Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Indriðason, Arnaldur – Todesrosen

Ausgerechnet auf dem Grab des isländischen Nationalhelden Jón Sigurdsson wird die Leiche einer jungen Frau gefunden – nackt, mit Spuren körperlicher Misshandlung übersät und erstickt. Sigurdsson starb 1879; wollte der Mörder etwas mit seiner Tat aussagen?

Kommissar Erlendur Sveinsson, der mit seinem Team die Ermittlungen aufnimmt, ist davon überzeugt, dass die Leiche nicht grundlos dort platziert wurde. Zunächst gilt es jedoch, die Identität des Opfers festzustellen, was sich als erstaunlich schwierig erweist. In seiner Not zieht Erlendur sogar seine Tochter Eva Lind zu Rate, die als Junkie und Gelegenheitsprostituierte die Unterwelt der Hauptstadt Reykjavík kennt.

Endlich bekommt die Leiche einen Namen: Birta gehörte zu den Drogenschmugglern des örtlichen Gangsterbosses Herbert Baldursson, der sie auch an Freier ‚vermittelte‘, denen gern die Hand ausrutscht. Offenbar lief Birtas letzte Party schrecklich aus dem Ruder. Oder hat die junge Frau den Unwillen des brutalen und jähzornigen Herbert erregt?

Erlendur will an so profane Erklärungen nicht glauben. Birta stammt wie Jón Sigurdsson aus den Westfjorden. Mit seinem wenig begeisterten Kollegen Sigurður Óli begibt er sich auf die lange Fahrt zur zerklüfteten Nordwestküste Islands. Er kommt in eine von Rezession und Landflucht gezeichnete Region – ein Niedergang, hinter dem Erlendur allmählich Methode zu erkennen glaubt.

In Reykjavík wird Herbert entführt und bleibt verschwunden. Offenbar gibt es jemanden, der um Birta trauert und ihren Tod rächen will. Ein angesehenen ‚Geschäftsmann‘ wird sehr nervös, denn Herbert erledigt allerlei Drecksarbeit für ihn, die tunlichst unbekannt bleiben sollten. Der ist in seinem Gefängnis inzwischen über die Hintergründe im Bilde und wird zu Erlendurs wichtigstem Zeugen – sollte er überleben …

_Kleine Insel auf krimineller Aufholjagd_

|“Morde werden hier im Affekt verübt. Meistens im Suff. Sie haben nie irgendwas Symbolisches an sich oder irgendeine tiefere Wahrheit. Morde sind hier schäbig, scheußlich und ganz und gar zufällig.“| (S. 97/98)

So spricht Polizist Sigurður Óli und gibt damit eine Grundsatzerklärung ab. Doch er irrt, während sein Kollege Erlendur gedanklich schon weiter ist: An der Wende zum 21. Jahrhundert beginnt sich auf der kleinen Insel hoch im Nordatlantik das Verbrechen zu wandeln. Die Globalisierung sorgt für einen Quantensprung. Verbrechen und Big Business beginnen sich zu vermischen, die Grenzen verwischen dabei. Der Tod wird zum Geschäftsrisiko – ein Faktor, den das organisierte Verbrechen kühl einkalkuliert.

Herbert und vor allem sein unsichtbarer Auftraggeber haben die modernen Regeln verinnerlicht. Das Spektrum ihrer kriminellen Aktivitäten ist breit: Für die Kneipen Reykjavíks importieren sie Prostituierte aus Osteuropa, die regelmäßig gegen ‚frische Ware‘ ausgetauscht werden. Gleichzeitig schmuggeln sie Drogen im großen Stil. Noch lukrativer ist die Aneignung und Ausbeutung politischen und wirtschaftlichen Insiderwissens. Wer gut schmiert und weiß, wann und wo Großprojekte geplant sind, kann früh einsteigen und absahnen; das ist nicht einmal illegal, sondern höchstens moralisch bedenklich – eine Einschränkung, die aus Sicht der „global players“ freilich nur für Schwächlinge von Belang ist.

_Nicht jeder Wurm mag ewig kriechen_

Selbstverständlich bleibt der ‚klassische‘ Mord dem modernen Island erhalten. Weiterhin bringen sich die Menschen aus Hass und Gier und auf denkbar hässliche Arten um. Im Fall der „Todesrosen“ irrt Sigurður Óli trotzdem ein weiteres Mal: Die hier beschriebenen Morde und Mordversuche sind zwar schäbig, aber dennoch von enormer Symbolkraft.

Wie Erlendur Sveinsson mag sich der lange unsichtbar bleibende, weil aufgrund seiner Unauffälligkeit in der Menge verschwindende Kidnapper Herberts nicht damit abfinden, dass nur die kleinen Fische für ihre Taten büßen müssen, während sich die Großen hinter einer Wand aus Geld, Macht und Verbindungen verschanzen. Ihm geht es dabei zwar um Gerechtigkeit, aber nicht um gerechte Strafe. Die Polizei bleibt deshalb außen vor. Selbstjustiz tritt an ihre Stelle.

Doch das Schicksal ist tückisch. Das Blatt wendet sich, die ‚Bösen‘ gewinnen die Oberhand und schlagen zurück. Als sie dennoch fallen, bleibt der Rächer als Opfer zurück. An die Stelle des verbrecherischen Spekulanten wird ein neuer ‚Geschäftsmann‘ treten, der die Beutelschneiderei seines Vorgängers genau studieren und verfeinern wird.

_Der Kommissar und die Last der Welt_

Zu dieser Erkenntnis ist Erlendur längst gelangt. Sein daraus resultierender Schwermut ist verständlich: Was in wirtschaftskriminellen Kreisen Allgemeinwissen ist, kann er, der doch eigentlich Gesetz und Ordnung repräsentiert, nur mühsam und ihm Rahmen einer anstrengenden Recherche in den Westfjorden in Erfahrung bringen. Was er dort entdeckt, hilft ihm wenig, denn während sein Gegner sich aller Regeln enthoben fühlt, muss sich Erlendur daran halten. Er kämpft quasi mit einem auf den Arm gebundenen Rücken.

Ausgeglichen wird dieses Handicap durch Erlendurs ausgeprägten Hang zur intensiven Fahndung und einer Abneigung gegen alles, was sich ihm dabei in den Weg stellt. Wieder einmal lässt Autor Indriðason seinen ohnehin gebeutelten Helden (dazu weiter unten mehr) beruflich ausgiebig gegen geschlossene Türen laufen, hinter denen sich seine Verdächtigen über ihn lustig machen oder sicher wähnen. Sie irren sich, denn Erlendur ist an einem Punkt seines Leben angekommen, an dem er an berufliche Stromlinienform als Voraussetzung einer Karriere keinen Gedanken mehr verschwendet. Solche Menschen sind gefährlich, wie Erlendur beweist, als er sich langsam aber buchstäblich hartnäckig der Lösung entgegenarbeitet. Die hat es in sich und ist mit einem hübschen, weil sehr ironischen Finaltwist verknüpft, der zur Abwechslung einmal funktioniert.

Wie es sich für einen skandinavischen Kriminalisten gehört, ist Erlendur auch privat keine Frohnatur, was noch vorsichtig ausgedrückt ist. Er lebt allein und ist einsam, seine Familienverhältnisse sind desaströs; seine Ex-Gattin hasst ihn viele Jahre nach der Scheidung noch immer aus tiefster Seele, sein Sohn ist Alkoholiker, seine Tochter drogensüchtige Prostituierte. Mit den daraus resultierende Problemen füllt Indriðason manche Buchseite. Erfreulicherweise übertreibt er es nie damit; „Todesrosen“ bleibt Kriminalroman. Hilfreich ist auch ein ausgeprägter Sinn für Humor, der eher schottisch als skandinavisch anmutet. Den hat Erlendur auch nötig, denn die Zukunft hält für ihn noch manche Prüfung bereit.

_Durcheinander als Veröffentlichungsprogramm_

Das weiß der Indriðason-Leser womöglich schon, denn obwohl „Todesrosen“ als siebter Band der Erlendur-Serie in Deutschland erscheint, steht er chronologisch an zweiter Stelle. Der Verlag begann nicht mit Nummer eins, sondern griff sich einfach einen Band aus dem Mittelfeld heraus. Die entstandenen Lücken wurden erst nachträglich gefüllt, als sich herausstellte, dass die deutschen Leser Indriðason-Romane schätzen und wohl auch ältere Titel nicht verschmähen würden. Diese rüde Behandlung sind besagte Leser freilich gewöhnt. Immerhin ist die Reihe inzwischen vollständig und sie wird sogar fortgesetzt, während viele andere lesenswerte Serien rüde gekappt (weil nicht schnell genug einträglich) wurden und werden.

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason wurde am 8. Januar 1961 in Reykjavik geboren. Er wuchs hier auf, ging zur Schule, studierte Geschichte an der University of Iceland. 1981/82 arbeitete als Journalist für das |Morgunblaðið|, dann wurde er freiberuflicher Drehbuchautor. Für seinen alten Arbeitgeber schrieb er noch bis 2001 Filmkritiken. Auch heute noch lebt der Schriftsteller mit Frau und drei Kindern in Reykjavik.

1995 begann Arnaldur Romane zu schreiben. „Synir duftsins“ – gleichzeitig der erste Erlendur-Roman – markierte 1997 sein Debüt. Jährlich legt der Autor mindestens einen neuen Titel vor. Inzwischen gilt er – auch im Ausland – als einer der führenden Kriminalschriftsteller Islands. Gleich zweimal in Folge wurde ihm der „Glass Key Prize“ der Skandinaviska Kriminalselskapet (Crime Writers of Scandinavia) verliehen (2002 für „Nordermoor“, 2003 für „Todeshauch“).

Drei seiner Romane hat Arnaldur selbst in Hörspiele für den Icelandic Broadcasting Service verwandelt. Darüber hinaus bereiten die isländischen Regisseure Baltasar Kormákur bzw Snorri Thórisson Verfilmungen von „Nordermoor“ bzw. den Thriller „Napóleonsskjölin“ (Operation Napoleon), den Arnaldur 1999 schrieb, vor.

Die Erlendur-Romane erscheinen gebunden und als Taschenbücher im (Bastei-)Lübbe-Verlag:

(1997) [Menschensöhne 1217 („Synir duftsins“) – TB Nr. 15530
(1998) Todesrosen („Dauðarósir“)
(2000) [Nordermoor 402 („Mýrin“) – TB Nr. 14857
(2001) [Todeshauch 856 („Grafarþögn“) TB Nr. 15103
(2002) [Engelsstimme 2505 („Röddin“) – TB Nr. 15440
(2004) [Kältezone 2274 („Kleifarvatn“) – TB Nr. 15728
(2005) [Frostnacht 3989 („Vetraborgin“) – TB Nr. 15980 (erscheint März 2009)
(2007) „Harðskafi“ (noch nicht in Deutschland erschienen)

_Impressum_

Originaltitel: Dauðarósir (Reykjavík: Vaka-Helgafell 1998)
Übersetzung: Coletta Bürling
Deutsche Erstausgabe: Juni 2008 (|Lübbe|-Verlag/|editionLübbe|)
301 Seiten
EUR 18,95
ISBN-13: 978-3-7857-1612-0
http://www.luebbe.de

Als Hörbuch: Juni 2008 (|Lübbe Audio|)
4 CDs, gelesen von Frank Glaubrecht
340 min
EUR 19,95
ISBN 978-3-7857-3561-9

di Fulvio, Luca – Rache des Dionysos, Die

In seiner Heimat Italien hat Luca di Fulvio bereits einige Bücher veröffentlicht, unter anderem auch Kinderbücher. Sein erster deutscher Streich, „Die Rache des Dionysos“, möchte nicht so ganz zu dieser Tatsache passen. Der Thriller ist von einem Kinderbuch ungefähr so weit entfernt wie die Erde von der Sonne. Wer nun wissen möchte, ob di Fulvio eher bei der Lektüre für die Jüngeren oder bei der für die Älteren brilliert – nun, diese Frage kann nicht beantwortet werden, da di Fulvios Kinderbücher es bislang noch nicht bis nach Deutschland geschafft haben.

„Die Rache des Dionysos“ sollte allerdings lieber nicht in Kinderhand geraten, denn das Buch geizt nicht mit Blut und Leichen. Milton Germinal, junger und erfolgreicher Inspektor, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Arbeitervorort Mignetta strafversetzt, nachdem man ihn beim Heroinkonsum ertappt hat. Tatsächlich ist er abhängig, was ihn das ganze Buch lang begleiten wird. Bereits am ersten Tag an seinem neuen Arbeitsplatz geht es rund. In einer Villa in der Nähe ist die Frau eines Aktionärs der Zuckerfabrik, die den meisten Leuten in der Mignetta Arbeit gibt, ermordet worden. Es war ein furchtbares Blutbad, Frau Neef ist buchstäblich zerfleischt worden.

Wer würde so etwas tun? Bei der Obduktion, die der Graf Noverre durchführt, der ohne Arme auf die Welt gekommen ist und nur dank seines Assistenten diesem Beruf nachgehen kann, finden sich weitere Auffälligkeiten. Doch bevor Germinal mit seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden wenigstens eine kleine Spur findet, wird eine weitere Frau ermordet, auch sie hat mit der Zuckerfabrik zu tun. Zur gleichen Zeit versucht ein Sozialist, die Arbeiter der Fabrik zu einem Aufstand zu bewegen, und es scheint, als ob seine Parolen auf fruchtbaren Boden fielen. Germinal, eigentlich ein gewissenhafter Ermittler, wird nicht nur durch seine Drogensucht beeinträchtigt. Zum einen freundet er sich mit dem Grafen Noverre an, der ihm tief in die Seele zu blicken weiß, und verliebt sich in die junge Tänzerin Ignés. Zu spät merkt er, dass all diese neue Bekanntschaften in eine alte Geschichte münden, die einen verheerenden Schaden anrichten könnte …

„Die Rache des Dionysos“ zeichnet sich durch seine düstere Atmosphäre und die lebendig gewordene Geschichte aus. Die Epoche der Industrialisierung wird sehr lebendig und pessimistisch dargestellt. Wenn man bedenkt, wie zu dieser Zeit riesige Moloche von Fabriken entstanden, wirken di Fulvios Schilderungen sehr authentisch, auch wenn er sich sicherlich sehr stark den finsteren Elementen dieser Zeit zuneigt. Dadurch gelingt ihm ein hervorragender Hintergrund für diesen spannenden Thriller, der die Lösung des Kriminalfalls lange nicht preisgibt und dann in ein fulminantes Finale mündet. Wie der Titel schon andeutet, gibt es innerhalb des Buches Referenzen zur griechischen Sagenwelt und natürlich dem Gott des Weines. Allerdings hält di Fulvio diese Stellen angenehm kurz und konstruiert auch keine komplizierte Analogie zu den alten Geschichten. Leser, die sich darauf freuen, tief in die Antike abzutauchen, werden daher enttäuscht. Der italienische Autor hat einen Thriller geschrieben, keinen historischen Roman, und das ist auch gut so.

Obwohl die Handlung gut konstruiert und packend erzählt wird, verlässt sich di Fulvio nicht darauf. Zusätzlich nehmen auch die Erlebnisse und Erinnerungen der fantastisch gezeichneten Figuren sehr viel Raum ein. Das ist nicht negativ, denn die Charaktere, die beinahe genauso düster sind wie der Grundtenor der Geschichte, sind tiefgehend gezeichnet, und jeder scheint ein dunkles Geheimnis zu besitzen. Dadurch erlangt der Roman weitere Spannung und wirkt vor allem sehr sorgfältig ausgearbeitet und konsistent.

Neben dem drogensüchtigen Germinal sticht vor allem der Graf Noverre hervor. Dank seiner ungewöhnlichen Behinderung ist er von vornherein ein interessanter Charakter mit einer sehr eigenen Persönlichkeit. Der Autor schafft es, dem Leser eindringlich zu vermitteln, welche Grenzen einem Menschen gesetzt sind, der ohne Arme geboren wurde. Dabei wird di Fulvio nie pathetisch, sondern behandelt seine Romanfigur mit großem Respekt. Diesen sollte auch der Leser aufbringen, spätestens, wenn er Noverres Lebensgeschichte erfährt. Mehr oder weniger geschickt hat der Autor diese in einem Extrateil aufgeschrieben. Dieser hängt nicht mit der eigentlichen Geschichte zusammen, ist aber wichtig, damit man die Hintergründe des Mörders und dessen Motiv versteht. Auf den ersten Blick wirkt es sicherlich ungewöhnlich, dies nicht direkt in die Geschichte zu packen; bedenkt man jedoch, wie oft Thriller durch die Ausschlachtung von Vergangenem langweilig oder unrealistisch werden, kann man Luca di Fulvio nur loben.

Am Schreibstil gibt es ebenfalls nichts zu meckern. Der Autor schreibt flüssig und sauber mit einem historisch anmutenden Unterton. Er begeht allerdings nicht den Fehler, den einige andere historische Autoren machen, indem er zu geschwollen oder zu erhaben wird.

„Die Rache des Dionysos“ ist ein literarisch ansprechendes, aber den Leser nie überforderndes Buch, das seine düstere Atmosphäre gut zu transportieren weiß. Die Handlung ist fesselnd, die Figuren sind lebensnah und abwechslungsreich. Kinderbücher hin oder her – für Erwachsene kann Luca di Fulvio schreiben. Das hat er hiermit bewiesen!

|Originaltitel: La Scala Di Dioniso
Aus dem Italienischen von Petra Knoch
571 Seiten, Taschenbuch|

http://www.bastei-luebbe.de

SIMONE BUCHHOLZ – Revolverherz

Simone Buchholz, leidenschaftliche Wahlhamburgerin, ist keine Unbekannte. Sie hat als Redakteurin gearbeitet und bereits mehrere Sachbücher verfasst oder mitgeschrieben. Nun wagt sie sich an ihr Romandebüt, wobei sich zwischen ihr und ihrer Heldin Chastity Riley ein paar Parallelen erkennen lassen. Beide haben ihre jungen Jahre in Hanau verbracht und sind später an die Elbe gezogen. Noch etwas scheinen sie zu teilen: den Enthusiasmus für den Stadtteil St. Pauli. Das sollte spätestens dann klar geworden sein, wenn man „Revolverherz“ zuschlägt.

Chastity Riley ist Staatsanwältin und die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie ist gerade in einen besonders widerlichen Fall verwickelt. Im Hafen wurde eine junge Frau gefunden, erdrosselt und nackt. Auf ihrem Kopf thront eine blaue Perücke, sie wurde skalpiert. Chastity und dem alten, väterlichen Kommissar Faller wird schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem normalen Mörder zu tun haben. Sie setzen alles daran, um die Ermittlungen voranzutreiben. Chas, die im Herzen von St. Pauli wohnt, hört sich dort auf eigene Faust um, weil die Tote im Stripclub „Acapulco“ auf dem Kiez getanzt hat. Dabei holt sie sich ihren Nachbarn, den ehemaligen Kleinkriminellen Klatsche zur Hilfe, der ihr, obwohl deutlich jünger als sie, eindeutige Avancen macht.

Wenig später finden sie eine zweite Leiche, ebenfalls Stripperin im „Acapulco“ und blutjung. Es gibt keine Verbindung zwischen den beiden Opfern. Anscheinend mordet der Täter wahllos, was die Ermittlungen nicht unbedingt leichter macht. Chas, Faller und ihre Kollegen haben ganz schön zu tun. Nebenbei hat Chas auch noch ihr Privatleben in Einklang zu bringen: Ihre Vergangenheit jagt sie, ihre Freundin Carla möchte sie erst mit einem älteren Herren verkuppeln und ist dann auf einmal verschwunden, Klatsche benimmt sich wie ein liebestoller Hengst und der FC St. Pauli verliert wie immer. Gerade in dem Moment, als der jungen Frau alles über den Kopf zu wachsen scheint, muss sie feststellen, dass der Fall vielleicht mehr mit ihrem Leben zu tun hat, als sie glaubt …

Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es auch sehr gewundert. Chastity steht für einen Krimi sehr stark im Vordergrund. Das ist logisch, schließlich wird aus ihrer Erzählperspektive erzählt. Die Autorin verwendet allerdings zusätzlich Zeit darauf, das Privatleben der Staatsanwältin auszuleuchten. Das gelingt ihr sehr gut. Chastity ist interessant und gut ausgearbeitet und wirkt stellenweise wie eine kühlere, erfolgreichere Bridget Jones – und das ist ein positiver Vergleich! Chas ist umwerfend ironisch, kantig und voller Widersprüche. Sie hat düstere, schmerzhafte Geheimnisse, die sie dem Leser nicht vorenthält, und begeht viele Fehler, was sie menschlich erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass sie nicht so einfach einem der existierenden Literaturklischees von Frauen zugeordnet werden kann. Sie ist keine Witzfigur aus einem Frauenroman, für die taffe Anwältin ist sie zu verletzlich und für die Karrierefrau trinkt sie zu viel Bier und mag Fußball zu sehr.

Die anderen Figuren im Buch sind amüsant und gut ausgearbeitet, lehnen sich aber zumeist an Klischees vom Kiez oder der Krimiliteratur an. Dass dies nicht störend wirkt, ist der Autorin hoch anzurechnen und hängt damit zusammen, dass sie trotzdem jeder Figur eine eigene Note zu verleihen weiß. Klatsche beispielsweise ist auf der einen Seite das Schlitzohr, hat aber auf der anderen Seite ein goldenes Herz und versucht, sein Geld mittlerweile legal zu verdienen – mit einem Schlüsseldienst, naheliegend für einen ehemaligen Einbrecher.

So viel Positives lässt sich über die Handlung nicht berichten. Die wirkt aufgrund Chastitys Dauerpräsenz häufig wie die Zweitbesetzung, was nicht unbedingt ein Fehler sein muss. Allerdings macht die Autorin den Fehler, es mit den düsteren Erinnerungen von Chas ein wenig zu übertrieben. Häufig wirken diese deplatziert und die Nähe zum Kriminalfall ist an einigen Stellen fraglich, was dem Buch ein paar Längen beschert. Des Weiteren lässt sich Buchholz‘ Lokalkolorit kritisieren. Wer nicht gerade in Hamburg wohnt, wird mit vielen ihrer Beschreibungen nur wenig anfangen können. Da sie wirklich ständig auf den besonderen Merkmalen der Stadt herumreitet, geht dem Leser Hamburg nach einer Weile auf die Nerven und Chastitys Liebe zur Elbstadt wird stellenweise unrealistisch. Ähnliches gilt für die Handlung, die nicht nur durch diesen Füllstoff gestört wird. Insgesamt ist der Kriminalfall, den es zu lösen gilt, nicht wirklich innovativ. Das Rotlichtmilieu mit seinen skurrilen Gestalten – sei es in Hamburg, Berlin oder in jeder anderen, größeren Stadt dieser Welt – ist immer wieder gerne ein Ansatzpunkt für Geschichten. Simone Buchholz schafft es nicht, ihre Handlung so zu zeichnen, dass sie eigenständig wirkt. Man glaubt nicht nur, Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, sondern kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier an Spannung fehlt. Es fällt schwer, eine Spannungskurve auszumachen; vielmehr wirkt die Geschichte stellenweise wie eine Aneinanderreihung verschiedener Ereignisse und einiger Zufälle, die in der Summe doch ein bisschen zu häufig auftreten.

Das Buch ist im Präsens geschrieben, was bereits auf der ersten Seite für hochgezogene Augenbrauen sorgt. An diesem Erzähltempus sind schon ganz andere Autoren gescheitert. Häufig wirkt es holprig und verhindert das Aufkommen einer gewissen Atmosphäre. Bei „Revolverherz“ ist der Fall ähnlich gelagert. Der Krimi lässt sich, besonders am Anfang, nicht wirklich flüssig lesen und scheint zu ‚eiern‘. Buchholz überspielt dies allerdings recht erfolgreich mit den anderen Komponenten ihres Schreibstils, die da vor allem ihr Humor und ihre Ironie wären. Sie kann richtiggehend boshaft-bissig sein und ihr feiner, schwarzer Humor sorgt dafür, dass sie nie in die Nähe des seichten Frauenromanwitzes kommt. Sie schöpft aus einem breiten, alltäglichen Wortschatz, der auch den einen oder anderen vulgären Ausdruck enthält und manchem Leser vielleicht schon wieder zu flapsig sein wird.

Als Fazit lässt sich sagen, dass Simone Buchholz‘ belletristisches Debüt gute Ansätze zeigt, aber die eine oder andere Schwäche aufweist. Diese finden sich vor allem bezüglich der Handlung, die gerne etwas straffer und besser konstruiert sein dürfte. Die Figur der Chastity Riley ist dagegen sehr interessant und auch der Schreibstil hat seine guten Seiten.

http://www.droemer.de

Jim Kelly – Kalt wie Blut

Während einer Kältewelle sterben zwei Männer auf bizarre Weise. Ein misstrauischer Reporter glaubt nicht an Zufall und enthüllt nicht nur eine mörderische Intrige, sondern muss auch noch feststellen, dass er selbst darin verwickelt ist … – Sehr britischer Krimi der modernen Art, d. h. unter Einsatz diverser ablenkender „red herrings“ geplottet, mit gesellschaftskritischen Untertönen ausgestattet und mit zwar intensiven Seifenoper-Elementen versehen, die aber durch trockenen Humor und einen gesunden Sinn fürs Absurde angenehm gemildert werden; anders ausgedrückt: Lektürevergnügen für den leicht gehobenen aber nie behaupteten Anspruch.
Jim Kelly – Kalt wie Blut weiterlesen

Tim Powers – Declare. Auf dem Berg der Engel

Der Kalte Krieg zwischen den Geheimdiensten der irdischen Großmächte wird unter ‚Rekrutierung‘ der von Gott abgefallenen und aus dem Himmel gestürzten Engel geführt. Ein sorgfältig geschulter Agent soll ihnen auf dem Gipfel des Berges Ararat den Garaus machen, aber selbst gefallene Engel sind mächtige Kreaturen … – Ungemein dichte, vielleicht überambitionierte, weil die Spannung manchmal in einer Flut unnötiger Details ertränkende aber spannende, eindrucksvolle und sogar geniale Mischung aus Historien- und Spionage-Thriller, Phantastik und Love-Story.
Tim Powers – Declare. Auf dem Berg der Engel weiterlesen

Quigley, Sheila – Lauf nach Hause

Sheila Quigleys Geschichte erinnert ein wenig an die der englischen Bestsellerautorin Joanne K. Rowling. Abgesehen vom gleichen Herkunftsland hat auch sie von Sozialhilfe gelebt, als ein Verlag das Manuskript ihres ersten Buches „Run for home“ kaufte. Allerdings ist ihre Geschichte vermutlich noch ein wenig erstaunlicher. Immerhin soll die 1948 Geborene mit fünfzehn Jahren als Analphabetin und ohne Abschluss in einer Textilfabrik gearbeitet und mit achtzehn geheiratet und vier Kinder bekommen haben. Trotz dieser eher ungewöhnlichen Lebensgeschichte schreibt sie mittlerweile Romane.

Die Geschichte spielt in dem fiktiven englischen Armenviertel Seahills Estate. Im Mittelpunkt steht die Familie der sechzehnjährigen Kerry. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, sie hat fünf Geschwister und kennt weder ihren eigenen noch deren Väter. Das Einzige, was sie am Leben hält, ist das Rennen. Sie ist sehr gut in diesem Sport und träumt davon, die nächste Meisterschaft zu gewinnen. Doch ihr Training wird jäh unterbrochen, als eines Tages ihre Schwester, die hübsche Claire, verschwindet. Sie hat die Dreizehnjährige eigentlich nicht besonders gut leiden können, doch nun fehlt sie ihr. Gemeinsam mit ihren Geschwistern macht sie sich auf die Suche, genau wie die Polizei unter der Führung der temperamentvollen Lorraine.

Die Polizei interessiert sich aber nicht nur für Claire und weitere entführte Teenagermädchen. In letzter Zeit sind immer wieder ältere Leichen ohne Köpfe aufgefunden worden und es gibt lange Zeit keine Hinweise darauf, wer die Toten oder wer sie auf dem Gewissen haben könnte. Als es schließlich erste Hinweise gibt, wird die Situation nur noch verzwickter. Es scheint, als sei die resolute Kneipenbesitzerin Mrs. Archer in den Fall verwickelt, doch an sie gibt es kein Herankommen. Oder gibt es noch eine ganz andere, nicht greifbare Person im Hintergrund, die die Geschehnisse im Seahills Estate lenkt? Was hat Kerrys Familie damit zu tun? Ist das Geheimnis von Vanessa, der Mutter, vielleicht nicht nur ein Familiengeheimnis, sondern eines, das die Ermittlungen gewaltig vorantreiben könnte?

Das Beachtenswerteste an Quigleys Debüt sind dessen dichtes Personennetzwerk sowie die herausragend ausgearbeiteten Charaktere. Kerry und Co. besitzen alle ihre ganz eigene Persönlichkeit, die die Autorin perfekt in Worte zu formen weiß. Neben einer gehörigen Ecken und Kanten stellt sie vor allem die Mentalität solcher Menschen, die in ihrem Leben nichts geschenkt bekommen, gekonnt dar. Obwohl Kerry aufgrund ihrer Kratzbürstigkeit und ihres Hangs zu derbem Vokabular nicht unbedingt die freundlichste Zeitgenossin ist, wirkt sie doch sympathisch und vor allem authentisch. Man kann gut nachvollziehen, wie das junge Mädchen zu dem geworden ist, was sie ist.

Allerdings ist Kerrys Protagonistenrolle nur eine kleine. Eine einzige Hauptperson in dem Buch auszumachen fällt schwer, da Quigley das Seelenleben beinahe jeder Person beleuchtet, indem sie aus wechselnden Perspektiven schreibt. Was anderen Büchern schadet, tut „Lauf nach Hause“ gut. Die Abwechslung sorgt für einen fantastischen Gesamtüberblick, der weder die rasante Handlung beeinträchtigt noch zu sehr in die Breite geht. Da beinahe jede Person ein Geheimnis zu verbergen hat, ist es umso interessanter, etwas von dieser Person zu erfahren. Da dies zumeist durch eine gehörige Portion Humor gewürzt wird, kommt auch der Lesespaß nicht zu kurz.

Die Handlung ist gut konstruiert und verliert ihr Ziel nie aus den Augen. Es gibt verschiedene Erzählstränge, die Quigley auf interessante und nachvollziehbare Art und Weise zusammenführt. Dabei geht so gut wie keine Spannung verloren und der Leser weiß bis zum Finale nicht, wer hinter dem Gespinst aus Verbrechen steckt. Es ist allerdings nicht so, dass die Lösung zu überraschend oder aus dem Kontext gerissen wäre. Die Autorin bettet ihre Geschichte ihn einen genau abgesteckten Rahmen, der sowohl zeitlich als auch räumlich stimmig ist.

Als ob dies noch nicht genug wäre, überzeugt auch der Schreibstil auf ganzer Linie. Zum einen schafft es die Autorin, mit einem angemessenen Wortschatz und einfachen Sätzen das Innenleben sowie die Ereignisse präzise und lebendig darzustellen. In den Dialogen nimmt sie kein Blatt vor den Mund – besonders Kerry tut sich durch ihr unflätiges Mundwerk hervor -, doch ansonsten schreibt sie auf hohem Niveau. Was zusätzlich dafür sorgt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann, ist der unterschwellige Humor, den die Autorin einfließen lässt. Anfangs fällt er gar nicht richtig auf, doch mit der Zeit bemerkt man die Ironie und den Zynismus, die sie immer wieder einflicht. Das lockert die Geschichte unheimlich auf und sorgt an der einen oder anderen Stelle sogar für einen Lacher.

Sheila Quigley schafft das, was vielen anderen Autoren nie gelingt. Sie webt einen geradezu magischen Erzählteppich, der nicht nur überquillt vor interessanten Charakteren und einem humorvollen Schreibstil, sondern auch mit einer spannenden, dichten Handlung aufwarten kann. Das Einzige, was Quigley fehlt, ist wohl der Erfolg ihrer Landsmännin Rowling.

|Originaltitel: Run for home
Deutsch von Monica Bachler
356 Seiten, Taschenbuch|

http://www.dtv.de

Charles Atkins – Risiko

Der Amerikaner Charles Atkins weiß, wovon er schreibt. Genau wie die Hauptfigur in „Risiko“ ist er Psychiater, und es scheint, als ob dieser Beruf eine gute Inspirationsquelle für Geschichten darstellt. Auf seiner Website berichtet er, dass er dieses Buch schrieb, während er mit verhaltensauffälligen Jugendlichen arbeitete. Und genau darum geht es in diesem Buch. Ab wann ist ein Jugendlicher verhaltensauffällig? Wie kam es dazu? Und sind sie wirklich alle Monster?

Charles Atkins – Risiko weiterlesen

Catherine Aird – Skelett mit Folgen

aird-skelett-cover-kleinIn einer Kellerruine wird die skelettierte Leiche einer jungen Frau gefunden, die vor Jahrzehnten einem Mord zum Opfer fiel. Der Täter wird erneut aktiv, um im Wettlauf mit der Polizei mögliche Spuren zu verwischen … – Gediegene britische Krimi-Kunst, die mörderischen Ernst mit beachtlichem Witz zu einem exakt ausbalancierten Lesevergnügen mischt.
Catherine Aird – Skelett mit Folgen weiterlesen

Donn Cortez – CSI Miami: Der Preis der Freiheit

Bizarr und peinlich ist der Tod des Kellners Phillip Mulrooney, der auf der Toilette des vegetarischen Restaurants „Earthly Garden“ sitzend vom Blitz erschlagen wurde. Da das CSI-Team um Lieutenant Horatio Caine diesen Fall untersucht, dauert es nur kurze Zeit, bis Zweifel aufkommen. Die Toilette wurde anscheinend zur Todesfalle umgebaut, der Blitz durch eine kunstreiche Vorrichtung zum Pechvogel Mulrooney geleitet.

Die Ermittlungen ergeben, dass „Earthly Garden“ ein Unternehmen der „Vitality Method“-Klinik ist, die vom charismatischen Dr. Sinhurma geleitet wird. Der hat sich einen Namen als neuer Guru gemacht, der seinen meist prominenten und gut betuchten ‚Patienten‘ seine Lebensphilosophie verkauft. Für Caine ist „Vitality Method“ eine Sekte, die ihre Mitglieder per Gehirnwäsche und Drogen kontrolliert.

Donn Cortez – CSI Miami: Der Preis der Freiheit weiterlesen

Ketchum, Jack – Amokjagd

Weil sie jahrelang von ihrem Mann gequält und missbraucht wurde, plant Carole Gardner zusammen mit ihrem Freund Lee Edwards den perfekten Mord. Es läuft auch alles mehr oder weniger wie geplant. Nur ahnt keiner der beiden Täter, dass sie einen Zeugen haben.

Wayne Lock ist seit Jahren auf der Suche nach der richtigen Gelegenheit, um endlich einen Mord zu begehen. Jetzt hat er den Nervenkitzel mit eigenen Augen miterlebt und sieht in Carole und Lee Seelenverwandte, mit denen er zusammen auf Jagd gehen kann. Doch für Carole und Lee war dieser Mord eine Notlösung und eigentlich sinnt das Pärchen auf ein wenig Frieden und ein glückliches Leben. Was die beiden allerdings in den nächsten Tagen erwartet, ist der absolute Psychoterror …

_Meine Meinung:_

Jack Ketchums Name ist mittlerweile ein Garant für den realistischen, unverfälschten Horror, bei dem selbst das Ende immer erschreckend authentisch ist. So auch im vorliegenden Roman, bei dem selbst die Protagonisten Täter sind und niemand wirklich frei von Schuld ist. Ketchums Charaktere sind immer lebensecht und keine strahlenden Helden. Fast jeder trägt ein dunkles Geheimnis und ganz normale, menschliche Schwächen in sich, so auch diesmal Carole Gardner, Lee Edwards und der Polizist Rule. Wayne Lock hingegen ist der typisch amerikanische Psychopath, wie man ihn des Öfteren auch in den Büchern von Dean Koontz und Stephen King trifft; dabei offenbart sich dem Leser das beklemmende Profil eines teuflischen Mörders mit absolut soziopathischen Charakterzügen.

Die Verquickung des wahllos mordenden Amokläufers mit einem kühl und präzise planenden Serienkiller wirkt bei Ketchum äußerst bedrohlich und durchaus denkbar. Dabei frönt der Autor seinem unverwechselbaren Stil, bei brutalen Morden und Vergewaltigungen nicht abzublenden, sondern schonungslos weiterzuschreiben, bis ins Detail. Hier fragt man sich allerdings, ob eine solche Offenheit wirklich nötig ist und vor allem gewünscht wird. „Amokjagd“ liest sich nichtsdestotrotz sehr rasant und weist ein unglaubliches Tempo auf, das bis zum Schluss anhält. Leider wird der Lesefluss an einigen Stellen durch eklatante Druckfehler gestört, wenn beispielsweise ganze Wörter vertauscht werden, wie auf Seite 174: |“In einer weißen Glasschüssel befand sich noch etwa kleine Pfütze Wasser.“|

Auffallend ist die Themenvielfalt des Schriftstellers. „Amokjagd“ ist die dritte deutsche Übersetzung eines Buches von Jack Ketchum. Während sich „Beutezeit“, sein erster publizierter Roman, mit einer Horde Kannibalen beschäftig und [„Evil“ 2151 von der brutalen Folter eines Mädchens handelt, schlägt „Amokjagd“ wieder eine vollkommen andere Richtung ein. Gemein ist den Werken des Autors nur das hohe Maß an erschreckend authentischer Brutalität.

Wen das nicht stört und wer starke Nerven mitbringt, der bekommt einen unheimlichen und gut durchdachten Psychothriller serviert, denn man nicht so einfach verkraften wird. Wer hingegen einfach einen spannenden Unterhaltungsroman sucht, der sollte sich woanders umsehen, denn Ketchums Romane sind real und beklemmend zugleich.

Die Aufmachung des |Heyne|-Verlags ist dieses Mal nicht ganz so gut gelungen wie bei den ersten beiden Werken, die ebenfalls in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen sind. Allerdings stechen der blutrote Schriftzug und der schwarze Einband sofort ins Auge und zeigen dem Leser auch äußerlich, worauf er sich in den kommenden 288 Seiten einrichten kann. Im Gegensatz zu den Bänden [„Beutezeit“ 4272 und „Evil“ gibt es dieses Mal allerdings weder ein Vor- noch ein Nachwort.

_Fazit:_

Erschreckend beklemmendes Horrorszenario mit vielschichtigen Charakteren. Die schonungslose Brutalität ist nicht für jeden Leser geeignet, und wie alle Bücher von Ketchum eignet sich auch „Amokjagd“ nicht als reine Unterhaltungslektüre. Wer sich allerdings näher mit menschlichen Abgründen auseinandersetzen möchte, der wird bei Jack Ketchum anspruchsvoll bedient.

|Originaltitel: Joyride, 1995
Originalverlag: Overlook Connection
Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Taschenbuch, 288 Seiten|
http://www.jackketchum.net
http://www.heyne-hardcore.de

_Florian Hilleberg_

Hamilton, Donald – Wenn alle Stricke reißen

_Das geschieht:_

Student David Young sieht sich vier Jahre nach Ablauf seines Wehrdienstes wieder einberufen. Der junge Leutnant der US-Marine muss per Anhalter zu seinem Stützpunkt reisen, nachdem er sein Reisegeld für ein alkoholgetränktes Abschiedswochenende zweckentfremdete. Unter den Nachwirkungen leidet er noch, sodass es leicht ist, ihn in eine Falle zu locken: Der Schiffskonstrukteur Lawrence Wilson ist beruflich und privat in der Krise, seit er als potenzieller ‚Kommunist‘ auf der schwarzen Liste steht. Sein Fahrgast kommt ihm gerade recht; spontan beschließt Wilson, in Youngs Haut zu schlüpfen. Er schlägt den Offizier nieder, zieht im seine Kleider an und türkt einen Unfall, bei dem sein Wagen – und Young – in Flammen aufgeht.

Aber Young kann sich retten. Mit Brandverletzungen wird er ins Krankenhaus gebracht. Als er erwacht, muss er verwirrt feststellen, dass ihn alle Welt für Lawrence Wilson hält – seine ‚Gattin‘ Elizabeth eingeschlossen, die ihn sogleich ins gemeinsame Strandhaus in Bayport transportieren lässt. Dort gesteht sie Young, in Notwehr ihren Mann erschossen zu haben, als dieser sie zwingen wollte, den Betrug zu unterstützen, und bittet den Verletzten um Hilfe, da sie nicht ins Gefängnis wandern will.

Young erklärt sich wider Erwarten bereit, die Täuschung aufrechtzuerhalten. Er hat seine Gründe, und außerdem wird er neugierig, als er Wilsons Papiere durchstöbert und dabei auf eine mysteriöse Liste mit Schiffsnamen stößt. War Wilson tatsächlich ein Spion? Das will Young feststellen, so lange ihn sein Gesichtsverband noch schützt, und Bonita Decker aushorchen, die offenbar nicht nur Wilsons Geliebte, sondern auch seine Komplizin war. Dieses Doppelspiel ist freilich gefährlich, denn Elizabeth gedenkt nicht, ihren ‚Ehemann‘ ziehen zu lassen. Dass es noch weitere Beteiligte gibt, die nicht lange fackeln, erkennt Young, als in der Nacht auf ihn geschossen wird …

_Kleiner Krimi mit großen Rätseln_

Ein Krimi-Kammerspiel, das in einem einsamen Strandhaus spielt. Es gibt nur wenige Mitspieler, und mindestens ein Verbrechen ist begangen worden. Dennoch ist „Wenn alle Stricke reißen“ (für den blöden deutschen Titel kann der Autor nichts) kein „Whodunit?“, denn nicht nur der Täter, sondern überhaupt bleibt unklar, was eigentlich vorgeht. Es gibt nur Andeutungen, die sich immer wieder als nicht zutreffend oder relevant erweisen. Gemeinsam mit dem Helden irren wir durch das Geschehen – einem ‚Helden‘ allerdings, der selbst recht suspekt wirkt.

Warum macht er das? Gemeint ist David Young, der den Leser verblüfft, als er die seltsame Scharade, in die er sich verwickelt sieht, erst einmal mitspielt, statt sich sofort als Unfall- und Fast-Mordopfer zu offenbaren. Verfasser Hamilton lässt uns einige Zeit im Ungewissen, doch als Young dann spricht, zeigt sich umgehend, dass er sehr gut in den Kreis seiner ‚Kidnapper‘ passt: Der Seemann hat kein Bedürfnis, auf ein Schiff zurückzukehren. Seit er im Krieg einen Untergang knapp überlebte, leidet er unter einer Psychose und befürchtet zu versagen, sollte er seinen Dienst wieder antreten müssen.

Als er sich besinnt und sich seiner Verantwortung stellen möchte, ist es zu spät: Für alle Welt ist er Larry Wilson, und damit das so bleibt, wird dem nunmehr in seiner Rolle gefangenen Young mit dem Tod gedroht; schließlich ist er offiziell gestorben, und es wäre hilfreich, ihn noch einmal und dieses Mal endgültig von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Das Spiel mit der Identität ist riskant, denn man kann in eine Person schlüpfen, die man erst recht nicht sein möchte – und ein Zurück ist manchmal nicht möglich!

_Frauen sind undurchsichtige Geschöpfe_

Zwar schwört Elizabeth Stein & Bein, genau dies nicht zu planen, doch Young bleibt verständlicherweise misstrauisch. Das Verhalten seiner ‚Gattin‘ ist in der Tat merkwürdig: Sie wirft sich ihm in die Arme und lügt doch wie gedruckt. Als Young sie zur Rede stellt, zeigt sie deutliche Anzeichen einer psychischen Störung.

Young ist in Bayport ein Außenseiter. Das ermöglicht ihm den klaren Blick hinter die Kulissen. Larry Wilson gehört zum alten Maryland-‚Adel‘, ist per Geburt wohlhabend und doch ein Gefangener seiner Herkunft. Mit seiner Frau bewohnt er ein Haus, das kein Heim, sondern Museum ist. Jedes Möbelstück ist Zeuge der Familiengeschichte und ist als solches zu behandeln. Elizabeth hatte nie eine Chance, dem Haus ihren Stempel aufzudrücken. Nur die Küche ‚gehört‘ ihr, und deshalb hält sie sich am liebsten hier auf.

Bonita Decker ist die zweite weibliche Schönheit, der mit Vorsicht zu begegnen ist. Sie weiß offensichtlich mehr über Wilsons Treiben, und sie lässt sich auch nicht durch Young täuschen. Auf welcher Seite sie steht, bleibt eine offene Frage. Andererseits ist Young ohnehin im Nachteil, weil er keine Ahnung hat, was es bedeutet, sich auf eine Seite zu schlagen …

_Das hässliche Gesicht einer Demokratie_

Die erste Hälfte der 1950er Jahre standen in den USA politisch im Zeichen eines rigiden, hysterischen und hässlichen Antikommunismus‘, dem der korrupte Senator Joseph McCarthy das passende Gesicht verlieh. „Wenn alle Stricke reißen“ spielt in dieser Zeit und wird von ihr geprägt, was dem heutigen Leser wahrscheinlich nicht auffällt, auch wenn er sich manchmal über das wundert, was er liest.

So kann man sich (glücklicherweise) kaum mehr vorstellen, dass bereits der Verdacht, mit ‚unerwünschten‘ Ansichten zu liebäugeln und entsprechenden Institutionen nahe zu stehen, einen Menschen beruflich und privat zerstören konnte. Gnadenlos wurde auf mutmaßliche Mitglieder der „Fünften Kolonne“ Jagd gemacht; sie wurden bespitzelt, auf schwarze Listen gesetzt, vor Ausschüsse und Gerichte gezerrt, ihre staatsbürgerlichen Rechte mit Füßen getreten. Unter diesem Aspekt wirkt Lawrence Wilsons Verhalten plötzlich verständlich; ihm kann die Aufmerksamkeit, die er, der ‚Kommunist‘, erregt hat, nur schaden bei dem, was er tatsächlich vorhat.

Auf der anderen Seite steht David Young, der plötzlich den Patrioten in sich entdeckt und eine Anklage als Deserteur oder den Tod riskiert, um das Geheimnis zu lüften, hinter dem sich womöglich eine sowjetische Schliche verbirgt. Er muss sich entscheiden und tut es – ein scharfer Schnitt, der ihn vom Fahnenflüchtling zum patriotischen Bürger aufwertet, was in dieser naiven Radikalität heute kaum mehr funktionieren würde. Aber letztlich erweist sich das Motiv des Landesverrats als „MacGuffin“, d. h. als für die eigentliche Handlung im Grunde nebensächliches oder unwichtiges Element. Im Vordergrund steht stattdessen der klassische Kampf zwischen Gut & Böse, den Autor Hamilton mit erfreulichem Hang zum Verwischen der Grenze in Szene zu setzen weiß. Wer welche Rolle übernimmt, ist entweder unklar oder wechselt unvermittelt: So bleibt das an sich kammerspielähnliche Geschehen bis zum Schluss spannend.

_Autor_

Donald Bengtsson Hamilton wurde am 24. März 1916 im schwedischen Uppsala geboren. Als Achtjähriger emigrierte er 1924 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten. Ab 1942 leistete Hamilton Kriegsdienst in der Navy. Er brachte es bis zum Offizier, kam aber nicht zum aktiven Einsatz, sondern blieb in Annapolis stationiert, wo er in Marineakademie der Vereinigten Staaten tätig war. Zwei erste Romane entstanden in dieser Zeit, die allerdings unveröffentlicht blieben. Hamilton hielt die Erinnerung an seine Militärzeit wach; immer wieder wurden ehemalige oder noch aktive Marine-Offiziere seine Helden, die in lebensbedrohliche, meist durch Mord eingeleitete Krisen gerieten, in denen sie auf ihre militärischen Erfahrungen zurückgreifen konnten.

Hamilton schrieb Kriminalgeschichten. 1946 gelang ihm ein erster Verkauf an „Collier’s Magazine“. In den nächsten Jahren verkaufte er zahlreiche Storys an ähnliche Publikationen. Hamiltons Romandebüt „Date with Darkness“ von 1947 war ebenfalls ein Krimi – ein klassischer, d. h. düsterer „Noir“-Thriller mit Figuren, die sämtlich gefährliche Geheimnisse hüteten. Moralische Ambivalenz, aber ein persönlicher Ehrenkodex zeichneten zukünftig den typischen Hamilton-‚Helden‘ aus.

1960 suchte der Verlag Fawcett für seine „Gold Medal“-Reihe einen neuen Serienhelden im Stil des zu diesem Zeitpunkt in den USA allerdings noch fast unbekannten James Bond. In „Death of a Citizen“ beginnt Matt Helm seine literarische Karriere. Zwischen 1960 und 1993 veröffentlichte Hamilton 27 Romane der Reihe. Ihr Erfolg war phänomenal; die Auflagenhöhe durchbrach bereits Anfang der 1980er Jahre die 20-Millionen-Grenze.

Nachdem Hamilton die meiste Zeit seines Lebens in Santa Fé, New Mexico, verbracht hatte, kehrte er nach dem Tod seiner Ehefrau in den 1990er Jahren in seine schwedische Heimat zurück, wo er sich in Visby auf der Ostseeinsel Gotland niederließ. Dort ist er am 20. November 2006 im Alter von 90 Jahren gestorben.

Richard Montanari – Lunatic

Der übliche genial-verrückte Serienkiller treibt bizarren Schabernack mit Frauenleichen. Im Wettlauf mit dem Täter ermittelt ein männlich-weibliches Polizisten-Duo. Zusätzlich erschwert wird die Fahndung durch zwei weitere Mörder, die sich ebenfalls gewaltsam in das Geschehen einbringen … – Trotz vieler Klischees und galoppierender Unlogik überaus einfallreich gestrickter, temporeicher und mit schwarzem Humor abgerundeter Thriller, der einfach(en) Spaß verbreiten soll und kann.
Richard Montanari – Lunatic weiterlesen

Blanchard, Alice – Tod in deinem Blut, Der

Betrachtet man das Cover von Alice Blanchards Thriller „Der Tod in deinem Blut“, keimt unweigerlich der Verdacht auf, es handle sich bei dem Buch um einen weiteren Medizinthriller, der außer schwierigen Begriffen nicht viel Neues enthält. Doch so kann man sich täuschen: Die Autorin schafft den Spagat zwischen einer medizinischen Rahmenhandlung und handfester Spannungslektüre.

Daisy Hubbard kann nicht unbedingt auf eine glückliche Kindheit zurückblicken. Der Vater ist früh gestorben, das Geld war knapp, der Stiefvater hat sie und ihre jüngere Schwester Anna sexuell missbraucht. Zudem ist ihr kleiner Bruder Louis noch im Kleinkindalter an der rezessiv vererbbaren, stets tödlich verlaufenden Krankheit Stier-Zellar gestorben. All diese Ereignisse haben dazu geführt, dass sie heute eine aufstrebende, ehrgeizige Wissenschaftlerin ist, die ein Heilmittel gegen Stier-Zellar finden möchte. Sie ist auf dem richtigen Weg: Ihre Gentherapie bringt in Tierversuchen gute Ergebnisse und sie arbeitet Tag und Nacht daran. Ihr Privatleben geht dabei verloren; auch zu ihrer Familie hat sie nur wenig Kontakt.

Das ändert sich, als ihre Mutter sie eines Tages anruft und ihr beunruhigt mitteilt, dass Anna verschwunden ist. Das ist an und für sich nichts Neues: Anna, die an Schizophrenie leidet, haut gerne mal ab, doch so lange war sie noch nie verschwunden. Ihr letztes Lebenszeichen kam aus L.A., und so macht Daisy sich auf den Weg in die Stadt der Schönen und Reichen. Die Polizei ermittelt bereits in diesem Fall, und wenig später nimmt sie – dank Daisys tatkräftiger Hilfe – Roy Gaines fest.

In seinem Kleiderschrank findet sich die Leiche eines anderen Vermissten, doch als man ihn nach Anna fragt, möchte er die Polizei nur in Daisys Beisein zum Grab ihrer Schwester führen. Doch an der Stelle im Wald, wo er die Polizisten hinführt, ist nicht Anna vergraben, sondern eine andere Tote. Daisys Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Sie möchte endlich wissen, ob Anna noch lebt oder nicht. Roy Gaines nutzt ihren labilen Zustand aus, um sein Spielchen mit ihr und Ermittler Jack zu spielen. Ein Spiel, das Unerwartetes zutage befördert und sowohl für Daisy als auch für Jack tödlich enden kann …

Was anfangs wirklich wie ein trockener Laborthriller anmutet, entwickelt sich zu einer rasanten Suche nach Anna – ob tot oder lebendig. Alice Blanchard konstruiert eine spannende Handlung, die sehr elegant in die medizinische Rahmenhandlung eingebettet ist und als Zielgruppe weder angehende Medizinstudenten noch Frauenromanfans anspricht. Obwohl eine weibliche Hauptperson im Mittelpunkt steht, rutscht die Geschichte nie ins Melodramatische ab, sondern bleibt auf einem gleichmäßig hohen literarischen Level. Die Story ist kaum vorhersehbar und hält viele Überraschungen bereit. Sie weist keine Längen auf, denn selbst wenn einmal nichts passiert, ahnt der Leser, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. „Der Tod in deinem Blut“ ist vom Anfang bis zum Ende spannend, alleine schon deshalb, weil man diese Handlung aufgrund der Buchaufmachung nicht erwartet.

Die Figuren der Geschichte sind unglaublich anschaulich und lebensgetreu gezeichnet. Mithilfe kleiner Details wie Kindheitserinnerungen oder Eigenheiten erschafft Alice Blanchard ein Personenensemble, das sowohl emotionalen Zündstoff als auch Identifikationsmöglichkeit für den Leser bietet. Jeder Charakter besitzt Stärken und Schwächen, negative und positive Seiten und der Autorin gelingt es, diese ins richtige Verhältnis zu setzen, so dass man sogar den bösen Charakteren am Ende vielleicht nichts Wohlwollendes abgewinnen kann, aber sie zumindest versteht. Das ist insofern keine einfache Aufgabe, als gerade Anna und Roy aufgrund ihres psychischen Zustandes alles andere als leicht zu verstehen sind. Doch Blanchard schafft es, auch diesen Charakteren Leben einzuhauchen und sie nie einseitig darzustellen.

Auf den ersten Blick wirkt der Schreibstil der Autorin sehr gewöhnlich, doch spätestens nach ein paar Seiten sollte man bemerkt haben, dass sie ein Händchen für kurze, aber prägnante Beschreibungen hat. Sie schafft es, mit wenigen Worten ein genaues Bild vor dem inneren Auge des Lesers heraufzubeschwören. Immer wieder setzt sie Akzente durch genaues Wissen und gute Recherche, ohne prahlerisch zu wirken.

„Der Tod in deinem Blut“ ist sicherlich nicht genresprengend, doch aufgrund der hohen Qualität von Handlung und Schreibstil auf jeden Fall überdurchschnittlich. Wirklich neu ist die Geschichte nicht, aber die Autorin baut sie ansehnlich und spannend auf, ohne dass sie sich allzu leicht vorhersehen lässt.

http://www.rowohlt.de

Lemieux, Jean – Todeslied

_Abgeschiedene Lokalitäten_ sind oft ganz herausragende Handlungsorte für Krimiplots. Man denke nur an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“, in dem auf einer von der Außenwelt abgeschnittenen Insel mehrere Morde geschehen und der Täter eine der Personen auf der Insel sein muss. Eine ähnliche Situation ist die Grundlage für den Plot von „Todeslied“, einem kanadischen Krimi aus der Feder von Jean Lemieux, der 2007 in Deutschland bereits [„Das Gesetz der Insel“ 3869 veröffentlichte.

Die Geschichte spielt auf der kleinen kanadischen Insel Île-d’Entrée. Dort lebt eine kleine verschworene Gemeinschaft, die Fremden seit jeher skeptisch gegenübersteht. Wer hier als Außenstehender Fuß fassen will, hat es nicht leicht. Das bekommt auch die englische Krankenschwester Gladys Patterson zu spüren. Nach nunmehr 30 Jahren auf der Insel wird sie zwar geduldet, so richtig akzeptiert wurde sie aber nie.

Da wird eines Morgens die Leiche einer auf der Insel lebenden jungen Frau unterhalb der Klippen der Île-d’Entrée gefunden. Der Arzt François Robidoux ist gerade zu seinem üblichen Arbeitsbesuch auf der Insel, kann aber auch nichts mehr ausrichten. Sergeant Moreau wird mit dem Fall betraut, stößt aber bei seinen ersten Befragungen der Anwohner nach seiner Ankunft auf der Insel auf wenig Verwertbares. Jeder scheint ihm etwas zu verschweigen, und so tappt der Sergeant erst einmal im Dunkeln. Als dann ein Sturm heraufzieht und die Insel vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten ist, spitzen sich die Dinge zu …

_“Todeslied“_ ist ein ganz gemächlicher und subtiler Krimi. Lemieux lässt sich zu Beginn Zeit. Zwar weiß der Leser gleich im Prolog, dass auf der Île-d’Entrée zwei Frauen unter höchst verdächtigen Umständen ums Leben gekommen sind, von denen die eine die Krankenschwester Gladys Patterson ist, doch lässt Lemieux es danach erst einmal sehr beschaulich und unspektakulär angehen.

Der Leser begleitet den noch recht jungen Arzt François Robidoux bei seinem Besuch auf die Île-d’Entrée. Zusammen mit Gladys Patterson klappert er seine Patienten ab und hofft, die Insel möglichst bald wieder verlassen zu können. Er isst mit Gladys zusammen zu Abend und liest auf Gladys Bitte lange Passagen aus ihrem Tagebuch, in dem sie ihre erste Zeit auf der Insel schildert. Die Handlung plätschert vor allem in der ersten Hälfte des Romans darum eher gemächlich vor sich hin. Bis die Leiche der jungen Frau gefunden wird, vergehen 130 Seiten – und dabei umfasst das Buch nur 277 Seiten insgesamt.

Mit dem Leichenfund an den Klippen kommt zumindest kurzzeitig so etwas wie Spannung auf und die Geschichte wird interessanter. Bis es zu den finalen Ereignissen kommt, die dann auch den Tod von Gladys Patterson bedeuten, dauert es noch einmal gute 80 weitere Seiten, und zumindest dann kehrt auch die Spannung wieder einmal zurück in die Geschichte.

Ansonsten ist „Todeslied“ eher unspektakuläre Lektüre. Lemieux greift auf einen seltsam distanzierten Erzählton zurück. Manche Verknüpfungen setzt er so beiläufig und unterschwellig, dass man nicht immer alles direkt nachvollziehen kann, und auch die Figuren bleiben dem Leser eher fremd. Man kommt nicht dazu, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Lemieux hält seine Protagonisten auf Distanz zum Leser, und so kann dieser ihre mitunter seltsamen Verhaltensweisen oft herzlich wenig nachvollziehen.

Das ist ein echtes Manko, da gerade bei einem so subtilen Krimi, der im Prinzip von der Interaktion der Protagonisten und von den Spannungen zwischen den einzelnen Figuren lebt, die Figuren nachvollziehbarer sein müssten. Lemieux‘ Figuren bleiben für den Leser aber teils bis zum Schluss rätselhaft und verschlossen. Da man sich somit kaum in die Figuren hineinfühlen kann, hinterlässt auch die Geschichte selbst kaum Spuren. Nicht alles wird nachvollziehbar dargelegt, und auch das Finale fällt nicht wirklich zufriedenstellend aus.

Am Ende entpuppt sich „Todeslied“ als ein äußerst blasser Roman. Als belletristischer Krimi funktioniert er kaum und als reiner Unterhaltungskrimi ist er nicht spannend genug. „Todeslied“ wirkt damit irgendwie profillos und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, sondern ist ganz im Gegenteil sehr schnell aus dem Gedächtnis verschwunden.

Rätselhaft bleibt auch der deutsche Titel des Romans. Wie man auf „Todeslied“ als Übersetzung für „La lune rouge“ kommt und was das Ganze mit dem Inhalt dieses Buches zu tun haben soll, bleibt wohl das Geheimnis des Übersetzers. Rein äußerlich riecht „Todeslied“ ein wenig nach einer Mogelpackung. Hinten prangt in großen blutroten Lettern „Spiel mir das Lieb vom Tod“ auf dem Buchdeckel und das wird noch gekrönt durch einen Klappentext, der nicht ganz zum Inhalt des Buches passt und mehr nach reißerischer Thrilleraufmachung aussieht. Der Klappentext verspricht somit weit mehr Spannung als das Buch letztendlich bieten kann.

_Bleibt unterm Strich_ ein eher schwacher Eindruck zurück. Lemieux gelingt es nicht so recht, dem Leser seine Protagonisten näherzubringen, denn dafür baut er schon durch seine kühle Sprache eine zu große Distanz zum Leser auf. Und so ist „Todeslied“ leider ein Buch, das scheinbar spurlos an einem vorüberzieht. Zu wenig Spannung, zu viel Distanz und ein Klappentext, der mehr verspricht, als der Inhalt zu halten vermag.

_Jean Lemieux_, 1954 in Iberville (Quebec/Kanada)geboren, ist Allgemeinarzt und Schriftsteller. Zwischen 1980 und 1982 war er auf den Îles-de-la-Madeleine als Arzt tätig. Nachdem er 1983 durch die Welt reiste, kehrte er 1984 auf die Inseln zurück, wo er bis 1994 schrieb und lebte. Seit 1994 wohnt er wieder auf dem Festland in Québec, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

http://www.knaur.de

Zurdo, David / Gutiérrez, Ángel – 616 – Die Hölle ist überall

Teufel, Teufel! Irgendetwas rührt sich im Jenseits, und es riecht verdächtig nach Schwefel! Definitiv gläubige Zeitgenossen, die es bei Unfällen oder auf dem OP-Tisch beinahe dahinraffte, berichten nach ihrer Rückkehr ins Leben nicht vom berühmten weißen Licht und der freundlich winkenden Oma, sondern von Feuer, Schreien und anderen Unerfreulichkeiten, die man gemeinhin mit der Hölle assoziiert.

Das klingt nach einem Fall für Jesuitenpater Albert Cloister, Mitglied der „Wölfe Gottes“, einer geheimen Geheimorganisation, die im Auftrag des HERRN (aber nicht unbedingt des Papstes) auf der ganzen Welt übernatürlichen Auffälligkeiten hinterherforscht! Cloister findet denn auch manches Indiz dafür, dass Satan energisch an einer Expansion seines Territoriums arbeitet. Wenn es nur jemanden gäbe, der im Jenseits nach dem Rechten sehen, zurückkehren und berichten könnte …

Noch kennt Pater Cloister Audrey Barrett nicht, die in New York als Therapeutin tätig ist. Zu ihren Patienten gehört neuerdings der alte Gärtner Joseph, der von wüsten Visionen geplagt wird, die sich – wäre Audrey nicht Wissenschaftlerin – als Blicke ins Jenseits deuten ließen, wo es (s. o.) merkwürdig zugeht …

Unabhängig voneinander kommt man zu den Schluss, der Sache vorsichtshalber nachzugehen. Satan, der anscheinend sonst nichts Wichtiges zu tun hat, mischt sich mit kryptischen Hinweisen ein und schickt vor allem Pater Cloister auf eine Schnitzeljagd rund um die Welt. Die endet in einer einsamen Höhle im Heiligen Land und mit dem Fund einer Schrift, die eine ganz fürchterliche Wahrheit für alle frommen Christen konserviert …

Wer weiß, was „Hölle“ bedeutet? Schenkt man dem Autorenduo Zurdo & Gutiérrez Glauben, dann sitzt an einem unbequemen Ort tatsächlich der Teufel, der die Welt in die Realversion einer fundamentalkatholischen Kinderbibel zu verwandeln sucht. Der aufgeklärte Leser weiß indessen bald, dass die wahre Verdammnis ein Ort ist, an dem man auf ewig Bücher wie „616 – Die Hölle ist überall“ lesen muss.

Als einen „gnadenlos spannenden Mysterythriller aus dem Land der Inquisition“ preist die Verlagswerbung ebenso geschmacklos wie marktschreierisch dieses Buch an, das von der zahlenden Leserschaft als x-ter Dan-Brown-Klon erkannt und beachtet werden soll. Tatsächlich gibt es ein Publikum für solche seichten Munkelmann-Mysterien, die kirchliche Ränken, unterdrückte Geheimnisse und umhertappende Schrecken bieten – je mehr & grobschlächtiger, desto besser!

Subtilität kann man dem Autorenduo wahrhaftig nicht vorwerfen. Unendlich ziehen sie ihren Teufelsspuk in die Länge, während sogar der dümmste Leser längst begriffen hat, worum es geht: Beelzebub ante portas! Irgendwie hat der Herr der Fliegen es geschafft, seine Macht über die Grenzen der Hölle hinaus zu erweitern. Jetzt ist diese überall, wie schon der deutsche Titel es herausschreit.

Na und? Das ist leider des Lesers Reaktion, denn höchstens den naiv frommen Zeitgenossen dürfte dieser Einfall erschauern lassen. Zurdo & Gutiérrez schreiben offenbar für jene, die ‚ihre‘ Bibel Wort für Wort für bare Münze nehmen. Wer dem nicht folgen kann oder mag, nimmt staunend oder gelangweilt zur Kenntnis, welch angestaubten Mummenschanzes sich das Autorenduo bedient. Verborgene Geheimnisse, Symbole und Zahlenspielereien, Unheil verkündete Bibelstellen; auch der uralte Weise gibt sich die Ehre mit dumpfen Andeutungen, statt einfach Klartext zu reden.

Und die „Wölfe Gottes“ … nein, die Existenz einer solchen Gruppe hat sogar die Kirche nicht verdient: |“In den neunziger Jahren berieten ehemalige Mitglieder der Wölfe die Produktionsgesellschaft von ‚Akte X‘, allerdings strikt privat. Mehrere Fälle der Serie waren – wenn auch nach entsprechender Bearbeitung – echten Nachforschungen der Wölfe, nicht des FBI, entnommen.“| (S. 82) Es müssen Episoden der letzten Staffeln gewesen sein, die eine einst gute Serie im traurigen Niedergang zeigten …

Nun gibt es Schriftsteller, die es verstehen, diese an sich klassischen Mystery-Elemente mit spannendem Leben zu erfüllen. Zurdo & Gutiérrez gehören nicht zu ihnen. Nicht einmal die eigene Storyline halten die Autoren fest in den Händen. Die Handlung schlägt merkwürdige und schwer verständliche Falten. Es brennt gleich mehrfach (Feuer = Teufelswerk!), ein Kinderschänder treibt sein Unwesen; zum zentralen Geschehen wollen sich diese und andere Nebengeschichten nicht fügen.

Unheilig ‚gekrönt‘ wird das Spektakel durch ein Finale, das es an Hosianna-Kitsch und Einfalt nicht fehlen lässt. Sämtliche Register ungenierten Erlösungskitsches werden gezogen, bis das Maß übervoll ist. Das Ende ist happy, der Leser ist es nicht.

Mehrdimensionalität ist ein Zustand, der Autoren wie Zurdo & Gutiérrez offensichtliches Unbehagen bereitet. In ihrem Roman streichen sie ihn deshalb ersatzlos und ersetzen ihn durch absoluten Flachsinn in Sachen Story (s. o.) sowie Figurenzeichnung. Leider ist es gar nicht so selten, dass der Leser moderner Thriller mit Klischee-Gestalten konfrontiert wird. Erneut ist es Dan Brown, der viel zu vielen Möchtegern-Autoren den Weg bereitet hat. Sie lernten aus seinen Reißbrett-Pageturnern vor allem, dass Talent und Tiefe völlig überflüssig für einen Bestseller-Produzenten des 21. Jahrhunderts sind. Tempo, ‚Geheimnisse‘ und scheinbares Hintergrundwissen ersetzen altmodisches schriftstellerisches oder wenigstens handwerkliches Können. Also kopiert man, was seine Publikumswirksamkeit bewiesen hat, und hofft auf das Beste.

Das führt zu Als-ob-Figuren wie Albert Cloister, den Fox Mulder der Katholischen Kirche. Er gehört einer jener Organisationen an, die dieser gern angedichtet werden, weil sich die traditionelle Geheimniskrämerei des Vatikans gut mit angeblichen Geheimnissen verquicken lässt, die jenseits der wissenschaftlichen begründbaren Welt die Gestalt mysteriöser Kreaturen und Dunkel-Orden annehmen, deren Existenz heute höchstens von einigen urbayrischen Dorfpfarrern offen angenommen wird. Damit Cloister so etwas wie ein Profil entwickelt, impft ihm das Autorenduo die üblichen leichten Glaubenszweifel ein, unter denen alle Exorzisten der Unterhaltungsindustrie zuverlässig leiden.

Um dem pseudo-religiösen Gaukelspiel ein wenig Weltlichkeit überzustülpen, bringen Zurdo & Gutiérrez die Psychologin Audrey Barrett ins Spiel; außerdem muss das weibliche Publikum berücksichtigt werden, und auch im Rahmen einer möglichen späteren Verfilmung ist es wichtig, eine Frau als zweite Hauptrolle in petto zu haben. Politisch korrekt ist Audrey zwar hübsch, aber auch klug und, ach, so unglücklich, denn sie hütet ein tragisches Geheimnis in ihrem Busen, das uns selbstverständlich enthüllt wird, ob wir das wollen oder nicht. Wenn die Handlung einsetzt, ist Audrey unbemannt, was ebenfalls wichtig ist, da Seifenopernschaum unbedingt zu einem gutem Rumpel-Thriller gehört!

Ganz allein muss Audrey den Kampf mit Satan freilich nicht aufnehmen – an ihrer Seite steht ein mutiger Feuerwehrmann! Ledig ist er zwar auch, aber schlicht im Geiste und daran als sogenannter „zweiter Mann“ der Handlung zu erkennen, der für Trostreden, grobe Arbeiten und dumme Fragen zuständig ist und den es meist in der zweiten Hälfte erwischt, was für Betroffenheit sorgen und die scheinbare Aussichtslosigkeit des Ringens mit dem Feind unterstreichen soll. In unserem Fall lassen ihn Zurdo & Gutiérrez einfach aus dem Geschehen verschwinden, was in Ordnung ginge, wäre es nur deutlich früher geschehen!

Luzifer ist so, wie ihn unser Autorenduo gestaltet, eine Witzfigur. Sein ‚Plan‘ zur Neuordnung von Himmel und Jenseits ist an sich monumental. In der Umsetzung kreißt der Berg jedoch und gebiert nur ein Mäuschen. Man sollte annehmen, der Teufel sei ein wenig heller in einer so wichtigen Sache! Stattdessen fädelt Luzifer ein unendlich kompliziertes und an Zufällen und Logiklöchern überreiches Komplott zusammen, das ohne die massive Hilfe von Zurdo & Gutiérrez niemals über das erste Buchkapitel hinauskäme!

Ansonsten benimmt sich Satan, als habe er zu viele schlechte Horrorfilme gesehen. Lachkrämpfe erzeugende ‚Exorzismen‘ wechseln sich mit konspirativen Treffen an geisterbahnähnlichen Orten ab; wieso hat die Hölle kein Handynetz? Mit solchem Mumpitz vollenden die Autoren ihr trauriges Werk, das in seiner deutschen Fassung als aufwändig gestaltetes Paperback veröffentlicht wird – dies kündet von der Hoffnung, einen (bzw. zwei) neue/n Star/s lancieren zu können, um sich vom Dan-Brown-Kuchen etwas abzuschneiden.

David Zurdo Saiz (geb. 1971) und Ángel Gutiérrez Tapia (geb. 1972) sind Wissenschaftsjournalisten, die sich Ende der 1990er Jahre zusammentaten, um Mystery-Thriller zu schreiben, die sich gern um mehr oder weniger rätselhafte Ereignisse der Weltgeschichte ranken. Über ihr Werk informieren sie auf ihrer [Website;]http://www.zurdo-gutierrez.com die Kenntnis der spanischen Sprache ist dabei hilfreich.

|Originaltitel: 616 – Todo es inferno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
Illustration: FinePic, München
408 Seiten Paperback
ISBN13: 978-3426663165|
http://www.knaur.de

Kaes, Wolfgang – Feuermal, Das

Detektiv Max Maifeld, Spezialist für dubiose Fälle, erhält einen brisanten Auftrag: Er und sein Team sollen ein gestohlenes Bild ausfindig machen und dem anonymen Auftraggeber zurückbringen. Bei dem Gemälde, das er in Spanien aufspürt, handelt es sich vermutlich um ein bisher unbekanntes Frühwerk von Dalí. Bei der Übergabe stellt sich jedoch heraus, dass der vermeintliche Besitzer gar nicht der Auftraggeber war. Dieser wiederum scheint Max rund um die Uhr zu beobachten und ein persönliches Interesse zu verfolgen, das weit über die Bildbeschaffung hinausgeht.

Zur gleichen Zeit geschehen in der Köln-Bonner Gegend zwei spektakuläre Morde. Der eine Tote ist ein abgehalfterter Journalist, der andere ein alter Mann kurz vor dem Leberzirrhosentod. Das Kommissarenteam Josef Morian und Antonia Dix stellt bald eine Verbindung zwischen den Mordfällen und ihrem Freund Max her. Der Journalist recherchierte kurz vor seinem Tod über Max‘ Vergangenheit, der alte Mann arbeitete als Knecht für den Großunternehmer Franz Brandesser, dessen Sohn Walther einst aus unbekannten Gründen eine Operation für den damals dreijährigen Max bezahlte.

Allen Warnungen von Morian und Antonia zum Trotz stürzt sich Max in die Recherchen. Dabei führt ihn sein Weg zurück in das abgeschiedene Eifeldorf seiner Kindheit, wo ein dunkles Geheimnis seiner Familie ans Licht kommt. Sein Leben scheint noch enger mit dem Fremden verknüpft als befürchtet. Der einzige Hinweis auf den Mörder ist das Feuermal, das sein Gesicht entstellt. Fieberhaft ermitteln Morian und Antonia, um ihrem Freund zu helfen – denn auch er droht ein Opfer des Rachefeldzuges zu werden …

„Das Feuermal“ ist der vierte Fall von Kommissar Josef Morian und seiner Kollegin Antonia Dix und wie schon die vorherigen Bände ein überzeugender Thriller mit einem durchweg sympathischen Ermittler-Duo.

|Gelungene Charaktere|

Diesmal liegt der Fokus nicht auf Morian und Antonia, sondern auf ihrem gemeinsamen Freund Max Maifeld, der ihnen schon bei früheren Fällen als Privatdetektiv zur Seite gestanden hat und hier einmal von ihrer Hilfe profitiert. Seit ihm ein Schwerstkrimineller Rache geschworen hat, lebt der Ex-Journalist als Detektiv für schwierige Fälle untergetaucht in Köln-Mülheim. Zu seinem Team gehören sein gutmütiger Bruder Theo und der hünenhafte, durchtrainierte Schwarzamerikaner Hurl, den ein besonderes Flair umgibt. Der schweigsame Hurl ist ein ehemaliges Mitglied der Navy Seals, einer Eliteeinheit der US-Marine, bei der er zum perfekten Kämpfer ausgebildet wurde, ehe er sich lossagte und nun in Deutschland ein neues Leben begonnen hat. Auch wenn sein scheinbar völlig anspruchsloser Lebensstil Max immer wieder vor Rätsel stellt – denn Hurl kann dank fernöstlicher Meditationskünste beinah beliebig sowohl auf Schlaf als auch auf Nahrung verzichten -, ergänzen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere großartig.

Ein perfektes Team bilden wiederum auch Josef Morian und Antonia Dix. Besonders positiv sticht hervor, dass die beiden trotz enger Zusammenarbeit und guter Freundschaft kein Liebespaar bilden, sondern eine Art Vater-Tochter-Verhältnis zueinander besitzen. Der schweigsame Morian, Ex-Amateurboxer und geschiedener Vater, hat fast sein gesamtes Leben auf die Ermittlungsarbeit ausgerichtet. Den Gegenpol zu ihm macht Antonia Dix aus, eine rassige Halb-Brasilianerin, die nichts mehr hasst als auf ihre Optik reduziert zu werden. Als Konsequenz trägt sie raspelkurze Haare und ein sportlich-militärisches Outfit, was zu ihrem burschikosen Auftreten passt.

Die Nebenfiguren um das Ermittler-Duo sind vor allem der Gerichtsmediziner Dr. Ernst Friedrich, wegen seines Aussehens heimlich „Fledermaus“ genannt, die arrogante Staatsanwältin Ulrike Strehle und Oberkommissar Ludger Beyer, der nie müde wird, Antonia auf schleimig-primitive Art Avancen zu machen. Sowohl Morian als auch Antonia sind sehr engagierte Ermittler, über deren Privatleben man nicht sehr viel erfährt, genug zwar, um ihren Charakter einzuschätzen und sich mit ihnen zu verbünden, aber nie so viel, dass es in der Handlung dominieren würde.

|Durchgängige Spannung|

Die Handlung setzt ein mit dem Mord an Journalist Pelzer und setzt somit direkt ein Ausrufezeichen. Längen gibt es bis zum Schluss keine, dafür sorgen schon allein die häufigen Schauplatzwechsel. Mal konzentriert sich die Handlung auf Antonia Dix, mal auf Josef Morian, der anfangs noch im Urlaub weilt, dann wieder auf Hurl oder auf Max, die ebenfalls teilweise unabhängig voneinander unterwegs sind. Über den Täter steht lange Zeit nur fest, dass er durch ein Feuermal gezeichnet ist, sich auf einem Rachefeldzug befindet und auf Max fixiert ist, mit dem ihn etwas zu verbinden scheint.

Große Teile spielen im Eifeldorf Roggenrath, einem abgeschiedenen Ort, in dem Max seiner Vergangenheit auf die Spur kommt. Das Oberdorf wird von der Unternehmerfamilie Brandesser dominiert, während im Unterdorf einst die ärmliche Arbeiterschicht lebte. Noch heute bilden die Bewohner eine verschworene Gemeinschaft, die sich den Ermittlungsarbeiten verschließt und Max feindselig gegenübersteht. Gezwungenermaßen muss er sich mit seinem verhassten Vater auseinandersetzen, dessen schlechter Ruf bis in die Gegenwart reicht und Max zum Verhängnis wird.

Mehrere Dorfbewohner scheinen in die Geschehnisse involviert zu sein. Zum einen entsteht die Spannung durch die Frage, was sie über den Mörder wissen, zum anderen durch die Geheimnisse, die Max nach und nach in seiner eigenen Familie aufdeckt. Wolfgang Kaes gelingt es, glaubwürdig die kleine, verschrobene Welt der Dorfbewohner aufzuzeigen, die sich gegen jeden äußeren Einfluss wehren und die düstere Vergangenheit abschotten.

|Nur kleine Schwächen|

Da die ersten drei Viertel so gelungen aufbereitet werden, stellt sich beim Leser automatisch eine hohe Erwartungshaltung an das Finale ein, die nicht ganz bestätigt werden kann. Im Vergleich zur vorherigen Handlung verläuft das Ende relativ unspektakulär. Offene Fragen werden zwar beantwortet, doch einen richtigen Showdown, wie man ihn lange Zeit vermutet, gibt es nicht.

Ein weiterer kleiner Makel sind die Ermittlungsarbeiten von Max bezüglich des Bildes, die zu einfach ablaufen. Die ursprüngliche Aufgabe, das Bild anhand eines Fotos zu finden und obendrein lückenlos alle Vorbesitzer aufzulisten, scheint beinah unlösbar; letztlich aber genügen Max und seinem Team die guten Kontakte in die Kunst- und Halbwelt, sodass sich die Mühe in Grenzen hält. Auch die Ermittlungsarbeiten von Morian und Antonia verlaufen verhältnismäßig unkompliziert dank ihrer Informanten, die trotz weniger Hinweise konkrete Feststellungen treffen. Gerade dort wünscht sich der Leser manchmal ein wenig mehr Finesse im Vorgehen.

_Als Fazit_ bleibt wieder einmal ein gelungener Band um das Ermittler-Trio Morian, Antonia Dix und Max Maifeld aus der Feder von Wolfgang Kaes. Der Thriller besticht durch Spannung, gelungene Hauptfiguren und eine unterhaltsame Handlung. Die Schwächen fallen sehr gering aus, sodass sich das Werk allen Krimi- und Thrillerfans empfiehlt, in der Hoffnung, dass Kommissar Morian bald im nächsten Fall ermitteln darf.

_Der Autor_ Wolfgang Kaes, geboren 1958 in der Eifel, arbeitete nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Kulturanthropologie und Pädagogik viele Jahre lang als Journalist. Er schrieb unter anderem als Polizei- und Gerichtsreporter für den |Kölner Stadt-Anzeiger|, für den |Stern| und als Lokalchef der |Rhein-Zeitung| in Bonn. 2004 erschien sein erster Roman „Todfreunde“, 2005 der Nachfolger „Die Kette“, 2006 [„Herbstjagd“, 2934 alle mit dem Ermittler Kommissar Morian. Mehr über ihn gibt es auf seiner Homepage http://www.wolfgang-kaes.de.

http://www.rowohlt.de

Ellis Peters – Falsche Propheten

Das geschieht:

Das kleine Dorf Comerford in der englischen Grafschaft Shropshire gehörte nie zu den Orten, die man als ländlich-beschaulich bezeichnen würde. Hier wird seit Jahrhunderten Kohle gefördert; eine harte, gefährliche Arbeit, die im Tagebau betrieben wird, was ausgedehnte Flächen der Landschaft in Wüsteneien verwandelt hat, die an die Oberfläche des Mondes erinnern. Die Plackerei in den Kohlengruben hat einen harten, schweigsamen Menschenschlag hervorgebracht. Konflikte sind häufig und werden mit den Fäusten oder dem Messer ausgetragen. Im Jahre 1950 ist die Situation explosiver denn je. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Ende des II. Weltkriegs sind dessen Folgen auch im siegreichen England keineswegs überwunden. Viele der jungen Männer Comerfords sind gefallen. Wer überlebte, kehrte verletzt und mit bedrückenden Erinnerungen an die Front, womöglich mit Orden geschmückt und als Held heim, um sich plötzlich wieder als gemeiner Grubenarbeiter oder Schafhirte wiederzufinden.

In Comerford gab es ein Lager für deutsche Kriegsgefangene und später für „Displaced Persons“, Vertriebene aus allen kriegsverheerten Ländern des Kontinents. Inzwischen wurde es aufgelöst, doch viele Insassen blieben in England: frei aber fremd und misstrauisch gemieden von den Einheimischen. Sergeant George Felse hat ständig im ehemaligen Lager zu tun, denn dort gibt es täglich Auseinandersetzungen. Bei einem seiner zahlreichen Besuche lernt er den Deutschen Helmut Schauffler kennen, der einen Mitbewohner attackiert hat. Der junge Mann weiß beredt die Schuld von sich zu weisen, doch Felse argwöhnt, dass zutreffen könnte, was Zeugen ihm zutragen: Schauffler war und ist noch überzeugter Nazi, der seinen Privatkrieg mit dem britischen ‚Feind‘ austrägt. Ellis Peters – Falsche Propheten weiterlesen

Nilsen, Tove – Nachtzuschlag

_Durchschnittlicher Psychothriller_

Eine Schriftstellerin steigt nach einem schönen Abend bei Freunden in ein Taxi. Doch die kurze Fahrt endet in purer Angst: Der Fahrer bringt sie in eine abseits gelegene Hütte und hat offensichtlich nur ein Ziel. Stunden der Angst und Ungewissheit, ja, der Abwehr folgen, um sich sich selbst behaupten zu können. Doch die Entführung gilt nicht irgendeiner Frau, sondern nur ihr persönlich. Da sieht sie endlich einen Lichtblick. Aber sie hat die Rechnung ohne den zweiten Mann gemacht …

_Die Autorin_

Tove Nilsen, 1952 geboren, veröffentlichte 1974 ihren ersten Roman. Seither hat die studierte Journalistin und Literaturkritikerin vierzehn weitere Bücher in verschiedenen Genres geschrieben. „Nachtzuschlag“ ist ein Psychothriller, der für seine Authentizität gelobt wurde. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Nach einem Vortrag besteigt die Schriftstellerin, deren Namen wir nicht erfahren, spät am Abend ein Taxi, das sie nach Hause bringen soll. Die Frau erwartet dort niemanden, denn ihr Mann Harald und die Töchter Ida und Mia sind bei ihren Großeltern auf dem Lande in den Sommerferien. Der Fahrer spricht jedoch kein Wort, sondern fährt die Frau nicht an ihr Ziel in Oslo, sondern in ein Waldstück. Dort steht eine Hütte. Ihre Proteste verhallen ungehört.

Der Mann sieht stark aus, etwas ungehobelt und heruntergekommen. Vielleicht ein Arbeitsloser. Aber wenigstens rührt er sie nicht an. Noch nicht. Sie soll ihre Lederjacke und dann ihr Oberteil ausziehen. Soll sie wirklich nachgeben? Der Mann sieht aus, als könnte er ihr wehtun. Sie gibt nach, aber nur zum Schein, um ihn zum Reden zu bewegen. Er verrät sich, als er ein Foto seines Sohnes Martin zeigt. Dessen Spielsachen liegen in der Hütte. Aber wo ist Martins Mutter?

Wie sich herausstellt, ist Vera im Urlaub mit einem Schweden fremdgegangen und hat den Mann inzwischen verlassen – nicht ohne Martin mitzunehmen. Das Allerhärteste: Vera zeigte ihrem Mann einen Roman von unserer Schriftstellerin und behauptete, diese Autorin verstünde die Frauen. Natürlich im Gegensatz zu ihrem Mann. Kein Wunder, dass der Mann nun so sauer ist auf unsere Autorin. Sie bekommt richtig Angst vor ihm.

Was stellt er sich vor, was als nächstes passieren soll? Er hört sich am Handy Telefonsexgeschichten an. Na, toll, jede Menge Klischees, schnaubt die Autorin. Soll sie sich vielleicht gemäß solchem Schund verhalten? Kommt nicht in Frage. Sie geigt ihrem Entführer die Meinung. Das kommt allerdings gar nicht gut an. Und er versucht, sie im Bett dazu zu zwingen, ihm zu Willen zu sein.

In letzter Sekunde wird Finn – dieser Name ist ihm entschlüpft – allerdings durch die Ankunft seines Freundes Tommy gestört. Der will ihn zu einem Segeltörn einladen. Nichts da. Erst einmal müssen sie mit dem Problem der Entführten klarkommen. Mit dem Kidnapping scheint Tommy jedoch kein Problem zu haben, was die Hoffnung unserer Ich-Erzählerin zerschlägt. Ihr wird klar, dass diese beiden gesellschaftlichen Außenseiter gemeinsam zu allem fähig sind, und sie schnell etwas unternehmen muss.

Sie erinnert sich an ihre Interviews mit den Anarchisten …

_Mein Eindruck_

Die Ich-Erzählerin ist keine starke Frau, sondern schleppt sämtliche Ängste einer Durchschnittsfrau mit sich herum. Die Angst, verletzt zu werden. Die Angst, ihre Kinder zu verlieren. Sie wehrt sich nicht körperlich gegen ihren ungewöhnlich agierenden Entführer. Vielmehr stützt sie sich auf die Gabe, die sie in ihrem Leben am meisten genutzt hat: auf ihr Einfühlungsvermögen und Geschichten erfinden zu können.

Leider weiß das ihr Entführer ebenso gut, hat er doch wegen ihres Romans die Entführung erst veranlasst. Er dreht den Spieß um und erfindet selbst Lügengespinste: wie sie sich ihm angeboten habe; warum sie einen schwarzen Spitzen-BH trage; wie sie erzählt habe, dass sie es liebe, nachts herumzufahren und sich fremden Männern anzubieten. Das macht unsere Schriftstellerin reichlich wütend, aber sie muss es hinnehmen. Ihr Scheherazade-Trick ist durchschaut worden. Nun versucht Finn, seinen Freund Tommy vor ihr zu warnen.

Die Ich-Erzählerin hat keinen Namen, damit sich die Leserin leichter mit ihr identifizieren kann als wenn sie einen Eigennamen trüge. Automatisch überträgt die Leserin den Namen der Autorin Tove Nilsen auf die Ich-Erzählerin, obwohl das weder zwingend ist noch zulässig. Ein Autor kann schließlich jede beliebige Hauptfigur erfinden. Die Ich-Erzählerin ist jedoch so ungewöhnlich detailliert geschildert, dass die Übertragung naheliegt. Sie hat eine weit zurückreichende Lebensgeschichte, einen verzweigten Familien- und Freundeskreis, charakteristische Verhaltensweisen usw. Kurzum, sie ist ihr eigener kleiner Kosmos. Dieser ist nun bedroht.

Das Geschichtenerfinden ist für die Erzählerin quasi eine Selbstbehauptung, aber auch eine List, um den Entführer zu täuschen. Beides haut leider nicht hin, vielmehr entblößt sich im Kampf der beiden Menschen ihre eigene größte Schwäche: Dass sie fürchtet, nicht ganz im Leben verankert zu sein, sondern entwurzelt dahinzutreiben und sich ihr Leben zurechtzuträumen. An dieser Stelle wird klar, dass sich das Buch auch um die Probleme der Autorin selbst dreht. Diese Probleme sind, obwohl vielschichtig, doch verallgemeinerbar auf die künstlerische Situation vieler Schriftsteller.

Zum Glück bleibt es nicht bei solchen theoretischen Überlegungen. Im Finale ist vielmehr Action angesagt. Der Auslöser dafür ist bemerkenswert: Finn verbrennt ein geheimes Tagebuch der Ich-Erzählerin vor ihren entsetzten Augen. Es ist ihr das Wertvollste, was sie hat, sagt sie. Wertvoller noch als ihre Familie? Jedenfalls schlägt an dieser Stelle ihre Ablehnung Finns in Abscheu um. Der weitere Weg ist klar. Doch wird sie auch überleben?

|Die Übersetzung|

Ich fand die Übersetzung durchgehend recht gelungen. Allerdings leistet sich die Übersetzerin einen stilistischen Fehler: „Wir schämten uns |über| die Gelüste“ sollte korrekt „Wir schämten uns |für| die Gelüste“ heißen.

_Unterm Strich_

Anfangs habe ich mich über die geradezu gelähmte Passivität der Hauptfigur geärgert, die sie lange Zeit aufrechterhält. In der Mitte findet sie dann die Scheherazade-Strategie, mit der es ihr gelingt, Zugang zum Bewusstsein ihres Entführers zu erlangen. Doch der Schuss geht nach hinten los, als er sie durchschaut und den Spieß umdreht. Schließlich mündet die Handlung in Action und Überlebenskampf. Doch ein Ringen um geistige, emotionale und letztlich körperliche Selbstbehauptung als Frau macht die Handlung des gesamten Buches aus, soweit es die Hauptfigur betrifft.

Es ist auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Schriftstellerin. Sie kommt von einem Vortrag, reist in ferne Länder, lernt fremde Kulturen kennen, doch hat sie auch Wurzeln in der Heimat? Versteht sie ihre eigene Kultur und deren Vertreter? Dies ist die zweite Ebene an Bedeutung. Es gibt sicherlich noch weitere. Inhaltlich ist das Buch auf weibliche Leser zugeschnitten – es gibt nur einen Blickwinkel. Stilistisch ist es recht anspruchslos, und kein Leser dürfte Verständnisprobleme haben. Aber es ist kein großer Wurf, sondern der Ansatz eines Psychothrillers. Und den schreiben Amerikaner und Engländer wesentlich versierter und spannender.

|Originaltitel: Kvinner om natten, 2001
gebundene Ausgabe 2003 bei Ehrenwirt: 285 Seiten
Taschenbuchausgabe 2005: 288 Seiten
Sonderausgabe 2007: 285 Seiten
Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt|

John Dickson Carr – Der Club der Masken

In einem unheimlichen Pariser Wachsfigurenkabinett finden sich diverse Frauenleichen, deren gewaltsames Ende durch die allzu große Nähe zu einem moralisch verwerflichen Kuppel-Club verursacht wurde … – Stilisierter „Whodunit?“-Klassiker aus der großen Zeit dieses Subgenres; schamlos übertrieben, gespickt mit Elementen des Schauerromans, absolut realitätsfern und dadurch erst recht unterhaltsam: ein Spaß für Freunde des gekonnt Absurden.
John Dickson Carr – Der Club der Masken weiterlesen

Teltscher, Wolfgang – DeisterKreisel

Barsinghausen ist eine kleine beschauliche Stadt am Deister – südwestlich von Hannover. Bei Wolfgang Teltscher wird dieses kleine Städtchen nun Schauplatz für seinen Lokalkrimi. Dort, wo die Polizei meist nicht allzu viele Verbrechen aufzuklären hat, gilt es nun, im mysteriösen Todesfall des ehemaligen Kriminalkommissars zu ermitteln …

_Toter im See_

Viele Jahre lang war Alfred Matuschek Leiter der Kriminalpolizei in Barsinghausen, doch nun wurde er aufs Altenteil versetzt. Wehmütig sitzt er in seiner Heimatstadt am See, betrachtet die Enten und wirft seine Uhr ins Wasser, die seine Kollegen ihm zum Abschied geschenkt haben. Denn Zeit ist für ihn nicht mehr wichtig, sondern eher zur Belastung geworden. Mit seiner letzten handgeschmierten Stulle füttert er die Enten und denkt derweil über seinen Abschied von der Polizei nach und über den bevorstehenden Ruhestand. Fast vier Wochen später sitzt ein Liebespaar auf der gleichen Bank am See und küsst sich das erste Mal, doch über die Schulter ihres Begleiters hinweg sieht die junge Frau eine Leiche auf dem Wasser treiben – es ist der tote Alfred Matuschek.

Da die Polizei in Barsinghausen befangen ist, reist Kommissar Manfred Marder aus Stade an, der einst auch schon mit Matuschek zusammengearbeitet hat. Ganz auf sich allein gestellt, versucht er zunächst, sich ein Bild von Matuschek und seiner Familie zu machen. Währenddessen wartet er auf die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung, denn noch ist nicht klar, ob Matuschek gewaltsam ums Leben kam oder gar Selbstmord beging. Doch wieso sollte er sich so kurz nach seiner Pensionierung freiwillig das Leben nehmen? Auf der anderen Seite finden sich keine Zeichen der Gewalteinwirkung, und die Analyse besagt auch lediglich, dass Matuschek eindeutig ertrunken ist. Ob ihn aber jemand unter Wasser gedrückt hat oder ob es doch ein Selbstmord war, muss Marder herausfinden.

Zunächst befragt er Matuscheks Frau, seine Tochter und seinen Sohn, aber auch Matuscheks ehemaligen Arbeitskollegen und seinen einzigen Freund. Das Bild, das diese Menschen Marder von dem Toten vermitteln, scheint ausgesprochen harmonisch. Niemand weiß etwas Negatives über Matuschek zu berichten, aber schnell fängt dieses scheinbar so harmlose Bild an zu bröckeln, als Marder ein wenig daran zu kratzen beginnt. Was haben diese Menschen ihm verschwiegen? Welcher Mensch war Matuschek wirklich? Als Marder tiefer zu graben beginnt, erscheint ein ganz neues Bild des Toten …

_Täuschende Idylle_

Zunächst baut Wolfgang Teltscher eine beschauliche Idylle auf. Er präsentiert Alfred Matuschek, erzählt von seiner Pensionierung und der Abschiedsfeier mitsamt dem unpassenden Geschenk. Auch die Szene am See wirkt nachdenklich und harmonisch, nichts deutet darauf hin, dass bald etwas Schreckliches passieren wird. Als die verliebte Frau auf dem See den Körper eines Menschen treiben sieht, bricht dieses Unglück in eine hübsche Kleinstadtidylle hinein. Doch Teltscher baut zunächst noch mehr Spannung auf, denn zunächst enthält er uns vor, wer denn nun tot im See treibt. Stattdessen widmet er sich seinen weiteren Charakteren. Wir lernen Matuscheks Frau auf dem Tennisplatz kennen und erfahren, dass sie ihrem Mann offensichtlich nicht allzu treu gewesen ist und die Ehe schon längst nur noch auf dem Papier existierte. Aber auch bei der Vorstellung der beiden Kinder Bertram und Anja geht der Autor schonungslos vor. In den Augen von Vera Matuschek sind ihre beiden Kinder Versager, hatte sie ihnen doch immerhin eine großartige Karriere nach einem ordentlichen Hochschulstudium gewünscht. Doch Anja ist lieber Krankenschwester geworden und will das Geld ihren späteren Ehemann verdienen lassen, während Bertram sich als Forstwirt im Wald versteckt.

Auch Matuscheks andere Bekannte – sein ehemaliger Kollege Burt Brenner und sein einziger Freund Knut Wotowski – kommen in ihrer Vorstellung nicht allzu gut weg. Brenner freut sich einfach zu sehr, seinen ehemaligen Chef los zu sein, der in seiner eigenbrötlerischen Art und Weise nie gut mit Brenner zusammengearbeitet hat. Und Wotowski hat einen Berg Schulden bei dem kürzlich verstorbenen Kriminalkommissar, den er auch nur schwerlich zurückzahlen kann, da seine deutsche Gaststube nicht so gut läuft, wie er sich das wünschen würde.

Wolfgang Teltscher konzentriert die Lesersympathien folglich in einer einzigen Person, und zwar in der des ermittelnden Kommissars Marder, dem als Einzigen daran gelegen zu sein scheint, das Verbrechen aufzuklären. Marder quartiert sich in einer hübschen kleinen Pension ein, in der er sich auch sogleich mit der Hauswirtin anfreundet, zumal diese ihm täglich ein fantastisches und wohlschmeckendes Frühstück kredenzt. Marder ist ein Mensch, der das Leben offensichtlich genießt. Ab und an quält er sich zwar zu einer Yogastunde, doch sein Vorsatz, täglich eine Stunde Yoga zu machen, ist schnell vergessen.

Manfred Marder ist es nun, der versucht, hinter die Kulissen in Barsinghausen zu schauen. Denn auf den ersten Blick erscheint alles zu perfekt; Matuscheks Familie trauert zwar nicht um das verstorbene Familienoberhaupt, dennoch beschreiben die drei eine harmonische Familienidylle. Hier passt nichts zusammen, das merkt auch Kommissar Marder – wenn auch erst auf den zweiten Blick und nach einem wichtigen Hinweis seiner Hauswirtin.

_Beschaulich und gemächlich_

Es ist nicht gerade eine reißende Spannung, die Wolfgang Teltscher aufbaut, denn nach seinem ersten großen Spannungsmoment plätschert das Buch so vor sich hin. Wir begleiten Manfred Marder bei seinen Ermittlungen, lauschen den Befragungen und spekulieren selbst, was bloß vorgefallen sein könnte. Doch Teltscher gibt uns kaum Hinweise an die Hand, um eigenständig auf die Lösung zu kommen. Schnell ist klar, dass hinter den Masken einiges verborgen bleibt, doch ist es an Marder, diese Wahrheit aufzuspüren – der Leser hat dazu keine Chance, da er nie mehr weiß als der ermittelnde Kommissar.

Auch passiert über lange Strecken hinweg nichts Neues. Die kriminaltechnische Analyse bringt keine Neuigkeiten, und die Befragungen drehen sich im Kreise, sodass Marder alle Verdächtigen – und davon gibt es später doch so einige – immer wieder neu befragen muss. Der Spannungsbogen flaut über weite Strecken ziemlich ab, um eigentlich erst kurz vor Schluss wieder etwas abzuheben, als ein wichtiges Beweismittel gefunden wird und auf der vorletzten Seite nun auch endlich der Leser erfährt, was hinter dem Tod Matuscheks steckt. Das Ende ist zwar stimmig und überzeugt auch, nur kommt es recht plötzlich und baut sich nicht wirklich spannend auf; hier hätte Teltscher dem Leser zwischendurch einfach schon mehr Informationshäppchen zuwerfen sollen.

_Barsinghausen? Wo ist das denn?_

Lokalkrimis sind „in“. Dank Susanne Mischke hat der Krimi auch endlich seinen Weg nach Hannover gefunden, doch Wolfgang Teltscher verlagert seine Krimihandlung aus Hannover hinaus und siedelt seinen Fall in Barsinghausen an. Das ist gewagt, denn in Barsinghausen und den zugehörigen Ortsteilen wohnen gerade einmal 36000 Einwohner – eine winzige Zielgruppe an ortskundigen Lesern. Und da Teltscher seinen Heimatort im Laufe der Romanhandlung nicht ein einziges Mal verlässt, erkennen nicht einmal Hannoveraner irgendetwas an Lokalkolorit wieder, zumal Teltscher auch nicht allzu viel erzählt von seinem Ort, sodass der Lokalanteil eher uninteressant wirkt. Schade.

_Über den Deister …_

Zunächst begann „DeisterKreisel“ recht vielversprechend. Teltscher baut einiges an Spannung auf und stellt einige interessante Figuren vor, von denen immerhin eine durchaus Sympathiepunkte sammeln kann. Doch über weite Strecken plätschert das Buch dann vor sich hin. Insgesamt bleibt daher ein eher mittelmäßiger Eindruck zurück, zumal etliche Tippfehler den Lesefluss stören und das „ß“ meiner Meinung nach zu arg vernachlässigt wurde. Eine ordentliche Schlusskorrektur hätte diesen Missstand sicher beheben können. Der Schreibstil gefiel mir eigentlich sehr gut und auch die Charaktere, die Teltscher zeichnet, überzeugen. Vielleicht sollte der Autor sich einmal aus Barsinghausen hinauswagen und ein wenig von der Idylle lösen, dann könnte sein nächstes Buch deutlich mehr Leser überzeugen.

http://www.zuklampen.de