
Dieser Auswahlband machte 1979 den deutschen Leser mit wichtigen neuen US-AutorInnen bekannt. John Varley, Vernor Vinge, George R.R. Martin, der mittlerweile weltweit bekannte Autor der Buchvorlage zur TV-Serie „Game of Thrones“, und schließlich die erfolgreichen Newcomer Thomas F. Monteleone, Steven Utley und William Jon Watkins. Mit Isaac Asimov ist ein Veteran vertreten. Chelsea Quinn Yarbro hält die Fahne für weibliche Autoren hoch.
Dieser Anthologieband enthält als Besonderheit ein Interview mit dem Autor und Filmproduzenten GRR Martin, Schöpfer der TV-Reihe „A Game of Thrones“.
Der Herausgeber
Hans Joachim Alpers (* 14. Juli 1943 in Wesermünde; † 16. Februar 2011 in Niebüll) war ein deutscher Verleger, Herausgeber und Schriftsteller. Unter seinem richtigen Namen, aber auch unter den Pseudonymen Jürgen Andreas, Thorn Forrester, Gregory Kern, Mischa Morrison, P. T. Vieton, Peter T. Vieton und Jörn de Vries verfasste er mehrere Science-Fiction- und Fantasy-Romane. Gemeinsam mit Ronald M. Hahn geschaffene Werke erschienen teilweise unter dem Pseudonym Daniel Herbst. (Quelle: Wikipedia.de)
Die Erzählungen
1) Isaac Asimov: Immerhin ein Anfang (Think!, 1977)
Die Neurophysiologin Genevieve Renfield hat eine Entdeckung gemacht, die sie nun anhand ihrer Institutskollegen Jim Berkowitz und Adam Orsino demonstrieren und überprüfen will: Mit laser könne man Gedanken nicht nur Abbilden, sondern auch übertragen. Über ihr Laser-Experiment hat sie das Direktorium noch nicht informiert, wie Berkowitz missbilligend erfährt. Sie führt sie in den Computerraum. Sie hat ihn Mike getauft, doch als Versuchsobjekt dient ein Seidenäffchen – zunächst.
Dann ist Adam Orsino an der Reihe, die „Sendungen“ des Seidenäffchens zu empfangen: Quieken und Zucken findet nicht besonders spektakulär. Dann wird mit Renfields Gehirn verbunden und empfängt erstaunt einen Satz, den er niederschreibt. Dann verbindet ihn Renfield mit Mike und für eine Millisekunde empfängt er ein Wort: „Endlich!“ Telepathie?! Doch da schreitet Berkowitz ein: Er will Kontrolle. Mike denkt sich: „Immerhin ein Anfang…“
Mein Eindruck
Asimov, selbst Professor der Biochemie, kennt das Uni-Leben aus dem Effeff und liebt es, die allzu menschlichen Seiten daran auf die Schippe zu nehmen. Dass Berkowitz ein Kontroll-Freak und Macho ist, lässt er gleich zu Beginn durchblicken: Er schaut auf diese junge Frau, die er „Jenny Reh“ zu nennen pflegt herab. Deshalb hat ihr Experiment auch die befürchtete Wirkung auf Berkowitz: Er will sofort Kontrolle, wenn es um Telepathie geht. Sofort fragt sich der Leser, was er zu verbergen hat. Jenny weiß es und überträgt es an Orsino: Statt Berkowitz wird Caine der neue Rektor. (Und der Rest ist ein Übersetzungsfehler.)
Mike, der Computer, seufzt. Tja, so werden die besten Ansätze im Keim erstickt. Wenigstens ist ein Anfang gemacht. Hier mokiert sich der Autor über die Unzulänglichkeit der menschlichen Natur – und des Gehirns.
2) Chelsea Quinn Yarbro: Der Dichter und der Roboter (Into My Own, 1975)
Eric Dahlman, ein 86 Jahre alter Dramatiker, ist sterbenskrank. Doch die Spezialklinik hat von der Regierung die Anweisung bekommen, sein Leben zu verlängern – um jeden Preis. Zunächst haben sie ihm ein künstliches Herz eingesetzt, das vom Computer 71C-OR gesteuert wird. Nun soll auch die Leber ersetzt werden, doch Dahlman lehnt das zögernd ab. Ihm wird diese Sache unheimlich.
Statt der Leber wollen Manager Nikels und Prof. Thomas, dass der Computer 71C-OR aus Dahlmans verfügbaren Daten – Bühnenstücke, Briefe usw. – ein Modell erstellt wird, das Dahlman ersetzen soll. Dagegen rebelliert der alte Mann noch stärker, besonders dann, als 71C dazu übergeht, ihn für sein Zögern zu kritisieren. Er, 71C, werde ebenso gut in der Lage sein, Empfindungen und Emotionen zu haben wie der alte Knacker. Das lässt Dahlman vollends ausrasten. Was maßt sich dieser Blechhaufen denn an!
71C schaltet auf Schmeichelei, doch als er dabei unangenehme Erinnerungen an eine verräterische Trophäensammlerin weckt, wechselt er über zu Arroganz. Er ahnt bereits, dass er in Dahlman den Samen für ein neues Theaterstück gesät hat, doch das wurmt ihn. Während sich Dahlman nun für die künstliche Leber entscheidet, beginnt 71C seinerseits, ein Stück mit dem Titel „Der Dichter und der Roboter“ zu schreiben. Jedem das Seine.
Mein Eindruck
In flottem Schlagabtausch kommen die beiden gleichwertigen Egos schließlich zum ähnlichen Schluss: Jeder wird ein neues Theaterstück schreiben, denn das ist nun mal die Natur der beiden. Unbemerkt hat der Dramatiker die KI in der Maschine geformt statt umgekehrt. Die Autoren hat ein paar bemerkenswerte Einsichten dazwischen gestreut. Das medizinische Personal ist nur notwendige Staffage. Mich hat das Thema des halb künstlichen Menschen, das damals en vogue war, an Vonda McIntyres Novelle „Azteken“ und an Larry Nivens „The Jigsaw Man“ erinnert. Doch Yarbros Augenmerk gilt dem Aspekt der Kreativität, nicht der Identität.
3) William Jon Watkins: Mutprobe in der Hensonröhre (Coming of Age in Henson’s Tube, 1977)
In der Zukunft leben die Menschen am Lagrange-5-Punkt in Raumkolonien, die wie große Röhren geformt sind: die Hensonröhren. Alles dreht sich hier buchstäblich um die Schwerkraft. Damit die Menschen bei 1 g Schwergraft leben und arbeiten können, erzeugt die kilometerlange Röhre durch Drehen die nötige Zentrifugalkraft. Eine Schienenbahn verbindet die beiden Kappen der Röhre, und auf halber Strecke besteht überhaupt keine Schwerkraft.
Das nutzen die Kinder, die aufwachsen, für eine Mutprobe der besonderen Art. Heute ist Keri an der Reihe, von diesem Punkt abzuspringen und eine Art Basejump mit seinen Flügeln zu vollführen, um hoffentlich lebendig an der Kappe anzukommen. Moody und der Erzähler schauen gebannt zu, wie Keri abspringt. Der kleine Lobber kreischt von Angst. Keri muss seine Flügel klug einsetzen, weder zu früh, noch zu spät, noch zu oft. Während die Schwerkraft zur Kappe hin zunimmt, rast er auf den Boden zu…
Mein Eindruck
Obwohl der physikalische Hintergrund für dieses Szenario doch recht technisch ist, gelingt es dem Autor, durch die jugendlichen Helden nicht nur Spannung zu erzeugen, sondern auch ein Mitfiebern des Lesers. Es ist eine besondere Art der Initiation, diese Mutprobe, und Keris ältere Brüder haben sie überlebt. Das zeigt, dass selbst im fernen Weltraum die immer gleichen Rituale ausgeführt werden, wo immer Menschen aufwachsen. Alexis Gilliland hat diese L5-Habitate in Vollendung durch ihre Entwicklungsstadien geführt; ich fand die Rosinante-Trilogie sehr unterhaltsam.
4) Vernor Vinge: Lange Reise (Long Shot, 1972)
Da die Menschheit weiß, dass sich ihre Sonne schon bald aufblähen und die inneren Planeten ihres Lebens berauben wird, schickt sie Ilse auf die 10.000 Jahre lange Reise zum nächsten Stern: Alpha Centauri. Ilse ist zehn Meter lang und ein komplexes künstliches Gehirn. Sie ist in einen zwölf Meter breiten, linsenförmigen Stahlkörper eingefügt, den sie selbst mit Düsen steuern kann.
Alles geht gut, außer für die Menschen. Der Kontakt reißt ab, und Ilse fliegt einsam weiter. Aber sie spaltet ihr Ich in drei Teile auf und verliert so nicht die Anregung weiterzudenken. Allerdings muss sie nach mehreren tausend Jahren des Flugs feststellen, dass ein Teil ihrer Gedächtniseinheiten nicht mehr ansprechbar ist. Sie hat vergessen, was sie im Alpha Centauri-System machen soll. Aber sie weiß noch, dass sie eine Welt suchen soll, die der Erde ähnelt: blaugrün ist gut, gelb schlecht.
Alpha Centauri ist bekanntlich ein Doppelstern, und Ilse entdeckt zwei in Frage kommende Planeten, Alef II und Beth II. Alef II ist blaugrün, also gut. Aber soll sie nun wirklich dort landen oder weiterfliegen? Sie entscheidet sich für die Landung. Am Boden, umgeben von Wald, untersucht sie ihren einigermaßen zerkratzten Körper auf jedes Detail, das ihr verraten könnte, was ihre Erbauer vorhatten. Da stößt sie am Grunde eines Eisbehälters auf eine bislang unentdeckte Speichereinheit, die ihr genau dies sagt. Sie erwärmt das Eis zu Wasser und macht es zu Fruchtwasser, leitet Blut ein und pflanzt eine befruchtete Eizelle ein…
Mein Eindruck
Wie schon in Vinges Story „Bücherwurm“ wird auch diesmal eine künstliche Intelligenz geschaffen. Die Planetenmission, auf die Ilse geschickt wird, fasst quasi alle Missionen des 20. Jahrhunderts zusammen. Entscheidend ist das Ende ihrer Mission: Was soll hier passieren, um eine zweite Erde entstehen zu lassen? Wie Vinge sagt, hat es dazu einige Vorschläge gegeben – die Panspermie-Theorie von Svante Arrhenius ist jedoch viel zu zufallsabhängig, weil ungezielt Samen zwischen die Sterne geschossen werden. Doch andere Vorschläge, u.a. von Prof. und SF-Autor Robert L. Forward, sehen kleine, gezielte Besamungsaktionen vor. Diese begrüßt der Autor. Er selbst lässt Ilse gleich einen neuen Menschen erschaffen. Ob das wohl besser hinhaut?
5) Steven Utley: Gnadenakt (Act of Mercy, 1974)
Dianne Drake arbeitet als Technikerin auf einer radförmigen Raumstation. Als sie zusammen mit Roboter A26 im Außenbordeinsatz ist, wird ihr Sektor von einem Meteor oder Asteroiden getroffen. In dem Chaos purzelt der schwere Roboter gegen sie und zerquetscht ihren Leib. Sie leidet schreckliche Schmerzen, die ihr Verstand nur durch Träume zu unterdrücken weiß.
Sie träumt von ihrem Ehepaar, der Chirurgin Karen und dem Gärtner Howard, die sie sehr liebte. Das Paar taucht viele Male zwischen diversen Horrorszenarien auf, die Dianne Angst machen. Sie träumt sogar davon, dass Karen ihrem Schädel das Gehirn und anschließend auch das Rückenmark entnimmt, um es in einen künstlichen Leib, einen Cyborg, zu verpflanzen.
Als es erwacht, schaut es sich in seiner demolierten Umgebung um. Es entdeckt lediglich eine Frau, die ihm bedeutet, sich aufzurichten. Als es sich aufrichtet, wirkt es wie eine Gottesanbeterin auf Beutejagd. Eines weiß es genau: Keine Träume sind gute Träume…
Mein Eindruck
Die Story könnte dem Schauplatz nach von Heinlein oder Asimov stammen, doch die Welt, die die sterbende Dianne Drake erlebt, ist Inner Space, als wäre der Text von J.G. Ballard oder Thomas M. Disch. Das Generalthema ist das gleiche wie in der Yarbro-Story, nämlich das Ersetzen des hinfälligen oder verwundbaren menschlichen Körpers durch Maschinenteile. Die Geschichte ist anrührend zu lesen und endet mit einer Pointe, die den Leser eiskalt erwischt. Die Idee der Triaden-Ehe könnte entweder von Isaac Asimov („Lunatico“) oder John Varley – siehe unten – stammen.
6) Dennis Etchison: Schwerer Gang (A Walk in the Wet, 1967)
Spane mit seiner Krücke und seinem telepathischen Sinn hat einen geistigen Ruf vernommen. Doch bevor er diesem folgen kann, wird er von der alten, versoffenen Zenna abgeschleppt. Sie glaubt doch tatsächlich, dass er ihr für ein Glas Whisky von der Schiffskatastrophe der „Deneb“ erzählen würde, die damals im Asteroidengürtel mit einem Felsen kollidierte. Aus dem aufgerissenen Rumpf wurden Menschen mit und ohne Schutzanzug in den Weltraum geschleudert. Spane war im Schutzanzug, verlor aber seinen abgestorbenen Arm, als man ihn endlich fand.
Er verlässt die alte Zenna, die sich gehörig über ihn ärgert, und gerät ihn die Fänge der Huren, die den Matrosen der Raumbehörde vor Zennas Nachtklub auflauern. Er stößt sie weg, um dem Ruf zu folgen. Keiner der Ärzte von der Navy hat seinen siebten Sinn entdeckt, der ihm Telepathie ermöglicht. Nun findet er endlich seinen Kontakt: einen Jungen, der ihn zum Spielen einlädt. Da schlägt Spane mit seiner Krücke zu…
Mein Eindruck
Die Story beginnt wie „The Pusher” von John Varley, der ebenfalls einen alten Raumfahrer als Hauptfigur vorweisen kann. Doch Spane will keineswegs alte Raumfahrergeschichten unters Volk bringen, sondern hat etwas ganz anderes vor. Er will vermutlich die Pein beenden, die ihm der telepathische Sinn bereitet. Aber warum müssen dann andere seinesgleichen daran glauben? Der Autor gibt dem Leser eine harte Nuss zu knacken.
7) John Varley: Triade (Gotta Sing, Gotta Dance, 1976)
Auf den Saturnringen hat sich ein illustres Künstlervölkchen angesiedelt: Menschen, die in Symbiose mit intelligenten Pflanzen-Wesen zusammenleben, die sie vor der kalten Umwelt schützen und nähren. Aber die Symbionten können nicht die Mineralstoffe erzeugen, die der Mensch benötigt. Deshalb besuchen sie alle zehn Jahre den künstlichen Mond Janus, der wie eine Musiknote geformt ist und eine einzige Industrie beherbergt: Künstleragenturen. Es ist das Gegenstück zur berühmten Tin Pan Alley in New York City.
Barnum und Bailey sind solch ein Künstlerpaar. Auf einen Tipp hin besuchen sie die Agentur von Ragtime und Tympani. Dort ist die Aufnahmeleitererin Tympani recht angetan von Barnums Gesang, auch wenn sein Kopf unter einer grünen Hülle verborgen sein mag und nur sein Mund zu sehen ist. Dann zeigt sie ihm, wie sie mit Hilfe einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Synthesizer aus Körperbewegungen Musik erzeugen kann. Bailey ist sofort fasziniert von dieser synästhetischen Musik. Das will er auch können.
Da sich Tympani irgendwie vor der permanenten Bindung an einen Symbionten fürchtet, bleibt nur die Möglichkeit, Bailey sowohl Barnum als auch Tympani „infiltrieren“ zu lassen. Dank der Buchse in Tympanis Schädel haben Baileys Fühler leichten Zugang. Seine Hülle umschließt beide Menschen und überführt in einem Rückkopplungsprozess den Bewegungsablauf des Liebesaktes in Musik. Alle drei sind von dem Ergebnis sehr beglückt. Dennoch heißt es am Schluss Abschied nehmen – bis in zehn Jahren, wenn die beiden Künstler wieder Nachschub brauchen.
Mein Eindruck
Es ist eine weit entfernte Zukunft, die der Autor schildert, und doch eine denkbare Welt dort draußen in den Saturnringen. Meist werden die Ringe nur durchflogen, von Sonden wie Raumschiffen, doch nur selten werden Wesen auf den Ringen selbst angesiedelt, sondern in der Regel auf den Monden.
Der Autor hat nicht nur das Milieu von Musikern und Musikagenten gut eingefangen, wie es in der Tin Pan Alley existierte, sondern auch noch gleich eine neue Kunstform erfunden. Das Gerät Synaptikon stellt die wenige Jahre später im „Cyberpunk“ (ab 1980) so populäre Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer her, der dann Gehirnimpulse direkt ausführt – oder umgekehrt. Typisch Varley, dass diese Kunstform gleich mit Sex verbunden wird – damit wollte er wohl seine jungen männlichen Leser erfreuen (ähnlich wie in der Story „Leb wohl, Robinson Crusoe!“).
Aber es ist nicht die einzige Story über neue Kunstformen. So hat etwa in „Das Phantom von Kansas“ eine Designerin von Stürmen ihren eindrucksvollen Auftritt. Und mehr als einmal erntete Varley für seine Einfälle hohe Auszeichnungen.
8) Thomas F. Monteleone: Chicago (Chicago, 1973)
Pinion ist ein Wartungsroboter der überkuppelten, autonomen Stadt Chicago. Das er einen Schaltfehler hat, merkt er erst, als in eine Sektion geschickt wird, wo er eine fremde Lebensform entdeckt, deren Exemplare sich in Kühlbehältern befinden. Durch einen Defekt des Thermostat ist es einem Exemplar gelungen aufzuwachen. Nun hämmert es an die Abdeckung seines Kühlbehälters. Pinion schraubt ihn auf. Pinion hat den Zentralcomputern von Menschen sprechen gehört. Das Wesen stellt sich nicht nur als Mensch, sondern vor allem als Frau vor. Es scheint keine Hüllen zu tragen. Und es heiße Miria. Nach einigen Fragen will es mit dem Zentralcomputer sprechen. Doch Chicago hat keine Programm dafür, und so soll Pinion das Exemplar wieder in seinen Behälter stecken. Als Pinion einige Zeit zurückkehr, findet er in dem aufgebrochenen Behälter nur Staub und Knochen vor. Putzroboter beseitigen die Reste.
Der Schaltfehler lässt Pinion nur umso neugieriger werden. Tage verbringt er in den diversen Bibliotheken der Stadt und lernt alles über ihre schreckliche Geschichte. Einige Exemplare scheinen draußen in der Wildnis jenseits der Kuppel überlebt zu haben, und eines Tages gelingt es ihm, Chicago zu überlisten und durch eine Luftschleuse zu entkommen. Er hat einen Plan. Doch draußen haben die Wilden wenig übrig für einen Vertreter der Stadt, die sie ausgesperrt hat. Sie überwältigen den freundlichen Roboter, zerlegen seine Komponenten und erschaffen daraus Waffen, um den Feind vorzugehen…
Mein Eindruck
Diese ironische Story bildet Kapitel 10 des Romans „Die heimgesuchte Stadt“ des Autors, der bei Heyne erschien. Darin wird das Schicksal der Stadt Chicago geschildert, wie es sich im Laufe der Jahre, selbst nach Äonen, präsentiert. In Pions Erlebnissen geht es um Kontext bzw. dessen Fehlen. Weder die versehentlich aufgeweckte Frau noch der Wartungsroboter wissen, was sie mit dem jeweils anderen anfangen sollen, und selbst die Stadt kennt kein Programm, um der Frau zu helfen. Als dann Pinion die Stadt verlässt, gerät er erneut in den falschen Kontext, und der Angriff der „Wilden“ bedeutet sein Ende. Dass er zum Waffenbau zerlegt wird, bestätigt nur, was er in den Büchereien gefunden hat: Alle Menschen sinnen auf Krieg, selbst auf eigene Kosten.
9) George R.R. Martin: Die Nacht der Vampire (Night of the Vampires, 1975)
Anno 1987 wird in Kalifornien ein Luftwaffenstützpunkt von Unbekannten angegriffen. Weil sich die Verteidiger auf die Hauptattacke konzentrieren, können die anderen Angreifer zwei Atombomber und sieben schnelle Jagdflugzeuge entführen. Sofort stellen sie ihre sechs Forderungen an US-Präsident Hartmann von der rechtsgerichteten Freiheits-Allianz, sonst drohen sie damit, die Hauptstadt mit zwei Wasserstoffbomben dem Erdboden gleichzumachen.
Sie unterzeichnen mit American Liberation Front (ALF). Diese „Alfies“ sind im Kongress die zweitstärkste Kraft. Die TV-Journalisten raufen sich die Haare und fragen sich, was die Partei damit erreichen will. Dieser Schuss kann nur nach hinten losgehen. Der Präsident erklärt die Alfies kurzerhand zu Hochverräter und beginnt, alle nacheinander zu verhaften. Schon bald gibt es Meldungen über „auf der Flucht“ erschossene Alfies. Milizen bilden sich, um die Alfies vor den Sturmtruppen des Präsidenten zu schützen. Chicago brennt, dann Washington…
Unterdessen stürzen sich die Verteidiger der Hauptstadt in ihren Düsenjets Marke „Vampir“ auf die sieben Kampfjets der Angreifer. Nach weniger als einer Stunde sind nur noch ein Bomber und ein Verteidiger übrig. Kampfpilot Reynolds wundert sich über die exzellenten Flug- und Kampfkünste der Angreifer. Als ihn der Strahl der feindlichen Laserkanone erfasst, feuert er seine letzten zwei Raketen ab…
Mein Eindruck
In einem packenden Wettlauf gegen die Zeit schildert die wie ein Drehbuch geschriebene Story einen rechtsgerichteten Staatsstreich nach dem Muster des Reichstagsbrandes des Jahres 1933, der zur Stärkung Hitlers und seiner Nazi-Partei führte. Was niemand weiß, können wir nur ahnen: Hartmanns Partei hat die Bomber selbst entführen lassen, um die ALF zu diffamieren und als Hochverräter anschließend auszuschalten. Nun kann er zusammen mit der Partei der Alt-Republikaner schalten und walten, wie es ihm beliebt: das ist der Sieg des Faschismus auf amerikanischem Boden, getarnt mit dem Mäntelchen der Bewahrung der Freiheit.
Die Story ist voll Action, die aber von den eingestreuten Hinweisen auf die politische Entwicklung auf leerer Heroismus desavouiert wird. Ähnlich wie bei „Der Held“ (1971) bleibt ein bitterer Beigeschmack zurück.
Darrell Schweitzer: Interview mit GRR Martin (1976)
Martin wird gefragt, wie er eine fremde Welt und fremde Wesen entwirft. Es stellt sich heraus, dass er umgekehrt zu den Methoden der Physiker Hal Clement und Poul Anderson vorgeht. Am Anfang stehen die Themen wie etwa Liebe und Religion, dann kommen die Figuren und die Handlung, schließlich die dafür notwendige Welt, etwa verschiedene Formen von Aliens.
Das Interview fand 1976 statt, als Martin noch ziemlich am Anfang seiner Karriere stand, aber doch schon sehr viele Workshops der Szene besuchte, aber seinen ersten HUGO Award für „Song für Lya“ erhalten hatte (1975). Was er besonders nützlich fand, waren seine Jahre im Zeitungsjournalismus, insbesondere in seinem Erzählstil. Bei der Zeitung muss der Autor immer gleich auf den Punkt kommen, sonst verliert er den Leser. Auch Adjektive und Schachtelsätze sind verpönt.
Das heißt aber nicht, dass GRRM große Autoren wie etwa H.P. Lovecraft ablehnte, ganz im Gegenteil: Das Alien in „Die Farbe aus dem All“ (inzwischen verfilmt) fand er eines der gruseligsten überhaupt. HPL’s Nachahmern August Derleth und Lin Carter fehlt eine entscheidende Komponente, so GRRM, und es sind meist die Charaktere, nicht etwa der abgekupferte Stil. s
Der Autor weiß auch einiges über den Markt, seine Awards und die Magazine zu sagen. So bemerkt er mit Missfallen, dass die späten Werke von Silverberg kaum noch Neuauflagen erfahren. Mit „spät“ meinte er wohl Inner-Space-Romane wie „Es stirbt in mir“, auf keinen Fall aber Bestseller wie „Lord Valentine’s Castle“, denn die Majipoor-Chroniken waren da noch in Planung. Und er beschreibt das traurige Schicksal der britischen und amerikanischen New Wave: Sie wurden von Magazinen wie „Vertex“ prinzipiell abgelehnt, ebenso Norman Spinrads „Der stählerne Traum“, der beim Gremium, das den National Book Award, noch nicht einmal zur Auswahl angenommen wurde.
Sehr aufschlussreich ist GRRMs eigene Erzählweise, die Arbeitsweise seines Vorgehens. Daran könnte sich mancher Neuautor ein Beispiel nehmen. Aber für eine Schreibschule à la Stephen King reicht hier nicht der Platz.
Die Übersetzung
Die Übersetzungen sind ausgezeichnet gelungen und fast völlig frei von Druckfehlern.
S. 14: „und Jim wird Krähen essen.“ Diese Redewendung entspricht jedoch unserem „Jim wird eine Kröte schlucken.“ Das heißt, er muss sich ärgern und seinen Stolz unterdrücken.
S. 160: „…dem Leser nicht jenes Feeling bescheren konnten, dass (!) Lovecraft selbst ihnen gab.“ Statt „dass“ müsste hier ein Relativpronomen stehen, nämlich „das“, welches sich auf „Feeling“ bezieht.
Das Interview wurde von Ronald M. Hahn übertragen, dessen Sprachstil den Leser stets herausfordert. Warum schreibt er „Justifikation“ statt „Rechtfertigung“ oder „Reputation“ statt „guter Ruf“?
Unterm Strich
Dieser Auswahlband mit Stories aus US-amerikanischen SF-Magazinen wie „Galaxy“, IASFM oder MFSF weiß einige sehr gelungene Geschichten zu präsentieren. Dazu gehören die Novellen von John Varley, Vernor Vinge und GRR Martin. Aber auch Klassiker wie der humorvolle Isaac Asimov und Newcomer wie Monteleone wissen einigen Reiz zu bieten: Sie erzählen von Robotern oder solchen, die es mal werden wollen. Steven Utley und Dennis Etchison berichten von den Folgen der Unfälle, die in der Raumfahrt passieren können. Die Opfer werden nicht Roboter, wohl aber Kyborgs, und diese führen eine Existenz am Rande der Gesellschaft.
Sehr erhellend, informativ und sogar unterhaltsam fand ich das Interview mit GRR Martin. Weitere solche Interviews wissen die anderen Auswahlbände von Knaur zu bieten, aber nicht jeder Band. Es fehlt etwa in „Visum für die Ewigkeit“. Warum dieser Band „Countdown“, bleibt unerklärlich, denn einen solchen Beitrag gibt es hier nicht. Er wurde vermutlich der Umfangsbeschränkung auf 160 Seiten geopfert. Diese galt seit den sechziger Jahren bis Anfang der 1980er Jahre.
Taschenbuch: 160 Seiten.
Aus dem Englischen von von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783426057117
Der Autor vergibt: 



