
Catherine Aird – Skelett mit Folgen weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Donn Cortez – CSI Miami: Der Preis der Freiheit

Die Ermittlungen ergeben, dass „Earthly Garden“ ein Unternehmen der „Vitality Method“-Klinik ist, die vom charismatischen Dr. Sinhurma geleitet wird. Der hat sich einen Namen als neuer Guru gemacht, der seinen meist prominenten und gut betuchten ‚Patienten‘ seine Lebensphilosophie verkauft. Für Caine ist „Vitality Method“ eine Sekte, die ihre Mitglieder per Gehirnwäsche und Drogen kontrolliert.
Ketchum, Jack – Amokjagd
Weil sie jahrelang von ihrem Mann gequält und missbraucht wurde, plant Carole Gardner zusammen mit ihrem Freund Lee Edwards den perfekten Mord. Es läuft auch alles mehr oder weniger wie geplant. Nur ahnt keiner der beiden Täter, dass sie einen Zeugen haben.
Wayne Lock ist seit Jahren auf der Suche nach der richtigen Gelegenheit, um endlich einen Mord zu begehen. Jetzt hat er den Nervenkitzel mit eigenen Augen miterlebt und sieht in Carole und Lee Seelenverwandte, mit denen er zusammen auf Jagd gehen kann. Doch für Carole und Lee war dieser Mord eine Notlösung und eigentlich sinnt das Pärchen auf ein wenig Frieden und ein glückliches Leben. Was die beiden allerdings in den nächsten Tagen erwartet, ist der absolute Psychoterror …
_Meine Meinung:_
Jack Ketchums Name ist mittlerweile ein Garant für den realistischen, unverfälschten Horror, bei dem selbst das Ende immer erschreckend authentisch ist. So auch im vorliegenden Roman, bei dem selbst die Protagonisten Täter sind und niemand wirklich frei von Schuld ist. Ketchums Charaktere sind immer lebensecht und keine strahlenden Helden. Fast jeder trägt ein dunkles Geheimnis und ganz normale, menschliche Schwächen in sich, so auch diesmal Carole Gardner, Lee Edwards und der Polizist Rule. Wayne Lock hingegen ist der typisch amerikanische Psychopath, wie man ihn des Öfteren auch in den Büchern von Dean Koontz und Stephen King trifft; dabei offenbart sich dem Leser das beklemmende Profil eines teuflischen Mörders mit absolut soziopathischen Charakterzügen.
Die Verquickung des wahllos mordenden Amokläufers mit einem kühl und präzise planenden Serienkiller wirkt bei Ketchum äußerst bedrohlich und durchaus denkbar. Dabei frönt der Autor seinem unverwechselbaren Stil, bei brutalen Morden und Vergewaltigungen nicht abzublenden, sondern schonungslos weiterzuschreiben, bis ins Detail. Hier fragt man sich allerdings, ob eine solche Offenheit wirklich nötig ist und vor allem gewünscht wird. „Amokjagd“ liest sich nichtsdestotrotz sehr rasant und weist ein unglaubliches Tempo auf, das bis zum Schluss anhält. Leider wird der Lesefluss an einigen Stellen durch eklatante Druckfehler gestört, wenn beispielsweise ganze Wörter vertauscht werden, wie auf Seite 174: |“In einer weißen Glasschüssel befand sich noch etwa kleine Pfütze Wasser.“|
Auffallend ist die Themenvielfalt des Schriftstellers. „Amokjagd“ ist die dritte deutsche Übersetzung eines Buches von Jack Ketchum. Während sich „Beutezeit“, sein erster publizierter Roman, mit einer Horde Kannibalen beschäftig und [„Evil“ 2151 von der brutalen Folter eines Mädchens handelt, schlägt „Amokjagd“ wieder eine vollkommen andere Richtung ein. Gemein ist den Werken des Autors nur das hohe Maß an erschreckend authentischer Brutalität.
Wen das nicht stört und wer starke Nerven mitbringt, der bekommt einen unheimlichen und gut durchdachten Psychothriller serviert, denn man nicht so einfach verkraften wird. Wer hingegen einfach einen spannenden Unterhaltungsroman sucht, der sollte sich woanders umsehen, denn Ketchums Romane sind real und beklemmend zugleich.
Die Aufmachung des |Heyne|-Verlags ist dieses Mal nicht ganz so gut gelungen wie bei den ersten beiden Werken, die ebenfalls in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen sind. Allerdings stechen der blutrote Schriftzug und der schwarze Einband sofort ins Auge und zeigen dem Leser auch äußerlich, worauf er sich in den kommenden 288 Seiten einrichten kann. Im Gegensatz zu den Bänden [„Beutezeit“ 4272 und „Evil“ gibt es dieses Mal allerdings weder ein Vor- noch ein Nachwort.
_Fazit:_
Erschreckend beklemmendes Horrorszenario mit vielschichtigen Charakteren. Die schonungslose Brutalität ist nicht für jeden Leser geeignet, und wie alle Bücher von Ketchum eignet sich auch „Amokjagd“ nicht als reine Unterhaltungslektüre. Wer sich allerdings näher mit menschlichen Abgründen auseinandersetzen möchte, der wird bei Jack Ketchum anspruchsvoll bedient.
|Originaltitel: Joyride, 1995
Originalverlag: Overlook Connection
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Taschenbuch, 288 Seiten|
http://www.jackketchum.net
http://www.heyne-hardcore.de
_Florian Hilleberg_
Hamilton, Donald – Wenn alle Stricke reißen
_Das geschieht:_
Student David Young sieht sich vier Jahre nach Ablauf seines Wehrdienstes wieder einberufen. Der junge Leutnant der US-Marine muss per Anhalter zu seinem Stützpunkt reisen, nachdem er sein Reisegeld für ein alkoholgetränktes Abschiedswochenende zweckentfremdete. Unter den Nachwirkungen leidet er noch, sodass es leicht ist, ihn in eine Falle zu locken: Der Schiffskonstrukteur Lawrence Wilson ist beruflich und privat in der Krise, seit er als potenzieller ‚Kommunist‘ auf der schwarzen Liste steht. Sein Fahrgast kommt ihm gerade recht; spontan beschließt Wilson, in Youngs Haut zu schlüpfen. Er schlägt den Offizier nieder, zieht im seine Kleider an und türkt einen Unfall, bei dem sein Wagen – und Young – in Flammen aufgeht.
Aber Young kann sich retten. Mit Brandverletzungen wird er ins Krankenhaus gebracht. Als er erwacht, muss er verwirrt feststellen, dass ihn alle Welt für Lawrence Wilson hält – seine ‚Gattin‘ Elizabeth eingeschlossen, die ihn sogleich ins gemeinsame Strandhaus in Bayport transportieren lässt. Dort gesteht sie Young, in Notwehr ihren Mann erschossen zu haben, als dieser sie zwingen wollte, den Betrug zu unterstützen, und bittet den Verletzten um Hilfe, da sie nicht ins Gefängnis wandern will.
Young erklärt sich wider Erwarten bereit, die Täuschung aufrechtzuerhalten. Er hat seine Gründe, und außerdem wird er neugierig, als er Wilsons Papiere durchstöbert und dabei auf eine mysteriöse Liste mit Schiffsnamen stößt. War Wilson tatsächlich ein Spion? Das will Young feststellen, so lange ihn sein Gesichtsverband noch schützt, und Bonita Decker aushorchen, die offenbar nicht nur Wilsons Geliebte, sondern auch seine Komplizin war. Dieses Doppelspiel ist freilich gefährlich, denn Elizabeth gedenkt nicht, ihren ‚Ehemann‘ ziehen zu lassen. Dass es noch weitere Beteiligte gibt, die nicht lange fackeln, erkennt Young, als in der Nacht auf ihn geschossen wird …
_Kleiner Krimi mit großen Rätseln_
Ein Krimi-Kammerspiel, das in einem einsamen Strandhaus spielt. Es gibt nur wenige Mitspieler, und mindestens ein Verbrechen ist begangen worden. Dennoch ist „Wenn alle Stricke reißen“ (für den blöden deutschen Titel kann der Autor nichts) kein „Whodunit?“, denn nicht nur der Täter, sondern überhaupt bleibt unklar, was eigentlich vorgeht. Es gibt nur Andeutungen, die sich immer wieder als nicht zutreffend oder relevant erweisen. Gemeinsam mit dem Helden irren wir durch das Geschehen – einem ‚Helden‘ allerdings, der selbst recht suspekt wirkt.
Warum macht er das? Gemeint ist David Young, der den Leser verblüfft, als er die seltsame Scharade, in die er sich verwickelt sieht, erst einmal mitspielt, statt sich sofort als Unfall- und Fast-Mordopfer zu offenbaren. Verfasser Hamilton lässt uns einige Zeit im Ungewissen, doch als Young dann spricht, zeigt sich umgehend, dass er sehr gut in den Kreis seiner ‚Kidnapper‘ passt: Der Seemann hat kein Bedürfnis, auf ein Schiff zurückzukehren. Seit er im Krieg einen Untergang knapp überlebte, leidet er unter einer Psychose und befürchtet zu versagen, sollte er seinen Dienst wieder antreten müssen.
Als er sich besinnt und sich seiner Verantwortung stellen möchte, ist es zu spät: Für alle Welt ist er Larry Wilson, und damit das so bleibt, wird dem nunmehr in seiner Rolle gefangenen Young mit dem Tod gedroht; schließlich ist er offiziell gestorben, und es wäre hilfreich, ihn noch einmal und dieses Mal endgültig von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Das Spiel mit der Identität ist riskant, denn man kann in eine Person schlüpfen, die man erst recht nicht sein möchte – und ein Zurück ist manchmal nicht möglich!
_Frauen sind undurchsichtige Geschöpfe_
Zwar schwört Elizabeth Stein & Bein, genau dies nicht zu planen, doch Young bleibt verständlicherweise misstrauisch. Das Verhalten seiner ‚Gattin‘ ist in der Tat merkwürdig: Sie wirft sich ihm in die Arme und lügt doch wie gedruckt. Als Young sie zur Rede stellt, zeigt sie deutliche Anzeichen einer psychischen Störung.
Young ist in Bayport ein Außenseiter. Das ermöglicht ihm den klaren Blick hinter die Kulissen. Larry Wilson gehört zum alten Maryland-‚Adel‘, ist per Geburt wohlhabend und doch ein Gefangener seiner Herkunft. Mit seiner Frau bewohnt er ein Haus, das kein Heim, sondern Museum ist. Jedes Möbelstück ist Zeuge der Familiengeschichte und ist als solches zu behandeln. Elizabeth hatte nie eine Chance, dem Haus ihren Stempel aufzudrücken. Nur die Küche ‚gehört‘ ihr, und deshalb hält sie sich am liebsten hier auf.
Bonita Decker ist die zweite weibliche Schönheit, der mit Vorsicht zu begegnen ist. Sie weiß offensichtlich mehr über Wilsons Treiben, und sie lässt sich auch nicht durch Young täuschen. Auf welcher Seite sie steht, bleibt eine offene Frage. Andererseits ist Young ohnehin im Nachteil, weil er keine Ahnung hat, was es bedeutet, sich auf eine Seite zu schlagen …
_Das hässliche Gesicht einer Demokratie_
Die erste Hälfte der 1950er Jahre standen in den USA politisch im Zeichen eines rigiden, hysterischen und hässlichen Antikommunismus‘, dem der korrupte Senator Joseph McCarthy das passende Gesicht verlieh. „Wenn alle Stricke reißen“ spielt in dieser Zeit und wird von ihr geprägt, was dem heutigen Leser wahrscheinlich nicht auffällt, auch wenn er sich manchmal über das wundert, was er liest.
So kann man sich (glücklicherweise) kaum mehr vorstellen, dass bereits der Verdacht, mit ‚unerwünschten‘ Ansichten zu liebäugeln und entsprechenden Institutionen nahe zu stehen, einen Menschen beruflich und privat zerstören konnte. Gnadenlos wurde auf mutmaßliche Mitglieder der „Fünften Kolonne“ Jagd gemacht; sie wurden bespitzelt, auf schwarze Listen gesetzt, vor Ausschüsse und Gerichte gezerrt, ihre staatsbürgerlichen Rechte mit Füßen getreten. Unter diesem Aspekt wirkt Lawrence Wilsons Verhalten plötzlich verständlich; ihm kann die Aufmerksamkeit, die er, der ‚Kommunist‘, erregt hat, nur schaden bei dem, was er tatsächlich vorhat.
Auf der anderen Seite steht David Young, der plötzlich den Patrioten in sich entdeckt und eine Anklage als Deserteur oder den Tod riskiert, um das Geheimnis zu lüften, hinter dem sich womöglich eine sowjetische Schliche verbirgt. Er muss sich entscheiden und tut es – ein scharfer Schnitt, der ihn vom Fahnenflüchtling zum patriotischen Bürger aufwertet, was in dieser naiven Radikalität heute kaum mehr funktionieren würde. Aber letztlich erweist sich das Motiv des Landesverrats als „MacGuffin“, d. h. als für die eigentliche Handlung im Grunde nebensächliches oder unwichtiges Element. Im Vordergrund steht stattdessen der klassische Kampf zwischen Gut & Böse, den Autor Hamilton mit erfreulichem Hang zum Verwischen der Grenze in Szene zu setzen weiß. Wer welche Rolle übernimmt, ist entweder unklar oder wechselt unvermittelt: So bleibt das an sich kammerspielähnliche Geschehen bis zum Schluss spannend.
_Autor_
Donald Bengtsson Hamilton wurde am 24. März 1916 im schwedischen Uppsala geboren. Als Achtjähriger emigrierte er 1924 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten. Ab 1942 leistete Hamilton Kriegsdienst in der Navy. Er brachte es bis zum Offizier, kam aber nicht zum aktiven Einsatz, sondern blieb in Annapolis stationiert, wo er in Marineakademie der Vereinigten Staaten tätig war. Zwei erste Romane entstanden in dieser Zeit, die allerdings unveröffentlicht blieben. Hamilton hielt die Erinnerung an seine Militärzeit wach; immer wieder wurden ehemalige oder noch aktive Marine-Offiziere seine Helden, die in lebensbedrohliche, meist durch Mord eingeleitete Krisen gerieten, in denen sie auf ihre militärischen Erfahrungen zurückgreifen konnten.
Hamilton schrieb Kriminalgeschichten. 1946 gelang ihm ein erster Verkauf an „Collier’s Magazine“. In den nächsten Jahren verkaufte er zahlreiche Storys an ähnliche Publikationen. Hamiltons Romandebüt „Date with Darkness“ von 1947 war ebenfalls ein Krimi – ein klassischer, d. h. düsterer „Noir“-Thriller mit Figuren, die sämtlich gefährliche Geheimnisse hüteten. Moralische Ambivalenz, aber ein persönlicher Ehrenkodex zeichneten zukünftig den typischen Hamilton-‚Helden‘ aus.
1960 suchte der Verlag Fawcett für seine „Gold Medal“-Reihe einen neuen Serienhelden im Stil des zu diesem Zeitpunkt in den USA allerdings noch fast unbekannten James Bond. In „Death of a Citizen“ beginnt Matt Helm seine literarische Karriere. Zwischen 1960 und 1993 veröffentlichte Hamilton 27 Romane der Reihe. Ihr Erfolg war phänomenal; die Auflagenhöhe durchbrach bereits Anfang der 1980er Jahre die 20-Millionen-Grenze.
Nachdem Hamilton die meiste Zeit seines Lebens in Santa Fé, New Mexico, verbracht hatte, kehrte er nach dem Tod seiner Ehefrau in den 1990er Jahren in seine schwedische Heimat zurück, wo er sich in Visby auf der Ostseeinsel Gotland niederließ. Dort ist er am 20. November 2006 im Alter von 90 Jahren gestorben.
Richard Montanari – Lunatic

Richard Montanari – Lunatic weiterlesen
Blanchard, Alice – Tod in deinem Blut, Der
Betrachtet man das Cover von Alice Blanchards Thriller „Der Tod in deinem Blut“, keimt unweigerlich der Verdacht auf, es handle sich bei dem Buch um einen weiteren Medizinthriller, der außer schwierigen Begriffen nicht viel Neues enthält. Doch so kann man sich täuschen: Die Autorin schafft den Spagat zwischen einer medizinischen Rahmenhandlung und handfester Spannungslektüre.
Daisy Hubbard kann nicht unbedingt auf eine glückliche Kindheit zurückblicken. Der Vater ist früh gestorben, das Geld war knapp, der Stiefvater hat sie und ihre jüngere Schwester Anna sexuell missbraucht. Zudem ist ihr kleiner Bruder Louis noch im Kleinkindalter an der rezessiv vererbbaren, stets tödlich verlaufenden Krankheit Stier-Zellar gestorben. All diese Ereignisse haben dazu geführt, dass sie heute eine aufstrebende, ehrgeizige Wissenschaftlerin ist, die ein Heilmittel gegen Stier-Zellar finden möchte. Sie ist auf dem richtigen Weg: Ihre Gentherapie bringt in Tierversuchen gute Ergebnisse und sie arbeitet Tag und Nacht daran. Ihr Privatleben geht dabei verloren; auch zu ihrer Familie hat sie nur wenig Kontakt.
Das ändert sich, als ihre Mutter sie eines Tages anruft und ihr beunruhigt mitteilt, dass Anna verschwunden ist. Das ist an und für sich nichts Neues: Anna, die an Schizophrenie leidet, haut gerne mal ab, doch so lange war sie noch nie verschwunden. Ihr letztes Lebenszeichen kam aus L.A., und so macht Daisy sich auf den Weg in die Stadt der Schönen und Reichen. Die Polizei ermittelt bereits in diesem Fall, und wenig später nimmt sie – dank Daisys tatkräftiger Hilfe – Roy Gaines fest.
In seinem Kleiderschrank findet sich die Leiche eines anderen Vermissten, doch als man ihn nach Anna fragt, möchte er die Polizei nur in Daisys Beisein zum Grab ihrer Schwester führen. Doch an der Stelle im Wald, wo er die Polizisten hinführt, ist nicht Anna vergraben, sondern eine andere Tote. Daisys Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Sie möchte endlich wissen, ob Anna noch lebt oder nicht. Roy Gaines nutzt ihren labilen Zustand aus, um sein Spielchen mit ihr und Ermittler Jack zu spielen. Ein Spiel, das Unerwartetes zutage befördert und sowohl für Daisy als auch für Jack tödlich enden kann …
Was anfangs wirklich wie ein trockener Laborthriller anmutet, entwickelt sich zu einer rasanten Suche nach Anna – ob tot oder lebendig. Alice Blanchard konstruiert eine spannende Handlung, die sehr elegant in die medizinische Rahmenhandlung eingebettet ist und als Zielgruppe weder angehende Medizinstudenten noch Frauenromanfans anspricht. Obwohl eine weibliche Hauptperson im Mittelpunkt steht, rutscht die Geschichte nie ins Melodramatische ab, sondern bleibt auf einem gleichmäßig hohen literarischen Level. Die Story ist kaum vorhersehbar und hält viele Überraschungen bereit. Sie weist keine Längen auf, denn selbst wenn einmal nichts passiert, ahnt der Leser, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. „Der Tod in deinem Blut“ ist vom Anfang bis zum Ende spannend, alleine schon deshalb, weil man diese Handlung aufgrund der Buchaufmachung nicht erwartet.
Die Figuren der Geschichte sind unglaublich anschaulich und lebensgetreu gezeichnet. Mithilfe kleiner Details wie Kindheitserinnerungen oder Eigenheiten erschafft Alice Blanchard ein Personenensemble, das sowohl emotionalen Zündstoff als auch Identifikationsmöglichkeit für den Leser bietet. Jeder Charakter besitzt Stärken und Schwächen, negative und positive Seiten und der Autorin gelingt es, diese ins richtige Verhältnis zu setzen, so dass man sogar den bösen Charakteren am Ende vielleicht nichts Wohlwollendes abgewinnen kann, aber sie zumindest versteht. Das ist insofern keine einfache Aufgabe, als gerade Anna und Roy aufgrund ihres psychischen Zustandes alles andere als leicht zu verstehen sind. Doch Blanchard schafft es, auch diesen Charakteren Leben einzuhauchen und sie nie einseitig darzustellen.
Auf den ersten Blick wirkt der Schreibstil der Autorin sehr gewöhnlich, doch spätestens nach ein paar Seiten sollte man bemerkt haben, dass sie ein Händchen für kurze, aber prägnante Beschreibungen hat. Sie schafft es, mit wenigen Worten ein genaues Bild vor dem inneren Auge des Lesers heraufzubeschwören. Immer wieder setzt sie Akzente durch genaues Wissen und gute Recherche, ohne prahlerisch zu wirken.
„Der Tod in deinem Blut“ ist sicherlich nicht genresprengend, doch aufgrund der hohen Qualität von Handlung und Schreibstil auf jeden Fall überdurchschnittlich. Wirklich neu ist die Geschichte nicht, aber die Autorin baut sie ansehnlich und spannend auf, ohne dass sie sich allzu leicht vorhersehen lässt.
http://www.rowohlt.de
Lemieux, Jean – Todeslied
_Abgeschiedene Lokalitäten_ sind oft ganz herausragende Handlungsorte für Krimiplots. Man denke nur an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“, in dem auf einer von der Außenwelt abgeschnittenen Insel mehrere Morde geschehen und der Täter eine der Personen auf der Insel sein muss. Eine ähnliche Situation ist die Grundlage für den Plot von „Todeslied“, einem kanadischen Krimi aus der Feder von Jean Lemieux, der 2007 in Deutschland bereits [„Das Gesetz der Insel“ 3869 veröffentlichte.
Die Geschichte spielt auf der kleinen kanadischen Insel Île-d’Entrée. Dort lebt eine kleine verschworene Gemeinschaft, die Fremden seit jeher skeptisch gegenübersteht. Wer hier als Außenstehender Fuß fassen will, hat es nicht leicht. Das bekommt auch die englische Krankenschwester Gladys Patterson zu spüren. Nach nunmehr 30 Jahren auf der Insel wird sie zwar geduldet, so richtig akzeptiert wurde sie aber nie.
Da wird eines Morgens die Leiche einer auf der Insel lebenden jungen Frau unterhalb der Klippen der Île-d’Entrée gefunden. Der Arzt François Robidoux ist gerade zu seinem üblichen Arbeitsbesuch auf der Insel, kann aber auch nichts mehr ausrichten. Sergeant Moreau wird mit dem Fall betraut, stößt aber bei seinen ersten Befragungen der Anwohner nach seiner Ankunft auf der Insel auf wenig Verwertbares. Jeder scheint ihm etwas zu verschweigen, und so tappt der Sergeant erst einmal im Dunkeln. Als dann ein Sturm heraufzieht und die Insel vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten ist, spitzen sich die Dinge zu …
_“Todeslied“_ ist ein ganz gemächlicher und subtiler Krimi. Lemieux lässt sich zu Beginn Zeit. Zwar weiß der Leser gleich im Prolog, dass auf der Île-d’Entrée zwei Frauen unter höchst verdächtigen Umständen ums Leben gekommen sind, von denen die eine die Krankenschwester Gladys Patterson ist, doch lässt Lemieux es danach erst einmal sehr beschaulich und unspektakulär angehen.
Der Leser begleitet den noch recht jungen Arzt François Robidoux bei seinem Besuch auf die Île-d’Entrée. Zusammen mit Gladys Patterson klappert er seine Patienten ab und hofft, die Insel möglichst bald wieder verlassen zu können. Er isst mit Gladys zusammen zu Abend und liest auf Gladys Bitte lange Passagen aus ihrem Tagebuch, in dem sie ihre erste Zeit auf der Insel schildert. Die Handlung plätschert vor allem in der ersten Hälfte des Romans darum eher gemächlich vor sich hin. Bis die Leiche der jungen Frau gefunden wird, vergehen 130 Seiten – und dabei umfasst das Buch nur 277 Seiten insgesamt.
Mit dem Leichenfund an den Klippen kommt zumindest kurzzeitig so etwas wie Spannung auf und die Geschichte wird interessanter. Bis es zu den finalen Ereignissen kommt, die dann auch den Tod von Gladys Patterson bedeuten, dauert es noch einmal gute 80 weitere Seiten, und zumindest dann kehrt auch die Spannung wieder einmal zurück in die Geschichte.
Ansonsten ist „Todeslied“ eher unspektakuläre Lektüre. Lemieux greift auf einen seltsam distanzierten Erzählton zurück. Manche Verknüpfungen setzt er so beiläufig und unterschwellig, dass man nicht immer alles direkt nachvollziehen kann, und auch die Figuren bleiben dem Leser eher fremd. Man kommt nicht dazu, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Lemieux hält seine Protagonisten auf Distanz zum Leser, und so kann dieser ihre mitunter seltsamen Verhaltensweisen oft herzlich wenig nachvollziehen.
Das ist ein echtes Manko, da gerade bei einem so subtilen Krimi, der im Prinzip von der Interaktion der Protagonisten und von den Spannungen zwischen den einzelnen Figuren lebt, die Figuren nachvollziehbarer sein müssten. Lemieux‘ Figuren bleiben für den Leser aber teils bis zum Schluss rätselhaft und verschlossen. Da man sich somit kaum in die Figuren hineinfühlen kann, hinterlässt auch die Geschichte selbst kaum Spuren. Nicht alles wird nachvollziehbar dargelegt, und auch das Finale fällt nicht wirklich zufriedenstellend aus.
Am Ende entpuppt sich „Todeslied“ als ein äußerst blasser Roman. Als belletristischer Krimi funktioniert er kaum und als reiner Unterhaltungskrimi ist er nicht spannend genug. „Todeslied“ wirkt damit irgendwie profillos und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, sondern ist ganz im Gegenteil sehr schnell aus dem Gedächtnis verschwunden.
Rätselhaft bleibt auch der deutsche Titel des Romans. Wie man auf „Todeslied“ als Übersetzung für „La lune rouge“ kommt und was das Ganze mit dem Inhalt dieses Buches zu tun haben soll, bleibt wohl das Geheimnis des Übersetzers. Rein äußerlich riecht „Todeslied“ ein wenig nach einer Mogelpackung. Hinten prangt in großen blutroten Lettern „Spiel mir das Lieb vom Tod“ auf dem Buchdeckel und das wird noch gekrönt durch einen Klappentext, der nicht ganz zum Inhalt des Buches passt und mehr nach reißerischer Thrilleraufmachung aussieht. Der Klappentext verspricht somit weit mehr Spannung als das Buch letztendlich bieten kann.
_Bleibt unterm Strich_ ein eher schwacher Eindruck zurück. Lemieux gelingt es nicht so recht, dem Leser seine Protagonisten näherzubringen, denn dafür baut er schon durch seine kühle Sprache eine zu große Distanz zum Leser auf. Und so ist „Todeslied“ leider ein Buch, das scheinbar spurlos an einem vorüberzieht. Zu wenig Spannung, zu viel Distanz und ein Klappentext, der mehr verspricht, als der Inhalt zu halten vermag.
_Jean Lemieux_, 1954 in Iberville (Quebec/Kanada)geboren, ist Allgemeinarzt und Schriftsteller. Zwischen 1980 und 1982 war er auf den Îles-de-la-Madeleine als Arzt tätig. Nachdem er 1983 durch die Welt reiste, kehrte er 1984 auf die Inseln zurück, wo er bis 1994 schrieb und lebte. Seit 1994 wohnt er wieder auf dem Festland in Québec, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.
http://www.knaur.de
Zurdo, David / Gutiérrez, Ángel – 616 – Die Hölle ist überall
Teufel, Teufel! Irgendetwas rührt sich im Jenseits, und es riecht verdächtig nach Schwefel! Definitiv gläubige Zeitgenossen, die es bei Unfällen oder auf dem OP-Tisch beinahe dahinraffte, berichten nach ihrer Rückkehr ins Leben nicht vom berühmten weißen Licht und der freundlich winkenden Oma, sondern von Feuer, Schreien und anderen Unerfreulichkeiten, die man gemeinhin mit der Hölle assoziiert.
Das klingt nach einem Fall für Jesuitenpater Albert Cloister, Mitglied der „Wölfe Gottes“, einer geheimen Geheimorganisation, die im Auftrag des HERRN (aber nicht unbedingt des Papstes) auf der ganzen Welt übernatürlichen Auffälligkeiten hinterherforscht! Cloister findet denn auch manches Indiz dafür, dass Satan energisch an einer Expansion seines Territoriums arbeitet. Wenn es nur jemanden gäbe, der im Jenseits nach dem Rechten sehen, zurückkehren und berichten könnte …
Noch kennt Pater Cloister Audrey Barrett nicht, die in New York als Therapeutin tätig ist. Zu ihren Patienten gehört neuerdings der alte Gärtner Joseph, der von wüsten Visionen geplagt wird, die sich – wäre Audrey nicht Wissenschaftlerin – als Blicke ins Jenseits deuten ließen, wo es (s. o.) merkwürdig zugeht …
Unabhängig voneinander kommt man zu den Schluss, der Sache vorsichtshalber nachzugehen. Satan, der anscheinend sonst nichts Wichtiges zu tun hat, mischt sich mit kryptischen Hinweisen ein und schickt vor allem Pater Cloister auf eine Schnitzeljagd rund um die Welt. Die endet in einer einsamen Höhle im Heiligen Land und mit dem Fund einer Schrift, die eine ganz fürchterliche Wahrheit für alle frommen Christen konserviert …
Wer weiß, was „Hölle“ bedeutet? Schenkt man dem Autorenduo Zurdo & Gutiérrez Glauben, dann sitzt an einem unbequemen Ort tatsächlich der Teufel, der die Welt in die Realversion einer fundamentalkatholischen Kinderbibel zu verwandeln sucht. Der aufgeklärte Leser weiß indessen bald, dass die wahre Verdammnis ein Ort ist, an dem man auf ewig Bücher wie „616 – Die Hölle ist überall“ lesen muss.
Als einen „gnadenlos spannenden Mysterythriller aus dem Land der Inquisition“ preist die Verlagswerbung ebenso geschmacklos wie marktschreierisch dieses Buch an, das von der zahlenden Leserschaft als x-ter Dan-Brown-Klon erkannt und beachtet werden soll. Tatsächlich gibt es ein Publikum für solche seichten Munkelmann-Mysterien, die kirchliche Ränken, unterdrückte Geheimnisse und umhertappende Schrecken bieten – je mehr & grobschlächtiger, desto besser!
Subtilität kann man dem Autorenduo wahrhaftig nicht vorwerfen. Unendlich ziehen sie ihren Teufelsspuk in die Länge, während sogar der dümmste Leser längst begriffen hat, worum es geht: Beelzebub ante portas! Irgendwie hat der Herr der Fliegen es geschafft, seine Macht über die Grenzen der Hölle hinaus zu erweitern. Jetzt ist diese überall, wie schon der deutsche Titel es herausschreit.
Na und? Das ist leider des Lesers Reaktion, denn höchstens den naiv frommen Zeitgenossen dürfte dieser Einfall erschauern lassen. Zurdo & Gutiérrez schreiben offenbar für jene, die ‚ihre‘ Bibel Wort für Wort für bare Münze nehmen. Wer dem nicht folgen kann oder mag, nimmt staunend oder gelangweilt zur Kenntnis, welch angestaubten Mummenschanzes sich das Autorenduo bedient. Verborgene Geheimnisse, Symbole und Zahlenspielereien, Unheil verkündete Bibelstellen; auch der uralte Weise gibt sich die Ehre mit dumpfen Andeutungen, statt einfach Klartext zu reden.
Und die „Wölfe Gottes“ … nein, die Existenz einer solchen Gruppe hat sogar die Kirche nicht verdient: |“In den neunziger Jahren berieten ehemalige Mitglieder der Wölfe die Produktionsgesellschaft von ‚Akte X‘, allerdings strikt privat. Mehrere Fälle der Serie waren – wenn auch nach entsprechender Bearbeitung – echten Nachforschungen der Wölfe, nicht des FBI, entnommen.“| (S. 82) Es müssen Episoden der letzten Staffeln gewesen sein, die eine einst gute Serie im traurigen Niedergang zeigten …
Nun gibt es Schriftsteller, die es verstehen, diese an sich klassischen Mystery-Elemente mit spannendem Leben zu erfüllen. Zurdo & Gutiérrez gehören nicht zu ihnen. Nicht einmal die eigene Storyline halten die Autoren fest in den Händen. Die Handlung schlägt merkwürdige und schwer verständliche Falten. Es brennt gleich mehrfach (Feuer = Teufelswerk!), ein Kinderschänder treibt sein Unwesen; zum zentralen Geschehen wollen sich diese und andere Nebengeschichten nicht fügen.
Unheilig ‚gekrönt‘ wird das Spektakel durch ein Finale, das es an Hosianna-Kitsch und Einfalt nicht fehlen lässt. Sämtliche Register ungenierten Erlösungskitsches werden gezogen, bis das Maß übervoll ist. Das Ende ist happy, der Leser ist es nicht.
Mehrdimensionalität ist ein Zustand, der Autoren wie Zurdo & Gutiérrez offensichtliches Unbehagen bereitet. In ihrem Roman streichen sie ihn deshalb ersatzlos und ersetzen ihn durch absoluten Flachsinn in Sachen Story (s. o.) sowie Figurenzeichnung. Leider ist es gar nicht so selten, dass der Leser moderner Thriller mit Klischee-Gestalten konfrontiert wird. Erneut ist es Dan Brown, der viel zu vielen Möchtegern-Autoren den Weg bereitet hat. Sie lernten aus seinen Reißbrett-Pageturnern vor allem, dass Talent und Tiefe völlig überflüssig für einen Bestseller-Produzenten des 21. Jahrhunderts sind. Tempo, ‚Geheimnisse‘ und scheinbares Hintergrundwissen ersetzen altmodisches schriftstellerisches oder wenigstens handwerkliches Können. Also kopiert man, was seine Publikumswirksamkeit bewiesen hat, und hofft auf das Beste.
Das führt zu Als-ob-Figuren wie Albert Cloister, den Fox Mulder der Katholischen Kirche. Er gehört einer jener Organisationen an, die dieser gern angedichtet werden, weil sich die traditionelle Geheimniskrämerei des Vatikans gut mit angeblichen Geheimnissen verquicken lässt, die jenseits der wissenschaftlichen begründbaren Welt die Gestalt mysteriöser Kreaturen und Dunkel-Orden annehmen, deren Existenz heute höchstens von einigen urbayrischen Dorfpfarrern offen angenommen wird. Damit Cloister so etwas wie ein Profil entwickelt, impft ihm das Autorenduo die üblichen leichten Glaubenszweifel ein, unter denen alle Exorzisten der Unterhaltungsindustrie zuverlässig leiden.
Um dem pseudo-religiösen Gaukelspiel ein wenig Weltlichkeit überzustülpen, bringen Zurdo & Gutiérrez die Psychologin Audrey Barrett ins Spiel; außerdem muss das weibliche Publikum berücksichtigt werden, und auch im Rahmen einer möglichen späteren Verfilmung ist es wichtig, eine Frau als zweite Hauptrolle in petto zu haben. Politisch korrekt ist Audrey zwar hübsch, aber auch klug und, ach, so unglücklich, denn sie hütet ein tragisches Geheimnis in ihrem Busen, das uns selbstverständlich enthüllt wird, ob wir das wollen oder nicht. Wenn die Handlung einsetzt, ist Audrey unbemannt, was ebenfalls wichtig ist, da Seifenopernschaum unbedingt zu einem gutem Rumpel-Thriller gehört!
Ganz allein muss Audrey den Kampf mit Satan freilich nicht aufnehmen – an ihrer Seite steht ein mutiger Feuerwehrmann! Ledig ist er zwar auch, aber schlicht im Geiste und daran als sogenannter „zweiter Mann“ der Handlung zu erkennen, der für Trostreden, grobe Arbeiten und dumme Fragen zuständig ist und den es meist in der zweiten Hälfte erwischt, was für Betroffenheit sorgen und die scheinbare Aussichtslosigkeit des Ringens mit dem Feind unterstreichen soll. In unserem Fall lassen ihn Zurdo & Gutiérrez einfach aus dem Geschehen verschwinden, was in Ordnung ginge, wäre es nur deutlich früher geschehen!
Luzifer ist so, wie ihn unser Autorenduo gestaltet, eine Witzfigur. Sein ‚Plan‘ zur Neuordnung von Himmel und Jenseits ist an sich monumental. In der Umsetzung kreißt der Berg jedoch und gebiert nur ein Mäuschen. Man sollte annehmen, der Teufel sei ein wenig heller in einer so wichtigen Sache! Stattdessen fädelt Luzifer ein unendlich kompliziertes und an Zufällen und Logiklöchern überreiches Komplott zusammen, das ohne die massive Hilfe von Zurdo & Gutiérrez niemals über das erste Buchkapitel hinauskäme!
Ansonsten benimmt sich Satan, als habe er zu viele schlechte Horrorfilme gesehen. Lachkrämpfe erzeugende ‚Exorzismen‘ wechseln sich mit konspirativen Treffen an geisterbahnähnlichen Orten ab; wieso hat die Hölle kein Handynetz? Mit solchem Mumpitz vollenden die Autoren ihr trauriges Werk, das in seiner deutschen Fassung als aufwändig gestaltetes Paperback veröffentlicht wird – dies kündet von der Hoffnung, einen (bzw. zwei) neue/n Star/s lancieren zu können, um sich vom Dan-Brown-Kuchen etwas abzuschneiden.
David Zurdo Saiz (geb. 1971) und Ángel Gutiérrez Tapia (geb. 1972) sind Wissenschaftsjournalisten, die sich Ende der 1990er Jahre zusammentaten, um Mystery-Thriller zu schreiben, die sich gern um mehr oder weniger rätselhafte Ereignisse der Weltgeschichte ranken. Über ihr Werk informieren sie auf ihrer [Website;]http://www.zurdo-gutierrez.com die Kenntnis der spanischen Sprache ist dabei hilfreich.
|Originaltitel: 616 – Todo es inferno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
Illustration: FinePic, München
408 Seiten Paperback
ISBN13: 978-3426663165|
http://www.knaur.de
Kaes, Wolfgang – Feuermal, Das
Detektiv Max Maifeld, Spezialist für dubiose Fälle, erhält einen brisanten Auftrag: Er und sein Team sollen ein gestohlenes Bild ausfindig machen und dem anonymen Auftraggeber zurückbringen. Bei dem Gemälde, das er in Spanien aufspürt, handelt es sich vermutlich um ein bisher unbekanntes Frühwerk von Dalí. Bei der Übergabe stellt sich jedoch heraus, dass der vermeintliche Besitzer gar nicht der Auftraggeber war. Dieser wiederum scheint Max rund um die Uhr zu beobachten und ein persönliches Interesse zu verfolgen, das weit über die Bildbeschaffung hinausgeht.
Zur gleichen Zeit geschehen in der Köln-Bonner Gegend zwei spektakuläre Morde. Der eine Tote ist ein abgehalfterter Journalist, der andere ein alter Mann kurz vor dem Leberzirrhosentod. Das Kommissarenteam Josef Morian und Antonia Dix stellt bald eine Verbindung zwischen den Mordfällen und ihrem Freund Max her. Der Journalist recherchierte kurz vor seinem Tod über Max‘ Vergangenheit, der alte Mann arbeitete als Knecht für den Großunternehmer Franz Brandesser, dessen Sohn Walther einst aus unbekannten Gründen eine Operation für den damals dreijährigen Max bezahlte.
Allen Warnungen von Morian und Antonia zum Trotz stürzt sich Max in die Recherchen. Dabei führt ihn sein Weg zurück in das abgeschiedene Eifeldorf seiner Kindheit, wo ein dunkles Geheimnis seiner Familie ans Licht kommt. Sein Leben scheint noch enger mit dem Fremden verknüpft als befürchtet. Der einzige Hinweis auf den Mörder ist das Feuermal, das sein Gesicht entstellt. Fieberhaft ermitteln Morian und Antonia, um ihrem Freund zu helfen – denn auch er droht ein Opfer des Rachefeldzuges zu werden …
„Das Feuermal“ ist der vierte Fall von Kommissar Josef Morian und seiner Kollegin Antonia Dix und wie schon die vorherigen Bände ein überzeugender Thriller mit einem durchweg sympathischen Ermittler-Duo.
|Gelungene Charaktere|
Diesmal liegt der Fokus nicht auf Morian und Antonia, sondern auf ihrem gemeinsamen Freund Max Maifeld, der ihnen schon bei früheren Fällen als Privatdetektiv zur Seite gestanden hat und hier einmal von ihrer Hilfe profitiert. Seit ihm ein Schwerstkrimineller Rache geschworen hat, lebt der Ex-Journalist als Detektiv für schwierige Fälle untergetaucht in Köln-Mülheim. Zu seinem Team gehören sein gutmütiger Bruder Theo und der hünenhafte, durchtrainierte Schwarzamerikaner Hurl, den ein besonderes Flair umgibt. Der schweigsame Hurl ist ein ehemaliges Mitglied der Navy Seals, einer Eliteeinheit der US-Marine, bei der er zum perfekten Kämpfer ausgebildet wurde, ehe er sich lossagte und nun in Deutschland ein neues Leben begonnen hat. Auch wenn sein scheinbar völlig anspruchsloser Lebensstil Max immer wieder vor Rätsel stellt – denn Hurl kann dank fernöstlicher Meditationskünste beinah beliebig sowohl auf Schlaf als auch auf Nahrung verzichten -, ergänzen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere großartig.
Ein perfektes Team bilden wiederum auch Josef Morian und Antonia Dix. Besonders positiv sticht hervor, dass die beiden trotz enger Zusammenarbeit und guter Freundschaft kein Liebespaar bilden, sondern eine Art Vater-Tochter-Verhältnis zueinander besitzen. Der schweigsame Morian, Ex-Amateurboxer und geschiedener Vater, hat fast sein gesamtes Leben auf die Ermittlungsarbeit ausgerichtet. Den Gegenpol zu ihm macht Antonia Dix aus, eine rassige Halb-Brasilianerin, die nichts mehr hasst als auf ihre Optik reduziert zu werden. Als Konsequenz trägt sie raspelkurze Haare und ein sportlich-militärisches Outfit, was zu ihrem burschikosen Auftreten passt.
Die Nebenfiguren um das Ermittler-Duo sind vor allem der Gerichtsmediziner Dr. Ernst Friedrich, wegen seines Aussehens heimlich „Fledermaus“ genannt, die arrogante Staatsanwältin Ulrike Strehle und Oberkommissar Ludger Beyer, der nie müde wird, Antonia auf schleimig-primitive Art Avancen zu machen. Sowohl Morian als auch Antonia sind sehr engagierte Ermittler, über deren Privatleben man nicht sehr viel erfährt, genug zwar, um ihren Charakter einzuschätzen und sich mit ihnen zu verbünden, aber nie so viel, dass es in der Handlung dominieren würde.
|Durchgängige Spannung|
Die Handlung setzt ein mit dem Mord an Journalist Pelzer und setzt somit direkt ein Ausrufezeichen. Längen gibt es bis zum Schluss keine, dafür sorgen schon allein die häufigen Schauplatzwechsel. Mal konzentriert sich die Handlung auf Antonia Dix, mal auf Josef Morian, der anfangs noch im Urlaub weilt, dann wieder auf Hurl oder auf Max, die ebenfalls teilweise unabhängig voneinander unterwegs sind. Über den Täter steht lange Zeit nur fest, dass er durch ein Feuermal gezeichnet ist, sich auf einem Rachefeldzug befindet und auf Max fixiert ist, mit dem ihn etwas zu verbinden scheint.
Große Teile spielen im Eifeldorf Roggenrath, einem abgeschiedenen Ort, in dem Max seiner Vergangenheit auf die Spur kommt. Das Oberdorf wird von der Unternehmerfamilie Brandesser dominiert, während im Unterdorf einst die ärmliche Arbeiterschicht lebte. Noch heute bilden die Bewohner eine verschworene Gemeinschaft, die sich den Ermittlungsarbeiten verschließt und Max feindselig gegenübersteht. Gezwungenermaßen muss er sich mit seinem verhassten Vater auseinandersetzen, dessen schlechter Ruf bis in die Gegenwart reicht und Max zum Verhängnis wird.
Mehrere Dorfbewohner scheinen in die Geschehnisse involviert zu sein. Zum einen entsteht die Spannung durch die Frage, was sie über den Mörder wissen, zum anderen durch die Geheimnisse, die Max nach und nach in seiner eigenen Familie aufdeckt. Wolfgang Kaes gelingt es, glaubwürdig die kleine, verschrobene Welt der Dorfbewohner aufzuzeigen, die sich gegen jeden äußeren Einfluss wehren und die düstere Vergangenheit abschotten.
|Nur kleine Schwächen|
Da die ersten drei Viertel so gelungen aufbereitet werden, stellt sich beim Leser automatisch eine hohe Erwartungshaltung an das Finale ein, die nicht ganz bestätigt werden kann. Im Vergleich zur vorherigen Handlung verläuft das Ende relativ unspektakulär. Offene Fragen werden zwar beantwortet, doch einen richtigen Showdown, wie man ihn lange Zeit vermutet, gibt es nicht.
Ein weiterer kleiner Makel sind die Ermittlungsarbeiten von Max bezüglich des Bildes, die zu einfach ablaufen. Die ursprüngliche Aufgabe, das Bild anhand eines Fotos zu finden und obendrein lückenlos alle Vorbesitzer aufzulisten, scheint beinah unlösbar; letztlich aber genügen Max und seinem Team die guten Kontakte in die Kunst- und Halbwelt, sodass sich die Mühe in Grenzen hält. Auch die Ermittlungsarbeiten von Morian und Antonia verlaufen verhältnismäßig unkompliziert dank ihrer Informanten, die trotz weniger Hinweise konkrete Feststellungen treffen. Gerade dort wünscht sich der Leser manchmal ein wenig mehr Finesse im Vorgehen.
_Als Fazit_ bleibt wieder einmal ein gelungener Band um das Ermittler-Trio Morian, Antonia Dix und Max Maifeld aus der Feder von Wolfgang Kaes. Der Thriller besticht durch Spannung, gelungene Hauptfiguren und eine unterhaltsame Handlung. Die Schwächen fallen sehr gering aus, sodass sich das Werk allen Krimi- und Thrillerfans empfiehlt, in der Hoffnung, dass Kommissar Morian bald im nächsten Fall ermitteln darf.
_Der Autor_ Wolfgang Kaes, geboren 1958 in der Eifel, arbeitete nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Kulturanthropologie und Pädagogik viele Jahre lang als Journalist. Er schrieb unter anderem als Polizei- und Gerichtsreporter für den |Kölner Stadt-Anzeiger|, für den |Stern| und als Lokalchef der |Rhein-Zeitung| in Bonn. 2004 erschien sein erster Roman „Todfreunde“, 2005 der Nachfolger „Die Kette“, 2006 [„Herbstjagd“, 2934 alle mit dem Ermittler Kommissar Morian. Mehr über ihn gibt es auf seiner Homepage http://www.wolfgang-kaes.de.
http://www.rowohlt.de
Ellis Peters – Falsche Propheten
Das kleine Dorf Comerford in der englischen Grafschaft Shropshire gehörte nie zu den Orten, die man als ländlich-beschaulich bezeichnen würde. Hier wird seit Jahrhunderten Kohle gefördert; eine harte, gefährliche Arbeit, die im Tagebau betrieben wird, was ausgedehnte Flächen der Landschaft in Wüsteneien verwandelt hat, die an die Oberfläche des Mondes erinnern. Die Plackerei in den Kohlengruben hat einen harten, schweigsamen Menschenschlag hervorgebracht. Konflikte sind häufig und werden mit den Fäusten oder dem Messer ausgetragen. Im Jahre 1950 ist die Situation explosiver denn je. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Ende des II. Weltkriegs sind dessen Folgen auch im siegreichen England keineswegs überwunden. Viele der jungen Männer Comerfords sind gefallen. Wer überlebte, kehrte verletzt und mit bedrückenden Erinnerungen an die Front, womöglich mit Orden geschmückt und als Held heim, um sich plötzlich wieder als gemeiner Grubenarbeiter oder Schafhirte wiederzufinden.
In Comerford gab es ein Lager für deutsche Kriegsgefangene und später für „Displaced Persons“, Vertriebene aus allen kriegsverheerten Ländern des Kontinents. Inzwischen wurde es aufgelöst, doch viele Insassen blieben in England: frei aber fremd und misstrauisch gemieden von den Einheimischen. Sergeant George Felse hat ständig im ehemaligen Lager zu tun, denn dort gibt es täglich Auseinandersetzungen. Bei einem seiner zahlreichen Besuche lernt er den Deutschen Helmut Schauffler kennen, der einen Mitbewohner attackiert hat. Der junge Mann weiß beredt die Schuld von sich zu weisen, doch Felse argwöhnt, dass zutreffen könnte, was Zeugen ihm zutragen: Schauffler war und ist noch überzeugter Nazi, der seinen Privatkrieg mit dem britischen ‚Feind‘ austrägt. Ellis Peters – Falsche Propheten weiterlesen
Nilsen, Tove – Nachtzuschlag
_Durchschnittlicher Psychothriller_
Eine Schriftstellerin steigt nach einem schönen Abend bei Freunden in ein Taxi. Doch die kurze Fahrt endet in purer Angst: Der Fahrer bringt sie in eine abseits gelegene Hütte und hat offensichtlich nur ein Ziel. Stunden der Angst und Ungewissheit, ja, der Abwehr folgen, um sich sich selbst behaupten zu können. Doch die Entführung gilt nicht irgendeiner Frau, sondern nur ihr persönlich. Da sieht sie endlich einen Lichtblick. Aber sie hat die Rechnung ohne den zweiten Mann gemacht …
_Die Autorin_
Tove Nilsen, 1952 geboren, veröffentlichte 1974 ihren ersten Roman. Seither hat die studierte Journalistin und Literaturkritikerin vierzehn weitere Bücher in verschiedenen Genres geschrieben. „Nachtzuschlag“ ist ein Psychothriller, der für seine Authentizität gelobt wurde. (Verlagsinfo)
_Handlung_
Nach einem Vortrag besteigt die Schriftstellerin, deren Namen wir nicht erfahren, spät am Abend ein Taxi, das sie nach Hause bringen soll. Die Frau erwartet dort niemanden, denn ihr Mann Harald und die Töchter Ida und Mia sind bei ihren Großeltern auf dem Lande in den Sommerferien. Der Fahrer spricht jedoch kein Wort, sondern fährt die Frau nicht an ihr Ziel in Oslo, sondern in ein Waldstück. Dort steht eine Hütte. Ihre Proteste verhallen ungehört.
Der Mann sieht stark aus, etwas ungehobelt und heruntergekommen. Vielleicht ein Arbeitsloser. Aber wenigstens rührt er sie nicht an. Noch nicht. Sie soll ihre Lederjacke und dann ihr Oberteil ausziehen. Soll sie wirklich nachgeben? Der Mann sieht aus, als könnte er ihr wehtun. Sie gibt nach, aber nur zum Schein, um ihn zum Reden zu bewegen. Er verrät sich, als er ein Foto seines Sohnes Martin zeigt. Dessen Spielsachen liegen in der Hütte. Aber wo ist Martins Mutter?
Wie sich herausstellt, ist Vera im Urlaub mit einem Schweden fremdgegangen und hat den Mann inzwischen verlassen – nicht ohne Martin mitzunehmen. Das Allerhärteste: Vera zeigte ihrem Mann einen Roman von unserer Schriftstellerin und behauptete, diese Autorin verstünde die Frauen. Natürlich im Gegensatz zu ihrem Mann. Kein Wunder, dass der Mann nun so sauer ist auf unsere Autorin. Sie bekommt richtig Angst vor ihm.
Was stellt er sich vor, was als nächstes passieren soll? Er hört sich am Handy Telefonsexgeschichten an. Na, toll, jede Menge Klischees, schnaubt die Autorin. Soll sie sich vielleicht gemäß solchem Schund verhalten? Kommt nicht in Frage. Sie geigt ihrem Entführer die Meinung. Das kommt allerdings gar nicht gut an. Und er versucht, sie im Bett dazu zu zwingen, ihm zu Willen zu sein.
In letzter Sekunde wird Finn – dieser Name ist ihm entschlüpft – allerdings durch die Ankunft seines Freundes Tommy gestört. Der will ihn zu einem Segeltörn einladen. Nichts da. Erst einmal müssen sie mit dem Problem der Entführten klarkommen. Mit dem Kidnapping scheint Tommy jedoch kein Problem zu haben, was die Hoffnung unserer Ich-Erzählerin zerschlägt. Ihr wird klar, dass diese beiden gesellschaftlichen Außenseiter gemeinsam zu allem fähig sind, und sie schnell etwas unternehmen muss.
Sie erinnert sich an ihre Interviews mit den Anarchisten …
_Mein Eindruck_
Die Ich-Erzählerin ist keine starke Frau, sondern schleppt sämtliche Ängste einer Durchschnittsfrau mit sich herum. Die Angst, verletzt zu werden. Die Angst, ihre Kinder zu verlieren. Sie wehrt sich nicht körperlich gegen ihren ungewöhnlich agierenden Entführer. Vielmehr stützt sie sich auf die Gabe, die sie in ihrem Leben am meisten genutzt hat: auf ihr Einfühlungsvermögen und Geschichten erfinden zu können.
Leider weiß das ihr Entführer ebenso gut, hat er doch wegen ihres Romans die Entführung erst veranlasst. Er dreht den Spieß um und erfindet selbst Lügengespinste: wie sie sich ihm angeboten habe; warum sie einen schwarzen Spitzen-BH trage; wie sie erzählt habe, dass sie es liebe, nachts herumzufahren und sich fremden Männern anzubieten. Das macht unsere Schriftstellerin reichlich wütend, aber sie muss es hinnehmen. Ihr Scheherazade-Trick ist durchschaut worden. Nun versucht Finn, seinen Freund Tommy vor ihr zu warnen.
Die Ich-Erzählerin hat keinen Namen, damit sich die Leserin leichter mit ihr identifizieren kann als wenn sie einen Eigennamen trüge. Automatisch überträgt die Leserin den Namen der Autorin Tove Nilsen auf die Ich-Erzählerin, obwohl das weder zwingend ist noch zulässig. Ein Autor kann schließlich jede beliebige Hauptfigur erfinden. Die Ich-Erzählerin ist jedoch so ungewöhnlich detailliert geschildert, dass die Übertragung naheliegt. Sie hat eine weit zurückreichende Lebensgeschichte, einen verzweigten Familien- und Freundeskreis, charakteristische Verhaltensweisen usw. Kurzum, sie ist ihr eigener kleiner Kosmos. Dieser ist nun bedroht.
Das Geschichtenerfinden ist für die Erzählerin quasi eine Selbstbehauptung, aber auch eine List, um den Entführer zu täuschen. Beides haut leider nicht hin, vielmehr entblößt sich im Kampf der beiden Menschen ihre eigene größte Schwäche: Dass sie fürchtet, nicht ganz im Leben verankert zu sein, sondern entwurzelt dahinzutreiben und sich ihr Leben zurechtzuträumen. An dieser Stelle wird klar, dass sich das Buch auch um die Probleme der Autorin selbst dreht. Diese Probleme sind, obwohl vielschichtig, doch verallgemeinerbar auf die künstlerische Situation vieler Schriftsteller.
Zum Glück bleibt es nicht bei solchen theoretischen Überlegungen. Im Finale ist vielmehr Action angesagt. Der Auslöser dafür ist bemerkenswert: Finn verbrennt ein geheimes Tagebuch der Ich-Erzählerin vor ihren entsetzten Augen. Es ist ihr das Wertvollste, was sie hat, sagt sie. Wertvoller noch als ihre Familie? Jedenfalls schlägt an dieser Stelle ihre Ablehnung Finns in Abscheu um. Der weitere Weg ist klar. Doch wird sie auch überleben?
|Die Übersetzung|
Ich fand die Übersetzung durchgehend recht gelungen. Allerdings leistet sich die Übersetzerin einen stilistischen Fehler: „Wir schämten uns |über| die Gelüste“ sollte korrekt „Wir schämten uns |für| die Gelüste“ heißen.
_Unterm Strich_
Anfangs habe ich mich über die geradezu gelähmte Passivität der Hauptfigur geärgert, die sie lange Zeit aufrechterhält. In der Mitte findet sie dann die Scheherazade-Strategie, mit der es ihr gelingt, Zugang zum Bewusstsein ihres Entführers zu erlangen. Doch der Schuss geht nach hinten los, als er sie durchschaut und den Spieß umdreht. Schließlich mündet die Handlung in Action und Überlebenskampf. Doch ein Ringen um geistige, emotionale und letztlich körperliche Selbstbehauptung als Frau macht die Handlung des gesamten Buches aus, soweit es die Hauptfigur betrifft.
Es ist auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Schriftstellerin. Sie kommt von einem Vortrag, reist in ferne Länder, lernt fremde Kulturen kennen, doch hat sie auch Wurzeln in der Heimat? Versteht sie ihre eigene Kultur und deren Vertreter? Dies ist die zweite Ebene an Bedeutung. Es gibt sicherlich noch weitere. Inhaltlich ist das Buch auf weibliche Leser zugeschnitten – es gibt nur einen Blickwinkel. Stilistisch ist es recht anspruchslos, und kein Leser dürfte Verständnisprobleme haben. Aber es ist kein großer Wurf, sondern der Ansatz eines Psychothrillers. Und den schreiben Amerikaner und Engländer wesentlich versierter und spannender.
|Originaltitel: Kvinner om natten, 2001
gebundene Ausgabe 2003 bei Ehrenwirt: 285 Seiten
Taschenbuchausgabe 2005: 288 Seiten
Sonderausgabe 2007: 285 Seiten
Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt|
John Dickson Carr – Der Club der Masken

John Dickson Carr – Der Club der Masken weiterlesen
Teltscher, Wolfgang – DeisterKreisel
Barsinghausen ist eine kleine beschauliche Stadt am Deister – südwestlich von Hannover. Bei Wolfgang Teltscher wird dieses kleine Städtchen nun Schauplatz für seinen Lokalkrimi. Dort, wo die Polizei meist nicht allzu viele Verbrechen aufzuklären hat, gilt es nun, im mysteriösen Todesfall des ehemaligen Kriminalkommissars zu ermitteln …
_Toter im See_
Viele Jahre lang war Alfred Matuschek Leiter der Kriminalpolizei in Barsinghausen, doch nun wurde er aufs Altenteil versetzt. Wehmütig sitzt er in seiner Heimatstadt am See, betrachtet die Enten und wirft seine Uhr ins Wasser, die seine Kollegen ihm zum Abschied geschenkt haben. Denn Zeit ist für ihn nicht mehr wichtig, sondern eher zur Belastung geworden. Mit seiner letzten handgeschmierten Stulle füttert er die Enten und denkt derweil über seinen Abschied von der Polizei nach und über den bevorstehenden Ruhestand. Fast vier Wochen später sitzt ein Liebespaar auf der gleichen Bank am See und küsst sich das erste Mal, doch über die Schulter ihres Begleiters hinweg sieht die junge Frau eine Leiche auf dem Wasser treiben – es ist der tote Alfred Matuschek.
Da die Polizei in Barsinghausen befangen ist, reist Kommissar Manfred Marder aus Stade an, der einst auch schon mit Matuschek zusammengearbeitet hat. Ganz auf sich allein gestellt, versucht er zunächst, sich ein Bild von Matuschek und seiner Familie zu machen. Währenddessen wartet er auf die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung, denn noch ist nicht klar, ob Matuschek gewaltsam ums Leben kam oder gar Selbstmord beging. Doch wieso sollte er sich so kurz nach seiner Pensionierung freiwillig das Leben nehmen? Auf der anderen Seite finden sich keine Zeichen der Gewalteinwirkung, und die Analyse besagt auch lediglich, dass Matuschek eindeutig ertrunken ist. Ob ihn aber jemand unter Wasser gedrückt hat oder ob es doch ein Selbstmord war, muss Marder herausfinden.
Zunächst befragt er Matuscheks Frau, seine Tochter und seinen Sohn, aber auch Matuscheks ehemaligen Arbeitskollegen und seinen einzigen Freund. Das Bild, das diese Menschen Marder von dem Toten vermitteln, scheint ausgesprochen harmonisch. Niemand weiß etwas Negatives über Matuschek zu berichten, aber schnell fängt dieses scheinbar so harmlose Bild an zu bröckeln, als Marder ein wenig daran zu kratzen beginnt. Was haben diese Menschen ihm verschwiegen? Welcher Mensch war Matuschek wirklich? Als Marder tiefer zu graben beginnt, erscheint ein ganz neues Bild des Toten …
_Täuschende Idylle_
Zunächst baut Wolfgang Teltscher eine beschauliche Idylle auf. Er präsentiert Alfred Matuschek, erzählt von seiner Pensionierung und der Abschiedsfeier mitsamt dem unpassenden Geschenk. Auch die Szene am See wirkt nachdenklich und harmonisch, nichts deutet darauf hin, dass bald etwas Schreckliches passieren wird. Als die verliebte Frau auf dem See den Körper eines Menschen treiben sieht, bricht dieses Unglück in eine hübsche Kleinstadtidylle hinein. Doch Teltscher baut zunächst noch mehr Spannung auf, denn zunächst enthält er uns vor, wer denn nun tot im See treibt. Stattdessen widmet er sich seinen weiteren Charakteren. Wir lernen Matuscheks Frau auf dem Tennisplatz kennen und erfahren, dass sie ihrem Mann offensichtlich nicht allzu treu gewesen ist und die Ehe schon längst nur noch auf dem Papier existierte. Aber auch bei der Vorstellung der beiden Kinder Bertram und Anja geht der Autor schonungslos vor. In den Augen von Vera Matuschek sind ihre beiden Kinder Versager, hatte sie ihnen doch immerhin eine großartige Karriere nach einem ordentlichen Hochschulstudium gewünscht. Doch Anja ist lieber Krankenschwester geworden und will das Geld ihren späteren Ehemann verdienen lassen, während Bertram sich als Forstwirt im Wald versteckt.
Auch Matuscheks andere Bekannte – sein ehemaliger Kollege Burt Brenner und sein einziger Freund Knut Wotowski – kommen in ihrer Vorstellung nicht allzu gut weg. Brenner freut sich einfach zu sehr, seinen ehemaligen Chef los zu sein, der in seiner eigenbrötlerischen Art und Weise nie gut mit Brenner zusammengearbeitet hat. Und Wotowski hat einen Berg Schulden bei dem kürzlich verstorbenen Kriminalkommissar, den er auch nur schwerlich zurückzahlen kann, da seine deutsche Gaststube nicht so gut läuft, wie er sich das wünschen würde.
Wolfgang Teltscher konzentriert die Lesersympathien folglich in einer einzigen Person, und zwar in der des ermittelnden Kommissars Marder, dem als Einzigen daran gelegen zu sein scheint, das Verbrechen aufzuklären. Marder quartiert sich in einer hübschen kleinen Pension ein, in der er sich auch sogleich mit der Hauswirtin anfreundet, zumal diese ihm täglich ein fantastisches und wohlschmeckendes Frühstück kredenzt. Marder ist ein Mensch, der das Leben offensichtlich genießt. Ab und an quält er sich zwar zu einer Yogastunde, doch sein Vorsatz, täglich eine Stunde Yoga zu machen, ist schnell vergessen.
Manfred Marder ist es nun, der versucht, hinter die Kulissen in Barsinghausen zu schauen. Denn auf den ersten Blick erscheint alles zu perfekt; Matuscheks Familie trauert zwar nicht um das verstorbene Familienoberhaupt, dennoch beschreiben die drei eine harmonische Familienidylle. Hier passt nichts zusammen, das merkt auch Kommissar Marder – wenn auch erst auf den zweiten Blick und nach einem wichtigen Hinweis seiner Hauswirtin.
_Beschaulich und gemächlich_
Es ist nicht gerade eine reißende Spannung, die Wolfgang Teltscher aufbaut, denn nach seinem ersten großen Spannungsmoment plätschert das Buch so vor sich hin. Wir begleiten Manfred Marder bei seinen Ermittlungen, lauschen den Befragungen und spekulieren selbst, was bloß vorgefallen sein könnte. Doch Teltscher gibt uns kaum Hinweise an die Hand, um eigenständig auf die Lösung zu kommen. Schnell ist klar, dass hinter den Masken einiges verborgen bleibt, doch ist es an Marder, diese Wahrheit aufzuspüren – der Leser hat dazu keine Chance, da er nie mehr weiß als der ermittelnde Kommissar.
Auch passiert über lange Strecken hinweg nichts Neues. Die kriminaltechnische Analyse bringt keine Neuigkeiten, und die Befragungen drehen sich im Kreise, sodass Marder alle Verdächtigen – und davon gibt es später doch so einige – immer wieder neu befragen muss. Der Spannungsbogen flaut über weite Strecken ziemlich ab, um eigentlich erst kurz vor Schluss wieder etwas abzuheben, als ein wichtiges Beweismittel gefunden wird und auf der vorletzten Seite nun auch endlich der Leser erfährt, was hinter dem Tod Matuscheks steckt. Das Ende ist zwar stimmig und überzeugt auch, nur kommt es recht plötzlich und baut sich nicht wirklich spannend auf; hier hätte Teltscher dem Leser zwischendurch einfach schon mehr Informationshäppchen zuwerfen sollen.
_Barsinghausen? Wo ist das denn?_
Lokalkrimis sind „in“. Dank Susanne Mischke hat der Krimi auch endlich seinen Weg nach Hannover gefunden, doch Wolfgang Teltscher verlagert seine Krimihandlung aus Hannover hinaus und siedelt seinen Fall in Barsinghausen an. Das ist gewagt, denn in Barsinghausen und den zugehörigen Ortsteilen wohnen gerade einmal 36000 Einwohner – eine winzige Zielgruppe an ortskundigen Lesern. Und da Teltscher seinen Heimatort im Laufe der Romanhandlung nicht ein einziges Mal verlässt, erkennen nicht einmal Hannoveraner irgendetwas an Lokalkolorit wieder, zumal Teltscher auch nicht allzu viel erzählt von seinem Ort, sodass der Lokalanteil eher uninteressant wirkt. Schade.
_Über den Deister …_
Zunächst begann „DeisterKreisel“ recht vielversprechend. Teltscher baut einiges an Spannung auf und stellt einige interessante Figuren vor, von denen immerhin eine durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Doch über weite Strecken plätschert das Buch dann vor sich hin. Insgesamt bleibt daher ein eher mittelmäßiger Eindruck zurück, zumal etliche Tippfehler den Lesefluss stören und das „ß“ meiner Meinung nach zu arg vernachlässigt wurde. Eine ordentliche Schlusskorrektur hätte diesen Missstand sicher beheben können. Der Schreibstil gefiel mir eigentlich sehr gut und auch die Charaktere, die Teltscher zeichnet, überzeugen. Vielleicht sollte der Autor sich einmal aus Barsinghausen hinauswagen und ein wenig von der Idylle lösen, dann könnte sein nächstes Buch deutlich mehr Leser überzeugen.
http://www.zuklampen.de
Zurdo, David / Gutiérrez, Ángel – 616 – Die Hölle ist überall
In Boston rettet der Feuerwehrmann Joseph Nolan dem minderbegabten Gärtner Daniel bei einem Klosterbrand das Leben. Zuerst steht es schlecht um den alten Mann, doch nach und nach erholt er sich. Nolan besucht ihn des Öfteren und lernt dabei die reservierte Psychologin Audrey Barrett kennen, die auf Wunsch der Nonnen Daniel behandelt. Dabei entdeckt sie bei dem alten Gärtner eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung. Als er ihr Dinge sagt, die er nicht wissen kann, ahnt sie Schreckliches und will es doch nicht wahrhaben. Ist Daniel von einer überirdischen Wesenheit besessen – vielleicht sogar vom Teufel persönlich? Weiß Daniel tatsächlich, wo sich ihr seit fünf Jahren verschollener Sohn befindet?
Zur selben Zeit untersucht der Jesuit Pater Albert Cloister mysteriöse Ereignisse. Einem Priester wurden im geschlossenen Sarg die Knochen gebrochen; Ähnliches geschah einer alten Frau, die immer noch am Leben ist. Auch bei anderen Vorkommnissen steht immer wieder dieselbe Botschaft im Vordergrund: |DIE HÖLLE IST ÜBERALL.|
Je mehr sich Cloister mit dieser Nachricht auseinandersetzt, desto mehr erkennt er, dass er persönlich in diese Fälle verwickelt wird und sich eine unsagbar böse Kreatur mit ihm in Verbindung setzen will …
_Meine Meinung:_
In diesem Roman trifft „Der Exorzist“ auf „Sakrileg“. Die Wissenschaftsjournalisten Zurdo und Gutiérrez schufen einen fundierten und extrem gut recherchierten Mysterythriller, der neben einer Menge subtiler Spannung auch eine interessante Geschichte zu erzählen hat, die mit einer gut durchdachten Pointe aufwarten kann.
Zunächst beginnt der Roman recht verworren und viele Szenenwechsel erfordern eine gewisse Konzentration bei der Lektüre. Doch im Laufe des Buches wächst die Handlung zusammen, und obwohl es so gut wie keine Actionsequenzen im Roman gibt, ist er äußerst spannend und atmosphärisch. Am eindringlichsten und nachhaltigsten sind dabei jene Abschnitte, in denen ein Exorzismus an Daniel durchgeführt wird und Albert Cloister durch Tonbandaufnahmen mit dem Bösen kommuniziert. Die Protagonisten Audrey Barrett, Joseph Nolan und Albert Cloister wurden glaubhaft und vielschichtig dargestellt, so dass man unwillkürlich mit ihnen fühlt und leidet. Der Spannungsbogen baut sich langsam aber kontinuierlich auf, und die Geschichte weist einige überraschende Wendungen im Handlungsablauf auf.
Im Anhang berichten die Autoren über Fakten und Fiktion ihres Werkes, besonders die Wahrheit über die Zahl des Tieres ist überaus interessant zu lesen. Besonders gelungen ist dem |Droemer/Knaur|-Verlag die einmalige Aufmachung: Im Buchdeckel ist die Zahl 616 als Scherenschnitt abgebildet, hinter dem die Flammen des umklappbaren Umschlags zu sehen sind. Das Buch wurde auf hochwertigem Papier gedruckt und die Schrift hat die ideale Größe.
_Fazit:_
„616 – Die Hölle ist überall“ ist ein hervorragend recherchierter Mysterythriller über Besessenheit, die Wahrheit über die Zahl des Tieres sowie Judas Ischariot. Der flüssig lesbare Roman überrascht mit unerwarteten Wendungen und überzeugt durch subtile Spannung.
|Originaltitel: 616 – Todo es inferno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
Illustration: FinePic, München
408 Seiten Paperback
ISBN13: 978-3426663165|
http://www.knaur.de
_Florian Hilleberg_
Fielding, Joy – Nur der Tod kann dich retten
Gegen ihren eigentlichen Willen zieht Sandy Crosbie mit ihrem Mann Ian und den beiden Teenagern Megan und Tim in die verschlafene Kleinstadt South Torrance in Florida, wo Sandy als Lehrerin an der einzigen High School arbeitet. Kurz darauf erfährt sie, dass ihr Mann sich wegen seiner Affäre Kerri, einer gelifteten Blondine aus der Stadt, scheiden lassen will. Am liebsten würde Sandy die Stadt sofort wieder verlassen, doch vor allem Megan hat sich gerade erst eingelebt und Freundinnen gefunden.
Für Sandy beginnt ein einsamer Lebensabschnitt. Viele Schüler sind aufsässig und oberflächlich, ihre eigenen Kinder fühlen sich durch die Anwesenheit der Mutter an der Schule gestört und zu allem Überfluss muss Sandy auch noch die Tochter ihrer Rivalin unterrichten, die schüchterne Außenseiterin Delilah. Zudem hofft Sandy immer noch, dass ihr Mann seine Affäre beendet und zu ihr zurückkehrt.
Noch schlimmer wird für Sandy das Leben in Torrance, als ihre Schülerin Liana Martin spurlos verschwindet. Wenige Tage später werden alle Hoffnungen zerstört, als ihre Leiche auftaucht. Sheriff Weber übernimmt die Ermittlungen, ohne dass sich ein Anhaltspunkt findet. Bald fürchtet er, dass auch das verschwundene Mädchen aus dem Nachbarort einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Tatsächlich ist ein Serienmörder am Werk, der schon das nächste Mädchen ins Visier genommen hat …
Frau in Gefahr, das ist das Motto eines jeden Joy-Fielding-Romans, so auch bei diesem Thriller.
|Spannende Handlung|
Solide wie üblich versteht es die Autorin, den Leser zu fesseln und die Identität des Mörders lange Zeit im Dunkeln zu halten. Dabei bangt man nicht nur um die Hauptfigur Sandy Crosbie, sondern darf auch rätseln, welches Opfer es als nächstes trifft. Ein paar Verdächtige geraten ins Visier, aber es ist absehbar, dass der wirkliche Täter nicht dabei ist.
Joy Fielding spielt mit Cliffhangern und wechselt häufig die Handlungsstränge, bevor Langeweile einsetzen kann. Mal gerät Sandy in eine brenzlige Lage, mal spielt sich ein Drama bei Kerri und Delilah ab, mal scheint Megan in Gefahr zu schweben. Erfreulicherweise werden keine Gewalt- oder Ekelszenen geliefert, zart besaitete Leser brauchen also vor der Lektüre nicht zurückschrecken, und es sind keine voyeuristischen Szenen dabei – das Werk hat sich vielmehr den Titel Psycho-Thriller redlich verdient.
|Sympathische Charaktere|
Keine der Figuren besitzt außerordentliche Tiefe oder Nachwirkung, dennoch sind einige von ihnen durchaus sympathisch, sodass man als Leser mit ihnen fühlt und sich inständig ein gutes Ende für sie wünscht. Dazu gehört natürlich vor allem Sandy Crosbie, sitzengelassen und einsam, die sich in einem ständigen Widerstreit der Gefühle befindet: Einerseits hofft sie, ihren Mann doch noch zur Rückkehr bewegen zu können, andererseits lässt sie sich von ihrer Freundin zu einem Blinddate überreden. Mit Recht bemerkt ihre irritierte Tochter, dass Sandy sich zeitweise wie ein alberner Teenager aufführt und genau die Fehler begeht, die sie Megan vorwirft.
Ein interessanter Nebenstrang dreht sich um die unansehnliche, unbeliebte Delilah – ausgerechnet die Tochter von Sandys Erzrivalin -, für die sie gegen ihren Willen Mitleid empfindet. Von ihrer Großmutter erntet sie nur zynische Spitzen, ihre zur Barbie-Puppe operierte Mutter schenkt ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit, von den Mitschülern hagelt es böse Spitznamen. Sandy fühlt sich verpflichtet, das Mädchen zu ermuntern, obwohl sie zugleich jedes Zusammentreffen schmerzhaft an den Betrug ihres Mannes und sein neues Leben ohne sie erinnert.
Auch Sheriff Weber steht zeitweilig im Fokus. Einen Serienmörder im verschlafenen Torrance zu jagen, bedeutet eine große Aufgabe für ihn, der sich sonst höchstens mit Kneipenschlägereien befasst. Daneben muss er sich um sein kompliziertes Familienleben kümmern. Die Ehe mit Pauline ist eingeschlafen, seine ehemalige Affäre mit Kerri droht öffentlich zu werden und Tochter Amber scheint der Magersucht verfallen.
Neben der Suche nach einem Killer präsentiert der Thriller also auch ein typisches Kleinstadt-Szenario, in dem kein Geheimnis lange verborgen bleibt und alle Einwohner wie Nachbarn zueinander stehen. Die kleinen und großen Sorgen und Ängste der Bewohner werden zum zweiten Hauptthema der Handlung gemacht. Da sind der drängende Wunsch von Megan, endlich vollkommen von ihren neuen Freundinnen akzeptiert zu werden, die ersten Liebeleien und Eifersuchtsprobleme, die Befürchtungen eines Jungen, für schwul gehalten zu werden, das Wetteifern um Schönheit und Beliebtheit unter den Teenagern, lauter Ausschnitte aus dem Leben und Leiden von Highschool-Absolventen, die sich erst noch auf der Welt zurechtfinden müssen.
|Schwaches Ende|
Leider bleibt der positive Aha-Effekt bei Finale größtenteils aus. Zwar ist die Auflösung der Frage, wer sich hinter den Morden verbirgt und welches Motiv den Anlass gab, nicht leicht vorherzusehen. Allerdings ist die Präsentation des Mörders auch gleichzeitig einigermaßen unglaubwürdig. Vor allem die Sequenzen, die zwischendurch aus dem „Totenbuch“ des Täters verfasst wurden, sind in Hinblick auf seine Identität nicht immer stimmig. Die Gedanken, die der Mörder dort preisgibt, erscheinen teilweise unplausibel. Ungeschickt ist zudem, dass man über die Beweggründe und Vorgehensweise des Täters fast nur über dessen Geständnis informiert wird, anstatt dass andere Figuren diese erschließen. Sogar die letzten Zeilen enttäuschen, in denen Raum für eine Fortsetzung gelassen wird oder zumindest ein kleiner Schockeffekt erzielt werden soll. Tatsächlich aber lesen sich die Andeutungen eher aufgesetzt und erinnern an schlechte Horrorfilme, in denen das Monster nie endgültig besiegt wird.
_Als Fazit_ bleibt ein Werk in gewohnter Joy-Fielding-Qualität mit solider Spannung. Zwar bleibt der Thriller nicht lange im Gedächtnis haften und die Täter-Identifikation ist nicht wirklich überzeugend, doch bei nicht zu hohen Erwartungen bietet sich dennoch unterhaltsamer Lesestoff.
_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ und „Träume süß, mein Mädchen“.
http://www.joyfielding.com
http://www.randomhouse.de/goldmann/
_Joy Fielding auf |Buchwurm.info|:_
[„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556
[„Träume süß, mein Mädchen“ 4396
MacBride, Stuart – erste Tropfen Blut, Der
Noch immer muss Logan McRae, Detective Sergeant bei der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen, sein berufliches Dasein im „Versagerclub“ des Reviers (s. „Die Stunde des Mörders“) fristen. Unter der Fuchtel seiner ebenso exzentrischen wie energischen Chefin, Detective Inspector Roberta Steel, bearbeitet McRae vor allem Routinefälle, mit denen Detective Inspector Insch, Steels schwergewichtiger Kollege, nicht behelligt werden möchte.
Aktuell sonnt sich Insch im Licht der Medien, weil es der Beamtin Jackie Watson gelang, während eines Undercover-Einsatzes einen gefürchteten Serien-Vergewaltiger zu stellen. Die Freude verflüchtigt sich, als dieser sich als Star-Spieler eines örtlichen Fußballvereins entpuppt. Robert Macintyre leugnet seine Schuld nicht nur hartnäckig, er wird auch von seinen Fans erbittert verteidigt, die ihn für seine Stürmer-Qualitäten lieben. Ausgerechnet McRae verhört im Laufe einer ganz anderen Ermittlung einen Mann, der plötzlich zugibt, eine der Frauen, die Macintyre zum Opfer gefallen sein sollen, vergewaltigt zu haben. Insch steht schlecht da, der Fußballer wird auf Bewährung freigelassen, der Fall wenig später gänzlich niedergeschlagen.
McRae ermittelt weiter im Fall Jason Fettes. Der junge Aushilfs-Pornodarsteller wurde vor einem Krankenhaus aus dem Wagen gestoßen; er verblutete an einer Verletzung, die womöglich als bizarrer ‚Arbeitsunfall‘ zu deklarieren ist. Zu DI Steels Freude führt die Untersuchung tief in das Sado-Maso-Milieu von Aberdeen. McRae kann diese Begeisterung nicht teilen. Der wütende Insch schurigelt ihn, und auch privat gibt es Probleme: Jackie Watson, mit der McRae seit einiger Zeit Tisch und Bett teilt, begibt sich des Nachts auf Streifzüge, über die sie keine Auskunft geben will. Betrügt sie ihn oder beschattet sie auf eigene Faust Macintyre, an dessen Schuld sie wie Insch fest glaubt? McRae weiß nicht, was schlimmer wäre, aber ihm bleibt ohnehin keine Zeit, sich um seine Beziehung zu kümmern: Steel und Insch belegen ihn mit Beschlag, die Ermittlungen treten auf der Stelle, es warten neue, dringende Fälle – ein Wettlauf, der nicht zu gewinnen ist …
Das wahre Glück liegt für die bekennenden Leser von Serienkrimis nicht im stetigen Wandel, sondern in der behutsamen Variation des Bekannten. Stuart MacBride hat diese Grundregel begriffen und beherzigt sie treu. Der neue Fall von Logan McRae ist eigentlich ganz der alte – eine Melange aus klassischer Kriminalstory und moderner Gesellschaftskritik.
Ebenfalls schon bewährt hat sich für MacBride die Verzwirbelung gleich mehrerer Kriminalfälle zu einer Geschichte, die dadurch als Krimi an Stringenz und Dynamik zwar verliert, aber gleichzeitig realitätsnäher wirkt, da auch im wirklichen Leben Ereignisse nicht nach der Reihenfolge sortiert geschehen, sondern sich überlappen. Hier bildet Jackie Watsons Privatfehde mit einem gewitzten und unter Prominentenschutz stehenden Triebverbrecher den ersten Sub-Plot; das düstere Geheimnis eines kindlichen Schwerverbrechers fließt etwas später in die Handlung ein.
Praktisch unverändert bleiben diverse Konstanten: Die Grampian Police ist an der ‚Front‘ überlastet und unterbesetzt; Reformbemühungen entpuppen sich regelmäßig als Augenwischerei oder blinder Aktionismus und werden für Politik und Medien inszeniert. Von allen Seiten gibt es ausschließlich Druck von unfähigen, in Machtkämpfe verwickelten Bürokraten, einer feindseligen, auf Sensationsgeilheit gepolten Presse, den unzufriedenen, sich unbeschützt fühlenden Bürgern und vielen anderen enthusiastischen, aber schlecht informierten Gegnern. Die Ausrüstung der Polizei ist museumsreif und wird von den modern ausgestatteten Gangstern verlacht, Anwälte sind rund um die Uhr damit beschäftigt, eindeutig schuldige Zeitgenossen aus den Zellen zu klagen.
Frustrierte Beamte begeben sich in die innere Emigration oder entwickeln skurrile Züge. Will man MacBride Glauben schenken, arbeiten ausschließlich karikaturhaft verzerrte Exzentriker für die Grampian Police. Ihre diversen Schnurren sorgen erneut für Erheiterung, obwohl dahinter immer wieder deutlich wird, dass hier Menschen ihre eigenen Methoden gefunden haben, um einen Alltag zu meistern, der im Grunde nur noch Chaos ist.
Ohnehin bleibt der Autor dem milde sarkastischen Tonfall treu, der den konzeptionellen Stillstand der McRae-Serie gern vergessen lässt: Diese Bücher lesen sich einfach fabelhaft, weil sie einen Sinn für echten Humor erkennen lassen. Die Übersetzung kann das – die Regel ist das nicht – bewahren und verdient eigenes Lob.
DI Steel benimmt sich weiterhin wie die Axt im Wald und lässt Logan McRae ihre Arbeit erledigen. DI Insch stopft alle möglichen Süßigkeiten in seinen Wanst und inszeniert die schlechteste Amateur-Theatertruppe der Welt. Der dicke Gary hört immer noch alle Revier-Flöhe husten. Sandy Moir-Farquharson behauptet seine Führungsposition als widerlichster Anwalt der Welt. Colin Miller ist als Enthüllungsjournalist die Zecke im Fell der Grampian Police.
Nichts Neues also auch im Bereich der Figurenzeichnung. Das gilt erst recht für Logan McRae, der als Person ohnehin kaum ein eigenes Profil aufweist. Man nennt ihn zwar „Lazarus“, seit er von einem irren Killer aufgeschlitzt wurde und trotzdem überlebte, aber das daraus resultierende Trauma ist längst fadenscheinig geworden. McRae ist vor allem deshalb wichtig, weil es wenigstens eine ’normale‘ Figur geben muss, die für die kriminalistische Arbeit verantwortlich zeichnet. Ohne ihn würde sich die Grampian Police endgültig aus der Realität verabschieden, denn es ist schwer vorstellbar, dass seltsame Gestalten wie Steel oder Insch auch nur einen Fall lösen könnten.
Inzwischen ist McRae also mit Jackie Watson zusammen, womit MacBride den obsoleten Anteil Seife in seinen Krimi einspritzt. Die private Situation in Serie tätiger Polizisten oder Detektive ist heutzutage ebenso wichtig wie die Darstellung eines Verbrechens. MacBride hält sich erfreulich zurück; vor allem weibliche Seriendetektive agieren hart an der Grenze zur „chick-lit“, und die Grenze ist viel zu durchlässig geworden.
Die Beziehung wird in den folgenden Bänden der Serie noch ernsthaft auf die Probe gestellt werden, denn Jackie Watson hat eine unsichtbare Grenze überschritten: die vom Ordnungshüter zum Richter und Vollstrecker. Die Gefahr ist allgegenwärtig in MacBrides Polizeiwelt, die von Frustration gekennzeichnet ist. Wenn die Justiz die Arbeit der Polizisten aushebelt, fühlen sich diese womöglich nicht mehr an ein Gesetz gebunden, von dem sie sich vernachlässigt und verhöhnt wähnen. Schlimmer noch: Ihr Gefühl für Toleranz und Verhältnismäßigkeit hat sich verflüchtigt. Sogar Logan McRae lässt sich in einem Moment der Selbstjustiz dazu hinreißen, einem bereits gefangenen Vergewaltiger Pfefferspray in die Augen zu sprühen.
Denn der Alltag, obwohl von MacBride so humorvoll in Szene gesetzt, hinterlässt seine Spuren: DI Insch frisst sich zu Tode, DI Steel eifert ihm per Zigarette nach. Die Zahl der kollektiven Besäufnisse nach Feierabend ist in „Der erste Tropfen Blut“ beachtlich, die Folgen werden drastisch beschrieben. Ein Privatleben, das als Ausgleich dienen könnte, bleibt auf der Strecke. In McRaes und Watsons gemeinsamer Wohnung stapelt sich der Dreck – ein Alarmsignal, denn der Stress gestattet nicht einmal die Einhaltung simpler hygienischer Standards. Der dicke Gary bringt es auf den Punkt, als er anmerkt, er könne von McRae eigentlich Miete fordern, denn er lebe ja ohnehin auf dem Revier.
Die Maschine frisst auch die jungen Beamten mit Haut und Haaren. Mit Constable Rickards führt MacBride ein neues Gesicht ein. Rickards ist – noch – ein Idealist mit einem privaten Geheimnis, das er – so dumm ist er nicht – gern vor seinen Kollegen gewahrt hätte. Es kommt ans Tageslicht und verwandelt Rickards in ein willkommenes Opfer für Hohn und Spott: Die abgestumpften Polizisten geben nicht einmal einander moralischen Rückhalt, sie zerfleischen sich selbst. Rickards einzige Chance ist es, auf das Erscheinen eines neuen Pechvogels zu warten und sich dann unter denen einzureihen, die ihn bittere Mores lehren. Wir lachen, wenn wir lesen, wie Rickards wieder einmal veräppelt wird – und ertappen uns dabei, Komplizen geworden zu sein. Die Heiterkeit bleibt uns im Hals stecken. Diese Reaktion werden wir oft erleben, denn Stuart McRae ist ein böser Meister, der sie kunstvoll auszulösen versteht. Es sind halt nicht nur Kugeln oder Messer, die durch die Haut gehen – „Broken Skin“ heißt dieser Roman im Original -; auch böse Taten und Worte dringen durch und richten nicht selten größere Schäden an als jede Waffe.
Stuart MacBride wurde (in einem Jahr, das sich nicht ermitteln ließ) im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.
Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website [www.stuartmacbride.com,]http://www.stuartmacbride.com die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.
_Stuart MacBride auf |Buchwurm.info|:_
[„Die dunklen Wasser von Aberdeen“ 2917
[„Die Stunde des Mörders“ 3739
http://www.goldmann-verlag.de
Anscombe, Roderick – Hinterhältig
Die Zutaten, aus denen Roderick Anscombe seinen Thriller „Hinterhältig“ zaubert, klingen vielversprechend: Man nehme einen forensischen Psychiater in einem Hochsicherheitsgefängnis für psychisch kranke Straftäter, gebe einen gerissenen, schwerreichen, psychopathischen Stalker dazu und schon hat man einen Thriller, der in einem Psychoduell auf Leben und Tod gipfelt.
So ergeht es zumindest Psychiater Paul Lucas, der den schwerreichen Elitestudenten Craig Cavanaugh als neuesten Patienten vor die Nase gesetzt bekommt. Craig hat seiner Professorin Natalie Davis massiv nachgestellt. Mit deren Zurückweisungen kommt er nicht zurecht, und so kommt es, wie es kommen muss: Natalie fühlt sich bedroht und schaltet die Behörden ein, die Craig zu der Auflage verdonnern, sich von Natalie fern zu halten. Natürlich verstößt Craig gegen diese Auflage (was sich aber nicht mit letzter Endgültigkeit beweisen lässt) und da es auch Paul nicht gelingt, dem Gericht glaubhaft zu machen, dass Craig wirklich gefährlich ist, kommt er frei und wird fortan auf eigenen Wunsch von Paul therapiert.
Doch glaubt der Psychiater anfangs noch, er habe die Lage im Griff, so sorgt Craig schon bald dafür, dass Paul die Sache entgleitet. Ohne dass Paul es so richtig bemerkt, gibt auf einmal Craig den Ton an und verwickelt ihn in eine ausgebuffte Intrige, die Paul schon bald nicht nur seinen Job kosten könnte, sondern obendrein sein ganze Leben über den Haufen zu werfen droht …
So weit der grobe Inhalt. Anscombe erzählt den Roman aus der Perspektive von Paul. Paul steht im Mittelpunkt der Handlung, und obwohl Anscombe die Perspektive des Ich-Erzählers wählt, ist der Leser schon bald schlauer als die Hauptfigur. Natürlich ist dem Leser schon beim ersten Zusammentreffen von Psychiater und Stalker klar, dass die Angelegenheit irgendwie aus dem Ruder laufen muss, aber zu Beginn passiert erst einmal nicht viel.
Anscombe versucht sich mit einem ganz subtilen Spannungsaufbau. Er lässt die beiden Kontrahenten einfach aufeinanderprallen, und während sie sich in langen Gesprächen zunächst erst einmal gegenseitig „abtasten“, passiert ansonsten nicht viel. Das sorgt nicht gerade für einen spannungsgeladenen Romaneinstieg. Anscombe blickt auf Pauls Privatleben und auf die Probleme, die er und seine Frau Abby haben, seitdem der Sohn bei einem Autounfall starb.
Obwohl der Autor dabei auch teilweise das Innenleben seines Protagonisten entblättert, bleibt die Figur des Paul Lucas überraschend blass. Das alles sieht eben mehr nach durchschnittlicher Kost aus, von der man nicht sonderlich viel Tiefe erwarten kann. Dementsprechend baut sich dann auch der weitere Plot auf. Da Paul Lucas als Protagonist also ein wenig konturenlos bleibt, fiebert man als Leser auch nicht sonderlich stark mit ihm mit.
Erschwerend kommt hinzu, dass man Paul am liebsten immer für seine Blindheit ohrfeigen möchte. Der Leser überschaut enorm viel, kann Teile der Handlung gar vorhersehen und ist somit weder vom Handlungsverlauf sonderlich überrascht, noch kann die Intrige, mit der Paul sich konfrontiert sieht, besonders fesseln. Es ist halt etwas schade, wenn man als Leser immer einen entscheidenden (und mitunter ziemlich großen) Schritt voraus ist, und der Autor dann nicht einmal für wirklich überraschende Wendungen sorgt, die dem Leser demonstrieren, dass er eben doch nicht alles durchschaut hat.
Die Richtung des Romans ist schon recht bald klar, und so wartet der Leser eigentlich nur ungeduldig darauf, wann auch Paul Lucas endlich begreift, in welcher Lage er sich befindet und wie sein Lösungsansatz für diese Misere aussieht. Vermutlich war es Anscombe auch gar nicht so wichtig, ganz banale Spannung zu erzeugen, bei der auch der Leser mal im Dunkeln tappt. Anscombe ist von Haus aus selbst Gerichtspsychiater, und so dürfte für ihn logischerweise das Psychoduell der beiden Hauptfiguren den Reiz der Geschichte ausmachen.
Anscombe stellt Paul Lucas als Mann mit hohen Idealen dar, der sich stets der Wahrheit verpflichtet fühlt und ganz persönlich schon mit einer kleinen Notlüge Probleme hat. Zu beobachten, wie solch ein Mensch sich in einem schier ausweglosen Psychoduell gegen einen skrupellosen Stalker verhält, mag also seinen Reiz haben. Paul muss feststellen, dass ihm bei der Bewältigung dieses Problems seine eigenen Ideale im Weg stehen, und muss seine Handlungsweise entsprechend entgegen seinen eigenen Moralvorstellungen anpassen.
Mit der Anpassung seiner Ideale treibt Anscombe es dabei sehr weit – für meinen Geschmack zu weit. Das Finale wirft eine ganze Reihe moralischer Fragen auf, die Paul Lucas aber anscheinend nicht wirklich schlaflose Nächte bereiten und am Ende auch offen im Raum stehenbleiben. Das lässt dann Pauls Charakterskizzierung etwas unausgegoren wirken und man kann sicherlich darüber streiten, inwiefern diese charakterliche Wandlung gelungen ist bzw. eben nicht. Für meinen Geschmack wirkt sie eher wenig überzeugend.
Und so ist „Hinterhältig“ dann leider auch eher ein Thriller, der im unteren Mittelmaß anzusiedeln ist. Spannung wird eher wenig aufgebaut, da der Plot für den Leser zu durchsichtig ist und Protagonist Paul Lucas eine dermaßen lange Leitung hat, dass es schon fast ein wenig nervt.
Lediglich zum Showdown schafft Anscombe es, den Leser zu fesseln, greift dann aber zu etwas moralisch fragwürdigen charakterlichen Veränderungen an der Figur des Paul Lucas, so dass auch das Finale trotz einiger Spannung Bauchschmerzen verursacht. Und so bleibt eben auch die Figurenskizzierung irgendwo im Mittelmaß stecken. Unterm Strich also ein Thriller, der zwar eigentlich eine interessante Thematik zugrunde legt, diese aber eher schwach umsetzt.
http://www.knaur.de
Franz, Andreas – Spiel der Teufel
Kommissar Sören Henning und seiner Partnerin Lisa Santos stehen besonders unangenehme Ermittlungen bevor. Ihr Freund und Kollege Gerd Wegner wird tot in seinem Auto gefunden, offenbar Selbstmord durch Kohlenmonoxid-Vergiftung. Es existiert jedoch kein Abschiedsbrief und niemand kann sich vorstellen, dass er sich umgebracht haben sollte. Vor allem seine schöne Witwe, die Russin Nina, glaubt nicht an die Selbstmord-Theorie.
Kurz darauf taucht die Leiche einer jungen Asiatin am Kieler Hafen auf, genau an jenem Ort, an dem sich Gerd kurz vor seinem Tod aufgehalten hatte. Weggeätzte Fingerkuppen deuten auf eine Auftragskillerin hin, die von ihresgleichen beseitigt wurde. Henning und Santos wittern einen Zusammenhang. Der Mordverdacht erhärtet sich, als sich herausstellt, dass Gerd verdeckte Ermittlungen für das Landeskriminalamt führte, die ihm womöglich zum Verhängnis wurden.
Leider stellen Henning und Santos auch fest, dass Gerd ein Doppelleben führte. Eine Frau meldet sich, die sich als seine Geliebte ausgibt, zudem kassierte Gerd anscheinend Schmiergelder, die ihm ein luxuriöses Leben ermöglichten. Die Spur führt zu einer russischen Organhandel-Organisation, die in ganz Europa Stützpunkte unterhält – und auch zu einer Kieler Schönheits-Klinik, in der illegale Operationen vorgenommen werden …
Nach „Unsichtbare Spuren“ gibt es in diesem Buch ein Wiedersehen mit dem Kieler Kommissar Sören Henning, das erfreulicherweise an die positiven Erwartungen des Vorgängers anknüpfen kann.
|Spannung bis zum Schluss|
Es ist in mehrfacher Hinsicht ein besonders aufreibender Fall für Sören Henning und Lisa Santos. Nicht nur, dass das Mordopfer ihr geschätzter Kollege Gerd Wegner ist, sondern im Laufe ihrer Ermittlungen erhärtet sich auch noch der Verdacht, dass die Mittäter in den eigenen Reihen zu finden sind. Brisant ist auch das Thema Organmafia, das im weiteren Verlauf die Handlung dominiert.
Schnell ist dem Leser ebenso wie den Ermittlern klar, dass der angebliche Selbstmord von Gerd Wegner fingiert wurde, doch die Frage nach dem Täter bleibt spannend. Ein persönlicher Racheakt ist ausgeschlossen, bleibt also nur noch die Möglichkeit, dass Gerd aufgrund von Ermittlungen ausgeschaltet wurde. Seine verdeckte Nebentätigkeit und der Verdacht der Korruption bringen Henning und Santos ins Wanken, immerhin betrachteten sie Gerd als einen ihrer engsten Freunde und wollen kaum glauben, dass der zuverlässige, ruhige Familienvater in dubiose Machenschaften verwickelt war. Für Bestürzung sorgt auch das Obduktionsergebnis, nach dem er kurz vor seinem Tod Sex mit einer Frau hatte, die unmöglich Ehefrau Nina gewesen kann, die sich zu der Zeit in Hamburg befand. Henning und Santos rätseln, ob die mysteriöse Geliebte an seinem Tod beteiligt war oder zumindest als Zeugin helfen kann. Besonders im letzten Viertel ist der Roman reich an überraschenden Wendungen. Sogar der Epilog kann noch mit neuen Ergebnissen aufwarten, sodass man sich bis kurz vor Schluss nie sicher sein kann, wie die Dinge wirklich liegen.
In einem Nebenstrang wird immer wieder zu den Organhändlern geschaltet. Durch leere Versprechungen von einem besseren Leben lotsen sie Kinder und junge Leute aus dem Armutsvierteln in St. Petersburg auf ein Schiff, das sie nach Deutschland führt. Anstatt jedoch von liebevollen Familien in Empfang genommen zu werden, erwarten sie eine ärztliche Untersuchung, eine Betäubungsspritze und der Tod auf dem OP-Tisch, wo ihnen wichtige Organe entnommen werden. Mit eiskalter Kalkulation wickeln die Macher ihre Geschäfte ab, ohne Scheu, den Immigranten ins Gesicht zu lügen.
Andreas Franz verzichtet bewusst auf Szenen mit Gewaltdarstellung; seine Schilderungen lösen dennoch beim Leser heftige Beklemmung aus. Inständig wünscht man sich, dass die jüngsten Opfer des Organhandels noch rechtzeitig gerettet werden können, während man verfolgt, wie den eingepferchten Gefangenen nach ihrer Ankunft langsam eine Ahnung aufsteigt, dass sie in eine Falle gelaufen sind. Die Verwicklung höchster Kreise von russischer Politik, Justiz und Polizei in das organisierte Verbrechen schockiert nicht zuletzt dank des Wissens, dass Andreas Franz sich hier mehr an recherchierten Fakten denn an Phantasie orientiert und das totgeschwiegene Thema Organhandel präsenter sein dürfte, als es einem lieb ist. Der Leser sei vorgewarnt, dass er sich auf ein sehr düsteres Werk einlässt, das dicht an der traurigen Realität bleibt.
|Gelungene Hauptcharaktere|
Sören Henning ist auch hier gerade durch seine überlegte Art ein Sympathieträger, von dem man sich noch viele weitere Romane wünscht. Kenntnisse über das Vorgänger-Werk sind nicht notwendig, denn die wichtigsten Informationen fließen wie nebenbei in die Handlung ein. Sören Henning ist ein geschiedener Kommissar Anfang vierzig, der sehr unter der Trennung von seinen Kindern leidet. Seine Ex-Frau stellt unablässig finanzielle Forderungen, während sie im Gegenzug versucht, jeden Kontakt zwischen Henning und den Kindern zu vermeiden.
Einziger Halt ist, wie schon im letzten Band, Lisa Santos, mit der er inzwischen eine Beziehung führt, die in Einklang mit dem Alltagsstress gebracht werden muss. Die Liebesbeziehung steht aber angenehm im Hintergrund. Franz benutzt sie weder, um Sexszenen noch Eifersüchteleien einzubauen. Einziger Konfliktpunkt ist Santos‘ ältere Schwester Carmen, die vor über zwanzig Jahren bei einem brutalen Überfall schwerste Gehirnverletzungen davontrug und seither im Wachkoma liegt. Für Henning ist es schwer zu akzeptieren, dass Carmen für Lisa den wichtigsten Punkt in ihrem Leben darstellt und sie nicht davon abrückt, sie mehrfach die Woche zu beobachten, obwohl wenig dafür spricht, dass Carmen ihre Gegenwart überhaupt registriert. Davon abgesehen werden Henning und Santos als gleichwertige Partner präsentiert, die einander in einem besonders belastenden Fall gegenseitig eine Stütze bieten. Der Fokus liegt eindeutig auf den Ermittlungsarbeiten statt auf dem Privatleben der Kommissare.
|Kleine Schwächen|
Auf der Gegenseite sind die Charaktere nicht ganz so überzeugend gelungen. Sowohl beim Leiter der Klinik als auch bei seinen niederen Handlangern vermisst man Züge abseits der Klischees. Der Leiter besticht nach außen hin durch Charme und weltmännisches Auftreten, um hintenrum seine grausamen Geschäfte abzuwickeln. Da gibt es keine Überraschungen in Verhalten oder Motivation der Figuren; die oberen Drahtzieher sind geld- und machtbesessen, die Untergebenen werden genötigt, da ihnen bei Zuwiderhandlungen der Tod oder der eines Familienangehörigen droht.
Etwas weniger Schwarzweiß-Malerei und etwas differenzierte Darstellungen wären schön, vor allem ein paar schwankende, an ihrer Tätigkeit zweifelnde Charaktere auf der Seite der Bösen hätten der Handlung gut getan. Und obwohl die Wendungen und der Ausgang generell sehr überraschend sind, gibt es zumindest zwei Personen, deren nähere Beteiligung man schon etwa in der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, sodass die Bestätigung am Ende nicht allzu überraschend ausfällt.
_Als Fazit_ bleibt ein sehr düsterer und realistischer Krimi über das brisante Thema Organmafia. Auch das zweite Werk mit den Kieler Kommissar Sören Henning überzeugt durch interessante Hauptcharaktere und Spannung inklusive Wendungen bis zum Schluss. Die kleinen Schwächen fallen dagegen kaum ins Gewicht.
_Der Autor_ Andreas Franz wurde 1956 in Quedlinburg geboren. Bevor er sich dem Schreiben widmete, arbeitete er unter anderem als Übersetzer, Schlagzeuger, LKW-Fahrer und kaufmännischer Angestellter. 1996 erschien sein erster Roman. Franz lebt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt, wo die meisten seiner Krimis spielen. Weitere Werke von ihm sind unter anderem: „Jung, blond, tot“, „Das achte Opfer“, „Der Finger Gottes“, „Letale Dosis“, „Das Verlies“, „Teuflische Versprechen“ und „Unsichtbare Spuren“.
Mehr über ihn auf seiner Homepage: http://www.andreas-franz.org.
http://www.droemer-knaur.de
_Andreas Franz auf |Buchwurm.info|:_
[„Teuflische Versprechen“ 1652
[„Unsichtbare Spuren“ 3620
Ani, Friedrich – Wer tötet, handelt
Friedrich Ani gehört zu Deutschlands beliebtesten Krimiautoren. Er hat unter anderem auch schon Drehbücher für den ARD-Klassiker „Tatort“ geschrieben. Bekannt ist er vor allem für seine Reihe um den kauzigen Kommissar Tabor Süden, die er 2005 abschloss. Seitdem hat er zwei weitere Serien entwickelt: Zum einen hat er Hauptkommissar Polonius Fischer ins Leben gerufen, zum anderen den erblindeten Ex-Ermittler Jonas Vogel, der sich mit seiner Behinderung einfach nicht abgeben will. Nachdem in der ersten Geschichte um Jonas Vogel, [„Wer lebt, stirbt“, 3846 von Vogels Unfall erzählt wurde, geht es im zweiten Band der Reihe „Der Seher“ vor allem darum, wie Vogel und sein Umfeld mit der neuen Situation zurechtkommen.
Wenn es nach Jonas Vogel ginge, würde alles beim Alten bleiben, abgesehen davon, dass er nichts mehr sieht und einen Bobtail namens Roderich als seinen nicht ausgebildeten Blindenhund stets bei sich hat. Seine Familie sieht das anders. Esther, seine alkoholabhängige Ehefrau, fühlt sich von ihrem Ehemann entfremdet, während die erwachsenen Kinder Kathrin und Max, der ebenfalls bei der Polizei arbeitet, wütend auf Jonas Vogel sind. Er nimmt überhaupt keine Rücksicht auf die labile Esther und setzt der Situation die Krone auf, als er sich ungefragt in die Ermittlungsarbeit der Mordkommission einmischt.
Eines Abends, nach einem fruchtlosen Gespräch mit seinem Sohn Max über Jonas‘ Erblindung, begegnet Jonas Vogel auf dem Heimweg einem jungen, halbnackten Mann, der davon redet, dass er mit seiner Freundin in deren Wohnung überfallen worden ist. Die Freundin, Silvia Klages, ist nach wie vor in der Gewalt des Einbrechers und in Jonas Vogel kommen unangenehme Erinnerungen hoch. Silvia Klages hatte vor Jahren die Ermordung ihrer eigenen Eltern mitansehen müssen und glaubt seitdem, die Schuld für deren Tod läge bei ihr. Vogel ist klar, dass die Frau völlig verängstigt sein muss, und er sieht keine andere Möglichkeit, als sich gegen sie austauschen zu lassen. Selbstverständlich haben nicht nur Max, sondern auch der Leiter der Mordkommission etwas dagegen. Immerhin ist Jonas blind. Doch er lässt sich nicht beirren und nimmt den Platz der jungen frau ein. Erst als er dem Entführer gegenübersitzt, ahnt er, worauf er sich da eingelassen hat …
„Wer tötet, handelt“ glänzt vor allem durch seine Charaktere. Ani konzentriert sich ungewöhnlicherweise weniger auf Täter, Opfer und Ermittler, sondern rückt die Familie Vogel in den Vordergrund. Silvia Klages sowie der Täter kommen nicht zu kurz, doch bleiben sie weit weniger haften als Jonas, Max und Esther. Deren zwischenmenschliche Konflikte werden sehr stark thematisiert ohne zu langweilen. Das gelingt dem Autor vor allem dank der Tatsache, dass seine Figuren mehr hinsichtlich ihrer Schwächen als ihrer Stärken dargestellt werden. Dazu gehören Vogels verschlossenes Verhalten oder auch der regelmäßige Alkoholkonsum in der Familie. Ani schönt nichts, was es dem Leser erlaubt, sich mit den authentischen Figuren zu identifizieren.
Ähnlich wie der erste Band der Reihe geht die eigentliche Kriminalhandlung durch die Fokussierung auf die Vogelschen Familieninterna ein wenig unter. Wer einen spannenden, unterhaltsamen Krimi zum Mitraten erwartet, wird herb enttäuscht. Ani interessiert sich nicht für technische Ermittlungsarbeit. Der Täter ist von Anfang an bekannt, einzig seine Beweggründe bleiben vorerst verborgen. Die klären sich im Gespräch mit Vogel, während die beiden in Silvia Klages Wohnung ausharren, bis die Polizei die Forderungen des Täters nach einem Auto und Geld erfüllt hat. Auch an dieser Stelle geht es vornehmlich um die Psyche von Henning, wie der Einbrecher sich nennt, und weniger um Action. Eine Spannungskurve zeichnet sich in der Geschichte nicht ab, doch trotzdem kann Friedrich Ani überzeugen, denn die Handlung ist flott erzählt und kommt ohne unnötigen Ballast aus.
Dass eine Handlung, die sich hauptsächlich auf Zwischenmenschliches stützt, ohne schmückendes Beiwerk auskommt, klingt im ersten Moment paradox. Dies ist Anis virtuosem Schreibstil zu verdanken, der diesen Widerspruch auflöst. Der Autor schafft es, Emotionen und Sachverhalte mit wenigen Worten so farbig zu schildern, dass der Leser die Situationen versteht, ohne bis ins Detail aufgeklärt worden zu sein. Es entsteht eine sehr lebendige Atmosphäre, vornehmlich durch knappe Sätze und Dialoge hervorgerufen, die den Leser nicht mehr loslässt.
Es ist vorbildlich, wie Ani mit wenigen, sparsamen Mitteln die Geschichte zum Leben erweckt. Das gelingt nur wenigen Autoren in dieser Form. Allerdings kommt „Wer tötet, handelt“ nicht ohne Kritik aus: Obwohl das Buch auch so funktioniert, hätte ein mitreißender Kriminalfall dem zweiten Band der Reihe „Der Seher“ nicht geschadet. Im Vergleich mit dem ersten Band hat sich Ani allerdings gesteigert, und wer weiß? Vielleicht hat er es ja zu seiner Maxime gemacht, sich von Band zu Band zu verbessern. In diesem Fall warten wir gespannt auf sein nächstes Buch.
http://www.dtv.de
http://www.friedrich-ani.de
|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension 3563 zur Lesung von „Wie Licht schmeckt“.|
Link, Charlotte – letzte Spur, Die
Die junge Elaine Dawson hatte bisher wenig Glück im Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie zurückgezogen im ländlichen Kingston St. Mary, wo sie sich um ihren älteren Bruder Geoffrey kümmert, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Die Hochzeitseinladung ihrer ehemaligen Kinderfreundin Rosanna in Gibraltar sorgt für einen Lichtblick in ihrem trüben Alltag. Doch Elaine hat Pech, Nebel verhindert den Flug und sie sitzt hilflos am Flughafen Heathrow. Ein Anwalt, der ihre missliche Lage erkennt, bietet ihr eine Übernachtung bei sich zuhause an. Elaine nimmt dankbar an – und verschwindet spurlos.
Fünf Jahre später: Rosanna Hamilton fühlt sich in ihrer Ehe und ihrem Leben auf Gibraltar immer weniger glücklich. Sie sehnt sich danach, wieder in ihrem alten Beruf als Journalistin zu arbeiten. Dankbar nimmt sie ein Angebot ihres ehemaligen Chefs an und reist nach London. Sie soll eine Zeitungsserie über vermisste Personen schreiben, darunter auch über den ungelösten Fall von Elaine. Rosanna rollt den Fall wieder auf, nicht nur aus journalistischem Interesse, sondern auch, um ihre Schuldgefühle über das Verschwinden der Freundin zu bewältigen.
Dabei konzentriert sie sich auf den Anwalt Marc Reeve – den Mann, der Elaine damals mit nach Hause nahm. Obwohl er stets beteuerte, Elaine am nächsten Tag zum Flughafen zurückgebracht zu haben, und die Polizei ihm nie etwas nachweisen konnte, wurde er den Verdacht nie los. Besonders Geoffrey versuchte mit allen Mitteln, sein Leben zu zerstören. Nur widerstrebend zeigt er sich zur Kooperation mit Rosanna bereit. Doch bald stößt die Journalistin auf Hinweise, dass Elaine möglicherweise noch lebt …
Verschwundene Personen, ein unbekannter Mörder und Frauen in Gefahr, das sind die Zutaten, die Charlotte Link nicht zum ersten Mal für einen Spannungsroman verwendet.
|Spannende Handlung, überraschende Wendungen|
Solide wie üblich versteht es Charlotte Link, durchgängig Spannung aufzubauen. Trotz des Umgangstons stellen sich erfreulicherweise keine Längen ein. Vielmehr fesselt den Leser von Beginn an die Frage, was mit Elaine Dawson geschehen sein mag. Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar: Wurde Elaine auf dem Weg zum Flughafen entführt und ermordet? Wird sie vielleicht irgendwo gefangen gehalten und fristet vielleicht ein Dasein als Zwangsprostituierte? Gab es vielleicht einen Unfall, bei dem sie unbemerkt ums Leben kam? Oder ist Elaine gar freiwillig aus ihrem Leben ausgestiegen, hat eine neue Identität angenommen und will gar nicht gefunden werden?
Alles scheint möglich und zugleich nichts davon wirklich realistisch. Nicht nur Rosanna, auch dem Leser fällt es schwer zu glauben, dass der charmante, attraktive Marc Reeve etwas mit dem Verschwinden der unscheinbaren Elaine zu tun haben soll. Auch dass sie einem brutalen Killer in die Arme gelaufen sein soll, scheint fraglich, denn Elaine war zwar unerfahren, aber nicht vollends naiv. Die Dominanz ihres schwierigen Bruders Geoffrey, der sie als Bezugsperson beständig einspannt, mag vordergründig ein Motiv zur Flucht gewesen sein, dennoch kann sich niemand, der Elaine kannte, denken, dass sie, die schüchterne, einsame Dorfpflanze, tatsächlich einen solch großen Schritt wagte und ein heimliches neues Leben begann.
In einer Parallelhandlung tauchen jedoch zwei weitere Frauenleichen auf, deren Fälle womöglich mit Elaine zusammenhängen. Sowohl die Prostituierte Jane French als auch die sechzehnjährige Linda werden gefesselt und ertränkt aufgefunden, brutal getötet von einem Sexualverbrecher. Während die Polizei zunächst im Dunkeln tappt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Frauen an den gleichen Mann gerieten und seiner psychopathischen Ader zum Opfer fielen. Eine fieberhafte Suche beginnt, mit dem Verdacht, hier endlich etwas über Elaines Schicksal zu erfahren. Für Leser wie Charaktere beginnt ein Wechselbad der Gefühle voller neu aufkeimender Hoffnungen, die sich mit Enttäuschungen und Misserfolgen abwechseln. Das Ende ist kaum vorhersehbar und dennoch plausibel, und bis zum Finale halten überraschende Wendungen den Leser in Atem.
|Private Verwicklungen|
Aber nicht nur die Suche nach Elaine Dawson, sondern auch die Schicksale der Menschen, die mit ihrem Fall verwoben sind, sorgen für Spannung. Vordergründig geht es dabei um Rosanna Hamilton, die nicht verwinden kann, dass es ihre Hochzeitseinladung war, die zum Verschwinden von Elaine führte, der sie nie besonders nahe stand und bei der sie wusste, dass eine solche Reise die junge Frau womöglich überfordern würde. Im Fokus liegt aber auch Rosannas Ehe- und Familienleben. Nie hat sie sich auf Gibraltar eingelebt, stattdessen vermisst sie ihr ländliches Kingston St. Mary und ihre abwechslungsreiche Arbeit als Journalistin.
Ihr Mann Dennis dagegen hadert mit seinem aufmüpfigen sechzehnjährigen Sohn Rob, der seinerzeit ungeplant zur Welt kam, von seiner jungen überforderten Mutter abgegeben wurde und inzwischen auch den Vater über Gebühr belastet. Da der Kontakt zur leiblichen Mutter schon vor vielen Jahren abbrach, hat Rosanna diese Rolle übernommen. Umso schlimmer für Rob, dass nun auch sie für unbestimmte Zeit nach England zurückgeht und sich offenbar immer weniger wohl in ihrer Ehe fühlt. Weitere Rollen spielen auch die Annäherungen zwischen Rosanna und Marc Reeve, die die verheiratete Frau in schwere Gefühlskonflikte bringen, sowie das Leid von Geoffrey, der seit Elaines Verschwinden in einem Pflegeheim lebt und sich an Marc rächen will, den er nach wie vor verantwortlich macht.
|Kleine Schwächen|
Trotz der eingebauten Nebenhandlungen, die sich um die Probleme der Figuren abseits der Suche nach der Vermissten drehen, besitzt das Buch keine wirkliche Tiefe und wirkt nicht lange nach der Lektüre nach. Zwar lässt einen das Schicksal der Charaktere nicht kalt, aber es reicht nicht, um den Leser mitleiden zu lassen. Dazu kommt, dass die Dialoge oft gestelzt klingen, gerade in emotionalen Momenten zu überlegt und dadurch nicht realistisch. An ein paar entscheidenden Stellen der Handlung springt der Zufall ein, sodass auch hier der Realismus ein wenig auf der Strecke bleibt und man unweigerlich spürt, dass sich die Handlung nicht von selbst ergibt, sondern sorgfältig konstruiert wurde.
Etwas fraglich ist außerdem, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen zum Tod von Linda nicht von selbst auf die Idee kommt, an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz zu recherchieren. Dies übernimmt stattdessen, einer Eingebung folgend, ihre Schwester Angela, die über Lindas ehemalige Kollegin auf eine heiße Spur gerät. Erst hier schaltet sich die Polizei ein, ohne dass erklärt wird, warum sie nicht längst dieses Umfeld überprüfte. Ein wenig übertrieben mutet auch der Einbau der Liebesbeziehung zwischen Rosanna und Marc an, als sei diese Entwicklung ein Muss, um das Chaos zu vervollständigen.
Als _Fazit_ bleibt ein solider Thriller von Erfolgsautorin Charlotte Link, der sich um mysteriöse Frauenmorde und die Suche nach einer verschwundenen Person dreht. Für Spannung ist durchgehend gesorgt, auch dank der überraschenden Wendungen. Kleine Schwächen liegen in der mangelnden Tiefe, die das Werk nicht weit über einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman ohne größere Ansprüche hebt.
_Charlotte Link_, Jahrgang 1963, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart. Fast alle ihre Bücher wurden zu Bestsellern. Ihre Spezialgebiete sind historische Romane sowie Psychothriller. Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Das Haus der Schwestern“, „Verbotene Wege“, „Die Sünde der Engel“ und die Sturmzeit-Trilogie („Sturmzeit“, „Wilde Lupinen“, „Die Stunde der Erben“). Mehrere ihrer Bücher wurden fürs Fernsehen verfilmt.
http://www.randomhouse.de/goldmann/
|Siehe ergänzend dazu:|
[„Am Ende des Schweigens“ 1606
[„Der fremde Gast“ 1080
[„Das Echo der Schuld“ 3753














