Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Parker, Robert B. – Perchance to Dream

_Unterhaltsamer, ironischer: Philip Marlowes neuer Fall_

Carmen Sternwood, ein neurotisches blondes Gift, ist aus dem Sanatorium verschwunden. Und Philip Marlowe, Privatdetektiv und Blondinenexperte, soll sie schleunigst wiederfinden. Der Auftrag führt Marlowe zurück auf die schäbigen Straßen von Los Angeles, in ein düsteres Labyrinth des Verbrechens, in dem sündige Engel und schlagringbewehrte Mobster, kalte Killer und miese Bullen nur auf ihn warten. Eins weiß er sicher, dass weiße Spitzenbüstenhalter immer schon gefährlicher als 45er Revolver waren. Und bei der Schwester der Gesuchten hat er gute Chancen, endgültig unter die Räder zu kommen … (Verlagsinfo)

Die Übersetzung „Tote träumen nicht“ erschien 1991 bei Knaus als Teil 9 der „Philip Marlowe“-Serie.

_Die Autoren_

1) Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Neben seinen etwa 60 Krimis schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten Chandler-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O. K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.

2) Raymond Chandler

Raymond Thornton Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren. Der alkoholsüchtige Vater verließ die Familie, als Raymond sieben Jahre alt war. Die Mutter siedelte mit dem Jungen nach Großbritannien über. Auf dem College beschäftigte er sich vor allem mit Malerei und mit Literatur. Um die Sprachen zu lernen, ging Chandler jeweils für ein Jahr nach Frankreich und nach Deutschland.

1907 nahm Chandler die britische Staatsbürgerschaft an und arbeitete für kurze Zeit beim britischen Naval Stores Branch. Dann verdingte er sich als Reporter für den London Daily Express und die Bristol Western Gazette. Nebenbei veröffentlichte er mehrere Gedichte und seine erste Erzählung. 1912 kehrte er in die USA zurück und schlug sich in Los Angeles mit den unterschiedlichsten Jobs durch. In Abendkursen eignete sich Chandler Buchhaltung und Rechnungswesen an.

1917 meldete Chandler sich zur kanadischen Armee. Er machte eine Ausbildung bei der Luftwaffe, doch kurz vor dem Abschluss seines Trainings war der Krieg in Europa vorbei. Chandler kehrte nach Los Angeles zurück und wurde Buchhalter einer Molkerei. 1922 übernahm er den Posten des Buchhalters in einer Öl-Firma und stieg binnen kurzer Zeit zum Vize-Präsidenten auf. Zwei Jahre später heiratete er Cissy Pascal, die fast 18 Jahre älter war als er selbst.

1932 verlor Chandler seinen Posten, weil er zu viel trank und häufig krankfeierte. Von nun an widmete sich Raymond Chandler ganz dem Schreiben. Er arbeitete fünf Monate an einer Erzählung, die er schließlich dem Magazin »Black Mask« verkaufte: 1933 erschien Chandlers erste Kriminalgeschichte. In seiner vierten Geschichte »Killer in the Rain« tritt zum ersten Mal Philip Marlowe auf, der zum Prototypen des amerikanischen Detektivs wird. 1939 erschien Chandlers erster Roman „Der große Schlaf“. Seine Romane entstanden aus dem Zusammenfügen und verdichten mehrerer Geschichten.

Anfang der vierziger Jahre begann Chandlers Kontakt mit Hollywood. Es gelang ihm, die Film-Rechte an seinen ersten Romanen zu verkaufen. Billy Wilder überredete ihn 1943, gemeinsam ein Drehbuch des Romans »Double Indemnity« von James M. Cain zu schreiben. Für sein Script zu »The Blue Dahlia« wurde Chandler für den Oscar nominiert.

Chandlers Frau Cissy verstarb im Dezember 1954 nach langer, schwerer Krankheit. Ihr Tod warf Chandler aus der Bahn. Er verfiel dem Alkohol und unternahm einen Selbstmordversuch. Chandler reiste viel, auch nach Europa. Er starb am 26. März 1959 in LaJolla, Kalifornien.

Krimis von Raymond Chandler:

|Die Philip-Marlowe-Reihe:|

o (1939) Der große Schlaf (The Big Sleep )
o (1940) Lebwohl, mein Liebling (Farewell, My Lovely )
o (1942) Das hohe Fenster (The High Window )
o (1943) Die Tote im See (The Lady in the Lake )
o (1949) Die kleine Schwester (The Little Sister )
o (1953) Der lange Abschied (The Long Good-bye )
o (1958) Playback (Playback )
o (1989) Einsame Klasse (vollendet von Robert B. Parker: Poodle Springs)
o (1991) Tote träumen nicht (Fortsetzung zu »Der große Schlaf« von Robert B. Parker: Perchance to dream)

_Handlung_

|PROLOG|

Da dies die Fortsetzung von „The Big Sleep“ ist, schickt der Autor der Haupthandlung das Beschlusskapitel von „The Big Sleep“ voraus. In rückblickenden Aussagen von Philip Marlowe und seiner Beinahe-Geliebten Vivian Sternwood erfahren wir so, um was es überhaupt gegangen ist.

Und auf diese Weise erinnern sie uns daran, welche Figuren und Namen im Vorgänger wichtig sind und wahrscheinlich wieder auftauchen werden, so etwa der zwielichtige Eddie Mars, ein Club-Besitzer oder der verblichene Rusty Regan. Wer hat ihn eigentlich auf dem Gewissen? Hier wird es geklärt. Und eines wird dabei sehr deutlich: Vivians Schwester Carmen ist völlig unzurechnungsfähig …

|Haupthandlung|

General Sternwood ist gestorben, friedlich im Bett, sollte man betonen. Vivian hat Carmen auf Marlowes Anraten in ein Sanatorium geschickt. Doch nun erfährt er von ihrem Butler Norris, dass Carmen dort seit zwei Tagen nicht mehr gesehen worden ist. Vivian behauptet, sie habe bereits Eddie Mars gebeten, sich darum zu kümmern, doch der tut so, als wisse er von nichts. Und der Leiter des Resthaven-Sanatorium, „Dr.“ Bonsentir, der nirgendwo als Arzt registriert ist, wirft Marlowe durch zwei seiner Gorillas kurzerhand raus.

Das lässt sich Marlowe nicht lange bieten. Obwohl ihn die Cops, Eddie Mars und auch Vivian davor warnen, Bonsentirs Weg zu kreuzen, weil dieser Protektion ganz oben genieße, dringt der Privatdetektiv ein. Es gelingt ihm, mit einer alten Patientin zu sprechen, Mrs. Swayze liest gerade ein knallhartes Pornoheft, das selbst Marlowe rotwerden lässt. Kaum hat sie einen Namen erwähnt, dringt schon wieder einer der Gorillas auf Marlowe ein. Doch dieser ist gewappnet und verlässt ungeschoren das Feld.

Der unter solchen Mühen errungene namen laut „Simpson“. Er gibt über 100 davon in L. A., doch Vivian kennt den Betreffenden: Ronald Simpson ist ein Multimillionär, der abgeschieden und abgeschottet in einer Burg lebt – das findet Marlowe bei einem kleinen Besuch heraus. Aber auch nicht mehr, denn Simpsons PERSÖNLICHE Assistentin, die Königin Victoria Konkurrenz machen könnte, sagt keinen Piep und weiß von nichts. Sternwood? Nie gehört! Wen will sie eigentlich auf den Arm nehmen, fragt sich Marlowe.

Lt. Ohls, der Distriktsheriff, nimmt ihn zu einem Leichenfund mit: Ist es Carmen? Doch die Leiche einer jungen Frau ist als schwarzhaarig zu erkennen, selbst wenn ihr der Kopf fehlt. Bemerkenswert ist aber, dass in einem Streichholzheftchen die Telefonnummer von Carmen (oder Vivian) steht. Als Ohls und Marlowe „Dr.“ Bonsentir einen Besuch abstatten, um nach Carmen zu fragen, sagt der Arzt, sie sei nicht mehr da – ebenso wenig wie Marlowes Zeugin. Und Bonsentir gibt Ohls seinen Telefonhörer: Der Bezirksstaatsanwalt ist dran. DA Wilde vergattert sie dazu, die Finger von Bonsentir zu lassen, über den Simpson bekanntlich die Hand hält. Aber beide lassen durchblicken, dass diese Zurückhaltung nicht für Marlowe gelte …

Auch Vivian kann ihren neuen Lover Marlowe nicht davon abhalten, dem Sadomasochisten Simpson das Handwerk zu legen. Er weiß, dass er sich dann mit Simpsons Freunden, dem Gouverneur von Kalifornien und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, anlegt. Na und? Was hat er schon zu verlieren? Nur seinen Sinn für Gerechtigkeit. Und das Leben einer unzurechnungsfähigen Frau. Und beides kann Marlowe niemals zulassen.

Dann macht der Gegner einen dummen Fehler und Marlowe bekommt den ersten Hinweis darauf, was Simpson und Bonsentir im Schilde führen.

_Mein Eindruck_

Ich muss zugeben, ich war teils erfreut und teils enttäuscht. Erfreut war ich über das Wiedersehen mit Spenser, denn dessen Charakter füllt nun die Persona von Philip Marlowe aus: gesellig, witzig, selbstironisch, unerschrocken und ein Teamarbeiter – also so ziemlich das Gegenteil von Chandlers einzelgängerischem Marlowe.

Marlowe verbündet sich sogar mit dem zwielichtigen Nachtklubbesitzer Eddie Mars, ein Schachzug, den der Original-Marlowe wohl nicht einmal in Betracht gezogen hätte. Aber Parkers Marlowe lässt fünfe auch mal gerade sein und billigt den Verbrechern eine Existenzberechtigung zu. Ganz besonders dann, wenn sie ihm dazu verhelfen, seine Mission zu erfüllen. Ironischer- oder traurigerweise ist es am Schluss Eddie Mars, der Vivian Sternwood trösten wird. Denn Marlowe, der proletarisch lebende Outcast, passt einfach in die Nobelhütte der Millionenerbin. Aber er erweist dem verblichenen General die letzte Ehre.

Worum geht es nun eigentlich in dieser Fortsetzung des Klassikers? Wer gedacht hat, dass Bonsentir ein mieser Kerl ist, ist auf der richtigen Fährte: Er ist Simpsons Zuhälter, dessen Mentor und wohl auch der Initiator des riesigen Dings, das die beiden in den Bergen drehen wollen: ein Wasserdiebstahl in gigantischem Ausmaß.

Diesem geplanten Verbrechen kommt Marlowe schrittchenweise und durch hartnäckiges Nachfragen auf die Spur. Eine verwitwete Journalistin aus altem Schrot und Korn steht ihm dabei hilfreich gegen Simpsons zwielichtige Typen, zu denen auch zwei Dorfpolizisten gehören, zur Seite. Chandler hätte solche uramerikanischen Szenen niemals schreiben können, glaube ich (ich muss noch viel von ihm lesen), aber Parker bringt die Szenen mit Pauline Snow ganz natürlich rüber – und mit jeder Menge bodenständigem Humor. Spenser in Aktion! Zusammen stoßen sie auf blutige Spuren eines Verbrechens – und auf die Herkunft der zerstückelten Frauenleiche.

Nun ist die Hauptfrage, die Marlowe immer wieder um die Ohren gehauen wird, die nach den handfesten Beweisen für Simpsons und Bonsentirs Verbrechen und Machenschaften. Wer Parkers bzw. Spensers Arbeitsmethode kennt, der ahnt schon, dass nur eine direkte Konfrontation mit dem großen Hintermann selbst die Lösung des Rätsels und Problems bringen kann. Außerdem muss Marlowe noch Carmen aufspüren. Die beste Gelegenheit bietet sich, als Simpsons Riesenyacht an der Küste vor Anker und Bonsentir an Bord geht …

Und hier beginnt der enttäuschende Teil. Das Finale hatte ich mir aufgrund der „Spenser“-Krimis fulminanter und actionreicher vorgestellt. Stattdessen ist es eine Mischung aus mitleiderregender Komödie auf Seiten von Simpson/Bonsentir, hirnlosem Dauernkichern auf Seiten von Carmen und Heldentum wider Willen auf Seiten von Marlowe. Von Spensers Souveränität also keine Spur.

Man könnte allerdings mit Fug und Recht einwenden, dass Marlowe keineswegs Spensers Verhalten entsprechen muss. Deshalb muss er auch weder perfekt sein noch Spensers Körperstärke und Gewaltbereitschaft aufweisen. Wer solche Eigenschaften erwartet, wird enttäuscht. Und Spenser würde auch niemals ein schickes Mädel wie Vivian Sternwood sitzenlassen.

_Unterm Strich_

Diese Fortsetzung von „Der große Schlaf“ ist also keineswegs ein weiterer „Spenser“-Krimi. Das ist gut und schlecht. Es ist gut, weil Marlowe-Freunde sich hier wiederfinden können und Marlowe nicht wie Spenser mit Körper- und Gewalteinsatz kämpft, sondern mit Köpfchen (Marlowe ist Schachspieler) und ganz viel Geduld (er lauert ganze drei Tage vor Bonsentirs Klinik). Daher fällt die Action im Finale ganz anders aus als erwartet. Hauptsache, Erfolg.

Doch dieser Marlowe ist kein mürrischer Einzelgänger mehr, der er bei Chandler war. Vielmehr arbeitet diese Version nun gerne mit den Behörden zusammen, gibt sich leutselig mit Journalisten und verbündet sich mit einem Gangster. Ja, er lässt sich sogar zu einer stürmischen Liebesnacht mit Vivian Sternwood hinreißen. Auch sie hat sich verändert: Aus der skrupellosen Raubkatze ist ein anschmiegsames, schutzbedürftiges Schmusekätzchen geworden. Lediglich Carmen ist sich treu geblieben: Kind und Teufel in einem.

Die zahlreichen Zitate, die besonders im ersten Viertel massiv eingefügt sind (so etwa der Prolog), erleichtern den Einstieg ungemein, ohne dass man „Der große Schlaf“ kennen muss. Damit eignet sich dieses Buch eigentlich für jeden Krimikenner, der sich kurzweilig unterhalten lassen möchte. Vielleicht hätte sich Parker auch von Dashiell Hammett („Der Malteser Falke“, „Der dünne Mann“) inspirieren lassen sollen.

Als Krimi auf Chandler-Niveau erreicht das Buch jedoch nie den Meister, wie mir scheint, selbst wenn Simpson direkt kritisiert und demontiert wird, der „Freund“ der Mächtigen. Hier wird die kalifornische Gesellschaft also solche unter Anklage gestellt: Wirtschaftlicher Erfolg wird begrüßt, und über die Tatsache, dass der ultrareiche Simpson Mädchen wie seltene Früchte konsumiert und sie dann von Bonsentir „entsorgen“ lässt, schaut man geflissentlich hinweg.

Simpson ist – ähnlich wie Howard Hughes – so gemütskrank wie Carmen Sternwood, ein Anzeichen für die Dekadenz, die die Gesellschaft erreicht hat. Der Autor fragt, wie viel eine Gesellschaft wert ist, die es zulässt, dass ihre schwächsten Mitglieder von ihresgleichen ungestraft getötet werden können.

Der Originaltitel verweist auf die Träume, die Marlowe heimsuchen. Dieses Merkmal sucht man bei Chandlers Detektiv vergebens. Es sind grausame und bizarre Träume, manche auch pathetisch auf Kosten des Träumers. Es gibt noch eine Träumerin: Mrs. Swayze, die alte Insassin von Bonsentirs Klinik. Wenn sie von ihrem Pornoheft aufblickt, blickt sie sehnsüchtig nach ihrem Haus, das nirgendwo zu erblicken ist. Sie ist die Inkarnation einer alt und dekadent gewordenen Gesellschaft, die den Kontakt zur Realität verloren hat. Tagträume, das weiß jeder, sind jedoch in Hollywood an der Tagesordnung. Und wir träumen alle fröhlich mit, wenn wir ins Kino gehen.

Festzuhalten bleibt vielleicht, dass Parker sich Chandler zum Vorbild nahm und sich der Polizeihauptmann Cronjager aus „Der große Schlaf“ direkt im ersten Jesse-Stone-Krimi „Night Passage“ wiederfindet. Wenn es je eine Hommage an ein Vorbild gab, dann diese.

|Taschenbuch: 271 Seiten
ISBN-13: 978-0399135804|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/putnam.html

_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066
[„Gunman’s Rapsody“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6836
[„Wilderness“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6956

„Cole & Hitch“:

1) „Appaloosa“ (2005)
2) „Resolution“ (2008)
3) „Brimstone“ (2009)
4) „Blue-Eyed Devil“ (2010)

„Jesse Stone“-Krimis:

1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) [„Night and Day“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6873
9) „Split Image“

Die „Sunny Randall“-Reihe:

1) [„Family Honor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6831
2) [„Perish Twice“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6832
3) [„Shrink Rap“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6833
4) [„Melancholy Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6834
5) [„Blue Screen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6835
6) [„Spare Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6852

Die „Spenser“-Reihe:

01 [„The Godwulf Manuscript“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6921
02 [„God Save The Child“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6951
03 [„Mortal Stakes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6922
04 [„Promised Land“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6923
05 [„The Judas Goat“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6953
06 [„Looking for Rachel Wallace“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6954
07 „Early Autumn“
08 „A Savage Place“
09 [„Ceremony“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6952
10 „The Widening Gyre“
11 „Valediction“
12 [„A Catskill Eagle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7066
13 [„Taming a Sea-Horse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6839
14 „Pale Kings and Princes“
15 „Crismon Joy“
16 [„Playmates“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6867
17 [„Stardust“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6819
18 „Pastime“
19 „Double Deuce“
20 [„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818
21 [„Walking Shadow“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6820
22 [„Thin Air“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6872
24 [„Small Vices“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6829
25 „Sudden Mischief“
26 „Hush Money“
27 „Hugger Mugger“
28 [„Potshot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6821
29 [„Widow’s Walk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6826
30 [„Back Story“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6842
31 [„Bad Business“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6840
32 [„Cold Service“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6844
34 [„Hundred Dollar Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6838
35 [„Now and Then“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7117
36 [„Rough Weather“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7118
37 [„Chasing the Bear“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6837
38 [„The Professional“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6866
39 [„Painted Ladies“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6843
40 [„Sixkill“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7320

Berg, Alex – Marionette, Die

Unsere Nation ist nicht nur berühmt und berüchtigt in der Vergangenheit etwas kriegerisch unterwegs gewesen zu sein, auch haben deutsche Rüstungskonzerne mit ihren Waffenproduktionen längst schon einen hohen Stellenwert bei befreundeten Nationen. Unser Ruf in dieser Richtung ist also auch aktuell kein schlechter.

„Die Händler des Todes“ haben aber mit Sicherheit nicht immer eine weiße Weste. Bei so viel Geld, das die Konten wechselt, sind eventuell ideologische und ethische Beweggründe sekundär und wenig von Interesse.

Viel mehr Interesse liegt hier schon bei den Geheimdiensten. Deren Wissen mag nicht immer synchronisiert mit der Regierung sein. Schauen wir uns die aktuellen Nachrichten der letzten Wochen oder Monate an, so kann man dieser Presse doch den einen oder anderen kritischen Kommentar entnehmen.

Ebenso ein aktuelles Thema in unserem Land ist die militärische Beteiligung an einigen Brandpunkten, bei der man kaum oder nur sehr wenig von Entspannung reden kann. Afghanistan, Irak, Südafrika – hier kämpfen und sterben deutsche Soldaten in ihrem humanitären Einsatz. Doch welchen psychologischen und physischen Druck die jungen Männer und auch Frauen ausgesetzt sind, kann man wohl nur realistisch nachvollziehen, wenn man einer von ihnen selbst gewesen ist.

Nicht wenige Soldaten haben Schwierigkeiten, das Erlebte aufzuarbeiten und sich in unserer „friedlichen“ Gesellschaft wieder einzugliedern. Zu tief sitzen die Bilder des Grauens in ihren Köpfen fest, zu wenig Vertrauen in unserer Akzeptanz und Verständnis.

In ihrem neuesten Roman „Die Marionette“ erzählt die Autorin von Waffengeschäften, verlorenen Idealen und zerstörten Träumen, von Kriegseinsätzen, die traumatische Störungen hervorrufen, und Menschen, die wie ein Stück Papier zerreißen.

_Inhalt_

In Afghanistan wird eine Bundeswehr-Patrouille zum Ziel eines Guerilla-Angriffes der Taliban. Ihr Konvoi wird aufgerieben und die Soldaten bis auf wenige, darunter eine Frau, lassen in diesem Hinterhalt ihr Leben. Schwer verletzt und in ihrer Heimat zurück, stellt die überlebende Soldatin Katja Rittmer kritische Fragen, auf die sie zunächst keine Antwort enthält. Warum wurde sie durch deutsche Munition verletzt und ihre Kameraden getötet? Wie gelangen diese hochmodernen und tödlichen Waffen in die Hände ihrer Feinde?

Als ein deutscher Rüstungskonzern beschuldigt wird, illegale Verhandlungen und Lieferungen von deutschen Waffen vorzunehmen, werden von Seiten der Regierung Untersuchungen gestartet. Eric Mayer, ein BND-Agent und früherer Soldat einer deutschen Eliteeinheit, der KSK, führt die offiziellen Ermittlungen durch.

Der Rüstungskonzern reagiert prompt und übergibt der jungen und erfolgreichen Rechtsanwältin Valerie Weymann die Aufgabe, die Interessen der Firma zu schützen und zu vertreten. Eric Mayer und Valerie Weymann kennen sich und ihr Verhältnis wird zunehmend schwieriger, da beide Seiten den Druck enorm steigern und Ergebnisse sehen wollen. Nicht zuletzt die Geheimdienste möchten diese prekäre Situation entschärfen. Auch Katja Rittmer, die die Mörder ihrer Kameraden und ihres Verlobten zur Rechenschaft ziehen will. Und diese „Mörder“ sind nicht die Taliban, sondern die Verantwortlichen des Waffenhandels – diese werden von Katja Rittmer erbarmungslos gejagt – und die Elite-Soldatin hinterlässt eine Schneise der Verwüstung und der Angst …

_Kritik_

Schon in ihrem ersten Roman „Machtlos“ in denen ebenso die Hauptrollen von der Juristin Valerie Weymann und dem Top-Agenten des BND, Eric Mayer, grandios besetzt wurden, war die Spannung solide und fesselnd. Alex Berg setzt nun diese Reihe fort und hat das Tempo um einige Stufen erhöhen können.

Die Autorin bedient sich dabei aktuellen und brisanten Themen, die durch die Medien immer wieder an die Öffentlichkeit getragen werden. Doch leider werden diese zu wenig objektiv betrachtet und ins richtige Licht gerückt. „Die Marionette“ von Alex Berg ist ein Politthriller, der sensationell authentisch recherchiert wurde.

Ohne wirklich anzuprangern oder sich in Klischees zu verwickeln, erzählt Alex Berg geschickt von Interessen, die gewahrt werden wollen, egal ob es sich nun um die engsten Regierungsmitglieder handelt oder um mächtige Großkonzerne, die mit ihren Kontakten und Geschäften ein nicht ungefährliches Spiel inszenieren. Doch politische Interessen kennen nur wenig bis gar keine Grenzen und so spielen die Geheimdienste eine ernstzunehmende und wesentliche Rolle in dem vorliegenden Roman.

Neben der Spannung präsentiert die Autorin dem Leser noch solide Action und viel sehr gut recherchiertes Hintergrundmaterial, welches zum Nachdenken anregt. Durch die zwischenmenschlichen Komplikationen ihrer beiden Charaktere Eric Mayer und Valerie Weymann wirft die Autorin noch das Grundelement „Liebe“ aufs Spielfeld. Doch diese Nebenschauplätze sind eher im Hintergrund angesiedelt und haben wenig Einfluss auf den Hauptpart ihrer Erzählung. Beide Charaktere sind sich ähnlich und stoßen und ziehen sich in einem immer wiederkehrenden Rhythmus an oder auch ab. Beide sind auf ihre Art Einzelgänger und scheuen sich davor, sich selbst und ihr Verhalten vor anderen zu reflektieren. Ihre Charaktere werden hier aufbauend auf die Erlebnisse in „Machtlos“ weiterentwickelt.

Besonders realistisch und eindringlich lässt uns die Autorin einen Blick in das Opfer und zugleich die Täterin Katja Rittmer werfen. Ihre physischen Verletzungen sind eher kleinere Schrammen im Verhältnis zu ihren traumatischen Erlebnissen und Verlusten, die sie niemals wieder ablegen kann. Katja Rittmer fühlt sich in Stich gelassen, unverstanden, isoliert und abgeschoben und ihre idealistischen Träume haben sich als brutale, unauslöschliche Erinnerungen offenbart. Sie ist nicht anderes als eine Marionette, deren Fäden immer mal wieder von einem anderen Puppenspieler gezogen werden.

Andere Puppenspieler sind hier zum Beispiel der Vorstandsvorsitzender des Waffenkonzerns oder ein amerikanischer Senator mit guten Kontakten zum CIA. Sicherlich gibt es hier Verwandtschaften zu realen Personen und manchmal eröffnet sich ein erzählerisches Klischee, aber gemessen an der Kernbotschaft des Themas und der Spannung ist das nicht weiter der Rede wert.

Damit kommen wir zur eigentlichen Hauptrolle – dem Thema: humanitäre Einsätze, die dann faktisch doch Kampfeinsätze sind, in denen getötet und gestorben wird. Das sich Deutschland an diesem Krieg aktiv beteiligt, ist nicht mehr wegzudiskutieren. Ebenso auch die Verwicklungen unserer Geheimdienste in militärische Interventionen und Aktionen, die, man muss es doch offen aussprechen, eine wichtige und maßgebliche Rolle spielen. Das leider in unsere Welt Themen wie diese eher stiefmütterlich behandelt werden, ist der Macht der Medien zu verdanken oder vielleicht doch den Interessen von Regierungen und Geheimdiensten!?

Das Szenario, dass deutsche Waffen einen Bundeswehrkonvoi vernichten, ist überhaupt nicht undenkbar oder unrealistisch. Über die Waffenlieferungen Dritter, über Geheimdienste und Kontakten in gewissen Schurkenstaaten oder Mitglieder der Achse des Bösen mal abgesehen, ist das allzu real. Dafür muss man nicht gleich an die Irak-Iran-Kriege denken, es reicht schon, sich mit den aktuellen Krisenherden zu beschäftigen.

Beim Lesen des Romans „Die Marionette“ ist die menschliche Tragödie, die sich dort zeigt, die intensivste. Mit viel Sensibilität und Blick über den Tellerrand hinaus, erzählt die Autorin von Dramen, die sich tagtäglich in Familien abspielen, ohne dass wir es wissen wollen oder wir uns einfach ins Tagesgeschäft flüchten. Die Seelenlandschaft der Katja Rittmer ist ein emotionales Minenfeld, in der jeder Schritt über kurz oder lang vernichtende und verletzliche Spuren hinterlässt.

_Fazit_

„Die Marionette“ ist ein großartiger Politthriller. Mit aktuellen Themen gestützt, deren Brisanz uns leider in der Realität noch nicht klargeworden ist. Doch „Die Marionette“ ist nicht nur ein Zurücklehnen und Genießen von Spannungsmomenten – nein, sie bringt uns die Erlebnisse und die posttraumatischen Erlebnisse unserer Söhne, Töchter, Brüder und Väter wieder näher und damit einer Verantwortung, der wir uns stellen müssen.

Stefanie Baumm oder auch ihr Pseudonym, Alex Berg, hat hier einen sensationell guten Thriller geschrieben und sich damit freigeschwommen.

„Die Marionette“ ist nicht nur zu empfehlen, weil er einfach spannend, sondern auch weil er komplex und wieder eine Steigerung ihres Könnens ist. Ich bin gespannt auf ein Wiedersehen mit Eric Mayer und Valerie Weymann und noch gespannter, welches aktuellen Themas sich die Autorin nun bedient.

_Autorin_

Alex Berg, geboren 1963, hat viele Jahre für norddeutsche Tageszeitungen als freie Journalistin geschrieben, bevor sie ihre ersten Spannungsromane verfasste. Mit ihrem Thriller „Machtlos“ gelang Alex Berg ein hoch spannender und brisanter Auftakt zu der Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Valerie Weymann und den BND-Agenten Eric Mayer. Hinter dem Pseudonym Alex Berg verbirgt sich die Autorin Stefanie Baumm. Mehr Informationen unter [www.alexberg.de]http://www.alexberg.de

|Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3426508992|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home

Blunt, Giles – Eismord

_Inhalt_

In einem Anwesen am Trout Lake in der Nähe von Toronto werden zwei geköpfte Leichen gefunden. Es sind keine Brieftaschen oder Papiere zu finden, die auf die Identität der Opfer schließen lassen. Da auch die Köpfe nicht mehr am Tatort sind, ist die Sache umso schwieriger. Detective John Cardinal beginnt zu ermitteln und stößt auf Spuren, die darauf hinweisen, dass es einen Überlebenden und somit Zeugen geben muss, der aus dem Haus geflüchtet ist …

_Kritik_

Der Thriller „Eismord“ von Giles Blunt fängt direkt mit einem spannenden Kapitel über eine Frau an, die einen Mord mitbekommt und dann flüchten muss. Somit ist durch den Anfang sofort die Neugier auf alles Weitere geweckt. Allerdings konnte ich mich nicht so schnell in das Buch einfinden. Was mitunter auch daran lag, dass in dem Buch ausländische Namen von Personen vorkommen, die ich nicht kenne und für mich erst mal nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Das finde ich etwas verwirrend. Des Weiteren habe ich leider keine der vorherigen Thriller von Giles Blunt gelesen, die meiner Recherche nach meist auch von Ermittlungen durch Detective John Cardinal und seinen Kollegen handelt. Jemand, der schon weitere Bücher von dem Autor, wie zum Beispiel „Gefrorene Seelen“ oder auch „Kalter Mond“ kennt, hat es da sicher leicht, in die Geschichte reinzukommen.

Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig und die Sätze manchmal lang und mit vielen Kommas versehen. Die Kapitel im Allgemeinen sind aber nicht endlos und angenehm zu lesen. Es wird aus der Sicht eines Beobachters geschrieben, der einige Charaktere der Geschichte beleuchtet. Es gibt da eine Frau, die einen Mord mitbekommt, aber vor dem Täter flüchten kann, dann die Detectives, die in diesem Fall ermitteln und selbstverständlich gibt es auch den Mörder. Alle haben ihre eigene Geschichte und nach und nach kann man die Verwicklungen erkennen.

Das Buch bleibt, bis auf kleine Ausnahmen, die ganze Zeit über recht spannend, so dass man geneigt ist, es zügig zu lesen. Zum Schluss ist es dann echt fesselnd und man ist erst zufrieden, wenn man das Buch komplett durchgelesen hat.

_Autor_

Giles Blunt, geboren 1952, wuchs in North Bay/Ontario auf und studierte Englische Literatur an der Universität Toronto. 1980 ging er nach New York, wo er sich unter anderem als Streetworker, Gerichtsdiener und Barkeeper durchschlug. Heute lebt er wieder in Toronto. Mit seinem hochgelobten Thriller „Gefrorene Seelen“ gelang ihm der internationale Durchbruch. Drei weitere Romane mit Detective John Cardinal und zahlreiche Auszeichnungen festigen seinen Ruf als Kanadas erfolgreichster Thrillerautor.

_Fazit_

„Eismord“ von Giles Blunt ist nichts für schwache Nerven und vielleicht auch nicht gerade eine passende Abendlektüre, wenn man die Nacht über als Frau dann allein ist. Es gibt ein paar eklige Szenen und ich erschrocken von der Skrupellosigkeit des Täters.

Alles in allem ist es aber ein spannungsreicher und mitreißender Thriller, der unter die Haut geht. Für alle Thriller-Fans interessant.

|Gebunden: 416 Seiten
Übersetzt aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer
Originaltitel: Crime Machine
ISBN-13: 978-3426199145|
[www.droemer.de]http://www.droemer.de

_Giles Blunt bei |Buchwurm.info|:_
[„Gefrorene Seelen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=301
[„Blutiges Eis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=898

Carnac, Carol – Tote im Feuer, Der

_Das geschieht:_

Ein behaglicher Feierabend ist Jim Boyle, Dorfpolizist in Oakenhead, in dieser nebligen Spätherbstnacht nicht vergönnt. Ein Anruf führt ihn noch einmal aus dem Haus und in das Bergland der englischen Grafschaft Derbyshire: Am Langland-Berg habe er einen Mann gefunden, der überfahren wurde, meldet ein Fernfahrer, der lieber anonym bleiben möchte. Boyle, der Bob Mayfield, seinen Schwiegervater, als Begleiter rekrutiert, findet an angegebener Stelle tatsächlich eine übel zugerichtete Leiche. Weil es spät geworden ist, legen die beiden Männer sie in der nahen Dorfkirche ab.

Noch in dieser Nacht brennt das Gotteshaus ab, vom Toten bleiben nur verkohlte Knochen, die eine Identifizierung unmöglich machen. Inspektor Forth, Boyles Vorgesetzter, ist nicht begeistert, als er in Oakenhead eintrifft. Begleitet wird er von seinem Sohn Robert, der gerade aus dem Militärdienst entlassen wurde und sich für die Polizeiarbeit interessiert. Um Forth zu unterstützen, stellt man ihm den jungen Kriminalbeamten Christopher „Kit“ Riddle zur Seite. Robert erkennt in ihm erfreut einen Soldatenkameraden, während Riddle die Vorteile nutzt, die ihm aus der Freundschaft mit einem Einheimischen erwachsen, den die wortkargen und misstrauischen Dörfler kennen und schätzen.

Denn alle Verdächtigen stammen aus Oakenhead: Hat der alte Mayfield bei der Bergung der Leiche mögliche Mordspuren verwischt? Ist sein nichtsnutziger Sohn Dick in die Sache verwickelt? War Tierarzt Ken Musgrave wirklich auf dem Weg zum Bauern Welby, als sein Wagen in einen Graben rutschte? Hatte Welby ihn tatsächlich gerufen? Wieso interessiert sich Colonel Bourne so brennend für den Fall? Handelt es sich bei dem Toten um den Sträfling Fredstone, der nach einem Ausbruch seit Monaten flüchtig ist? Viele Fragen und zunächst keine Antworten, bis Riddle und die beiden Forth-Männer einen gänzlich neuen Ansitz finden und durch viel Fußarbeit sowie trotz einiger seltsamer ‚Unfälle‘ ein kompliziertes und altes Geheimnis lüften können …

|“Der Gegenwart entflieht, wer unter die Bauern geht.“|

So sprach der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) scheinbar weise aber falsch. Weit verbreitet war und ist das Bild vom Landmann auf seiner Scholle, der dort sitzt, sät und erntet, sein Leben dem jährlichen Wechsel der Jahreszeiten unterwirft und die ‚große Welt‘ ignoriert, weil sie ihn in seinem bäuerlichen Mikrokosmos weder angeht noch interessiert.

Auch Carol Carnac scheint zunächst in diese Kerbe zu hauen. Oakenhead ist ein Dorf, das wie für einen englischen Rätsel-Krimi eigens gegründet wirkt. Die Welt dreht sich hier Ende der 1950er Jahre so geruhsam wie in der guten, alten Zeit vor dem II. oder gar I. Weltkrieg. Die Erinnerung der älteren Bürger reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, wichtige Kalendermarken sind Markttage und Dorffeste, die gleichzeitig der Anbahnung künftiger Ehen dienen. Gedacht wird langsam und gesprochen wenig, es sei denn, es gilt, über das Wetter oder zu niedrige Erzeugerpreise zu klagen.

Nach und nach mischen sich Misstöne in dieses trauliche Bild, denn Carnac schwelgt keineswegs in falscher Bauernstadl-Romantik. Hinter den dicken Mauern alter Höfe spielen sich Dramen ab. |“Im Kuhstall erzählen einem die Leute Dinge, die man niemals für möglich gehalten hätte“| (S. 90), weiß der alte Edmund Musgrave, Tierarzt im Ruhestand. Zudem ist die Zeit auch in Derbyshire keineswegs stehengeblieben. Traditionelle Strukturen lösen sich auf. Die Jugend ist unruhig geworden. Dick Mayfield hat keine Lust, seine Tage als unbezahlter Knecht auf dem Hof des Vaters und in vager Erwartung seines Erbes zu fristen. Ihn zieht es in die Ferne, er will etwas erleben.

|Geduld bis zur geeigneten Gelegenheit|

Dieser nur oberflächlich geruhsame und stattdessen gärende Alltag bietet die Basis für einen Mord der ländlichen Art. Der Tote im Feuer war zu Lebzeiten die Erinnerung an ein sorgfältig verdrängtes aber unbewältigtes Unrecht der Vergangenheit. Kein exotisches Gift oder andere raffinierte Mordmethoden mussten am Langland-Berg zum Einsatz kommen, sondern das Wissen um die Besonderheiten des örtlichen Klimas, was – zu diesem Schluss kommen unsere Ermittler früh – auf einen einheimischen Täter hinweist, der nicht nur weiß, wie dicht tarnender Nebel aufsteigen kann, sondern auch die Schleich- und Wirtschaftswege der Gegend kennt.

Ortskenntnis ist der Schlüssel zur Lösung, weshalb Farth Vater und Sohn sowie Kriminalpolizist Riddle viel Zeit damit verbringen, die Felder und Berge um Oakenhead mit dem Wagen, dem Rad und zu Fuß zu erkunden. Schnell haben sie ermittelt, dass erstaunliche viele Personen in der Mordnacht unterwegs waren und den Tatort passiert haben: Die Bauern des Ortes sind Nebel gewohnt und kommen dort durch, wo der Städter kapituliert.

Auch die Planmäßigkeit der Tat straft die sprichwörtliche bäuerliche Einfalt Lügen. Der Mord wurde begangen und nicht nur als Unfall getarnt, sondern die Leiche kaltblütig verbrannt, um endgültig ihre Identität auszulöschen. Ins Kalkül ziehen müssen die Ermittler zudem, dass der Täter sich ganz offen mit ihnen trifft, sie auf mögliche Verdachtsmomente aushorcht und zu manipulieren versucht.

|Ein Dreigespann ermittelt|

In „Der Tote im Feuer“ gelingt der Autorin mit der Wahl der Ermittler geschickt die Verknüpfung von Gestern und Heute. Inspektor Farth, der offenbar nicht einmal einen Vornamen hat, repräsentiert die korrekte, nicht nur der Dienstvorschrift, sondern auch ihrem mit der Zeit obsolet gewordenen Ehrenkodex verpflichtete Vergangenheit. Der deutlich wenig förmliche Christopher Riddle ist ein Kriminalist der neuen Zeit. Er hat den Polizeijob nicht von der Pike auf erlernt, sondern ist als Seiteneinsteiger dazu gestoßen, denn der moderne Ermittler profiliert sich nicht mehr ausschließlich durch Menschenkenntnis und Übung, sondern auch durch Bildung. Männer wie Farth Senior und Jim Boyle werden allmählich aussterben. Bis es soweit ist, bleibt dem einen die Rolle des Ratgebers, der aus seinem Erfahrungsschatz schöpft, und dem anderen die des einfachen Dorfpolizisten, der für Ruhe und Ordnung sorgt.

Robert Forth bildet die Verbindung. Mehrfach betont Carnac seine ländliche Herkunft, an die er sich jedoch nicht mehr gebunden fühlt. Anders als Dick Mayfield hat Robert Oakenhead hinter sich gelassen. Wenn er zurückkehrt, dann wird dies freiwillig geschehen. Auch mit der Charakterisierung ihrer Figuren verdeutlicht die Autorin, dass sie die Oakenheads der Gegenwart nicht als Museumsdörfer mit lebendem Inventar betrachtet.

|Idylle mit Wegmarken|

Das gar nicht so friedliche Landleben und den Einbruch der Moderne in eine festgefügte Gesellschaftsstruktur thematisierte Carol Carnac auch in anderen Kriminalromanen, die geografisch und zeitlich vor ähnlichem Hintergrund wie „Der Tote im Feuer“ spielen. Die Autorin kannte Land und Leute der englischen Midlands; sie bezog sich gern auf reale Orte, die sie mehr oder weniger verfremdet in ihren Geschichten verwendete. Auch hier lassen die präzisen Angaben von Wegstrecken und Wanderzeiten realitätsnahe Recherchen vermuten: Auf der Basis des Textes ließe sich eine Landkarte von Oakenhead und Umgebung zeichnen.

Womöglich haben diejenigen Leser, die ihren „Whodunit“ wirklich ernst nahmen, genau dies getan. Carnac hält sich an die klassische Vorgabe des „fair play“, das den Leser eng an der Seite der drei Ermittler hält. Was sie in Erfahrung bringen, wird uns mitgeteilt, bis sie im Finale einen kleinen Endspurt einlegen, der uns ein Stück zurückfallen lässt: Zu guter Letzt wollen wir entweder bestätigt oder – noch besser – überrascht werden, weil uns die Autorin doch an der Nase herumgeführt hat.

Da Carol Carnac eine professionelle Krimi-Autorin ist, gelingt ihr dies im Rahmen der genreüblichen und hochdramatischen Zusammenkunft aller Verdächtigen, aus deren Runde dem unwahrscheinlichsten Kandidaten die Maske vom Gesicht gerissen wird. So soll ein Rätselkrimi enden, wobei das Muster höchstens variiert werden darf. Mit „Der Tote im Feuer“ macht es Carnac wieder einmal richtig. Dem Leser bleibt zum Schluss nur die ratlose Frage, wieso ausgerechnet ihre Werke vom (deutschen) Buchmarkt verschwunden sind.

_Autorin_

Carol Carnac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett-Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.

Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.

|Taschenbuch: 175 Seiten
Originaltitel: The Burning Question (London : Collins/The Crime Club 1957)
Übersetzung: Karl Hellwig|

Thiesler, Sabine – Nachtprinzessin

_Inhalt_

In Berlin treibt sich ein Mörder herum. Er interessiert sich allerdings nur für junge homosexuelle Männer. Er vergewaltigt und tötet sie und fühlt sich dabei großartig und unanfechtbar. Als Mörder nennt er sich „Prinzessin“. Sonst führt er ein ganz normales Leben. Er ist geschieden, hat einen Sohn und einen super Job als Immobilienmakler. Als er Urlaub in der Toskana macht, überwältigt ihn der Drang zum Morden auch dort wieder. Die Polizei in Italien und auch in Deutschland steht erst mal auf den Schlauch, denn die DNA, die der Täter zurücklässt, ist in keiner Datenbank registriert. Gar nicht so einfach, so einen Verdächtigen zu finden …

_Kritik_

Mit „Nachtprinzessin“ hat Sabine Thiesler meiner Meinung nach wieder einen absoluten Hit gelandet. Ihrem unverkennbaren Schreibstil bleibt sie auch diesmal treu. Ich habe das Buch kaum mehr beiseite legen können und die knapp 600 Seiten in zwei Tagen regelrecht verschlungen. Es zieht sich wie immer ein feiner Spannungsbogen durch das gesamte Buch, jedes Kapitel für sich ist nicht allzu lang und man sitzt wie elektrisiert davor und wird einfach in die Geschichte hinein gesogen. Die Sätze sind einfach und schnell zu lesen, die Zusammenhänge leicht nachvollziehbar und die Charaktere sowie das Umfeld sind klar beschrieben, sodass man die Bilder fast direkt vor Augen hat. Auch die Gefühlswelten der Protagonisten werden deutlich aus der Sicht eines Beobachters geschildert und die Entwicklung ist gut erkennbar.

Der Fokus des Thrillers liegt auf Matthias, bei dem man von Anfang an weiß, dass er die „Prinzessin“ ist und die Morde begeht. Es werden sowohl die Morde als auch seine Motive und Gedanken deutlich geschildert. Nach außen hin ist Matthias ein einfacher Bürger, der einem geregelten Job nachgeht und gutes Geld verdient. Aber im Innersten ist er ein gieriges Tier, das nur nach seinem nächsten Opfer sucht. Er ist sich keiner Schuld bewusst und aus seiner Sicht führt er ein ganz normales Leben. Ihm ist es sogar egal, ob seine DNA am Tatort zurückbleibt, denn für ihn ist alles nur ein Spiel.

Spannend gehalten wird die Story auch durch die anderen Protagonisten, die beschrieben werden. Jeder hat seine eigene Geschichte, die erzählt wird. Alle sind wichtig und tragen zum Großen und Ganzen bei. Erst nach und nach wird deutlich, welchen Anteil sie an dem Gesamten haben.

Ich bin fasziniert von dem Ideenreichtum und der Fantasie, die Sabine Thiesler an den Tag legt. Allein die Gedanken, die dem Protagonisten Matthias durch den Kopf gehen, sind so krank und unvorstellbar grausam, dass sie mir niemals in den Sinn gekommen wären.

_Autorin_

Sabine Thiesler, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und schrieb außerdem erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen (u. a. „Das Haus am Watt“, „Der Mörder und sein Kind“, „Stich ins Herz“ und mehrere Folgen für die Reihen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“). Bereits mit ihrem ersten Roman „Der Kindersammler“ stand sie monatelang auf den Bestsellerlisten. Ebenso mit den folgenden Büchern „Hexenkind“, „Die Totengräberin“ und „Der Menschenräuber“. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Nachtprinzessin“ von Sabine Thiesler ist ein atemberaubend faszinierender und fesselnder, aber auch erschütternder Thriller. Ich liebe den Schreibstil der Autorin und habe auch schon drei der vorangegangenen Thriller („Hexenkind“, „Die Totengräberin“ und „Der Menschenräuber“) in sehr kurzer Zeit gelesen. Gierig wartend, was passiert, verschlingt man Seite um Seite. Meinetwegen könnte Sabine Thiesler jeden Monat ein neues Buch rausbringen, ich würde jedes lesen.

Ich kann für das Buch „Nachtprinzessin“ keine negative Kritik äußern und somit jedem Thriller-Fan nachdrücklich empfehlen.

|Gebunden: 576 Seiten
ISBN-13: 978-3453266322|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Sabine Thiesler bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Kindersammler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3317
[„Hexenkind“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4319
[„Die Totengräberin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5797

Barnais, Georgius Jo – Tod im Theater, Der

_Das geschieht:_

Hart ist das angeblich so schöne Künstlerleben im Paris der 1950er Jahre, weil die Konkurrenz groß ist. Es gibt nur wenige Gewinner, die von den nicht vom Glück Begünstigten beneidet und gehasst werden. Der junge Bariton Jo Barnais ist so ein Pechvogel, der sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt durchschlägt, obwohl er die Szene genau kennt.

Der Tenor Camille Manola steht hingegen auf dem Zenit seiner Karriere, wird ständig gebucht, ist reich und ein Idol der Massen. Nach zwei Jahren Abstinenz kehrt er unter großem Medienrummel auf die Bühne zurück. Ob seine Sangeskunst gelitten hat, kann nicht festgestellt werden, denn noch vor dem ersten Ton trifft ihn eine Kugel in die Kehle.

Unter den entsetzten Zuschauern ist auch Jo Barnais. Er wird direkt in die Ermittlungen einbezogen, denn sein ‚Freund‘, der rücksichtslose Kommissar Lambert, bedient sich seiner als Laufbursche und Spitzel, der sich hinter den Kulissen der Pariser Bühnenwelt umschauen soll. Dass es dort gärt, wird definitiv klar, als es kurz darauf Manolas Nachfolger einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fällt.

Verdächtige gibt es viele, denn niemand konnte die Verstorbenen leiden. Intrigen und verwickelte Liebschaften erschweren den Versuch, ein Motiv und damit den Täter zu finden. Mögliche Spuren erweisen sich als Sackgassen, obwohl sich der Mörder bald nicht mehr zurückhält und sogar anonyme Botschaften verschickt. Er weiß um die Ratlosigkeit der Polizei – und seine Mission ist noch nicht beendet, wie schon bald ein weiterer Tenor feststellen muss …

|Künstlerwelt im künstlichen Zwielicht|

Mord in der Pariser Theaterwelt: Dies bedeutet hier weniger das kriminalistische Spiel, die Suche nach Indizien, die Jagd nach dem Mörder, sondern die Reise in Spießers Wunderland – das Halbwelt- und Rotlicht-Milieu, welches der Boheme seit jeher gleichgestellt wird. O-la-la-Anzüglichkeiten, die aufgrund des Erscheinungsdatums erwartungsgemäß ziemlich verdruckst ausfallen, sollen für einen frivolen Grundton sorgen, der heute ranzig wirkt.

Unterstützung sucht der Verfasser in einer höchst blumigen Sprache, die ebenfalls irritiert, aber dem Szene-Jargon der Zeit entsprochen haben mag. Heute möchte man den Ich-Erzähler ob seiner im Übermaß eingesetzten, neckisch-kindischen Verniedlichungen und barocken Zuckergusses aber lieber ausgiebig beuteln.

Die Handlung selbst tritt besonders zwischen den Morden arg auf der Stelle. Nur locker scheint der Verfasser mit den Methoden der Polizeiarbeit vertraut. Stattdessen setzt er auf einen energischen Kommissar mit genialen Einfällen, die allerdings nur deshalb so wirken mögen, weil er sich die meiste Zeit mit Andeutungen begnügt oder gänzlich in geheimnisvolles Schweigen hüllt.

|Sie fallen wie die Fliegen|

Dem Leser fällt etwas Eigentümliches auf: Sämtliche Figuren dieses Romans wirken außerordentlich unsympathisch. Das kann vom Verfasser so nicht gewollt sein. Fragt sich also, was da geschehen ist. Einfach ist die Ablehnung an der Figur des Kommissars Lambert zu begründen. Den will Barnais als harten, vom Job geprägten Bullen charakterisieren, den längst nichts mehr überraschen kann. Tatsächlich erleben wir einen selbstherrlichen und herablassend jovialen, das Gesetz nach Belieben brechenden Miniatur-Diktator, der mit den Bürgern, die er schützen soll, wie mit Leibeigenen umspringt.

Auch der legendäre Maigret ist ein Patriarch, nach dessen Pfeife man zu tanzen hat, aber er ist keineswegs so ein Kotzbrocken wie Lambert. Man fragt sich, ob da nicht einschlägige und unerfreuliche Erfahrungen den Verfasser inspirierten. Belegt ist in der Tat, dass die Pariser Polizei nicht zimperlich war oder ist. Dennoch nervt die Servilität des Sängers Jo Barnais, der sich ohne Widerstand von Kommissar Lambert in eine gar nicht ungefährliche Rolle zwingen lässt. Auch sonst ist er ein flatterhafter Zeitgenosse, der hinter einer Fassade aus Selbstbetrug und vorgespieltem Zynismus nicht halb so schick und unkonventionell wirkt, wie das sein geistiger Vater wohl geplant hat.

|Spießer kriegt Stilaugen|

Frauen sind in der Pariser Künstlerwelt hübsch, aber entweder falsch, weil lotterhaft und stets auf ihren Vorteil bedacht, oder naiv bis dumm, aber auf jeden Fall für den raschen Verbrauch geschaffen. Das gilt auch für die |“hübschen Milchmädchen“|, die |“jungen Fleischwarenverkäuferinnen“|, die |“kleinen Modistinnen“| (S. 80), die – da nicht dem eigenen Milieu gehörend – Freiwild und Spottvieh sind. Deshalb muss Barnais auch kein schlechtes Gewissen plagen, wenn er sie nach Kräften belügt und ausnutzt. Ja, so ist er halt, der angeblich liebenswerte Pariser Künstler; die ganze Nacht auf den Beinen, mittags im Bett liegend (möglichst nicht allein), ansonsten im Cafè sitzend, um den neuesten Klatsch auszutauschen. So sahen ihn die zeitgenössischen Medien allzu gern, und der Verfasser sieht keinen Grund, solche Klischees nicht ausgiebig zu bedienen.

Hässlichkeiten verbreitet der Autor – natürlich, muss wohl sagen – gegen homosexuelle Kollegen. Mordopfer Manola ist schwul und wird so dargestellt, dass er sein Schicksal als ‚Strafe‘ mehr oder weniger verdient. Üble Nachrede und ironische Anmerkungen von Kommissar Lambert gibt’s gratis dazu.

|Der Film zum Buch|

Ein Erfolg ist „Der Tod im Theater“ zumindest in Deutschland offenbar nicht gewesen, wo uns die übrigen Werke des Jo Barnais erspart blieben. In Frankreich wurde „Mort aux ténores“ dagegen noch 1987 im Rahmen der TV-„Série noir“ verfilmt; die Titelrolle spielte ein Schauspieler mit dem Namen „Lucky Blondo“, was bereits kein Meisterwerk des Kriminalfilms vermuten lässt …

_Autor_

„(Georgius) Jo Barnais“ ist ein Pseudonym, hinter dem sich ein künstlerisches Multitalent verbirgt: Georges Guibourg, Sänger, Schauspieler, Drehbuch- und Theater-Autor, Komponist, Schlagertexter, Schriftsteller. Auch bekannt als Theodore Crapulet, war Guibourg einer der bekanntesten und beliebtesten Künstler von Paris. Seine Karriere umspannt mehr als ein halbes Jahrhundert.

Geboren wurde Guibourg 1891 in Mantes la Ville, Yveline, Ile de France. Mit 16 Jahren ging er nach Paris, wo seine Laufbahn der seines Helden Jo Barnais glich. Guibourg war allerdings ungleich erfolgreicher, trat auf der Bühne auf, sang Schlager, Operetten und arbeitete sich bis zum Star der Konzerthallen und Kabaretts hoch. In den 1920er und 30er Jahren stellte er seine eigene, ebenfalls sehr erfolgreiche Komikertruppe zusammen, ab 1932 trat er in Kinofilmen auf. Daneben arbeitete er weiter fürs Theater, schrieb Schlager – und Kriminalromane.

Georges Guibourg starb im Januar 1970. Er hinterließ ein reiches künstlerisches Werk; nichts „Unsterbliches“, aber u. a. mehr als 1500 Schlager, die überall in Frankreich zu hören waren.

|Taschenbuch: 205 Seiten
Originaltitel: Mort aux ténors (Paris : Librairie Gallimard 1956)
Übersetzung: Maria Lampus|

Melneczuk, Stefan – Rabenstadt

Nach dem Erfolg seines Romans „Marterpfahl“ und der durchaus lesenswerten „Geisterstunden“-Collection präsentiert der Stefan Melneczuk nunmehr seinen neuen Roman „Rabenstadt“ in einer auch äußerlich wieder sehr ansprechenden Hardcoverausgabe mit einem dekorativen und auch inhaltlich stimmigen Titelbild von Mark Freier.

Der Roman selbst ist ungewöhnlich aufgebaut, denn er beginnt mit dem Ende bzw. einer Nachbetrachtung des Protagonisten zu den Ereignissen. Und selbst im Verlauf der eigentlichen Handlung schildert der Ich-Erzähler seine Erlebnisse teilweise in Rückblenden. So liegt er gleich zu Beginn verletzt und mit Klebeband gefesselt in einem dunklen Kellerraum und versucht sich zu erinnern.

Was sofort auffällt, sind die guten Ortskenntnisse des Autors – die Handlung spielt in einem in die Jahre gekommenen Wuppertaler Villenviertel – und seine Fähigkeit zu anschaulichen Beschreibungen. Selbst als Ortsunkundiger (wie ich) vermag sich der Leser die Straßen, Gärten und Gebäude des Umfeldes vorzustellen und wird damit zum Augenzeugen des Geschehens.

Der Einstieg ist rasch wiedergegeben: Ein Paketbote (der Ich-Erzähler) verfährt sich infolge eines defekten Navigationsgerätes im Briller Viertel und versucht, die Zieladresse zu Fuß ausfindig zu machen. In der einsamen Gegend begegnet er keinem Passanten, bis er schließlich vor einem Hauseingang auf ein Mädchen triff, das auf allen Vieren hockt und eine Hundeleine um den Hals hat. Als es plötzlich davonläuft oder -gezogen wird, setzt er ihm nach und wird beim Eindringen in einen Garten brutal niedergeschlagen. Er verliert das Bewusstsein und erwacht irgendwann später in besagtem Keller.

Zum Glück widersteht der Autor der Versuchung, die Gefangenschaft bzw. das Martyrium des Handlungsträgers so exzessiv in die Länge zu ziehen, wie es prominentere Autoren wie Stephen King schon häufiger praktiziert haben. Auch wenn dem Gefangenen ausreichend Gelegenheit zu Selbst- und Weltbetrachtungen gegeben wird, verspürt der Leser nie den Drang, mangels Handlungsfortschritts einfach ein paar Seiten zu überblättern. Angesichts des vorweggenommen Ausgangs des Abenteuers ist das keine geringe Leistung des Autors. Die Person des Täters bleibt lange Zeit über im Dunklen, und als er schließlich in das Geschehen eingreift, kommt es auch schon zu einem dramatischen Showdown.

Damit ist der Roman jedoch nicht zu Ende, denn der Paketbote ist selbst Träger eines dunklen Geheimnisses, das sich erst später offenbart. So wird der Leser auch jenseits des Ortes des Verbrechens mit seelischen Abgründen und Alptraumszenarien konfrontiert, die auch ihn jederzeit betreffen können. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Leistung des Buches, dem Leser über den an sich schon grausigen Kriminalfall hinaus die Augen für die dunklen Seiten menschlicher Existenz zu öffnen. Die „Rabenstadt“ Wuppertal ist hierfür ein perfekter Rahmen, und drei zusätzliche Geschichten vom „Kreuz Wuppertal-Mord“ runden den Lesegenus ab.

Mit „Rabenstadt“ liefert Stefan Melneczuk einmal mehr den Nachweis, dass er auch jenseits der Schubladen des Genres zu den herausragenden „Spannungsautoren“ dieses Landes gehört.

|Gebunden: 280 Seiten
ISBN-13: 978-3898403139|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

_Frank W. Haubold_

_Stefan Melneczuk bei |Buchwum.info|:_
[„Marterpfahl“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4719
[„Absurd“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4785
[„Geisterstunden vor Halloween“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5826

Chesterton, Gilbert Keith – Father Browns Einfalt (Teil 1)

Wer sich mit der Evolution der Detektivgeschichte befasst, kommt an dem Namen G. K. Chesterton kaum vorbei. Zwar war der englische Autor (1874-1936) auch als Essayist, Romancier, Poet und Zeitungsmacher tätig, doch das breite Publikum kennt und schätzt vor allem seine 52 Kurzgeschichten um den Kriminalfälle lösenden Geistlichen Father Brown. Steinbach Sprechende Bücher hat sich nun vorgenommen, diese Kurzgeschichten mit Michael Schwarzmaier als Sprecher auch für krimibegeisterte Hörer erfahrbar zu machen. Der erste Band Kurzgeschichten, „Einfalt“, ist bereits in vier Teilen als Doppel-CD erschienen. Die restlichen Geschichten werden hoffentlich nach und nach folgen.

|“Einfalt 1″| bietet auf zwei CDs die ersten drei Geschichten um Father Brown. Den Auftakt bildet das „Blaue Kreuz“, in dem der Hörer sich zunächst im falschen Film wähnt. Tatsächlich übersieht man den titelgebenden Protagonisten zunächst, die Geschichte wird nämlich aus der Perspektive des französischen Polizeichefs Valentin erzählt. Dieser wird dem Hörer ganz unbescheiden als der größte Kriminologe seiner Zeit vorgestellt – unzählige Fälle hat er schon gelöst und ebenso viele Verbrecher dingfest gemacht. Doch einer ist ihm bisher immer wieder durch die Lappen gegangen: Hercule Flambeau ist ein Meisterdieb, aber auch jemand, der seiner Profession mit Originalität und einem gewissen anachronistischen Charme nachgeht. Und genau dieser Flambeau soll sich in London aufhalten. Valentin ist fest entschlossen, ihn nun endlich in die Finger zu bekommen.

Augen und Ohren des Polizeichefs entgeht nichts und tatsächlich verfolgt er scharfsinnig Spuren, wo andere Zufälle vermuten würden. Denn als er in einem Café feststellt, dass Zucker und Salz vertauscht wurden, führt ihn das (und die eilends herbeigerufene Verstärkung von der Londoner Polizei) tatsächlich auf die Spur Flambeaus. Doch wer hat die Spur ausgelegt? Sicherlich nicht der Verbrecher selbst!

Und hier kommt dann endlich die Titelfigur ins Spiel. Denn es ist kein Geringerer als Father Brown, den Flambeau bestehlen wollte, da der Geistliche ein wertvolles silbernes Kreuz bei sich trug. Doch stellt er sich als viel gewitzter heraus, als der Meisterdieb angenommen hatte …

|“Das blaue Kreuz“| ist eine pfiffige und schlau konstruierte Geschichte. Nicht nur taucht der „Held“ erst ganz am Schluss auf, auch ist er überhaupt nicht so, wie man sich einen Detektiv in der Regel vorstellen würde. Father Brown ist eben das – ein Geistlicher: Kurz und rund, in abgetragener Kleidung und mit unscheinbarem Äußerem. Er gibt sich stets bescheiden, eine Tatsache, die Figuren in seinem Umfeld wiederholt dazu verleitet, ihn entweder vollkommen zu ignorieren oder für naiv und einfältig zu halten. Auch Flambeau macht in „Das blaue Kreuz“ diesen Fehler und wird ihn bitter bereuen. Denn von einem einfachen Priester übers Ohr gehauen worden zu sein, kratzt sicherlich am Ego eines Berufsverbrechers! Derart überrumpelt von Father Browns kriminellen Tricks und Kniffen, entfährt ihm dann auch die verzweifelt ungläubig Frage, wie denn Father Brown all diese Dinge wissen kann. Ganz einfach, meint der Katholik: Wenn man sich tagein, tagaus in der Beichte mit den Niederungen der menschlichen Seele befassen muss, lernt man so einiges. Und man lernt eben auch, wie man einen Dieb so richtig auflaufen lässt!

Auch Valentin zeigt sich beeindruckt, offensichtlich genug, um den Kontakt mit Father Brown aufrecht zu erhalten. Die zweite Geschichte spielt nämlich in Paris, in Valentins Privathaus und auch Father Brown ist anwesend. Gerade noch musste Valentin eine Hinrichtung abnicken und das führt dazu, dass er sich zu seiner eigenen Party verspätet. Zu Hause wartet nämlich eine kleine Gesellschaft auf ihn, um mit ihm zu Abend zu essen, doch das Ereignis wird jäh gestört, als sich im Garten eine enthauptete Leiche findet. Das ist nun ein Problem, denn der Garten liegt hinter dem Haus und ist von Mauern umgeben. Der einzige Zugang führt also durch das Haus, was die Vermutung nahelegt, dass einer der Anwesenden den Mord begangen haben muss. Und überhaupt: Der Ermordete war gar nicht eingeladen. Wie ist also er dort hingelangt? Fragen über Fragen und auch hier wird es Father Brown sein und nicht der hochdekorierte Polizeichef Valentin, der den Fall löst.

|“Der verborgene Garten“| bietet eine interessante Variation des Locked-Room-Puzzle, einem Subgenre der Detektivgeschichte, in dem ein Verbrechen unter unmöglichen Umständen stattfindet, in der Regel eben in einem geschlossenen Raum. Gleichzeitig beschränkt dies die Zahl der Tatverdächtigen – es kommen eben nur jene Personen infrage, die bei Valentin zum Abendessen eingeladen waren. Und tatsächlich hält sich die Abendgesellschaft lange damit auf, verschiedene Personen zu verdächtigen, nur um den Verdacht dann wieder zu verwerfen. Schlussendlich stellt sich – natürlich – heraus, dass die unverdächtigste Person den Mord begangen hat. Dabei ist die Auflösung durchaus elegant und gewitzt, einzig das Motiv des Mörders steht auf reichlich wackligen Füßen.

In der letzten Geschichte, |“Die sonderbaren Schritte“|, droht dann die absurde Komik von Chestertons Gesellschaftskritik gar die eigentliche Kriminalgeschichte zu überlagern. Tatsächlich ist das Verbrechen eher ein Nebenschauplatz – ein geschickt entwendetes Silberbesteck. Viel mehr Aufmerksamkeit schenkt Chesterton seinem Setting und den darin handelnden Personen. Beim Setting handelt es sich um das Vernon Hotel, ein ziemlich exklusiver Laden, der einfach nur deshalb so exklusiv ist, weil das Restaurant derart winzig ist, dass man nie einen Platz bekommt. Und bei den Personen handelt es sich um die Zwölf Wahren Fischer, einen Club von Gentlemen, die jedes Jahr einmal im Vernon Hotel zu speisen pflegen und dabei allerlei skurrile Rituale vollführt. Chesterton nimmt sich viel Zeit für die Beschreibung der Lebensferne dieser gehobenen Stände, denn schlussendlich wird die Enthüllung des Verbrechens darauf fußen, dass für einen echten Blaublüter ein simpler Kellner eben wirklich und wahrhaftig unsichtbar ist. Und so entlarvt Father Brown am Ende nicht nur das Verbrechen um das gestohlene Silberbesteck, sondern eben auch die Abgründe menschlichen Verhaltens mit all seinen Borniertheiten und Vorurteilen. Das ist so amüsant, dass man darüber glatt vergisst, dass es hier um das Aufdecken eines Diebstahls geht.

_Steinbach Sprechende Bücher_ hat sich mit dem Father-Brown-Projekt wirklich eine große Aufgabe aufgeladen, doch schon die erste Doppel-CD verspricht 2,5 Stunden wahrstes Hörvergnügen mit einem unwahrscheinlichen Detektiv und seinem meisterhaften Erfinder. Und wer nach dem Genuss der Doppel-CD immer noch nicht genug hat, für den hält Steinbach Sprechende Bücher eine wirklich gut gemachte Webseite zum Thema Chesterton und Father Brown bereit, die viele Hintergrundinfos zum Beispiel auch zur neuen Übersetzung bietet. Ein Besuch ist auf jeden Fall zu empfehlen!

|2 Audio-CDs
Spieldauer: 157 Minuten
Gelesen von Michael Schwarzmaier
ISBN-13: 978-3-86974-010-2|
[www.sprechendebuecher.de]http://www.sprechendebuecher.de/titel.php?id=632
[www.father-brown.de]http://www.father-brown.de

_Gilbert Keith Chesterton bei |Buchwurm.info|:_
[„Father Brown“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2362
[„Der Mann, der zu viel wusste“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4166
[Pater Brown – Edition 4″ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5813

Thompson, James – Totenwinter

Mit „Totenwinter“ hat James Thompson den Nachfolger zu seinem Debütkrimi [„Eisengel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6059 geschrieben. Auch dieses Mal muss der finnische Inspektor Kari Vaara in einem Fall ermitteln, der alles andere als einfach ist.

Dabei sieht es zuerst so aus, als ob Kari und sein neuer Kollege, der etwas fanatische Polizist Milo, den Täter schon hätten. Die umtriebige Iisa Filippov liegt ermordet im Schlafzimmer ihres Reitlehrers und Liebhabers Rein Saar. Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass Saar der Täter ist. Kari und Milo nehmen ihn in Gewahrsam, sind aber nicht von seiner Schuld überzeugt. Wenig später bekommt Kari einen Anruf des Polizeipräsidenten, der drängt, den Fall abzuschließen und Saar anzuklagen. Doch Kari ist nicht restlos von dessen Schuld überzeugt und der politische Druck, den der Polizeipräsident auf ihn ausübt, gefällt ihm gar nicht.

Gleichzeitig bittet ihn ebenjener Polizeipräsident darum, mit Arvid Lahtinen, einem finnischen Volkshelden, zu sprechen. Es steht der Verdacht im Raum, dass eine Gruppe Finnen, von denen Arvid der Einzige noch lebende ist, am Holocaust im Zweiten Weltkrieg beteiligt war. Nun möchte ihn Deutschland wegen dieses Kriegsverbrechens anklagen – und Kari soll das verhindern, indem er irgendeine Geschichte erfindet, um den 90-jährigen Nationalhelden zu schützen …

_Autor James Thompson_ ist Amerikaner, der seit Langem in Finnland lebt und mit einer Finnin verheiratet. Kari Vaara hingegen ist Finne und mit Kate, einer Amerikanerin, verheiratet. Schon im ersten Buch hat Thompson dieses Aufeinandertreffen der Kulturen genutzt, um Finnland und seine Kultur anschaulich darzustellen. Dieses Mal stehen die finnische Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie die Großstadt Helsinki, in der Kari mittlerweile wohnt, im Vordergrund. Da zusätzlich Kates Geschwister Mary und John zu Besuch sind, weil Kate hochschwanger ist, geht es auch um Unterschiede zwischen Amerika und Finnland. In dieser Hinsicht entpuppt sich der Autor als aufmerksamer Beobachter, der nicht nur das Positive, sondern auch das Negative in Finnland beschreibt, ohne dabei zu werten.

Das ist aber nicht das Einzige, was „Totenwinter“ auszeichnet. Die Handlung überzeugt auf ganzer Linie, bricht sie doch mit dem üblichen Schema von Kriminalromanen. Die zwei Fälle, die Kari bearbeiten muss, haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Am Ende laufen sie trotzdem zusammen. Thompson orientiert sich bei seiner Geschichte nicht an den üblichen Routinen, sondern setzt sie beinahe belletristisch um. Dafür spricht auch, dass das Privatleben von Kari immer wieder thematisiert wird, allerdings sehr unaufdringlich.

Überhaupt ist Kari Vaara eine angenehme Hauptfigur. Er erzählt aus der Ich-Perspektive und obwohl er einige private Probleme hat, überschatten diese nie die eigentliche Geschichte. Er suhlt sich nicht so stark im Selbstmitleid wie man das von anderen skandinavischen Ermittlern kennt. Im Gegenteil wirkt er sehr tatkräftig, wenn auch nicht immer glücklich dabei. Insgesamt ist er aber sehr sympathisch. Das gilt nicht unbedingt für die anderen Figuren. Milo, Karis Kollege beispielsweise, wirkt auf den ersten Seiten wie ein junger und unerfahrener Polizist, entpuppt sich dann aber als ziemlich verrückter Charakter. Auch das Verhältnis zwischen Arvid Lathinen und Kari entwickelt sich interessant.

Geschrieben ist das Buch in einem unaufgeregten Stil, der aber aufgrund der Verwendung des Präsens gewöhnungsbedürftig ist. Thompson setzt viel Wert auf aussagekräftige Dialoge und hält seine Beschreibungen knapp. Trotzdem schafft er es, eine gewisse Grundspannung durch seinen Schreibstil aufzubauen, so dass es schwerfällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen.

_Mit „Totenwinter“ hat_ James Thompson einen tollen Nachfolger zu seinem Erstling geschrieben, der durch eine komplexe Handlung und einen spannenden Blickwinkel auf das finnische Leben besticht.

|Originaltitel: Lucifer’s Tears/Kylmä kuolema
Deutsch von Thomas Merk
343 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3499252822|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

_James Thompson bei |buchwurm.info|:_
[„Eisengel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6059

Freeman Wills Crofts – Das Verbrechen von Guildford

crofts-verbrechen-guildford-cover-heyne-kleinEin Buchprüfer stirbt, und Diamanten im Wert einer halben Million Pfund werden gestohlen: Inspektor French steht vor fünf Verdächtigen mit lückenlosen Alibis, die er dort, wo es darauf ankommt, durch makellose Ermittlungsarbeit erschüttert … – Lupenreinere „Whodunits“ als Freeman W. Crofts konstruierte und schrieb wohl niemand; auch dieser ist als Krimi makellos, zumal der Verfasser auf jegliche Seifenoper-Zusätze ersatzlos verzichtet: ein wunderbar gereifter Klassiker.
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Stevens, Chevy – Never Knowing – Endlose Angst

Als Adoptivkind kommt man mit Sicherheit an den Punkt, an dem nach sich fragt: Woher komme ich? Wer sind meine Eltern? Und vor allem wird man sich mit der Frage beschäftigen: Warum wollten mich meine Eltern nicht? Welche Gründe muss es gegeben haben, dass ich in deren Leben scheinbar keinen Platz finden konnte oder durfte?

Es bleibt offen, ob diese Suche, wenn sie denn erfolgreich ist, eher ein freudiges Ereignis ist oder ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn man den Schritt erst gar nicht gegangen wäre. Die Gefahr einer Ernüchterung ist groß und könnte noch mehr Komplikationen hervorrufen, denen man psychologisch nicht gewachsen ist. Erklären sich manche negative und positive Eigenschaften besser, wenn man quasi selbst nach Jahren einen Teil seiner selbst begegnet?

Für jede Person, einschließlich der Adoptiveltern, bedeutet das große Anspannungen und Probleme, die schnell eskalieren können.

Die kanadische Autorin Chevy Stevens präsentiert mit ihrem zweiten Roman „Never Knowing – Endlose Angst“ einen psychologischen, gut durchdachten und spannenden Thriller.

_Inhalt_

Sara, eine junge Frau, führt ein erfreuliches und relativ sorgloses Leben. Als Säugling wurde Sara adoptiert und wurde von ihrer Adoptivmutter liebevoll in die wachsende Familie integriert. Trotzdem blieb zu ihrem Adoptivvater eine gewisse Distanz, der seinen beiden leiblichen Töchtern Lauren und Melanie mehr Liebe und Fürsorge zeigte. Das Verhältnis zu ihren beiden Geschwistern blieb nicht ohne Spannungen, gerade zu Melanie wurde es im Laufe der Jahre immer schwieriger für Sara, einen Weg des Friedens zu finden. Sara, die sich erfolgreich eine Geschäftsexistenz als Möbelrestauratorin aufgebaut hat und ihre Hochzeit mit Evan plant, könnte es glücklicher nicht sein. Für sie und ihre kleine, aufgeweckte Tochter Ally steht die Welt mit all ihren Hoffnungen und Wünschen offen.

Doch einen langgehegten Wunsch möchte sich die junge Frau doch erfüllen. Die Frage, wer ihre leiblichen Eltern sind und wo sie leben, lässt sie nicht los. Weder ihre Adoptiveltern noch ihr Verlobter zeigen für diesen Wunsch Verständnis, aber gehen einer Diskussion auch aus dem Weg. Sara macht sich ohne das Wissen ihrer Liebsten auf die Suche nach ihren Eltern. Mithilfe eines ehemaligen Polizisten, der als Privatdetektiv tätig ist, findet sie schließlich ihre Mutter.

Diese ist als Professorin an einer Universität tätig und lebt mit einer Frau als Partnerin zusammen. Als Sara diese aufsucht, zeigt sich ihre Mutter ihr gegenüber sehr abweisend und zudem ängstlich. Warum trägt ihre leibliche Mutter einen anderen Namen und weist sie derartig brutal von sich? Die Recherchen des Detektivs offenbaren sich als ein einziger Schrecken für Sara. Ihre Mutter ist die einzige Überlebende eines Killers, der schon seit Jahren mordet. Nach ihrer Vergewaltigung konnte sie den Mörder verletzen und fliehen. Sie trug Sara aus, gab sie zur Adoption frei, änderte ihren Namen und baute sich eine neue Existenz auf. All die Jahre verdrängte sie, was ihr angetan wurde und nun mit dem Auftauchen von Sara wird die Vergangenheit wieder aktiviert und holt alle Beteiligten ein.

Als die Geschichte um Sara und ihre leibliche Mutter öffentlich und im Internet verbreitet wird, ist es bereits zu spät. Nicht nur die Medien interessieren sich für das Schicksal der jungen Frau, auch ihr leiblicher Vater – der Campsite-Killer, wie er auch genannt wird, nimmt Kontakt mit Sara auf …

_Kritik_

„Die Geister, die ich rief“ sind nun gekommen und genau das erleben Sara und ihre Familie. Ihre Motivation, die eigenen Eltern zu finden, ist nachvollziehbar und ebenso die Motivation des Vaters, seine Tochter kennenzulernen, von deren Existenz er jahrelang nichts geahnt hat.

Von dem Schrecken, der Sara und ihre Angehörigen nun verfolgt, erzählt die Autorin raffiniert und absolut realistisch. Immer aus der Perspektive von Sara lässt die Autorin den Leser auf einer Welle der Eskalation treiben, die erst dann brechen kann, wenn Sara ihrem Vater gegenübersteht. Doch bis dahin passiert viel. Die Polizei schaltet sich ein und Sara bekommt zwei Beamte zugewiesen, die sie beschützen und den immer intensiveren Kontakt zwischen Vater und Tochter für ihre Zwecke einsetzen.

Dass dabei Sara an ihre psychologischen Grenzen stößt und das Verhältnis zu ihrem Verlobten Evan zunehmend angespannter wird, kann der Leser ebenso verfolgen, wie der immer fordernde Kontakt zu „John“, ihrem leiblichen Vater.

Saras Charakter zeigt sich hier mit all ihrer Stärke und auch Schwäche. Sie zeigt Verantwortung gegenüber ihrer Tochter, aber auch Verständnis und Interesse für ihren Vater, der immer wieder beteuert, kein Monster zu sein. Sara sucht verzweifelt nach Liebe und Verständnis, verrennt sich aber in den Wunsch jeden und allem gerecht zu werden.

Sara erlebt buchstäblich die Hölle auf Erden. Anfangs überzeugt, den richtigen Weg zu gehen, relativiert sich die Hoffnung der jungen Frau, wenn die Bedrohung immer realistischer wird und ihrer Familie näherkommt.

„Never Knowing – Endlose Angst“ entwickelt ein dauerhaftes Spannungsniveau. Als Leser hofft, und bangt man auf jeder Seite mit der Protagonistin und nicht nur einmal wird man sich fragen: Ist dieser Weg – denn nur der einzig Richtige und wie würde ich mich in diesem Fall verhalten? All das kann man nicht abschließend beantworten, aber was bleibt und überzeugt, ist, dass das Buch ein psychologisch ausgefeilter Thriller ist, der lange in den Köpfen verweilen wird.

Die Frage, ob Sara nun wirklich die Tochter des Campsite-Killers ist und vor allem, warum dieser nach all den Jahren noch immer mordend durch das Land tourt, wird natürlich aufgelöst. Neben den Protagonisten sind die Emotionen, die diese durchleben, eine weitere und sehr tragende Säule. Interessant auch zu sehen, dass der Killer sehr menschlich dargestellt wird, sich aber dabei dann doch die Frage stellt, ob dieser es ernst meint, wenn er sich um seine Tochter und seine Enkelin sorgt.

Dieser Roman überzeugt durch das psychologische und erzählerische Geschick der Autorin und erreicht den Leser nicht über Verfolgungsjagden oder wilde Schusswechsel. Das würde auch dem Gesamtbild überhaupt nicht entsprechen.

Einziges Manko ist eventuell für den einen oder anderen das Ende – der Showdown, der im Grunde den Bogen etwas überspannt. Doch das mindert nicht das Lesevergnügen, die Spannung, die die Autorin so vorbildlich und professionell in Szene zu setzen weiß. Ein weiterer Schwachpunkt und auch damit der Letzte, ist, dass man vom Campsite-Killer nicht wirklich viel erfährt. Auch die Rolle der leiblichen Mutter hätte größer ausfallen können, sie bleibt leider immer ein wenig im Hintergrund.

_Fazit_

„Never Knowing – Endlose Angst“ ist ein Blitzlicht im Genre „Thriller“. Ein brillanter Thriller, der durch psychologische Konflikte und Beziehungen überzeugt und dadurch nicht übertreibt.

Der Roman ist der Zweite der Autorin Chevy Stevens und ein in sich abgeschlossener. Es ist nicht davon auszugehen, dass es hier eine Fortsetzung geben wird. Ein hervorragender Psychothriller der Autorin und absolut empfehlenswert.

_Autorin_

Chevy Stevens ist auf einer Ranch auf Vancouver Island aufgewachsen. Sie arbeitete einige Jahre als Immobilienmaklerin und kam während der einsamen Wartezeiten bei Open-House-Besichtigungen auf die Idee zu ihrem ersten Thriller „Still Missing – Kein Entkommen“. Der Roman wurde sofort zu einem internationalen Bestseller; auch ihr zweiter Thriller „Never Knowing – Endlose Angst“ erscheint weltweit in über 20 Sprachen. Die Autorin lebt mit ihrem Mann auf Vancouver Island vor der kanadischen Westküste.

|Broschiert: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3596192748
Originaltitel: Never Knowing|
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de

_Chevy Stevens bei |Buchwurm.info|:_
[„Still missing – Kein Entkommen“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6927
[„Never knowing – Endlose Angst“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7389

Robert Martin – Die zweite Flasche Whisky

martin-flasche-whisky-geb-1962-cover-kleinWas sich für Privatdetektiv Bennett zunächst als simpler Fall eines betrogenen Galans darstellt, entwickelt sich rasch zu einem Drama um Betrug, Entführung und Mord, in das diverse prominente Filmleute verwickelt werden, die um jeden Preis schmutzige Wäsche zu verbergen suchen … – Dieser drittletzte Fall des Serienhelden Bennett ist noch einmal ein sauber geplotteter, gefällig geschriebener Krimi, der spannend aber ohne (positive oder negative) Auffälligkeiten sein rasantes Finale erreicht: gutes Lesefutter, dargereicht von einem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Verfasser.
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Kernick, Simon – Instinkt

_Britischer Copthriller, der viele Haken schlägt _

Ein brutaler Serienmörder hat in den zwei Jahren in Nord-London nicht weniger als fünf Frauen missbraucht, gefesselt, gefilmt und grausam getötet. Nun wurde der Night Creeper gefasst, allerdings hat er für Opfer Nr. 4 ein bombensicheres Alibi …

Unterdessen ermittelt ein Undercover-Cop gegen eine Verbrecher-Bande, die seinen Bruder umgebracht hat. Deren neuester Auftrag durch einen unbekannten Klienten lautet allerdings: Entführen Sie den Night Creeper! Der Cop sitzt in der Klemme. Aber er muss herausfinden, was der Unbekannte mit dem Serienmörder vorhat …

_Der Autor_

Simon Kernick (* 1966 in Slough, England) ist ein englischer Krimi-Autor.
Mitte der 80er-Jahre machte er sein Abitur und arbeitete dann im Straßenbau, als Barmann, als Erntehelfer und Lagerarbeiter. Mehrere Jahre verbrachte er mit Reisen durch Kanada, Australien und durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach seiner Rückkehr nach England machte er 1991 seinen Abschluss in Geisteswissenschaften an der University of Brighton. Um der anschließenden Arbeitslosigkeit zu entfliehen, nahm er einen Job als Computer-Software-Verkäufer an.

Nebenbei schrieb er zwei Romane, die aber stets auf Ablehnung stießen. Erst 2002 druckte ein Verlag den Roman The Business Of Dying (dt. Tage des Zorns) und bereitete Kernick damit den Beginn seiner Bestseller-Autoren-Laufbahn. Seit 2002 erscheint jährlich ein Roman aus seiner Feder. Besonderen Wert legt Kernick auf den Hinweis, dass er bei echten Polizisten einer Spezialeinheit recherchiert, diese jedoch keine der negativen Eigenschaften seiner Roman-Helden haben.

Simon Kernick lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Oxfordshire. Die deutschen Übersetzungen veröffentlicht der |Heyne|-Verlag, der auch sichtlich Interesse hat, das Original-Design der Cover zu übernehmen.

_Handlung_

Ein brutaler Serienmörder hat in den zwei Jahren in Nord-London nicht weniger als fünf Frauen missbraucht, gefesselt, gefilmt und grausam getötet. Die Sensationspresse nennt ihn den Night Creeper, den nächtlichen Kriecher.

|Sean|

Auf der Suche nach dem Night Creeper und anderen Verbrechern hat Undercover-Cop Sean Egan die übelste Verbrecherband des Landes infiltriert. Doch beim Boss Tyrone Wolfe muss er sich erst beweisen – in dem er sein Leben aufs Spiel setzt. Bevor er dem Gesetz Geltung verschaffen kann, muss er es selbst brechen.

|Tina|

Detective Inspector Tina Boyd hat den Verdächtigen Andrew Kent als Night Creeper identifiziert. Er ist ein Mann, der bei allen fünf Opfern Alarmanlagen installiert hat – was könnte ihn besser dafür qualifizieren. Obwohl sie eine verletzte Hand hat, gelingt es ihr, mit List den Mistkerl zu überwältigen, bevor er dem Zugriff ihrer Kollegen entkommt.

Seine Wohnung enthält die blutige Tatwaffe, einen Hammer, mit der DNS eines der Opfer. Und auf seinem Laptop findet Kollege Grier zwei Videos von den Morden: Er filmte seine Taten selbst, das Schwein! Doch Ninas Boss McLeod, ein besonnener Edinburgher, besteht darauf, den Fall wasserdicht zu machen. Könnten diese Indizien Kent untergeschoben worden sein? Tatsächlich scheint Kent für den Mord an Siobhan O’Neill ein wasserdichtes Alibi zu haben. Tinas Fall beginnt zu wackeln.

|Sean|

Sean Egan soll Waffen für Tyrone Wolfe kaufen. Ein Kollege Wolfes fährt ihn ins East End, wo im Hintergebäude eines schäbigen Restaurants der Deal vonstattengehen soll. Die Waffen sind schon bezahlt, als Seans größter Albtraum wahr wird: einer der Verbrecher, die er hinter Gitter geschickt hat, kommt zur Tür hereinspaziert. Verstecken hilft nichts mehr, als Grimes ihn verpfeift. Die anderen ziehen ihre Messer und Pistolen. Jetzt muss Sean die Nerven behalten …

|Tina|

Tina geht erneut zu Kent, um dem Verdacht nachzugehen, dass Kent mit anderen zusammengearbeitet hat, als sie ihn in seiner Zelle um Luft ringend vorfindet. Sie schickt sofort nach einem Krankenwagen. Der Gefangene erbricht sich mehrmals und berichtet, er habe vergiftetes Wasser getrunken. Tina ist fassungslos.

Natürlich muss der wertvolle Verdächtige sofort ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Doch kaum ist die Ambulanz 50 Meter gefahren, als er auch schon von schwerbewaffneten maskierten Männern gestoppt wird. Tina kommt erst später mit Grier zu der Szene, die so unbegreiflich wirkt, dass sie verwirrt ist. Da erschießt einer der Maskierten einen der Polizeibeamten, die Tina als Begleitschutz abgestellt hat! Der Gefangene wird aus dem Krankenhaus gezerrt und in einen Fluchtwagen gestoßen.

Dann rasen die Entführer los. Tina drückt aufs Gaspedal, um sie nicht entkommen zu lassen. Sie ahnt nicht im entferntesten, dass sich Sean Egan, den sie nur wenige Stunden zuvor im Pub der Cops von Holborn gesprochen hat, unter den Entführern befindet …

_Mein Eindruck_

Es gibt zwei bestimmende Prinzipien in der Gestaltung von Kernicks Polizeithrillern, die er seit 2002 veröffentlicht. Das erste Prinzip, auf das er sehr stolz ist und viel Mühe verwendet, ist die realistische Darstellung von Polizisten in den Sondereinheiten Special Branch, Anti-Terrorist Branch und Serious and Organised Crime Agency (SOCA), also zu Schwerverbrechen, Terrorismus und Organisierter Kriminalität. Er spricht mit den Mitgliedern dieser Spezialeinheiten und zeichnet ihre interne Organisation sowie ihre Vorgehensweise realistisch nach, von der Art der behandelten Verbrechen ganz zu schweigen.

So tauchen auch im vorliegenden Roman alle möglichen Typen von Cops auf: Karrierehengste, vor dem Zusammenbruch stehende Besessene wie Tina Boyd und Sean Egan sowie falsche Fuffziger, die für die falsche Seite arbeiten. Es sind natürlich die Letzteren, die den Besessenen eine böse Überraschung bereiten. Und dann gibt es noch die Erpressten, die aus den falschen Motiven für die Gegenseite arbeiten. So etwa auch der oberste Chef der Polizei, der Innenminister.

Das andere Prinzip ist der Zeitmangel. Wie schon der Titel andeutet, geht es beim Überleben immer um das, was in den letzten zehn Sekunden passiert. Und die können manchmal ganz schön lang werden. So etwa dann, als sich Sean Egan am falschen Ort zur falschen Zeit befindet und den Verräter in seinem Team entdeckt. Niedergeschossen würde er zweifelsohne den Löffel abgeben, wenn nicht auch Tina Boyd einem Hinweis nachgegangen wäre – und ihn in letzter Sekunde gefunden hätte.

Überraschende Wendungen gehören also zum zweiten Prinzip dazu, genau wie zu jedem ordentlich spannenden Thriller. Allerdings agieren hier weder CSI-Spezialisten der Spurensicherung noch irgendwelche Geistesgrößen à la Sherlock Holmes, sondern stinknormale Typen, die nur eben eine gute Polizeiausbildung in die Waagschale werfen können. Was sie aus der Masse heraushebt, ist ihre jeweilige Obsession.

Klasse fand ich beispielsweise, wie Tina den Innenminister zur Schnecke macht bzw. zur Strecke bringt. Leider kann sie ihn nicht als Zeugen nutzen, denn eine Ladung Schrot aus der falschen Richtung verhindert dies. Aber sie hat zumindest sein Geständnis auf Band – und diese brisante Information will natürlich auch die Gegenseite haben. Hier kommt Tinas Nemesis Paul Wise ins Spiel, der offenbar schon in früheren Boyd-Abenteuern eine Rolle gespielt hat.

_Unterm Strich_

In einem atemlosen Stil, der an James Pattersons eigene Werke (nicht die Kooperationen) erinnert und stark auf kurzen Kapiteln mit Cliffhangern aufbaut, weiß die Handlung den Leser durchaus zu fesseln. Wer allerdings wie ich diese Routinemethode durchschaut, der wird sich eher gelangweilt fühlen. Offenbar ist ein solcher Thriller eher für den weniger gebildeten Leser gedacht, der über Erzählstil und andere Feinheiten nicht nachdenkt.

Von einer Aussage kann man im eigentlichen Sinne nicht sprechen, wohl aber von Themen. So ist die Korruption der britischen Politik nach den Schmiergeldaffären der Abgeordneten inzwischen Allgemeinwissen, und der Innenminister bildet da keine Ausnahme. Sean Egans Bruder John, den er rächen will, ist im Irak-Krieg schwer verletzt worden – wer redet heute überhaupt über die Traumata dieser Veteranen?

Und schließlich gibt es offenbar Sicherheitslücken bei den Sicherheitsfirmen: Nur so konnten die Opfer gefilmt und überwacht, ihre Besucher erpresst werden. Dies ist eine Retourkutsche an den britischen Glauben an die Überwachungstechnik wie etwa CCTV. Wer die Überwacher nicht überwacht, wird schnell selbst zum Opfer. Und dass Videokameras keine Unruhen und Plünderungen verhindern, war ja im Sommer überdeutlich zu erleben.

Ich fand den Krimi daher zwar nicht überragend, schon gar nicht im Stil, aber er hat seine spannenden Höhepunkte. Besonders gefielen mir die aberwitzigen Wendungen in der Handlung, etwa was Seans Erleben in jenem einsamen Landhaus angeht, in dem Kent, der Serienmörder, sein gerechtes Ende finden soll. Nur dass es dazu offenbar keineswegs kommen soll …

|Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: The last 10 Seconds (2010)
Aus dem Englischen von Gunter Blank
ISBN-13: 978-3453435445|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Walter, Klaus-Peter – Sherlock Holmes und Old Shatterhand

_Der Meisterdetektiv und der Wilde Westen_

Neue Geschichten um Sherlock Holmes und Dr. John Watson! Dieses „lost cases“ geben Gewissheit, was bislang lediglich Vermutung war: Holmes begegnete nicht nur dem sarkastischen Theaterkritiker und Dramatiker George Bernard Shaw, sondern auch Buffalo Bill und einem gewissen Karl May aus Dresden. Ja, er traf sogar Menschen, die wir bislang nur aus literarischen Phantasien kannten, darunter Professor Henry Higgins und seine bezaubernde Schülern Eliza Doolittle, besser bekannt aus „My Fair Lady“.

_Der Autor_

Klaus-Peter Walter wurde 1955 in Michelstadt, Odenwald, geboren. Er lebt heute in Bitburg, Eifel. Nach dem Studium der Slawistik, Philosophie und osteuropäischen Geschichte wurde er freier Publizist. Aufgrund einer schweren Infektion mit dem Holmes-Virus widmet er sich seit dem Gymnasium der Kriminalliteratur. Er gibt seit 1993 das Loseblatt-„Lexikon der Kriminalliteratur“ LKL heraus. Er schrieb 1995 „Das James-Bond-Buch“ und war Ko-Autor an „Reclams Krimi-Lexikon“. Er veröffentlichte zahlreiche Kriminalkurzgeschichten, so etwa „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ (2005) und „Der Tote vom Sewer“ (BLITZ-Verlag, 2006).

_Die Erzählungen _

_1) Sherlock Holmes und der stumme Klavierspieler (2009)_

Watsons Freund Dr. Bentringham leitet im Jahr 1900 eine psychiatrische Anstalt und bittet ihn um Rat. Einer seiner Patienten weigere sich zu sprechen und will seinen Namen nicht verraten. Watson bietet diesen Fall seinerseits Holmes an, der begeistert ist. Der fragliche Mann, der sich inzwischen als hervorragender Klavierspieler offenbart hat, wurde in einem Rettungsboot auf der Adria treibend geborgen. Da er auf englische Schiffsbefehle reagierte, übergab man ihn der britischen Botschaft, und so landete er in einem englischen Sanatorium.

Nachdem Holmes sämtliche Kleidungsstücke des Patienten genau untersucht hat, lässt er diesen hereinbitten. Interessanterweise tritt auch Sherlocks Bruder Mycroft, der Chef des Geheimdienstes Ihrer Majestät, ein. Der Patient liefert ein erstklassiges Klavierkonzert ab, das die Zuhörer enthusiastisch zurücklässt.

Dann jedoch spielt Holmes auf seiner Geige eine Phantasie, die der Pianist mit Leichtigkeit begleitet. Nach deren Ende sind alle gerührt, und in diesem Überschwang spricht Holmes den Mann ohne Identität auf Albanisch an – und dieser antwortet ebenso! Nun dauert es nicht mehr, bis der Grund für das Schweigen des Albaners Georghe bekannt wird: Blutrache …

|Mein Eindruck|

Watson und Holmes befinden sich hier auf der Höhe ihrer Zeit, denn sie kennen sogar die kurzlebige Zeitschrift „Albania“, die nur zwischen 1897 und 1902 in London erschien. Wie auch immer: Dem von der Blutrache verfolgten George – er weigerte sich, einen völlig unbekannten Menschen umzubringen und sollte dafür als Verräter selbst sterben – kann geholfen werden. Nicht zuletzt mit Hilfe des Geheimdienstes.

_2) Sherlock Holmes und Old Shatterhand (2005)_

Holmes und Watson erkunden ca. 1904 das schöne Rheintal – allerdings per Eisenbahn, was Watson als viel zu schnell empfindet. Sie machen die Bekanntschaft eines Herrn, der sich als Dr. Karl May vorstellt und gerade aus dem wilden Wilden Westen zurückgekommen sein will, wo er als Old Shatterhand bekannt sei. Er ist baff, als der Schaffner den inkognito reisenden Holmes mit dessen richtigem Namen anspricht: Es habe einen Mord gegeben.

Selbstredend findet sich der Meisterdetektiv dazu bereit, zu helfen. Der Erstochene ist ein Rittmeister, und wenn auch seine Brieftasche verschwunden ist, so ist sein Blut doch noch warm. Der Mörder muss noch ganz in der Nähe sein. Eine Dame mit riesigem Hut will ihn gefunden haben. Doch sie verrät ihren Namen nicht, noch enthüllt sie ihr Gesicht.

Da hilft nur ein Trick. Bei einer Versammlung aller Passagiere der Ersten Klasse behauptet Watson, mit seinem nagelneuen Fotoapparat könne er aufnehmen, was das Auge des Toten als Letztes gesehen habe! Die hanebüchene Flunkerei zeigt sofortige Wirkung, und der Mörder ist schnell geschnappt.

|Mein Eindruck|

Diesmal bekommen der ebenfalls kräftig flunkernde „Reiseschriftsteller“ Karl May – er war nie Doktor noch betrat er jemals amerikanischen Boden – sowie ein gewisser „Silvio Perlusconi“ ihr Fett weg. Dass der italienische Regierungschef in die Pfanne gehauen werden darf, lässt tief blicken. Die kleine Story macht wirklich viel Laune.

_3) Sherlock Holmes und die weiße Frau (2011)_

Mrs Ebenezer Thorndyke hat lange Jahre mit ihrem kürzlichen verstorbenen Mann in China verbracht. Nach dessen Tod ist sie auf das Gut Henstiffle Bow Hall gezogen, habe aber ihrem Ziehsohn Roger und dessen chinesischer Frau Lian den Westflügel überlassen. Seit einigen Tagen werde sie von einem Gespenst schier in den Wahnsinn getrieben – von der Weißen Frau.

Holmes glaubt nicht an Gespenster und lässt sich alles ganz genau erklären, ähnlich wie seinerzeit im Fall des Gefleckten Bandes. Als die alte Lady erzählt, sie wolle am nächsten Tag Roger enterben, weil er ein nichtsnutziger Alkoholiker sei, wirkt Holmes alarmiert. Sie dürfe keinesfalls etwas in ihrem Heim trinken oder essen, bis die Sache aufgeklärt sei, weist er sie kategorisch an. Der Grund für seine Besorgnis sind die Todesfälle von Mrs Thorndyke geliebtem Hund und dem ihrer Schwester Ann. Der Hund wies Spuren innerer Blutungen auf.

Zusammen mit der Lady reisen der Meisterdetektiv und sein Freund zum Landgut, wo sie erst den widerlichen Roger, dessen Frau Lian und seine Geliebte Ai, die Zofe der Hausherrin, vorfinden. Roger Throndyke tut das Gespenst wie zu erwarten als Hirngespinst ab, Lian hat es noch nie gesehen, denn sie hält sich stets in ihrer umfangreichen Bibliothek auf. Da sie abgebundene, verstümmelte Füße hat, kommt sie als flinkes Gespenst sowieso nicht in Frage.

Die beiden Herren verlassen den Landsitz wieder, werden vom Butler Jennings sorgsam zum Bahnhof chauffiert und abgefertigt. Offenbar will Roger sichergehen, dass die potentiellen Störenfriede auch wirklich verschwinden. Doch er soll sich getäuscht haben: Sie steigen an der nächsten Station aus und fahren per Kutsche zum Landgut zurück. Da die Zeit wird für die Übeltäter knapp wird, tun sich dort schon bald alarmierende Dinge …

|Mein Eindruck|

Dieser Fall ist schon mehr das, was man seinerzeit von Arthur Conan Doyle gewohnt war: eine Familiengeschichte, die tödlich zu enden droht, noch dazu eine aufregende Geistererscheinung. Alles findet seine vernünftige Erklärung, doch zwei Figuren werden Holmes‘ abschließende Erklärungen nicht mehr erleben.

Von der chinesischen Wasserfolter wusste ich schon lange, und auch dass in China die Hurenhäuser speziell gekennzeichnet sind – in Japan verhält es sich ähnlich – verwundert nicht. Doch zum ersten Mal erfuhr ich hier vom Schwarzen Theater, bei dem sich die Schauspieler ganz in Schwarz kleiden, um vor schwarzem Hintergrund weiße Masken und andere Hilfsmittel effektvoll zum Einsatz bringen zu können. Einen Kopf unterm Arm tragen? Eine Kleinigkeit, wenn man eine Maske benutzt.

Für den Holmes-Kenner ergibt sich hier auch ein Hinweis, wohin der Detektiv nach seinem vorgetäuschten Tod am Schweizer Wasserfall verschwand: nach China, Tibet usw., wo er auch bald seiner Lieblingstätigkeit nachgehen konnte. Davon würde wir zu gerne mal etwas Näheres erfahren!

_4) Sherlock Holmes und die verschwundene Witwe (2006/07)_

Ende April 1889 sind Holmes und Watson anlässlich der Weltausstellung in Paris. Sie sollen einen Schatz vor dem Gestohlenwerden bewahren. Die Zeitungen haben ihre Ankunft gemeldet. So kommt es, dass sich eine 17-Jährige auf Watson stürzt und ihn ihren Onkel nennt. Sie brauche dringend seine bzw. Mr. Holmes Hilfe!

Elizabeth Harmon-Billings logierte mit ihrer Mutter Margaret im Hotel „Londres“, als ihre Mutter von schweren Bauchkrämpfen befallen wurde. Die Hoteldirektion nahm sich des Falls an und telefonierte heftig, doch Beth verstand nur den Namen Tielrard oder so ähnlich. Man schickte sie zu einem Arzt, doch als sie fünf Stunden später mit der Arznei zurückkehrte, waren ihre Mutter weg und fremde Gäste in ihr Zimmer eingezogen – dessen Einrichtung komplett ersetzt worden war! Was soll man davon nur halten?!

Watson ist von diesem Fall verblüfft, doch Holmes begierig, mehr zu erfahren. Bei „Tielrard“ könnte es sich um Pierre Tirard handeln, und der ist kein anderer als der Premierminister und Leiter der Weltausstellung. In Verkleidung wird Holmes auch hinsichtlich der verschwundenen Einrichtung fündig: Sie wurde im Heizungskeller fast vollständig verbrannt – bis auf ein paar verräterische Überbleibsel.

Als Watson und Holmes in ihre Zimmer zurückkehren, ist auch Beth verschwunden, und die Beweismittel ebenfalls. Was steckt dahinter?

|Mein Eindruck|

Dieser mysteriöse Fall beweist Holmes, dass wirtschaftliche Interessen auch mit ganz handfesten politischen verknüpft sein können – ganz besonders dann, wenn der Premierminister, wie Tirard, auch gleichzeitig der Leiter der Weltausstellung ist. Und wenn Hunderttausende nach Paris pilgern, käme doch eine Epidemie, wie Mrs. Harmon-Billings sie aus Indien eingeschleppt hatte, doch im ungünstigsten Augenblick!

Holmes und Watson sehen sich formlos von Deuxieme Bureau, vermutlich einer Staatspolizei jener Zeit, nach England expediert. Dort hat Mycroft gute Lust, ihnen die Leviten zu lesen. Aber wenigstens ist auch Beth wohlbehalten eingetroffen, bemerkt Watson erleichtert.

_5) Sherlock Holmes und Buffalo Bill (2011)_

Im Jahr 1891 feiert Queen Victoria ihr Goldenes Thronjubiläum. Aus diesem Anlass finden entsprechende Feierlichkeiten statt, und auch Buffalo Bill hat sich mit seiner Wild West Show auf den Weg nach London begeben, um in der Earls Court Arena eine Vorführung von der Queen und dem europäischen Hochadel zu geben.

Doch was führt den Westmann in die Baker Street 221B? An der Seite von Inspektor Lestrade und einem Ko-Direktor der Show bittet William F. Cody, so sein bürgerlicher Name, Holmes um Hilfe bei der Aufklärung eines Mordes: Brannagan, ein Pinkerton-Detektiv, wurde tot aufgefunden, zertrampelt von Codys wertvollstem Bison, dem riesigen Goliath. Jetzt will Scotland Yard seine Show dichtmachen!

Holmes entspricht der Bitte natürlich, aber er schickt zuerst Watson vor, um Beweise zu sammeln und den Tatort in Augenschein zu nehmen. Er selbst will Brannagan ersetzen und als Geiger in der Band der Show mitspielen. Auf diese Weise hofft er, entscheidende Hinweise auf den Mörder zu erhalten. Und das ist auch in der Tat so.

Dr. Watson lernt am Tatort, dem abgesperrten Stall des Goliath-Bullen, die Kunstschützin Annie Oakley kennen. Sie übergibt ihm ein Stück Holz, das sie vor dem Stall auf den Boden gefunden hat. Als Australier erkennt Watson sofort, um was es sich handelt. Er kann dem Drang nicht widerstehen, das Schwirrholz auszuprobieren. Doch leider versetzt der dabei entstehende Ton den Büffel in Raserei, was Cody seinerseits in Wut versetzt. Bei Watson und Lestrade fällt der Groschen: So konnte der Täter also den Bullen leicht dazu bringen, den vielleicht schon betäubten Brannagan totzutrampeln.

Doch leider bleibt es nicht bei einem Toten, und Sherlock Holmes wird um Haaresbreite fast das dritte Opfer …

|Mein Eindruck|

Die Details über die Wild-West-Show des Buffalo Bill sind korrekt wiedergegeben, auch wenn der Autor seinem Erzähler Watson fortwährend widerspricht – quasi augenzwinkernd. Die Stimmung in dem großen Zirkuszelt der Show hingegen ist stimmig eingefangen, und es gibt sogar einen filmreifen Moment, der direkt aus John Fords Western „Stagecoach“ (1939) stammen könnte, wie der Autor in der Fußnote anmerkt.

Natürlich steht die Ermittlung und das Stellen des Täters im Mittelpunkt der Handlung. Aber im Grunde transportiert sie bloß die großartige, bunte Welt der Wildwestshow. Als Arzt kommt hier Dr. Watson zum Einsatz, und er hat es nicht bloß mit Cowboys und Indianern zu tun, sondern auch mit anderen „Raureitern“, nämlich Kosaken und Magyaren. Mit denn Auftritten von Annie Oakley kommt auch das romantische Moment zu seinem Recht. Und es gibt sogar einen erstaunlichen Wechsel des Geschlechts in der Truppe. Der Leser kommt also voll auf seine Kosten.

_6) Sherlock Holmes und das indische Kraut (2005)_

Holmes hat den Fall der Gattenmörderin O’Shaughnessy gelöst. Die in Indien lebende Frau hat zwei Arten von Kräutern verwendet. Mit dem „indischen Kraut“, einer Wahrheitsdroge, erfuhr sie von der Liebschaft ihres Mannes mit einer Einheimischen namens Shmi. Und mit der zweiten Droge, deren Namen Holmes nicht zu kennen behauptet (was wir stark bezweifeln), beförderte sie den Untreuen ins Jenseits. Als Inspektor Lestrade sie festnehmen wollte, nahm sie es selbst und verschied binnen Minuten.

Watson hat sich etwas vom Indischen Kraut mitgenommen und probiert dessen Wirkung an seinem Freund aus. Tatsächlich gesteht dieser zu Watsons Befriedigung, in seiner Jugend ein Mädchen namens Deborah geliebt zu haben. Doch sein Zwillingsbruder, Moriarty Holmes, behandelte sie aufs Schändlichste, woraufhin er, Sherlock, die größte Mühe gehabt habe, seine Unschuld zu beweisen. Watson ist von den Socken: Der „Napoleon des Verbrechens“ – Sherlock Holmes‘ Zwilling? Unfassbar!

Da zwinkert ihn sein Freund verschwörerisch an: Alles nur geflunkert. Denn er hat inzwischen das Indische Kraut, das Watson ins Kaminfeuer geworfen zu haben glaubt, gegen harmlose Ahornblätter ausgetauscht. Was sein Freund vorhatte, das verrieten ihm die Krümel auf dessen Kleidung …

|Mein Eindruck|

Bekanntlich wissen wir reichlich wenig über Holmes‘ Jugend, um nicht zu sagen, gar nichts. Und über seine Beziehung zu Prof. Moriarty, der mit ihm die Reichenbachfälle hinabstürzte, geben lediglich Conan Doyles dürre Worte Auskunft. Höchste Zeit, mehr Licht in diese Lebensbereiche des Meisterdetektivs zu bringen. Auch mit Drogenhilfe!

_7) Sherlock Holmes und der Fall der Fair Lady (2011)_

In der Innenstadt von London werden Holmes und Watson nach einem Konzert von Edgar Elgar von dem Sprachkundler Henry Higgins angesprochen. Was für aufgeblasener Popanz, denkt sich Watson, und doch: wie bemitleidenswert. Denn der auf seine Kunst so stolze Higgins hat seine beste Schülerin, Eliza Doolittle, erst gekränkt und jetzt offenbar an jemand anderen verloren. Nun steht er da wie ein liebeskranker Junggeselle.

Dass die Sache einen ernsteren Hintergrund haben könnte, deutet der Besuch von Higgins‘ Mutter an. Sie engagiert Holmes, um Eliza, die spurlos verschwunden ist, zu suchen. Es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Das ehemalige Blumenmädchen stammt zwar aus dem Bodensatz der Gesellschaft, konnte aber nach Higgins‘ sechsmonatiger Sprachausbildung sogar als Gräfin auftreten. Und seitdem sie fort ist, ist Henry eben nicht mehr der Alte.

Na schön, meint Holmes, und zusammen mit Watson begibt er sich in das grauenerregendste Viertel Londons: Lisson Grove mitten im East End. Hier lebt Elizas Vater, ein Müllkutscher, im Souterrain, unter der Fuchtel seiner ebenso trunksüchtigen Frau. Aber was heißt schon „lebt“? Umgeben von Wanzen ächzt und stönt der Alte im Bett. Eine flüchtige Untersuchung Watson liefert erschreckende Diagnose: ansteckende Hirnhautentzündung. Der Mann liegt in den letzten Zügen! Und Eliza könnte er angesteckt haben …

Higgins hatte Eliza in die besseren und besten kreise eingeführt, wo sie Adlige und dergleichen kennenlernte. Der junge Freddy Eynsford-Hill hat sich in sie verliebt. Nun wird er blass, als Holmes andeutet, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat. Er bittet ihn inständig, sie zu finden. Und er kann ihm sogar einen wertvollen Hinweis auf einen merkwürdigen Mann geben, zu dem sie sich vielleicht geflüchtet hat.

Da bekommt Higgins ein Erpresserschreiben, das er Holmes übergibt. Für das Leben Elizas werden hundert Pfund Sterling verlangt. Nur 100 Pfund für ein Menschenleben? Die Sache erscheint dem Detektiv und seinem Freund zunehmend merkwürdiger. Höchste Zeit, die Baker Street Irregulars einzusetzen. Und da ist er auch schon, der Neuzugang Charles Spence Chaplin. Es dauert nicht lange, bis Holmes genau weiß, dass Eliza Doolittle ein seltsames Spiel treibt …

|Mein Eindruck|

Mit 70 Seiten ist diese Erzählung ebenso lang wie die um Buffalo Bill. Und ebenso wie dort bemüht sich der Autor, durch Anhäufung von bekannten historischen Details, den Eindruck von Realismus zu erwecken. Da ist Edgar Elgar mit seinen brandneuen „Enigma-Variationen“, da taucht George Bernard Shaw persönlich auf und last but not least ein gewisser Henry Higgins mitsamt Fair Lady.

Damit sind alle Hauptfiguren beisammen, um einen Zirkelschluss zu ermöglichen, der die Geschichte perfekt rechtfertigt. Denn erst aus Higgins‘ Schicksal formt Shaw sein Schauspiel „Pygmalion“, welches wiederum die Vorlage zu dem verfilmten Musical „My Fair Lady“ liefert. Und somit hätten wir anhand dieser Novelle das Pre-Prequel zum Musical.

Der ironische Ton, der durch die Scheinexistenzen Higgins und Elizas Mentor Karpathy gerechtfertigt wird, zieht sich als Grundton einer Komödie durchs ganze Stück. Und „Stück“ muss man die Story nennen, wenn dem Autor die Gäule durchgehen: Holmes und Watson treten als kasachische Orientalen auf, stoßen den Borat-Gruß „Jakschémasch!“ aus (offenbar polnisch für „Wie geht es dir?“) und rufen voller Erstaunen „Bunga, Bunga!“ Ein Fall für Professor Perlusconi offenbar. In einer Fußnote erklärt der Autor alias Watson, dieser Bunga!-Ausruf habe der Bloomsbury-Kreis um Virginia Woolf bei einem Streich ausgestoßen, den sie der Royal Navy spielten. Wers glaubt, wird selig.

Auch der Auftritt eines gewissen Charles Spence Chaplin gehört mit zum pseudorealistischen Spiel des Autors mit seinem Leser. Allerdings ist richtig: a) Charlie Chaplin stammte aus England, b) spielte am Gaukler-Theater (daher sein geschickter Auftritt vor Holmes), c) musste sich mit allen möglichen Jobs über Wasser und d) wanderte schließlich nach Hollywood aus.

Abseits dieser Spielereien ist die Handlung allerdings recht dürftig und schwächer als der Plot zur Buffalo-Bill-Geschichte. Dass Holmes die Verkleidung Elizas als augenkranke ungarische Cousine von Karpathy nicht sofort durchschauen, erscheint mir doch recht zweifelhaft. Der Leser wird sie jedoch sofort verdächtigen. Elizas Charakter trägt ebenfalls zur Komödie bei, nämlich indem sie berlinert und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Man kann sich die Szene auf der Rennbahn von Ascot gut vorstellen, wenn sie einen „ollen Kleppa“ mit Worten anfeuert, die der versammelten High Sociaty die Ohren klingen lassen!

Wo Shaw aus der Higgins-Vorlage eine Klassenkampf-Komödie machte, drechselt der Autor eine Sprach- und Theatercharade, die zwischen Krimi und Farce oszilliert. Das ist zwar stellenweise durchaus amüsant, aber eben auch nur stellenweise, so etwa in den erwähnten Szenen. Der Spagat zwischen den beiden Genres verursachte bei mir jedenfalls Unbehagen.

_8) Sherlock Holmes und der diebische Weihnachtsmann (2007/08)_

Man schreibt das Jahr 1899, und seufzend bemerkt Watson, dass das schöne 19. Jahrhundert sich seinem Ende zuneigt. Die neue Zeit kündigt sich allenthalben mit diesen schrecklich gefährlichen und stinkenden Motorwagen – natürlich mal wieder eine deutsche Erfindung! – an, die in diesem Fall eine Hauptrolle spielen.

Inspektor Lestrade beringt einen jüdischen Diamantenhändler namens Lobkowicz mit, der aus dem polnischen Gdansk stammt. Dieser gibt an, in seinem Laden von einem verkleideten Father Christmas ausgeraubt worden zu sein, mit vorgehaltenem Revolver. Er stopfte die Diamanten in einen großen Sack und eilte von dannen, nicht ohne sich mit einem Gruß auf Polnisch zu verabschieden.

Offenbar fuhr er in einem Motorwagen weg, denn nicht einmal ein Polizist, der ihn auf einem Velociped (einem Fahrrad) verfolgte, konnte ihn einholen. Aber das Wappen auf dem Wagen war eindeutig das von Lord Wulfingham, einem Mitglied des Oberhauses.

Dieser Hinweis und die bekannte Marke des Wagens, ein seltener Lanchester, führen Holmes auf die Spur des diebischen Weihnachtsmannes. Wie Holmes zu sagen pflegt: „Das Spiel hat begonnen!“

|Mein Eindruck|

Die Gesetze der Physik spielen eine elementare Rolle in diesem Fall, in dem es um einen versteckten Sack voller Juwelen geht. So fragt sich Watson an einer Stelle, was ein Netz voller Schwimmkugeln und ein Stapel Salzbriketts in einer Autowerkstatt zu suchen haben. Holmes kann es ihm in seinem Schlussplädoyer gegen den Verbrecher genau erklären – nachdem er Watsons Goldfisch mit Salzwasser gemeuchelt hat.

Deutsche, Polen und englische Adlige spielen ebenfalls eine Rolle, noch mehr aber die Höllenmaschinen der Motorwagen. Von diesen muss Watson, der sie verabscheut, auf Bitten seines Freundes, selbst einen fahren! Diese Erfahrung treibt ihn schier zur Verzweiflung. Doch was tut man nicht alles, um dem Bösen immer und überall das Handwerk zu legen? An Silvester 1899 schmauchen deshalb Holmes und Watson einträchtig eine Pfeife zum Ausgleich. Bis die Glocken das neue Jahrhundert einläuten. Was mag es der Welt wohl Gutes bringen?

_Schwächen im Text_

Der eklatanteste Fehler gleich vorneweg: Auf Seite 183 behauptet der Autor in einer Fußnote, die Figur „Lord Peter Wimsey“ stamme von Agatha Christie. Frechheit! Denn es weiß doch jeder Krimikenner, dass sie von Dorothy L. Sayers erfunden wurde.

Des weiteren störten mich kleine Unsauberkeiten. So wird der bekannte Pferderennenort Ascot ständig „Ascott“ geschrieben. Und einen „Daily Herold“, wie er zweimal auftaucht, kann es in England gar nicht geben, weil der deutsche Begriff „Herold“ dort „herald“ geschrieben wird. Dass auf Seite 233 „das“ statt „dass“ steht, fällt demgegenüber schon gar nicht mehr ins Gewicht.

_Unterm Strich_

Die zwei Novellen und sechs Kurzgeschichten sind von recht unterschiedlicher Qualität. Manche sind superkurz und haben praktisch keine Handlung („Das indische Kraut“), andere wieder stellen schon fast einen ausgewachsenen Kurzroman dar („Buffalo Bill“). Die einen bemühen sich um richtige Dramatik, die anderen wiederum sollen offensichtlich der Erheiterung dienen, so etwa „Fair Lady“.

Immerhin hat sich der Autor bemüht, nicht nur verstreute Storys zu Holmes zu sammeln, sondern hat für diese Ausgabe drei neue Erzählungen verfasst, darunter 140 Seiten in Form der zwei Novellen. Hätte er noch etwas sorgfältig an seinen Texten gefeilt, wäre die Freude ungetrübt gewesen. Der Preis hingegen ist in Ordnung.

Für den Holmes-Kenner und -Sammler sind alle Beiträge durchweg von hohem Interesse: Der Meisterdetektiv bleibt ungetastet und wird nicht etwa als Schürzenjäger oder Steuerhinterzieher, ja, noch nicht mal als koksender Junkie verunglimpft. Recht so! Am Holmes-Denkmal darf nicht gerüttelt werden. Denn dies würde zweifellos das Ende des viktorianischen Abendlandes bedeuten.

|Hardcover: 277 Seiten
ISBN-13: 978-3898403207|
[www.blitz-verlag.de]http://www.blitz-verlag.de

Rezensionen zu 30 weiteren |Sherlock Holmes|-Abenteuern findet ihr in unserer [Datenbank]http://buchwurm.info/book .

Fleischhauer, Wolfram – Torso

Wolfram Fleischhauer dürfte zurzeit einer der vielseitigsten deutschen Autoren sein. Immer wieder erobern seine Bücher die Bestsellerlisten – egal, aus welchem Genre sie denn stammen. Seit mich sein Roman „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ nachhaltig tief beeindruckt hat, wage ich immer wieder einen neuen Versuch und führe mir all seine Neuerscheinungen zu Gemüte. Mit „Torso“ hat er nun das Thrillerparkett betreten – dieser Spannungsroman spielt in Berlin und lässt seinen Lesern schnell einen Schauer über den Rücken laufen …

_Halb Mensch, halb Tier_

In einem leer stehenden Berliner Hochhaus macht die Polizei einen grausigen Fund – einen Torso bestehend aus halb Frau, halb Tier erschüttert selbst den erfahrenen Hauptkommissar Martin Zollanger. Der erste grausige Fund ist noch nicht verdaut, da taucht schon der nächste Torso auf – wieder eine makabre Kombination aus Mensch und Tier. Beide Torsi wirken wie einem schrecklichen Gemälde entsprungen – will der Täter damit eine Botschaft loswerden?

Zur gleichen Zeit versucht die junge Elin, Zollanger zu erreichen. Sie glaubt nicht an den Selbstmord ihres Bruders und will erreichen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Konsequent verfolgt sie die Spuren ihres Bruders, gräbt in seinen Arbeitsunterlagen und deckt dabei – ohne es zu merken – einen Skandal unfassbarer Tragweite auf. Bevor sie es sich versieht, wird sie zur Zielscheibe mächtiger Personen, die rücksichtslos ihre eigenen finsteren Machenschaften vertuschen möchten.

Auch ein dritter Torso führt die Polizei nicht auf eine heiße Spur. Doch Hauptkommissar Zollanger, ein ehemaliger Volkspolizist der DDR, benimmt sich immer merkwürdiger und immer auffälliger. Was hat er zu verbergen? Und wieso weicht er Elin aus? Fleischhauer wirft Fragen über Fragen auf, die einen wohl in Bann ziehen sollen.

_Etwas Neues wagen_

Wolfram Fleischhauer ist dafür bekannt, dass er nicht auf ein Genre festgelegt ist, genau das macht seine Bücher immer wieder überraschend, weil man nie genau weiß, was einen erwartet. Auch „Torso“ ist auf dem Buchdeckel ganz zurückhaltend als Roman bezeichnet, obwohl der Klappentext das Buch ganz klar als Thriller ankündigt. Doch auch wenn die Berliner Polizei drei schrecklich angerichtete Torsi findet, ist das Buch doch kein klassischer Thriller. Stattdessen versucht Fleischhauer, seinem Buch wieder die besondere Note zu geben. „Torso“ handelt von einem Finanzskandal, wie er kaum vorstellbar ist, wie er aber doch auch gut zu der desaströsen finanziellen Situation der deutschen Hauptstadt passt. Diese Grundidee ist nicht per se schlecht, doch leider konnte mich Fleischhauers Umsetzung in keinster Weise überzeugen:

Zunächst beginnt „Torso“ wie ein klassischer Spannungsroman, nämlich mit einem Leichenfund bzw. dem Fund von Leichenteilen. Dann macht Fleischhauer einen zweiten Handlungsstrang auf, der uns die Geschichte von Elin erzählt, die herausfinden will, was mit ihrem Bruder geschehen ist. Üblicherweise steigern verschiedene, parallel verlaufende Handlungsstränge ja die Spannung, wenn der Autor es schafft, an der richtigen Stelle die Szenerie zu wechseln. Doch dieses Mal bremsen die vielen Nebenschauplätze die Spannung völlig aus. Zu viel erzählt Fleischhauer drum herum, berichtet davon, dass Elin sich weigert, Bargeld zu nutzen und dass sie immer nur mit dem Fahrrad fährt und dass sie mal auf der Straße gelebt hat. Er erzählt von ihrem Bruder, was er beruflich gemacht hat, welche Freundin er zuletzt gehabt hat und und und. Kurz darauf stellt er uns eine weitere Hauptfigur vor, nämlich den Finanzmann Zieten, der ziemlich düstere Machenschaften am Laufen hat. In aller Ausführlichkeit präsentiert er uns den Karrieremann und seine Frau und lässt schließlich Zietens Tochter Inga entführen. Diese findet sich dann in einem Versteck wieder, wo ein als Mönch verkleideter Mann sie gefangen hält, der ihr aber wiederum auch erlaubt, ihr Zimmer zu verlassen. Fleischhauer berichtet lang und breit, was Inga beruflich macht und dass sie doch glatt denkt, dass diese Entführung Teil eines Vorstellungsgespräches als Test ihrer Reaktion sein könnte, bla, bla, bla. All dieses Drumherum mit Inga hat rein gar nichts mit dem eigentlichen Fall zu tun, diese Entführung verläuft komplett im Sande und man hat irgendwann das Gefühl, dass Fleischhauer selbst nicht mehr wusste, wozu er diese Entführung überhaupt eingebaut hat. Immer häufiger lässt Fleischhauer dann anklingen, dass Zollanger in der DDR als Volkspolizist gearbeitet hat und mit der Wende nicht klarkommt. Er macht Andeutungen über Zollangers physischen und psychischen Gesundheitszustand. Und plötzlich findet der Hauptkommissar selbst sich im Zentrum der Ermittlungen wieder.

Ich konnte diesen Ausführungen irgendwann gar nicht mehr folgen. Zu konfus zieht Fleischhauer seine Geschichte auf. Er erklärt uns recht schnell, was Zieten zu verbergen hat, wodurch auch schnell klar wird, aus welchen Gründen Elins Bruder sterben musste. Aber immer denkt man als Leser, da müsse jetzt „noch etwas Besonderes“ kommen, ein Knalleffekt, mit dem man nicht gerechnet hat, das große Aha-Erlebnis. Aber im Grunde genommen hat Fleischhauer nicht mehr zu erzählen, als er auf der Hälfte seines Buches schon verraten hat … Zwar wagt er am Ende noch mal den tiefen Griff in die Trickkiste, indem er einen eigentlich doch schon Toten wieder „auferstehen“ lässt, aber das nimmt man eigentlich nur noch mit einem müden Lächeln zur Kenntnis.

_Zerstückelt_

Ebenso zerstückelt, wie die Berliner Polizei die Leichenteile vorfindet, empfand ich das vorliegende Buch. Obwohl „Torso“ zunächst wie ein klassischer Thriller beginnt, dreht sich die Geschichte schließlich doch schnell um einen dicken Finanzskandal. Den wiederum deckt Fleischhauer aber so schnell auf, dass seiner Erzählung komplett die Luft ausgeht. Zudem schmückt er seine Erzählung mit allzu vielen Nebensächlichkeiten aus, die die Geschichte rein gar nicht voranbringen und damit auch oft wenig zu tun haben. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl, dass der Autor sich zwischenzeitlich selbst gar nicht mehr sicher war, was er eigentlich mit seinem Buch bezwecken will und in welche Richtung es sich entwickeln soll. Weder ist das Buch spannend, noch kann es mit interessanten Charakteren aufwarten. Schade, aber „Torso“ ist leider ein echter Fehlgriff, das kann Fleischhauer definitiv besser!

|Hardcover: 432 Seiten
Mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN-13: 978-3-426-19853-7|
[www.droemer.de]http://www.droemer.de

_Wolfram Fleischhauer bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Buch, in dem die Welt verschwand“ 265
[„Das Buch, in dem die Welt verschwand“ (Hörbuch) 2047
[„Die Verschwörung der Engel“ 2612
[„Schule der Lügen“ 3449
[„Der gestohlene Abend“ (Hörbuch) 5415

Ronald A. Knox – Der Mord am Viadukt

Auf einem Golfplatz wird die Leiche eines Mannes gefunden. Vier weltfremde Amateurdetektive versuchen sich an der Klärung des ‚Falls‘. Die Ermittlungen gestalten sich schwieriger als gedacht, bis der überraschende Hintergrund der Tat aufklärt ist … – Ein klassischer Kriminalroman mit mutwillig verwirrtem, liebevoll verspieltem Plot, kauzigen Figuren und viel Ironie; sogar die obligatorische Landkarte vom Tatort fehlt nicht und lädt den Leser zum Miträtseln ein, bis er (oder sie) vom Verfasser mit einer gänzlich unerwarteten Auflösung aufs Kreuz gelegt wird.
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Knox, Ronald A. – Tote im Silo, Der

_Das geschieht:_

Walter und Myrtle Halliford laden gern und oft Gäste auf ihr Landgut Lastbury Hall in der westenglischen Grafschaft Herefordshire ein. Auch Miles Bredon, Detektiv einer prominenten Versicherungsgesellschaft, steht dieses Mal auf ihrer Liste, obwohl er das Paar weder gut kennt noch schätzt. Doch Gattin Angela freut sich auf einige Ferientage außer Haus, sodass Bredon sich in sein Schicksal fügt.

Die Gesellschaft auf Lastburg Hall ist so fad, wie er befürchtet hatte. Walter Halliford schwärmt allzu ausgiebig von seinen Erfolgen als Landwirt, Gattin Myrtle ist neurotisch. Adrian Tollard, ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller mit skandalumwitterter Vergangenheit, mimt den Salon-Sozialisten, Phyllis Morel lebt nur für schnelle Autos, John Carberry, ein gescheiterter Minenbesitzer, ist ein grober Klotz, die Arnolds sind langweilig. Interessant ist nur Cecil Worsley, der in prominenter aber nicht näher definierter Stellung für den britischen Geheimdienst arbeitet. Ausgerechnet ihn finden Landarbeiter im Inneren des mächtigen Silos, der hoch über Lastbury Hall aufragt: Worsley ist an den von den gärenden Futterpflanzen aufsteigenden Gasen erstickt.

Wieso stieg er ausgerechnet in den Silo? Oder wurde nachgeholfen? Die Leiche weist keine Spuren von Gewaltanwendung auf. Wurde Worsley in eine Falle gelockt? Ist dies ein Anschlag regierungsfeindlicher Kräfte? Der beunruhigte Geheimdienst bittet Bredon, der bereits vor Ort ist, um Hilfe. Gattin Angela wird ihn wie üblich dabei unterstützen. Scotland Yard schickt Inspektor Leyland, einen alten Freund der Bredons, der im Hintergrund ebenfalls Nachforschungen anstellen soll.

Die drei Ermittler stehen vor einem Rätsel. Alibis sind falsch, Indizien verschwinden und tauchen subtil manipuliert wieder auf. Die Situation klärt sich erst, als Bredon erkennt, dass sich hinter dem einen ein gänzlich anderes Verbrechen verbirgt …

|“Die Landarbeiter lungerten untätig herum und erzählten sich in lautem Gälisch gruslige Geschichten von ähnlichen Unglücksfällen“|

Das von der Außenwelt isolierte Landhaus, dessen Bewohner gleichzeitig die Schar potenzieller Opfer und Täter ausmachen, war – um es gutmütig auszudrücken – schon 1933 kein außergewöhnlicher Schauplatz mehr. Ronald A. Knox verdeutlicht im dritten „Miles Bredon“-Kriminalroman, dass es einerseits nur eines interessanten Details bedarf, um ein neues Element in die Handlung zu bringen, die andererseits ganz klassisch durch einen scheinbar unlösbaren Fall mit verwirrenden, einander widersprechenden Indizien die übliche Spannung erfährt.

In diesem Fall ist der Tatort ausgerechnet ein Silo, also ein Behälter aus Stahl, in dem Grünfutter eingelagert wird, das sich durch langsame Eigengärung konserviert und einen Geschmack entwickelt, der dem Vieh, das im Winter damit versorgt wird, offenbar zusagt. Was prosaisch wirkt, ragt immerhin raketengleich und mehr als haushoch in die englische Landschaft, und sein Inneres ist – falls schlecht gelüftet – von tödlichem Gas erfüllt, was einen Futtertank zur ungewöhnlichen, schwer zu handhabenden aber zuverlässigen Mordwaffe aufwertet.

Da wir es hier mit einem Roman von Ronald Knox zu tun haben, sollte sich der Leser jedoch noch weniger auf den Schein der Dinge verlassen als sonst im Krimi-Genre. Zudem gibt sich der Verfasser keineswegs mit der Lösung des Rätsels zufrieden, wie ein ausgewachsener Mann in besagten Silo gelockt oder gehievt werden konnte. Auf dem Gelände des Gutes Lastbury Hall verteilt der Verfasser seltsame Indizien – einen Papierhut, einen Zigarrenstummel -, die wenig später nicht einfach verschwinden, sondern sich verwandeln. Ein Thermometer wird manipuliert, eine Mistgabel wechselt geisterhaft ihren Platz.

|“Selbstmord ist ein schwieriger Fall. Man hat keine persönlichen Erfahrungen“|

Der Tod ist im klassischen Kriminalroman keine Tragödie, sondern notwendiger Auslöser für ein Geschehen, das der Auflösung eines Rätsels gewidmet ist. Der arme Worsley bietet auf seinem Totenlager daher einen tragischen aber keinen schrecklichen Anblick. Wichtiger sind der geöffnete Kragenknopf seines Hemdes und die Pfeife des Gastgebers, die neben der Leiche entdeckt wird. Sie veranschaulichen die grundsätzlich limitierten Erklärungen für Worsleys Ende: Unfall – Selbstmord – Mord.

Der Leser geht natürlich von Mord aus, was Knox verpflichtet, die beiden Alternativen umso deutlicher als Möglichkeiten herauszustellen. Bevor der Verfasser sich im letzten Drittel entscheidet, hat er Klärungsgleichstand geschaffen. Der Leser ist wie geplant unsicher geworden und umso gespannter, wie Knox das Dunkel lichten wird.

Wer die beiden ersten Fälle von Miles Bredon kennt, wird nicht nur damit rechnen, sondern auch erwarten, mit einer gänzlich unerwarteten Auflösung konfrontiert zu werden. Wer hätte indes gedacht, dass sich Knox dieses Mal selbst übertreffen wird? Ein genialer Mord muss nicht perfekt sein: Was zum Treibriemen des Rätselkrimis geworden ist, wird hier völlig logisch auf die Spitze getrieben.

|“Und es war klar, dass in einem Haus, wo man Cocktails trank und das Frühstück im Bett einnahm, schmutzige Intrigen gespielt wurden.“|

Eine weitere Binsenweisheit, die den Erfolg eines „Whodunit“ ausmacht, ist die erfolgreiche Verschleierung des Täters. Er (oder sie) wird in der Regel in einer ganzen Gruppe Tatverdächtiger versteckt. Dies ist nicht nur effizient, sondern ergibt sich auch aus der Handlung.

Knox hält sich an das bewährte Schema. Allerdings charakterisiert er die Gesellschaft in Lastbury Hall ungleich schärfer als früher. Zwischen „Fußspuren an der Schleuse“ und „Der Tote im Silo“ liegen fünf reale Jahre, in denen ein rauer Wind durch Europa zu wehen begonnen hatte. In Deutschland standen die Nazis noch in den Startlöchern. Knox richtete seinen besorgten Blick deshalb weiter nach Osten. In der Sowjetunion hatte der stalinistische Terror begonnen, der den ohnehin konservativen Knox in seiner Meinung bestärkte, dass sozialistische Umtriebe, wie es sie auch in England gab, scharf beobachtet, verurteilt und beendet gehörten. Entsprechende Passagen bilden wenige aber schrille Misstöne in einem ansonsten vergnüglich realitätsfernen Kriminalroman.

Auffällig ist zweitens eine Dualität der Gesellschaft, die sich laut Knox in sachlich-konzentrierte, werteorientierte ‚vernünftige‘ Vertreter der älteren Generationen und eine schnell abgelenkte, richtungslose, auf simple Außenreize dressierte Jugend differenziert. Diese Wertung ging den ersten beiden „Bredon“-Krimis ab – und genau dies gewährleistet ihnen eine Zeitlosigkeit, die „Der Tote im Silo“ in dieser Ausschließlichkeit nicht für sich beanspruchen kann.

|“Eine vernünftige Frau fährt ihren Mann in einem Sack verpackt durchs Land“|

Glücklicherweise lässt Knox den Ernst nicht die Oberhand gewinnen. Schließlich ist sein Roman „Ironica gewidmet“, einer Muse, die zumindest in der antiken Mythologie nicht existiert. Besonders in der Beschreibung des einfachen Landvolks schwingt sich Knox in unerhörte Höhen knochentrockenen, nie verletzenden Humors auf (die der Übersetzer mit gebührender Sorgfalt und lobenswertem Geschick ins Deutsche rettet).

Erneut ordnet Knox – in diesem Punkt alles andere als konservativ – die weiblichen Figuren nicht einem ’schwachen Geschlecht‘ zu. Wie üblich ermittelt Angela Bredon im Team mit ihrem Gatten und Inspektor Leyland. Phyllis Morel betreibt eine Werkstatt und ist eine versierte Rennfahrerin, die auf den väterlichen Rat eines Richters, es auf der Straße doch etwas langsamer angehen zu lassen, mit offener Verachtung reagiert.

Miles Bredon selbst ist in seinem dritten Abenteuer als Figur ausgereift. Er hadert mit einem Schicksal, das ihn zu einer Arbeit als „Spion“ verurteilt, ist penibel bis zum Exzess, wenn er einen Tatort untersucht, und seine Auflösung erfolgt zuverlässig, kurz nachdem er zur Klärung seines Hirns eine Patience gelegt hat. Knox zeigt Bredon primär bei der Detektivarbeit – eine kluge Entscheidung bzw. eine von vielen klugen Entscheidungen, die eine Jagd nach diesem hierzulande längst vergriffenen aber antiquarisch recht gut greifbaren, großartigen Werk zum lohnenden Projekt machen.

Anmerkung: Die Kapitelüberschriften wurden dem Buchtext entnommen.

_Autor_

Ronald Arbuthnott Knox wurde als vierter Sohn des späteren Bischofs von Manchester und seiner Gattin Ellen Penelope French 1888 in Knibworth, Leicestershire, geboren. Schon im Jahre 1900 sehen wir den jungen Ronald in Eton. Er wurde Mitherausgeber des College-Magazins „The Outsider“ und schrieb noch als Schüler sein erstes Buch: „Signa Severa“ (1906), eine Sammlung englischer, griechischer und lateinischer Verse. Mit dem akademischen Grad eines Baccalaureus Artium in klassischer Literatur und Philosophie verließ er 1910 Balliol College, Oxford, und wurde Lehrer am Trinity College. 1911 wurde Knox zum Diakon der Anglikanischen Kirche geweiht, ein Jahr später zum Priester. Während des I. Weltkriegs lehrte Knox an der Shrewsbury School und arbeitete für den militärischen Geheimdienst.

Zum Schrecken seines Vaters konvertierte Knox 1917 zum Katholizismus. Er wurde 1918 katholischer Priester und ging 1919 ans St. Edmund’s College, Hertfordshire. Von 1926 bis 1939 war er Kaplan an der Oxford University. Dann zog er nach Shropshire, um mit dem Werk seines Lebens zu beginnen: Knox übersetzte im Auftrag der Bischöfe von England und Wales die lateinische Bibel neu ins Englische. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte ihn bis 1955.

Der Krimi-Freund Ronald Knox tat sich erstmals 1912 durch einen quasi-seriösen, satirischen Artikel mit dem Titel „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ hervor, der von der Prämisse ausgeht, der Meisterdetektiv sei eine reale Figur der Zeitgeschichte. Knox‘ Artikel wurde positiv aufgenommen; einer der amüsierten Leser war Arthur Conan Doyle selbst. Später trat Knox dem „Detection Club“ bei.

Seit 1925 schrieb er selbst Romane. Sein Erstling war „The Viaduct Murder“ (1925, dt. „Der Tote am Viadukt“). 1927 gab Versicherungsermittler Miles Bredon in „The Three Taps“ (dt. „Die drei Gashähne“) sein Debüt .Nur sechs Romane umfasst Knox‘ kriminalistisches Werk. (Es heißt, Knox habe seine Krimis zwischen der Acht-Uhr-Messe und dem Lunch verfasst.) Angeblich habe sein Bischof ihm ans Herz gelegt, sich auf theologische Themen zu beschränken. Wahrscheinlicher ist, dass Knox spätestens seit den 1930er Jahren keine Zeit mehr für seine Kriminalschriftstellerei aufbringen konnte.

Neben der Ausübung seiner Ämter beschäftigte Knox sich mit grundsätzlichen theoretischen Fragen des Glaubens. Er galt als eine der wichtigsten katholischen Stimmen in England und verfasste viele theologische Bücher und Schriften zu diversen Themen, die von einer eher konservativen Haltung zeugen. Im Alter zog Knox nach Mells, Somerset, wo er am 24. August 1957 starb.

|Taschenbuch: 176 Seiten
Originaltitel: The Body in the Silo (London : Hodder & Stoughton 1933)
Übersetzung: Lorenz Häflinger
[keine ISBN]|
[www.kirjasto.sci.fi/knox.htm]http://www.kirjasto.sci.fi/knox.htm
[www.ronaldknoxsociety.com]http://www.ronaldknoxsociety.com
[www.herder.de]http://www.herder.de

_Ronald A. Knox bei |Buchwurm.info|:_
[„Die drei Gashähne“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7309
[„Fußspuren an der Schleuse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7407

Boothby, Guy Newell – Der Palazzo des Doctor Nikola

_Die |Doctor Nikola|-Reihe:_

(1895) [„Die Rache des Doctor Nikola“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6319 (|“A Bid for Fortune, or: Dr. Nikola’s Vendetta“| / |“Enter Dr. Nikola!“|)
(1896) [„Die Expedition des Doctor Nikola“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6746 (|“Dr. Nikola“|)
(1898) |“The Lust of Hate“|
(1899) [„Das Experiment des Doctor Nikola“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7041 (|“Dr. Nikola’s Experiment“|)
(1901) „Der Palazzo des Doctor Nikola“ (|“Farewell, Nikola“|)

_Das geschieht:_

Da Gattin Phyllis derzeit ein wenig kränkelt, ist Sir Richard Hatteras mit ihr auf Europareise gegangen. Begleitet werden sie von der jungen Gertrude Trevor, die auf diese Weise als noch unverheiratete Frau endlich einmal aus ihrem Elternhaus herauskommt. Seit einiger Zeit hält man sich in Venedig auf; Phyllis geht es deutlich besser. Ausgerechnet auf dem Markusplatz läuft der Gruppe Dr. Nikola über den Weg. Er hatte vor fünf Jahren Phyllis entführt und Richard bedroht, weil er sie unbedingt um den Besitz eines antiken chinesischen Holzstäbchens bringen wollte, das er für seine mysteriösen Forschungen benötigte.

Man schließt Frieden. Richard, Phyllis und Gertrude lassen sich in den düsteren Palazzo Revecce einladen. Dort residiert Nikola und ist wie üblich in unzähligen Ränken verstrickt. Mit dabei ist der Herzog von Glenbarth, ein inzwischen eingetroffener Freund der Hatteras. Nikola zeigt seinen Gästen unbekannte und bizarre Winkel von Venedig, man unterhält sich großartig. Richard wird sogar ins Vertrauen gezogen; Nikola erzählt ihm von seiner Kindheit und Jugend und von seinem grausamen Stiefbruder.

Inzwischen hat sich der Herzog heftig in Miss Trevor verliebt, die ihn jedoch zappeln lässt. Ein Freund von Richard Hatteras meldet brieflich die Ankunft eines Bekannten, um den man sich in Venedig bitte kümmern solle. Don José de Martines ist leider ein Widerling, in dem der eifersüchtige Glenbarth außerdem einen Nebenbuhler sieht. Als sogar ein Duell droht, greift Nikola rettend ein – und Hatteras erkennt, dass er abermals manipuliert wurde: Er sollte Nikola ‚zufällig‘ mit dem misstrauischen Don José in Kontakt bringen, damit eine diabolische Rache ihren Lauf nehmen kann …

_Alte Spinne im neuen Netz_

1901 läutet der Glockenturm der San-Marco-Kirche von Venedig das Requiem für Doctor Nikola ein; auch in dieser düsteren Phase seines Lebens hätte ihn eine unwürdigere Untermalung sicherlich beleidigt. In Venedig ist er nach einer Kette aufregender Abenteuer, von denen wir Leser ansatzweise in drei Büchern erfahren haben, würdig und stimmungsvoll untergekommen: Er hat einen Palazzo gemietet, der nicht nur romantisch verfallen ist, sondern angeblich von der Geistern zweier Liebender heimgesucht wird, die hier vor Jahrhunderten ein grausiges Ende fanden; eine Geschichte, die uns Boothby selbstverständlich nicht vorenthält.

„Verfall“ und „Degeneration“ sind zwei Begriffe, die Venedigs Besuchern schon um 1900 keineswegs fremd waren. Die ganz große Zeit war seit 1797 mit dem Ende der Republik vorüber, und mit dem Schwinden von Macht und vor allem Reichtum begannen die Schwierigkeiten einer Stadt, die man einst stolz aber unklug in einem Gewirr aus kleinen Inseln direkt im Wasser errichtete. Der Zahn der Zeit nagt besonders kräftig dort, wo es feucht ist. Venedigs Prunk der Vergangenheit begann sich bald sichtlich aufzulösen; der Anblick erzeugte eine Atmosphäre der Melancholie und der Vergänglichkeit, für die Künstler und Literaten besonders empfänglich waren.

Über viele Jahre war außerdem ein Labyrinth von Kanälen, Brücken, Stegen, Durchgängen und Gässchen entstanden, die sich – um 1900 des Nachts unbeleuchtet – als Kulisse für wilde Verfolgungsjagden förmlich anboten. Flucht ist schwierig, wenn die ‚Straßen‘ aus Wasser bestehen, und erfordert deshalb Erfindungsreichtum, der auch in der Beschreibung spannend ist.

|Traurigkeit und Täuschung|

Insofern ist Nikola ist Venedig sehr gut aufgehoben. Geschickt nutzt Boothby jene Mischung aus Weltschmerz und Lethargie, die Venedig ausstrahlt, um seine Leser über die wahren Absichten seines Erzschurken zu täuschen. Auch Richard Hattaras, dem wir nach „Die Rache des Doctor Nikola“ abermals begegnen, lässt sich abermals hereinlegen und für Nikolas manipulativen Meisterstreich rekrutieren.

Wobei dessen Niedergeschlagenheit nicht einmal gespielt ist, weshalb seine unfreiwilligen Helfer erst recht keine Chance haben, ihm auf die Schliche zu kommen. Nikola hat einen Scheideweg seines Lebens erreicht. Die Jagd nach dem ewigen Leben, auf der wir ihn drei Romanlängen begleiteten, nahm in „Das Experiment des Doctor Nikola“ ein schlimmes Ende. Zudem konnte Nikola, der unabhängig davon viel geheimes Wissen aufgetan hatte, der Versuchung nicht widerstehen, in die eigene Zukunft zu blicken. Was er dort sah, drückt er seinen Zuhörern (und uns Lesern) gegenüber gewohnt kryptisch aus, aber die Zeit läuft auf jeden Fall ab für ihn.

Nur eine – persönliche – Angelegenheit gilt es noch zu regeln. In „Der Palazzo …“ zeigt sich Nikola so ‚menschlich‘ wie nie zuvor. Er müsste Hattaras die Geschichte seiner bejammernswerten Jugend nicht erzählen; sein Plan würde trotzdem oder sogar besser aufgehen, da Nikola in seiner Schilderung so deutlich mit dem Zaunpfahl winkt, dass sogar der nicht als Blitzmerker eingeführte Hatteras die Verbindung zwischen dem bösen Halbbruder und dem bösen Don José begreift. (Nein, dies ist kein Spoiler; falls Boothby daraus ein Geheimnis machen wollte, hätte er sich die Mühe machen sollen, entsprechende Hinweise wenigstens ansatzweise zu verwischen.)

|Genug ist genug|

1901 hatte Boothby erkannt, dass er in vier Büchern aus seiner Figur alles herausgeholt hatte. Nikola begann sich in seinen Schachzügen zu wiederholen. Noch schlimmer: Er drohte seine geheimnisvolle Aura zu verlieren. Schon dass Nikola das Geheimnis seiner Herkunft lüftet, ist kontraproduktiv, da diese Geschichte zwar tragisch aber auch abgedroschen ist. Immerhin begreift man angesichts dieser Biografie Nikolas pathologischen Rachedrang besser. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird unbarmherzig zur Verantwortung gezogen, was in dieser blinden Wut gar nicht zum Bild des beherrschten Wissenschaftlers und kriminellen Meisterhirns passen will.

Bei nüchterner Betrachtung bietet „Der Palazzo …“ grundsätzlich keine originelle Unterhaltung. Nachdem er in den Bänden 2 und 3 deutlich agiler war, bleibt Nikola wieder nur eine größere Nebenrolle. Hin und wieder bringt er durch einen Zaubertrick seinen Status als Magier der Wissenschaft in Erinnerung. Viel zu viele Seiten vergehen dagegen über retardierenden Liebesgeplänkeln, die zum eigentlichen Geschehen nichts betragen. Boothby brachte seine mit flinker Feder geschriebenen Werke gern mit allerlei Füllseln auf Länge. Schon in den ersten drei „Nikola“-Bänden drehte sich die Handlung mehr als einmal im Kreis, bis dem Verfasser einfiel, wie es weitergehen könnte.

Wenn man Boothby abermals als Leser gern folgt, liegt es daran, dass er zwar kein guter Schriftsteller aber ein Erzähltalent ist, was durch eine vorzügliche, zwischen angemessen altertümlicher und moderner Sprache souverän das Gleichgewicht haltende Übersetzung abermals bewahrt wird. Boothbys Ton ist leicht, und er verfügt über einen Sinn für Humor, der ihm deutlich besser steht als sein Hang zu einer (zeitgenössischen) Theatralik, die sich überlebt hat. Das Finale ertrinkt förmlich in Edelmut. (Es belegt aber auch die Umsicht eines Verfassers, der seine Figur nicht umbringt, sondern quasi auf Eis legt: Wäre Boothby nicht so früh gestorben, hätte er womöglich Nikola aus seinem tibetischen Exil zurückgeholt.)

|Leb wohl, Doctor Nikola – auf baldige Rückkehr!|

Guy Newell Boothby findet auch mehr als einem Jahrhundert nach seinem Tod ein Publikum; eine erstaunliche Tatsache, die dadurch belegt wird, dass sämtliche vier Nikola-Bände nunmehr in Deutschland erschienen sind – die beiden Letzten sogar zum ersten Mal. Dafür ist nicht nur Boothbys schlichtes aber schwer zu widerstehendem Erzählhandwerk verantwortlich, sondern auch eine sorgfältige (und durchhaltefreudige) Redaktion.

Die alten Geschichten werden dem Publikum des 21. Jahrhunderts lesbar übersetzt und schön gestaltet als (trotzdem kostengünstige) Paperbacks mit Klappenbroschur präsentiert. Dazu gibt es ‚Bonustrack‘, zusätzliche Storys und Hintergrundinformationen. Dieses Mal wird der Roman durch einen Nachruf auf Boothby aus dem Jahre 1905 eingeleitet. Dem Finale folgt eine lupenreine Geistergeschichte („Das verwunschene Goldfeld“), die so nostalgisch-spannend geraten ist, dass man gern mehr Boothby-Storys lesen würde.

Doch erst einmal geht es – ein weiterer Hinweis auf das Potenzial der Figur – mit brandneuen „Nikola“-Abenteuern weiter. Übersetzer Michael Böhnhardt schreibt den ersten Band einer Fortsetzungsreihe, die exklusiv in Deutschland entsteht. 111 Jahre liegen zwischen Nikolas Abgang und seiner Wiederkehr; dies dürfte ein Rekord sein. Die „Nikola“-Fans dürfen gespannt sein – und wir sind es auch!

_Autor_

Am 13. Oktober 1867 wurde Guy Newell Boothby im australischen Glen Osmond, einer Vorstadt von Adelaide, geboren. Die Boothbys gehörten zur Oberschicht, Guys Vater saß im Parlament von Südaustralien. Der Sohn besuchte von 1874 bis 1883 die Schule im englischen Salisbury, dem Geburtsort seiner Mutter.

Nach Australien zurückgekehrt, versuchte sich Boothby als Theaterautor. Sein Geld verdiente er allerdings als Sekretär des Bürgermeisters von Adelaide. Beide Tätigkeiten wurden nicht von Erfolg gekrönt. Boothbys Lehr- und Wanderjahre führten ihn 1891/92 kreuz und quer durch Australien sowie den südasiatischen Inselraum. Sein 1894 veröffentlichter Reisebericht wurde zum Start einer außergewöhnlichen Schriftstellerkarriere.

1895 siedelte Boothby nach England um, heiratete und gründete eine Familie. Er schrieb nun Romane, wobei er sämtliche Genres der Unterhaltungsliteratur bediente und lieferte, was ein möglichst breites Publikum wünschte. Boothby war ein findiger und fleißiger Autor, der überaus ökonomisch arbeitete, indem er seine Worte nicht niederschrieb, sondern in einen Phonographen diktierte und die so besprochenen Wachswalzen von einer Sekretärin in Reinschrift bringen ließ. Jährlich konnten auf diese Weise durchschnittlich fünf Titel erscheinen. Boothbys Einkünfte ermöglichten ihm den Kauf eines Herrenhauses an der Südküste Englands, in dem er mit seiner Familie lebte, bis er am 26. Februar 1905 im Alter von nur 37 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

|Paperback mit Klappenbroschur: 192 Seiten
Originaltitel: Farewell, Nikola (London : Ward, Lock & Co. 1901)
Übersetzung: Michael Böhnhardt
Cover: Ernst Wurdack
ISBN-13: 978-3-938065-74-7|
[doctornikola.blogspot.com]http://doctornikola.blogspot.com
[www.wurdackverlag.de]http://www.wurdackverlag.de

_Guy N. Boothby bei |Buchwurm.info|:_
[„Pharos der Ägypter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=297

Waite, Urban – Schreckensbleich

Urban Waite wollte eigentlich Ingenieur werden, hat sich dann aber doch fürs Schreiben entschieden. Dass das kein schlechter Entschluss war, kann man in seinem Debüt „Schreckensbleich“ nachlesen.

_Phil Hunt züchtet_ zusammen mit seiner Frau Nora Pferde in der Nähe von Seattle. Um ein wenig zusätzliches Geld zu verdienen, schmuggelt er außerdem Drogen. Eines Tages wird er dabei von Bobby Drake, einem ambitionierten Jungsheriff, beobachtet. Der setzt Hunts Partner fest und erwischt auch den Pferdezüchter beinahe.

Hunts Auftraggeber gefällt es gar nicht, dass Hunt den Deal vermasselt hat. Nachdem sein Partner im Gefängnis ermordet wird, weiß Hunt, dass man es auch auf ihn abgesehen hat. Tatsächlich heftet sich Grady, der psychopathische Killer, auf seine Fersen – doch er ist nicht der Einzige. Auch Drake lässt der Fall keine Ruhe. Doch er kommt jedes Mal einen Schritt zu spät. Sowohl Hunt als auch Grady, der die Kontrolle über sich verliert und seinen Weg mit Leichen pflastert, sind ihm immer voraus. Aber dann vergreift sich Grady an der falschen Person …

_Urban Waite hat_ einen beachtlichen Debütroman geschrieben, der vor allem durch seinen Schreibstil gefällt. Waite zeichnet mit wenigen, aber sehr treffenden Worten das karge (Innen-)Leben dreier Männer nach, die sich gegenseitig jagen. Die nüchterne Atmosphäre, die der Autor dabei schafft, passt sehr gut zur Geschichte. Gelegentliche rhetorische Spielereien lockern den Roman auf und geben ihm ein eigenes Gesicht.

Die Handlung selbst klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas langweilig. Immerhin handelt es sich nicht um eine typische Krimistory, bei der ein unbekannter Mörder gesucht wird. Alle handelnden Personen sind bekannt, im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wann sie ihre jeweiligen Ziele erreichen. Diese Jagd schildert Waite spannend und authentisch. Durch geschickte Wendungen baut er immer wieder Spannung auf, die drei Haupterzählperspektiven von Hunt, Drake und Grady sorgen dafür, dass man keinen Moment der Geschichte verpasst.

Die drei Figuren, die im Mittelpunkt stehen, sind sauber ausgearbeitet und sind authentisch. Gerade Drake und Hunt wirken, wie man sich Leute, die in einer ländlichen Gegend aufwachsen, vorstellt: wortkarge Einzelkämpfer, die lieber alles selbst machen als sich helfen zu lassen. Gradys Charakter ist naturgemäß etwas anders. Nicht umsonst wird er im Klappentext als psychopathischer Auftragskiller vorgestellt. Bei dem Versuch, sein Innenleben darzustellen, schlägt Waite sich, im Vergleich, ganz gut. Grady hat zwar diese typischen wahnsinnigen Züge, es bleibt aber in einem annehmbaren Rahmen. Trotzdem enttäuscht der Killer. Im Vergleich mit den anderen beiden Protagonisten und den sorgfältig gezeichneten Nebenfiguren wirkt er doch etwas beliebig.

_Alles in allem_ ist Urban Waite mit seinem ersten Roman jedoch ein tolles Buch gelungen – dank angenehm nüchternem, dabei aber trotzdem lebendigem Schreibstil und der tollen Figuren. Dass noch nicht alles stimmig ist, darf man bei einem Debütroman ruhig nachsehen.

|Taschenbuch, 360 Seiten
Originaltitel: The Terror of Living
Deutsch von Marie-Luise Bezzenberger
ISBN-13: 978-3426507766|
[www.knaur.de]http://www.knaur.de

Knox, Ronald A. – Fußspuren an der Schleuse

_Das geschieht:_

Die Vettern Charles und Nigel Burtell sind Vettern, Nichtsnutze und Verschwender. Außerdem hassen sie einander bis aufs Blut. Trotzdem unternehmen ausgerechnet sie eine gemeinsame Paddelboot-Tour auf dem Oberlauf der Themse: Eine herrische aber reiche Erbtante liegt im Sterben und will die Vettern unbedingt versöhnt sehen, da sie ansonsten eine Testamentsänderung erwägt.

Das Geld käme Derek, der nicht nur hoch verschuldet, sondern auch ein Säufer und rauschgiftsüchtig ist, sehr recht. Dabei winkt ihm sogar eine zweite Erbschaft: In einem Monat wird er 25, und ihm werden aus dem Erbe seines Großvaters 50.000 Pfund ausbezahlt. Freilich hat er mit seiner Gesundheit so übel Schindluder getrieben, dass er seinen Geburtstag womöglich nicht mehr erleben wird. Das Geld fiele dann an Nigel.

Der Ausflug endet tragisch. Nigel, der angeblich kurz aber dringend in Oxford zu tun hatte, findet nach seiner Rückkehr an die Themse das Boot leer im Wasser treibend. Derek ist verschwunden, seine Leiche wird trotz eifriger Suche nicht gefunden. Dies ruft die „Unbeschreibliche“ auf den Plan – jene Firma, bei der Derek hoch versichert war und die bei Selbstmord oder einem Verbrechen nicht auszahlen müsste. Firmendetektiv Miles Bredon reist mit Gattin und Assistentin Angela an den Ort der möglichen Übeltat. Dort trifft das Paar auf ihren Freund Inspektor Leyland, der im Auftrag von Scotland Yard ebenfalls Ermittlungen anstellt. Weil sich dies schon früher bewährt hat, beschließt man eine Zusammenarbeit.

Die Untersuchung ist vertrackt. Zwar fördern Leyland und die Bredons interessante Indizien zu Tage. Statt sich zu einem Fallbild fügen zu lassen, widersprechen sie jedoch einander. Ist Nigel ein Mörder? Ist Derek überhaupt tot? Gibt es einen bisher unbekannten Dritten in diesem Spiel? Kann man den Indizien überhaupt trauen? Die Wahrheit kommt ans Licht, und sie stellt in der Tat eine Überraschung dar …

_Flussfahrt mit möglicher Mordtat_

Die Gegenüberstellung von Idylle und Mord ist eine Spezialität des klassischen englischen Kriminalromans. Oft bildet ausgerechnet das Mordopfer den einzigen Flecken in dem bunten, unbeschwerten Bild, das der Verfasser von Land und Leuten zeichnet. Wie man genau dies höchst unterhaltsam auf die Spitze treibt, demonstriert Ronald A. Knox im zweiten Band seiner Serie um den Versicherungsdetektiv Miles Bredon.

Knox wählt als Schauplatz seines literarischen Verbrechens mutig |die| englische Idylle: „Fußspuren an der Schleuse“ spielt im Sommermonat Juli am Oberlauf der Themse unweit der Universitätsstadt Oxford. Der Fluss ist hier kein mächtiger Strom, sondern fließt und schlängelt sich langsam durch eine zauberhafte – von Knox geradezu hymnisch beschriebene – Parklandschaft, die damals wie heute von Boot und Rad fahrenden, schwimmenden, wandernden und sonnenbadenden Ausflüglern und Touristen bevölkert wird.

Wer sich ein Bild vom bunten Themse-Treiben in vergangenen Zeiten machen möchte, lese „Drei Männer im Boot“, den ewigen Klassiker von Jerome K. Jerome (1858-1927), der 1889 humorvoll eine ereignis- bwz. zwischenfallreiche Flussfahrt schilderte. Jerome setzte Maßstäbe, Knox bezieht sich ausdrücklich auf ihn. Er muss sich vor dem großen Vorbild nicht verstecken.

|Einladung an den grübelfreudigen Leser|

Als eigenes Element bringt Knox ein Mordrätsel in die Handlung ein. Wie schon in „Die drei Gashähne“, dem ersten Roman mit und um Miles Bredon, verwandelt er die Landschaft in eine Bühne, auf der jedes Einrichtungsstück sorgfältig platziert wird. Eigentlich müsste Knox dem Roman eine Karte einfügen, denn sein Szenario ist sehr verzwickt. Sollte der Leser den Ehrgeiz aufbringen, gemeinsam mit Bredon und Leyland zu ermitteln, muss er sich mächtig konzentrieren, um sich in der komplexen Tatort-Geografie zurechtzufinden.

Herausgefordert ist er, denn Knox ist ein entschlossener Verfechter des „fair play“ im Kriminalroman: Faule Tricks sind nicht gestattet. Auch die verschlungensten Indizien-Fährten laufen schließlich in einem logischen Ablauf zusammen. Allerdings steht Knox ebenfalls auf dem Standpunkt, es seinem Publikum nicht allzu einfach machen zu dürfen, was er in einem bemerkenswerten Einschub so erklärt:

|“Die Muse des Kriminalromans – die es heute zweifellos geben muss – befindet sich ihren Schwestern gegenüber im Nachteil. Sie darf nicht ungeschminkt drauflos erzählen. Wenn sie es täte, gäbe es kein Geheimnis, keine Situation, keine Lösung. Die Allwissenheit des Verfassers und die Allgegenwart des Lesers, die Hand in Hand gehen, würden die Spur verwischen. Kein Knäuel würde unentwirrt bleiben, kein Indiz verlorengehen. Wir müssen deshalb von Zeit zu Zeit den Faden der langweiligen zeitlichen Erzählung unterbrechen und die Dinge nicht so sehen, wie sie an sich sind, sondern wie sie den unmittelbar Beteiligten erscheinen.“| (S. 28)

|Wieder einmal das ‚unmögliche‘ Verbrechen|

Was wie schon erwähnt für Verwirrung sorgen kann. Zwar bietet „Fußspuren an der Schleuse“ ein Feuerwerk humorvoller bis ironischer Anmerkungen. Als Kriminalroman stellt die Handlung dennoch Ansprüche. Knox beginnt mit verwirrenden Indizien, die er im Laufe des Geschehens zwar bereits einpasst, während er sie unbekümmert um weitere Rätsel vermehrt. Der weniger hartnäckige Leser wird vermutlich bald die Waffen strecken bzw. sich fragen, wie oder ob es Knox gelingen wird, sich aus der Sackgasse zu befreien, in die er sich augenscheinlich manövriert hat.

Aber der Autor hält die Fäden jederzeit fest in der Hand. Er kann es sich deshalb erlauben, seine Ermittler immer neue und schlüssige Theorien entwickeln zu lassen, um sie anschließend umgehend zu verwerfen. Knox behält immer ein As in der Hinterhand. Lässt man nachträglich das kriminelle Geschehen vor dem geistigen Auge ablaufen, bewundert man die Geschmeidigkeit, mit der sich ihr komplizierter Mechanismus abspult.

Der „looked room“ des klassischen Rätselkrimis wird dabei effektvoll durch den Fluss Themse ersetzt. Wasser hat keine Balken; eine physikalische Eigenschaft, die Knox bestimmte Kniffe ermöglicht, die das von ihm geplante Verbrechen ermöglichen, während er gleichzeitig hoffen kann, dass der Leser diese Tatsache erst einmal vergisst und sich hinters Licht führen lässt.

|Kriminalistik ist Teamwork|

Mit Erfolg greift Knox auf das zentrale Figurenpersonal des Vorgänger-Romans zurück. Elegant führt er Bredon in die Handlung ein, dem er ganz selbstverständlich Ehefrau Angela folgen lässt. Erneut ist diese nicht Anhängsel, das in Vertretung des Lesers die dummen Fragen stellt und mit offenem Mund die Genialität des Gatten bestaunt, sondern gleichberechtigte Mitarbeiterin, die problemfrei unabhängig ermittelt, um sich anschließend mit dem Ehemann auszutauschen.

Erneut stößt Inspektor Leyland zu dem Paar. Er repräsentiert die ‚offizielle‘ Seite des Gesetzes. Verstößt ihn dies im klassischen Krimi oft in die Rolle des tumben Befehlsempfängers und ulkigen Trottels, der dem Detektiv hinterher trottelt, bleibt Leyland bei Knox ebenfalls Partner.

Damit endet der Realitätsbezug, denn der Autor bevölkert seine Sommeridylle ansonsten mit pittoresken Gestalten, wie sie in dieser Archetypisierung wohl nur im „Whodunit“ der „Goldenen Ära“ vor dem II. Weltkrieg vorkommen (und erträglich sind). Figuren wie der geistig schlichte Schleusenwärter Burgess sind witzig, während Bredons „unmöglicher“ Onkel Robert und seine verkalkten akademischen Genossen ironisch überzeichnete Oxford-Dons sind, wie Knox – der als Studentenpfarrer ebendort amtierte – sie sehr genau kannte.

|Finaler Twist mit kolossalem Sprung|

Schon in „Die drei Gashähne“ gelang es Knox, seine Leser nicht nur mit einer originellen Auflösung zufriedenzustellen, sondern regelrecht zu überraschen. Auch dieses Mal kommt alles anders als gedacht. Die übliche finale Runde aller Verdächtigen kommt nicht zusammen. Unverhofft bricht die Handlung ab. Ein Brief fügt die letzten Steinchen in das Puzzle ein. Was wie eine schlechte Idee klingt, funktioniert erstaunlich gut.

Dies gilt abermals für die deutsche Fassung, auch wenn sie sich nicht ganz mit der Eleganz der „Gashahn“-Übersetzung messen kann. Knox‘ geschliffener Stil regt offensichtlich auch den Übersetzer an. Fünf Jahrzehnte später fallen diverse längst in Vergessenheit geratene Wendungen – wer nennt heute noch einen Zug durch die Kneipen eines Ortes „Pintenkehr“? – zwar auf, gehen aber in dem altmodischen, dem Inhalt besonders gerecht werdenden Text unter.

So ist es eine besondere Schande, dass „Fußspuren an der Schleuse“ hierzulande erst einmal und bereits 1962 erschienen ist. Eine Neuauflage ist seit Jahren überfällig, ein schnelles Anzapfen antiquarischer Quellen deshalb der Rat dieses Rezensenten.

_Autor_

Ronald Arbuthnott Knox wurde als vierter Sohn des späteren Bischofs von Manchester und seiner Gattin Ellen Penelope French 1888 in Knibworth, Leicestershire, geboren. Schon im Jahre 1900 sehen wir den jungen Ronald in Eton. Er wurde Mitherausgeber des College-Magazins „The Outsider“ und schrieb noch als Schüler sein erstes Buch: „Signa Severa“ (1906), eine Sammlung englischer, griechischer und lateinischer Verse. Mit dem akademischen Grad eines Baccalaureus Artium in klassischer Literatur und Philosophie verließ er 1910 Balliol College, Oxford, und wurde Lehrer am Trinity College. 1911 wurde Knox zum Diakon der Anglikanischen Kirche geweiht, ein Jahr später zum Priester. Während des Ersten Weltkriegs lehrte Knox an der Shrewsbury School und arbeitete für den militärischen Geheimdienst.

Zum Schrecken seines Vaters konvertierte Knox 1917 zum Katholizismus. Er wurde 1918 katholischer Priester und ging 1919 ans St. Edmund’s College, Hertfordshire. Von 1926 bis 1939 war er Kaplan an der Oxford University. Dann zog er nach Shropshire, um mit dem Werk seines Lebens zu beginnen: Knox übersetzte im Auftrag der Bischöfe von England und Wales die lateinische Bibel neu ins Englische. Diese gewaltige Aufgabe beschäftigte ihn bis 1955.

Der Krimi-Freund Ronald Knox tat sich erstmals 1912 durch einen quasi-seriösen, satirischen Artikel mit dem Titel „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ hervor, der von der Prämisse ausgeht, der Meisterdetektiv sei eine reale Figur der Zeitgeschichte. Knox‘ Artikel wurde positiv aufgenommen; einer der amüsierten Leser war Arthur Conan Doyle selbst. Später trat Knox dem „Detection Club“ bei.

Seit 1925 schrieb er selbst Romane. Sein Erstling war „The Viaduct Murder“ (1925, dt. „Der Tote am Viadukt“). 1927 gab Versicherungsermittler Miles Bredon in „The Three Taps“ (dt. „Die drei Gashähne“) sein Debüt .Nur sechs Romane umfasst Knox‘ kriminalistisches Werk. (Es heißt, Knox habe seine Krimis zwischen der Acht-Uhr-Messe und dem Lunch verfasst.) Angeblich habe sein Bischof ihm ans Herz gelegt, sich auf theologische Themen zu beschränken. Wahrscheinlicher ist, dass Knox spätestens seit den 1930er Jahren keine Zeit mehr für seine Kriminalschriftstellerei aufbringen konnte.

Neben der Ausübung seiner Ämter beschäftigte Knox sich mit grundsätzlichen theoretischen Fragen des Glaubens. Er galt als eine der wichtigsten katholischen Stimmen in England und verfasste viele theologische Bücher und Schriften zu diversen Themen, die von einer eher konservativen Haltung zeugen. Im Alter zog Knox nach Mells, Somerset, wo er am 24. August 1957 starb.

|Taschenbuch: 190 Seiten
Originaltitel: The Footsteps at the Lock (London : Methuen & Co. Ltd. 1928)
Übersetzung: Lorenz Häflinger|
[www.kirjasto.sci.fi/knox.htm]http://www.kirjasto.sci.fi/knox.htm
[www.ronaldknoxsociety.com]http://www.ronaldknoxsociety.com

_Ronald A. Knox bei |Buchwurm.info|:_
[„Die drei Gashähne“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7309