Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Satterthwait, Walter – Miss Lizzie

Boston, 1921: Die dreizehnjährige Amanda bekommt für den Sommer eine neue Nachbarin. Die alte Miss Lizzie, eine ruhige Dame Anfang sechzig, zieht ins Haus nebenan. Jeder in der Stadt weiß, dass Lizzie Borden vor über dreißig Jahren beschuldigt wurde, ihre Eltern mit einem Beil ermorden zu haben. Lizzie wurde vom Gericht freigesprochen, doch die Täterfrage nie geklärt, sodass der Fall zu einem der berühmtesten Fälle der Kriminalgeschichte wurde.

Obwohl Amanda die Geschichte kennt, schließt sie mit Miss Lizzie Freundschaft. Die intelligente, freundliche Dame bringt ihr Kartentricks bei und die zwei verleben in aller Heimlichkeit fröhliche Nachmittagsstunden. Eines Tages jedoch erfährt Amandas zänkische Stiefmutter davon und es kommt zu einem heftigen Streit, in dem sie gegenüber Amandas älterem Bruder William handgreiflich wird. Kurz darauf findet Amanda im Haus die Leiche ihrer Stiefmutter vor – zerstückelt mit einem Beil.

Für die meisten Einwohner und auch für die Polizei ist Miss Lizzie die Hauptverdächtige. Aber auch William ist verdächtig, denn seit diese, Tag ist er verschwunden. Amandas Vater hat ebenfalls etwas zu verbergen. Kurzerhand engagiert Miss Lizzie den cleveren Anwalt Darryl Slocum und einen Privatdetektiv, die die Wahrheit herausfinden sollen. Und auch Miss Lizzie hilft tatkräftig mit …

„Lizzie Borden mit dem Beile …“ beginnt ein alter Kindervers, in dem Lizbeth A. Borden unsterblich gemacht wurde. Historische Figuren in Romane einzubauen, besitzt immer einen Reiz, bei einer geheimnisumwitterten Persönlichkeit wie Lizzie Borden ist dieser allerdings noch einmal erhöht.

|Lizzie Borden als Romanfigur|

Auch wenn der Fall Borden bereits über hundert Jahre zurückliegt, hat er im Gedächtnis der Menschen nichts von seiner makaberen Faszination verloren. Bis heute ist nicht geklärt, ob Lizzie Borden tatsächlich ihren strengen Vater und ihre Stiefmutter ermordete oder nicht. Immer noch werden Bücher über das Verbrechen verfasst und alte Ermittlungen untersucht. Motiv und Möglichkeit waren vorhanden, scheinbar war es nur das zarte Äußere der jüngferlichen Sonntagsschullehrerin, das die Geschworenen davon abhielt, ihr einen solch brutalen Mord zuzutrauen. Trotz des Freispruchs galt Lizzie Borden zeitlebens und auch heute noch bei der Bevölkerung weitgehend als schuldig, allerdings tauchen auch immer wieder kritische und begründete Gegenstimmen auf. Ein Mysterium wie die Jack-the-Ripper-Morde, das hier in geradezu genialer Weise in einen vergnüglichen Krimi eingebaut wurde.

|Gelungene Charaktere|

Miss Lizzie wird als alte, leicht untersetzte Dame mit weißem Haarknoten und stets in Trauerkleidung dargestellt. Eine sanfte Person mit Sinn für leisen Humor, eine gewiefte Kartenspielerin, mutig und charismatisch und für die dreizehnjährige Amanda Burton die beste Freundin, die sie sich in jenem Sommer wünschen kann.

Amanda, die Ich-Erzählerin, berichtet viele Jahre später von dieser Zeit und dem schlimmsten Tages ihres Lebens. Abgesehen von dem Verbrechen ist sie ein ganz normaler, entzückender Backfisch: ein linkisches Ding, das sich ganz verrucht fühlt, wenn es eine Tasse Kaffee bestellt, den älteren Bruder verehrt, bei Komplimenten errötet und bei sexuellen Anspielungen zwar die Anstößigkeit erahnt, aber nicht wirklich versteht. Bei alldem ist Amanda ungemein sympathisch, zumal sie trotz gewisser Zweifel zu ihrer neuen Freundin hält und Miss Lizzie sogar gegen ihren einstigen Schwarm verteidigt, als der über die angebliche Mörderin lästert.

Sehr gelungene Charaktere sind außerdem der flotte, stets gelassen und gut gelaunte Anwalt Darryl Slocum, in den sich die verschämte Amanda sofort verliebt, und der raubeinige, aber gutherzige Privatschnüffler Harry Boyle. Auf der Gegnerseite steht vor allem Polizeichef Da Silva, der einst im Borden-Fall ermittelte und Miss Lizzie nie verziehen hat, dass sie trotz seiner Untersuchungsergebnisse nicht verurteilt wurde.

|Humor, Spannung und ein Hauch von Ernst|

Die teilweise sehr schrulligen Charaktere, der amüsante Blickwinkel des naiven jungen Mädchens samt der entsprechenden Kommentare und die Spießigkeit des Amerikas der Zwanziger verleihen dem Roman beinahe durchgehend einen humorvollen Unterton. Dabei vergisst man aber nie, dass es sich auch um einen Krimi handelt, der in doppelter Hinsicht Spannung verspricht. Es gilt nicht nur, den Mörder von Audrey Burton zu finden, sondern genau wie Amanda ist auch der Leser neugierig darauf, ob sich Licht ins Dunkel bringen lässt bezüglich der Frage nach dem Borden-Fall. Hat Lizzie damals oder hat sie nicht und ist sie vielleicht sogar in diese neue Sache verwickelt …? Mit blutigen Beschreibungen wird zudem nicht gespart und die Gefahr weiterer Morde schwebt als Bedrohung im Raum.

Auch ein paar ruhige, melancholische Momente fließen ein, die durch den Gegensatz zum ansonsten heiteren Ton umso stärker nachwirken. Nicht zuletzt ist es auch ein Werk über das Erwachsenwerden, über das Ende der unbeschwerten Kindheit und über familieninterne Schwierigkeiten. Trotz all der Ironie und der humorvollen Dialoge findet auch eine dichte Atmosphäre Einlass, die den Zauber eines heißen Sommers voller Verwirrungen, Verlockungen und Veränderungen wiedergibt.

|Kaum Schwächen|

Von einer wirklichen Schwäche kann man in diesem hervorragenden Roman nicht reden. Dennoch erfüllt das Finale, so dramatisch es auch gestaltet ist, nicht alle Erwartungen. Hier wird ein bisschen konstruiert, um die Spannung auf die Spitze zu treiben und offenbar einen möglichst eindrucksvollen Höhepunkt zu erzielen. Das Verhalten der Polizei ist in Hinblick auf das Ende ebenfalls nicht gerade glaubwürdig. Eher scheint es, als habe man hier den Schluss mit Rücksichtnahme auf den Nachfolgeband konzipiert, der bei einer realistischeren Darstellung so nicht möglich gewesen wäre.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr humorvoller Kriminalroman um die berühmte Lizzie Borden, die sich hier im gesetzten Alter als Hobby-Detektivin betätigt, und ein sympathisches Mädchen als ironische Ich-Erzählerin. Originelle Grundidee, spannend aufbereitet, mit minimalen Mängeln.

_Der Autor_ Walter Satterthwait wurde 1946 in Philadelphia geboren und bereiste im Lauf der Jahre alle möglichen Länder. Die meiste Zeit über lebt und schreibt er in Santa Fe (New Mexico). Er schreibt vorwiegend Kriminalromane, die in den zwanziger Jahren spielen. Weitere Werke sind u. a.: „Miss Lizzie kehrt zurück“, [„Eskapaden“, 1843 „Oscar Wilde im Wilden Westen“ und „Wand aus Glas“.

http://www.dtv.de

Jed Rubenfeld – Morddeutung

Rubenfeld Morddeutung Cover 2008 kleinDas geschieht:

Im August des Jahres 1909 empfangen die Psychoanalytiker Stratham Younger und Abraham Brill im Auftrag der Clark University in New York die europäischen Väter ihrer noch jungen Wissenschaft: Aus Wien besucht sie Sigmund Freud in Begleitung seiner Schüler Sándor Ferenczi und C. G. Jung. Der berühmte Analytiker wird von den wissenschaftlichen Kollegen, die ihn für einen Scharlatan halten, stark angefeindet. Die Einladung in die USA gab Freud die Gelegenheit, dem Streit für einige Zeit aus dem Weg zu gehen und sich unter freundliche Kollegen zu begeben.

Die gelehrte Männerrunde wird durch ein aktuelles Verbrechen herausgefordert. Ein brutaler Serienmörder überfällt junge Frauen hohen gesellschaftlichen Standes, foltert und erdrosselt sie mit einer Seidenkrawatte. Sein letztes Opfer, die 17-jährige Nora Acton, konnte durch Schreie rechtzeitig auf sich aufmerksam machen und wurde gerettet. Der Schock hat allerdings die Erinnerung an die Untat gelöscht. Younger, der selbst zur Highsociety gehört, kann dem Bürgermeister von New York, der persönlich die Ermittlungen in diesem delikaten Fall leitet, die Idee schmackhaft machen, Nora psychoanalytisch zu behandeln und so die Gedächtnisblockade zu lösen. Freud steht ihm beratend zur Seite. Jed Rubenfeld – Morddeutung weiterlesen

Philip Kerr – Game over

Computerspiele sind gefährlich, das vermitteln uns nicht nur die Medien, sondern auch Politiker oder Eltern. Welche Auswirkungen sie in der Zukunft haben könnten, malt uns Philip Kerr in seinem packenden Thriller „Game over“ aus, in welchem ein Computer sich selbstständig macht und auf Menschenjagd geht.

Häusle baue

Ray Richardson ist nicht einfach nur ein erfolgreicher und schwerreicher Architekt, nein, er plant in Los Angeles das ultimative High-Tech-Hochhaus, in dem praktisch alle Funktionen computergesteuert sind, und zwar von einem Rechner, den seine Programmierer liebevoll Abraham genannt haben. Doch Abraham ist nicht einfach nur irgendein Computer; er beginnt bereits während der Bauarbeiten, von seinen „Bewohnern“ zu lernen und neue Prozesse zu steuern, er verbessert sich und bringt seinen eigenen Sohn hervor – Isaac. Doch leider geschieht dies zu früh, denn noch ist das Bürohaus nicht von seinen eigentlichen Nutzern bewohnt, sondern von den Bauarbeitern, Architekten und Computerspezialisten. Schweren Herzens beschließen die Programmierer daher, Isaac zu löschen. Dass sie damit eine Katastrophe auslösen, ahnen sie zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

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Preston, Douglas – Canyon, Der

Das Erdzeitalter der Dinosaurier hat vor Millionen von Jahren sein Ende gefunden. Auslöser der fast schon apokalyptischer Katastrophe war nach derzeitigen Theorien entweder ein Meteoriteneinschlag in der Gegend der Yukatán-Halbinsel im Golf von Mexiko, der einen 170 Kilometer breiten Krater hinterlassen hat und mit seinem Aufschlag einen nuklearen Winter brachte, oder es gab eine übermäßig hohe Vulkanaktivität, deren Resultat fast gleichbedeutend gewesen wäre. Die meisten Wissenschaftler vertreten aber nach den neuesten Forschungen die Kombination von mehreren Theorien. Das Massensterben der Dinosaurier muss mehrere Gründe gehabt haben, aber grundsätzlich sind sie sich einig darin, dass die klimatischen Veränderungen nur durch eine Kettenreaktion von Naturkatastrophen hervorgerufen wurden.

Die „Dinomanie“ hat ihre Ursache nicht zuletzt im Gigantismus der damaligen Tiere. Im Vergleich zu den heutigen Lebewesen, welche die Erde bevölkern, ist das Größenverhältnis enorm überdimensioniert. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts erfreuen sich Forscher, Wissenschaftler und Laien-Paläontologen an den gewaltigen urzeitlichen Tieren.

Die Erforschung der Dinosaurier steckt noch immer in den Kinder- oder sagen wir besser: Jugendschuhen. Es wurden zwar unzählige Fossilien, Ablagerungen und Fußspuren entdeckt, doch gibt es auch noch heute immer wieder neue Erkenntnisse in der Forschung. Typische und bekanntere Vertreter der Saurier sind der Tyrannosaurus Rex sowie der Brachiosaurus, die uns noch immer faszinieren – also klassifizierte Monster, die es nun mal wirklich gegeben hat oder die in unsere Mythenbildung weiterleben, z. B. als Drache.

Im zweiten auf Deutsch veröffentlichten Solo-Roman (er schrieb ein weiteres Dutzend Thriller zusammen mit Lincoln Child) des Autors Douglas Preston geht es um die Entdeckung eines derartigen Fossiles und um eine gewagte Theorie darüber, warum diese Tiere so flächendeckend den Tod fanden.

_Die Story_

Stem Weathers, ein selbsternannter Archäologe und Abenteurer, untersucht die vielen Canyons am Plateau der Mesa de Los Viejos. Unzählige kleinere und größere Canyons sowie diverse Höhlen und ehemalige Pueblos der Ureinwohner Amerikas dienen vielen Abenteurern als Spielplatz für ihre Expeditionen. Doch die Ruhe und Unberührtheit täuscht. Weathers wird verfolgt, und nur wenige Momente später peitschen die ersten Schüsse durch die Wildnis. In die Schulter und den Rücken getroffen, versucht der tödlich verletzte Archäologe, seinem Verfolger zu entkommen.

Tom Broadbent, ein junger Tierarzt, der in der Gegend wohnt und arbeitet, ist gerade dabei auszureiten, als er die Schüsse im Canyon vernimmt. Er findet den tödlich verwundeten Mann und versucht zu helfen, aber die Verletzungen sind zu schwer und der Mann ist dabei zu verbluten. Sterbend übergibt Weathers sein Notizbuch an Tom und bittet diesen, das Buch seiner Tochter zu überbringen. Er gewährt dem sterbenden Mann seinen letzten Wunsch, nicht ahnend, in welche Gefahr er sich und seine Frau noch bringen wird.

Tatsächlich war der Mörder auf das Notizbuch aus, doch bei der Durchsuchung seines Opfers findet er das Gewünschte nicht. Sein Auftraggeber, ein Wissenschaftler, ist von der Nachricht nicht sonderlich begeistert, sein Blick hellt sich aber auf, als der Mörder ihm eine interessante Gesteinsprobe überreicht.

Tom Broadbent nimmt sein Versprechen sehr ernst und versucht in Erfahrung zu bringen, was es mit dem Notizbuch auf sich hat. Im Notizbuch sind nur endlose Zahlenkolonnen auf jeder Seite verzeichnet, auf den ersten Blick also ein Code, doch wo ist der Schlüssel, die Auflösung des Rätsels? In einem nicht weit entfernten Kloster findet Tom vorläufige Antworten. Ein Novize, der früher als Kryptologe bei der CIA tätig war, hilft Tom bei der Entschlüsselung des Codes: Bei den Zahlen handelt es um eine sehr genaue Positionsangabe innerhalb des Canyons.

Tom, der inzwischen durch seine eigenen Ermittlungen weiß, dass es sich um ein Fossil handeln muss, wahrscheinlich um ein hervorragend erhaltendes Exemplar, gerät mit seiner Frau in tödliche Gefahr, denn das Notizbuch befindet sich noch immer in seinem Besitz.

Auch der Wissenschaftler weiß nach Erhalt der Gesteinsprobe um die einzigartige Chance, damit Profit zu machen. In wissenschaftlichen Kreisen wäre er damit unsterblich und könnte sich vor aller Welt und den Forscherkollegen profilieren. Er beauftragt seine Assistentin, die Gesteinsprobe zu analysieren und später alle Speichermedien, alle Kopien, Notizen und Memos zu vernichten … Doch auch sie wird nach einiger Zeit skeptisch, denn die Proben sind einzigartig, und es gibt daran auch biologische Spuren …

Doch auch die Regierung bzw. die Geheimdienste bringen in Erfahrung, dass es sich bei dem Fund um etwas Außergewöhnliches handelt, und stufen dieser Entdeckung eine hohe Priorität zu … Warum? Was hat es mit der Gesteinsprobe auf sich oder mit dem versteinerten Fossil? Und warum ist man bereit, dafür zu töten? Was ist dieses Risiko wert? Es beginnt eine tödliche Schnitzeljagd, um das Fossil zu finden und das Rätsel zu lösen, und viele Teilnehmer der abenteuerlichen Jagd sind bereit, dafür zu töten!

_Kritik_

Douglas Preston ist uns als Autor wohlbekannt. Zusammen mit seinem Co-Autor Lincoln Child gelang ihm mit „Relic“ („Das Relikt“) der literarische und cineastische Durchbruch. Die Geschichten um den originellen und etwas seltsamen Pendergast haben diese Bekanntheit nur weiter gefördert. Inzwischen gehen beide auch eigene literarische Wege, doch noch immer verfassen sie erfolgreiche Romane gemeinsam.

Auch „Der Canyon“ ist eine gut dosierte Mischung aus Wissenschaft und Thriller. Für den Hauptcharakter Tom Broadbent ist dies nach „Der Codex“ der zweite Auftritt bei Douglas Preston. Souverän erzählt der Autor eine spannende Geschichte, die aber nicht sonderlich überraschen kann. Seine Theorie um das Aussterben der Dinosaurier ist nicht unbekannt, und er stützt sich hierbei auf gut recherchierte Fakten; allerdings sind die Nebenschauplätze und Nebencharaktere weitaus vielschichtiger erzählt als das Hauptthema.

Gerne hätte ich beispielsweise von dem Novizen und ehemaligen CIA-Agenten mehr erfahren. Seine Vergangenheit wird nur kurz angerissen, aber irgendwie ist er der unauffällige „Hauptdarsteller“ in diesem Drama. Besonderes Augenmerk hat der Autor auch in Hinblick auf die Untersuchungen der Gesteinsprobe verwendet – ebenfalls ein Nebenschauplatz, der wichtiger ist als die Erlebnisse von Tom Broadbent.

Wissenschaftliche Thriller arbeiten mit dem Ansatz und wecken die Erwartungshaltung, sich an Fakten zu orientierten oder zumindest nicht in die Fantasy abzudriften. Preston gelingt es erneut, diesen schmalen Grat sicher zu beschreiten. Zudem unterstützt er seine Thesen und Gedanken durch Quellenangaben gut fundierter wissenschaftlicher Berichte. Die einzelnen Szenen der Erzählung wechseln sich jedoch meiner Meinung nach etwas zu schnell ab; die Spannung bleibt zwar erhalten, doch sind die Kapitel zu kurz geraten, um alle Lücken inhaltlich glaubhaft zu schließen.

Sicherlich enthält „Der Canyon“ viele Situationen und Erzählungen, die typisch für so einen Thriller sind, jedoch sollte man hier auch ein wenig ins Detail gehen, denn es gibt zum Ausgleich auch Situationen, die erstklassig und absolut brillant erzählt sind. Stellenweise wird eine geradezu kindliche Begeisterung im Leser wachgerüttelt, denn Dinosaurier üben ja durchaus eine gewisse Faszination aus. Das Thema wird uns sicherlich immer ein wenig in seinen Bann ziehen, eben weil wir so wenig von diesen gigantischen Tieren wissen und diese nie wieder die Erde bevölkern werden.

_Fazit_

„Der Canyon“ ist absolut empfehlenswert für Freunde von wissenschaftlichen Thrillern. Abstriche sind leider zu machen, wenn man die Charakterentwicklung betrachtet. Hier war ich vor allem von der Hauptperson enttäuscht, denn sieht man Tom Broadbent aus der Perspektive des ersten Buches „Der Codex“, ist sie in ihrer Entwicklung einfach stehengeblieben. Die Geschichte wäre zudem vielschichtiger, wenn die eine oder andere Person aus dem ersten Buch auch hier ihren Auftritt gehabt hätte.

Douglas Preston hat jedoch ein spannendes Buch abgeliefert und trotz der kleineren Schwächen wird es seinen treuen Fans gefallen. Vielleicht wird ein dritter Band dieser Reihe wieder vielschichtiger und intensiver als „Der Canyon“.

_Der Autor_

Douglas Preston arbeitete jahrelang am Naturhistorischen Museum in New York. Er verfasste mehrere Sachbücher zu wissenschaftlichen Themen. 1995 schrieb er gemeinsam mit dem ehemaligen Verlagslektor Lincoln Child den international gefeierten Wissenschaftsthriller „Relic“, dem sieben Weltbestseller folgten.

http://www.knaur.de

Daschkowa, Polina – Keiner wird weinen

Polina Daschkowa gehört zu den russischen Autorinnen, um die man nicht herumkommt, wenn man Krimis mag. Neun Bücher wurden mittlerweile in deutscher Sprache veröffentlicht, viele von der Kritik hoch gelobt. Die Russin ist vor allem dafür bekannt, ein realistisches, oft brutales Bild des heutigen Russlands zu zeichnen. Sie beschönigt nichts und fühlt dem einst kommunistischen Land immer wieder auf den Zahn.

„Keiner wird weinen“ erzählt von Kriminellen, Semikriminellen und ganz normalen Menschen, die aufgrund der Rachegelüste Einzelner zusammenfinden. Diese Einzelnen sind Kolja und Wolodja. Kolja ist in einem Kinderheim aufgewachsen, in dem hauptsächlich geistig zurückgebliebene Kinder untergebracht waren. Mit seinem Intellekt verschaffte er sich dort bald eine gewisse Stellung, und als der Dieb Sachar später zu seinem Ziehvater wird, steht Koljas krimineller Karriere nichts mehr im Weg. Innerhalb kürzester Zeit schwingt er sich zum Anführer einer brutalen Einbrecherbande auf und ist auch nach deren Zerschlagung nicht greifbar.

Wolodja will das tun, wozu die Miliz nicht fähig ist: Er will Kolja, der mittlerweile Skwosnjak genannt wird, finden und erledigen. Immerhin hat der brutale Einbrecher, der nie Zeugen hinterlässt, seine Familie ausgelöscht. Das hat Wolodja geprägt, der nun, zum Einzelgänger geworden, das Böse in der Welt rächen will. Sobald er sieht, wie jemand einem anderen Menschen etwas antut, bringt er den Täter um. Skwosnjak ahnt nichts von seinem Feind, doch der unausgefochtene Kampf zwischen den beiden zieht viele unschuldige Menschen in einen Strudel der Gewalt, darunter die junge Vera. Sie wohnt zusammen mit ihrer Mutter in Moskau und lässt sich bereitwillig vom untreuen Stas für Arbeit und Liebesdienste ausnutzen. Sie ist ein freundlicher Mensch und ahnt nichts Böses, als unerwartet ein junger, gutaussehender Mann ihr den Hof macht. Als Stas dies mitbekommt, hat er das Gefühl, den jungen Mann schon einmal gesehen zu haben, und zwar bei nichts Gutem …

Würde man weiter ausholen, schlösse sich der Kreis wieder. Polina Daschkowas Roman macht es dem Leser lange schwer, einen roten Faden zu erkennen. Viele Handlungsstränge und Personen werden eingeführt, einige in der Gegenwart, einige in der Vergangenheit. Die Verknüpfung erfolgt stückweise und wird auch manchmal nicht ganz klar. Wer kennt sich jetzt woher von früher und wer hat einen Hass aufeinander? Wo lässt sich diese Person einordnen und was hat jener Mann damit zu tun? Polina Daschkowa macht es dem Leser nicht immer ganz leicht. Am besten ist es, die Autorin einfach erstmal erzählen zu lassen, denn gegen Ende kommt Licht ins Dunkel. Die einzelnen Stränge verbinden sich zu einem langen, sorgfältig geflochtenen Zopf, und es bleibt dem Leser nichts anderes übrig als Daschkowas Virtuosität zu bewundern. Diese Art, scheinbar völlig zusammenhangslos neue Personen einzuführen und sie schließlich zu Hauptakteuren zu machen, ist wirklich großartig.

Gerade daraus bezieht das Buch seine Spannung. Der Leser weiß nicht, wohin die Geschichte führt, aber er ahnt, dass es einen gemeinsamen Nenner geben muss. Langsam ergeben sich dann erste Bezugspunkte, erst allmählich, dann immer rascher kommt das Buch in Fahrt. Die Personen sind folglich der Dreh- und Angelpunkt in „Keiner wird weinen“. Alles hängt entweder mit ihnen oder ihrer Vergangenheit zusammen, und da empfiehlt es sich, mit der Qualität der Charaktere nicht zu geizen. Hierin muss man sich bei der russischen Autorin allerdings keine Sorgen machen. Die Personen werden zumeist mitsamt Lebenslauf eingeführt und sehr lebendig und originell dargestellt – zum größten Teil jedenfalls. Manchmal begeht die Autorin auch, zum Beispiel bei Stas, Vera oder Stas‘ Ehefrau, den Fehler, auf einfache Klischees zurückzugreifen. Ein Mann, der Frauen nur wegen ihres Aussehens heiratet, eine Frau, die ihren Mann wegen seines Status heiratet, und allen voran Vera. Sie erinnert stark an andere Frauencharaktere der russischen Kriminalliteratur. Sie ist mollig, mehr oder weniger erfolgreich im Job, familienbezogen und glaubt nicht daran, jemals einen Mann abzubekommen. Sie ist witzig, schlagfertig und greift gerne durch, kann ihre eigenen Gefühle aber kaum artikulieren. Diesen weiblichen Prototypen findet man in so vielen Büchern von russischen Autorinnen, dass sie schon fast solch ein Merkmal für diese Literatur sind wie der Typ Wallander für skandinavische Krimis. Vera kann dennoch durch ihre sympathische Art punkten. Sie wirkt nicht überzeichnet, sondern sehr authentisch, auch wenn es ähnliche Figuren in anderen Büchern gibt.

Ihre spannende, verwinkelte Geschichte bettet die Autorin in einen sehr belletristischen Rahmen. Sie erzählt nicht ausschweifend, lässt aber auch keine Details weg. Sie möchte einen guten Überblick über das Geschehen und die Menschen geben und verwendet dazu ein umfassendes Vokabular, das sie originell einzusetzen weiß. Sie schreibt anschaulich und unterhaltsam, passend zu ihren durchdachten Charakteren. Manchmal lässt sie an der einen oder anderen Stelle ein wenig humorvolle Kritik durchschimmern, aber sie verlässt die Wege des Romans nicht, um eine eigene Meinung loszuwerden.

In der Summe ist Polina Daschkowa mit „Keiner wird weinen“ ein Kriminalroman gelungen, dessen Betonung auf „Roman“ liegt. Es wird weniger ein Kriminalfall erzählt, der von einem Ermittler gelöst werden soll, als vielmehr eine weitverzweigte Geschichte mit vielen Verwicklungen. Diese Verwicklungen, die eine Menge tote und lebendige Menschen einschließen, wirken stellenweise etwas wirr, werden in der spannenden, vieldimensionalen Auflösung aber einleuchtend verbunden. Die starke erzählerische Komponente macht das Buch definitiv lesenswert, denn dadurch erfährt der Leser, der über das heutige Russland nicht allzu viel weiß, vermutlich mehr als in einem klassischen Krimi.

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Neuman, Ronnith – Tod auf Korfu

Das [antike Griechenland,]http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:AntikeGriechen1.jpg welches über das Gebiet des heutigen Staates bis nach Kleinasien hinausragte, wird als Wiege Europas bezeichnet, insbesondere aufgrund zivilisatorischer Leistungen auf Gebieten der Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichtsschreibung und Literatur. Doch nicht nur historische Stätten und der Atem der Geschichte sind es, die Millionen von ausländischen Gästen anlocken. Griechenland hat nämlich auch wie kaum ein anderes europäisches Land eine Vielfalt von geographisch interessanten Inseln vorzuweisen: Es gibt etwa zehntausend von ihnen; die bekanntesten sind dabei Rhodos, Kreta, Mykonos, Samos, Lesbos und Korfu. Auf diesen idyllischen Inseln tummeln sich jedes Jahr in den Sommermonaten unzählige Touristen. Das Land und besonders die Inseln sind geradezu abhängig von diesen Touristen.

Der Krimi „Tod auf Korfu“ der deutschen Autorin Ronnith Neuman spielt auf eben dieser wunderschönen Insel. Die Autorin beschreibt in ihrem Debütroman die Folgen eines früheren Verbrechens, dessen Schrecken bis in unsere heutige Zeit nachklingt.

_Die Story_

Auf der Sonneninsel Korfu sind Verbrechen nicht gerade an der Tagesordnung. Korfu ist eher idyllisch-anmutig und immer wieder das Ziel von Touristen, die nicht nur Erholung, sondern auch Kultur erwarten. Zwei Fischer finden jedoch in der Dämmerung des Morgengrauens am Strand eine männliche Leiche. Zum Tatort wird auch die nebenberufliche Fotografin Kristina gerufen, die schon häufiger für die hiesige Kriminalpolizei tätig war.

Die Beamten sind verschreckt und verstört, denn auf der Insel kennt man eigentlich kaum Gewaltverbrechen. Auch der erfahrene Hauptkommissar Alexandros Kasantzakis, der seine Berufserfahrung in Athen gesammelt hat, wirkt sichtlich schockiert, meinte er doch, auf einer Urlaubsinsel nur Routinefälle bearbeiten zu müssen – die langen Jahre in Athen haben bei ihm Spuren hinterlassen.

Die Leiche ist nackt und die Todesursache scheint zunächst nicht ersichtlich. Auf den ersten Blick gibt es keine Spuren, keine besonderen Merkmale; und auch wenn Korfu von der Fläche her eher klein und überschaubar ist, hilft hier der Zufall auch nicht weiter – die anwesenden Beamten können den Toten nicht identifizieren.

Erst die Autopsie kann so manchen Schleier ein wenig lüften: Der Mann ist eindeutig ermordet worden, die Todesursache war, wie schon vermutet, Ertrinken. Allerdings nicht im Meer, denn es findet sich Süßwasser in seiner Lunge, und vor seinem gewaltsamen Tod ist der Mann zudem gefoltert worden. Überdies findet man durch Blut- und Haarproben heraus, dass er drogenabhängig gewesen sein muss.

Durch filigrane Ermittlungsarbeit und etwas Glück findet Kommissar Kasantzakis heraus, wer der mysteriöse Unbekannte war: Dr. Jannis Mastoras, ein angesehener und berühmter griechischer Arzt mit deutschen Vorfahren. Sein Spezialgebiet war wie das seines nicht weniger berühmten Vaters das Erforschen von Erbkrankheiten.

Doch noch viele Fragen bleiben für die Ermittler offen. Der Mörder bleibt jedoch nicht im Verborgenen, sondern schickt Kasantzakis ein Päckchen mit einem Gedicht. Ein erster direkter Hinweis oder eine Verhöhnung der Polizei? Wenige Tage später wird ein alter Ölbauer in einem Olivenhain erhängt aufgefunden. Kommissar Kasantzakis und der Fotografin Kristina fallen sofort die Parallelen zu dem ersten Toten auf. Auch der Erhängte wurde vor seinem gewaltsamen Tod bestialisch gefoltert – aber worin besteht das Motiv des vermutlichen Serienmörders?

Doch beide Opfer kannten sich scheinbar und gehörten einer deutschen Vereinigung an – der „Rune“. Beide legten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre deutschstämmigen Namen ab und nahmen stattdessen deren griechische Formen an. Was hatten sie zu verstecken und warum?

Kristina, die einige Zeit in Deutschland gelebt hat, kann verschiedene Dokumente der beiden toten Männer entschlüsseln und stellt dabei fest, dass das Motiv des Täters nicht in der Gegenwart zu finden ist. Die Vergangenheit der beiden Männer geht bis auf die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges zurück, doch was haben die Toten damit zu tun? Sie waren zu jener Zeit noch unschuldige Kinder, aber Korfu war damals von den deutschen Truppen besetzt.

_Kritik_

„Tod auf Korfu“ ist ein Krimi, den man vielleicht passenderweise direkt im Sommerurlaub auf Korfu lesen sollte. Die Wurzel der Erzählung wirft jedoch ein düsteres Licht auf die scheinbar idyllische Sonneninsel und ihre Vergangenheit.

Ronnith Neuman lebt seit Jahren auf Korfu und hat die Schauplätze der Handlung sorgfältig und authentisch gewählt. Der Krimi ist und bleibt aber ein solcher und erzählt leider sehr wenig über das Leben und die Kultur der griechischen Mittelmeerinsel. Solche leidenschaftlichen wie auch wichtigen Details sind spärlich in der Geschichte verstreut und einfach zu unliebsam geschildert, was ich persönlich als recht schade empfinde.

Obwohl es sich um einen Kriminalroman handelt und viele Einzelheiten wie auch die Handlung typisch für dieses Genre sind, so hat es Ronnith Neuman doch geschafft, die authentische Vergangenheit der Insel mit der Gegenwart zu kombinieren. Ich war jedenfalls so weit gefesselt, dass ich zum Thema näher recherchierte und feststellen durfte, dass sich die Autorin durchaus sauber an die Fakten gehalten hat.

Jedes Kapitel wird durch Tagebucheinträge des Täters eingeleitet. Es beginnt im Jahre 1954 und setzt sich bis in die aktuelle Zeit der Handlung fort. Genau diese Eintragungen machen es dem Leser auch leicht, den Täterkreis enger und enger zu ziehen, bis es eigentlich nur noch eine sinnvolle Lösung gibt. Unlogischerweise übersehen die ermittelnden Beamten so manches Indiz, was die Spannung der Geschichte zwar nicht mindert, aber dennoch manches Mal unglaubwürdig wirkt.

Die Motivation des Täters ist im Rahmen seiner Persönlichkeit plausibel und verständnisvoll erklärt, auch wenn sie für einen typischen Kriminalroman geradezu wie ein Klischee wirkt. Die Charaktere des Romans sind dagegen leider viel zu wenig ausgeprägt. Selbst ihre Vita bleibt im Dunkeln; hier hätten mehr persönliche Stärken und Schwächen vieles positiver hervorheben können.

_Fazit_

Ronnith Neuman hat mit diesem Kriminalroman Talent bewiesen. Obgleich diverse Schwachstellen für den einen oder anderen Leser die Spannungsauflösung vorwegnehmen dürften, so ist das Buch doch keineswegs unspektakulär oder uninteressant. Wie schon erwähnt, gewinnt der Roman an Tiefe, wenn es darum geht, die Vergangenheit aufzurollen und mit der Gegenwart abzuschließen.

Es sollte nicht verwundern, wenn wir die Charaktere aus „Tod auf Korfu“ in einem der nachfolgenden Romane wiedersehen würden. Das Buch habe ich trotz verschiedener Kritikpunkte gern gelesen; die Schwächen kann man zwar nicht wegdiskutieren, aber für einen Debütroman ist das Resultat lesenswert.

_Die Autorin_

Ronnith Neuman, geboren 1948 in Haifa (Israel), kam 1958 mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie ist freie Fotografin, Künstlerin und Autorin. Für ihre Erzählungen und Theaterstücke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ronnith Neuman lebt auf Korfu und zeitweise in Bielefeld.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

Isau, Ralf – Galerie der Lügen, Die

Der bekannte deutsche Autor Ralf Isau bezeichnet seine Bücher selbstbewusst als „Phantagone“, was laut eigener Aussage bedeutet, dass seine Romane verschiedener Genres angehören und nicht immer sicher bestimmt werden kann, welche das sind. Jeder Leser soll selbst entscheiden, wo er die Bücher von Isau einordnet.

Ganz schön mutig, für seine Bücher ein eigenes Genre zu kreieren. Doch wer „Die Galerie der Lügen“ (oder auch ein anderes Werk des Autors aufschlägt), wird sehen, dass dies durchaus seine Berechtigung hat. Es fällt tatsächlich schwer, Isaus Romane einzuordnen, vor allem, wenn sie sich mit komplexen Themen wie in „Die Galerie der Lügen“ beschäftigen.

Die Eingangsszene erinnert an „Sakrileg“ von Dan Brown. Schauplatz ist das Pariser Louvre-Museum, Heimat von berühmten Gemälden wie der Mona Lisa von da Vinci. Es findet ebenfalls ein Einbruch statt, aber es wird nichts gestohlen. Stattdessen sprengt der Täter sich und die antike Statue eines Hermaphroditen in die Luft. Doch das soll nicht der einzige Vorfall bleiben. Genau sieben Tage später verschwindet in der Londoner |Tate Gallery of Modern Art| ein Bild des belgischen Malers René Magritte, „Der unachtsame Schläfer“. Von da an finden weitere Einbrüche im Wochenrhythmus statt, und jedes Mal hinterlässt der Täter einen Gegenstand am Tatort, der mit dem Bild des Schläfers in Verbindung steht.

Schnell hat man eine Verdächtige zur Hand. Die Fingerabdrücke der jungen, rebellischen Journalistin Alex Daniels wurden im Louvre gefunden. Alex, die in ihren Arbeiten die Evolutionstheorie kritisiert und deswegen nicht gerade beliebt ist, bestreitet, am Tatort gewesen zu sein. Zeugen hat sie dafür allerdings keine. Deshalb wird sie vorläufig in Gewahrsam genommen. Die Versicherung |ArtCare|, die alle gestohlenen Kunstwerke betreut hat, schickt Darwin Shaw zu Alex, um den Fall zu lösen. Der Versicherungsdetektiv stößt bei ihrer ersten Begegnung gegen den Dickkopf der jungen Dame, doch im Gegenteil zur Polizei glaubt er, dass Alex etwas weiß. Die beiden freunden sich an und es stellt sich heraus, dass Alex, wenn schon nicht selbst, wenigstens verwandtschaftlich in den Fall verwickelt ist: Das DNS-Profil des Louvre-Täters stimmt fast zur Gänze mit ihrem überein. Das ist eigentlich nur bei eineiigen Zwillingen der Fall, doch Alex ist als Einzelkind bei Adoptiveltern aufgewachsen. Haben ihre Eltern ihr etwas verschwiegen? Und was ist es, das sie Darwin Shaw, der die junge Frau allmählich liebgewinnt, verschweigt?

Ralf Isau präsentiert in seinem 2005 im Hardcover bei |Ehrenwirth| erschienen Roman einen bunten Strauß von Themen. Neben Alex Daniels‘ wissenschaftlichen Ansichten, auf die besonders am Anfang sehr ausführlich eingegangen wird, geht es außerdem um die Interpretation von Kunstwerken und vorrangig um Hermaphroditismus. Plump gesagt versteht man darunter „Zwitter“, also Menschen, deren Geschlecht sich nicht so einfach feststellen lässt. Anders als beispielsweise Jeffrey Eugenides, der mit seinem Roman [„Middlesex“, 916 welcher genau dieses Thema behandelt, einen hohen Bekanntheitsgrad gewonnen hat, wendet sich Isau eher der wissenschaftlichen Seite zu. Dementsprechend sollte man nicht nur dafür, sondern auch für die übrigen genannten Themen ein gesundes Interesse mitbringen.

Gerade der Anfang ist stellenweise etwas informationsüberladen, aber das gibt sich mit der Zeit. Ist erstmal alles erklärt, entwickelt sich eine spannende Handlung; das Buch kommt in Fahrt und punktet durch überraschende Wendungen. Isau schafft es immer wieder, Elemente in die Geschichte einzubringen, die zusätzliche Spannung bringen, wie zum Beispiel die angebliche Verwandtschaft Alex‘ zum Louvre-Täter. Dadurch bekommt der Roman stark thrillerhafte Züge, was ihm definitiv nicht schadet.

Ein weiteres Kennzeichen von „Die Galerie der Lügen“ ist Isaus sorgfältige Arbeit. Die Handlung ist haarklein ausgetüftelt hat. Alles hat einen Grund, alles lässt sich nachvollziehen, und gerade das macht Spaß bei der Lektüre von „Die Galerie der Lügen“: die Transparenz. Diese schlägt sich auch den beschreibenden Teilen des Textes nieder. Sogar die alltäglichsten Dinge werden seziert und in ansprechende literarische Form gebracht. Manchmal grenzt diese Genauigkeit geradezu an Pedantismus, wenn Isau sogar die Fluglinie namentlich erwähnt, mit der Darwin Shaw ins Ausland fliegt.

Der Anspruch, alles zu erklären, zeigt sich auch im Schreibstil. Dieser ist eher kühl und distanziert, intellektuell und rational – passend zum Sujet des Buches eben. Und auch wenn man dadurch manchmal das Gefühl hat, die menschliche Seite der Protagonisten könnte etwas zu kurz kommen, so ist trotzdem fraglich, ob dieses Buch besser hätte geschrieben werden können. Der Schreibstil passt wie die Faust aufs Auge. Jeder andere hätte die Ernsthaftigkeit und die Denkanstöße, die Isau im Buch transportiert, sicherlich nicht so gut darstellen können.

Die Charaktere in „Die Galerie der Lügen“ vereinen alles, was bis jetzt gesagt wurde. Sie sind sehr genau ausgearbeitet, aber, ähnlich wie der Schreibstil, öffnen sie sich dem Leser nicht zur Gänze. Gerade Alex, deren gesamtes Leben von schwerwiegenden Geheimnissen belastet wird, gibt sich zugeknöpft. Sie taut mit der Zeit zwar auf, aber der Eindruck der mysteriösen, unnahbaren Frau bleibt. Und gerade das macht sie für den Leser interessant. Die übrigen Charaktere, einmal abgesehen von Darwin Shaw, bleiben durch den distanzierten Schreibstil eher verschlossen. Von ihnen erfährt man kaum mehr als sie durch ihr Auftreten und ihr Gesagtes von sich preisgeben. Das könnte man negativ deuten, aber es hat auch einen entscheidenden Vorteil: In dem Buch, das sowieso schon prall gefüllt ist mit allerlei Informationen, stehen dadurch die beiden oben genannten Personen im Vordergrund und niemand anderer.

„Die Galerie der Lügen“ ist sicherlich keine einfache Bettlektüre. Dazu konzentriert sich Isaus Phantagon zu sehr auf komplexe, anspruchsvoll aufbereitete Themen, für die man, wenn schon kein besonderes Interesse, dann doch wenigstens eine gewisse Aufgeschlossenheit mitbringen sollte. Wer sich auf das Buch einlässt, bekommt im Gegenzug einiges geboten. Isau recherchiert akribisch und weiß das Recherchierte umzusetzen. Er konzentriert sich auf zwei Personen und legt sie anhand seines sezierenden Schreibstils offen. Alles zusammen presst er anschließend in einen sorgfältig abgesteckten Handlungsrahmen, der neben einer thrillerhaften Spannung außerdem manchmal geradezu sachbuchartige Züge und kriminalistische Ermittlungsarbeit aufweist. Ein Phantagon eben, eine gelungene Mischung aus vielen verschiedenen Genres, bei der man stets aufs Neue nach ihren Einflüssen suchen kann.

[Website von Ralf Isau]http://www.isau.de

http://www.bastei-luebbe.de

_Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_

[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)

Simon Beckett – Kalte Asche

Das geschieht:

Dr. Simon Hunter, forensischer Anthropologe der Universität London, freut sich nach einer anstrengenden Dienstreise auf die Heimreise, als ihn ein Hilfegesuch der Polizei nach Runa, eine kleine Insel der Äußeren Hebriden vor der Nordwestküste Schottlands, führt. Dort wurde in einem verfallenen Cottage eine völlig verbrannte Leiche entdeckt, die Hunter nicht nur untersuchen, sondern auch feststellen soll, ob ein Mord oder nur ein Unfall vorliegt.

Runa ist eine kleine aber fest in sich ruhende Inselgemeinschaft, deren Mitglieder sich sämtlich zu kennen glauben. Konflikte werden intern gelöst, und „denen vom Festland“ steht man geschlossen misstrauisch und ablehnend gegenüber. Das erschwert die Ermittlungen, zumal Hunter mit Sergeant Fraser ein schroffer und dem Alkohol ergebener Polizeibeamter zur Seite gestellt wurde.

Die Leiche entpuppt sich als weiblich, und der Schädel weist deutliche Spuren eines heftigen Schlages auf. Der Tod war folglich gewaltsam. Der Täter oder die Täterin muss sich noch auf der Insel aufhalten, die in den Wochen seit dem Mord nachweislich niemand verlassen hat. Während Fraser dem Fall nicht gewachsen ist, kann sich Hunter auf die Unterstützung des ehemaligen Inspektors Andrew Brody verlassen, der seinen Altersruhesitz auf Runa genommen hat. Der alte Polizist hat seinen Job nicht verlernt. Gemeinsam mit Hunter nimmt er die Schar der Verdächtigen unter die Lupe. Die ist zwar klein, aber schwer zu durchschauen.

Dass Runa diverse Geheimnisse birgt, wird sogar dem Fremdling Hunter rasch klar. Dann bricht ein gewaltiger Sturm los, der Runa völlig isoliert und dem Mörder die willkommene Gelegenheit bietet, Spuren zu verwischen und mögliche Zeugen zu beseitigen, zu denen sich zu seinem Schrecken auch David Hunter zählen muss …

Ewig spannend: der ‚unmögliche‘ Mord

Hoch schlugen die Wellen, als Simon Beckett 2006 seinen ersten Krimi um den psychisch angeschlagenen Forensiker David Hunter veröffentlichte. Allzu drastisch beschreibe er, was der Tod mit dem menschlichen Körper anrichte, während der eigentliche Romanplot zu dürftig daherkomme, so der grundsätzliche Tenor der Kritik, von der sich die Leser indes nicht beeindrucken ließen. Ihnen gefiel „Die Chemie des Todes“ als Buch, das bei objektiver Betrachtung weder besser noch schlechter als die meisten zeitgenössischen Thriller war.

„Kalte Asche“ ist das zweite Kapitel in der David-Hunter-Vita, das Beckett wieder als Kriminalgeschichte erzählt. Gegenüber dem Debüt gibt es diverse Veränderungen bzw. Entwicklungen. Dieses Mal steht die Ermittlung im Vordergrund, während Hunters private Probleme (angenehm) ausgeklammert oder nur kurz angerissen werden. „Kalte Asche“ ist ein klassischer „Whodunit?“, der geschickt mit den literarischen Stilmitteln des 21. Jahrhunderts dargeboten wird.

Der Mord auf einer durch das Meer und das Wetter isolierten Insel ist wahrlich kein Einfall, der durch Originalität besticht. Wer Krimis liest, wird sogleich ältere Romane nennen können, die sich dieser Kulisse bedienen. (Der bekannteste ist vermutlich „Ten Little Niggers“/„And Then There Were None“, 1939; dt. „Zehn kleine Negerlein“/„Letztes Weekend“/„Und dann gab’s keines mehr“, von Agatha Christie.) Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Schauplatz ist (scheinbar) überschaubar, die Zahl der Verdächtigen bleibt auf die (kleine) Gruppe der Insulaner beschränkt. Ein guter Autor wird sich hüten, unfair vorzugehen, was bedeutet, dass Leser, die miträtseln möchten, über dieselben Indizien und Hinweise verfügen wie die ermittelnden Beamten und Detektive.

Zu viel des unterhaltsam Schlechten

Was natürlich eine Illusion ist, was wir durchaus wissen. Letztlich erwarten wir, dass uns der Verfasser im großen Finale überrascht und die sorgfältig gelegten Spuren ad absurdum führt. Dieser Erwartung wird Beckett völlig gerecht, bevor er leider dem heutzutage üblichen Hang zum „Last-Minute-Twist“ folgt, d. h. auf den letzten Seiten den eigentlichen Übeltäter ans Licht zerrt, um der bisher erzählten und logisch aufgeklärten Story eine gänzliche neue Deutung aufzupfropfen.

Selbst das übersteht die Geschichte gut, aber Beckett will den Jeffrey-Deaver-Effekt und zieht auf der allerletzten Seite ein weiteres As aus dem Ärmel; er versucht es jedenfalls, denn was hier stattfindet, ist ebenso lächerlich wie billig und verdirbt viel von dem gutem Eindruck, den „Kalte Asche“ bisher hinterließ.

Denn Runa ist ein malerischer und überzeugender Ort für diesen ziemlich abenteuerlich geplotteten Thriller. Einsame Hügel, bestanden mit steinzeitlichen Hügelgräbern, dazwischen Moore, darüber Nebel, Wolken und Regen: Hier ist die Zivilisation sichtlich abwesend, verläuft das Leben nach alten, sogar archaischen Regeln. Die Inselgemeinde ist eine verschworene Gemeinschaft, in der Konflikte freilich gären wie in einem Dampfkochtopf. Nicht selten entweicht der Überdruck explosiv = gewalttätig und straft den Anschein eines gemütlich-trägen Inselalltags Lügen.

Verfluchte Heimat!

Einig ist man allerdings im Schulterschluss gegen alle ‚Fremden‘. Das schließt selbst den Wohltäter Michael Strachan ein, dem man es insgeheim verübelt, dass er über die finanziellen Mittel verfügt, seinem Gutmenschentum zu frönen. Gern würden die Insulaner ohne solche Hilfe auskommen, die sie eher gnädig als freudig oder gar dankbar annehmen.

Sergeant Fraser verkörpert perfekt das ungeliebte „Festland“, dessen Vertreter ohne Rücksicht auf die feinen Strukturen der Runa-Gesellschaft umherpoltern und gern Überlegenheit bzw. Überheblichkeit an den Tag legen. David Hunter versucht es mit ‚Verständnis‘, trägt aber dabei ebenfalls zu dick auf und stößt auf Ablehnung. Wie Fraser begreift Hunter nicht, dass Runa für seine Bewohner gleichermaßen Segen und Fluch ist: kein idyllischer Urlaubsort, sondern harte Realität und ebenso Heimat wie Verbannung.

David Hunter wird durch die Ereignisse auf Runa immerhin erfolgreich von seiner nach wie vor schwierigen privaten Situation abgelenkt. Nur halbwegs hat er den tragischen Verlust von Frau und Kind überwunden. Seine neue Gefährtin ist nach schrecklichen Erlebnissen (s. „Die Chemie des Todes“) selbst mental labil. Die Beziehung ist ohnehin schwierig, und die Spannungen verschärfen sich, weil Hunter von seiner – durchaus obsessiven – Beschäftigung mit meist grausam zu Tode gekommenen Menschen nicht lassen will. Er hat darin seinen Ausgleich gefunden, der ihm hilft, den Verlust der Familie zu kompensieren: Hunter will Antworten auf Fragen, die ohne seinen Einsatz womöglich unbeantwortet blieben.

Liebe zum garstigen Job

Im Vergleich zu „Die Chemie des Todes“ räumt Beckett dem inneren Ringen Hunters deutlich weniger Raum ein. Dem Roman kommt das sehr zu Gute, da der Verfasser die eigentliche Handlung vorantreibt, die sich u. a. um das Phänomen der klassischen Selbstentzündung dreht, für das Beckett eine logische Erklärung vorlegt.

Der Autor hält das Tempo durch, verzettelt sich nicht mehr in den endlosen Selbstzerfleischungen, die Hunters Denken und Handeln im Vorgängerband allzu stark bestimmen. In dieser Hinsicht wirkt Runa katalytisch: Die Insel ist auch für Hunter eine Stätte jenseits seines Alltagslebens, mit dem er sich während seines Aufenthaltes nur sporadisch beschäftigen muss.

Ob Hunter dank des angemerkten (aber hier natürlich verschwiegenen) finalen Knalleffekts noch einmal ermitteln wird, ist unklar – soll unklar wirken, aber in diesem Punkt lässt sich niemand vom Verfasser in die Irre führen. Stattdessen legt Beckett das Fundament für neue private Turbulenzen seines Helden, der mit ziemlicher Sicherheit recht bald seine nächste garstige Leiche unter die Lupe nehmen wird.

Autor

Simon Beckett (geb. 1968) versuchte sich nach Abschluss eines Englischstudiums als Immobilienhändler, lehrte Spanisch und war Schlagzeuger. 1992 wurde er freier Journalist und schrieb für bedeutende britische Zeitungen wie „Times“, „Daily Telegraph“ oder „Observer“. Im Laufe seiner journalistischen Arbeit spezialisierte Beckett sich auf kriminalistische Themen. Als Romanautor trat Beckett zuerst 1994 an die Öffentlichkeit, doch deren breite Aufmerksamkeit fand er erst mit den Romanen um den Forensiker David Hunter (ab 2006). Allerdings wurde Beckett bereits für „Animals“ (1995, dt. „Tiere“) mit einem „Raymond Chandler Society’s Marlowe Award“ für den besten internationalen Kriminalroman ausgezeichnet.

Mit seiner Familie lebt Simon Beckett in Sheffield. Über sein Werk informiert er auf dieser Website. Interessant ist, dass er seine vier zwischen 1994 und 1998 veröffentlichten (und inzwischen auch in Deutschland erschienenen) Romane unerwähnt lässt.

Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Written in Bones (London : Bantam Press 2007)
Übersetzung: Andree Hesse
http://www.rowohlt.de

eBook: 532 KB
http://www.rowohlt.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Stefánsson, Jón Hallur – Eiskalte Stille

Als der Architekt Björn Einarsson mit schweren Kopfverletzungen in der Nähe seines Sommerhauses gefunden wird, ahnt Valdimar Eggertsson von der Kriminalpolizei Reykjavik noch nicht, mit was für einem verzwickten Fall er es zu tun hat. Einarsson ist nachts zuvor Hals über Kopf nach einem Anruf in Richtung Sommerhaus aufgebrochen, wo ihn sein Sohn Marteinn am anderen Morgen leblos auffindet.

Marteinn ahnt, warum sein Vater ins Sommerhaus der Familie gefahren ist, und vermutet einen Zusammenhang zu der Affäre, die Einarsson mit seiner jungen Mitarbeiterin Sunneva pflegt. Wenig später macht Marteinn eine weitere grausame Entdeckung: Im Schlafzimmer des Sommerhauses liegt Sunnevas Leiche. Um seinen Vater und vor allem auch seine Familie zu schützen, schafft Marteinn die Leiche aus dem Weg, ohne zu ahnen, welch folgenschweren Fehler er damit begeht.

Valdimar Eggertsson steht in diesem Fall vor einem Rätsel. Was im Sommerhaus geschehen ist, lässt sich nicht rekonstruieren, und das Auffinden von Sunnevas Leiche in einem entfernten Waldstück stiftet weitere Verwirrung. Eggertsson ahnt, dass er über den Architekten noch längst nicht alles weiß und dass auch Personen aus seinem Umfeld offenbar etwas zu verbergen haben. Da wäre nicht zuletzt Marteinn, der sich zunehmend verdächtig verhält und ganz offensichtlich mehr weiß, als er zugibt …

Jón Hallur Stefánsson rückt in seinem Debütroman die Figuren in den Mittelpunkt des Geschehens und liefert damit einen Krimi ab, der sich zum größten Teil auf rein psychologischer Ebene abspielt. Ganz in Ruhe beobachtet Stefánsson seine Protagonisten, lässt ihre Persönlichkeiten auf den Leser wirken, so dass man bei der Lektüre schon fast vergisst, dass man es mit einem Krimi zu tun hat.

In gewissem Maße ist das einer der Vorzüge von „Eiskalte Stille“. Der Leser bekommt das Gefühl, ganz nah am Geschehen zu sein, ganz tief in die Seelen der Figuren zu blicken, und folgt dadurch gespannt dem Plot. Der Plot selbst funktioniert ein Stück weit wie ein Puzzle. Jede Figur liefert eine neue Sichtweise, eine neue Facette der Geschichte, ohne dass das große Ganze sich offenbart. Der Fall bleibt bis zum Schluss spannend, da der Leser nicht weiß, was wirklich in der Nacht von Sunnevas Tod und Einarssons schwerer Verletzung passiert ist.

Am Ende bleibt Stefánsson somit noch Raum für einen Knalleffekt, der im ersten Moment vielleicht etwas überzogen scheint, weil man nicht damit rechnet, sich aber im weiteren Verlauf dann doch aus der Handlung heraus erklärt. So gelingt Stefánsson ein überraschender Schluss, der obendrein in einem rasanten Showdown inszeniert wird. Dessen Tempo und Actionreichtum stehen zwar in einem ziemlichen Kontrast zum Rest des Romans, dennoch schafft Stefánsson es so, die Spannungskurve noch einmal steil nach oben zu ziehen.

Die psychologische Herangehensweise an den Plot, das Konzentrieren auf die Figuren, ist aber ein sicherlich schwieriges Unterfangen. Der Roman erreicht dadurch eine Komplexität, in welcher der Leser sich erst einmal zurechtfinden muss. Es tauchen viele Figuren auf, die erst einmal im Geiste sortiert werden müssen. Stefánsson springt von einer Figur zur nächsten und meint es dabei manchmal fast schon zu gut.

Aufwändig skizziert er seine Figuren und legt seine Charaktere wunderbar ambivalent an, aber so kann er eben auch nicht mit letzter Konsequenz die Ermittlungen im Fall Einarsson/Sunneva voranbringen. Valdimar Eggertson verschwindet zwischenzeitlich völlig aus dem Blickfeld des Lesers und man ist drauf und dran zu vergessen, dass hier ja in einem Mordfall ermittelt wird. Und so erscheint die Aufklärung dann auch ein bisschen holprig. Alles geht sehr schnell und man ist als Leser etwas verwundert, dass Valdimar mit den sich überschlagenden Ereignissen noch Schritt halten kann.

Doch dafür kann sich der Leser eben an den sehr ambivalent dargestellten Figuren erfreuen. Stefánsson verzichtet auf klischeehafte Gut- und Böseschattierungen und zeigt jede Figur mit ihren dunklen Seiten. Da wäre Marteinn, der Sunnevas Leiche beiseite schafft, um damit die Aufklärung eines Mordes zu verhindern. Dann wäre da Valdimar, dem schon mal die Hand ausrutscht, wenn er rot sieht. Oder Hallgrímur, Marteinns Freund, der auch nach Jahren noch immer das Gefühl hat, Marteinn nicht ebenbürtig zu sein und in dessen Schuld zu stehen, obwohl diese längst abgetragen ist. Bei Stefánsson ist keine Figur ohne Makel.

Jeder Figur schreibt Stefánsson eine interessante Geschichte auf den Leib. Immer wieder schweift er vom eigentlichen Plot ab und blickt in die Vergangenheit, in Kindheit und Jugend seiner Protagonisten, und macht sie damit begreiflicher. Das Buch gewinnt dadurch eindeutig an Tiefe. Die vielen kleinen Geschichten, die innerhalb dieses Krimis erzählt werden, sind ein Gewinn für das Gesamtwerk, auch wenn sie immer einen gewissen Balanceakt darstellen. Stefánsson entwirft recht akkurate psychologische Profile seiner Protagonisten und ausgefeilte Facetten einer Geschichte, die mit jedem Kapitel verzwickter und undurchdringlicher zu werden scheint. Und so bereitet er die Bühne für den Showdown, in dem er den Leser mit dem unerwarteten Ausgang der Geschichte konfrontiert.

Bleibt unterm Strich ein insgesamt positiver Eindruck zurück. „Eiskalte Stille“ ist kein Krimi von der Stange, sondern ein ausgefeiltes und feinsinniges psychologisches Kammerspiel mit interessanten Figuren. Wie ein Puzzle setzt Stefánsson ein Bild zusammen, das am Ende dann doch ganz anders aussieht, als man vermutet hätte. Spannend und mit ambivalenten Figuren kommt Jón Hallur Stefánssons Debütroman daher. Ein leiser Krimi, der erst zum Ende hin eine schnellere Gangart einlegt, aber dennoch keine Langeweile schürt. Freunde fein komponierter, psychologischer Krimis können hier getrost zugreifen.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/

Coulter, Cathrine – Angst

Catherine Coulter ist schon lange als Autorin aktiv und hat viele Bücher und Serien aus dem Genre der Romantik verfasst. Ihre Werke sind also eher im Bereich der Literatur für Frauen wiederzufinden. Der Durchbruch gelang Catherine Coulter aber mit ihren Psycho-Thrillern und Krimis rund um das FBI-Ehepaar Dillon Savich und Lacey Sherlock, die souverän die Handlung bestreiten. Mit „Angst“ ist ein weiterer Roman aus dieser Reihe bei |Heyne| erschienen.

_Die Geschichte_

Ruth Warnecki, eine junge FBI-Agentin, hat ein recht exotisches und abenteuerliches Hobby – wenn sie nicht gerade für die Bundesbehörde ermittelt, geht sie auf Schatzsuche. Durch Zufall kam sie nun in den Besitz einer alten Karte, die der Schlüssel zu einem Goldschatz aus dem amerikanischen Bürgerkrieg sein soll. Doch Ruth ist skeptisch und vorsichtig und geht niemals unvorbereitet ein Wagnis ein.

Doch diese Suche unterscheidet sich von den anderen: In einem großen Höhlensystem – Winkel’s Cave in Virginia – verliert sie aus nicht zu erklärenden Gründen ihre Orientierung. Voller Panik und am Rande einer Hysterie, verirrt sie sich immer mehr in dem labyrinthenen Höhlenkomplex …

Zeitgleich sehen sich die FBI-Agenten Dillon Savich und Lacey Sherlock einer ganz anderen, aber genauso beängstigten Situation gegenüber. Ein entfernter Bekannter wurde entführt, das Motiv der beiden Kidnapper bleibt im Unklaren für die Ermittler. Merkwürdig ist nur, dass die Entführer scheinbar eine persönliche Rechnung mit Savich zu begleichen haben.

Bei dem Befreiungsversuch eskaliert die Situation, und das ermittelnde Ehepaar entgeht bei einer Explosion nur knapp dem Tod. Wenig später stellen sie fest, dass das Gangsterpärchen Moses und Grace ihr Opfer getötet und auf einem nahegelegenen Friedhof verscharrt hat. Sie kommen zu spät, werden verhöhnt und die gegenseitige Jagd hat begonnen.

Inzwischen wird Ruth Warnecki vom Sheriff Dixon Noble aus Maestro, eine kleine Ortschaft mitten im Wald von Virginia, praktisch vor seiner Haustür bewusstlos aufgefunden. Dixon nimmt sich der jungen Agentin an, pflegt sie, so gut er es vermag. Als Ruth ihr Bewusstsein wiedererlangt, ist sie körperlich zwar gesund, aber sie kann sich weder an die Ereignisse innerhalb des Höhlensystems erinnern, noch weiß sie überhaupt, wer sie eigentlich ist.

Wenig später wird in einer Nacht ein Mordanschlag auf die orientierungslose Frau verübt, den sie aber mit Hilfe des Sheriffs abwehren kann. Bei einer wilden Verfolgungsjagd werden die beiden Attentäter durch einen Unfall getötet.

Wer hat ein Interesse daran, die Agentin umzubringen, und warum? In dem kleinen Ort begegnet man der jungen Frau mit Vorsicht und Skepsis, und bei den Ermittlungen kommen die ersten Widersprüche zu Tage. In der Stadt, wird Ruth schnell klar, geht irgendetwas vor sich, aber noch kann sie es außer einem wagen Gefühl nicht deuten.

Dillon Savich und seine Frau, die inzwischen auch Ruth vermissen, werden durch die Meldung des Sheriffs aufmerksam und finden wenig später den Weg zu Ruth. Durch diese Begegnung wird ihre Amnesie aufgehoben, doch noch immer ist nicht geklärt, wer ihren Tod wollte und was in dem Höhlensystem geschehen ist.

Als Ruth zusammen mit Sheriff Dixon und ihren beiden Freunden die unheimliche Höhle betritt, um endgültig ihrer Angst entgegenzutreten, finden die vier die Leiche einer jungen Studentin, die an der nahegelegen Musikhochschule studiert hat …

Wer hatte Interesse daran, diese junge Frau zu ermorden, und warum ist Ruth im Gegensatz zu ihr in dem Höhlensystem mit dem Leben davongekommen – ein Zufall oder Absicht? Auch das mörderische Pärchen Moses und Grace terrorisiert mit Telefonaten Savich und Sherlock, die wiederum auf ihre Art die Konfrontation suchen müssen, um zu erfahren, was in der Vergangenheit vorgefallen ist …

_Kritik_

Dass Catherine Coulter ihre schriftstellerischen Ambitionen zumeist im Genre des Liebesromans verwirklicht, kann man nach der Lektüre zunächst kaum glauben. „Angst“ ist nämlich ein lesenswerter, interessanter Thriller, der zwei Handlungsstränge parallel erzählt. Allerdings ist die persönliche Geschichte der Agentin Ruth Warnecki primär dichter dargestellt und wirkt auch viel abwechslungsreicher. Mancher Verdacht, den der Leser hier hegen könnte, verflüchtigt sich schnell, und oftmals verwundert die Entwicklung der Handlung – für Überraschungen ist hier also gesorgt.

Allein der Auftakt der Geschichte mit der spannenden Suche nach einem Goldschatz aus dem amerikanischen Bürgerkrieg war für einen Thriller ein ungemein gelungener Einfall, um sogleich das Interesse zu wecken. Die Geschichte entwickelt sich unaufhaltsam weiter, und mit jedem kleinen Detail vervollständigt sich diese und hebt die Spannung. Für die bodenständigen Realisten unter uns, die in Thrillern nach Authentizität suchen, wirkt dieser Roman dabei trotz aller Verwicklungen durchaus glaubhaft und nachvollziehbar.

Ein allerdings auffälliger Kritikpunkt ist der doch spürbar schwächere Plot um das FBI-Ehepaar. Hier wird dem Leser das Motiv der Rache vorenthalten, das Moses und Grace antreibt. Ihre Figuren bleiben fast schon unbeleuchtet auf der erzählerischen Strecke; selbst beim Endspurt blieben für mich noch diverse Fragen offen, und leider gab es auch keinen Hinweis darauf, ob die Motivation der Verbrecher in den früheren Romanen zu finden sein könnte. Aus diesem Handlungsstrang hätte man viel mehr machen können, denn die bösartige aber intelligente Vorgehensweise von Moses und Grace lässt der Spannung ungeheuer viel Raum, um sich entfalten zu können. Leider hat hier die Autorin zu Gunsten von Ruth Warnecki entschieden.

Die Charaktere der Hauptpersonen sind für mich recht untypisch aufgeschlüsselt. Die eigentlichen „Bösen“ sind vielschichtiger und lebensnaher beschrieben als die „guten“ Polizisten, die fast über keine Schwächen verfügen, sondern immer klar und selbstsicher, ehrenvoll und überlegen auftreten.

Die Spannung entwickelt sich potenziell und hangelt sich an den sparsam dosierten Momenten von Actioneinlagen entlang. Catherine Coulter versteht sich darauf, dem Leser (fast) ohne großes Blutvergießen einen spannenden Roman zu präsentieren.

_Fazit_

Catherine Coulter hat mit „Angst“ durchaus bewiesen, dass sie neben ihren Romanzen auch das gegensätzliche Genre des Thrillers talentiert bedienen kann. Schwächen sind, wie schon erwähnt, in den charakterlichen Lücken der Protagonisten zu finden sowie bei einigen offenen Punkten in der Vergangenheit des kleinen Ortes, in dem der größere Teil der Handlung stattfindet. Diese ungeklärten Punkte legen die Vermutung nahe, dass man die Figuren an der Seite von Savich und Sherlock in weiteren Romanen antreffen wird.

„Angst“ kann man ruhig unabhängig von den Vorgängertiteln lesen, doch empfehle, bei Interesse die Romane chronologisch anzugehen, um die bei der Einzellektüre verbleibenden Schwachpunkte in „Angst“ auszubessern.

_Die Autorin_

Catherine Coulter ist eine seit langem bekannte Autorin, die neben ihren romantischen Liebesromanen ihren schriftstellerischen Durchbruch mit ihren Thrillern krönen konnte. Ihre Romane findet man oftmals in amerikanischen Bestsellerlisten wie denen der |New York Times| wieder. Catherine Coulter lebt zusammen mit ihrem Mann in Nordkalifornien. Weitere Romane mit den Charakteren Savich und Sherlock sind in Vorbereitung.

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Stuart Kaminsky – CSI New York: Der Tote ohne Gesicht

Das geschieht:

Zwei Fälle fordern die Aufmerksamkeit des CSI-Teams New York um Mac Taylor in diesem besonders eisigen Februar. Im Aufzug eines vornehmen Appartementhauses liegt mit einer Kugel in der Brust die Leiche des Werbetexters Charles Lutnikov. Weder der Pförtner noch die Mitbewohner haben etwas gehört und gesehen. Blutspuren deuten darauf hin, dass der Verstorbene sich in der Wohnung der prominenten Krimi-Autorin Louisa Cormier schreibt aufgehalten hat. Sie weiß etwas, das Taylor und seine Kollegin Aiden Burn gern erfahren würden.

Fall Nr. 2 wirbelt mehr Staub auf. Alberta Spanio, einer wichtigen Kronzeugin, wurde in dem Hotelzimmer, das ihr bis zur Verhandlung als Versteck diente, ein Messer in den Hals gestoßen. Weil der Mann, der ihre Aussage fürchten musste, der gefürchtete Mafiaboss Anthony Marco ist, liegt der Verdacht nahe, dass dieser Spanios Tod angeordnet hat. Stuart Kaminsky – CSI New York: Der Tote ohne Gesicht weiterlesen

Mina, Denise – Hintermann, Der

Täglich drei harte Eier, Grapefruit und schwarzer Kaffee, und schon wird man pro Woche drei Kilo leichter. Klingt verlockend, diese Eierdiät, die Paddy Meehan, die Protagonistin in Denise Minas Buch „Der Hintermann“ seit einiger Zeit ausprobiert, um die überschüssigen Pfunde loszuwerden.

Bei der Diät ist Paddy leider so erfolgreich wie bei ihrer Arbeit als Mädchen für alles in der Zeitungsredaktion der „Scottish Daily News“ im Glasgow der achtziger Jahre. Eigentlich möchte sie Journalistin werden, aber ihre Beschäftigung besteht hauptsächlich darin, dem Chefredakteur Bier aus dem nahen Pub zu holen. Doch das junge Mädchen bekommt seine Chance, als der dreijährige Brian Wilcox brutal ermordet an einer Eisenbahnlinie gefunden wird. Als Verdächtige ermittelt man zwei Elfjährige. Einer von ihnen ist der Cousin von Paddys Verlobtem Sean, wie sie ihrer Kollegin Heather anvertraut. Heather, eine hübsche Studentin mit Ambitionen, nutzt diese Tatsache aus und bringt eine reißerische Story über die heruntergekommene Familie des Verdächtigen.

Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für Paddy. Ihre streng katholische Familie einschließlich ihres Verlobten ist fest davon überzeugt, dass sie den Artikel geschrieben hat. Paddy, von allen Menschen, die sie liebt, alleine gelassen, beschließt zu beweisen, dass dieser brutale Mord nicht von zwei Elfjährigen begangen worden sein kann. Bei ihrer Recherche stößt sie auf einen Fall von Kindsmord, der bereits acht Jahre zurückliegt und ein ähnliches Muster wie der Brian-Cox-Fall aufweist. Damals hatte man den Stiefvater des toten Jungen verurteilt, obwohl er standhaft behauptet hatte, unschuldig zu sein. Paddy fühlt, dass hier etwas nicht stimmt. Sie begibt sich auf die Spurensuche und befragt die Mutter des vor acht Jahren ermordeten Kindes. Bald stellt sich heraus, dass ihr gewisse Personen bei beiden Fällen begegnen. und sie beginnt, Parallelen zu ziehen. Doch da wird Heather, deren Namen Paddy bei ihren „Ermittlungen“ benutzt, ermordet aufgefunden. Als Paddy erkennt, dass sie das eigentliche Opfer gewesen wäre, wird ihr klar, was für Dreck sie mit ihrer Suche aufgewühlt hat …

„Der Hintermann“ ist eines dieser Bücher, die erst nach einer Aufwärmphase richtig gut werden. Der Anfang jedenfalls lädt eher dazu ein, den Thriller wieder aus der Hand zu legen. Denise Mina hält sich mit Hintergrundinformationen munter zurück. Sie wirft den Leser direkt ins Geschehen, und das ist in einem Buch, das vor zwanzig Jahren in einem Land spielt, dessen Verhältnisse nicht jeder kennt, nicht unbedingt der Königsweg. Die strikten Regeln des Katholizismus und die Feindschaft mit den Protestanten ist gerade für jemanden, der nicht mit den Sitten Schottlands vertraut ist, anfangs schwer verständlich. Mina fügt kaum Erklärungen an, das meiste muss sich der Leser selbst zusammenreimen.

Es ist hilfreich, dass die Hauptperson Paddy Meehan den Katholizismus in Frage stellt. Dadurch werden immerhin einige Dinge klar, auch wenn das eher beiläufig geschieht. Anfangs fällt es schwer, Zugang zu dem pummeligen, stets etwas melancholischen Mädchen zu finden, doch mit der Zeit wächst Paddy dem Leser ans Herz. Frei nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ befreit sie sich mit dem Erscheinen des Zeitungsartikels von sämtlichen Fesseln, die sie vorher gehalten haben. Ihre Familie ignoriert sie als Reaktion auf den Artikel, ihr Verlobter möchte nichts mehr von ihr wissen. Paddy hat nichts zu verlieren und wirft sich deshalb mit vollem Elan ins Leben. Das verändert sie nachhaltig und rückt ihre Zukunftsvorstellungen zurecht. Das Mädchen entwickelt im Verlauf der Geschichte ein neues Selbstvertrauen, so dass sich der einst konturlose Teenager immer mehr zu einer selbstbewussten Persönlichkeit wandelt.

Ähnliches gilt für die Geschichte, die Mina erzählt. Sie beginnt holprig und irgendwie konventionell – ein Mord passiert, eine Außenseiterin kommt der wahren Lösung auf die Spur -, doch mit der Zeit kommt eine sehr angenehme Atmosphäre auf, die zu der grauen Stimmung im trüben Glasgow passt. Trotzdem hängt das Buch bis zur Mitte ein wenig durch. Es passiert zu wenig Spannendes und Paddys Ermittlungen machen kaum Fortschritte. Wirklich rasant wird es nie, aber gegen Ende folgen die Ereignisse immerhin so dicht aufeinander, dass es nicht langweilig wird.

Der Erzählstil passt zu der gedrückten Stimmung, die im Buch vorherrscht und auf weiten Strecken auch Paddy anhängt. Einfach, auf das Vokabular eines jungen Mädchens abgestimmt, erzählt Mina aus Paddys Perspektive. Aufgrund des Anspruchs ihres Schreibstils ist „Der Hintermann“ dennoch nicht wie ein Jugendbuch geschrieben. Auffällig ist die Art der Autorin, auch unwichtig erscheinenden Kleinigkeiten Raum zu geben, so dass die Geschichte an vielen Stellen sehr ausgefeilt wirkt, was ihr nur zugute kommt.

Der Schreibstil kann allerdings nicht über die anfänglichen Probleme hinwegtäuschen. „Der Hintermann“ von Denise Mina hat durchaus seine Momente, doch vor allem der schwerfällige Start und die fehlenden zündenden Ereignisse in der Mitte machen es manchmal schwierig, das Buch weiterzulesen.

http://www.knaur.de

_Denise Mina auf |Buchwurm.info|:_
[„Refugium“ 928

Thiesler, Sabine – Kindersammler, Der

Der zehnjährige Felix macht mit seinen Eltern Anne und Harald Urlaub in der Toskana. Eines Abends kommt er nicht vom Spielen nach Hause. Die Suche der Polizei bleibt ohne jede Spur und seine verzweifelten Eltern kehren alleine nach Deutschland zurück. Während sich Harald auf eine Affäre einlässt und sich ein neues Kind wünscht, gibt Anne über all die Jahre hinweg die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn nicht auf.

Niemand ahnt, dass der Mörder zuvor bereits in Deutschland aktiv war. Wie in Italien verschwand dort regelmäßig alle drei Jahre ein kleiner Junge, doch da hier die missbrauchten Leichen gefunden wurden, zieht kein Ermittler eine Parallele. Erst zehn Jahre später, als wieder ein Junge in Deutschland ermordet wird, erkennt die Kommissarin Mareike die Zusammenhänge mit der Toskana. Seit zwanzig Jahren hofft sie auf eine heiße Spur, da der Fall ihr keine Ruhe lässt. Um ihren Verdacht zu prüfen, reist sie mit ihrer Lebensgefährtin und den adoptierten Kindern nach Italien.

Zur gleichen Zeit beschließt auch Anne, wieder in die Toscana zu fahren, um dort nach einer Antwort auf Felix‘ Verschwinden zu suchen. Gegen den Willen ihres Mannes kauft sie spontan ein malerisches, abgelegenes Anwesen, beginnt eine Romanze mit dem ausgewanderten Makler Kai und forscht weiter nach ihrem Sohn – und kommt dabei dem Täter, ohne es zu wissen, gefährlich nahe …

Thrillern über Kindermörder gelingt es besonders leicht, Aufmerksamkeit zu erregen, selten aber so intensiv wie in diesem Fall.

|Ausgefeilte Charaktere|

Ein großes Verdienst des Romans liegt in den gelungenen Charakteren. Neben dem Täter steht dabei vor allem Anne im Vordergrund, die auch nach zehn Jahren die Hoffnung nicht aufgegeben hat, eine Spur ihres verschwundenen Sohnes zu finden. Man bekommt Einblicke gewährt in das zerrüttete Leben einer Frau, die sich von ihrem Mann entfernt und ihn beim Seitensprung mit der besten Freundin erwischt und die sich schließlich selber auf die Suche nach ihrem Kind macht, auch wenn sie dafür in ein anderes Land fahren muss. Eine interessante Nebenfigur ist Allora, eine scheinbar alterlose Frau, die als Dorfmaskottchen gilt und außer ihrem erklärten Lieblingswort „Allora“, das ihr schließlich ihren Namen einbrachte, keinen Ton spricht. Die temperamentvolle Kindfrau schwebt zwischen Hysterie und Ergebenheit und ist, was lange Zeit niemand ahnt, eine wichtige Zeugin, was die verschwundenen Jungen in der Toskana angeht.

Im Gegensatz zu Anne werden die Familiengeschichten der anderen Opfer nur kurz angerissen, dennoch gelingt es der Autorin überzeugend, das Leid dieser Menschen greifbar zu machen. Vor allem der Beginn, der schildert, wie der kleine Benjamin in die Hände von Mörder Alfred fällt, ist so grausam realistisch gestaltet, dass selbst abgehärteten Thrillerlesern das Schlucken schwerfällt. Man bekommt schmerzhaft vor Augen geführt, wie man selbst aufgeklärte Kinder, die von ihren Eltern vor fremden Erwachsenen gewarnt wurden, dazu überreden kann, mit ihnen zu gehen. Gerade dadurch, dass das Martyrium des Jungen nicht bis zum Schluss ausgeführt wird, malt sich der Leser die grauenvollen Details automatisch selber aus.

|Spannung trotz bekanntem Täter|

Im Gegensatz zu den anderen Figuren ist der Leser von Beginn an darüber informiert, wer der Mörder der Kinder ist. Abwechselnd beschäftigt sich die Handlung mit seinem Leben und mit dem der anderen Seite, die aus den Familien der Opfer und den Ermittlern besteht. In Rückblicken erfährt man viele Details über Kindheit und Jugend des Mörders Alfred, welche fixen Ideen seinen Taten zugrunde liegen und erhält das Psychogramm eines Menschen, der glücklicherweise nicht nur aus Klischees besteht, was bei solchen Thrillern naheliegt. Trotzdem bleibt der Roman hochspannend, da man bis zum Schluss im Ungewissen bleibt, ob Anne oder die Ermittler den Mörder identifizieren, ob es noch weitere Opfer geben wird und was mit ihm selber geschieht.

Letztlich fragt man sich auch, welche Richtung Annes Leben nehmen wird, unabhängig von der Frage, ob sie das Verschwinden von Felix aufklärt. Denn obwohl sie sich ein Haus in der Toskana kauft und sich auf eine Affäre mit dem Makler Kai einlässt, hält sie den Kontakt zu ihrem Mann, der darauf baut, dass sie nach ein paar Monaten zurück nach Deutschland kehrt und sie schließlich auch besuchen kommt. Da selbst Anne lange Zeit nicht weiß, ob sie ihre Zukunft in Italien oder in Deutschland verbringen wird, ist der Leser erst recht ungewiss darüber, wie sich ihr Leben entwickelt. Der Roman bezieht seine Spannung nicht nur aus einer Mörderjagd, sondern auch aus der Konstellation eines Familiendramas heraus, das unter der Oberfläche sogar dominanter herrscht als der Thrillerfaktor.

|Einige Schwächen|

Dennoch ist der Roman nicht uneingeschränkt gelungen. Einmal kommt der Handlungsstrang um die Ermittlerin Mareike deutlich zu kurz. Mareike ist nicht nur Kommissarin, sondern gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Bettina und den beiden adoptierten Kindern eine interessante Figur, die später noch eine wichtige Rolle in der Handlung einnimmt. Während man bei ihrem ersten Auftauchen noch suggeriert bekommt, dass ihr Handlungsstrang nun regelmäßig zugeschalten wird, verschwindet Mareike lange Zeit in der Versenkung, weil sich alles Geschehen auf Anne und ihr Leben in der Toscana konzentriert. Vor allem in Anbetracht der Bedeutsamkeit, die Mareike und ihrer Familie am Ende zukommt, ist diese Gewichtung zu ungleichmäßig ausgefallen. Ein weiterer Punkt sind die etwas überstrapazierten Zufälle, die Anne den Weg zum Mörder weisen. Nicht nur die Augenzeugin Allora gehört dazu, sondern vor allem die zufällige Bekanntschaft, die Anne mit Alfred schließt. Dabei hätte man diesen Punkt umgehen können, indem man Hinweise auslegt, die Anne gezwungenermaßen in seine Nähe bringen, anstatt bloße Willkür anzuführen. Letzter wichtiger Punkt ist der Epilog, der sehr einfallslos und gezwungen wirkt. Im Schnellverlauf werden hier die Ereignisse von einigen Monaten durchgespult und der Schluss, der wohl überraschend sein soll, ist mehr aufgesetzt als alles andere. Das ist schade, da der gute Eindruck des Buches unter diesem zu sehr gewollten Finale leidet.

_Als Fazit_ bleibt ein bewegender Roman, der Thriller und Familiendrama gekonnt miteinander verbindet und nicht nur Lesern mit eigenen Kindern einen ob seiner Intensität schwer verdaulichen Lesestoff bietet. Das solide Psychogramm des Täters, die Spannung und die Charaktere überzeugen; allerdings schwächen ein paar konstruierte Zufälle und vor allem der Epilog den ansonsten sehr guten Gesamteindruck etwas ab. Dennoch insgesamt ein empfehlenswertes Buch, das noch einige Zeit nachwirkt.

_Die Autorin_ Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben „Der Kindersammler“ verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Im November erscheint ihr nächster Thriller „Hexenkind“.

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C. V. Rock – Der 4. Grad

rock-4-grad-cover-kleinEine sichergestellte Lösegeldsumme wird ausgerechnet innerhalb eines Polizeireviers durch Raub vermindert. Ein eisenharter FBI-Agent kommt schurkischen Cops auf die Spur und führt sie der gerechten Strafe zu … – Vergessener Leihbuch-Krimi-Trash grober Machart, der ohne Realitätsanspruch die polizeiliche Ermittlungsarbeit als brutalen Vernichtungs-Feldzug gegen ‚das Böse‘ schildert und dabei ungefiltert Volkes Stimme nach dem Mund redet.
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Stephen Hunter – Die Gejagten

Hunter Gejagte Cover 2000 kleinAus einem Hochsicherheitsknast brechen drei Schwerverbrecher aus, die nichts mehr zu verlieren haben und sich erbarmungslos ihren Fluchtweg durch spärlich besiedelte Landstriche bahnen. Die Polizei setzt sich auf ihre blutige Spur, und bald stellt sich die Frage, wer bei dieser Jagd mehr Schaden anrichtet … Kompromisslos harter und gewaltreicher, aber ungemein spannender Thriller mit erstaunlicher Figurenzeichnung und zynischem Blick auf „Gesetz“ und „Verbrechen“, die hier zunehmend in einer Grauzone verschmelzen.
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Rose, Joel – Kein Rabe so schwarz

Der amerikanische Autor Joel Rose hielt es mit seinem Roman „Kein Rabe so schwarz“ wie mit einem guten Wein: Er ließ ihn reifen. Knapp zwanzig Jahre recherchierte er dafür, 4000 Seiten schrieb er. Letztendlich kürzte er die Geschichte auf die vorliegenden 513 Seiten, auf denen er versucht, das New York Mitte des 19. Jahrhunderts aufleben zu lassen.

Wenn man seine Geschichte in einer so weit zurückliegenden Zeit ansiedelt, ist es notwendig zu recherchieren. Doch wofür brauchte der Autor zwanzig Jahre? Das klingt doch nach allzu viel Zeit für einen Roman. Die lange Reifezeit könnte damit zusammenhängen, dass Rose nicht nur einfach ein Bild des alten New Yorks zeichnen möchte, sondern mehrere historische Persönlichkeiten in seine Kriminalgeschichte eingebaut hat. Neben den kurzen Auftritten verschiedener Persönlichkeiten der Literaturszene von damals ist es hauptsächlich der Schriftsteller und Dichter Edgar Allan Poe, dem Rose sich widmet.

1841 wird die hübsche Zigarrenverkäuferin Mary Cecilia Rogers erdrosselt und misshandelt im Hudson River gefunden. Dieser real geschehene Mordfall soll später Anlass für die Poe-Erzählung „Das Geheimnis der Marie Rogêt“ sein. Joel Rose wiederum nimmt den eigentlichen Fall zur Hand, bereitet ihn literarisch auf und lässt Poe im Verlauf der Geschichte seine Erzählung veröffentlichen, die bei den Ermittlungen keine unwichtige Rolle spielt.

High Constable Hays, ein in die Jahre gekommener Mann, dessen Geist aber immer noch einwandfrei funktioniert, wird beauftragt, den Fall Mary Rogers zu lösen. Das Zigarrenmädchen bleibt allerdings nicht die einzige Tote. Wenig später findet man am Hudson River die Leiche des Druckers Samuel Adams und dann geschieht ein dritter Mord. Der junge Gangster und Bandenchef Tommy Coleman soll seine Frau, deren Liebhaber und seine vierjährige Tochter umgebracht haben.

Während die letzten beiden Fälle schnell aufgeklärt werden können, kommt Hays dem Mörder von Mary Rogers keinen Schritt näher. Immer wieder wird seine Aufmerksamkeit von anderen Polizeiarbeiten abgelenkt, doch Mary Rogers verfolgt ihn jahrelang. Erschwerend ist, dass die junge Dame, obwohl verlobt, anscheinend ein Verhältnis mit einem anderen Mann hatte. Doch wer war dieser andere Mann und ist er vielleicht der Mörder?

Zur gleichen Zeit taucht der zerrissene und verarmte, aber geniale Dichter und Schriftsteller Edgar Allan Poe in der Stadt auf. Immer wieder sorgt er für Ärger, weil er sich mit allen möglichen Leuten, vor allem aus dem Literaturgeschäft, anlegt, während ihm die Frauen zu Füßen liegen. Als er verkündet, eine dreiteilige Geschichte zu veröffentlichen, die den Mordfall um Mary Rogers aufklären soll, sorgt er für einen handfesten Skandal. Hays, der unbestechliche Polizist – den der Fall Rogers immer noch nicht losgelassen hat – und seine Tochter Olga versuchen, Poes Geschichte zu entschlüsseln. Steckt letztendlich in der Erzählung wirklich ein Hinweis auf den Mörder?

Eines ist nach dem Lesen dieses Buches gewiss: Die zwanzig Jahre Recherche haben sich gelohnt. Rose zeichnet ein sehr detailliertes, authentisch wirkendes Bild des 19. Jahrhunderts. Sogar die Art und Weise, wie und aus welcher Sicht er schreibt, versetzt er zwei Jahrhunderte zurück. Mit gehobenem Wortschatz erzählt er virtuos und an Poes Werke angelehnt. Besonders am Anfang ist der gestochene Schreibstil für den Durchschnittsleser deshalb gewöhnungsbedürftig. Die verschachtelten Sätze, die oft viele beschreibende Satzteile und Adjektive enthalten, sind anfangs etwas anstrengend.

Dadurch ist „Kein Rabe so schwarz“ kein Buch für jedermann. Ein historisches Interesse sollte vorhanden sein, eine Abneigung gegen Edgar Allan Poe ist sicherlich auch keine gute Voraussetzung für diesen Roman. Hinzu kommt, dass das Buch trotz des gut recherchierten Hintergrunds nicht auf ganzer Linie überzeugt. Vor allem die Handlung hat ihre Schwächen, was daran liegen mag, dass Rose sich an einem realen Fall orientiert. Dadurch wird das Buch sehr in die Länge gezogen. Die Aufklärung des Mordes an Mary Rogers findet zum Beispiel erst fünf Jahre später statt. Der Autor begeht zum Glück nicht den Fehler, den gesamten Zeitraum dazwischen haarklein darzustellen. Er macht Zeitsprünge, kann es aber nicht lassen, an einigen Stellen allzu sehr in die Breite zu gehen. Oft fehlt es an einem gemeinsamen Nenner, besonders am Anfang, und es gibt kaum eine echte Sogwirkung.

In der Mitte wendet sich kurz alles zum Guten. Die Geschichte kommt in Fahrt, um die Mordfälle herum baut sich Spannung auf. Für kurze Zeit besteht das Buch weniger aus Gedankenspielen Hays‘, sondern aus richtigen Ereignissen. Man glaubt, der Lösung des Falls nun nahe zu sein, und hofft auf einen rasanten Showdown. Leider enttäuscht Rose diese Hoffnung. Gegen Ende wird die Geschichte wieder flacher und die Aufklärung des Falls stellt sich als äußerst speziell dar. Die Handlungen des Mörders und sein Motiv lassen sich rückblickend nur schwer nachvollziehen, da es im Vorfeld kaum Ansatzpunkte dafür gab, dass er in den Fall verstrickt sein könnte.

Was der Handlung auf jeden Fall mehr Tiefe verliehen hätte, wären schärfer umrissene Charaktere. Rose stattet seine Personen zwar mit den richtigen Attributen aus und erwähnt auch, wodurch sie sich auszeichnen und wie sie wirken. Leider entfaltet sich diese Wirkung aber nur selten in der Geschichte. Selbst Hays, der eine zentrale Rolle im Buch spielt und als „Vorbild“ für Poes Meisterdetektiv Monsieur Dupin fungiert, bleibt blass. Der Leser weiß, was den High Constable ausmacht, findet aber innerhalb der Buchdeckel kaum Zugang zu ihm. Es fehlt an nachvollziehbaren Gefühlen, während es mehr als genug Gedanken nachzulesen gibt.

Auf der Romanfigur Edgar Allan Poe liegt in diesem Fall natürlich besonderes Augenmerk; immerhin gibt es ein reales Vorbild. Dieses ist zwar schon lange tot, aber sein Leben gibt genug Stoff her für mehr als einen Roman (siehe dazu zum Beispiel den ähnlich gelagerten Poe-Krimi [„Die Stunde des Raben“ 3552 von Matthew Pearl). Rose schafft es, den Schriftsteller Poe einigermaßen lebendig werden zu lassen, doch auch ihm fehlt es ein wenig an Farbe. Manchmal verlässt sich Rose zu sehr auf die Ereignisse aus der Biografie des realen Poe, anstatt den fiktiven Poe vielschichtig zu gestalten.

Letztendlich muss man „Kein Rabe so schwarz“ trotz dieser Fehler Respekt zollen. Das Buch ist unglaublich gut recherchiert und lässt das 19. Jahrhundert auf über 500 Seiten lebendig werden. Man merkt, dass der Autor sich lange mit Poe und der historischen Epoche auseinandergesetzt hat. Sogar seinen Schreibstil hat er an diese Zeit angepasst, doch dabei bleiben die Personen und die Handlung leider etwas auf der Strecke.

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Barclay, Linwood – Ohne ein Wort

Im Mai 1982 endet für die 14-jährige Cynthia die Kindheit. Als sie nach einem verbotenen Partybesuch ins Elternhaus schleicht, findet sie es verlassen. Nichts wurde gestohlen oder verwüstet, nur die Eltern und der ältere Bruder Todd sind spurlos und ohne Gepäck verschwunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, das nie gelöst werden kann. Die Akten werden geschlossen, Cynthia wächst bei Tess Berman, der Schwester ihrer Mutter auf.

25 Jahre später hat Cynthia das Trauma nicht überwunden, obwohl sie inzwischen selbst verheiratet und Mutter einer Tochter ist. Zum Jahrestag des Verschwindens möchte ein TV-Sender den alten Fall aufgreifen. Cynthia ist einverstanden, denn sie hofft auf Hinweise aus dem Zuschauerkreis. Als diese zunächst ausbleiben, engagiert sie den Privatdetektiv Denton Abagnale.

Zunehmend besorgt verfolgt Gatte Terrence Archer, ein Highschool-Lehrer, die Aktivitäten seiner Frau. Ohnehin psychisch labil und in entsprechender Behandlung, wirkt sie zunehmend nervöser. Angeblich verfolgt ein unbekannter Mann sie und Tochter Grace mit einem braunen Auto. Die Präsenz der Eltern will sie ’spüren‘. Doch Terrence unterstützt Cynthia, denn inzwischen hat ihm Tante Tess gestanden, dass ihr einst anonym große Geldsummen zugingen, die sie für Cynthias Studium verwenden sollte.

Woher kam das Geld? Terrence muss erleben, dass sich die mysteriösen Geschehnisse in der Gegenwart fortsetzen. Ein fremder Mann beschattet das Haus der Archers. Auf dem Küchentisch liegt plötzlich der alte Hut von Cynthias Vater. Die Polizei, die zunächst abwiegelt, wird sehr aktiv, als Terrence und Cynthia Tess Berman erstochen in deren Küche finden. Dann verschwindet Detektiv Abagnale.

Eine anonyme Nachricht verspricht die Lösung aller Rätsel auf dem Grund eines aufgelassenen Baggersees. Cynthia verspricht sich viel davon, doch Terrence erkennt, dass der Brief auf seiner eigenen alten Schreibmaschine getippt wurde. Hat seine Frau dies selbst getan? Das würde bedeuten, dass sie sehr wohl weiß, was 1982 geschah, und womöglich selbst dafür verantwortlich ist …

Kein in der Thriller-Geschichte neuer und doch ein starker Auftakt: Eine Familie verschwindet und lässt die Tochter allein zurück, die zu diesem Zeitpunkt sogar im Haus ist. Wie konnte dies geschehen, und was war der Grund? Um genau diese beiden Fragen geht es in den ersten beiden Dritteln von „Ohne ein Wort“. Das eindrucksvolle Prolog-Kapitel sorgt dafür, dass wir nach Antworten gieren und deshalb bei der Stange bleiben.

Das ist wichtig, denn zwischenzeitlich wird der rote Faden verflixt dünn bzw. gerät außer Sicht. Die wichtigen Elemente sind natürlich da: Nach 25-jähriger Rätselei mehren sich die Hinweise auf die Geschehnisse von einst, was selbstverständlich mit ungeahnten Gefahren verbunden ist. Menschen sterben, die Polizei ist misstrauisch, aber nicht besonders helle und verdächtigt prompt die Falschen usw. usf. Trotzdem hat der Verfasser seinen Stoff im Griff.

Der lockert sich, wenn ihn literarischer Ehrgeiz zu reiten beginnt. Weit holt Barcley immer wieder aus, schildert Ereignisse und charakterisiert Figuren, die für das eigentliche Geschehen nebensächlich oder gar unwichtig sind. Die Archers und ihr Leben sollen plastisch wirken, nur sind sie bei nüchterner Betrachtung ziemlich langweilige Gesellen, die sich entweder genau so verhalten, wie wir es uns dachten, oder unseren Langmut durch höchst unlogische Entscheidungen traktieren. (Verzweifelter Ehemann & Vater tut sich mit gutherzigem Mafioso zusammen – also bitte!)

Irgendwann muss die Katze aus dem Sack – für Mystery-Krimis stets ein kniffliger Moment. Die Auflösung ist dem Rätsel nie gewachsen – kann sie auch gar nicht, denn bleibt die Geschichte auf dem Boden der Tatsachen (und vermeidet den Einsatz von Außerirdischen oder Gespenstern), ist die Palette möglicher Erklärungen ziemlich schmal. Barclay weiß das selbstverständlich und versucht dies zu überspielen, indem er das letzte Drittel der Geschichte in ein Action-Drama verwandelt. In dieser Beziehung ist er hoffentlich noch lernfähig, denn was er uns an Deus-ex-Machina-Effekten präsentiert, ist des Schlechten eindeutig zu viel und reizt eher zum Grinsen als zum Mitfiebern.

Eine üble Sünde der Thriller-Gegenwart verdanken wir Jeffery Deaver, dem Erfinder des Doppel- & Dreifach-Twists: Die Geschichte ist eigentlich schon beendet, da springt wie ein Kastenteufel der wahre Unhold aus dem Off und konfrontiert uns mit dem Ätsch-Effekt: Alles war ganz anders! Ob dabei die Logik zum Teufel geht, ist offenkundig unwichtig. Auch in „Ohne ein Wort“ ist der Twist so an den Haaren herbeigezogen, dass es ärgert.

Kleine Ursachen können eine große Wirkung haben. Die Entscheidung, ob dieses Sprichwort greift, muss aktuell getroffen werden, was manchmal nicht leichtfällt. Cynthia hat mit 14 Jahren nicht nur ihre Familie verloren. Viel stärker macht ihr viele Jahre später zu schaffen, dass ihre letzten Worte zu den Eltern „Ich wollte, ihr wärt tot!“ waren. Sie fielen in einem Moment des Zorns, weil besagte Eltern ihr nach allzu exzessiven Partygängen weitere nächtliche Ausgänge gestrichen hatten. So etwas geschieht in diesem Alter fast zwangsläufig und wird deshalb auch von beiden Seiten wieder vergeben und vergessen.

Doch dieses Mal scheint es, als sei Cynthias Wunsch in Erfüllung gegangen. Diese Überzeugung wird prägender für ihr Wesen als das mysteriöse Verschwinden: Cynthia fühlt sich verantwortlich – und das ist der Schlüssel zu ihrem Denken und Handeln. Dass sie nichts mit dem Vorgefallenen zu tun hat und natürlich unschuldig ist, weiß die ‚rationale‘ Cynthia. Doch die Cynthia von 1982 ist quasi lebendig geblieben und zum imaginären Alter Ego geworden, das weiterhin Vorwürfe äußert.

Cynthia ist deshalb psychisch labil und besonders leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, als sich die Zeichen mehren, dass ihre Familie noch irgendwo existiert. Autor Barclay wärmt dazu leider nur Bekanntes auf: Der eigene Gatte, der ihr doch Stütze sein sollte, zweifelt an ihr, und dann steht Cynthia mit dem Töchterlein allein den Schurken gegenüber, denen sie nur Muttertiergebrüll entgegenschleudern kann, bis endlich Terrence und der verlorene Vater auf der Bildfläche erscheinen und im Bund mit dem Schicksal die Sache klären.

Was Barclay wollte, war die Konfrontation von Durchschnittsmenschen mit einer Krise, die sie zunächst überfordert, um sie dann zu innerer Stärke (und äußerlicher Gewalt) finden zu lassen. Vielleicht sind ihm die Archers allzu ’normal‘ geraten, denn sie nimmt man als Leser bloß in Kauf, während man auf die Lösung des Rätsels wartet.

Auch den Lumpen dieser Geschichte sollte man mit Nachsicht begegnen. Hier liefern sich Bosheit, Dämlichkeit und Lächerlichkeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das unentschieden ausgeht. Die Verschwörung, die Barclay konstruiert, kann zudem nur funktionieren, wenn ihre Opfer in entscheidenden Momenten Bretter vor den Köpfen haben, denn eigentlich müsste sie platzen wie Sommerfliegen auf einer Windschutzscheibe.

Nein, das Beste ist wohl, dieses Buch zu lesen, es spannend zu finden und schleunigst zu vergessen, denn Nachdenken lässt nicht nur den wackeligen Unterbau, sondern auch das Flickwerk erkennen, das den Plot zusammenhält. Wie schon gesagt, schade, aber solche Erfahrungen gehören zum harten Alltag des erfahrenen Krimi-Fans …

Linwood Barclay wurde (in einem sorgfältig geheim gehaltenen Jahr) in den USA geboren. Der Vater, ein Werbegrafiker, ging mit der Familie nach Kanada, als Linwood vier Jahre alt war. In diesem Land, genauer an der Trent University in Peterborough (Provinz Ontario), studierte er Englisch. Hier arbeitete er nach dem Abschluss als Journalist für den „Peterborough Examiner“. 1981 wechselte er zum „Toronto Star“, der auflagenstärksten Zeitung Kanadas und besetzte verschiedene Stellen, bis er 1993 eine Kolumne übernahm, die dreimal pro Woche erschien (und weiterhin erscheint) & in welcher er sich über die seltsamen Seiten des menschlichen Alltags äußert.

1996 veröffentlichte Barclay ein erstes Buch („Father Knows Zilch: A Guide for Dumbfounded Dads“), das auf seinen Kolumnen basierte. In den nächsten Jahren erschienen weitere harmlos-satirische Bücher, bis Barclay 2004 einen ersten (Mystery-)Roman („Bad Move“) um den überdrehten Über-Vater Zack Walker schrieb, dem weitere folgten. „No Time for Goodbye“ (dt. „Ohne ein Wort“) ist sein erstes ‚ernsthaftes‘ Buch.

Humor ist auch auf der Bühne Barclays Geschäft. Er wird gern und oft engagiert, um seine Alltagsgeschichten selbst zu erzählen. Er lebt mit seiner Familie in Burlington, Ontario. Womit er gerade wo auftritt oder worüber er schreibt, meldet Barclay auf seiner Website: http://www.linwoodbarcley.com.

http://www.ohne-ein-wort.de
http://www.ullstein-taschenbuch.de

Laymon, Richard – Nacht

Die junge Alice ist mit dem reichen Pärchen Serena und Charlie befreundet und bewohnt ein Zimmer über der Garage ihres großen Hauses. Als die beiden für eine Woche in Urlaub fahren, soll Alice in der Villa, die einsam am Waldrand liegt, regelmäßig nach dem Rechten sehen. Eines Nachts, als Alice gerade das Haus verlassen will, taucht vom Wald ein nackter Mann auf, der in den Pool springt und erst flieht, als Alice ihm droht, die Polizei zu rufen.

In Wirklichkeit telefoniert sie nur mit einem Mann, der sich versehentlich verwählt hat. Da Alice selber nicht ganz unbescholten ist, kommt nicht in Frage, die Polizei einzuweihen. Stattdessen bewaffnet sie sich mit einem Wandsäbel, um sich notfalls gegen den Eindringling wehren zu können, von dessen Gefährlichkeit sie überzeugt ist.

Tatsächlich begegnet sie kurz darauf vor der Haustür einem Fremden und streckt ihn kurzerhand nieder. Doch zu ihrem Entsetzen merkt Alice, dass es sich hierbei keinesfalls um den mysteriösen Poolbesucher handelt. Jetzt muss sie nicht nur die Leiche des Unbekannten beseitigen und alle Spuren verwischen, sondern läuft immer noch Gefahr, irgendwo von dem Fremden überfallen zu werden. Alice ahnt nicht, dass die schrecklichste Nacht ihres Lebens gerade erst begonnen hat …

Das |Heyne Hardcore|-Programm – das Thriller verspricht, die an Gewalt nicht sparen – und Richard Laymon, den man auch den King of Trash nennen könnte, passen zusammen wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, was er hier nach „Rache“, „Die Insel“ und „Das Spiel“ aufs Neue beweist.

|Durchtriebene Protagonistin|

Von Ich-Erzählern ist man meist gewohnt, dass sie eine Identifikation beim Leser auslösen, bei Alice dürfte das aber nur schwerlich der Fall sein. Schon gleich im Prolog erklärt sie, dass alle Namen im Buch geändert wurden, damit sie ohne Scheu berichten kann. Obwohl noch eine junge Frau, hat Alice schon einiges an Erfahrungen hinter sich, sowohl was Sex als auch was Gewalt und kriminelle Aktionen angeht, wie sie immer wieder andeutet. Daher reagiert sie relativ kühl angesichts der Bedrohung, verliert nicht die Nerven und lässt sich auf ein gewagtes Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder ein.

In einem Laymon-Roman darf man beim Mörder kein ausgefeiltes Psychogramm oder überhaupt psychologische Tiefe erwarten. Es ist nicht wirklich wichtig, warum der Fremde mordet, sondern nur, ob er seine Opfer überwältigen kann und ob es ihn am Ende selber erwischt. Interessanter sind da schon die Figuren Judy und Murphy die später ins Spiel kommen. Judy, die Exfreundin des zufälligen Anrufers, ist ohne ihr Wissen für Alice eine unliebsame Zeugin. Die beiden jungen Frauen schließen Freundschaft, ohne dass Judy ahnt, dass Alice plant, sie zu beseitigen – wobei Alice sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob sie die Tat wirklich durchziehen kann. Murphy ist der Hausmeister der Wohnung des Toten, den Alice mit dem Eindringling verwechselte. Der nette Mann, der in seiner Freizeit als Krimiautor arbeitet, ist ihr mindestens ebenso sympathisch wie Judy, stellt aber ebenfalls einen Gefahrenfaktor für sie dar, weil er mehr über Alice weiß, als ihr lieb sein kann.

|Unvorhersehbare Handlung|

Auf gleich mehreren Ebenen wird für Spannung gesorgt. Einmal fragt sich der Leser, welche Figuren alle ihr Leben lassen müssen. Richard Laymon ist bekannt dafür, keine Gnade mit seinen Charakteren zu kennen, sodass ein glückliches Ende absolut nicht gewährleistet ist. Dass Alice überlebt, weiß man, da sie die Ich-Erzählerin ist, ansonsten aber kann jede der Figuren ohne Weiteres sterben. Auch der eher unsympathische Charakter von Alice sorgt für Spannung, da man nur nach und nach Bruchstücke aus ihrer bewegten Vergangenheit erfährt. Ebenfalls unsicher ist man ständig, ob sie selber zur Mörderin wird und sich unliebsamer Zeugen entledigt oder ob doch ihr Gewissen die Oberhand gewinnt. Dazu kommt die Frage ob sie für die versehentliche Tötung des Fremden, den sie für den Eindringling hielt, zur Verantwortung gezogen wird, oder ob es ihr gelingt, alle Spuren zu vertuschen.

|Sex, Gewalt und Trash im Übermaß|

Laymon ist kein Freund von dezenten Worten, und zartbesaitete Seelen sollten sich den Roman gar nicht erst vornehmen. Es werden grausame Morde verübt, Leichen zerstückelt, Frauen vergewaltigt und ein Kannibale mischt auch noch mit. Die Beschreibungen sind zwar nicht sehr ausführlich, kein detailreicher Splatter, reichen aber schon über das bei Thrillern übliche Maß hinaus. Das allein wäre noch nicht schlimm, nur leider übertreibt er es auch mit den unrealistischen Sequenzen, die an trashige B-Movies erinnern. Alice handelt, selbst in Anbetracht ihrer kriminellen Energie, zu abgebrüht. Zwar kommen ihr zwischendurch immer wieder ängstliche Gedanken, aber sie geht überwiegend gelassen und kaltblütig an die Aufgaben, etwa wenn es um das Beseitigen einer Leiche geht oder sie versucht, den irren Mörder zu täuschen und ihm Gefälligkeit vorspielt. Da fällt es dem Leser schon schwer, sich in sie hineinzuversetzen.

Der Gipfel ist erreicht, als sie Murphy für Geld Details aus ihrem brisanten Leben verraten will, die diesen für einen Roman inspirieren sollen – und als Sicherheit, damit er sie nicht an die Polizei verrät, ihn eine Vergewaltigung vortäuschen lässt. Unklar bleibt, wie sie diese „Vergewaltigung“ nachweisen will, falls Murphy Wochen oder Monate später zur Polizei gehen sollte, und unrealistisch ist auch, dass er so bereitwillig ein paar tausend Dollar für diese Informationen ausgeben sollte, obwohl er Alice kaum kennt und nicht gerade reich ist.

_Fazit:_

Ein typischer Laymon-Roman mit viel Sex und Gewalt für hartgesottene Thriller- und Horrorfans. Die unvorhersehbare Handlung sorgt für Spannung, besitzt allerdings auch einige unglaubwürdige Aspekte, insbesondere was das Verhalten der Charaktere betrifft. Vor allem die recht unsympathisch und abgebrühte Ich-Erzählerin lädt nicht zur Identifikation ein. Laymon-Fans kommen sicher auf ihre Kosten, für Einsteiger dagegen empfehlen sich eher andere Romane des Autors.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe von Romanen, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u. a. „Rache“, „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und „Vampirjäger“.

Mehr über ihn gibt es auf seiner offiziellen [Homepage]http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm nachzulesen.

http://www.heyne-hardcore.de

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138

Lansdale, Joe R. – Wilder Winter

Hap Collins und Leonard Pine stehen auf der untersten Sprosse der Leiter, die im US-Staat Texas die gesellschaftliche Rangordnung symbolisiert. Pine ist nicht nur schwarz, sondern auch schwul, Collins gehört zum „White Trash“. Normalerweise müssten sie einander spinnefeind sein, doch sie sind seit Jahren dicke Freunde.

Ihr Leben in Armut fristen sie als schwer arbeitende und schlecht bezahlte Tagelöhner auf staubigen Feldern. Das Leben als soziale Außenseiter hat sie geprägt. Offensichtliche Kriminalität ist ihnen zwar fremd, doch in den Grauzonen des Gesetzes bewegen sie sich ungezwungen.

Deshalb horchen sie interessiert auf, als Trudy, Haps Ex-Frau, ihnen die Geschichte eines Bankräubers erzählt, der seine reiche Beute in der texanischen Wildnis verstecken konnte, bevor ihn die Polizei erwischte. Kürzlich ist er in der Gefängniszelle gestorben, die er mit Trudys aktuellem Lebensgefährten Howard teilte. Zuvor hatte er die dürftigen Erinnerungen an den Platz geteilt, wo er das Geld versteckt hat. Diesen Schatz wollen Trudy und Howard gemeinsam mit ihren Komplizen Chub und Paco nun heben.

Trudy weiß, dass Hap die Gegend, in der das Versteck liegen muss, sehr genau kennt. Mehr als eine ausgiebige Suche im sumpfigen Wald scheint unseren Schatzsuchern nicht bevorzustehen. Freilich verschweigt die durchtriebene Trudy mit Bedacht, dass sie und ihre Spießgesellen keineswegs daran denken zu teilen. Vom Regen geraten unsere beiden Pechvögel allerdings erst recht in die Traufe, als die unbedarften Möchtegern-Revolutionäre an einen echten Gangster geraten, für den Folter und Mord zum Tagesalltag gehören. Mitgefangen – mitgehangen: Die hässliche Wahrheit dieses alten Sprichworts müssen Hap und Leonard buchstäblich am eigenen Leib erfahren …

„Funny Crimes“ nennt sich die Reihe, die der |Shayol|-Verlag 2006 ins Leben rief. Das ist keine wirklich glückliche Namenswahl, denn spaßig im eigentlichen Sinn ist zumindest „Wilder Winter“ nicht. Gemeint ist stattdessen wohl eine gewisse Unorthodoxie in Handlung, Figurenzeichnung und Stil, die Romane wie diesen aus dem Einerlei des ‚klassischen‘ Krimis herausheben.

Diese Dreifaltigkeit lässt sich hier in der Tat rasch feststellen. Autor Lansdale verstößt genussvoll vorsätzlich gegen die üblichen Konventionen des Genres. Der große Coup, der hier versucht wird, ist ein unausgegorenes Projekt, das von denkbar untauglichen Zeitgenossen möglichst ungeschickt angegangen wird.

Helden oder wenigstens attraktive Schurken sucht man in dieser Geschichte vergeblich. Verzweifelte Außenseiter tun sich zusammen, um endlich ihren Zipfel der Wurst zu schnappen, den ihnen das Schicksal bisher vorenthalten hat. Die Turbulenzen innerhalb dieser Gruppe sind mindestens so spannend wie die Jagd nach dem verlorenen Geldschatz, weshalb Lansdale ihnen die erste Hälfte des Romans widmet. Der Verfasser weiß meist genau, was er macht; er stellt die Weichen für ein Geschehen, das zwangsläufig zum Scheitern des Unternehmens führen muss – wobei sehr deutlich wird, dass dieses Scheitern nicht ohne Überraschungen und Gewalt stattfinden wird. Nur manchmal gehen ihm die Pferde durch; so wirkt die Lebensbeichte des Ex-Terroristen Paco unnötig ausführlich und singt allzu laut das Klagelied vom Hippie, der seinen Weg verlor. (Die 1960er Jahre bzw. ihre Folgen und ihr Scheitern liegen dem Verfasser am Herzen, wie er in einem aufschlussreichen Interview erläutert, das diesem Roman angehängt ist.)

Hart ist das Leben dort, wo kein soziales Netz dich abfängt, solltest du ins Stolpern geraten. Hap Collins kann ein Lied davon singen. Er hatte vergessen, dass die Wörter „Idealist“ und „Idiot“ nicht nur ähnlich klingen, als er in den 1960er Jahren versuchte, die Welt zu retten. Während die meisten anderen Blumenkinder den Absprung rechtzeitig schafften, glaubte Hap tatsächlich an seine Ideale und geriet in die Mühlen des Establishments, das sich keineswegs bezwingen ließ. Als Hap das endlich begriffen hatte, war er ein Ex-Sträfling ohne Ausbildung, geschieden und pleite. Für ihn gab es keinen „Amerikanischen Traum“ mehr.

Leonard Pines hat nie ähnliche Anwandlungen gespürt; einem schwarzen und schwulen Mann bleibt in Texas keine Zeit dafür. Mögliche weiche Stellen sind seit seinem Vietnam-Einsatz endgültig verschwunden; Pines ist ein eisenharter Kerl, an den sich die Rednecks nicht einmal im Rudel zu vergreifen wagen. Deutlich intelligenter als Hap Collins, hat Pines die Rolle des ‚großen Bruders‘ übernommen, der seinen Freund und „Buddy“ stützt, wenn Ärger, Liebeskummer oder andere Nackenschläge des Lebens diesen wieder einmal taumeln lassen. Trotz seines abweisenden Äußeren hat Pines ein großes Herz. Wider besseres Wissen lässt er sich deshalb auch in das aktuelle Abenteuer verwickeln, obwohl er von Anfang ahnt, dass an der Sache etwas faul ist.

Trudy manipuliert die Männer meisterlich und ohne Skrupel; es ist ihre Methode, sich aus dem Dreck zu ziehen. Bisher hat es nicht geklappt, da sie sich stets an Schwächlinge und Versager gehängt hat. Dieses Mal geht Trudy aufs Ganze; sie spürt, dass ihre große Zeit als Verführerin sich dem Ende zuneigt, und will einen Neuanfang erzwingen. Dafür muss sie gleich mehreren, durchaus misstrauischen Männern Sand in die Augen streuen, aber das traut sie sich zu, bis sie sich letztlich verkalkuliert.

Der beste Plan kann scheitern, weil er die menschliche Natur nicht berücksichtigt. Leonard stichelt gegen Trudy, die wiederum mit Haps und Howards Eifersucht zu kämpfen hat. Chub ist ein weichhirniger Schwächling, der vielleicht ein wenig zu oft getreten wurde und sich nicht mehr krümmen will. Hinter Paco verbirgt sich ein als Staatsfeind gesuchter Terrorist, der womöglich der Gewalt nicht so sehr abgeschworen hat, wie er vorgibt.

Da auf dieser holprigen ‚Schatzsuche‘ ohnehin schiefgeht, was schiefgehen kann, kochen die Emotionen bald gefährlich hoch. Weder die Kälte des Winters, der Fluss oder der Sumpfwald können es an Brisanz mit den Konflikten aufnehmen, die zwischen den ‚Gefährten‘ auflodern. Man streitet meisterlich, während die kriminellen Instinkte eher unterentwickelt sind. Als mit „Soldier“ und seiner Partnerin „Angel“ zwei ‚richtige‘ Schwerkriminelle die Szene betreten, ist Schluss mit lustig.

Vor allem Soldier ist eine interessante Figur, die Quentin Tarentino erfunden (oder wiederentdeckt) haben könnte – ein Drogendealer, Mörder und Wahnsinniger, der sich jovial gibt und Vorträge über Lebensart oder menschliche Werte hält, um dir im nächsten Augenblick einen Stahlnagel durch die Hand jagen zu lassen. Soldier ist unberechenbar und scheint übermächtig zu sein. Als Hap und Leonard sich gegen ihn stellen, mutieren sie nicht plötzlich zu unüberwindlichen Kampfmaschinen. Der finale Kampf ist brutal, dreckig, und auch sein Ausgang ignoriert die bekannten Hollywood-Routinen. Autor Lansdale geht seinen eigenen Weg – unbeirrt bis zum letzten Satz. Als Leser schließt man ein Buch, das erfrischend ‚anders‘ ist als der künstlich bestsellererisierte Einheitsbrei, mit dem einen die Werbung und die Buchhandelsketten anschmieren möchten.

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. Als Romanautor trat er bereits 1972 in Erscheinung. Mitte der 1970er Jahre begann er sich verstärkt der Kurzgeschichte zu widmen. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. Lansdale wurde ein Meister der kurzen, knappen Form.

Texas, sein Heimatstaat, war und ist die Quelle seiner Inspiration – ein weites Land mit einer farbigen Geschichte, erfüllt von Mythen und Legenden. Lansdale ist fasziniert davon und lässt die reale mit der imaginären Welt immer wieder in Kontakt treten. Deshalb kann es durchaus geschehen, dass dessen Bewohner Besuch vom Teufel und seinen Spießgesellen bekommen. Es könnten auch Außerirdische landen: Generell liebt es Lansdale, mit den Genres zu spielen.

Stilistisch beeindruckt Lansdale durch die absolute Beherrschung seines Handwerks. Mit nüchternen Worten vermag er zu zaubern, seine Leser träumen, sich fürchten oder traurig sein zu lassen. Unmittelbar kann einer Tragödie eine groteske Episode folgen, die der Verfasser mit knochentrockenem Humor und rabenschwarzem Witz zum Besten gibt: Dies nennt der Verfasser „Mojo-Storytelling“ – die Kunst, es auf die Spitze zu treiben.

Der Effekt ist unwiderstehlich, spaltet aber auch das Publikum: Lansdale-Geschichten liebt man oder hasst sie. Dazwischen scheint es nichts zu geben, was durchaus eine Form von Anerkennung ist. Ein Durchschnittsschreiber für Leser, die vor allem die Variation des Bekannten suchen und das Spektakuläre meiden, ist Lansdale sicherlich nicht. Dies wurde mit einer langen Reihe begehrter Literaturpreise honoriert. Allein der „Bram Stoker Horror Award“ wurde Lansdale fünfmal verliehen.

Nach zwei Lansdale-Kurzgeschichten entstanden Kurzfilme („Drive-In Date“, „The Job“). Kultstatus erreichte Don Coscarellis Verfilmung (2002) der Story [„Bubba Ho-Tep“:]http://www.powermetal.de/video/review-1152.html Ein alter Elvis Presley und ein farbiger John F. Kennedy jagen eine mordlustige Dämonenmumie. Lansdale schrieb außerdem Drehbücher für diverse Folgen der Serien „Batman: The Animated Series“ und „Superman: The Animated Series“.

Der private Joe R. Lansdale lebt mit seiner Frau Karen und den Kindern heute in Nacogdoches, gelegen selbstverständlich in Texas. Er schreibt fleißig weiter und ist auch als Herausgeber von Kurzgeschichtenanthologien sehr aktiv. Außerdem gehören Lansdale einige Kampfsportschulen, in denen diverse Künste der Selbstverteidigung gelehrt werden. In diesen ist Lansdale ein anerkannter Meister, der mehrere Titel hält.

http://www.shayol.de/

|Siehe ergänzend dazu auch die Rezension zu [„Sturmwarnung“. 2107 |

Mosby, Steve – 50/50-Killer, Der

Der junge Detective Mark Nelson, Spezialist für Vernehmungen, wird zu seinem Arbeitsbeginn dem bekannten Detective John Mercer zugeteilt, der zwei Jahre nach einem psychischen Zusammenbruch wieder in die Polizeiarbeit eingestiegen ist. Gleich am ersten Tag wird Mark mit einem spektakulären Mord konfrontiert. Ein Mann wurde in seiner Badewanne zu Tode gequält und verbrannt. Der Täter hinterließ eine Tonbandaufnahme, auf der er zwei weitere Morde ankündigt: Jodie, die mit dem Opfer früher eine Affäre hatte, und ihren festen Freund Scott.

Mercer und sein Team befürchten, dass der so genannte „50/50-Killer“ wieder zugeschlagen hat, den sie vor zwei Jahren nie fassen konnten und der Mercers Partner ermordete. Der Killer mit der Teufelsmaske entführte Pärchen und zwang einen von beiden, sich unter Folter entweder für das eigene oder das Leben des Partners zu entscheiden. Nur wer den Partner aufgibt, hat eine Überlebenschance.

Vergeblich versucht die Polizei, die nächsten Opfer, Jodie und Scott, ausfindig zu machen – bis in der Nacht der schwerverletzte und verstörte Scott aufgegriffen wird. Offenbar wird seine Freundin in einer Waldhütte gefangen gehalten, während er freigelassen wurde. Mercer ist davon überzeugt, dass Jodie wie die anderen Opfer erst im Morgengrauen sterben wird, und organisiert einen Suchtrupp. Währenddessen bemüht sich Mark, von dem traumatisierten Scott so viele Informationen wie möglich zu erhalten. Die Zeit drängt …

Es ist nicht alles so, wie es scheint, könnte das Motto des Thrillers lauten, der von Beginn an Spannung verspricht und mit einer guten Idee aufwarten kann, auch wenn sich einige altbekannte Zutaten in ihm wiederfinden.

|Sympathische Hauptcharaktere|

Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt; einmal der alternde Detective John Mercer, der nach einer Pause wieder ins Polizeigeschehen einsteigt und sein altes Trauma überwinden muss. Daneben steht der junge Detective Mark Nelson, der sich gleich am ersten Tag mit seinen Vernehmungskenntnissen bewähren muss. Der Leser identifiziert sich vor allem mit Mark, der etwa die Hälfte des Buches über aus der Ich-Perspektive erzählt. Obwohl er eine sehr fundierte psychologische Ausbildung genossen hat und sich auf den Berufseinstieg freut, ist er verständlicherweise nervös. Vor Mercer empfindet er großen Respekt, ist aber auch etwas unsicher wegen dessen traumatischer Vergangenheit. Gegenüber dem Rest des Teams, das aus eingespielten Mitgliedern besteht, muss sich Mark ebenfalls erst noch als vertrauenswürdig erweisen.

Während man einen guten Einblick in Marks Gefühlswelt erhält, bleibt das Verhältnis zu John Mercer distanzierter. Der Tod seines früheren Kollegen Andy belastet ihn nach wie vor, seine Frau drängt ihn, sich zurückzunehmen, und sämtliche Mitarbeiter beobachten ihn auf Schritt und Tritt, um zu überprüfen, wie er den Belastungen gewachsen ist. Mercer erscheint als zerstreuter, aber willensstarker Detective, der seinen Spürsinn und seinen Biss auch durch die Zwangspause nicht verloren hat, und für den man hofft, dass er keinen erneuten Zusammenbruch erleidet.

|Spannung bis zum Schluss|

Von Beginn an entwickelt sich auf mehreren Ebenen eine Spannung, die bis zum Ende gehalten wird. In erster Linie geht es um die Frage, ob und wie der Mörder gefasst wird, welche Absichten hinter seinen Morden stecken und was ihn mit John Mercer verbindet, der nun schon zum zweiten Mal Jagd auf ihn macht. Auch ob seine aktuellen Opfer, Jodie und Scott, gerettet werden können, steht bis kurz vor Schluss in den Sternen. Unterstützt wird die Spannung durch den raschen Stil, der beinahe in Echtzeit die Ereignisse wiedergibt. Die Handlung spielt sich innerhalb zweier Tage ab, jedes Kapitel ist mit Uhrzeit und den verbleibenden Stunden bis zum Morgengrauen versehen, sodass man als Leser automatisch in den hektischen Sog, in dem die Ermittler stecken, mitgerissen wird.

Neben diesen thrillertechnischen Aspekten begleitet den Leser die Frage, welche Folgen dieser Fall auf John Mercer haben wird, der immer stärker am Rand eines neuen Zusammenbruchs zu stehen scheint. Etwa im letzten Viertel merkt der Leser auf drastische Weise, dass der Autor sich nicht davor scheut, grausame Täuschungen in die Handlung einzubauen und Leser wie Ermittler mit einer perfiden Wendung zu schocken. Definitiv ist dies keiner jener Thriller, bei denen man sich des glücklichen Ausgangs gewiss sein kann. Stattdessen erwartet den Leser hier ein Roman, der nicht davor zurückschreckt, die Handlung in böse Richtungen zu lenken und seinen Helden zu schaden.

|Ein paar Schwächen|

Trotz allem ist das Werk nicht frei von Makeln. Die Ausgangsidee, dass der Killer Pärchen fängt und gegeneinander ausspielt, ist sehr gelungen – auch wenn man ein ähnliches Konzept vom Kinofilm „Saw“ kennt -, wurde aber nicht ideal umgesetzt. Die meisten Morde sind alle in der Vergangenheit angesiedelt und liegen Jahre zurück. Man erfährt über sie nur, was Mark Nelson erzählt bekommt und in den Akten recherchiert, was zu Ungunsten der Intensität geht. Nur den aktuellen Mord um den Mann in der Badewanne und das Drama um das entführte Pärchen Jodie und Scott erlebt man mit, dabei hätte es dem Roman gut gestanden, den Killer in der Gegenwart noch ein, zwei weitere Morde begehen zu lassen, ehe man sich auf seine Fersen heftet.

Ein wenig dick aufgetragen wird bei Mark Nelsons Figur, der ebenfalls ein Trauma zu überwinden hat, nämlich den Schwimmtod seiner Verlobten vor wenigen Jahren. Damals konnte er sich aus der Strömung an Land retten, während seine Freundin ertrank. Die Parallele zu den überlebenden Opfern des 50/50-Killers, die darunter leiden, ihren Partner, wenn auch unter Folterqualen, aufgegeben zu haben, liegt auf der Hand und wirkt daher konstruiert. Beim Mörder dagegen wünscht man sich eine etwas ausgefeiltere Gestalt, etwas mehr Charisma. Gewöhnungsbedürftig, wenn auch nicht unbedingt negativ, sind die Perspektivenwechsel, denn abwechselnd wird in der Ich-Forum aus Marks Sicht der Dinge und aus der eines neutralen Erzählers geschrieben.

_Unterm Strich_ bleibt ein lesenswerter Serienmörder-Thriller mit überraschenden Wendungen und einer spannenden Handlung, die bis zum Schluss fesselt. Ein paar Schwächen verhindern, dass sich der Roman über soliden Durchschnitt hinausbewegt, dennoch empfiehlt er sich allen Freunden des Genres.

_Der Autor_ Steve Mosby wurde 1976 in Leeds/England geboren, ging dort zur Universität und schreibt bereits seit seiner Kindheit. Nach „The Third Person“ und „The Cutting Crew“ gelang ihm mit „Der 50/50-Killer“ der Durchbruch als Schriftsteller. Mehr über ihn auf seiner Homepage http://www.theleftroom.co.uk.

http://www.droemer.de