Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Ursula Poznanski – VANITAS – Grau wie Asche (Die Vaniats-Reihe, Band 2)

Worum gehts?

Carolin Bauer ist wieder zurück in Wien. Sie arbeitet weiterhin in der Blumenhandlung nahe des Zentralfriedhofs. Seit sie ihren Tod vorgetäuscht und aufgeflogen ist haben sich ihre Lebensgewohnheiten immens verändert, sie nimmt zum Beispiel niemals zweimal denselben Weg durch die Gräberreihen. Und ausgerechnet heute macht sie auf ihrem Weg eine grausige Entdeckung. Grabschänder haben einen Gab geöffnet und die Leiche pietätlos in Szene gestellt.

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JP Delaney – Tot bist du perfekt

Als Abbie Cullen nach einem Traum die Augen aufschlägt und ihren Mann Tim freudestrahlend vor sich sieht, denkt sie, sie würde nach einem schweren Unfall erwachen. Doch eigentlich ist alles ganz anders: Denn einige Jahre zuvor war Abbie bei schweren Wellen surfen gegangen und spurlos verschwunden. Niemand hat sie je wiedergesehen. Ihr Mann Tim stand als Hauptverdächtiger sogar unter Mordanklage.

Als ihm nichts nachgewiesen werden konnte, beschloss der erfolgreiche Unternehmer, sich seine Frau zurückzuholen, und zwar in Form eines Companion Robot – also als künstliche Intelligenz mit Gefühlen. Abbie ist völlig verwirrt, denn sie denkt wie ein Mensch und besitzt auch die Erinnerungen und Gefühle des Menschen, dem sie nachempfunden ist. Nur schwer kann sie den Gedanken akzeptieren, dass sie zwar Tims Gefährtin sein kann, aber nicht mehr seine Geliebte.

Aber nach und nach kehren Erinnerungen zurück, die gar nicht so rosig waren. Und was ist dran an den Verdächtigungen gegen ihren Mann? Wieso wurde Abbies Leiche nie gefunden? Was ist damals geschehen?

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John Grisham – Die Wächter

Die Handlung:

In Seabrook, Florida wird der junge Anwalt Keith Russo erschossen. Der Mörder hinterlässt keine Spuren. Es gibt keine Zeugen, keine Verdächtigen, kein Motiv. Trotzdem wird Quincy Miller verhaftet, ein junger Afroamerikaner, der früher zu den Klienten des Anwalts zählte. Miller wird zum Tode verurteilt und sitzt 22 Jahre im Gefängnis. Dann schreibt er einen Brief an die Guardian Ministries, einen Zusammenschluss von Anwälten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Cullen Post übernimmt seinen Fall. Er ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

John Grisham gehört zu den wenigen Autoren, die nicht nur nicht aufhören können/wollen zu schreiben, sondern dabei auch kontinuierlich hohe Qualität abliefern. Dabei hat Grisham zwar in der Masse „Anwalts-Romane“ geschrieben, aber hin und wieder auch mal etwas anderes versucht. „Die Wächter“ ist aber wieder ein Klassiker und hat auch das Zeug dazu, einer zu werden.

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Dan Brown – Sakrileg

Religiöse Schnitzeljagd

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Warnung: Keinesfalls vor einer Prüfung oder ähnlich wichtigen Ereignissen anfangen – man kann das Buch kaum aus der Hand legen!

Der Autor

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Co-AUTORIN!

Jeder darf nun online ein Sakrileg begehen: Mehr Infos sowie ein „Sakrileg“-Online-Spiel gibt’s auf der deutschen Homepage http://www.dan-brown.de

Handlung

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University, weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnische Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunière liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis. Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei, am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Sie kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei, schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb mussten der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunière hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer nun wem welches Geheimnis wo, wann und wie abjagt, darum drehen sich die restlichen 450 Seiten. Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört.

Mein Eindruck

Ich habe diesen spannenden und sehr leicht zu lesenden Roman in nur wenigen Tagen ausgelesen. Sehr einfach zu lesen ist das Buch deshalb, weil die doch recht vielschichtige geschichtliche Materie, um die es geht, stets fein säuberlich erklärt wird. Was der Symbolologe Langdon nicht versteht, erklärt ihm die Codespezialistin Sophie Neveu. Und umgekehrt.

Als beide zu einem Spezialisten fahren, den Langdon kennt, kommen noch tiefe historische Dimensionen hinzu. Wenn alle drei nicht mehr mit ihren Entschlüsselungsversuchen weiterkommen, gibt es ja immer noch Spezialbibliotheken, auch solche auf dem modernsten technischen Stand.

Und wenn selbst das nicht mehr hilft, um die Rätselsprüche, die Jacques Saunière hinterlassen hat, aufzuklären, muss die gute alte Eingebung und Intuition herhalten. Denn nicht jeder Freund, der sich als solcher ausgibt, stellt sich am Ende auch als solcher heraus. Und wenn man in die Mündung einer Pistole schaut, bringt das die kleinen grauen Zellen ungemein auf Trab.

Die Akteure

Auch die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Sophie lernen wir am besten kennen, denn ihre Familiengeschichte und ihre Ausbildung stellen sie an eine ganz besondere Position innerhalb des Themas, das ich bislang noch nicht verraten habe und auch nicht werde.

Schließlich sind da noch die Schurken: Der körperlich außergewöhnliche Mörder des Museumsdirektors, ein Albino, ist ein williges Werkzeug zweier Meister. Der eine davon ist der Opus-Dei-Bischof, doch der andere ist lediglich als „der Lehrer“ bekannt. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bleibt dessen wahre Identität lange Zeit im Dunkeln, nur um dann umso stärker zu schockieren. Das ist sauber ausgetüftelt.

Good old Europe

Ohne nun das zentrale Thema zu verraten, kann man doch sagen, dass einem amerikanischen Leser der alte Kontinent Europa wie das reinste Kuriositätenkabinett dargeboten wird. Dies erfolgt in Form einer Schnitzeljagd: ein gelöstes Rätsel führt zum nächsten und so weiter, immer tiefer in die Vergangenheit: von der Kreuzigung über die Kreuzzüge und Tempelritter bin hin zu modernen Geheimbünden.

Der Autor macht den Leser selbst zum Codeknacker, Symbolkundler, Rätsellöser – kurzum: zum Geheimdienstler à la NSA oder CIA. Wir sind dann alle kleine oder große Spykids, genauso wie es die Großmeister der Bruderschaft stets waren. Leonardo da Vinci, auch ein Spykid, verschlüsselte seine Botschaften, wie es schon die alten Juden zu Jesu Zeiten taten. Und der Museumsdirektor des Louvre, in da Vincis Nachfolge, baute die codegeschützten Nachrichtenbehälter da Vincis nach.

Donald Rumsfelds spitzes Wort gegen „das alte Europa“, auf das die europäische Intelligentsia so hochmütig selbstbewusst reagierte – hier, in Dan Browns Roman, nimmt es für jeden Amerikaner Gestalt an. Und wenn wundert’s da noch, dass es am Schluss der Ami Langdon ist, dem doch noch die Lösung des Rätsels in den Schoß fällt. Wenigstens erweist er der Offenbarung seine Reverenz. Na, das ist doch schon mal was.

Unterm Strich

Als hätte ihm seine werte Gattin, die Kunsthistorikerin, die geistige Feder geführt, liefert Dan Brown zwar wieder mal einen routinierten Mystery-Thriller ab. Doch dieser spielt mit so vielen geschickt verpackten Hinweisen aus der Kunstgeschichte, dass sich der Leser nicht wie in einem Seminar vorkommt, so wie bei einer sehr anschaulichen Führung durch die Museen und Bibliotheken Europas. Dass dabei noch Mörder, Geheimbünde und die Polizei sowieso hinter den Helden herjagen, tut der Spannung gut, die bis fast zum Schluss aufrechterhalten bleibt. Übrigens finde ich die Übersetzung mit den zahllosen Übersetzungen aus Latein, Englisch, Französisch, Hebräisch usw. sehr gelungen.

In jedem Fall lautet das Motto dieser literarischen Schnitzeljagd „Einer wird Millionär“. Und dreimal dürfen wir raten, wer das wohl sein wird.

Michael Matzer © 2004ff
www.luebbe.de

Lesley Kara – Das Gerücht

Inhalt

Joanna zieht mit ihrem Sohn Alfie von London in eine Kleinstadt am Meer. Zunächst ist es die pure Idylle – dann hört sie, dass die Kindermörderin Sally McGowan, die als Zehnjährige einen Spielkameraden umbrachte, unter anderem Namen in der Stadt leben soll. Vor Jahrzehnten machte der Fall Schlagzeilen, inzwischen ist Sally längst aus dem Gefängnis entlassen worden. Unbedacht erzählt Joanna anderen Müttern von dem Gerücht und ihrem Verdacht, wer die Mörderin von damals sein könnte. Sie ahnt nicht, was für eine verheerende Spirale von Ereignissen sie damit in Gang setzt. Und wie sehr sie selbst in diese Geschichte verstrickt ist. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Zunächst lernen die Leser/innen Joannas Leben als alleinerziehende Mutter kennen: sie ist in eine Küstenkleinstadt, in der auch ihre Mutter wohnt, gezogen, da ihr Sohn Alfie in London Opfer von Mobbing wurde. Sie ist sehr darum bemüht sich mit den Müttern der Mitschüler ihres Sohnes anzufreunden, weil sie sich dadurch bessere Anschlussmöglichkeiten für ihn versprich und der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel…

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Matthias Edvardsson – Der unschuldige Mörder

Als Zackarias Levin aufgrund des allgemeinen Zeitungssterbens seinen Job als Journalist verliert und seine Freundin ihm in der gleichen Woche den Laufpass gibt, zieht er kurzerhand wieder bei seiner Mutter ein. Um an Geld zu kommen, beschließt er, einen Roman zu schreiben. Und zwar über einen unschuldigen Mörder. Denn 12 Jahre zuvor war er als Student in einem Seminar zum Literarischen Schreiben bei der faszinierenden Li Karpe eingeschrieben. Dort hat er auch seine Freunde Adrian, Betty und Fredrik kennengelernt.

Zwischen den vier Studierenden entspinnt sich eine Freundschaft, die Freundschaft und Liebe zwischen den einzelnen Personen zerfließen lässt. Alle vier eint die Faszination für ihre Dozentin Li Karpe, welche die vier bekannt macht mit dem bekannten Schriftsteller Leo Stark. Die vier sind geschmeichelt, dass der große Schriftsteller sich für die interessiert, doch müssen sie bald erkennen, dass Leo Stark auch eine zweite Seite hat. Eine zerrissene, verzweifelte und aggressive. Innerhalb weniger Monate geraten die Freunde in einen Sog, dem sie nicht entkommen können – bis Leo Stark eines Tages spurlos verschwindet und Adrian Mollberg acht Jahre für den Mord an Leo Stark muss, obwohl niemals die Leiche gefunden wird.

Zack aber hält seinen Freund für unschuldig und möchte deswegen den Roman „Der unschuldige Mörder“ verfassen. Dazu trifft er seine alten Freunde wieder und wühlt in lang vergessenen Erinnerungen. Doch bald holt die Vergangenheit die vier Freunde ein…
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Lisa Jewell – Weil niemand sie sah

Inhalt

Ellie Mack war fünfzehn. Klug, gewitzt, der Liebling ihrer Mutter. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Bis sie von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, doch insgeheim hat Laurel nie die Hoffnung aufgegeben, ihre Tochter irgendwann wiederzufinden. Ihr eigenes Glück ist nebensächlich geworden. Dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Was ihr jedoch wirklich den Atem raubt, ist die Begegnung mit seiner neunjährigen Tochter – denn diese ist Ellie wie aus dem Gesicht geschnitten. All die unbeantworteten Fragen sind mit einem Mal wieder da: Was geschah damals mit Ellie? Und gibt es jemanden, der endlich Licht ins Dunkel bringen kann? (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

„Weil niemand sie sah“ ist von der ersten Seite an packend, denn Lisa Jewell schreibt in einem beeindruckend leichtgängigen Stil, zudem geistreich und ausdrucksstark. Die Autorin schafft eine emotional mitreißende Atmosphäre: authentisch, beklemmend sowie abgründig.

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Leo Born – Blutige Gnade

Ein Journalist wird brutal gefoltert und ermordert, kurz bevor er die Story seines Lebens veröffentlichen kann. Nur kurze Zeit später wird eine Frau in ihrem eigenen Haus ermordet. Ein misslungener Einbruch? Oder warum wurde nichts gestohlen?

Die Mordfälle geben Mara Billinsky Rätsel auf, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, als ihre erste große Liebe wieder in ihr Leben tritt und dort anknüpfen möchte, wo die beiden einst auseinander gegangen sind. Maras Gefühle spielen verrückt – soll sie ihren Gefühlen nachgeben?

In der Mordserie, die bald munter weitergeht, tritt sie auf der Stelle und kann den entscheidenden Hinweis nicht finden. Was steckt hinter der Folter? Welche Story wollte der Journalist aufdecken?

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Ruth Ware – Der Tod der Mrs Westaway

Inhalt

Abgebrannt, allein und ohne Job – mit gerade mal 22 Jahren ist Harriet Westaway, genannt Hal, am Tiefpunkt ihres Lebens. Da erhält sie den Brief eines Anwalts aus Cornwall: Sie ist im Testament ihrer Großmutter bedacht worden. Hals Großmutter ist allerdings schon lange tot – offenbar liegt eine Verwechslung vor. Aber Hal ist so verzweifelt, dass sie nach Cornwall fährt und sich als die verschollene Erbin ausgibt. Das Erbe entpuppt sich als riesiges altes Herrenhaus inmitten ausgedehnter Ländereien. Doch als Hal entdeckt, dass die Familie Westaway einige sehr dunkle Geheimnisse hat, wird ihr Plan zur tödlichen Gefahr: Denn sie kommt einem Mörder in die Quere, der sich jahrzehntelang in Sicherheit geglaubt hat. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Zunächst lernt man Hals Leben in Brighton kennen: sie verdient mit Tarotkarten legen am Pier nicht annähernd genug zum Leben, sie hat Schulden bei einem skrupellosen Kredithai, zudem haust in einer winzigen, kalten Wohnung. Selbst im paradiesischen Süden Englands herrschen im November Kälte, Regen und Wind vor, doch Hal kann sich nicht einmal warme Kleidung leisten, geschweige denn das Zugticket nach Cornwall, wo ein beträchtliches Erbe auf sie warten könnte, aber Not macht bekanntlich erfinderisch…

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Holly Seddon – Close your Eyes

Inhalt

Die Zwillinge Robin und Sarah standen sich eigentlich nie sehr nah. Sie waren sich nicht einmal besonders ähnlich. Trotzdem liebten sie einander innig. Doch eine grausame Schicksalswendung zwang die Geschwister dazu, getrennte Wege zu gehen. Jetzt, mit Anfang 30, leidet Robin an Panikattacken und kann nicht einmal das Haus verlassen. Sarah hingegen führt das Leben ihrer Träume. Doch das alles droht zu zerbrechen, als sich Sarah dem denkbar schlimmsten aller Vorwürfe stellen muss. Um ihr Leben wiederzubekommen, muss sie tief in ihrer Vergangenheit graben. Und dafür braucht sie Robin dringender denn je. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Der eindringliche Schreibstil entfacht von der ersten Seite an eine regelrechte Sogwirkung. Das Innenleben der Zwillingsschwestern wird messerscharf inspiziert und analysiert.

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Michael Connelly – The Night Fire. (Thriller mit Bosch & Ballard 02)

Bosch & Ballard im doppelten Showdown

Drei Handlungsstränge, drei Ermittler: In L.A. wird ein Richter im Park erstochen, und Mickey Haller verteidigt den schizophrenen Mann, der dafür auf der Anklagebank sitzt. Sein Halbbruder Harry Bosch beschafft ihm den entscheidenden Zeugen…

Bosch bekommt von der Witwe seines Mentor John Jack Thompson eine Mordakte anvertraut: Darin befinden sich zahlreiche Unterlagen über den Tod eines Drogensüchtigen und Polizeispitzels – vor 29 Jahren. Da er selbst nicht mehr ermitteln darf, übergibt er die Mordakte an Detective Renee Ballard, die in der Nachtschicht der Hollywood-Kripo arbeitet. Ballard untersucht selbst bereits den Fall eines durch Feuer getöteten Obdachlosen. Doch wenige Tage später berichtet das CSI, dass der Brand gelegt wurde. Aber von wem?

Ob alle diese Fälle miteinander zu tun haben, muss sich noch erweisen. Ein Merkmal haben die Opfer bzw. Angeklagten gemeinsam: Sie sind bzw. waren alle ausgegrenzte Außenseiter…
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Bernhard Wucherer – Glühweinmord im Hexenhof

Worum gehts?

Der „Hexenhof“ ist ein allseits besonders beliebtes Ziel auf dem Aachener Weihnachtsmarkt. In der Vorweihnachtszeit lockt der Glühweinstand täglich mehrere hundert Besucher an. Als dort unerwartet ein vergifteter Student gefunden wird, sind der Commissaire Frederic La Maire und seine Partnerin Dr. Angelika Laefers zufällig in privater Sache vor Ort. Ein weiterer Mord lässt nicht lange auf sich warten und schnell wird klar, dass dies erst der Beginn einer ganzen „Glühweinmord-Serie“ ist.

Le Maire und Dr. Laefers ermitteln verdeckt weiter und machen immer mehr verdächtige Personen ausfindig, die auf den ersten Blick jedoch keinerlei Berührungspunkte miteinander haben.

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Ludlum, Robert; Lustbader, Eric Van – Bourne-Duell, Das (Jason Bourne 8)

_Die |Bourne|-Serie:_

1) Die Bourne-Identität (The Bourne identity)
2) Das Bourne-Imperium (The Bourne Supremacy)
3) Das Bourne-Ultimatum (The Bourne Ultimatum)
4) [Das Bourne-Vermächtnis]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5355 (The Bourne Legacy; von Eric Lustbader)
5) [Der Bourne-Betrug]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5537 (The Bourne Betrayal; von Eric Lustbader)
6) The Bourne Sanction / [Das Bourne Attentat]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6125 (von Eric Lustbader, 2008)
7) The Bourne Deception / Die Bourne-Intrige (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2009)
8) The Bourne Objective / Das Bourne-Duell (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2010)
9) The Bourne Dominion (von Eric Lustbader, 2011)
10) The Bourne Upset (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2012)

_Atemloser Actionthriller: Jason Bourne trifft Dan Brown_

Jason Bourne befindet sich auf der Spur eines mysteriösen Ringes von marokkanischem Ursprung. Er gehörte einer Frau namens Holly Marie Moreau, die auf Bali von einem Mann ermordet wurde, den Jason tötete. Doch warum ist der Ring so wertvoll, dass Menschen – so etwa Hollys Onkel – dafür zu töten bereit sind?

Unterdessen ist Leonid Arkadin, der russische Attentäter, der wie Bourne ein Produkt des CIA-Projekts „Treadstone“ ist, auf der Flucht. Er hat einen Moskauer Mafiaboss aufs Kreuz gelegt und dessen Waffengeschäft übernommen. Im indischen Bangalore überlebt Arkadin mit knapper Not einen großangelegten Anschlag, der seine Organisation zerschlägt.

Als sich Bournes und Arkadins Wege erneut kreuzen, wird deutlich, dass jemand sie wie ein Marionettenspieler dirigiert. Will er herausfinden, welcher von beiden der Stärkere, der Härtere ist? Sie müssen herausfinden, um wen es sich handelt, wenn sie beide in der für sie aufgestellten Falle in Marokko überleben wollen.

„Das Bourne-Duell“ schließt direkt an „Die Bourne-Intrige“ an.

_Handlung_

|PROLOG|

Leonid Arkadin versucht gerade eine verschlüsselte Datei zu öffnen, die er einem mexikanischen Drogenbaron abgejagt hat, als ein roter Punkt auf dem Gesicht seines Gesprächspartners Hassan erscheint. Verwirrt starrt er seinen Chefentwickler an. Wer sollte hier im sechsten Stock eines Bürohochhauses im indischen Bangalore einen Laserstrahl auf Hassan richten? Gleich darauf zerbersten die Glasscheiben der Bürosuite und Hassan stürzt getroffen zu Boden. Vor der Tür ertönen Schüsse, gellen Schreie von Leonids Leibwächtern.

Nach einer wilden Flucht über die Hotelfassade und durch den Fahrstuhlschacht gelingt es Leonid, zwei weitere Attentätern auf ihren Motorrädern auszuschalten. Doch ein Metallstück hat sich tief in seinen muskulösen Schenkel gebohrt. Kaum hat er es herausgezogen, muss er es dem zweiten Angreifer ins Herz bohren.

Doch auch im Krankenhaus hat Leonid keine Ruhe. Er weiß jetzt, wer den Großangriff angeordnet haben muss: Maslov, Chef der Moskauer Mafiaorganisation, den Leonid aufs Kreuz gelegt hat, um seine immens lukrativen Waffengeschäfte zu übernehmen. Kaum ist der Schenkel geflickt, als Maslovs Vize Oserov ihn mit einem Stilett angreift. Leonid gelingt es, ihn mit einem improvisierten Explosivkörper außer Gefecht zu setzen und zu entkommen. Das war knapp!

|Jason Bourne|

Jason sitzt in der Hütte eines weisen Mannes auf der schönen Insel Bali. Kurz zuvor hat den amerikanischen Agenten Noah Perlis getötet, der es auf ihn abgesehen hatte. Denn Perlis hat Jason frühere, zeitweilig vergessene Freundin Holly Marie Moreau auf dem Gewissen: Er stieß sie die balinesischen Tempelstufen hinab, so dass sie zu Tode stürzte. So wie Perlis ihr einen Ring abnahm, so auch Jason dem Agenten. Seltsamerweise kann der weise Mann Jason genau sagen, woher der Ring stammt: von Hollys Onkel, einem mächtigen Marokkaner. Der den Ring unbedingt wiederhaben will. Ach ja: Draußen warten zwei Männer auf Jason. Tja, und er werde binnen eines Jahres sterben.

Schöne Aussichten, aber Jason trägt solche Weissagungen inzwischen mit Gleichmut. Was mehr kann ein Mann tun, als gegen die Windmühlen des Schicksals zu kämpfen? Die zwei Männer draußen stellen sich als Russen heraus, die hinter dem Ring her sind. Ein Typ namens Oserov habe sie geschickt, gibt einer zu und wundert sich, dass Jason derartig ahnungslos ist.

|London|

Holly kam wie Jasons zeitweilige Reisebegleiterin Tracy Atherton und Noah Perlis aus London. Die Wohnung von Noah Perlis gibt vier Dinge preis: eine Glock-Pistole, einen Reisepass, einen Schlüssel für ein Bankschließfach und eine Reihe von Fotos. Darauf sind neben Holly und Tracy zwei Männer neben Perlis zu sehen: Senor Herrera hat er in Sevilla kennengelernt, und der Jüngere muss wohl dessen Sohn sein, Diego.

Diego Herrera leitet eine Bank im Stadtzentrum. Hier bemerkt Jason erstmals, dass ihn ein Amerikaner beschattet. Er kann sich denken, dass der neue Chef von Central Intelligence, Danziger, den als Attentäter geschickt hat. Kaum hat sich Jason bei Hererra als Noah Perlis ausgegeben, spürte er auch schon einen Dolch in seiner Nierengegend. Jason gibt sich als Bekannter von Perlis aus, als Adam Stone. Diego glaubt ihm, denn Jason war bei dessen Freundin Tracy, als diese in Jasons Armen starb, drunten in Khartum. Der Banker hilft Jason, seinem Killer zu entkommen.

Jason begibt sich in Tracys Wohnung, um herauszubekommen, warum Tracy für Leonid Arkadin gearbeitet hat. Er findet dort ihre Schwester Christina vor, die bravere der beiden: Sie ist eine verheiratete Oxford-Professorin mit Kindern. Nachdem sie sich angefreundet haben, zeigt er ihr seinen mysteriösen Ring. Sie kennt genau den Mann, der die Inschrift entziffern könnte, die eine Mischung aus Latein, Sumerisch und einem Faktor X ist. Faktor X stellt sich als Ugarit heraus, die Sprache des gleichnamigen syrischen Stadtstaats der Bronzezeit (bis ca. 1250 v.Chr.).

So beginnt eine Schnitzeljagd, die Jason möglicherweise direkt in die Arme des Marokkaners Jalal Elai führt. Der Onkel von Holly engagiert Jasons Freundin Moira Trevor in Washington, um einen Laptop wiederzubeschaffen, den Jason ihm gestohlen habe. Auf dem Rechner befänden sich wertvolle Stammbauminformationen, sagt er. Das Geld, das Jalal offeriert, ist zu gut, um es abzulehnen. Moira macht sich auf die Suche.

|Treadstone 2.0|

In Washington braut sich weiteres Ungemach zusammen. Oliver Liss, Fred Willard, Peter Marks und Soraya Moore, allesamt ehemalige Mitglieder von Central Intelligence, haben sich zusammengetan, um Treadstone erneut zu gründen. Aber sie sind keineswegs gleichberechtigt, wie Willard zu seiner Frustration herausfindet: Liss diktiert, wo es langgeht. Und er schickt Willard und Marks auf eine blödsinnige Jagd nach einem rätselhaften Ring, den Jason Bourne haben soll. Als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gäbe!

Willard gibt nicht klein bei, sondern setzt seine eigene kleine Operation in Gang. Peter Marks ist ja Sorayas Freund. Er soll sie dazu breitschlagen, dass sie Leonid Arkadin ausspioniert, indem sie seine Geliebte wird. Nach einigem Sträuben gegen diesen „Huren-Job“ gibt sich Soraya geschlagen: Sie hat keine anderen Optionen, nachdem Danziger sie Knall auf Fall feuerte. Schließlich hatte sie seinen expliziten Befehl, in die USA zurückzukehren, in Kairo ignoriert, wo sie mit Bourne an der Aufklärung eines Flugzeugabschusses gearbeitet hatte.

|Leonid Arkadin |

Arkadin ist inzwischen in Mexiko und hat an der Westküste den Drogenhandel von Gustavo Moreno übernommen, der Kokain aus Kolumbien bezieht. Hier kontaktiert er Boris Karpov, einen Kommissar des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB-2. Der Mann will Maslovs Kopf – und wer Maslov töten will, der ist auch Arkadins Verbündeter. Karpov erfährt von Leonid, dass er mindestens zwei Maulwürfe in seiner Organisation hat, die für Maslov arbeiten. Er hat also keinerlei Chance, sein Ziel zu erreichen. Aber Leonid ist bereit, ihm die Namen der Verräter zu nennen, falls Karpov bereit ist, nach Mexiko zu kommen. Gesagt, getan. Doch das Treffen verläuft anders als geplant. Wie so viele Weitere …

_Mein Eindruck_

Wieder führt der Autor neue Elemente in seine Handlung ein. Das fällt ihm ebenso leicht wie dem seligen Robert Ludlum, denn wegen der Erzählweise und des Milieus der Zwielichtwelt der Geheimdienste ist es leicht, neue Figuren wie Schachtelteufel auftreten zu lassen. Der zweite Faktor besteht natürlich in Bournes notorischer Amnesie. Manchmal treten Figuren und Dinge auf, mit denen er vor Jahren unter Alex Conklin zu tun hatte und die nun wieder relevant werden. So geht es nun mit zwei Objekten: dem Laptop und dem Ring.

|Das verbotene Dokument|

Auf dem Laptop befindet sich ein verstecktes Geheimdokument. Dieses lässt sich nur aufspüren, wenn der richtige Ring – der Eine Ring – in das Schubfach des richtigen Laptops (den Bourne in Marokko entwendet hat) gesteckt wird. Doch aller guten Dinge sind drei. Der dritte Schlüssel zur Entzifferung des Dokuments befindet sich in einer Statue des syrischen Gottes Baal, die in einem ganz speziellen Haus in Marokko aufgestellt wurde.

Wie sich im Finale zeigt, beherbergt diese höchst unmuslimische Statue eine SD-Karte mit dem entschlüsselnden Algorithmus. Der Haken bei der Geschichte: Das Haus ist eine Todesfalle, extra gebaut für jeden, der das Geheimnis rauben will – für Leute wie Arkadin und Bourne also. Und so kommt es denn, dass sich die beiden hier ihrem Ziel nähern, mit- oder gegeneinander.

|Der Geheimbund|

Gebaut haben diese Todesfalle die Angehörigen eines uralten Geheimbundes namens Severus Domna. Sie tragen Ringe, die in Latein und Sumer diese beiden Wörter darstellen. Interessant ist, dass der Bund zwar auf den syrischen Kult um den Gott Baal zurückgeht, aber von den Berbern des Atlasgebirges am Leben gehalten und behütet wurde. Unglücklicherweise für Bourne und andere Schatzjäger tauchen diese Hüter immer zu den ungünstigsten Zeitpunkten. Das haben die Hüter nun mal so an sich. Siehe auch „Indiana Jones“, „Die Mumie“ und viele weitere Abenteuer.

|Der Schatz|

Natürlich will jeder, der den Code aus den drei Schlüsseln knackt, wissen, was in dem Geheimdokument steht. Wir beziehungsweise die Figuren erfahren es früh genug, so dass ich hier kein Geheimnis verrate. Es ist die Beschreibung des Weges zum Hort von König Salomos legendärem Gold. Nur dieser riesige Schatz kann erklären, warum selbst hochgestellte Persönlichkeiten wie der amerikanische Verteidigungsminister – der schon zum Dauergast in der großen Bourne-Show geworden ist – auf einmal hinter diesem Gold herjagen.

Ein Hauch von „Indiana Jones“ weht also deutlich durch diesen Roman. Und da der Autor schon mit „Testamentum“ einen solchen Schnitzeljagdthriller à la Dan Brown vorgelegt hat, kennt er sich bestens mit der Konstruktion der entsprechenden Handlung aus. Neben den stets wie aus dem Nichts auftauchenden Akteuren sorgen auch abtrünnige Vertraute für reichlich Abwechslung. Und besonders in Russland sind die Treueverhältnisse höchst unsicher.

|Frauenfiguren|

Im Unterschied zu den meisten Abenteuerfilmen spielen bei Lustbader jedoch Frauen eine entscheidende Rolle für den Handlungsverlauf. Es sind dies Moira Trevor, Soraya Moore, die verblichene Tracy Atherton, ihre Schwester Chrissie und die Schwester des verblichenen Gustavo Moreno, Berengária Moreno. Als wäre die Handlungslinie matrilinear, sind sie die Frauen, die zahlreiche Familien- und Beziehungshintergründe relevant und so die Männer zu halbwegs menschlichen Figuren machen. Und sie bieten auch Gelegenheit zu einer lesbischen Liebesszene – ein Element, das bislang die allerwenigsten Abenteuerfilme gezeigt haben. Hollywood mag keine Lesben. Sein Schaden.

|Meine Lektüre|

Wie schon in den letzten beiden „Bourne“-Romanen hat der Autor seine Handlung stark abgespeckt. Fort sind die langatmigen Beschreibungen von Orten, Gefühlen und Befindlichkeiten, die noch in den ersten Bourne-Romanen Lustbaders den Lesefluss stocken ließen. Die Leser wollen Agentenromane, die sich flott lesen lassen und in jedem Kapitel einen neuen Thrill bieten: entweder ein Rätsel, eine Auseinandersetzung, eine neue Figur, eine Liebes- oder eine Actionszene. Und im Falle von Bourne: eine Tour rund um die Welt. Auch wenn die Logik bisweilen auf der Strecke bleibt.

Ich konnte mich bis etwa zur Seite 150 vorarbeiten, bis mich der Frust überwältigte. Vom gewohnten Lustbader-Flair ist hier kaum etwas zu spüren, doch zwei mystische Gestalten kann er sich denn doch nicht verkneifen, und einen veritablen Schatz – einen McGuffin zumindest – zaubert er ebenfalls aus dem Hut. Nach einer kleinen Durststrecke in der Mitte nimmt die Handlung im dritten Buch jedoch derart an Fahrt auf, dass man vor dem Finale, dem vierten Buch, nicht mehr zum Verschnaufen kommt. Hier finden zahlreiche Auseinandersetzungen statt, die die Nebenfiguren aus dem Weg räumen, bis nur noch die drei Hauptfiguren übrigbleiben: Bourne, Arkadin und Soraya Moore.

Allerdings fand die monumentale Schlacht zwischen beiden Superhelden Arkadin und Bourne bereits im vorhergehenden Roman statt. Deshalb gibt es sie hier nur als Miniversion. Die entscheidende Frage lautet zum Schluss: Wer von beiden schafft es lebend aus der Todesfalle der Severus Domna heraus?

_Die Übersetzung _

Immer wieder stolperte ich im Original über eklatante Sachfehler. Offensichtlich hätte Lustbader gut daran getan, einen Computerspezialisten zu konsultieren.

Doch nun konnte ich mit Erleichterung feststellen, dass der Übersetzer alle sechs Sachfehler erkannt und korrigiert hat. Außerdem waren keinerlei Druckfehler zu finden. Mit anderen Worten: Einer ungetrübten Lektüre steht nichts mehr im Wege.

_Unterm Strich_

Eric Van Lustbader hat inzwischen den Dreh raus, nicht mehr wie er selbst zu schreiben, sondern wie Ludlum selig, also voller rascher Szenenwechsel, ständig neuer Figuren und einer verblüffenden Aussicht: die Entdeckung des Schatzes von König Salomos Schatz in Syrien. Damit gerät die Story ins Fahrwasser von Dan Brown.

Aufgrund des ständigen Wechsels von Szenen und Figuren kommt der Leser kaum zum Nachdenken, sollte er oder sie sich auf diesen Stil einlassen. Und das ist auch der Grund dafür, warum der Leser schon mindestens den Vorgängerband kennen sollte, um nur halbwegs mit den verschiedenen Figuren klarzukommen. Denn eine Personenliste gibt es – auch in der Übersetzung – nicht, und die Figurencharakteristiken sind denkbar knapp gehalten.

Wer sich aber von einem Actionthriller mit zahlreichen Wendungen unterhalten lassen möchte, der findet auch in diesem „Bourne“-Roman ein optimales Lesefutter.

|Gebunden: 592 Seiten
Originaltitel: The Bourne Objective (2010)
Aus dem US-Englischen von Norbert Jakober
ISBN-13: 978-3453266261|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Robert Ludlum bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Paris-Option“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1068
[„Die Ambler-Warnung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3493
[„Das Osterman-Wochenende“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6841

Child, Lee – Sein wahres Gesicht (Jack Reacher)

_Halbgesicht, ein Schurke wie aus einem Comic_

Jack Reacher, ein ehemaliger Militärpolizist hat drei Monate lässig in Key West gelebt, als ein Edetektiv aus New York City ihn findet und am gleichen Abend noch tot aufgefunden wird – mit abgeschnittenen Fingerkuppen. Die Spur führt zurück zu Jacks Mentor und Kommandeur Leon Garber: Er ist gestorben, aber seine Tochter Jodie schwebt in Lebensgefahr.

Jodie, eine clevere Anwältin und Jacks heimliche Liebe, steht vor einem Rätsel. Aber über Garbers Ärztin stoßen die beiden auf ein ungewöhnliches Ehepaar: Die Hobies. Und deren Sohn sucht verzweifelt nach Jodie. Um sie für immer zum Schweigen zu bringen. Aber weshalb?

_Der Autor_

Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte und arbeitete dann viele Jahre als TV-Produzent. Heute lebt er mit Frau und Tochter im US-Bundesstaat New York. Mit seinen „Jack Reacher“-Thrillern hat er sich eine große Lesergemeinde erobert und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Anthony Award.

1) Zeit der Rache (O-Titel: Killing Floor, 1997)
2) Die Trying (1998)
3) [„Sein wahres Gesicht“ (O-Titel: Tripwire, 1999)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2984
4) The Visitor (2000)
5) Echo Burning (2001)
6) Without Fail (2002)
7) Persuader (2003)
8) The Enemy (2004)
9) One Shot (2005)
10) The Hard Way (2006)
11) Bad Luck and Trouble (2007)
12) Nothing to Lose (2008)
13) Gone Tomorrow (2009)
14) 61 Hours (2010)

_Handlung_

Jack Reacher ist aus dem Dienst als Militärpolizist ehrenhaft ausgeschieden und hat sich in Key West, dem südlichsten Punkt der USA, niedergelassen. Er hält sich mit dem Ausgraben von Swimmingpools und als Rausschmeißer einer Striptese-Bar über Wasser. Er hat keine einzige Kreditkarte, keinen festen Wohnsitz und kein Auto. Für fast alle Behörden der USA ist er praktisch unsichtbar, besonders für die Army. Das ist genau in seinem Sinne.

Deshalb reagiert er mit Misstrauen, als ein New Yorker Detektiv namens Costello nach einem Jack Reacher fragt, und zwar in einer unscheinbaren Bar. Reacher leugnet, der Gesuchte zu sein. Costello gibt als Auftraggeberin eine Mrs. Jacobs an, bevor er verschwindet. Reacher mag es nicht, wenn man ihm sucht. Als am gleichen Abend in der Stripperbar zwei New Yorker Typen ebenfalls nach Reacher fragen, ahnt er, dass er sich darum kümmern muss. Wenig später findet er Costello tot in einer dunklen Gasse, mit sorgfältig abgeschnittenen Fingerkuppen. Offenbar wollten die zwei finsteren Typen seine Identifizierung erschweren. Reacher packt seine Sachen und fliegt nach New York. Wer sucht ihn?

Da Costello mal ein Cop war, ist seine Adresse leicht herauszubekommen. Doch Reacher trifft zu spät ein, um Costellos Sekretärin noch warnen zu können: Sie ist verschwunden. Dass sie einen Geschäftsbrief mitten im Satz abgebrochen hat, ohne das Dokument zu speichern, sieht einer Sekretärin gar nicht ähnlich. Reacher vermutet, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte. Aus den Rechnungen erfährt er die Nummer der Anwaltskanzlei dieser mysteriösen „Mrs. Jacobs“ und ruft dort an. Man gibt ihm die Adresse im Bundesstaat New York, unweit von der Militärakademie West Point, und rät ihm, sich zu beeilen. Wobei?

Bei einer Trauerfeier, wie sich herausstellt. Jacks früherer Kommandeur und Mentor ist vor wenigen Tagen an einem Herzversagen gestorben. Seit 15 Jahren hat er ihn nicht mehr gesehen – und auch dessen bildhübsche Tochter nicht, die nun die einzige ist, die den abgerissen aussehenden Mann aus dem warmen Süden begrüßt: Jodie Garber, geschiedene Mrs. Jacobs! Jodie ist Jacks große, unerfüllte Liebe.

Nachdem alle Trauergäste gegangen sind, drängt Jack die bildhübsche Anwältin zur Eile: Wer Costello auf dem Gewissen hat, sucht wahrscheinlich auch nach dessen Auftraggeberin. Zu spät! Die zwei Killer aus Key West sind bereits hier und warten schon an der Haustür, dass „Mrs. Jacobs“ heraustritt, um sie abzuknallen. Doch Jack macht den beiden einen dicken Struch durch die Rechnung …

Mit dem Testament Garbers und einer Adresse fahren Jack und Jodie zu Garbers Ärztin, der Kardiologin Dr. McBannerman. Sie ist diejenige, die ihnen verraten kann, warum sich Leon Garber entgegen ärztlichen Anweisungen nicht geschont, sondern vielmehr für ein neues Projekt abgerackert hat. Besonders die Reise nach Hawaii dürfte Garbers Gesundheit stark strapaziert haben, meint sie. Hawaii, wundert sich Jodie. Sie wusste nichts davon.

Von Dr. McBannermans Vorzimmerdame erfahren sie, wen Garber hier in der Praxis kennenlernte: das alte Ehepaar Hobie. Aber was wollten sie von Garber?

|Unterdessen|

Der Kredithai und Finanzspekulateur „Hook“ Hobie, so genannt nach dem Stahlhaken, den er statt seiner rechten Hand trägt, gewährt dem vor dem Bankrott stehenden Firmenchef Chester Stone einen Überbrückungskredit von 1,1 Mio. US-Dollar für sechs Wochen – und gegen ein nominell wertloses Aktienpaket. Doch Hobie hat große Pläne mit Stones Firma, Grundstück, Haus und – Gattin. Pläne, die ihm einen Lohn von 100 Millionen Dollar einbringen sollen.

Der Einzige, der ihm einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist Jack Reacher, falls dieser herauskriegt, wohinter Leon Garber her war. Zum Beispiel in Hawaii. Und für dieses Geheimnis mussten bereits zwei Menschen sterben …

_Mein Eindruck_

Reacher ist der typische Veteran, der zum Außenseiter geworden ist. Dass er dennoch Gefühle von Liebe und Loyalität hegt, macht ihn als Mensch sympathisch. Dass er mit Waffen und Informationen ebenso gut umgehen kann wie mit Menschen, macht ihn erst zum Ermittler tauglich. Aber im Unterschied zu anderen Ermittlern hegt Reacher, der Mann der nie beim Vornamen genannt wird, Sympathien für Leute, die schon längst tot sind (wie Leon Garber) – oder es bald sein werden (wie die Hobies). Wir können also nicht umhin, diesen Mann mit dem Gewissen und Verantwortungsgefühl zu mögen, auch wenn er wie ein unwahrscheinlicher Anachronismus wirkt. Und das bereits anno 1999.

|Die feindliche Burg|

Das Buch erzählt auf anachronistische Weise von der Zeit vor 9/11, also vor 2001, als die Welt noch eine andere war. Da standen die zwei Türme des World Trade Centers noch, die Kathedralen des Kapitalismus – und dort residiert Victor Hobie. Der Kredithai schwimmt hier lediglich in einem großen Haifischteich. Da sich ein großer Teil der Handlung und besonders das letzte Viertel in Hobies Büro sowie dessen Vorzimmer abspielt, ist diese Residenz von eminenter Bedeutung: Dies ist die Burg des Feindes, die es einzunehmen gilt. Kein Wunder also, dass Reacher, der Rammbock, hier als letzter auftaucht.

|Unrecht aus alter Zeit|

Denn Reacher hat nicht nur die Aufgabe, seine neue Geliebte Jodie aus Hobies Klauen zu befreien, sondern auch das an zahllosen Vietnam-Soldaten begangene Unrecht zu rächen. Die Spur von Reachers Ermittlung führt nämlich in jenen Krieg, den die Amis angeblich als einzigen verloren haben. Hobie soll in der Etappe dunkle Geschäfte aufgezogen haben und schließlich zum Kredithai geworden sein. Das berichtet uns zumindest der Erzähler selbst, nicht jedoch ein Zeuge, den Reacher befragt. Und natürlich trägt der Schurke wie in einem Batman-Comic ein halbseitig entstelltes Antlitz – die personifizierte Täuschung.

|Tödliches Geheimnis|

Reacher wird nämlich zusehends verwirrt durch widersprüchliche Fakten über einen ominösen Hubschrauberabsturz in den vietnamesischen Bergen. Diesen Hubschrauber habe Victor Hobie geflogen, lautet die einhellige Angabe. Okay, aber warum gilt er dann im Gegensatz zu seinem Kopiloten nicht als verstorben, sondern als vermisst? „Staatsgeheimnis“, behaupten die zuständigen Stellen. Nun, welches Geheimnis könnte so groß sei, dass es die Sicherheit der USA gefährden könnte, fragt sich Reacher. Er kommt zu einem verblüffenden Schluss.

Diese erstaunliche Erkenntnis wird dem Leser allerdings perfiderweise bis zum Showdown vorenthalten. Allein schon dieser Showdown ist deshalb den Eintritt wert. Reacher konfrontiert seinen Gegner mit der gespannt erwarteten Enthüllung, muss aber eine schwere Verwundung hinnehmen. Es steht Spitz auf Knopf, ob Reacher seine Jodie retten kann. Mehr darf hier nicht verraten werden.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung hat Wulf Bergner sehr kompetent hinbekommen, und Druckfehler konnte ich keine finden. Aber man kann sich doch darüber streiten, ob das Wörtchen „Stadium“ auf Seite 343 in einem deutschen Text nicht etwa missverstanden wird. Gemeint ist die ursprüngliche englische Bedeutung „Stadion“, unter dem Wort „Stadium“ wird aber bei uns „Phase, Entwicklungsstufe“ verstanden. Der Übersetzung hätte meiner Ansicht nach das Wort eindeutschen sollen.

Der Originaltitel „Tripwire“ bedeutet Stolperdraht. Dieser dient in der Regel dazu, etwas auszulösen, etwa eine Sprengfalle. Im vorliegenden Buch wird lediglich Alarm im Büro von Hobie ausgelöst – und die falschen Maßnahmen getroffen. Aus Geldgier, was sonst.

_Unterm Strich_

„Sein wahres Gesicht“ ist ein kompetent und routiniert erzählter Thriller, bei dem das Erstaunlichste wohl die Tatsache ist, dass diese superpatriotische Story von einem geborenen Engländer erzählt wird. Die Krümelspur, der Reacher bei seiner Ermittlung folgt, führt zurück zu den Tagen des Vietnamkrieges und fördert ein explosives Geheimnis zutage. Doch wen schert diese Ära heute, nach vierzig Jahren, noch? Nun, zumindest die Veteranen – und die Opfer der Napalmangriffe und Agent-Orange-Entlaubungsaktionen. Bis heute werden erbgeschädigte, missgebildete Kinder in Vietnam geboren.

Ich habe diesem Roman an nur einem Tag gelesen. Aber ich muss zugeben, dass ich das nur geschafft habe, weil ich mehr als einmal einfach die ellenlangen Beschreibungen überflogen und übersprungen habe, die der Erzähler einstreute, um seinen Text zu verlängern. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zu Robert B. Parkers knappen, dialoglastigen Erzählstil und dem von Lee Child. Child mag es, nicht nur Figuren und ihr Aussehen zu beschreiben, sondern auch ihre Lebensumgebung. Das macht Parker zwar auch, denn es ist unabdingbar zur Charakterisierung. Aber Parker macht daraus keine Orgie der Adjektive und Adverben.

Neben diesen stilistischen Eigenheiten fielen mir die vielen (oben erwähnten) Anachronismen negativ auf, ebenso wie die positive Darstellung des US-Militärs, die man seit dem Irakkrieg und Abu Ghraib wohl so nicht mehr hinnehmen kann. Der Zahn der Zeit hat an diesem Buch heftig genagt. Aber Jack Reacher hat die Veränderungen überlebt – und kämpft noch heute gegen das Böse.

|Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel: Tripwire (Jack Reacher 3)
Aus dem US-Englischen von Wulf Bergner
ISBN-13: 978-3442356928|
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_Lee Child bei |Buchwurm.info|:_
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[„Ausgeliefert“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=905
[„Zeit der Rache“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=906
[„Der Janusmann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3496
[„Die Abschussliste“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4692
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[„Way Out“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5893
[„Trouble“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6756

Ken Follett – Die Nadel

Anno 1944: Ein deutscher Spion in der Liebesfalle

April 1944. Vor der schottischen Küste wartet ein deutsches U-Boot auf einen Spion. Man nennt ihn „Die Nadel“. Er hat bereits vier Mal getötet. Zwischen ihm und seinem Erfolg steht nur noch Lucy Rose, eine junge Engländerin. Doch wie soll eine einsame Frau, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und lange verdrängter Leidenschaft, einem Mann widerstehen, der zu allem bereit ist, um sein Ziel zu erreichen? (korrigierte Verlagsinfo)
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Klaus Peter Walter – Sherlock Holmes und der Werwolf

Der Meisterdetektiv unter dem Skalpell

Wir schreiben das Jahr 1897. Dr. John Watson liest mit Begeisterung den gerade erschienenen Roman „Dracula“ von Bram Stoker. Als wenig später in London eine blutleere Leiche gefunden wird, glaubt Watson an Vampire. Und dann begegnet ihm im Londoner Nebel ein Werwolf. Gemeinsam mit Sherlock Holmes, dem messerscharf deduzierenden Meisterdetektiv aus der Baker Street, begibt sich Watson auf eine phantastische Irrfahrt, die ihn bis in die finsteren Abwasserkanäle Wiens führen soll … (erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Klaus-Peter Walter wurde 1955 in Michelstadt, Odenwald, geboren. Er lebt heute in Bitburg, Eifel. Nach dem Studium der Slawistik, Philosophie und osteuropäischen Geschichte wurde er freier Publizist. Aufgrund einer schweren Infektion mit dem Holmes-Virus widmet er sich seit dem Gymnasium der Kriminalliteratur. Er gibt seit 1993 das Loseblatt-„Lexikon der Kriminalliteratur“ LKL heraus. Er schrieb 1995 „Das James-Bond-Buch“ und war Ko-Autor an „Reclams Krimi-Lexikon“. Er veröffentlichte zahlreiche Kriminalkurzgeschichten, so etwa „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ (2005) und „Der Tote vom Sewer“ (BLITZ-Verlag, 2006).

_Handlung_

|PROLOG|

Dr. Watson, der Chronist des Meisterdetektiv, ist anno 1929 von der Strahlenkrankheit gezeichnet, die er sich bei seinem letzten Abenteuer „Im Reiche des Cthulhu“ zugezogen hat. Holmes hingegen frönt unbeirrt und kerngesund der Bienenzucht, den von der A-Bombe hat er nichts abbekommen.

Im Tresor seiner Bank hat Watson zahlreiche Fallbeschreibungen weggesperrt, die erst 50 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden sollen. Einen dieser Fälle beschreibt der nun folgende Text aus dem Jahr 1897, bei dem es sich angeblich um eine „Fälschung“ handeln soll …

|Haupthandlung|

Dr. Watson liebt den neuen Roman „Dracula“ von Bram Stoker, was Holmes überhaupt nicht verstehen kann – diese elenden Hirngespinste! Er heftet lieber Zeitungsberichte ab. Aber eine Flut von Klienten bringt die beiden Herren auf eine neue, ziemlich merkwürdige Sache. Erst meldet ein geiziger Apotheker – Holmes hat ihn sofort durchschaut – einen Lykanthropen, also einen Werwolf.

Dann wird die Hand der Mumie von Julia Pastrana gestohlen, der behaartesten Frau aller Zeiten (vgl. das Sherlock-Holmes-Hörspiel „Die Affenfrau“ bei Titania Medien), schließlich verschwindet eine Leiche aus einem walisischen Grab. Hat sich der Verblichene Peter Griffith, der an einer tropischen Hautkrankheit litt, wieder vom Gottesacker gemacht?

Zu guter Letzt erhalten die beiden Herren ein völlig zusammengebackenes Manuskript, das Holmes erst mühselig restaurieren muss, um es lesbar zu machen. Es soll sich als der Schlüssel zu all diesen Vorkommnissen erweisen, doch sie müssen geduldig sein. Im dichten Londoner Nebel macht Watson einen Spaziergang, den der Lieferant des Manuskriptes nutzt, um sich unerkannt an ihn heranzumachen. Man stelle sich Watsons Schrecken vor, als er in ein schwarz bepelztes Gesicht blickt! Der Werwolf sagt, seine Auftraggeberin wolle Mr. Holmes dringend sprechen, doch wo und wann, bleibt unklar, denn der Lykanthrop versteckt sich erneut.

Dass jemand Holmes auf der Spur ist, beweist ein Zwischenfall im Hafen. Aus der Tatsache, dass der Lykanthrop lateinamerikanisches Spanisch sprach, schließt Holmes messerscharf, dass er vielleicht wie Julia Pastrana und ein Brief in der Umgebung des verschwundenen Peter Griffith aus Mexiko kam. Was läge näher, als sich einmal die Schiffe und Lieferungen aus dieser Weltgegend anzusehen?

Doch Holmes kehrt zu Watsons Bestürzung mit blutenden Stellen und einem bunt schimmernden Sammelsurium von Prellungen und Abschürfungen von dieser Expedition zurück. Er wäre im Hafen um ein Haar von zwei kräftigen Seeleuten – eindeutig russischer Herkunft – ins Jenseits befördert worden. Wie sich später zeigt, hatten sie ein buchstäblich „handfestes“ Interesse am Körper des Meisterdetektivs.

Doch die nächsten Ereignisse in London zeigen: Dieser Fall zieht weitere Kreise, als sie sich hätten träumen lassen.

_Mein Eindruck_

Die Spur des Drahtziehers führt nach Wien. Die Hauptstadt des k. u. k. Kaiserreichs wirkt wie ein exotischer Planet: andere Sprache, andere Charaktere, neumodische Erfindungen vs. uralte Traditionen. Der Verdacht kommt auf, dass an einem Ort wie diesem, wo sich ganze Völkerschaften begegnen, einfach alles möglich ist. Und so kommt es auch.

In London und Umgebung scheinen mindestens zwei Werwölfe aufzutreten, und das Dynamische Duo Holmes & Watson kommt ihnen schnell auf die Schliche. Doch der Überfall auf das Domizil des Drahtziehers, der diese Kreaturen in die Welt gesetzt hat, gerät statt zu einem Actionhöhepunkt zu einem Fiasko: Fast alle Beweise werden vernichtet.

Dieser bedauerliche Umstand macht das Manuskript einer gewissen Mariloup Antrennewski aus Mexiko, das Watson in deplorablem Zustand zugespielt worden ist, umso aufschlussreicher und wertvoller. Die Absenderin weiß, dass Watson als Mediziner Verständnis für ihre missliche Lage aufbringen kann: Hypertrichose. Diese Blutkrankheit verursacht eine übermäßige Fellbehaarung des Menschen wie bei einem Tier. Kommen noch Deformationen des Mundes hinzu, sieht der Betroffene aus wie ein Wolfsmann, wie ihn etwa Lon Chaney jr. 1941 in dem gleichnamigen Film verkörperte. Die Legende vom Werwolf findet also eine ganz natürliche Erklärung.

Was aber nichts an den Verbrechen Antrennewskis ändert oder an dem Leid des Hypertrichose-Opfers. Deshalb folgen Holmes und Watson dem Verbrecher nach Wien. Dort zieht der Autor eine weitere Monsterlegende als Vorlage heran, um einen haarsträubenden Plot in Szene zu setzen. Nur so viel sei verraten: Antrennewski leidet selbst unter einer schweren Krankheit und baut als Vermächtnis den „idealen Menschen“ aus Einzelteilen zusammen.

Die Krönung dieser Schöpfung wäre aber nun die Einpflanzung des brillantesten Gehirns des ganzen Planeten. Leider ist dessen ahnungsloser Besitzer überzeugt davon, es noch zu benötigen. Doch diesem Irrtum kann man schnell abhelfen, wie Dr. med. John Hamish Watson schon bald feststellen muss: Er soll das Gehirn seines besten Freundes verpflanzen …

Der Showdown, der unvermeidlich auf diesen Konflikt folgen muss, wird vom Autor genüsslich in die Länge gezogen. Auf die Vorbereitungsphase folgt die Krise, die gleich zwei explosive Folgeszenen hat, eine in einem Stadtpalast, die andere in den Abwasserkanälen von Wien. Ich hatte schon eine weitere Schießerei in den Kanälen à la „Der dritte Mann“ erwartet, als die Verfolgungsjagd wg. Gewitter und Überflutung abgebrochen wird.

Eigentlich schade, dachte ich mir, das hätte noch eine Weile weitergehen können. Schließlich lassen andere Autoren wie etwa Graham Greene und Neil Gaiman ihre Romane ebenfalls weitgehend unter Tage spielen. Aber der Autor wollte wohl nicht in die Gefahr geraten, ein weiteres Klischee zu erfüllen. Denn mit den Legenden um den Werwolf und Frankensteins Ungeheuer hat er bereits zwei Steilvorlagen umgesetzt. Ob ihm dies originell genug gelungen ist, muss jeder Leser selbst beurteilen. Ich fand den Eigenanteil des Autors ausreichend hoch, um ihm Eigenständigkeit bescheinigen zu können.

|Schwächen|

Womit ich mehr Probleme hatte, ist das Beiwerk des Romans. Schon der Prolog aus dem Jahr 1929 ist ganz schön depressiv, was Watson und seine Zukunftsaussichten anbelangt. Was dieser Prolog mit der Haupthandlung, dem „Manuskript der Fälschung“, zu tun hat, wird überhaupt nicht erklärt. Diese Geschichte ist eben nur ein weiterer der „lost cases“ des Meisterdetektivs, die Watson in einem Banktresor verschlossen hat. Das ist akzeptabel, wenn auch wenig befriedigend für den Leser. Der kommt sich ein wenig veräppelt vor, eine „Fälschung“ lesen zu sollen.

Noch dazu nimmt sich diese Fälschung selbst gar nicht ernst. Das heißt, der Autor pfeift auf die Fiktion einer Fälschung – er hat sie ja selbst vorgenommen – und setzt fröhlich eine Fußnote nach der anderen, in denen er seine Mitwirkung mehr oder weniger stolz zugibt, rechtfertigt und belegt. Wäre es bei Belegen für die Realia geblieben, wie etwa Namen, Werke oder Erfindungen, so hätte die Fiktion des Manuskripts funktioniert. Doch der Autor verweist wiederholt auf eigene Werke wie etwa „Sherlock Holmes und das Reich des Cthulhu“.

|Postmodern|

Dass gegen Ende auch noch die Fiktion des James-Bond-Universums – Mycrofts Nachkomme wird einfach zu „M“ hochstilisiert – kreiert wird, setzt der postmodernen Konstruktion die Krone auf. Offensichtlich lässt sich im Holmes-Universum grenzenlos weiterfabulieren, und pfeif auf die Plausibilität!

Andere Autoren machen sich wenigstens die Mühe, ihre Geschichte in die wohlbekannte Biografie des Helden einzubauen (z. B. in „Sh. Holmes und die geheimnisvolle Wand“), doch Walters Watson braucht einfach nur in seinen Tresor zu greifen, um einen weiteren „lost case“ hervorzuzaubern. Das Karnickel aus dem Zylinder lässt schön grüßen.

|Watson|

Ich mag die Figur des Dr. John Hamish Watson sehr, denn sie verleiht der Holmes-Figur durch ihre Genussfreundlichkeit, ihren medizinischen Sachverstand und ihre Kriegserfahrungen aus Afghanistan (heute wieder sehr aktuell) eine Erdenschwere, die dem Freigeist Holmes völlig abgeht. Diesmal aber übertreibt es der Autor Walter mit dem Genuss. Watsons Völlerei (eine der sieben Todsünden der Bibel) ist geradezu abstoßend, gerade in der Caféhausszene vor seiner Entführung.

Man kann aus Höflichkeit zweimal zu Abend essen, okay, aber man muss sich nicht schon wieder am nächsten Tag den Bauch vollschlagen. Über den Umfang selbigen Bauches erfahren wir nichts, aber er dürfte beträchtlich sein und Watson in seinen Aktionen eher behindern als fördern. Das wiederum rückt Watson in die Nähe jener klischeehaften Verfilmungen mit Basil Rathbone und Peter Cushing, in denen er als tumber Hedonist auftritt. Ich finde, dass der Autor Walter seinem Co-Helden damit keinen Gefallen tut.

Auf dem Buchrücken ist übrigens J. J. Preyer als Autor dieses Buches genannt! Ist es also von A bis Z eine Fälschung?

_Unterm Strich_

Und deshalb habe ich den Roman mit gemischten Gefühlen gelesen. Die Ermittlungen gehen flott voran und erhalten durch Mariloups Manuskript eine tiefe, anrührend menschliche Dimension. Auch die Action kommt regelmäßig zu ihrem Recht, besonders in dem lang hinausgezogenen Wiener Finale. Zahlreiche neue Erfindungen jener Zeit um 1900 wie etwa industrielle Kühlung untermauern die historische Erdung des Geschehens.

Dass der Fall zur Entdeckung der vier Blutgruppen beiträgt, ist eine feine Konsequenz (an der Watson maßgeblichen Anteil hat). Blut, soviel wird klar, „ist ein ganz besond’rer Saft“, um mit Goethe zu sprechen. Schon die Lektüre von Bram Stokers Roman „Dracula“, erschienen 1897, schlägt das Generalthema an: Blut kann Segen, aber auch Fluch sein.

Es war die Aufgabe des Autors, die Klischees der Legenden „Dracula“, „Wolfsmann“ und „Frankensteins Ungeheuer“, die er zitiert, mit Leben zu erfüllen. Dieser Aufgabe entledigt er sich recht plausibel und glaubwürdig, auch wenn so mancher Leser schon ahnen dürfte, was als Nächstes kommt. Ich kam mir jedenfalls stellenweise in eine Wundertüte voller UNIVERSAL-Monsterfilme versetzt vor, wie sie zwischen 1931 und 1941 produziert wurden.

Dass der Autor ständig mit Holmes und anderen Klassikern der Kriminalliteratur (s. seine Biografie) zu tun hat, muss kein Nachteil sein, wie die detailreiche Handlung belegt. Doch diese Referenzen ständig in Fußnoten, die auf fast jeder Seite auftauchen, zu erwähnen, wirkt nach einer Weile nicht hilfreich, sondern selbstverliebt. Diese Fußnoten rufen laut: „Schaut her, wie viel ich weiß und was ich alles gelesen habe! Ist das nicht toll?!“ Nein, das ist nicht toll, sondern lenkt den Leser nur von der eigentlichen Geschichte ab. Und es gibt keine effektivere Methode, die eigene Fiktion zu zerstören, als alles darin zu erklären, als handle es sich um ein Lexikon.

Taschenbuch: 272 Seiten inkl. Leseprobe
ISBN-13: 978-3898403382
Blitz

Melanie Raabe – Die Wälder

Inhalt

Als Nina die Nachricht erhält, dass Tim, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet gestorben ist, bricht eine Welt für sie zusammen. Vor allem, als sie erfährt, dass er sie noch kurz vor seinem Tod fast manisch versucht hat, zu erreichen. Und sie ist nicht die Einzige, bei der er sich gemeldet hat. Tim hat ihr nicht nur eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen, sondern auch einen Auftrag: Sie soll seine Schwester finden, die in den schier endlosen Wäldern verschwunden ist, die das Dorf, in dem sie alle aufgewachsen sind, umgeben. Doch will Nina das wirklich? In das Dorf und die Wälder zurückkehren, die sie nie wieder betreten wollte … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ob sie es will oder nicht, sie tut es. Bereits die Reise, die Tim vorbereitet hat, erweist sich als Herausforderung: der Chauffeur hat es in sich, dann kommen noch ein problematischer Anhalter und ein verstörender Zwischenstopp dazu…

Melanie Raabe – Die Wälder weiterlesen

Parker, Robert B. – Stardust – Ein Spenser-Krimi

_Spenser auf Spurensuche: Das Kind in der Diva_

Seine Freundin Susan bittet Spenser, auf Jill Joyce, die Hauptdarstellerin der TV-Serie „50 Minutes“ aufzupassen und herauszufinden, wer sie belästigt. Nach dem Mord an Jills Double macht sich Spenser auf die Suche nach dem Hintergrund der zickigen Schauspielerin, die dem Alk verfallen ist. Was er findet, ermutigt ihn nicht gerade. Und als er zurückkehrt, verschwindet Jill auch noch. Ist sie entführt worden?

Der deutsche Titel dieses „Spenser“-Krimis lautet „Starallüren“. Wie einfallsreich.

_Der Autor_

Der US-Autor Robert B. Parker, 1932-2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Parker lebte in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen fast alle seine Krimis.

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) „Night and Day“
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) „Family Honor“
2) „Perish Twice“
3) „Shrink Rap“
4) „Melancholy Baby“
5) „Blue Screen“
6) „Spare Change“

Unter anderem in der „Spenser“-Reihe, die derzeit 39 Romane umfasst, erschienen:

[„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818 , „Widow’s Walk“, „Potshot“, „Hugger Mugger“, „Potshot“, „Small Vices“, „Bad Business“, „Back Story“ …

Und viele Weitere.

Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) „und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten „Chandler“-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

_Handlung_

Spensers Freundin Susan Silverman, die Psychologin, ist als „technische Beraterin“ von einer Filmproduktionsfirma angeheuert worden. Zenith Meridien dreht gerade in Boston eine Folge der TV-Serie „Fifty Minutes“, mit der etwa 40-jährigen Diva Jill Joyce in der Hauptrolle. Jill ist Amerikas Darling und der größte Zuschauermagnet seit dem „Denver-Clan“. Dumm nur, dass sie so eine Zicke ist, findet Spenser. Er soll herausfinden, wer sie am Telefon belästigt, doch als er sie zum ersten Mal allein sprechen kann, betrinkt sie sich und will ihn ins Bett kriegen. Dabei baumelt hinter ihr eine gehängte Puppe von ihr selbst von der Decke …

Klar, dass Jill jetzt irgendwie in Gefahr zu schweben scheint und Schutz braucht. Doch sie provoziert weiterhin ihre Beschützer. Eines Morgens will ein früherer Verehrer sie allein in seinem Auto sprechen, was Spenser nicht zulassen kann. Er schlägt den Bodyguard zusammen, was ihm bei ihr ein paar Pluspunkte einbringt. Vorerst. Als er den Herrn des Bodyguards, einen Mister Rojack, besucht, bringt die Unterhaltung ein wenig Licht in das Liebesleben der Diva, über das sie selbst absolut nichts sagen will. Es gibt sogar einen jungen Mann , der in den nahen Wäldern lebt, der tatsächlich noch mit ihr verheiratet ist. Die beiden stammen aus San Diego oder L. A. Wilfred Pomeroy ist harmlos, findet Spenser und erwähnt ihn der Polizei gegenüber nicht. Böser Fehler.

Als Jills Double erschossen aufgefunden wird, sieht Spenser keine andere Möglichkeit herauszufinden, wer es auf sie abgesehen hat, als selbst an die Westküste zu reisen und Jills Hintergrund zu recherchieren. Nacheinander treibt er folgende Individuen auf, von denen sie ihm nichts erzählt hat:

1) Ihre Mutter Vera, eine apathische und arbeitslose Alkoholikerin.
2) Den Vater ihrer Tochter, einen Gangsterboss, mit dem nicht zu spaßen ist.
3) Ihren Vater, einen alten, aber rüstigen Mann, der einen Revolver besitzt.
4) Und ihren Agenten, der Spenser auf die Palme bringt.

Mit so vielen Erkenntnissen, aber keiner Spur in der Tasche kehrt der Privatdetektiv nach Boston zurück. Nur um gesagt zu bekommen, dass sein Schützling ihren Beschützern ein Schnippchen geschlagen hat. Sie zog klammheimlich in ein anderes Hotel, doch von dort verschwand sie am nächsten Morgen spurlos. Wurde sie entführt?

_Mein Eindruck_

Obwohl dieser „Spenser“-Krimi die gleichen Zutaten aufweist wie die anderen, hat er mich nicht recht überzeugt. Wieder folgt Spenser den Spuren in die Vergangenheit einer Frau, genau wie in „Paper Doll“ und stößt dort auf zahlreiche Ungereimtheiten und sogar Verbrechen. Natürlich ist „Jill Joyce“ nur ihr Künstler- und nicht ihr richtiger Name: Sie wurde als Jill Zabriskie geboren. Da sie, wie Jesse Stones Exfrau Jenn, ebenfalls Schauspielerin werden sollte, nahm sie einige Demütigungen auf sich, ließ sich mit dem aufstrebenden Gangsterboss Victor del Rio ein und bekam von ihm ein Kind. Das gab sie zur „Adoption“ an ihn frei, im Gegenzug für zahlreiche Starthilfen bei Film und Fernsehen – ihr unaufhaltsamer Aufstieg begann.

Der Autor demontiert hier den Mythos der strahlenden Leinwandgöttin ebenso wie den der unschuldig handelnden, aber sexy aussehenden Seelenhelferin, den die Amis so lieben. Beides wird als Lüge entlarvt. Und wie schon in „Paper Doll“ haben der Alkoholismus und die Nymphomanie der Diva sehr viel mit dem zu tun, was ihr in der Kindheit und Jugend angetan wurde, auch in der eigenen Familie.

All die Wiederholungen der gleichen Motive lassen diesen Krimi – der drei Jahre vor „Paper Doll“ veröffentlicht wurde – auf mich nicht gerade originell wirken. Hinzukommt, dass der Autor mehrere seiner vorangegangenen Romane zitiert, die ich noch gar nicht gelesen habe – so als wolle er sich bei seiner Lesergemeinde anbiedern. So wird auf Paul Giacomin Bezug genommen, der in „Pastime“ eine wichtige Rolle neben Spenser spielt. Andererseits würde es merkwürdig wirken, täte sich der Detektiv NICHT an seine früheren Fälle erinnern, nicht wahr? Amnesie wirkt nicht geradezu professionell bei einem Ermittler.

Immerhin hat mir der Schluss sehr gut gefallen. Die wiederbeschaffte Jill muss sich von einem seelischen Zusammenbruch erholen und Spenser gewährt ihr die nötige Ruhe und Stille in einer einsamen Hütte im Wald. Nur die drei Hunde des dahingeschiedenen Wilfred Pomerey leisten den beiden Gesellschaft. Und tatsächlich sind die Hunde die einzigen, auf die die Frau wieder anspricht. Während die Filmgesellschaft, die Polizei, die Medien und natürlich Rojack allesamt durch Spenser abgewehrt werden, scheint sich Jill Zabriskie endlich wieder seelischer Gesundheit anzunähern. Doch kann Spenser allein bestehen? Er wird Hilfe brauchen …

|Fehler|

Auf Seite 79 verwechselt der Autor ganz klar die beiden Namen Rojack und Randall miteinander. Kann jedem Autor passieren, sollte aber jedem Lektor auffallen.

_Unterm Strich_

Dadurch, dass ich dieses ältere Buch vor dem drei Jahre später veröffentlichten Krimi „Paper Doll“ (1993) gelesen habe, wirken seine Ideen wie eine Wiederholung der gleichen Grundmuster und Kernmotive: Die Reise in die Vergangenheit einer bedrohten oder getöteten Frau rüttelt an den Legenden, die sie umgeben, sowie an diversen anderen Glaubenssätzen. Diesmal sind nicht der tiefe Süden oder ein Senator das Ziel der Kritik, sondern das Mediengeschäft, das erbarmungslos den Marktwert eines Menschen ausbeutet, um Kasse zu machen. Klar, dass dies nicht allzu lange gutgehen kann.

In seiner lässigen, aber unerschrockenen und integren Art führt Spenser die Ermittlung bis zu ihrem logischen Showdown. Das ist für Kenner und Neulinge sicher recht spannend, aber ich fand die langen detaillierten Beschreibungen der Umgebungen, in die der Held vordringt ermüdend und nutzlos. Außerdem sind die Cops immer die Guten, auch wenn es mal ein paar schwarze Schafe drunter gibt – im Großen und Ganzen sind sie alle okay. Dass dies nicht stimmt, zeigen die Krimis von Stuart MacBride, Ian Rankin und vor allem von Michael Connelly.

Für die besten Szenen sorgen Susan Silverman, Spenser und sein schwarzhäutiger Kumpel und Helfer Hawk. Diese dynamische Trio liefert nicht nur die besten Einzeiler, sondern auch jede Menge schwarzen Humor, der auch mich ins Schmunzeln brachte und gut unterhielt. Das bewahrt den Krimi vor weiteren Punktabzügen.

|Taschenbuch: 289 Seiten
ISBN-13: 978-0425127230|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/berkley.html

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066

Ian Rankin – The Complaints / Ein reines Gewissen (Malcolm Fox 1)


Schotten-Ermittler als schlauer Fuchs

Die Beamten der »Internen Ermittlungen« haben innerhalb der Polizei keinen leichten Stand, schließlich nehmen sie ihre eigenen Kollegen ins Visier. Daher will auch bei Malcolm Fox und seinem Team in Edinburgh keine Feierstimmung aufkommen, als sie wieder einmal einen korrupten Officer überführen konnten.

Auch private Probleme machen Fox das Leben schwer: Sein zunehmend gebrechlicher Vater Mitch lebt in einem Pflegeheim, und Schwester Jude deckt ihren Lebenspartner, der sie vermutlich schlägt. So stürzt sich Fox nur zu gern in den nächsten Fall: Ein Polizist steht unter Verdacht, Kinderpornographie zu verbreiten, und Fox wird auf ihn angesetzt. Doch je näher er dem Mann kommt, desto mehr ist er von dessen Unschuld überzeugt. Und als sich Fox plötzlich mit dem Vorwurf des Mordes konfrontiert sieht, sitzen Jäger und Gejagter im selben Boot … (dt. Verlagsinfo)
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Deaver, Jeffery – faule Henker, Der

Auch du kannst ein Zauberer sein!

Qualvoll stirbt ein junges Mädchen in einer New Yorker Musikschule. Der Mörder flieht in einen fensterlosen Hörsaal. Als die Polizei den Raum stürmt, ist er leer. Lincoln Rhyme, der geniale gelähmte Kriminalist, und seine Partnerin Amelia Sachs ermitteln in ihrem fünften – und schwierigsten – Fall: auf den Spuren eines Mörders, dessen Metier das Unmögliche ist. (Verlagsinfo)

Der Autor

Jeffery Deaver ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Thriller-Autoren. Seine wichtigste Figur ist der querschnittsgelähmte Ermittler Adrian Lyme, so etwa in dem verfilmten Krimi „Der Knochenjäger“ (mit Denzel Washington & Angelina Jolie).

Deaver hat aber auch Polit- und Technik-Thriller geschrieben sowie diverse Pseudonyme benutzt. Zuletzt erschienen von ihm der Thriller [„Der faule Henker“ 602 im August 2004, ein klassisches Locked-Room-Mystery, und „Todesreigen“ im Mai 2005.

Die Lincoln-Rhyme-Reihe

1997 The Bone Collector. – Die Assistentin. dt. von Hans-Peter Kraft: Goldmann, München 1999, ISBN 3-442-41644-2. – auch als: Der Knochenjäger. dt. von Hans-Peter Kraft: Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-43459-9.

1998 The Coffin Dancer. – Letzter Tanz. dt. von Thomas Müller und Carmen Jakobs: Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-41650-7.

2000 The Empty Chair. – Der Insektensammler. dt. von Hans-Peter Kraft: Blanvalet, München 2001, ISBN 3-7645-0128-6.

2002 The Stone Monkey. – Das Gesicht des Drachen. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2003, ISBN 3-7645-0160-X.

2003 The Vanished Man. – Der faule Henker. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2004, ISBN 3-7645-0179-0.

2005 The Twelfth Card. – Das Teufelsspiel. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2006, ISBN 3-7645-0201-0.

2006 The Cold Moon – Der gehetzte Uhrmacher. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2007, ISBN 3-7645-0202-9.

2008 The Broken Window – Der Täuscher. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2009, ISBN 978-3-7645-0296-6.

2010 The Burning Wire. – Opferlämmer. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2011, ISBN 978-3-7645-0335-2.
2014 The Kill Room. – Todeszimmer. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2014, ISBN 978-3-7645-0482-3.

2014 The Skin Collector. – Der Giftzeichner. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2015, ISBN 3-7645-0538-9.

2016 The Steel Kiss – Der talentierte Mörder dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2017, ISBN 3-7645-0592-3.

2017 The Burial Hour – Der Komponist. dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, München 2018, ISBN 978-3-7645-0646-9.

2018 The Cutting Edge Hodder, ISBN 978-1-4736-1876-3 – Der Todbringer dt. von Thomas Haufschild: Blanvalet, 2019, ISBN 978-3-7645-0714-5.

Mehr Info: http://www.jefferydeaver.com.

Handlung

Als die zwei New Yorker Polizistinnen in den Raum eindringen, ist es bereits zu spät. Die junge Frau auf dem Boden kriegt keine Luft mehr. Ihre Hände wurden ihr auf dem Rücken gefesselt und eine Seilschlinge um ihren Hals gelegt, deren Enden mit den Fußfesseln verbunden sind. Durch diese Haltung hat sie sich selbst stranguliert. Harry Houdini, so ahnt noch niemand, hat diese Fesselungsart aus offensichtlichen Gründen als den „faulen Henker“ bezeichnet.

Der Mörder kniet noch über seinem Opfer, kann aber den Polizistinnen entkommen und flieht in einen Hörsaal. Weil er angeblich eine Geisel bei sich hat, dringen die beiden Cops erst spät ein – wieder zu spät. Der Hörsaal ist leer. Aber er hat weder Fenster noch eine unbewachte Tür. Wie also ist der Täter entkommen? Oder ist er etwa noch im Gebäude?

Dem gelähmten Kriminalisten Lincoln Rhyme und seiner Partnerin Amelia Sachs, die gerade die Prüfung zum Detective Sergeant beim NYPD abgelegt hat, ist klar, dass dieser Mörder keineswegs das erste Mal zugeschlagen hat. Zu demonstrativ ist seine Vorgehensweise, bei der er sich der Tricks großer Illusionisten und Entfesselungskünstler wie Houdini bedient. Exakt vier Stunden später schlägt er erneut zu. Wieder hinterlässt er einen beeindruckenden Beweis seiner Täuschungskunst (einen besonders blutigen „Trick“), und wieder lässt er die Ermittler ratlos zurück: Was ist Trick? Was ist Wirklichkeit?

Sachs und Rhyme gelingt es, die junge Zauberkünstlerin Kara als Beraterin zu engagieren. Sie soll ihn über die psycholgischen Hintergründe der Illusionswirkung (z. B. die bekannte „Trägheit des Auges“) und die Tricks der großen Könner aufklären. Kara kennt die Flucht aus einem Raum ohne Ausgang als klassischen Illusionistentrick namens „Der Verschwundene“ (siehe den O-Titel) und den ersten Mord selbst als „Der faule Henker“. Das Trio einigt sich darauf, den Gesuchten als den „Hexer“ zu bezeichnen. Das gefällt bestimmt auch den Medien.

Parallel dazu scheint sich ein ganz anderer Handlungsstrang zu entwickeln. Auf den New Yorker Bezirksstaatsanwalt Grady hat es eine rassistische weiße Organisation abgesehen, und Rhyme soll zu den gefundenen Spuren eines Einbruchs die richtigen Hinweise und Schlussfolgerungen liefern. Das lenkt ihn von der Gefahr ab, die sich ihm selbst von anderer Seite nähert.

Seine dritte Vorstellung hat der Hexer sehr sorgfältig vorbereitet, doch ausgerechnet sie geht schief. Als er bereits auf einem Kunsthandwerksmarkt von Polizisten umzingelt ist, kann sich der Hexer in einer weiteren seiner zahllosen Verkleidungen verbergen. Dabei belauscht er Amelia Sachs, wie sie Lincoln Rhymes Namen ins Handy spricht. Jetzt weiß der Hexer endlich, wer ihn jagt.

Für Lincoln Rhyme, den Gelähmten, der sich nicht vom Fleck rühren kann, bereitet er eine ganz besonders heiße Nummer vor: Er bezeichnet sie als „Der Eingeäscherte“ …

_Mein Eindruck_

Hier wird der Leser nach allen Regeln der Kunst hinters Licht geführt. Aber Lincoln Rhyme ergeht es wenig besser, selbst wenn er sein Täterprofil ständig aktualisiert und verfeinert. (Wer will, kann sich selbst einen Reim auf dieses Profil machen, ohne sich um die Schlussfolgerungen Rhymes zu scheren). Fast der ganze Roman ist eine einzige, komplexe Illusionsshow. Um den Spaß nicht zu verderben, darf ich nicht zu viel davon verraten.

|Täuschungen und Falltüren|

Zunächst sieht es so aus, als hätte es der Täter, der sich als meisterlicher Illusionist, Taschenspieler, Verkleidungs- und Entfesselungskünstler herausstellt, auf Rache abgesehen – an Leuten wie dem Maskenbildner, der Clownin/Musikantin und der Reiterin. Dann fällt der Verdacht zunehmend auf die Sache mit Bezirksstaatsanwalt Charles Grady, dem einige „Patrioten“ ans Leder wollen. Doch ist das vielleicht nur ein weiteres Ablenkungsmanöver, um von einer Bombe, die der Täter im Zelt des im nahen Central Park gastierenden Zirkus platziert hat, abzulenken? Und selbst, als man des Täters schon habhaft geworden ist und ihn ins Untersuchungsgefängnis bringt, zaubert er noch eine böse Überraschung hervor.

|Illusionisten unter sich|

Amelia Sachs hat als die Frau mit dem Sinn fürs Praktische keine Chance, den nächsten Zug des Täters vorauszuberechnen, geschweige denn, ihn zu durchschauen. Ganz anders hingegen Lincoln Rhyme. Der querschnittsgelähmte Meisterdetektiv mit der Vorliebe für schottischen Single Malt Whisky behält den Überblick und die Nerven – kein Wunder: Es ist ja nicht sein Hintern, der sich in der Schusslinie befindet. Daher gelingt es ihm, mit Karas Hilfe die „Methode“, also die Art und Weise, wie der Täter seine Illusionen bewerkstelligt, zu durchschauen und einem Muster zuzuordnen. Das Muster besteht meist aus einem Zaubertrick, den schon einer der Meister aufgeführt hat, beispielsweise Harry Houdini.

Kara bringt es an einer Stelle auf den Punkt: Auch Rhyme könnte ohne weiteres als Illusionist auftreten, denn er beherrscht die Kunst, sein Gegenüber zu beeinflussen, abzulenken und gleichzeitig etwas ganz anderes zu tun. Das bekommt auch der Täter zu spüren. Leider ist Rhymes „Methode“ zwar gut, aber ihr „Effekt“ – die Illusion an sich – nicht natürlich genug, um den Täter, einen Experten auf diesem Gebiet, täuschen zu können.

Mehr als einmal fragen sich Amelia Sachs und ihre Kollegen auf der Straße, ob der „Hexer“ in einer seiner tausend Verkleidungen gerade durch ihr Blickfeld spaziert. Dr. Mabuse lässt schön grüßen. Was ist Trick und Illusion, was ist echt? Kara bringt es noch einmal auf den Punkt: Die Erinnerung an die Vergangenheit ist unzuverlässig und trügerisch (sie hat eine Mutter, die unter Alzheimer leidet), und über die Zukunft können wir nur Vermutungen und Spekulationen anstellen. Was bleibt uns also? Die Illusion der Existenz im Augenblick der Gegenwart …

Wie einfach sich der Zustand der wahrgenommenen Realität manipulieren lässt, demonstrieren Rhyme und Kara in einer der finalen Szenen auf schlagende Weise. Der Leser selbst wird ebenso wie Amelia Sachs und andere derart überzeugend in die Irre geführt, dass man das Gefühl hat, es würde sich eine weitere Falltür in der Wirklichkeit öffnen – und welche Schrecken lauern wohl darunter?

|Die große Show|

Wie gesagt, ist der ganze Roman eine einzige große Illusionsvorstellung. Der Hexer wendet sich sogar persönlich an uns, sein „verehrtes Publikum“! Was haben Kriminalisten wie Rhyme dem entgegenzusetzen? Rhyme pocht immer wieder auf das Duo „Wissenschaft und Logik“ – in Eschbachs neuem Roman [„Der Nobelpreis“, 2060 in dem es ebenfalls um Illusion und Naivität geht, setzt der Autor auf möglichst viele Knoten vernetzten Wissens. Auch eine Methode, der Illusionen beizukommen, die uns überall untergejubelt werden sollen (allzu oft sogar von der eigenen, selbstgewählten Regierung).

|Trost der Logik|

Die Logik mag eisernen Gesetzen wie der Mathematik gehorchen, aber wie sieht es mit der Wissenschaft allgemein aus? Bekanntlich hat sie sich im Laufe der Jahrhunderte seit Kopernikus und Galilei gewaltig verändert, und wenn man sich die neuesten Trends in der Quantenphysik (z. B. Stringtheorie) ansieht, so scheint die Realität mehr aus einer Art Schaum zu bestehen als etwas Solidem. Rhymes Pfleger Thom bringt auch das ironisch auf den Punkt: „Er [Rhyme] meint seinen Bauch.“ Die Realität der Kriminaler, sie ist nicht schwarzweiß, sondern grau. Jeder muss wählen, auf welcher Seite er stehen will. Rhyme dachte sogar einmal daran, auf die Seite des Verbrechens überzulaufen, erfahren wir. Es wundert uns keineswegs. Der Akt der Wahl zwischen Recht und Verbrechen verändert die Realität, in uns und um uns herum. Die Realität, um es mit Sartre und Camus zu sagen, ist also ein moralischer Akt. Oder um es mit Kästner zu sagen: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“

_Unterm Strich_

Wieder einmal könnte man großzügig Jeffery Deaver Genialität bescheinigen, was die Entwicklung eines ausgeklügelten Roman-Plots angeht. Allerdings erweckt er diesmal den Eindruck, zu viel des Guten getan zu haben, will heißen: Der Zuschauer sitzt in Deavers Illusionistenshow (= Roman) und hält das, was er gezeigt bekommt, zunächst für ganz toll, dann für verblüffend, dann aber schließlich nicht nur für unwahrscheinlich, sondern – an dem Punkt, an dem der Unglaube das Handtuch wirft – sogar für beliebig. Das ist das Schlimmste, was einem ambitionierten Romanautor passieren kann. Da hätte er ja gleich einen Groschenroman hinfetzen können, für ein Zehntel des Aufwands.

Damit aber der Unglaube eben nicht siegt, sondern selbst der verblüffte Verstand dem Geschehen mit Interesse weiter folgt, hätte der Autor vielleicht noch mehr Wert auf die Erklärungen all der gezeigten Tricks legen müssen. Manchem Leser reicht es eben nicht, dass der Hexer selbst seine Tricks erklärt und warum er all diese Mühe auf sich nimmt. Mehr als einmal dürfen wir seinen Gedankengängen folgen. Sollen wir ihn bewundern oder einfach nur versuchen, sein Tun zu begreifen? Sicherlich das zweite, vielleicht aber sogar das erste, auch wenn das Tun in einem raffinierten Verbrechen besteht.

Deaver stellt uns, genau wie Rhyme, vor die Wahl, den Verbrecher als Manipulator der Realität zu bewundern oder ihn als großen Manipulator zu verdammen, weil er dabei Menschen – quasi als Statisten seiner Reality-Show – in den Tod reißt. Vielleicht zeigt uns Kara einen Weg, aus dem Dilemma herauszukommen: Sie wählt die Selbständigkeit als Zauberkünstlerin, gegen den Wunsch ihres Mentors, der sie quasi für immer als Schülerin an sich binden will. Ergo: Auch wir können Zauberkünstler sein!

Man sieht also: In jedem Fall gibt der ausgefeilte Thriller eine Menge Stoff zum Nachdenken, von der spannenden Unterhaltung mal ganz abgesehen.

|Originaltitel: The vanished Man, 2003
479 Seiten
Aus dem US-Englischen von Thomas Haufschild|