Tödliches Risiko: Undercover-Ermittlung
Jack Reacher erwacht allein und im Dunkeln, mit Handschellen an ein Bett gefesselt. Sein rechter Arm ist schwer verletzt. Alle seine Habseligkeiten sind verschwunden. Und er kann sich nicht daran erinnern, wie er hierhergekommen ist.
Das Letzte, woran sich Reacher erinnern kann, ist, dass das Auto, in dem er als Anhalter mitfuhr, von der Straße gedrängt wurde und der Fahrer dabei ums Leben kam. Seine Wärter nehmen an, dass er der Komplize des Fahrers war und pflegen ihn gesund, damit sie ihn verhören können. Eine Plan, der schwer nach hinten losgehen wird… (Verlagsinfo)
Der Autor
Lee Child verdankt seine außerordentliche Karriere als Krimiautor einer eher unangenehmen Lebenssituation: 1995 wurde ihm wegen einer Umstrukturierung sein Job beim Fernsehen gekündigt. Der Produzent so beliebter Krimiserien wie „Prime Suspect“ („Heißer Verdacht“) oder „Cracker“ („Für alle Fälle Fitz“) machte aus der Not eine Tugend und versuchte sich als Schriftsteller. Was selbst wie ein Roman klingt, entspricht in diesem Fall der Wahrheit: Bereits mit seinem ersten Thriller um den Ermittler Jack Reacher landete Child einen internationaler Bestseller. Er war zugleich Auftakt der heute mehrfach preisgekrönten „Jack-Reacher“-Serie. Child, der 1954 in Coventry in England geboren wurde, ist heute in den USA und Südfrankreich zu Hause. (Amazon.de)
„Andrew Child“ ist sein Bruder Andrew Grant und lebt mit seiner Frau Tasha Alexander in Wyoming, USA.
Wer ist Jack Reacher?
Jack Reacher (* 29.10.1960) wurde in West-Berlin geboren und verbrachte als Sohn eines Marine-Corps-Offiziers seine Kindheit und Jugend auf über die Erde verteilten US-Militärbasen. 1983 trat er selbst in den Militärdienst ein und wurde 13 Jahre später, im April 1996, im Rang eines Majors der Militärpolizei ehrenhaft entlassen. Seitdem hat er keinen festen Wohnsitz, sondern bereist (hauptsächlich) die USA. Durch sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden wird er immer wieder in Kriminalfälle verstrickt.
Er zeichnet sich durch hohe Intelligenz, große Körperkraft und Willensstärke aus. Besonders ausgeprägt ist sein unbedingter Wille, Schwächere zu schützen.
Die Jack Reacher Reihe
1) Größenwahn (Killing Floor, 1997)
2) Ausgeliefert (Die Trying, 1998)
3) Sein wahres Gesicht (Tripwire, 1999)
4) Zeit der Rache (Running Blind/The Visitor, 2000)
5) In letzter Sekunde (Echo Burning, 2001)
6) Tödliche Absicht (Without Fail, 2002)
7) Der Janusmann (Persuader, 2003)
8) Die Abschussliste (The Enemy, 2004)
9) Sniper (One Shot, 2005)
10) Way Out (The Hard Way, 2006)
11) Trouble (Bad Luck and Trouble, 2007)
12) Outlaw (Nothing to Lose, 2008)
13) Underground (Gone Tomorrow, 2009)
14) 61 Stunden (61 Hours, 2010)
15) Wespennest (Worth Dying for, 2010)
15.5. Second Son (2011, Kurzgeschichte)
16. The Affair (2010, dt. als „Der letzte Befehl“)
16.5. Deep Down (2012, Kurzgeschichte)
17. Der Anhalter (A Wanted Man, 2012)
17.5. High Heat (2013, Kurzgeschichte)
18. Never Go Back (2013, dt. als „Die Gejagten“)
18.5. Not a Drill (2014, Kurzgeschichte)
19. Personal (2014, dt. als „Im Visier“)
20. Make Me (2015, dt. Keine Kompromisse)
21. Night School (2016, dt. Der Ermittler)
22. Midnight Line (2017, dt. als “Der Bluthund“)
23. Past Tense (2018, dt. als “Der Spezialist“)
24. Blue Moon (2019, dt. als „Die Hyänen“)
25. 2020 The Sentinel (dt. „Der Sündenbock“, 25. Reacher-Buch, in Zusammenarbeit mit Andrew Child)
26. 2021 Better Off Dead, 26. Reacher-Buch, in Zusammenarbeit mit Andrew Child (dt. als „Der Kojote“, 2024)
27. 2022 No Plan B, 27. Reacher-Buch, in Zusammenarbeit mit Andrew Child (dt. als „Der Puma“)
28. 2023 The Secret, 28. Reacher-Buch, in Zusammenarbeit mit Andrew Child
==>29. 2024 In Too Deep, 29. Reacher-Buch, in Zusammenarbeit mit Andrew Child
30. Exit Strategy (Reacher 30, 2025)
31. Chain Reaction (Reacher 31, 2026)
Erzählungen
No Middle Name (2017, dt. als „Der Einzelgänger“)
Weitere Stories als E-Book.
Handlung
Jack Reacher erwacht allein und im Dunkeln, mit Handschellen an ein Bett gefesselt. Sein rechter Arm ist schwer verletzt, die Hand gebrochen. Alle seine Habseligkeiten sind verschwunden. Und er kann sich nicht daran erinnern, wie er hierhergekommen ist. Das Letzte, woran sich Reacher erinnern kann, ist, dass das Auto, in dem er als Anhalter mitfuhr, von der Straße gedrängt wurde und der Fahrer dabei ums Leben kam. Er befindet sich im Ozark-Gebirge in Oklahoma, irgendwo im Nirgendwo.
Sein Wärter, der sich Darren Fletcher nennt, nimmt an, dass er der Komplize des Fahrers war und pflegt ihn gesund, damit er ihn verhören kann. Doch kaum hat Fletcher netterweise die Handschellen geöffnet, wird er von Reacher überwältigt, bis er bewusstlos wird. Ein zweiter Mann, den Reacher draußen in der Eingangshalle dieses feudalen Anwesens trifft, nennt sich Ivan Vidic. Er drängt zur Eile, und zusammen fahren sie zurück zur Unfallstelle. Die Umstände des Unfallhergangs sind mehr als verdächtig, aber Vidic hat auf alles eine Antwort. Er bringt Reacher zu einem Motel und erzählt ihm dabei die Vorgeschichte.
Die Bande
Vidic arbeitet offenbar für eine Bande, die anfangs Kunstwerke fälschte, dann aber unter Fletchers Leitung dazu überging, Gemälde usw. direkt an der Quelle zu stehlen, bei den Malern selbst. Der Profit beim Verkauf der heißen Ware war beträchtlich. Schließlich seien die US-Behörden der Bande auf die Spur gekommen, allen voran das FBI. Die Bundespolizei hätte den Agenten Gibson eingeschleust – das war der Fahrer von Reachers Fahrgelegenheit, der jetzt tot sei. Kurz zuvor hatte Gibson eine Frau getroffen in einem Motel getroffen, die wohl seine Führungsoffizieren ist. Ja, das gleiche Motel, zu dem sie jetzt fahren.
Das ist die neue Operationsbasis für den Rest der Bande: Vidic, ein krimineller Muskelmann namens Kane und eine Frau namens Paris. Diese wissen noch gar nicht, was los sei, und das solle nach Vidics Absicht auch so bleiben. Da ist Reacher anderer Meinung. Offenbar soll ein letzter Coup oder Verkauf in Millionenhöhe in Kürze bevorstehen. Will Vidic seine Komplizin linken und mit der Beute allein abhauen? Reacher traut dem Schwätzer alles zu. Doch noch ist die Lage zu unklar, als dass er den Kunsträubern die Suppe versalzen könnte. Irgendein Detail fehlt noch…
Die Rächerin
Während sich die Bande in einer verlassenen Mine verschanzt, bevor sie ihre nächsten Coups durchzieht, lernt Reacher im Motel die Polizistin Jenny Knight kennen. Sie will ihn erst über den Haufen schießen, weil sie ihn wegen seiner Statur für den Mörder ihres Vaters hält, nämlich Kane. Der hat ihren Vater in Phoenix, Arizona, erschossen, als er ein von Daddy bewachtes Gebäude überfiel. Jetzt ist Jenny ziemlich sauer auf das FBI, denn das hat den Mordfall fallengelassen. Und weil Jenny immer Zeit auf diese Ermittlung verwendete, hat ihr Boss sie vom Dienst suspendiert. Deshalb hat sie sich mithilfe eines Peilsender auf Kanes Spur gesetzt und ist im Motel gelandet.
Reacher tut sich mit Jenny und seinem FBI-Kontakt Wallwork (siehe „No Plan B“) zusammen, um eine gemeinsame Vorgehensweise gegen die Bande und vor allem Kane auszutüfteln. Da verrät ihm Jenny, dass dieser Fletcher vier weitere Kriminelle hinzugezogen hat, die – schau mal dort! – gerade das Motel verlassen, um sich mit Fletcher und Kane in der Mine zu treffen. Jenny ist ganz ruhig, denn sie hat die Autos dieser Typen bereits verwanzt und kann sie leicht verfolgen.
Die Lage spitzt sich zu, denn Vidic wird von Paris, seiner Komplizin, informiert, dass ihr, Paris‘, Haus beobachtet wird, Und wer sonst als das FBI könnten die Beobachter sein?
Mein Eindruck
Der Spieleinsatz steigt von Runde zu Runde. Zunächst scheint es der Fletcher-Bande um das Ausräumen eines Hauses zu gehen, in dem Kunstschätze und Edelmetalle etc. gelagert sind: quasi der „goldene Fallschirm“ an Rücklagen, falls die Dinge für den jeweiligen Oligarchen schieflaufen sollte und er Mütterchen Russland verlassen müsste. Doch diese Nummer läuft ganz anders als geplant…
Plan B sieht vor, dass sich Vidic mit Paris die zwei Millionen krallt, die sich in einem Safe in einer abgelegenen Mine in den Ozarks befinden soll. Doch auch dies klappt nicht, vor allem, weil ihnen Kane dazwischenfunkt. Der bullige Typ ist viel schlauer als beide zusammen und macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Außerdem taucht Reacher auf, ein Störfaktor.
Nun soll Plan C Vidic und Paris den Lebensabend versüßen. Weil Paris eine Hackerin ist, hat sie es geschafft, einem Rüstungszulieferer der Atomstreitkräfte der USA, die vom Energieministerium verwaltet werden, einen brisanten Report zu stehlen. Dieser Report belegt (auf S. 350, s.u.), dass das Uran in den Atomsprengköpfe gar nicht auf den Befehl zur Detonation reagieren wird, denn es hat sich binnen 70 Jahren bis zur Nutzlosigkeit abgereichert. Jemand, der den Report haben will, würde locker mal 75 Mio. Dollar blechen müssen, so Vidic. Das Dokument befindet sich passwortgeschützt auf einem USB-Stick. Wird jedenfalls behauptet.
Die anschließende Action dreht sich um die Jagd auf den besagten USB-Stick. Reacher und Knight auf der einen Seite und Special Agent Laura Devine mit ihren Kollegen auf der anderen. Agent Wallwork hält sich irgendwo im Hintergrund, denn er fürchtet, dass ihn das FBI nach dem Mist, den Reacher bereits (in „No Plan B“) angerichtet hat, feuern werde. Die Action nimmt erheblich an Fahrt auf, denn Vidic versteht es auffällig gut, die FBI-Agenten in die Irre zu führen.
Als Vidic an eine ganze Kiste voller Gold im Wert von 74 Mio. Dollar herankommt, wird er leider von Kane und Paris gestört. Das Treffen geht für die beiden nicht gut aus, und Reacher und Knight können nur noch die Leichen zählen – das Gold ist spurlos verschwunden wie bei einem Zaubertrick. Aber Kane hat Vidic den brisanten Report auf dessen Handy abgenommen, deshalb ist für Reacher Aufgeben keine Option. Er muss Kane stoppen, koste es, was es wolle.
Textschwäche
Der gesamte Text wurde aus dem US-amerikanischen Englisch ins britische Englisch übertragen. Das geht ja heute ruckzuck mit KI.
Aber auf S. 366 bin ich dann doch stutzig geworden. Da heißt es:
„He had promised to wait, but if he got cold feet and ba[i]led on them, their plan would fall apart.”
Dieses “bailed” hat die gleiche Wurzel wie „out on bail“, also „auf Kaution auf freien Fuß gesetzt“; es bedeutet „jemanden im Stich lassen“. Und es hat nichts mit „bale“ zu tun, denn das sind Ballen von irgendwas.
Wer übrigens die Pointe des ganzen Plot sucht, der findet sie auf S. 350, versteckt in einem langen Kapitel über Atomwaffen.
Unterm Strich
Ich habe den Thriller vor allem auf einer langen Zugfahrt gelesen. Er ist spannend, abwechslungsreich und mit so vielen Wendungen gespickt, dass ich mich bestens unterhalten fühlte. Reacher spielt mal wieder die Ein-Mann-Armee, die FBI-Agenten sind die Pappnasen, die durch viele interne Regeln und Gesetze schier gelähmt werden und nicht mal einen Rucksackdieb fangen können.
Weibliche Figuren
Viele Frau treten auf, und das in erstaunlicher Vielgestaltigkeit. Da ist Paris, die resolute und smarte Hackerin, aber auch eine junge Prostituierte, die, wie sich herausstellt, Agent Gibson zu Lebzeiten die Stunden versüßte. Das ist Knight, die sich auf einer Mission befindet, aber noch Zeit für eine Liaison mit dem Riesen ohne festen Wohnsitz hat. Solche Liaisons gehört zum Standardmotiv, und wie man schon in den TV-Serien feststellen kann, gehören Reachers Affären zum Standardrepertoire der Romane, ganz besonders mit Hüterinnen des Gesetzes (es sei denn, sie arbeiten fürs FBI).
Offene Frage
Aber wer ist Gibsons geheimnisvolle Führungsoffizierin, die wie der Agent im besagten Motel in den Ozarks wohnt? Jedenfalls, wenn man dem zwielichtigen Ivan Vidic alias John Austin Glauben schenken will (und wer will das schon). An der Auflösung zeigt sich, dass der Autor ein gewisses Maß an schlitzohrigem Humor besitzt. Gelacht wird jedoch äußerst selten. Aber die FBI-Agenten sorgen stets für lachhafte Sätze, bein denen man sich den Kopf fasst.
Showdown
Das Finale hat den obligatorischen Showdown zwischen Reacher und seinem Gegenspieler Kane zu bieten. Beide sind Riesen und einander ebenbürtig, doch Reacher hat erstens eine gebrochene rechte Hand und zweitens ein Schleudertrauma, das in kritischen Situationen wie dieser dazu führt, dass er doppelt sieht. Er ist zwar im Nachteil, doch wir drücken ihm wie immer sämtliche Daumen.
Der MacGuffin
Nachdem jede Menge MacGuffins in Gestalt von USB-Sticks und Notizbüchern verbraucht worden sind, wird wider Erwarten doch noch enthüllt, um was es eigentlich bei Plan C geht, siehe oben. Wenn zutrifft, worauf der Autor mit dem fiktiven „Report“ hinweist, dann ist die Atomsupermacht USA tatsächlich völlig wehrlos. Was auf diese Entdeckung folgen könnte, mal der Autor mithilfe von Reachers Vorstellungskraft genüsslich aus: mehr oder weniger der Weltuntergang. Der Autor erweist sich mal wieder als wahrer amerikanischer Patriot.
Zu tief drin
Worauf sich der O-Titel bezieht, ist vieldeutig. Schlaukopf Reacher denkt viel nach, über leute und ihr Verhalten. Im Fall von Vidic alias John Austin kommt er zu dem Schluss, dass Vidic Fletchers Organisation infiltriert hat, vermutlich im Auftrag des FBI, aber sich dabei zu sehr in deren Machenschaften hat verstricken lassen. Der Leser kann leicht schlussfolgern, dass sich auch Reacher selbst zu sehr fürs FBI und die Fletcher-Bande hat einspannen lassen, um wieder seinen Weg freizukämpfen. Hier macht es sich der Autor entweder zu einfach oder er will jedem Zweifel an Reachers moralischer Integrität von vorherein einen Riegel vorschieben. „In too deep“ beschreibt das Dilemma von Ermittlern, die undercover arbeiten, aber schließlich keinen Ausweg mehr finden. Ihr Schicksal ist sattsam bekannt…
Hinweis
Meine Originalausgabe im Paperback-Format enthält eine Leseprobe des nächsten Reacher-Thrillers „Exit Strategy“. Nach angemessener Zeit wird auch davon eine deutsche Übersetzung erscheinen. Momentan ist der Stand der Publikationen, dass kürzlich die Übersetzung von „No Plan B erschien, die den Titel „Der Puma“ trägt.
Taschenbuch: 383 Seiten plus Leseprobe
Originaltitel: In Too Deep, 2024
ISBN 9781804993675
Der Autor vergibt: 




