Michael Bishop – Das Herz eines Helden. Zukunftsroman

Komödie, Drama, Liebe – mit dem Habilismann

Als die Künstlerin Ruth-Claire Lloyd einen stark behaarten und ungelenk wirkenden jungen Mann auf ihrem Grundstück findet, versteckt sie ihn monatelang – mit gutem Grund, denn für die Rassisten in Georgia ist ein solches Wesen kein Frühmensch, so etwas gibt es nicht, sondern schlicht ein Affe oder eine Missgeburt. Doch Ruth-Claire verliebt sich in ihn und schenkt einem Kind das Leben. Nach einer Indiskretion interessieren sich Presse und Wissenschaft brennend für den „Fall“ – aber auch der Ku-Klux-Klan… (aus der Verlagsinfo)

Der Autor

https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Bishop_(Schriftsteller)“ target=“_blank“>Michael Lawson Bishop (* 12. November 1945 in Lincoln, Nebraska) ist ein US-amerikanischer Autor, der in erster Linie Science-Fiction-Literatur schreibt. Er besitzt einen Master-Abschluss in Englisch der University of Georgia und unterrichtete an verschiedenen Schulen und Universitäten. (Quelle: Wikipedia) Er starb 2023.

Bishop veröffentlichte 1970 seine erste Kurzgeschichte „Piñon Fall“, sein erster Roman (A Funeral for the Eyes of Fire) folgte 1975. Zahlreiche Erzählungen und Romane Bishops wurden für diverse Science-Fiction-Preise nominiert. Ausgezeichnet wurde er viermal mit dem Locus Award und zweimal mit dem Nebula Award, 1981 für die Erzählung „The Quickening“ und 1982 für den Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (No Enemy But Time).

In diesem Roman, der als sein bekanntestes Werk gilt, geht es um die Zeitreise zur Wiege der Menschheit ins pleistozäne Afrika. Der Roman besticht durch seine Charakterzeichnungen und komplexen Aufbau und verzichtet auf einen technischen Erklärungsversuch der Zeitreise. (Quelle: Wikipedia)

Michael Bishop ist der Autor von „Die Einhorn-Berge“ (1988) und dem preisgekrönten Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (1982), s.o.. Der in den Südstaaten der USA lebende Autor hat sich als Gegner von rassischen Vorurteilen profiliert, nicht nur in diesem Roman, sondern auch in seinem Roman „Brüchige Siege“ (1994). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943. In dem Roman „Die Einhorn-Berge“ nahm er sich des Themas AIDS an.

Seine übersetzten Werke (meist bei Heyne) ((https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Bishop_(Schriftsteller)#Romane))

1) Die seltsamen Bäume von Ectaban (1976, dt. 1978)
2) Gestohlene Gesichter (dt. 1979)
3) Die Cygnus-Delegation (dt. 1980)
4) Flammenaugen (dt. 1981)
5) Die Jahre in den Katakomben (dt. 1982)
6) Arachne (Blooded on Arachne, 1. Teil; dt. 1983 bei Ullstein)
7) Raumfahrer und Sternzigeuner (Blooded on Arachne, 2. Teil; dt. 1983 bei Ullstein)
8) Nur die Zeit zum Feind (1982, dt. 1984, NEBULA Award)
9) Transfigurationen (1979, dt. 1986)
10) Dieser Mann ist leider tot (The Secret Ascension, 1987)
11) Who made Stevie Crye? (dt. bei Heyne)
12) Die Einhorn-Berge (1988, dt. 1991)
13) Graph Geigers Blues (1992, dt. 1999)
14) Brüchige Siege (1994, dt. 1998)
15) Das Herz eines Helden (Ancient of Days, 1985 [Heynes Angaben weisen einen Tippfehler auf], dt. 1998)

Handlung

Ruth-Claire ist die geschiedene Frau unseres Chronisten Paul Loyd, eines Restaurantbesitzers. Er liebt sie immer noch. Sie lebt zurückgezogen auf der Paradise Farm in West-Georgia als erfolgreiche Porzellanmalerin. Sie verkauft ihre bemalten Teller immerhin bis nach New York City, mit Motiven namens „Die himmlische Hierarchie“. Von Paul hat sie sich v.a. wegen Kinderlosigkeit scheiden lassen. Er verzehrt sich immer noch nach ihr, zumindest dann, wenn ihm sein beliebtes Restaurant „West Bank“ Zeit dafür lässt. Dass er ihre Teller kauft, versteht sich von selbst.

Eines Tages ruft sie ihn zu sich, weil er ihr helfen soll, mit einem ungewöhnlichen Wesen auf ihrem Privatbesitz fertigzuwerden: Es sieht aus wie ein Affe, klettert auf Bäume wie ein Affe, aber auf dem Boden läuft es wie ein Mensch. Seine Flinte braucht Paul offenbar nicht, denn Ruth-Claire lockt diesen Hominiden in ihr Haus. Sie bestimmt den Gast als „homo habilis“ und beginnt, ihn zu verwöhnen. Paul wird eifersüchtig.

Herkunft

Das verleitet ihn dazu, einen Wissenschaftler zweifelhaften Rufes zu konsultieren. Aber Brian Nollinger verlangt Fotos. Paul lauert dem seltsamen Paar auf der Paradise Farm auf und bekommt so den Hominiden vor die Linse, wie er gerade ein Eichhörnchen zerfetzt, um es zu verspeisen. Barbarisch! Nollinger ist von den Socken und macht sich an die Recherche. Er verfolgt den Weg des Hominiden, den Ruth-Claire „Adam“ getauft hat, bis nach Afrika zurück, von wo er über einen Amerikaner via Haiti und Florida in die USA kam.

Sündenfall

Die erste Begegnung Nollingers, der von Diplomatie so viel versteht wie eine Kuh vom Mäusemelken, wird ein Fiasko. Nur ein Foto überlebt das Desaster und das gelangt an die Redaktionen der Gazetten von Georgia. Schon bald ist Paradise Farm – nomen est omen – aufgrund dieses „Sündenfalls“ von Reportern und religiösen Eiferern umlagert. Auch eine Mauer und Sicherheitslampen können die Meute kaum fernhalten. Als eines Abends auch noch junge Abgesandte des Ku-Klux-Klans eine Warnung an Paul richten, scheint das Maß voll zu sein.

Als sich die offenkundig schwangere und frisch verheiratete Ruth-Claire mit Adam zu einem Abendessen bei Paul bereitfindet, geraten die Dinge vollends aus dem Ruder: Nollinger kreuzt mit der Ausländerbehörde auf, wird aber sofort vom K-K-Klan verdrängt, der mit gezückten Schrotflinten alle Loyds entführt und sicher nichts Gutes im Schilde führt…

2. Teil:

Ruth-Claire bekommt ihr Kind Klein-Pauli (KP), das Adam zeugte, auf Paradise Farm. Adam wird zum Philosophen und malenden Künstler. Er unterzieht sich einer Operation und kann endlich selbst sprechen. Doch, ach, die Philosophen haben ihm allerlei ketzerische Meinungen ins Hirn gepustet. Dadurch bringt er die Menschen gegen sich auf. Das Georgia Bureau of Investigations (GBI) interessiert sich zunehmend für ihn bzw. für die Leute, die ihm Drohbriefe schreiben. Das ist RuthClaire zuviel, und Adam muss ausziehen.

Schließlich passiert etwas Einschneidendes: Klein- Paulie, RuthClaires Sohn, wird entführt. Eben war er noch auf der Feier, jetzt ist er weg. Offenbar hat jemand nicht aufgepasst. Der Verdacht fällt auf ein junges Paar, das untergetaucht ist. Schon bald geht ein Erpresserbrief bei Adam ein, aber der ist sehr merkwürdig. Der Absender verlangt, dass Adam, der ja schon längst ein reicher Promi sein muss, Spenden an bestimmte karitative Organisationen und Freikirchen schickt.

Das geht für Adam in Ordnung, aber der Spur der Briefe ist leicht zu folgen. Jemand findet die Leiche einer jungen Frau, und weil nun auch das FBI mit von der Partie ist, kann der Entführer nicht entkommen, oder? In einer actionreichen Nacht-und-Nebel-Aktion ziehen Adam, Paul und ein Freund los, um den Erpresser aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen. Doch was sie vorfinden, ist sowohl traurig als auch bizarr.

3. Teil

Die Trauerfeier gilt den Opfern Klein-Pauli und seinem Mörder. Doch die ganze Sache endet in einem Eklat. Mit seinen eigentümlichen Ansichten über die Natur der Seele erntet Adam nicht nur Entrüstung, sondern auch Protest. Und er verjagt erst einen TV-Prediger, dann auch noch einen Sensationsreporter mitsamt Fotografen.

Danach ist erst einmal Auswanderung angesagt. Die Insel Montaraz, von der Adam seinen Familiennamen ableitet, liegt etwa an der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik, also vor der Küste der Insel Hispaniola. Für Jahrhunderte war Montaraz der Privatbesitz derer von Rutherford, die hier immer noch das Sagen haben, obwohl eine US-Firma die Wirtschaft beherrscht.

RuthClaire und Adam ziehen dorthin um und bitten ihre Freunde Paul und dessen neue Frau Caroline darum nachzukommen und um ein paar Gefallen. Der größte davon: Caroline soll einen Aufsatz über die Habilis-Population auf Montaraz verfassen und in der Fachzeitschrift „Popular Anthropology“ veröffentlichen. Doch dann entdeckt der unglückselige Brian Nollinger die Existenz dieser Kolonie von Habilismenschen auf Montaraz und wird zu einer Gefahr.

Denn die allerletzten Habilismenschen verfügen über zwei Geheimnisse. Erstens sind sie erstklassige Künstler und zweitens praktizieren sie eine Art erweitertes Voodoo. Am eigenen Leib erfährt unser Chronist Paul, wie es ist, von einem Gott wie ein Pferd geritten zu werden. So macht Paul Bekanntschaft mit den zwei Göttern Agarou und mit dem Gott Afrikas, der sich einfach nur „Ich bin“ nennt. Das flößt Paul keinerlei Respekt ein, doch dann wird seine eigene Philosophie auf eine harte Probe gestellt…

Mein Eindruck

Aus dem Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (No Enemy But Time“) kennen Bishops Leser bereits Afrika und dessen urzeitliche Menschen. Der Zeitreisende lernt dort seine Helena kennen und verliebt sich unsterblich. In „Das Herz eines Helden“ verläuft die amouröse Begegnung in umgekehrter Richtung: Der Urzeitmann lernt in RuthClaire seine Helena kennen und macht ihr ein Kind. Die Konsequenzen sind, gelinde gesagt, weitreichend.

Wieder beschäftigt sich der Autor mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. RuthClaire und Adam müssen sich selbst in „Paradise“ mit rassistischen und kulturellen Vorurteilen und Anfeindungen auseinandersetzen. Ein Kritiker hat darauf hingewiesen, dass es zum Menschsein gehört, böse zu sein, vor allem gegenüber allem Andersartigen.

Schon in William Goldings mehrfach verfilmten Roman „Herr der Fliegen“ („Lord of the Flies“, 1954) spalteten sich die gestrandeten Jungs in zwei Gruppen auf, die am Schluss drohten, einander auszulöschen, und das direkt nach einem Atomkrieg. (Goldings Roman war die Antwort auf einen ähnlichen Roman von Jules Verne aus dem Jahr 1882. Der titelgebende Herr ist Satan, der Entzweier.)

Doch statt eines Essays liefert der Autor ein dreigeteiltes Drama, das sich jeweils zum Abschnittsende zu einer Krise steigert. Der erste Teil endet in einem Triumph der Liebe – zumindest für RuthClaire, während ihre Schwangerschaft und Heirat für ihre Umgebung schockierend wirken, vor allem auf unseren Chronisten Paul. Kreativität ist die Bedingung von Kunst, aber für Frauen hat sie eine ganz konkrete Bedeutung: Fortpflanzung.

Der zweite Teil führt eine Krise der rechtlichen und emotionalen Natur herbei: Klein Pauli wird entführt und findet den Tod. Diese Teil endet mit einem Actionhöhepunkt und dem anschließenden Begräbnis Klein Paulis, bei dem Adam für Aufruhr sorgt. Er ist in Georgia nicht mehr sicher.

Der dritte und beste Teil liefert einen kulturellen und spirituellen Aspekt, der die vorherigen Aspekte mehrfach transzendiert. Die Habilismenschen haben in einem Höhlenlabyrinth die Diktatur von Baby Doc überlebt, eine Künstlerkolonie gegründet und, wie Paul erlebt, einen direkten Kontakt zur Geister- und Götterwelt ihrer einstigen Heimat Westafrika hergestellt: Voodoo. Voodoo hat heute laut Wikipedia rund 60 Mio. Anhänger, ist also mitnichten eine lokale Sekte.

Hier wird die dialektische Entwicklung aus These, Antithese und Synthese transzendiert und infrage gestellt: Paul glaubt, die Habilis verstanden zu haben, aber stimmt das wirklich? Der Gott Afrikas stellt ihn hart auf die Probe, als Mensch, nicht als Kaukasier oder Weißer. Die spirituelle Begegnung (unter Drogeneinfluss?) präsentiert eine Utopie, die gerade dabei ist, verlorenzugehen: Die Habilis sterben aus, aber sie haben etwas weiterzugeben. Paul wird vom Saulus zum Paulus und wird künftig hoffentlich die Frohe Botschaft verbreiten: das Evangelium des Yagaza.

Sofort stellt diesen Glauben einer der Soldaten Baby Docs, der „Tonton Macoute“ Lt. Bacalou, seinerseits auf die Probe. Soll er die Habilis und ihre Anhänger auslöschen, weil sie Ketzer sind, oder soll er sie am Leben lassen, aber ihre Existenz geheim halten? Denn ihr Vorhandensein hinauszuposaunen, wie es sich Nollinger wünscht, würde den Einfall von Forscher- und Touristenscharen bedeuten, die alles Erreichte hinwegfegen würden.

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Christian Mähr, selbst ein SF-Autor, weist sehr viele Druckfehler auf. Auch Satzkonstruktionen finden sich, die den Leser verwirren.

Auf S. 432 verweist der höchst gebildete Autor auf eine potentielle Gruppe namens „Tintenkleckse“. Diese „Inklings“ haben wirklich existiert, denn es waren Autoren wie JRR Tolkien, C.S. Lewis und Charles Williams, die in Oxford regelmäßig in einem Pub zusammenkamen, um sich ihre Manuskripte vorzulesen. Natürlich witzelt Paul über solche Dinge.

Was jedoch ein „Hatchback“ (S. 141) ist und was „spechteln“ (S. 160) bedeutet, das muss der Leser selbst herausfinden.

Unterm Strich

Ich habe ein paar Jahre für diesen Roman gebraucht, denn er ist nicht nur actionarm, sondern auch ziemlich anspruchsvoll: definitiv Lektüre für Erwachsene. Wer über eine literarische, theologische und anthropologische Grundbildung verfügt, ist eindeutig im Vorteil. Ich bringe das zwar alles halbwegs mit, aber wenn es sowohl an Action als auch Erotik hapert, tendiert mein Interesse gegen null. So fristete dieses Buch jahrelang ein kümmerliches Dasein als Bettlektüre, ein unverdientes Schicksal. Aber ich stehe eben mehr auf Jason Bourne, Jack Reacher und Harry Bosch.

Das Buch ist in weiten Teilen eine Komödie, aber keine, bei der man sich à la „Commedia dell’arte“ schlapp lachen würde, sondern eine edle „comedy of manners“, wie sie bereits Shakespeare und Ben Jonson ihren Zuschauern präsentierten und die auch heute noch Michael Moorcock zu zelebrieren weiß. Sie erfordert feine Ironie, reizvolle Kontraste und vor allem interessante Charaktere.

Paul, der Erzähler, könnte so eine interessante Figur sein, doch er ist kein Alleswisser und wird immer wieder von Ereignis und Wendungen überrascht, die andere für ihn bereithalten. Wenigstens bekommt er die Romanze mit Caroline hin, doch über sein Liebesleben verschweigt er uns praktisch alles. Vielmehr verbündet sich Caroline mit RuthClaire gegen ihn. Das ist bitter, denn er kann sich seinerseits nicht mit Adam verbünden, weil er auf ihn eifersüchtig ist. Paul ist nicht zu beneiden.

Stattdessen ist Adam der mit Abstand interessanteste Akteur in dieser Komödie: Er wandelt sich von einem außenseiterischen Flüchtling über einen Liebhaber und Vater zu einem Vater und Theosophen: Seine Philosophie ist sowohl für Otto Normal im allgemeinen wie auch die Christen von Georgia im besonderen gewöhnungsbedürftig. Da helfen ihm seine schönsten Gemälde nichts.

Dafür gelingt es Adam, seine Freunde zu Seinesgleichen zu locken und in Gestalt der habilis eine Utopie zu präsentieren, die eine Herausforderung darstellt: eine andere Art von Kunst, die an Höhlenmalerei gemahnt (und es sogar ist), und einen anderen Gott: Yagaza, den Gott des vergangenen, spirituellen Afrika. Dennoch wird unser Chronist vom Saulus zum Paulus bekehrt und, wer weiß, zum Verkünder des „neuen“ alten Glaubens. Irgendeine Art von Kreuz dürfte bereits auf ihn warten, so etwa das des Ku-Klux-Klans….

Für die suboptimale Übersetzung gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 507 Seiten.
O-Titel: Ancient of Days, 1995;
Aus dem US-Englischen von Christian Mähr;
ISBN-13: 978-3-453-13990-9

www.heyne.de

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