ersten Band gehalten. Beschreibungen von Gegenständen und Charakteren oder auch Erklärungen von Funktionsweisen – etwa der Zeitkugel – wurden zugunsten der eigentlichen Handlung eher knapp gehalten. Die Handlung selbst ist nicht mit so vielen Überraschungen gespickt wie im ersten Teil, macht dafür aber einen etwas atemlosen Eindruck, vor allem, weil Henry sich ständig aus seinen Verstecken davonschleicht und jedes Mal entdeckt wird! Charlies Rettungsversuche werden oft genug vereitelt, nicht nur durch Billys Spionage, sondern auch durch die aufmerksame Bewachung, die ihm tagsüber durch Manfred, nachts durch seine Tante Lucretia zuteil wird. So verwundert es nicht, dass Henrys Rettung letztlich außerplanmäßig auf ganz unkonventionelle Weise erfolgt …
Der einzige Knacks, über den ich gestolpert bin, betrifft den Speisesaal. Im ersten Band saßen noch alle im selben Raum, jeder Schulzweig an seinem Tisch. Jetzt erwähnt die Autorin plötzlich einen eigenen Speisesaal für jeden Zweig, und sogar für jeden der drei Speisesääle eine eigene Küche. Wie in diesem Fall allerdings Olivia Manfreds bissige Bemerkung über ihre Haare gehört haben soll, und wo bei einer solchen Aufteilung die Lehrer sitzen, das ist ziemlich unklar. Ich denke aber nicht, dass solche Dinge auch Kindern zwischen acht und zwölf auffallen.
Im Vergleich zu Rowlings Blockbuster, der sich aufgrund der doch recht starken Ähnlichkeiten immer wieder aufdrängt, klingt das alles ziemlich bescheiden. Andererseits hat Charlie Bone am Ende des ersten Bandes gerade mal ein paar Wochen am Bloor verbracht, der zweite Band umfasst nur drei Wochen. Harry hat nach zwei Bänden bereits zwei ganze Schuljahre hinter sich.
Spätestens hier zeigt sich deutlich, dass Charlie Bone für jüngere Kinder geschrieben wurde. Und während Harry seiner ursprünglichen Leserschaft spätestens im fünften Band aus den Schuhen rauswächst, wird Charlie Bone wohl noch länger Kind und damit seinen Fans treu bleiben.
Jenny Nimmo arbeitete unter anderem als Schauspielerin, Lehrerin und im Kinderprogramm der BBC. Geschichten erzählte sie schon als Kind, Bücher schreibt sie seit Mitte der Siebziger. Unter anderem stammt der Zyklus |Snow Spider| aus ihrer Feder, sowie „Im Garten der Gespenster“, „Der Ring der Rinaldi“ und „Das Gewächshaus des Schreckens“. „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ ist der erste Band des Zyklus |Die Kinder des roten Königs| und hat sie auch in Deutschland bekannt gemacht. Seither sind drei weitere Bände von Charlie Bone erschienen, „… die magische Zeitkugel“, „… das Geheimnis der blauen Schlange“ und im Februar dieses Jahres „… und das Schloss der tausend Spiegel“.
Es ist erst ein Jahr ins Land gezogen, seit Artus von Merlin den geheimnisvollen Obsidian geschenkt bekommen hat, und dennoch hat sich in dieser Zeit unheimlich viel ereignet. Artus hat über sein gleichnamiges Spiegelbild in der anderen Welt bereits eine Menge in Erfahrung bringen können, versteht aber noch immer nicht ganz die Zusammenhänge, die sich für sein eigenes Leben dadurch ergeben. Gleichzeitig muss er die Wahrheit seiner Herkunft verarbeiten, denn in Wirklichkeit ist Lord Stephen sein leiblicher Vater, wohingegen die Frage nach seiner richtigen Mutter noch geklärt werden muss. Dadurch ergeben sich auch Komplikationen für die vielen Verehrerinnen Artus’; die schwärmende Grace ist aus dem Rennen ausgeschieden, wohingegen mit der rothaarigen Winnie eine neue Bewerberin hinzugekommen ist. Zunächst bleibt Artus von Caldicot allerdings noch seiner derzeitigen Freundin Gatty treu …
Währenddessen ist Artus auf dem Weg zum Ritter ein ganzes Stück weitergekommen; Stephen hat ihn zum Knappen beordert und ihm wichtige Fertigkeiten in seiner Ausbildung zum Schwertkämpfer beigebracht. Gleichzeitig widmet sich Artus aber auch der Poesie, die ihm von seiner Tätigkeit am Hofe auch abverlangt wird. Doch für Romantik ist in Großbritannien nicht mehr viel Zeit; nach der Ära von Richard Löwenherz ist das Reich am Boden und die sind Menschen von Tag zu Tag unzufriedener. Als Papst Innozenz schließlich die Kreuzzüge einberuft, schließt sich Artus seinem Vater an, begleitet ihn nach Frankreich und leistet dort einen Schwur auf das Kreuz ab. Und damit sind seinem Ziel, als tapferer Ritter für sein Land zu kämpfen, kaum noch Hindernisse im Weg.
Zur gleichen Zeit hat Artus aber auch hart an der verbotenen Suche nach seiner Mutter zu knabbern. Er spürt, dass er einem undurchdringlichen Mysterium auf der Spur ist, das mit ihrem Verschwinden in direktem Zusammenhang steht. Weil ihm die Entwicklungen in der Heimat aber keine andere Wahl lassen, stellt er dieses Thema erst mal wieder hinten an. Die Ereignisse, die er im Spiegelstein von Merlin sieht, lassen ihn indes auch bei seinem Aufbruch zu den Kreuzzügen keine Ruhe. Dort nämlich wird ihm zum ersten Mal das Bild einer mächtigen Tafelrunde offenbart, an der auch ein Ritter namens Artus teilnimmt …
_Meine Meinung_
Kevin Crossley-Holland vertieft im zweiten Teil seiner Artus-Trilogie die Geschehnisse in der von Artus erblickten Parallelwelt und führt den jungen Artus immer mehr an sein eigenes Schicksal heran. Ständig wechselt der Autor zwischen der Erzählung der Legende um König Artus und der Entwicklung des schmächtigen Knappen am Hofe von Lord Stephen und hält so in beiden Hauptsträngen die Spannung auf einem konstant hohen Level.
Insgesamt aber ist „Zwischen den Welten“ noch einmal um einiges umfangreicher als der vorangegangene Band, und das nicht etwa nur wegen der etwas größeren Seitenzahl. Crossley-Holland bearbeitet wesentlich mehr Themen und erforscht vor allem die Herkunft des 13-jährigen Artus und die sich daraus ergebenden Konsequenzen etwas genauer. Zudem rückt das Liebesleben des angehenden Ritters etwas weiter in den Vordergrund, zumal hier auch neue weibliche Charaktere, allen voran Stephens Nichte Winnie, in den Plot eingeführt werden und ihn entscheidend verändern. So fühlt sich Artus zwischenzeitlich hin- und hergerissen zwischen der Treue zu seiner derzeitigen Herzensdame Gatty und der Frau, in die er sich bei Ankunft auf dem Hofe des leiblichen Vaters sofort verliebt hat.
Der wichtigste Punkt der Handlung ist aber natürlich die weitere Ausbildung zum Ritter, bei welcher der ehrgeizige Jüngling ein erstaunliches Talent zeigt und dementsprechend auch große Fortschritte macht. Daher sind die Zweifel, die Artus anfangs noch an seinem Zukunftsweg hegte, mittlerweile auch völlig verschwunden, erst recht ab dem Moment, in dem der junge Knappe realisiert, dass ihm die Ehre zuteil wird, als Ehrenmann in die Kreuzzüge aufzubrechen. Der romantische Zwiespalt muss hintanstehen, denn die Verwirklichung der selbst auferlegten Bestimmung ist das Nahziel, und bevor Artus sich versieht, wird ein Traum endlich Wirklichkeit – ähnlich wie beim jungen König Artus, dessen Abenteuer der Sohn des Lords weiterhin durch den Obsidian Merlins beobachtet.
Der Autor hat den Plot nicht nur logisch weiterentwickelt, sondern ihn auch um viele neue Binnenhandlungen bereichert. Die Schwerpunkte werden dabei gleichmäßig verteilt und beschreiben die Hauptperson sowohl in der Rolle des mutigen und wissbegierigen Ritteranwärters, als auch in der Figur des emotionalen Jünglings, der ebenso mit den Schatten der Vergangenheit wie mit den durch die verschiedenen Liebeleien aufgeworfenen Beziehungsschwierigkeiten umgehen muss – und dies alles, während im parallel ablaufenden Strang die Legende von König Artus erzählt wird. Stark gemacht! Wenn man „Zwischen den Welten“ überhaupt etwas anlasten kann, dann ist es der manchmal doch etwas kindliche Stil des Autors, doch weil weder die Atmosphäre noch die Story selber darunter leiden, ist dies kein Nebeneffekt, der nicht zu verschmerzen wäre. Insofern: sehr schöner zweiter Teil einer bis dato herausragenden Jugendbuchtrilogie.
Wer sich einmal etwas näher mit der Artus-Sage befasst hat und einen der unzähligen Romane zu diesem bereits unzählige Male verarbeiteten Thema gewälzt hat, wird der Geschichte sicherlich kaum noch etwas abgewinnen können. Schließlich unterscheiden sich die verschiedenen Abhandlungen nur in geringen Details voneinander. Warum also jetzt einen weiteren Anlauf starten, gerade wo die hier vorliegende Auflage in erster Linie auf ein eher jugendliches Publikum zugeschnitten ist? Nun, ganz einfach: Autor Kevin Crossley-Holland betrachtet die Sage aus einer ganz anderen Perspektive und kopiert die vielen Vorlagen nicht blindwegs nach. In seiner mittlerweile schon zum dritten Mal aufgelegten Trilogie (hier erstmals im Taschenbuchformat erhältlich) beschreibt er die Geschichte aus der Sicht des jungen Artus. Und dies liest sich im ersten Band „Der magische Spiegel“ wie folgt:
Jürgen Seidel, geboren, 1948 in Berlin, lebte nach schulischer und handwerklicher Ausbildung drei Jahre in Australien und Südostasien, bevor er Germanistik und Anglistik studierte und 1984 promovierte. Seither arbeitet er als freier Autor und veröffentlichte Romane, Hörspiele und Rundfunkbeiträge. Bei |Beltz & Gelberg| sind bereits die Romane „Young Nick“, „Pickel“, „Clou & Woyzeck“, „Die Kopfrechnerin“ sowie zuletzt „Das Geheimnis um die Seelenpest“ erschienen.
_Story_
Düsseldorf, 1816: Der Tod der erst 18-jährigen Josefa Edel, genannt Sefchen, versetzt die Düsseldorfer Stadtväter in Panik. Einst haben sie sich selber des Nachts häufig an die junge Dame herangemacht, und nun ist Edel plötzlich tot. Damit erst gar niemand in den Verdacht gerät, mit der Sache in Verbindung zu stehen, wird der Todesfall auch schnell als Selbstmord abgehakt, so dass sich die mächtigen Herren in Sicherheit wiegen können.
Harry Heine und sein Freund Christian Sethe, beide im selben Alter wie die Verstorbene, wollen dem Urteil der Stadtväter aber nicht so recht Glauben schenken. Sie beginnen auf eigene Faust zu ermitteln und entdecken in der Kammer, in der Josefa gefunden wurde, einige Blutspuren, die auf ein Gewaltverbrechen hindeuten. Ihr Handeln bleibt jedoch von den einflussreichen Bürgern der Stadt nicht unbemerkt. Ihr Zorn und die Angst, dass die wahren Hintergründe von Sefchens Tod an die Öffentlichkeit gelangen, wird den beiden Jungen zum Verhängnis. Noch bevor Christian und Harry weitere Nachforschungen anstellen können, begeben sie sich in große Gefahr. Und dabei wollte der junge Heine lediglich ein spannenderes Leben führen als das seines jüdischen Vaters, der seit jeher als Tuchhändler seinen Unterhalt sichert …
Der Verlag |Beltz & Gelberg| scheint ein ausgesprochenes Faible für den berühmten deutschen Dichter Heinrich Heine zu haben. So erschien mit „Heine ist gut“ vor nicht allzu langer Zeit bereits bereits ein Buch, das sich mit dem Werk des einflussreichen Poeten auseinander setzte. Jürgen Seidel hingegen geht bis in die Jugendjahre Heines zurück und beschreibt in „Harry Heine und der Morgenländer“ den Zwiespalt, in dem sich der junge Heine befindet. Obwohl er seinen Vater liebt, möchte er nicht in dessen Fußstapfen treten. Er sieht sich zu Höherem berufen, ist sich aber noch nicht schlüssig, wohin ihn der Weg führen soll.
Daher kommt ihm der Fall mit der offenbar ermordeten jungen Frau gerade recht. Heine und sein Freund Christian vermuten, dass sich in den einflussreichsten Kreisen der Stadt Düsseldorf Geheimnisvolles abspielt und Josefa Edel lediglich das Opfer gemeiner, hinterhältiger Intrigen geworden ist. Jedoch fehlt es den beiden zunächst an Beweisen, so dass vor allem Heine seiner Phantasie freien Lauf lassen und sich nicht nur als Ermittler behaupten kann. Sein Gespür und sein Scharfsinn bringt das Ermittlerduo schließlich auch auf die richtige Fährte, gleichzeitig aber auch in große Gefahr.
Nicht nur einmal bekommen Christian und Harry zu spüren, dass der Einfluss der Obersten noch weiter reicht, als diese sich das ausgemalt hätten. Und damit wird Harrys gedanklicher Zwiespalt noch größer: Ist er wirklich zum Abenteurer berufen? Gibt ihm seine weit reichende Phantasie tatsächlich die Bestätigung, ein Leben als Dichter zu führen? Oder sollte er doch besser ein herkömmliches Leben als Kaufmann führen?
Jürgen Seidel hat in diesem Roman zwei sehr schön miteinander harmonierende Handlungsstränge aufgebaut, bei denen vor allem der Charakter des jungen Heine sehr schön herausgebildet wird. Harry ist ein sehr gebildeter Junge und in vielerlei Hinsicht ein Naturtalent, dem nur manchmal das erforderliche Selbstvertrauen fehlt. Dies jedoch kann er im Zuge des ‚Kampfes‘ gegen die Stadtväter mehr und mehr für sich beanspruchen. Er wird zielstrebiger und entscheidungskräfiger, entschlossener und in seiner Position stärker und kann sich letzten Endes sowohl gegen die eigenen Zweifel als auch gegen die mächtigen ‚Gegner‘ durchsetzen.
Die zweite Handlungseinheit besteht natürlich aus dem Kriminalroman an sich, und auch hier hat der Autor in der Kürze der Seitenzahl ganze Arbeit geleistet. „Harry Heine und der Morgenländer“ liegt ein sehr schöner Spannungsaufbau zugrunde, der mit Highlights und geschickten Wendungen nicht geizt. Man hat zwar eine gewisse Vorahnung, was die Entwicklung und die von Heine und Sethe ersuchte Wahrheit anbelangt, doch man kann sich trotz allem nie sicher sein, ob Seidel den gradlinigen Ablauf der Geschichte nicht urplötzlich durch eine überraschende Richtungsänderung unterbricht.
Hierbei wird allerdings auch klar, dass der Autor trotz des historischen Hintergrunds ganz klar ein jugendliches Alter mit diesem Buch anvisiert. Es geht nämlich auch hier um den so oft zitierten Kampf zwischen Bürgertum (verkörpert durch die dementsprechend junge Figur des Harry Heine) und Machthabenden (hier durch ein bekanntes Gremium wie die Stadtobersten vertreten), der durch seine etwas vereinfachte Darstellung auch für jüngeres Publikum bestens geeignet ist. Zudem sind die beiden Jugendlichen, die sich hier den Stadtvätern widersetzen, natürlich tolle Identifikationsfiguren und in ihrem Handeln auch echte, waghalsige Helden, die sich durch nichts wirklich einschüchtern lassen.
Im Grunde genommen spricht Jürgen Seidel mit „Harry Heine und der Morgenländer“ aber mehrere Generationen an; die einen werden sich lediglich an der Kriminalgeschichte laben, die anderen werden die Vermischung aus fiktiver Erzählung und historischen Fakten genießen. Und aus diesem Grunde kann man dem Autor auch nur dazu gratulieren, ein schönes, spannendes, buntes und hinsichtlich der Dramaturgie ziemlich kompaktes Buch geschrieben zu haben, das ich an dieser Stelle auch nur weiterempfehlen kann!
|Empfohlen ab 14 Jahren|
[Beltz: Gulliver]http://www.beltz.de/gulliver/index.htm
Nina Blazon war bisweilen nur als Fantasyautorin (und Wolfgang-Hohlbeinpreisträgerin) bekannt, doch mit „Der Bund der Wölfe“ gibt die Stuttgarterin ihr Thrillerdebüt.
Auch dieses Mal schreibt sie für Jugendliche. Blanka, die sechzehnjährige Protagonistin, bekommt ein Stipendium für eine hochangesehene Europa-Schule, in der sich Schüler aus ganz Europa tummeln. Trotz der Modernität hat sich seit dem Mittelalter eine Verbindung namens „Die Wölfe“ gehalten, ältere Schüler, die Blanka von Anfang an nicht besonders zu mögen scheinen. Als sie Opfer einer Mutprobe wird, stößt sie auf eine Frau, die wegen eines Treppensturzes gestorben ist. So sagt es jedenfalls die Zeitung, denn Blanka ist fest davon überzeugt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Im Internat trifft sie allerdings nur auf verschlossene Ohren. Dort möchte niemand etwas von einem Mord wissen. Nur Niklas, ein Student der nahen Universität, glaubt ihr, denn auch er hat seine Probleme mit den Wölfen. Genau wie bei Blanka verschwinden seine Arbeitsblätter, Noten werden gefälscht und er wird bedroht. Zusammen kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, die ihre Wurzeln im Mittelalter hat und die, wie es scheint, mehr mit Blanka zu tun hat, als sie ahnt …
Mit der Erzählperspektive eines gewissen „Es“ schafft Blazon es gleich zu Anfang, eine gewisse Spannung aufzubauen, die im Laufe des Buches wieder etwas abflacht. Trotz einiger Actionelemente ist der Plot stellenweise sehr zäh, da er viel Zeit mit Blankas trockenen Recherchen zu den Hexenprozessen verliert. Zudem fehlt ein authentischer Auslöser, wieso Blanka überhaupt mit den Ermittlungen beginnt. Die bloße Ahnung, dass an diesem Fall etwas nicht stimmen kann, reicht nicht aus, wenn man bedenkt, dass Blanka sich auch sonst sehr von ihrer Umwelt abschottet. Hinzu kommen einige voreilige Entschlüsse und Ungereimtheiten, die nicht ganz in die sonst glatte Struktur der Handlung passen wollen. Denn allen Kritikpunkten zum Trotz ist „Der Bund der Wölfe“ ein richtiger Pageturner.
‚Schuld‘ daran ist Blazons fantastischer Schreibstil, der mich schon in ihren Fantasybüchern gefesselt hat. Man merkt, dass sie als Journalistin arbeitet, denn sie besitzt die großartige Fähigkeit, mit sehr wenigen Worten einen Sachverhalt punktgenau darzustellen. Das fällt vor allem immer wieder in Bezug auf ihre Beschreibungen von Schauplätzen und Zuständen auf.
|“An ihrem Leseplatz in der Bibliothek hatte Blanka ein Gebirge von Büchern aufgebaut. Zwischen den Seiten ragten gelbe Post-its hervor.“| (Seite 58)
|“Blanka kam es so vor, als würde ihre Mitbewohnerin den Geruch nach Magnesiumpulver und dem abgegriffenen Leder der Bälle aus dem Sportraum noch mit sich tragen.“| (Seite 31)
Die Autorin benutzt für derartige Schachzüge ab und an eine sehr bildreiche Sprache, die mich in ihren Fantasyromanen oft gestört hat, doch in „Der Bund der Wölfe“ trifft sie mit ihren Metaphern und Vergleichen zumeist zielsicher ins Schwarze.
|“Frau Lallemande runzelte die Stirn. Blanka hatte das Gefühl, dass sie ihre Worte analysierte, sie in Gedanken gegen das Licht hielt und hin und her wendete wie ein Arzt, der ein Röntgenbild betrachtet.“| (Seite 20)
Das Gleiche gilt für die Beschreibungen der Charaktere, die allesamt sehr gut und sehr tief ausgearbeitet sind. Sie wirken authentisch und nicht stereotyp und sind trotz ihrer Schwächen sympathisch. Blanka ist zum Beispiel eigentlich eine Streberin. Sie ist sehr zielstrebig, was ihren späteren Traumberuf Psychologin angeht, und geht dafür im übetragenen Sinne über Leichen. Aufgrund eines Geheimnisses in ihrer jüngsten Vergangenheit benimmt sie sich sehr schroff und abweisend gegenüber ihren Mitmenschen und schafft sich mit ihrer bissigen Schlagfertig nicht nur Freunde.
Doch ein hervorragender, nüchterner Schreibstil und gut ausgearbeitete Figuren machen noch lange kein gutes Buch. Zwar ist die Handlung eine geradlinige Angelegenheit, doch einige kleine Fehler wie die Ungereimtheiten und die zähen Längen, die durch Blankas Nachforschungen in Büchern entstehen, sorgen dafür, dass sie qualitätstechnisch nicht über den Durchschnitt hinauskommt. Trotz allem hat Nina Blazon allerdings gezeigt, dass sie nicht nur Fantasy, sondern auch Realitätsliteratur schreiben kann, ohne die beiden Genres dabei in irgendeiner Weise zu vermischen. Einziger gemeinsamer Nenner bleibt ihr hervorragender Schreibstil.
Bei meiner Recherche zu diesem Titel habe ich erfahren, dass es seinerzeit bereits eine TV-Serie namens „Das Geheimnis des siebten Weges“ gegeben haben muss. Keine Stunde später erzählte mir mein Bruder, dass er die Serie damals im Ersten Deutschen Fernsehen gesehen hat und recht begeistert war. Für all diejenigen, die das damals verpasst haben, trotzdem aber interessiert sind, gibt es nun zwei Möglichkeiten. Entweder man schreibt sich im Internet auf der TV-Wunschliste für diese Serie ein und wartet oder man wählt die schnellere Variante und greift nun das gleichnamige Hörbuch ab, in dem die Geschichte um den beliebten Lehrer Franz van der Steeg neu belebt wird.
Geschichten über Zauberer, Magie und unheimliche Wesen sind am Kinder- und Jugendbuchmarkt der Renner – spätestens seit ein gewisser Harry Potter, besenschwingender Zauberernachwuchs, die Bestsellerlisten unsicher macht. Wem Harry Potter noch nicht gruselig genug ist, der sollte einmal Tom Ward bei seinem ersten Abenteuer begleiten. Tom ist ein junger Auszubildender. Das mag im ersten Moment sterbenslangweilig klingen, aber Tom ist nicht irgendein Auszubildender in irgendeinem Durchschnittsberuf.
Die berühmte Jugendserie feierte nicht nur unlängst ihr 25-jähriges Bestehen, im September 2005 erreichte sie ihren 125. Band. Sicherlich ein Grund zum Feiern, weswegen man André Marx ausschickte, nach Nummer 100 „Toteninsel“ einen weiteren Dreierband auf die Leserschaft loszulassen. Wieder erschien die Erstausgabe als Paket mit drei Büchern im Schuber und wieder ergeben die Covers des Triples ein zusammenhängendes Bild: ein Triptychon, wie man fachlich korrekt in der Malerei sagen würde. Mit Malerei liegt man hier auch sehr nah am Thema des Jubiläumsbandes. Denn nicht nur die Zahl drei ist innerhalb der Serie wichtig, auch ein ganz bestimmter Meister-Kunstdieb mischt wieder mit. Und nicht nur er.
_Zur Story_
Bob hauts von den Socken. Nein. Eher vom Fahrrad. Nach einem Kinobesuch spät dran, radelt der dritte Detektiv eilends nach Hause, als ihn die Explosion des alten, leer stehenden Verwaltungsgebäudes von Rocky Beach vom Drahtesel fegt. Ein Unfall? Unwahrscheinlich, denn bei den drei Fragezeichen trudelt am nächsten Morgen ein knapper Brief ein, der von Absicht kündet und weitere Informationen darüber verspricht. Allerdings stehen die schließlich mühsam am Treffpunkt erkämpften Informationshäppchen augenscheinlich damit nicht in Zusammenhang. Vielmehr stoßen die drei Detektive auf Hinweise auf ein mysteriöses Bild eines berühmten, französischen Malers. Ein Bild, dessen Existenz in der Fachwelt kontrovers diskutiert und vielerorts sogar angezweifelt wird: „Feuermond“. Dass dieses Bild wohl kein Mythos ist, erkennen Justus, Peter und Bob bereits daran, als dass sie bald auf alte Bekannte treffen.
Zunächst Britanny. Eben jene Britanny, welche Justus seinerzeit so arg gelinkt hatte (vgl. „Das Erbe des Meisterdiebes“). Und auch diesmal ist Messieur Victor Hugenay, der berüchtigte Gentleman-Kunstdieb, nicht weit. Unschwer zu ermitteln, dass dieser wegen des „Feuermond“-Bildes unter seinem Stein hervorgekrochen ist. Britanny gibt sich geläutert und zeigt sich kooperativ, was auch schließlich zum Erfolg führt. Es gelingt den drei Fragezeichen durch List, was noch niemandem – weder in Europa, noch in Amerika – gelang: Hugenay (gesprochen: „Üschänee“) kann dingfest gemacht werden und landet in Untersuchungshaft! Doch ist damit das letzte Wort gesprochen? Der gerissene Meisterdieb hat immer einen Kniff gefunden, sich dem Gesetz zu entziehen. Kann man Britanny wirklich trauen? Wo ist „Feuermond“? Die erste Schlacht ist gewonnen, doch der Krieg der Superhirne hat erst begonnen.
_Meinung_
Für ein solch rundes Jubiläum wie den 125. Band kann man gerne wieder einen der Lieblingsgegner (und sicher auch eine der Lieblingsfiguren der Fans) ausbuddeln. Victor Hugenay is back! Für alle, die es nicht wissen: Messieur geruhten schon öfter die mentalen Klingen mit den drei Fragezeichen – respektive hauptsächlich deren Vordenker Justus – zu kreuzen. Legendär sind die Fälle „Seltsamer Wecker“, „Super-Papagei“ und „Erbe des Meisterdiebs“. Letzterer beinhaltete eine harte Schlappe (die einzige in der ansonsten makellosen Historie der drei ???) – Grund dafür war – neben Hugenay – Britanny. Auch sie hat in dieser Geschichte ihre Auferstehung. Undurchsichtiger denn je. Hat sie sich geändert? Marx lässt den Leser zappeln und somit auch seine Protagonisten, die nicht recht wissen, in welche Schublade sie Britanny stecken sollen.
Bei Hugenay scheint der Fall ganz klar. Er ist ein Verbrecher, ein Bösewicht par exellance. Oder vielleicht doch nicht? Dass er einen Narren an Justus gefressen hat, ist bekannt. Wie immer dirigiert er die Ereignisse scheinbar nach seinen Gunsten und Belieben. Ob in Haft oder nicht. Fraglich bleibt bis zum Schluss, was seine Beweggründe sind, diese Spielchen zu treiben. Bis zum absoluten Finale ist der Leser ratloser als je zuvor, was seinen Charakter angeht. Natürlich darf eine solche Folge nicht ohne Rätsel und noch mehr undurchsichtige Typen auskommen. Ebensowenig dürfen bestimmte Figuren fehlen. Tante Mathilda und Onkel Titus gehören zur Grundausstattung, aber auch Inspector Cotta und Chauffeur Morton – samt Rolls Royce selbstverständlich – haben mal wieder ihr Schärflein beizutragen.
Als originelle Idee spielt diesmal die Zentrale der ??? eine vollkommen ungeahnte Rolle. Mehr sei hier darüber nicht verraten, als dass der gammelige Campinganhänger durchaus noch rüstig ist. An Ideenreichtum mangelt es André Marx jedenfalls nicht. Die drei Teile lesen sich sehr flüssig und mit einer guten Portion Humor. Zudem ist die Geschichte sprachlich sehr ausgefeilt, kaum ein Buch der drei Fragezeichen ist je ausschmückender verfasst worden. Die sehr bildhafte Schilderung ist erstklassiges Kopfkino. Allerdings ist Autor Marx spürbar kein wirklicher Waffenexperte: Das „Entsichern“ einer Pistole macht kein Geräusch – zumindest kein auf Entfernung wahrnehmbares – was er so lautmalerisch beschreibt, dürfte demnach der Hahn sein. Egal.
Dankbar muss man ihm sein, dass er der Verlockung widerstand, auch in diesem Jubiläumsband auf Deibel komm raus alle möglichen Figuren zu reanimieren. Er belässt beispielsweise Jelena, Skinny Norris und andere schön in der Mottenkiste und hält den Cast übersichtlich. Nichts gegen diese (Kult-)Figuren, doch der letzte, opulente Dreierband „Toteninsel“ war einfach nur gnadenlos damit überfrachtet. „Feuermond“ ist dagegen fast schon minimalistisch aufgezogen und hat nur wenige Szenen, die nicht ganz so überzeugend sind. Das Ausgangs-Szenario für den Showdown etwa. Das wirkt arg beigedengelt und allein vom Setup her eher minder glaubwürdig, ist dafür aber im Verlauf nichtsdestoweniger spannend und halbwegs schlüssig geworden.
_Fazit_
Alle drei separaten Teile vergehen wie im Flug. Die Geschichte ist, bis auf kleinere, zu vernachlässigende Macken, erfreulich intelligent und – in Sachen Hugenay und seiner Vergangenheit – höchst aufschlussreich. Der 14,90 Euro teure Dreierband ist nicht unbedingt für Einsteiger in die Serie gedacht, wenngleich auch solche damit einen recht lockeren Einstieg haben dürften. Einen gelungenen und eher actionreichen noch dazu – ein schon fast klassisch (und serientypisch) zu nennendes Rätsel gibt’s obendrauf. Natürlich ist der Fall wieder in sich abgeschlossen und eigenständig, doch stärker als üblich sind Bezüge auf frühere Begebenheiten zu finden. Diese zu kennen, ist hilfreich, jedoch für das generelle Verständnis nicht nötig. Sie sind andererseits diesmal jedoch auch etwas mehr als nur das Salz in der Fan-Suppe.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Die drei ??? ® – „Feuermond“-Band 125
Erzählt von André Marx
Franckh-Kosmos, Stuttgart – 09/2005
Das Rätsel der Meister (125-1)
Der Pfad der Täuschung (125-2)
Die Nacht der Schatten (125-3)
Drei Hardcover im Schuber, je 128 Seiten
ISBN: 3-440-10205-X
Die Ausgangsidee für die aus England stammende Reihe „Darren Shan“ ist vielversprechend. Ein Teenager, dessen Alter vom Autor nicht näher genannt wird, der aber schätzungsweise zwischen 12 und 14 Jahren alt sein wird, lebt ein normales Leben und wird im Zuge einiger Geschehnisse zu einem Vampir gemacht. Ein Traum vieler Kinder, die in ihren Fantasien zu gerne einmal über die Menge hinausragen, als etwas Besonderes gelten und nicht zuletzt mit übermenschlichen Kräften ausgestattet sein wollen.
Diese Idee – also die Ausstattung eines Kindes respektive Jugendlichen mit wundersamen Kräften – ist natürlich keineswegs neu und wurde gerade den jüngeren Lesern wohl auch durch Harry Potter näher gebracht. Aber warum auch nicht? Es geht bei Jugendbüchern zuallererst darum zu unterhalten, nicht wahr? Nicht jeder Autor muss es schließlich darauf anlegen große Literatur zu produzieren und auch eine Eingliederung in den – zuweilen recht überschwemmt wirkenden – Kanon der Trivialliteratur birgt doch gewisse Vorteile für den Autoren. Die Gleichung ist hier simpel: Trivialliteratur ist einfach und wenn etwas von vornherein als einfach deklariert wurde, so kann man prinzipiell auch schreiben, was man will, niemandem würde es einfallen, solch ein Werk von analytischen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Wenn überhaupt, wäre der einzige Kritikpunkt an solcherlei niedergeschriebenem Wort, dass es doch zu kompliziert formuliert ist und der Leser dem ganzen Verlauf der Geschichte nicht zu folgen vermag. Gerade bei einem Jugendbuch soll ein Kind an die unterhaltenden Eigenschaften der gedruckten Medien herangeführt werden. Man will vermitteln, dass nicht nur Fernsehen und Computer zum modernen Zeitvertreib herangezogen werden können. Dass dies allerdings nicht alles so einfach ist, wie vom Autor offensichtlich angenommen wurde, darauf werden wir später noch eingehen müssen.
_Idee und Rahmenhandlung_
Was nun also „Harry Potter“ geschafft hat, dass kann auch ein anderer, kindlicher Protagonist mit übernatürlichen Fertigkeiten. Somit machte sich ein Autor unter dem Pseudonym „Darren Shan“ auf und begann eine Geschichte zu ersinnen. Diese Geschichte ist durchweg aus der Sicht des Protagonisten geschildert und wird somit in der ersten Person erzählt. Hierbei entspricht der Name unseres jungen Helden dem Pseudonym, das sich der Autor zugelegt hat, was kein Zufall ist, dient dies doch dazu, der ganzen Handlung einen autobiografischen Charakter zu verleihen. Im ersten Band, „Mitternachtszirkus“, wird dies noch zusätzlich durch ein vierseitiges Vorwort unterstrichen. In diesem umschreibt der Autor kurz, wie er aufgewachsen ist, was ihm als Neunjähriger widerfahren ist, und zu guter Letzt beteuert er, dass alle geschilderten Vorkommnisse auf wahren Begebenheiten basieren. Wir wollen das mal als ein stilistisches Mittel werten und hoffen, dass der Autor sich der Tatsache bewusst ist, dass das Sonnenlicht ihn nicht zu Asche verbrennen wird.
Die eigentliche Handlung der einführenden beiden Bände ist dabei schnell umrissen. Der erste Band „Der Mitternachtszirkus“ dient hierbei als eine weit ausholende Einleitung und schildert auf den ersten Seiten den Schulalltag unseres zukünftigen Vampirs. Schnell wird dann zum titelgebenden, Aufsehen erregenden Event in der kleinen Stadt, die Darren seinen Heimatort nennt, herübergeschwenkt. Eine geheimnisvolle Freakshow, der besagte Mitternachtszirkus, auch einfach „Cirque Du Freak“ genannt, ist in der Stadt erschienen. Wir wollen im Übrigen nicht darauf eingehen, dass das Wort „Freak“ im Französischen nicht existiert und dort „mordu“ heißt. Natürlich will Darren mit seiner Clique die Show besuchen. Es ist vorprogrammiert, dass nicht alles so läuft, wie es soll, aber letztendlich gelingt es ihm und seinem Freund Steve dann doch an einem Abend, den Zirkus zu besuchen.
Einer der Akteure entpuppt sich dabei als Vampir und auch der Rest der Show ist mehr denn eigenartig. Im Laufe der Ereignisse ist Darren dann gezwungen, selber zum Vampir zu werden, oder besser gesagt: zum Halb-Vampir – nun ja, es ist nun mal ein Jugendbuch, lassen wir es also dabei. Diese Transformation nimmt er dabei auf sich, um seinem Freund das Leben zu retten. Im Endeffekt endet der erste Band damit, dass Darrens fingierter Tod inszeniert wird, so dass er schweren Herzens seine Familie verlassen kann.
Im zweiten Band, „Die Freunde der Nacht“, muss er dann mit seinen erwachenden Kräften zurechtkommen und lernen, sich mit seinem neuen Zustand zu arrangieren. Der zentrale, wichtige Punkt der Handlung ist hierbei seine Unzufriedenheit mit dem Zustand als Vampir, insbesondere will er kein Menschenblut trinken. Das fasst im Prinzip den zweiten Band bereits zusammen, denn dieser ist ein Flickstück aus scheinbar zusammenhangslosen Episoden, die Darren zusammen mit seinem Meister durchlebt. Teilweise sind dies Erlebnisse, die nur die beiden betreffen, und später dann einzelne, kleinere Geschichten im „Cirque Du Freak“. Dem Ganzen wird ein grober Rahmen verliehen, der den Anschein des Zusammenhangs wahren soll, doch besteht bereits die besagte Problematik, dass die gesamte Handlung aus Darrens Unwillen, das Blut eines Menschen zu trinken, besteht und natürlich aus seinen Problemen in der Gesellschaft der normalen Menschen. Dieser grobe Rahmen ist hierbei vornehmlich der Aufenthalt unseres Helden im Cirque Du Freak.
_Erster Eindruck_
Was soll man nun von „Darren Shan“ halten? Zum einen muss man es dem Autor lassen, dass er gewiss flüssig zu schreiben vermag. Vor allem als kindgerecht muss man die Sätze, die er niederschreibt, bezeichnen. Wenig komplizierte Konstrukte und nur einfache Nebensätze, keinerlei Schachtelsätze. Dies ist natürlich überaus positiv zu erwähnen. Ein Heranwachsender kann den Sätzen gut folgen und die Handlung kommt meistens durch derartige Konstrukte gut voran. Es wird dabei dem Leser viel Fantasie abverlangt; so wird das Innere eines Wohnwagens mit einem einzigen Satz beschrieben. Dies mag auch den geringen Umfang eines jeden Buchs erklären, der sich durchschnittlich auf ca. 260 Seiten beziffert. Es kommen allerdings auch ausführlichere Beschreibungen von Szenerien vor. Diese werden dann dem Leser, entsprechend aus der Position des Ich-Erzählers, in kindgerechten Worten dargelegt.
Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass der Autor seinen auf ein jüngeres Lesepublikum ausgerichteten Stil nicht immer durchhält. Vereinzelt verirren sich doch Vokabeln in den Text, die weder in Kinder- noch in Jugendbüchern etwas zu suchen haben, es sei denn man will seine jungen Leser gehörig verwirren. Um ein Beispiel anzuführen: |“»Bleib anständig«, deklamierte er. »Töte nur im Notfall,….«“|. Das Wort „deklamiert“ ist wohl kaum der breiten Allgemeinheit geläufig, geschweige denn einem Zwölfjährigen. Es zeigt sich also eine gewisse Inkonsequenz des Autors bezogen auf seinen Stil und seine Formulierungen.
Schön wird in den beiden Romanen die Wankelmütigkeit eines jungen Teenagers beschrieben, insbesondere in „Der Mitternachtszirkus“ hat man fast das Gefühl, der Autor wäre selber noch ebenso jung, wie er dies in seiner Rolle unter dem Pseudonym als Darren Shan vorgibt. Da versucht Darren in einem Moment unglaublich erwachsen zu sein, benimmt sich wie „einer der Großen“, wie es immer so schön heißt, um dann im nächsten Moment mit seiner kleinen Schwester Bett-Tennis spielen zu wollen.
Auch der amüsante Dialog zwischen Darren und Steve, wenn sie ihre Pläne schmieden, die Show zu besuchen, spiegelt durchaus wirksam die Gedankenwelt eines Jungen wieder, der gerade erst in die Pubertät gekommen ist. So unterhalten sie sich zwei Seiten lang so, als wären sie Soldaten, die sich gerade marschbereit machen, um in den Krieg zu ziehen.
Die Gedanken, die dem zum Vampir gewordenen Darren durch den Kopf gehen, als er sein Resümee zieht über seine – durch die neuen Vampirkräfte unterstützen – Erfolge beim Weitwurf, eignen sich hier hervorragend, um zitiert zu werden. |“Eines Tages maß ich meinen Wurf, schlug dann in einem Buch nach und stellte fest, dass ich einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte! Zuerst war ich ganz aufgeregt, aber dann viel mir ein, dass ich es niemanden erzählen konnte“|. Diese Worte stellen recht eindrucksvoll die Naivität und Unumsichtigkeit unseres jungen Protagonisten dar. Der Enthusiasmus eines Jungen gepaart mit den vereinfachenden Ansichten eines Kindes.
_Logik und Stil_
Es muss allerdings auch gesagt werden, dass offenbar der Autor seine Rolle als kleiner Junge etwas zu ernst genommen hat. Einige Eigenarten des Buchs werden zwar durch das nicht näher genannte Alter des Helden entschärft und weniger auffällig, wirken aber bei näherer Betrachtung trotz allem noch fehl am Platz. So ist zum Beispiel die Wahl von Worten wie: „Wöaaaarch“, „cool“, „gepiekst“, … gerade noch im Bereich des Akzeptablen, immerhin reden wir hier von einem Buch für Kinder. Auch wenn man sich fragen sollte, ob man nicht zumindest im geschrieben Wort solch ein Vokabular auf die wörtliche Rede beschränken sollte, wenn man übliche Dialoge aus dem Alltagsleben beschreiben will. Der Autor nutzt sie hier hingegen auch als Stilelemente mitten im Text; es wäre interessant zu wissen, welcher Lehrer Derartiges in einem Aufsatz zulassen würde – ich jedenfalls nicht. Demnächst findet man noch Smileys innerhalb eines Romans vor, nur um witzige Stellen etwas mehr hervorzuheben. Gerade die Zielgruppe, für die die Darren Shans Romane bestimmt sind, sollte eigentlich solchen sprachlichen Fallgruben nicht gegenüberstehen müssen, befinden sich die Kinder doch noch in einer frühen Phase des Lernens und sollten entsprechend mit guten Beispielen versorgt werden. Vereinzelt mögen solche Lautmalereien und Kindervokabularien auch als Stilmittel gelten, doch darf man ganz einfach das Ganze nicht zu sehr ausreizen.
Auch eine übertragend gemeinte Beschreibung wie |“… jede Fußbreite des Weges war ihm bekannt wie die Schlinge eines Kreuzknotens“| wirkt irgendwie deplatziert. Hieran erkennt man einen noch jungen Autoren. Der ganze Vergleich wirkt ein wenig „gewollt“. Zwar wird dieser von einem Pfadfinderführer gezogen, der wohl mit Kreuzknoten vertraut sein sollte, aber ist die Anwendung dieses Stilmittels hier recht eigenwillig. Zum einen sind Knoten bekannt als Sinnbilder der Verwirrung und Orientierungslosigkeit und zum anderen sagt für einen Nicht-Pfadfinder dieser Vergleich kaum etwas aus. Glücklicherweise ist dies eine der wenigen Stellen, an denen solch ein sprachlicher Ausrutscher vorzufinden ist.
Viel schlimmer mutet aber hingegen die Erosion jeglicher Logik in einigen Passagen der Romane an. Werden in Harry Potter mystische Wesen eingeführt, deren Fähigkeiten und bloße Existenz unseren Erkenntnissen im Bereich der Physik und Biologie entgegenstehen, so kann man sich doch mit ihnen abfinden. Denn Magie ist hier die gängige Begründung und erklärt feuerspeiende Drachen und ähnliche Fähigkeiten. Auch magische Wesen und Mutanten in der Vielzahl von Werken der Trivialliteratur – und auch in einigen Fantasy- und Sci-Fi-Werken, die ich gerne eher zur Kategorie der Unterhaltungsliteratur zählen würde – sind durchwegs erklärbar, wenn man gewillt ist, sich auf den Roman einzulassen. Wir werden in unserer Rolle als Leser – und somit Beobachter des Geschehens – schlichtweg in andere Dimensionen oder Welten entführt. Handelt es sich nicht um andere Welten, so gibt es doch eine grundlegende, stets mit Interesse zu beobachtende Regel, die durchdringend alle Romane zeichnet, die – scheinbar – in unserer Welt spielen.
Betrachten wir nur die Vampir-Romane, denn um einen solchen handelt es sich hierbei ja schließlich. Alle diese Werke, wie zum Beispiel die von Anne Rice, aber auch der ewige Klassiker und Ursprungsroman „Dracula“ von Bram Stoker, beherbergen Logik und Anlehnung an die Gesetze der Physik. Das Wie und Warum eines Vampirs werden meistens grob erklärt, aber immer wird die Unlogik und scheinbare Unmöglichkeit eines solchen Wesens mit Magie, einem Gottesfluch oder anderen undefinierbaren Phänomenen umgangen.
Auf die Existenzfrage wird zumindest in den ersten beiden Darren-Shan-Romanen nicht eingegangen, was aber auch kein wirkliches Problem darstellt. Niemand stellt als begründendes Axiom für die Qualität eines Romans über Vampire die Regel auf, dass man die Existenz des vampirischen Daseins erklären muss. Aber man darf sich, ob mit oder ohne grundlegende Erklärungen, nicht in Scheinlogik verlieren, wenn man versucht, einen Roman zu verfassen. Es gibt nichts Schlimmeres als beim Leser den Anschein zu erwecken, dass man ihn „für dumm verkaufen“ will. Dabei ist es unerheblich, ob der Leser ein Kind ist oder ein Erwachsener.
Einer der Höhepunkte der Absurdität ist eine Spinne, die im Roman als solche bezeichnet wird, als solche angesehen wird und von allen umstehenden Menschen auch als solche ohne Widerspruch akzeptiert wird. Wir gehen also davon aus, dass es sich zumindest äußerlich um eine Spinne handelt und diese demnach die anatomischen Merkmale einer Spinne besitzt. Da diese Spinne sich auch auf der Schulter einer Person niederlassen kann, wird sie auch eine normale Größe besitzen, sie ist also nicht so groß wie ein Pferd oder dergleichen.
Fängt nun dieses Tier an, mit Messer und Gabel zu essen und Käse und Schinken zu verspeisen, dann fragt sich der mündige Leser, ob er plötzlich in einem Märchen gelandet ist. Anatomisch kann eine Spinne keine Messer und Gabel benutzen, sie ist anatomisch auch nicht in der Lage, Schinken und Käse zu essen und vor allem ist sie anatomisch dazu nicht in der Lage, Strecken auf nur zwei Beinen zu laufen oder sich vor jemandem zu verbeugen. Doch dies wird so im Laufe des ersten Buchs beschrieben.
Das Paradoxe an dem ganzen Sachverhalt ist, dass man normalerweise als Leser von Fantasy-Literatur dazu neigt, viele dieser Dinge normalerweise zu akzeptieren, z. B. wäre es ein Einfaches zu erklären, dass diese Spinne keine Spinne ist, ein Maul mit Zähnen besitzt und außerdem kleine, feine Hände, Klauen oder Ähnliches besitzt. Derartige Erklärungen werden uns aber nicht geliefert. Wir müssen in unserer Rolle als Leser,einfach kauen, runterschlucken und versuchen, das Verdaute nicht wieder hochzuwürgen. Lächerlich wirkt dazu noch, dass es allen Menschen, inklusive Darren Shan, ganz normal erscheint, wenn Leute telepathische Fähigkeiten haben, dies wird einfach mit einem Schulterzucken abgetan. Keine Reaktion zeigt sich, noch nicht einmal ein kindliches Staunen oder Anhimmeln von Leuten mit solchen Fähigkeiten, genau so wenig wie das Aufkommen von Furcht. Nichts davon scheint zu passieren, es scheint ganz normal zu sein, wie es auch die Spinne ist, über die sich nicht näher gewundert wird, die allerhöchstens bestaunt wird wie ein gut dressiertes Tier, als ob man jeder Spinne diese Tricks mit viel Geduld und Können beibringen könnte …
Versucht man das gerade Erlebte noch zu verdauen, so werden an anderer Stelle hingegen sogar Erklärungen abgeliefert. Doch führen diese eher zu der Überlegung, ob der Autor einen guten Witz machen will. In Kombination mit den kleineren, normalerweise für sich betrachtet verzeihlichen kleinen Logikfehlern, wirkt das Ganze aber nicht mehr sonderlich humorvoll. Denn dass ein Vampir von Sonnenlicht verbrannt wird, viel stärker als ein Mensch ist, verdichtete Knochen hat und bei Nacht sehen kann, erscheint im Kosmos eines Fantasyromans akzeptabel. Auch ist nachvollziehbar, dass manche Leute telepathische Fähigkeiten haben. Gerade durch die nicht vorhandenen Erklärungen ist dies nämlich alles kein Problem, man denkt sich einfach, es ist mal wieder Magie im Spiel und akzeptiert einfach das Gelesene. Ohne jegliches Murren oder jegliche Kritik.
Doch was geschieht? Die Frage nach der Verwandlung in eine Fledermaus, von Darren an seinen Meister gestellt, wird dann aber mit Lachen von diesem beantwortet: |“»Eine Fledermaus?«, gellte er. »Glaubst du wirklich an diese kindischen Geschichten? Wie um alles in der Welt könnte sich jemand von deiner oder meiner Größe in eine kleine, fliegende Ratte verwandeln?«“| Falls dies eine amüsante Szene sein sollte, so ist diese von mir nicht so empfunden worden. Wo bleibt Konsistenz und Logik in der Handlung? War die einfache Begründung, dass dies ein Mythos ist und ein Vampir zu einem solchen Trick nicht fähig ist, einfach zu viel des Guten? Alle oben aufgelisteten Fähigkeiten sind akzeptabel aber dies nicht oder was? Fängt der Autor nun plötzlich an, mit der Physik zu argumentieren?
Noch schöner wird es durch einen anderen, recht groben Patzer seitens des Autors. Kann man sich oben noch knapp herauswinden und behaupten, dass dies nur die verdrehte und halt schlichtweg unlogische Begründung eines alten Vampirs war, der sich in den letzten Jahrhunderten keine Gedanken über den oben allegierten Sachverhalt gemacht hat, so kommen wir zum alten „Spiegelbild-Problem“. Mit viel gutem Willen könnte man sogar wirklich noch erklären, wie man die Kräfte eines Vampirs begründen kann und dadurch die Aussage, dass die Verwandlung in eine Fledermaus nicht funktioniert, nach mehrfachem Überdenken auch auf sich beruhen lassen. Leider jedoch ist es mit der Fledermaus-Angelegenheit nicht getan.
Bei „Darren Shan“ haben die Vampire ein Spiegelbild. Dagegen ist nun nichts einzuwenden. Abstrus wird es allerdings, wenn versucht wird zu erklären, dass man Vampire nicht fotografieren und auch nicht auf Video aufzeichnen kann, darauf wären sie nicht zu erkennen. Wir wollen hier nun nicht auf physikalische Feinheiten eingehen, aber prinzipiell kann alles, was ein Spiegelbild hat, in irgendeiner Form auch fotografiert und vor allem auf Video aufgezeichnet werden.
_Fazit_: Darren Shan ist kindgerecht, was die Qualität der Romane angeht, aber mehr sollte man definitiv nicht erwarten, sonst wird man bitterböse enttäuscht. Schon ein reifer Zwölfjähriger wird wohl einige Stellen nur stirnrunzelnd über sich ergehen lassen. Über kleinere sprachliche Mängel mag man da hinwegsehen, wenn ich auch auf die eher unschönen Elemente, die in den Text verflochten sind, hoffentlich deutlich hingewiesen habe.
R. L. Stines Gruselreihe „Gänsehaut“ ist mittlerweile Kult und er damit einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren geworden. Sein neuester Roman „Der Kuss des Vampirs“ orientiert sich an einem etwas älteren Publikum, dem der Teenager.
Die Protagonistin des Buchs ist die sechzehnjährige Destiny Weller, ein ganz normales amerikanisches Mädchen, das zusammen mit seiner Zwillingsschwester Livvy in einem Sommerferiencamp als Betreuerin gearbeitet hat. Sie haben dort jede Menge Spaß gehabt und viele Leute kennen gelernt. Besonders Renz, der Oberbetreuer mit dem charmantem Schlafzimmerblick und dem leichten italienischen Akzent, hat es den beiden angetan. Was sie nicht wissen: Renz ist ein Vampir, der nach dem Tod seiner einzigen und großen Liebe Laura auf der Suche nach einem Ersatz ist. Was für einem Ersatz, ahnen die Weller-Zwillinge erst, als sie sich zu Hause plötzlich eigenartig benehmen. Eines Nachts saugen sie gemeinsam wie von Sinnen einem Kaninchen das Blut aus. Der Schreck sitzt tief, doch die beiden können nichts dagegen tun. Doch sie sind noch keine richtigen Vampire, sondern nur Neophyten, das heißt, beim nächsten Vollmond entscheidet sich ihr Schicksal. Wenn sie an diesem Tag das Blut eines echten Vampirs trinken, wird ihre Verwandlung komplett sein, sollte dies nicht geschehen, werden sie zu wahnsinnigen Untoten.
Währenddessen müssen sie natürlich vor ihren Freunden und Familie verbergen, was mit ihnen los ist, was zu komplizierten Verwicklungen führt, denn ihr Bluthunger ist unkontrollierbar, und dann stellt sich auch noch heraus, dass einige ihrer Freunde Mitglieder der Vampirjäger sind. Destiny hört etwas von einem Restaurator, der sie vor ihrem Schicksal retten könnte. Doch wer ist dieser Restaurator? Ist es etwa der süße Berufsberater aus dem College, der mit den dunklen Locken und dem leichten italienischen Akzent?
In rasantem Tempo erzählt Stine die Geschichte zweier unterschiedlicher Mädchen, die plötzlich durch ihr grausames Schicksal verbunden werden. Spannung kommt vor allem dadurch in die Handlung, dass neben dem persönlichen Schicksal der Schwestern auch der Wohnort der beiden, Dark Springs, angesprochen wird. Hier treiben sich nämlich seit einiger Zeit Wesen herum, die Waldtiere töten und sie blutleer liegen lassen. In den Nachrichten geht man erst von einem Virus aus, dann von einem Geistesgestörten, der unter anderem Livvys Freundin Bree auf dem Gewissen habe. Trotz dieser Tatsachen in den Medien formieren sich im Ort die Vampirjäger, die den Schwestern im Nacken sitzen.
Die Spannungskurve dieses Buches ist enorm, ein richtiger Pageturner, denn neben der angenehmen Tatsache, dass nicht alles glatt läuft und nur auf wenige Klischees zurückgegriffen wird, ist es vor allem der extrem straffe Plot, der wenig Platz zum Atmen lässt und dadurch keinerlei Längen aufweist. Stine setzt auf wenig schmückendes Beiwerk und reduziert Gefühlsäußerungen und Gedanken sowie Beschreibungen auf ein Minimum, so dass die Geschichte an vielen Stellen von Dialogen getragen wird.
Der Schreibstil ist klar, leicht verständlich und ebenso knapp und prägnant wie der Aufbau der Geschichte. Er weist kaum wirkliche Eigenheiten auf, aber das ist nicht weiter schlimm, denn auch das kann ein geschickter Schachzug sein, wie „Der Kuss des Vampirs“ beweist. Zwar wird der Roman durch seine Schnelligkeit etwas oberflächlich, andererseits konzentriert er sich damit hauptsächlich auf die Handlung und verhindert Langatmigkeit.
R. L. Stines Roman ist ein rasantes Bündel Spannung, das mit wenig Worten auskommt, dafür aber auch keinerlei Längen aufweist. Sicherlich keine große Literatur, aber ein wirklich nettes und gruseliges Jugendbuch.
Im Gegensatz zur Hörspielserie, die bis mindestens Anfang 2006 mit der Umsetzung neuer Geschichten ruht (Wir erinnern uns: Die Hitchcock-Lizenz lief Februar 2005 nach 25 Jahren aus, was bei EUROPA zum kompletten Überdenken der Marketingstrategie Anlass gab), gehen die Veröffentlichungen auf dem Buchsektor mit beinahe unverminderter Geschwindigkeit weiter. Erst jetzt im Dezember ereilte die Lesegemeinde unlängst das „Survival-Buch“ mit Outdoor-Tipps und Tricks für angehende Junior-Detektive. Die junge Seitenlinie ???-KIDS erreichte im November auch ihren 25. Band und feierte ein kleines Jubiläum.
Die drei Fragezeichen sind seit über 25 Jahren aus der (Jugend-)Literatur nicht mehr weg zu denken. Zur beliebten Serie gesellte sich vor einiger Zeit mit „Die ???®-Kids“ ein Spin-off hinzu, das sich an eine jüngere Leserschaft richtet. Die Protagonisten sind die gleichen, nämlich Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews – allerdings im zarten Alter von zehn Jahren und noch ohne ihre berühmte Detektei offiziell eröffnet zu haben. Bei den Kids befinden sich die Drei also in genau dem Altersrahmen, in dem auch die Zielgruppe angesiedelt ist: 8 bis 10 Jahre. „Im Bann des Zauberers“ erschien im August 2005 bei Franckh-Kosmos.
Schon damals in den Anfangszeiten der Serie in Deutschland ließ themenbezogene Sekundärliteratur nicht lange auf sich warten. Detektivisches Einmaleins wie Spurensuche und -sicherung, Tipps und Tricks beim Beschatten etc. wurden alsbald immer wieder in Buchform unter dem zugkräftigen ???®-Label feilgeboten. Damit die Detektivspielerei in der Realität auch weiter gehen kann – zur Not auch in freier Wildbahn auf sich allein gestellt – veröffentlichte Bernd Flessner bei |Franckh-Kosmos| im Dezember 2005 den neuesten, quasi überlebenswichtigen Streich: Das Survival-Buch der drei ???. Der Untertitel versichert, dass Justus, Peter und Bob höchstdaselbst Outdoor-Tipps erteilen. Und die sehen – sehr zur Freude von Autor und Verlag – von den dafür aufgerufenen 9,95 € keinen einzigen Cent, denn sie sind bekanntlich nur fiktiv.
_Das Buch_
Ausnahmsweise handelt es sich diesmal nicht um ein Hardcover, sondern um ein Paperback. Es kommt serienmäßig im schützenden Klarsicht-Umschlag. Damit ist es rein äußerlich auch schon einmal für den Outdoor-Einsatz gerüstet und kann – so anscheinend die Intention dahinter – ein gewisses Maß an vorwitzigem Spritzwasser und Schmutz der Wildnis verknusen. Das Cover-Design hält sich ansonsten an die lange Jahre gewohnte und erprobte Cooperate Identity, will heißen, hauptsächlich in schwarz gehalten und mit dem unverzichtbaren, dreifarbigen Fragezeichen-Logo verziert.
Irgendwie haben sich neuerdings 128 Seiten bei |Kosmos|‘ ???-Publikationen etabliert, auch dieses Buch weist erschreckend exakt diese Seitenzahl auf. Zumindest nominell. Davon gehen dank Vorsatz, Inhaltsangabe, Raum für eigene Notizen und die verlagsinterne Werbung am Ende noch einige Seiten ab. Effektiv bleiben gut 116 Seiten, die mit den versprochenen Informationen gefüllt wurden. Diese beschränken sich nicht nur auf Text, sondern bieten zum besseren Verständnis des Gelesenen auch zahlreiche Abbildungen. In der Hauptsache Zeichnungen, diese stammen von Alexander Jung.
_Zum Inhalt_
Man muss schon Interesse für Outdoor-Aktivitäten aufbringen, das ist Grundvoraussetzung für die sinnvolle Benutzung des Buches. Es enthält nichts, was man nicht eigentlich schon von Kindesbeinen an wissen sollte, aber dessen Vermittlung heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Über das Campen und die grundlegenden Kenntnisse der Orientierung im Gelände – per Karte, mit (oder auch ohne) Kompass. Vielen urban aufwachsenden Kindern und Jugendlichen dürfte das Wissen über solche Sachen jedoch ziemlich abgehen, da gilt schon der heimische Garten als Outback, Fußmärsche, die länger dauern als maximal fünf Minuten zur nächsten Fritten-Ranch – zu Currywurst und Pommes Bahnschranke – gar als Desaster.
Die Tipps und Tricks von „Justus“, „Peter“ oder „Bob“ sind hilfreich, dem drohenden Hungertod weit weg von Mamis Hausmannskost oder außerhalb der Reichweite irgendwelcher Fresstempel zu entgehen, auch wenn die Drei diese Informationen von Autor Bernd Flessner in den Mund gelegt bekommen. Die drei Detektive dienen hier natürlich lediglich als zugkräftiges Transportmedium. Überhaupt: Die gebetsmühlenartig im Buch verwendete und andauernd wiederholte „Wir, die drei ???, …“-Phrase nervt. Der durchschnittliche Jugendliche mag vielleicht unbeschlagen sein, was das Überleben in freier Natur angeht, doof ist er aber sicher nicht. Irgendwann muss mal gut sein, auch der letzte Leser hat’s bestimmt kapiert, dass dies ein ???-Spin-off ist.
Der Inhalt an sich stimmt in etwa mit dem überein, was man auch im „Reibert“ bzw. in der Zentralen Dienstvorschrift (ZdV) für/über „Formaldienst und Überleben im Felde“ (Im Soldatenjargon mehr oder weniger liebevoll „Dschungelbuch“ getauft) findet. Beides nie gehört? Aha. Drückeberger. Also nicht beim Militär gewesen. In allen drei Werken findet man Anleitung, wie man trotz mancher widriger Umstände nicht frühzeitig das Feldgeschirr reichen muss. Nützliche Dinge, wie man sich orientiert, Feuer ohne Feuerzeug macht und auch, in welche Produkte der (hauptsächlich westeuropäischen) Flora und Fauna man recht bedenkenlos seine gierigen Zähne schlagen kann, all das ist dort feinsäuberlich nachzulesen.
Im Gegensatz zum soldatischen Treiben sind im Zivilen jedoch einige Abstriche zu machen. So vermittelt das Buch neben solchen rechtlichen Aspekten auch den schonenden Umgang mit der Umwelt beim Kampieren. Nicht dass die Kiddies auf die Idee kommen, mit einem netten kleinen Lagerfeuer gleich den ganzen Wald abzufackeln oder dergleichen. So fällt beispielsweise auch das Wegballern unschuldiger Feld-, Wald-, und Wiesenbewohner unter Wilderei, liebe Kinder, was der Text auch pflichtschuldig kundtut. Selbst das Erlegen eines Tieres mit selbstgepfriemelten Pfeil und Bogen ist untersagt und wenn der Magen noch so knurrt. Das Fangen eines Fisches mit bloßer Hand kurioserweise aber nicht. Na denn: Viel Erfolg.
Beim Bund nannten wir das Biwaken in Anlehnung an die sinnentleerte Dialogzeile aus „Rambo“ auch scherzhaft: „Überleben im Wald – Ohne Schmerzen!“. Das würde als Untertitel zum „Survival-Buch“ auch recht gut passen. Ein Teil der (Standard-)Lektüre für Landser findet sich schließlich auch bei Flessner – in stark abgespeckter Form und mit Detektivspielerei (u. a. Beschatten, Spurenlesen und -sichern etc.) als Hintergrund. Abschließend kann das Erlernte in die Praxis umgesetzt werden. Bei drei unterschiedlich schwierigen Szenarien, deren Zeitaufwand von wenigen Stunden bis hin zur einer schlappen Woche reichen, kann man dann beweisen, ob man auch von der chipsfressenden Couch-Potato zum outdoorgestählten, würdigen und umweltbewussten „Detektiv“ wurde. Mit Appetit auf Regenwürmer und Heuschrecken.
_Fazit_
Über die Marketing-Masche mag man denken, wie man will, vom vermittelten Wissen her gibt es nichts zu meckern. Man hat hier einen guten, allgemeinen Leitfaden für das Biwak-Leben abseits der Fast-Food-Reservate von Mäckdonaldsstan an der Hand. Das Buch ist jugendgerecht aufbereitet, doch ohne den manchmal arg gezwungen wirkenden ???-Kontext und die detektivischen Abenteuer-Vorgaben, die heutige Jugendliche bestenfalls mit hochgezogener Braue quittieren dürften, wär’s noch besser. Needless Knowledge? Nein, das vermittelte Wissen kann sich durchaus als sehr nützlich erweisen, doch bevor man sich dieses Buch zulegt (oder eventuell gar verschenkt), ist sicherzustellen, dass auch tatsächliches Outdoor-Interesse besteht – alleine ein glühender ???-Fan zu sein, reicht definitiv nicht.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Die drei ???® Survival-Buch
– Tipps und Tricks von Justus, Peter und Bob –
Text von Bernd Flessner
Illustrationen von Alexander Jung
Franckh-Kosmos, Stuttgart 12/2005
128 Seiten, broschiert mit Klarsicht-Schutzumschlag
ISBN: 3-4401-0464-8
Marco Sonnleitner ist zwar kein neues Gesicht in der Riege der ???-Autoren, aber auch noch nicht so lange dabei wie manch einer der Alteingesessenen. Sein Debüt lieferte er 2003 mit Band 109 „Gefährliches Quiz“, auf sein Konto gehen unter anderem auch der Nachfolgeband (110) „Panik im Park“, etwas später dann „Schlucht der Dämonen“ (112), 2004 folgte „Codename: Cobra“ (116) und Anfang 2005 „Der schwarze Skorpion“ (120), sowie „Fußballfieber“ (123). Dabei wurde er sukzessive besser, hat man das Gefühl. Band 124 von September 2005 ist sein aktuellstes (und, um es vorweg zu nehmen, auch bestes) Pferd im Stall. Erschienen ist das 128 Seiten starke Stück wie üblich im |Franckh-Kosmos|-Verlag zum ebenso üblichen Preis von 7,90 Euro.
Eine Serie begleitet und fasziniert heutige Thirtysomethings schon seit ihrer Kindheit. Die Rede ist vom Klassiker „Drei Fragezeichen“ oder auch „Die drei Detektive“ genannt. Letzteres kommt dabei näher an den amerikanischen Originaltitel „The Three Investigators“ heran. Hierzulande haben sich die drei verschiedenfarbigen Fragezeichen (weiß, rot, blau) auf schwarzem Cover längst als Aushängeschild und weithin bekanntes Markenzeichen der Serie etabliert. Eine weitere Vorstellung erübrigt sich eigentlich, denn DDF kennt wirklich fast jedes Kind.
Seit den Siebzigerjahren hat sich das Cover-Design jedenfalls kaum verändert. Früher firmierte man noch unter |Franckh’sche Verlagsgesellschaft|, heute ist das geändert in |Franckh-Kosmos|. Das Aussehen der Bücher blieb weitgehend gleich. Seit das Haus zur |Bertelsmann|-Gruppe gehört, verlegten diese die DDF auch mal als Taschenbuchausgaben unter ihrem Ableger „Omnibus“. Mit alternativen Titelbildern. Igitt. Diverse Sammelbände sind auch im Umlauf. Richtigen Kultstatus genießen jedoch bei Sammlern nur die Franckh-(Kosmos-)Hardcover, was anderes kommt nicht ins Regal. Wenn möglich, sogar nur Erstausgaben.
Ihren anhaltenden Erfolg in Deutschland hat die Serie im Besonderen der inzwischen berühmten Hörspielumsetzung zu verdanken, bei der bislang 120 Fälle der Jungs veröffentlicht wurden – und weiter neue Storys geschrieben und vertont werden, obwohl die ausgelaufene „Hitchcock-Lizenz“ ein geändertes Marketing des gesamten ???-bezogenen Produktkatalogs erfordert. Im Moment stehen daher die Zeichen nicht nur in den |EUROPA|-Tonstudios, sondern bei Konzernmutter Bertelsmann insgesamt auf „kreative Pause“. Derzeit sind die Bücherveröffentlichungen (125 Fälle) den Hörspielen um einige Bände voraus. Doch das nur am Rande.
_Zur Serie_
„Die drei Fragezeichen“, das sind kalifornische Jugendliche aus dem fiktiven Kaff Rocky Beach – irgendwo zwischen L.A. und Santa Monica gelegen. DDF, das ist vor allem das übergewichtige Superhirn Justus „Klugscheißer“ Jonas, der irgendwann mal mit seinen Kumpels Peter „Angsthase“ Shaw und Bob „Bücherwurm“ Andrews eine kleine Privat-Detektei eröffnet hat. Erwachsene, die darüber milde lächeln und die Ernsthaftigkeit der Jungs anzweifeln, werden stets eines Besseren belehrt. Das Trio wird nicht müde, seine berüchtigte Visitenkarte zu zücken und jedem, der es wissen will (oder auch nicht), die Bedeutung der drei großen Fragezeichen darauf zu erläutern.
Wenn man eines jedoch nicht tun darf, dann ist es, ihren kriminologischen Spürsinn sowie ihre Hartnäckigkeit zu unterschätzen. Die Jungs bearbeiten Fälle, die vielen Erwachsenen (respektive den Cops) meist zu banal oder grenzwertig erscheinen, sich aber nicht selten zu handfesten Verbrechen entwickeln. Egal ob angeblicher Geisterspuk, marodierende Urzeitwesen oder auch vermeintliche Werwölfe – Ihr Motto lautet stets: „Wir übernehmen jeden Fall“. Mag er auch noch so unglaubwürdig und abgedreht klingen. Ihre Erfolgsquote ist hoch und sie nehmen grundsätzlich kein Honorar für ihre Dienste.
_Zum Buch_
Da dies eine aktuelle 2005er Veröffentlichung ist, erscheint das Buch bereits ohne Namen und Logo von Alfred Hitchcock. Ein Anblick, an den man sich als langjähriger Fan erst einmal gewöhnen muss. Das heißt, eigentlich ist der Sammelband eine Wiederveröffentlichung, denn er enthält nicht mehr ganz taufrische Geschichten aus den 90ern – sie stehen inhaltlich in keinem Zusammenhang zueinander und sind (wie überhaupt alle ???-Storys) in sich abgeschlossen – mit Ausnahme eines „spezialgelagerten Sonderfalls“, nämlich der Nummer 100 – „Die Toteninsel“, welche aus drei einzelnen Büchern besteht, die untrennbar als Fortsetzungsgeschichte zusammengehören. Warum aber ausgerechnet hier nun diese Auswahl von Geschichten vom Bertelsmännischen DDF-Haus-und-Hof-Verlag |Frankh-Kosmos| ausgewählt wurden, ist dagegen nicht überliefert. Ist auch nicht wichtig, kümmern wir uns lieber mal detaillierter um deren Inhalte.
_Die Storys_
|“Spuk im Hotel“|
Erzählt von Johanna Henkel-Waidhofer
Erstveröffentlichung 1994
Justs Freundin Lys de Kerk bittet die drei Fragezeichen, sich doch mal bitte im „Old Star“ Hotel umzutun, ihre alte Schauspiellehrerin Armanda Black – der das ehrenwerte Haus gehört – steckt in Schwierigkeiten. Lys hat die drei Jungs wärmstens empfohlen. Die stolze Dame und Ex-Actrice hat ein Problem mit Gegenständen, die verschwinden und an höchst seltsamen Stellen wieder auftauchen. Eine Wanduhr im Swimmingpool zum Beispiel. Justus und Bob verdingen sich offiziell als Bedienstete, Peter hingegen darf sich aufgrund seines Losglückes als Gast im Hotel einmieten und die Augen offen halten. Vollkommen inkognito. Das Verschwinden betrifft zunächst nur Armandas persönlichen Dinge und Memorabilia ihrer Schauspielkarriere, später weiten sich die geheimnisvollen Übergriffe auch auf die Gäste aus. Diese sind zu Recht natürlich sauer und verunsichert. Will jemand Mrs Black in den Wahnsinn oder den Ruin treiben? Oder vielleicht sogar beides?
|Kurzkritik|
Ich persönlich mag die von JHW erdachten Geschichten generell nicht so sehr, wenngleich ihr das Verdienst zukommt, die Serie unbeirrt fast im Alleingang vorangetrieben zu haben, als sie Anfang der 90er leicht schwächelte. Allerdings gehört diese Story hier definitiv zu ihren besseren. Die Handlung schlägt einige interessante Haken, ist nachvollziehbar-logisch aufgebaut und gar einigermaßen spannend zu lesen. Auch wenn das Motiv – wie so oft bei ihr – zu schnell zu deutlich wird, so sind die wahre Täterschaft sowie die exakten Umstände dem Leser lange Zeit ein ziemliches Rätsel. Gewürzt ist das Ganze mit kleinen Rangeleien der Jungs untereinander, was die Erzählung deutlich auflockert. Natürlich darf Schlaumeier Justus am Ende wieder mal im Fast-Alleingag scharfsinnig vom Leder ziehen. Alles in allem ein guter und auch lesenswerter Mittelklasse-Fall der drei ???.
|“… und das brennende Schwert“|
Erzählt von André Marx
Erstveröffentlichung 1997
Onkel Titus macht eine sehr seltsame Erbschaft. Ein sehr flüchtiger Bekannter von vor über 20 Jahren ist kürzlich verstorben und hat ihm unerwartet einen bemerkenswerten Glasstein vermacht, den er laut Testament nicht mal behalten darf, sondern an einen ominösen „Beany“ weitergeben soll. Titus kennt aber niemanden diesen Namens und beauftragt die drei Detektive damit, diesen Beany zu finden. Zwei weitere Erben gibt es und sollen es ihm gleichtun und ihre vererbten (ebenfalls seltsame) Gegenstände weitergeben. Diese beiden kennt Titus aber auch nicht. Keine üppige Ausgangslage für die Satzzeichen, die aber nach zähen Ermittlungen herausfinden, dass die insgesamt drei Teile zusammengesetzt das sagenumwobene und lange verschollene „brennende Schwert“ ergeben – das ultimative Heiligtum einer nicht gerade als zimperlich verschrienen Sekte. Es sind einige krumme Gestalten hinter dem Kultgegenstand her – Verspricht er doch die uneingeschränkte Macht über die Bruderschaft des Schwertes.
|Kurzkritik|
André Marx hat nicht nur mehr Geschichten verfasst als alle anderen Autoren der Serie, er ist auch immer für besonders aktuelle, zeitgeistige Themen gut. Diesmal sind es Gefahren des Sektentums respektive der Geheimbündelei, welche er dreifragezeichenpädagogisch aufbereitet. Das war und ist allerdings nicht ganz neu, das hatten wir schon bei der „singenden Schlange“ und dem „magischen Kreis“, zwei absoluten Klassikern. Das „flammende Schwert“ ist jedoch kein Abklatsch davon, zwar mit ähnlichem Charme ausgestattet, dabei aber naturgegeben moderner sowie psychologisch und erzählerisch ausgefeilter geraten als seine doch eher naiv anmutenden Serien-Vettern aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Der heutigen (zumeist jugendlichen) Leserschaft kann man eben nicht so platte Geschichten vorsetzen wie damals. Das flammende Schwert gilt zu Recht als eine der besten Geschichten der Serie – sowohl als Buch als auch als Hörspiel.
|“Stimmen aus dem Nichts“|
Erzählt von André Minninger
Erstveröffentlichung 1997
Justus wird bei einem Arztbesuch Zeuge, wie die alte Mrs Holligan beinahe zusammenbricht. Auf der Praxis-Damentoilette ertönte angeblich die drohende Stimme ihrer Schwester. Die Sache hat einen klitzekleinen Haken: Abigails Schwester Tesla weilt seit drei Monaten nicht mehr unter den Lebenden. Dennoch terrorisiert sie Abigail weiter, wie schon zu Lebzeiten. Kurzerhand bietet Justus ihr die Dienste der Detektive an, denn obwohl die nervlich arg angeschlagene Dame sich wegen dieser quälenden Stimme aus dem Nichts in psychologischer Behandlung befindet, glaubt Just, dass Mrs Holligan alles andere als verrückt ist. Trotz der zunächst erteilten Zustimmung, ihr helfen zu dürfen, gebärdet sie sich den Dreien gegenüber plötzlich sehr seltsam und abweisend. Ist sie doch reif für die Klapse? Rationale Erklärungen für die Geisterstimme weist sie jedenfalls entschieden zurück und die drei Detektive müssen sich ganz schön reinknien, wenn sie den offensichtlich oberfaulen Zauber auch als solchen entlarven wollen.
|Kurzkritik|
André Minninger zeichnet sich seit einigen Jahren in erster Linie als Drehbuchautor der Hörspielserie aus, wobei er in H.G. Francis‘ große Fußstapfen steppte und dabei bis heute eine sehr gute Figur abgab und -gibt. Vielleicht liegt es daran, dass die ausgeklügelte, tiefsinnige Geschichte eher in der audiblen Darreichungsform zündet. Die Dramaturgie der ansonsten sehr gut durchdachten und spannenden Psycho-Story scheint nämlich irgendwie von vornherein gleich darauf ausgelegt zu sein, später leichter vertont werden zu können – dort kann man mit Soundeffekten und anderen Tricks arbeiten, was im Buch schlechterdings unmöglich ist. Das muss naturgegeben ohne solche Kunstgriffe auskommen und hat es dementsprechend schwerer. das nötige Flair zu schaffen. Und tatsächlich liegt die atmosphärische Dichte des Kopfkinos eine Nasenlänge hinter der des Hörspiels, was man ja doch eher selten antrifft. Dennoch ein sehr guter unter den ???-Fällen.
_Fazit_
Ob nun mit oder ohne Hitchcock-Label: Diese Zusammenstellung leistet sich, anders als der 25-Jahre-Jubiläums-Sammelband „Schrecken der Nacht“ (zusammengestellt von Konzernmutter |Bertelsmann|) aus dem Jahr 2004, keine wirkliche Schwächen. Alle drei Geschichten gehören durchweg zur gehobenen Ausstattung der Serie. Unangefochtener Top-Star ist „Das flammende Schwert“, dicht gefolgt von den zunächst nicht verstummen wollenden „Stimmen aus dem Nichts“ und dem immerhin noch überdurchschnittlichen faulen Zauber beim „Spuk im Hotel“. Die moderate 9,95 Euro teure Compilation kann man ruhigen Gewissens weiterempfehlen. Auch – und gerade – Einsteiger in die Serie bekommen hier einen repräsentativen Blick in die Welt der drei sympathischen Junior-Schnüffler. Bibliophile Sammler und eingefleischte Fans werden auch diesen 3er-Band, obwohl preislich sicherlich sehr attraktiv, höchstwahrscheinlich wieder mit Nichtachtung strafen.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
„Die drei ???® – Flammen des Bösen“
basierend auf den Charakteren von Robert Arthur
Random House, New York
Franckh-Kosmos, Stuttgart / Bertelsmann Gruppe
Erstauflage 02/2005
380 Seiten, Hardcover, ISBN: 3-440-10206-8
|Wenn es draußen regnet, rückt die Welt in die Ferne. Wirklichkeit und Phantasie verlieren sich fast aus den Augen. Wer im Spätherbst Geburtstag hat, weiß, was gemeint ist. Während Schulkameraden Grillfeste veranstalteten, saß man bei schlechtem Wetter drinnen und war mit sich selber beschäftigt. Nach innen gekehrt. Die Hauptfigur in dem neuen Buch von Neil Gaiman ist ein Mädchen namens Coraline Jones. Auch sie wüsste, was gemeint ist.|
Coraline liebt es, sich nach Innen zurückzuziehen, in ihre Phantasie. Wenn es draußen regnet, wenn sämtliche Videos schon angeguckt und wenn alle Bücher schon gelesen sind, dann wird es langweilig. Ihr Vater sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch und arbeitet. Ihre Mutter ist entweder unterwegs oder hat etwas Wichtiges zu tun. Missmutig sitzt sie am Fenster und beobachtet, wie die Regentropfen am Glas hinunterlaufen. In ihrer Phantasie ist es besser. Dort ist irgendwie alles aufregend.
Für Coraline hat die Realität schon nach wenigen Tagen an Glanz verloren. Obwohl sie und ihre Eltern erst vor kurzem in das alte Haus eingezogen sind, gibt es hier nicht mehr viel Neues zu entdecken. Den alten Tennisplatz hinterm Haus, den verwilderten Garten und das Brunnenloch kennt sie schon. Die beiden alten Schauspielerinnen Miss Spink und Miss Forcible und ihre weißen Terrier kennt sie schon. Den verrückten Herrn, der angeblich einen Mäusezirkus trainiert, kennt sie schon. Und die Sommerferien dauern sechs Wochen, das ist verdammt lange für ein kleines, aufgewecktes Mädchen.
Das einzige Ding, was Coralines Interesse noch weckt, ist die Tür in der guten Stube. In der Küche hängt ein alter, schwerer Schlüssel, mit dem sie sich öffnen lässt. Dahinter ist eine Mauer, hinter der eine andere, leer stehende Wohnung liegt. Angeblich jedenfalls. So recht mag Coraline den Erklärungen ihrer Mutter nicht glauben. Für das Mädchen wird die Tür zur Grenze, die sich in jeder Aliceonade verbirgt, zum Kaninchenbau, zum Schrank nach Narnia oder zur Unendlichen Geschichte auf den Knien von Bastian Balthasar Bux. Ihre Vorstellungskraft hat endlich ein Loch in der Wirklichkeit entdeckt, durch das sie schlüpfen kann. Was Coraline hinter der Tür findet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Es wird unheimlich.
Neil Gaiman beschäftigt seit Jahren nur ein Thema: das Verhältnis von Wirklichkeit und Phantasie. Seine berühmte Comic-Serie „The Sandman“ kündet ebenso davon wie die Romane „Sternwanderer“ und „Niemalsland“. Für Gaiman ist die Phanatsie ein essenzieller Teil der menschlichen Existenz. Er ist ein Träumer, der sich mit seinem Werk trotzig in den rauen Wind von Rationalität und Sachlichkeit stellt. Als Autor sind Träume sein Metier, und es ist ein wahres Glück, dass er immer wieder zauberhafte, sehr persönliche Lesejuwelen ersinnt. Coraline ist ein gutes Beispiel dafür. Als wolle er uns zwischen den Zeilen zuflüstern: Hört nicht auf zu träumen.
Beim ersten Blick aufs Cover, auch beim zweiten auf den Klappentext, mag Charlie Bone wie ein Abklatsch von Harry Potter anmuten. Der Vergleich drängt sich geradezu auf. Aber auf Äußerlichkeiten kann man sich ja bekanntlich nicht verlassen, also werfen wir einmal einen Blick zwischen die Buchdeckel:
Bis zu dem Moment, als Charlie Bone von der Schule nach Hause kam, schien es ein ganz normaler Tag zu sein. So normal wie Charlie selbst. Die Frage ist nur: Wie normal ist Charlie wirklich? Als er nämlich das Foto eines fremden Mannes mit einem Kind auf dem Schoß aus dem Entwicklungsumschlag zieht, macht er eine verblüffende Entdeckung: Er kann den Mann reden hören! Und nicht nur den Mann, sondern auch die Frau, die offenbar das Foto gemacht hat. Ja, er hört sogar die Katze schnurren, die hinter dem Stuhlbein kauert!
Die Einzige, die darüber erfreut scheint, ist seine Großmutter väterlicherseits. Sofort beraumt sie einen Familienrat an, wobei Familienrat in diesem Fall nur die väterliche Linie berücksichtigt, sprich: Großmutter Bone geborene Darkwood, ihre drei Schwestern, ihren Bruder Paton und Charlie. Das Ergebnis behagt Charlie noch weniger als die Entdeckung vom Nachmittag. Nach den Herbstferien muss er nämlich auf eine andere Schule, die Bloor-Akademie, einen elitären Kasten voller Künstler.
Endgültig turbulent wird es allerdings, als Charlie das fremde Foto dorthin zurückbringt, wohin es eigentlich gehört, in eine Buchhandlung in der Nähe der Kathedrale. Die Eigentümerin ist so erfreut, dass sie Charlie einen Roboter und einen metallenen Kasten schenkt, die ihr verstorbener Bruder ihr hinterlassen hat. Seltsamerweise interessieren sich für diesen Kasten eine ganze Menge Leute, darunter auch … seine Großtanten!
Die Frage, wie normal Charlie wirklich ist, verliert folglich im Laufe des Buches an Bedeutung. Letzten Endes lässt sich sagen: Charlie ist – von seiner besonderen Gabe in Bezug auf Bilder einmal abgesehen – so normal wie jeder andere Junge. Er mag Fußball und Fernsehen, verbringt seine Freizeit mit seinem Freund Benjamin und dessen Hund, und versucht ansonsten, seiner dominanten Darkwood-Verwandtschaft auszuweichen, die in alles ihre Nase steckt. Verglichen mit so manchem anderen, der im Verlauf des Buches noch auftaucht, ist Charlie sogar außerordentlich normal!
Da wären zum Beispiel die Darkwood-Schwestern. Offenbar sind sie ziemlich reich, denn keine von ihnen scheint ernsthaft zu arbeiten. Dennoch ist Tante Lucretia Hausmutter im Bloor, und Tante Eustacia taucht als Kinderbetreuerin bei Charlies Freund Benjamin auf. Was genau die Damen tatsächlich tun, wird nicht verraten. Eines aber ist klar: Ihnen ist nicht zu trauen!
Charlies Großonkel Paton ist noch seltsamer. Er ist ziemlich mürrisch, meidet den Rest der Familie vollkommen, und mit Ausnahme des Stuhls ist jeder Fleck in seinem Zimmer mit Büchern oder losen Blättern voll gestapelt. Paton geht nur bei Dunkelheit auf die Straße, und wenn er sich nicht zusammenreißt, fliegt jede Glühbirne, in deren Nähe er sich zu lange aufhält, in die Luft!
Dann wären da noch der geheimnisvolle Mr. Onimous und seine drei seltsam gefärbten Katzen. So plötzlich er auftaucht – unter den merkwürdigsten Vorwänden -, so plötzlich ist er auch wieder verschwunden, und meistens hat Charlie danach einiges zum Nachdenken.
Am verrücktesten ist Fidelios Familie. Fidelio ist Charlies erster neuer Freund am Bloor und kommt aus einer recht großen Familie. Fidelios Vater hat die Angewohnheit, alles, was er zu sagen hat, in eine Melodie zu kleiden, und in dem Haus, in dem die Familie wohnt, herrscht ununterbrochen ein Heidenlärm, weil ständig irgendwo Musik gemacht wird.
Auf Manfred dagegen könnte Charlie problemlos verzichten. Er ist Oberaufsichtsschüler im Bloor, dazu noch der Sohn des Direktors, und hat ein paar schwarze, hypnotische Augen, die Charlie fürchtet. Außerdem zeichnet er sich durch eine gute Portion Fiesheit aus. Sein steter Schatten Asa ist nicht viel besser. Beide machen Charlie von Anfang an das Leben schwer.
Das zeigt schon, dass einige Ähnlichkeiten zu Harry Potter tatsächlich vorhanden sind. Und es kommen noch mehr dazu. Wie Harry geht Charlie auf eine Art Internat, schläft mit seinen Klassenkameraden in einem gemeinsamen Schlafsaal und trägt einen Umhang als Schuluniform. Zwar gibt es hier keine Häuser wie in Hogwarts, dafür die Fachzüge Musik, Bildende Kunst und Schauspiel, die alle ihre eigene Farbe haben. Jeder Fachzug hat im Speisesaal seinen eigenen Tisch, während an der Stirnseite der Lehrertisch die Tische der Schüler überragt. Das Schulhaus ist ein altes Gemäuer mit vielen unbenutzten Räumen, verschlossenen Türen und verlassenen Gängen. Sogar eine Ruine gibt es.
Im Gegensatz zu Harry Potter jedoch sind hier nicht alle Schüler Zauberer oder Hexen. Tatsächlich gibt es nur eine Hand voll Schüler, die wie Charlie eine besondere Gabe haben. Diese Sonderbegabten machen ihre Hausaufgaben getrennt von den anderen, verteilen sich im Übrigen aber auf die genannten Fachzüge. Jenny Nimmos Entwurf ist näher an der Realität als Rowlings Bücher, wo Harry die „normale“ Welt verlässt und getrennt davon in einer eigenen, magischen Welt lebt. Charlie Bone und seine magisch begabten Mitschüler stehen mit ihren Fähigkeiten mitten im Leben, sodass Normalität und Magie sich miteinander vermischen können.
Die gravierenderen Unterschiede sind weniger inhaltlicher als formeller Natur. Die Charakterzeichnung ist nicht so intensiv, die Umgebung sowohl außerhalb als innerhalb der Schule nicht so detailliert beschrieben wie bei den Potter-Bänden. Jenny Nimmo konzentriert sich mehr auf die Handlung, die so zügig voranschreiten und sich entwickeln kann. Kein Wunder, dass Charlie Bone spürbar schlanker ist. Das soll aber beileibe nicht heißen, dass die Geschichte simpel wäre, im Gegenteil! Die Autorin hat mehrere Ausgangsaspekte angelegt, die sich im Laufe der Geschichte verschieden stark entwickeln. So ist das Rätsel um das Foto und den Metallkasten am Ende zwar aufgeklärt, Charlies Vater jedoch ist noch nicht gefunden, und auch die Frage, was aus Billys Eltern geworden ist, ist noch nicht geklärt. Außerdem versteht Nimmo es, dem Geschehen immer wieder neue Wendungen zu geben, meistens dann, wenn der Leser gerade denkt, jetzt wäre die Sache ausgestanden.
Vor allem aber ist die Geschichte um Charlie Bone bei weitem nicht so unheimlich wie die um Harry Potter. Natürlich gibt es auch hier Bösewichter. Die Bloors sind beileibe nicht sympatisch, Charlies Großtanten auch nicht, und was diese Bagage da eigentlich ausheckt, gehört zu den Dingen, die sich die Autorin für die nächsten Bände aufgehoben hat. Doch im Vergleich zu Voldemort und seinen Todessern sind sie alle recht harmlose Zeitgenossen, zumindest bisher.
Ob Jenny Nimmo nun bei Joannne Rowling abgekupfert hat und deshalb nur eine von vielen Trittbrettfahrern ist oder nicht, auf jeden Fall hat sie das Gerüst ihrer Geschichte mit Leben gefüllt, und das durchaus nicht schlecht. Charlie Bone ist insgesamt einfacher gestrickt und zeigt weniger Liebe zum Detail, dafür fehlt auf der anderen Seite die massive Bedrohung, die die Potter-Bände auszeichnet. Trotz der auffälligen Parallelen zum „großen Bruder“ bietet die Autorin auch interessante, eigene Ideen, die Handlung bleibt übersichtlich, ohne langweilig zu werden. Jüngere Kinder dürften mit dem Buch durchaus ihren Spaß haben.
Jenny Nimmo arbeitete unter anderem als Schauspielerin, Lehrerin und im Kinderprogramm der BBC. Geschichten erzählte sie schon als Kind, Bücher schreibt sie seit Mitte der Siebziger. Unter anderem stammt der Zyklus |Snow Spider| aus ihrer Feder, sowie „Im Garten der Gespenster“, „Der Ring der Rinaldi“ und „Das Gewächshaus des Schreckens“. „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ ist der erste Band des Zyklus |Die Kinder des roten Königs|, und hat sie auch in Deutschland bekannt gemacht. Seither sind zwei weitere Bände von Charlie Bone erschienen, „… die magische Zeitkugel“ und „… das Geheimnis der blauen Schlange“. Den vierten Band gibt es bisher nur auf Englisch unter dem Titel „Charlie Bone and the castle of mirrors“.
Band 2: [„Charlie Bone und die magische Zeitkugel“ 2448
Endlich wird das aufregende Abenteuer des jungen Eragon, welches in [„Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“ 1247 seinen Anfang gefunden hat, weitererzählt, und wir erfahren, was nach der ersten spannenden Schlacht in Farthen Dûr passiert ist. Doch der zweite Teil der Drachenreiter-Trilogie hat wie so viele andere Übergangsbände damit zu kämpfen, dass dieses Buch keinen echten Anfang und kein Ende hat. So bleibt wie so oft direkt nach dem Zuklappen des zweiten Bandes ein etwas unbefriedigendes Gefühl zurück, weil noch so viele Dinge ungeklärt blieben, auf deren Aufklärung wir sicher noch einige Zeit warten müssen.
_Die Reise geht weiter_
Nur knapp sind die Varden einer großen Niederlage entkommen, nur mit Aryas und Saphiras Hilfe konnte Eragon gerettet werden. Doch die Verluste sind groß, die verräterischen Zwillinge haben Murtagh verschleppt, und nachdem die Elfin Arya seine blutige Kleidung findet und seinen Geist nicht ertasten kann, wird Murtagh für tot erklärt. Eragon dagegen konnte den gemeinen Schatten Durza töten und dadurch eine Wendung zum Guten hervorbringen. Aber in Farthen Dûr wurde nur die erste Schlacht ausgefochten, die entscheidende Schlacht gegen Galbatorix und seine hinterhältigen Anhänger steht noch aus.
Nach Ajihads Tod brauchen die Varden einen neuen Anführer, doch anstatt in weiser Voraussicht einen starken Vardenführer zu wählen, werden im Ältestenrat zahlreiche Intrigen gesponnen, bis Ajihads junge Tochter Nasuada auserwählt wird, weil der Ältestenrat sie aufgrund ihrer Jugend und Unerfahrenheit für manipulierbar und formbar hält. Doch der Ältestenrat hat sich geschnitten, denn Nasuada hat sich bereits auf ihre kommende Aufgabe eingestellt und sichert sich Eragons Treue und Unterstützung zu. Eragon, der noch eine weitere Allianz eingehen wird, schafft sich mit diesen Entscheidungen allerdings nicht nur Freunde …
Im Zentrum der Geschichte steht die Fortsetzung von Eragons Ausbildung in Ellesmera, der berühmten Elfenstadt, in der die Königin Islanzadi herrscht. Doch während Eragon bei den Elfen wichtige neue Zaubersprüche und die Elfensprache lernt, ahnt er nicht, in welcher Gefahr sein Cousin Roran in Carvahall schwebt. Dorthin hat Galbatorix nämlich seine Soldaten und Ra’zac geschickt, um Roran als Geisel zu nehmen und dadurch an Eragon heranzukommen. Als die Schatten schließlich Rorans geliebte Katrina gefangen nehmen, greift Roran in seiner Verzweiflung zu drastischen Maßnahmen. Er überredet das gesamte Dorf, mit ihm nach Surda zu ziehen, um sich dort dem Widerstand der Varden anzuschließen. Eine gefahrenvolle Reise wird den Bewohnern von Carvahall bevorstehen …
_Die Zeichen stehen auf Krieg_
Nach dem Ende des ersten Bandes der Drachenreiter-Trilogie war bereits die Zielsetzung für den aktuellen zweiten Band klar, denn der Kampf gegen Galbatorix ist noch lange nicht zu Ende, genau wie Eragons Ausbildung, die dringend fortgesetzt werden muss. Und so überrascht uns Christopher Paolini in seinem fast 800-seitigen Werk nicht sonderlich, wenn er sich genau diesen Punkten widmet. Doch gleich von Anfang an packt uns Paolini, indem er Intrigen spinnt und Allianzen entstehen lässt, die für genug Brisanz sorgen. Kurz nach Eragons Ankunft in Ellesmera erwartet uns schließlich das erste große Überraschungsmoment, welches der junge Autor geschickt in seine Geschichte einfließen lässt, um seine Leser immer mehr an seine Erzählung zu fesseln.
Zunächst entwickelt Paolini seinen Handlungsstrang in Farthen Dûr, welcher direkt im Anschluss an die erste Schlacht einsetzt. Die Varden müssen große Verluste hinnehmen, die Zwerge haben gar ihr großes Wahrzeichen verloren, das Arya und Saphira zerstört haben, um Eragon retten zu können. Die Verluste sind trotz siegreicher Schlacht groß und müssen zunächst verkraftet werden. Die Geschichte fasziniert von Anfang an und weiß zu unterhalten, ohne dass zunächst viel Spannung aufgebaut wird. Dies passiert erst, als Paolini eine zweite Handlungsebene eröffnet, die größtenteils in Carvahall spielt. Eragons Heimatdorf wird nämlich von Galbatorix‘ Soldaten und Ra’zac bedroht, die Roran gefangen nehmen wollen, aber auf unerwartet großen Widerstand treffen. Die Bewohner von Carvahall wehren sich tapfer, können irgendwann aber einfach nur noch die Flucht ergreifen, auch wenn diese viele Gefahren mit sich bringt.
Dieser zweite Handlungsstrang und die Wechsel zwischen den beiden Schauplätzen sorgen für stetig anwachsende Spannung, die unweigerlich auf nur ein Ziel hinweisen kann, nämlich auf einen großen Kampf am Ende des Buches, auf den die Leser allerdings über 700 Seiten lang warten müssen. Erst spät geht Paolini zielgerichtet auf die Schlacht zu, in der viele verschiedene Völker aufeinander treffen.
_Lehrstunden_
Eine etwas längere lesetechnische Durststrecke ist während Eragons Ausbildung in Ellesmera zu überstehen. Diese Lehrstunden bei seinem neuen Meister werden sehr detailliert und in allen Einzelheiten geschildert, die schon etwas Geduld und Ausdauer erfordern. Zwar spielt Paolini wieder alle seine Trümpfe aus, indem er farbenfrohe Bilder von Ellesmera entwirft und uns in eine fremde und faszinierende Welt entführt, doch präsentiert er uns über eine lange Buchstrecke hinweg wenig Neues. Nur die Passagen in Carvahall sorgen hier für das gespannte Kribbeln, sodass ich mir tatsächlich von der Rahmengeschichte mehr gewünscht hätte.
Auch wenn wieder einige Anleihen bei anderen berühmten Fantasywerken zu bemerken sind, entfernt Paolini sich stetig von seinen Vorbildern. Nur „Der Herr der Ringe“ blitzt wieder einmal an einigen Stellen durch; so wurde hier Eragon eine schmerzliche Wunde durch die Ra’zac (das Paolinische Pendant zu den Tolkien’schen Nazgul) zugefügt, die nur durch besondere Kräfte zu heilen ist und ihn zunächst immer wieder schwer beeinträchtigt. Auch die Flucht der Einwohner von Carvahall mag an diejenige von Edoras nach Helms Klamm erinnern. Selbst in der Schlacht am Ende des Buches sind Parallelen nicht von der Hand zu weisen, denn die lebensnotwendige Verstärkung trifft auch bei Paolini fast schon zu spät ein. Dennoch muss man auch im zweiten Teil der Drachenreiter-Trilogie wieder neidlos zugeben, dass Christopher Paolini dennoch eine eigene Welt entwirft, die er uns in schönen Bildern und lautmalerischen Worten präsentiert. Er schafft es sogar, seine Skeptiker zu überzeugen und zu Fans seines fantastischen Alagaësia zu machen.
Paolini entscheidet sich hierbei für einen jungen und strahlenden Helden, der bei den Elfen geformt und am Ende verwandelt und von seinen Narben befreit wird. Spätestens mit dieser Entscheidung entfernt Paolini sich spürbar von Tolkien, der Frodo bewusst tragisch gezeichnet hat, um die ewig andauernde Last des Ringes zu kennzeichnen. Doch schon diese kleine Differenz ist es, die „Eragon“ eine ganz andere Prägung verleiht und die die Drachenreiter-Trilogie insbesondere auch deutlich kindgerechter macht.
Punkten kann Paolini wieder einmal in seiner überzeugenden Charakterzeichnung, die er in diesem Band noch weiter gestaltet. Besonders Eragon und Saphira lernen wir hier von ganz neuen Seiten kennen, die vorher noch nicht aufgeblitzt sind. Aber auch Roran erhält Gestalt und bekommt viel mehr Raum zugestanden, welchen er problemlos füllen kann. Von Roran möchte man gerne mehr lesen, er hat seinen starken Charakter bereits bewiesen, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie er zu seinem Cousin steht, der für das ganze Unglück von Carvahall verantwortlich ist. Doch dieser Konflikt ist es, der bereits neugierig auf die Fortsetzung macht, in welcher die beiden Cousins zusammen noch wichtige Aufgaben zu erfüllen haben.
Neben der etwas langwierigen Erzählweise im Mittelteil des Buches sind es nur Winzigkeiten, die den Lesegenuss trüben mögen, wie die teils längeren Passagen, die in Zwergen- oder Elfensprache abgedruckt sind und nicht in einer Fußnote übersetzt werden. Zweifeln wird der aufmerksame Leser auch, wenn ganz Carvahall an nur einem Tag von einem mächtigen Schutzwall umzogen wird, den die Bewohner gemeinsam errichten. Etwas unklar ist mir außerdem, warum Arya ihrem Drachenreiter-Schützling wichtige elfische Gepflogenheiten erst direkt vor ihrer Ankunft in Ellesmera mitteilt und die lange Zeit der Reise zuvor nutzlos verstreichen lässt. Insgesamt handelt es sich hierbei jedoch sicherlich um Unstimmigkeiten, über die man angesichts der fantastischen Erzählweise gerne hinweg sehen wird.
_Nun heißt es warten_
Wie schon im ersten Teil, so endet auch „Eragon – Der Auftrag des Ältesten“ völlig offen. Wieder ist eine Schlacht geschlagen, ein vorübergehender Sieger steht fest, doch das Aufeinandertreffen von Eragon und Galbatorix hat Christopher Paolini sich für seinen heiß erwarteten Abschlussband der Drachenreiter-Trilogie aufgehoben. Das vorliegende Buch hat als Übergangsteil einen sehr schweren Stand, zumal der Mittelteil sehr lang gezogen erscheint, dennoch entwickelt Paolini seine Figuren und seine Geschichte sehr schön weiter. An manchen Stellen weiß er zu überraschen und so präsentiert er gen Ende noch einmal eine unerwartete Wendung, mit der ich nicht gerechnet hätte. Insgesamt gefiel mir der Eröffnungsband ein klein wenig besser, da ich mir die Erzählung im aktuellen Roman etwas straffer gewünscht hätte, doch es sind im Grunde Kleinigkeiten, die es zu bemängeln gibt, sodass ich schon jetzt ungeduldig dem Abschluss der Trilogie entgegen fiebere!
http://www.eragon.de/
|Originaltitel: Inheritance Trilogy 2: The Eldest
Übersetzt von Joannis Stefanidis
800 Seiten, mit Lesebändchen
gebunden, 22,7 × 15 cm|
Eine Serie begleitet und fasziniert heutige Thirtysomethings schon seit ihrer Kindheit. Die Rede ist vom Klassiker „Drei Fragezeichen“ oder auch „Die drei Detektive“ genannt. Letzteres kommt dabei näher an den amerikanischen Originaltitel „The Three Investigators“ heran. Hierzulande haben sich die drei verschiedenfarbigen Fragezeichen (weiß, rot, blau) auf schwarzem Cover längst als Aushängeschild und weithin bekanntes Markenzeichen der Serie etabliert. Eine weitere Vorstellung erübrigt sich eigentlich, denn DDF kennt wirklich fast jedes Kind – und wer nicht, sei auf den Abschnitt „Zur Serie“ verwiesen, den Fans sicherlich überlesen können, da ihnen dort nicht viel Neues präsentiert wird.
_Zur Serie_
„Die drei Fragezeichen“, das sind kalifornischen Jugendliche aus dem fiktiven Kaff Rocky Beach – irgendwo zwischen L.A. und Santa Monica gelegen. DDF, das ist vor allem das übergewichtige Superhirn und Besserwisser Justus Jonas, der irgendwann mal mit seinen Kumpels Peter „Schissbüx“ Shaw und Bob „Brillenschlange“ Andrews eine kleine Privat-Detektei eröffnet hat. Erwachsene, die darüber milde lächeln und die Ernsthaftigkeit der Jungs anzweifeln, werden stets eines Besseren belehrt. Wenn man eins nicht machen darf, dann ist es, den kriminalistischen Spürsinn des Trios sowie ihre Hartnäckigkeit, mysteriöse Fälle lösen zu wollen, zu unterschätzen. Fälle, die Erwachsenen (respektive den Cops) meist zu banal oder grenzwertig erscheinen, sich aber nicht selten zu handfesten Verbrechen entwickeln.
Schon seit Beginn der Reihe 1964 hat eine ganze Fülle verschiedenster Autoren Geschichten über das umtriebige und clevere Jung-Detektiv-Büro aus Rocky Beach unter verfasst. William Arden, M.V. Carey, um nur einige der ersten Stunde zu nennen, die neben Erfinder Robert Arthur fleißig in die Schreibmaschinen-Tastatur griffen. Heute sind es nur noch deutsche Schreiber, welche die Fackel der drei Satzzeichen weiter hochhalten – da hierzulande (im Gegensatz zu den USA) die Erfolgswelle nie abebbte. Im Gegenteil.
Oft wird immer noch fälschlicherweise Alfred Hitchcock als Autor angesehen, dabei stammt die Idee für die Charaktere von Robert Arthur. Dieser jedoch gewann (gegen Zahlung vermutlich saftiger Lizenzgebühren) den Kult-Regisseur als marketingstarke Galleonsfigur. Seither hat sich Hitchcock in den Köpfen festgesetzt. Das wird sich ab 2005 wohl langsam aber stetig ändern, da die Hitchcock-Lizenz dieses Jahr auslief – auf den Büchern neueren Datums bemerkt man dies bereits durch Weglassung seines Namenszugs und Konterfeis.
Die allesamt in sich abgeschlossenen Abenteuer der drei Schnüffelnasen sind bei der (vornehmlich) jugendlichen Zielgruppe geschlechterübergreifend beliebt – Der Versuch einer Schubladisierung in Jungen- oder Mädchen-Literatur greift hier ins Leere. Da die Serie schon so alt ist, sind schon verschiedenste Versionen der Bücher am Markt veröffentlicht worden. Die Illustrationen der deutschen Covers waren früher fest in der Hand von Aiga Rasch – hier ist es eine Collage dreier Rasch-Titelbilder. Ihren Stil führt seit einigen Jahren Silvia Christoph nun ähnlich weiter und gibt der Serie damit ihr unverkennbares Gesicht.
_Zum Buch_
Der vorliegende Sammelband zum Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Serie enthält drei in sich abgeschlossene Geschichten. Sie bauen weder aufeinander auf, noch haben sie spezielle Querverbindungen zueinander. Wobei „Das Geheimnis der Särge“ hier ein wenig aus der Reihe tanzt, ja sogar deswegen ein wenig deplatziert wirkt, eben WEIL es ausgerechnet hier ausnahmsweise (wenn auch losen) Bezug zu anderen Fällen gibt. Streng genommen ist es nämlich der vorletzte „Teil“ einer vier Geschichten dauernden Reise der drei Fragezeichen nach good ol‘ Europe – Dieser Trip beginnt mit „Diamantenschmuggel“ geht über „Die Schattenmänner“, „Das Geheimnis der Särge“ und endet mit schließlich „Der Schatz im Bergsee“. Schauen wir uns einfach mal genauer an, was unter der Überschrift „Schrecken der Nacht“ an Einzeltiteln so alles aufgefahren wurde.
_Die Storys_
|“Das Geheimnis der Särge“|
Erzählt von Johanna Henkel-Waidhofer
Erstveröffentlichung 1996
Im Rahmen ihres Europa-Trips sind Justus, Peter und Bob mittlerweile in Deutschland angelangt. Die berühmten Höhlen der Schwäbischen Alb stehen auf ihrer Agenda, nachdem sie grade noch in Italien ein paar Dunkelmännern ans Bein pinkelten. Dort lernten sie auch ihrer jetzige Gastgeberin Alex kennen, deren Einladung sie folgten. Natürlich schlittern die drei Naseweise auch in Tschörmany wieder in ein Abenteuer und treffen auf schräge Typen. Diesmal sind es schrullige Bewohner eben jenes Landstrichs, die auch noch mächtig Dreck am Wanderstab zu haben scheinen – zumindest einige von ihnen. Dabei schrecken weder Sprachbarriere noch ach so dunkle Höhlen die Junior-Schnüffler, das Geheimnis der Särge aufzuklären. Natürlich zeigen sich die lokalen Sheriffs als wahre Vertreter der Gattung „Landeier“ und somit als wenig hilfreich, sodass mal wieder alle Aufklärungsarbeit fest in amerikanischer Hand ist.
|Kurzkritik|
Ein so naher Bezug zu anderen Fällen innerhalb der Serie ist eher die Ausnahme. Warum die Bertelsmänner ausgerechnet hier eine Story aus ihrem Kontext gerissen haben, kann nicht rational erklärt werden. Ein 4er-Sammelband mit den weiter oben aufgeführten Titeln wäre wesentlich sinniger gewesen. Nicht, dass man elementare Informationen verpasst, „Das Geheimnis der Särge“ ist wie alle anderen Fälle des Trios eigenständig. Trotzdem fehlen dem Leser ein paar kleinere Details, wenngleich am Rande einiges erklärt wird. Schade auch, dass ausgerechnet die „Deutschland-Folge“ ohnedies schwächelt und sich teilweise in langweiligem BlaBla und schablonenhaft herumtölpelnden Personen verliert. Vor allem gegen Ende wirkt dann alles viel zu konstruiert und zu hastig mit der heißen Nadel zusammengeschustert. Prädikat: „Etwas konfus & unglaubwürdig“.
|“Poltergeist“|
Erzählt von André Marx
Erstveröffentlichung 1997
Bob und Peter nutzen die Flaute der Junior-Detektei, um sich intensiver mit ihren Freundinnen zu beschäftigen. Justus hält sie ja während laufender Ermittlungen gern von den Mädels fern. Doch kein Fall ist in Sicht. Aber ein Hoffnungsschimmer: Als Bob und Elisabeth eine Vernissage besuchen wollen, wird diese unter fadenscheinigen Gründen abgesagt. Das Gemälde eines berühmten Künstlers wurde gestohlen, so viel ist zu ermitteln. Leider jagt sie die ruppige Urlaubsvertretung Inspector Cottas dorthin, wo der Pfeffer wächst. Mitarbeit unerwünscht. Nix zu machen. Peters Freundin Kelly hat auch was. Eigentlich gar kein richtiger Fall, denn er beschränkt sich auf die Suche nach einem Medaillion, welches ihre höchst schrullige Tante verschludert hat. Ein zähes und vor allem nerviges Unterfangen, doch dann bekommen die drei Fragezeichen das Angebot, einen angeblichen Poltergeist zu stellen. Erst gar keinen Fall, jetzt gleich zwei bzw. deren drei – oder gehört alles irgendwie doch zusammen?
|Kurzkritik|
André Marx besinnt sich hier auf alte Tugenden sowie alte Figuren der Serie. Er lässt in diesem Fall einen Erzgegner der Fragezeichen wiederauferstehen. Wer das ist, soll aus Gründen des Spannungserhalts hier und jetzt dezent unter den Grabstein der Verschwiegenheit gekehrt werden. Mysteriös angehauchte Storys haben die Serie groß gemacht, daher hat allein die Poltergeist-Thematik schon mal gute Karten für eine ansprechende Geschichte. Selbst Justus beginnt an Spuk zu glauben und erschüttert damit den Leser bis ins Mark. Damit alles nicht doch zu einfach und noch spannender wird, bastelt André Marx eine vertrackte 3-in-1-Konstellation zusammen, die am Ende sogar sehr schön aufgeht. Mit dem unerwarteten Ausgang hätte wohl kaum einer so gerechnet. Elisabeth, Kelly, Lys und nicht zuletzt Inspector Cotta sorgen in den kleineren Statistenrollen für das wohldosierte comic relief sowie ein Maß an Kontinuität, was das (private) ???-Umfeld angeht.
|“Wolfsgesicht“|
Erzählt von Katharina Fischer
Erstveröffentlichung 1999
Irgendwer hat etwas gegen Inspector Cotta, so scheint es. Ein seltsames Schreiben erreicht den Polizeichef von Rocky Beach. In diesem wird er verhöhnt und gleichzeitig wird verklausuliert ein Überfall angekündigt. Unterschrift: Wolfsgesicht. Der Überfall findet dann doch nicht statt. Das heißt, er tut es doch – aber nicht so, wie sich das die Cops und die zu Rate gezogene Polizeipsychologin so gedacht haben. Mittendrin Justus. Diesmal zufällig und nichts ahnend, bis ihn zwei Beamte für den mysteriösen Briefeschreiber halten und ihn höchst unsanft festnehmen. Als das Missverständnis aufgeklärt ist, schlägt Wolfsgesicht an unerwarteter Stelle zu und klaut absonderliche Sachen. Schon bald wird klar, dass dies nur der Auftakt zu einer Serie von Ereignissen ist, die eines auf das andere aufbauen. Dreimal will der Unhold laut eigener Angaben zuschlagen. Hat der Besuch des amerikanischen Präsidenten in Rocky Beach damit etwas zu tun? Die Spuren sind verwirrend, doch das facht bekanntlich die Neugier des Trios erst recht an.
|Kurzkritik|
Katharina Fischer spielt hier ein wenig mit dem alten Wer-erschoss-Kennedy-Mythos, einer Menge geschickt eingesetzter psychologischer Tricks und Stilelementen, die bei den drei Satzzeichen immer gern gesehen sind: Rätselsprüche, undurchsichtige Verdächtige, angeblich wasserdichte Alibis und persönlicher, individueller Einsatz aller drei Jungs. Jeder auf seinem Spezialgebiet, wie es die traditionelle Rollenverteilung der Serie vorsieht. Nur moderner, die drei Fragezeichen sind mit Computer und Handy endgültig in der Jetztzeit angekommen. Peter darf mal wieder mit Dietrichen hantieren, ausnahmsweise ist es Bob – und nicht Peter mit seinem MG – diesmal, der mit seinem Foffi eine Verfolgung aufnehmen muss. Justus (wer sonst) darf kombinieren und klugscheißen und nebenher noch den heiligen Zorn der Polizeipsychologin auf sich ziehen. Bis am überraschenden Ende das intelligent inszenierte Verwirrspiel aufgelöst wird, hat man die Seiten im Schnelldurchgang bewältigt. Ohne Durchhänger.
_Fazit_
Bertelsmann hat sich und den Lesern mit „Geheimnis der Särge“ in diesem Band keinen Gefallen getan. Zumindest beweist die Wahl, dass der Verantwortliche keinen Schimmer von der Kult-Serie hat. Wer sich von dieser schwachen ersten Story aber nicht abschrecken lässt und tapfer weiterliest, wird mit kontinuierlich steigendem Niveau belohnt. „Poltergeist“ ist eine sehr solide und typische ???-Geschichte, die mit Mystery zu gefallen weiß. „Wolfsgesicht“ ist in dieser Jubiläumsausgabe sicher der beste, weil am intelligentesten aufgezogene Fall. Bleibt unterm Strich ein akzeptabler Gegenwert. Für 9,95 € bekommt man drei Geschichten für etwas mehr als das, was sonst ein Einzelband kostet.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
„Die drei ??? – Schrecken der Nacht“
basierend auf den Charakteren von Robert Arthur
Random House, New York
Frankh-Kosmos, Stuttgart / Bertelsmann Gruppe
Erstauflage 03/2004
Seiten: 366 Hardcover
_|Die kleine Lucy presst fest das Ohr gegen die Wand. Unter der Oberfläche knackt etwas. Und es klackt und huscht. Es knabbert und knistert, kratzt und knurrt. Lucy macht sich Sorgen. „Wir haben Wölfe in den Wänden“, sagt sie zu ihrer Mutter. „Das sind wahrscheinlich nur Mäuse“, winkt diese ab.| In seinem neuen Kinderbuch erzählt Comic-Legende Neil Gaiman die gruselige Geschichte von dem Mädchen Lucy, den Wölfen in den Wänden und Dingen, die anders sind, als man dachte._
Lucy lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einem großen, alten Haus. Eines Tages – alles ist still – hört sie merkwürdige Geräusche. Hinter den Hauswänden kratzt und knurrt es. Gelbe Augen beobachten Lucy durch Risse und Löcher. Besorgt geht sie zu ihrer Familie. „Wir haben Wölfe in den Wänden“, sagt sie, doch niemand glaubt ihr. Stattdessen gibt man ihr eine allseits bekannte Weisheit mit auf den Weg, um ihre Phantasie im Zaum zu halten: „Wenn die Wölfe aus den Wänden kommen, ist alles vorbei. Jeder weiß das.“
Neil Gaiman macht es sich nicht leicht mit der Phantasie. Er weiß, was für ein schweres Los sie in einer Welt hat, die durch Vernunft, Rationalität und Nüchternheit geprägt ist. Für Kinder haben sachliche Erklärungen zum Glück keine absolute Gültigkeit. Es gibt noch etwas hinter dem Erklärbaren: das Vorstellbare. Lucys Angst vor den Wölfen perlt an ihren Eltern ab wie Wassertropfen von einer Glasscheibe. Aber sie kämpft, lässt sich nicht beirren und glaubt an das, was sie gehört und gesehen hat.
Neil Gaiman gilt als einer der prägenden amerikanischen Comic-Autoren der Neunzigerjahre. Berühmt wurde er durch die Comic-Serie „Sandman“. Während seiner Entwicklung tauchte immer wieder ein Name in seiner Nähe auf: Dave McKean, seines Zeichens Illustrator und Zeichner. Die beiden sind seit Jahren ein sicheres Erfolgsgespann in Sachen Fantasy. Phantastisch geht es auch in ihrem neuen Werk zu.
„Die Wölfe in den Wänden“ ist ein Kinderbuch, das durch sein ungewöhnliches Format und seine Aufmachung auffällt. McKean, der für seine Cover der „Sandman“-Serie von Kritikern hoch gelobt wurde, beschreitet mit seinem grafischen Können gerne ungewöhnliche Wege. Das große, quadratische Buch enthält eine Unzahl von surrealen Kollagen, bei denen sich der Leser nie sicher sein kann, ob es sich um eine Zeichnung oder um eine Fotographie handelt.
Im Grunde entspricht diese Doppeldeutigkeit dem Kern der Geschichte. Ist es eine Zeichnung oder eine Fotographie? Krabbeln in den Wänden Mäuse oder Wölfe herum? Hat Lucy eine blühende Phantasie oder besteht wirklich Gefahr? Die Dinge nicht so hinzunehmen, wie sie sind, ist eine Fähigkeit, die Erwachsene manchmal verlieren. Kinder hingegen stellen alles in Frage, weil alles neu, unbekannt und phantastisch ist. Wenn die Phantasie in die Wirklichkeit einbricht, ist alles vorbei. Jeder weiß das. Sie haben doch nicht etwa Angst, oder?
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