Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

S. S. Van Dine – Der Mordfall Skarabäus

In einem Privatmuseum wird ein Mann erschlagen; alle Spuren weisen auf den gelehrten Hausherrn hin, was in dieser übertriebenen Klarheit den skeptischen Privatdetektiv Philo Vance auf den Plan ruft … – Der fünfte Band der Vance-Serie ist ein höchst komplexer, beinahe abstrakter Rätsel-Krimi, der dennoch (und trotz des unsympathischen Helden) genrereinen, nostalgisch unterhaltsamen Lesestoff bietet. S. S. Van Dine – Der Mordfall Skarabäus weiterlesen

John Connolly – Die Bruderschaft der Nacht [Charlie Parker 9]

Geldgierige US-Soldaten haben sich im Irak an Altertümern vergriffen und dabei drei Wüstendämonen abgegriffen, die in den USA ihre mörderischen Tücken fortsetzen … – Privatdetektiv Charlie Parker gerät abermals in einen Kriminalfall mit übernatürlichen Elementen. Diese Mischung hat ihre anfängliche Faszination zwar weitgehend eingebüßt, dennoch ist „Die Bruderschaft der Nacht“ immerhin & abermals ein spannender, gut geschriebener Thriller. John Connolly – Die Bruderschaft der Nacht [Charlie Parker 9] weiterlesen

Ngaio Marsh – Mord in der Klinik

marsh-mord-klinik-cover-1993-kleinPech für den beruflich wie privat verhassten Innenminister: Der Zufall bringt ihn in ein mit Todfeinden gut besetztes Krankenhaus, was er nicht überlebt und Inspektor Alleyn vor ein kompliziertes Mordrätsel stellt … – Sehr klassischer „Whodunit“ aus der großen Zeit des Genres, verfasst von einer (noch etwas unsicheren) Meisterin und deshalb inhaltlich wie formal ein Paradebeispiel für den Lese-Spaß am Miträtseln.
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Stone, Nick – Todesritual

_Das geschieht:_

Der ehemalige Polizist Max Mingus ist tief gefallen. Sieben Jahre hat er im Gefängnis gesessen. Jetzt muss er sich als Privatermittler in Miami durchschlagen und untreuen Ehepartnern hinterher schnüffeln. Diese traurige Routine wird durch den Mord an Eldon Burns unterbrochen. Der ehemalige stellvertretende Polizeipräsident war einst Mingus‘ Chef und Ziehvater in der „Miami Task Force“, die in den 1970er und 80er Jahren verdächtige Schwerverbrecher jagte und oft genug kurzerhand umlegte.

Offenbar wollte sich jemand an Burns und der MTF rächen, was sich bestätigt, als wenig später ein weiteres Ex-Mitglied ermordet wird. Joe Liston war Mingus‘ bester Freund und hatte ihn kurz vor seinem Tod um Hilfe gebeten. Offenbar hat sich die ehemalige Bürgerrechtlerin Vanetta Brown auf einem Rachefeldzug begeben, bevor sie der Krebs tötet. Die MFT hatte 1968 im Rahmen einer Razzia das Hauptquartier der Organisation „Schwarze Jakobiner“ gestürmt und dabei Browns Ehemann und Tochter erschossen. Sie selbst soll einen Polizisten getötet haben und wird seitdem vom FBI als „Terroristin“ verfolgt. Brown konnte sich nach Kuba absetzen, wo ihr Fidel Castro Asyl gewährte, um die verhassten USA zu brüskieren.

Wendy Peck, die Tochter des umgekommenen Polizisten, ist aktuell beim Heimatschutz tätig. Sie will um jeden Preis Vergeltung für ihren Vater und zwingt Mingus unter Beugung des Gesetzes, sich ihr als Instrument zur Verfügung zu stellen. Er soll als Urlauber nach Kuba reisen, um dort Vanetta Brown zu suchen und in die Vereinigten Staaten zu verschleppen. Mingus sagt scheinbar zu, weil er den Mord an Joe Liston klären will.

Kuba ist eine Diktatur im Belagerungszustand. Das Regime lässt Mingus beschatten. Brown wird nicht nur von der Polizei und vom Geheimdienst, sondern auch von ehemaligen Bürgerrechtlern abgeschirmt, die ebenfalls nach Kuba flüchteten. Zu allem Überfluss muss Mingus feststellen, dass sich Brown mit der Abakuà eingelassen hat, einer Sekte, die in Kuba die Rolle der Mafia übernommen hat und vor der sich sogar Castros Schergen fürchten …

_Marionette mit Strick um den Hals_

Der ehrliche Polizist oder Privatdetektiv ist verloren aber standhaft in einer verdorbenen Welt. Für seine Prinzipien dankt ihm das Schicksal mit miserablen Einkünften, privater Einsamkeit und dem Groll der kriminellen Mächtigen, die ihn regelmäßig ermorden wollen oder ihn wenigstens ausgiebig verprügeln lassen. Der so malträtierte Ermittler wird zum Ritter, der seiner Herrin Justizia in guten (selten) und in schlechten (Normalzustand) Tagen die Treue hält.

Max Mingus gehört in die lange Reihe dieser Helden. Er ist ganz modern sogar besonders tragisch, weil er (scheinbar) gegen den Kodex verstoßen hat: Mingus war in jungen Polizei-Jahren Mitglied einer gesetzlich sanktionierten aber moralisch verkommenen Lynch-Truppe, die dreist Selbstjustiz praktizierte. Später nahm er 20 Mio. Dollar Drogengeld an sich, statt es der Polizei zu übergeben. Im Gefängnis hat er ebenfalls gesessen und es vorzeitig nur verlassen können, weil alte und nicht gerade unbescholtene Freunde im Hintergrund entsprechende Verbindungen spielen ließen.

Aber wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Mingus ist durch seine Fehler erst recht zum Helden geworden – zu einem gefallenen und dadurch menschlichen Helden. Dem Vigilantentum hat er abgeschworen, das meiste Schwarzgeld wohltätigen Zwecken zugeführt. Er schläft schlecht, weil ihn trotzdem das Gewissen plagt. Tatsächlich wirkt er als ermittelnder Schmerzensmann ein wenig übertrieben, wenn ihm Autor Nick Stone quasi im Minutentakt einen neuen Knüppel zwischen die Beine wirft.

|Ein neues Land, das alte Unrecht|

Die ersten beiden Mingus-Romane spielten zentral auf der Insel Haiti. Die als Krimis aufgezogenen Geschichten dienten Stone der Darstellung eines Unrechts, das dem glücklicheren Rest der Welt unbekannt ist oder verdrängt wird. Haiti war und ist ein Land, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Was dies bedeutet, wusste Stone in „Mr. Clarinet“ (dt. „Voodoo“) und „The King of Swords“ (dt. „Der Totenmeister“) ebenso meisterhaft wie drastisch zu verdeutlichen.

Dennoch konnte ein dritter Mingus-Thriller wohl nicht mehr in Haiti spielen, ohne die Wahrscheinlichkeit allzu sehr zu strapazieren (oder die Leser – ein wankelmütiges Volk – zu langweilen). Auf einen moralischen Impetus mochte Stone jedoch nicht verzichten. Er richtete sein Augenmerk auf Kuba, ein weiterer karibischer Inselstaat, dessen Bürger einem Zwangsregime unterworfen sind. Diese Entscheidung birgt bereits den Keim einer Kritik: Stone scheint ein korruptes Regime gegen ein anderes zu tauschen und sich in Wiederholungen bekannter Anklagen zu erschöpfen. Zwar berücksichtigt er die politisch anders gelagerte Situation, schwelgt aber dessen ungeachtet in Schilderungen einschlägiger Übeltaten.

Das macht Stone allerdings mit der bekannten Mischung aus Anschaulichkeit und Unterhaltung, weshalb man ihm das Beharren auf vor allem ihm wichtige Themen verzeiht. „Todesritual“ kann zudem mit einem Plot aufwarten, der dies rechtfertigt. Stone beschränkt sich keineswegs darauf, die Verbrechen des kubanischen Regimes anzuprangern. Er stellt ihnen die Machenschaften einer US-Politik gegenüber, die sich seit mehr als einem halben Jahrhundert darauf beschränkt, Kuba vom Rest der Welt zu isolieren und in den Ruin zu treiben.

|Trauriger Mann in schmutziger Welt|

Längst hat sich der Konflikt verselbstständigt. In Sachen schmutziger Tricks bleiben sich die USA und Kuba nichts schuldig. Stone beschreibt zwei in alten und veralteten Vorstellungen verkrustete Gegner, die stur fortsetzen, was sie einst vom Zaun gebrochen haben.

Aus der erträumten sozialistischen Muster-Republik Kuba ist ein Armenhaus geworden, dessen Regime sich nur durch Gewalt an der Macht halten kann. Allgegenwärtig sind Geheimpolizisten, Spitzel, Denunzianten, während die Infrastruktur vom Mangel als Normalzustand geprägt ist. Stone sieht keine Hoffnung auf bessere Zeiten: Sollte das Castro-Regime einmal die Flagge streichen, werden die USA und die übrige ‚kapitalistische‘ Welt umgehend dort anknüpfen, wo sie 1959 aufgrund der „revolución“ einhalten mussten, Kuba mit den zweifelhaften Segnungen einer globalisierten Marktwirtschaft konfrontieren und dabei an sich bringen, was die verarmte Bevölkerung nicht halten können wird.

Stone schickt Mingus auf eine lange Autofahrt über staubige Inselstraßen und versucht dabei eine Bestandsaufnahme. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Kuba sich in einer Endzeit befindet. Es muss und wird sich Grundlegendes ändern, doch Grund zum Optimismus gibt es (s. o.) nicht.

|Verbrechen als Frage der Definition|

Stone nimmt sich Zeit, die Probleme Kubas darzustellen. Der ursprüngliche Plot scheint dabei mehrfach in den Hintergrund zu geraten. „Todesritual“ ist kein Krimi oder Thriller für Genre-Puristen. Das Verbrechen wuchert für Stone stets dort am üppigsten, wo es instrumentalisiert wird. Also postuliert er auch in den sich vordergründig musterdemokratisch gebenden USA Behörden, Geheimdienste und sogar Todesschwadronen, die mit der verschleierten Billigung einer lobbyistisch unterwanderten Politik lästige ‚Gegner‘ ausschalten, wobei Drogenbarone und Terroristen problemlos in einen Topf mit Bürgerrechtlern oder allzu neugierigen Journalisten geworfen werden.

In diesem Hexenkessel kann Max Mingus nur deshalb überleben, weil er vom Hauptstrom der Ereignisse immer wieder an einen abgelegenen Strand geworfen wird. Auch dieses Mal kommt er davon, weil die großen Fische einander zu zerfleischen beginnen und er aus ihrem Blickfeld gerät. Allerdings ist dies auch der Zeitpunkt, da sich Stone daran erinnert, dass er ein weiteres Kapitel der Mingus-Saga aufschlagen will. Also klinkt er sich und seinen Helden vom bereits aufgelösten Fall aus und gräbt für einen gewagten Final-Twist Mingus‘ alte Nemesis Solomon Boukman wieder aus.

Der haust eigentlich auf Haiti, hat aber wie jedes überlebensgroße und globale Schurken-Genie diverse Filialen gegründet, um auch an anderen Orten seine tückischen Spielchen zu treiben. Zudem stellt sich heraus, dass er viel Zeit darauf verwendet hat, Mingus in den seelischen Ruin zu treiben. An diesem Punkt übertreibt Stone. Die bisher sehr überzeugende Geschichte benötigt diesen Twist und die ihm zugrundegelegte Verschwörung nicht. Sie leidet eher darunter, zumal allzu offensichtlich wird, dass Stone hier ein Hintertürchen für eine Fortsetzung des Ringens Mingus-Boukman öffnet. Weniger darüber sondern über einen weiteren Mingus-Roman würde sich der Leser freuen, denn Stones Talent, Hochspannung mit nicht übertriebenem Anspruch zu kombinieren, sorgt auch ohne Altlasten für intensiven Lektüregenuss.

_Autor_

Nick Stone wurde am 31. Oktober 1966 als Sohn eines schottischen Vaters – des Historikers Norman Stone – und einer haitianischen Mutter aus vornehmer Familie im englischen Cambridge geboren. Die ersten vier Jahre seines Lebens verbrachte er auf der Karibikinsel, bevor er 1971 nach England zurückkehrte.

Der junge Nick Stone war ein hervorragender Sportler und boxte in der „National Amateur League“. Er studierte Geschichte, arbeitete später jedoch u. a. als Headhunter für diverse Konzerne sowie als Rechtsassistent. Parallel dazu versuchte sich Stone als Schriftsteller. Während eines längeren Haiti-Aufenthalts in den 1990er Jahren entstand die Idee für „Mr. Clarinet“, Stones Roman-Debüt um den Privatdetektiv Max Mingus. Eine erste Version dieses Buches hatte er bereits 1988 fast fertig gestellt.

„Mr. Clarinet“ wurde 2006 von der „Crime Writer’s Association“ mit einen „(Ian Fleming) Steel Dagger“ sowie mit weiteren Preisen ausgezeichnet. (Den Vornamen entlieh Stone einem bewunderten Schulfreund, den Nachnamen dem von ihm verehrten Jazzmusiker Charles Mingus.) 2007 folgte „King of Swords”, ein ‚Prequel‘ zu „Mr. Clarinet”, das im Miami der frühen 1980er Jahre spielt und diverse Handlungszüge aus der ersten und unveröffentlichten Fassung von „Mr. Clarinet“ aufgreift.

|Taschenbuch: 575 Seiten
Originaltitel: Voodoo Eyes (London : Sphere Books 2011)
Übersetzung: Heike Steffen
ISBN-13: 978-3-442-47716-6|
[Autorenhomepage]http://www.nickstone.co.uk
[Verlagshomepage]http://www.randomhouse.de/goldmann

|eBook: 806 KB
ISBN-13: 978-3-641-07666-5|
[Verlagshomepage]http:/www.randomhouse.de/goldmann

|Hörbuch-Download: 1072 min.
Gelesen von Christian Baumann
ISBN-13: 978-3-8445-0857-4|
[Verlagshomepage]http:/www.randomhouse.de/hoerverlag

_Nick Stone bei |Buchwurm.info|:_
[„Voodoo“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4446
[„Der Totenmeister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5669

Deleeuw, Brian – Andere, Der

_Das geschieht:_

Luke Nightingale ist ein Kind, dem es scheinbar an nichts fehlt. Die Eltern sind vermögend und etabliert in der Gesellschaft von New Yorks Upper West, Mutter Claire leitet einen kleinen aber feinen Verlag, der sich auf Kriminalliteratur spezialisiert hat. Doch die Ehe der Eltern scheitert, denn Claire ist psychisch labil. Immer wieder erlebt sie manische und depressive Phasen, in denen sie zur Gefahr für sich und ihre Familie wird. Gatte James ergreift die Flucht und heiratet neu; Luke lässt er zurück, denn er argwöhnt, dass auch dieser vom Nightingale-Fluch erfasst wurde: Seit Generationen wird da Geschlecht vom Wahnsinn heimgesucht; Claires Mutter Venetia hat sich vor Jahren deshalb umgebracht.

Im Alter von sechs Jahren ruft der introvertierte, einsame, verstörte und genetisch tatsächlich vorbelastete Luke „Daniel“ ins Leben. Der unsichtbare Freund wird zur einzigen Konstanten in seinem chaotischen Alltag. Aber Daniel entwickelt einen eigenen Willen. Er verachtet Luke für die Abhängigkeit von der Mutter, die er als Schwäche betrachtet. Außerdem kann Daniel nicht riskieren, dass jemand die Leere in Lukes Leben füllt, denn dies gefährdet seine Existenz, wie er erfahren muss, als er Daniel dazu bringt, den allzu geliebten Hund zu vergiften: Luke kommt in psychiatrische Behandlung und wird geheilt, was Daniel hilflos in einen Winkel seines Unterbewusstseins verbannt.

Erst zwölf Jahre später kann er sich befreien, weil der durch eine besonders intensive Wahnattacke Claires unter Seelenstress geratene Luke einen Rückfall erlebt. Dieses Mal agiert Daniel vorsichtiger. Er hat aus seinem Fehler gelernt und erweist sich in der Folge als ausgezeichneter Manipulator. Der Umzug ins Studentenwohnheim verstärkt Lukes Unsicherheit. Daniel springt in die Bresche. Immer öfter verlässt sich Luke auf ihn, was Daniels Kraft steigert. Als Luke die Gefahr endlich bemerkt, kommt es zur Konfrontation, die nur einer überleben kann …

_Zwei Seelen wohnen in seiner Brust_

So fasste einst Johann Wolfgang von Goethe das Dilemma des Dr. Faustus zusammen, das sich folgenschwer so fortsetzt: „Die eine will sich von der andern trennen“. Dies kann naturgemäß nicht gut ausgehen, da besagte Seelen auf den gemeinsamen Körper angewiesen sind. Der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson griff dies 1886 zwar literarisch weniger kunstvoll aber unterhaltsamer auf. In „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ ist nicht die Trennung der Seelen das Problem: Beide wollen sie bleiben, sich den gemeinsamen Körper jedoch nicht teilen, sondern ihn jeweils allein beherrschen. Daraus entwickelt sich ein erbitterter, letztlich bizarrer Kampf, denn der Tod des einen wird auch den anderen umbringen, sind doch beide nur Projektionen desselben Hirns.

Nach Jekyll & Hyde konnte das Thema eigentlich nur noch variiert und verfeinert werden, denn Stevenson hatte alles Grundsätzliche gesagt. Auch Brian DeLeeuw folgt mit „Der Andere“ den tiefen literaturgeschichtlichen Spuren seiner Vorgänger. Er versucht der Geschichte Neues abzuringen, indem er sie einerseits ins 21. Jahrhundert transponiert und sie andererseits stilistisch auf eine höhere Ebene hebt. Das eine funktioniert nur bedingt, das andere greift zu kurz; bei nüchterner Betrachtung schimmert das bekannte Handlungsgerüst deutlich durch.

Sehr modern bedingt kein Wundermittel die Abspaltung von Daniel. Der Keim des Verderbens schlummert bereits in Lukes Genen, denn er ist mindestens Kind und Enkel wahnsinniger Vorfahren. Ausgelöst wird die Schöpfung des „Anderen“ durch Stress und Verwahrlosung. Mutter Claire klammert, was nicht nur durch ihre Krankheit bedingt ist. Sie weiß sehr wohl um die familiäre Schwäche. Ihr obsessives Interesse am Sohn ist deshalb auch Beobachtung, denn spätestens nachdem Luke seinen Hund spektakulär vergiftet hat, ist Claire bewusst, dass ihr Sohn gefährlich werden könnte.

|Auch goldene Käfige sind Käfige|

Literaturkritiker lieben Schriftsteller, die sich an sozialen Schattenseiten abarbeiten. Der Autor wird zum Arzt oder Forscher und präpariert mit dem Skalpell die Schwächen dort heraus, wo sie besonders intensiv negiert und verborgen werden. Also spielt unsere Geschichte in der nicht nur künstlerisch etablierten, sondern auch finanziell auf Rosen gebetteten ‚besseren‘ New Yorker Gesellschaft. Claire und ihr späterer Ex-Gatte James umgeben sich mit den Klugen, Schönen oder wenigstens Interessanten. Sie verlegt Bücher, er wirbt Gelder für kulturelle Projekte ein. Geld spielt keine Rolle, man lebt in bewachten Nobel-Mietshäusern, in denen die Drecksarbeit vom Personal erledigt wird, damit sich die High Society ihren bedeutsamen Aktivitäten widmen kann.

Der Blick hinter die Kulissen soll bei DeLeeuw ernüchtern: Alles ist nur Fassade, dahinter herrschen Chaos und Kälte. Selbst wenn Claire gesund ist, beachtet sie den Sohn nicht wirklich oder instrumentalisiert ihn als Instrument ihrer Selbstdarstellung als allein erziehende Frau und trotzdem beruflich erfolgreiche Geschäftsfrau. Luke ist ihr Accessoire, und begehrt er dagegen auf, flüchtet Claire in den Wahnsinn und wartet auf das Anspringen seines schlechten Gewissens. Vater James hat sich gänzlich zurückgezogen, eine neue, hoffentlich ‚bessere‘ Familie gegründet und widmet sich seinen Pflichten Luke gegenüber nur widerwillig.

Luke erkennt zwar, wie ihm geschieht, doch er bringt nicht die Kraft auf, sich durchzusetzen und seine Gefängnismauern zu sprengen. Dies gelingt nur Daniel. Lukes zweites Ich fühlt und tut, was ihm verwehrt ist bzw. was er sich selbst verwehrt. Die Spaltung bringt Luke Erleichterung, aber er weiß um ihre gefährlichen Aspekte: Einmal aus der Flasche gelassen, will Daniel keineswegs dorthin zurück. Verhängnisvoll ist auch, dass nur Lukes volle Aufmerksamkeit Daniel Kraft und Existenz sichert.

|Kampf ohne Sieger|

Es kommt, wie es kommen muss: Daniel/Hyde beschließt, den schwächlichen aber latent gefährlichen Konkurrenten Luke/Jekyll endgültig zu eliminieren. Da er ihn nicht töten kann, will er ihn übernehmen. Diesen Kampf weiß DeLeeuw in seiner ganzen Absurdität für den Leser nachvollziehbar und spannend darzustellen. Ganz allmählich gerät das Kräfteverhältnis aus der Waage. Die Schale neigt sich zugunsten Daniels. Der Triumph ist jedoch nur Täuschung, denn faktisch ist es ja immer noch und immer nur Luke, der mit sich selbst ringt.

Leider versucht DeLeeuw jetzt, originell zu werden. Während Stevenson geradlinig den Höhepunkt der finalen Auseinandersetzung zwischen Jekyll und Hyde ansteuert, lässt DeLeeuw den potenziell dramatischen Moment, in dem „Daniel“ triumphierend Claire seinen Sieg über Luke schildert, quasi verpuffen: Claire kann gar nicht erkennen, dass sich ihre schlimmste Befürchtung bewahrheitet hat, denn sie ist just selbst endgültig übergeschnappt und hält sich für ihre eigene Mutter. Dieser Symbol-Overkill erschüttert nicht, er irritiert nur.

Im Finale wird es noch einmal kryptisch, denn der nun offen ausbrechende Kampf zwischen Daniel und dem keineswegs verschwundenen Luke bricht offen aus und endet nicht nur tragisch, sondern mündet quasi auch in die Einleitung ein: Eine neue Generation steht wie anfänglich Luke bereit, denn Weg in den Irrsinn einzuschlagen. Auch diese Volte greift nicht bzw. kann dem Leser nicht mehr einen letzten Schrecken versetzen. „Der Andere“ endet, wie er begann: stilistisch anspruchsvoll im engen Rahmen eines begrenzt originellen Psychogramms. Nur punktuell kann DeLeeuw zumindest jene eher genregeprägte Fraktion des Publikums packen, die auf eine überraschende Lektüre hofft.

_Autor_

Brian DeLeeuw wurde in den frühen 1980er Jahren in New York City geboren, wo er auch aufwuchs und noch heute lebt. Er studierte Kreatives Schreiben an der Princeton University; seinen Master-Abschluss machte er an der New School.

Beruflich ist DeLeeuw für das „Tin House Magazine“, ein in Portland (Oregon) und New York City ansässiges, viermal jährlich erscheinendes Magazin für amerikanische Literatur tätig. „Der Andere“ ist sein Romandebüt.

|Taschenbuch: 344 Seiten
Originaltitel: In This Way I Was Saved (New York : Simon & Schuster 2009)
Übersetzung: Ulrike Clewing
ISBN-13: 978-3-426-50387-4
eBook: 467 KB
ISBN-13: 978-3-426-41310-4|
http://www.brianDeLeeuw.com
http://www.knaur.de

Tajsich, Thomas U. – Tödliche Gerechtigkeit

In Washington herrscht Ausgangssperre, doch der Obdachlose Steve hat davon nichts mitbekommen. Unbedacht irrt er durch die menschenleere Stadt und trifft dort auf eine junge Journalistin, deren Auto auf dem Weg zur Arbeit den Geist aufgegeben hat. Nun will sie zu Fuß dorthin laufen. Als sie ihren Chefredakteur telefonisch erreicht, verspricht dieser, sie abzuholen. Kurz darauf steht das FBI vor Steve und Kathy und will die Journalistin abholen. Sie steigt in das Auto und wird kurze Zeit später tot aufgefunden.

In Deutschland findet der Wirtschaftswissenschaftler Peter Mormerin durch Zufall eine Speicherkarte. Da die Dateien darauf verschlüsselt sind, wendet er sich an ein Hackerforum. Einen Tag später kann Peter die Dateien entschlüsseln und findet eine Namensliste – alle Personen darauf sind hochrangige Unternehmensvertreter. Als er die ersten Namen googelt, findet er Berichte über ungeklärte Vermissten- und Todesfälle. Es handelt sich bei der Liste offenbar um eine Todesliste! Ein Mitglied des Hackerforums warnt Peter, dass er sich in Gefahr befinde. Näheres will er nur bei einem persönlichen Treffen verraten – in Washington. Kurzerhand reist Peter Mormerin mit dem Wunsch nach Aufklärung in die US-amerikanische Hauptstadt und lernt Mitglieder eines Bündnisses kennen, die allesamt im Verdacht stehen, hinter den Todesfällen zu stehen, denn die Liste stammt von ihnen … Chef des Bündnisses ist der amerikanische Vizepräsident, der auf einer Pressekonferenz nach den ersten Worten zusammenbricht und ins Koma fällt. Was ist passiert?

_Spannung rund um den Erdball_

Das Buch beginnt mit einem etwas mysteriösen Brief und schildert gleich anschließend die ominöse Pressekonferenz, in der der amerikanische Vizepräsident erst den Präsidenten als Lügner und Verräter bezeichnet und dann selbst zusammenbricht und nicht mehr atmet. Schon darauf lernen wir den obdachlosen Steve kennen, der durch die menschenleere Stadt irrt und nur knapp seiner Verhaftung entgehen kann. Es dauert nicht lange, bis er die Journalistin Kathy kennen lernt und diese stirbt.

Der deutsche Autor Thomas U. Tajsich reiht zu Beginn seines kurzweiligen Buches viele Ereignisse aneinander, die zunächst nicht miteinander zusammenhängen. Als er dann auch noch unvermittelt nach Deutschland springt und wir Peter Mormerin kennen lernen, weiß man beim Lesen gar nicht mehr so recht, worauf der Autor hinaus will. Und dennoch bleibt man am Ball, liest Seite um Seite und möchte endlich hinter das Geheimnis blicken und die Verbindungen knüpfen können. An Spannung mangelt es mindestens in der ersten Hälfte des Buches also nicht.

Als Peter Mormerin allerdings in Washington Mitglieder des Bündnisses kennen lernt und erste Informationen darüber erhält, was eigentlich vor sich geht, flacht die Spannung ziemlich ab. Das Bündnis will Peter als Mitglied gewinnen und schickt ihn zu einer Konferenz in Deutschland. Dort soll er die „Gegenseite“ ausspekulieren, doch als er den vermeintlichen Mörder kennen lernt, ist Peter Mormerin verwirrt, denn er weiß tief in seinem Inneren, dass er auf der Konferenz ganz sicher nicht denjenigen Mörder kennen gelernt hat, der die Todesliste abarbeitet. Spielt etwa das Bündnis falsch? Diesen Glaubenskonflikt hätte Tajsich meiner Meinung nach noch etwas besser ausarbeiten und spannender gestalten können, denn ab diesem Moment verpufft viel Spannung, da man gar nicht mehr so recht weiß, worauf das Buch nun hinauslaufen soll.

Kurze Zeit später reist Peter Mormerin nochmals nach Washington, weil er sich weitere Antworten erhofft und langsam zu beginnen glaubt, dass nicht alle Mitglieder des Bündnisses ehrlich zu ihm waren. Hier verrennt sich der Autor etwas in seiner Geschichte, er lässt Peter Sightseeing betreiben, obwohl dieser doch eigentlich auf der Suche nach Antworten ist. Als er sich von Steve ein Auto ausleiht, das dieser gemeinsam mit dem jetzigen Chef des Bündnisses teilt und Peter einer Adresse im Navigationsgerät folgt, wird die Geschichte recht unglaubwürdig. Natürlich läuft alles darauf hinaus, dass Peter in Lebensgefahr gerät und doch jemand anderes hinter den Morden steckt, als er gedacht hatte. Aber glaubhaft fand ich diese Wendung nicht mehr.

_Gut im Ansatz_

„Tödliche Gerechtigkeit“ beginnt sehr, sehr spannend. Thomas Tajsich eröffnet viele verschiedene Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Doch nach und nach werden die Verbindungen klar und damit gewinnt die Geschichte noch mehr an Tempo. Leider kann Tajsich diese Spannung nicht bis zum Ende halten, sondern verrennt sich dann ein wenig in Details und den verschiedenen Handlungssträngen. Am Ende werden nicht alle Fragen beantwortet und auch die Botschaft des Buches verpufft dadurch. So bleibt leider nur ein durchschnittlicher Eindruck zurück, obwohl der Beginn wirklich ausgesprochen vielversprechend war!

|Softcover, 348 Seiten
ISBN-13: 978-3-941297-15-9 |
http://www.krimiwelt-verlag.de

Nicholas Blake – Ein glühend Messer

Zwei Männer planen den perfekten Doppelmord, den jeder für den anderen begehen soll; die Umsetzung gelingt, aber die Polizei ist findiger als befürchtet, nachträgliche Vertuschungsversuche missglücken, und die Angelegenheit entgleitet den Tätern mit dramatischen Folgen … – Obwohl der Autor (unwissentlich) einen schon damals sehr bekannten Plot aufgreift, gelingt ihm ein höchst spannender Psycho-Thriller, in dem sich die Mörder mindestens so hart belauern wie ihnen die Polizei im Nacken sitzt.
Nicholas Blake – Ein glühend Messer weiterlesen

Ellery Queen – Das zwölfte Geschenk

Queen Dreizehnter Gast Cover 1982 kleinDas geschieht:

Das Weihnachtsfest des Jahres 1929 wird Schriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen auf Einladung des Druckereibesitzers Arthur Craig in dessen Landhaus beim Städtchen Alderwood bei New York verbringen. Zwölf Gäste umfasst die Gesellschaft insgesamt, zu der noch Craigs Mündel John Sebastian, seine Verlobte Rusty Brown, deren Mutter Olivette, der Komponist Marius Carlo, die Schauspielerin Valentina Warren, Queens Verleger Dan Freeman, der Anwalt Roland Payn, der Arzt Dr. Sam Dark und der Priester im Ruhestand Arthur Gardiner gehören. Ellery Queen – Das zwölfte Geschenk weiterlesen

Colin Willock – Dreimal schlug das Schicksal zu

_Das geschieht:_

Nathaniel Ironside Goss, erfolgreicher Verleger mit ausgeprägten Hang zum Privatdetektiv, möchte dieses Mal keine kriminellen, sondern einfach nur dicke Fische erlegen: Mit einem Freund, dem Fotografen Peter Winters, reist er in die Grafschaft Somerset, um dort in den Fischgründen des Ford Stark Hotels den einheimischen Wasserbewohnern nachzustellen.

Allerdings weiß Goss um die Nähe von Caistor House, einem inzwischen verlassenen Landhaus, zu dem ein See gehört, in dem sich seit Jahren von Anglern ungestört dicke Karpfen tummeln. Dieser Verlockung können die beiden Urlauber nicht widerstehen. In der Nacht schleichen sie unbefugt auf das Grundstück.

Aus dem erhofften Erfolg wird eine wilde Flucht, denn die Eindringlinge werden beinahe erwischt. Reumütig wirft Goss seine Angel am nächsten Tag im Fluss Stark aus, wo dies erwünscht und gestattet ist. Freilich trifft ihn dabei beinahe der Schlag in Gestalt eines gewaltigen Felsens, der vom Steilufer gegen ihn losgetreten wird. Die Verfolgung des Übeltäters bleibt erfolglos – sie endet mit dem Fund der Leiche des Reverends Dewsby, der ebenfalls im Stark Ford Hotel logiert.

Die alarmierte Polizei interessiert sich jedoch mehr für Goss, denn aus dem Caistor-See zog man am Morgen eine Leiche, in deren Rücken der Haken seiner Angel steckt. Glücklicherweise ist Goss für Chefinspektor Fford ein alter Bekannter, der den Verleger nicht verdächtigt. Dabei hält Goss diverse Indizien zurück, denn er hat beschlossen, wieder einmal selbst zu ermitteln. Winters wird zwangsverpflichtet und die abenteuertaugliche Verlags-Sekretärin Miss Lutyens gerufen.

Gemeinsam kommt man nicht nur einem nie gelösten Verbrechen, sondern auch einem sagenhaften Schatz auf die Spur. Allerdings erregt dies die Aufmerksamkeit zahlreicher Schurken, die der ‚Konkurrenz‘ sehr unfreundlich begegnen …

_Dicke Fische, schwere Jungs_

Das Verfassen sowohl vertrackter als auch möglichst unterhaltsamer Kriminalromane gilt nicht grundlos als Steckenpferd gebildeter Briten, die sich auf diese Weise den Kopf für jene wichtigen Arbeiten freimachten, die sie im Dienst der Regierung oder an den Elite-Universitäten des Empires leisteten. Natürlich befinden wir uns hier in einer Vergangenheit, die weder das Fernsehen noch das Internet kannte. Stattdessen würzte man die Unterhaltung gern mit Anspielungen auf antikgriechische oder römische Autoren, die man aus dem Gedächtnis zitieren konnte.

In dieser seltsamen Zeit, die als Selbstverständlichkeit etwa vor einem halben Jahrhundert zu Ende ging, entstanden zahlreiche Genreklassiker. Gar nicht selten blieben ihre Autoren Eintagsfliegen, die nur ein- oder wie in unserem Fall dreimal zur Feder griffen, bevor sie der Alltag endgültig in die schriftstellerfernen Höhen politischer, wissenschaftlicher oder militärischer Prominenz davontrug; Colin Willock verschlug es indes zum Fernsehen, wo er allerdings geradezu unanständig erfolgreich und berühmt wurde und für den Kriminalroman verlorenging.

Das ist jammerschade, denn er verstand dieses Handwerk meisterhaft. Durch den pathetisch hohlen bzw. einfach nur dämlichen deutschen Titel darf man sich wieder einmal nicht täuschen lassen: „Death at the Strike“ steckt im Original klipp & klar das Feld ab: Hier wird gemordet, wo sonst nur Fische im sportlichen Angelwettstreit ihr Leben lassen.

|Stille Wasser sind tödlich|

Der Engländer sieht sich gern als geborener Sportmann. Folgerichtig kommt man nicht ins Stark Ford Hotel, um sich zu erholen, wie die ahnungslos mitgereisten Ehefrauen zu ihrem Leidwesen erfahren müssen. Die Jagd nach dem Fisch ist eine bitterernste Sache, die generalstabsmäßig geplant und durchgeführt wird. Schlechtes Wetter und körperliche Schwächen gehören zum Wettkampf, der hier auf die Essenz des Wortes zurückgeführt wird: Allabendlich wird wie Beute des Tages verglichen, wobei die dicksten Fische möglichst wie nebenbei präsentiert werden: (Falsche) Bescheidenheit ehrt den Angler und ärgert die Konkurrenz.

Diesen Höhepunkt des Jahres lässt sich der echte Angler deshalb nicht verderben, nur weil ein Pechvogel tot im Fischwasser trieb: |“Auf der marmornen Platte in der Hotelhalle lagen Dr. Bartletts Lachs und Mr. Goss‘ Forelle. Auf einer Marmorplatte im Leichenschauhaus von Tinscombe befanden sich die sterblichen Überreste von Reverend Michael Dewsby.“| (S. 44) Für den Briten ist damit die Form in jeder Hinsicht gewahrt.

Dieser unerbittliche Sportsgeist ist es auch, die den kriminellen Teil der Handlung ins Rollen bringt. Nathaniel Goss, sonst jederzeit eine Stütze des erwähnten Empire, zögert keine Sekunde, als die Entscheidung ansteht, in tiefer Nacht dort feisten Karpfen nachzustellen, wohin er ansonsten pflichtbewusst niemals seinen Fuß gesetzt hätte. Doch so beginnt eine Tragikomödie der Irrungen & Wirrungen, in der nicht einmal die Schurken jemals die Übersicht behalten. Wer gehört zu ihrer Bande, wer kocht sein eigenes Süppchen? Wer gehört zur Polizei, wer schnüffelt sonst wieso herum? Niemand weiß es, was nicht ohne Folgen bleibt.

|Die Gegenwart der Vergangenheit|

„Dreimal schlug das Schicksal zu“ spielt im Sommer des Jahres 1952. Die Handlung gründet indes in doppelter Weise in der Vergangenheit. Den Untaten der Gegenwart ging sechs Jahre früher ein aufsehenerregendes Verbrechen voraus. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass man wesentlich weiter zurückblicken muss: Caistor House steht auf historischem Grund: Zwischen 1642 und 1649 tobte in England der Bürgerkrieg zwischen den Anhängern König Karls I. und ihren republikanischen Widersachern unter Oliver Cromwell. Die Caistors waren Royalisten und dem Zorn der siegreichen Republikaner ausgesetzt. Sie schufen deshalb ein System unterirdischer Tunnel, in denen sie sich und ihre Schätze in Sicherheit bringen konnten.

In den ersten beiden Dritteln ist „Dreimal schlug …“ ein lupenreiner Rätselkrimi. Ganz klassisch und im Geist des sportlichen Miträtselns stellt uns Willock den Ort des Geschehens und das dort anwesende Personal detailliert vor; es gibt sogar eine Kartenskizze. Im letzten Drittel wird es – gut vorbereitet durch entsprechende Handlungspassagen – eher abenteuerlich: Die Ereignisse verlagern sich in geheime Gänge, eine alte Gruft, eine noch ältere Schatzkammer und schließlich in ein unterirdisches Höhlensystem, das sich nach einem Unwetter mit Flutwasser füllt.

Diese Kombination ist unwiderstehlich und lässt vergessen, mit welcher Beharrlichkeit Willock die Realitäten des Jahres 1952 ausblendet. Es schlägt sich bei ihm höchstens in der Anwesenheit von Automobilen oder Taschenlampen nieder, könnte man nur leicht übertreibend konstatieren. Ansonsten fallen Caistor House und das Stark Ford Hotel aus der Zeit heraus.

|Drama benötigt Personal|

Dazu passt die Figurenzeichnung. Schon die Wahl eines Verlegers als ‚Helden‘ ist pure Ironie. In seinem Berufsalltag lernen wir den kleinen Mann mit dem pompösen Namen Nathaniel Ironside Goss nicht kennen – wir wollen es auch nicht. Lieber ist uns der heimliche Abenteurer gleichen Namens, der nur mangelhaft bemänteln kann, mit welcher Freude er sich kriminalistisch betätigt. Dem trägt er durch eine Entschlossenheit Rechnung, die ihn mehrfach an den Rand einer Verhaftung bringt.

Aber sogleich klammert Autor Willocks die Realität wieder aus. Der spielverderberische Inspektor Carter wird von Chefinspektor Fford abgelöst, der nicht nur ein alter Bekannter, sondern ein Seelenverwandter von Goss ist. Also kann dieser seine Streitmacht ergänzen: Zum eifrigen Fotografen Winters gesellt sich die karikaturesk überzeichnete Miss Lutyens, die angeblich Sekretärin sein soll, aber nie in dieser Hinsicht tätig wird. Stattdessen bildet sie die dritte Seite des privatermittelnden Dreiecks sowie das weibliche Element der Geschichte.

Zwar gibt es noch weitere Frauen, doch diese sind entweder alt und schrullig oder verdächtig wie die schöne aber allzu „erfahrene“ – der Zeitgenosse wusste, was dieses Adjektiv umschrieb – Jane Saxe, die deshalb ein böses Ende nimmt. Miss Lutyens wird zwar von Goss und Winters durch den Spitznamen „Lutch“ als Teil der Gang akzeptiert und ist nicht nur hübsch, sondern auch selbstbewusst, taugt aber dennoch als „Frau in Gefahr“, die von den Schurken gefangengenommen und im Finale gerettet werden muss.

|Die Romantik des Abenteuers|

Selbstverständlich sind auch diese Bösewichte nicht von dieser Welt. Vor allem John Storm – nomen est omen – wirkt in Willocks Beschreibung wie ein Pirat, den es in die englische Provinz verschlagen hat. Im Zweiten Weltkrieg hat er im französischen Untergrund die Nazis in Angst und Schrecken versetzt; auch später war er eher eine tragische Gestalt: ein Abenteuer, der in die falsche Zeit geboren wurde.

Ohne jede Angst vor dem Klischee und diesem tatsächlich immer in letzter Sekunde ausweichend zeichnet Willock den bis zuletzt namen- und gesichtslosen Oberschurken als modernen Moriarty, der aus dem Hintergrund die Fäden zieht und bis zum Finale den Guten wie den Bösen stets einen Schritt voraus ist; wie es sich gehört, endet er nicht durch eine schnöde Festnahme.

Zum wesentlichen Element der Handlung wird die englische Landschaft. Hier spiegelt sich Willocks lebenslange Liebe zur Natur wider, der er im Rahmen zahlreicher Artikel, Bücher und TV-Dokumentation beredt Ausdruck zu verleihen wusste. Nie wird er kitschig sondern hält den Leser am Haken, um im Thema zu bleiben.

Dass dies auch in Deutschland so problemfrei gelingt, liegt an einer fabelhaften Übersetzung, für die einmal mehr Georg Kahn-Ackermann verantwortlich zeichnet. 1960 hat er sie vorgelegt, und sie ist höchstens gereift aber nicht veraltet. So mischt sich für den Rezensenten in die Freude, ein Lektüre-Juwel entdeckt zu haben, die traurige Erkenntnis, dass nur jene sie teilen werden, die sich auf eine Antiquariats-Expedition begeben.

_Autor_

Am 13. Januar 1919 in Finchley (Nord-London) geboren, besuchte Colin Dennistoun Willock Tonbridge School in der Grafschaft Kent. Er verließ die Schule mit 16 Jahren und wollte Journalist werden. Als der Zweiten Weltkriegs ausbrach, wurde Willock Soldat. Er ging den Royal Marines und diente in Afrika und Italien.

Nach dem Krieg gab Willock verschiedene Zeitschriften und Magazine heraus. Aubrey Buxton (1918-2009), Leiter des Fernsehsenders Anglia Television, holte ihn 1961 für eine neue TV-Serie. „Survival“ wurde eine der erfolgreichsten Natur-Doku-Reihen der Fernsehgeschichte und lief vier Jahrzehnte. Bis 1991 schrieb und produzierte Willock knapp 500 „Survival“-Episoden. Diese Arbeit führte ihn um den gesamten Erdball.

Darüber hinaus blieb Willock schriftstellerisch und journalistisch aktiv. Bekannt wurden seine Bücher über das Fischen, die Jagd und den Naturschutz. Insgesamt schrieb er 36 Bücher, darunter drei Kriminalromane. Im Alter von 86 Jahren ist Colin Willock am 26. März 2005 gestorben.

|Taschenbuch: 204 Seiten
Originaltitel: Death at the Strike (London : William Heineman 1957)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann|

Cotterill, Colin – Tote im Eisfach, Der (Dr. Siri 5)

_|Dr. Siri:|_

1 „Dr. Siri und seine Toten“
2 „Dr. Siri sieht Gespenster“
3 „Totentanz für Dr. Siri“
4 „Briefe an einen Blinden“
5 _“Der Tote im Eisfach“_

_Mit stolzen 73 Jahren_ ist Dr. Siri Paibun, Protagonist von Colin Cotterills skurriler Laos-Krimi-Reihe, nicht mehr der Jüngste. Doch als einziger Leichenbeschauer in ganz Laos kann sich der kauzige und zynische Alte noch längst nicht zur Ruhe setzen und wird in „Der Tote im Eisfach“ von der Regierung dazu verdonnert, an einer politischen Konferenz im Norden des Landes teilzunehmen. Auf dem Weg dorthin wird Dr. Siri allerdings von dem Bergvolk der Hmong überfallen und entführt. Diese halten ihn nämlich für die Reinkarnation eines angebeteten Schamanen und brauchen seine Hilfe bei der Austreibung eines mysteriösen Dämonen. Unterdessen hält Siris Assistentin Dtui in der Hauptstadt Vientiane die Stellung, als sich in der Leiche eines toten Soldaten eine Bombe findet, die offenbar für Dr. Siri gedacht war …

_Colin Cotterills Laos-Romane_ sind gleich in mehrerer Hinsicht einzigartig. Nicht nur, dass ein 73-Jähriger Leichenbeschauer die Hauptrolle in den Geschichten spielt, auch Zeit und Ort des Geschehens, das Laos der 70er Jahre, sind nicht unbedingt typisch für Krimis. Doch nicht grundlos hat sich der Autor für diesen Schauplatz entschieden, denn stets setzt sich Cotterill in seinen Werken mit der politischen Situation in Laos und ihrer Entwicklung auseinander, übt subtil Kritik an Gesellschaft und Regierung und macht den sarkastischen Dr. Siri zu seinem Sprachrohr. So schildert er in diesem Roman z. B. vordergründig das Schicksal des laotischen Bergvolks der Hmong, das in der Geschichte des Landes unterdrückt, aus seiner Heimat vertrieben und gezwungen wurde, für das Land in den Krieg zu ziehen. Doch so offenkundig Cotterills Absichten und Ansichten auch sind, so gelingt es ihm dennoch, um diesen ernsten Kern Realität eine außergewöhnliche Geschichte zu spinnen, die vor Humor, Sarkasmus und Skurrilität nur so strotzt. Und dadurch gelingt es ihm, dass dem Leser nach der Lektüre nicht nur die Geschichte, sondern auch die darin enthaltene Botschaft im Gedächtnis bleiben.

Allerdings liefert „Der Tote im Eisfach“ durchaus aus Grund zur Kritik. Für einen eigentlich als Krimi angepriesenen Roman ist dieses Werk nämlich äußerst schwach, was Spannung und Nervenkitzel angeht. Wer also nur auf Action aus ist, der ist hier ganz falsch. Auch wirkt die Geschichte etwas episodenhaft und uneins, insbesondere die Geschehnisse in Vientiane, aus denen sich sogar der Titel des Werks ableitet, wirken wie eine nachträglich eingeflochtene Nebenhandlung, um den Spannungsbogen zumindest hin und wieder etwas anzuspannen.

_Dennoch kann ich denjenigen,_ die 08/15-Krimis leid sind und einen Hang zum Außergewöhnlichen haben, durchaus empfehlen, sich mal mit Colin Cotterill und seinen Laos-Romanen auseinanderzusetzen.

|Gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten
Originaltitel: Curse of the Pogo Stick
Ins Deutsche übersetzt von Thomas Mohr
ISBN-13: 978-3442546817|
http://www.randomhouse.de/manhattan

Leon, Donna – Reiches Erbe – Commissario Brunettis zwanzigster Fall

_Seit nunmehr 20 Jahren_ erfreut die gebürtige Amerikanerin mit Wohnsitz in Venedig ihre Leserschaft nun bereits jährlich mit einem Roman über den kauzigen Commissario Brunetti, der mit seinem ausgeprägten Gespür für das unter der Oberfläche Verborgene noch jeden Fall gelöst hat.

_Und so erscheint dem mittlerweile_ etwas in die Jahre gekommenen, melancholische, aber nach wie vor ungemein sympathische Comissario auch in Leons neustem Werk „Reiches Erbe“ der Tod der geheimnisvollen Signora Altavilla nicht allein durch Herzversagen verursacht worden zu sein, wie es der Pathologe Rizzardi diagnostiziert. Und obwohl ihn seine Ermittlungen zunächst in eine Sackgasse führen, gibt Brunetti sein Ziel, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, natürlich nicht auf. Doch kann er seinem Gespür wirklich trauen, auch wenn alle Indizien gegen seine Vermutungen sprechen?

_Nahtlos reiht sich „Reiches Erbe“_ in die Krimi-Reihe um Commissario Brunetti ein und wer Donna Leons Stil in den vorherigen 19 Bänden zu schätzen gelernt hat, der macht natürlich auch beim Kauf dieses Werks nichts falsch. Doch sei angemerkt, dass auch die Entwicklung, die die Autoren und ihren letzten Krimis durchgemacht hat, nun ihren bisherigen Höhepunkt gefunden hat. War Hauptaugenmerk Leons in den früheren Brunetti-Romanen noch der Fall selbst und die spannende Schilderung der Ermittlungen des Commissarios, so treten diese Elemente in „Reiches Erbe“ fast schon in den Hintergrund. Ja die Lösung des rätselumwobenen Falles lässt sich sogar eigentlich als relativ unspektakulär und sogar ein wenig vorhersehbar beschreiben. Doch eine viel größere Rolle spielt in diesem Werk wohl ohnehin das Drumherum. Viel tiefgreifender und detaillierter geht Donna Leon in „Reiches Erbe“ auf den Charakter und die Geschichte des Commissario Brunetti und die Stadt Venedig ein. Umfangreich und liebevoll beschreibt sie die Eindrücke, die der Polizist bei seinen Wanderungen durch die Stadt gewinnt und die Gefühle, die er zu ihr hegt, und kreiert so eine überaus charmante und berührende Atmosphäre, fernab von der eigentlichen Handlung.

_Der Nervenkitzel und die Spannung,_ die Krimis üblicherweise bieten, kommt da natürlich etwas zu kurz und wer in diesem Genre lediglich auf der Suche Action ist, wird „Reiches Erbe“ möglicherweise zu dröge oder gar altbacken finden. Wer jedoch offen für den ganz eigenen Charme dieses Werkes ist, wird auf jeden Fall Gefallen daran finden.

|Gebunden mit Schutzumschlag, 316 Seiten
Originaltitel: Drawing Conclusions
Ins Deutsche übersetzt von Werner Schmitz
ISBN-13: 978-3257068207|
http://www.diogenes.ch

_Donna Leon bei |Buchwurm.info:|_
[„Blutige Steine“ (Hörbuch/Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3204
[„Drei Hörspiele: Scharade / Vendetta / Nobilta“ (Hörbuch/Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4006
[„Sanft Entschlafen“ (Hörbuch/Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2790
[„Verschwiegene Kanäle“ (Hörbuch/Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=489

Dahl, Arne – Opferzahl

_Terror in vielen Formen_

Stockholm steht unter Schock: Ein Bombenanschlag in der U-Bahn fordert zehn Tote. Die Stadtpolizei, die Reichskripo und sogar die Säpo, die nationale Sicherheitspolizei, befassen sich mit der Aufklärung der Gräueltat. Auch das A-Team unter Kerstin Holm wird – nach einer Weile – eingeschaltet. Bald glaubt man, in einer geheimen islamistischen Vereinigung die Täter gefunden zu haben. Doch dann fallen deren Mitglieder selbst Morden zum Opfer. Kerstin Holm verfolgt eine heiße Spur – doch sie führt ins Herz des schwedischen Sicherheitsapparats …

_Der Autor_

Arne Dahl, geboren 1963, ist das Pseudonym des schwedischen Krimiautors Jan Arnald, der für jene schwedische Akademie arbeitet, die alljährlich die Nobelpreise vergibt. Seine Romane um Inspektor Paul Hjelm werden laut Verlag von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. 2004 wurde er mit dem wichtigsten dänischen Krimipreis ausgezeichnet, dem „Pelle-Rosenkrantz-Preis“. Mehr Infos unter http://www.arnedahl.net

Die Dahl-Krimis in chronologischer Reihenfolge:

1) [„Misterioso“ 2841
2) [„Böses Blut“ 2416
3) [„Falsche Opfer“ 3730
4) [„Tiefer Schmerz“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5512
5) [„Rosenrot“ 3091
6) [„Ungeschoren“ 5087
7) „Totenmesse“

_Handlung_

Ein Bombenanschlag auf die U-Bahn von Stockholm mitten in der Nacht fordert neun Opfer – und das Leben des mutmaßlichen Selbstmordattentäters. Die Stadt steht erst einmal unter Schock, doch dann scharen sich die Sicherheitsdienste zusammen, und zwar um einen Pensionär namens Jan Olov Hultin, seines Zeichens ehemaliger Leiter der A-Gruppe, der Abteilung für Verbrechen internationalen Charakters beim Reichskriminalamt. Hultin hat derart viel Autorität, dass er in der ersten Pressekonferenz sogar dem Leiter der nationalen Sicherheitspolizei, der Säpo, Paroli bieten kann. Selbstredend sind auch die Stadtpolizei und die Kripo eingeschaltet.

Kerstin Holm hat sechs Monate Suspendierung vom Dienst hinter sich, als der Ruf in die „Kampfleitzentrale“ sie erreicht. Sie reist sich vom Krankenbett ihres komatösen Freundes Ake Bengtsson los, um sich mit dem Rest der A-Gruppe zu treffen. Lauter bekannte Gesichter, das beruhigt die Nerven. Jan Olov Hultin macht es kurz. Er beauftragt das Team herauszufinden, woher der oder die Täter kamen, sie und ihr Motiv zu finden. Dies alles natürlich möglichst transparent: Alle Ergebnisse sind ins Intranet der Sicherheitsbehörden einzuspeisen. Transparenz und Kooperation sind das Gebot der Stunde.

Deshalb erhält die A-Gruppe über das Intranet Zugriff auf den Mitschnitt eines Bekenneranrufs, der mehr als sechs Stunden nach dem Anschlag bei einer kleinen Polizeistation irgendwo in den Vororten Stockholms einging. Schon diesen Umstand findet Kerstin Holm bereits seltsam, noch merkwürdiger ist der Name der Organisation, in deren Namen der Anrufer sich zum Anschlag bekennt: „The Holy Riders of Siffin“. Neben den üblichen Beleidigungen von westlichen Frauen als Huren usw. sagt der Mann noch einige weitere Sätze, die wenig Sinn ergeben.

Siffin, so lässt sich ruckzuck herausfinden, war im Jahr 657 eine der Schlachten zwischen Sunniten und Schiiten, in denen um die künftige Richtung des Islam ging. Auch sie brachte keine Entscheidung, und so ist das Schisma bis heute erhalten geblieben. Über tausend Jahre lang. Der Haken an diesem Verweis: Kein Terrorismusexperte hat laut Säpo je von dieser Organisation gehört, die sich auf Siffin beruft. Wie echt kann der Anruf also sein, fragt sich die A-Gruppe.

Allerdings sagt der anonyme Mann einen Satz, der sich als ins Englische übersetztes Zitat aus einem arabischen Buch des 14. Jahrhunderts erweist. Und von diesem Buch gibt es nicht allzu viele Exemplare in Stockholm. Genauer gesagt: nur ein Einziges. Den Ausleiher herauszufinden, ist daher ein Kinderspiel. Doch ihn zu sprechen, ist weitaus schwieriger. Er ist nämlich tags zuvor von einem heranrasenden Auto überfahren worden.

Die Anordnung der Leichen in dem gesprengten U-Bahnwaggon erscheint indes Arto Söderstedt keineswegs zufällig. Fast alle Toten befanden sich am hinteren Endes des explodierten Waggons C, bis auf eine Frau, die anscheinend dort die Tür blockierte. Eine zweite Frau, die Fahrgästen als „Verrückte“ erschien, blockierte die nächste Tür, so dass eine spät kommende junge Frau bis zum vorderen Waggonende eilen musste, um noch einen Sitz zu ergattern.

Was sollten diese „Wächterinnen“ mit den Männern tun, fragen sich Arto Söderstedt und Viggo Norberg. Und warum waren diese Männer nachts um halb eins von ihren Wohnungen aufgebrochen, um quer durch die Stadt zu einem unbekannten Ort zu fahren? Was hatten sie im Sinn? Als Viggo Norberg auf seinem Computer Zeuge wird, wie eine der Leichen – Person 2 – vor seinen Augen aus dem Protokoll der Gerichtsmediziner gelöscht wird, ahnen er und Arto, dass in ihrem eigenen System der Wurm drin ist …

Es ist sehr viel schwieriger, den zweiten Mann der Heiligen Reiter zu finden, doch auch hier kommen Kerstin Holms Leute zu spät. Es sieht nach Selbstmord aus. Auf seinem Computer hat er geschrieben: „We were just amateurs.“ Wenigstens finden sie den fünften Mann der Gruppe, und weil er sich geweigert hat, sich ihren fundamentalistischen Ideen anzuschließen, stöbern sie mit seiner Hilfe auch Nr. 3 und Nr. 4 auf. Aber ob sie diese überhaupt vor dem fleißigen Attentäter retten können, steht auf einem ganz anderen Blatt.

|Unterdessen|

Paul Hjelm, der mal der Partner von Kerstin Holm (sowohl privat als auch in der A-Gruppe war), leitet jetzt die Abteilung für Innere Ermittlungen, quasi die Dienstaufsicht. Ein obdachloser Stadtstreicher namens Arvid Lagerberg, der in Gewahrsam genommen wurde, hat in der fraglichen Nacht vor dem Eingang zur U-Bahn-Station, in der die Explosion der Bombe stattfand, eine bemerkenswerte Beobachtung gemacht. Ein Mann wollte gerade in die Station hinuntergehen, drehte aber sofort nach der Explosion wieder um. „Es war ein Polizist“, ist Arvid überzeugt.

Mit ein paar genialen Verhörtricks und gründlichem Stöbern im EDV-Archiv gelingt es Paul, die Identität dieses Polizisten, den Arvid schon mal gesehen hatte, herauszufinden. Bei dem Gesicht auf dem Polizeivideo wird ihm ganz mulmig zumute. Es ist ein guter alter Freund von ihm …

_Mein Eindruck_

Das Thema von Dahls neuem Thriller über die dem Dahl-Fan wohlvertraute A-Gruppe ist Schrecken. „Terror“ ist heute die geläufigere, aber leider auch inflationär und manipulierend verwendete Bezeichnung. Dass Terror ein Werkzeug ist, dass unversehens außer Kontrolle geraten kann, ist zwar eine Binsenwahrheit, verdient aber in den Augen des Autors offensichtlich ständige Verdeutlichung und Betonung.

|Bekenner|

Es gibt eine ganze Reihe von Erzeugern dieses Terrors in dem Szenario, das aufgezeigt wird. Da sind zunächst die „Holy Riders of Siffin“. Sie sind tatsächliche Amateure, erfährt die A-Gruppe von der Säpo, dem schwedischen Verfassungsschutz. Dummerweise haben sich die Amateure, die sich zu dem „Anschlag“ bekennen, einen Namen herausgesucht, den bereits eine andere, weitaus gefährlichere Gruppe für sich beansprucht – und die keinerlei unerwünschte Reklame möchte. Daher das Ein-Mann-Killerkommando.

|Feminismus|

Aber wer hat die Bombe, die den Waggon zerfetzte, ausgelöst, wenn es nicht die Amateure aus der Vorstadt waren? Die zweite Spur führt deshalb zu den „Wächterinnen“, die sexgeile Mittvierziger auf einen U-Bahntrip eingeladen haben. Doch auch diese selbsternannten Hasserinnen von „Schwanzfechtern“ verfügen über keine Bomben. Und unter den Sexgeilen, die sie einluden, hat bestimmt keiner eine Bombe mitgebracht. Wirklich? Die Säpo weiß da etwas ganz anderes.

Denn die Säpo, die auch die „Person 2“ aus dem Intranet verschwinden lässt, kocht ihr eigenes Süppchen. Sie hat eine Undercover-Aktion laufen, mit der sie den schwedischen Waffenproduzenten und -händler Naberius dingfest machen will. Wie Kerstin Holm & Co. erfahren, bedient dieser „ehrenwerte Herr“ Naberius nämlich beide Seiten im Irak, die „friedenserhaltenden Truppen“ ebenso wie die islamistischen Terroristen. Naberius, der feine Schwede, scheint ein richtiger Terrorist zu sein.

|Gratwanderung|

Der Schrecken ist also hausgemacht. Das ist die eigentliche Kritik des Autors. Aber er hinterfragt auch die Rolle der Säpo. Wieso hat sie diese Rolle des Waffenhändlers nicht publik gemacht? Der Grund ist einfach: Es gibt unzählige Lecks im Polizeiapparat. Schon Minuten nach der internen Besprechung, auf der Hultin die Leitung der Ermittlung übernimmt, weiß die Presse von dieser Sache und posaunt alles hinaus. Folglich hält sich die Säpo bedeckt, um ihren Undercover-Ermittler nicht zu gefährden – und um Naberius, das scheue Wild, nicht zu verschrecken. Die Säpo wandelt einen schmalen Grat, indem sie Terror in kauf nimmt.

|Staatsterrorismus|

Dass es auch aktiven, nicht nur passiven Staatsterrorismus geben kann, darauf verweist überdeutlich der Showdown. Er findet an keiner geringeren Stätte als dem Berliner Mahnmal für die Opfer des Holocaust statt. Zwischen über zweitausend Stelen versteckt sich der Attentäter, der es auf den US-Außenminister abgesehen hat, aber ebenso auch seine Jäger aus der A-Gruppe, die ihn als Einzige identifizieren können. Das Stelenfeld für die ermordeten Juden etc. erinnert an den Staatsterrorismus des „Dritten Reiches“. Ob der Autor auf diese Weise andeuten will, dass eine unbeaufsichtigte Geheimpolizei à la Säpo einen Faschismus à la „Drittes Reich“ ermöglichen könnte, so ist das eine durchaus kritische, wenn nicht sogar brisante Aussage.

|Innerer Terror|

Indirekt entschärft der Autor diese Andeutung. Weil der Terror, den Naberius ausübt, auch ins innerste Privatleben eines Mitglieds der A-Gruppe hineinreicht, muss diese innere Bedrohung aufgehoben, bevor das Team wieder handlungsfähig ist. Die Beseitigung des Druckmittels erfolgt mit Hilfe eines technischen Experten der Säpo. Sie ist also doch zu etwas nutze und kann sich human betätigen.

_Die Übersetzung _

Der Text liest sich flüssig und problemlos, Fußnoten sind in der Regel nicht nötig. Bemerkenswert ist, wie stets bei Dahl, der harmonische Übergang vom Deutschen zum Englischen und wieder zurück. Die problemlose Kombination der beiden Sprachen signalisiert, dass die Ermittler der A-Gruppe, zu denen früher ja auch Paul Hjelm gehörte, durch ihre Tätigkeit im Englischen ebenso flüssig sprechen wie in ihrer Muttersprache: Da sie mit „Verbrechen von internationalem Charakter“ befasst sind, ist Englisch ihre lingua franca.

Englisch ist auch die Sprache jener Songtexte, die sich Paul Hjelm anhört. Die Texte, u.a. von Radiohead, bilden auf einer assoziativen Ebene einen indirekten Kommentar zu den Tätigkeiten und inneren Einstellungen der Ermittler. Den Begriff „Karma Police“ auf die Ermittler anzuwenden, ist ein weiterer ironischer Seitenhieb.

S. 48 wird auf einen Mann namens Carl Jonas Love Almqvist verwiesen, der Namensgeber des Unglückswaggons sein soll. Kerstin Holm sagt von Almqvist: „Das ist er doch gewöhnt.“ Der Grund dafür bleibt uns Nichtschweden allerdings verborgen. Die Wikipedia klärt uns auf: „A. * 28. November 1793 in Stockholm; † 26. September 1866 in Bremen) war ein schwedischer Schriftsteller und Komponist. Er war Feminist und Sozialreformer, der aufgrund seiner Arbeiten von der Kirche als gefährlicher Revolutionär verdammt wurde.“ Wer diese Information hat und sie in Bezug zu den drei feministischen „Wächterinnen“ setzt, bemerkt die Ironie, die der Autor zum Ausdruck bringt. Dass der Waggon nach Almqvist benannt ist, beruht also keineswegs auf einem Zufall.

Eine merkwürdige Art der Mathematik scheint auf S. 98 angewendet zu werden. „Die Schlacht von Siffin findet im Juli des Jahres 657 statt – im Jahr 37 nach muslimischer Zeitrechnung, die im Jahr 622 ihren Anfang nimmt …“ Bei mir ergibt 622 plus 37 immer 659. Es kann aber sein, dass die 2 Jahre Differenz von dem Mondkalender herrühren, den die Muslime bis heute verwenden.

_Unterm Strich_

Ich habe den Krimi in wenigen Tagen gelesen. Er ist spannend und durchaus actionreich geschrieben. Allerdings machte nach den ersten hundert Seiten eine mehrtägige Pause, denn da wurde gerade die relativ dröge Anfangsphase abgeschlossen: Die Figuren werden alle miteinander vorgestellt, aber nicht gerade auf prickelnde Weise. Lediglich leiser Humor kommt hier zum Ausdruck.

|Spaßbremsen|

Und der Fall Ake Bengtsson, der im Koma liegt, drückte zwar gehörig auf die Tränendrüse, tangierte mich aber überhaupt nicht, denn ich kannte die Szene, in der er angeschossen wurde, gar nicht. Hier hätte der Autor eine Rückblende einbauen sollen, damit Leute, die den Vorgängerband nicht kennen, auch etwas damit anfangen können.

Zudem beginnt das Buch nicht mit der Explosion, sondern mit einem inneren Monolog oder einer Art Tagebuch. Dieser Unbekannte stellt ein Rätsel dar, das einen Spannungsbogen beginnt, der erst sehr spät seinen Abschluss findet. Aber eben weil die Eintragungen so rätselhaft sind, reizen sie die Neugier nicht unbedingt. Und weiter von der Action kann man gar nicht entfernt sein.

Der Krimifreund muss sich mit solchen Eigenheiten eines Arne-Dahl-Krimis abfinden. Außerdem ist es hilfreich, wenn man schon mal einen A-Gruppe-Krimi gelesen hat, ganz gleich, welchen („Misterioso“ ist ein guter Einstieg). Dann versteht der Leser die spezielle Dynamik dieser Gruppe besser.

|Rätsel Nr. 2|

Ein zweites Rätsel wird ebenfalls früh aufgezeigt, aber ebenfalls sehr spät gelöst: Wer ist überhaupt der Bombenleger in der U-Bahn? Es kann sich weder um die islamistischen Amateure mit ihrem „Spiel“ handeln noch die Männerhasserinnen noch die sexgeilen Kerle, die sie bloßstellen wollen. Hier muss die Säpo ein paar bohrende Fragen der A-Gruppe beantworten.

Dennoch macht der Krimi auf den restlichen 340 Seiten Spaß. Die Action kommt meist unerwartet und mündet in einen gewaltig inszenierten Showdown im Berliner Holocaust-Mahnmal – eine tolle Kulisse, die zudem ein Versteckspiel à la Stonehenge geradezu provoziert. Beim Zugriff auf den Schären vor Stockholm fragte ich mich aber doch, wieso diesen Job die A-Gruppe erledigt und nicht die örtliche Kripo oder wenigstens der Reichsgrenzschutz (falls es so etwas in Schweden gibt).

|Puzzle|

Nicht alles wird am Schluss in der Sitzung mit der Säpo restlos geklärt. Der Leser ist durchaus aufgefordert, die Puzzlestücke zusammenzusetzen, um ein zusammenhängendes Bild aus den Beziehungen und Ereignissen zu erhalten. Dazu sollte der Leser die einzelnen Bausteine Revue passieren lassen und beurteilen. Es lohnt sich, denn wie gesagt, geht es um die verschiedenen Formen des Schreckens.

Die grimmige Aussage: Terror muss nicht Angelegenheit der Behörden sein. Es kann sich lediglich um eine Idee handeln, die gefährliches Handeln provoziert. Terror kann aber auch die Schlinge um den Hals eines geliebten Menschen sein. Dann beginnt der Horror im Kopf und erreicht schnell die Eingeweide …

|Taschenbuch: 440 Seiten
Originaltitel: Efterskalv (2006)
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
ISBN-13: 978-3492274500|
http://www.piper-verlag.de

O’Carroll, Gerry – Seelenrächer, Der

_Das geschieht:_

Als Eva Quinn am Jahrestag des Unfalltodes ihres Sohnes noch spät in der Nacht an seinem Grab trauern möchte, wird sie auf dem Glasmerin-Friedhof der irischen Hauptstadt Dublin überfallen und entführt; der Kidnapper begräbt sie lebendig, denn sie soll jämmerlich verdursten – ein Tod, der zuvor schon sechs andere Frauen ereilt hat.

Dieses Mal hat sich der Täter an der Ehefrau eines Polizisten vergriffen: Moss Quinn ist Detective Inspector bei der Garda Síochána, der irischen Nationalpolizei, sein Kollege und Freund Sergeant Joe Quinn ist Evas Onkel. Der Affront geht noch weiter, denn genau diese beiden Beamten hatten bisher die Mordserie bearbeitet und sogar einen geständigen Täter präsentiert. Doch Doyle hatte Conor Maggs, der schon seit seiner Jugend als Prügelknabe herhalten musste, beim ‚Verhör‘ brutal zusammengeschlagen; Maggs wurde entlassen und lebt seitdem in London. Quinn und Doyle gerieten unter den Druck der Justiz und der Medien, der Mörder treibt weiterhin sein Unwesen.

72 Stunden kann Eva ohne Wasser überleben. Diese Frist bestimmt die Ermittlungen, die hektisch und ohne Rücksichten vorangetrieben werden. Mit Feuereifer heizt die Garda der Unterwelt von Dublin ein. Doch hier ist man ratlos; nie würde man die Polizei auf diese Weise reizen. Folglich müssen persönliche Gründe hinter der Entführung stecken – und dies weist auf Conor Maggs hin, der guten Grund zur Rache hätte.

Als Quinn und Doyle erfahren, dass Maggs längst heimlich nach Dublin zurückgekehrt ist, setzen sie ihm erneut hart zu. Doch Maggs wehrt sich nicht nur, er weckt auch Zweifel: Ist den Polizisten bekannt, dass Patrick McGuire, ein Freund der Familie Quinn, seit Jahren unsterblich aber hoffnungslos in Eva verliebt ist? Diese Information birgt Zündstoff, denn Patrick ist der Bruder von Chief Superintendent Frank McGuire, Quinns Vorgesetzten. Ein Verdacht keimt auf, und er ist ebenso gefährlich wie unmöglich unter Verschluss zu halten …

_Die Unsterblichkeit der Vergangenheit_

Nicht nur alte Liebe rostet nicht; Hass ist sogar noch beständiger. Er kann an der Oberfläche längst überwunden sein und doch in einem windstillen Winkel des Gedächtnisses weiterschwelen, bis ihn eine provokationsfrische Brise eines emotionalen Tages wieder anfacht. In unserem Fall verbindet sich gut abgelagerter, hochprozentiger Hass mit beträchtlicher Cleverness.

Der Mörder ist ein Ungeheuer, aber er wurde quasi zu einem gemacht, und die Hauptfiguren dieses Dramas haben ahnungslos oder gleichgültig ihren Anteil daran gehabt. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis nur einer der Wendungen, die Gerry O’Carroll die Handlung immer wieder nehmen lässt. „Der Seelenrächer“ ist trotz des deutschen Plump-Titels, der wohl das Publikum für Psycho-Kitsch à la Joy Fielding locken soll, ein Thriller, der durch seine Kompromisslosigkeit gleichermaßen überrascht wie fasziniert.

Hier treten nur scheinbar die üblichen Abziehbilder – der irre aber geniale Schurke, der beruflich bedrängte und privat gescheiterte Polizist – gegeneinander an. Zwar anwesend aber ebenfalls nicht in ihrer üblichen Funktion als Zeilenschinder sind die leidende Gattin, die traurigen Kinder, die verführerische Kollegin u. a. Figuren, die gern zu Lektürespaß-Dieben entarten. O’Carroll läßt nicht zu, dass sie das Geschehen an sich reißen und einen guten Krimi mit billiger Seifenoper verwässern.

|Die Ratlosigkeit der Profis|

Im Zentrum steht der Fall, ohne dass der Autor die menschlichen Aspekte des Geschehens vernachlässigen würde. Der Suspense-Druck ist allgegenwärtig. So gibt es keine Kapitelüberschriften, sondern nur Tagesdaten und Uhrzeiten: Obwohl O’Carroll nur selten zu Eva in ihrem Erdgrab umschaltet, wissen wir, dass die Uhr tickt und ihre Zeit abläuft.

O’Carroll spiegelt dies in einer Handlung wider, die an Tempo unmerklich aber stetig zunimmt. Die Not heiligt wie der Zweck die Mittel, doch unter Zeitdruck und Stress leidet die Fahndungsmethodik, was wiederum dem Täter in die Hände spielt. Dieser ist wie gesagt clever aber keineswegs ein Genie. Einer systematischen Ermittlung könnte er nicht lange standhalten, aber Raffinesse ist in der beschriebenen Situation unmöglich. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, auch wenn sie falsch sein mögen: Es muss vorangehen!

Die Polizisten sind ratlos, müde und zunehmend verzweifelt. Den sorgfältig zusammengestellten Botschaften des Täters schenken sie zunächst kaum Beachtung. Stattdessen wird die Ermittlungsmaschinerie auf Hochtouren gebracht – und läuft ins Leere, denn dies ist eben kein Verbrechen, das sich durch Routine und Insidertricks klären ließe, indem man die Unterwelt unter Druck setzt. Hier spielen Emotionen die Hauptrolle; sie verleihen der Polizeiarbeit einen zunehmend schrillen Unterton.

|Fallverlauf mit Hakenschlägen|

Die Kunst des Twists ist auch die tragische Geschichte literarischen Versagens. Der Versuch, eine auf Kurs gebrachte Handlung so aus dem Ruder laufen zu lassen, dass geschilderte Ereignisse plötzlich eine gänzlich andere Bedeutung gewinnen, ist riskant und schwierig. Wenn er allerdings glückt, ist der Erfolg garantiert. O’Carroll gelingt dies gleich dreifach. Jedes Mal sind wir davon überzeugt, jetzt die Entlarvung des Täters zu erleben. Stattdessen schlägt die Handlung einen weiteren Haken und landet schließlich dort, wo wir sie sicherlich nicht erwartet hätten.

Dabei hat es O’Carroll nicht einmal nötig, sich an dem im Genre heute so beliebten Epilog-Twist zu versuchen, der nach Abschluss der eigentlichen Handlung für Sensationen sorgen soll, die ausschließlich dem Leser gelten und der Story oft schaden. „Der Seelenrächer“ endet, wenn das letzte Ereignis-Steinchen gesetzt ist. Wie es den Überlebenden nach dem Schlussgong ergeht, spart O’Carroll aus.

Abermals sorgt die Beschränkung auf das Wesentliche für Spannung. Die Unsicherheit der Ermittler teilt sich dem Leser mit. Polizei-Humor, wie ihn Ian Rankin oder Stuart MacBride einfließen lassen, sucht er hier vergebens. Hier wirft man sich nicht gegenseitig Knüppel zwischen die Beine. Zwar wird ausgiebig gestritten, doch man arbeitet zusammen.

|Lokalkolorit ist mehr als Ortskenntnis|

Gerry O’Carroll ist ‚vom Fach‘. Viele Jahre war er selbst für die Garda Síochána tätig. Für innerpolizeiliche Probleme ist er keineswegs blind, aber als Kritiker sieht er sich höchstens, wenn es darum geht zu schildern, wie der Polizei seitens der Politik, der Medien oder der Öffentlichkeit Unrecht getan wird, die alle fern vom Schuss auf Ergebnisse pochen, doch sich dafür die Finger nicht schmutzig machen wollen.

So sollte man mit O’Carrolls nicht gerade optimistische Weltsicht berücksichtigen, um diesen Thriller verstehen und genießen zu können. Joe Doyle, dem gern die Faust ausrutscht, ist kein Kandidat für die Anklagebank, sondern nach O’Carroll genau der grobe Klotz, der eine Ordnungsmacht effizient komplettiert. Nur mit Männern wie Doyle lässt sich eine Kriminalität in Schach halten, die sich an keine Vorschriften halten muss. Auf diese Weise hat sich ein ungeschriebenes Regelwerk mit wenigen aber wichtigen Kapiteln entwickelt, an das sich sowohl die Dubliner Unterwelt als auch die Polizei hält – bisher, denn der Verfasser deutet zumindest an, dass auch das Verbrechen sich globalisiert. Vor allem aus Asien und den Staaten des untergegangenen Ostblocks drängen neue Organisationen ins Land, die sich an Ganovenehre nicht gebunden fühlen. Auf diese Weise zahlt das moderne Irland seinen Preis für den Anschluss an die Welt. Dabei sind nicht einmal die Probleme der eigenen Vergangenheit bewältigt. Vor allem die Jahrhunderte der oft grausamen britischen Oberherrschaft, die erst 1922 mit der Gründung Republik Irland endete, sind keineswegs überwunden, zumal der Nordosten weiterhin zum Königreich gehört.

Dass den Leser eine angenehme Überraschung erwartet, ist an dieser Stelle hoffentlich klar zum Ausdruck gekommen; dies muss auch deshalb herausgestrichen werden, weil „Der Seelenfänger“ zwar gut übersetzt wurde, aber mit einem nichtssagenden Cover ‚getarnt‘ in der in die Buchmärkte schwappenden Taschenbuch-Flut unterzugehen droht. Dabei ist dies keineswegs ein typischer Verbrauchs-Krimi, sondern ein Roman, der Aufmerksamkeit verdient!

_Autor_

1947 in Irland geboren, trat Gerry O’Carroll in den frühen 1970er Jahren in den Dienst der Garda Síochána, der irischen Nationalpolizei. In den nächsten drei Jahrzehnten arbeitete nicht nur an einigen der berühmtesten Kriminalfälle mit, sondern wurde auch immer wieder mit den Folgen des Terrors konfrontiert, der aus der Spaltung Irlands resultiert. So war er beispielsweise prominent an den Ermittlungen gegen Martin „The General“ Cahill, einen brutalen Gangsterboss in Dublin, beteiligt, der 1994 von der RAF ermordet wurde.

Seit er den aktiven Polizeidienst verlassen hat, ist O’Carroll als Fachmann für das moderne Verbrechen gern gesehener Gast in den Medien. Außerdem schreibt er für Zeitschriften. Als der Regisseur John Boorman 1998 Aufstieg und Fall des Martin Cahill unter dem Titel „The General“ (dt. „Der General“) verfilmte, beriet O’Carroll den Schauspieler Jon Voight, der als „Inspector Ned Kenny“ quasi in seine Rolle schlüpfte.

Erstmals als Buchautor trat O’Carroll 2004 hervor. Unter dem Titel „The Sheriff“ erinnerte er sich an seine größten Fälle. 2010 erschien „A Gathering of Souls“ (dt. „Der Seelenrächer“). O’Carroll blieb im Thema und schrieb einen Polizei-Thriller im Umfeld der Garda Síochána.

|Taschenbuch: 381 Seiten
Originaltitel: The Gathering of Souls (Dublin : Liberties Press 2010)
Übersetzung: Birgit Moosmüller
ISBN-13: 978-3-442-47514-8|
http://www.randomhouse.de/goldmann

|eBook: 708 KB
ISBN-13: 978-3-641-06626-0|
http://www.randomhouse.de/goldmann

|Hörbuch-Download: 704 Min.
Gelesen von Hans Jürgen Stockerl
ISBN-13: 978-3-8445-0821-5|
http://www.randomhouse.de/hoerverlag

Lustbader, Eric Van – Die Ungläubigen (Jack McClure 1)

_Die |Jack McClure|-Reihe:_

1) First Daughter (2008, _Die Ungläubigen_)
2) Last Snow (2010)
3) Blood Trust (2011)
4) Father Night (2012)
5) Beloved Enemy (2013)

Agententhriller um die Tochter des Präsidenten

ATF-Agent Jack McClure erhält einen Anruf vom designierten Präsidenten, einem alten Freund: Die Tochter von Edward Carson, Alli, wurde entführt. Sie war eine Freundin von Jacks tödlich verunglückter Tochter Emma, die am gleichen Internat studierte. Die alten Wunden brechen wieder auf, doch Jack stößt auf einen Killer, der Verbindung zu den höchsten Regierungskreisen hat. Wie soll an ihn herankommen? Er muss es rechtzeitig vor der Amtseinführung des neu gewählten Präsidenten schaffen, sonst wird eine Katastrophe passieren.

_Der Autor_

Eric Van Lustbader, geboren 1946, ist der Autor zahlreicher Fernost-Thriller und Fantasyromane. Er lebt auf Long Island bei New York City und ist mit der SF- und Fantasylektorin Victoria Schochet verheiratet. Sein erster Roman „Sunset Warrior“ (1977) lässt sich als Science-Fiction bezeichnen, doch gleich danach begann Lustbader, zur Fantasy umzuschwenken.

1980 begann Lustbader mit großem Erfolg seine Martial-Arts & Spionage-Thriller in Fernost anzusiedeln, zunächst mit Nicholas Linnear als Hauptfigur, später mit Detective Lieutenant Lew Croaker: The Ninja; The Miko; White Ninja; The Kaisho usw. Zur China-Maroc-Sequenz gehören: Jian; Shan; Black Heart; French Kiss; Angel Eyes und Black Blade. Manche dieser Geschichten umfassen auch das Auftreten von Zauberkraft, was ihnen einen angemessenen Schuss Mystik beimengt.

Zuletzt erschien bei uns die „Kundala“-Trilogie: „Der Ring der Drachen“, „Das Tor der Tränen“ und „Der dunkle Orden“. Da diese Fantasy ebenfalls in einem orientalisch anmutenden Fantasyreich angesiedelt ist, kehrt der Autor zu seinen Wurzeln zurück, allerdings viel weiser und trickreicher. Kürzlich hat er noch einmal eine Wendung vollziehen und schreibt nun die Thriller seines verstorbenen Kollegen Robert Ludlum fort, so etwa „Die Bourne-Verschwörung“. 2007 erschien der Mystery-Thriller „Testamentum“ in der Art von Dan Browns „The Da Vinci Code“. Danach veröffentlichte Lustbader Fortsetzungen von Robert Ludlums BOURNE-Serie.

_Handlung_

Jener Moment wird für immer in Jack McClures Erinnerung eingegraben bleiben. Als er gerade eine Antischmuggleraktion seiner ATF-Agenten (ATF: Alcohol, Tobacco, Firearms) dirigierte, rief ihn seine Tochter Emma an, um ihm mitzuteilen, dass sie das Internat Langley Fields verlasse. Natürlich konnte er sich nicht um sie kümmern, obwohl sie sein einziges Kind war. Und so wimmelte er sie ab, bis sie auflegte. Wenige Stunden später wurde er zu einem Autounfall in Virginia gerufen: Seine Tochter lag tot in den Trümmern ihres Wagens. Der Tod seines Kindes bedeutete auch das Ende seine Ehe mit Sharon, denn die gab ihm die Schuld an Emmas Tod. Und sie betrog ihn aus Rache mit seinem besten Freund.

Heute erhält Jack einen Anruf von seinem Freund, dem designierten Präsidenten Edward Carson: Seine Tochter Alli wurde aus dem Internat Langley Fields entführt, und zwei Agenten des Secret Service wurden dabei ermordet. Alli war, wie Jack gut weiß, Emmas beste Freundin. Jacks Chef Bennett fährt ihn zum Tatort und warnt ihn schon mal vor: Hugh Garner, der Leiter dieser Aktion, ist ein Politiker durch und durch. Schon nach wenigen Augenblicken weiß Jack, dass er Garner nicht leiden kann. Und es stellt sich sogar heraus, dass Garner ihm eine Falle gestellt hat: Ob er wohl das Fläschchen Kokain findet, das in die Unterseite der Matratze von Allis Bett gestopft wurde? Jack findet es, doch nur Nina Miller, eine weitere Secret-Service-Agentin, verrät ihm, dass es ein Test war.

Die erste Spur, die Jack findet – Garners hochtechnisierter Ermittlungsapparat findet nichts – sind die beiden Einstiche in den toten Secret-Service-Mitarbeitern. Er findet sie im Autopsieraum seines guten Freundes Egon Schiltz, dem Gerichtsmediziner dieses Distrikts von Washington, D. C. Die Einstiche stammen von einem sehr dünnen, gekrümmten Messer, das bei Konditoren als ‚Panetta‘ bekannt ist und zum Glattstreichen einer Glasur dient. Es wurde extra spitz zugefeilt.

Das Panetta wurde schon einmal in Jacks Leben verwendet, vor 25 Jahren, als sein Mentor Augustus, ein Pfandleiher und Leiter eines Informationsnetzwerks, im Schlaf ermordet wurde. Gus und dessen Freund, Reverend Myron Taske, brachten Jack, der wegen einer Leseschwäche (Dyslexie) stets verunsichert ist, das Lesen bei – und wie man sich in einem Schwarzenvorort behauptet, wo die Verbrechensrate wesentlich höher liegt als im Rest der Hauptstadt.

Der Verdacht des Secret Service, sagt Nina Miller, richtet sich nun gegen eine neue antikirchliche Bewegung, die als NAS bekannt ist: Neue Amerikanische Säkularisten. Diese Bewegung ist dem scheidenden Präsidenten ein Dorn im Auge, den sie lehnt seine Koalition aus christlichen Fundamentalisten und dem militärisch-industriellen Komplex (ein Begriff Präsident Eisenhowers) als repressiv und antidemokratisch ab. Was diese ja auch ist. Der alte Präsident will hingegen die NAS als Brutstätte einheimischer Terroristen brandmarken, die als Zweite Aufklärung oder A-Zwei bekannt sind. Er beauftragt seinen Heimatschutzminister Dennis Paull mit den notwendigen Schritten, bevor er nach Moskau aufbricht, um dort Präsident Yukin Feuer unterm Hintern zu machen. Er ahnt nicht, dass Paull ein Verbündeter Carsons ist …

Jack ist ein Agent mit jahrelanger Erfahrung, und politische Verdächtigungen sind nicht sein Ding. Statt dessen hält er sich an konkrete Spuren. Zusammen mit Nina Miller begibt er sich ins Dickicht unter der hohen Umgrenzungsmauer, die das College Langley Fields umgibt. Nina wundert sich, was Jack hier will. Aber er braucht nur ein paar Ziegel aus der Mauer zu ziehen, und schon wird ein schmaler Pfad durchs Unterholz erkennbar.

Nina folgt Jack auf diesem Pfad durch alle Dornen und Brombeergestrüppe, bis sie endlich auf eine kleine Lichtung gelangen. Hier hat Emma einmal einen unbekannten Mann getroffen, und Jack, der ihr heimlich gefolgt war, entdeckte sie dort. Danach war die ertappte Emma stinkwütend auf ihn. Teenager! Jack schaut sich um und sein Blick fällt auf einen Flecken frische Erde unter einem großen Baum. Bingo!

Als er in dieser Erde gräbt, kommt ein grausiger Fund zutage: die abgetrennte Hand eines Mädchens. Ist es die von Alli, befürchtet er. Denn an einem Finger steckt ein Collegering, den Jack gleich wiedererkennt: Auch seine Tochter Emma trug so einen. Wow, meint Nina. Genau, meint Jack. Ein hübsches Präsent für seinen guten Freund Egon Schiltz. Am besten übergibt er ihm die Hand gleich zum Mittagessen. Egon Schiltz ist zum Glück ein Mann mit Humor …

_Mein Eindruck_

Lustbader hat einen neuen Helden erfunden. Jack McClure hat eine Schwäche: Er kann nur mit Anstrengung lesen. Aber genau diese Schwäche verleiht ihm auch eine einzigartige Stärke: Er kann tausendmal schneller denken, um Fakten zu einem sinnvollen Bild zusammenzufügen, als handle es sich um einen Rubikwürfel. Und diese Fähigkeit rettet ihm mehr als einmal das Leben. Eine weitere Schwäche ist die „Schuld“ an Emmas Tod. Doch die Stärke, die sich daraus ergibt, ist sein Einfühlungsvermögen in andere junge Frauen. Und dies rettet Alli Carson das Leben.

Wie Nicholas Linnear oder Jason Bourne ist auch Jack McClure ein Außenseiter, der anders als alle anderen ist. Der Außenseiter stellt die üblichen Werte infrage, die von der Mehrheit propagiert und vertreten werden. Die amerikanische Gesellschaft, die vom aktuellen (namenlosen) Präsidenten seit acht Jahren geführt wird, ist christlich-fundamentalistisch geprägt und duldet keine Außenseiter. Deshalb hat sie in Jacks Augen selbst ihr eigenes Gegenteil erzeugt, nämlich die atheistische Bewegung NAS. Jack kommt immer wieder in Kontakt mit den Vertretern der NAS, aber auch mit anderen Atheisten und Nihilisten. Es selbst glaubt zwar auch nicht an einen allmächtigen Gott, doch an Loyalität und Freundschaft.

Seine Werte führen ihn nicht nur auf Kollisionskurs mit dem Entführer Allis, einem ganz besonderen Serienmörder, sondern auch mit den Vertretern der aktuellen Politik, allen voran Hugh Garner und seinen Mitarbeitern. Als Garner die Foltermethode des Waterboardings anwendet und sich genauso gnadenlos, wie ein Mafiaboss aufführt, schreitet Jack und bereitet dem Spuk ein Ende. Nur sein Schutz durch den designierten Präsidenten bewahrt seine Karriere vor einem abrupten Ende.

In mehreren Rückblenden, die Lustbader vor 20 Jahren noch separat eingeführt hätte, erfahren wir kapitelweise mehr von Jacks Jugend und Werdegang. Der Pfandleiher Gus und Reverend Myron Taske wohnen in einer Gegend, wo jetzt auch Jacks eigenes Haus steht: in einem Schwarzenvorort, in den sich seine Frau Sharon einfach nicht trauen will. Dabei kennt Jack das Viertel wie seine Westentasche. Hier hat er selbst zwei Menschen umgebracht – den Bandenführer Andre und den Gangster Cyril Tolkan, den er irrtümlich für den Mörder von Gus hielt. Wie diese Taten herbeigeführt werden, ist sehr spannend (im Präsens) geschildert.

Jack ist also durchaus zu harter Action fähig, wenn es darauf ankommt. Wir alle führen ein geheimes Leben – das ist eine Standardzeile, die mindestens zehnmal im Buch auftaucht. Als er dies über Emma erfährt, ist er verletzt: Was konnte ihm seine Tochter nicht anvertrauen? Wer war der Mann, den sie im Wald hinter dem Internat traf?

Es ist natürlich unvermeidlich, dass die Suche nach Alli auch eine Suche nach Emma und Jacks eigener Vergangenheit ist. Viele Rechnungen sind noch offen, viele Fäden nicht abgeschlossen. All dies geschieht jedoch erst im letzten Drittel des Buches. Doch selbst als Jack die gesuchte Alli gefunden hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass die Gefahr vorüber ist. Denn erstens läuft der Serienmörder noch frei herum und zieht weitere Jüngerinnen heran, die ihm hörig sind. Und zweitens folgt der eigentliche Höhepunkt der Handlung im Moment der Amtseinführung des neuen Präsidenten. Das macht uns schon der Prolog klar, der uns Alli zeigt, als sie eine sehr gefährliche Handlung vorbereitet …

Ich fand, dass Lustbader diesmal die menschliche, ja familiäre Komponente der geschilderten Welt zu stark betont. Aber man muss Jack McClure nehmen wie er ist: ein Vater und Gatte, der in beiderlei Hinsicht schwer verletzt wurde. Ihm steht eine Politmaschinerie aus Intrigen, Ideologie und Informationsdiensten wie CIA und NSA gegenüber, die drohen, ihn zu Hackfleisch zu verarbeiten. Dennis Paull steht auf dieser Seite im Mittelpunkt. Dieser Teil der Handlung erinnert stark an gewisse Szenen aus den Jason-Bourne-Romanen.

Anders als Jason Bourne sieht sich jedoch Jack McClure ständig mit Werten konfrontiert, die er infrage stellen muss. Nur so kann er es überhaupt mit dem Serienmörder aufnehmen, der sich Ian Brady nennt und sich als Gehirnwäscher ersten Ranges betätigt. Auch an Alli Carson …

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung liest sich flüssig und klingt natürlich. Doch der Übersetzer hat eine merkwürdige Schwierigkeit mit der korrekten Kommasetzung. Nach dem Motto „Lieber ein Komma zu viel als eins zu wenig“ streut er ein Komma gern mal da ein, wo keines hingehört.

So etwa auf S. 109: „Ich hatte eigentlich gedacht, dass der tragische Tod von Emma [,] dir gezeigt hat …“ und auf S. 179: „dafür, Edward Carson [,] diese großartige Neuigkeit mitzuteilen?“ Auch auf S. 342 ist das Komma recht überflüssig: „Bis dahin[,] dürfte er sich wieder halbwegs menschlich fühlen.“

Auch falsche Kasus-Endungen (S. 175) und fehlende Buchstaben (S. 173) bzw. zu viele Buchstaben sind zu finden: „Es gibt kein machtvolleres Gebäude in der Welt als den Glauben[s].“ (S. 317) Sowie auf S. 427: „Der Schatten b[e]reitete sich über Alli …“

_Unterm Strich_

Man könnte stark vereinfach sagen, dass Lustbader in „Die Ungläubigen“ die Tugenden seiner Nicholas-Linnear-Romane mit den Vorzügen der Jason-Bourne-Thriller kombiniert, um dem modernen Massengeschmack besser zu bedienen. Dennoch merkt man auf jeder Seite, dass es sich um ein Buch von einem der Großmeister des Thrillers handelt.

Zahlreiche literarische Anspielungen, Musikzitate (viel Blues), wunderbare Beschreibungen der Naturvorgänge und schließlich der Werdegang des jungen Helden – kein anderer Thrillerautor (ich kenne nicht alle) zeigt seine Handschrift in diesen Elementen so deutlich wie Lustbader. Allerdings: Wer Action sucht, sollte sich an Lustbaders BOURNE-Romane halten. Jack McClure kann zwar auch zuschlagen, doch das passiert reichlich selten.

|Outsider|

Der Autor bedankt sich explizit bei Colin Wilson für dessen Sachbuch „The Outsider“ aus dem Jahr 1956. Manchmal lesen sich gewisse Passagen wie Auszüge aus Wilsons Thesen. Diese Passagen sind zum Glück nur sehr kurz. Aber Jack McClure wirkt wie eine Inkarnation des Outsiders. Und sein Kontrahent Ian Brady schafft aus solchen Outsidern Terroristen. Man sieht also, dass Lustbader keineswegs das Lob des Outsiders singt, sondern die Figur neu bewertet.

|Meine Lektüre|

Ich habe das Buch in nur drei Tagen verschlungen. Es ist ungemein spannend, originell in seinen genau gezeichneten Figuren und unvorhersehbar in seinen Finali. Dennoch erscheint manche Elemente, besonders in der Politmaschinerie, zu klischeehaft, so etwa die Skrupellosigkeit der Politiker, insbesondere des Präsidenten. Auch „Men in Black“, also Angehörige der supergeheimen Geheimdienste wie NSA oder DHS, gibt es in rauen Mengen, und meist weiß Jack nicht, auf welcher Seite sie gerade stehen. Jedenfalls meist nicht auf seiner.

Andererseits ist das Buch eine kritische Auseinandersetzung mit den acht Jahren der Administration von George W. Bush, auch wenn dieser nie dem Namen nach genannt wird. Und anders als Barack Obama ist der Nachfolger Carson kein Demokrat, sondern ein liberaler Republikaner, falls es so etwas geben kann. Lustbader macht stets klar, dass sein Buch eine Fiktion ist und daher nie mit der historischen Realität verwechselt werden sollte. Allerdings sind die Parallelen zu Bush so unübersehbar, dass das Wegsehen schwerfällt.

|Die Gläubigen |

Der deutsche Titel ist recht treffend gewählt. Der noch amtierende Präsident hat Amerika in eine Theokratie verwandelt, einen Gottesstaat. Natürlich wird gegen dieses Extrem auch extrem reagiert, nicht zuletzt auch durch Emma und Alli. Doch der Präsident betrachtet alle Andersdenkenden als „Ungläubige“, und die gehören ausgemerzt. Allis Entführung ist ihm ein willkommener Vorwand, gegen die Säkularisten vorzugehen.

Jack selbst steht auf keiner Seite, ist wohl eher als Humanist einzustufen. Anhand seiner Jugend verstehen wir auch, aus welchen Gründen er keinen Glauben außer an den Menschen an sich hat. Jack bekommt es mit zahlreichen Heuchlern zu tun, die nur so tun, als wären sie gläubig: Sie gehen sonntags in die Kirche, um dann als Drogenhändler oder Ehebrecher tätig zu werden.

Deshalb ist für diesen gedanklichen Überbau so elementar wichtig, den „Mentor“ von Emma, Alli und anderen Mädchen kennenzulernen, zu stellen und unschädlich zu machen. Dumm nur, dass er ein supergeheimer Regierungsagent ist. Sein Deckname „Nightwing“ ist sehr treffend gewählt. Als Jack ihn endlich aufstöbert, bekennt sich Nightwing zum absoluten Nihilismus. Er ist der ultimative Outsider. Aber als Mentor hat er viele Jüngerinnen geschaffen und auch sie zu Outsidern gemacht, optimal geeignet als Terroristinnen. Sobald Jack dies erkannt hat, ahnt er, in welcher Gefahr der neue Präsident am Tag seiner Amtseinführung schwebt.

Am Schluss stellt sich der Leser die Frage, ob Jack McClure seine persönliche Erlösung vom Trauma des Todes seiner Tochter finden kann. Aber ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, soll hier nicht verraten werden. Vielleicht müssen wir dafür auf die Fortsetzungen warten. Es gibt inzwischen drei davon.

|Taschenbuch: 528 Seiten
Originaltitel: First Daughter (2008)
Aus dem US-Englischen von Robert Brack
ISBN-13: 978-3453434240|
http://www.heyne.de

_Eric Van Lustbader bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Ring der Drachen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=254
[„Der dunkle Orden“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1017
[„Schwarzen Schwert“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1041
[„Der Weiße Ninja“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1042
[„Drachensee“ (Sunset Warrior 5)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1043
[„Der Ninja“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2542
[„Testamentum“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3967
[„Der Kiasho“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4041
[„Okami“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4078
[„Schwarzer Clan“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4123
[„Das Borne-Vermächtnis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5355
[„Der Bourne-Betrug“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5537
[„Das Borne-Attentat“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6125
[„First Daughter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6464

Lustbader, Eric Van – Robert Ludlum\’s The Bourne Dominion (Jason Bourne 9)

_Die |Bourne|-Serie:_

1) Die Bourne-Identität (The Bourne identity)
2) Das Bourne-Imperium (The Bourne Supremacy)
3) Das Bourne-Ultimatum (The Bourne Ultimatum)
4) [Das Bourne-Vermächtnis]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5355 (The Bourne Legacy; von Eric Lustbader)
5) [Der Bourne-Betrug]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5537 (The Bourne Betrayal; von Eric Lustbader)
6) The Bourne Sanction / [Das Bourne Attentat]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6125 (von Eric Lustbader, 2008)
7) The Bourne Deception / Die Bourne-Intrige (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2009)
8) The Bourne Objective / [Das Bourne-Duell]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7652 (von Eric Lustbader, Veröffentlichung 2010)
9) _The Bourne Dominion_ (von Eric Lustbader, 2011)
10) The Bourne Imperative (von Eric Lustbader, 2012)

_Der Schattenkrieger_

Eine mächtige internationale Organisation schickt sich an, der amerikanischen Wirtschaft einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Doch zuvor muss der Mann beseitigt werden, der ihr als Einziger gefährlich werden kann: Jason Bourne. Ausgerechnet Bournes russischer Freund Boris Karpow wird auf den amerikanischen Topagenten angesetzt. Findet Karpow einen Weg aus der tödlichen Zwickmühle? (Verlagsinfo)

_Handlung_

Die weltumspannende Geheimorganisation Severus Domna ist immer noch hinter Jason Bourne her. Denn er ist der Mann, der sie um einen sagenhaften Goldschatz betrogen hat, mit dem sie das westliche Währungssystem zerstören wollte. Nun wählt sich Benjamin el-Arian, der Leiter der Gruppe, ein neues Ziel aus: die strategischen US-Ressourcen an seltenen Erden, die in Kalifornien entdeckt wurden. Gelingt es ihm, diese Vorräte zu zerstören, könnten die Amerikaner keine Mobiltelefone, Tablet-PCs und Hightech-Waffen mehr bauen – sie müssten die Chinesen um diese Rohstoffe bitten, die bislang 97 Prozent der Vorräte kontrollieren und sie künstlich verknappen.

Während Benjamin el-Arian eine weitere, gut getarnte Attentäterin auf den Weg schickt, begegnet Bourne im Camp eines kolumbianischen Drogenlords einem Mann, dem er Schlimmes angetan hat: Jalal Essai. Ihm gehörte der Laptop, der brisante Informationen über Severus Domna und deren Pläne enthielt und den er für Alex Cross, den Treadstone-Chef, stahl. Dabei verletzte Bourne ein muslimisches Gebot. Inzwischen aber hat sich Essai von Severus Domna losgesagt, weil diese ihm seine Tochter geraubt haben, und will sich widerwillig mit Bourne verbünden. Sein Ziel: Rache. Als erste Leistung verrät er Bourne, wen die Agenten el-Arian auf Bourne angesetzt haben: seinen guten Freund Boris Karpow.

Erst kürzlich zum Chef des mächtigen russischen Sicherheitsdienstes FSB-2 ernannt, verdankt Boris Karpow seinen Aufstieg der Führungsspitze von Severus Domna. Doch er ist dafür einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, wie sich zeigt, mit seinem Kollegen Cherkesow. Dieser verlangt im Gegenzug von Karpow das Unvorstellbare: Er soll seinen Freund Jason Bourne eliminieren. Karpow ist bestürzt und wendet sich an seinen ältesten Freund und Mitkämpfer. Iwan Wolkin rät ihm herauszufinden, was ein Test ist und was ein Opfer.

Die Wege von Bourne und Karpow kreuzen sich in der Altstadt der syrischen Hauptstadt Damaskus. Kann Bourne dem Russen, dem er einst das Leben rettete, noch trauen? Und findet Boris Karpow einen Weg, sich aus der tödlichen Zwickmühle zu befreien? Ihnen bleibt nicht viel Zeit, denn schon bald sehen sie sich mit ihren größten Widersachern konfrontiert.

|Unterdessen|

Christopher Hendricks ist der neue Verteidigungsminister der USA und hat klammheimlich das ehemalige CI-Programm „Treadstone“ reaktiviert. Die einzigen beiden Agenten, die ihm zur Verfügung stehen, sind allerdings bislang nur die beiden geschassten CI-Agenten Soraya Moore, Jason Bournes Busenfreundin und Peter Marks, ein exzellenter Computerermittler.

Der US-Präsident betraut Hendricks damit, die Security für Indigo Ridge, die kalifornische Mine für Seltene Erden, aufzubauen und zu leiten. Was Hendricks verwundert, ist der Umstand, dass die Firma NeoDyme, die diese Mine vermarktet, an der Börse derartig viel Erfolg hat, obwohl man vom Vorleben ihres Direktors Roy FitzWilliam wenig weiß. Als er Peter Marks auf FitzWilliams ansetzt, wird Peter um ein Haar Opfer einer Autobombenexplosion, gleich darauf wird er entführt. Nur Jason Bournes Freunde Tyrone und Deron können ihn vor einem höchst unerfreulichen Ende bewahren.

Nichtsahnend freundet sich Hendricks unterdessen mit seiner neuen Gärtnerin an. Diese Maggie Penrod ist bezaubernd, und da er noch immer seiner verstorbenen Frau Amanda nachhängt, fühlt er sich auf einmal recht einsam. Kann Arbeit allein ein Leben ausfüllen, fragt er sich? Wohl kaum. Zum Verdruss seiner Leibwächter trifft er sich mit Maggie immer öfter. Und zudem setzt sie ihm einen Floh ins Ohr: Er solle die Security von Indigo Ridge doch dem neuen CI-Direktor Danziger überlassen, denn der werde sich damit schon bald bis auf die Knochen blamieren. Doch Hendricks ahnt nicht, dass Benjamin El-Arian „Maggie“ geschickt hat, um Hendricks erst bloßzustellen und dann zu eliminieren …

|Paris|

Soraya Moore lebt auf Alarmstufe Rot: Einer ihrer Kontakte in Paris wurde ermordet. Um herauszufinden, wer dahinter steckt, arbeitet sie erst mit einem jüdischen Inspektor zusammen, dann, als die Spur in die arabische Welt weist, mit ihrem ehemaligen Geliebten Amun, dem Chef des ägyptischen Geheimdienstes. Sie hätte es besser wissen sollen, als einen Juden und einen Araber Seite an Seite zu engagieren. Sie gehen sich um ein Haar gegenseitig an die Gurgel.

Doch der Auftrag ist zu wichtig. Er führt direkt zur Tarnorganisation The Monition Club von Severus Domna, die von El-Arian geleitet wird. Monsieur Donatien Marchand scheint harmlos genug, doch als Amun eine Wanze in dessen Büro anbringt, belauschen sie, wie er einen Mord in Auftrag gibt – und das Ziel sollen sie und ihre beiden Mitarbeiter sein. Als sie Marchand in einen völlig von Arabern bewohnten Vorort folgen, tappen sie direkt in eine tödliche Falle …

_Mein Eindruck_

Dieser Band von Bournes Abenteuern führt einige Fäden, die mit Severus Domna zu tun haben, zu ihrem Ende. Die uralte Geheimorganisation der Römer sollte ursprünglich Okzident (Severus) und Orient (Domna) zusammenführen. Doch unter dem Angriff einer russischen Untergrundorganisation namens Almaz entschloss sich ihr Leiter, Benjamin El-Arian, sich mit einem scheinbar gemäßigten Muslimführer namens Semid Al-Qahhar zusammenzutun. Das war ein schwerer Fehler, denn Semid ist in Wahrheit ein islamistischer Terrorist, der versucht, Severus Domna für seine Zwecke zu missbrauchen. Und diese Pläne sehen den Sturz des Amerikanischen Imperiums vor. Daher sein geplanter Angriff auf Indigo Ridge.

Diese Mine für Seltene Erden, die für neuartige Waffensysteme strategische Bedeutung haben, muss um jeden preis geschützt werden, geht es nach dem US-Präsidenten. Deshalb die Zentrale von Chris Hendricks, dem Verteidigungsminister, und seiner neuen Geliebten Maggie Penrod alias Skara Noren. Wie schon so häufig in Lustbaders Romanen wird die Liebe selbst dem entschlossensten Krieger zum Verhängnis, wenn er in dieser Hinsicht einen wunden Punkt aufweist. Und Hendricks hängt immer noch der verblichenen Amanda nach – dies ist seine Achillesferse. Und Skara nutzt sie weidlich aus, indem sie ihn überredet, die Security für Indigo Ridge abzugeben.

Jason Bourne hat Skaras Mutter ermordet. Es war ein Auftrag Treadstones und ein völlig sinnloser Racheakt von Alex Conklin dafür, dass Cristien Noren in töten wollte, Skaras Vater. Skara hat zwei Zwillingsschwestern. Mikaela wollte das Geheimnis um ihren verschwundenen Vater lüften und kam dabei um, doch Kaja hat überlebt, indem sie nach Kolumbien ging. Hier lebte sie fünf Jahre mit einem Mann der Severus Domna zusammen – bis er abtrünnig wurde. Jason Bourne rettet das Paar und bringt es zu Don Fernando Herrera ins spanische Cadiz. Nun erfährt er erstmals von dem, was seine Tat, an die er sich krampfhaft zu erinnern versucht, angerichtet hat. Doch weil Kaja nicht weiß, wo Skara ist, kann er Treadstone 2.0 nicht vor ihr warnen. Und so tappen Treadstones neuer Herr Chris Hendricks ebenso wie dessen Mitarbeiter Peter Marks und Soraya Marks in tödliche Gefahr.

Durch Jalal Essai weiß Bourne, dass sein Freund Karpov von Severus Domna angestiftet worden ist, ihn zu töten. Alle Wege führen nun zum östlichen Hauptquartier dieser Organisation: Es liegt in der Altstadt von Damaskus. Mehrere Showdowns, einer gewalttätiger als der vorhergehende, reihen sich crescendoartig aneinander, bis eine gewaltige Explosion die syrische Hauptstadt erschüttert. (Ein Vorausverweis auf den aktuellen Bürgerkrieg?) Unterdessen geht auch in Paris die Ermittlung Soraya Moores auf die Zielgerade…

Wie man sieht, ist für jede Menge Spannung, Intrige, Romantik und verdammt viel Action gesorgt. Aus Sicht des amerikanischen Lesers ist der ungewöhnlichste Aspekt an den Bourne-Büchern, dass sie fast durchweg im Ausland spielen, den Leser also an die exotischsten Orte führen. Um dieses Szenario zu genießen, ist seitens des Lesers ein Bildungsniveau erforderlich, das weit über das der Oberschule hinausgeht. Auch der Einsatz von Hightech ist in den Bourne-Romanen extrem hoch, so dass auch hier die Kenntnisse auf hohem Niveau sein sollten. Andererseits weiß heute jeder PC-User, was ein USB-Stick, eine DVD und eine Webcam ist.

|Cliffhanger|

Durch ständige Cliffhanger wird der Leser erfreulicherweise dazu angehalten, weiterzublättern, um herauszufinden, wie es mit dem jeweiligen Erzählstrang weitergeht. Es wechseln sich ungefähr drei bis Stränge ab: Bourne, Soraya, Karpov und Hendricks, Hier und da gibt es noch eine Nebenfigur, an deren Gedanken, Meinungen und Vergangenheit wir teilhaben dürfen. Die bei Weitem interessanteste Nebenfigur ist Skara Noren. Sie hat nämlich laut ihrer Schwester Kaja nicht nur eine Persönlichkeit, sondern gleich sechs verschiedene. Deshalb eigne sie sich ja auch so gut als Agentin und Attentäterin.

|Multiple Persönlichkeiten|

Das dissoziative Persönlichkeits-Syndrom ist keine Erfindung von Romanautoren, sondern eine medizinisch anerkannte Tatsache. Sie wurde schon den achtziger Jahren von Daniel Keyes in Romanen ausgeschlachtet, später dann von Jonathan Nasaw. Dann aber war die Idee ein wenig ausgelutscht. Wohl deshalb hält sich Lustbader in der Schilderung dieser Dissoziation sehr zurück.

Gut möglich, dass hier, wie im gesamten Manuskript zu merken, heftig gekürzt wurde (besonders auf S. 172/173 in der Orion-Ausgabe). So erfahren wir nie, wie die sechs Personas in Skaras Kopf heißen, worin sie sich unterscheiden, welche Vorteile ihr Einsatz bietet und welches Ende sie nehmen. Dies müssen wir erschließen. Und der Epilog gibt dazu die besten Anregungen. Skara war nämlich gar nicht Skara, und sie war auch nie Maggie Penrod …

|Action|

Mann liest die „Bourne“-Bücher ja vor allem wegen der Actionszenen, nicht etwa wegen der vielfach verschlungenen Intrigen. Auch im Kino ist Bourne der Kämpfer par excellence, und Matt Damon machte in allen drei bisherigen Filmen einen fantastischen Job. Ich kann zwar nicht zu erkennen, welche Kampfsportarten er alle kombiniert, weil ich ein Laie bin, der nur Judo kann, aber im Buch geht es definitiv karatemäßig zur Sache.

Und zwar stets mit tödlichen Folgen. Da werden reihenweise Genicke gebrochen, Kehlköpfe zerschmettert und Nasen eingeschlagen. Auch Boris Karpov ist in dieser Hinsicht keine Zimperliese. Wenn es Bourne dann doch mal trifft, ist das meist nur eine Fleischwunde. Und Soraya Moore – es ist ein Wunder, wie sie sich mit einer massiven Gehirnerschütterung auf den Beinen halten und den Feind in der Höhle des Löwen stellen kann. Peter Marks ergeht es keinen Deut besser. Doch er hat wenigstens einen Schutzengel.

_Unterm Strich_

Dies ist mittlerweile der sechste oder siebte BOURNE-Roman, so das man mit Fug und Recht von einer Serie sprechen kann. Der jüngste Roman „The Bourne Imperative“ erschien Sommer 2012. Da das Gesetz der Serie herrscht, sollte der Leser ein paar Dinge beachten. Er kann nicht einfach mit diesem Roman einsteigen, denn dann verstünde er nur Bahnhof. Es gibt weder ein Glossar, ein Personenverzeichnis, noch Fußnoten. Quer- und Zurückverweise sind die einzige Hilfe, die er bekommt.

|Mehr München-Bashing|

Zweitens erscheinen mehrere Schauplätze in regelmäßigen Abständen. Dazu gehören Washington, D. C., als Sitz von CI, Regierung und Treadstone. Aber auch München ist ständig vertreten: Es ist das Reich des Bösen. Ein Sündenpfuhl, in dem hirnlose Säufer Sauerkraut und Wurst mampfen. Sie werden von einer nahezu allgegenwärtigen Polizeitruppe beschützt, die unseren Helden, hier ist es Karpov, in Bedrängnis bringt – und stark an die Gestapo erinnert. Dabei sitzt der wahre Feind in der Münchner Moschee, von wo er ein Spinnennetz von hier ausgebildeten Terroristen dirigiert.

Nein, Bashing ist kein bayerischer Vorort von München, sondern die Spezialität des Autors. Sogar die Bank des Bösen heißt Nymphenburger Landesbank. Das München-Bashing ist absolut ernstzunehmen. Und wem dies nicht gefällt, sollte keinen BOURNE-Roman mehr von Lustbader mehr lesen.

|Zensiert?|

Dennoch hat mich auch dieser BOURNE-Roman außerordentlich gut unterhalten. Die Action gibt es massenweise, die Romantik kommt ebenfalls nicht zu kurz. Und wenn inzwischen der Sex und viel der Psychologie weggekürzt worden sind, so lag das sicher nicht an Lustbader, sondern am Verlag. So erging es ihm ja bei den deutschen, zensierten Ausgabe seiner Romane „Der Ninja“, „Die Miko“ und „Schwarzes Herz“.

Im Übrigen waren den (amerikanischen) Lesern die beiden ersten BOURNE-Romane von Lustbader zu lang, v.a. wegen der ausführlichen Psychologie- und Biografie-Passagen. Diese hat der Autor also gestrafft und führt sie nur noch skizzenhaft aus. So liest sich der Text nun sehr straff und flott. Man sieht also, dass auch Leser Zensur ausüben können. Über Twitter steht der Autor in ständigem Dialog mit seinen Lesern.

|Die Serie|

Im Epilog kommt das Gesetz der Serie wieder zum Tragen. Auch Jason Bourne hat nicht alles herausbekommen, was Severus Domna, Almaz, Treadstone und die Russen angeht. Dafür zwei schlaue alte Herren gesorgt, die inzwischen ihre eigenen Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Der Kampf um Indigo Ridge, so scheint es, hat gerade erst begonnen. Und deshalb muss man sich sofort die Fortsetzung besorgen. Was ich natürlich sofort getan habe.

|Taschenbuch: 534 Seiten
ISBN-13: 978-1409121398|

_Robert Ludlum bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Paris-Option“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1068
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Kraft, Susanne – TATORT: Seenot

_Konstanz: Seenot_

_Zur Story_

Der schweizer Werftbesitzer Urs Stähli hat einen schweren Stand bei der Wasserpolizei, insbesondere der junge Beamte Marcel Steiner vermutet an Bord der Schiffe, die sich dort in Reparatur und im Grenzverkehr des Bodensees befinden, stets Rauschgift und/oder Drogengeld an Bord. Nur beweisen konnte man Stähli nie etwas. So wie dieses Mal, als es um die Freigabe der verdächtigen Yacht eines bekannten russischen Drogenbarons geht. Steiner findet wieder nichts. Die Yacht bekommt wegen einer geringen Motorgeräuschüberschreitung – eigentlich eine Lappalie – dennoch keine Auslaufgenehmigung. Reine Schikane. Inzwischen führen er und Stähli eine Art Privatkrieg. Sein Vorgesetzter und Mentor Reto Flückiger fragt sich langsam, ob Steiner nicht auf Gespensterjagd ist. Er trägt die Entscheidung seines Kollegen jedoch mit.

Nachts werden sie zum Einsatz gerufen, da eine abgefeuerte Notrakete gesichtet wurde. Diese stammt tatsächlich von der am Vormittag ergebnislos gefilzten Yacht, wie sich am nächsten Morgen herausstellt. Stähli hat sich nicht an das Fahrverbot gehalten und ist persönlich mit der fraglichen Yacht illegal ausgelaufen. Die beiden Schweizer Wasserschutzpolizisten können die Quelle des Notsignals im dichten Nebel, trotz Radar, aber nicht ausmachen und brechen nach einiger Zeit die Suche erfolglos ab. Der teure Kahn liegt nun ausgerechnet an der nahen Plattform vor Hauptkommissarin Klara Blums Haus am See, friedlich in der Morgensonne dümpelnd, vertäut. Vom Skipper fehlt allerdings jede Spur, lediglich ein paar versteckte Blutspritzer können die herbeigerufenen, deutschen Kripobeamten entdecken. Offenbar hat hier jemand versucht, einen Tatort zu reinigen.

_Eindrücke_

Im TV gilt das Gespann Blum/Perlmann aus Kons(ch)tanz zurecht zu einem der beliebtesten TATORT-Ermittlungsteams, mit einrechnen kann man auch Innendienst-Kollegin Beck – genannt „Beckchen“ – die das mundartliche Lokalkolorit hauptsächlich beisteuert und natürlich die wuselige Truppe der Kriminaltechniker der „SpuSi“. Das Drehbuch zu dieser Episode stammt von Dorothee Schön, welches Susanne Kraft nun in Romanform ummodelte. Zwei Mädels at Work. Die weibliche Urheberschaft merkt man – beiderseits – anhand von Storystruktur und Erzählweise schon recht deutlich, was durchaus nicht negativ gemeint ist. Es fällt eben halt auf, dass viel gefühlsbetonter (ohnehin generell so was wie ein Markenzeichen des Konstanzer TATORT) vorgegangen wird. Zumal es sich bei „Seenot“ zusätzlich auch noch um einen Schlüsselfall handelt, in welchem eine neue – inzwischen höchst etablierte und kürzlich sogar mit eigenem TATORT-Standort (Luzern) versehene – Figur auftaucht: Reto Flückiger. Hier noch als Einsatzleiter der schweizerischen Wasserpolizei.

Klaras und seine Wege werden sich sporadisch immer wieder kreuzen und ihre Sympathie füreinander wachsen. Davon sind sie in ihrem ersten gemeinsamen Fall zunächst aber erst einmal seemeilenweit entfernt. Hier liegt leider auch ein wenig der Hund begraben, denn im Fernsehfilm scharwenzeln die beiden, trotz ihrer anfänglichen Differenzen, zwar recht offensichtlich auch umeinander herum, doch schaffen es die Darsteller (besonders Eva Mattes) ihren Charakteren einen Schuss Undurchsichtigkeit mitzugeben, was sie über den jeweils anderen wirklich denken. Das macht die Sache ungleich spannender, als im Buch, denn hier erlangt der Leser quasi einen Generalschlüssel zur Gedankenwelt der Figuren. Das nimmt gegenüber der TV-Fassung leider etwas den Drive aus der sich langsam entwickelnden, grenzübergreifenden Arbeits-Beziehung und späteren engen Freundschaft. Perlmann hingegen ist auf den Punkt genau getroffen, wobei auch er darunter leidet, dass die Autorin sein Inneres offen legt, was aber bei ihm nicht so ins Gewicht fällt.

_Fazit_

Eine stilistisch und handwerklich saubere Umsetzung des Drehbuches in Romanform. Die Geschichte selbst ist nicht nur ein Meilenstein der „Konschtanzer“ (Stichwort: Reto Flückiger), sondern auch thematisch einer der besseren TATORTe. Die Geschichte ist facettenreich und bis zum Ende verdammt spannend. Und dort angelangt, wars dann doch wieder mal einer bestimmt nicht: Der Gärtner nämlich. Das bis zur vergleichsweise unerwarteten Lösung des Falles ist das gebotene charakterliche Kontrast- und Interaktionsprogramm Blum-Perlmann-Beckchen nahezu so herzerfrischend, wie in der TV-Vorlage. Aber eben nur fast. Die Dramaturgie eines Buches erfordert andere Stilmittel der Erzählkunst und nicht alle davon können audio-visuelle Eindrücke ersetzen. Nicht weiter tragisch, „Seenot“ kann auch abseits des Bildschirms als solider Kriminalroman überzeugen. Der aufgeschwemmte Rezensentendaumen reckt sich aus der Tiefe des Bodensees nach oben.

|Taschenbuch, 206 Seiten
von Susanne Kraft
nach einem Drehbuch von Dorothee Schön
Emons-Verlag, Mai 2010
ISBN 978-3-89705-663-3|
[www.emons-verlag.de]http://www.emons-verlag.de

_Der TATORT bei |Buchwurm.info|_

[40 Jahre TATORT – Das Lexikon]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7281
[Köln: Die Blume des Bösen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6803
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[Berlin: Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
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Rosenhayn, Paul – Elf Abenteuer des Joe Jenkins

_Das geschieht:_

Unmögliche Übeltaten sind die Spezialität des Detektivs Joe Jenkins, der im Europa des Jahres 1915 elf eben doch nicht so genialen Gaunern auf die Schliche kommt:

– Gestatten, Paul Rosenheyn. Eine kurze Vorstellung von Rob Reef, S. 7-9

– |Das grüne Licht|, S. 13-37: Über nur scheinbar gut versteckten Geheimpapieren leuchtet immer wieder ein unheimliches Licht, das Joe Jenkins einem sehr realen Verursacher zuordnen kann.

– |Wenn die Toten wiederkehren|, S. 38-54: Als die Gattin ihren verstorbenen Ehemann zu sichten glaubt, landet sie in der Zwangsjacke; Joe Jenkins sieht Zusammenhänge zwischen dem Spuk und einem reichen Erbe.

– |Proszeniumsloge Nr. 1|, S. 55-72: Dass ausgerechnet ein Prominenten-Mord den erfolgreichen Start einer neuen Zeitung begleitet, ruft Joe Jenkins auf den Plan.

– |Der Geldbrief|, S. 73-83: Der Raum war nachweislich fest verschlossen, trotzdem verschwand der titelgebende Brief; Joe Jenkins löst das Rätsel und damit den Fall.

– |Ein Ruf in der Nacht|: S. 85-97: Nächtliche Telefonanrufe und mysteriöse Botschaften ängstigen einen Fabrikanten, bis Joe Jenkins dem Geheimnis auf den profanen Grund geht.

– |Das Haus im Schatten|, S. 99-111: Was sein neuer Mieter in dem alten Gebäude treibt, dünkt den Besitzer so seltsam, dass er Joe Jenkins um Hilfe bittet.

– |Das Logenbillett|, S. 113-123: Der Einbruch scheint ein klarer Fall zu sein, bis Joe Jenkins entdeckt, dass der geleerte Safe von innen aufgeschweißt wurde.

– |Rauch im Westwind!|, S. 125-143: Die Elite der skandinavischen Flugpioniere wird durch eine Absturzserie dezimiert, der Joe Jenkins ein Ende zu bereiten gedenkt.

– |Der Similischmuck|, S. 145-170: Dass die junge Frau von einem Hausierer Schmuck erwarb, dessen Wert sich im sechsstelligen Bereich bewegt, kommt nicht nur dem Gatten, sondern auch Joe Jenkins verdächtig vor.

– |Die Amati|, S. 171-192: Der Musikus fühlt sich von einem gespenstischen Doppelgänger verfolgt, aber nach Joe Jenkins‘ Meinung spukt diesem Geist vor allem die wertvolle Geige seines Opfers im Kopf herum.

– |Die Visitenkarte|, S. 195-212: Immer wieder werden dem reichen Geschäftsmann die Visitenkarten eines längst verstorbenen Zahnarztes zugeschickt; Joe Jenkins klärt mit dem Rätsel auch eine alte Tragödie auf.

|Von wegen „altmodisch“!|

Das Jahr 1915 dürften die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts mit der Zeit Napoleons oder gar dem Mittelalter gleichsetzen. Auf flimmernden, stummen Filmbildern eilen seltsam gekleidete Männer und Frauen zappelig über seltsame Schauplätze; man möchte sie fast bedauern, weil sie in einer Welt ohne Fernsehen, Internet oder Handy leben mussten.

Doch solches Mitleid wäre nicht nur fehl am Platz, sondern denkbar falsch. Das Leben in einer Großstadt wie Berlin – hier spielen die meisten Joe-Jenkins-Geschichten dieses Bandes – war 1915 erstaunlich modern. Es gab Elektrizität, Automobile oder das Telefon; diese und viele andere Errungenschaften waren längst im alltäglichen Einsatz, und Joe Jenkins bedient sich ihrer mit virtuosem Geschick. Hinzu kam ein Eisenbahnnetz, dessen Funktionalität die Kaputtsparer der Gegenwart schamvoll erröten lassen müsste: Jenkins hat kein Problem, jede Großstadt Europas binnen beachtlich kurzer Zeit zu erreichen, und über die Meere dieser Welt spannt sich zusätzlich ein dichtes Netz gut organisierter Schifffahrtslinien. Das Telegramm ersetzt sehr effizient SMS und E-Mail. Jenkins kann problemlos diesseits und jenseits des Großen Teiches arbeiten.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Protagonisten der hier gesammelten Geschichten in einer gar nicht primitiven Vergangenheit – die für sie natürlich Gegenwart ist – tummeln, bildet ein Jahrhundert später sicher die größte Überraschung für den Leser. Auch die Sprache stört nicht den Lektüregenuss, obwohl es natürlich steife Formulierungen und Begriffe gibt, die inzwischen dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen. (Für die Neuausgabe griff Herausgeber Reef hier und da behutsam ein; aus einem „Nigger“, der 1915 ebenso selbstverständlich wie heute undenkbar so genannt werden konnte, wurde beispielsweise ein „Schwarzer“.)

|Verbrechen ist nicht ganz zeitlos|

Das Alter der Geschichten macht sich anderweitig bemerkbar. Der schon modernen Technik hinken die Menschen in ihrem Denken und Handeln deutlich hinterher. Die Gesellschaftsordnung wird noch stark durch eine Vergangenheit geprägt, die dem Adel quasi automatisch einen höheren Status zubilligte als dem womöglich ebenso vermögenden aber ‚gewöhnlichen‘ Fabrikanten und Geschäftsmann. In den Nischen dieses Kastensystems kann sich ein Mann wie Joe Jenkins frei bewegen. Er verkörpert in gewisser Weise die Zukunft: Nicht der in die Wege gelegte Stand, sondern Intelligenz und Erfolg öffnen Jenkins alle Türen. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für den Rest der (zivilisierten) Welt, denn Joe Jenkins ist das frühe Exemplar eines ‚globalisierten‘ Menschen, der sich um politische Grenzen wenig schert.

Diese Freiheit ermöglicht es ihm, hinter Fassaden zu blicken sowie sich die Starrheit des Systems zunutze zu machen. Jenkins ist selbstverständlich auch ein Meister der Maske. Als solcher imitiert er das zum jeweiligen Umfeld passende Verhalten und verschmilzt so mit den dort ahnungslos bleibenden Menschen, denen ein solches Verhalten fremd ist. Auf diese Weise gelingen Jenkins Tarnungserfolge, die der heutige Leser, dem die Getäuschten außergewöhnlich naiv erscheinen, schwer nachvollziehen kann. Zusätzlich irritierend ist ein sentimentaler Grundton, der Gefühle zur Rührseligkeit ausarten lässt: Jede Zeit rührt auf ihre eigene Weise am Herzen des Lesers!

|Ermittler der Stirn und der Faust|

Zwar ist Joe Jenkins ebenso wie sein Vorbild Sherlock Holmes eine reine Kunstfigur. Dennoch gibt es beträchtliche Unterschiede, die sich nicht darauf beschränken, dass Jenkins wesentlich wagemutiger und aktiver wirkt. Noch stärker als bei Arthur Conan Doyle steht für Paul Rosenhayn „der Fall“ im Mittelpunkt. Das Cover der aktuellen Neuausgabe greift die Konsequenz zufällig aber zutreffend auf: Es zeigt Jenkins als Mann ohne Gesichtszüge.

In der Tat ist dieser Detektiv weniger Mensch als |thinking machine| – ein Ermittlungs-Roboter, dem Gefühle völlig fremd zu sein scheinen. Doyle ergänzte seine Holmes-Geschichten klug durch Passagen, die den Detektiv als beherrschten und exzentrischen aber eben auch menschlichen Helden zeigten. Die daraus resultierende Identifizierung des Lesers mit Holmes geht Jenkins vollständig ab. Zumindest in diesen elf Abenteuern zeigt er Teflon statt Gemüt. Selbst der Name ist nichtssagend, obwohl ihn Gut & Böse in aller Welt kennt und ehrfürchtig bzw. angstvoll ausspricht. Wir mögen Jenkins bewundern, aber wir bangen weder mit noch um ihn.

Zumal Jenkins niemals wirklich in Gefahr gerät. Manchmal gerät er in Fallen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass er über deren Vorhandensein längst informiert war und Gegenmaßnahmen ergriffen hat. Jenkins kann und weiß im Grunde alles. Er scheint auf ein beachtliches Netz von Informanten und Helfern zurückzugreifen, doch Rosenhayn geht diesbezüglich nie ins Detail. Auch einen Watson, der nicht nur berichtet, sondern auch kommentiert, gibt es nicht.

Die Emotionslosigkeit einer Figur, die immerhin eine eigene Serie trägt, überrascht sehr. Dass Rosenhayn schnell schrieb und die Joe-Jenkins-Geschichten triviale Unterhaltung bieten sollten, muss dafür nicht verantwortlich sein, denn Conan Doyle war ähnlich rasch mit der Feder. Rosenhayn hat Jenkins womöglich absichtlich schwach konturiert. Seine Leser scheint dies nie gestört zu haben. Bis zu Rosenhayns Tod lasen sie begeistert immer neue Jenkins-Geschichten und -Romane.

|Die Mechanismen der Spannung|

Dafür griff Rosenhayn oft und tief in die Trickkiste. Was Spannung versprach, wurde aufgegriffen. Gern arbeitete der Autor mit Elementen des Schauerromans. Geister und verrückte Wissenschaftler schienen ihr Unwesen zu treiben und wurden von Rosenhayn mit entsprechenden stilistischen Mitteln heraufbeschworen, um in einem doppelt überraschenden Finale erstens auf menschliche Umtriebe zurückgeführt zu werden, während zweitens der Verursacher als Übeltäter identifiziert wurde. Dabei riss Rosenhayn meist die Maske vom Gesicht eines Biedermanns, der bisher als unverdächtiger Zeuge oder gar als Opfer galt.

Diese Szenen wirken heute wenig überraschend. Oft ahnt oder weiß der Leser bereits, wer hinter der jeweiligen Lumperei steckt. Hier gilt es zu berücksichtigen, dass Rosenhayn für ein Publikum schrieb, das 1915 noch längst nicht so ‚erfahren‘ war und für das folglich vieles neu und erstaunlich war. So dürfte eine Geschichte wie „Proszeniumsloge Nr. 1“, die schließlich in der Identität von Erzähler und Täter gipfelt, für Aufsehen gesorgt haben. Heute gilt immerhin anzumerken, dass Agatha Christie erst 1926 (in „The Murder of Roger Ackroyd“, dt. „Alibi“) auf diese Idee kam!

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden also in Deutschland Kriminalgeschichten, die sich auch heute noch spannend und interessant zugleich lesen. Selten genug werden sie der Vergessenheit entrissen, Dass Robert Schulze das Risiko einging, Joe Jenkins nach vielen Jahrzehnten eines reinen Archivdaseins wieder aufzulegen, sollte die verdiente Aufmerksamkeit in Gestalt vieler interessierter Leser finden. Krimi-Klassik ist keine rein britische Angelegenheit – auch hierzulande wurde sie gepflegt.

_Autor_

Paul Rosenhayn wurde am 11. Dezember 1877 in Hamburg als Sohn eines Handelskapitäns geboren. Er wuchs zunächst in England auf, wo er auch zur Schule ging, bis er auf ein deutsches Gymnasium wechselte. Später studierte Rosenhayn einige Semester Jura, entschied sich dann jedoch für eine journalistische Laufbahn. Seine guten englischen Sprachkenntnisse öffneten ihm die Welt. Rosenhayn reiste ausgiebig durch Europa und Amerika; in Indien siedelte er sich für mehrere Jahre an. In dieser Zeit schrieb er für englische und deutsche Zeitungen.

Als der I. Weltkrieg diesem Wanderleben ein Ende setzte, kehrte Rosenhayn nach Deutschland zurück und begann Kriminalgeschichten zu schreiben. Sich vage am Vorbild Sherlock Holmes orientierend, schuf er den ähnlich scharfsinnigen aber wesentlich tatkräftigeren Joe Jenkins, der zwar aus den USA stammt, aber in Europa und hier vor allem in Deutschland wie zu Haus ist.

Rosenhayns zweites Standbein wurde die Filmindustrie. Nicht Kino-Kunst, sondern Unterhaltung ließ die Kassen klingeln, und Rosenhayn konnte liefern. Zuverlässig und schnell schrieb er insgesamt etwa 40 verfilmte Drehbücher, wobei er den Krimi bevorzugte und sich stark auf tagesaktuelle Ereignisse stützte. Dank seiner Zweisprachigkeit konnte Rosenhayn seine Werke auch im Ausland anbieten. 1929 entstand in den USA der (Ton-) Film „Careers“, zu dem Rosenhayn mit Alfred Schirokauer die Vorlage geliefert hatte. Der Weg über den Atlantik und eine Zukunft in Hollywood schienen nahe, als Paul Rosenhayn am 11. September 1929 im Alter von nur 52 Jahren in Berlin starb.

In den Jahren der Nazi-Diktatur geriet Rosenhayns allzu kosmopolitisches Werk in Vergessenheit. Auch nach dem II. Weltkrieg wurde es nicht mehr aufgelegt. Die meisten nach Rosenhayn-Drehbüchern gedrehten Filme sind verlorengegangen.

|Paperback: 212 Seiten
ISBN-13: 978-3-9423-1602-6|
http://www.tallyho-verlag.de

Carnac, Carol – Mord im Gästehaus

_Das geschieht:_

Nur wenige Abgeordnete des englischen Parlamentes sind begütert genug, eine eigene Wohnung in London zu unterhalten, um während der Sitzungsperiode unterzukommen. Für die weniger privilegierten Mitglieder wurde deshalb das „Parliament Hostel“ erbaut – ein Gästehaus, das 500 Abgeordneten ein Dach über dem Kopf bietet. Das neue Gebäude ist der Stolz seines Architekten und eine Herausforderung für Hilda Langdale, die das „Parliament Hostel“ leiten wird und sich auf eine anspruchsvolle und anstrengende Klientel einstellen muss.

Mitte Oktober und zwei Wochen vor dem Ende der Parlamentsferien sind erst sechs Abgeordnete abgestiegen, die im Dachgeschoss untergebracht werden. Das gewaltige Dach ist flach und begehbar, was immer wieder unerlaubte Gäste lockt, die hier oben die Aussicht genießen. Es gehört zu den Pflichten des Hausdieners Robert Binsey, dies zu unterbinden. Dabei muss es dieses Mal zu einem Zwischenfall gekommen sein, denn ein Polizist findet Binseys zerschmetterte Leiche im Hinterhof des Gästehauses.

Chefinspektor Julian Rivers und Inspektor Lancing von Scotland Yard übernehmen den Fall. Die Untersuchung ergibt, dass Binsey bereits tot war, als er vom Dach geworfen wurde. Nicht nur das Personal, sondern auch sämtliche Gäste sind verdächtig und die Ermittlungen deshalb kompliziert, denn englische Abgeordnete genießen Sonderrechte und sind auch sonst recht empfindliche Zeitgenossen. Zudem lauert die Presse auf Sensationen, sodass Irrtümer die Polizei teuer zu stehen kämen.

Es ist klar, dass Binsey etwas gesehen hatte, dass er auf keinen Fall sehen oder weitererzählen sollte. Überhaupt wusste der aufmerksame und gedächtnisstarke Hausdiener nicht nur über die Gäste des „Parliament Hostel“ mehr, als denen lieb sein konnte, sodass der Kreis der Verdächtigen einfach nicht schrumpfen will …

_Der größte „locked room“ der Kriminalliteratur?_

Wer einen Krimi der Marke „Whodunit“ schreibt, achtet darauf, dass sein Schauplatz übersichtlich und das Figurenpersonal überschaubar bleibt. Auf diese Weise hält der Autor die Fäden so fest wie möglich in der Hand. Außerdem ist ein Mordrätsel reizvoller, wenn auch der Leser Ort und Personen im Blickfeld behalten kann. Zu guter Letzt verhindert die Isolation den Einsatz unfairer Handlungselemente: Das Rätsel muss innerhalb der vom Verfasser gezogenen Grenzen gelöst werden. Einmischung von außen ist unerwünscht.

Natürlich ist das auf diese Weise geschaffene Ambiente alles andere als innovativ. Genau dies stachelte zumindest die Ehrgeizigen unter den Kriminalautoren immer wieder an, die Regeln des „Whodunit“ auf die Probe zu stellen und neu zu interpretieren. Carol Carnac versucht es in „Mord im Gästehaus“, indem sie den weiterhin klassischen, weil eigentlich unmöglichen Mord nicht in einem allseits gesicherten Raum und hinter einer von innen verschlossenen Tür begehen lässt. Der Tatort ist ein fußballfeldgroßes Flachdach mit fünf Zugängen, und dieses Dach deckt ein Haus mit 500 Gästezimmern.

Obwohl das „Parliament Hostel“ damit zur denkbar zugänglichen Mordstätte wird, ist „Mord im Gästehaus“ zunächst ein typischer Rätselkrimi. Elementarer Teil der Handlung ist die systematische Bestandsaufnahme der theoretischen Täter, ihrer Motive und Möglichkeiten im Rahmen von Ermittlungen. Der Reiz besteht dabei in der Herausforderung, Haupt- und Nebeneingänge, Fahrstühle, Zimmerbelegungen u. ä. Faktoren in jenen ganz bestimmten Zusammenhang zu bringen, der den Mord auf dem Dach logisch erklärt.

|Ganz besondere Verdächtige|

Nachdem die Hälfte unserer Geschichte auf diese Weise verstrichen ist, bricht die Verfasserin plötzlich und vollständig mit der Isolation. Die aufwändig eingeführten Figuren rücken in den Hintergrund oder finden überhaupt keine Erwähnung mehr. Selbst das „Parliament Hostel“ spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. In den Mittelpunkt rücken stattdessen die Polizisten Rivers und Lancing. Aus dem „Whodunit“ wird ein „Police Procedural“, das sich allerdings sehr britisch, also unter Aussparung polizeilicher Privatangelegenheiten, abwickelt. Erstaunlicherweise geht dieses Konzept auf.

Der Mord im Gästehaus entpuppt sich als Glied in einer ganzen Kette von Verbrechen, in die das „Parliament Hostel“ nur zufällig eingehakt wurde. Carnac weitet die Handlung auf ganz London aus. Plötzlich geraten wir in die Ermittlungen gegen eine Bande von Posträubern, die irgendwie in den Mord an Binsey verwickelt sind. Das verbindende Element wird sehr geschickt aus der bekannten aber oft nicht berücksichtigten Wahrheit geknüpft, dass der Mensch in der Anonymität verschwindet, sobald er eine Uniform trägt.

Auf diese Weise wird der Perspektivensprung logisch erklärt, während die Handlung eine ebenfalls unerwartete Dynamik gewinnt. Über viele Seiten beschreibt Carnac die wilde Verfolgungsjagd auf einen fallrelevanten Lieferwagen. Diese führt in die Region um die Docks an der Themse, ein seit jeher gefährliches Pflaster und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs quasi sich selbst überlassen; eine Öde, die von vergessenen Pfaden, heimlichen Anlegestellen, verlassenen Unterständen, verschütteten Kellern und ähnlichen Schleichwegen und Schlupfwinkeln geprägt ist. Diese Umgebung verleiht dem Geschehen einen eigenen Reiz, zumal Carnac sehr ortskundig das Optimale aus diesen Schauplätzen herauszuholen in der Lage ist.

|Die Stützen des Systems|

Während die eigentümliche Mischung aus Rätselkrimi und Gauner-Thriller auch wegen der vielen seither verstrichenen Jahre ausgezeichnet funktioniert, hinterlässt die Figurenzeichnung einen zwiespältigen Eindruck. Lange scheint das übliche exzentrische, geradlinige, treuherzige Personal die Handlung zu tragen. Mit mildem Spott charakterisiert die Autorin zudem die Abgeordneten, die vielleicht parteipolitisch bitter verfeindet sind, sich aber ‚außer Dienst‘ gern auf einen Drink treffen. Es geht in diesem Jahr 1954 selbst in der Politik noch gemächlich zu, obwohl Carnac die moderne Gegenwart keineswegs ignoriert. Immer wieder geht sie auf die Veränderungen ein, die London nach dem II. Weltkrieg erfuhr, und schwelgt dabei keineswegs in den Klischees einer besseren, alten Zeit.

Ähnlich gemütlich gestalten sich die polizeilichen Ermittlungen. Rivers und Lancing scheinen über alle Zeit dieser Welt zu verfügen, um den Mord am Dienstmann Binsey aufzuklären. Zwischenzeitlich rückt die Polizei einmal aus, um einen Bandenstützpunkt auszuheben; dieses Unternehmen wirkt bei Carnac wie ein Einsatz der „Keystone Cops“, die im Hollywood der Stummfilmzeit für komödiantische Verwirrung sorgten. Immer bleibt ein ruhiges Stündchen für eine gute Mahlzeit und einen Schwatz, der thematisch natürlich streng auf den anstehenden Fall beschränkt bleibt.

Darüber hinaus präsentiert uns die Autorin einen bunten Reigen geistig leicht beschränkt wirkender Angehöriger der arbeitenden Schichten; hinzu kommen pittoreske Gestalten wie ein teilzeitbettelnder Vogelhändler oder ein ‚rasender Reporter‘, dessen ‚raffinierte‘ Methoden heute rührend antiquiert wirken. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich klaglos ins bestehende System einfügen, fleißig dafür arbeiten und die Obrigkeit vielleicht kritisieren aber nicht gegen sie aufbegehren.

|Der Untergang des Abendlandes|

Für die jüngeren Generationen sieht Carnac freilich schwarz. Zwar hält sie keinesfalls damit hinter dem Berg, dass in der Welt des 20. Jahrhunderts die Frau gleichberechtigt ist oder sein sollte. Dies verkörpern Figuren wie die altgediente Abgeordnete Seathwaite, die sich noch gut der Zeiten erinnert, als die Frauen noch gar nicht (bis 1919) oder nur eingeschränkt (bis 1928) wählen durften, oder den weiblichen Sergeanten Cartmel, deren Existenz verdeutlicht, dass selbst eherne Männerfesten wie Scotland Yard ins Wanken geraten sind.

Schlimm steht es dagegen um die Nachkriegsgeneration. Mit dem allmählichen wirtschaftlichen Aufschwung sieht sie nicht den Sinn ihres Lebens darin, den Eltern und Großeltern von der Wiege bis zur Bahre nachzueifern. Die Freizeit nimmt zu, mehr Geld steht zur Verfügung: Die Jugend geht eigene Wege und wird dabei von den Älteren misstrauisch beobachtet: Kontrolle geht über Vertrauen, Verständnis ist Schwäche. Lancing schildert seinem Kollegen einen dieser traurigen Fälle: |“Renwick ist in Ordnung, … aber die Tochter ist ein schlechtes Frauenzimmer und der Sohn ein Lümmel … Renwicks Unglück [ist], dass er nicht in der Lage war, sie alle zu verprügeln. Er war zu weich.“| (S. 129)

So bilden sich in quasi unausweichlicher Konsequenz Banden krimineller Halbstarker, die untätig herumlungern und das Empire schwächen. Oder wie |“Polizeimann Brown“| es zusammenfasst: |“Aber das ist die Technik dieser jungen Rowdies, die von Arbeitslosenunterstützung und Krankengeld leben. Die arbeiten ja nicht – sind nicht dafür gebaut, wie man so sagt. Der Gedanke allein schon macht mich wütend!“| (S. 146)

Dieser Tenor verdirbt ein wenig die Freude an einem sonst zu Unrecht vergessenen, weil dicht geplotteten, spannend geschriebenen und überraschend aufgelösten Kriminalroman. Man sollte freilich solche Töne (oder die kurios-steife Übersetzung, die durchweg von „Herrn X“, „Frau Y“ oder gar „Fräulein Z“ spricht) als zeitgenössischen O-Ton interessiert zur Kenntnis nehmen und berücksichtigen, dass solche Vorurteile einen historischen Generationskonflikt belegen.

_Autorin_

Carol Carnac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett-Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.

Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.

|Taschenbuch: 224 Seiten
Originaltitel: Murder Among Members (London: Collins/The Crime Club 1955)
Übersetzung: Evelyn Neumann|

_Carol Camac bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Tote im Feuer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7541

Treat, Lawrence – M wie Mord

_Das geschieht:_

Architekt Wayne Bannerman nimmt einen neuen Auftrag an, obwohl er lieber in New York bliebe, um seiner Lebensgefährtin Martha im Kampf mit dem Noch-Ehemann beizustehen, der sie einfach nicht freigeben will. Nun trifft Bannerman den verhassten Rivalen ausgerechnet in der Stadt, in der er für einige Zeit arbeiten wird: Auch John Avrillian hat hier zu tun; er recherchiert im Fall der schönen Hellseherin Julia Sandeau, die vor zehn Jahren ihren Gatten umgebracht haben soll aber vor Gericht freigesprochen wurde.

Dies ist eine kleine Stadt, und zufällig treffen sich Bannerman und Julia, die ihn im Avrillian verwechselt. Deshalb lockt sie den Architekten in ihr Haus und schüttet ein Wahrheitsserum in seinen Drink. Bannerman verliert das Bewusstsein. Als er am nächsten Morgen erwacht, findet er Julia tot mit einem Dolch im Leib. Voller Panik und Furcht, im Delirium selbst zum Mörder geworden zu sein, verwischt er seine Spuren, flüchtet – und begegnet im Zug nach New York Avrillian, der ihm auf den Kopf zusagt, Julias Mörder zu sein, den er in einem Artikel bloßstellen werde; zuvor wolle er Bannerman allerdings zappeln lassen.

Bannerman setzt auf sein Glück. Sollte die Polizei ihn ausfindig machen, hat er sich ein Alibi zurechtgelegt. Nur Martha erzählt er die Wahrheit. Um sich zusätzlich abzusichern, beginnt Bannerman selbst zu ermitteln – und stellt fest, dass praktisch jede Person, die er kennt, in den Fall verwickelt ist. Sein Chef, dessen Gattin, sein neuer Auftraggeber, ein Angestellter mit geheimer Doppel-Identität und der undurchsichtige Avrillian haben Julia Sandeau noch am Tag ihres Todes oder in der Mordnacht selbst aufgesucht. Alle haben sie gute Gründe, die junge Frau, die nicht nur in die Zukunft sah, sondern auch als Erpresserin gut verdiente, aus dem Weg zu räumen, alle wissen voneinander – und alle belauern und manipulieren sich. Den Letzten in dieser Kette werden die Hunde beißen: Der elektrische Stuhl wartet …

|Die Aussichten sind dunkel|

In den Jahren ab 1929 setzte in den USA nie erwarteter und deshalb umso beängstigenderer Niedergang ein. Der Weltwirtschaftskrise folgte die „Große Depression“, die Millionen Bürgern Arbeit, Heim und Stolz raubte. Damit verbunden waren politische Umbrüche. Eine zunehmende Radikalisierung der Verzweifelten ängstigte jene, die den Status Quo fixiert sehen wollten, solange sie selbst von der Krise nicht betroffen wurden.

Der allmähliche Aufschwung im Zuge des „New Deal“ wurde relativiert, als sich die USA ab 1941 nicht mehr dem Zweiten Weltkrieg entziehen konnten. Nunmehr rückten ganze Jahrgänge in ferne Länder ab. Häufig kehrten sie nicht mehr zurück. Die Heimkehrer fanden sich ab 1945 in einem Land wieder, das gelernt hatte, ohne sie zu funktionieren. Vor allem die Frauen hatten ihre Unentbehrlichkeit an der „Heimatfront“ verinnerlicht und Gefallen an den daraus resultierenden Freiheiten gefunden. Die Rückkehr zum Frieden verlief deshalb keineswegs konfliktfrei. Hinzu kamen neue Bedrohungen aus dem Ausland: Auch die „Roten“ hatten inzwischen die Atombombe, und überall schienen sie die USA unterwandern zu wollen.

In dieser Stimmung blühte ein neues Genre auf, das nur auf solchem Boden gedeihen konnte. Unterhaltsam verschlüsselt aber denkbar düster spielten Schriftsteller und Drehbuchautoren mit den Elementen Angst, Unsicherheit, Pessimismus. Im Kino zählte man diese in den 1940er und 50er Jahren entstandenen Filmen zum „Film Noir“. Ihm eng verwandt waren die Kriminalromane und -storys des „Crime Noir“, das eigene Großmeister wie James M. Cain (1892-1977), Cornell Woolrich (1903-1968) oder W. R. Burnett (1899-1982) hervorbrachte.

|Die Polizei, dein Feind und Schrecken|

Lawrence Treat gehört nicht zu den ‚typischen‘ Noir-Autoren. Als schreibender Profi in einer schlecht zahlenden Unterhaltungsindustrie griff er jedoch aktuelle Trends auf, um sie verkaufsförderlich in seine Werke einfließen zu lassen. Die „Noir“-Elemente in „M wie Mord“ kommen primär im Mittelteil zum Tragen, wo Treat präzise beschreibt, wie sich das Netz um den – vielleicht sogar schuldigen – Wayne Bannerman immer fester zuzieht.

„Noir“-typisch hat er nicht einen Augenblick daran gedacht, sich nach dem entdeckten Mord der Polizei zu stellen. Bannerman fürchtet um seinen Ruf, er will seine Martha nicht allein lassen, und er traut der Polizei nicht. Problemlos verwischt und manipuliert er deshalb Beweise und hofft, der Gerechtigkeit durch die Lappen zu gehen – selbstverständlich vergeblich, denn stattdessen hat er sich eine Grube gegraben, in die er immer tiefer rutschen wird.

Im ’normalen‘ Noir-Krimi würde ihm die Polizei auf die Spur kommen und durch die Mangel drehen. So ergeht es Bannerman zwar ebenfalls, aber es fehlt das Element des Schicksalhaften. Die Polizei arbeitet professionell und muss ihn deshalb früher oder später entdecken: Treat ist ein früher Vertreter des „Police Procedural“. Er schildert Ermittlungs- und Vernehmungspraktiken möglichst authentisch. Der Forensiker Jub Freeman – der auch in anderen Treat-Krimis auftritt – ist ein früher Vertreter der „CSI“-Spezialisten, die heute an Tatorten wahre Wunder wirken. In den späten 1940er Jahren sind die Methoden verständlicherweise deutlich rustikaler, doch Treat gelingt es, ein Umdenken in der Polizeiarbeit zu verdeutlichen: Nicht mehr der harte Bulle, der den Verdächtigen Stunde um Stunde und unter Androhung von Gewalt unter Druck setzt, um ihn zu „brechen“, löst den Fall, sondern der Experte, der sorgfältig gesicherte Spuren zu entschlüsseln weiß.

|Liebe macht schwach, Vertrauen tötet|

„Noir“-Frauen sind mysteriöse und verdächtige Geschöpfe, in den Augen der zeitgenössischen Männer erschreckend selbstständig und außerdem berechnend. ‚Weibliche Schwäche‘ wird vorgetäuscht und planvoll eingesetzt, um verliebte und daher geistig eingeschränkte Männer zu manipulieren. Selbst haben diese Frauen keine Gefühle; entwickeln sie dennoch welche, ist es meist ihr Ende. Ansonsten tötet sie irgendwann ein betrogener und vor Wut und Schwäche rasend gewordener Mann.

In „M wie Mord“ repräsentiert Julia Sandeau diese „Noir“-Frau. Sie setzt ihre Schönheit ein, lässt sich aushalten, verdient als Erpresserin dazu und ist sogar mit einem Gattenmord davongekommen, weil sie die Jury um den Finger wickeln konnte. Ihr Tod ist ebenso tragisch wie unvermeidbar.

Zwar ist Martha Avrillian keine verworfene Schönheit. Sie entspricht dennoch nicht mehr dem zeitgenössischen Klischee, sondern lebt getrennt, ohne deshalb unter einem schlechten Gewissen zu leiden. Als sie eine Chance sieht, ‚ihrem‘ Mann zu helfen, greift auch Martha indizienmanipulierend in den Fall ein. Dafür zahlt sie ihren Preis und erlebt im Polizeirevier ein Verhör „dritten Grades“, bei dem womöglich wie in der guten, alten Zeit ein Stück Gummischlauch die Geständnisfreude unterstützt; in diesem Punkt schweigt sich Treat aus.

|Das Verhängnis als Kette|

Nicht nur aller guten Dinge sind drei. Wenn das Pech zuschlägt, wird die Kette sogar länger. Immer wieder ist es die Tücke des Objekts, die noch den genialsten Plan zunichtemacht. Wayne Bannerman muss es erleben: Man hat ihn mit dem Opfer gesehen, sein Nebenbuhler ist ausgerechnet ein Kriminalreporter, der ihn hasst, und kann sich zudem ein ihn belastendes Indiz beschaffen, die unauffällige Flucht vom Tatort endet beinahe vorzeitig vor den Fäusten eines betrunkenen Matrosen.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass der Freund dein Feind sein könnte. Jede der auftretenden Figuren hat etwas zu verbergen und ist bereit, die eigene Haut durch Verrat zu retten. Nicht einmal die ermittelnden Beamten sind ohne Fehl und Tadel. Mitch Taylor hat in einem früheren Fall Vorschriften missachtet und wurde degradiert. Nun lässt er sich für ein Interview bezahlen und gerät erneut in Schwierigkeiten. Jub Freeman hat Ärger mit dem neuen Chef und steht vor der Kündigung. John Avrillian, der als Journalist der Wahrheit besonders verpflichtet sein sollte, vermischt Arbeit und Privatleben und gießt außerdem Öl ins Feuer, um einen nur schwelenden Kriminalfall in seinem Sinne anzufachen.

Menschen sind schwach – und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Diese eigentlich simple Erkenntnis wurde vom Gros der Krimi-Autoren lange ignoriert. Treat gehörte zu jenen, die es in ihre Geschichten einfließen ließen. Die realitätsnahe Ambivalenz lässt Treat-Krimis deutlich ‚frischer‘ wirken als viele zeitgenössische Werke. In Deutschland wurde der Verfasser nur selten veröffentlicht. Ob es daran lag, dass sich im Land des „guten Goldmann-Krimis“ die Leser lieber bestätigen ließen, dass Verbrechen sich niemals auszahlen?

_Autor _

Lawrence Treat wurde als Lawrence Arthur Goldstone am 21. Dezember 1903 in New York City geboren. Er besuchte das Darthmouth College und begann 1924 an der Columbia University Jura zu studieren. Nach seinem Abschluss 1927 arbeitete Goldstone als Anwalt, doch seine Kanzlei ging 1928 bankrott. Er sattelte um und schrieb in den nächsten Jahrzehnten mehr als 300 Storys und 17 Kriminalromane.

Unter dem später auch offiziell geänderten Namen Lawrence Treat erschien 1940 der erste Band einer vierteiligen Serie um den Psychologen und Ermittler Carl Wayward. Weitere Treat-Figuren sind Commander Bill Decker, der Polizist Mitch Taylor und der Forensik-Experte Jub Freeman: keine einsam ermittelnden Detektive, sondern ausgebildete Spezialisten, zu dem sich der erfahrene Polizist gesellt, der im Team arbeitet. Treat wurde zu einem Pionier des „Police Procedural“, das Schriftstellerkollegen wie Ed McBain, John Creasey oder Joseph Wambaugh Jahre aufgriffen und zur Vollendung brachten.

1945 war Treat einer der Gründer der „Mystery Writers of America“. Außerdem lehrte er an verschiedenen Universitäten und Schulen das Schreiben von Kriminalgeschichten. Treat verfasste das „Mystery Writer’s Handbook“, das zum Standardwerk wurde und für das er 1978 mit einem „Edgar Allan Poe Award“ geehrt wurde.

In den 1980er Jahren schrieb Treat Krimi-Rätsel für jüngere Leser und blieb ins hohe Alter aktiv. Am 7 Januar 1998 ist Lawrence Treat in Oak Bluffs, Massachusetts, im Alter von 94 Jahren gestorben.

|Taschenbuch: 191 Seiten
Originaltitel: T as in Trapped (New York : William Morrow 1947)
Übersetzung: Rosa Rudel|
[Verlagshomepage]http://www.fischerverlage.de/verlage/scherz_verlag