Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Hambly, Barbara / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Jagd der Vampire (Gruselkabinett 32+33)

|Titania Medien| versorgt seit einigen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Liebhaber des gepflegten Grusels mit Hörstoff. Die solide produzierte Hörspielreihe „Gruselkabinett“ widmete sich zunächst den Klassikern des Genres, wie z. B. Stokers „Dracula“ oder Stevensons [„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349, mittlerweile werden allerdings auch jüngere Romane vertont, wie im vorliegenden Fall von Barbara Hamblys „Jagd der Vampire“, ein vampirischer Detektivrroman in klassischer Anmutung aus dem Jahr 1988, der seinerzeit den |Locus Award| für den besten Horrorroman gewann und den Hambly 1995 in „Gefährten des Todes“ fortsetzte.

Barbara Hambly lässt ihren Vampirroman zu Beginn des 20. Jahrhunderts in London spielen. Protagonist ist Professor James Asher, graumeliert und distinguiert, jedoch mit einer illustren Vergangenheit. Bevor er es sich nämlich in der Behäbigkeit des englischen Universitätstrotts gemütlich gemacht hat, war er ein erfolgreicher Spion für die englische Krone. Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, doch soll Asher gleich zu Anfang des Hörspiels herausfinden, dass die Vergangenheit einen immer einholen wird. Als er nämlich von der Universität heimkehrt, findet er seine Frau und die Dienerschaft in einem künstlichen Schlaf vor. Dessen Urheber ist der Vampir Don Simon Ysidro, der Asher eben wegen seiner Erfahrung als Spion aufsucht.

Die Vampirgemeinschaft von London hat nämlich ein schwerwiegendes Problem: Bereits vier Vampire sind ums Leben gekommen, als tagsüber ihre Särge geöffnet wurden. Sie verbrannten oder wurden enthauptet. Da Vampire tagsüber praktisch bewusstlos und damit wehrlos sind, sieht sich Ysidro nicht in der Lage, den Mörder selbst zu finden. Und so zwingt er Asher dazu, ihm zu helfen, und droht damit, Ashers Frau Lydia zu töten, sollte dieser sich weigern.

Asher sieht also keine andere Möglichkeit, als sich auf Ysidros Angebot einzulassen. Und so bilden die beiden fortan an sehr ungleiches Paar, als sie versuchen, dem Vampirmörder auf die Spur zu kommen, während Ashers hochgebildete Frau Lydia ihre eigenen Untersuchungen anstellt, um Asher Hintergrundinformationen liefern zu können.

Hamblys „Jagd der Vampire“ ist weniger eine Vampir- als eine klassische Detektivgeschichte. Sicher, die Vampirmorde sind der Aufhänger für die detektivische Jagd und Hambly macht sich ihre eigenen, durchaus interessanten Gedanken zum Vampirmythos (so lässt sie die Pathologin Lydia eine Theorie aufstellen, nach der Vampirismus eine Krankheit, hervorgerufen von einem Virus, sein könnte), doch im Vordergrund der Geschichte stehen Asher, der Detektiv, und seine deduktive Suche nach dem Mörder der Vampire. Zwar ist dem ehemaligen Spion alles andere als wohl dabei, gerade einem Blutsauger zu helfen, doch hat er kaum eine Wahl. Und so heißt es, seine Skrupel und Zweifel zu schlucken und stattdessen kaltblütig und objektiv an das Problem heranzugehen. Darum muss Asher, ganz wie die Detektive in früheren Geschichten des Genres (also beispielsweise bei Doyle oder Poe), logisch vorgehen, Hinweise und Indizien prüfen und durch stetiges Vortasten schließlich auf die Spur des Übeltäters kommen.

Um auch die Fans des Horrorgenres zu bedienen, lässt Hambly ihre Protagonisten in den Pariser Katakomben umherwandern, schickt sie auf den stimmungsvollen Londoner Highgate-Friedhof oder lässt sie verkohlte Leichen inspizieren. Und natürlich wäre da noch Ysidro selbst zu erwähnen, der als ältester Vampir Londons eine durchaus beeindruckende und furchteinflößende Figur abgibt. Er und Asher bilden ein ungleiches Team, dessen Beziehung auf Abhängigkeit und Angst aufgebaut ist. Im Laufe der Handlung lernen beide Männer jedoch, den anderen zu schätzen und zu respektieren, auch wenn Asher nie so weit geht, dem Vampir tatsächlich zu vertrauen. Wie sich die Dynamik zwischen den beiden Charakteren verändert, ist einer der faszinierendsten Punkte der Erzählung und wird von Barbara Hambly meisterhaft vermittelt.

Wie immer hat sich |Titania Medien| für die Hörspielbearbeitung bekannte deutsche Stimmen ins Boot geholt. So wird James Asher von niemand Geringerem als Wolfgang Pampel gesprochen, der auch Harrison Ford seine Stimme leiht. Das gibt dem Hörspiel eine interessante Richtung, da es einfach unmöglich ist, Pampels Stimme zu lauschen, ohne das wettergegerbte Gesicht Indiana Jones‘ vor Augen zu haben. Ebenfalls ein Volltreffer ist Nicola Devico Mamone als Ysidro, dessen starker spanischer Akzent nicht nur nach altem Adel klingt, sondern der es auch schafft, Ysidro gefährlich und unberechenbar erscheinen zu lassen. Claudia Urbschat-Mingues als Lydia erweist sich dagegen als weniger glückliche Wahl. Die deutsche Stimme von Angelina Jolie sprüht geradezu vor Erotik, was dem kühlen Intellekt und der Kombinationsfähigkeit Lydias nicht unbedingt entgegenkommt.

Von diesem kleinen Kritikpunkt abgesehen, gibt es an „Jagd der Vampire“ absolut nichts auszusetzen. Das zwei CDs umfassende Hörspiel gibt sich viel Mühle, den Leser mit Hilfe der Geräuschkulisse an den Anfang des letzten Jahrhunderts zu versetzen, und ist damit mehr als erfolgreich. Die Straßen Londons, das nächtliche Paris, die Zugfahrten mit Ysidro – all das atmet den Geist der Jahrhundertwende, und das wird auch beim Hören mehr als deutlich.

Hamblys „Jagd der Vampire“ ist ein gefundenes Fressen sowohl für Fans von Vampirgeschichten als auch für Liebhaber von klassischer Detektivliteratur. Beides verknüpft die Autorin äußerst wirkungsvoll zu einem Roman weit jenseits der leidenden Vampire mit den traurigen Augen und stumpfen Zähne, die Anne Rice zuerst geprägt hat und die heutzutage große Teile des vampirischen Bücherregals bevölkern.

|Originaltitel: Those who hunt the Night, 1988
148 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13 der Doppel-CD-Ausgabe: 978-3785738238|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.luebbe-audio.de

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)
[„Der Glöckner von Notre-Dame“ 5399 (Gruselkabinett 28/29)
[„Der Vampir“ 5426 (Gruselkabinett 30)
[„Die Gespenster-Rikscha“ 5505 (Gruselkabinett 31)
[„Jagd der Vampire. Teil 1 von 2“ 5730 (Gruselkabinett 32)
[„Jagd der Vampire. Teil 2 von 2“ 5752 (Gruselkabinett 33)
[„Die obere Koje“ 5804 (Gruselkabinett 34)
[„Das Schloss des weißen Lindwurms“ 5807 (Gruselkabinett 35)

Patterson, James – 7 Sünden, Die

Der Alptraum der Eltern ist das spurlose Verschwinden des eigenen Kindes. Das Warten, Hoffen und Bangen, die auszustehenden Ängste sind nicht in Worte zu fassen, und viele warten tage- oder wochenlang, manchmal gar Jahre auf ein Lebenszeichen oder die Gewissheit, dass das Kind inzwischen den Tod gefunden hat. Das Leben danach oder mit diesem Zustand der Schwebe wird niemals wieder wie zuvor sein.

Vielleicht konnte man sich nicht verabschieden, vielleicht endeten die letzten Worte, die man gewechselt hatte, in einem Streit? Wie vielen anonyme Hinweisen, Spuren und Vermutungen kann man noch nachgehen und wann stellt sich die Ernüchterung ein? Mit welcher Energie ermitteln dabei die polizeilichen Behörden? Denn nicht selten sind es eher die Eltern, die sich hartnäckiger und ausdauernder auf die Suche nach einer (Er)Lösung begeben.

James Patterson und sein „Women’s Murder Club“ um die Ermittlerin Lindsay Boxer betreten wieder einmal die kriminalistische Bühne und sehen sich der Herausforderung gestellt, gleich zwei Fälle zu lösen.

_Inhalt_

Es ist drei Monate her, dass der herzkranke Sohn des kalifornischen Gouverneurs verschwunden ist. Michael Campion, ein hochintelligenter, aber dem Tode geweihter junger Mann, ist unauffindbar. Es gab keine Lösegeldforderung, genauso wenig wie einen Abschiedsbriefoder oder ein anschließendes Lebenszeichen.

Die Akte ist noch nicht geschlossen worden, aber alle gehen vom Schlimmsten aus. Wurde Michael entführt und ist in seiner Geiselhaft verstorben, wurde die Leiche beseitigt und haben die oder der Täter dem sonnigen Bundesstaat den Rücken gekehrt? Die Menschen in San Francisco trauerten um den Sohn der beliebten und berühmten Familie, doch nun, nach drei Monaten, geht das Leben weiter.

Bis zu dem Tag, an dem ein anonymer Anruf eingeht, der zwar nicht zurückverfolgbar, aber die erste wirklich heiße Spur ist. Michael soll an dem Tag seines Verschwindens die junge Prostituierte Junie Moon aufgesucht haben, und zwar direkt bei ihr zu Hause.

Detective Lindsay Boxer und ihr Partner Richard Cronklin suchen die junge Frau auf, und nach einem kurzen Gespräch wird dem Duo klar, dass Junie etwas weiß. Beim anschließenden Verhör auf dem Präsidium bricht die junge Frau zusammen und gesteht zwar, Michael nicht vorsätzlich getötet, aber die Leiche zusammen mit einem Freund entsorgt zu haben.

Die Spurensicherung findet in dem Haus, in dem Michael gestorben sein soll, keine Hinweise auf ein Verbrechen, keine Spuren weisen darauf hin, dass Michael in kleine Stücke gehackt und in Mülltüten weggeschafft wurde. Aufgrund ihres eindeutigen Geständnisses wird Junie trotzdem des Mordes angeklagt, und sie wird sich dem Gericht und der Jury stellen müssen.

Lindsays Freundin Yuki Castellano übernimmt als Bezirksstaatsanwältin die Rolle des Anklägers, als Junie ihr Geständnis widerruft. So hat sich das die junge Staatsanwältin nicht vorgestellt: dass der so eindeutige Fall zu einem Indizienprozess mutiert. Aufgrund des prominenten Opfers wird der Prozess zu einem Medienereignis und vielleicht zum größten Fehler ihrer Karriere. Und er wird sie in tödliche Gefahr bringen …

Zeitgleich geschieht in San Francisco eine Reihe von brutalen Serienmorden. Einfamilienhäuser brennen lichterloh und ihre wohlhabenden Besitzer sterben qualvoll in den lodernden Flammen. Die Täter gehen äußerst brutal und rücksichtslos vor; und schlimmer noch, sie hinterlassen nur Spuren, die auch gefunden werden sollen. Als Lindsay nur durch Zufall einem Anschlag entgeht und ihre Wohnung abbrennt, nimmt die Gefahr für sie sehr persönliche Ausmaße an …

_Kritik_

„Die 7 Sünden“ von James Patterson ist der siebte Fall für Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“. Dieser Thriller ist rasant, brutal und voll feuriger Hochspannung im doppelten Sinne. Der Autor erzählt seine Geschichte aus der Perspektive seiner Protagonistin Lindsay Boxer und parallel aus jener der Feuerteufel. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende unabhängig von einander und greifen nicht unmittelbar ineinander.

Die Kapitel sind sehr kurz gehalten, was Abwechslung verspricht und sich aufs Wesentliche konzentriert. James Pattersons Stil ist fast schneller als seine Handlung und dem Leser wird nicht viel Zeit zum Luftholen gelassen.

Für Überraschungen und Wendungen ist gesorgt, nicht nur zum Ende hin, sondern gerade das Verschwinden von Michael Campion und der sich anschließende Indizienprozess sind fulminant erzählt und gespickt mit zahlreichen Aha-Effekten. Dieser Part gehört aber hauptsächlich nicht zu Lindsay Boxer, sondern hier gehört die Bühne ihrer Freundin, der Staatsanwältin Yuki Castellano, die zwischen die Mühlsteine von Beruf und Privatleben gerät – und die mahlen bekanntlich sehr gründlich.

Jede einzelne Situation des Romans ist spannend geschildert. Viel Platz für Nebenhandlungen gibt es nicht: Rädchen greift in Rädchen und ergibt so ein sehr komplexes Ergebnis, das in sich logisch und nicht verworren aufgebaut ist. Der Leser verfolgt in kurzen Leseabschnitten jeweils die Ermittlungen von Boxer und Cronklin oder die Verbrechen der Raubmörder und Feuerteufel.

James Patterson lässt seine Protagonisten nicht viel von sich selbst erzählen, nur bruchstückhaft tritt Vergangenes zutage, das vielleicht für die zentrale Handlung nicht weiter von Interesse ist, für Leser, die andere Bücher um den „Women’s Murder Club“ noch nicht kennen, jedoch um so mehr. Lindsay Boxer zum Beispiel, die selbstbewusste Ermittlerin, steht zwischen zwei Männern, die sie verehren, und auch wenn sie es sich selbst nicht eingestehen möchte: Da geht noch was, fragt sich nur, in welche Richtung.

Das Quartett des „Women’s Murder Club“, wie sich die Damen selbst bezeichnen, besteht aus Lindsay Boxer, der Staatsanwältin Yuki Castellano, der inzwischen hochschwangeren Pathologin Claire Washburn und der Reporterin Cindy Thomas. Letztere spielt nur eine kleine Nebenrolle, und auch Claires Rolle ist knapp gehalten, aber als Pathologin gibt sie doch den einen oder anderen Hinweis, der wichtig sein könnte.

_Fazit_

„Die 7 Sünden“ ist ein hochspannender Pageturner, der keine erzählerischen Längen aufweist. Das feurige Tempo und die beständigen Überraschungen wecken das Interesse des Lesers, mehr vom „Mordsklub der Frauen“ zu erfahren.

Dies ist einer der besten und schnellsten Thriller, die ich bisher gelesen habe. Allerbeste Unterhaltung wird geboten, kurz und knapp auf das Wesentliche konzentriert: interessante Charaktere, Mörder, die teuflisch schlau agieren, und eine unschuldig schuldige Prostituiere mit mehr Schein als Sein in ihrer Wesensart.

„Die 7 Sünden“ kann man unabhängig von den anderen Romanen dieser Reihe lesen, doch eine Warnung als Randnotiz – dieses Buch macht süchtig nach mehr. Ein Thriller, den man gelesen haben muss.

_Der Autor_

James Patterson, geboren 1949, war Kreativdirektor bei einer großen amerikanischen Werbeagentur. Seine Thriller um den Kriminalpsychologen Alex Cross machten ihn zu einem der erfolgreichsten Bestsellerautoren der Welt. Inzwischen feiert er auch mit seiner neuen packenden Thrillerserie um Inspector Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ internationale Bestsellererfolge. James Patterson lebt mit seiner Familie in Palm Beach und Westchester, N.Y.

Weitere Informationen finden auf http://www.jamespatterson.com.

|Originaltitel: 7th Heaven
Originalverlag: Little, Brown and Co., New York 2008
Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-8090-2550-4|
http://www.limes-verlag.de

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Dead“ 5703
[„Blood“ 4835
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Der 1. Mord“ 5247
[„Die 5. Plage“ 5376
[„Die 6. Geisel“ 5412
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47

Nomus, Jacob – Amarna-Grab, Das

Der deutsche Newcomer Jacob Nomus hatte sich seit 2003 bis dato dem Verfassen von Kurzgeschichten und -erzählungen gewidmet. Diese finden sich gesammelt in „Geschichten aus dem dritten Jahrtausend“. Seit Juni 2009 steht nun sein Roman-Erstling in den Regalen, der den Leser – der Titel lässt es deutlich werden – buchstäblich in die Wüste schickt. Ein Folgeprojekt mit dem Titel „Schuld“ steht ebenfalls in den Startlöchern und soll – laut Presseinfo des herausgebenden Kölner |Alea|-Verlags – spätestens 2011 veröffentlicht werden. Bis dahin fließt sicher noch so einiges Wasser den Nil herunter und es bleibt sicherlich auch mehr als genügend Zeit, um sich zuvor eingehend mit „Das Amarna-Grab“ zu beschäftigen.

_Zur Story_

Kairo, 2011: Der Fund zweier weiblicher Mumien im Tal der Könige elektrisiert den renommierten Ägyptologen Paul Starck. Beide stammen offenbar aus der 18. Dynastie und zudem aus dem Dunstkreis des Ketzerpharaos Echnaton, der nicht nur unter mysteriösen Umständen verschwand, sondern gleichwohl von seinen Nachfolgern regelrecht aus der Geschichte Ägyptens getilgt werden sollte. Die Autopsie nach allen Regeln der modernen archäologischen Kunst ergibt Entsetzliches: Die jüngere der beiden Frauen dort auf seinem Seziertisch war noch nicht tot, als die Mumifizierer sie für die Ewigkeit präparierten. Und ist die zweite Leiche eventuell sogar Echnatons sagenumwobene Ehefrau Nofretete? Ein DNA-Test soll Klarheit bringen. Doch der ist aufwändig und benötigt Zeit. Währenddessen wird, verborgen unter einer abgelegenen Tempelanlage, eine nicht minder faszinierende Entdeckung gemacht.

In Jerusalem des Jahres 33 schmieden drei Verschwörer ein ausgeklügeltes und höchst perfides Komplott gegen einen gewissen Yehosua, auf dass dieser mit sprichwörtlich tödlicher Sicherheit ans Kreuz geschlagen werde. Es kristallisiert sich sehr schnell heraus, dass es sich um niemand Geringeren als Jesus handeln kann. Nichts wird dem Zufall überlassen, alle Aspekte des Verrats, der Verhaftung, der Verurteilung durch den Hohen Rat sowie der römischen Jurisdiktion – sprich: Pontius Pilatus – und sogar scheinbar unwichtige Details der Kreuzigung werden beinahe minutiös geplant. Selbst der genaue Zeitpunkt scheint extrem wichtig zu sein: Die Hinrichtung des Messias muss am Vortag des jüdischen Passah-Festes zur Mittagszeit auf dem Berg Golgatha stattfinden. Noch erstaunlicher ist, dass die Verschwörer ganz offensichtlich zum intimsten Freundeskreis Jesu gehören und ihr Tun ihnen zutiefst widerstrebt.

Mordgedanken dürften auch in Ägypten um 1400 v. Chr umgegangen sein. Zumindest bei den vergrätzten Amun-Priestern in der Reichshauptstadt Memphis: Pharao Amenhotep IV. treibt die schleichende Unterminierung des althergebrachten Pantheons seitens seines Vaters auf die Spitze und erklärt nach seiner Machtübernahme den Gott Aton zum einzigen Gott. Damit ist er der erste bekannte Herrscher, der den Monotheismus zur Staatsreligion ausruft. Einer Vision folgend, lässt der nun unter dem Namen Echnaton regierende König die Stadt Achet-Aton aus dem Boden stampfen und verlegt seinen Lebensmittelpunkt sowie den Regierungssitz dorthin. Einst schloss der nach Unsterblichkeit Trachtende einen geheimnisvollen Pakt mit dem Gelehrten Aaron, welcher ihm die Söhne Semenchkare und Tutenchaton beschert, wiewohl seine Gattin Nofretete scheinbar nur Mädchen gebären kann. Im Gegenzug soll das Volk Israels aus der ägyptischen Knechtschaft entlassen werden.

_Eindrücke_

Die Verquickung von Fakten und Fiktion ist stets eine heikle Gratwanderung. Das Schlüsselwort lautet hier: Authentizität. Wenn man es also richtig machen will, gehört zu solch einem Projekt jede Menge Recherchearbeit und natürlich die Fähigkeit, deren Ergebnisse in die Erzählung einfließen zu lassen. Auch Leser ohne den entsprechenden Background sollen schließlich davon angesprochen und mitgerissen werden. Und allzu theoretisch-dröge darf’s logischerweise auch nicht zugehen, was insbesondere beim komplexen und vielschichtigen Thema Echnaton in besonderem Maße knifflig ist. Seine Person, ja eigentlich die gesamte Familie umgibt bereits von der eher konservativen Lehrmeinung vertretenen Sachlage her eine höchst mysteriöse, geheimnisvolle und somit interessante Aura. Zu den historisch belegbaren Umständen kommen die Spekulationen aus der grenz- bzw. populärwissenschaftlichen Ecke.

Und gerade mit denen spielt Jacob Nomus ganz besonders geschickt, wobei er sich unter anderem einige (oft kontrovers umstrittene) Thesen zunutze macht und sie schlüssig wie spannend in seinen Roman einpasst – ohne zu dick aufzutragen. Etwa die gelegentlich postulierte,aber nie bewiesene Querverbindung von Echnaton zu Moses‘ späterem Exodus präsentiert sich hier in Form des Paktes zwischen dem Pharao und dem Israeliten Aaron. Das sumerische Gilgamesch-Epos wird ebenso verwurstet wie Teile der Gralslehre bzw. apokryphes Gedankengut, das etwa Templern, Rosenkreuzern, Freimaurern oder der Prieuré de Sion nachgesagt wird. Insbesondere die Genetik – oder besser gesagt: die Genealogie – spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Eine wahre Spielwiese speziell für Kenner der Werke Hancocks/Bauvals, Baigents, Lincolns, Leighs oder auch Sitchins. Und obwohl diese Versatzstücke offiziell ins Reich der Fiktion gehören, würden diese Herren ob der einfallsreichen Kombination der Elemente vermutlich applaudieren.

Stilistisch gesehen bestünde hier und da noch ein wenig Verbesserungsbedarf, was verständlicherweise jedoch stark von persönlichen Präferenzen abhängt. Das betrifft einerseits das vergleichsweise trockene Dozieren über historische Fakten, was sicherlich sinnvoll für eine unbeschlagene Leserschaft ist, andererseits dem Tempus zuweilen geringfügig schadet. Gleiches gilt zum Teil für das Verständnis nicht unbedingt notwendiger Nebenhandlungen aus der Gründerzeit Achet-Atons. Diese illustrieren zwar – quasi als Ausgleich etwas anrührig – persönliche Tragödien des einfachen Volks und sollen wohl vordergründig die Eindringtiefe verbessern, sind aber dem Vorankommen der Story eigentlich nicht dienlich. Dann wäre da noch die etwas flache Figurenzeichnung. Insbesondere die neuzeitlichen Hauptfiguren Starck und Velikovsky bleiben insgesamt ziemlich blass. Dafür sind die historischen besser getroffen – sprich: lebendiger.

Allenfalls penible Besserwisser werden zudem noch fingerwedelnd anmerken, dass Echnatons Geburtsname „Amenophis“ in deutschen Publikationen sicher gebräuchlicher ist als der hier verwendete „Amenhotep“ – beides meint aber das Gleiche und ist richtig. Die Strukturierung in drei autonome Handlungsstränge mit jeweils eigenem Abschluss, welche zusammengenommen dann ein viertes, größeres Bild ergeben, ist gut gewählt und spannt den Leser erwartungs- und wohl auch wunschgemäß auf die Folter. Zumindest denjenigen, der thematisch unvorbelastet herangeht – wer mit der Materie vertraut ist, ahnt schon recht früh wenigstens die ungefähre Richtung, in welche die Reise aus den unterschiedlichen Epochen gehen wird. Wenngleich Jacob Nomus auch für diesen Kreis noch die eine oder andere Überraschung aus dem Grabmal zaubert. Nach fulminantem Start und ruhigerem Mittelteil zieht das Tempo in Richtung Showdown noch einmal ordentlich an und endet in einem würdigen – und vor allem: plausiblen – Finale.

_Fazit_

Nicht nur Freunden des historischen Thrillers wird das außergewöhnliche und unterhaltsame Puzzle gefallen, wobei eine gewisse Affinität zu Ägypten und grenzwissenschaftlichen Theorien zusätzlich spaßverstärkend wirkt. Vorkenntnisse sind aber keinesfalls Pflicht. So fiktiv, oder sagen wir einmal abwegig ist dieses gesamte, doch recht pfiffig ausgeklügelte Gedankenspiel aus Fakt und Fantasie bei genauerer Betrachtung auch gar nicht. Wirklich handfeste Kritikpunkte gibt es eigentlich keine und die Kleinigkeiten, die sich dennoch vielleicht an mancher Stelle zeigen, fallen ausnahmslos unter die Rubrik „individueller Geschmack“ – und über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten. „Das Amarna-Grab“ ist der erneute Beweis dafür, dass lesenswerte Lektüre auch in Deutschland entsteht: eine Lese-Empfehlung meinerseits.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Jacob Nomus: Das Amarna-Grab
Alea Verlag, Köln, Juni 2009
Genre: Historischer Thriller / Drama
ISBN 10: 3-0002-8020-0
ISBN 13: 978-300028020-7
358 Seiten, Broschur
Preis: 15,90 €

Ken Bruen/Jason Starr – Crack

Ein selbst ernannter Dealer-König und eine schöne aber stets in Schwierigkeiten steckende Frau entfesseln in New York einen Krieg zwischen der Drogenmafia, der irischen IRA, der Polizei und diversen Psychopathen … – Hart an der Grenze zur Parodie pfeift dieser Trash-Krimi auf Moral oder Logik und setzt eine Kettenreaktion absurder und gewaltreicher Zufälle in Gang: witzig in Handlung und Stil, aber nichts für nervenschwache Gemüter.
Ken Bruen/Jason Starr – Crack weiterlesen

Victor Gunn – Auf eigene Faust

Gunn Faust Cover 1982 kleinDer bizarre Mord an einer Tante wird nur durch den gefährlichen Alleingang eines hartnäckigen Ermittlers als Element einer perfiden Verschwörung entlarvt – falls der Täter nicht schneller als sein Verfolger ist … – Der vierte Teil der lang laufenden Serie zeigt einen noch deutlich aktiveren Bill Cromwell in einem kuriosen Fall, der sich so zeitlos und ohne Bezug zur realen Gegenwart nur im englischen Kriminalroman ereignen kann: altmodisch aber nostalgisch unterhaltsam.
Victor Gunn – Auf eigene Faust weiterlesen

R. Austin Freeman – Der steinerne Affe

freeman-affe-cover-kleinEin scheinbar perfektes Verbrechen ruft den genialen Kriminologen Dr. Thorndyke auf den Plan; aus einem Häuflein arsengetränkter Menschenasche rekonstruiert er ein meisterhaftes Mordkomplott, das vor vielen Monaten eingefädelt wurde … – Routiniert und ein wenig altmodisch mischt Autor Freeman den klassischen „Whodunit“ mit einem „Howdunit“. Am Ende des unterhaltsamen, aber recht statischen und mit blass gezeichneten Figuren besetzten Krimis sind alle Fragen zufriedenstellend geklärt.
R. Austin Freeman – Der steinerne Affe weiterlesen

Preston, Douglas – Credo – Das letzte Geheimnis

Religion und Wissenschaft – können beide Bereiche miteinander oder zumindest reibungsfrei nebeneinander existieren? Wie interpretiert die Wissenschaft die Schöpfungsgeschichte? Wie oder was könnte Gott sein? Ein Energiefeld, eine Wesenheit, die wir noch nicht begriffen haben? Fragen über Fragen, die man bislang entweder mit Fakten der Wissenschaft oder seinem Glauben beantworten kann. Physik, Quantenphysik, Genetik, Relativitätstheorie mit den Gesetzen von Raum und Zeit – haben Gott und der eigentlich unbeweisbare Glaube an ihn und sein Wirken einen Platz neben diesen weltlichen Wissenschaften?

Douglas Preston hat in seinem Roman „Credo – Das letzte Geheimnis“ Gott und der Wissenschaft eine breite Bühne gegeben. Was würde passieren, wenn man die Möglichkeit gefunden hätte, mit „Gott“ zu kommunizieren? Würden dies Gläubige des Christentums und anderer Religionen hinnehmen oder ablehnend anzweifeln?

_Inhalt_

Der amerikanische Senat hat 40 Milliarden Dollar für ein Experiment genehmigt: Ein kleiner Kreis von hochtalentierten Physikern und Wissenschaftlern arbeitet hierfür an einem Teilchenbeschleuniger. Bei diesem Projekt soll der „Urknall“ erforscht und nachgebildet werden. Damit hätte man eine neuartige Energiequelle entdeckt, die alle bisherigen weit in den Schatten stellt. Die Leitung des Projekts hat der Nobelpreisträger Hazelius, der sich selbst als einer der schlauesten Köpfe der Welt sieht.

Die Zeit drängt und der Teilchenbeschleuniger „Isabella“ sowie die Wissenschaftler arbeiten fieberhaft an dem Projekt, denn die Regierung verlangt ungeduldig Ergebnisse. Doch aus der Wüste inmitten eines ehemaligen Indianergebietes unterrichtet man die Geldgeber eher sporadisch und verschlossen.

Doch damit gibt man sich nicht zufrieden und beauftragt den ehemaligen CIA-Agenten Wyman Ford damit, sich in das Team einzuschleusen, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen – unter dem Deckmantel eines offiziellen Kontaktmannes zu den Navajos, auf deren Land das Forschungsgelände errichtet wurde. Die Navajos sind mit dem Handel, den sie mit der Regierung vereinbart haben, nicht zufrieden und auch der Lobbyist Craven, dessen Idee dieser Handel war, ist alles andere glücklich.

„Isabella“ und das Projektteam sind schon länger ein umstrittenes Thema in den Medien. Einige Stimmen sprechen von Blasphemie, da man die biblische Schöpfungsgeschichte nachahmen will, und schon treten viele christliche und erzkonservative Kreise auf den Plan, die das Ende des Projektes fordern.

Auch ein bekannter Fernsehprediger, der nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen nun die Chance auf Reichtum, Ansehen und Macht sieht, stachelt die Mengen mit seinen öffentlichen Reden gegen das Projekt „Isabella“ auf, das Gott simulieren will.

Wyman Fords Exfreundin, die er seit knapp zehn Jahren nicht mehr gesehen hat und die ebenfalls Teil des Forschungsteam ist, weiht Ford in die etwas komplizierten und komplexen Schwierigkeiten ein: „Isabella“ hat Kontakt mit einer offensichtlich übermenschlichen Intelligenz aufgenommen. Alle Versuche, den Kontakt zu lokalisieren, schlagen fehl. Noch immer erscheint eine Begrüßung auf dem Bildschirm und sie bezeichnet sich selbst als Gott, nicht irgendeine Wesenheit, sondern wirklich als der einzig wahre Gott. Im Dialog mit den Wissenschaftlern fordert „Gott“, von den alten Glaubensgrundsätzen abzurücken und die Naturwissenschaften als einzige Religion anzuerkennen.

Ford kann nicht verhindern, dass diese Botschaft durch Zufall nach außen dringt. Eine Welle der Entrüstung wogt durch die Medien, und auch der Fernsehprediger, der sich jetzt als Werkzeug und Waffe Gottes sieht, provoziert und hetzt die Menge zu einem wütenden und bewaffneten Mob auf, dessen Ziel die Zerstörung von „Isabella“ und dem Projekt-Schöpfer ist. Doch auch die Regierung sieht sich durch die Medien gezwungen, vor Ort nachzusehen, was in der Wüste vorgeht. Die Lage wird schnell dramatisch und droht zu eskalieren, als „Gott“ vom Ende der Welt spricht …

_Kritik_

Die Idee, „Gott“ als Protagonisten sprechen zu lassen, ist interessant und mal etwas anderes, sie schürt jedenfalls die Neugierde auf diesen Roman. Der Autor Douglas Preston, der alleine und zusammen mit seinem Kollegen Lincoln Child schon etliche wissenschaftliche Thriller verfasst hat, erzählt „Credo“ recht flüssig, aber ohne wirklich aufkommende Spannung. Die Protagonisten werden zu gemächlich eingeführt, und die unterschiedlichen Handlungsstränge wirken jeder für sich inhaltlich nicht nachhaltig interessant.

Die Dialoge mit „Gott“ wird sich der Leser anders vorgestellt haben. Man kann die Stimme und die Worte als seelenlos bezeichnen, wenn sie von Wissenschaft und Glaube spricht, aber einfühlsam, verständnisvoll und tiefsinnig ist die Unterhaltung keineswegs. Dieser Gott ist eher von Egoismus geprägt und seine Theorien und Forderungen entsprechen purem Pragmatismus. Empfindungen wie Liebe und Gefühl scheinen nicht im Wortschatz vorhanden zu sein.

Ford steht dabei bis fast zum Ende hin als blasser Beobachter am Rande des Geschehens und verhält sich recht passiv, erst am Ende nimmt er in der Handlung viel mehr Raum ein. Einzig und allein der Leiter des Projekts, Dr. Hazelius, umgibt sich in der Geschichte mit einem gewissen Charisma. Sein überlegener Intellekt verleiht ihm dabei etwas Würdevolles und Mystisches. Sein Leben, Denken und Handeln werden durchgehend durch die Wissenschaft beeinflusst und gelenkt. Seine Religion steht nicht in der Heiligen Schrift, sondern findet in Labors und Forschungseinrichtungen statt.

Der verblendete und sehr radikale Fernsehprediger ist ein klassischer Verlierertyp. Immer pleite und von seinen erlebten und gelebten Schicksalsschlägen auch körperlich gezeichnet, sucht er nach einer Aufgabe, die seinem Leben Sinn und vor allem Halt gibt. Doch Mitleid empfindet man als Leser wenig bis gar nicht; trotz einiger Niederlagen im Leben sollte man in der Lage sein, relativ klar denken zu können und auch Gottes Zehn Gebote nicht als „Leitfaden“ oder „Gebrauchsanweisung“ für möglichst wenige Sünden zu verstehen. Dass er radikale Jünger um sich schart und Gewalt in solchen Ausmaßen predigt, ist zwar nicht unrealistisch, aber dass er damit derart deutlich Gehör findet, halte ich doch für stark übertrieben.

„Credo – Das letzte Geheimnis“ wendet sich an die Religionen und an die Wissenschaft zugleich. Verschiedene Theorien werden hier vertreten. Einige Stimmen meinen, die Religion schließe die Naturgesetze und deren Wissenschaft nicht aus, denn schließlich hat Gott diese erst ermöglicht, wogegen andere schnell von Blasphemie sprechen, wenn die Wissenschaft neue Wege mit moderner Technik beschreiten möchte. Douglas Preston hat dies wirklich gut in Worte gefasst und seine Stellung weder pro noch kontra ausgearbeitet.

Dass Religion auf Menschen verführerisch und aufrührerisch wirken kann und deren Botschaften manipulierend interpretiert werden, wissen wir nicht erst seit heute. Doch die Gefahr dessen wird uns meistens erst dann bewusst, wenn es zu spät für einen friedlichen Weg ist; so auch in „Credo“, als die Spirale der Gewalt sich nach außen und innen einen Weg bahnt und ein Schlachtfeld der Verwüstung hinterlässt. Auch hier hat Douglas Preston in seinem Roman hingewiesen.

Doch auch die Risiken der Wissenschaft werden hier nicht außen vor gelassen. Was bringt uns die Wissenschaft, wenn wir dabei vergessen, was es heißt, menschlich zu handeln und Verantwortung nicht nur für uns selbst zu tragen? Wissenschaft besteht meistens aus Fakten und Beweisen, doch auch manche Theorien lassen sich (noch) nicht beweisen oder widerlegen. Auch der Wissenschafter ist in dieser Hinsicht ein gläubiger Mensch, und nicht selten zeigt sich in der Wissenschaft ein Phänomen, dass man zunächst nicht erklären kann, nur akzeptieren.

Douglas Preston erzählt seine Geschichte etwas zäh und langatmig. Spannung und Überraschungen kommen selten auf, so dass der Leser sich von einem Kapitel zum anderen hangelt, in der Hoffnung darauf, „Gott“ zu begegnen, der sich aber wirklich viel Zeit lässt und wenig präsent auftritt. Ebenso gestaltet sich Fords Suche nach der Wahrheit innerhalb des Projektes, die manchmal doch recht langweilig wirkt. Von einem Ermittler erwartet man schließlich etwas mehr Aktivität, die man hier aber kaum findet. Preston verfängt sich entweder in der Wissenschaft oder in der Religion, beides miteinander kombiniert präsentiert sich nur in einer Eskalation, aber wirklich diskutiert oder tiefsinnig ausgeformt wird die Grundidee leider nie.

_Fazit_

„Credo – Das letzte Geheimnis“ ist ein durchschnittlicher Roman des Bestseller-Autors Douglas Preston. Dieser Roman gehört zu seinen schwächeren und weiß nicht so recht zu überzeugen. Ich hatte den Eindruck, dass sich der Autor auch so manches Mal selbst verloren gefühlt haben mag und nicht wusste, in welche Richtung sich das Experiment um Isabella und Gottes Anwesenheit wenden soll. Bis zum Ende wirkt der Roman unspektakulär, zwar mit einer recht interessanten Theorie unterfüttert, aber nicht konsequent durchdacht.

|Originaltitel: Blasphemy
Aus dem Amerikanischen von Katharina Volk
586 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-19798-1|
http://www.droemer-knaur.de
http://www.prestonchild.de
http://www.prestonchild.com

_Douglas Preston auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Canyon“ 4243
[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 4124 (Hörbuch)
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 2193 (Hörbuch)
[„Das Patent“ 701
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71

Mo Hayder – Ritualmord [Jack Caffery 3]

In der englischen Hafenstadt Bristol werden Leichenteile gefunden, die aus einem organisierten Handel mit Zauber-Fetischen stammen. Zwei Polizisten müssen mit Hochdruck ermitteln, bevor ein neues Opfer ‚verarbeitet‘ wird … – Der dritte Band um den psychisch labilen Polizisten Jack Caffery beeindruckt erneut durch blutige, groteske und die Grenze zum Horror nicht nur streifende Szenen, lässt aber die Intensität der ersten beiden Romane vermissen: solides Krimi-Handwerk mit einer wirren und durch unnötige Abschweifungen beeinträchtigten Handlung.
Mo Hayder – Ritualmord [Jack Caffery 3] weiterlesen

Mørk/Moerk, Christian – Darling Jim

_Das geschieht:_

In dem kleinen irischen Städtchen Melahide bei Dublin wird ein bizarres Mordrätsel zwar offenbart aber nicht gelöst: Moira Walsh, die vor einigen Monaten zuzog, hat in zwei Zimmern eines zum Privatgefängnis ausgebauten Hauses ihre Nichten Fiona und Roisin nicht nur festgehalten, sondern durch Essensentzug und Rattengift langsam und qualvoll sterben lassen. In einem letzten Kraftakt griff Fiona die irre Tante an und brachte sie um, konnte sich und ihre Schwester aber nicht mehr befreien.

Der erfolglose Jung-Postbote Niall Cleary stößt beim Sichten der eingehenden Paketsendungen auf ein Tagebuch, das Fiona in den letzten Tagen ihrer Kerkerhaft verfasste. Ihm entnimmt er, dass Aoife, eine dritte Schwester, in die Gewalt der Tante geraten war, aber flüchten konnte. Seitdem ist sie verschwunden.

Auch Roisin hat ein Tagebuch geschrieben, das Niall an sich bringen kann. Diese Aufzeichnungen enthüllen die Geschichte von „Darling Jim“ Quick, den die Walsh-Schwestern drei Jahre zuvor in ihrer Heimatstadt Castletownbere kennengelernt hatten. Mit ihnen allen sowie mit der Tante hatte der charmante junge Mann angebändelt und die Familie gegeneinander aufgehetzt, denn Jim war ein bösartiger Psychopath. Außerdem war er ein brutaler Raub- und Serienmörder, der mit enormem Geschick alle Indizien verschwinden ließ.

Nachdem er auch die Schwestern immer heftiger attackierte, beschlossen die in ihrer Not, den Peiniger zu ermorden. Doch Jim hatte dies vorausgesehen und einen neuen Plan geschmiedet, der seinen Tod einkalkulierte und die Walsh-Frauen in den endgültigen Untergang treiben sollte …

_Eine irische, aber irdische Krimi-Tragödie_

Irland … grünes Land der Trolle und der IRA, bewohnt von rothaarigen Schönheiten und trinkfesten Geschichtenerzählern. Klischee reiht sich an Klischee, eine Kette, die schier unzerreißbar ist. Weshalb Christian Mørk es gar nicht erst versucht, sondern sich ihrer erfindungsreich bedient, ihren Unterhaltungswert nutzt und sie ansonsten der verdienten Lächerlichkeit preisgibt.

Denn selbstverständlich ist auch Irland im 21. Jahrhundert angekommen. Was der Urlauber, der das Land wieder verlassen kann, als Idylle schätzt, ist für die Einwohner, die bleiben müssen, nicht selten eine Sackgasse. Noch schlimmer ist es für jene, die das Stigma des Außenseiters tragen. Kleine Dörfer können Brutstätten großer Vorurteile sein. Die Walsh-Schwestern steckten schon in Schwierigkeiten, bevor Darling Jim die Szene betrat.

Er ist vor allem der Katalysator für eine Kettenreaktion, die sich über drei Jahre hinzieht und auch nach Jims Ende alle zu vernichten droht, die es zu lösen versuchen. Darling Jim ist ein infernalisch erfindungsreicher Zerstörer von Menschen. Er ist ein Rätsel, sein Verhalten bleibt unberechenbar. Nicht einmal der eigene Tod kann ihn abhalten, sein verwickeltes Spiel zu spielen. Es zu entschlüsseln, bleibt einer Figur vorbehalten, die denkbar ungeeignet scheint.

_Irrungen, Wirrungen, Irritationen …_

Niall Cleary ist alles andere als der Ritter, zu dem er sich dennoch entwickelt. Er hat kein eigenes Leben, das mit der Tragödie mithalten kann, in die er verwickelt wird und in die er sich willig ziehen lässt. Niall allein gelangt in den Besitz jener Details, die ihn das Rätsel lassen. Autor Mørk lässt sie uns Leser gleichzeitig mit Niall entdecken. Er verzichtet dabei auf eine stringente Handlung, sondern lässt sie in Episoden zerfallen, die wir gemeinsam mit Niall zum Gesamtbild zusammensetzen. Fionas und Roisins Tagebuchaufzeichnungen bilden die Klammer. Die Entdeckung der einen und die Suche nach der anderen beschreibt der Mittelteil, der gleichzeitig Nialls Auftritt markiert. Es endet mit jenem Teil der Geschichte, der selbst den Walsh-Schwestern unbekannt war und den erst der hartnäckige Niall aufdecken kann.

Bis es soweit ist, führt uns Mørk immer wieder aufs Glatteis. Nach dem ersten Drittel meint man den weiteren Verlauf der Ereignisse zu kennen und ist ein wenig enttäuscht, dass die verheißungsvoll einsetzende und spannend entwickelte Geschichte diese Richtung nimmt. Genau jetzt reißt Mørk das Ruder herum. Er setzt das Licht neu, wechselt die Perspektive und gewinnt seiner schauerlichen Mär gänzlich neue Seiten ab.

„Schauerlich“ ist ein Stichwort, denn Mørk scheut vor keinem Trick zurück, um an der Spannungsschraube zu drehen. Zeitweise gewinnt der Leser den Eindruck, eine „dark fantasy“ statt eines Thrillers zu lesen. Darling Jim scheint ein mythologischer Werwolf zu sein, der wie der Ewige Jude seit Jahrhunderten durch Irland zieht und seine Opfer reißt. Auch das ist eine der erwähnten falschen Fährten und Jim Quick ein Mörder, der sich selbst perfekt zu inszenieren weiß. Die Sagen, die er für Geld in Kneipen erzählt (und die Mørk im Volltext wiedergibt), beschreiben offen seine Taten. Man muss sie nur zu deuten wissen. Den Walsh-Schwestern bleibt nicht die Zeit dafür. Erst Niall versteht, was im letzten Teil noch einmal für eine unerwartete Wendung sorgt.

_Familienhöllen brennen besonders heiß_

Während die Morde des Darling Jim eher Nebensache bleiben, konzentriert sich Mørk auf die Dynamik innerhalb der Walsh-Familie. Sie ist aus verschiedenen Gründen selbstzerstörerisch und deshalb ideal für einen geborenen und selbst ernannten ‚Wolf‘ wie Jim Quick, der – so lernen wir – selbst ungewöhnlichen Familienverhältnissen entwachsen aber nie entkommen ist.

Zum Auslöser für die Entstehung des Romans „Darling Jim“ wurde ein reales Familiendrama: In Leixlip, einer irischen Gemeinde im County Kildare, entdeckte man 2000 in einem einsamen Gehöft die Leichen einer 83-jährigen Frau und ihrer drei Nichten. Sie hatten sich offenbar religiös motiviert selbst zu Tode gehungert, ein Exempel entschlossenen Wahnwitzes, das Mørk nicht aus dem Gedächtnis ging. Er ergänzte das Szenario durch den Faktor des mörderischer Vorsatzes und ersann eine Vorgeschichte, die ebenfalls im Wahnsinn gipfelte.

Auch ohne ihre verrückte Tante haben die Walsh-Schwestern einen schweren Stand. Fiona ist eine frustrierte Lehrerin, Roisin hütet ihre lesbische Veranlagung, Aoife hört Stimmen. In ihrem Dorf beobachtet man sie mit Argusaugen und zerreißt sich das Maul über sie. Der tragische Unfalltod der Eltern hat ihre Isolation noch verstärkt. Das Trio bleibt unter sich und konserviert dadurch die Probleme.

Niall gilt der Gesellschaft als Loser. Sogar seinen wenig anspruchsvollen Job verliert er, die Karriere als Comic-Zeichner wird ein Traum bleiben. Er lebt allein mit seiner Katze, die ihm auf der Nase tanzt. Als Niall Fionas Tagebuch findet, öffnet sich ihm dadurch ein Schlupfloch. Die unbekannte und gefährliche Welt dahinter kann ihn nicht schrecken, die öde Gegenwart zu verlassen. Das wird er oft bitter bereuen, aber nie gibt er nach. Seine Erlebnisse lassen Niall reifen. Als er das Rätsel gelöst hat, steht er nur scheinbar so trostlos da wie zuvor. Endlich gelingt ihm ein Bild, mit dem er sich lange Zeit vergeblich geplagt hatte. Es steht am Ende dieses Romans und fasst wiederum verschlüsselt aber nunmehr verständlich das Geschehen noch einmal zusammen – ein eigenartiger Ausklang, der indes gut zu dieser ungewöhnlichen, gut erzählten Geschichte passt.

_Der Autor_

Geboren und aufgewachsen in Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemark, verließ Christian Mørk Europa im Alter von 21 Jahren, um in den US-Staat Vermont umzusiedeln. Er studierte am dortigen Marlboro College Geschichte und Soziologie. Nach seinem Abschluss 1991 zog Mørk nach New York City, wo er an der Columbia Graduate School Journalismus studierte. Anschließend arbeitete er für das Unterhaltungsmagazin „Variety“, was den Umzug nach Los Angeles erforderte. Dort heuerte ihn das Studio Warner Bros. an. Im Produktionsbereich betreute Mørk in den nächsten Jahren diverse Filmprojekte, bevor er nach New York und zum Journalismus zurückkehrte.

Parallel dazu bereitete Mørk sein Debüt als Romanautor vor. Er spann ein bizarres aber reales Morddrama zu einem Psycho-Thriller aus. „Darling Jim“ erschien 2007 zunächst in Dänemark und wurde ein nationaler Bestseller. Inzwischen wurde dieses Buch in 13 anderen Ländern veröffentlicht.

Websites:
– http://www.christianmoerk.com
– http://www.darlingjim.de

_Impressum_

Originaltitel: Darling Jim (Kopenhagen : Politikens Forlag 2007)
Übersetzung: Violeta Topalova
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2009 (Piper Verlag)
351 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-492-05256-6
http://www.piper.de

Thiesler, Sabine – Totengräberin, Die

Seit fast zwanzig Jahren sind Magda und Johannes verheiratet und nach außen hin glücklich. Tatsächlich hat Johannes eine Geliebte, die er regelmäßig besucht. Wie jedes Jahr wollen Johannes und Magda den Sommer in ihrem Ferienhaus in der Toskana verbringen. Magda fährt voraus, während sich Johannes zur letzten Aussprache mit Carolina trifft und sich für seine Ehe entscheidet. Er hofft auf einen Neuanfang und darauf, dass seine Frau ihm die Affäre verzeiht.

Er ahnt nicht, dass Magda in der Toskana bereits seinen Tod plant. Am Morgen nach seiner Rückkehr vergiftet sie ihn und vergräbt die Leiche im Gemüsegarten. Freunden und Verwandten sagt sie, er sei für ein paar Tage zu einem Freund nach Rom gefahren. Später meldet sie ihn vermisst und spielt überzeugend die besorgte Ehefrau. Alles läuft nach Plan – bis Johannes‘ Bruder Lukas auftaucht. Schon vor ihrer Hochzeit war er in sie verliebt und begehrt sie immer noch. Gerade ist das Theaterstück, in dem er eine wichtige Rolle spielen sollte, geplatzt und er will sich in Italien eine Auszeit gönnen. Außerdem hofft er, Magda näherzukommen.

Anfangs glaubt Lukas die Vermisstentheorie und hilft Magda, seinen Bruder zu suchen. Doch dann verändert sich Magda plötzlich. Sie spricht Lukas mit „Johannes“ an und scheint ihn ernsthaft für ihren Mann zu halten. Der verwirrte Lukas spielt das Spiel mit und gibt sich auch bei der Polizei als heimgekehrter Ehemann aus. Noch bizarrer wird es, als Lukas Briefe von Magda an ihren verstorbenen Sohn Thorben findet. Offenbar lebt sie in einer Scheinwelt. Und dann taucht auch noch ein Erpresser auf, der Lukas Fotos von seinem toten Bruder schickt …

Nach „Der Kindersammler“ und „Hexenkind“ ist „Die Totengräberin“ der dritte Kriminalroman von Sabine Thiesler, der zum größten Teil in der Toskana spielt, aber qualitativ nicht ganz an die Vorgänger anschließen kann.

|Fesselnde Handlung|

Vom Gesichtspunkt der Spannung aus ist der Roman nahezu einwandfrei gelungen. Der Mord an Ehemann Johannes geschieht früh zu Beginn, und von da an ist alles Weitere erst einmal ungewiss. Magdas Plan klingt zunächst überzeugend: Sie erweckt den Anschein, als sei Johannes für ein paar Tage nach Rom gefahren, und mimt gekonnt die besorgte Ehefrau gegenüber seinen Eltern am Telefon, gegenüber Bekannten im Dorf und gegenüber der Polizei. Auch Lukas fällt darauf herein, und als er in Johannes‘ Handy Nachrichten an die ehemalige Geliebte Carolina entdeckt, steht für ihn fest: Johannes hat sich vermutlich absichtlich abgesetzt und will eine Auszeit oder Magda sogar ganz verlassen. Daher glaubt er zunächst nicht an ein Verbrechen, sondern freut sich insgeheim über diese Entwicklung, da er Chancen sieht, seiner immer noch verehrten Magda näher zu kommen.

Als Lukas anonym die Fotos seines toten Bruders erhält, wagt er es nicht, Magda einzuweihen. Mehr noch, er ahnt, dass ironischerweise er der Hauptverdächtige der Polizei sein würde, denn seine Liebe zu Magda ist ein ideales Motiv, während die Eheprobleme niemandem außer ihm bekannt sind. Natürlich verdächtigt Lukas zunächst den Fotoabsender, den er auch bald kennenlernt. Es ist der schmierige Literaturkritiker Stefano Topo, der sich durch Erpressung eine Finanzspritze erhofft. Nur der Leser weiß, dass die beiden einander des Mordes verdächtigen, ohne es auszusprechen. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Spannungsbogen – Lukas muss das geforderte Erpressungsgeld aufbringen und Topos Gegenwart ertragen, der dreist Magdas Bekanntschaft schließt.

Topo wiederum ahnt nicht, dass er den falschen Täter im Visier hat und die Lage falsch einschätzt. Hinzu kommt im späteren Verlauf Johannes‘ Exgeliebte Carolina, die es nach einer Aussprache drängt und spontan eine Fahrt in die Toskana plant. Sie weiß, dass Johannes als vermisst gilt und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne die wahren Hintergründe zu ahnen. Die ganze Zeit über wird der Spannungspegel konstant hoch gehalten. Im Raum stehen die Fragen, ob Magda weitere Morde begehen wird, ob das Grab unter dem Olivenbäumchen gefunden wird und wer als Erster die verzwickten Hintergründe durchschaut.

|Interessante Rückblicke|

Es braucht eine Weile, ehe der Leser hinter Magdas komplizierten Charakter steigt. Sehr erhellend sind die immer wieder eingestreuten Rückblenden in ihre Kindheit und in die vergangenen Jahre. Zum einen erfährt der Leser hier anschaulich, weshalb sie so sensibel auf das Thema Fremdgehen reagiert. Magda hat traumatische Kindheitserfahrungen mit ihrem Vater erlebt und ist durch das Leid und Verhalten ihrer Mutter geprägt. Einerseits sind diese Enthüllungen informativ, andererseits erschreckend und verleihen der Handlung einen Hauch von emotionaler Tiefe. Weiterhin erfährt man, was es mit Thorben auf sich hat, der bereits vor einem Jahr ums Leben gekommen ist. Man erfährt die Umstände und weiß nun endgültig, dass Magda schon lange psychisch gestört ist, da sie nach wie vor liebevolle Briefe an ihren Sohn schreibt, den sie im Internat glaubt.

Für ein bisschen Humor bei den Charakteren sorgt Kommissar Neri, der schon in „Hexenkind“ eine Rolle spielte und ein nettes Wiedersehen beschert, ohne dass man diesen Roman fürs Verständnis gelesen haben müsste. Neri ist ein bemühter, aber recht trotteliger Polizist, der nach den letzten Misserfolgen von Rom in die Provinz versetzt wurde und sich sehnlichst wieder einen spektakulären Fall wünscht, der ihn rehabilitieren könnte. Mit von der Partie ist seine temperamentvolle Frau Gabriella, die es erst recht zurück nach Rom drängt und die ihn bei den aktuellen Ermittlungen auf eigene Faust tatkräftig unterstützt, indem sie Magda aushorcht.

|Mangelnde Glaubwürdigkeit|

Leider gibt es auch mindestens eine erhebliche Schwäche im Roman, nämlich das teilweise unglaubwürdige Verhalten von Magda und Lukas. Anfangs sieht es aus, als sei Magda eine kaltblütige Mörderin. Sie besorgt sich das Gift geschickt aus der Apotheke, in der sie arbeitet, indem sie den Verdacht auf jemand anderen lenkt. Aber bald nach dem Mord schwenkt dieser Eindruck um. Magda hält Lukas nach kurzer Zeit bereits für Johannes und verdrängt ihre Tat vollkommen. Ihre psychische Störung ist zwar ein interessanter Zug, kommt aber für den Leser zu plötzlich und ist ein fast enttäuschender Umschwung, nachdem man sich bereits auf ihre berechnende Art eingewöhnt hat.

Sehr seltsam ist zudem das Verhalten von Lukas. Anfangs reagiert er verwirrt und geschockt auf Magdas Äußerungen und wagt es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Das ist zunächst verständlich, dass er sich dann aber entscheidet, das Spiel dauerhaft mitzumachen, ist eher lächerlich. Er genießt es einfach, nun seinen fast zwanzigjährigen Traum zu verwirklichen und eine Beziehung mit Magda zu führen. Dass sie ihn „Johannes“ nennt, blendet er aus und auch die Suche nach seinem Bruder steht erst einmal im Hintergrund. Nicht nur, dass er Magda gegenüber die Rolle als Johannes einnimmt, er sorgt auch dafür, dass die Polizei ihre Ermittlungen nach dem Vermissten einstellt und lässt sich von jedem als Magdas Ehemann vorstellen. Selbst als er weiß, dass Johannes ermordet wurde, vertraut er sich niemandem an. Auch gegenüber seinen Eltern am Telefon lügt er, dass Johannes in Ordnung und nur gerade verhindert sei. An vielen Stellen im Roman handelt er unlogisch, obwohl völlig offensichtlich ist, dass er sich selbst immer tiefer in eine fatale Lage verstrickt. Während man es am Ende zumindest teilweise nachvollziehen kann, weil da ein Zurück kaum mehr möglich ist, wirken seine ersten Handlungen sehr unüberlegt und naiv.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr spannender Toskana-Kriminalroman über eine Mörderin, der aber auch Schwächen besitzt. Das Buch lässt sich leicht lesen und fesselt den Leser durchgehend, aber die unlogischen Verhaltensweisen der beiden Hauptcharaktere trüben im weiteren Verlauf das Gesamtbild.

_Die Autorin_ Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Sie verfasste auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Von ihr erschienen zuletzt die Romane „Der Kindersammler“ und „Hexenkind“.

|511 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-453-43275-8|
http://www.heyne.de

_Sabine Thiesler auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Kindersammler“ 3317
[„Hexenkind“ 4319

Kornbichler, Sabine – Nur ein Gerücht

Vor fünf Jahren hat Carla Bunge ihren Lebenstraum verwirklicht: Sie ist von München aufs Land gezogen und hat einen alten Reiterhof gepachtet. Mittlerweile ist sie mit Reitstunden und einer Reihe Pensionspferden gut ausgelastet und genießt einen guten Ruf. In Sachen Beziehung allerdings ist sie abweisend. Das bekommt auch ihr bester Freund Christian zu spüren, der ganz in der Nähe ein Hotel betreibt und schon seit langem mehr für sie empfindet.

Am Tag des fünfjährigen Jubiläums des Hofes erfährt Carla einen Schock. Der Besitzer Herr Pattmann kündigt ihr völlig überraschend den Pachtvertrag und will, dass sie innerhalb der nächsten Wochen verschwindet. Offenbar hat er ein lukrativeres Angebot für den Hof erhalten und sucht einen Vorwand, um Carla zu vertreiben. Plötzlich häufen sich die unangenehmen Vorfälle auf dem Hof. Gegenstände verschwinden, falsches Futter liegt auf der Weide, jemand kündigt in Carlas Namen die Heulieferung.

Carla ist verzweifelt, denn die Vorfälle schaden ihrem Hof zunehmend. Natürlich hat sie Herrn Pattmann im Verdacht, aber er ist nicht der Einzige. Da ist auch Melanie, die Schwester ihres früheren Klassenkameraden Udo, dem Carla trotz seines kürzlichen Todes seine früheren Quälereien nicht verzeihen will. Melanie hat Rache geschworen, zumal sie Carla als Konkurrenz für ihren eigenen Hof sieht. Und dann ist da noch Carlas alte Schulfreundin Nadine, die nach langer Funkstille in Christians Hotel auftaucht und mit ihm anzubändeln scheint. Carla muss sich nicht nur gegen den oder die Unbekannten wehren, die sie zu ruinieren versuchen, sondern sich auch noch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, die sie schon lange verdrängt hat …

_Ein bisschen Thriller_ und ein bisschen Frauenroman ist dieses Werk von Sabine Kornbichler, und das Ergebnis ist solide, wenn auch nicht ohne Schwächen.

|Spannende Handlung|

Schon früh gewinnt die Handlung an Brisanz, als Carla beim Besuch des Hofbesitzers völlig überraschend die Kündigung erhält. Als fadenscheinige Begründung gibt er „unredliches Verhalten“ an, ohne es näher zu begründen. Carla ahnt zwar bereits und wird bald von ihrem Anwalt darin bestätigt, dass die Vertragskündigung haltlos ist. Aber sie wird die Angst dennoch nicht los, zumal Herr Pattmann in den nächsten Tagen und Wochen bei jeder Begegnung auf der Kündigung beharrt und zeigt, dass dies nicht nur eine Laune von ihm war.

Fast gleichzeitig taucht Melanie auf, Schwester von Carlas ehemaligen Klassenkameraden Udo, und sorgt ebenfalls für Probleme. Udo gehörte zur Schulzeit einer berüchtigten Clique an, die Carla die „glorreichen Fünf“ nennt, die es sich zum Ziel machten, Schwächere über Jahre hinweg zu hänseln und zu quälen. Carla mit ihrer skandalösen Familiengeschichte, die im weiteren Verlauf näher beleuchtet wird, plus dem damaligen Übergewicht bot eine hervorragende Zielscheibe und litt jahrelang unter den Quälereien. Jetzt ist Udo tot, Selbstmord als Folge von Rufmord, und Carla soll zur Beerdigung kommen. Aber trotz des Selbstmords kann sie dem toten Udo sein damaliges Verhalten nicht verzeihen und Melanie schwört Rache – zumal sie selbst einen Hof führt und Carla als Konkurrenz sieht.

Von da an häufen sich die Vorfälle auf dem Bungehof, die Carla in Verruf bringen und Misstrauen unter ihren Kunden säen. Herr Pattmann hat ein Motiv, Melanie ebenso, und doch kann Carla zunächst nichts nachweisen und traut so manche Aktion keinem von beiden zu. Gespannt verfolgt der Leser, wie sich die Vorfälle verdichten und Carla hilflos ihrem eigenen Rufmord zusehen muss. Um den Täter zu entlarven, ist sie bereit, selbst zweifelhafte Dinge wie einen Einbruch auf sich zu nehmen, und natürlich fesselt den Leser die Frage, wer genau hinter welchen Taten steckt.

|Sympathische Hauptfigur|

Carla Bunge ist kein besonders vielfältiger oder origineller Charakter, aber doch sympathisch und eine Protagonistin, mit der sich der Leser weitgehend identifizieren kann. Sie ist stolz auf ihren beliebten Reiterhof, den sie in jahrelanger Arbeit mühsam auf die Beine gestellt hat. Ihr besonderer Liebling ist Oscar, das Problempferd aus schlechter Haltung, das nur zu Carla Vertrauen gefasst hat und ihr in schweren Zeiten immer Kraft spendet. Erst allmählich erfährt man die Hintergründe über ihren Vater, zu dem sie seit zwanzig Jahren keinen Kontakt hat. Man erfährt zunächst nur, dass sie jeden Kontakt ablehnt, auch als sie hören muss, dass er im Sterben liegt. Dann enthüllt sich das Drama, das seinerzeit dazu beitrug, dass sie in der Schule gehänselt und zur Außenseiterin wurde, sodass ihre Mutter schließlich mit ihr fortzog. Neben der Kriminalhandlung um den anonymen Rufmörder und Saboteur gewinnt dieser Handlungsstrang zunehmend an Bedeutung.

Weiterere sympathische Charaktere sind Franz Lehnert, der sie wieder mit ihrem Vater zusammenführen will und der dafür ein besonderes Motiv besitzt, sowie Carlas beste Freundin Susanne, die als Hauswirtschafterin bei Christian tätig und außerdem eine engagierte Hobby-Astrologin ist, die bei jeder Gelegenheit die aktuelle Sternenkonstellation analysiert. Eine langzeitig rätselhafte Figur ist Nadine, Carlas ehemals beste Schulfreundin, die als Neuling genauso unter den Hänseleien zu leiden hatte. Nach ihrem Umzug aber brach Carla den Kontakt vollständig ab, um ein neues Leben beginnen zu können. Jetzt taucht Nadine auf einmal wieder auf – als Hotelgast von Christian, der ihr auffallend viel Zeit widmet. Carla wird den Verdacht nicht los, dass Nadine etwas mit ihrem Besuch bezweckt, und muss sich mehr mit ihrer Vergangenheit befassen, als ihr lieb ist.

|Ein paar Schwächen|

Zunächst fällt störend auf, dass der Leser zwar von Anfang an demonstriert bekommt, dass Carla Christians Avancen ablehnt, aber keinen rechten Grund dafür erfährt. Sie findet ihn durchaus anziehend, beharrt aber auf ihrer Ablehnung gegenüber Beziehungen, ohne dass es wirklich plausibel wird, vor allem, als sie gekränkt reagiert, nachdem sich Christian plötzlich Nadine widmet. Zum anderen ist Carla in der Endphase des Romans etwas zu naiv; der Leser ahnt deutlich früher, wer hinter den Taten steckt und welches Motiv dafür verantwortlich ist. Da ist es fast schon ärgerlich, dass sie die Zusammenhänge nicht durchschaut.

Etwas enttäuschend sind auch die Enthüllungen, weshalb Carla mit ihrem Vater gebrochen hat. Man kann zwar gut verstehen, dass sie die Demütigungen der Schulzeit noch heute als starke Belastung empfindet, aber ihr Groll gegen den Vater scheint nach all der Zeit übertrieben. Bevor man erfährt, was er sich geleistet hat, glaubt man, dass er vielleicht ihre Mutter geschlagen oder gar sie selbst missbraucht habe. Als sich dann herausstellt, was tatsächlich passiert ist, klingt es nicht sehr glaubwürdig, dass Carla zwanzig Jahre lang nichts mit ihm zu tun haben wollte und sich nicht darum kümmert, ob er überhaupt noch lebt.

Alles in allem darf man an das Buch keine zu hohen Erwartungen stellen. Es ist ein Unterhaltungsroman, der sich leicht lesen lässt und durchaus spannend ist, aber nicht weiter im Gedächtnis bleibt. Eine ideale Urlaubslektüre, allerdings nach dem Lesen schnell abgehakt und für eingefleischte Thrillerfans gewiss zu seicht.

_Als Fazit_ bleibt ein solider Unterhaltungsroman, der sich am besten für Frauen eignet, die sich ein bisschen Spannung und leichte Lektüre wünschen. Das Thema ist interessant und die Handlung über weite Strecken fesselnd, die Protagonistin sowie einige Nebencharaktere sind recht sympathisch. Das Bild trüben ein paar Unstimmigkeiten in Carlas Sichtweise und ihre Naivität gegen Ende, zudem ist der Anspruch nicht besonders hoch. Kann man lesen, muss man nicht.

_Die Autorin_ Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiesbaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: „Majas Buch“, „Klaras Haus“, „Steine und Rosen“, „Vergleichsweise wundervoll“, „Annas Entscheidung“, „Im Angesicht der Schuld“ und „Der gestohlene Engel“.

http://www.sabine-kornbichler.de/
http://www.knaur.de/

_Sabine Kornbichler auf |Buchwurm.info|:_

[„Im Angesicht der Schuld“ 2561
[„Der gestohlene Engel“ 4680

Fielding, Joy – Katze, Die

Die alleinerziehende Mutter Charley ist Journalistin und mit ihrer humorvoll-frivolen Kolumne „Charlotte’s Web“ erfolgreich, auch wenn sie oft Kritik für die oberflächlichen Themen einstecken muss. Überraschend erhält sie einen Brief der verurteilten Mörderin Jill Rohmer, die drei Kinder brutal ermordet haben soll und in der Todeszelle sitzt. Jill entpuppt sich als Fan von Charley und bietet ihr exklusiv ihre Geschichte an, damit Charley ein Buch schreiben kann. Dabei will Jill, die im Prozess die Aussage verweigerte, angeblich eine ganz neue Sicht der Geschehnisse offenbaren.

Charley ist zunächst entsetzt und angewidert, lässt sich aber dennoch auf ein Treffen ein, begleitet von Jills Anwalt Alex Prescott. Wider Willen findet sie Jill sogar sympathisch und sehr viel harmloser als gedacht. Nach einigem Zögern erklärt sie sich schließlich bereit, das Buch zu schreiben. Jill will ihr in Briefen und persönlichen Interviews ihr Leben erzählen, und Charley ist trotz ihrer Vorbehalte gespannt auf die Enthüllungen.

Zur gleichen Zeit aber treffen wiederholte E-Mails bei ihr ein, die sie bedrohen. Der anonyme Schreiber beschimpft sie als Schundschreiberin und kündigt gar die Ermordung ihrer Kinder an. Charley informiert die Polizei und hofft, dass es sich nur um einen Wichtigmacher handelt. Während sie sich langsam auch auf privater Basis Alex Prescott annähert, enthüllt Jill, dass sie von ihrem Ex-Geliebten „Jack“ zur Beihilfe am Mord gezwungen worden sei. Nur aus Angst habe sie seine Identität bisher verschwiegen. Charley fürchtete zunehmend, dass „Jack“ wirklich existiert – und es vielleicht sogar auf sie und ihre Kinder abgesehen hat …

_Die Ausgangslage_ ist recht typisch für Joy Fieldings Werke: Eine Frau mit Kindern und familiären Problemen gelangt in eine bedrohliche Situation und muss schließlich um ihr Leben fürchten. Trotzdem handelt es sich hier um einen ihrer besseren Romane, der sich in einigen Punkten vom Einheitsbrei abhebt.

|Weitgehend spannend|

Im Gegensatz zu manch anderem Werk von Joy Fielding gibt es hier keine Ich-Erzählerin, und somit muss man zumindest theoretisch auch um das Leben der Protagonistin bangen. Bis dahin ist es aber ein langer Weg, denn zunächst liegt der Fokus auf Jill Rohmers Enthüllungen. Als scheinbar fröhliche und kinderliebe Babysitterin hatte sie bei den beiden Familien angeheuert und ihre Schützlinge kurz hintereinander entführt, brutal misshandelt und qualvoll getötet. Die Beweise sind erdrückend: DNA-Spuren an den Körpern, kein Alibi und Tonbänder, die nicht nur die Schreie der Kinder, sondern auch Jills Stimme enthalten.

Dennoch hat Charley nach kurzer Zeit schon Zweifel, ob Jill nicht vielleicht nicht die Haupttäterin war. Nicht nur, dass sie viel mädchenhafter und harmloser erscheint, als sie es sich vorgestellt hätte, sie findet sie beinah sympathisch, und es klingt immer glaubwürdiger, dass sie nur aus Angst vor ihrem psychopathischen Exgeliebten vor Gericht geschwiegen hat; auch ihr Anwalt ist von „Jacks“ Existenz überzeugt. Je tiefer Charley in Jills Leben eintaucht, desto stärker fühlt sie sich hin- und hergerissen. Einerseits traut sie Jill die schrecklichen Morde nicht zu, andererseits gibt es auch belastende Aussagen ihrer Familie und Exfreunde, und so ist es für den Leser spannend zu verfolgen, was man noch alles über Jill erfährt.

Im weiteren Verlauf sorgen die Drohmails für Brisanz. Es verdichtete sich der Verdacht, dass „Jack“ hinter ihnen steckt – aber handelt er gegen Jills Wissen und Willen oder stachelt sie ihn womöglich dazu an? Oder ist es womöglich doch nur ein wutentbrannter Leser, der sich, wie nicht wenige andere, an ihren intimen Themen und dem flapsigen Schreibstil stört? Die Polizei kommt mit ihren Ermittlungen auch nicht weiter, da die Mails natürlich von verschiedenen öffentlichen Computern kommen.

|Interessante Charaktere|

Charleys Privatleben wird ein sehr großer Raum in der Handlung gewidmet. Da ist zum einen das zerrüttete Familienverhältnis. Vor über 20 Jahren verließ ihre Mutter Elizabeth die Familie, weil sie ihre Liebe zu Frauen entdeckte und mit ihrer Freundin nach Australien zog. Jetzt ist sie zurück und hofft auf einen Neuanfang, doch außer Charley ist keine ihrer beiden Schwestern und auch weder ihr Bruder Bram noch ihr Vater zu einem Treffen bereit. Immer wieder versucht Charley zu vermitteln, auch wenn sie selbst ihrer Mutter noch nicht ganz verziehen hat, scheitert aber, zumal sie ebenfalls kein allzu gutes Verhältnis zum Rest der Familie besitzt.

Nächster Punkt sind ihre Schwierigkeiten mit Männern. Charley ist unverheiratet und bisher kein Typ für lange Beziehungen, auch wenn sie zu den Vätern ihrer beiden Kinder ein recht gutes Verhältnis hat. Im Verlauf der Handlung lässt sie sich mit Alex Prescott ein, was Jill mitbekommt und merkwürdig reagieren lässt, und auch ein weiterer Mann spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Jills Schilderungen ihrer Kindheit werfen in Charley zudem die Frage auf, inwieweit Psychopathen von ihrer Umwelt geformt werden. Zwischenzeitlich ertappt sie sich dabei, die Geschichten von Inzest und Gewalt in der Familie beinah als Entschuldigung zu sehen, obwohl sie andererseits genau weiß, dass keine Erfahrung einen Menschen zwingend zu einem Mörder macht.

|Ein paar Schwächen|

Zum einen dürfte es vor allem eingefleischte Thrillerfans stören, dass Charleys Familienprobleme beinah einen größeren Raum einnehmen als die eigentliche Spannungshandlung. Es gibt viele Szenen, in denen gestritten wird, Charley sich an ihre Kindheit erinnert, vergeblich versucht, Treffen zu arrangieren, und man sich natürlich auch ausspricht und versöhnt, inklusive dem typisch amerikanischen „Ich liebe dich“, das sich Kinder und Mutter zuhauchen.

Da vergisst man zeitweise beinahe, dass es eigentlich um eine Mörderin geht und nicht um ein Familiendrama. Zum anderen kommt das Finale etwas überhastet; wie aus dem Nichts heraus schweben Charleys Kinder in Gefahr, und im Vergleich zur vorher ausufernden Handlung verläuft alles sehr schnell, beinah so, als hätte die Autorin eine gewisse Seitenzahl als Maximum vorgegeben gehabt. Die Identität des Täters ist nicht so überraschend, wie es sein sollte, weniger wegen geschickter Andeutungen – davon gibt es nämlich zu wenige -, sondern eher, weil es zum konventionellen Thriller-Schema passt. Vor allem wer schon mehrere Joy-Fielding-Romane gelesen hat, dürfte nicht wirklich überrascht werden. Letzter störender Punkt ist der Zufall, der es Charley ermöglicht, herauszufinden, wer hinter den E-Mails steckt und ihre Kinder bedroht. Ein Beweis fällt ihm im Wortsinn direkt in die Hände, was den hastigen Verlauf des Finales noch verstärkt – ein bisschen mehr Einfallsreichtum wäre schön gewesen.

_Als Fazit_ bleibt ein insgesamt solider Frauenthriller über eine Journalistin, die in Kontakt mit einer verurteilten Kindermörderin gerät. Die Handlung ist weitgehend spannend, die Charaktere sind nicht uninteressant, allerdings überwiegen zeitweise die privaten Probleme gegenüber dem Thrilleraspekt und das Ende kommt zu plötzlich und ist ein wenig konstruiert. Leicht zu lesen und unterhaltsam, aber kein Highlight.

_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf, Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ und „Tanz, Püppchen, tanz“.

|Originaltitel: Charley’s Web
Übersetzung: Kristian Lutze
477 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-442-31154-5|
http://www.joyfielding.com
http://www.goldmann-verlag.de

_Joy Fielding auf Buchwurm.info:_

[„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556
[„Träume süß, mein Mädchen“ 4396
[„Nur der Tod kann dich retten“ 4933

MacBride, Stuart – Blut und Knochen

_Das geschieht:_

Der neue Fall für Detective Sergeant Logan McRae von der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen ist ein recht unappetitlicher: In einem Container, der Gefrierfleisch für die Besatzung einer Ölbohrinsel enthält, wurden Teile mindestens eines fachgerecht zerwirkten Menschenkörpers entdeckt. Als die Metzgerei, die das Fleisch lieferte, von der Polizei durchsucht wird, finden sich dort weitere für den Verzehr vorbereitete Leckereien eindeutig menschlicher Herkunft.

Der Fund weckt Erinnerungen an die Taten des „Fleischers“, eines Serienkillers, der vor zwanzig Jahren Ehepaare daheim überfiel, entführte, ermordete und zerlegte. Als Hauptverdächtiger galt der Metzger Ken Wiseman, der allerdings aufgrund schwerwiegender Verfahrensfehler nach kurzer Haft auf freien Fuß gesetzt werden musste – eine Niederlage, die Detective Inspector Insch, damals ermittelnder Beamter und heute McRaes Vorgesetzter, noch heute zu schaffen macht.

Deshalb stürzt sich Insch mit Verve in die neue Fahndung nach dem alten Bekannten, denn der Metzger, in dessen Kühlkammer das menschliche Bratfleisch lagerte, beschäftigte seinen Schwager: Ken Wiseman! Der ist freilich untergetaucht, bevor ihn die Polizei festnehmen konnte, und verfällt in einen Blutrausch, der ihn die Peiniger von einst verfolgen lässt. Auch Insch und seine Familie geraten in Wisemans Gewalt.

McRae entdeckt zu allem Überfluss, dass der wieder aufgetauchte „Fleischer“ niemals Wiseman war. Damals wie heute spielt/e der Trubel dem tatsächlichen Täter in die Hände: Während die Polizei Wiseman verfolgte, konnte und kann der „Fleischer“ in aller Ruhe seinem Mordtrieb nachgeben. Jetzt agiert er noch weitaus perfider als früher, denn er schlachtet nicht alle Opfer; die Pechvögel sperrt er in sein Labyrinth ein und füttert sie mit den Resten ihrer Mitgefangenen …

_Mahlzeit!_

Schon die keltischen Skoten und Pikten waren wilde Völker, die von den Römern nur zu bändigen waren, indem sie Schottland vom Rest der britischen Hauptinsel durch den Hadrianswall trennten. Nachdem diese Grenze gefallen war, setzte ein Jahrhunderte währendes Hauen & Stechen ein, dem Mel Gibson mit „Braveheart“ ein in allen grausigen Details liebevoll gezeichnetes Filmdenkmal setzte.

Dem möchte der schottische Autor Stuart MacBride nun offenbar nachstreben, und auch er bedient sich quasi filmischer Methoden, um seiner Schauermär vom serienmordenden „Fleischer“ die nötige Durchschlagskraft zu verschaffen. Der wirkt wie einem Horrorfilm vom Kaliber einer „Splatter“-Granate wie „Texas Chainsaw Massacre“ entsprungen, auch wenn er – MacBride ist ein Witzbold; dazu später mehr – hier die Maske der „Eisernen Lady“ Margareth Thatcher trägt, die England als Premierministerin von 1979 bis 1990 regierte und – nach Ansicht ihrer Kritiker – terrorisierte.

Schon die ersten drei Bände der Logan-McRae-Serie zeichneten sich durch drastisch dargestellte Gräueltaten und -szenen aus. Dieses Mal übertrifft sich MacBride mit den ausgemalten Schauerlichkeiten nicht nur selbst: Er treibt es auf die Spitze und geht oft noch ein gutes Stück weiter. Das muss man wissen, wenn man zur Lektüre von „Blut und Knochen“ ansetzt, die empfindliche Naturen überfordern und zur Kritik herausfordern könnte.

_Ein grimmiges Vergnügen_

Wovon sich der wagemutige Leser nicht abschrecken lassen sollte, weil ihm – oder ihr – ein sicherlich politisch nicht korrekter, aber sowohl spannender als auch witziger Krimi entginge. Hinter dem vordergründigen Blutbad steckt ein mehrschichtiger Plot. Die Jagd nach dem „Fleischer“ ist „Whodunit“ und „police procedural“; wer sich hinter der Maske verbirgt, bleibt viele hundert Seiten unklar. Zwar hat der Leser keine reale Chance, die Identität des „Fleischers“ zu erraten, weil ihm entsprechende Indizien vorenthalten werden. Das wird dem Verfasser allerdings kaum jemand zum Vorwurf machen, weil dieser die lange vergebliche Fahndung so spannend in Szene zu setzen weiß.

Die Polizei steht unter Druck, der von den Vorgesetzten durch die Ränge nach unten weitergegeben wird und sich dabei verstärkt. Politik und Medien sind rasch mit dem Urteil „unfähig“ bei der Hand; sie ignorieren die Schwierigkeiten einer Ermittlung mit zwanzigjähriger Vorgeschichte, die eine Chronik menschlicher Verfehlungen darstellt. Diesen Knoten zu entwirren, bedarf seiner Zeit. Logan McRae wäre dies vermutlich weitaus früher gelungen, doch er ist gleich mehrfach gehandicapt.

MacBride schildert die Grampian Police als sympathische, aber unorganisierte Truppe. Überarbeitung und mangelhafte Ausrüstung fordern ebenso wie Kompetenzrangeleien ihren Tribut. Dass dieses Mal die Schere zwischen Herausforderung und polizeilichem Alltag besonders weit klafft, verdeutlicht MacBride, indem er immer wieder von der Ermittlung ins unterirdische Labyrinth des „Fleischers“ umblendet, in dem eine weibliche Gefangene allmählich den Verstand verliert. Hier ist der Verfasser sozusagen deckungsgleich mit dem „torture porn“ des modernen Horrorfilms à la „Hostel“ oder „Saw“, aber ihm gelingt, was er erreichen will: Dem Leser wird eindringlich klar, dass jede Sekunde zählt.

_Was schiefgehen kann …_

Auch ohne den „Fleischer“ wirkt das Leben des Logan McRae wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Von seiner Freundin Jackie hat er sich inzwischen getrennt, aber sie, die ebenfalls Polizistin ist, vermag sich unter Ausnutzung des Dienstwegs bitter zu rächen. Weiterhin ist McRae Diener zweier unberechenbarer Herrn; zwischen dem cholerischen Insch und der chaotischen Detective Inspector Roberta Steel wird er förmlich zerrieben, da die beiden zudem verfeindeten Vorgesetzten nur die Dreistigkeit eint, mit der sie den gutmütigen McRae in die Zange nehmen.

Murphy’s Law spielt eine große Rolle in den McRae-Romanen. So sicher wie nie hält der Verfasser in „Blut und Knochen“ die Balance zwischen Komik und Tragik. Zwerchfellerschütternde Episoden wechseln abrupt mit dramatischen Szenen, bei denen dem Leser das Lachen im Hals stecken bleibt. Dabei genießen auch prominente und beliebte Hauptfiguren keinen Bestandsschutz; dieses Mal ist es DI Insch, den MacBride beruflich wie privat in die Hölle stürzt.

Ohnehin verwischt der Verfasser unablässig die Grenze zwischen „gut“ und „böse“. Ken Wiseman wurde durch einen übereifrigen Polizisten in die Rolle des „Fleischers“ gedrängt, sein Leben dadurch zerstört. Als genau dies zum zweiten Mal geschieht, dreht er durch. Man versteht ihn, aber es entschuldigt nicht seine Taten – zumal MacBride mit einer gelungenen Volte Wisemans Rolle plötzlich neu definiert.

Überhaupt ist MacBride ein Meister unerwarteter Wendungen. Sie ergeben sich aus dem Geschehen und wirken nicht aufgesetzt. Wie es sich für einen gelungenen Krimi ziemt, wischt die tatsächliche Auflösung alle bisherigen Theorien vom Tisch. Für die Taten des „Fleischers“ gibt es ein Motiv – und das immerhin lässt MacBride im „Whodunit“-Stil durchblicken; man muss das zwischen geschickt gezündeten Nebelkerzen nur erkennen …

_Krimi mit Multimedia-Ansätzen_

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ehrbaren und überforderten Polizisten und skrupellosen Journalisten ist ein Stützpfeiler des gedruckten und verfilmten Krimis. MacBride weiß auch aus diesem Klischee Funken zu schlagen. Der Sturmlauf der Presse gewinnt groteske Züge, nachdem der Verdacht – mehr ist es nie – aufkommt, der „Fleischer“ habe Menschenfleisch in den Handel einschleusen können. Die daraus resultierenden Schlagzeilen führt uns der Verfasser buchstäblich vor Augen: Verschiedene Kapitel von „Blut und Knochen“ werden durch Kollagen eingeleitet, die Ausschnitte fiktiver Zeitungsartikel präsentieren. Sie enthalten sogar Fotos, auf denen MacBride zum Teil Schauspieler agieren ließ. Diese Schnipsel – die übrigens für die deutsche Ausgabe übersetzt und neu layoutet wurden – verdeutlichen das Tohuwabohu einer privatisierten, globalisierten, abgestumpften Gesellschaft ebenso traurig wie perfekt.

Nicht zum ersten Mal stellt sich die Frage, ob und wie MacBride den einmal eingeschlagenen Kurs weiterverfolgen möchte. Bisher ist es ihm immer noch gelungen, der Schraube eine Umdrehung mehr zu geben. Mit „Blut und Knochen“ scheint das Ende dieser Fahnenstange und die Grenze zur (gewollten?) Parodie erreicht zu sein, aber MacBride ist wie gesagt stets für eine Überraschung gut …

_Der Autor_

Stuart MacBride wurde im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website www.stuartmacbride.com, die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

Die Logan McRae-Serie erscheint im Wilhelm Goldmann Verlag:

(2005) Die dunklen Wasser von Aberdeen („Cold Granite“) – TB 46165
(2006) Die Stunde des Mörders („Dying Light“) – TB 46262
(2007) Der erste Tropfen Blut („Broken Skin“) – TB 46574
(2008) Blut und Knochen („Flesh House“) – TB 47029
(2009) „Blind Eye“ (noch kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: Flesh House (London : HarperCollinsPublishers 2008/New York : Minotaur Books 2008)
Deutsche Erstausgabe: Juni 2009 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 47029)
Übersetzung: Andreas Jäger
511 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-47029-7
http://www.goldmann-verlag.de

_Mehr von Stuart MacBride auf |Buchwurm.info|:_

[„Die dunklen Wasser von Aberdeen“ 2917
[„Die Stunde des Mörders“ 3739
[„Der erste Tropfen Blut“ 4940

Mooney, Chris – Missing

Winter in Belham: Die sechsjährige Sarah will unbedingt auf den Hügel zum Schlittenfahren, obwohl es ihre Mutter Jess verboten hat. Ihr Vater Mike lässt sich überreden und begleitet sein Töchterchen auf den Hang. Während er in ein Gespräch verwickelt wird, darf Sarah mit ihrer Freundin Paula losziehen. Kurz darauf verlieren sich die Mädchen aus den Augen – und Sarah ist verschwunden. Mike sucht verzweifelt im aufkommenden Schneesturm nach seiner Tochter, findet aber nur ihre Brille, ohne die sie hilflos ist. Auch die Polizei kann Sarah nicht finden. Der einzige Zeuge ist der elfjährige Jimmy, der gesehen hat, wie ein Mann Sarah an der Hand nahm.

Fünf Jahre später: Sarah ist immer noch verschwunden, die Ehe ihrer Eltern inzwischen zerbrochen. Mike hat den Verlust nicht verkraftet und kämpft mit Alkoholproblemen, während seine Frau ein neues Leben beginnt. Der ehemalige Priester Francis Jonah steht seit Jahren unter Tatverdacht, doch stichhaltige Beweise für eine Anklage gab es nie. Mike ist überzeugt davon, dass Jonah schuldig ist, und hofft insgeheim immer noch, dass Sarah lebt.

Doch Francis Jonah ist schwer krebskrank und liegt im Sterben, die Ärzte geben ihm nur noch Tage oder maximal wenige Wochen. Mike versucht alles, um ihn zu einem Geständnis zu bringen, ehe er sein Geheimnis womöglich ins Grab nimmt. Obwohl Jonah stets seine Unschuld beteuerte, sprechen die Indizien gegen ihn und für Mike läuft die Zeit ab …

_Entführte Kinder_ sind ein gern gewähltes und dankbares Thema für Thriller, gewährleisten sie doch eine emotional aufgeladene Handlung, die den Leser gleichzeitig fesselt und rührt. Chris Mooney legt hier einen soliden Thriller vor, der zwar keine Höchstbewertung verdient, aber allemal gute Unterhaltung bietet und vor allem schnell und leicht zu lesen ist.

|Spannende und bewegende Handlung|

Bis kurz vor Schluss heißt es Rätsel raten, wer für Sarahs Verschwinden verantwortlich ist und ob sie vielleicht noch lebt. Mikes Suche zeigt all seine Verzweiflung und nicht enden wollende Hoffnung und ist besonders mitreißend, weil er nahezu auf sich allein gestellt ist. Seine Exfrau hat das Verschwinden der Tochter halbwegs akzeptiert und fängt ein neues Leben ohne ihn an, die Polizei reagiert ihm zu lethargisch auf neue mögliche Hinweise, seine Freunde raten ihm dazu, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Für Mike ist es ein Kampf gegen Windmühlen, denn er kann es nicht akzeptieren, Sarahs Schicksal womöglich nie zu erfahren.

Trotz aller Indizien, zu denen im Verlauf der Handlung noch einige mehr kommen, ist der Leser unschlüssig in der Entscheidungsfrage, ob wirklich Francis Jonah hinter Sarahs Verschwinden steckt. Der schwerkranke Mann ist auch angesichts des Todes zu keinem Geständnis zu bewegen, was gerade in Anbetracht seiner Vergangenheit als Geistlicher ungewöhnlich wirkt. Mike kommt mehrfach in Versuchung, Selbstjustiz an ihm zu verüben, obwohl er nach einem Angriff bereits unter strengsten Bewährungsauflagen steht. Seine Suche nach Sarah rührt unweigerlich an, ist aber auch überwiegend fesselnd, da sich ganz allmählich neue Hinweise einschleichen und er der der Wahrheit Stück für Stück näher kommt, unterstützt von einer alten Freundin und einer resoluten Privatdetektivin.

Ungewöhnlich für den Thriller ist, dass alle Taten bereits Jahre zurückliegen und kein neuer Mord- oder Entführungsfall geschieht, was der Spannung aber nicht abträglich ist. Die Auflösung ist nicht zu früh zu erahnen und recht plausibel, wenngleich Mike beim Erkennen der Zusammenhänge ein bisschen per Zufall auf die Sprünge geholfen wird. Man braucht gewiss keine große Konzentration, um der Handlung zu folgen, die nicht besonders verstrickt oder wendungsreich ist. Der Roman stellt keine große Anforderungen an den Leser, ohne dabei zu seicht oder anspruchslos zu sein, und verzichtet im Gegensatz zu den meisten anderen Thrillern auf Gewaltszenen, sodass zarte Gemüter nur durch das Thema Kindesentführung an sich verstört werden könnten.

Vor allem im Mittelteil des Romans dreht sich die Handlung nicht nur um Sarah, sondern auch um Mikes Mutter, die ihn im Kindesalter zurückließ und in ihre Heimat Paris zurückkehrte. Mike hat allen Grund zu glauben, dass sein Vater Lou, ein gewiefter Verbrecher, der immer schon zur Brutalität gegen seine Frau neigte, sie in Paris aufgesucht und ermordet hat. Auch das Schicksal seiner Mutter wird wieder aktuell und Mike erfährt mehr über seine Familie als jemals zuvor. Es ist für Mike nicht nur die Suche nach zwei Angehörigen, sondern auch ein neuer Abschnitt in seinem Leben, das er nur beginnen kann, wenn er endlich Klarheit findet über den Verbleib seiner Tochter und seiner Mutter – egal, wie schmerzhaft die Wahrheit auch sein mag.

|Ein paar Schwächen|

Der Klappentext enthält leider einen irreführenden Fehler, dort ist nämlich davon die Rede, dass während Mikes Suche nach dem Verbleib seiner Tochter ein weiteres Mädchen verschwindet – davon ist im Buch aber keine Rede, was sicherlich die Leser ärgert, die sich von einem aktuellen Fall zusätzliche Spannung versprochen haben. Der Teil über Mikes Familie ist zudem ein wenig zu ausufernd geraten. Manchmal geht es seitenweise nur um seine Ehe mit seiner Exfrau, die Vergangenheit seines Vaters und die Suche nach seiner Mutter in Paris, und Sarahs Schicksal rückt dabei in den Hintergrund. Einerseits ist es interessant, die beiden grundverschiedenen Fälle miteinander zu verbinden, andererseits lenken diese Phasen von der eigentlichen Haupthandlung ab.

Zudem kommt der Sprung zwischen Sarahs Verschwinden 1999 und der Gegenwart etwas zu radikal angesichts der vielen Veränderungen. Zu guter Letzt sind die Nebenfiguren gegenüber Mike etwas zu blass geraten. Seine Exfrau Jess bleibt nur eine Schablone ohne individuelle Charaktereigenschaften, es gibt keinen markanten Ermittler, auch Mikes Freund Bill erscheint zwar sympathisch, aber zu unbedeutend. Erst seine alte Freundin Sam und die burschikose Detektivin Nancy bringen im späteren Verlauf wieder etwas Farbe ins Spiel, ansonsten ist der Roman arm an interessanten Figuren, auch wenn das nicht so stark ins Gewicht fällt, da Mike eindeutig im Mittelpunkt steht.

_Als Fazit_ bleibt ein überwiegend spannender Thriller über ein vermisstes Mädchen, der vor allem dank der Hauptfigur recht bewegend ist. Ein paar Schwächen verhindern, dass das Buch ein echtes Highlight ist, aber für Thrillerleser auf alle Fälle eine empfehlenswerte Lektüre, die sich locker in ein bis zwei Tagen durchlesen lässt.

_Der Autor_ Chris Mooney studierte Englisch an der Universität von New Hamshire und lebt seit 2000 als freier Autor. Seine bekanntesten Werke sind „Victim“ und „Secret“, die den Anfang seiner Reihe um die Ermittlerin Darby McCormack bilden. Er lebt heute mit seiner Frau in Boston.

|Originaltitel: Remembering Sarah, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
382 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-24719-4|
http://www.rowohlt.de
http://www.chrismooneybooks.com

_Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:_

[„Missing“ 5731 (Hörbuch)
[„Victim“ 3799
[„Victim“ 5226 (Buch)

Preisler, Jerome – CSI Las Vegas: Tod in der Wüste

_Das geschieht:_

In ihrem Haus im vornehmen Vorort Mariah Valley wird nackt, an ihr Bett gefesselt und erstickt die schöne Rose Demille gefunden. Die High-Society und die Medien kannten und liebten sie als „Nevada Rose“. Regelmäßig lieferte ihr mondäner und lockerer Lebensstil Schlagzeilen. Die Zahl der Verdächtigen bleibt dennoch überschaubar, nachdem Catherine Willows und Warrick Brown, zwei erfahrene Beamte des Kriminaltechnischen Labors Las Vegas (CSI), die Ermittlung übernehmen.

Am Tatort finden sie Spuren, die auf die nächtliche Anwesenheit des Baseball-Starspielers Mark Baker hindeuten, der als Demilles aktueller Liebhaber und sogar Verlobter galt. Darüber hinaus unterhielt die verstorbene „Nevada Rose“ aber auch ein Verhältnis mit dem berühmten – und verheirateten – Schönheitschirurgen Layton Samuels …

CSI-Chef Gil Grissom und seine Kollegen Sara Sidle und Greg Sanders plagen sich derweil mit dem Fall des ‚grünen Mannes‘: Aus einem künstlichen See am Rand der Wüste zog man die Leiche des Edelstein-Schürfers Arthur Belcher, die nach Wochen des Treibens im trüben Wasser weder einen erfreulichen Anblick bietet noch die Umstände ihres Ende preisgibt.

Mit seinem Bruder Charles und seiner Mutter Gloria bildete Arthur zu Lebzeiten ein erfolgreiches, aber notorisch zerstrittenes Trio. Vor einigen Monaten gelang den Belchers in ihrer Mine der Fund ihres Lebens: ein gigantischer roter Smaragd, den sie „Nevada Rose“ tauften. Über den Verkauf war man uneins, was in Grissom die Frage weckt, ob sich die Familie des lästigen Arthurs nicht heimlich entledigt hat …

_Das Bekannte neu und aufregend wirken lassen_

„Exklusiver, bisher unveröffentlichter Originalfall“, liest man lockend auf dem Cover der deutschen Ausgabe. Normalerweise darf das Adjektiv „exklusiv“ in Verbindung mit einem Roman, der offensichtlich ein „tie-in“-Produkt ist, nicht als Empfehlung gelten: Moderne Franchises decken alle potenziell einträglichen Bereiche mit entsprechenden Angeboten ab; das „Buch zum Film“ oder in diesem Fall zur TV-Serie ist da nur ein Posten auf der Liste.

Das „CSI“-Franchise bildet indes seit jeher eine rühmliche Ausnahme. Die Qualität der Serie (bzw. der Serien, denn ermittelt wird ja nicht nur in Las Vegas, sondern auch in Miami und New York City) spiegelt sich in Romanen wider, die trotz verschiedener Autoren erstaunlich lesenswert geraten. Es dürfte primär daran liegen, dass zwar Schriftsteller angeheuert werden, die vor allem schnell die gewünschte ‚Ware‘ liefern, dabei jedoch darauf geachtet wird, nicht den Bodensatz der Branche aufzurühren; „tie-in“-Romane können schrecklich sein, und meist sind sie es auch, weil in der Materie kundige, aber ansonsten unerfahrene und/oder untalentierte Schreiberlinge, oft deutlich erkennbar mehr Fans als Autoren, auf die Leser losgelassen werden.

Jerome Preisler ist ein Profi mit langer Veröffentlichungsliste. Wie geschmeidig er sich den jeweiligen Auftraggebern anzupassen weiß, zeigt die Qualität dieses seines ersten „CSI“-Romans. Wobei „Qualität“ in diesem Fall einer näheren Erläuterung bedarf: „Tod in der Wüste“ kann als eigenständiger, solide geplotteter und angenehm lesbarer Krimi überzeugen, wirkt aber im „CSI“-Umfeld deutlich besser. Im Verlauf der Lektüre tauchen vor dem inneren Auge immer wieder Szenen, Dialoge und Kulissen aus der TV-Serie auf. Das geschieht natürlich nicht von ungefähr, sondern wird vom Verfasser forciert, der sich auf diese Weise seinen Job erleichtern kann.

_Die Wüste lebt, aber sie tötet auch_

Was die eigentliche Krimi-Handlung freilich nicht berührt. Hier gilt es einerseits, den Ton zu treffen, in dem sattsam bekannte Figuren interagieren, während andererseits ein scheinbar unmögliches Verbrechen zu entwerfen und aufzuklären ist. Weil ein Roman mit recht eng bedruckten 250 Seiten gefüllt werden muss, sind es sogar zwei Fälle. Mit dieser Episodenstruktur darf sich Preisler auf der sicheren Seite sehen, da auch im Fernsehen oft zwei oder gar drei CSI-Teams Seite an Seite, aber nicht gemeinsam ermitteln.

In „Tod in der Wüste“ bildet die „Nevada Rose“ eine lockere Klammer zwischen den Fällen. Sich des Zufalls bedienend, aber ihn nicht in seinen Dienst zwingend, geht Preisler von der Existenz zweier Rosen aus. Die eine war eine Frau, die ihr Leben in der Stadt verbrachte, die andere ist ein Edelstein, der in der Wüste gefunden wurde. Auf diese Weise hat der Verfasser zwei räumlich voneinander isolierte Schauplätze geschaffen, was sich auf die polizeiliche bzw. kriminaltechnische Arbeit und damit auf die Handlung auswirkt: Stadtteam und Landteam ermitteln auf unterschiedliche Weisen.

Den gemeinsamen Schnittpunkt bildet das „CSI“-Labor mit seinem unerschöpflichen Fundus wundersamer Hightech-Instrumente, die sich unabhängig von jenem Sparzwang, der dem öffentlichen Dienst ansonsten weltweit gemein ist, in Las Vegas zu türmen scheinen. Preisler hat seine Hausaufgaben gemacht. In den Labor-Szenen spricht er geschickt in jener Zunge, deren Sprache man als „Technobabbel“ bezeichnet: Unabhängig davon, ob technisch und wissenschaftlich tatsächlich möglich ist, was uns geschildert wird, klingt es auf jeden Fall realistisch und erfüllt damit seinen Unterhaltungszweck.

_Und wenn sie nicht gestorben sind, ermitteln sie noch morgen …_

„Tod in der Wüste“ ist chronologisch in die zweite Hälfte der 7. „CSI“-TV-Staffel einzuordnen. Warrick Brown lebt, Sara Sidle ist noch im Dienst, ihre Beziehung zu Gil Grissom nicht publik geworden (was erst geschah, als der Modellbau-Mörder sie entführte). Nick Stokes und Jim Brass müssen sich dieses Mal mit Gastauftritten begnügen.

Wie schon erwähnt, vermag sich Preisler erfolgreich in die TV-Figuren hineinzuversetzen. Sie haben alle ihren eigenen Stil und ihre Eigenheiten, die der Verfasser geschickt an passender (oder passend gemachter) Stelle einfließen lässt. Preisler geht womöglich einen Schritt weiter als Max Allan Collins, der bisher für den Las-Vegas-Bereich des „CSI“-Franchises schrieb, wenn er beispielsweise Gil Grissom als bekannt tüchtigen Kriminologen darstellt, der sich jedoch gern im Stil eines ‚zerstreuten Professors‘ in ab- und weitschweifigen Vorträgen verliert und von seinen Kollegen zurück in die Ermittlungsspur gebracht werden muss.

„Tod in der Wüste“ ist trotz seiner Qualitäten kein Krimi, der im Gedächtnis haften wird; dafür ist die Machart zu schematisch. Auf dem Niveau, das vorgelegt wurde und gehalten wird, entstehen jedoch unterhaltsame und gut lesbare Romane wie dieser, deren Reihe sich zweifellos um diverse Bände verlängern wird – und sollte!

_Der Autor_

In New York City, Stadtteil Brooklyn, geboren, gehört Jerome Preisler zu den schwer und schnell arbeitenden Autoren der „tie-in“-Fraktion: Er bedient diverse Franchises mit Romanen zu Filmen („Last Man Standing“) und TV-Serien („Homicide: Life on the Streets“). Bekannt wurde er durch seine Militär-Thriller der „Power Plays“-Serie, für die Bestseller-Autor Tom Clancy (angeblich) die Exposés lieferte, die Preisler zu Romanen ausarbeitete.

Mit seiner Ehefrau Suzanne schreibt Preisler unter dem gemeinsamen Pseudonym „Suzanne Price“ die Cozy-Serie „Grime Solvers Mystery“. Das Paar lebt und arbeitet wechselweise in New York sowie an der Küste von Neuengland.

_Impressum_

Originaltitel: CSI: Las Vegas – Nevada Rose (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2008)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2008 (Vgs Verlag/CSI Las Vegas, Bd. 10)
Übersetzung: Frauke Meier
256 Seiten
EUR 17,95
ISBN-13: 978-3-8025-1785-3
http://www.vgs.de

Claudio Michele Mancini – Mala Vita

Handlung:

Roberto Cardone ist zutiefst geschockt: Gerade erst ist er sicher, die Frau seines Lebens getroffen zu haben, als ein Anruf seines besten Freundes und Mitbewohners Carlo ihn völlig aus der Bahn wirft. Entsetzt verfolgt Roberto in den Medien die Inszenierung der Hinrichtung seines Bruders Enrico, der vor laufenden Kameras erdrosselt wird. Nur kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Die Kanzlei des ermordeten Rechtsanwalts wird fluchtartig geräumt, Akten werden vernichtet und Spuren verwischt. Roberto reist selber von Bologna nach Palermo, um sich vor Ort ein Bild zu machen, entdeckt aber nichts als Rätsel.

Claudio Michele Mancini – Mala Vita weiterlesen

Edwards, Martin – Kein einsames Grab

Die Lösung von so genannten „cold cases“, also Fällen, die nie aufgeklärt wurden, aber als abgeschlossen gelten, hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Fernsehserien haben sich etabliert, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und auch in der Literatur wirbt man mittlerweile mit dem Begriff „cold case“. „Kein einsames Grab“ von Martin Edwards ist ein solcher Kriminalroman.

Dem übereifrigen Engagement eines Journalisten ist es zu verdanken, dass am zehnten Jahrestag nach dem Verschwinden von Emma Bestwick ihr ungeklärter Fall wieder aufgenommen wird. Es konnte nie geklärt werden, ob sie aus eigenen Motiven verschwunden ist oder entführt wurde. Hannah Scarlett ist Leiterin der Cold-Case-Abteilung der Polizei von Cumbria und aufgrund des öffentlichen Drucks nimmt sie sich des Falls an.

Das ist keine einfache Arbeit. Sie und ihre zwei Kollegen müssen sämtliche Zeugen von damals noch einmal befragen, in der Hoffnung, dass sie sich nun an Dinge erinnern, die ihnen vor zehn Jahren nicht eingefallen sind. Ein aussichtsloses Unterfangen – bis der Journalist Toni Di Venuto behauptet, ein anonymer Anrufer hätte ihm den Fundort von Emmas Leiche gesteckt. Es soll das Arsen-Labyrinth in den Bergen von Cumbria sein. Als die Polizei hinabsteigt, um zwischen den Trümmern der ehemaligen Mine nach Emma zu suchen, findet sie nicht nur eine Leiche, sondern zwei. Hängen die beiden Fälle zusammen? Und wer ist der anonyme Anrufer? Plötzlich gewinnt der Fall deutlich an Brisanz …

Das Aufarbeiten alter, ungelöster Fälle – das klingt eher nach trockener Büroarbeit als nach einem spannenden, rasanten Krimi. Tatsächlich ist dies das größte Problem von „Kein einsames Grab“. Die Befragungen der Zeugen gestalten sich trocken und ergebnislos, nehmen aber einen Großteil des Buches ein. Die eigentlich spannenden Ereignisse werden recht knapp abgehandelt und zudem unterbrochen von diversen anderen Perspektiven in der Geschichte, die mit der eigentlichen Handlung nur wenig zu tun haben. Zum einen ist da der Handlungsstrang des Täters, der sich aber eher weniger mit der damaligen Tat auseinandersetzt. Vielmehr wird seine durchtriebene Persönlichkeit beleuchtet, was nicht unbedingt ein Zugewinn für die Geschichte ist. Zum anderen hätten wir da Daniel Kind, den Sohn von Hannahs ehemaligem Chef, der als Historiker in Cumbria arbeitet. Er kommt vor allem dann ins Spiel, wenn es darum geht, die Geschichte des Arsen-Labyrinths aufzudröseln. Ob dafür unbedingt eine eigene Perspektive von ihm notwendig war, ist fraglich. Viele Sichtweisen auf eine Handlung können sehr aufschlussreich sein, doch in diesem Fall ist Edwards‘ Vorgehen eher verwirrend. Es fällt dem Leser schwer, der zerklüfteten Handlung zu folgen und zu erkennen, was wichtig für den Fall ist und was nur schmückendes Beiwerk.

Aufgrund der Masse der erzählenden Personen gehen auch deren Persönlichkeiten ein wenig unter. Die einzigen Figuren sind zwar anständig ausgearbeitet und besitzen Tiefgang, doch wirklich interessant sind sie nicht. Hannah ist meistens dann am besten, wenn sie gerade mal wieder Zweifel bezüglich ihrer Ehe hat. Ansonsten wirkt sie wie ein Katalysator für die Ermittlungen. Sie besitzt weder einen besonderen Humor noch deutliche Schwächen. Das Gegenteil dazu ist Guy Koenig, der sich unter falschem Namen in einer Pension in Cumbria einnistet und die Hauswirtin um seinen Finger wickelt – mit dem Ziel, ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er hat definitiv eigene Züge, da er sich häufig eine neue Identität zulegt und sehr geübt im Lügen und Täuschen ist. Allerdings wird sein Charakter einseitig beschrieben. Er scheint Reuegefühle und ähnliches nicht zu kennen. Dadurch wird er unglaubwürdig.

Der Schreibstil ist, ähnlich wie die Figuren, gut, aber nicht herausragend. Edwards schreibt flüssig und lebendig, aber er setzt sich kaum von anderen Autoren ab. Er verzichtet weitgehend auf rhetorische Stilmittel und auch seine Dialoge sind häufig etwas langweilig.

In der Summe ist „Kein einsames Grab“ kein schlechtes Buch, aber eben auch kein richtig gutes. Dazu fehlt es ihm an Eigenständigkeit und auf weiten Strecken auch an Spannung und interessanten Ereignissen.

|Originaltitel: The Arsenic Labyrinth
Aus dem Englischen von Ulrike Werner
ISBN-13: 978-3-404-16264-2
412 Seiten, Taschenbuch|
http://www.bastei-luebbe.de

Martin Edwards

_Martin Edwards bei |Buchwurm.info|:_
[„Tote schlafen nicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4372

Dahl, Kjell Ola – Blutfeinde

Ein Polizist wird erschossen – bei einer Kneipenschlägerei nahe des Osloer Polizeipräsidiums. War es ein Unfall oder Mord? Kommissar Gunnarstranda wird mit dem Fall betraut, muss aber von Anfang an gegen Anfeindungen aus den eigenen Reihen kämpfen. Denn nur wenige Wochen zuvor hatte Gunnarstranda dafür gesorgt, dass Ivar Killi, der nun zum Opfer der Kneipenschlägerei geworden ist, vom Dienst suspendiert wird. Gunnarstranda ist allein auf weiter Flur, kann auf keine Hilfe seiner Kollegen hoffen und muss dann sogar feststellen, dass ihm Beweisstücke aus der eigenen Schreibtischschublade entwendet werden. Keine guten Voraussetzungen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Schlussendlich wird Gunnarstranda gar der Fall entzogen. Stattdessen muss er seinem Kollegen Frank Frølich dabei helfen, den vermissten Anwalt Arne Welhaven aufzuspüren. Zwar nicht mit Feuereifer, aber immerhin doch gewissenhaft stürzt sich Gunnarstranda in den neuen Fall und entdeckt bei seinen Nachforschungen bald, dass die beiden Fälle zusammenhängen. Denn die Geschäfte, in die Welhaven verwickelt war, betrafen auch den toten Ivar Killi.

Unter schwierigen Bedingungen macht sich Gunnarstranda daran, die beiden Fälle zusammenzubringen und die Fäden zu entwirren, die den Zusammenhang verbergen …

Kjell Ola Dahl hat sich im Krimigenre bereits einen Namen gemacht. Seine Oslo-Krimis mit Kommissar Gunnarstranda erfreuen sich einer festen Fangemeinde, zu der ich mich auch einmal zählte – bis zu diesem Buch …

Gunnarstranda ist eigenwillig, er scheut sich nicht, seine Kollegen vor den Kopf zu stoßen und auch mit unbequemen Wahrheiten aufzutreten. Er weiß sich durchzusetzen und tut, was ihm gefällt. Niemand kommt mit ihm aus, niemand möchte mit ihm zusammenarbeiten, und doch ist Gunnarstranda es stets, der den richtigen Riecher hat. Sympathisch wirkt er auf den ersten Blick eher nicht, man muss schon einen Hang zu derart eigenwilligen Charakteren haben, um Gunnarstranda ins Herz zu schließen. Doch was ihn ausmacht, ist seine Ehrlichkeit auf Teufel komm raus, die mich durchaus beeindruckt. Denn selbst, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, würde er nie einen Gedanken daran verschwenden, seinem Vorgesetzten Honig ums Maul zu schmieren, nur um diesem zu gefallen. Dennoch: An Gunnarstranda dürften sich die Geister scheiden; mir war er in diesem Fall ein wenig |zu| eigen …

Doch das Problem von „Blutfeinde“ ist ein anderes: Zunächst bekommen wir einen Toten präsentiert, den wir nicht kennen und dem wir daher auch nicht nachtrauern. Noch ist auch nicht klar, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Spannung wird also nicht aufgebaut. Im weiteren Verlauf des Romans wirft uns Kjell Ola Dahl zwar einige Hinweise vor und es wird bald klar, dass Ivar Killi nicht zufällig gestorben ist, doch die Spuren sind so verwaschen, dass wir ihnen nicht folgen können. Bevor wir eine Ahnung erlangen, wohin uns Dahl führen will, schaltet er zu einem anderen Fall, nämlich zu dem vermissten Anwalt. Einen Zusammenhang gibt es zunächst nicht, doch auch der Vermisstenfall ist undurchsichtig und kompliziert. Zu viele lose Fäden versucht Kjell Ola Dahl hier zusammenzuflechten. Meiner Ansicht nach ist sein Handlungskonstrukt dabei aber total zerfasert.

Nicht nur im Polizeipräsidium treffen wir auf zahlreiche unterschiedliche Polizisten – auf Gunnarstranda und seinen Vorgesetzten, seinen Widersacher Petter Bull, auf seinen neuen Kollegen Frølich und auf die Kollegin, die ihm an die Seite gestellt wird. Es tauchen immer mehr Personen auf, die – wie im Fall Yttergjerde – kaum eine Rolle im weiteren Verlauf des Buches spielen. Noch schlimmer sieht es bei den Ermittlungen aus, denn je weiter Gunnarstranda sich in seine Nachforschungen vergräbt, umso mehr Personen fördert er zutage, die mindestens mit einem der beiden Kriminalfälle zu tun haben. Irgendwann muss der Leser zwangsläufig den Überblick verlieren.

Aufgrund der zahllosen Figuren, die wir meist nur oberflächlich kennenlernen und die natürlich meist etwas zu verbergen haben, muss man sich regelrecht durch ein Labyrinth kämpfen – und das ohne einen leitenden roten Faden. Leider vergisst Kjell Ola Dahl bei seinem komplizierten Personen- und Handlungsgeflecht, Spannung aufzubauen, die den Leser motivieren würde, all die Irrwege mitzugehen, auf die Gunnarstranda sich begibt.

Mich hat das Buch leider kein bisschen berührt, da mir die zwei wichtigsten Dinge für einen guten Spannungsroman fehlten: der rote Faden und die Spannung. Auf mich wirkte „Blutfeinde“ vielmehr völlig überladen: Da gibt es anzügliche Fotos von jungen Mädchen, Erpressung und mögliche Vergewaltigung, es werden Unsummen an Geld auf ein dubioses Konto verschoben, und es gibt Polizisten, die mehr als nur ihren Dienst tun. Weniger wäre hier sicher mehr gewesen …

|Originaltitel: Svart Engel
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann
ISBN-13: 978-3-431-03774-6|
http://www.ehrenwirth.de

_Außerdem von Kjell Ola Dahl auf |Buchwurm.info|:_
[„Lügenmeer“ 4434

Lewis, Damien – Cobra Gold

_Das geschieht:_

1979 tobt im Libanon der Bürgerkrieg. Christliche und moslemische Gruppen kämpfen erbittert um die Macht. Die Hauptstadt Beirut ist ein Trümmerfeld. Der Westen will Frieden in der wichtigsten Erdöl-Region der Erde. Nach ständigen Attacken durch Palästinenser marschierten israelische Truppen ein. Islamische Terrorgruppen versuchen das Ausland durch Anschläge von einer weiteren Einmischung abzuhalten.

Im Januar des genannten Jahres plant der britische Special Air Service (SAS) eine geheime Operation in Beirut. Dort hält trotz der prekären Situation die „Imperial Bank of Beirut“ weiterhin ihre Pforten geöffnet. Alle kriegführenden Parteien unterhalten hier Konten. Die Bank gilt als neutrales Territorium und wird verschont. Doch der SAS hat Kenntnis von Papieren bekommen, die grundlegende Informationen über arabische Terrorzellen enthalten und in einem bestimmten Schließfach aufbewahrt werden. Neun Männer sollen unter dem Kommando ihres charismatischen Anführers Luke Kilbride nach Beirut gehen, die Bank überfallen und die Papiere sichern.

Kilbride gedenkt die Gelegenheit zu nutzen: Im Tresor der Bank lagern Goldbarren im Wert von 50 Millionen Dollar! Die wollen er und seine Männer sich unter den Nagel reißen, an einem sicheren Ort verstecken und bergen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Der Coup, Deckname „Cobra Gold“, gelingt, nur dass Kilbride im Safe nicht 700, sondern mehr als 2000 Goldbarren findet! Eine besonders fanatische Terrorgruppe, die „Schwarzen Assassinen“, lagert hier ihre Kriegskasse. Kilbride und seine Kameraden rauben 26.000 kg Gold und versenken es vor der Küste in einer Höhle der Palmeninsel. Anschließend kehren sie zu ihrem Stützpunkt zurück.

Fast drei Jahrzehnte dauert es, bis Frieden im Libanon einkehrt. Endlich kann der Schatz gehoben werden. Allerdings haben die Assassinen die Suche nach ihrem Gold nie aufgegeben. Sie planen eine weltweite Terroraktion und benötigen Geld. Außerdem sollen die frevlerischen Diebe einen schrecklichen Tod erleiden. Kilbride und seine acht Gefährten lassen sich auf ein gewagtes Spiel ein. Sie wollen nicht nur das Gold holen, sondern müssen sich auch die Assassinen vom Hals schaffen …

_Ein Haufen verwegener Hunde_

Dieser Plot erfreut sich konstanter Beliebtheit: Eine Gruppe ebenso verschworener wie kühner Profis, die sich um Gefahr und Vorschriften (oder das Gesetz) nicht kümmern, plant ein eigentlich unmögliches Unternehmen und zieht es durch, auch wenn nicht alle dies überleben werden. Vor allem in England treten Haudegen dieses Kalibers seit jeher in unzähligen Kriegsfilmen und Abenteuerromanen in Aktion. Es geht gegen einen übermächtigen, finsteren Gegner, der die schlauen Schlichen, mit denen er gehörig dezimiert wird, stets ‚verdient‘. In „Cobra Gold“ sind es nicht die sonst von den Briten immer gern an der Nase herumgeführten Nazis, sondern ihr modernes Pendant: moslemische Terroristen.

Die Dramaturgie der Handlung ist simpel; warum auch nicht, denn sie hat sich bewährt und funktioniert immer, wenn bestimmte Regeln beachtet werden. Es beginnt mit einem unkonventionellen Plan und setzt sich mit der Suche nach entsprechenden Kampfgefährten fort, die erst einmal tüchtig gedrillt werden, damit sie in Form für ihre Taten kommen. Dabei wird mächtig gestöhnt und geflucht, aber an einem Strang gezogen, denn in der Sache sind solche Draufgänger eisern und höchstens in der Umsetzung eigenwillig. Immer gibt es Konfrontationen mit Greenhorns und Sesselfurzern, denen Verachtung demonstriert und die eigene Feigheit widergespiegelt wird.

Untereinander halten ‚die Jungs‘ wie Pech und Schwefel zusammen. Sie saufen, prügeln sich, steigen den Frauen hinterher, lieben Landser-Scherze und geistlose Foppereien. Kritiker können ihnen zu Recht vorwerfen, sie wollten nicht erwachsen werden. Das dürfen sie auch nicht, da sonst niemals unterhaltsame Schwachsinns-Unternehmen wie „Cobra Gold“ zustande kämen.

Der Anführer gibt den Kitt, der die Teufelskerle zusammenhält. Luke Kilbride ist der Kopf, der koordiniert, was sich acht Querköpfe einfallen lassen – der ‚Vernünftige‘, der es inzwischen zu einem soliden Leben gebracht hat, während sich ‚die Jungs‘ ziellos treiben ließen. Die Bergung des Goldes ist ihnen nicht nur des Geldes wegen wichtig – es gibt ihrem Dasein wieder Sinn.

_Einst und jetzt – gut und mittelmäßig_

Als Roman zerfällt „Cobra Gold“ in zwei Hauptteile. Nummer eins schildert die Ereignisse des Jahres 1979. Hier läuft Verfasser Lewis zu grandioser Form auf. Der Banküberfall in den Wirren eines mörderischen Bürgerkriegs liest sich kinoreif. Jedes Wort sitzt, die Handlung wird im Höllentempo vorangetrieben. Lewis kennt Land und Leute und weiß dies für seine Geschichte zu nutzen. Der große Coup bietet Spannung pur.

Leider gelingt dem Verfasser die Rückkehr in den Libanon nicht mehr so überzeugend. Die Fahrt lässt sichtlich nach, stattdessen wirkt die Handlung zerfahren. Vor allem beginnt Lewis seinen Figuren ein Privatleben zu generieren, für das sie nicht geschaffen wurden. Bisher auf ihre Rolle als Tausendsassas beschränkte ‚Jungs‘ entwickeln plötzlich Frühlingsgefühle, soll heißen: Männer in ihren Fünfziger verlieben sich in knapp zwanzigjährige und selbstverständlich wunderschöne Frauen, die sich gern dem Werben solcher Kämpen ergeben, weil in Afrika das Alter geehrt wird. Klischeehaft und unbeholfen geschriebene Liebesszenen lassen den Leser peinlich berührt stöhnen. Der generell unnötige Versuch, einer Räuberpistole ‚Tiefe‘ einzuhauchen, schadet ihr nachhaltig.

Keine gute Idee ist auch die Weitung des Blickwinkels. Die Realität bot im ersten Teil die Folie, vor der neun Männern ihr ganz privater Husarenstreich gelang. Nunmehr wird das Gold zur Nebensache. Plötzlich geht es um die Ausschaltung islamischen Terrorgesindels. Aus Bankräubern werden Handlanger des britischen Geheimdienstes und Retter der Welt. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Hebung eines Schatzes. Zum Wohl der Menschheit wird stattdessen einer Lumpenbande eine gigantische Bombe untergeschoben, die sie in Stücke reißen soll. Das hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack, wozu passt, dass Kilbride und Co. nunmehr metzeln, was ihre prall gefüllte Waffenkammer hergibt, und sogar vor Folter nicht zurückschrecken.

_Haut die Burnusköpfe – aber nur die richtigen …_

Aber es sind ja richtig böse Mistkerle, die ins staubige Gras beißen. Lewis versucht beschwichtigend zu differenzieren: 99,9 % aller Moslems sind friedliche Menschen, die weder einander noch ihren christlichen Nachbarn Böses antun. Die restlichen 0,1 % sind jene Brandstifter, die frömmelnd und verlogen ihre eigenen Landsleute unterdrücken und die nicht-islamische Welt mit Terror überziehen.

Weil Lewis vorsichtshalber möglichen Protesten zuvorkommen möchte, konstruiert er für seine Geschichte eine eigene, ganz besonders fiese Mördertruppe. Die „Schwarzen Assassinen“ knüpfen an eine arabische Attentäter-Organisation an, die vor einem Jahrtausend ihr Unwesen trieb. Sogar die religiösen Fanatiker im eigenen Land fürchteten sie. Lewis kreiert mit dem „Scheich“ einen richtigen Bilderbuch-Buhmann, der feurigen Blickes Fremdenhass predigt und Mordbefehle erteilt, während er fromm seine Teekanne schwingt. Solcher Abschaum gehört geradezu ausgetilgt, so Lewis‘ Schlussfolgerung, die er nicht ausspricht, sondern seinen Lesern überlässt.

Um den etwaigen Vorwurf rassistischer Schmähungen endgültig abzufedern, stellt Lewis den Assassinen einen britischen Verräter zur Seite. Dieser übergelaufene und ganz besonders blindgläubige „Sucher“ ist der eigentliche Bösewicht. Er tückt noch ärger als der Scheich. Auf ihn kann und soll der Leser seinen vom Verfasser aufgepeitschten Rachedurst („Legt sie um, die Teufelsbrut! Hurra, schon wieder ein Schweinehund von einer Mine/einem Kampfhund/einer MG-Garbe zerfetzt!“) konzentrieren.

Im Finale geht es mit Nervengas und selbst gepanschtem Napalm noch einmal richtig zur Sache. Im Schatten dieses Feuerzaubers verdorrt die eigentliche Auflösung. Die Aktionen werden unrealistisch, Hektik ersetzt die ausgeklügelte Dramaturgie, die den ersten Teil des Buches auszeichnet. Als der Held zuletzt im Duell mit dem Schurken sein Ende zu finden scheint, ist dies nur billiger Vorwand für einen schmalzreichen Aufschub des Happy-Ends, mit dem selbstverständlich – und das ist kein Spoiler – das Unternehmen „Cobra Gold“ ausklingt. Schade, denn dieser Roman hatte das Zeug zu richtig großer Unterhaltung. So bleibt nur die Erinnerung an einen steilen Aufstieg, dem bis zum jähen Finalabsturz ein sanftes Abgleiten auf hohem unterhaltsamen Niveau folgt.

_Der Autor_

Damien Lewis, geboren 1966 und aufgewachsen im englischen Dorset, ist ein Journalist und Autor, dessen schriftstellerisches Spektrum zunächst verblüfft: Er schreibt einerseits militärhistorische Sachbücher bzw. Militär-Thriller und andererseits Biografien über Frauenschicksale in restriktiven muslimischen Gesellschaften. Vor allem als Ko-Autor der Sudanesin Mende Nazar, der eine abenteuerliche Flucht aus moderner Sklaverei gelang, fand Lewis zahlreiche (nicht nur weibliche) Leser und die entsprechende Aufmerksamkeit der Medien.

Die Schnittmenge seiner Hauptthemen findet Lewis in den Krisenzonen vor allem der sog. „Dritten Welt“ und hier in Afrika und im Nahen Osten. Hier geht er immer wieder auf Reisen, seit er – noch als Student – eine ausdehnte Pkw-Reise durch den afrikanischen Kontinent unternahm. Als Journalist zog es ihn im Auftrag von Zeitungen und Fernsehsendern aber auch in eher gefährliche Regionen Asiens und Südamerikas. Nach einer beinahe tödlichen Krankheit im Jahre 2000 schränkte Lewis seine Reisetätigkeit ein und begann Bücher zu schreiben, die sich – es wurde bereits erwähnt – mit humanitären und militärischen Krisen beschäftigen. Seine Werke – Bücher und Filme – wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet.

Wenn er nicht reist, pendelt Damien Lewis zwischen Südwest-England, Irland und Frankreich. Über seine Aktivitäten informiert der Autor und Filmemacher auf seiner Website: http://www.damienlewis.com.

_Impressum_

Originaltitel: Cobra Gold (London : Century Books 2007)
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2008 (Knaur Taschenbuchverlag/TB Nr. 50143)
Übersetzung: Stefan Troßbach
448 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-50143-6
http://www.knaur.de

O’Connor, Ed – Leda

Literarische Serientäter gibt es mittlerweile in allen möglichen Formen und Farben. Der englische Schriftsteller Ed O’Connor fügt dem Thema in seinem Krimi „Leda“ eine neue Nuance hinzu: Schwäne und einen guten Schuss Kunst.

Detective Inspector Lucy Maguire steht vor einem Rätsel. Innerhalb kurzer Zeit werden in London zwei weibliche Leichen gefunden. In beiden Fällen fand eine Vergewaltigung statt und die Opfer wurden merkwürdig drapiert. Zu ihren Füßen finden sich zertretene Eierschalen, in ihren Hälsen stecken die Schnäbel von Schwänen. Es scheint, als habe man es hier nicht mit einem normalen Killer zu tun. Ob ein Ritualmörder sein Unwesen treibt?

Zur gleichen Zeit wird der betagte Kunsthistoriker Siegfried Gratz von einer jungen Frau kontaktiert, die behauptet, die Tochter seiner großen, aber unerwiderten Liebe Elizabeth Weir zu sein. Sie überreicht ihm einen Briefumschlag mit seltsamen Dokumenten, darunter die Fotografie eines Michelangelo-Gemäldes. Es scheint, als habe sie ihm vor ihrem Tod ein Rätsel aufgeben wollen, in dessen Mittelpunkt das verschwundene Gemälde der „Leda“ steht. Ob Elizabeth eine Spur hatte, wo sich das Kunstwerk befindet? Helen Aurel und Siegfried Gratz machen sich auf die Suche danach, und schon bald kreuzen sich ihre Wege unvorhergesehen mit denen der Londoner Ermittler …

Die Handlungsstränge mit Gratz und Maguire sind allerdings nicht die einzigen. Begleitend beschreibt Ed O’Connor den Werdegang des Gemäldes „Leda“. Er streut immer wieder voneinander unabhängige historische Rückblicke ein, die nicht in die eigentliche Geschichte passen wollen. Sie gewinnen erst gegen Ende an Bedeutung. Vorher sind sie eher ein Ärgernis, das man gerne überblättert. Die Geschichte zerklüftet dadurch sehr stark, und die kurzen Abschnitte, die im sechzehnten Jahrhundert beginnen, passen nicht in den Kontext. Die Sprünge zwischen den einzelnen Handlungssträngen machen es für den Leser schwierig, der Geschichte zu folgen. Hinzu kommt, dass der Autor die einzelnen Abschnitte häufig sehr kurz hält. Dadurch verschenkt er einiges an Potenzial – auch hinsichtlich der Spannung des Thrillers.

Durch die vielen, nebeneinander stehenden Perspektiven gibt es nur wenig Raum zur Entfaltung der Charaktere. Siegfried Gratz wird zum Glück recht ausführlich behandelt, denn er ist ein interessanter Mensch mit einer spannenden Vergangenheit. Außerdem macht es Spaß, seinem Wissen über die Kunst zu folgen. Anders sieht das bei Aiden Duffy, dem Londoner Forensikspezialisten, aus. Er kommt eindeutig zu kurz. Seine Figur besitzt sehr viel Tiefgang, der sich aber aufgrund der Kürze seiner Auftritte nicht völlig entfalten kann. Zudem fällt besonders an dieser Stelle auf, dass der Autor zu viel Drumherum in sein Buch packen wollte. Neben der Geschichte des Gemäldes, den Morden in London und Gratz‘ Suche nach dem Gemälde behandelt er außerdem Duffys Vergangenheit, seine Beziehung zu DI Maguire sowie Vergangenheit und Gegenwart des Mörders.

Es ist löblich, dass Ed O’Connor das Geschehen aus so vielen Blickwinkeln wie möglich beleuchten möchte, doch in diesem Fall wäre weniger mehr gewesen. O’Connors unaufgeregter, flüssiger Schreibstil und das Handlungsgerüst an und für sich hätten einen ordentlichen Thriller gegeben, doch das ausschweifende Beiwerk schadet „Leda“ mehr, als es nützt. Schade.

|Originaltitel: Leda
Aus dem Englischen von Marion Sohns
ISBN-13: 978-3-404-16263-5
412 Seiten, Taschenbuch|
http://www.bastei-luebbe.de

_Ed O’Connor bei |Buchwurm.info|:_
[„Mit eiskalter Klinge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3653