Horst Pukallus (Hrsg.) – Der zweite Tod. Internationale SF-Erzählungen (Norwegen-Special)

Abwechslungsreiche SF-Anthologie mit Norwegen Special

„Mit diesem Erzählband setzt der Heyne Verlag seine Tradition internationaler SF-Anthologien mit herausragenden Erzählungen prominenter Autoren aus aller Welt fort, u.a. mit Stories von Lisa Tuttle, Thomas F. Monteleone und Stepan Chapman.

Zum ersten Mal vorgestellt: Science Fiction aus Norwegen. Die drei bekanntesten Autoren mit ihren besten Geschichten: Tor Age Bringsvaerd, Thore Hansen und Cato N. Lindberg.

Sowie Erzählungen aus Deutschland von Andreas Brandhorst, Dirk Joszok und Malte Heim. Zusammengestellt, mitbiographischen Notizen und einem Nachwort versehen herausgegeben von Horst Pukallus.“ (Verlagsinfo)

Alle drei norwegischen Beiträge sind einem einzigen Buch namens „Wiedersehen beim Sirius“ entnommen, das 1972 in Ost-Berlin veröffentlicht wurde. Dementsprechend stammen alle drei Übersetzungen von Irma und Heinz Entner.

Der Autor

Horst Pukallus, geboren 1949 in Düsseldorf, ursprünglich Versicherungskaufmann, ist seit 1974 hauptberuflich als Übersetzer, Autor, Herausgeber und Kritiker vor allem im Bereich der Science Fiction (und Fantasy) tätig. Er veröffentlichte Erzählungen und Kurzgeschichten in diversen Anthologien und wurde für seine hervorragenden Übersetzungen – u.a. übertrug er „Schafe blicken auf“ und „Morgenwelt“ von John Brunner, die großen Fantasy-Zyklen von Katherine Kurtz und Stephen R. Donaldson ins Deutsche – sowohl 1980 als auch 1981 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als bester SF-Übersetzer ausgezeichnet. (gekürzte, ergänzte Verlagsinfo)

Die Erzählungen

1) Thore Hansen (Norwegen): Bobadilla (dito, 1975)

Bobadilla, der alte Clown, wird entlassen: Der Zirkus braucht ihn nicht mehr. Immerhin bekommt er noch eine Abfindung. Damit tilgt er Schulden und investiert den Rest. Zusammen mit seinem Pony Cleopatra macht er sich auf den Weg in die Stadt. Unterwegs stellt er sie bei einem Bauern unter, den er bezahlt. In der Stadt kauft er Farbe und besteigt das höchste Hochhaus. Er stürzt sich gerade in die Tiefe, als ihn eine unsichtbare Kraft in die Höhe hebt und auf einen anderen Planeten versetzt.

Das alte Haus gehört ihm ganz alleine. Davor steht eine Telefonzelle, in der man sich höheren Orts nach seinem Wohlbefinden erkundigt. Hier kann ich es wirklich eine Weile aushalten, denkt er, als ein Pferd dahergaloppiert. Ist das Cleopatra, fragt er sich und beginnt wie früher, die Flöte zu spielen. Hier lässt es sich aushalten, denkt er.
nyal
Da landet ein geflügeltes Wesen vor seiner Veranda und stellt sich als Todesengel vor. Bobadilla bietet ihm ein kühles Bier aus dem Keller an, dann einen starken Vodka. In der Tasche, die Azrael bei sich trägt, befindet sich tatsächlich eine Bombe, wie er gesagt hat: Die sei für einen Planeten namens Terra bestimmt. Bobadilla und Cleopatra sorgen dafür, dass der Sprengstoff durch eine harmlosere Substanz ersetzt wird. Und wenn er nicht gestorben ist, dann spielt der Clown bis heute seine Flöte.

Mein Eindruck

Ein federleichtes Märchen mit einem spaßigen Clown – was wäre besser geeignet, um als Start in ein doch relativ schwergewichtiges Buch zu dienen. Er spielt sogar dem Todesengel, der Terra sprengen will, einen Strich. Der Leser kann erleichtert aufatmen.

2) Malte Heim (D): Du hast mich erhöht, als ich am schwächsten war (1983)

In der Werkstatt für homöostatische Maschinen arbeiten programmierbare Apparate, die unter der Aufsicht des ebenfalls semi-intelligenten „Koordinators“ stehen. Dieser bemerkt heute zum ersten Mal, dass der Bohrer irgendwie anders, irgendwie intelligenter ist. Als die menschlichen Arbeiter Gordon und Bohuslav hier einen Trawler bauen lassen wollen, zeigt ihnen der „Koordinator“ den Bohrer. Der würde ihnen helfen. So kommt es, dass der Bohrer bei Gordon, Lysine und Bohuslav ein Upgrade erhält: Er kann jetzt denken und sprechen. Sie nennen ihn Alphandor, den ersten der Androiden, oder einfach nur „Alfie“.

Er bekommt verschiedene Aufträge, Dinge zu reparieren. Der komplizierteste ist vielleicht die des Raumschiffs „Trans-Scanner“. Angeblich weigert sich seine KI, mit der Raumschiffgesellschaft zu kooperieren. Bei näherer Begutachtung findet Alfie heraus, dass es sich um einen Kyborg handelt, also eine Maschine mit einem menschlichen Gehirn. Das Gehirn stammt offenbar von einem Säugling, denn dieses wächst ja noch und vermag sich rasch anzupassen. Vorerst kann er nichts für seine Auftraggeber tun, aber das Schiff darf zu seinem nächsten Tiefenerkundungsflug starten. Ohne ihn, versteht sich.

Etwas später besucht er Miss McGinny wegen ihrer kybernetischen Küche. Diese „Betty“ verfügt über eine ausgefeilte Programmierung, die sogar über Telepathie verfügt. Schnell wird klar, dass McGinny ihr Kind, nun ja, nicht „verloren“, sondern vielmehr hergegeben hat. Es handelt sich um das gleiche Kind, dessen Gehirn die „Trans-Scanner“ steuert, begreift Alfie. Verstört vergisst er seine Werkzeugtasche. In der Firma, die das Schiff „Trans-Scanner“ hergestellt haben will, erfährt Alfie mehr über sich selbst: Er sei die Steuereinheit für einen Generationenraumer gewesen, sagt der Automat. Daher also seine ungewöhnliche Intelligenz.

Jahre vergehen, und Alfies Firma hat sich aufgelöst, vor allem wegen Lysines Abscheu gegen die Nutzung von menschlichen Gehirnen in Maschinen. Nun setzt sich Alfie in einem Ginstergebüsch zur Ruhe, doch er darf nicht rasten: Eine Kinderstimme fordert ihn auf mitzukommen. Alice hat sofort erkannt, dass er ein Android ist, und bringt ihn zu ihrer Mutter. Die hat versprochen, Alice einen Raumflug zum neunten Geburtstag versprochen. Na, da kommt doch Alfie wie gerufen.

Mein Eindruck

Man könnte diese Geschichte als eine Art Robotermärchen à la Stanislaw Lem abtun, wenn es da nicht ein paar auffällige Verbindungen der Motive gäbe. Künstliche Intelligenz in humanoiden Robotern ist die eine Seite der Gleichung. Auf der anderen Seiten tauchen zwei Kinder auf: Mrs. McGinns weggegebenes Kind, das nun auf einmal als streikendes Gehirn eines Raumschiffs auftaucht, und schließlich die junge Alice, die unbedingt in einem Raumschiff fliegen möchte. Mrs. McGinn und Lysine kommentieren den Kyborg-Missbrauch auf jeweils eigene Weise. Daher wirkt Alices naive Freude wie eine ausgleichende Absolution der „bösen“ Seite der Raumfahrt.

Zunächst wandelt Alfie wie ein ahnungsloser Candide à la Voltaire durch die Szenen, doch er kann viel mehr als unschuldiges Erleben: Er kann Optionen, Faktoren und Aspekte gegeneinander abwägen und Entscheidungen treffen. Woher diese Fähigkeit kommt, erfährt er schließlich doch noch: Er verfügt über einen ausgefeilten Zentralprozessor. Seine Entscheidung, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern der nächsten Menschengeneration zum Raumflug zu verhelfen, bildet den positiven Abschluss eines doppelbödigen Märchens.

3) Stepan Chapman (USA): Autopsie auf der Fahrt (Autopsy in Transit, 1975)

Yvonne (ohne Nachnamen, daher „Fehlanzeige“) hat auf der Autobahn einen schweren Autounfall erlitten. Ein autonomes Unfallfahrzeug nimmt sie auf und erzählt. Was ihm, dem Auto, durch den Kopf geht. Es sieht nicht gut aus für Yvonne Fehlanzeige, und als das Fahrzeug in einen Stau gerät, ist jede Hoffnung, das Städtische Krankenhaus rechtzeitig zu erreichen, vergeblich.

Als nächster redet der autonome Hilfspfleger zu ihr und anschließend verpasst der autonome Leichenbeschauer ihr das obligatorische Identitätsetikett. Er weigert sich, die Farbe ihrer Zunge ins elektronische Formular einzutragen, denn das wäre wirklich pietätlos gegenüber einer Frau. Abschließend befasst sich der autonome Totengräber mit Yvoonne Fehlanzeige. Er ist mehr eine Art kosmetischer Bestatter und statt sie zur letzten Ruhe zu betten, übergibt er sie dem autonomen Obduzenten. Auch dieser hat seine ganz eigenen Pläne mit Yvonne, der schwarzhaarigen Schönheit, die wohl etwas zu viel Alkohol im Blut hatte.

Mein Eindruck

Als wär’s ein Stück von Kafka oder J.G. Ballard, zeigt dieses Panorama von autonomen Maschinen anhand ihrer Verrichtungen, was Menschen von solchen Apparaten zu erwarten haben. Insbesondere dann, wenn diese mit einer KI bestückt sind, die anhand falscher Daten trainiert wurde: Das Selbstgelernte, ja, sogar die verborgenen eigenen Wünsche der KI übernehmen das Kommando, und mehr als einmal muss die Prozedur „wegen Autismus“ abgebrochen werden. Dann übernimmt ein anderer „Modus“ das Kommando. Bedeutet dies etwa, dass es sich ab dem „Hilfspfleger“ stets um ein und dieselbe Maschine handelt? Sie wechselt dann nur den „Modus“, in dem ihre vielseitige Software tätig ist. Auch das könnte in Kürze realisierbar sein.

Wie auch immer: Menschen treten in der Geschichte nur als Opfer auf, allen voran Yvonne Fehlanzeige (ihre Dokumente sind beim Unfall verbrannt). Anstatt Menschen, also ihre Schöpfer, mit Respekt und Würde zu behandeln, setzen die Menschen ihre eigenen Vorgaben, Vorstellungen und sogar Wünsche um. Eine Perlenkette aus Zehenknochen? Nichts leichter als das! Von den hübschen Innereien und ihren malerischen Äderchen ganz zu schweigen. Kurzum: Eine Story, die zahlreiche Konventionen und Tabus durchbricht, unserer nahen Zukunft aber womöglich näher ist, als wir glauben wollen.

4) Cato N. Lindbergh (Norwegen): De anima (dito, 1972)

Prof. Albrecht Wohlverstanden arbeitet für ein Friedensinstitut, das IFFMA, das Institut für friedliche militärische Aktivitäten, in Notodden, Norwegen. Er hat die planäre Quasistrukturik erfunden: „Seelenprobleme im fünfdimensionalen Raum“. Sie besagt, ultrakurz gesagt, dass die Seele, getrennt vom Körper, aus Elementarteilchen besteht, die sich auch woanders als im Körper befinden können, etwa in einer anderen Galaxie. Mittels eines speziellen Apparats, der Maschine zur Seelenintegration, ließe sich der Grad des Zusammensiels zwischen Seele und Körper steuern. Die Maschine trägt den schönen Namen SOUL BROTHER.

Wohlverstanden unternimmt einen Selbstversuch – und verliert seine Seele. Der Körper hingegen findet Topsy, wer auch immer das sein mag. Aber die beiden machen höchst unanständige und nicht zitierfähige Dinge miteinander, die nicht durch die Zensur gekommen sind, sorry. Zwei Jahre später hat sein Assi Martin Storhaug ein Seelenauffanggerät erfunden, und sein Prof. kann endlich zusammen mit der molligen Topsy aufbrechen, um seine verlorene Seele zu suchen. Sie bedient das Gerät, doch leider ist ihr kein Erfolg beschieden: Die Seele ihres Liebsten bleibt verschollen. Martin Storhaug jedoch hat die neuartige Seeleningenieurskunst, das Soul Engineering, zur höchsten Vollendung weiterentwickelt und die reine, weiße Seele erschaffen.

Mein Eindruck

Diese Satire prangert eine unzulässige Grenzüberschreitung an: Die kybernetische Wissenschaft und die Physik mischen sich in Psychologie und Theologie ein. Dass ausgerechnet ein so zentraler (und nebulöser) Begriff wie „Seele“ zum Schlachtfeld dieser Disziplinen wird, wirkt sich fatal aus. Aber „Schlachtfeld“ ist der richtige Begriff, wenn diese Forschung im militärischen Umfeld stattfindet.

Angeblich soll sie ja dem Frieden dienen, aber inzwischen wissen wir, dass zwischen den Zuständen „Krieg“ und „Frieden“ nur ein semantischer Unterschied besteht. Offiziell befindet sich unser Land nicht mit Russland im Krieg, wird aber dennoch laufend angegriffen, vor allem mit digitalen Mitteln. Dieser kuriose Zustand wird als „hybrider Krieg“ bezeichnet. Das hilft Prof. Wohlverstanden natürlich nichts: Ihm ist die Seele abhandengekommen und es dürfte schwer sein, sie wieder zu beschaffen. Leichter wäre es mit der Quantenphysik: Das Prinzip der „Verschränkung“ von zwei Quanten verbindet sie immer und überall.

5) Thomas F. Monteleone (USA): Tänzerin der Finsternis (The Dancer in the Darkness, 1974)

Der angehende Schriftsteller Paul Koulakis hat Spanien schon ein Jahr lang bereist, als er endlich Cordoba erreicht, In der Musikkneipe „El Bodegon“ lauscht er erst einem abgehalfterten Flamenco-Gitarrespieler an dessen uraltem Arbeitsgerät, dann bemerkt er die Amerikanerin, die dem Mann wie gebannt zuschaut. Die schöne, höchstens 25 Jahre alte Frau scheint sich mit Flamenco auszukennen, was er bei einer Amerikanerin bemerkenswert findet, also verwickelt er sie in ein Gespräch.

Lisa Fratiano stammt ursprünglich aus Iowa, arbeitet jetzt aber in Washington, D.C., für das weltbekannte Smithson-Institut. Ihr Chef sucht mit ihrer Hilfe in Spanien Stücke, die er für sein Museum erwerben könnte. Paul verrät Lisa, dass sie echten Flamenco nicht in solchen Touristenfallen, sondern draußen auf dem Lande finden könne, in Dörfern und auf Festen, bei den Zigeunern und so. Denn er ist selbst ausgezeichneter Flamencospieler und kennt sich aus. Als er geht, bleibt sie noch. Er schreibt noch in der gleichen Nacht acht Seiten Short Story, für seinen Lektor in New York City. Er ist inzwischen knapp bei Kasse, doch Kurzgeschichten bringen gute Kohle.

Am nächsten Morgen kommt Lisa in sein Zimmer, macht Kaffee und verlangt, dass er sie draußen im Vorhof tanzen sehen müsse, mit seiner Gitarre als Begleitung. Das ist überhaupt kein Problem, meint er, und was sie ihm vortanzt, findet er einfach phantastisch. Aber kann sie auch vor den Zigeunern bestehen? Um dies herauszufinden, fahren sie zusammen zu einem Dorf, hinter dessen Zentrum eine Wiese liegt, auf der sich eine umfangreiche Zigeunersippe niedergelassen hat. Ein paar Worte genügen, und schon tanzt eine Roma auf der hölzernen Abdeckung eines Brunnens einen wuchtigen Flamenco. Gleich drei Gitarristen begleiten ihre Vorführung.

Dann ist Lisa an der Reihe. Nachdem sie fertig ist, herrscht erstauntes Schweigen, bis endlich jemand Applaus zollt. Ein alter Mann jedoch schüttelt den Kopf und verrät Paul, was mit dieser amerikanischen Tänzerin nicht stimmt: „Sie flirtet mit dem Finsterling, dem Tänzer im Dunkeln.“ Paul versteht dies so, dass Lisa mit dem Tänzer Tod flirtet, aber der Grund ist ihm ein Rätsel.

Er fragt Lisa, was sie hier wirklich sucht. Sie antwortet, es sei der verbotene Tanz „chimeras“. In Sevilla bekommt Paul auf der großen, weltbekannten „feria“ einen Tipp, welche Frau er fragen könne, ob sie die „chimeras“ kenne und lehre. Das Gedächtnis der alten Carlotta reicht weiter zurück als das vieler anderer, und sie ist sogar bereit, die Amerikanerin den verbotenen Tanz zu lehren. Dies dauert eine Woche oder zwei, jedenfalls nähert sich Lisa vierwöchiger Aufenthalt seinem Ende.

Inzwischen haben sie miteinander geschlafen, Lisa hat ihm ihre Liebe gestanden. Sie tanzt den „chimeras“ in der Vorhalle, mit einer unheimlichen Wirkung auf ihn. Noch am gleichen Tag will sie abreisen. Soweit also reiche ihre Liebe, fragt Paul verletzt. Er darf sie nicht einmal in die USA begleiten. Am nächsten Tag ist sie grußlos fort, doch nach sechs Monaten erhält er von ihr einen Brief, der vieles erklärt…

Mein Eindruck

Diese bewegende Erzählung ist von herausragender Qualität, und die zahlreichen Details über die Kunst des Flamenco-Tanzes lassen sie besonders plausibel und eindringlich wirken. Zwar werden die verschiedenen Tanzformen nicht erklärt, aber das ist auch nicht entscheidend. Es ist stets die Reaktion der Begleiter, die wichtig ist: die Gitarristen, die Zuschauer, die Rivalin. Im Zentrum steht stets die Gestalt der Lisa, von der man kaum glauben mag, dass sie aus den USA stammt. Der Erzähler Paul ist mehr ihr Betrachter als ihr Liebhaber: Er nimmt alles wahr.

(SPOILER!)

Der Originaltitel ist ebenso vieldeutig wie der deutsche. Worum handelt es sich bei der Finsternis bzw. „darkness“, fragt sich der Leser. Der deutsche Titel meint, es handle sich um die Tänzerin, doch die Geschichte selbst hält eine andere Erklärung bereit: Es ist der Finsterling, mit dem Lisa tanzt. Dabei kann es sich um den Tod oder den Teufel handeln. Der Tanz eines Mädchens mit dem Tod ist indes ein weitverbreitetes Motiv, das meist mit einer Bestrafung endet.

Warum ist dies gerade für Lisa so wichtig? In ihrem Brief an Paul erklärt sie, dass sie Leukämie habe und dem Tod geweiht (gewesen) sei. Paul kann nur vermuten, dass sie inzwischen tot sei, dass sie aber in Spanien den ultimativen Widerspruch zum unausweichlichen Schicksal gesucht hat. Die Überschreitung der Grenze, die Anstand und Sitte ihr zogen, war der Preis für die ultimative Lebenslust, die sie im „chimeras“-Tanz erfuhr. Ob Paul dies auch so sieht, wird am Schluss nur angedeutet: Er bleibt in Spanien, um in einem kleinen Dorf zu leben. Denn dort gelten noch die alten Sitten, und Mädchen tanzen riskante Tänze auf den Festen…

6) Dirk Joszok (D): Kunstwerk (1983)

Michelin ist als Wirtschaftsinspekteur seiner Firma rundum zufrieden, wäre da nichts die fatale Entdeckung, dass er seinen Markenregenschirm in der Firma vergessen hat. Es schüttet wie aus Kübeln, und er muss die Pfützen, die sich auf der Straße gebildet haben, umtänzeln. Als Inspekteur liebt er es, wenn alles seine Ordnung hat, doch davon kann in der U-Bahnstation keine Rede sein. Und in der U-Bahn sorgen junge Rowdies für Unruhe.

Das gibt ihm jedoch Gelegenheit, für einen belästigten Fahrgast einzutreten und die Rüpel zu vertreiben. Als Dank bietet ihm den Beschützte an, ihn zu seiner Villa chauffieren zu lassen. Michelin schlägt Herrn Agloffs Angebot keineswegs aus. Mit dem Bentley geht’s in eine feine Wohngegend, und auch das Interieur kann sich sehen lassen. Bis auf ein störendes Detail: eine in Hartwachs eingeschlossene Vogelspinne, die von der Decke hängt. Das hätte Herrn Michelin eine Warnung sein müssen.

Nach der undefinierbaren Nachspeise verspürt Michelin ein Stechen in der Magengegend. Doch Angloff besteht darauf, ihm seinen Garten zu zeigen. Dort sind etliche Statuen zu bewundern, von denen eine lebensechter als die andere wirkt. Da endlich bricht Michelin wie gelähmt zusammen. Angloff ist gar nicht mit seinem Bart zufrieden, aber das lässt sich ja noch ändern. Bevor er ihn präpariert und als Statue in seinem Garten aufstellt…

Mein Eindruck

„Auch du kannst ein Kunstwerk werden!“ Diese Propaganda, die so sympathisch ermutigend wirkt, nimmt hier eine sinistre Bedeutung an. Ein ganz gewöhnlicher Typ kann durch die Angloff-Prozedur quasi Unsterblichkeit und Bewunderung erlangen, doch die kostet Michelin das Leben. Dieses Leben wird in zahlreichen realistischen Details geschildert, so dass Michelin zu einer sympathischen Figur und sein Ende zu einer Tragödie wird.

Der Autor scheint ausdrücken zu wollen, dass Kunst vielleicht doch nicht so toll ist, wenn sie im Widerspruch zum Leben und der Menschenwürde steht. Dies schrieb er in einer Zeit – den frühen achtziger Jahren, wenn man dem Copyright glauben darf – als die Kunst aus ihrem musealen Käfig ausbrach und in den Alltag einzubrechen suchte. Performance war in und was nicht alles mehr. Fluxus à la Yoko Ono war jedenfalls schon durch. Viele Details zur zeitgenössischen Kunst finden sich in dem Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ von Mithu M. Sanyal. Als einbalsamierte Mumie würde Michelin jedoch die Würde eines Pharao zuteilwerden.

7) Andreas Brandhorst (D): Rotmarkierung (1983)

In der nahen Zukunft tobt in der ummauerten „Ruhrstadt“ der Bürgerkrieg. Nach einer Epidemie, die das „Übel“ genannt wird, haben sich die Infizierten des Draußen, die „Nachtschatten“, gegen das herrschende Sicherheitssystem im Inneren gewandt und verüben Anschläge. Die Metropolis ist in mehrere Sicherheitszonen eingeteilt worden. Nur in der blauen ist es sicher, Grün hat schon Risiken aufzuweisen, aber Gelb und Rot sind natürlich No-go-Areas, in denen die Infektion durch giftigen Staub den sicheren Tod bedeutet.

Albat Haim und Mikkael Smid sind keine Cops, sondern räumen nach deren nächtlichen Einsätzen auf und verwerten die Überreste, Körper, Barrikaden und Waffen. Weil die eigene Seite Giftgas einsetzt, müssen sie Gasmasken und Filter tragen. Aber das Filterkontingent, das ihnen zugeteilt wurde, geht zur Neige. Als sich Albat wegen Nachschubs an seine Vorgesetzten wendet, wird seine Systemtreue infrage gestellt, nicht nur vom Chef, sondern auch von einem Psychologen. Als wäre Illoyalität ein Hirnschaden.

Zu Hause wird er von seiner Frau Elene mehr oder weniger ignoriert. Ihr ist ein gutes Makeup, das ein Automat appliziert, wichtiger als seine Sorge, dass er sich mit dem „Übel“ infiziert haben könnte. Sie geht lieber fort, entweder zu ihrer Freundin – oder zu einem Lover namens Chlauss. Albat geht es zu schlecht, um nachzuforschen. Er wendet sich an Dr. Scherer, doch der gibt ihm bloß Beruhigungsmittel. Dann kommt der nächste Einsatzbefehl: Es geht in die grüne Zone, die ja eigentlich schon vom „Übel“ verseucht ist. Albat hat Bedenken, die wie üblich ignoriert werden..

Sie landen mitten in einer Barrikadenschlacht, die von den Nachtschatten mit Miniraketen geführt wird. Die Cops der blauen Zone haben keine Chance, denn ihre Panzerwagen fliegen in die Luft. Entgegen des Befehls wagt sich Albat mit seinem Wagen weiter vor, bis er zu dem verletzten Commander Schwartz vordringt, wohl in der Hoffnung, dem Cop helfen zu können. Doch was er schließlich vorfindet, erschüttert ihn zutiefst: Statt Blut und Knochen zu sehen, entdeckt er Metall, Kabel und Schaltkreise. Schwartz ist ein Roboter. Nach dem ersten Schock fragt sich Albat, ob es noch weitere Bots gibt.

Das zeigt sich bei Dr. Scherer, zu dem man ihn weggebracht hat. Doch statt einer Beruhigungsspritze will ihm der MedoTech noch viel mehr Medizin verabreichen. Zufällig ist aber auch eine andere Frau in einem der Abteile der Praxis, und diese Frau hat das „Übel“: Ganzkörperkrebs. Sie ist ein sogenannter Tagschatten. Albat kommt ein finsterer Verdacht. Womit ist Scherer eigentlich befasst? Er erschlägt den Arzt, und siehe da: Metall, Kabel, Schaltkreise. Die Verschwörung reicht tiefer als befürchtet.

Dies ist erst der Anfang seiner weiteren Entdeckungen…

Mein Eindruck (Spoiler)

Albat ist in das „Projekt zur Kontrollierten Umweltzerstörung“ (KUZ) geraten. Es besteht offenbar darin, innerhalb einer umgrenzten Zone wie Ruhrstadt die menschlichen Bewohner zu vergiften oder, je nach Kostenfaktor, ganz durch Roboter zu ersetzen. Mehrere Dokumente sollen den Leser am Schluss der Erzählung auf die richtige Spur führen. Doch die Puzzleteile zusammenzusetzen, erfordert einige Mühe. Man muss darauf achten, von welchen Urhebern diese Dokumente kommen.

Projekt KUZ dient also der Umweltzerstörung und der Eliminierung von Abweichlern. Die „Replacierung“ durch Roboter schreitet immer weiter voran, so etwa bei der Polizei, in der Medizin, bei der Chemieproduktion (Giftgas!) und natürlich auch bei den Verwertern: Wie befürchtet, ist auch Albats Chef ein Roboter. Die bittere Ironie besteht am Schluss darin, dass Albat, Mikkael und ihre Begleiterin Elene, eine sogenannte „Amateurhure“, die titelgebende Rotmarkierung überschreiten und in eine grüne, gesunde Idylle mit reiner Luft gelangen: Hier soll sich die KUZ-Zentrale befinden? Die schöne Gegend ist allerdings das letzte, was sie sehen und einatmen…

Wie vom Bestseller-Autor gewohnt, ist der Erzählstil leicht verständlich und die Szenen anschaulich. Die Sätze sind kurz und verleiten zum schnellen Lesen. So kommt der Eindruck eines Actionthrillers auf, der sich bestens zur Verfilmung eignen würde, wenn er nicht schon längst vergessen wäre, seitdem es die „Terminator“-Filme gibt.

8) Lisa Tuttle (USA): Der zweite Tod (The Hollow Man, 1974)

Felicia Sanberry hat ihren Mann, den Komponisten Ronald Sanberry, zu Lebzeiten sehr geliebt. Selbst noch, als sie ihre gemeinsame Tochter Clarissa verloren. Doch als er sich durch Vergasung in seinem Wagen umbringt, entscheidet sie, dass dies nicht sein Ende sein soll. Sie ist die Tochter des Unternehmers Austin Roberts, daher unternimmt sie etwas gegen Rons Tod. Doch nach seiner „Wiederbelebung“ ist Ron keineswegs der glühende Lover, den sie kennt, sondern ein apathischer, gefühlskalter Roboter. Er tut zwar, was man von ihm verlangt, aber die Liebe gehört gewiss nicht dazu.

Viele Tränen muss Felicia vergießen, ehe in ihr ein Plan reift. Sie fliegt mit Ron, der prämortal stets unter Flugangst litt, zu Earl Bonnard, einem Bauunternehmer, der ein langjähriger Freund der Roberts-Familie ist. Earl hat seine junge Frau Melissa ebenso verloren, aber wiederbeleben lassen. Sie legt die gleichen Symptome wie Ronald an den Tag: eine Apathie und Gefühllosigkeit. Der Psychiater Dr. Ott sagte Felicia, dass die Trennlinie zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein in diesen Halbtoten verwischt worden sei. Sie würden, wenn sie könnten, den ganzen Tag bloß aus dem Fenster starren.

Doch aus Hoffnungslosigkeit und Trauer wird endlich Wut. Sie bekennt Ron, dass sie ihn inzwischen hasse. Das kümmert ihn keinen Deut, wie vorherzusehen. Und er könnte auch ohne sie leben und einen Job verrichten. Das bringt das Fass zum Überlaufen, und so überlässt sie diesen hohlen Mann seinem zweiten Tod…

Mein Eindruck

In klar umrissenen Szenen zeichnet die einfühlsame Autorin den emotionalen Werdegang einer durchschnittlichen Ehefrau nach, die vom zweiten Leben ihres Mannes eine Fortsetzung ihrer Liebe erwartet hat, doch bitter enttäuscht wird. Der Wiederbelebte hat ins Nichts des Todes geschaut, und nun befindet sich das Nichts in ihm. So oder ähnlich heißt es an einer Stelle. Und Dr. Ott, der Psychiater, drückt es zwar etwas eleganter und wissenschaftlicher aus, doch es läuft aufs gleiche hinaus: Die Wiederbelebten haben mehr Ähnlichkeit mit Robotern, denen die Programmierung fehlt.

So wie die fünf Phasen der Trauer zu durchlaufen sind, ob man will oder nicht, so durchläuft auch Felicia die Phasen ihrer Liebe hin zum Hass, denn beide Gefühle sind nur zwei Seiten derselben Medaille. Dieser Werdegang ist zwar interessant zu verfolgen, doch es bedarf des Mitgefühls des Lesers, um auch Spannung oder „suspense“ verspüren zu können. Wie die Geschichte ausgeht, ist völlig nachvollziehbar.

Ich dachte zunächst, dies wäre die Vorlage zu dem gleichnamigen Spielfilm, in dem Kevin Bavon einen Unsichtbaren spielt, der böse Spielchen treibt. Doch nichts dergleichen ist hier zu finden. Die Erzählung ist viel feinfühliger und weckt im empathischen Leser Anteilnahme.

9) Tor Age Bringsvaerd (NO): Das neue Jerusalem (Det nye Jerusalem, 1974)

Maria und Benjamin haben es getan, jetzt ist sie schwanger. Und alles ohne Genehmigung der herrschenden BRÜDER der „Moralischen Volksfront“. Und trotz der SPRITZE, die sie zur Verhütung genommen hat. Benjamin muss es deren Zentrale melden, ganz klar, und die befindet sich im „Tabernakel“-Hochhaus. Noch fällt bei dem Termin keine Entscheidung, aber wer weiß?

Thomas, der als Würstchenverkäufer getarnte Schriftsteller und Protestredner, warnt sie: Es könnte dazu kommen, dass die „Moralische Volksfront“ ihnen das Baby wegnimmt. Maria ist entsetzt. Und eine Abtreibung kommt nicht in Frage, da könnten sie sich gleich selbst aufhängen. Denn den BRÜDERN – allen 144.000 – ist das Leben heilig. Jedenfalls das derjenigen Menschen im eigenen Land, nicht in jenen Ländern, gegen die sie Krieg führen.

Aber auch andere Freunde haben keine guten Nachrichten. Die Volksfront der BRÜDER macht Jagd auf „Atheisten (also Kommunisten), Pazifisten und Pornographen“ und indoktriniert per Werbung, Film, Rundfunk. Im Museum gibt es verbotene Kunst wie etwa Miro und Picasso – alles, was nicht realistisch ist. Sozusagen „Entartete Kunst“. Das kommt einem bekannt vor.

Doch Thomas, der Schlaufuchs, weiß von seinem Freund, dem Regisseur Natanael, dass während einer Filmtour auf das LAND vier seiner Mitarbeiter desertiert sind. Dort draußen soll es zwar vor Wölfen und Banditen wimmeln, aber das ist Unsinn. Vielmehr haben sich die vier Deserteure in einem verlassenen Bauernhof niedergelassen, um dort zu leben, mit guten Chancen zu überleben.

Als Maria aus dem Schuldienst entlassen wird, ist dies das entscheidende Warnsignal. Thomas kommt aufgeregt zu ihnen: Sie müssen sofort los, raus aufs Land, bevor die Polizei der BRÜDER sie holt…

Mein Eindruck

Das Szenario, das der bekannte Autor entwirft, könnte direkt aus dem Iran stammen: Es handelt sich um eine Theokratie. Die „Brüder“ sind die verschworenen Mitglieder der herrschenden Theokratenkaste, die ihr Volk einer Gehirnwäsche unterziehen. Keiner kann sie und ihre Entscheidungen infrage stellen, sondern vielmehr scheint es viele Spitzel (der Geheimpolizei?) zu geben, die Abweichler mal heimlich, mal ganz offen aufspüren und aushorchen.

Doch es gibt den Untergrund, der witzigerweise ebenso offen auftritt. Sein wichtigster Vertreter ist Thomas, der Würstchenverkäufer. Er scheint Unsinn zu reden, den keiner versteht, doch insgeheim tauscht er Informationen mit Gleichgesinnten wie dem Regisseur aus. Der hat bei seiner Expedition auf das unbewohnte Land die Warnungen der „Moralischen Volksfront“ als Lügen entlarvt. So kommt es, dass vier seiner Crewmitglieder desertieren.

Benjamin und Maria erinnern vor dem Hintergrund dieser Diktatur an das biblische Paar Josef und Maria auf der Flucht nach Ägypten. Sie haben keine Chance, obwohl es ja die Verhütungsspritze des Systems war, die im entscheidenden Moment versagte. Sie trifft im Grunde keine Schuld, aber nicht die Fakten zählen in der Diktatur, sondern der Anschein, der um jeden Preis gewahrt werden muss.

Statt ihnen zu helfen, werden sie angeprangert: Unversehens ist Maria wegen des vorehelichen Geschlechtsverkehr eine Hure. Dies gab es auch hierzulande. Das ist zwar schon 60 bis 70 Jahre her, aber es gab dennoch unzählige Opfer, vor allem unter den Schwächsten, den Frauen.

Nachwort und Biografien

Der Herausgeber Pukallus liefert zu seinem Nachwort, das die Auswahl begründet, zu jedem der Autor*innen eine kurze Biografie. Im Nachwort liest man erstaunt, dass Pukallus eigentlich schwedische SF-Autoren ins Boot nehmen wollte, doch der erste, den er anfragte, beschied ihn, er sei der beste und einzige. Ziemlich unwahrscheinlich, wohl fand Pukallus und wählte statt der Schweden die Norweger aus. Die hatten zudem den Vorzug, bereits in der DDR übersetzt worden zu sein (siehe oben). Daher waren die Lizenzrechte wohl auch kein großes Problem.

Die Übersetzung

S. 48: „Sie kniepte heftig und aus ihren Augen traten zwei glitzernde Tränen.“ Der Ausdruck „kniepen“ ist wohl mit „kneifen“ verwandt. „Es bedeutet [im Niederdeutschen] wörtlich „kneifen“ oder etwas mit den Fingern zusammendrücken.“ (Google)

S. 96: “Dies Erlebnis war eines William James würdig.“ Dieser Name wird nicht erklärt.

S. 103: “die Mohren” (in Spanien): Heute wird die Bezeichnung „Mauren“ verwendet.

S. 109: “solchen des Mittleren Ostens“: Gemeint ist der Nahe Osten.

S. 129: Das Copyright der Monteleone-Novelle wird auf das Jahr 1981 datiert, doch der Text wurde bereits 1979 für den John W. Campbell Award nominiert.

S. 299: Der Nachsatz “glimt fra et tusenårsrike“ wird nicht übersetzt. Es ist der zweite Teile des Titels: „Das Neue Jerusalem: Einblicke in ein Jahrtausend“. „Das Neue Jerusalem“ ist ein zentrales eschatologisches Konzept, demzufolge nach christlicher Theologie und der Johannes-Offenbarung die himmlische Stadt, die von Gott abstammt, kommen wird. (korrigierte KI-Übersetzung) Siehe auch William Blakes Gedicht .

Unterm Strich

Die Beiträge der beiden US-amerikanischen Autoren Monteleone und Tuttle ragen aus der Masse heraus. Insbesondere die Monteleone-Novelle wusste mich zu begeistern, aber als Gitarrenspieler bin ich wohl etwas parteiisch. Außerdem die Story von A bis Z einen Sinn, der durchaus nachvollziehbar ist. Ein zweites lesen würde sich auf jeden Fall lohnen. Die Tuttle-Story belegt, dass ein Mensch, der über keine Gefühle mehr verfügbar, viel Ähnlichkeit mit einer Maschine aufweist – und deshalb ein Grund zum Gruseln ist.

Der dritte Amerikaner, Stepan Chapman, gibt ebenfalls Anlass zum Gruseln: Autonome Einheiten befassen sich mit einem weiblichen Unfallopfer. Wie sie damit umgehen, könnte einige Tabus ebenso brechen, wie es ihr Verständigung tut: Punkt und Komma helfen hier keinem menschlichen Leser, denn der wird gar nicht mehr berücksichtigt. Der Autor schreibt einfach die in unseren Tagen sich abzeichnende Entwicklung konsequent weiter – und das schon im Jahr 1975…

Unter den drei deutschsprachigen Beiträgen gefiel mir die Geschichte von Alfie, dem schlauen Maschinenreparierer, am besten. Sie geht gut aus, ganz im Gegensatz zu dem Horrorszenario, das Bestsellerautor Andreas Brandhorst schon 1983 zeichnete, und dem, das Dirk Joszok von der Zukunft der Kunst zeichnet.

Bleiben noch die drei norwegischen Beiträge. Sie sind äußerst unterschiedlich und reichen vom Märchen über eine Science-Satire bis zu einer Schreckensvision eines theokratischen Staates à la „Islamischer Republik Iran“, ein erstaunlich breites Panorama.

Insgesamt kann man dieser Anthologie ein ungewöhnlich breites Spektrum an hochliterarischen Texten bescheinigen. Sie bietet Gelegenheit, sich mit dem – staatlich geförderten – literarischen Output der vermeintlich kleinen Republik (einer konstitutionellen Monarchie) im Norden Europas zu beschäftigen. Auf dem Feld des Kriminalroman gehört Norwegen mittlerweile zu den führenden Produzenten des „Nordic Noir“.

Für die Übersetzungs- und Druckfehler sowie nicht übersetzte Sätze gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 297 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Horst Pukallis sowie Irma und Heinz Entner.
ISBN-13: 9783453309463

Heyne-Verlag

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)