
Victor Gunn – Gute Erholung, Inspektor Cromwell! weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Franz, Andreas – Eisige Nähe
Das inzwischen auch privat miteinander verbandelte Ermittlerteam Sören Henning und Lisa Santos hat einen neuen brisanten Fall: Der deutschlandweit bekannte Star-Musikproduzent Peter Bruhns wird ermordet in seiner Villa aufgefunden. Bei ihm ist die Leiche seiner blutjungen Gespielin, beide wurden erschossen. Henning und Santos stehen unter großem Druck, da die Medien den Tod des skandalfreudigen Produzenten ausschlachten.
Wegen seiner zahlreichen Affären gerät zunächst seine junge Frau in Verdacht, aber trotz des Motivs glauben Henning und Santos nicht recht an ihre Schuld. Zu ihrem Ärger bekommen sie ungewöhnlich großen Druck vom Staatsanwalt, der binnen einer Woche den Täter präsentieren möchte. Während Henning und Santos mittlerweile einen Auftragsmörder als Täter vermuten, ergeben sich bei der Obduktion zwei Überraschungen: Vor dem Tod wurde dem ermordeten Paar ein Gift verabreicht, das sie offenbar quälen sollte.
Noch spektakulärer ist aber der Fund von Fremd-DNA, die mit der der berüchtigten „Phantomfrau“ übereinstimmt, die zehn Jahre lang vergeblich gesucht wurde. Gerade wurde bekannt gegeben, dass die DNA nicht von einer Täterin, sondern von bei der Herstellung verunreinigten Wattestäbchen stammte. Wie kommt nun aber diese DNA an die Körper der Toten? Henning und Santos fürchten, dass von obersten Justiz- und Polizeikreisen etwas vertuscht wurde. Derweil geschehen weitere Morde, die auf das Konto des vermuteten Auftragskillers gehen …
_“Über die Toten_ nichts Schlechtes“, heißt es und Andreas Franz starb überraschend Anfang dieses Jahres im Alter von nur 57 Jahren an Herzversagen – ein bisschen Kritik muss dennoch sein, auch wenn „Eisige Nähe“, der dritte Fall des Ermittlerduos Sören Henning und Lisa Santos, durchaus zu seinen besseren Werken gehört. Henning und Santos sind seit mittlerweile knapp vier Jahren auch privat ein Paar, was in Krimis manchmal störend sein kann, nicht aber hier. Liebesgeflüster und Sex gibt es kaum, dafür durchaus öfter Streitgespräche und konstruktive Dialoge. Sören Henning ist der weitaus Ältere der beiden, vernunftgesteuert, oft ein bisschen eigenbrötlerisch und knurrig. Lisa Santos ist dagegen energisch und temperamentvoll, oft von Emotionen gesteuert und spontan. Die beiden ergänzen sich gut, es gibt aber auch genug Reibungspunkte, die ihr Verhältnis sehr realistisch gestalten.
Nachdem in „Todeskreuz“ sich bereits die Wege von Julia Durant und Peter Brandt, den Ermittlern aus den beiden älteren Krimireihen, kreuzten, hat hier Julia Durant einen Kurzauftritt, indem sie die beiden Kollegen durch Infos per Telefon unterstützt, sehr nett für alle, die auch die Bücher um ihre Fälle kennen. Der Leser erfährt zudem früh, wer der Auftragskiller ist, der die Morde ausführt, recht gut gelungen ist auch der Versuch, für seine Taten – ein bisschen Verständnis abzuringen – denn Hans Schmidt ermordet fast ausnahmslos nur Männer, die selbst für zahlreiche Morde und für Kindesmissbrauch verantwortlich sind, ein anderes Mal befreit er osteuropäische junge Frauen, die als Zwangsprostituierte enden sollten. Spannung ist dennoch gegeben, denn wer hinter den jeweiligen Aufträgen steckt und wer vor allem aus dem Umfeld der Ermittler darin verwickelt ist, erfährt man erst zum Schluss.
Besonders reizvoll ist der aktuelle Bezug des Romans auf die Geschichte des Heilbronner Phantoms oder der „Frau ohne Gesicht“, das tatsächlich durch die Medien ging: Zehn Jahre lang fand sich an allen möglichen Tatorten, unter anderem beim Polizistenmord von Heilbronn, die DNA einer unbekannten Frau, die als Schwerkriminelle gesucht wurde. Bis sich 2009 herausstellte, dass in der Fabrik der Wattestäbchen eine Verpackerin einige Stäbchen berührte und unwissentlich dabei ihre DNA hinterließ, die der Spurensicherung fälschlicherweise eine Fremd-DNA an den Tatorten suggerierte. Andreas Franz greift hier die sicherlich gewagte aber literarisch nicht uninteressante Theorie auf, dass die Erklärung der angeblichen Panne eine Lüge für die Öffentlichkeit war und es die kriminelle Phantomfrau doch gibt. Ganz dezent wird aber in einem Satz auf ein weiteres wahres Verbrechen angespielt, das sicher einigen Lesern noch im Gedächtnis sein dürfte: Henning erwähnt den Fall eines wegen Mordes verurteilten geistig Minderbemittelten, der in Oberfranken ein Mädchen ermordet haben soll – obwohl die Leiche des Kindes nie gefunden wurde und es sogar Anzeichen dafür gibt, dass es noch lebt. Auch wenn Henning das Mädchen „Mandy“ nennt, liegt die Parallele zum Fall „Peggy Knobloch“ auf der Hand und es ist interessant, dass hier durch Hennings Aussage die Theorie, die nicht wenige Einwohner des betroffenen Ortes inklusive des Vaters des Mädchens vertreten, gestützt wird, dass hier tatsächlich ein Unschuldiger als Bauernopfer verurteilt wurde.
Andreas Franz war bekannt für seine akribischen Recherchen und guten Kontakte zum Polizeiapparat, die ihn dafür prädestinierten, Insiderwissen einfließen zu lassen. Da ist es umso brisanter, dass in seinen Büchern wie auch hier, immer wieder zum Thema wird, wie viele schwarze Schafe es in leitenden Kreisen bei Politik, Wirtschaft, Justiz und Polizei gibt. Santos und Henning wissen bald kaum noch, wem sie trauen können, die befreundeten Rechtsmediziner erhalten Anweisungen, die DNA-Spur zu vertuschen, ein Unschuldiger wird von Polizisten erschossen und vom Staatsanwalt als Mörder präsentiert. Es geht allerdings noch weiter, Santos und Henning erhalten detaillierte Auskünfte über Menschen- und insbesondere Kinderhandel, über engagierte Killer, die im Auftrag des Verfassungsschutzes agieren. Auch wenn dahinter sicherlich ein gewisser Anteil an Wahrheit steckt, wiederholt sich hier ein bisschen zu häufig das Motiv der organisierten Kriminalität, die überall ihre Finger im Spiel hat. Wenn man mehrere Bücher von Andreas Franz gelesen hat, erscheinen ganze Passagen bekannt, nicht nur Sören Henning fühlt ein schmerzliches Déjà-vu, dass sie wieder einmal kaum jemandem trauen können, dass höchste Kreise hinter den Morden stecken. Selbst wenn diese Szenarien der Wirklichkeit entsprechen sollten – man mag es nicht hoffen, aber was weiß man schon -, sind sie für eine Geschichte zu dick aufgetragen und ein bisschen weniger an Verschwörung wäre hier mehr gewesen. Das gilt auch für den Epilog, in dem der Erzähler mit ein bisschen zu viel Pathos und erhobenem Zeigefinger über die Dinge spricht, die sich nach dem eigentlichen Finale noch ereignen.
_Der Autor_ Andreas Franz wurde 1956 in Quedlinburg geboren und starb 2011. Bevor er sich dem Schreiben widmete, arbeitete er unter anderem als Übersetzer, Schlagzeuger, LKW-Fahrer und kaufmännischer Angestellter. 1996 erschien sein erster Roman. Franz lebte mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt, wo die meisten seiner Krimis spielen. Weitere Werke von ihm sind u. a.: „Das Verlies“, „Todeskreuz“, „Tod eins Lehrers“ und „Spiel der Teufel“.
_Als Fazit_ bleibt ein lesenswerter Krimi mit kleinen Schwächen. Der dritte und durch den frühen Tod des Autors leider auch letzte Fall von Lisa Santos und Sören Henning, der durch eine packende, spannende Handlung mit aktueller Brisanz und sympathischen Ermittlern besticht. Störend fällt nur auf, dass es sich zum wiederholten Mal um organisierte Kriminalität und Verschwörungen aus höchsten Kreisen dreht, was man schon zu oft bei Andreas Franz gelesen hat.
|Hardcover: 582 Seiten
Titelillustration von FinePic, Müchen
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur, München
ISBN-13: 978-3426663004|
[www.knaur.de]http://www.knaur.de
[www.andreas-franz.org]http://www.andreas-franz.org
_Andreas Franz bei |Buchwurm.info|:_
[„Teuflische Versprechen“ 1652
[„Unsichtbare Spuren“ 3620
[„Spiel der Teufel“ 4937
Ben Benson – Die Partie steht unentschieden

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Guy Cullingford – Der Zauberer von Soho

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Beckett, Simon – Voyeur
Eine ähnliche Einleitung hat es kürzlich bereits zu Simon Becketts eher durchschnittlichem Frühwerk „Tiere“ gegeben, hier sei sie noch einmal in Kurzform wiederholt: Der Bestseller-Autor, der mit seiner „David Hunter“-Serie zuletzt für mächtig Furore sorgte, hat auch einige schattige Kapitel in seiner literarischen Biografie zu verzeichnen. Hierunter fallen neben dem noch ganz ordentlichen, aber letzten Endes ebenso unspektakulären „Flammenbrut“ auch Titel wie „Obsession“ und das hier vorliegende „Voyeur“. Wer also mit Beckett via „Kalte Asche“ respektive „Die Chemie des Todes“ Bekanntschaft gemacht hat, sollte gewarnt sein: Die Klasse dieser Bücher konnte der seinerzeit stellenweise noch unbeholfen anmutende Autor in seiner ersten Phase als Schreiber nicht einmal im Ansatz erreichen.
_Story:_
Der kunstinteressierte Galerist Donald Ramsey hat eine ganz bizarre Vorstellung von Erotik. Das Liebesspiel als solches bewegt ihn nicht, Sex ist ihm sogar ein Gräuel, weshalb er hier auch sehr enthaltsam lebt. Lediglich die Beobachtung sexueller Handlungen erregt ihn vergleichbar mit seiner Begeisterung für die erotische Kunst. Doch Ramseys Ansichten ändern sich, als er seine Assistentin Anna dabei beobachtet, wie diese sich in den Räumlichkeiten der Galerie an- und auskleidet und sich für ein Treffen mit ihrem Lebensgefährten Marty vorbereitet. In diesem Moment entwickelt Ramsey nicht nur ein Verlangen für diese Frau, sondern steigert sich gleichermaßen in sehr obsessive Gefühle, die er aufgrund von Annas Lebenssituation jedoch nicht bedingungslos ausleben kann.
Als Donald schließlich erfährt, dass seine Partnerin und Marty sich dazu entschlossen haben, in die USA zurückzukehren, fasst Ramsey einen folgenschweren Entschluss: Er muss Marty aus dem Weg räumen und diese Entscheidung beeinflussen – und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Sofort kommt ihm sein alter Gefährte Zeppo in den Sinn, der für jegliches Motiv über Leichen geht. Tatsächlich fehlt von Marty bald jede Spur – doch die Ermittler haben schon eine sehr diskrete Ahnung, wen sie dafür verantwortlich machen müssen …
_Persönlicher Eindruck:_
Rein inhaltlich wirft „Voyeur“ erst einmal keine besonderen Argumente auf, die das Buch mit allzu viel Kritik belasten könnten. Die Idee ist vielleicht nicht originell, aber immer noch gut genug, um der Thriller-Konkurrenz standzuhalten, und auch die Charaktere werden sehr anschaulich und ausführlich gezeichnet, sodass ein flotter, angenehmer Einstieg in die Story von der ersten Seite an gewährleistet ist. Und so verfolgt man Donalds emotionalen Wandel und schaut zu, wie aus einem ohnehin schon sehr eigenwilligen, eigenartigen Menschen ein regelrecht wahnhafter Typus wird, der von dem Wunsch, seine Assistentin zu besitzen und seine Fantasien mit ihr zu erproben, absolut besessen ist. So weit, so gut.
Was dem Roman jedoch im Zuge der sicher sehr feinen Persönlichkeitsstrukturen abgeht, ist ein Hauch von Spannung, eine vergleichbare Obsession, wie sie der Leser in den „Hunter“-Storys durchlebt. Die Handlung ist von Beginn an völlig durchschaubar und schafft es daher nicht wirklich, dieses Gefühl für Spannung zu kreieren, welches man aus Becketts jüngeren Werken kennen und lieben gelernt hat. Jeder Schritt kündigt sich bereits weit vorher an, und sein Vollzug ist lediglich eine Anekdote, die der Autor schon beschrieben hat, bevor sie dann die erwartete Umsetzung erfährt. Man weiß, dass Donald und Anna in irgendeiner Form Kontakt haben werden, man kann sich über Zeppos Erfolg sicher sein, aber auch der Umstand, dass das kriminelle Duo mit ihrer Masche in die Sackgasse läuft, wird hinlänglich vorbereitet und nimmt der Geschichte jedwedes Überraschungsmoment.
Selbst in der Schlussphase, in der sicherlich noch Spielraum für die eine oder andere halsbrecherische Wendung gewesen wäre, nimmt Beckett nicht den Mut auf, sich gegen das Konventionelle zu stellen und einer Art erotischem Erfahrungsbericht mit Thriller-Anleihen das Mindestmaß an Würze und Eigenständigkeit zu verpassen. Stattdessen rennt er jederzeit zielstrebig ins Offensichtliche und raubt sich selber das Potenzial zu jenem Nervenkitzel, den er im Vorwort noch beschreibt und der auch in „Voyeur“ Verwendung finden soll, am Ende aber wie ein völlig entfremdeter Begriff aufgenommen wird – denn wirklich herauskitzeln kann der Autor bei seinem Publikum weder Emotionen, noch das gewisse Prickeln, welches man an Seiten des aufregenden David Hunter auf jeder Seite verspürte.
„Voyeur“ hätte womöglich zur Kurzgeschichte getaugt, da der Kern der Story schnell erzählt ist und die Spielräume für etwas mehr freie Interpretation ausgelassen werden. Letztgenannten füllt Beckett stattdessen mit viel Geplänkel, langatmigen Dialogen, einem exorbitant ausgereizten, spannungsarmen Mittelteil und zum Schluss auch mit einer unerwarteten Unglaubwürdigkeit, die dem Plot das letzte bisschen Farbe rauben. Im Gegensatz zu „Tiere“ hat Beckett in seinem 92er-Debüt zwar wenigstens eine plausible Geschichte zu erzählen. Doch auch wenn „Voyeur“ nicht sein schlechtester Roman sein mag, so liegt es doch sehr ferne, den Erstling weiterzuempfehlen. Dafür ist man einerseits vom Autor selber weitaus Besseres gewohnt, kann sich andererseits aber auch bei der viel überzeugenderen Konkurrenz bedienen.
|Broschiert: 384 Seiten
Originaltitel: Fine Lines
ISBN-13: 978-3499249174|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
_Simon Beckett bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Chemie des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2355
[„Kalte Asche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4205
[„Leichenblässe“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5625
[„Obsession“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5853
[„Tiere“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=7202
[„Verwesung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6978
Rose, Karen – Todesstoß
Karen Rose hat mit ihrer „Vartanian“-Trilogie großartigen Erfolg gehabt. „Todesschrei“, [„Todesbräute“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5694 und auch [„Todesspiele“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6343 waren hochspannende und gut durchdachte Thriller. Erst gegen Ende des dritten Teils konnten alle Fragen abschließend geklärt werden, sodass der Leser geradezu gezwungen wurde, nach Band 1 gleich zu den beiden Fortsetzungen zu greifen. Aber gelohnt hat sich das in jedem Fall.
In ihren Thrillern kombiniert die Autorin die klassische Liebelei und Romantik mit harten Gewalt- und abwechslungsreichen, spannenden Actionszenen. Im Vordergrund stehen hier die Ermittlungsarbeiten, und äußerst interessant wird es, wenn die Autorin auch den Serienmörder zu Wort kommen lässt. Zwar wird hier der Täter eindeutig identifiziert, sodass der Leser nicht selbst ermitteln muss, aber dem Weg der Ermittler zu folgen, kann ebenso spannend sein.
Nun hat Karen Rose mit „Todesstoß“ einen neuen Thriller veröffentlicht. Die Aufmachung des Covers bewirkt mit Sicherheit ein gewolltes Wiedererkennen und orientiert sich an der schon bekannten Trilogie. Kann dieser Roman den Erfolg der Autorin weiterführen?
_Inhalt_
Eve Wilson ist gezeichnet. Eine tiefe Narbe zerrüttet ihr eine Gesichtshälfte und ihre Seele. Vor Jahren wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens und verlor dabei fast ihr Leben. Noch immer ist die junge und ehemals attraktive Frau traumatisiert, ihr fällt es schwer am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und lebt eher still und zurückgezogen. Vor Jahren flüchtete sich die junge Frau in die anonymen Welten des Internets und lebte ihr virtuelles Leben in „Shadowland“, einer digitalisierten Welt. Mit ihrem „Avatar“ konnte sie ihr Selbstbewusstsein fördern und sich von der Realität so gut es eben ging abkapseln. Schlicht und ergreifend war sie dort jemand, der sie hätte im realen Leben sein wollen.
Nun studiert sie Psychologie und jobbt in einer Bar, in der zumeist Polizisten verkehren. An der Universität leitet sie ein Forschungsprojekt über das Suchtverhalten ihrer Testpersonen in einer abgeschlossen, virtuellen Welt. Das soziale Verhalten und die Aufenthaltsdauer ihrer Probandinnen soll Rückschluss auf deren Verhalten geben, inwieweit sich diese entwickeln und ggf. ihr Selbstbewusstsein trainieren können. Als nach und nach ihre Versuchspersonen grausam ermordet werden, wird Eve schnell klar, dass sich der Täter in ihrem Umkreis bewegt und gezielt in „Shadowland“ seine Opfer aussucht. Da sie durch die Bar, in der sie arbeitet, viele Ermittler kennt, wendet sie sich Hilfe suchend an Detective Noah Webster. Seit Monaten beobachten sie einander, aber bisher haben sie sich aufgrund ihrer inneren Dämonen nicht dazu entschließen können, den ersten Schritt aufeinander zuzugehen. Noah hat bei einem Autounfall Frau und Kind verloren und ertrank sein Selbstmitleid im Alkohol. Er ist ein brillanter Ermittler, aber genau wie Eve ein spröder, eiskalter Einzelgänger geworden.
Eve kann Noah davon überzeugen, dass sich der Serienmörder, der sich an den tiefsten Ängsten seiner Opfer bestätigt fühlt, mit „Shadowland“ irgendwie zu tun haben muss. So wird der Kreis der Verdächtigen stark eingeschränkt. Der Täter muss agieren und die gefährlichste Person für ihn eliminieren und damit wird Eve zur Zielscheibe …
_Kritik_
Am Ende des Romans fragt sich der Leser bestimmt: Waren die knapp 650 Seiten des Romans „Todesstoß“ von Karen Rose ein Thriller oder eine vollkommene Liebesgeschichte? In der Literatur gibt es ja unzählige Formen von dramatischen Liebesgeschichten und diese werden gerne in einem komplexen Umfeld oder einer geschichtlichen Epoche erzählt. Das Prinzip allerdings bleibt immer ein und dasselbe. Der (Anti)Held, meist stark, attraktiv, aber umgeben von manchmal mehr als nur einem dunklen Geheimnis, lässt sich von seinem weiblichen Gegenpart retten und ganz nebenbei überführt er den Täter, rettet die Welt vorm Abgrund und vielleicht auch gleich die ganze Menschheit.
Seine Liebesangst kompensiert er also mit der Notwendigkeit seines Berufsstandes und sieht sich als unersetzlich und einzigartig. Hingegen zeigt sich seine Angebetete eher schwach und verletzlich. Zumal sie oft Spuren von Grausamkeit, psychischer oder physischer Natur zeigt und sie förmlich darum bettelt, „gerettet“ zu werden. Hier ist also das Märchen vom holden Burgfräulein und dem stolzen, ritterlichen Retter mit großem Schwert und noch größerem Pferd.
Doch genug der Klischees! In „Todesstoß“ spielen leider alle diese aufgezeigten Klischees eine tragende Rolle. Der Cop Noah ist wie schon beschrieben ein trockener Alkoholiker, der sich in seiner Freizeit gerne in einer Bar (!) aufhält und Eve beobachtet, gleich einer Katze, die eine Maus im Radar hat. Tja, und Eve träumt von einem einfachen Leben und belügt sich regelmäßig selbst.
Die Autorin webt ein feines familiäres Netz um ihre Protagonisten. Sie beschreibt das „private“ Leben ihrer Figuren so plastisch und lässt nur wenige Details im Lebenslauf aus. Wahrscheinlich möchte sie so etwas wie Normalität widerspiegeln.
Als Minuspol dient hier der böse Serienmörder, der intelligent und durchtrieben seine Morde plant und ausführt und noch einfallsreich dabei sein möchte. Karen Rose lässt auch diesen seine Morde aus dessen Perspektive erzählen, doch ideenreich oder gar originell sind sie nicht.
Die Spannung in diesem Thriller ist zwar da, aber fehlt es offensichtlich schlicht und einfach an dramatischen Elementen. Primär geht es hier nur um den Balztanz der Protagonisten, die sich minutiös um das Pro und Kontra einer Liebesbeziehung schwertun.
Dennoch wird diese Handlung seinen Reiz ausüben, schon alleine die weibliche Leserschaft wird sich in diesem Thriller wiederfinden. Karen Rose spielt augenzwinkernd gerne mit den Hoffnungen und romantischen Gefühlen. Allerdings übertreibt sie dies in „Todesstoß“ ins Unermessliche und schockiert dabei sicherlich die Leser, die von der „Vartanian“-Trilogie begeistert waren.
In diesem Roman gibt es nur entweder „das Böse“ oder „das Gute“. Alle Charaktere haben eine blütenweiße, gestärkte Weste und haben keine moralischen Schwächen, hingegen scheint der Killer das Böse in Person zu sein.
Anders als in den bisherigen veröffentlichten Romanen kann hier der Leser in die Rolle des Ermittlers schlüpfen, doch der aufmerksame Leser wird spätestens nach den ersten dreihundert Seiten wissen, wer der Mörder ist. Karen Rose gibt zu viel an Details preis, wenn der Killer seine nächsten Schritte plant und per Ausschlussverfahren, dann gibt es nicht mehr viele Alternativen.
_Fazit_
„Todesstoß“ von Karen Rose ist prädestiniert für die weibliche Leserschaft und diese wird den Thriller nicht aus der Hand legen können. Ob nun, weil der Roman so spannend ist oder die Liebesgeschichte so romantisch verklärt erzählt wird, möchte ich an dieser Stelle besser nicht beantworten.
„Todesstoß“ ist anders als die „Todestrilogie“, der sich um die Vartanians drehte, und damit ein in sich abgeschlossener Roman. Ich bin gespannt, welchen Weg die Autorin in ihrem nächsten Werk gehen wird. Schließlich hat sie sich entschlossen, sich immer mal wieder andere Figuren aus ihren Romanen zu Hilfe zu holen. Bleibt also zu hoffen, dass die Familie Vartanian ein Comeback hat.
Für alle Fans ihrer Romane gibt es am Ende des Buchs ein aufschlussreiches Interview mit der Autorin und eine kurze prägnante Auflistung ihrer Romane. Und wer schon mal den Überblick über die Charaktere verloren hat, dem wird sicherlich das Verzeichnis der auftretenden Figuren in den Romanen von Karen Rose weiterhelfen.
_Autorin_
Als Karen Rose in ihrer Fantasie immer öfter mörderische Geschichten entspann, die ihre Gedanken zunehmend beherrschten, machte die gelernte Lebensmittel-Ingenieurin das Schreiben zu ihrem Hobby – und dann sogar zum Beruf. 2003 verfasste sie ihren ersten Thriller „Eiskalt ist die Zärtlichkeit“. Es folgten weitere, darunter „Das Lächeln deines Mörders“, „Todesschrei“ und „Todesbräute“, einige wurden mit begehrten Preisen wie dem „RITA Award“ ausgezeichnet oder zumindest für sie nominiert. Der Leser kann sich darauf verlassen, dass Roses Geschichten gut ausgehen, denn bei all den schrecklichen Geschehnissen taucht immer eine helfende Hand auf. Im wirklichen Leben bietet Rose auf ihrer Website Menschen in Not Hilfe an. Sie lebt mit ihrer Familie in Florida. (Verlagsinfo)
|Taschenbuch: 656 Seiten
ISBN-13: 978-3426663578
Originaltitel: I Can See You|
_Karen Rose bei |Buchwurm.info|:_
[„Todesbräute“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5694
[„Todesspiele“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6343
John Connolly – Todbringer [Charlie Parker 7]

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Edwardson, Åke (Ake) – letzte Winter, Der
Mit „Der letzte Winter“ geht offenkundig eine Ära zu Ende – und somit ist der doppeldeutige Titel von Åke Edwardsons Roman auch durchaus wörtlich zu nehmen, da sich der schwedische Autor nach dieser zehnten Episode endgültig von seinem langjährigen Wegbegleiter Erik Winter verabschieden wird. Der letzte, sehr sentimentale Fall um einige eigenartige Morde und damit einhergehende Verstrickungen ist somit vielleicht auch der zeitweilige, womöglich endgültige Abschied des mehrfach ausgezeichneten Bestseller-Schreibers von der Krimi-Bühne. Fragt sich also, ob Edwardson ihn auch mit Würde vollzieht.
_Story:_
Der Tod seines einstigen Begleiters Bergenholm lastet immer noch schwer auf Erik Winters Gemüt. Zurückgezogen und nur noch schwerlich zu motivieren verbringt der Star-Kommissar seinen Urlaub auf dem gemeinsamen Anwesen seiner Familie in der Nähe des Meeres. Doch die Idylle ist begrenzt; als eines Tages eine Leiche vor seinem Feriendomizil angeschwemmt wird, wird Winter wieder gnadenlos vom Ermittler-Alltag eingeholt.
Derweil steht auch das Morddezernat in Göteborg Kopf. Die Leiche einer Frau gibt den Beamten Rätsel auf, da die Umstände ihres Mordes kaum nachvollziehbar sind. Ihr Ehegatte behauptet, er sei morgens aufgewacht und habe seine Frau in jenem erbärmlichen Zustand aufgefunden. Für die Polizisten steht alsbald fest, dass er nicht nur der Hauptverdächtige, sondern auch der einzig mögliche Täter ist. Kurz darauf bringt ein ähnlicher Tathergang die Ermittler jedoch in Zweifel. Die aufstrebende junge Polizistin Gerda Hoffner, die ebenfalls einige düstere Kapitel ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten hat, war an beiden Tatorten zugegen und hat bereits erste Vermutungen. Eines Tages beschließt sie, ihr Wissen Erik Winter anzuvertrauen und die Ermittlungen auf diese Weise voranzutreiben. Während Winter sich endlich wieder seiner Leidenschaft hingibt und an der Aufklärung des Falles arbeitet, beginnt für seine junge Kollegin die Zeit des Grauens – sie ist zu tief eingedrungen und wird nun selber zum Spielball des Mörders …
_Persönlicher Eindruck:_
Krönender Abschluss oder erzwungener Schwanengesang? Åke Edwardson hatte es in der Hand, dem ruhmreichsten Kapitel seiner Karriere als Schriftsteller die Krone aufzusetzen und mit einem letzten Paukenschlag würdig abzutreten. Allerdings hat der Autor von „Der letzte Winter“ sich hier offenkundig zu sehr auf sein Reputation und diejenige seines Protagonisten verlassen, der ihm immerhin neun exquisite, gefeierte Fälle geliefert hat. In seiner abschließenden Geschichte knüpfen Autor und Hauptdarsteller allerdings nur noch marginal an die alten Glanzzeiten an; zu gequält die Story, zu farblos die Charaktere, zu mühevoll die gesamten Ansätze.
Bereits der Einstieg ist von einer Schwerfälligkeit begleitet, von der man sich leicht herunterziehen lässt. Winter ist gezeichnet vom schweren Verlust, sein Kontrapart Hoffner leidet unter dem Ende einer Beziehung, und die hierdurch ausgelöste Melancholie zieht sich wie ein endloser Schleier über die Handlung und gibt vor allem den kriminalistischen Inhalten kaum Spielraum. Dies versucht Edwardson damit zu kaschieren, dass er viele Eckpunkte der Story geheimnisvoll gestaltet und vor allem die Entwicklungen in den Mordfällen sehr offen gestaltet. Alles ist möglich, jede Wendung wäre nachvollziehbar. Doch gerade dadurch wirken viele Schritte schwammig und beliebig, manchmal auch weit hergeholt. Dass es die Beamten beispielsweise mehrfach nach in eine schwedische Urlaubsprovinz in Spanien zieht, scheint ein Notanker zu sein, da die Story an Ort und Stelle nicht mehr weiterkommen kann. Doch auch hier hinkt die Aufklärungsarbeit, einmal mangels Tempo, andererseits aber auch wegen der ermüdenden Schreibweise, die jeglichen Anflug von Spannung leider auch schon wieder nach wenigen Seiten killt.
Erst nach zwei Dritteln nimmt „Der letzte Winter“ etwas mehr Fahrt auf und bringt die einzelnen Puzzlestücke zusammen. Und dennoch bleibt die Erzählung relativ unspektakulär und wird dem Vermächtnis der Kriminal-Ikone Erik Winter nur sehr, sehr eingeschränkt gerecht. Und diese Lücke kann auch von seinen neuen Sidekicks nicht gefüllt werden, wenngleich Gerda Hoffner als zweite entscheidende Persönlichkeit eine ganz gute Figur abgibt. Es ist einfach nicht zu übersehen, dass Edwardson im Bezug auf seine Romanfigur deutliche Ermüdungserscheinungen aufweist und sich nicht mehr in dem Maße auf ihn und sein Umfeld einlassen kann, wie es Winter und auch die Leserschaft verdient hätten. Zu behaupten, die Story sei durchweg langweilig, wäre vielleicht übertrieben, doch sie schleppt sich sehr behäbig durch viele langatmige Kapitel, mutet im Spannungsaufbau einige Entbehrungen zu und kommt selbst im relativ reserviert ausgearbeiteten Finale nicht so recht auf den Punkt.
Insofern fragt sich, ob der Autor sich mit diesem eher halbgaren Titel überhaupt einen Gefallen getan hat. Die Möglichkeit, Winter zu begraben, hätte bereits nach dem letzten Buch bestanden, ohne hierbei offene Fragen zu hinterlassen. Derart unbefriedigend wie im zehnten Teil dieser Serie möchte man ihn nämlich nicht aus seiner Arbeit entlassen, muss aber schließlich akzeptieren, dass die Ambitionen des schwedischen Bestseller-Schreibers heuer nicht mehr ganz so groß sind, wie sie es einst waren. Oder zumindest spürt man nicht, dass dem bei der Erstellung von „Der letzte Winter“ noch so war. Die Winter-Reihe endet daher mit ihrer schwächsten Episode – und das ist unter Berücksichtigung der vielen großartigen Momente dieser fortgesetzten Geschichte, sehr bedauerlich!
|Hardcover: 512 Seiten
Originaltitel: Den sista vintern
ISBN-13: 978-3550087134|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
_Åke Edrwardson bei |Buchwurm.info|:_
[„Rotes Meer“ (Hörbuch]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5192
[„Segel aus Stein“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5274
[„Zimmer Nr. 10“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2792
Schmidt, Karla – Kind auf der Treppe, Das
_Story:_
Die junge Leni Draugur betrachtet ihr Leben als ein einziges Zerwürfnis mit ihrer eigenen Seele. Nach dem Tod ihrer Mutter hat das isländische Mädchen nie wieder die Harmonie finden können, nach der sie sich immer gesehnt hat. Als ihre Ehe mit dem gewalttätigen Magnus sich schließlich als schwerwiegende Katastrophe herausstellt, aus der sie völlig traumatisiert flieht, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. Denn der Gedanke, der sie auf ihrer Flucht am meisten beschäftigt: Hat sie Magnus umgebracht? Oder lebt der brutale Isländer noch?
Als sie bei ihrer launischen Schwester Zicky in Berlin aufschlägt und versucht, sich dort wieder auf die Beine zu bringen, wird sie mit weiteren merkwürdigen Ereignissen konfrontiert. Ein spindeldürrer, kaum zugänglicher Junge sitzt im Treppenhaus des Wohnkomplexes und scheint dort völlig verloren. Gleichzeitig macht ein von den Medien als Schulwegmonster bezeichneter Mörder die Gegend unsicher und zieht eine heftige Blutspur hinter sich. Und wäre dies nicht schon genug, wird Leni in der Nachbarschaft Zeugin einiger zerrütteter Familienverhältnisse, muss sich mit Zickys Verzweiflungen herumschlagen und wirft zudem ein Auge auf deren blinde, musikalische Mitbewohnerin. Gerade in dem Moment, in dem für Leni ein Fortschritt erkennbar ist, wird sie dann aber doch wieder von der Vergangenheit eingeholt – und von den Ereignissen in ihrer neuen Umgebung.
_Persönlicher Eindruck:_
„Das Kind auf der Treppe“ gehört zu jener Kategorie Psycho-Thriller, die man einerseits nicht frühzeitig aufgeben will, weil das Interesse für die Charaktere auf jeden Fall geweckt wurde, von denen man aber ab einem gewissen Punkt auch nicht mehr viel erwartet, weil die Story und ihre vielen erschreckenden Elemente einen nicht wirklich mitreißen und man auch nicht begierig ist, ihr Ende zu erfahren.
Das relativ blutige Intro schürt diesbezüglich jedoch noch ganz andere Erwartungen. Mit einem Ruck wird man in den Strudel der Gewalt hineingesogen, den Leni in ihrer Ehe erlebt, und mit der sie sich schließlich auch auf allzu brutale Art und Weise wieder aus der seelischen Gefangenschaft befreien muss. Alleine mit diesen bleibenden Eindrücken werden Erwartungen geweckt, die Karla Schmidt aber im weiteren Verlauf ihrer Geschichte nur noch bedingt bis gar nicht erfüllen kann. Die plötzliche Isolation der Hauptdarstellerin mag zwar logisch sein, ihr eingeschüchtertes, introvertiertes Naturell ebenfalls, doch im gleichen Maße eine Reihe von Nebensträngen aufzubauen, Leni dort mit hineinzuziehen und schließlich jeglichen Kern aus den Augen zu verlieren, macht „Das Kind auf der Treppe“ zwischenzeitlich zu einem hilflosen Unterfangen, aus dem sich die Story trotz ganz gutem Finale nicht meehr so recht befreien kann.
Der Autorin gelingt es schlichtweg nicht, Beziehungen zwischen den einzelnen Eckpunkten herzustellen und die verschiedenen Ereignisse zusammenwachsen zu lassen. Hinzu kommt, dass ihre tragenden Persönlichkeiten für sich betrachtet viel zu stark sind, ihre einprägsame Individualität im Rahmen der Erzählung aber nicht befriedigend ausleben können. Der Zwist zwischen Leni und ihrer Schwester verdient beispielsweise viel mehr Aufmerksamkeit, als der ziemlich reduzierte Plot ihm anbieten kann, muss sich aber schließlich dem steten Wechsel der Szenarien und der daraus resultierenden, fehlenden Tiefe beugen. Gleiches gilt für die Ängste, die die Protagonistin in sich trägt. Schmidt formt schon auf den ersten Seiten das Potenzial für einen wirklich spannenden Thriller, verliert die zugehörigen Versatzstücke aber allzu schnell wieder aus den Augen und gibt besonders die reißerischen Inhalte leichtfertig aus der Hand. Dies führt zwar zu der angenehmen Entwicklung, dass jede Effekthascherei von vorneherein außen vor bleibt, hätte aber an mancher Stelle auch hilfreich sein können, gerade dort, wo die Handlung ihre Längen hat und die Tragik einzuschlafen droht.
Zum Schluss bleiben daher auch viele Fragen, wobei die präsenteste ist, worin nun die Grundaussage des Romans besteht und inwiefern eine Weiterempfehlung überhaupt berechtigt ist. Unterm Strich beinhaltet „Das Kind auf der Treppe“ nämlich einige sehr gute Ansätze. Doch in der Nachbetrachtung muss man trotzdem festhalten, dass die Ausarbeitung größtenteils dürftig ist, weil die Autorin viel zu oft, und das mit einer erschreckenden Konsequenz, an der Oberfläche bleibt.
|Broschiert: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3492257817|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de/piper/index.php
Steinhauer, Olen – Last Exit
Olen Steinhauers erster CIA-Thriller, „Der Tourist“, wurde hochgelobt und stand auf der New York Times Bestseller List. Mit dem Nachfolger, „Last Exit“, versucht er diesen Erfolg zu wiederholen. Wieder mit an Bord: Milo Weaver.
_Milo Weaver ist Agent_ einer geheimen Abteilung des CIA. Als so genannter Tourist erledigt er die Aufträge, die die CIA lieber verschlossen hält. Nachdem er sich in letzter Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, möchte die CIA seine Loyalität prüfen. Nach einigen kleineren Missionen erhält er den Auftrag, die fünfzehnjährige Adriana zu entführen und zu töten.
Für Milo, selbst Stiefvater einer kleinen Tochter, ist schnell klar, dass er diese Aufgabe nicht erfüllen wird. Er kidnappt Adriana zwar, überlässt sie aber dann der Obhut seines Vaters, der verspricht, sich um ein Versteck zu kümmern. Wenig später geht die Nachricht um die Welt, dass das entführte Mädchen getötet wurde. Der Plan, ihren Tod vorzutäuschen, ist damit fehlgeschlagen.
Der Verdacht fällt auf Milo, doch als sich Hinweise verdichten, dass die Touristenabteilung unterwandert wurde, rückt Adriana in den Hintergrund. Gemeinsam mit seinem verhassten neuen Chef macht sich Milo auf die Suche nach dem Eindringling und merkt dabei nicht, dass auch er ins Fadenkreuz geraten ist …
_Wenn man Olen Steinhauers Roman_ in einem Wort beschreiben möchte, wäre das wohl „nüchtern“. Die Handlung ist zwar im Geheimdienstmilieu angesiedelt, bewegt sich aber auf leisen Sohlen. Es gibt weder seitenlange Action noch witzige Dialoge. Stattdessen steht der etwas melancholische Protagonist im Vordergrund, der sich viele Gedanken um sein Arbeits- und Privatleben macht und weit entfernt vom coolen Cop ist. Milo Weaver ist eher introvertiert und von Zweifeln wegen seines Jobs getrieben. Er denkt darüber nach, auszusteigen. Für den Leser ist es anfangs schwer, Zugang zu ihm zu finden, doch mit der Zeit versteht man ihn immer besser.
Die Handlung kommt, wie gesagt, ohne übermäßig viel Blut und Action aus. Der Autor verzichtet zwar nicht vollkommen auf Gewalt, es fällt aber auf, dass ein großer Teil der Handlung Kopfarbeit ist beziehungsweise mehr auf Worten als auf Handlungen beruht. Während der Thriller am Anfang wie ein durchschnittliches Buch des Genres wirkt, gewinnt es erst gegen Ende richtig an Fahrt. Überraschende Wendungen und Allianzen sowie plötzlich auftauchende Verdächtige sorgen für ein spannendes Finale. Dass das Buch auf dem Weg dorthin eigentlich mehrere Spannungskurven hat, ist, wider Erwarten, nicht störend, sondern hilft sogar, die Geschichte in Gang zu bringen.
Abgerundet wird die Geschichte durch den unauffälligen, aber gelungenen Schreibstil. Ruhig, beinahe unemotional, schildert er die Geschichte, ohne dabei abzuschweifen. Durch die enge Bindung an die Hauptperson wirkt die Geschichte sehr persönlich, auch wenn sie eigentlich „nur“ aus der dritten Person erzählt wird.
_“Last Exit“ ist ein eher unauffälliger_, aber gut geschriebener und spannender Agententhriller für Leser, denen eine knifflige Handlung wichtiger ist als Action.
|Gebunden: 542 Seiten
Originaltitel: The Nearest Exit
Deutsch von Friedrich Mader
ISBN-13: 978-3453267022|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de
_Olen Steinhauer bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Tourist“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6145
Beckett, Simon – Tiere
_Der böse Anfang einer eigenartigen Erfolgsgeschichte_
Bei der Erwähnung des Namens Simon Beckett schnalzen Krimi- und Thriller-Gourmets seit geraumer Zeit hochachtungsvoll mit der Zunge. Die Geschichten um seinen ruhmreichen Protagonisten David Hunter haben in den vergangenen Jahren die Bestseller-Listen beherrscht, „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ galten als Nonplusultra des Psycho-Metiers. Erwartungsgemäß ist der Erfolg des britischen Autors auch bei den hiesigen Verlagen nicht unbemerkt geblieben, die in der jüngeren Vergangenheit einiges daran gesetzt haben, das Werk respektive den Katalog des Bestseller-Schreibers peu à peu zugänglich zu machen. „Tiere“ ist nun die letzte Neuauflage dieser Vergangenheitsbewältigung – aber ähnlich wie „Voyeur“ und „Obsession“ bei Weitem nicht so fantastisch ausgearbeitet wie die renommierten Geschichten aus dem Hause Beckett. Wer tut sich also mit dieser Ausschlachtung einen Gefallen?
_Story:_
Der geistig minderbemittelte Nigel lebt seit geraumer Zeit im Pub seiner Eltern und führt dort ein zurückgezogenes Leben. Gesellschaft ist ihm nicht sonderlich wichtig, und wenn er seiner Vorliebe für Comics und kulinarischen Leckerbissen gerade einmal nicht nachgeht, weil er gerade nicht alleine sein möchte, reicht der Abstieg in den Keller seines Hauses, wo Nigel einige anrüchige Damen aus der näheren Umgebung gegen ihren Willen unter unzumutbaren Bedingungen festhält. Doch Nigel kümmert sich kaum um die Gefangenen, die er leidlich mit Hundefutter abspeist und gelegentlich auch aufs Äußerste provoziert. Stattdessen widmet er sich lieber seinen Kolleginnen Cheryl und Karen, auf die er große Stücke hält, und die auch ihn offenbar ganz gerne mögen. Als sich die beiden Damen eines Tages zu Besuch ankündigen, gerät Nigels kleine, brutale Welt in Gefahr – denn natürlich darf keiner von ihnen erfahren, welche grausamen Spielchen der Minderbegabte in den Tiefen seines Hauses betreibt …
_Persönlicher Eindruck:_
Mit jedem weiteren Roman aus Becketts Vergangenheit sieht man sich noch ungläubiger der Tatsache ausgesetzt, dass aus diesem zunächst eigentlich wenig talentierten Schreiber eines Tages ein Autor hervorgehen würde, der die Hitlisten vom Thron aus betrachtet. Blickt man auf das 1996 erstveröffentlichte „Tiere“ zurück, muss man sich berechtigt die Frage stellen, was in der Zwischenzeit mit Beckett geschehen ist, wie es zu diesem Wandel kam, warum er so viel belletristische Zweitklassigkeit zulassen konnte, bevor er sich dann dazu durchringen konnte, etwas fokussierter und überlegter ans Werk zu gehen. Denn wenn eines definitiv nicht abzustreiten ist, dann der Umstand, dass der inzwischen gefeierte Autor in seiner Frühphase als Romanschreiber reichlich Zweitklassiges produziert hat – wenn denn überhaupt.
„Tiere“ ist wohl der beste Beweis dafür, dass Becketts Karriere fernab von jeglichem Ruhm und Genie eingeleitet wurde. Die Story ist nur marginal durchdacht, folgt zwar einem logischen Strang, ist in ihrer Aufarbeitung allerdings sehr dürftig. Man findet kaum Zugang zu den Charakteren, kann ihr Handeln kaum nachvollziehen und wird stattdessen vermehrt vom krankhaften Antlitz des Protagonisten geblendet, der seine gestörten Fantasien im Laufe des Romans in keinster Weise erklären oder reflektieren kann. Es ist einfach Fakt, dass Nigel einige Frauen aus der gesellschaftlichen Unterschicht in seinem Keller beherbergt, sie wie Tiere züchtet, ihnen jegliches Recht auf Menschlichkeit raubt und ihnen schließlich das letzte Bisschen Würde raubt, welches ihnen vor ihrer Gefangenschaft noch geblieben war. Warum? Zu welchem Zweck? Ja, dies sind die fragen, auf die der Autor keine befriedigende Antwort findet.
Hinzu kommt, dass er die Prioritäten zur Halbzeit vollkommen verschiebt. Mit einem Mal sind es nur noch Karen und Cheryl, die im Zentrum stehen, da Nigel händeringend versucht, sein finsteres Geheimnis vor ihnen zu bewahren. Doch die Art und Weise, wie Beckett hier agiert, wie hilflos er in manchen Wendungen erscheint und wie bedeutungslos die Situationen im Gesamtzusammenhang erscheinen, in denen die Szenerie im Keller des Pubs geschildert wurde, ist erschreckend – und lässt den Leser verblüfft zurück. Dieser Mann hat „Die Chemie des Todes“ geschrieben? Unfassbar …
Insofern ergibt es eher Sinn, „Tiere“ als riskantes Startprojekt, womöglich auch als peinliche Jugendsünde ins Auge zu fassen und dem Buch keine allzu große Bedeutung beizumessen – denn diese hat der 96er Roman absolut nicht verdient. Andererseits sollte ein solches Werk junge, bis dato noch erfolglose Autoren ermutigen, am Ball zu bleiben. Denn wer einen Psycho-Thriller, dazu auch noch aus der waghalsigen Ich-Perspektive, so heftig versemmelt und mehr als ein Jahrzehnt später trotzdem auf den vordersten Rängen der Bestseller-Liste zu Hause ist, der scheint mit harter Arbeit, der Gabe, aus den eigenen Fehlern zu lernen, und schließlich viel Mühe doch noch ans Ziel gekommen zu sein. „Tiere“ ist – davon abgesehen – allenfalls interessant, wenn man Becketts Entwicklung als Autor dokumentiert sehen möchte. Als eigenständiger Roman zehrt er jedoch nur vom Namen, ist inhaltlich aber irgendwo zwischen Enttäuschung und Katastrophe angesiedelt.
|Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltitel: Animals
ISBN-13: 978-3499249150|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
_Simon Beckett bei |Buchwurm.info|_
[„Die Chemie des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2355
[„Kalte Asche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4205
[„Leichenblässe“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5625
[„Obsession“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5853
[„Verwesung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6978
Mary Roberts Rinehart – Miss Pinkerton oder Ein Fall für die feine Gesellschaft

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Stuart MacBride – Dunkles Blut
01 „Die dunklen Wasser von Aberdeen“
02 „Dying light“
= „Die Stunde des Mörders“
03 „Der erste Tropfen Blut“
04 „Flesh House“
= „Blut und Knochen“
05 „Blinde Zeugen“
06 „Dunkles Blut“
_Das geschieht:_
Detective Sergeant Logan McRae von der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen steckt noch tiefer im Dreck als sonst. Privat ist sein Alkoholkonsum so arg außer Kontrolle geraten, dass sich die Folgen auf seine Arbeit auswirken. McRae pöbelt Vorgesetzte wie Kollegen gleichermaßen an. Selbst seine unkonventionelle und belastbare Vorgesetzte Roberta Steel kann ihn nur noch mühsam vor längst fälligen Konsequenzen schützen.
Brett Halliday – Ein Fremder in Brockton
Nach einigen Urlaubstagen will Privatdetektiv Mike Shayne in seine Heimatstadt Miami zurückkehren. Die Fahrt dorthin ist lang, und Shayne kehrt in einer Bar der Kleinstadt Brockton ein, um auszuruhen. Als er seinen Drink nimmt, platzt eine junge Frau herein und bittet Shayne um Hilfe. Bevor er reagieren kann, betreten zwei Männer die Bar, schlagen den Detektiv nieder und entführen ihn, während die Frau flüchtet.
Als Shayne zu sich kommt, soll er umgebracht werden. Dass die Frau ihn völlig zufällig angesprochen hat, glauben seine Peiniger nicht. Die Killer haben die Rechnung jedoch ohne den agilen Detektiv gemacht, der sich nicht nur befreien kann, sondern auch beschließt, in Brockton zu bleiben, um Licht in die rätselhaften Ereignisse zu bringen.
Loy, Hannsdieter (Roman-Adaption); Wogh, Michael (Original-Drehbuch) – TATORT: Starkbier
Das 40-jährige Jubiläum der wohl bekanntesten und mitunter beliebtesten deutschen Krimiserien liegt nach gar nicht so lange zurück. Unlängst hat der TATORT den Sprung vom Bildschirm in die literarische Welt geschafft: Seit 2009 erscheinen ausgewählte Fälle beim |Emons|-Verlag als broschierte Taschenausgaben. Als Basis für die Kriminalromane dienen hierbei die Drehbücher bereits ausgestrahlter Folgen. Hannsdieter Loys Roman „Starkbier“ ist neben Martin Schüllers Adaption zu „A g’mahde Wiesn“ nun schon der zweite Fall der Münchener Ermittler Leitmayr/Batic/Menzinger, der in Buchform vorliegt. Das TV-Debüt der von Michael Wogh für den Bayerischen Rundfunk geschriebenen Story liegt indes schon etwas zurück. Es war nämlich bereits im März 1999.
_Zur Story_
Mit dem Starkbieranstich auf dem Münchener Nockherberg beginnt traditionell „die fünfte Jahreszeit“ in der bayerischen Metropole. Während sich Leitmayr und Batic in einem Gewerbegebiet die Hintern platt warten, um einen kroatischen Dealerring samt dessen Häuptling hopszunehmen, welcher unter dringendem Tatverdacht des mehrfachen Mordes steht, vergnügt sich Kollege Carlo Menzinger bei eben jenem Starkbieranstich der traditionsreichen Benedictus-Brauerei. Der ehemalige Streifenpolizist, der vor einiger Zeit zur Kripo wechselte, wo er jetzt den beiden Altkommissaren Leitmayr und Batic zuarbeitet, ist passionierter Biertrinker und -kenner. Zudem ist er privat über den Fußballverein mit Brauerei-Klüngel mehr oder weniger – wie man mundartlich sagt – verspezlt. Was ihm schließlich auch die Einladung zu dieser recht exklusiven Veranstaltung brachte. Ausgerechnet dort kocht das Gerücht auf, dass die Brauerei demnächst verkauft werden soll.
Von feindlicher Übernahme wird gar gemunkelt. Mitinhaber Dr. Meindl ist darüber wohl vorher nicht informiert gewesen und entsprechend aufgebraucht, während sein Vize Eisinger abwiegelt. Der Brauerei steht offiziell auch auf soliden wirtschaftlichen Füssen: Ihr „Ultimator“-Starkbier ist ein Verkaufsrenner. Meindl sucht daraufhin wütend die Brauerei auf und wird tags darauf mitsamt seinem Auto aus der Isar gefischt. Und obwohl der Leichnahm immer noch stark nach Bier riecht, bestehen berechtigte Zweifel, dass es sich hier um einen einfachen Verkehrsunfall handelt. Da ist sich Carlo trotz dicken Schädels morgens am Fundort vollkommen sicher. Da Leitmayr und Batic scheinbar lieber ihren gewalttätigen Kroaten jagen, fühlt er sich bemüßigt fast allein zu ermitteln – schließlich ist er ja so was wie ein Insider und kennt die ganze Bagage. Außerdem kann er seinen beiden Vorbildern endlich beweisen, dass er mehr drauf hat, als nur Stichwortgeber zu sein.
_Eindrücke_
Es fällt schon fast von der ersten Seite an auf, dass der oberbayerische Romanautor Hannsdieter Loy viel mehr auf das Mundartliche setzt, als es Martin Schüller zuvor bei der Adaption zu „A g’mahde Wiesn“ tat. Der hatte den hiesigen Dialekt dort recht zurückhaltend eingesetzt, wobei dieses Phänomen sicherlich auch mit der Zeit der Entstehung der Vorlagen zu tun hat. Die älteren TATORTe – auch im TV – pflegten auf diese Art wesentlich mehr Lokalkolorit, als die Vertreter der neueren Generation, bei denen das inzwischen weitgehend eingesetzte Hochdeutsch die Sache nämlich entsprechend verwässert. Eine Entwicklung, die durchaus schade ist. Diese Gefahr besteht bei „Starkbier“ aber absolut nicht, da wird zünftig g’schwätzt und die Großkopferten abg’watscht. Somit passt auch die (text)sprachliche Atmosphäre höchst adäquat zu diesem – bekanntlich urbayerischen – Thema des Kriminalfalles: Bier und Spezlwirtschaft.
Natürlich macht auch die Tatsache, dass Carlo sich hier erstmals ernsthaft von den beiden Platzhirschen Leitmayr und Batic freischwimmen möchte zusätzlich interessant. Damals war er noch ganz der junge Wilde mit Cowboystiefeln, Hut, langen Haaren und (in den Achtzigern mal irgendwann schick gewesener) Rotzbremse – sprich: A fesch’m Oberlippenbart. Hier ist die Romanfassung deutlich im Nachteil , da die Figur (im TV dargestellt von Michael Fitz) und das Outfit auf dem Bildschirm mit seinen visuellen Möglichkeiten ganz anders wirken. In diesem Fall sogar besser. Das gilt selbstverständlich auch für seine Kollegen nicht viel weniger, wobei diese sich im Laufe der Zeit (rein optisch) nicht so sehr veränderten, wie Carlo.
Das heißt, wenn man die heutigen, selbstverständlich entsprechend gealterten, Gesichter Leitmayrs und Batics (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) einmal vor dem geistigen Auge hat, gelingt das Kopfkino auch damit hervorragend, zumal Hannsdieter Loy die recht typische Art der zwei (drei) Kommissare zu ermitteln und auch miteinander – sowie mit Zeugen und Verdächtigen – umzugehen, sehr gut aus der Vorlage extrahierte und in Textform goss. Diese Eigenheiten haben sich übrigens bis dato auch gar nicht gravierend verändert und sind noch heute das Erfolgsrezept der Münchener. Jetzt ist es allerdings längst kein Trio mehr – denn die beiden Platzhirsche ermitteln inzwischen (wieder) ohne den Sympathikus Carlo, welcher die Serie mit der Folge „Der Traum von der Au“ im Jahre 2006 endgültig verließ. Vielleicht auch grade deswegen, weil er – leider – eher selten so im Fokus gestanden wie in dieser recht frühen TATORT-Episode, wo die Figur grade frisch dabei war.
_Fazit_
Die Umsetzung ist gelungen und transportiert den Geist (und die Mundart) des Münchener Ermittlerteams sehr gut in die Romanform. Die Verluste an Lokalkolorit sind dank Hannsdieter Loys erfolgreicher Bemühungen den Dialekt herüberzuretten eher marginal. Wodurch man, zumindest in dieser Richtung, schlecht zu sagen vermag, ob einem die TV-Fassung oder das Buch besser mundet. Kommt vermutlich sehr stark darauf an, ob man der Kopfkino- oder doch eher der visuelle Typ ist. Auf jeden Fall ist der Roman mehr als nur eine simple Abschrift des Drehbuchs oder banale Gedächtnisstütze für vergessliche Couch-Potatoes. Es ist ein spannender, humoriger sowie urbayerischer Kriminalfall, den man sich auch ohne Kenntnis der TV-Vorlage bedenkenlos einverleiben kann. Eine gewisse Affinität zum Dialekt schadet aber definitiv nicht.
|Taschenbuch: 176 Seiten
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Michael Wogh
ISBN: 978-3-89705-743-2|
[www.emons-verlag.de]http://www.emons-verlag.de
_TATORT bei |Buchwurm.info|:_
[„Blinder Glaube“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[„Strahlende Zukunft“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956
[„Todesstrafe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[„Aus der Traum“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6547
[„Tempelräuber“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6549
[„Die Blume des Bösen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6803
[„A gmahde Wiesn“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6804
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[„Borowski und die einsamen Herzen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7105
Connelly, Michael – Mandant, Der
Der Autor Michael Connelly ist vor allem für seine Krimireihe um Ermittler Harry Bosch bekannt. Im Jahr 2005 führte er einen neuen, wiederkehrenden Protagonisten ein: Mickey Haller, ein skrupelloser Rechtsanwalt, der noch dazu Harry Boschs Halbbruder ist. „Der Mandant“ ist Connellys erster Roman aus dem Anwaltsmilieu und wurde 2011 mit Matthew McConaughey verfilmt. Aus diesem Grund legt der Heyne-Verlag das Buch mit zusätzlichem Bonusmaterial zur Verfilmung neu auf.
Mickey Haller ist alles andere als sympathisch. Der Strafanwalt vertritt Drogendealer, Mitglieder von Motorradgangs und Mörder und er hat kein moralisches Problem damit, diese Kontakte zur kriminellen Unterwelt für sich zu nutzen. Für ihn zählt seine Bezahlung, nicht die Frage, ob der Gesellschaft Gerechtigkeit getan wird.
Als der wohlhabende Immobilienmakler Louis Roulet des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt wird, riecht Haller das dicke Geld. Er nimmt seinen Mandanten nach allen Regeln der Kunst aus. Tatsächlich klingt Roulets Geschichte über die Tatnacht plausibel. Alles sieht danach aus, als ob er, aufgrund seines Reichtums, Opfer einer Falle geworden ist. Mickey stürzt sich auf den Fall, doch er muss bald feststellen, dass weder Roulet noch die Prostituierte das eigentliche Opfer sind. Vielmehr könnte dieser Prozess ihn selbst Kopf und Kragen kosten …
_Einen guten Gerichtsthriller_ zu schreiben, ist sicherlich alles andere als leicht. Das Rechtssystem und das Wesen der Strafverteidigung sind nicht unbedingt darauf angelegt, für Spannung zu sorgen. Dass man in diesem Kontext trotzdem eine packende Geschichte schreiben kann, beweist Michael Connelly. Er fängt seine Leser schon auf den ersten Seiten ein, indem er ihnen einen schmierigen, aber trotzdem irgendwie sympathischen Protagonisten vorsetzt. Dessen Markenzeichen ist sein Auto. In seinem Lincoln, der von einem ehemaligen Mandanten gefahren wird, der dadurch seine Anwaltskosten abbezahlt, löst er seine Fälle, was den Titel der englischen Originalausgabe, „The Lincoln Lawyer“, erklärt. Dabei holt er den einen oder anderen Gefallen bei ehemaligen Mandanten ein. Mitglieder von Motorradgangs, Drogendealer, Junkies – Haller schreckt vor niemandem zurück. Doch bevor man den Anwalt aufgrund seiner Geschäftsgebaren ebenfalls als kriminell abstempelt, zeigt der Autor auch dessen andere Seite. Maggie McPherson ist nicht nur Staatsanwältin – und damit Mickeys natürlicher Feind Nr. 1 -, sondern auch seine erste Exfrau und Mutter seiner Tochter. Trotzdem haben die beiden ein gutes, fast liebevolles Verhältnis. Von dem Arschloch, das Haller vor Gericht gerne gibt, ist dann wenig zu sehen. Es wird deutlich, dass er eigentlich nur eine Rolle spielt, doch die spielt er sehr gut.
Michael Connelly schafft es mit geradezu bewundernswerter Leichtigkeit, einen eigentlich unsympathischen Protagonisten so präzise zu skizzieren, dass man ihn nicht nur versteht, sondern sogar anfängt, ihn zu mögen. Der Autor versteht sich insgesamt sehr gut darauf, Personen sowohl von ihrer guten als auch ihrer schlechten Seite zu zeigen. Die auftretenden Charaktere sind zwar zahlreich, aber nur wenige spielen wirklich eine Rolle. Nebenfiguren wie ehemalige Mandanten werden zwar auch umfassend eingeführt, aber nur die wirklich Wichtigen werden dementsprechend so markiert, dass man sie trotz des Umfangs von 525 Seiten nicht vergisst.
Mit der gleichen Akribie geht Connelly auch an die Handlung. Er hat diese grob in zwei Teile aufgeteilt: die Zeit vor dem Prozess und der Prozess selbst. Der erste Abschnitt baut kontinuierlich Spannung auf und überrascht durch interessante Wendungen und die eine oder andere Überraschung. Diese legen das Fundament für den Prozess, der erfreulich flott und ohne langatmige Gerichtsspitzfindigkeiten abgehandelt wird. Dadurch bleibt die Spannung, anders als erwartet, erhalten. Dies hängt auch mit zwei Dingen zusammen. Zum einen weiß der Leser, dass Mickey sich in einer Zwickmühle befindet, die ihm beim falschen Schritt den Kopf kosten könnte. Er erkennt auch schnell, dass der Anwalt sein eigenes Süppchen kocht. Mickey fährt eine Verteidigungsstrategie, die nur oberflächlich ihren Sinn erfüllt. Eigentlich hat er etwas anderes im Sinn, doch dies verrät er nicht. Dadurch lässt die Geschichte auch auf den letzten Metern nicht nach.
Das Buch wird zusätzlich von einem detaillierten, präzisen Schreibstil zusammengehalten. Connellys Vergangenheit als Journalist wird darin deutlich, dass er mit wenigen, aber treffenden Worten Situationen gut beschreiben kann.
Als besonderes Schmankerl hat der Verlag einige Produktionsnotizen zur Verfilmung an die Geschichte gehängt. Diese bleiben zwar oberflächlich, geben aber dennoch einen guten Einblick in die Umsetzung des Stoffes und die Auswahl der Schauspieler.
_Mit „Der Mandant“_ beweist Michael Connelly eindrucksvoll, dass Gerichtsthriller nicht immer staubtrocken sein müssen. Mit einem ungewöhnlichen Protagonisten und einer spannenden Handlung voller Ungewissheiten für den Leser jedenfalls nicht.
|Taschenbuch: 525 Seiten
Originaltitel: The Lincoln Lawyer
Deutsch von Sepp Leeb
ISBN-13: 978-3453435674|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de
Lesen Sie [„hier“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2461 auch unsere Rezi zur englischen Originalausgabe.
_Michael Connelly bei |buchwurm.info|:_
|Harry Bosch|
[„Schwarzes Echo“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[„Schwarzes Eis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Die Frau im Beton (Hörbuch)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3950
[„Das Comeback“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarze Engel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Dunkler als die Nacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1193
[„Dunkler als die Nacht (Hörbuch)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4086
[„Kein Engel so rein“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1702
[„The Closers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1561
[„Vergessene Stimmen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Echo Park“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3917
[„Kalter Tod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5282
[„Kalter Tod (Hörbuch)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5362
[„So wahr uns Gott helfe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6291
|Jack McEvoy|
[„Der Poet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642
[„Sein letzter Auftrag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7088
|Andere Bücher|
[„Unbekannt verzogen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Im Schatten des Mondes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„L.A. Crime Report“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4418
[„Das zweite Herz (Hörbuch)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5290
Queen, Ellery – trennende Tür, Die
_Das geschieht:_
Den MacClures aus New York City scheint in diesem Jahr 1937 eine Doppelhochzeit ins Haus zu stehen: Vater John, ein berühmter Arzt, wurde von der erfolgreichen Schriftstellerin Karen Leigh erhört, während Kollege Dr. Richard Barr Scott erfolgreich um MacClures Adoptivtochter Eva warb. Bevor die Feierlichkeiten beginnen, begibt sich der kränkelnde MacClure zur Erholung auf eine Europa-Reise.
Als Eva Karen besuchen möchte, findet sie die Autorin mit durchschnittener Kehle in ihrem Schlafzimmer. Unbedacht nimmt Eva das Mordwerkzeug – die Hälfte einer zerbrochenen Schere – in die Hand und hinterlässt darauf ihre Fingerabdrücke. Diese Panik-Reaktion wird ihr zum Verhängnis, denn Inspektor Richard Queen, dem der Fall übertragen wurde, will sie als Mörderin festnehmen.
Auf dem Schiff, das ihn in die USA zurückbringt, lernt Dr. MacClure Queens Sohn kennen: Ellery Queen ist nicht nur ein bekannter Verfasser von Kriminalromanen, sondern auch ein fähiger Privatdetektiv. Natürlich kann er nicht widerstehen, sich in den Fall einzumischen, der ihm längst nicht so eindeutig scheint wie seinem misstrauischen Vater. In der Tat stößt Ellery auf eine bizarre Familientragödie: Vor vielen Jahren erschoss Esther, Karens Schwester, ihren Gatten, MacClures Bruder Floyd. Der tragische Unfall raubte ihr den Verstand und trieb sie in den Selbstmord.
Allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass Esther stattdessen von Karen im Dachgeschoss ihres Hauses quasi gefangen gehalten wurde, wo sie jene Romane schrieb, für die ihre Schwester den Ruhm beanspruchte. Hat Esther sich endlich befreit und gerächt, oder ist doch Eva die Mörderin, nachdem sie mit der Geschichte ihrer wahren Herkunft konfrontiert wurde …?
_Eine Rettung, die verdrießt_
In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gehörten die Ellery-Queen-Krimis der Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee zu den Bestsellern des Genres. Das geschäftstüchtige Autorenduo suchte jedoch nach Möglichkeiten, den Erfolg auszuweiten. Das Frauen-Magazin „Cosmopolitan“ interessierte sich für den Vorabdruck neuer Queen-Krimis. Aufgrund der enormen Auflagenzahl war dies ein Angebot, dem Dannay & Lee nicht widerstehen konnten.
Allerdings gab es eine Bedingung: Ellery Queen musste frauenaffiner nach „Cosmo“-Standards werden. Bisher löste er klassische Kriminal-Rätsel und dabei gern ‚unmögliche‘ Morde in von innen fest verschlossenen Räumen. Die Spurenlage wurde spannend verwirbelt, um anschließend akribisch rekonstruiert zu werden. Im Vordergrund standen die Indizien, während die in den Fall verwickelten Figuren eher notdürftig charakterisierte Statisten blieben.
Damit ließen sich die Leserinnen von „Cosmo“ & Co. nicht zufriedenstellen. Sie forderten Gefühlstiefe. Aus Figuren sollten Menschen werden – allerdings keine realistischen Menschen. Die Frau wird nicht nur vom Detektiv aus Krimi-Not gerettet, sondern findet bei dieser Gelegenheit gleich Mr. Right. Das Ergebnis bildete erwartungsgemäß ein wüstes Klischee-Gemenge, das anders als der „Whodunit“-Krimi nicht nur alltagsfern, sondern zusätzlich kitschig und verlogen war.
|Erdolcht die Heldin, nicht das Opfer!|
In „Die trennende Tür“ muss Ellery Queen immer wieder aus der Handlung weichen, die stattdessen aus der Sicht Eva MacClures geschildert wird. Diese ‚Heldin‘, die ganz klassisch in einen falschen Verdacht gerät, gehört zu den ärgerlichsten Figuren, die sich Dannay & Lee jemals aus den Hirnen gewrungen haben. Sie allein rechtfertigt den seltenen Rezensenten-Ratschlag, in Deutschland lieber zur gekürzten Neuauflage dieses Romans als zur ungekürzten Erstausgabe zu greifen, da den Kürzungen die schlimmsten Kitsch-Ergüsse zugunsten des Krimi-Geschehens zum Opfer fallen.
Sollte Eva MacClure die ‚typische‘ Frau des US-Jahres 1937 darstellen, hat die Menschheit in der Überwindung eines schauerlichen Frauenbildes tatsächlich Entwicklungsfortschritte erzielt. Zwanzig Jahre ist dieses „Mädchen“ zum Zeitpunkt des Geschehens – angeblich, denn in Wort und Tat wirkt sie jederzeit wie eine Halbwüchsige. Jegliche Aufregung – man könnte auch sagen: das wahre Leben – blieb ihr als Tochter einer Upper-Class-Familie bisher erspart. Dies ist sogar erforderlich, um sie ehetauglich zu erhalten, denn nur an der Seite eines Mannes existiert dieses ebenso erbärmliche wie lästige Geschöpf, dessen Schmalspur-Denken ein Arzt perfekt so auf den Punkt bringt: |“Besorgen Sie sich für ein paar hundert Dollar neue Kleider und einen Mann, und Sie werden keine Beschwerden mehr haben.“| (S. 17)
Eva denkt nicht, für sie wird gedacht. Jede Krise lässt sie in Tränen ausbrechen, worin sie von den Männern in ihrer Umgebung bestärkt wird, statt in den Hintern getreten zu werden. „Wo ist Dick?“, greint sie ständig, statt Inspektor Queen schlicht zu schildern, was sie im Schlafzimmer der ermordeten Karen getan hat; wahlweise muss auch Big Daddy sie stützen. Die Zumutung, das eigene Hirn in Gang zu setzen, erschöpft sie entweder oder lässt sie ohnmächtig umsinken. Zwischenzeitlich resigniert Eva und will sich bereitwillig ins Gefängnis werfen lassen, um endlich ihre Ruhe zu haben.
|Das unmögliche aber geschehene Verbrechen|
Sobald die händeringende und dabei an den Nerven des Lesers zerrende Eva-Gans in den Hintergrund verbannt wird, gewinnt „Die trennende Tür“ an Fahrt und Spannung. Ellery Queen findet zu seinen eigentlichen Qualitäten zurück: Er klärt ein an sich unmögliches Verbrechen auf – eine Prozedur, die trotz der altmodischen Methoden fasziniert. Dannay & Lee stellen sich wieder der typischen „Whodunit“-Herausforderung und kreieren eine Übeltat, die sie in allen Details schildern und dennoch Verwirrung stiften: Karen Leigh stirbt in einem Raum, vor dessen Eingangstür Eva steht, während die zweite Zimmertür eindeutig verschlossen ist. Wir können Inspektor Queen verstehen, der Eva verhaften will, denn der gesunde Menschenverstand gebietet, dass sie die Täterin sein muss.
Nur der Leser und Ellery Queen sind anderer Meinung – der eine hat zwar keine Ahnung, was geschehen ist, aber er vertraut dem anderen, der das Mysterium im großen Finale lösen wird. Bis es soweit ist, gilt es mancher falschen Spur zu folgen, während die Not der Heldin (sogar ungeachtet ihres Quallen-Hirns) immer akuter wird. Außerdem werden ganz nebenbei ‚unwichtige‘ Details eingestreut, die bei der Klärung selbstverständlich den Ausschlag geben werden.
Nur Ellery Queen verfügt über einen Geist, der sich über die Denkmuster und Konventionen der ebenfalls in den Fall verwickelten Personen erheben kann. Selbst sein Vater folgt stur der Dienstvorschrift. Immer wieder will er Eva festnehmen; er überlässt es dem Gericht zu entscheiden, ob die Beweise eine Verurteilung rechtfertigen.
|Alles wird gut – plus Epilog|
Doch die hysterische Eva fordert auch von Ellery Queen ihren Tribut. Ihr irrationales Verhalten lässt ihm buchstäblich nicht die Zeit, so sorgfältig wie sonst zu ermitteln. Er kann die Beweise für Schuld oder Unschuld nicht präsentieren, sondern muss sie postulieren; sie werden erst anschließend gesucht und gefunden. Dabei werden die Gesetze der Wahrscheinlichkeit arg gedehnt: Die Rekonstruktion der Mord-Ereignisse ist schlüssig aber eben auch grotesk.
Darüber hinaus muss sich Queen gegen einen zweiten Detektiv behaupten. Die Handlung benötigt diesen übertrieben kernigen Terry Ring nicht, der daher kontraproduktiv wirkt. Des Rätsels Lösung ist simpel: Da Ellery Queen als gattenfreie Projektionsfigur für schwärmerische Leserinnen erhalten bleiben soll, muss Ring einspringen und schließlich Eva heiraten.
Die alte Form beweisen Dannay & Lee, wenn sie die dumme Eva endlich aus dem Geschehen streichen: Nachdem der Tod von Karen Leigh geklärt ist, schließt sich ein ausführlicher Epilog an. Das seltsame Ende der betrügerischen Autorin erfährt eine gänzlich neue Dimension, als Queen der MacClureschen Familientragödie in letzter Sekunde (bzw. auf den letzten Buchseiten) eine gänzlich unerwartete Wende gibt. Für solche Einfälle liebte und liebt man Ellery Queen; hier versöhnt der Twist (zum Teil) mit den schmalzigen Sentimentalitäten, die einem soliden Krimi aufgepfropft wurden.
_Autoren_
Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.
Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!
In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.
|Taschenbuch: 156 Seiten
Originaltitel: The Door Between (New York : Frederick A. Stokes 1937)
Übersetzung: N. N.
ISBN-13: 978-3-502-51661-3|
[http://www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de
[Autorenhomepage]http://neptune.spaceports.com/~queen
_“Ellery Queen“ bei |Buchwurm.info|:_
[„Chinesische Mandarinen“ 222
[„Der nackte Tod“ 362
[„Drachenzähne“ 833
[„Das Geheimnis der weißen Schuhe“ 1921
[„Die siamesischen Zwillinge“ 3352
[„Der verschwundene Revolver“ 4712
[„Der Giftbecher“ 4888
[„Das Haus auf halber Straße“ 5899
[„Und raus bist du!“ 6335
[„Schatten über Wrightsville“ 6362
[„Spiel mit dem Feuer“ 6459
Rubenfeld, Jed – Todesinstinkt
_Das geschieht:_
Am 16. September 1920 treffen sich zwei alte Freunde auf der Wall Street in New York. Jimmy Littlemore, Beamter der New Yorker Polizei, freut sich, Dr. Stratham Younger, einen ehemaligen Psychoanalytiker, mit dessen Unterstützung er vor vielen Jahren einen aufsehenerregenden Fall lösen konnte, wiederzusehen. Younger ist in Begleitung der jungen Physikerin Colette Rousseau, die in den USA die Erkenntnisse ihrer Lehrerin, der großen Madame Curie, verbreiten will.
Um 12.01 Uhr endet das Wiedersehen jäh und spektakulär, als vor dem Bankhaus J. P. Morgan eine gewaltige Bombe detoniert. 38 Menschen sterben, hunderte werden schwer verletzt. Littlemore, Younger und Rousseau überleben. Der Polizist will sofort die Ermittlungen aufnehmen, wird jedoch vom noch jungen aber mächtigen FBI und dessen hochmütigen Leiter William J. „Big Bill“ Flynn ausgebremst, der die Tat unbedingt italienischen Anarchisten in die Schuhe schieben will.
Littlemore verlässt sich auf akribische Indizienauswertung und kommt zu einem gänzlich anderen Ergebnis. Er hält es nicht für einen Zufall, dass just am Tage der Explosion im alten Schatzamt auf der Wall Street damit begonnen wurde, US-Gold im Wert von 1 Milliarde Dollar in die angrenzende Münzanstalt zu transportieren. Weitere Spuren führen ins angrenzende Mexiko. Dort versucht die Regierung seit Jahren vergeblich, den festen Griff diverser Wall-Street-Magnaten auf die Ölfelder des Landes zu lockern. Sollte dem durch Terror Nachdruck verliehen werden? Schon rüsten die USA für einen Vergeltungsschlag gegen Mexiko. Littlemore, den es inzwischen nach Washington verschlagen hat, muss quasi im Alleingang versuchen, diesen Krieg zu verhindern, was die Verschwörer, die zudem in hohen Regierungsämtern sitzen, natürlich nicht tatenlos geschehen lassen …
_Historischer Terror und seelische Abgründe_
Der Historienkrimi ist Herausforderung und Hilfe zugleich für den Schriftsteller. Die zeitgenössische Realität der gewählten Bühne muss zwar recherchiert werden, doch die dabei ermittelten Fakten verschaffen dem geplanten Werk bereits ein Gerüst, auf dem die fiktive Handlung ruht bzw. in dessen Lücken sie eingebettet werden kann.
Denn Lücken müssen sein oder werden der Fiktion vom Verfasser künstlich geschaffen. Der Anschlag vom 16. September 1920 bietet beide Möglichkeiten. Einerseits wurden die Hintergründe dieser Tat nie geklärt, was Jed Rubenfeld gestattet, seine Version der Ereignisse zu entwickeln. Andererseits lässt er zahlreiche reale Zeitgenossen auftreten, folgt korrekt der historischen Chronologie und lässt seine Geschichte an tatsächlich existierenden Orten spielen. In einem Nachwort erläutert Rubenfeld sein Vorgehen und gibt zudem an, wo er die Realität ein wenig bog, um sie der Handlung zu unterwerfen – ein völlig legitimes Vorgehen, das daran erinnert, dass der Historienkrimi die Vergangenheit unterhaltsam instrumentalisiert, ohne ihr sklavisch ergeben sein zu müssen.
Freilich zieht Rubenfeld seiner Geschichte buchstäblich eine zweite Ebene ein. Jimmy Littlemore und Dr. Younger treten zwar im selben Roman auf und treffen sich dabei oft, aber sie erleben unterschiedliche und voneinander unabhängige Abenteuer. Während Littlemore den Hintermännern des Anschlags hinterher ist, gerätt Younger wieder einmal in eine Odyssee durch die Abgründe der menschlichen Seele, die ihn immerhin mehrfach über den Atlantik sowie per Eisenbahn, Motorrad und sogar Flugzeug kreuz und quer durch Mitteleuropa führt.
|Die Quadratur des Kreises|
Schon in seinem Romanerstling „The Interpretation of Murder“ (2006; dt. „Morddeutung“) versuchte Rubenfeld, einen Kriminalfall mit seinem Wissen über die Anfänge der modernen Psychoanalyse zu kombinieren. Im Studium hatte er über Sigmund Freud gearbeitet, der deshalb im genannten Debüt persönlich in das Geschehen eingriff. „Morddeutung“ spielte 1909, was dem Verfasser ermöglichte, Freud in die USA zu bringen, denn dieser besuchte die Vereinigten Staaten im genannten Jahr tatsächlich.
„Todesinstinkt“ spielt elf Jahre später. Freud lebt und bleibt historisch korrekt in Wien. Die Wall-Street-Bombe explodiert in New York. Eine Verbindung zwischen den Ereignissen in Österreich und in den USA gibt es nicht, was Rubenfeld dadurch zu kaschieren versucht, dass er die beiden Stränge im Finale trotzdem verzwirbelt. Dies funktioniert nicht wirklich; der Leser hört die Handlungsmaschine unter der dünnen Ereignisdecke unrund rattern.
Der gesamte Freud-Strang ließe sich nicht nur problemlos, sondern auch zu ihrem Nutzen aus der Geschichte eliminieren. Vage stellt Rubenfeld leitmotivisch den „Todesinstinkt“ über seinen Doppel-Roman. Er will keinen einfachen Krimi erzählen, sondern bemüht sich um eine Diagnose der globalen Gefühlslage um 1920. Der Erste Weltkrieg hatte nicht nur das Gesicht der Welt verändert, sondern in Sachen Grausamkeit und Tod gänzlich neue Maßstäbe gesetzt. Durch Sigmund Freuds Mund postuliert Rubenfeld den Anbruch einer neuen Ära, in der nicht mehr für ein Ziel, sondern anonym und um des Tötens willen gemordet wird. Der Autor schlägt einen Bogen, der 1920 beginnt und am 11. September 2001 nicht endet, sondern einen Höhepunkt findet; eine These, über diskussionswürdig ist, doch nicht an dieser Stelle, nicht in diesem Roman, der im Finale zumal die Theorie vom „Todesinstinkt“ negiert, schnöde, zeitlose Motive wie Machthunger, Geldgier oder Rache offenbart und selbst den genialen aber verrückten Psychopathen aufleben lässt.
|Historienkrimi plus Literatur?|
Rubenfeld entwirft ein kompliziertes Rätsel, das er souverän nach und nach entwirrt. Die Lösung mag nicht sehr originell sein, aber die meisten Geheimnisse enttäuschen, sobald sie keine mehr sind: Hinter verborgenem Tun stecken meist sehr profane Gründe. Der USA-Handlungsstrang macht deshalb Spaß. Der Verfasser hat ihn im Griff, er hat ein gutes Gespür für Timing und keine Furcht vor spektakulären Effekten. Selbst vor Elementen des Horrors schreckt Rubenfeld nicht zurück, ohne es dabei so zu übertreiben wie mit seinen Krieg-ist-die-Hölle-Klischees.
Künstlich und überdramatisiert wirkt auch die Lovestory zwischen Stratham Younger und Colette Rousseau. Rubenfeld sucht sein Heil im publikumskonformen Entwurf einer früh gleichberechtigten aber von den Gesetzen und Regeln ihrer Zeit geknechteten Frau, die darüber hinaus ihrem kriegsneurotischen Bruder die Eltern ersetzen muss, sich an einem Schurken rächen will, an der Seite von Marie Curie Pionierarbeit als Physikerin leistet und außerdem atemberaubend hübsch ist. Die Leiden der Colette R. haben mit dem eigentlichen Thema höchstens beiläufig zu tun und lenken unnötig davon ab, muss das Urteil daher lauten. Seltsam, dass niemand aus der kopfstarken Schar, der Rubenfeld für Unterstützung und Feedback dankt, ihn darauf hingewiesen hat.
|Das augenfreundliche Buch|
Die Bedeutung einer Geschichte lässt sich nach Auffassung des deutschen Verlags offenbar an der Breite des Buchrückens ermessen. Was sich im Original über etwas mehr als 450 Seiten erstreckt, wird hierzulande auf 624 Seiten aufgeblasen. Mächtige Buchstaben und großzügige Zeilenabstände sorgen für ein wahrlich (ge-) wichtiges Werk. Da sich dies immerhin nicht in einem höheren Kaufpreis niederschlägt, bleibt höchstens die Klage über das Mehr an Bäumen, die zu Papierbrei zerquetscht werden mussten …
Wenn von „Big Bill“ Flynn und seinen Agenten die Rede ist, spricht Rubenfeld (oder ist es sein Übersetzer?) übrigens stets vom „Federal Bureau of Investigation“, also dem heute bekannten FBI. Es wurde allerdings 1908 als „Bureau of Investigation“ gegründet und trug diesen Namen bis 1935.
_Autor _
Jed Rubenfeld (*1959) studierte zunächst an der Princeton University und später an der Harvard Law School Jura. Seinen Abschluss machte er 1986; gleichzeitig studierte er Kunst und Literatur an der Juilliard School of the Performing Arts. Ab 1986 arbeitete Rubenfeld für eine Anwaltskanzlei in New York. Später wurde er ein Assistent des Staatsanwaltes in New York. Außerdem lehrte er an der Duke University School of Law als Gastdozent. 1990 wechselte Rubenfeld gänzlich in die Lehre und ging als Dozent zur Universität Yale, wo er 1994 zum Professor ernannt wurde. Sein Spezialgebiet ist das Verfassungsrecht, das er nicht nur in Yale, sondern u. a. als Gastdozent der Stanford University School of Law lehrt.
Bereits während seiner Studienzeit in Princeton beschäftigte sich Rubenfeld mit Sigmund Freud. Dieses Wissen floss 2006 in seinen Romanerstling „The Interpretation of Murder“ (dt. „Morddeutung“) ein, der den berühmten Vater der modernen Psychoanalyse während eines (realen) USA-Aufenthaltes 1909 als Berater in einem (fiktiven) Mordfall präsentiert. Dem erfolgreichen Debüt ließ Rubenfeld – der keineswegs hauptberuflicher Schriftsteller, sondern weiterhin Jurist und Dozent ist – 2010 eine ähnlich erfolgreiche Fortsetzung folgen.
Mit seiner Familie lebt und arbeitet Jed Rubenfeld in New Haven im US-Staat Connecticut.
|Gebunden: 624 Seiten
Originaltitel: The Death Instinct (London : Headline Publishing 2010)
Übersetzung: Friedrich Mader
ISBN-13: 978-3-453-26703-9
Als eBook: April 2011 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-05945-3|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
_Jed Rubenfeld bei |Buchwurm.info|:_
[„Morddeutung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4259
Parker, Robert B. – Rough Weather (Spenser 36)
_Die Spinne im Netz: Spenser unter Superreichen_
Spenser wird der superreichen Heidi Bradshaw engagiert, auf der Hochzeit ihrer Tochter Adelaide für mehr Sicherheit zu sorgen. Das kommt dem Bostoner Privatdetektiv spanisch vor, denn Heidis Privatinsel verfügt ja schon über einen privaten Sicherheitsdienst. Doch wie sich herausstellt, ist Spensers Anwesenheit vor dem Traualtar notwendiger denn je …
Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.
_Der Autor_
Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren “ er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 60 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der „Spenser“-Reihe wohl seine neun „Jesse Stone“-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wurde vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.
Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker „The Big Sleep“ (mit Bogart und Bacall) und mit „Poodle Springs“ einen unvollendeten Chandler-Krimi zu Ende. „Gunman’s Rhapsody“ ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.
_Handlung_
Die superreiche Gesellschaftsdame Heidi Bradshaw, rund 40, engagiert Spenser, um auf der Hochzeitsfeier ihrer Tochter Adelaide für mehr Sicherheit zu sorgen – sie „hätte gerne einen starken Mann an ihrer Seite“. Angesichts des fetten Schecks, den sie vorab ausstellt, sagt Spenser nicht nein, wundert sich aber doch: Heidis Privatinsel Tashtego Island verfügt selbst über einen gut bestückten Sicherheitsdienst. Wovor also hat sie Angst?
Um gegen die eventuellen Verführungsversuche der mal wieder geschiedenen Heidi gefeit zu sein, nimmt Spenser seine Lebensgefährtin Dr. Susan Silverman mit auf die Insel. Susan staunt nicht schlecht über die noble Hütte, in der man sie unterbringt. Im Wohnzimmer könnte man locker eine Partie Golf spielen. Und jedes Schlafzimmer verfügt selbstredend über sein eigenes Bad.
Lediglich die Qualität der Gäste lässt zu wünschen übrig. Pikiert bemerken Spenser und Susan, dass Heidi auf höchst subtile Weise sticheln und herabsetzen kann. Dann jedoch wird ihre Aufmerksamkeit von einem Gast der Extraklasse abgelenkt: der Graue Mann ist angekommen, wie stets ganz in Grau gekleidet. Spenser erkennt den Auftragsmörder Rugar sofort wieder, der ihm vor zehn Jahren (1997 in „Small Vices“) fast den Garaus gemacht hätte. Spenser glaubt nicht so recht, dass das gleichzeitige Auftauchen von Rugar und seiner selbst ein Zufall ist. Ein Sturm zieht auf. Ein echter.
Die Trauungszeremonie findet in der zur Kapelle umdekorierten Bibliothek statt. Spenser und Susan sitzen auf den von Heidi angewiesen Plätzen. Kaum hat der Reverend die Zeremonie begonnen, stürmen sechs maskierte Bewaffnete herein und halten die Gäste in Schach. Rugar schießt den Reverend in den Kopf und als auch der Bräutigam protestiert, hat auch dessen letztes Stündlein geschlagen. Die Braut sinkt ohnmächtig zu Boden.
Es ist bemerkenswert, dass der Graue Mann sofort weiß, wo Spenser sitzt. Er soll die Braut hinaus zum Helikopter tragen. Obwohl der Privatdetektiv wie stets bewaffnet ist, kann er doch nichts gegen sieben Bewaffnete ausrichten. Schon gar nichts, wenn Susan als Geisel bedroht wird. Er drückt ihr die Hand und folgt den Anweisungen. (Wo sind nur die Wachen geblieben?) Er setzt die Braut in den geöffneten Helikopter. Doch der Pilot weigert sich, bei diesem Sturm zu fliegen: Der Wind würde das Fluggerät zu Boden werfen und zerstören.
Da im Haus der Strom ausgefallen ist, ist es stockfinster, als Spenser von einem der Bewaffneten zum Haus geleitet werden soll, zu den anderen Geiseln. Doch Spenser überlistet den Ortsunkundigen. Nach einem heftigen Fight landet sein Gegner am Fuße der Klippen. Nun muss es Spenser nur noch gelingen, Susan davor zu bewahren, in die Hand des Grauen Mannes zu fallen, sonst hätte Spenser verspielt.
Vorsichtig nähert sich der Privatdetektiv wieder dem Haupthaus …
_Mein Eindruck_
Ein hammerharter Actionauftakt für diesen Roman! Doch nachdem die ganze Sache überstanden ist, tauchen die ersten Fragen auf. Ein derart aufwendiges Kidnapping ist überhaupt nicht Rugars Stil. Der Graue Mann hält sich viel lieber im Hintergrund und arbeitet alleine. Zweitens hätte es ja gar nicht all des Brimboriums bedurft, um Adelaide zu entführen. Das hätte Rugar ja auch erledigen können, wenn sie gerade vom Shopping kam. Also, was sollte der Scheiß?
Das fragen sich nicht nur Spenser und Susan, sondern Captain Healy von der Staatspolizei und Agent Epstein vom FBI. Und da sie Besseres zu tun haben, als dumme Fragen zu stellen, macht sich Spenser an die Arbeit, um dieses Rätsel aufzuklären. Er hat das Gefühl, dass er diese Scharte auswetzen muss. Hilflos musste er mit ansehen, wie die junge Frau entführt wurde. Ob sie wohl noch am Leben ist?
Seltsamerweise wendet sich Heidi Bradshaw mit keiner Silbe an ihn. Sie fragt nicht nach seinem und Susans Wohlergehen, obwohl sie ihn doch eingeladen hatte. Wozu eigentlich genau, fragt er sich. Hat sie womöglich mit der Organisation der Entführung und den Morden selbst zu tun? Das gilt es herauszufinden. Spenser setzt er sich zusammen mit seinem Kumpel Hawk auf Heidis Fährte und stößt auf einige höchst unerfreuliche Fakten.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Spur zurück zum Auftraggeber führt. Und nicht das erste Mal, dass der Auftraggeber selbst der schlimmste Finger in diesem ganzen Schlamassel ist. Aber Heidi Bradshaw denkt wohl, sie könne einen kleinen Privatdetektiv, den ihr ein Anwalt empfohlen hat, mit Sex um den Finger wickeln, mit ihrem Geld beeindrucken und mit ihrem Sicherheitsdienst – immerhin sechs Bewaffnete! – einschüchtern. Da gerät sie aber bei Spenser an den Falschen. Er zerlegt ihren neuen Leibwächter zu Kleinholz.
Zusammen mit Hawk unterläuft er einen weiteren Anschlagsversuch. Vier Volltrottel, die nicht mal die englische Sprache beherrschen, wollen sie erledigen? Lachhaft! Wenig später liegt der Drahtzieher des Anschlags tot auf der Hauptstraße – kein schöner Anblick für die braven Bostoner Bürger. Aber wer steckt hinter diesem Amateur?
Auf der Suche nach Adelaide Van Meer, Heidi Bradshaws Tochter aus ihrer zweiten Ehe – sie ist inzwischen dabei, Ehemann Nummer drei um sein Geld zu bringen – stößt Spenser auch auf den unglückseligen Bräutigam Maurice: Der junge Mann war schwul, während Adelaide lesbisch ist. Na, da haben sich ja zwei Turteltäubchen gefunden, denkt Spenser.
Doch etwas scheint mit der zwanzigjährigen Frau ernsthaft nicht zu stimmen. Ihre Schwester erzählt, sie habe versucht, sich auf dem College mit 20 Schlaftabletten umzubringen. Warum sollte sie so etwas tun? Und welcher Arzt betreut eigentlich diese merkwürdige Familie? Die Antworten sind höchst beunruhigend. Der Arzt ist ein Quacksalber und Adelaide wurde seit Jahren sexuell missbraucht. Rugar ist bestimmt nicht dafür verantwortlich, so gut kennt er den Auftragsmörder jedenfalls. Doch wer dann?
Je mehr Spenser findet, desto gruseliger wird dieser Fall. Und das erinnerte mich an den „Jesse Stone“-Krimi „Sea Change“ (2006; siehe meinen Bericht), in dem es ebenfalls um einen wahrhaft grauenerregenden Fall von Kindesmissbrauch geht. Mehr sei nicht verraten.
_Unterm Strich_
Nach dem actionreichen Auftakt von rund 60 Seiten erfährt der Fall eine unerwartete und erfreuliche Wendung nach der anderen. Die Fülle von Erkenntnissen, unterbrochen von diversen Konfrontationen, wirkt wie ein Sog auf das Bewusstsein des Lesers. Doch wenn man meint, man hätte jetzt endlich alle Antworten, bekommt die Story eine erneute, finstere Wendung. Erst das finale Gespräch Spensers mit Rugar und Adelaide beantwortet alle Fragen. Doch was fängt man nun mit dem Kidnapper und Mehrfachmörder an?
Wieder einmal gewährt Parker einen Blick in den Abgrund, den der amerikanische Traum ermöglicht. Heidi Bradshaws Selbsterfindung beruht auf Sex, Lügen und Erpressung. Nachdem sie einen anderen Namen angenommen hat, gewährt sie Sex und nimmt dann die hörigen Ehemänner systematisch aus. Doch ihr Hunger bleibt ungestillt: Sie hat es auch auf die Familie ihres Schwiegersohns abgesehen. Wenn Spenser sie damit konfrontiert, streitet sie alles ab. Denn Leugnen ist die einfachste Möglichkeit, ihr eigenes Verhalten zu entschuldigen.
Die Struktur der Story gleicht der des Vorgängerbandes „Now & Then“, doch die Aussage ist eine andere. Statt der Sozialkritik an dem Terrorismusunterstützer Perry Alderson lesen wir nun die Kritik an einer ganzen Oberschicht: den Gesellschaftsdamen, die sich wie Vampire von der Lebenskraft ihrer Ehemänner ernähren – und dabei auch zerstörte Kinderleben zurücklassen. Auch dies lässt der American Dream zu, doch der Preis für seine Verwirklichung wird in Leben entrichtet.
„Rough Weather“ trägt seinen Titel zu Recht, denn der Leser wird nicht nur vom ersten Abschnitt gebeutelt, sondern auch von den Erkenntnissen, die danach folgen. Inhaltlich und stilistisch ist der Roman seinem Vorgänger „Now & Then“ überlegen, und deshalb vergebe ich gerne vier von fünf Punkten. Für die volle Punktzahl hätte ich jedoch mehr Action erwartet. Wer jedoch stattdessen mit viel Humor und einer Portion Erotik zufrieden ist, wird voll auf seine Kosten kommen.
|Taschenbuch: 301 Seiten plus Leseprobe zu „The Professional“
ISBN-13: 978-0425230176|
[Verlagshomepage]http://us.penguingroup.com/static/pages/publishers/adult/berkley.html
_Robert B. Parker bei |Buchwurm.info|:_
[„Der stille Schüler“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4066
[„Gunman’s Rapsody“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6836
[„Wilderness“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6956
„Cole & Hitch“:
1) „Appaloosa“ (2005)
2) „Resolution“ (2008)
3) „Brimstone“ (2009)
4) „Blue-Eyed Devil“ (2010)
„Jesse Stone“-Krimis:
1) [„Night Passage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6811
2) [„Trouble in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6816
3) [„Death in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6815
4) [„Stone Cold“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6810
5) [„Sea Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6812
6) [„High Profile“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6813
7) [„Stranger in Paradise“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6814
8) [„Night and Day“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6873
9) „Split Image“
Die „Sunny Randall“-Reihe:
1) [„Family Honor“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6831
2) [„Perish Twice“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6832
3) [„Shrink Rap“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6833
4) [„Melancholy Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6834
5) [„Blue Screen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6835
6) [„Spare Change“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6852
Die „Spenser“-Reihe:
01 [„The Godwulf Manuscript“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6921
02 [„God Save The Child“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6951
03 [„Mortal Stakes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6922
04 [„Promised Land“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6923
05 [„The Judas Goat“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6953
06 [„Looking for Rachel Wallace“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6954
07 „Early Autumn“
08 „A Savage Place“
09 [„Ceremony“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6952
10 „The Widening Gyre“
11 „Valediction“
12 [„A Catskill Eagle“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7066
13 [„Taming a Sea-Horse“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6839
14 „Pale Kings and Princes“
15 „Crismon Joy“
16 [„Playmates“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6867
17 [„Stardust“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6819
18 „Pastime“
19 „Double Deuce“
20 [„Paper Doll“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6818
21 [„Walking Shadow“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6820
22 [„Thin Air“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6872
24 [„Small Vices“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6829
25 „Sudden Mischief“
26 „Hush Money“
27 „Hugger Mugger“
28 [„Potshot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6821
29 [„Widow’s Walk“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6826
30 [„Back Story“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6842
31 [„Bad Business“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6840
32 [„Cold Service“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6844
34 [„Hundred Dollar Baby“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6838
35 [„Now and Then“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7117
36 [„Rough Weather“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7118
37 [„Chasing the Bear“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6837
38 [„The Professional“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6866
39 [„Painted Ladies“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6843
40 „Sixkill“
Quartey, Kwei – Trokosi
_Ermittlung auf dem Lande: Von Hexen und Heilern_
Eine strangulierte Medizinstudentin im Buschland von Ghana. Ein dubioser Dorfpriester, der verbotene Rituale pflegt. Unschuldige junge Frauen, die als Götterbräute, Trokosi, versklavt werden. Und ein Inspector, der nur widerwillig ermittelt.
Denn er hat Angst. Angst vor dem Busch, in dem einst seine Mutter verschwand; Angst vor den Abgründen, die sich vor ihm auftun, aber auch Angst um seinen schwerkranken Sohn, dem kein Heiler, sondern nur ein Londoner Herzchirurg helfen kann. Ein Spannungsroman, in dem das alte, abergläubische Afrika mit seinen Traditionen und das moderne Afrika aufeinanderprallen. (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Der Arzt Dr. Kwei Quartey wurde in Ghana geboren und als Sohn einer afroamerikanischen Mutter und eines ghanaischen Vater aufgezogen. Beide Eltern waren Uni-Dozenten. Von seiner Englischlehrerin Miss Mensah, der herzlich im Nachwort dankt, angespornt, wollte Quartey schon früh schreiben, doch er studierte erst Medizin, um Arzt zu werden.
Heute lebt er in Pasadena, Kalifornien, wo er eine Wundbehandlungsklinik leitet und der leitende Arzt eines Nothilfezentrums ist. Doch jeden Morgen, bevor er zur Arbeit geht, schreibt er an seinen Krimis.
Mehr über sich erzählt er auf [seiner Homepage]http://www.kweiquartey.com/about-kwei-quartey/qa
Er hat zwei weitere „Darko Dawson“-Romane geschrieben:
1) „Children of the Street“ (kommt im Juli 2011)
2) „Men of the Rig“ (kommt 2012)
_Handlung_
Die junge Medizinstudentin Gladys Mensah wird in der ländlichen und rückständigen Region Obervolta in Ghana erwürgt aufgefunden. Efia, eine Trokosi – Braut der Götter – des hiesigen Priesters, hat sie gefunden und ruft den heiler Isaac Kutu herbei. Erst dieser alarmiert den Dorfpolizisten Inspektor Fiti, der wiederum den Fall der Behörde in Ho mitteilt.
Doch Kriminalinspektor Darko Dawson wird nicht von Ho aus angefordert, sondern vom Gesundheitsministerium in Accra, also viel weiter oben. Offenbar ist der Fall von Gladys Mensah ganz besonders wichtig: Sie war am AIDS-Bekämpfungsprogramm der Regierung beteiligt. Da sie bereits im dritten Jahr studierte, hatte der Staat bereits eine Menge Geld in sie investiert. Und keiner soll sagen können, man könne das AIDS-Bekämpungsprogramm sabotieren. Also ereilt Dawson der Ruf, und er macht sich auf die Fahrt in jenes Land, aus dem er selbst stammt.
Jede Nacht treiben ihn die Albträume um, aus denen er schreiend neben seiner Frau Christine erwacht. Der Geist seiner Mutter ruft ihn auf, ihren mysteriösen Tod endlich aufzuklären, und führt ihn jedes Mal in einen dunklen Wald. Sie reiste von einem Besuch bei ihrer Schwester Osewa in Ketanu wieder zurück nach Accra, kam dort aber nie an. Ein Unfall kommt als Todesursache nicht infrage, denn das wäre gemeldet worden. Schließlich funktioniert die britisch geschulte Polizei und Bürokratie Ghanas.
Deshalb ist Dawson ein wenig beklommen, als er in Ketanu eintrifft. Aber ist geschult und tut seine Pflicht. Ganz im Gegensatz zu Inspektor Fiti, der jemanden aus Ho erwartet hat, mit dem er umgehen kann. Über kurz oder lang müssen die beiden aneinandergeraten. Denn Dawson hat keinerlei Respekt vor einem Heiler (lies: Hexendoktor) und einem Priester, der den ganzen Tag besoffen ist und nachts die Götterbräute vergewaltigt, die für ihn arbeiten.
Tante Osewa gibt ihm zunächst keinen Hinweis: Sie wisse nichts, habe aber die Getötete gekannt, die ja schließlich fast täglich durchs Dorf kam. Erst mit der Befragung der Eltern der Getöteten erhält Dawson einen Hinweis: Sowohl Gladys‘ Tagebuch als auch ihr silbernes Armband sind verschwunden. Beides hatte sie stets dabei. Dawson macht sich sofort auf die Suche danach – und stößt ausgerechnet an der Uni von Accra, wo Gladys studierte, auf die Spur des Tagebuches.
Unterdessen macht es sich Inspektor Fiti einfach und verhaftet den halbwüchsigen Samuel, um aus ihm ein Geständnis herauszupressen. Denn Tante Osewa hat ihn zuletzt zusammen mit Gladys in den Wald gehen sehen. Und Tante Osewa ist eine ehrenwerte Frau. Oder etwa nicht?
_Mein Eindruck_
„Trokosi“ entpuppte sich zu meiner großen Erleichterung nicht als blutige Variante von „Apocalypse Now“, sondern als ein Krimi klassischer Machart. Die Hardboiled-Vorbilder wie Raymond Chandler sind durchaus erkennbar, aber es gibt, wie zu erwarten, einige signifikante Abweichungen von dieser amerikanischen Tradition, die der ghanaische Autor in den USA assimiliert hat.
Da der Ermittler die wichtigste Figur in einem Krimi ist, kommt viel darauf an, wie er beschrieben und dargestellt ist. Darko Dawson entspricht nicht dem Klischee vom einsamen Streiter für Gerechtigkeit, der vom Leben desillusioniert ist. Vielmehr hat er eine glückliche Familie, in der ihm nur der herzkranke Sohn Hosia Sorgen macht. Für dessen Herzoperation sparen er und seine Frau Christine. Sie hegen also Hoffnung.
Weil sie auf die westliche Medizin setzen, kollidieren ihre Vorstellungen mit denen von Christines Mutter. Diese unternimmt einen folgenschweren Versuch, Hosias Herzbeschwerden von einem Wunderdoktor traditioneller Art heilen zu lassen. Dabei wird der sich wehrende Hosia schwer am Kopf verletzt. Das wiederum bringt Darko so in Rage, dass er sich eigenmächtig zur Verhaftung des heilers hinreißen lässt. Wir lernen: Darko hat eine gewalttätige dunkle Seite. Der Gedanke liegt nahe, dass es mit dem Verschwinden seiner Mutter zu tun hat. Dieser Mann hat großen Bedarf an Erlösung …
Den Weg dorthin bildet die Ermittlung. Es ist ein steiniger Weg, auf dem die alte Tradition, die das Hinterland beherrscht, mit der rationalen Realität der Großstadtmoderne im Dauerkonflikt liegt. Musste Gladys Menah sterben, weil sie die Moderne vertrat? Der Verdacht drängt sich Darko mehrmals auf. Doch die Wahrheit ist so finster wie die uralte Seele des Menschen.
Es gibt jedoch eine weitere Eigenschaft, die Darko von anderen Ermittlern unterscheidet. Er hat ein so feines Gehör entwickelt, dass er sofort merkt, wenn sich jemand verstellt und lügt. Dabei verändert sich nämlich die Klangfarbe der Stimme, zum Beispiel von sanft zu rauh usw. Mit diesem Ermittlungsinstrument stößt er an den unerwartetsten Orten auf Lügen und verborgene Wahrheiten. Mehr darf dazu nicht verraten werden, ohne die Spannung zu zerstören.
In kühler, scheinbar objektiver Prosa, wie wir sie von Raymond Chandler kennen, erzählt der Autor von den Schrecken, die das Hinterland im griff halten. Da ist der alte Priester, der seine Götterbräute als Sex- und Arbeitssklavinnen hält; da sind die Dörfler, die ihm ihre Töchter als Opfer an die Götter übergeben. Kein Wunder, dass die Trokosi nicht gegen ihn aufbegehren – das würde ja erstens die Eltern beschämen und zweitens die Götter herausfordern.
Und da ist der wohlfeile Hexenglaube, der jederzeit benutzt werden kann, um eine alleinstehende, allzu selbstbewusste Frau (wie Gladys‘ Mutter Elizabeth) zu diffamieren und zu brandmarken. Darko muss sie vor einem angeheuerten Mob retten, der „die Hexe“ erschlagen will. Weiß sie etwa zuviel über den wahren Täter?
Als Ermittler mag Darko vielleicht seine Fehler haben – er kifft, wenn er Sorgen hat und nicht mehr weiter weiß -, doch er verfügt über eine scharfe Beobachtungsgabe. Mit Hilfe dieser weiteren Gabe gelingt es ihm, den Täter schließlich doch noch zu überführen. Und zugleich damit das Verschwinden seiner Mutter aufzuklären. Erst als dies erreicht ist, findet der Geist seiner Mutter, der ihn à la „Hamlet“ heimgesucht hat, Ruhe. Aber um welchen Preis?
_Die Übersetzung _
Die Übersetzung ist fehlerfrei und ausgezeichnet gelungen. Dem Buch ist ein Glossar sowohl vorangestellt als auch angefügt. Es erklärt sämtliche landesspezifischen Begriffe und sogar die Aussprache von bestimmten Buchstabengruppen wie gy, dj, dz („dsch“) und ky („tsch“).
Die Broschurausgabe, die der Lübbe-Verlag als erstes herausgebracht hat, enthält auf den Umschlaginnenseite sogenannte Adinkra-Symbole. Sie sehen etwas schamanistisch aus. Aber sie werden in zweierlei Hinsicht wichtig. Die ermordete Gladys Mensah trug eine Bluse mit diesen Symbolen. Und die Sicht- bzw. Nichtsichtbarkeit dieser Symbole aus einer Distanz von 300 Metern entscheidet über die Glaubwürdigkeit einer Zeugenaussage. Raffiniert, was Inspektor Darko Dawson aus dieser kniffligen Aufgabe macht!
_Unterm Strich_
Die Lektüre dieses waschechten Krimis bescherte mir eine positive Überraschung. Nicht nur wurde ich dazu gebracht, den verzwickten Fall mitzulösen, sondern auf eine Reise in die vorchristliche Zeit mitgenommen, als Hexendoktoren, Flüche und Götterbräute zum leben der Landbevölkerung gehörten.
Diese Phänomene machen den Roman nicht nur einzigartig, sondern bilden auch den Gegensatz zum modernen Ghana. Der Autor stellt auf dieser Grundlage die Frage, wie sich diese Altlasten mit der Moderne vereinen und versöhnen lassen. Geht das überhaupt und ist es wünschenswert, scheint er zu fragen. Würde Ghana ohne diese Vergangenheit nicht seinen Charakter verlieren?
Die Lösung des Falls kam entgegen meinen Erwartungen – schließlich handelt es hier bloß um Bauern, oder? – relativ überraschend und mit einem gelinden Schock. Bis zum Schluss bleibt offen, wer der Täter unter den zahlreichen Verdächtigen ist. Erst als Darko Dawson sich intensiv um die ständig unterdrückten Frauen von Ketanu bemüht, um sie vor Schaden zu bewahren, kommt er der Lösung näher. Damit deutet der Autor zaghaft an, dass der Schlüssel zur Zukunft des Landes in der Befreiung der Frau liegt – eine in vielen konservativen Ohren geradezu ketzerische Andeutung.
|Hardcover: 349 Seiten
Originaltitel: Wife of the Gods
ISBN-13: 978-3785760192|
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